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Periodical volume

Full text: Ecke Issue 2016,3

ecke

nr. 3 – mai 2016

müllerstraße
Ch. Eckelt

Seite 3: 21. Mai – Tag der Städtebauförderung Seite 5/6/7: Berlins dritte Gründerzeit
Seite 8/9: Rad-Vorrangrouten auf Nebenstraßen Seite 10: Zu Besuch bei den Kiezmüttern

Zeitung für das »Aktive Zentrum« und Sanierungsgebiet Müllerstraße. Erscheint achtmal im Jahr kostenlos.
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Stadtplanung

Termine
Runder Tisch Leopoldplatz

Dienstag, 7. Juni 2016, 19 Uhr, Volkshoch­
schule Wedding, Antonstraße 37, Raum 302
oder 202

Händlerfrühstück des Geschäfts­
straßenmanagements und der
­StandortGemeinschaft

Mittwoch, 1. Juni 7.30 Uhr, Ort wird vom
­Geschäftsstraßenmanagement noch bekannt
gegeben.

Ch. Eckelt

Sitzung der Stadtteilvertretung
­Müllerstraße mensch.müller

Welche Ecke?

An jedem ersten Donnerstag im Monat jeweils
um 19 Uhr im Vor-Ort-Büro Triftstraße 2

Sprechstunde der Stadtteilvertretung

montags 18–20 Uhr, Vor-Ort-Büro Triftstraße 2

ecke im Netz

Wo wurde dieses Foto aufgenommen? Wer es weiß, schicke die Lösung bitte mit genauer Absenderadresse an die Redaktion: ecke müllerstraße, c/o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21, 10115
Berlin oder per Mail an: eckemueller@gmx.net. Unter den Einsendern verlosen wir einen Kino­
gutschein für zwei Personen für das Kino Alhambra. Einsendeschluss ist Montag, der 30. Mai 2016.
Unsere letzte Rätselecke zeigte die Ecke Malplaquetstraße /Utrechter Straße am Café Tassen­
kuchen. Wir danken allen Teilnehmern! Gewonnen hat diesmal Familie Cinücen. Herzlichen
Glückwunsch! Der Preis wird Ihnen zugesandt.

Im Internet findet man alle bisher erschienenen Ausgaben der ecke ­müllerstraße unter
www.muellerstrasse-aktiv.de /offentlichkeitsarbeit/zeitung-ecke-muellerstrasse

Die nächste Ausgabe
erscheint ab 9. Juni.

Redaktionsschluss

Kommt himmelbeet bald doch aufs Dach?
Die Oliver-Kahn-Stiftung will an der Ruheplatzstraße bauen
Die Oliver-Kahn-Stiftung würde gerne zusammen mit dem Amandla EduFootball e.V.
aus München im Wedding einen sogenannten »Safe-Hub« errichten: Eine Bildungseinrichtung mit Fußballplatz, in der »Coaches« Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern. Der Bezirk
schlug der Stiftung das Gelände an der Ruheplatzstraße vor, wo derzeit himmelbeet
seinen Gemeinschaftsgarten betreibt.
»Dabei würden wir gerne mit himmelbeet
kooperieren«, meint der Geschäftsführer
des Vereins, Jakob Schlichting, »wir könnten uns einen Gemeinschaftsgarten auf dem
Dach gut vorstellen, auch weil die Projekte in
ähnliche Richtungen gehen.« Der Amandla
EduFootball e.V. betreibt solche Zentren bereits mit der Unterstützung der Oliver-KahnStiftung in Südafrika. »Im Wedding würden
die Themen Integration, Zukunftsperspek­
tiven für einheimische und geflüchtete
­Jugendliche und Jugendarbeitslosigkeit im
Zentrum unserer Arbeit stehen.« Der Fußballplatz, der ja bereits besteht, könnte wie

2

bisher von Schulen genutzt werden. Eine
Sporthalle, die im Wedding dringend benötigt wird, könnte in den Neubau integriert
werden. Am liebsten würde der Verein im
nächsten Jahr mit dem Bau beginnen. Ob
das in Berlin so schnell gehen kann, sei dahingestellt: Immerhin müsste der Bezirk die
Sporthalle auch irgendwie finanzieren und
auch für die Mehrkosten, die der Gemeinschaftsgarten auf dem Dach erfordert, müsste eine Lösung gefunden werden.
Die Projektmanagerin in Berlin ist Jasmina
Srna: »Wir stehen von Anfang an mit himmelbeet in Kontakt und suchen derzeit nach
weiteren Partnern im Kiez, mit denen wir
zusammenarbeiten können,« erklärt sie,
»ich würde das Projekt auch gerne dem Runden Tisch Leopoldplatz vorstellen.«
Bei himmelbeet wird das Projekt zur Zeit intensiv diskutiert, Anfang Juni will man eine
Stellungnahme dazu veröffentlichen.
cs
Kontakt: Jasmina Srna, (0176) 30380505,
srna@edufootball.org

Freitag, der 27. Mai.

Das Titelbild dieser Ausgabe
entstand während des »Wedding-Cup«,
des größten Faustball-Turniers der Welt,
am 16. und 17. April im Schillerpark.

Baustellen­führungen
und B
­ austellenrallye
Zum Tag der Städtebauförderung am 21. Mai
Am Samstag, dem 21. Mai findet wieder der »Tag der Städtebauförderung« statt – in über 500 Städten und Gemeinden in ganz Deutschland. Besonders engagiert dabei ist der Bezirk Berlin-Mitte. Dort finden mehr Veranstaltungen statt als in irgendeinem anderen Bezirk
der Stadt. Auch das Aktive Zentrum Müllerstraße ist wieder dabei.
Am 21. Mai kann man sich in der neuen Schiller-Bibliothek über einige ausgewählte Projekte informieren, die mit Hilfe des Städtebauförderprogramms »Aktive Stadt- und Ortsteilzentren« im Sanierungsgebiet Müllerstraße realisiert wurden oder noch realisiert werden sollen. Dabei kann man natürlich auch mit den dafür zuständigen
Mitarbeitern des Bezirks sowie des Büros Jahn, Mack und Partner ins
Gespräch kommen, das für die Prozesssteuerung im Gebiet zuständig
ist. Auch die Stadtteilvertretung mensch.müller wird mit einem eigenen Informationsstand vertreten sein. Zudem gibt es stündlich Baustellenführungen, und am Ende wird feierlich der neue Kinderspielplatz auf dem Zeppelinplatz eröffnet.
Los geht es um 11 Uhr mit der Eröffnung der Open-Air-Ausstellung
»Mein Wedding 3« auf dem Mittelstreifen der Müllerstraße. Vier Wochen lang präsentiert dort die StandortGemeinschaft, unterstützt
vom Geschäftsstraßenmanagement Müllerstraße wieder großflächige Wedding-Bilder: Fotos, Malerei, Fotomontagen. Man darf gespannt sein, welche Werke die Jury in diesem Jahr aus den eingereichten Vorschlägen ausgewählt hat.
Um 12 Uhr beginnt die erste Baustellenbesichtigung – wobei auf dem
Max-Josef-Metzger-Platz noch keine Baustelle zu sehen sein wird:
Die wird erst später im Jahr eingerichtet. Die dazu notwendigen Bauplanungsunterlagen werden derzeit erarbeitet, die Ideen wurden in
einem mehrstufigen Verfahren der Bürgerbeteiligung und der Kinderund Jugendbeteiligung im vergangenen Jahr und im Januar entwickelt
und werden hier vorgestellt. Untersucht wurde der Platz aber schon
auf Überreste von Kampfmitteln aus dem 2. Weltkrieg. Zwar steht der
Abschlussbericht noch aus, es wurden wohl aber keine schwerwiegenden Funde gemacht.

Um 13 Uhr geht es dann auf eine »richtige« Baustelle: auf den »Platz
um das Jobcenter am Rathaus Wedding herum« oder, wie es die meisten Anwohner gerne hätten, den künftigen »Elise und Otto HampelPlatz«. Dort ist der erste Bauabschnitt in vollem Gange: der vordere
Platzbereich an der Müllerstraße. Vor kurzem konnte man dort noch
einen riesigen Regenwassertank besichtigen, der unter dem Platz bei
Starkregen die Wassermassen auffangen und somit verhindern soll,
dass sich Abwasser aus der hier vorherrschenden Mischkanali­sation
in die Spree oder die Kanäle ergießt und diese damit verunreinigt.
Unter anderem wegen des Baus dieser Anlage wird sich der ursprüngliche Zeitplan für den Platzumbau verzögern, derzeit rechnet man
mit der Fertigstellung Ende 2017.
Um 14 Uhr ist der Zeppelinplatz das Ziel. Dort hat sich bereits viel
getan, es wird aber auch noch einiges folgen. Die Ideen dazu wurden
in einem sehr intensiven Verfahren der Bürgerbeteiligung entwickelt,
an der sehr viele Anwohner, die Stadtteilvertretung mensch.müller,
die Bürgerinitiative Brüsseler Kiez und die Beuth-Hochschule für
Technik beteiligt waren.
Um 15 Uhr wird dort der Abschluss des ersten Bauabschnittes gefeiert: Der Kinderspielplatz auf dem »Zeppi« wird bei hoffentlich gutem Wetter eröffnet. Wahrscheinlich werden ihn die Kinder und die
Familien aber schon vorher in Besitz genommen haben, wie das im
Wedding ja üblich ist. Doch der passende Termin für eine offizielle
Eröffnung ist eben der »Tag der Städtebauförderung«.
Wem das alles noch nicht reicht, der kann sich auch an der »Baustellenrallye« beteiligen. In der Bibliothek werden die Fragebögen ausgegeben, die später auch im Internet auf der Website mueller­strasseaktiv.de heruntergeladen werden können. Bis zum 6. Juni hat man
dann Zeit, die Fragen zu beantworten und die Bögen abzugeben. Es
gibt dabei tolle Preise zu gewinnen!
Im Verbreitungsgebiet dieser Zeitung finden darüber hinaus auch
weitere Veranstaltungen im Rahmen des Tages der Städtebauförderung statt: Am Pekinger Platz trifft man auf die Bürgerredaktion und
die Akteure des Runden Tisches SprengelKiez. Mitmach-Aktionen
und ein musikalisches Begleitprogramm sind geplant. Am Nauener
Platz wird ab 15 Uhr die Spielplatz-Saison von der Kulturinitiative
»unverblümt« musikalisch eröffnet, die zudem vor dem Büro des QM
Pankstraße um 18 Uhr ein Konzert organisiert.
cs

Impressum

Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt
Redaktion: Christof Schaffelder,
Ulrike Steglich
Redaktionsadresse:
»Ecke Müllerstraße«, c /o Ulrike Steglich,
Elisabethkirchstraße 21, 10115 Berlin
Tel (030) 44 01 06 05, eckemueller@gmx.net
Fotos: Christoph Eckelt, eckelt@bildmitte.de
Entwurf und Gestaltung:
capa, Anke Fesel, www.capadesign.de
Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH,
www.berliner-zeitungsdruck.de
V.i.S.d.P.: Ulrike Steglich
Für den Inhalt der Zeitung zeichnet nicht
der Herausgeber, sondern die Redaktion
verantwortlich.

Höhepunkt des diesjährigen Tages der Städtebauförderung am 21. Mai im Aktiven Zentrum
Müllerstraße ist die Eröffnung des neu gestalteten Kinderspielplatzes auf dem Zeppi.
Gegen 15 Uhr dürfte das Bändchen zerschnitten werden.

Ch. Eckelt

Bilderrätsel: Gewinner gesucht!

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Illegale Ferienwohnungen online melden
Seit 2014 gilt in Berlin das Zweckentfremdungsverbot. Das Gesetz
soll die unkontrollierte Umnutzung des knappen Wohnraums u.a. zu
gewerblich genutzten Ferienwohnungen verhindern. Leerstand, Abriss und die Nutzung der kompletten Wohnung als Ferienwohnung
sind jetzt nur noch mit Ausnahmegenehmigung möglich.
Bei Verstößen gegen das Gesetz drohen Bußgelder von bis zu 100.000
Euro. Für die Kontrolle sowie die Genehmigungsverfahren sind die
Bezirke zuständig. Nach einer Übergangszeit von zwei Jahren endete
nun zum 1. Mai auch die Duldungsfrist für bereits existierende, nicht
gemeldete Ferienwohnungen. Prompt gab es eine Woche vor dem
Stichtag einen regelrechten Ansturm auf Ausnahmegenehmigungen,
berichtete Stephan von Dassel, der als Sozialstadtrat in Mitte für die
Umsetzung des Gesetzes zuständig ist.
Er hatte schon lange mit diesem Effekt gerechnet. Denn bislang hatten nur wenige Betreiber und Eigentümer von Ferienwohnungen
diese auch angemeldet. In Berlin gibt es ca. 24.000 Ferienwohnungen, doch nur ein Viertel ist offiziell angemeldet. Allein in Mitte werden noch ca. 5000 Wohnungen als Ferienwohnungen vermietet – davon schätzungsweise 3500 illegal. Bislang hat der Bezirk über 900
Verfahren eingeleitet. Um die Bearbeitungskapazitäten in den Bezirksämtern zu verstärken, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 30 zusätzliche Stellen ausgeschrieben.
Bürger können Verstöße gegen das Ferienwohnungsverbot jetzt auch
online melden. Ein entsprechendes Formular hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf ihrer Internetseite eingerichtet, um
die Bezirke bei der Kontrolle zu unterstützen.
Das Meldeformular findet man unter der Internetadresse
www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/zweckentfremdung_wohnraum

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2 Tage Wedding

Ganz ohne Subventionen und Fördermittel organisiert eine Kulturinitiative im September das Festival »2 Tage Wedding«. Insbesondere die
Weddinger Kreativszene ist dazu aufgerufen, an diesen Tagen ihre
­Räume zu öffnen und Aktionen durchzuführen. Noch bis zum 15. Mai
kann man sich dazu auf der Website »www.2tagewedding.com« anmelden. Bis dahin sollte man auch die 15 Euro Teilnahmegebühr entrichten,
die dazu dient, die Sachkosten z.B. für den Druck von Flyern und den
Betrieb der Website zu decken. Die Arbeitsleistungen wollen die Künstler ehrenamtlich erbringen. Die Idee dazu hatte die Fotografin Andrea
Krizsai von der Nomad Store & Gallery in der Sprengelstraße 23. Auch
die Stadteilvertretung mensch.müller und der Runde Tisch Leopoldplatz
unterstützen das Projekt und wollen sich mit eigenen Aktionen beteiligen.

Bitte nicht füttern!

Auch Ratten bedienen sich an herumliegenden Nahrungsmitteln
Der Spielplatz ist inzwischen wieder geöffnet. Aber im März und April,
genau in der Jahreszeit also, in der es langsam wärmer wird und es die
Kinder nach draußen treibt, musste der neugestaltete Spielplatz auf
dem Leopoldplatz wegen Rattenbefalls für viele Wochen geschlossen
werden.
Bei seinen regelmäßigen Kontrollgängen hatte das Grünflächenamt
Rattennester entdeckt und eine Spezialfirma mit der Bekämpfung beauftragt. Weil dabei Giftköder ausgelegt werden, musste der Spielplatz
komplett gesperrt werden. Ratten können Krankheitserreger wie Sal­
monellen, Leptospiren oder Toxoplasmen übertragen, die zu schweren
Organschädigungen führen können.
Oft ist es falsch verstandene Tierliebe, die die Ratten anlockt. Auf dem
Leopoldplatz jedenfalls soll ein Mann immer wieder Futter für die
­Tauben ausstreuen, so berichtete Hüseyin Ünlü vom Café Leo am Runden Tisch Leopoldplatz. Der Mann soll jetzt von der Polizei angesprochen werden. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Rattenplage auf
das Verhalten eines Einzelnen zurückzuführen ist. Wie Hundebesitzer
berichten, liegen in den Grünflächen der Stadt oft Nahrungsmittelreste
herum, die von sorglosen Mitbürgern einfach in die Büsche geworfen
werden. Damit gefährden sie nicht nur die Hunde, sondern züchten
geradezu auch die Ratten in der Umgebung.
cs

Berliner Baupanik
Es gibt derzeit zwei Ängste, die – rational gesehen – konträr sind und
dennoch oft in kurioser Personalunion daherkommen: einerseits die
Angst vor Verdrängung angesichts eines überspannten Wohnungsmarkts, der die Mieten hochtreibt. Die Nachfrage übersteigt seit Jahren das Angebot. Andererseits wird zugleich vehemente Abwehr gegen Wohnungsbauvorhaben laut, die doch eigentlich den Wohnungsmarkt entlasten könnten. Und weil man sich gegen Privatinvestoren
schlecht wehren kann und Politikbashing im Zweifelsfall immer chic
ist, richtet sich der Protest vorzugsweise gegen kommunale Projekte.
Interessanterweise findet man die Personalunion beider Ängste und
den heftigen Protest meist in der deutschen Mittelschicht und oft bei
jenen, die selbst vor nicht allzu langer Zeit zugewandert sind. Auch
sie haben die Stadt mitverändert: ob als Hausbesetzer oder -besitzer,
Mieter, Eigentumswohnungskäufer, Baugrüppler. Einerseits ist man
stolz auf das großstädtische Berlin, deshalb ist man ja selbst gekommen. Andererseits soll nun alles möglichst so bleiben, wie man es
vorgefunden und sich eingerichtet hat: den Status quo wahren. Echte
Großstädte wie Berlin kennen aber keinen Status quo – schon deshalb eben, weil ständig neue Leute ankommen. Und man kann ja
schlecht eine neue Mauer bauen.
Dabei hört man in öffentlichen Debatten eher selten jene, die wirklich verzweifelt eine bezahlbare Wohnung suchen – Familien mit
Nachwuchs, Geringverdiener, Migranten, auf Sozialhilfe Angewie­
sene. Man hört auch nicht jene, die sich mit mehreren Personen 70
Quadratmeter teilen müssen (während andere allein 100 qm ihr eigen nennen). Stattdessen dominieren die Stimmen des Mittelstands,
der seine Ängste, Bedenken und Einwände formuliert, gern mit ökologischen Argumenten. Da geht es um Stadtbäume, Nistplätze für

Spatzen, Kleingärten, Spielplätze oder Kaltluftschneisen. Es klingt,
als solle demnächst die ganze Stadt zubetoniert werden. Gewarnt
wird vor zu hoher Verdichtung in der Innenstadt, vor Hochhäusern,
vor Banlieues, vor Umlandzersiedelung. – Aber Großsiedlungen
müssen keine Banlieues sein: Es kommt auf die Belegung an, auf
städtebauliche Qualität, Anbindung und Infrastruktur. Hochhäuser
(wir reden hier nicht von Wolkenkratzern) sind nicht per se Horte
der Verwahrlosung, sondern können Erschließungskosten sparen
und den Flächenverbrauch schonen – mehr als zahllose Reihenhaussiedlungen in grünen Randgebieten. Und serielle Bauweise ist nicht
automatisch monotoner Plattenbau, sondern erstmal eine Technologie, um kostengünstig und effizient Wohnraum für viele zu schaffen.
Nicht jeder Parkplatz ist eine wertvolle Kaltluftschneise, nicht jede
Brachfläche ein hoch genutzter Freiraum. Und es gibt noch viele Ressourcen: nicht genutzte Gewerberäume und Gewerbeflächen beispielsweise, oder unerschlossene Flächen am Rand zu Brandenburg.
Nicht zu vergessen das enorme Potenzial, das Berlin als traditionell
polyzentrale Stadt bietet: Es gibt auch Leben außerhalb des S-Bahnrings. Und es gibt viele ältere Menschen, die gern ihre zu groß gewordene Wohnung für junge Familien freimachen würden, wenn sie
denn eine bezahlbare kleinere Wohnung fänden.
Dass Berlin wächst, ist kein neues Phänomen, nur weil die Stadt ein
paar Jahrzehnte stagnierte. Berlin erzählt an jeder Ecke von seiner
Tradition als Zuwandererstadt und auch davon, wie man damit umgehen kann. Lustig ist es, dass etliche der heutigen Bedenkenträger
bevorzugt in Gründerzeitbauten wohnen, die heute beliebt und teuer
sind und damals eine Reaktion auf die Bevölkerungsexplosion während der industriellen Revolution waren.
Berlin hat schon viele Krisenzeiten bewältigt. Die letzte ist gerade
mal 20 Jahre her, als die Stadt die Folgen der Wiedervereinigung
schultern und die Teilung überwinden musste bei gleichzeitiger Deindustrialisierung, grassierender Arbeitslosigkeit, einem immensen
Schuldenberg. Kaputtgegangen ist der Laden trotzdem nicht. Auch
dank der Gelassenheit und des unaufgeregten Pragmatismus der Berliner. (Siehe Seite 6/7)
us

Bildecke

Ch. Eckelt

Zweckentfremdung

Kommentar

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Boule auf dem Leo
Vor der Neuen Nazarethkirche kann man
prima Boule spielen. Immer mehr entdecken
das bei der Neugestaltung des Leopoldplatzes
angelegte Spielfeld und nutzen es für das
­französische Wurfspiel mit den Stahlkugeln.
Der Runde Tisch Leopoldplatz schafft jetzt
zwei Pétanque-Sets an – aus den Mitteln, die
er von der Landeskommission Berlin gegen
Gewalt zusammen mit dem Berliner Präventionspreis bekommen hat. Die Sets kann man
künftig im Café Leo auf dem vorderen Leopoldplatz ausleihen. Am 10. und 11. September
will der Runde Tisch im Rahmen des Kultur­
festivals »2 Tage Wedding« auf dem Platz
ausgiebig Boule spielen.

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»Alle wollen wohnen«: Auf dem letzten Stadtforum ging
es um neuen Wohnraum in der wachsenden Stadt

Etwa 500 Interessierte waren gekommen, die kleine Arena des Tempodrom überfüllt – was die Brisanz des Themas nochmals verdeutlichte. »Alle wollen wohnen« war das Motto des jüngsten Stadtforums
Anfang April. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel zeigte sich
auch hier als Freund klarer Worte – in seinem Einführungsvortrag
benannte er prägnant die dringlichsten Probleme, mit denen sich Berlin
als rasant wachsende Stadt konfrontiert sieht und für die in der Stadtentwicklung schnell tragfähige Lösungen gefunden werden müssen.
In den letzten fünf Jahren ist Berlin unterm Strich um 220.000 Einwohner gewachsen – so viele, wie beispielsweise in Erfurt leben. Bis
2020 werden nochmals ca. 145.000 hinzukommen, so die Prognose.
Berlin steuert also zügig die 4-Millionen-Marke an, binnen 10 Jahren
wäre es bis 2020 insgesamt um eine Stadt von der Größenordnung
Bochums gewachsen. Es sei dabei wenig hilfreich, so Geisel, den Zuzug zu problematisieren nach dem Motto »Muss das denn sein« –
vielmehr entspricht das einer globalen Entwicklung: Weltweit drängen die Menschen in die Ballungszentren. In Berlin sind dies keineswegs nur Flüchtlinge: Die Neuberliner kommen zu großen Teilen
aus anderen deutschen Regionen oder dem europäischen Ausland.
Dabei stehen weniger die Sozialsysteme unter Druck (die Erwerbs­
tätigenquote steigt stärker als die Einwohnerzahl), wohl aber der
Wohnungsmarkt, denn: »Alle wollen wohnen«.

Die Spekulationsblase bremsen
Doch der Markt hält mit dem Wachstum nicht Schritt, die Nachfrage
übersteigt das Angebot, die Mieten und Grundstückspreise explodieren. Berlin braucht also schnell neuen und vor allem preiswerten
Wohnraum – ca. 100.000 Wohnungen in den nächsten fünf Jahren,
prognostiziert die Senatsverwaltung. Im Jahr 2015, so Geisel, wurden
für 22.500 Wohnungen Neubau­genehmigungen erteilt, davon wurden bislang 12.500 fertiggestellt. Notwendig wären aber ca. 20.000
realisierte neue Wohnungen pro Jahr, und das mehrere Jahre in Folge. Deshalb sei auch die Wohnungsbauförderung wieder eingeführt
worden. Dringend benötigt werden Sozialwohnungen, in diesem und

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dem nächsten Jahr werden insgesamt 5.500 gefördert, doch das
reicht noch nicht, ab 2018 müssten es jährlich 5000 sein, sagte Geisel. Laut Berliner Mieterverein hätten 55 % der Berliner Anspruch
auf einen Wohnberechtigungsschein. Hinter den Zahlen stehen mehrere Probleme, auch dies führte der Senator aus: Erstens: Es dauert
zwei bis drei Jahre, bis ein Bau realisiert ist. Zweitens bedeutet eine
Baugenehmigung noch nicht, dass ein Privatinvestor auch wirklich
baut: 40 % der erteilten Genehmigungen werden nicht umgesetzt,
aus spekulativen Gründen. Denn ein Grundstück mit Baugenehmigung verkauft sich noch lukrativer – und von Jahr zu Jahr immer teurer: Die Grundstückspreise stiegen allein 2014 um 30 %, 2015 nochmals um satte 50 %. Für Grundstücks­eigentümer verdoppelt sich
binnen zwei Jahren also das Vermögen schon, ohne dass sie auch nur
eine Hand rühren müssten. »Wir müssen etwas bei der Grunderwerbssteuer tun, um diese Spekulationsblase zu bremsen«, sagte Geisel, »sonst brauchen wir über preiswertes Wohnen gar nicht reden.«

Wo kann gebaut werden?
Doch auf welchen Flächen soll und kann gebaut werden? Die Senatsverwaltung hat stadtweit ein Potenzial von 1300 Standorten für insgesamt 150.000 Wohnungen ermittelt, dazu 10 weitere Standorte für
50.000 Wohnungen. Soweit die Theorie. In der Praxis sind Änderungen des Flächennutzungsplanes notwendig, müssen mehr Bebauungspläne bearbeitet werden, wofür jetzt eine »Task Force« mit 50
zusätzlichen Stellen aufgestellt wird. Angesichts des Engpasses an
preisgünstigen Flächen wird auch darüber nachgedacht, mehr Sanierungsgebiete auszuweisen, in denen das Land die Preisentwicklung
noch etwas kontrollieren kann. Doch auch Kaufpreisüberprüfungen
nutzen nicht viel, wenn die Bodenrichtwerte und Immobilienpreise
insgesamt explodieren.
Das macht es auch für Genossenschaften schwer, die gern mehr
preiswerten Wohnraum errichten würden, um zur Lageentspannung
beizutragen. Doch wo, wenn innerstädtische Grundstücke langsam
unerschwinglich werden?
Natürlich rächt sich jetzt die jahrelange Privatisierungspolitik des Senats bei Grundstücken und landeseigenen Wohnungsbeständen seit
den 90ern. Viel hängt nun davon ab, wie Berlin künftig seine Grundstückspolitik und dem Umgang mit landeseigenen Flächen gestaltet,
auch Gewerbeflächen müssen auf ihre Potenziale geprüft werden.
Sicher ist, dass sozialer Wohnungsbau und preiswerte Wohnungen in
Größenordnungen nur durch die öffentliche Hand, sprich: städtische
Wohnungsbaugesellschaften oder aber durch Genossenschaften entstehen wird. (Zum Vergleich: In Wien, das vergleichbare Zuwachs­
raten verzeichnet, leben 60 % der Bevölkerung in städtischen Sozialwohnungen. Städtische Bauvorhaben dominieren.)
Die Praxis zeigt aber auch, dass dort, wo das Land Berlin selbst bauen
könnte, sich oft Widerstand von Anwohnern formiert. Hier wird Geisel deutlich: Wenn die Nachfrage deutlich das Angebot übersteigt,
könne man nicht einerseits die Mietpreisdämmung fordern und andererseits städtischen Neubau in der Innenstadt blockieren. Wenn
man Verhältnisse wie in London und Paris vermeiden wolle, wo das
Wohnen in der Innenstadt zum Luxus geworden ist und Ärmere an
die Peripherie gedrängt werden, und wenn man die Berliner soziale
Mischung erhalten will, müsse man jetzt gegensteuern – mit preiswertem Neubau und Nachverdichtungen auch in der Innenstadt.

Sorgsamer Flächenumgang, höher und effizienter bauen
Immerhin stattliche 44% Berlins sind Grün- und Freiflächen – fast
die Hälfte der Stadt. Das ist einerseits ein großer Reichtum, auf den
andere Großstädte eher staunend blicken. Andererseits gibt es dabei
auch (immer noch bedingt durch die frühere Teilung) sehr viel
Brachraum, der für Bebauungen in Frage käme. In diesem Zusammenhang verwies Geisel auf das Landschaftsprogramm, dessen Aktualisierung der Senat im April beschlossen hat. Es weist wichtige
Grünzüge und Flächen aus, die geschützt bzw. weiterentwickelt und
ausgebaut werden.
Damit wollte Geisel wohl auch jenen Kritikern antworten, die gern
ökologische Argumente gegen Neubebauungen ins Feld führen. Dabei ist die Grünbilanz der Stadt alles andere als bedenklich – man
darf bei der Gelegenheit auch daran erinnern, dass in den letzten Jahren erhebliche (Förder)Mittel in die Erneuerung, Erweiterung bzw.
Neuanlage zahlreicher innerstädtischer Grünflächen und Parks geflossen sind.
Um wichtige Grünressourcen weiter schonen zu können, so Geisel,
ist – und das ist der nächste wichtige Punkt – ein sorgsamer Umgang
mit dem Flächenverbrauch nötig. Das bedeute auch, teilweise dichter und höher zu bauen als bisher. Zum anderen müsse man Vorurteilen gegen den seriellen Wohnungsbau (»Platte 2.0«) begegnen: Dieser sei notwendig, um effektiv und zügig zu bauen – entscheidend
seien die Qualität und die städtebauliche Gestaltung. Dabei verwies
Geisel auch auf Berliner Siedlungsbauten der 20er Jahre, die heute
zum Weltkulturerbe gehören: überzeugende Beispiele, wie man auf
eine Gründerzeit mit nachhaltigem und qualitätsvollen sozialen
Wohnungsbau reagieren kann. Heute geht es außerdem darum, auch
auf veränderte Anforderungen an Infrastruktur und Mobilität, Wohnund Arbeitsformen und auf die demografische Entwicklung mit immer mehr älteren Bewohnern zu reagieren. Mit anderen Worten:
Über die Qualität einer sozialen Wohnsiedlung entscheidet nicht per
se die schiere Bewohnerzahl oder die Lage, sondern eine kluge stadtplanerische Gestaltung, vielfältige und flexible Wohnungsschnitte
für unterschiedliche Nutzer von Singles über Familien bis zu Senioren, die Mischung von Wohn- und Arbeitsräumen, die infrastrukturelle Ausstattung mit Kitas, Schulen, Einzelhandel, Freiflächen und
eine gute Erschließung mit dem ÖPNV.

Zum anderen spalte sich die bisherige Mittelschicht in eine obere,
der es immer besser gehe (Beispiel: das Paar mit gutbezahlten Jobs
und mit Kindern, das sich eine 900.000 Euro teure, große Eigentumswohnung in Kreuzberg leisten kann), und eine zunehmend
­prekäre, verunsicherte »untere« Mittelschicht (Beispiel: der Architekt mit 1000-Euro-Mietwohnung in Kreuzberg) – mithin die erste
»Gentrifizierer«-Generation, die sich nun vor Verdrängung fürchtet.
Man könnte hinzufügen, dass sich die Mittelschicht auch in einer
weiteren Hinsicht spaltet: in jene mit nennenswerten Erbschaften
(meist West) und jene ohne (in der Regel Ost). – Hinzu kommt, dass
auch hochgebildeten Haushalten Altersarmut droht.
Bude sieht die Angst auch als Thema für den Städtebau – die Frage
sei, wie man mit diesen neuen Spaltungen umgehe. Zugleich aber
zeigte er Zuversicht: »Berlin kann diese Probleme lösen, weil es ein
politisch-soziales Bewusstsein gibt.«
us
Mehr dazu im Internet unter
www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtforum
Hier sind auch die Diskussionsbeiträge zum begleitenden Blog
­nachzulesen. Die Vorträge von Andreas Geisel und Heinz Bude
sind als Video abrufbar.
Das nächste Stadtforum findet am 20. Juni statt.
Ein Eintrag aus dem Internet-Diskussionsforum:
»Berlin ist eine wachsende Stadt – das ist auch gut so! Es zeigt, dass
Berlin eine Zukunft hat und es auch wieder wirtschaftlich aufwärts
geht. Bis auf die Jahrzehnte nach dem Krieg und der Teilung ist Berlin
immer gewachsen, sonst wäre Berlin heute noch ein unbedeutendes
Dorf. Man muss sich erst wieder an den Zustand des Wachsens gewöhnen. Im Vergleich zu anderen Metropolen in der Welt ist das Wachstum
aber bescheiden, trotzdem erzeugt es Konflikte. Wir brauchen neue
Wohnungen in der Innenstadt und am Stadtrand- es wird zwangsläufig
enger werden! Na und? Halt echte Großstadt! Die Infrastruktur muss
mitwachsen. Man wird nicht jede Frei- und Grünfläche erhalten können. Ich bin kein Politiker, aber das Gemaule vieler Ansässiger kann ich
nicht nachvollziehen. (…) Leider entstehen zu viele Eigentumswohnungen – dies liegt aber daran, dass die meisten Grundstücke im Privat­
besitz sind.«

Die neue Klassenfrage – Dienstleistungsproletariat und
Spaltung der Mittelschicht
Berlin, darin waren sich viele Diskussionsteilnehmer einig, erlebt
nun eine dritte Gründerzeit, hat aber eben auch schon eine erste und
zweite bewältigt. Die gesellschaftliche Herausforderung für Berlin
beschrieb der renommierte Soziologe Heinz Bude (der in seinem
neuen Buch »Das Gefühl der Welt« die Entstehung und Auswirkungen kollektiver Stimmungen analysiert). In seinem Vortrag attestierte er Berlin eine »Baupanik« – mithin die Beunruhigung angesichts
der neuen Zuwanderung.
Der Soziologe sieht für die nächsten 30 Jahre einen neuen »Trend«:
Während die Ungleichheit zwischen unterschiedlichen Gesellschaften abnimmt, wächst sie gleichzeitig innerhalb einer Gesellschaft.
Bude spricht hier von einer »neuen Klassenfrage«. In den letzten 20
Jahren seien in Deutschland zwei neue Spaltungen zu beobachten.
Zum einen entstehe ein neues Proletariat – das der Dienstleister,
etwa in der Pflege oder im Transport. Sie arbeiten zwar in »nichtprekären« Jobs (also Vollzeit, unbefristet und sozialversichert) – aber
ihr Nettoeinkommen ist niedrig, im Schnitt um die 1000 Euro, und
sie haben keine Aufstiegsmöglichkeiten.

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Die dritte Gründerzeit

Neubau der Wohnungsbaugenossenschaft Berolina in der Luisenstadt

Wohnsiedlung Carl-Legien, Prenzlauer Berg, Bruno Taut, 1928–1930

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Der BUND Berlin hat andere Vorstellungen
als der »Volksentscheid Fahrrad«
Im Mai beginnt die erste Phase des »Volksentscheid Fahrrad«. Rund
20.000 gültige Unterschriften müssen für ihren Erfolg gesammelt
werden. Kaum einer zweifelt daran, dass das weit schneller als in der
vorgegebenen Frist von sechs Monaten gelingen wird. Denn viele Organisation unterstützen das Anliegen: z.B. der ADFC Berlin, Greenpeace, der Fachverband Fußverkehr FUSS e.V. oder der Fahrgastverband Pro Bahn.

Ch. Eckelt

Der Radverkehr in Berlin hat in den letzten Jahren stark zugenommen – vor allem in der Innenstadt. Wer Amsterdam, Kopenhagen
oder Stockholm besucht, merkt jedoch deutlich, dass wir hier noch
weit von einer fahrradfreundlichen Stadt entfernt sind. Es besteht
politischer Handlungsbedarf, der sich jetzt im Volksentscheid manifestiert.
Das sieht auch Tilo Schütz so, der Radverkehrsexperte des Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) Berlin. Allerdings hält er den Gesetzesvorschlag des Volksentscheides für wenig hilfreich. »Rein quantitative Vorgaben zu Radschnellwegen oder Fahrradstraßen helfen bei
der Durchsetzung vor Ort nicht weiter.« Tilo Schütz ist in vielen
»FahrRäten« aktiv, Beratungs­gremien, in denen sich Politik, Verwaltung und Fachöffentlichkeit regelmäßig über die aktuelle Radverkehrsprojekte austauschen, er wirkt unter anderem im FahrRat der
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt und im FahrRat
des Bezirks Mitte mit. »In der Praxis scheitern viele Projekte nicht
am mangelnden Wohlwollen der Politik, sondern an den lauten Protesten von Anwohnern, sobald irgendwo ein Parkplatz entfallen
soll«, erzählt er. Deshalb befürchtet er, dass ein Volksentscheid nur
weiter polarisieren wird. »Es wäre sinnvoller gewesen, ein breites
Bündnis des Umweltverbundes, also mit Fußgängern und Fahrgästen
gemeinsam, herzustellen. So tritt der Radfahrer wieder als Einzelkämpfer auf.«
Der Volksentscheid fordert unter anderem Radverkehrsanlagen an
allen Hauptstraßen, »Grüne Wellen« für Radfahrer sowie den Bau
von acht bis zehn kraftfahrzeug- und (möglichst) ampelfreien »Rad­

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schnellwegen« von mindestens fünf Kilometern Länge. Tilo Schütz,
der für den BUND auch einen Fahrradstadtplan ausarbeitet, kennt
jeden Winkel der Stadt aus der Radfahrerperspektive. »Solche Rad­
schnellwege lassen sich vielleicht in den Außenbereichen Berlins anlegen. Aber in der hochverdichteten Innenstadt, wo der meiste Radverkehr herrscht, gibt es kaum Trassen dafür.« Deshalb schlägt er im
Einklang mit dem BUND »Berliner Rad-Vorrangrouten« vor, die vor
allem über Nebenstraßen verlaufen. Wo es geht, sollen diese zu
»Radstraßen« gewidmet werden, in denen KFZ höchstens für den
Anliegerverkehr unterwegs sein dürfen. Eine Musterroute führt von
Tegel über das künftige Kurt-Schumacher-Quartier, die Beuth-Hochschule, den Nordbahnhof, den Schlossplatz, Kreuzberg und Neukölln
bis zur Wissenschaftsstadt Adlershof und hat Abzweige zum künftigen Forschungspark TXL und in die Gropiusstadt. »Diese Route führt
also mittenmang durch Gebiete, in denen viele Berliner wohnen,
­arbeiten oder studieren.«
Die Reisegeschwindigkeit der Radfahrer soll auf der Vorrangroute erhöht werden, indem man die Wartezeit an Kreuzungen reduziert.
Auf bis zu drei Kreuzungen hintereinander dürfe auf Nebenstraßen
Rechts vor Links aufgehoben und Vortritt gewährt werden, ohne dass
die Straße Vorfahrtsstraße werden muss. Das reicht in der Regel bis
zur nächsten Kreuzung mit einer Hauptstraße. »Natürlich macht der
Vorrang dann die Radstraße auch für Autofahrer attraktiv, aber nur
dann, wenn sie hier nicht ständig Pulks von Radfahrern hinterherfahren müssen«, erklärt Tilo Schütz.
An Kreuzungen mit Hauptstraßen könnten etliche Ampeln durch
Kreisverkehre ersetzt werden, anderswo schlägt Tilo Schütz den Bau
von breiten Mittelinseln vor, auf denen Radfahrer halten und warten
können: »Dann können sie ohne Lichtsignalanlage die beiden Richtungsfahrbahnen der Hauptstraße nacheinander überqueren und
müssen nicht warten, bis die gesamte Fahrbahn frei ist.« Auf der
rund 17,5 Kilometer langen Kernstrecke zwischen Kurt-SchuhmacherDamm und Britz käme die Rad-Vorrangroute mit lediglich 16 Ampelanlagen aus, bei elf Kreisverkehren und 5 Mittelinseln. Rund die
Hälfte dieser Strecke verläuft über Fahrradstraßen, ein knappes Viertel sogar auf eigenen Radbahnen, wo motorisierter Verkehr generell
nicht zulässig ist. Nur gut ein Viertel wäre auf Radstreifen am Fahrbahnrand angesiedelt, z.B., weil man Nebenstraßen mit BVG-Busverkehr nicht in Radstraßen umwidmen kann.
Ähnliche Routen kann sich Tilo Schütz auch andernorts vorstellen:
zum Beispiel eine aus Charlottenburg über die Turmstraße, den
Sportpark Poststadion, die künftige »Europa-City« und eine bereits
geplante neue Brücke über den Kanal bis zum Kreisverkehr unter der
Liesenbrücke, wo sie auf die schon ausgearbeitete Nord-Süd-Route
träfe. Natürlich würde die konkrete Umsetzung längere Zeit in Anspruch nehmen, vor allem auch, weil die zweistufige Verwaltung in
Berlin solche Projekte nicht gerade erleichtert: Für die Nebenstraßen
sind die Bezirke zuständig, die Übergänge an den Hauptstraßen jedoch unterstehen der Verkehrslenkung Berlin.
Immerhin hat Senator Andreas Geisel inzwischen die Einrichtung
eines landeseigenen Betriebes für den Bau und Betrieb von Radwegen angekündigt – ähnlich der Grün Berlin GmbH, die zahlreiche
Parks in Berlin betreut. Die Planung und Einrichtung von Rad-Vorrangrouten wäre doch eine nette Aufgabe für diese neue Institution!

cs
Die Broschüre »mittenmang Radschnellverbindungen und Berliner
Rad-Vorrangroute« kann man auf der Website des BUND Berlin
­herunterladen:
www.bund-berlin.de, Presse, Pressemitteilungen, 12. April 2016

Rad-Vorrangroute
im Wedding?
Was der BUND im einzelnen vorschlägt
Der Streckenverlauf der vom BUND Berlin vorgeschlagenen Rad-Vorrangroute im Wedding ist insgesamt schlüssig. Im nordwestlichen
Teil folgt er dem breiten Straßenzug aus Togo- und Antwerpener
Straße, der auch jetzt schon von vielen Radfahrern als Alternative zur
Müllerstraße genutzt wird. Dann schwenkt er in den Straßenzug
Trift-, Gericht- und Gartenstraße ein. Der war früher eine Hauptverbindung zum Stadtzentrum, hat aber mit dem Mauerbau und dem
»autogerechten« Umbau des Wedding (u.a. Luxemburger Straße,
Reinickendorfer Straße, Nettelbeckplatz) seine Bedeutung für den
motorisierten Verkehr verloren.
Die Kernroute beginnt im Norden am Kurt-Schumacher-Damm, an
der Ostspitze des Flughafens Tegel. Auf dessen Südseite könnte künftig eine Radbahn zum geplanten Forschungspark TXL führen – für
Mitarbeiter und Studenten der Beuth-Hochschule sicherlich eine
­attraktive Verbindung zwischen Hauptcampus und künftiger Nebenstelle. Über den Kurt-Schumacher Damm schlägt der Entwurf des
BUND einen »Overfly« vor – eine spezielle Brücke für Radfahrer.
Aller­dings könnte man es auch vorerst bei der bestehenden Ampel­
anlage belassen. Viel dringlicher wäre nämlich eine Überquerung des
»Schwarzen Grabens«, um eine fahrradfreundliche Verbindung zum
Afrikanischen Viertel (Ghanastraße) zu schaffen. Bisher müssen sich
Radfahrer hier durch die Kleingartenkolonie schlängeln. Der Bezirk
steht jedoch vor dem Problem, dass die für den Brückenbau und
­-reparatur zuständige Abteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung personell vollkommen überlastet ist und für kleine Projekte
wie eine Radbrücke über den Schwarzen Graben keine Kapazitäten
mehr hat.
Die Togostraße ist in dem Entwurf fast komplett zur Fahrradstraße
gewidmet, mit »Einzelvorfahrt« an den Kreuzungen zu Nebenstraßen. Am Nachtigallplatz schlägt der Plan anstelle der jetzigen Ampelanlage die Einrichtung eines Kreisverkehrs mit mindestens zwei
­Zebrastreifen vor. Auf der Kreuzung mit der Transvaalstraße dagegen
könnte eine Mittelinsel die Überquerung erleichtern. Zwischen der
Anna-Lindh-Schule und ihren Sportplätzen befindet sich auch jetzt
schon ein Radweg, der allerdings deutlich zur »Radbahn« verbreitert
werden müsste.
An der Seestraße führt kein Weg an der bestehenden Lichtsignalanlage vorbei, auch nicht an den anderen Kreuzungen mit den Hauptverkehrsachsen Luxemburg-, Müller-, Reinickendorfer und Bernauer
Straße. Die Antwerpener Straße würde wie die Togostraße zur Radstraße, über den Zeppelinplatz führte eine Radbahn – die aktuelle
Neugestaltung stünde dem nicht entgegen. Neu wäre die Radbahn
neben der Mensa der Beuth-Hochschule, Platz wäre dazu unter der
bestehenden Platanenallee vorhanden, man müsste lediglich den
Weg befestigen.
An der Kreuzung Tegeler- / Triftstraße würde ein Kreisverkehr mit
­Zebrastreifen die Ampelanlage ersetzen. Der östliche Teil der Triftund der westliche Teil der Gerichtstraße würden wiederum zur Fahrradstraße. Eine Radbahn mit Zebrastreifen für Fußgänger sieht
der Entwurf zwischen Krematorium und Nettelbeckplatz vor. Hier

Ch. Eckelt

Rad-Vorrangrouten
auf ­Nebenstraßen?

An der Transvaalstraße könnte eine Mittelinsel die Überquerung
­erleichtern.

k­ önnte es noch zu Debatten kommen, weil Fußgänger und Auto­
fahrer vielleicht Nachteile hätten. Allerdings ist der gegenwärtige
Zustand für Radfahrer alles andere als gut: Überall Bordsteine und
Pflasterungen, die eigentlich vorhandene Radbahn auf dem Nettelbeckplatz ist gar als Fußweg gewidmet. Diese »Lösung« ist übrigens
recht neu, sie entstand in den 2000er Jahren. Am Nettelbeckplatz
merkt man definitiv, dass in Berlin ein schlüssiges Radverkehrs­
konzept noch nicht recht entwickelt ist.
In der östlichen Gerichtstraße entstünde ein Problem. Man kann die
überaus breite Nebenstraße nicht zur Fahrradstraße widmen, weil
hier auch Busse der BVG verkehren. Man darf aber nach der Straßenverkehrsordnung in Tempo-30-Zonen keine Radstreifen markieren.
Deshalb müsste man die östliche Gerichtstraße zur übergeordneten
Verkehrsverbindung machen und an jeder Kreuzung ein eigenstän­
diges Tempo-30-Schild anbringen. Klingt eigentlich nicht so kompliziert – aber für so etwas sind in Berlin eben aufwändige Verwaltungsverfahren mit Abstimmungen zwischen dem Bezirk und der Verkehrs­
lenkung Berlin erforderlich. Den Kreuzungspunkt der Gericht- mit
der Hochstraße könnte man wiederum mit einem Kreisverkehr versehen, so dass die dortige Ampel abgebaut werden könnte.
Auch ohne »Rad-Vorrangroute« wäre die Asphaltierung der Gerichtstraße zwischen Hochstraße und Liesenbrücke dringend notwendig.
Denn die wirkt in ihrem heutigen Zustand auf Radfahrer geradezu als
Barrikade im persönlichen Radrouten-Netz. Es geht auf extrem rumpeligem Kopfsteinpflaster bergauf, auf dem Scheitelpunkt befindet
sich eine völlig unnötige Ampel, die zudem auch noch so getaktet ist,
dass man in umgekehrter Richtung nur mit Vollspeed bergab die
Grünphase der Ampel an der Hochstraße erwischen kann. Wenn
man das nicht will, verbringt man dort viel Wartezeit – oder es geht
eben auf Knochen und Material.
Das ist umso unverständlicher, weil hinter der Liesenbrücke der Zustand geradezu vorbildlich ist. Schon der Kreisverkehr unter der
Brücke durchfährt sich problemlos und schnell. Und in der Gartenstraße gibt es einen breiten Radstreifen, auf dem man ohne Unterbrechungen die lange Strecke entlang des Nordbahnhof-Parks bis zur
Bernauer Straße durchfährt. 
cs

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Weddinger Kiezmütter suchen Partner
in der lokalen Wirtschaft
Ein Besuch beim Verein Kulturen im Kiez e.V. zeigt, dass sich die Bedingungen für die Integrationsarbeit vor Ort allmählich verbessern.
Gewiss, es könnte alles schneller gehen und natürlich auch besser
­finanziert sein, aber in letzter Zeit hat Berlin deutliche Fortschritte
gemacht. Jetzt wäre es an der Zeit, dass sich auch die lokale Wirtschaft engagiert.
Seit zehn Jahren betreibt »Kulturen im Kiez« das Projekt »Weddinger
Kiezmütter«. Ähnlich wie die bekannten »Stadtteilmütter« in Neukölln qualifiziert der Verein Frauen mit Migrationshintergrund dazu,
Familien mit ähnlichen kulturellen Wurzeln zu unterstützen. Dabei
geht es nicht um Interventionen in Krisensituationen (dafür ist die
Familienhilfe des Jugendamts zuständig), sondern um die Beratung
der Familien bei der Bewältigung des Alltags in Deutschland: Schule,
Kita, Arztbesuche – wie funktioniert das hier? Wo bekomme ich Hilfe
bei den Jobcenter-Anträgen? Wo kann ich Deutsch lernen? Wo Sport
treiben und so Kontakt zu anderen Frauen finden?
Oft sind die Familien neu nach Deutschland gekommen. Zum Teil
leben sie aber auch schon Jahre hier, haben jedoch noch kaum Kontakte außerhalb ihrer Sprachgemeinschaft gefunden. Wenn es gelingt, die Isolation der Mütter zu durchbrechen, hilft das langfristig
den Familien sehr.

Ch. Eckelt

Ein Problem ist, wie so oft, die Finanzierung des Projekts. Die Kiezmütter arbeiten entweder ehrenamtlich oder in einer Maßnahme des
Jobcenters. Diese Maßnahmen ändern sich aber ständig: Mal gibt es
sie nur für wenige Monate, mal sogar für mehrere Jahre. Derzeit nennen sie sich »FAV« (Förderung von Arbeitsverhältnissen) und gehen
über 18 Monate, also vergleichsweise lange. Die Teilnehmerinnen
müssen mindestens ein Jahr lang arbeitslos gewesen sein und »besondere Vermittlungshemmnisse« geltend machen können. Nach
Abschluss der Maßnahme können sie erst nach fünf Jahren wieder
eine FAV bekommen, müssen also warten, bis das Jobcenter eine ähn-

Mit Schulen und Kitas laufen ähnliche Kooperationen bereits, allerdings ohne dass im Gegenzug finanzielle Mittel fließen. »Eine unserer Kiezmütter wurde vor kurzem von einer Lehrerin angesprochen,
ob sie sich nicht zur Schulassistentin weiterqualifizieren wolle,« berichtet Ina Rieck, »das war natürlich eine große Ermutigung für
uns.« Denn ein Ziel ist es natürlich auch, berufliche Perspektiven für
Kiezmütter zu entwickeln. Auch da ist Berlin inzwischen schon weitergekommen: Unter den Weddinger Kiezmüttern arbeitet eine auch
hauptamtlich als »Integrationslotsin«. Rund 150 solcher Stellen finanziert die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen
derzeit in Berlin, 19 davon im Bezirk Mitte.
Ein Einsatzfeld ist dabei auch die Arbeit mit Flüchtlingen. Mit Fördermitteln der Bundeszentrale für politische Bildung entwickelt
»Kulturen im Kiez« gerade ein Modellprojekt zur Qualifizierung von
Frauen zum Einsatz in der Flüchtlingsarbeit. Das findet verzahnt mit
der Praxis statt – in Kooperation mit der AWO zum Beispiel, die mehrere Unterkünfte für Flüchtlinge im Wedding betreibt, oder mit der
Caritas, die in der Residenzstraße Flüchtlinge mit besonderem Hilfebedarf betreut. 
cs
Kulturen im Kiez e. V., Utrechter Straße 36, 13347 Berlin
Postfach 650828, 13308 Berlin, Ina Rieck (030) 98 32 77 67
E-Mail: kiezmuetter@kulturen-im-kiez.de

Kulturen im Kiez bietet in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Mitte auch Deutschkurse für Frauen an, darunter auch
Alphabetisierungskurse, wo dieses Foto entstand. Darüber hinaus
berät der Verein im Projekt »Ankommen in Berlin« besonders
benachteiligte Familien aus ethnischen Randgruppen Südost­
europas.

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Großer Bruder Zorn
Ein Wedding-Roman von Johannes Ehrmann
Er ist ein rares literarisches Phänomen, der Wedding-Roman. Deshalb sollte eine Weddinger Kiezzeitung auch darauf hinweisen, wenn
einer herauskommt. Das ist in diesem Frühjahr geschehen: »Großer
Bruder Zorn« von Johannes Ehrmann erschien im renommierten
Eichborn-Verlag. Johannes Ehrmann pflegte in den letzten Jahren
den Wedding-Blog auf Tagesspiegel-Online und gewann 2014 den
Theodor-Wolff-Preis für seinen Text »Wilder, weiter Wedding«.
»Großer Bruder Zorn« spielt im Kiez rund um den Nettelbeckplatz.
Der heißt im Roman zwar »Mettmannplatz«, ist aber unschwer zu
identifizieren. Denn Ehrmann verfremdet ansonsten die Ortsbezeichnungen nicht, der Roman spielt also auch auf dem Leopoldplatz, an der Reinickendorfer Straße oder im »roten Netto« an der
Gerichtstraße. Stellenweise macht das Lesen richtig Spaß, wenn die
Atmosphäre der Stadträume gut getroffen ist.
Schwerer macht es Ehrmann den Lesern mit seiner Sprache. Sie ist
extrem abgehackt, arbeitet ausgiebig mit Ein-, Zwei- oder Dreiwortsätzen und verzichtet vollständig auf An- und Abführungszeichen.
Mit gutem Willen und Geduld kann man sich einlesen, allerdings
­kostet das Lesen schlicht Kraft, die man eigentlich benötigt, um die
vielen verschiedenen Handlungsfäden halbwegs im Überblick zu
­behalten.
Leseprobe (es geht um die »Devils«, eine Rockerbande, die den Wedding terrorisiert): »Richtig. Die fangen an, sich im Viertel umzuschauen. Mal zu checken, was so geht. Irgendwoher muss die Kohle
ja kommen. Und dann sind sie eben so nach und nach ins Geschäft
gekommen. Paar Bars. Paar Nachtclubs. Paar Puffs. Und so weiter.«
In der Tat gab es vor einigen Jahren im Wedding eine Gang, die sich
sogar mit den Hells Angels und Bandidos anlegte: die »Streetfighters« mit Sitz in der Schererstraße. Ein Roman, der in diese Welt
hineinleuchtet, wäre es unbedingt wert, geschrieben zu werden. Ehrmann leuchtet aber nicht weit. Die Streetfighters waren Männer mit
Migrationshintergrund, angeführt von einem Mitglied einer berüchtigten libanesischen Großfamilie. Im Roman nennt sich der Chef der
»Devils« jedoch »Wikinger« und hat »eisblaue Augen«.
Man muss den Roman also nicht lesen, weil man sich ernsthaft für
den Wedding interessiert. Zwar versucht Ehrmann durchaus, die
­Leser in die Welt jenseits des Bildungsbürgertums einzuführen –
»Großer Bruder Zorn« ist definitiv kein Gentrifizierungsroman, der
Hipster in den Wedding locken könnte. Aber er spielt vornehmlich
im deutschen oder »gemischten« Milieu – selbst Serdar, die Haupt­
figur mit türkischem Hintergrund, heißt mit Familiennamen nach
seinem Stiefvater Schröder. Die eigentlichen, vielschichtigeren Welten des Wedding fasst dieser Roman nicht an. Christof Schaffelder

Stadtteilfest im Paul Gerhardt Stift
Am Sonntag, dem 5. Juni feiert das Paul Gerhardt Stift sein 140jähriges
Jubiläum. Ab 14 Uhr findet aus diesem Anlass ein Stadtteil- und Fami­
lienfest auf dem Gelände des ehemaligen Diakonissenmutterhauses in
der Müllerstraße 56–58 statt.

Ch. Eckelt

Alle reden von
­Integration…

liche Maßnahme unter anderem Namen aufgelegt. Das ist natürlich
alles andere als ideal: Gerade, wenn man sich gut eingearbeitet hat, ist
die Sache zu Ende. Einige arbeiten dann eben ehrenamtlich weiter.
Es gibt aber auch die Möglichkeit, im »Bundesfreiwilligendienst«
(BFD) weiter zu machen. Dann gibt es zwar nur ein Taschengeld, das
aber vom Jobcenter aufgestockt werden kann. Der Bund übernimmt
jedoch nicht die vollständigen Kosten, so dass »Kulturen im Kiez«
dazu Projektpartner benötigt. Hier könnte die lokale Wirtschaft einen Beitrag leisten. Bei den »Kiezmüttern am Gesundbrunnen«, die
vom Familienzentrum Wattstraße betreut werden, gibt es eine solche
Kooperation bereits: Dort unterstützt die Wohnungsbaugesellschaft
DEGEWO das Projekt. Im Gegenzug kann sie bei Bedarf Kiezmütter
anfordern. Wenn zum Beispiel eine Flüchtlingsfamilie neu einzieht,
kann es sehr hilfreich sein, wenn sie von einer Kiezmutter empfangen wird. Die kann dann in der Muttersprache erklären, wie die
Mülltrennung in Deutschland funktioniert, was man tun muss, wenn
etwas in der Wohnung kaputt geht oder wie die Hausordnung das
Zusammenleben regelt. In folgenden Sprachen können die Weddinger Kiezmütter zur Zeit ihre Hilfe anbieten: Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Indonesisch, Serbokroatisch und Romanes.
Ina Rieck, die die »Weddinger Kiezmütter« betreut, kann sich auch
Kooperationen zum Beispiel mit Ärztehäusern oder Krankenkassen
vorstellen: »Natürlich sind Kiezmütter keine medizinischen Dolmetscher, das dürfen sie gar nicht. Aber beim Gespräch mit der Arzthelferin und der Terminvereinbarung könnten sie durchaus helfen.«

Innovativer Wohnungsbau
in Berlin
»Experimentdays« vom 26. Mai bis zum 3. Juni
Berlin zieht viele Menschen aus unterschiedlichen Kontexten und
Kulturen an. Vor diesem Hintergrund ist es dringend notwendig, Voraussetzungen für kostengünstiges und sozial nachhaltiges Bauen und
Wohnen zu schaffen. Die EXPERIMENTDAYS 16 beschäftigen sich
mit selbstorganisiertem, gemeinschaftlichem und experimentellem
Wohnungsbau mit all seinen Qualitäten. Solche Wohnprojekte können der wachsenden Stadt helfen, die große Nachfrage zu bewältigen
und weiterhin eine bedarfsorientierte und nachhaltige Wohnraumversorgung zu gewährleisten.
Dabei präsentieren Genossenschaften, Baugruppen und -gemeinschaften, Initiativen, Planer, Architekten, Stiftungen etc. innovative
Projekte und treten miteinander in Erfahrungsaustausch. In Kooperation mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt,
der Netzwerkagentur GenerationenWohnen und der Friedrich-EbertStiftung Berlin bieten sie auch in diesem Jahr wieder unterschied­
liche Veranstaltungen an: eine WohnProjekteBörse, Info-Runden,
Workshops, Stadttouren sowie Exkursionen. Insbesondere beim
WohnProjekteTag am 28. Mai können sich Teilnehmer und Interessenten informieren und austauschen.
us
EXPERIMENTDAYS 16: 26. Mai bis 3. Juni, Friedrich-Ebert-Stiftung,

Hiroshimaweg 17 (Tiergarten), Haus 1, und andere Orte
Programm und weitere Informationen unter www.experimentdays.de

10 Jahre KiezkulturEtage
Der Zirkus Internationale feiert am 12. Mai das zehnjährige Jubiläum
der KiezkulturEtage in der Adolfstraße 12 und das 20-jährige Bestehen
des Vereins. Das Kinder- und Familienfest beginnt um 14 Uhr und endet
um 18 Uhr. Viele kleine und große Artisten bieten eine bunte Zirkusshow. Beim Mitmach-Zirkus können die eigenen Zirkustalente entdeckt
werden, ein Outdoortrampolin bietet weitere Möglichkeiten, sich aus­
zuprobieren.

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Schillerpark
Rehberge
Stadtteilzentrum Paul Gerhardt Stift

Informationen und Dokumentationen
zum Aktiven Zentrum Müllerstraße
sowie frühere Ausgaben dieser Zeitung
finden Sie auf der Website:
www.muellerstrasse-aktiv.de

Seestraße

Rathaus
Rehberge

BeuthHochschule

Volkshochschule

Leopoldplatz

Veranstaltungsorte
Müllerstraße

Vor-Ort-Büro

Programmkulisse
Aktives Stadtzentrum

Virchow-Klinikum / Charité

Sanierungsgebietsgrenze
Wedding

Adressen
Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Bauen,
Wirtschaft und Ordnung: Carsten Spallek
Müllerstraße 146/147, 13353 Berlin
(030) 90 18-446 00
baustadtrat@ba-mitte.berlin.de
Stadtentwicklungsamt,
Fachbereich Stadtplanung
Müllerstraße 146, 13353 Berlin
Amtsleiterin: Frau Laduch, Zimmer 106
(030) 90 18-458 46
stadtplanung@ba-mitte.berlin.de
Vorbereitende Bauleitplanung,
Städtebauförderung
Müllerstraße 146, 13353 Berlin
Sprechzeiten: dienstags, 9.00–12.00 Uhr,
donnerstags, 15.00–18.00 Uhr
stadtplanung@ba-mitte.berlin.de
Gruppenleiter: Stephan Lange
(030) 90 18-436 32
Aktives Zentrum und Sanierungsgebiet
Müllerstraße
René Plessow (030) 9018 45409
rene.plessow@ba-mitte.berlin.de
Claudia Jahns (030) 9018 45463
claudia.jahns@ba-mitte.berlin.de

Prozessmanagement
Jahn, Mack und Partner
Alt Moabit 73, 10555 Berlin
Karsten Scheffer, Frederik Sommer
(030) 85 75 77 26
muellerstrasse@jahn-mack.de
www.jahn-mack.de
Geschäftsstraßenmanagement
Planergemeinschaft
Lietzenburger Straße 44, 10789 Berlin
(030) 88 59 14-0, (030) 88 59 14 32
Gabriele Isenberg-Holm
g.isenberg@planergemeinschaft.de
Winfried Pichierri
w.pichierri@planergemeinschaft.de
www.planergemeinschaft.de
Stadtteilvertretung Müllerstraße
Sprecher: Sabine Schmidt, Walter Frey,
Peter Arndt
Vor-Ort-Büro Triftstraße 2
Sprechstunde: jeder 1. und 3. Montag im
Monat, 18–20 Uhr
(030) 34 39 47 80 (AB), (0174) 701 35 94
menschmueller@stadtteilvertretung.de
www.stadtteilvertretung.de
Wenn Sie per E-Mail Informationen der
­Stadtteilvertretung erhalten möchten,
dann senden Sie eine E-Mail an:
mitteilungen@stadtteilvertretung.de

StandortGemeinschaft Müllerstraße
c/o Steuerberatung bpw
Müllerstraße 138b, 13353 Berlin
info@muellerstrasse-wedding.de
www.muellerstrasse-wedding.de
Soziales Platzmanagement Leopoldplatz
Team Leo, Schumannstr. 5, 10117 Berlin
(030) 28 30 23 15
teamleo@gangway.de
Axel Illesch (0172) 202 61 82
Runder Tisch Leopoldplatz
Thomas Haas, Präventionsrat
Mathilde-Jacob-Platz 1, 10551 Berlin
(030) 90 18-325 70
Quartiersmanagement Pankstraße		
Prinz-Eugen-Straße 1, 13347 Berlin
(030) 74 74 63 47
qm-pank@list-gmbh.de
www.pankstrasse-quartier.de
Quartiersmanagement Sparrplatz
Burgsdorfstraße 13 A, 13353 Berlin
(030) 46 60 61 90
qm-sparrplatz@list-gmbh.de
www.sparrplatz-quartier.de
        
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