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Periodical volume

Full text: Ecke Issue 2016,5

ecke

nr. 5 – aug /sep 2016

müllerstraße

Ch. Eckelt

Seite 3: MIX-Mobil am Leopoldplatz Seite 4: Der neue Zeppelinplatz ohne Hunde
Seite 8: 10. und 11. September – Tag des offenen Denkmals Seite 10: Iftar – wie geht es weiter?

Zeitung für das »Aktive Zentrum« und Sanierungsgebiet Müllerstraße. Erscheint achtmal im Jahr kostenlos.
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Stadtplanung

Ch. Eckelt

Runder Tisch Leopoldplatz

Dienstag, 2. August, und Dienstag, 6. September 2016, 19 Uhr, Volkshochschule Wedding,
Antonstraße 37, Raum 302 oder 202

Händlerfrühstück des Geschäfts­
straßenmanagements und der
­StandortGemeinschaft

Mittwoch, 3. August, 7.30 Uhr, Ort: himmelbeet und 7. September, 7.30 Uhr, Ort wird noch
bekanntgegeben (oder erfragen unter Telefon
88 59 14 36, www.planergemeinschaft.de)

Sitzung der Stadtteilvertretung
­Müllerstraße mensch.müller

An jedem ersten Donnerstag im Monat jeweils
um 19 Uhr im Vor-Ort-Büro Triftstraße 2

Sprechstunde der Stadtteilvertretung

montags 18–20 Uhr, Vor-Ort-Büro Triftstraße 2

Welche Ecke?

ecke im Netz

Wo wurde dieses Foto aufgenommen? Wer es weiß, schicke die Lösung bitte mit genauer Absender­
adresse an die Redaktion: ecke müllerstraße, c/o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21, 10115
Berlin oder per Mail an: eckemueller@gmx.net. Unter den Einsendern verlosen wir einen Kinogutschein für zwei Personen für das Kino Alhambra. Einsendeschluss ist Montag, der 19. September 2016. Unsere letzte Rätselecke zeigte ein Detail der alten Lackfabrik Müllerstraße 138b – viele
Einsender wussten die Lösung. Gewinnerin ist diesmal Regina Bachorz. Herzlichen Glückwunsch!
Der Preis wird Ihnen zugesandt. Für alle anderen: Das Rätselraten geht weiter!
Modellprojekt: Stadtteilkoordination in Mitte
Im Bezirk Mitte gibt es als Modellprojekt seit
Januar 2016 für jede Bezirksregion eine intermediäre Stadtteilkoordination, die als Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger dient.
Die Mitarbeiter stehen als Ansprechpartner
bei allen aktuellen Themen, Problemen und
Anliegen der Bevölkerung zur Verfügung und
fungieren als Brücke zur Verwaltung und in
das Bezirksamt Mitte.
Damit soll vor allem auch das Engagement
von Bürgern und Initiativen stärker unterstützt werden, die ihr Umfeld in vielerlei Hinsicht besser gestalten möchten. Die Stadtteil­
koordinatorInnen helfen bei der Vernetzung
und unterstützen nachhaltige Projekte für die
Nachbarschaft. Dafür gibt es auch einen kleinen Fördertopf: Aus der »Handkasse« können
pro Vorhaben bis zu 150 Euro für Sachmittel
gezahlt werden, etwa zur Unterstützung der
Öffentlichkeitsarbeit von Projekten, Künstlergagen oder Raummieten bei Veranstaltungen
oder auch Material für Pflanzaktionen. Entsprechende Anträge sind direkt bei der jeweiligen Stadtteilkoordination zu stellen.
Die Stadtteilkoordination ist am Bezirksamt
Mitte angedockt, die Mitarbeiter sind jedoch
beim jeweiligen Träger fest angestellt. Im

2

Wedding ist es das Stadtteil- und Familien­
zentrum im Paul Gerhardt-Stift, Ansprechpartnerinnen sind Irma Leisle und Sanja
­Gusic. Über ihre Arbeit informieren sie auch
in einem Newsletter, der per Mail zu beziehen
ist.
us
Kontakt: Irma Leisle und Sanja Gusic, Paul
Gerhardt-Stift, Stadtteil- und Familienzentrum, Müllerstraße 56–58, 13349 Berlin,
Telefon 45 00 51 17, Mail: irma.leisle@paulgerhardtstift.de, sanja.gusic@paul­gerhardtstift.de,
www.paulgerhardtstift.de
Nachtrag
In unserer letzten Ausgabe ist uns bedauer­
licherweise ein Versäumnis unterlaufen. In
unserem Bericht über das diesjährige Moabiter Kunstfestival »Ortstermin« (Seite 8) berichteten wir über eine Installation im öffentlichen Raum mit dem Titel »Stadt ohne Grenzen I die zerronnene Stadt«, das die syrische
Stadt Aleppo thematisiert. Leider vergaßen
wir den Namen der Künstlerin zu erwähnen,
was hiermit nachgeholt sei: Urte Beyer ist die
Urheberin des Kunstwerks. Wir bitten vielmals
um ­Entschuldigung!

Im Internet findet man alle bisher erschienenen Ausgaben der ecke ­müllerstraße unter
www.muellerstrasse-aktiv.de /oeffentlichkeitsarbeit/zeitung-ecke-muellerstrasse

Die nächste Ausgabe
Die nächste Ausgabe erscheint nach der Sommerpause Ende September. Redaktionsschluss
ist Freitag, der 16. September.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern
einen schönen Sommer!

Das Titelbild dieser Ausgabe
zeigt den Leopoldplatz (Müller-/ Ecke
­Nazarethkirchstraße)

Impressum

Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt
Redaktion: Christof Schaffelder,
Ulrike Steglich
Redaktionsadresse:
»Ecke Müllerstraße«, c /o Ulrike Steglich,
Elisabethkirchstraße 21, 10115 Berlin
Tel (030) 44 01 06 05, eckemueller@gmx.net
Fotos: Christoph Eckelt, eckelt@bildmitte.de
Entwurf und Gestaltung:
capa, Anke Fesel, www.capadesign.de
Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH,
www.berliner-zeitungsdruck.de
V.i.S.d.P.: Ulrike Steglich
Für den Inhalt der Zeitung zeichnet nicht
der Herausgeber, sondern die Redaktion
verantwortlich.

Das MIX-Mobil
am Leo

Ch. Eckelt

Termine

Bilderrätsel: Gewinner gesucht!

Die Streetworker von Fixpunkt e.V.
kümmern sich um die Szenegruppen
am Platz
Seit Januar 2016 ist der Verein Fixpunkt e.V. mit dem Konflikt- und
Platzmanagement auf dem Leopoldplatz beauftragt. Die Streetworker von Fixpunkt knüpfen damit an die Arbeit von Gangway e.V. an,
dessen Mitarbeiter in den letzten Jahren erfolgreich am Leo tätig waren. Sie trugen maßgeblich dazu bei, dass die »Szenegruppen« –
Menschen in vielfältigen problematischen Lebenssituationen – bei
der Neugestaltung des Leopoldplatzes einbezogen wurden, insbesondere bei der Gestaltung ihres Aufenthaltsbereiches auf dem mittleren
Abschnitt. Ziel war es, einen »Platz für alle« zu gestalten, Nutzungskonflikte zu mindern und ein verträgliches Nebeneinander unterschiedlicher Nutzergruppen zu ermöglichen. Das schien mit der offiziellen Eröffnung des »neuen Leo« im Jahr 2013 auch gelungen –
doch dass der Erfolg kein Selbstläufer ist, spürt man seit 2015. Die
abrupte Schließung des benachbarten Trinkraums »Knorke« war einer der Auslöser. Seither ist der Aufenthaltsbereich oft leer, die
Gruppen haben sich teils wieder an unterschiedlichen Orten verstreut. Manche halten sich derzeit eher neben dem Rathaus auf, andere am U-Bahn-Eingang.
Nachdem der Bezirk das soziale Platzmanagement neu ausschreiben
musste, sind nun die MIX-Streetworker mit der Sozialarbeit vor Ort
beauftragt – nicht nur am Leo, sondern auch an weiteren Orten in
Mitte. Dabei ist der Verein, der seit vielen Jahren anerkannter Träger
der Sozialarbeit und u.a. seit Jahren am Kleinen Tiergarten in Moabit
aktiv ist, mit dem Leo bereits vertraut und auch an der »Praktikerrunde« zum Leo beteiligt. Unterstützt wird das Team von der Ethnologin Dr. Franziska Becker, die bereits in den letzten Jahren als Mediatorin bei Gangway e.V. am Leo tätig war.
Im April hat Fixpunkt das Projekt »MIX – Mobile Intervention Fixpunkt im Bezirk Mitte« beim Runden Tisch vorgestellt. Am Leo orientiert sich das Team an den Zielen des Konflikt- und Platzmanagements, die 2009 vom Runden Tisch Leopoldplatz formuliert wurden:
die Förderung eines sozial verträglichen Miteinanders ohne Verdrängung, Konfliktprävention, damit sich bei Bürgern kein Ärger anstaut,
die Förderung gegenseitigen Verständnisses und der Toleranz.
Konkret ist das MIX-Team (bestehend aus drei Sozialarbeitern und
ein bis zwei Unterstützungskräften) zu unterschiedlichen Tages- und
Wochenzeiten vor Ort, entweder per Streetwork oder auch mit dem
MIX-Mobil. Letzteres dient als mobile Anlaufstelle sowohl für Menschen in problematischen Lebenslagen als auch für Anwohner, Interessierte und Kooperationspartner und steht derzeit immer dienstags
und donnerstags jeweils von 12 bis 15 Uhr an der Turiner, Ecke
Schulstraße. Die Sozialarbeiter nehmen Kontakt zu den Szenegrüppchen auf, bieten kleinere Soforthilfen an oder vermitteln bei komplexeren Problemen an andere Einrichtungen und begleiten die Betroffenen auch dorthin. Eine weitere Aufgabe ist außerdem die Einbeziehung der »Szenen« z.B. bei Aktivitäten mit der Nachbarschaft.

Selten genutzt wird derzeit der Aufenthaltsbereich für die Trinker­
gruppen am Leopoldplatz
Zudem, so die MIX-Mitarbeiter, sei es für ein Miteinander im öffentlichen Raum wichtig, dass jeder Mensch störendes Verhalten oder
eigene Ängste ansprechen kann. Die Streetworker unterstützen, indem sie selbst die Regeln eines gewaltfreien und respektierenden
menschlichen Umgangs kommunizieren und störendes Verhalten
ansprechen.
Die Nutzung der öffentlichen Toilette durch Drogenkonsum und –
handel soll durch unterschiedliche Maßnahmen unterbunden werden. Fixpunkt kümmert sich auch um die Hinterlassenschaften von
Drogenkonsumenten. Eventuell herumliegende Spritzbestecke werden eingesammelt und fachgerecht entsorgt, keinesfalls sollten Bürger mit bloßen Händen Spritzen einsammeln.
Verwahrloste Personen werden angesprochen und, falls gewünscht,
Hilfe und auch Begleitung organisiert.
Außerdem will Fixpunkt auch Anlaufstellen, die den öffentlichen
Raum entlasten können, unterstützen – beispielsweise die Wiedereröffnung eines Trinkraums am Leopoldplatz. Wie das konkret aussehen könnte und wer dafür als Träger fungieren würde, ist allerdings
bislang unklar.
Das MIX-Mobil soll auch anderen sozialen Diensten ergänzend oder
zwischenzeitlich zur Verfügung stehen, um dort Beratungen und
Sprechzeiten anzubieten. Das Team arbeitet in enger Abstimmung
mit dem Präventionsrat des Bezirks und kooperiert mit anderen Akteuren wie dem Runden Tisch Leopoldplatz, der Polizei, dem Ordnungsamt oder der Kirchengemeinde.
Das MIX-Team will daran arbeiten, dass die Grüppchen den Aufenthaltsbereich wieder stärker nutzen. Andererseits geht es auch darum, bei Bürgern Ängste abzubauen und mehr Akzeptanz für jene zu
erreichen, die auf den öffentlichen Raum als wichtigen sozialen
Treffpunkt angewiesen sind. Sie verfügen oft weder über das Geld für
Lokale, um sich dort zu treffen, noch über Wohnungen, in die sie
Leute einladen könnten. Bürger können sich jederzeit an das Streetworker-Team wenden.
us
Kontakt: MIX-Mobil vor Ort: dienstags und donnerstags 12–15 Uhr,
Turiner / Schulstraße, Telefon 90 29 81 70 30, mobil: (0177) 681 61 68,
E-Mail: mix@fixpunkt.org, www.fixpunkt.org
Ansprechpartner: Ralf Köhnlein, Stefanie Lindner, Tobias Wolf

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Betr.: Neu gestalteter Zeppelinplatz
(Ecke Nr. 4 /2016, Seite 3)
Hallo,
Der Spielplatz Zeppelinplatz vor den EVM-Blöcken ist gut gelungen
und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit.
Die Liegewiese ist ebenfalls gelungen, jedoch sind hier noch Abstriche zu machen. Bei der Aussaat des Rasens (Wiese?) ist leider Unkraut mit ausgesät worden, das anfangs wie falscher Rhabarber aussieht und dann mit riesigen Blättern sehr groß wird. Leider vermehrt
sich diese Pflanze extrem und macht aus einer Liegewiese eher etwas
anderes.
Die Wiese bzw. der Rasen an dem Durchgangsweg weist ebenfalls
alles andere als Rasen auf.
Meine Frage ist: Wird hier eher eine »Wiese« entwickelt oder soll die
Liegewiese mehr Rasenanteile aufweisen?
Das weitere Problem sind die Hundebesitzer, die mit einer totalen
Ignoranz das Hundeverbot umgehen. Können hier noch mehr Hinweisschilder auf das absolute Hundeverbot auf Spielplatz und Wiese
aufgestellt bzw. an den Eingangstüren befestigt werden? Wer setzt
das Hundeverbot durch? Das Ordnungsamt habe ich jedenfalls bisher
noch nicht gesehen.
Die Bänke stehen perfekt, abends im Schatten östlich des Durchgangsweges vis á vis der Beuth-Hochschule. Ich hoffe, dass im 2. Bauabschnitt auf der anderen Seite an der Beuth-Hochschule ebenfalls
Bänke in genügender Anzahl aufgestellt und gegen Umstellen entsprechend gesichert werden.
Wenn beide Bauabschnitte fertig gestellt sind (der 2. Bauabschnitt
hoffentlich ebenfalls so gut wie der erste), stellt sich die weitere Frage der dauerhaften Pflege und des Unterhalts der Anlagen. Ist die
dauerhafte Pflege der Anlagen Teil der Umgestaltung und ist der Unterhalt der Anlagen im Haushalt des Bezirkes belastbar eingeplant?
In diesem Sinne wünsche ich mir, dass die Anlagen eine wirkliche
Verbesserung der Umgebung für die Anwohner des Platzes darstellen.
Mit freundlichen Grüßen
Stephan Colin

Wie gefährlich ist der neue
Zeppi?
Sind Hunde wirklich ein Problem auf dem neuen Zeppelinplatz?
Folgt man Leserbriefschreiber Stephan Colin, dann ja. Doch ist das
tatsächlich so? »Wir hatten bisher noch überhaupt keine Schwierigkeiten mit Hunden«, stellt eine Erzieherin der Kita Pinocchio aus der
Antwerpener Straße fest, die wir auf dem Spielplatz ansprachen. Sie
ist mit den Kitakindern häufig vormittags oder am frühen Nachmittag vor Ort, kann also nicht sagen, ob sich am späteren Nachmittag
Hundehalter vielleicht über die neuen Regeln hinwegsetzen. Allerdings hört man aus der Stadtteilvertretung mensch.müller, dass dem
nicht so sei – zur Überraschung der meisten, die im Wedding nicht
damit gerechnet hatten, dass verordnete Regeln so umgehend befolgt
werden würden.
Vielleicht sind es aber auch nicht in erster Linie die Verbotsschilder,
die die Hundehalter vom Zeppi fernhalten. Es sind eher die vielen
Kinder, die den Spielplatz und die ohne Zaun direkt angrenzende
Liegewiese beleben: Mit etwas gesundem Menschenverstand kann
man sich nämlich gut vorstellen, dass es zu Konflikten kommt, wenn
man mit seinem Hund dort hindurch spaziert!
Mehr Probleme dagegen haben die Kitagruppen mit der niedrigen
Steinmauer um den Buddelplatz herum: »Die hat schon zu etlichen
Schürfwunden geführt.« Die Gefahrenpunkte sind jedoch weniger
die scharfen Kanten der dort vermauerten, teilweise herausragenden
Backsteine, die aus Erwachsenenperspektive gefährlich wirken.
Wenn Kinder auf sie fallen, tun sie sich meist aber nichts, weil deren
Fallhöhe und -wucht deutlich geringer ist als die von Erwachsenen.
Das Problem ist vielmehr die unregelmäßige Höhe der Mauer. Viele
Kinder springen beim Toben auf sie oder über sie hinweg und bleiben
dabei an herausragenden Steinen hängen. Die Schürfwunden holen
sie sich dann auf der gegenüberliegenden Seite am Boden.
Das »Mäuerchen« auf dem Zeppi entspricht eben nicht der Konvention eines glatten Mäuerchens, auf dem auch Kleinkinder mühelos
herum balancieren können. Andererseits können Kinder hier wertvolle Erfahrungen sammeln, indem sie lernen, Gefahren eigenständig abzuschätzen, wozu sie in einer ganz auf Sicherheit fixierten Umgebung kaum in der Lage wären. Geringe Gefahrenmomente auf
Spielplätzen sind in Deutschland deshalb auch zulässig. US-amerikanische Kollegen auf Besuch in Berlin sind jedenfalls oft begeistert
von der Vielfalt und der guten Bespielbarkeit der hiesigen Spielplätze, berichtet Birgit Teichmann, die Landschaftsarchitektin des Zeppi.
Denn in den USA drohen den Planern empfindliche Schmerzens­
gelder, wenn sich Kinder auf öffentlichen Spielplätzen verletzen.
Entsprechend langweilig sehen die dann auch aus.
cs

Wählen gehen!
Schafft es die AfD ins Bezirksamt von Mitte?
Zwei Wochen nach dem Ende der Sommerferien wählt Berlin. Am
18. September wird nicht nur über die neue Zusammensetzung des
Berliner Abgeordnetenhauses entschieden – auch die Bezirksparlamente werden neu zusammengesetzt. Das Abgeordnetenhaus wählt
anschließend die neue Landesregierung, und die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) entscheidet über die Zusammensetzung des
Bezirksamtes, dem politischen Leitungsgremium aus Bezirksbürgermeister und vier Bezirksstadträten.
Welche Partei Anspruch auf wie viele Posten im Bezirksamt hat,
richtet sich nach den errungenen Mandaten in der BVV. Bei der letzten Wahl bekamen die SPD in Mitte 18 Mandate, die Grünen 15, die
CDU 10, die Linken und die Piraten jeweils 6. Von den fünf Sitzen
im Bezirksamt gingen jeweils zwei an die SPD und die Grünen, die
CDU bekam einen, die anderen beiden Parteien gingen leer aus. Mit
acht Mandaten in der BVV hätten die Piraten oder die Linken den
Grünen den zweiten Stadtratsposten noch abjagen können.
Dieses Mal gibt es eine große Unbekannte: die AfD. Den Rechtspopulisten wird zugetraut, in vielen Bezirken das Anrecht auf einen
Stadtratsposten zu erwerben und somit die Leitung über eine ganze

Abteilung der Bezirksverwaltung zu übernehmen. Dabei haben die
verschiedenen Meinungsforschungsinstitute große Differenzen in
ihren Umfrageergebnissen. So sieht Forsa die AfD im ganz Berlin bei
acht Prozent, Infratest dimap und INSA aber zwischen 13% und 15%.
Das ist ziemlich genau der Unterschied zwischen einem Platz im
Bezirksamt und keinem.
Acht Prozent reichen ziemlich sicher nicht, bei 12 bis 13 Prozent
aber steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Sitz im Bezirksamt
deutlich. Bei der Wahl 2006 reichten dafür der Linken in Mitte 12,4
Prozent oder sieben Mandate in der BVV. Nur wenn die Linke bei
der Wahl im September mehr Stimmen als die AfD bekommt (das
letzte Mal lag sie in der BVV-Wahl bei 10,6%, die Prognosen sagen
jedoch berlinweit einen deutlichen Zuwachs voraus) und zusätzlich
entweder die SPD oder die Grünen im Bezirk mehr als doppelt so
stark wie die AfD wird, blieben die Rechtspopulisten im obersten
Bezirksgremium außen vor. Nach Forsa hätte wohl die SPD die größeren Chancen, stärkste Partei in Mitte zu werden, nach Infratest
dimap und INSA die Grünen. Bei diesen liegen CDU, SPD und Grüne
berlinweit ungefähr gleichauf um die 20-Prozent-Marke herum,
Mitte wählt traditionell grüner als ganz Berlin, etwa durchschnittlich SPD und klar weniger CDU.
Bis zur Wahl am 18. September wird natürlich noch einiges passieren, was das Wahlergebnis beeinflussen wird. Doch angesichts des
kurzen Wahlkampfes, der wohl nur in den zwei Wochen nach den
Schulferien so richtig Fahrt aufnehmen wird, steht eine schwache
Wahlbeteiligung zu befürchten. Bei der letzten Bezirkswahl lag sie
in Mitte nur knapp über 50%. Das nützt den Rechtspopulisten, denn
Protestwähler lassen sich einfacher mobilisieren als solche, die eigentlich gar nicht so unzufrieden sind. 
cs

Bildecke

Betr.: Unfallschwerpunkt Müller-/Seestraße
(Ecke Nr. 4/2016, Seite 4)
Es wäre sehr wichtig, die Zeiten der Abbiegeampeln zu verlängern.
Drei Sekunden länger wären schon ausreichend. Wenn man von der
Seestraße in die Seestraße zurück möchte, muss man sich tierisch
beeilen, um vor der Grünphase der Fußgänger deren Überweg zu
kreuzen. Wenn dann einer bei Noch-Rot losläuft, wenn man um die
Ecke gebraust kommt …
Gruß, Hilde Kerpen

4

Kommentar

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Leser-Ecke

5

Der professionelle Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität dagegen sind eine ganz andere Sache und keine Angelegenheit für Sozialarbeiter. Die Polizei macht sich aber auch keine Illusionen darüber, dass sie mit ihren Einsätzen allein das Problem nicht
lösen, sondern bestenfalls verschieben kann, und dass es viel Ausdauer braucht, um dicke Bretter zu bohren.

Die Drogendealerszene verunsichert
Bürger – wie geht man dagegen vor?

Für den jungen Mann ist der Tag bereits um 13 Uhr gelaufen. Er sitzt
im Polizeibus, neben ihm auf dem Tischchen liegt aufgereiht das, was
in seinen Taschen gefunden wurde: Drogentütchen, Geldscheine.
Seine Papiere werden gerade überprüft – bei der Polizei gibt es Spezialisten, die Dokumente unterschiedlichster Herkunft und Machart
identifizieren können.

Ch. Eckelt

Der Bus steht am Rand des Kleinen Tiergartens in Moabit, etwa 20
Polizisten des örtlichen Abschnitts 33 sind heute im Einsatz, um Drogendealer zu stellen. Im Herbst letzten Jahres hatte die Drogenkriminalität im Kleinen Tiergarten wieder deutlich zugenommen, weshalb
Karl Bösel, Präventionsbeauftragter des Polizeiabschnitts, und seine
Kollegen verstärkt Einsätze und Kontrollen im Park machen. Es ist
ein mühsames Geschäft: weil die Justiz hohe Anforderungen für einen Haftbefehl stellt; weil die Dealer immer professioneller agieren;
weil man ihnen die Tat rechtssicher nachweisen muss und man Zeugen braucht (meist die Drogenkäufer); vor allem aber, weil es wie ein
Kampf mit einer Hydra ist, wie Bösel sagt: Die Zahl der Dealer ist –
anders als die der Polizeibeamten – unüberschaubar und es gibt immer neuen Nachwuchs, die Aussicht auf das schnelle Geld ist zu verlockend. Die Straßendealer sind fast ausnahmslos junge Männer,
viele von ihnen nordafrikanischer Herkunft und noch nicht lange im
Land, weiß Bösel. Mit den syrischen, afghanischen oder irakischen
Flüchtlingen, die im nahegelegenen LaGeSo Hilfe suchen, haben sie
ebenso wenig zu tun wie mit den »Szenegruppen«, die sich im Park
treffen. Im Umgang mit letzteren setzt sich in Berlin immer mehr ein
Integrationsmodell wie am Weddinger Leopoldplatz durch, auch im
Kleinen Tiergarten wird es praktiziert: Die Gruppen – meist Menschen aus dem Kiez mit vielfältigen sozialen Problemen – sollen
nicht verdrängt werden, sondern auch ihren Platz haben, für den sie
wiederum ein Stück Verantwortung übernehmen. Streetworker
kümmern sich vor Ort – auch darum, dass ein paar Grundregeln des
Verhaltens im Park eingehalten werden.

6

Die Prozedur im Bus dauert. Hier entscheiden die Beamten, ob der
ertappte Dealer, den zwei junge Polizisten in Zivil festnehmen konnten, nach der Personenüberprüfung und der Anzeige in U-Haft
kommt oder einstweilen – bis zur Gerichtsverhandlung – wieder auf
freien Fuß gesetzt werden muss. Die juristischen Hürden sind, wie
gesagt, hoch, und die Polizei hat oft ihre liebe Mühe, den Bürgern zu
erklären, warum man nicht umgehend alle Dealer »wegsperren«
kann.
Der Kleine Tiergarten ist nicht der einzige Ort in Mitte, an dem der
Drogenhandel zum Problem wird. Er wabert wellenförmig durch die
Innenstadt, auch entlang der U-Bahnlinien U6, U8, U9. An der Köpenicker Straße blüht er vor den zahlreichen Clubs, auch am Leopoldplatz ploppt er immer mal wieder auf. Werden am Kotti verstärkt
Einsätze gefahren, nimmt der Handel an anderen U-Bahn-Stationen
merklich zu. Vor ein paar Jahren grassierte er im Weinbergspark.
Letzterer wird auch immer wieder als Beispiel genannt, wenn es darum geht, wie man öffentliche Orte wieder zurückgewinnt. Hier gelang es, Bürger, Bezirksverwaltung, Ordnungsamt, Polizei, BVG, BSR,
eine benachbarte Schule, die Betreiber eines Cafés und andere Akteure an einem Runden Tisch zu versammeln und – unterstützt von
einer umfassenden Erneuerung des Parks – den Drogenhandel deutlich einzudämmen.
So ähnlich will man nun auch im Kleinen Tiergarten dem Problem
begegnen. Hier gab es eine erste Informationsveranstaltung für Bürger, die sich durch das offensive bis aggressive Auftreten der Dealer
und die Kriminalität bedroht und verunsichert fühlten. U.a. berichtete die Polizei hier über erste Ergebnisse ihrer verstärkten Einsätze.
Natürlich trägt die Polizeipräsenz zur durchaus messbaren Entspannung der Situation bei. Doch letztlich geht es um ein Gesamtpaket,
an dem die Ordnungsbehörden, der Bezirk (über den Präventionsrat
Thorsten Haas), die BVG, das Geschäftsstraßenmanagement und auch
die Bürger beteiligt sind. Neben konkreten Maßnahmen (verstärkte
Kontrollen, Arbeit am Beleuchtungskonzept u.a.) geht es vor allem
darum, mit vielfältigen Aktivitäten präsent zu sein, soziale Kontrolle
auszuüben und den Dealern nicht den Park zu überlassen. Denn problematisch wird es, wenn die Dealer das Gefühl haben, die Regeln
bestimmen zu können. »Dann hätten wir eine Situation wie am
RAW-Gelände oder im Görli«, warnt ein Anwohner. Wichtig sind daher nicht nur Zeugenaussagen betroffener Bürger oder das Verständigen der Polizei bei Straftaten, sondern auch die schlichte Anwesenheit – ob man sich dort mit Freunden oder der Familie trifft, Picknick
macht, vielleicht auch kleine Veranstaltungen organisiert.
Der Dealer aus dem Bus wird jetzt zur Wache verbracht. Der Einsatz
am Kleinen Tiergarten ist für heute beendet. Karl Bösel, der Präventionsbeauftragte, eilt gleich weiter zum nächsten Treffen mit dem
Präventionsrat des Bezirks und anderen. Es geht, natürlich, um Drogen im Park. Bösels Kollegen basteln derweil weiter am altersschwachen Bus herum, die Batterie hat schlappgemacht und muss nun von
einem anderen Polizeiwagen aufgeladen werden. Die Polizisten klagen nicht nur über ständige Sondereinsätze (Fanmeile usw.), die
manchmal Personal binden, das man eigentlich vor Ort braucht, sondern auch über die unbefriedigende technische Ausstattung. »Schreiben Sie das mal«, sagt einer. 
us

Gewerberaum
­wieder knapp

Ch. Eckelt

Präsenz zeigen

Senator Andreas Geisel:
»Der Wettbewerb um Flächen
wird größer«

Auch Gewerberaum wird wieder knapp in
Berlin. Das jedenfalls verkündete der Senator für Stadtentwicklung Andreas Geisel auf
dem letzten Stadtforum am 20. Juni: »Die
Diskussionen über den großen Büroflächenleerstand in Berlin gehören der Vergangenheit an.« Denn nicht nur die Bevölkerung
der Stadt wachse stärker als angenommen,
auch beim Zuwachs an Arbeitsplätzen führe
Berlin die Bundesländer inzwischen an – die
Folge: »Der Wettbewerb um Flächen wird
größer.«
Dabei gelte es, Handwerk und Industrie,
Kunst und Kreativwirtschaft zu schützen,
die teilweise bereits unter starkem Verdrängungsdruck leiden. Allen Versuchen, bestehende Gewerbegebiete zugunsten des Wohnungsbaus umzuwidmen, widersprach der
Senator deshalb entschieden. »Bei dem derzeitigen Flächenverbrauch für Industrie und
Gewerbe reichen die Reserven der Stadt nur
noch bis 2020.« Nicht nur deshalb will der
Senat auch bei der Entwicklung neuer Wohn­
quartiere wie beispielsweise dem Kurt-Schumacher-Quartier auf dem jetzigen Flughafen
Tegel eine Mischung von Wohnen und Arbeiten ermöglichen: »Wir brauchen gemischte Quartiere und keine Schlafstädte!«

Neue »Urbane Mischgebiete«
Bis zum Ende des Jahres möchte zudem die
Bundesregierung auf Anregung großer Städte wie Berlin eine neue planungsrechtliche
Kategorie schaffen, das »Urbane Mischgebiet«. Hier sollen leicht verminderte Lärmschutzbestimmungen die Ansiedlung von
Gewerbe erleichtern, insgesamt wäre eine
dichtere Bebauung zulässig als in normalen
Mischgebieten. In einem Urbanen Mischgebiet soll zudem der Bau von Wohnungen
etwa in der Nähe von Sportplätzen, Schulen
oder bestehenden Gewerbegebieten möglich sein, was in den bestehenden Gebietskategorien vor allem auf lärmschutzrechtliche
Hindernisse stößt.
So könnte die Ausweisung Urbaner Mischgebiete auch die Nachverdichtung von bestehenden »Discounter-Brachen« erleich-

tern. Die sieht man überall in der Berliner
Innenstadt: große, meist wenig genutzte
Parkplätze mit angeschlossenem Aldi-, Lidl-,
Norma-, Netto- oder Pennymarkt, wie sie
genauso auch im ländlichen Raum zu finden
sind. Solche Discounter könnte man aber
genauso gut in den Erdgeschossen mehrstöckiger Gebäude unterbringen, in denen
dann auch noch zahlreiche Wohnungen und
Büros Platz fänden – kein geringes Potenzial
also für Wohnungsbau und Büroflächen!
Problematisch ist an solchen Standorten
aber, dass solche Supermärkte in sehr frühen Morgenstunden mit Frischeprodukten
wie Milch oder Obst beliefert werden müssen, was bei direkt anliegenden Wohnungen
nächtliche Ruhestörung verursachen kann.
Eine konkrete Bauvoranfrage für die Verdichtung einer solchen Brachfläche in einem Sanierungsgebiet von Mitte belegt,
dass in der Branche derzeit intensiv über
eine effektive Nutzung solcher Flächen
nachgedacht wird.

Bezirk Mitte unter Druck
Doch zurück zum Stadtforum: Für Berlin
prognostizierte Andreas Geisel künftig eine
verstärkte Ansiedlung international orientierter Unternehmen im südöstlichen Stadtraum: »Die suchen vor allem die Nähe des
Flughafens und wissenschaftlicher Einrichtungen. Ich weiß zum Beispiel aus Gesprächen mit Siemens in Spandau, dass die Verlagerung des Flughafens dort echte Pro­
bleme verursacht.« Angesichts der guten
Aus­stattung des Bezirks Mitte mit Universitäten und Hochschulen sowie den schnellen
Verkehrsverbindungen zum künftigen Flughafen BER dürfte die Nachfrage nach Büroflächen hier deshalb eher noch steigen.

Spekuliert wird in der Presse zum Beispiel
über die Übersiedlung von Unternehmen
aus der »Fin-Tech«-Branche: Nach dem
Brexit wollten etliche Betriebe dieser auf Finanzprodukte spezialisierten IT-Unternehmen ihren bisherigen Sitz London verlassen,
die Mitarbeiter drängten dabei vor allem
nach Berlin. Im Bezirk Mitte wird man diese
Entwicklungen zu spüren bekommen.

Senat setzt falsches Signal
Einen extremen Drang der Immobilienbranche zu neuen Büroflächen im Zentrum der
Stadt gab es schon einmal Anfang der 1990er
Jahre. Nach dem Beschluss zur Verlegung
des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin
wollten Investoren überall Büros errichten
– wäre es nach ihnen gegangen, so bestünde
heute die Spandauer Vorstadt in Mitte zum
Großteil aus Büro- und Gewerberäumen,
und in der Friedrichstadt würde schon gar
keiner wohnen. Doch damals intervenierte
die Politik, indem sie Sanierungsgebiete einrichtete. Auch unter dem Druck des Bezirks
wurde zudem ein Mindestanteil von 20%
Wohnungsbau bei Neubauprojekten etwa an
der Friedrichstraße oder am Potsdamer Platz
festgeschrieben. Diese Regel stellte der Senat jedoch jüngst wieder in Frage, als er einem Widerspruch eines Investors am Leipziger Platz stattgab, dessen Bauantrag vom
Bezirk abgewiesen worden war, weil er gar
keinen Wohnungsbau vorsah. Jetzt darf hier
also ein reines Bürohaus errichtet werden.
Angesichts der zunehmenden Flächenkonkurrenz, die einige Quartiere in Mitte betrifft, ist das das falsche Signal.
cs

7

Zum Tag des Offenen Denkmals am 10. /11. September
Am zweiten Septemberwochenende gibt es wieder – wie jedes Jahr
zum bundesweiten »Tag des offenen Denkmals« – die Gelegenheit,
Baudenkmäler in der ganzen Stadt zu besichtigen, auch solche, die
sonst der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Das Thema lautet in
diesem Jahr »Gemeinsam Denkmale erhalten« und zielt auf die Verantwortung der Kommunen und der Gemeinschaft.
Baudenkmale zu erhalten, ist gerade in Berlin ein hartes Ringen. Wie
die letzten drei Jahrzehnte zu oft zeigten, verhindert auch die amtliche Eintragung als Baudenkmal nicht zwingend dessen Abriss oder
die Beschädigung. Sei es, weil der Verwertungsdruck immens ist und
denkmalpflegerische Belange dabei eher als störender Kostenfaktor
betrachtet werden; sei es, weil Gebäude aus spekulativen Gründen
dem Verfall anheimgegeben sind (das legendäre Kaufhaus Jandorf in
Mitte beispielsweise steht seit fast 25 Jahren leer), sei es, weil Denkmale mit subjektiv-geschmäcklerischen Urteilen diskreditiert und
ideell zum Abriss freigegeben werden, was in den letzten 20 Jahren
in Berlin insbesondere die Ost- und Westberliner Moderne der 60er
und 70er Jahre erfahren musste. Die zwanzig bis fünfzig Jahre, die
eine Epoche erfahrungsgemäß braucht, um mit dem notwendigen
Abstand reflektiert und ohne ideologischen Schaum vorm Mund bewertet zu werden, haben etliche Gebäude dieser Stadt nicht überlebt
– beispielsweise das Ahornblatt auf der Fischerinsel.
Insofern ist man schon sehr glücklich, dass sechs Berliner Wohnsiedlungen der klassischen Moderne inzwischen als Weltkulturerbe geschützt sind – und auch darüber, dass eine neue, junge Generation

8

Ausstellung zur Eisfabrik: im »dialog 101«, U8 Heinrich-Heine-Straße,
bis Ende August, mo 14–18 Uhr, mi 15–18 Uhr
Das vollständige Programm für den Tag des offenen Denkmals wird
ab Mitte August auf folgender Website veröffentlicht:
www.stadtentwicklung.berlin.de /denkmal /denkmaltag

Leser-Ecke

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Schützt die Denkmale!

von Architekten und Nutzern die Architektur der 1960er und 70er
Jahre für sich entdeckt und sie verteidigt. Jenseits von Geschmacksdebatten stellen sie damit auch sehr zeitgemäße Fragen nach dem
Umgang mit Ressourcen und Werten: Ist es sinnvoll, Gebäude abzureißen, die momentan vielleicht nicht dem Mainstream-Zeitgeist
entsprechen, in denen aber jede Menge ökonomische Werte gespeichert sind (Arbeitskraft und -zeit, Material, Energie etc.) und die
ohne weiteres noch mehrere Jahrzehnte halten würden? Auch in der
Architektur ist – Denkmal oder nicht – ein Ende der Wegwerfkultur
dringend geboten, aber sie scheint hier gerade erst so richtig zu beginnen: Es häufen sich Fälle, in denen Abrisse von nicht mal 20 oder
30 Jahre alten Gebäuden beantragt werden – einfach, um angesichts
des fiebernden Immobilienmarkts schnell etwas Lukrativeres und
Teureres hinzubauen.
Zurück zu den Denkmalen: Schwer haben es derzeit auch die bau­
lichen Zeugnisse der Industriegeschichte. So wie die ehemalige Eisfabrik zwischen Spreeufer und Köpenicker Straße in Mitte – ein
­Paradebeispiel für das Motto der diesjährigen Denkmal-Tage. Die Eisfabrik steht im Sanierungs- und Erhaltungsgebiet »Nördliche Luisenstadt«, mithin einem Quartier, das aufgrund seiner historischen Substanz insgesamt unter Schutz steht und in das Investitionsmittel aus
dem Förderprogramm »Städtebaulicher Denkmalschutz« fließen.
Doch auch das ist keine Garantie, dass die einzelnen Gebäude gerettet werden.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die von Carl Bolle gründete
Norddeutsche Eiswerke AG in den Backsteingebäuden künstliches
Stangeneis für Privathaushalte, Läden und Gewerbebetriebe hergestellt, noch bis 1991 wurde hier produziert. Dann wurde der Betrieb
stillgelegt, die Immobilie geriet zum Verkaufsobjekt der – inzwischen
selbst privatisierten – Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG), ein
trauriges Kapitel jüngerer (Bau)Geschichte, das noch gründlicher
Aufarbeitung bedarf. Seither wird um das Areal gepokert, der Bezirk
will das Denkmal erhalten, hat aber wegen der Eigentumsverhält­
nisse nur begrenzten Einfluss.
Die Eisfabrik ist ein »exemple par excellence« für das diesjährige
Motto der Denkmaltage. Denn ohne das uneigennützige, hartnäckige
Engagement von Anwohnern wie Peter Schwoch und Initiativen wie
dem Bürgerverein Luisenstadt und der Betroffenenvertretung Nördliche Luisenstadt gäbe es dieses Industriedenkmal vielleicht schon
gar nicht mehr. Mit seinem markanten Schornstein, den allmählich
verfallenden Backsteinbauten, die zwischendurch mal von Künstlern
belebt werden durften, mit dem Phantomschmerz der trotz aller Proteste abgerissenen Kühlhäuser erinnert es daran, dass Denkmalschutz allein keine Garantie bietet und Denkmale verteidigt und gerettet werden müssen. Darin haben der Bezirk Mitte und seine Bewohner eigentlich eine gute Tradition: Ohne couragiertes Engagement gegen Abrisse und die Entscheidung, die Spandauer Vorstadt
als Flächendenkmal unter Schutz zu stellen, gäbe es dort heute wohl
vor allem Investorenkühlschränke im Stil der 1990er.
Peter Schwoch wohnt seit vielen Jahren in einem Altbau an der Eisfabrik, er hat akribisch ihre Geschichte recherchiert, eine Ausstellung
zur Eisfabrik erarbeitet, die derzeit im Stadtteilladen »dialog 101« an
der Heinrich-Heine-Straße zu sehen ist, er hält Vorträge, engagiert
sich in der Betroffenenvertretung. All das macht Schwoch, der auf
dem Bau arbeitet, in seiner Freizeit. Auch an den Tagen des offenen
Denkmals wird er wieder zur Eisfabrik informieren.
us

Betr.: »Mehr Kinder in Mitte«, Artikel zur Schul­
entwicklungsplanung, Ecke Nr. 4 /2016, Seite 8

Liebe Frau Steglich,
ich danke Ihnen herzlich für Ihren Text zum aktuellen Schulentwicklungsplan (SEP). Gerne nutze ich diese Gelegenheit, um einige aus
meiner Sicht wesentliche Aspekte zu ergänzen:
Ich bin Vater zweier Schüler der Leo-Lionni-Grundschule und dort
auch Gesamtelternvertreter (GEV). Die Leo-Lionni-GS ist Teil des
GEV-Verbunds Weddinger Grundschulen. Hier haben sich die Elternvertretungen von derzeit acht Weddinger Grundschulen zusammengeschlossen, um gemeinsam für die dortigen Schulkinder mehr zu
erreichen. In diesem Rahmen konnten wir bereits einige Gespräche
mit Bezirksstadträtin Frau Smentek auch zum aktuellen Stand des
SEP führen, wofür wir dankbar sind.
Übereinstimmend mit unseren Schulleitungen, PädagogInnen, Eltern
und auch der Bezirksstadträtin stellten wir dabei fest: Der Schulentwicklungsplan in seiner jetzigen Fassung führt zu einer Verschlechterung der Bildungsqualität an den Weddinger Grundschulen!
Wie kommt das?
Der SEP sieht Klassengrößen von 25 Kindern vor – und steht damit
im Widerspruch zu der Empfehlung der Senatsverwaltung für Bildung (Aussage von Staatssekretär Mark Rackles auf der Veranstaltung »Bildungspolitik in Berlin – woher, wohin, wie weiter?« am
15.06.2016). Auch die Intention der Berliner Grundschulverordnung
ist eine andere: Kommen viele Kinder aus nicht deutsch-muttersprachlichen Elternhäusern und / oder aus armen Familien, so sieht
die Grundschulverordnung weniger Kinder pro Klasse vor. Diese beiden Kriterien sind an allen Weddinger Grundschulen gegeben. Das
dritte Kriterium – Inklusion, also der gemeinsame Unterricht aller
Kinder eines Wohngebietes, auch von Kindern mit besonderem und
sonderpädagogischem Förderbedarf – ist ebenfalls in vielen Weddinger Grundschulen gelebte Normalität. Sind alle drei Kriterien erfüllt,
sieht die GrundschulVO lediglich 21 Kinder pro Klasse vor – nicht 25,
wie der SEP.
Sie erwähnen auch die »ausreichenden Kapazitäten für Willkommensklassen«. Tatsächlich sind 2/3 aller Grundschul-Willkommensklassen im Bezirk Mitte an Weddinger Grundschulen eingerichtet (=
geschätzt 340 Kinder, 28 Klassen, offizielle Zahlen stehen uns nicht
zur Verfügung). Da für »Willkommens«-Kinder in den Regelklassen
keine Plätze frei gehalten werden dürfen, müssen sie nach dem erfolgreichen »Abschluss« der Willkommensklassen entweder die vertraute Schulumgebung verlassen, oder sie füllen die überbelegten
Klassen auf 26 oder mehr Kinder auf. Der Unterricht der Willkommensklassen erfolgt zumeist in bisherigen Teilungs- oder Fachräumen, die bereits jetzt für den regulären Unterricht nicht zur Verfügung stehen.
Unglücklich bin ich dabei auch mit der Formulierung, der SEP führe
zur »Optimierung der Raumnutzung«, weshalb auf »raumintensivere
Angebote wie Teilungsunterricht« verzichtet werden müsse. Das
klingt sehr nach Luxus, den man sich jetzt eben nicht mehr leisten
kann. Tatsächlich ist die Arbeit in kleineren Gruppen – Teilungsunterricht – ein Kernstück der Lehrkonzepte, mit denen unsere Grundschulen auf den sehr unterschiedlichen Lernstand und -fortschritt
der einzelnen Kinder eingehen. Erschwert oder verhindert man den
Teilungsunterricht, torpediert man damit pädagogische Konzepte,

die an unseren Brennpunktschulen dafür sorgen sollen, dass alle Kinder im Kiez eine echte Chance auf Bildung erhalten.
Als GEV-Verbund Weddinger Grundschulen sehen wir angesichts der
steigenden Zahl der SchülerInnen die dringende Notwendigkeit, die
Zahl der Schulen merklich zu erhöhen. Der eine konkret geplante
Neubau wird nicht genügen. Zusätzliche Schulgebäude müssen kurzfristig durch Neubauten, Reaktivierungen oder auch Umnutzungen
bereitgestellt werden. Einfach wird das gewiss nicht sein – aber wir
sind überzeugt, dass dies eine wichtige Voraussetzung ist, damit alle
Kinder gleichermaßen einen sehr guten Einstieg in die Schulbildung
bekommen.
Das Thema ist sehr komplex, und viele Punkte habe ich noch nicht
einmal angerissen, zum Beispiel:
– vorprogrammierte Probleme bei den anstehenden Neueinstellungen: Warum sollten LehrerInnen im Wedding unter immer schwierigeren Bedingungen unterrichten wollen?
– die bestehenden baulichen Mängel in unseren Schulen (vielleicht
kennen Sie unsere Postkartenaktion dazu).
Ich lade Sie deshalb herzlich ein: Machen Sie sich Ihr eigenes Bild
und hospitieren Sie an einer Grundschule des Weddinger GEV-Verbunds! Ich bin sicher, dass es sich für Sie lohnen wird.
Freundliche Grüße,
Jens Wesendrup (GEV Leo-Leonni-Grundschule)

Ferien mit dem »Zirkus Internationale« im Wedding
Der Verein für Kinder- und Jugendsozialarbeit »Zirkus Internationale«
sorgt für ein buntes Sommerferienangebot und vielfältige Aktionen im
Wedding. So gibt es an allen Wochenenden bis zum 30. September den
»Spielplatz-Zirkus«: samstags auf dem Spielplatz Maxstraße, sonntags
am Nauener Platz (immer von 14 bis 17 Uhr). außerdem veranstaltet
der Verein am 27. August zwischen 15 und 18 Uhr ein großes Street
­Soccer Turnier in der Adolfstraße 12. Vom 3. bis 25. September kann
man außerdem auf dem Hof der Leo-Leonni-Grundschule das Stelzenlaufen trainieren, um dann fit zu sein für den krönenden Abschluss:
das Stelzenfußballturnier, das am 25. September von 15 bis 18 Uhr dort
stattfindet. Und am 30. September gibt es dann ein großes Spielplatzfest
in der Adolfstraße 13.
Mehr Informationen unter: www.zirkus-interrnationale.de oder
Telefon 46 06 58 75

9

Wie geht es ab 2017 w
­ eiter?
Es ist inzwischen eine Weddinger Tradition:
Zum fünften Mal fand am 22. Juni auf dem
Leopoldplatz ein öffentliches Fastenbrechen
(»Iftar«) im islamischen Fastenmonat Ramadan statt. Das Fest, das zum Dialog unter
Nachbarn aufruft, wurde auch diesmal von
einer Arbeitsgruppe des Runden Tisches
Leopoldplatz organisiert: Rund 400 Essen
wurden nach Sonnenuntergang ausgegeben,
dazu kamen rund 200 Zuschauer, die auf die
Mahlzeit verzichteten und einfach nur mitfeierten. Möglich wurde auch dieses Iftar
dank der tatkräftigen Unterstützung vieler
Weddinger Anwohnerinnen und Anwohner
und vieler Geld-, Sach- und Arbeitsspenden
vor allem von türkischen Unternehmen –
sowie einem Fünfzig-Prozent-Zuschuss aus
dem Gebietsfonds des Aktiven Zentrums
Müllerstraße.
Ob und in welcher Form das Fest im kommenden Jahr stattfinden kann, ist aber noch
ungewiss. Denn nach dem vom Land vorgegebenen Leitfaden und den vom Bezirksamt
formulierten Rahmenbedingungen zum Gebietsfonds dürfen nur maximal zwei Jahre
hintereinander die gleichen Aktivitäten gefördert werden. Das war in diesem Jahr erreicht – die ersten Iftar-Feste wurden noch
als baubegleitende Maßnahme der Neugestaltung des Leopoldplatzes finanziert. Um
erneut ein ähnliches Fest aus dem Gebietsfonds zu unterstützen, müsste sich dessen
Ausrichtung deutlich von den bisherigen

Iftar-Festen unterscheiden. Das ist zwar
durchaus denkbar – etwa als »Flüchtlingsfest im Ramadan«; mit einer bloßen Namensänderung wäre es aber wohl nicht getan. Es müssten auch inhaltlich und organisatorisch neue Akzente gesetzt werden. Bei
den ehrenamtlichen Aktivisten der Arbeitsgruppe machen sich nach fünf Jahren zudem
auch Ermüdungserscheinungen bemerkbar:
Nicht alle wollen auch im nächsten Jahr
­wieder mit dem gleichen Engagement mitziehen, »frisches Blut« und professionelle
Unterstützung sind auch aus diesem Grund
dringend erforderlich.
Die Zeit für eine grundsätzliche Neukonzeption ist begrenzt. Schon im Spätherbst müssen die Anträge für den Gebietsfonds 2017
eingereicht werden. Nach den Ferien sollte
man also spätestens mit der Planung beginnen. Die Chancen für weitere erfolgreiche
Feste stehen auf der anderen Seite nicht
schlecht: Mit rund 600 Teilnehmern bewies
das diesjährige Iftar, dass es inzwischen im
Wedding fest verankert ist und fast schon als
Selbstläufer funktioniert. Stille Sponsoren
wie die Berliner Sparkasse und die Wohnungsbaugesellschaft Gesobau haben erkannt, dass sie auch ohne auffällige Werbebanner profitieren, wenn Kunden und Mitarbeiter entdecken, dass die Unternehmen
mit dem Fest in Zusammenhang stehen. Vor
allem aber gibt es ein funktionierendes religionsübergreifendes Netzwerk um das IftarFest herum, in dem viele Weddinger Kleinunternehmen und aktive Anwohner ein­
gebunden sind. Ähnliche interkulturelle
Netzwerke dieser Größenordnung finden
sich in Berlin viel zu selten – allein schon
das wäre ein Grund, das öffentliche IftarFest auf jeden Fall weiterzuführen!
cs

Der Runde Tisch Leopoldplatz trifft sich
­wieder am 1. August und am 5. September um
19 Uhr in der Volkshochschule Mitte, Antonstraße 37.
Ansprechpartner im Bezirksamt Mitte ist der
Präventionsrat des Bezirks, Thorsten Haas,
E-Mail: Thorsten.Haas@ba-mitte.berlin.de,
Telefon 901 83 22 51.

19.August: Milieuschutz und BVV

Die BI Brüsseler Kiez und die Stadtteilver­
tretung mensch.müller laden am Freitag, dem
19. August zu einer Diskussionsveranstaltung
mit den Spitzenkandidaten der in der BVV
Mitte vertretenen Parteien ein. Ein Schwerpunkt wird dabei der sogenannte »Milieuschutz« sein, der seit diesem Jahr für große
Teile des Wedding gilt. Die Veranstaltung
findet im Gemeindesaal der KapernaumKirchgemeinde (Eingang Seestraße 35) statt
und beginnt um 19 Uhr.

10. und 11. September: »2Tage
­Wedding«

Am Samstag dem 10., und Sonntag, dem 11.
September findet zum ersten Mal das Kulturfestival »2 Tage Wedding« statt. An zahlreichen Veranstaltungsorten zwischen dem Soldiner Kiez, dem Parkviertel und dem Sprengelkiez öffnen viele (im weitesten Sinne)
Kulturstätten ihre Türe und Tore. Oder feiern
ganz einfach draußen: Der Runde Tisch Leopoldplatz, um nur ein Beispiel zu nennen, ruft
alle auf, an beiden Tagen ab 11 Uhr vor der
Neuen Nazarethkirche Boule zu spielen und
den Proviant dafür selbst mitzubringen. Anderswo öffnen Kulturgewerbe und -initiativen
ihre Räume, ein umfassendes Programm soll
ab Ende Juli bei www.2tagewedding.com herunterzuladen sein.

Ch. Eckelt

U6-Dealer gefasst

10

Ch. Eckelt

Iftar auf dem
­Leopoldplatz

Nach intensiven Ermittlungen gelang es dem
Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft Berlin, eine Bande von Kriminellen
festzunehmen, die in der U-Bahnlinie 6
­zwischen den U-Bahnhöfen Reinickendorfer
Straße und Afrikanische Straße mit Heroin
dealten. Bereits am 6. Juli wurde ein 31-Jähriger verhaftet. Rund eine Woche danach wurden bei Hausdurchsuchungen in Spandau,
Reinickendorf und Wedding insgesamt zehn
weitere Täter festgenommen, wobei ein Jugendlicher und zwei schwangere Frauen wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Beschlagnahmt wurden rund 2,6 Kilogramm Heroin,
20.000 Euro in bar, 49 Mobiltelefone sowie
Tablets, Waffen und Reisepässe.

Der Kiez aus
Briefträgersicht
Uri Hart lebt im Wedding,
stellt Zeitungen zu, foto­
grafiert und forscht zur Kiezgeschichte
Als Treffpunkt hat sie die Brüsseler Straße 1
vorgeschlagen. Ein unauffälliges Eck-Mietshaus, außen Rauputz, innen Wohnungen,
Arztpraxen, im Erdgeschoss eine Apotheke,
schon seit Jahrzehnten. Uri Hart liebt das
Haus wegen der kunstvollen alten Fliesen im
Hausflur – plastische Reliefs mit Seerosen
und Schwänen. Sie streicht über fein gedrechselte dunkle Holztraljen und den geschreinerten Handlauf im Treppenhaus:
»Einer der Gründe, warum ich trotz Abitur
und Studium seit über 30 Jahren Briefträger
und Zeitungsbote mit Leib und Seele bin.«
Ausdrücklich: die männliche Form bei der
Berufsbezeichnung.
Uri Hart sieht etwas, was du nicht siehst. Ich
lernte die kleine energiegeladene Frau vor
fast 25 Jahren kennen, damals kam sie auf
unsere frisch gegründete, unabhängige
Stadtzeitung in Alt-Mitte zu. Unser Viertel
bestand weitgehend aus bröckligen Altbauten, an deren Fassaden noch die Kriegsspuren ablesbar waren und die mit der Wende

gerade noch vor dem Abriss gerettet werden
konnten. In dieser Zeit zog Uri, Briefträger
aus dem Wedding, mit dem Fotoapparat
durch Mitte und rettete alte Inschriften zumindest visuell vor dem Verschwinden.
Noch waren sie da: Verwitterte Schriftzüge,
die von koscheren Lebensmitteln, Haarfärbern oder Wäschereien im Arbeiter- und Armenviertel kündeten. Uri Hart ließen diese
Zeichen keine Ruhe, sie recherchierte die
Geschichten zu den Inschriften. – In nicht
wenigen Fällen sind ihre Fotos, Texte und
Notizen die letzten Zeugnisse dieser Spuren,
bevor sie unter der banalen rosa oder
blassgelben Tünche der Sanierungen verschwanden.
Als sie die alten Fotos jetzt in der Moabiter
»Zunftwirtschaft« ausstellte, trafen wir uns
wieder. Uri hatte inzwischen das Abitur gemacht, studiert (u.a. Judaistik, Niederlandistik und Militärgeschichte) und arbeitete
jetzt nicht mehr als Briefträger, sondern als
Zeitungsbote, aber immer noch in demselben Weddinger Kiez zwischen Brüsseler,
Antwerpener, Müller- und Seestraße. – Zeit
also für einen gemeinsamen Spaziergang.
Man erfährt dabei nicht nur viel über den
Kiez, sondern nebenbei einiges über das Berufsbild echter Brief- und Zeitungsboten.
Wer weiß schon, dass bequeme ErdgeschossBriefkästen keine Selbstverständlichkeit in
vielen Westberliner Altbauten sind? Briefe
und Zeitungen werden immer noch hochgetragen und in Briefschlitze gesteckt. Das
ist bei täglich ca. 60–80 Etagen viel Beinarbeit, manchmal gesundheitsgefährdend (die
Knie!), aber gut für die nachbarschaftliche
Fürsorge. Man kennt sich, registriert, wenn
es jemandem nicht gut geht, und tauscht
kleine Aufmerksamkeiten aus. Und natürlich registrieren aufmerksame Zeitungsboten auch an der Zahl und Art der Zeitungs­
abos, wie sich ein Kiez und seine Bevölkerung verändern.
Mit Uri Hart im Kiez unterwegs zu sein, ist
eine Reise voller Geschichten und Anekdoten. An der Müllerstraße 138 führt sie den
Hof und fragt sich, warum so viele Hinterhof-Wohnungen als Teilruinen verwahrlosen. Dafür gibt es ein erstaunliches Garten­
idyll im zweiten Hof. Schräg gegenüber die
markante Ecke Müller-/Seestraße mit ihren
eigenwilligen Höhensprüngen: Uri zückt ein
altes Foto, man sieht, dass im Erdgeschoss
einst ein Schultheiss-Lokal war, außerdem
gab es die Likörfabrik und Großdestillation
Vanersa sowie »Eis-Grinzing«.
In der Seestraße bleibt Uri vor einem dieser
Billigmode-Läden mit viel Glitzer und Plingpling stehen, im Schaufenster verstörendes

Damenschuhwerk mit extrem hohen Absätzen und brikettdicken Plateaus, schon vom
Hinsehen tun einem die Füße weh. »Früher
war hier mal ein Geschäft für orthopädische
Schuhe«, hat Uri Hart herausgefunden.
Schöne Pointe. Urkomisch auch ihre Briefträger-Entdeckung an der Müllerstraße: Da
praktiziert ein Zahnarzt namens Rom – und
nur ein paar Meter weiter einer namens
­Römischer.
Neben dem Plingpling-Laden bleibt Uri vor
einem schlichten Versicherungsbüro stehen.
Bis vor ein paar Jahren war hier noch ein Juweliergeschäft, dann gab es einen Raubüberfall, die schwer geschädigte Inhaberin gab
das Geschäft auf. Während Uri erzählt, gesellt sich ein Anwohner dazu, hört das Gespräch und ergänzt: »Sie hat sich nie wieder
davon erholt.« Es stellt sich heraus, dass der
Mann schon seit vielen Jahren hier wohnt
und Seniorenvertreter im Bezirk Mitte ist,
die Zeitungsfrau kennt und auch die »Ecke
Müllerstraße«. So schließen sich die KiezKreise.
Neben ihren Kiezgeschichten gäbe außerdem auch noch einiges zu Uri Hart selbst zu
erzählen: Wie sie jetzt auch zum Boxen und
Personaltraining kam und Kinder in der
Leichtathletik trainiert, wie sie mal bei einer
Hochzeit mit Obama tanzte (da war er noch
US-Senator), sich mit einem Nobelpreisträger über Kartoffelpuffer unterhielt oder bei
Hassan II., König von Marokko, auf dem Klo
war. Und wie sie 2010 mit einem vertrackten
Vortrag (»Von einer Zuckerpuppe aus der
Bauchtanztruppe, einem keuschen dreiviertel-nackt tanzenden Mann, einem Moses
Mendelssohn ohne Verstand und wie der
Koran die Wahrheit fand: Die Akzente der
Bibel und ihre Auslegung am Beispiel von
Gen 39,8«) einen »Science Slam« gewann
und die »Zeit« begeisterte. Und wie es war,
als Zeitungsbotin die »Zeit«-Ausgabe mit
dem Bericht über sich selbst auszutragen. –
Das alles sind schon sehr spezielle Uri-Geschichten, die alle noch ausführlich erzählt
werden müssen.
us
Fotoausstellung: Uri Hart: »Übertüncht.
­Überstrichen. Alles weg!«, in der »Zunft­
wirtschaft« an der Armimiusmarkthalle,
­Arminiusstraße 2, Moabit, geöffnet Montag
bis Samstag, 16–00 Uhr

11

Schillerpark
Rehberge
Stadtteilzentrum Paul Gerhardt Stift

Informationen und Dokumentationen
zum Aktiven Zentrum Müllerstraße
sowie frühere Ausgaben dieser Zeitung
finden Sie auf der Website:
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Seestraße

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Rehberge

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Vor-Ort-Büro

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Wirtschaft und Ordnung: Carsten Spallek
Müllerstraße 146/147, 13353 Berlin
(030) 90 18-446 00
baustadtrat@ba-mitte.berlin.de
Stadtentwicklungsamt,
Fachbereich Stadtplanung
Müllerstraße 146, 13353 Berlin
Fachbereichsleiterin: Frau Laduch,
Zimmer 106, (030) 90 18-458 46
stadtplanung@ba-mitte.berlin.de
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donnerstags, 15.00–18.00 Uhr
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Aktives Zentrum und Sanierungsgebiet
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Peter Arndt
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Monat, 18–20 Uhr
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­Stadtteilvertretung erhalten möchten,
dann senden Sie eine E-Mail an:
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