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Full text: Baudenkmal - Geschichtsdenkmal - Nationaldenkmal / Hesse, Frank Pieter

Frank Pieter Hesse

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Frank Pieter Hesse

Baudenkmal – Geschichtsdenkmal – Nationaldenkmal Konservatorische Überlegungen zum Umgang mit dem Brandenburger Tor
Nachdem die Stiftung Denkmalschutz Berlin für das Land Berlin die Sanierung des Brandenburger Tores in Angriff genommen hat, steht eine Frage zur Entscheidung an, die bereits kurz nach der Wende durch die publizierte Dokumentation der noch im Prozess der Wiedervereinigung begonnenen Restaurierung dieses wohl berühmtesten Wahrzeichens der Stadt Berlin für Diskussionen gesorgt hatte.1 Tilmann Buddensieg versuchte die Forderung nach einem weißen Tor, wie es seit seiner Fertigstellung 1791 für nur wenige Jahre bestanden hatte, kunsthistorisch zu untermauern.2 So wenig der von ihm geforderte «Ursprungszustand» ohne weiteres einen Grund für die Rückgewinnung des «wahren Originals» abgibt, so leichtfertig wäre es freilich, den auf die Gegenwart überkommenen Zustand als den allein gültigen zu verteidigen, eben weil der Status quo schlicht die zu konservierende Qualität des Denkmals sei. Dafür braucht es schon gute Gründe, schon auch als Alternative zur eher populistischen Attitüde der Politik, die durch bürgerschaftliche Meinungsbekundung über das gewünschte Erscheinungsbild des populären Denkmals einer Entscheidung näher kommen zu können meint. Der folgende Beitrag versteht sich wenigstens als Teil der Aufklärungsarbeit über die vielen guten Gründe, das Tor - gereinigt und restauriert - so zu lassen, wie es ist. Aus Sicht der Denkmalpfleger ist für die Behandlung des Brandenburger Tores vor allem die Frage nach ten Bauerscheinung entscheidend, darin unterscheiden sie sich von den Befürwortern der Weißfassung wohl kaum. Die Unterschiede werden aber wohl in der Bewertung der Baugeschichte und der verschiedenen Bedeutungsebenen liegen. Was also bringt das Tor in seiner heutigen Erscheinungsform zum Ausdruck, in welchen Bedeutungen liegen seine historischen und gesellschaftlichen Identifikationsmomente? Und was ist zu tun, diese Form als Bedeutungsträger, gesellschaftliches Symbol und Wahrzeichen der Stadt dauerhaft zu erhalten? Die Baugeschichte dieses Schlüsselbauwerks des preußischen Klassizismus ist mit der deutschen politischen Geschichte von Anfang an bis in die jüngste Vergangenheit eng verwoben, wesentliche Ereignisse haben an ihm ihre Spuren hinterlassen. Die baulichen Veränderungen gegenüber dem Ursprungszustand von 1791, die vor allem auf die mit dem Fall der Zollmauer verbundenen städtebaulichen Veränderungen nach der Mitte des 19. Jahrhunderts sowie die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges und deren Überwindung zurückgehen, bilden sich für denjenigen, der das Bauwerk zu lesen versteht, deutlich ab. Das Nationaldenkmal – steinsichtig Die triumphale Architekturform und das Bildprogramm des durch König Friedrich Wilhelm II. 1788 veranlassten Neubaus des Brandenburger Tores lassen sich kaum auf eine einzige ursprüngliche Bedeutung reduzieren. Die Erinnerung an den preußischen Siegfrieden des Siebenjährigen Krieges und die allgemeinen Verdienste Friedrichs II. ist in ihnen ebenso enthalten wie die an den Einsatz preußischer Truppen in den Niederlanden im Herbst 1787. Mit der Quadriga und dem Attikarelief, dem Herkuleszyklus und den Gottheiten von Minerva und Mars symbolisiert das Tor den Triumph des Friedens über den Krieg, freilich als «natürliche» Folge des Sieges, die wehrhafte Friedensherrschaft.3 Gleichzeitig war es auch ein Projekt der Stadtverschönerung und Paradestraße Unter den Linden eine repräsentative Aufwertung und eine sichtbare Aufweitung für den königlichen und öffentlichen Verkehr in und durch den Großen Tiergarten erhielt. So verband sich die auf das Königtum beziehende politisch intendierte Zeichensetzung mit funktional-ästhetischen Absichten, wie dies bei derartigen Bauaufgaben nicht unüblich ist. (Abb.1) Schon bald nach seiner Fertigstellung sollte das Brandenburger Tor eine Bedeutungserweiterung, ja eine
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seiner Bedeutung und deren Niederschlag in der konkre- -modernisierung, indem der westliche Abschluss der

k - Zeitschrift für Kunst- und Kulturgeschichte im Netz, Sektion Denkmalpflege

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Abb. 1: Daniel Berger nach Peter Ludwig Lütke d.J., Das Brandenburger Thor in Berlin, 1798, Aquatinta, 47,5 x 67,6, Berlin Museum (Arenhövel und Bothe 1991, Tor, S. 17). Abb. 2: Nach Ludwig Wolf, Einzug Sr. Maj. Friedrich Wilhelm III. in Berlin am 7. August 1814 nach der Befreiung des deutschen Vaterlandes, Lithographie, 27,5 x 35,0, Berlin Museum (Arenhövel und Bothe 1991, Tor, S. 213).

gewisse Bedeutungsverschiebung erfahren, der sich bis in die Gegenwart weitere Bedeutungsaspekte und Bauabschnitte angelagert haben, die unser historisch gewachsenes Denkmalverständnis respektive die Würde dieses hervorragenden Geschichts- und Kunstdenkmals und seinen Symbolwert für die Entwicklung der nationalen Frage bestimmen. Dieser generationenlangen Denkmal- und Bedeutungsüberlieferung haben Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen der Gegenwart Rechnung zu tragen. Die Abnahme der bekrönenden Quadriga (1789-1793 von Johann Gottfried Schadow), die Napoleon nach der Besetzung Berlins 1806 gleichsam als Beutekunst in die französische Hauptstadt transportieren und vorführen ließ, wurde als besondere Schmach empfunden. Um so mehr erlangte das Brandenburger Tor nach dem siegreichen Ende der antinapoleonischen Befreiungskriege den Charakter eines preußischen Nationaldenkmals, das als solches freilich auch über die Grenzen des Königreichs hinaus Möglichkeiten zur Identifikation bot und beansprucht wurde. Gewissermaßen als dessen Ausweis erhielt das Panier der Wagenlenkerin nach der als Triumph gefeierten Rückkehr der Quadriga (1814) den von einem Preußischen Adler bekrönten Eichenkranz mit dem eingeschriebenen neuen Ordenszeichen des Eisernen Kreuzes nach dem Entwurf Karl Friedrich Schinkels. Das Tor war damit dem Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg vergleichbar, das ebenfalls von Schinkel unter Bezugnahme auf den von König Friedrich Wilhelm III. gestifteten neuen Orden des Eiser-

nen Kreuzes entworfen und über die Grenzen des Königreichs hinaus als Sinnzeichen der erstarkenden patriotischen Bewegung in Deutschland interpretiert wurde. (Abb. 2) Bereits zu dieser Zeit – seit 1804 – besaß das Tor nicht mehr seine weiße Ursprungsfassung, sondern war mit einem Anstrich versehen, der einer Steinfarbe nahe kommen und gegen Verschmutzungen, also gegen eine ästhetische Beeinträchtigung der Denkmalwürde und Denkmalwirkung, besser schützen sollte. Auch alle folgenden Schutzanstriche im Laufe des 19. Jahrhunderts folgten dem Ideal einer natursteinähnlichen Farbfassung zwischen Grau-, Ocker- und Brauntönen, der auch für die Material- und Farbwahl der Bauten Unter den Linden bzw. der ‹via triumphalis› zwischen Brandenburger Tor und Schloss eine gewisse gestalterische Leitbildfunktion zukam. Die Bedeutung und Wahrnehmung als Nationaldenkmal wurde durch seine prominente städtebauliche Stellung als Eingangs- bzw. Übergangsbauwerk zwischen der traditionsreichen innerstädtischen Allee Unter den Linden und der grünen Alleenachse durch den Großen Tiergarten sowie als glänzender Auftakt einer durch die Neue Wache, die Standbilder der Generäle und die Schlossbrückenfiguren sinnfällig ergänzten klassizistischen ‹via triumphalis› bestätigt und kontinuierlich bei entsprechenden Anlässen, etwa als Parade- oder Protokollstrecke, im Bewusstsein gehalten, ja über Generationen hinweg bis zum Zweiten Weltkrieg bestärkt.

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Abb. 3: Das Brandenburger Tor in den Grenzanlagen, 1971, Landesbildstelle Berlin (Archiv Landesdenkmalamt Berlin); die seitlichen - wie das übrige Torgebäude steinsichtigen - Säulenreihen an den nunmehr freien Flanken der Torhäuser wurden erst mit der Instandsetzung und Restaurierung 1955-58 angefügt.

Die symbolträchtige Stellung des Bauwerks an der Sektorengrenze zwischen Ost und West und seine städtebauliche Freistellung in dieser Grenzsituation nach der Gründung von Bundesrepublik und DDR brachte seinen – je nach Betrachtungsseite unterschiedlich interpretierten – Symbolgehalt augenscheinlich zum Ausdruck (Abb. 3). In dieser Zeit nahm das Tor mit der Restaurierung von 1956/57 die bis heute bestehende vollständige Steinsichtigkeit an, die bereits mit der Restaurierung 1927 eingeleitet worden war und auf Überlegungen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückgeht. Die Wie-

derherstellung des Tores und seine Ergänzung um die äußeren Säulenreihen der beiden Torhäuser blieb nach dem Zweiten Weltkrieg dem Materialethos der Steinsichtigkeit des frühen 20. Jahrhunderts verpflichtet, ebenso die Restaurierung nach dem Mauerfall. Eine Bemalung des Sandsteins wurde als Widerspruch zu dem im 20. Jahrhundert angenommenen Materialcharakter des Natursteins empfunden. Das galt erst recht bei einem Denkmal und vor dem Hintergrund der ständigen Neufassungen bzw. Fassungsreparaturen und -renovierungen des 19. Jahrhunderts, also mit der für das 20. Jahrhundert prägenden Vorstellung, der ungefasste Stein

Abb. 4: Hermann Blankenstein, Ausschnitt aus Zeichnung zur Umgestaltung des Brandenburger Thores, Grundriß des gegenwärtigen Zustandes, Feder, 48 x 65, 1866, Landesarchiv Berlin (Archiv Landesdenkmalamt Berlin).

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Abb. 6: Hermann Blankenstein, Zeichnung zum Umbau des Brandenburger Thores, 1868, Feder, 47,5 x 62,4, Landesarchiv Berlin (Archiv Landesdenkmalamt Berlin).

Abb. 5: Christian Peter JONAS Hass nach Louis Serrurier, Vue de la facade extérieure de la Porte de Brandenbourg à Berlin / Ansicht der äusseren Seite des Brandenburger Thores zu Berlin, um 1800, Kupferstich, 22,3 x 29,3, Berlin, Märkisches Museum (Arenhövel und Bothe 1991, Tor, S. 206); erkennbar sind die geschlossenen Fassaden der Tornebenbauten und die an das Tor angebaute Zollmauer.

sei ehrlicher, wahrhaftiger, die Fassung kaschiere einen ursprünglichen Materialwert und eine angemessene Wirkung des Bauwerks. In der nach dem Zweiten Weltkrieg um äußere Säulenreihen an den Torhäusern ergänzten Baugestalt erlebte es die Zeit der Teilung, den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und die Wiedervereinigung der beiden Stadthälften: Aus dem Symbol der Spaltung Berlins und Deutschlands wurde ein Symbol der Einheit. Wesentliche bauliche Veränderungen des Tores erfolgten zu einer Zeit, als die Langhanssche Weißfassung bereits lange durch steinimitierende Fassungen oder steinsichtige Freilegungen ersetzt war. Der Bau der Säulenhallen an den Torhäusern zur Tiergartenseite durch Blankenstein/Strack 1868 nach dem Fall der Akzisemauer (Abb. 4-7) kannte ebenso wenig eine Weißfassung wie die im Rahmen der Restaurierung 1955-58 ergänzten Säulenreihen an den durch die Beseitigung der kriegszerstörten angrenzenden Häuser Sommer und Liebermann freigestellten Außenflanken der Torhäuser. Bemerkenswert ist, dass diese über die Wende gekommene Situation bei der Neubebauung des Paritionen alten Säulenreihen aus der DDR-Zeit wurden also nicht entfernt, weshalb die nachwendezeitlichen Neuschöpfungen der in den 1840er Jahren nach Plänen von Stüler errichteten Sommerschen Häuser (Architekt Josef Paul Kleihues) nicht unmittelbar an das Tor ange-

baut, sondern mit Abstand zu den Torhäusern errichtet wurden (Abb. 8 und 9). Insoweit liegt mit dem heutigen Baubestand des Tores nicht mehr jenes «idealisch leuchtende» Bauwerk des beginnenden preußischen Klassizismus vor,4 sondern ein vielschichtiges Gebilde, dessen heutige Form – auch in der Oberflächenfassung – den Folgen des Zweiten Weltkrieges mit der deutschen Teilung geschuldet ist, für deren Überwindung es zum Symbol heutiger nationaler Bedeutung geworden ist. In der mehrschichtigen, aber insbesondere die Geschichte des 20. Jahrhunderts repräsentierenden Bedeutung als deutsches Nationaldenkmal und dem damit verbundenen steinsichtigen Erscheinungsbild hat sich das Tor in das historische Gedächtnis und die gesellschaftliche Wahrnehmung eingeprägt und das Berlinund Deutschlandbild in aller Welt nachhaltig bestimmt. Weiße Sackgassen Eine erneute Weißfassung könnte nun die baugeschichtlichen Differenzierungen übergehen und Bauteile in sich vereinnahmen, die nie das Bild des weißen Marmors vortrugen. Das entspricht jedoch einem konservatorisch wie die denkbare Alternative eines «ehrlichen» baugeschichtlich-didaktischen Präparates, das durch die Verschiedenartigkeit seiner Oberflächenfassungen die jeweiligen historischen Bauzustände dokumentiert: hier weiß wie bei Langhans, da steinfarbig wie bei Blan-

ser Platzes respektiert worden ist. Die zwei Genera- vertretbaren Umgang mit Langhans‘ Erbe ebenso wenig

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Abb. 7: Franz Alexander Borchel, Das Brandenburger Tor, 1871, Bleistift, Potsdam, Staatliche Schlösser und Gärten PotsdamSanssouci (Arenhövel, Bothe 1991, Tor, S. 207); die Zeichnung zeigt den Umbau durch Hermann Blankenstein nach dem Fall der Zollmauer mit den Säulenhallen auf der Tiergartenseite, welche nie weiß gefasst waren.

Abb. 8: Brandenburger Tor, um 1930 (Arenhövel und Bothe 1991, Tor, S. 62); Haus Sommer (rechts) und Haus Liebermann (links) waren direkt an das Tor angebaut.

kenstein, dort steinsichtig wie zu Zeiten der DDR? Die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Erscheinungsform, deren strenger klassizistischer Kanon auch für die späteren baulichen Veränderungen bestimmend blieb,

eine Frage konservatorischer Ehrlichkeit, dem Tor seine mit dem Alterswert und Bedeutungsgehalt gewachsene steinerne Würde zu belassen.

In der aktuellen Diskussion ist auch das Argument würden empfindlich gestört. In der einen wie in der ande- zu vernehmen, dass die neue Bebauung des Pariser ren Version würde die Weißfassung den Sinngehalt des Platzes geeignet sei, gerade die Bedeutung und Würde Bauwerkes auf das Preußen Friedrich Wilhelm II. reduzieren, aber weder dem Werk Langhans‘ noch der historischen Bedeutung für die spätere Geschichte und die Popularisierung des Denkmals als patriotisches Symbol gerecht. Die im Namen einer kurzlebigen Erstfassung des Tores vorgetragene Idee eines weißen Anstrichs derts von der Zeit Napoleons über die Aufhebung der Akzisegrenze bis zu den leidvollen Abschnitten deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert gleich, wäre also im historischen Sinne geradezu antiaufklärerisch. Die Architekturfarbe der Aufklärung würde das Aufklärungspotential des Bauwerks für die Geschichte Berlins und Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert unter einem Neuanstrich mehr verbergen als zur Geltung bringen. Sie wäre – so paradox das scheinen mag – direkt gegen den Geist der Aufklärung selbst gerichtet, in der die Bauidee des Tores als Ausdruck der Antikenrezeption geboren wurde und ohne die es seine generationenlang neuaktivierte Bedeutung nie erlangt hätte. Wenn der Geschichte an diesem Ort – in künftiger Nachbarschaft zum nationalen fen werden soll, darf die entstandene und seit Jahrzehnten von der Denkmalpflege gewahrte Kohärenz von Baugestalt und Fassung nicht aufgegeben werden. Es ist des Brandenburger Tores zu schmälern, da es in seiner sandsteinernen Farbigkeit zu sehr in ihr untergehe. Der Einwand erinnert fatal an die Situation 1843, nachdem der Zimmermeister Karl August Sommer zunächst das nördlich an das Tor angrenzende Grundstück erworben hatte und mit dem Bauantrag zur Neubebauung Pläne das Polizeipräsidium sich zu der Bemerkung genötigt sah, dass «die Ansicht des Brandenburger Thores durch den Bau […] insofern sehr verliren (wird), als derselbe höher wird wie das Thor, so daß es schon deshalb wünschenswert wäre, diesen Bau auszusetzen.»5 Die spätere Nachfrage Stülers, ob auch die andere Seite in der gleichen Art bebaut werden könnte, wurde unter der Einflußnahme König Friedrich Wilhelm IV. positiv beschieden, Sommer wurde für die neue städtebauliche Fassung des Stadttores mit dem Roten Adlerorden IV. Klasse ausgezeichnet und stieg zum Hofzimmermeister auf.6 Die neue Situation wurde durch Aufnahme von entsprechenden Regelungen in die Bauakte besonders geschützt; auf die Idee, das Tor nunmehr wieder weiß Der Einwand gegen die vermeintlich negative Wirkung der nach der Wende neu gewonnenen städtebaulichen Fassung des Pariser Platzes auf das Tor igno-

käme einer Ausblendung des gesamten 19. Jahrhun- von Friedrich August Stüler vorlegte, anlässlich derer

Holocaust-Mahnmal – sichtbar zu ihrer Geltung verhol- zu streichen, kam niemand.

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riert, dass die Bauherrenschaften und Architekten an die Gestaltungsverordnung des Senats gebunden waren, welche ihrerseits den Material- und Farbkanon des Brandenburger Tores zum Vorbild hatte. Er verkennt aber auch, dass die antikisierende Architekturform des Tores sich einer solchen Vereinnahmung heute so wirkungsvoll verweigert wie damals. Er entspringt dem Leitbild der Nachkriegsmoderne, in dem Baudenkmale zum bloß wirkungsvollen Kontrastmittel für gelegentlich sogar konfrontative Neubaulösungen und für eine demonstrative Diskontinuität im Stadtbild entwertet wurden, statt den von Denkmalen vorgegebenen Gestaltungs- und Materialkanon im ergänzenden Wiederaufbau aufzunehmen und einen rücksichtsvollen neuen Denkmalkontext zu konstruieren. Auch werden die von manchen zeitgenössischen Satzungs- und Architekturkritikern im Vergleich zur Vorkriegsbebauung eher als medioker empfundenen Neubaufassaden am Pariser Platz durch verblüffende Weißfassungen am Brandenburger Tor weder ansehnlicher noch architektonisch qualifizierter. Die stellenweise womöglich leicht konsumierbar und auch austauschbar erscheinende Gegenwartsarchitektur steht in ihrer Wirkung auf das Platzbild allemal hinter dem als unverwechselbar bekannten und erfahregegebenen Fall zeichnete sich – besonders im Streiflicht – auf der hellen Fläche jede Verschiedenartigkeit der Oberflächenbearbeitung deutlich ab, die das Tor im Laufe seiner Geschichte erfahren hat. Es entstünde ein deutlich von verschiedenen Bearbeitungen gezeichnetes Bauwerk, dessen inhomogene Oberfläche unter der weißen Farbe umso deutlicher hervorträte. Der Anstrich stellte weniger den griechischen Marmor vor, als dass er möglicherweise als verlegene Verhüllung eines nicht gerade unter strengen konservatorischen Maßstäben bearbeiteten Kunstwerks verstanden würde. Weder kommt darin der mit der Zeit gewachsene Alterswert
Abb. 9: Brandenburger Tor von Osten, 2000 (Archiv Landesdenkmalamt); Die neue Bebauung ist wegen der Säulenreihen von 1955/58 mit Abstand zum Tor errichtet worden.

nen Fanal des Torbauwerks zurück. Die hinter der Sat- zum Ausdruck, noch entspräche dies dem Ideal zung und den neuen Platzwänden stehende Haltung der eines antikisch marmorn anmutenden Bauwerks. Die Rücksicht auf das einzige am Ort überlieferte Bau- und Kunstdenkmal sowie die der Architekturtradition des Platzes verpflichtete Baugesinnung darf nicht mit konservatorischen Mitteln und restauratorischen beziehungsweise restaurativen Argumenten diskreditiert werden, jedenfalls nicht zu Lasten der einzigen historischen Überlieferung, die am Pariser Platz in Substanz, Form und Farbe das 20. Jahrhundert – nicht zuletzt aufgrund denkmalpflegerischer Anstrengungen – vergleichsweise unbeschadet überdauert hat und sich größter Popularität erfreut. So wie die Weißfassung unter bauhistorischen, geschichtlichen wie städtebaulichen Aspekten offensichtlich in Sackgassen führt, bringt sie das Brandenburger Tor auch unter rein technisch-restauratorischer Betrachtung nicht näher an das Ziel seiner dauerhaften denkmalwürdigen Erhaltung. Langfristige Substanzerhaltung als Restaurierungsziel Die Weißfassung des Tores setzte eine weitestgehend homogene Steinoberfläche voraus. Im anderen und hier Steinoberfläche aber noch einmal durch eine substanzzehrende Überarbeitung zu homogenisieren, verbietet sich aus konservatorischen Gründen, zumal eine solche Überarbeitung bereits mit der Restaurierung 1956-58 erfolgte, aus der die sehr unterschiedlichen und teils groben Bearbeitungsspuren herrühren. Diese werden bei der laufenden Restaurierung auch nur insoweit beseitigt, als betroffene Vierungen oder Steinpartien aus physikalischen und konstruktiven Gründen ersetzt werden müssen. Eine weitere Reduzierung der Originalsubstanz in der Oberfläche fügte dem Bauwerk weitere unersetzliche Verluste bei. Nach gegenwärtigen Erkenntnissen scheint die Notwendigkeit eines Schutzes der Oberfläche durch einen Anstrich eher zweifelhaft. Einerseits haben die in der Restaurierungsgeschichte des Tores mehrfach erlebten Fassungserneuerungen die Substanz nicht geschont, andererseits stehen heute vergleichsweise milde Schutzund Reinigungsverfahren für Naturstein-oberflächen zur Verfügung, die eine (reversible) pigmentierte Beschichtung überflüssig erscheinen lassen. Nach Auswertung

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entsprechender Expertisen über die Frage der unbehandelten oder mit alternativen Verfahren zu behandelnden Steinoberfläche wird das konservatorisch Sinnvolle zu entscheiden sein. Sollte sich zeigen, dass eine steinsichtige Oberfläche ohne Gefahr für die dauerhafte Erhaltung unter den Bedingungen der substanzschonenden Pflege und der Reparaturfreundlichkeit erreicht werden kann, ist sie das konservatorische Restaurierungsziel, das sich aus den oben dargelegten geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedeutungsgründen unzweifelhaft ergibt. Nachsatz Weder steinsichtig noch mit einem Anstrich versehen bleibt dem Tor – und dem Land Berlin – die dauernde Bauunterhaltung und Pflege erspart, die man jedem Baudenkmal angedeihen lassen muss, will man seine historische Substanz nicht durch wiederholte umfassende Restaurierungsmaßnahmen wieder neu schädigen. Entscheidend für die langfristige Erhaltung des Brandenburger Tores sind neben seiner baukonstruktiven und ästhetischen Integrität die Umweltbedingungen, denen es ausgesetzt ist. Nachdem die allgemeine Luftverschmutzung in Berlin durch die Modernisierung der Heizungen, aber auch durch die Stilllegung von Industriebetrieben erheblich zurückgegangen ist, verbleibt als unmittelbare Gefährdung der motorisierte Verkehr, der durch seine Erschütterungen und die unmittelbare Abgasemission immer wieder zu Beschädigungen des Bauwerks an Gefüge und Oberfläche führen wird. Die weit über die Grenzen Berlins hinaus reichende und weisende Bedeutung des Brandenburger Tores als Sinnbild der nationalen Frage in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts rechtfertigt es, im Interesse seiner dauerhaften und kostensenkenden Erhaltung ernsthaft eine Lösung für die Reduzierung, besser die Verlagerung des fließenden Verkehrs zu erarbeiten. Dem müssten sich auch und gerade die Befürworter einer Weißfassung anschließen können.

Endnoten
1 Arenhövel und Bothe 1991, Tor; siehe dort: dies., «Einführung», S. 11-13; Christa Heese, «Probleme der Farbgebung», S. 186. 2 Buddensieg 1995, Tor; Buddensieg 1999, Labyrinth, S. 139-143. 3 Vgl. Janzing 2000, Quadriga (oder http://www.janzing.com/ quadriga.htm); Schulz 1988, Denkmäler. 4 Julius von Voß, Neu-Berlin. Berlin 1811, S. 85, zit. nach Buddensieg 1999, Labyrinth, S. 140. 5 Rudolf Danke, «In diesem Hause wohnte Max Liebermann». Die Häuser Pariser Platz 1 und 2, in: Der Bär von Berlin, 15. Jg. Berlin 1966, S. 99-132, zit. nach Laurenz Demps, «Zur Baugeschichte des Tores», in: Arenhövel und Bothe 1991, Tor, S. 48. 6 Laurenz Demps, «Zur Baugeschichte des Tores», in: Arenhövel und Bothe 1991, Tor, S.48.

Bibliographie
Arenhövel und Bothe 1991, Tor Willmuth Arenhövel und Rolf Bothe, Das Brandenburger Tor 1791-1991. Eine Monographie, Berlin 1991. Buddensieg 1995, Tor Tilmann Buddensieg, «Macht das Tor weiß», Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 9.9.1995. Buddensieg 1999, Labyrinth Berliner Labyrinth, neu besichtigt. Berlin 1999. Janzing 2000, Quadriga Godehard Janzing, Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Bildwerk und Verteidigungsidentität, in: Denkmale und kulturelles Gedächtnis nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, hrsg. v. Akademie der Künste, Berlin 2000, S. 73-84. Schulz 1988, Denkmäler Sibylle Schulz, Denkmäler im Stadtbild Berlins. Geschichte und Erhaltung, in: Denkmale in Berlin und in der Mark Brandenburg. Ihre Erhaltung und Pflege in der Hauptstadt der DDR und in den Bezirken Frankfurt/Oder und Potsdam, hg. v. Institut für Denkmalpflege Berlin, Weimar 1988, S. 88-105.

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Zusammenfassung Anlässlich der laufenden Restaurierung des Brandenburger Tores wurde von verschiedener Seite unter Bezugnahme auf die Antikenrezeption seiner Entstehungszeit ein weißer Anstrich gefordert, wie er kurze Zeit nach der Fertigstellung bis 1804 bestanden hatte. Dieses Schlüsselbauwerk des preußischen Klassizismus ist jedoch von wesentlichen Ereignissen der deutschen Geschichte gezeichnet, sodass heute nicht mehr jenes ‹idealisch leuchtende› Bauwerk des beginnenden preußischen Klassizismus vorliegt, sondern ein vielschichtiges Gebilde, dessen aktuelle Form unter anderem den Folgen des Zweiten Weltkrieges mit der deutschen Teilung geschuldet ist. Für deren Überwindung ist es zum Symbol heutiger nationaler Bedeutung geworden. In dieser Bedeutung als deutsches Nationaldenkmal und dem damit verbundenen steinsichtigen Erscheinungsbild hat sich das Tor in das historische Gedächtnis und die gesellschaftliche Wahrnehmung eingeprägt und das Berlin- und Deutschlandbild in aller Welt nachhaltig bestimmt. Dieser Denkmal- und Bedeutungsüberlieferung haben Restaurierungsmaßnahmen der Gegenwart Rechnung zu tragen. Eine Weißfassung würde den Sinngehalt des Bauwerkes auf das Preußen Friedrich Wilhelm II. reduzieren und damit der historischen Bedeutung für die spätere Geschichte und die Popularisierung des Denkmals als patriotisches Symbol nicht gerecht. Die Idee eines weißen Anstrichs wäre also im historischen Sinne geradezu antiaufklärerisch. Der aktuell vorgebrachte Einwand, die neue Bebauung des Pariser Platzes vereinnahme in ihrer Farbigkeit das Brandenburger Tor, ignoriert, dass die Bauherrenschaften an eine Gestaltungsverordnung gebunden waren, welche sich aus dem Material- und Farbkanon des Brandenburger Tores ableitete, und er verkennt, dass die Architekturform des Tores sich einer solchen Vereinnahmung heute so wirkungsvoll verweigert wie im 19. Jahrhundert. Auch unter rein technisch-restauratorischer Betrachtung bringt eine Weißfassung das Tor nicht näher an das Ziel seiner denkmalwürdigen Erhaltung. Die dafür notwendige Oberflächenüberarbeitung fügte dem Bauwerk nach den Materialverlusten durch Krieg und Nachkriegszeit einen nicht wieder gut zu machenden Schaden zu. Alle (bau-)geschichtlichen, städtebaulichen und technischen Gründe sprechen daher für die Beibehaltung der Steinsichtigkeit.

Autor Geb. 1948, Dipl.-Ing. Architekt, Stadtplaner und Denkmalpfleger, Studium an der Hochschule für Bildende Künste Kassel/Gesamthochschule Kassel, 1976-83 Planertätigkeit, 1984-1995 Denkmalschutzamt Hamburg, seit 9/1995 Landesdenkmalamt Berlin, Referatsleiter Baudenkmalpflege Innere Stadt und Hautstadtplanung Frank Pieter Hesse, «Baudenkmal – Geschichtsdenkmal – Nationaldenkmal. Konservatorische Überlegungen zum Umgang mit dem Brandenburger Tor», in: kunsttexte.de, Sektion Denkmalpflege, Nr.1, 2001 (8 Seiten). www.kunsttexte.de.
        
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