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Landwirtschaft und Ernährung

Full text: Umwelt Issue 2016,3 Landwirtschaft und Ernährung

3/2016

DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

umwelt
Natürliche Ressourcen in der Schweiz

Landwirtschaft
und Ernährung
Dossier: 	 Dem Standort angepasste Nutztierfütterung > Landwirtschaft, die Biodiversität fördert
	
> Innovative Verfahren der Agrikultur > Landwirtschaft und Welthandel
Weitere	 Freie Bahn für Mäusefänger > Ein Vogel hilft beim Aufforsten > Motorräder mit
Themen:	 lauter Klappe > Fiebermessen an unseren Flüssen
	
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umwelt 3/2016 > EDITORIAL

Vom Schein und Sein
Sattgrüne Wiesen, weidende Kühe, golden schimmernde Weizen­­
felder, gut unterhaltene Ställe hinter stattlichen Bauernhäusern
im Blumenschmuck: Beim Spaziergang oder vom Zug aus erken­
nen nicht nur Touristinnen und Touristen, sondern auch wir,
die wir hier wohnen, wie schön die Schweiz vielerorts ist. Zu
verdanken ist das zu einem wesent­lichen Teil den Bauern­familien.
Und weil die Werbung dieses s­ chöne Bild bis in unsere Wohn­
zimmer trägt, fällt es uns schwer, auch die kritischen Aspekte der Land­
wirtschaft zu sehen. Das vorliegende Dossier versucht beides: innovative
Ansätze zu würdigen, ohne die Folgen der hochintensiven Landwirtschaft
zu unterschlagen.
Tatsächlich hält die Schweizer Landwirtschaft das BAFU auf Trab. Kaum
ein einzelner anderer Sektor nutzt und beeinflusst so gross­flächig natür­
liche Ressourcen wie Boden, Wasser, Luft, Artenvielfalt, Klima und Land­
schaften – und zwar nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Dabei
werden auch Prozesse angestossen, die unseren Sinnen und unserem
­Be­wusstsein ent­gehen. Wir sehen nicht die dicke Ammoniakglocke, die
Wälder und Biotope überdüngt, die Belastungen durch Pflanzenschutz­
mittel und Gülle, die das Leben in den Gewässern und auf dem Land
schädigen, den Funk­tionsverlust der Böden, die sich unter der Last schwerer
Maschinen verdichten.
Den wichtigsten Beitrag zur Ernährungssicherheit leistet die hiesige Land­
wirtschaft, wenn sie die natürlichen Ressourcen nicht schädigt. Leider ist
das heute noch längst nicht durchgehend der Fall. Der Bundesrat hat
den Handlungsbedarf erkannt und mit der Agrarpolitik 2014–2017 die in
den 1990er-Jahren begonnene Agrarreform weiter verstärkt. Diese strebt
eine nachhaltige Landwirtschaft an, welche die Tragfähigkeit der Öko­
systeme respektiert.
Das Dossier fasst verschiedene heisse Kartoffeln an und beleuchtet die
vielfältige Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Fachleute stecken
den historischen, ökonomischen und ökologischen Rahmen ab und erläutern, was Schweizer Nutztiere sinnvollerweise fressen und produzieren –
und was nicht. Wir beschreiben Umwelteffekte der intensiven Produktion,
genauso wie innovative Landwirtinnen und Landwirte, die sich mit Enga­
gement auf die laufend ändernden Rahmenbedingungen einlassen, und
die Forschung, welche neue Wege Richtung Entlastung der Umwelt bahnt.
Nicht zuletzt werden auch die Grossverteiler ins Bild gerückt, die sowohl
die Produktion als auch unsere Nachfrage nach Nahrungsmitteln stark
beeinflussen.
Ich wünsche Ihnen eine lohnende Lektüre!

Franziska Schwarz, Vizedirektorin BAFU

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umwelt 3/2016

Dossier Landwirtschaft
4	 «Das Bild der Landwirtschaft beruht auf
verklärten Projektionen»
Das landwirtschaftliche System im Überblick
8	 Die Schweiz ist ein Grasland
Ausreichend Grünfutter für eine effiziente Milchproduktion vorhanden

16
	

12 	 Biodiversitätsförderung in der Landwirtschaft
Intensivierung schadet der biologischen Vielfalt
____ 	Der virtuose Landwirt
Einkommensquellen geschickt kombiniert
20	 Tiermast frisst Landschaft
Industriebauten im ländlichen Raum

Hofladen, Markus Bühler-Rasom

28
	

24 	 Pioniergeist zugunsten einer umweltschonenden Landwirtschaft
Massnahmen gegen Pestizidbelastung und Bodenverdichtung
____ Die Macht der Genossenschaften
Durchschlagender Erfolg grosser Selbsthilfeorganisationen
32 	 Ernährungssicherheit durch standortangepasste Landwirtschaft
Aus der Geschichte lernen

Werbespot 2012 Naturaplan Coop

Weitere Themen

42
	

39 	 Comeback der Steinfliege in der Steinach
Befreiung eines Fliessgewässers vom Abwasser
____ Freie Bahn für freie Wiesel
Ausbau der Ökologischen Infrastruktur
46	 Wasserwissen 2.0
Der Hydrologische Atlas als digitale Plattform
48	 Der Arvenpflanzer im Rheinwald
Die Aufforstung im Hinterrheintal ist ein Geduldspiel
51	 Schwere Bikes mit lauter Klappe haben ausgedröhnt
Neue Lärmvorschriften für Motorräder

Naturpark Thal, Elias Bader

54	 Fiebermessen an Schweizer Flüssen
Die Wassertemperatur ist ein Indikator des Klimawandels

Herausgeber: Bundesamt für Umwelt BAFU • 3003 Bern • +41 58 462 99 11 • www.bafu.admin.ch • info@bafu.admin.ch
Gratisabo: umweltabo@bafu.admin.ch • Das Magazin im Internet: www.bafu.admin.ch/magazin2016-3

Titelbild: Bild: Keystone

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umwelt unterwegs

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

ÖKONOMIE UND ÖKOLOGIE IN DER SCHWEIZER LANDWIRTSCHAFT

«Das Bild der Landwirtschaft
beruht auf verklärten Projektionen»
Die heute geltenden agrarpolitischen Rahmenbedingungen behindern eine wettbewerbsfähige und
ökologische Land- und Ernährungswirtschaft. umwelt unterhielt sich mit zwei Fachpersonen über die
vielschichtigen Zusammenhänge in der hiesigen Agrarbranche. Interview: Lucienne Rey

umwelt: Frau Baur, Herr Jenny, Lebensmittel­
geschäfte und Wochenmärkte präsentieren schöne
Waren, niemand muss in der Schweiz hungern –
und trotzdem steht die Landwirtschaft immer wieder
auf der politischen Agenda. Weshalb?
Priska Baur (PB): Die Landwirtschaft ist tatsäch­
lich ein Dauerbrenner. Das grosse Interesse für
sie ist verständlich, bei der Ernährung ist jede
und jeder Experte. In der politischen Debatte
wiederum nehmen alle für sich in Anspruch,
eine nachhaltige Landwirtschaft zu wollen und
gute Lösungen zu kennen. Eine sachliche und
respektvolle Auseinandersetzung scheint oft
nicht möglich. Dies ist aus meiner Sicht nicht
primär die Folge divergierender wirtschaftlicher
Interessen, sondern grundsätzlich verschiedener
Einstellungen und Werte. In der Agrarpolitik
wird kaum ausgehend von Fakten, sondern von
Vorstellungen und Gefühlen entschieden.

Markus Jenny (MJ): In die Entscheidungen spielen
sehr wohl finanzielle Interessen hinein. Denn
weltweit wird die Landwirtschaft von den vor- und
nachgelagerten Branchen dominiert – also etwa
den Saatgut-, Pestizid- und Düngemittelfirmen auf
der einen und der Nahrungsmittelbranche auf
der anderen Seite. Da geht es um viel Geld. Hin­
gegen stimme ich der Ansicht zu, dass zahlreiche
landwirtschaftspolitische Entscheidungen, die
letztlich von der breiten Bevölkerung mitgetra­
gen werden, aufgrund eines Bauchgefühls gefällt
werden. Und dieses wiederum wird bestimmt vom
Bild einer Landwirtschaft, das mit der Realität
wenig zu tun hat.

Worauf ist dieses unzutreffende Bild zurück­
zuführen?

PB: In unseren sich rasch ändernden Zeiten seh­
nen wir uns nach Vertrautem. Die Werbung der
Grossverteiler spielt mit unserer Sehnsucht nach
einer heilen Welt. Sie zeigt Kühe beim Grasen auf
der Wiese und Hühner beim Körnerpicken unter
blauem Himmel. Dabei fressen Kühe Kraftfutter,
und die Hühner werden in Hallen gemästet. Die
Realität möchten wir lieber nicht sehen, denn
sie bringt uns mit unserem Konsumverhalten
in Konflikt.
MJ: Die Geflügelproduktion ist ein gutes Beispiel,
um zu zeigen, dass das Bild der Schweizer Land­
wirtschaft auf verklärten Projektionen beruht.
Wegen der sehr hohen Tierbestände stösst die
Schweiz viel zu viel Ammoniak aus. Seit 20 Jah­
ren verharren unsere Emissionen auf jährlich
48 000 Tonnen, obwohl die Umwelt höchstens
25 000 Tonnen verkraften würde. Wenn nun
beispielsweise in einem Kanton die öffentliche
Hand während 5 Jahren mit Investitionen von
6 Millionen eine 3-prozentige Reduktion des Am­
moniakausstosses erreicht, gleichzeitig aber so
viele Hühnerställe bewilligt werden, dass sich die
Emissionen wieder um 1,5 Prozent erhöhen, ist
das volkswirtschaftlich wie auch ökologisch nicht
nur unsinnig, sondern unbestritten schädlich.
Solche Zahlen sprechen für sich, das sind Fakten. Die
müssten doch alle überzeugen?

MJ: Das Problembewusstsein in der Bevölkerung
und der Landwirtschaft ist gering, weil der Wis­

1990

273 000

TONNEN

EINFUHR VON
FUTTERMITTELN
(TROCKENSUBSTANZ)
Quelle: SBV – Futtermittelbilanz,
BFS 2015
Bilder: Markus Bühler-Rasom

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2013

DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

1 175 000
TONNEN

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

senstransfer zum Teil bewusst untergraben wird.
Die Agrarpresse ist weitgehend auf die Meinung
des Schweizer Bauernverbands ausgerichtet. Ab­
weichende Ansichten dringen nicht bis zu den
Bauern durch. Zahlreiche Artikel sind stark vom
Interesse der Vorgelagerten wie beispielsweise
der Futtermittel-, Saatgut- und Pestizidhändler
beeinflusst. Das geht so weit, dass kritische Stim­
men innerhalb der Landwirtschaft – und die gibt
es – ein Sprachrohr ausserhalb der bäuerlichen
Presse finden müssen, um ihre Botschaft
durchzubringen.
PB: Der Schweizer Bauernverband kommuni­
ziert geschickt. Er überbringt mit seiner Er­
nährungssicherheitsinitiative die Botschaft,
dass die Schweizer Landwirtschaft heute
am Produzieren ge­hindert werde, wo doch
diese durch möglichst hohe Erträge zu mehr
Versorgungssicherheit beitrage. Dabei argu­
mentiert er mit dem sogenannten Selbstver­
sorgungsgrad, der angeblich «nur noch» bei
Priska Baur
55 bis 60 Prozent liege. Diese Argumentation
scheint auf den ersten Blick plausibel, doch
Nach ihrem Agronomiestudium an der Eidgesie führt in die Irre. Bei Nahrungsmitteln, die
nössischen Technischen
sich vom Klima her in der Schweiz erzeugen
Hochschule Zürich (ETHZ)
lassen– etwa Brotgetreide, Kartoffeln und
arbeitete P­ riska Baur als
Fleisch –, beträgt der Selbstversorgungsgrad
Projektleiterin für die
landwirtschaft­liche Be­ra­ bereits heute gegen 100 Prozent, bei Milch
tungsagentur Agro­futura
sogar deutlich mehr. Zugleich wird er aber
AG und den Thinktank
überschätzt, weil wir für viele vermeintlich
Avenir Suisse. Heute ist
inländische Nahrungsmittel auf Importe
sie als Forscherin und
angewiesen sind. Dies gilt ganz besonders
r
Dozentin an der Zürche
für die Fleischproduktion: Fielen in Krisen­
Hochschule für Angewandte Wissen­schaften
zeiten die Futtermittelimporte weg, müsste
(ZHAW) tätig.
ein grosser Teil der Tierbestände geschlachtet
Bild: zVg
werden. Und die Pouletproduktion käme
ganz zum Erliegen, da auch die Eltern der
Masthybriden laufend importiert werden müssen.
Der Selbstversorgungsgrad sagt wenig aus über die
Versorgungssicherheit der Bevölkerung.
Seit Jahren geht die Zahl der Bauernbetriebe stetig
zurück. Lässt das nicht hoffen, dass grössere Betriebe
professioneller und wirtschaftlicher geführt werden?

PB: Ein robuster Zusammenhang zwischen Be­
triebsgrösse, Wirtschaftlichkeit und Ökologie ist
nicht nachweisbar. Es gibt kleine erfolgreiche
Betriebe und grosse, die scheitern. Ziel der Politik
sollte es sein, klare Bedingungen zu schaffen, und
nicht, Strukturen vorzugeben. Tatsache ist, dass
hierzulande viele Betriebe sehr vielseitig aufge­
stellt sind. Die jungen Bäuerinnen und Bauern

absolvieren eine gute Ausbildung, aber sie sind
überfordert, weil sie gar nicht auf jedem Gebiet
professionell handeln können. Sie sind stark auf
Beratung angewiesen, und dabei nehmen die vor­
gelagerten Branchen grossen Einfluss. So stellen
etwa die Anbieter von Pflanzenschutzmitteln mehr
Berater als die Behörden.
MJ: In der Milchwirtschaft zeigt sich, dass Land­
wirte, die auf eine standortangepasste Produktion
mit eigenem Futter setzen, ökonomisch meist
besser abschneiden als solche, die eine fremd­
mittelabhängige Intensivproduktion betreiben.
Sie halten Kühe, die jährlich 6000 bis 7000 Liter
Milch geben statt 10 000 und die sie vor allem
mit Gras füttern. Diese Landwirte verzichten
auf eine hochtechnisierte und von Importfut­
ter abhängige Produktion. Weniger wäre also­
mehr – und ein Segen für die an Überproduktion
und Preiszerfall leidende Milchwirtschaft. Über­
haupt zeigt der Blick auf die landwirtschaftliche
Gesamtrechnung, dass die Eigenwirtschaftlichkeit
der Schweizer Landwirtschaft äusserst gering ist.
Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass diese sehr
kostenintensiv produziert. So «fressen» die Kosten
rund 77 Prozent der Einnahmen eines Betriebes
weg. Verglichen mit unseren Nachbarländern ist
der Gesamtaufwand um 40 bis 60 Prozent höher.
Der Hauptteil der Kosten entfällt auf importierte
Futtermittel. Die Betriebe «füttern» also vor allem
den vorgelagerten Sektor, der umso mehr verdient,
je intensiver produziert wird.
Der Staat lässt der Landwirtschaft pro Jahr knapp
4 Milliarden Franken an Direktzahlungen und anderen
Stützungsmassnahmen zukommen. Damit sollten
die Bauern doch auf einen einträglichen Verdienst
kommen?

PB: Vor über 20 Jahren fiel in der Landwirtschafts­
politik der wichtige Grundsatzentscheid, Einkom­
mens- und Preispolitik voneinander zu trennen.
Die Preise sollten dem Markt überlassen werden,
während die Einkommen der Bauern durch die
Direktzahlungen gesichert werden sollten. Leider
ist die Politik auf halbem Weg stehen geblieben.
Die Direktzahlungen wurden ausgebaut, die Preise
werden aber nach wie vor stark gestützt. Gemäss
Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verdankt
die hiesige Landwirtschaft jährlich rund 6 Milliar­
den Franken ihrer Einnahmen der Politik. Unsere
Landwirte gehören damit immer noch zu den am
meisten geschützten Bauern weltweit.

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

MJ: Ziel der Agrarpolitik 2014–2017 ist, die
pauschale Stützung der Produktion abzubauen
und die gemeinwirtschaftlichen Leistungen wie
die Erhaltung der Biodiversität oder die Res­
sourceneffizienz zu fördern. Das Prinzip, nicht
marktfähige Güter fair abzugelten, hat allgemein
Gültigkeit. Es ist volkswirtschaftlich unsinnig,
eine überintensive Produktion zu stützen und
gleichzeitig die Sanierung der verursachten
Schäden mit Steuergeldern berappen zu müssen.
Hinzu kommt, dass die Abgeltung gemeinwirt­
schaftlicher Leistungen nicht in Konflikt zum
Agrarfreihandel steht, während protektionisti­
sche Massnahmen zum Schutz der Produktion
nicht toleriert werden.
Wieso beharren denn viele Landwirte trotzdem
darauf, ihr Einkommen in erster Linie durch die
Produktion zu erzielen, und lehnen Direktzahlungen
als Teil ihrer Einkünfte ab?

PB: Die Bauern möchten möglichst viele Nah­
rungsmittel erzeugen und damit zur Welter­
nährung beitragen. Nicht nur in der Schweiz
haben sie aber noch weitere Aufgaben. Sie sollen
ökologisch nachhaltig und nachfragekonform
produzieren und für eine vielfältige Landschaft
sorgen. Für zahlreiche Landwirte ist jedoch ein
guter Bauer einer, der hohe Erträge erzielt, un­
abhängig davon, ob die Rechnung aufgeht.
MJ: Dabei signalisiert der Markt durchaus,
wohin sich unsere Landwirtschaft entwickeln
müsste. Sie sollte Güter bereitstellen, die von der
Kundschaft nachgefragt werden und eine hohe
Wertschöpfung erzielen. Erwünscht wäre etwa
inländisches Bio- und Extensogetreide, das ohne
oder mit weniger Pflanzenschutzmitteln und
ohne Wachstumsregulatoren angebaut wird. Dass
heute nach wie vor rund zwei Drittel des Biobrot­
getreides importiert werden müssen, zeigt, dass
unsere Landwirtschaft in einigen Bereichen am
Markt vorbeiproduziert. Bei Erzeugnissen aus der
mit hohem Pestizid- und Düngereinsatz arbeiten­
den «Turbo-Landwirtschaft» wird die Schweiz nie
konkurrenzfähig sein – diese werden in anderen
Ländern viel kostengünstiger hergestellt.
Wäre denn eine nicht auf die Mengenproduktion von
Agrargütern ausgerichtete Landwirtschaft grund­
sätzlich in der Lage, die gesamte Bevölkerung in der
Schweiz zu ernähren?

MJ: Eine Studie von Vision Landwirtschaft be­
legt, dass wir im Falle einer Krise die heutige

Bevölkerung von 8,2 Millionen Personen immer
noch ausreichend versorgen könnten. Dies würde
aber bedingen, dass wir dann unsere Produk­
tion und unser Konsumverhalten grundlegend
verändern, das heisst viel mehr Kartoffeln und
Brotgetreide erzeugen und weniger Tiere hal­
ten. Die Studienergebnisse zeigen zudem, dass
die vielfach vermuteten Zielkonflikte zwischen
einer sicheren Versorgung und weiteren Zielen
der Agrarpolitik nicht existieren. Eine ressour­
censchonend produzierende Agrarwirtschaft,
die auch die Umweltziele Landwirtschaft (UZL)
des Bundes erreicht, trägt entscheidend
zur Erhaltung der Versorgungsicherheit
bei. Wenn wir allerdings unsere heutigen
Ernährungsgewohnheiten beibehalten, ist die
Konsequenz einer versorgungssicher und res­
sourcenschonend produzierenden Schweizer
Landwirtschaft, dass gewisse Nahrungsmittel
verstärkt importiert werden müssen.
PB: Die Schweizer Landwirtschaft erzeugt
heute mehr Nahrungsmittel als je zuvor. Doch
fatalerweise lenkt der Blick auf die Mengen
und Kalorien davon ab, dass ihre zentrale
Herausforderung nicht darin liegt, mehr zu
produzieren, sondern sich der Realität des
zunehmenden Wettbewerbs zu stellen.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-01

Markus Jenny
studierte Biologie an der
Universität Zürich und promovierte an der Universität
Basel über die Feldlerche im
Kulturland. Seit 30 Jahren
arbeitet er als Spezialist für
Agrarökologie und Landwirtschaft bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.
Ausserdem ist er Präsident
der Denkwerkstatt Vision
Landwirtschaft.
Bild: zVg

KONTAKT
Hans Ulrich Gujer
Sektion Landschaftsmanagement
Koordinator Kommission Landwirtschaft BAFU
+41 58 462 80 04
hans.gujer@bafu.admin.ch

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

FÜTTERN MIT EIGENEN RESSOURCEN

Die Schweiz
ist ein Grasland
Die Schweizer Landwirtschaft könnte genug Milch für den Inlandbedarf liefern ohne Kraftfutter­
zugaben an Kühe. Weidehaltung trägt dazu bei, den Ammoniakausstoss zu mindern.
Ernährungspolitische, ökologische, aber auch wirtschaftliche Argumente sprechen ebenfalls ­
für eine grasbasierte Milchproduktion. Text: Hansjakob Baumgartner

Das landwirtschaftliche Betriebskonzept des Ho­
fes von Susanne Käch und Joss Pitt in Gampelen
(BE) ist weit hergeholt und naheliegend zugleich.
Weit hergeholt, weil es sich an einem Versuchs­
betrieb in der fernen Heimat von Joss orientiert:
Die Lincoln University Dairy Farm (LUDF) in Neu­
seeland ist weltweit führend bei der Entwicklung
von Weidemilch-Produktionssystemen. Susanne
und Joss setzen im Berner Seeland um, was auf
der anderen Seite des Globus an Wissen und
Erfahrung generiert wird. Ihre derzeit 55 Milch­
kühe sind von Frühling bis Herbst auf der Weide
und fressen fast ausschliesslich Gras.
Das Naheliegende daran ist, dass diese Form
der Kuhhaltung bestens an hiesige Verhältnis­
se angepasst ist. Reichlich Niederschläge und
tiefgründige Böden lassen unsere Wiesen und
Weiden so üppig grünen wie sonst fast nirgends
in Europa. Andererseits eignet sich ein Grossteil
der Schweizer Landwirtschaftsfläche aus topo­
grafischen oder klimatischen Gründen kaum für
den Ackerbau. Auf diesen Flächen ist die Milch­
kuhhaltung auf Grasbasis die ressourceneffizien­
teste Form der Landwirtschaft. Die Wiederkäuer
verwandeln für Menschen unverdauliches, aber
bei uns bestens gedeihendes Gras in hochwertige
Nahrungsmittel in Form von Milchprodukten
und Fleisch.
Viehfutter statt Nahrung für Menschen
Indessen hat sich die Milchproduktion in jüngs­
ter Zeit von der Grünlandwirtschaft teilweise
abgekoppelt. Die Milchleistung pro Kuh ist seit

1990 um 40 % gestiegen. Hochleistungs­kühe, die
jährlich 10 000 oder mehr Kilogramm (kg) Milch
liefern, fressen nebst Gras auch viel Kraftfutter
– Getreide, Mais, Soja. Sie werden damit zu
Nahrungskonkurrentinnen des Menschen. «Die
Ackerflächen, auf denen Futtermittel für unser
Milchvieh produziert wird, würden reichen, um
2 Millionen Menschen zu ernähren», schätzt
Hans Ulrich Gujer, Landwirtschaftsfachmann
im BAFU.
Ein wachsender Teil der Futtermittel stammt
aus dem Ausland. Massiv zugenommen haben
in den letzten Jahren namentlich die Sojaimpor­
te. 41 % davon werden an Rindvieh verfüttert
(haupt­sächlich Milchkühe) und 59 % an Schwei­
ne und Hühner.
Der Selbstversorgungsgrad bei Milch und
Milchprodukten lag 2013 bei 115 %. Der Über­
schuss drückt auf den Milchpreis. Um die Ein­
kommenseinbussen zu kompensieren, versu­
chen manche Betriebe, noch mehr zu melken
– ein Teufelskreis. Susanne und Joss sind aus
diesem ausgebrochen. «Kiwi-Cross» nennen sie
ihre Rinderrasse, eine Kreuzung aus neuseelän­
dischen Friesian und Jersey Cows. Es sind eher
kleine und leichte Kühe, pro Jahr geben sie etwa
6500 kg Milch. 26,6 Hektaren (ha) Futterflächen
stehen ihnen zur Verfügung. Davon sind gut
18 ha Wei­de, die übrigen entfallen auf Kunst­
wiesen und Biodiversitätsförderungsflächen. Die
zum Betrieb von Susanne und Joss gehörenden
Blumenwiesen am Dälihubel sind im Frühsom­
mer eine Augenweide und liefern würziges Heu.

Quelle: BAFU;
Bilder: Ex-Press (unten);
Markus Bühler-Rasom

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT< umwelt 3/2016

IST
2014

48 KILOTONNEN

AMMONIAKEMISSIONEN
DER SCHWEIZER
LANDWIRTSCHAFT
PRO JAHR

SOLL

25 KILOTONNEN

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

Maximale Effizienz
Um den richtigen Zeitpunkt für den Beginn der Bewei­
dung nicht zu verpassen, wird wöchentlich auf allen
Flächen die Graslänge gemessen. Das ausgeklügelte
Grünlandmanagement ermöglicht einen rekordver­
dächtig hohen Milchertrag pro Fläche. Dies ergab
eine an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebens­
mittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen (BE) durch­
geführte vergleichende Effizienzanalyse. Geleitet
wurde die Studie von Peter T
­ homet,
NUTZTIERBESTAND
der dort zu dieser Zeit noch als
Professor für Futterbau tätig war
und inzwischen pensioniert ist.
14  Milchproduktions­betriebe –
Grossvieheinheiten pro Hektare
teils mit Hochleistungskühen im
landwirtschaftlicher Nutzfläche,
Stall, teils mit Weidevieh – wur­
Vergleich mit den Nachbarländern
den unter die Lupe genommen.
Quelle: BLW
Unter i­hnen war auch der Hof
von ­Susanne und Joss. Er schnitt
am besten ab. Fast 14 700 kg Milch
pro ha wurden hier gemolken.
Stallbetriebe brachten es auf
höchstens 12 700 kg – denn für die
Berechnung der Flächeneffizienz
müssen auch die «Schattenflächen»
einbezogen werden, auf denen das
benötigte Kraftfutter angebaut
wird.
Dass der Vollweidebetrieb auch
ökonomisch gut dasteht, zeigt eine
Studie des Berufsbildungszentrums
Hohenrain (LU). Zum Vergleich
standen zwei Herden: Die eine
wurde – abgesehen von einem
täglich dreistündigen Weidegang
– im Stall gehalten und mit Grasund Maissilage sowie Kraftfutter
ernährt; die andere blieb während
der ganzen Vegetationsperiode auf
der Weide und frass einzig Gras
und Heu. Ergebnis: Die Stallkühe
gaben im Schnitt jährlich 8900 kg
Milch, die Weidekühe annähernd
6100 kg. Weil aber im Weidesys­
tem kein Kraftfutter zugekauft
werden muss und der Arbeitsan­
fall deutlich geringer ist, war der
Arbeitsverdienst hier um mehr als
50 % höher.
Auch für Susanne und Joss geht
die Rechnung auf. Die vierköpfige
Familie kommt ohne Nebenerwerb
gut über die Runden.
Frankreich 0,81

Deutschland 1,07

Österreich 0,87

Italien 0,77

Schweiz 1,71

2010

«Es fehlt das Vertrauen in Gras»
«Mit den Graslandressourcen der Schweiz könnte die
hiesige Landwirtschaft ohne Weiteres genug Milch für
den Inlandbedarf produzieren», hält der emeritierte
HAFL-Professor Peter Thomet fest. Derzeit gibt es aber
hierzulande nur wenige Milchwirtschaftsbetriebe, die
ohne Kraftfutter arbeiten. Es fehle «das Vertrauen in
Gras», meint Susanne Käch. Die Landwirtschaftsschu­
len, die Beratung, die Futtermittelindustrie kämen
alle mit derselben Botschaft: Mit Gras allein seien
Kühe nicht ausreichend ernährt. «Ein falsches Dog­
ma», findet sie. «Die Evolution hat das Rind zum Gras­
fresser gemacht.» Auch die Forschung habe gezeigt,
dass es Kühen, die nur Gras fressen, an nichts fehle.
Ihr Partner Joss Pitt fordert deshalb eine «Graskultur»
für die Schweizer Landwirtschaft: Die Weidemilch­
produktion müsse von den Forschungsanstalten, den
Schulen und der Beratung gefördert werden. Hilfreich
wäre ausserdem ein Versuchs- und Demonstrations­
betrieb.
Denn auch die Ökobilanz spricht für den Vollwei­
debetrieb. Die erwähnte Studie des Berufsbildungs­
zentrums Hohenrain ergab, dass zum Beispiel die
Ammoniakemissionen im Stallhaltungssystem um ein
Drittel höher sind als im Weidebetrieb. Ammoniak
(NH3) entsteht bei Luftkontakt aus dem stickstoffhal­
tigen Harnstoff im Urin der Tiere. Weil Letzterer auf
den Weiden rasch versickert, ist der NH3-Ausstoss dort
geringer als im Stall. Zudem verteilen weidende Tiere
den Hofdünger direkt, weshalb auch ein Grossteil der
NH3-Verluste beim Ausbringen der Gülle entfällt. Das
Schweizer Rindvieh trägt 78 % zu den landwirtschaft­
lichen Emissionen bei.
Ammoniak bedroht die Artenvielfalt …
Die Ammoniakemissionen sind die Hauptursache
für einen unerwünschten ökologischen Trend:
die Düngung aller Lebensräume aus der Luft.
Natürlicher­weise gelangt pro Hektare jährlich 0,5 bis
1 kg Stickstoff (N) in unsere Böden. Im Jahr 2010
waren es in der Schweiz durchschnittlich 23 kg/ha
in die Waldfläche und 14 kg/ha auf die restliche Lan­
desfläche; die Werte schwanken je nach Standort
zwischen 3 und 55 kg/ha. Im Mittel stammen zwei
Drittel davon aus der Landwirtschaft.
Die Stickstoffeinträge bewirken, dass an magere
Standorte angepasste Pflanzen von nährstofflieben­
den Konkurrenten verdrängt werden. Sämtliche
Hochmoore, über 80 % der Flachmoore und rund
40 % der besonders artenreichen Wiesen und Weiden
unseres Landes sind derzeit zu hohen Stickstoffein­
trägen ausgesetzt (siehe auch umwelt 2/2014, Dossier
Stickstoff).

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

Beitrag für graslandbasierte
Milch- und Fleischproduktion
GMF
Mit dem Beitrag für graslandbasierte Milch- und
Fleischproduktion wird seit 2014 eine Produktion
gefördert, die dem betriebsspezifischen Stand­
ortpotenzial angepasst ist. Gegenüber vielen
umliegenden Ländern besitzt die Schweiz einen
grossen Standortvorteil in der Grasproduktion. Im
Fokus steht die effiziente Nutzung von Wiesen- und
Weidefutter für die Milch- und Fleischproduk­tion. Von diesem Beitrag profitieren Betriebe, die
den Futterbedarf vorwiegend durch Gras, Heu,
Emd und Grassilage decken. Der Beitrag für Wiesen und Weiden beträgt 200 Franken pro Hektare
und Jahr.

… und die Stabilität der Wälder
Der Dünger aus der Luft ist eine der grössten
Gefahren für die Artenvielfalt der Schweiz.
Ebenso für die Stabilität der Wälder. Bei rund
95 % der Schweizer Wälder werden die noch tole­
rierbaren Eintragsmengen pro Jahr, die Critical
Loads, durch Einträge aus der Luft überschritten.
Die Stickstoffeinträge bewirken, dass die Bäume
zügig wachsen. Dies führt zu einer unausgewo­
genen Ernährung, da Bäume andere Nährstoffe
nicht im gleichen Mass aufnehmen können. Sie
werden anfälliger für Frost, Trockenheit und
Schadinsekten.
Im Boden wird Ammonium in Nitrat umgewan­
delt. Dieser chemische Prozess trägt zur Boden­
versauerung bei. Als Folge davon werden andere
wichtige Nährstoffe ausgewaschen. Die Bäume
konzentrieren ihr Wurzelwachstum daher auf
die oberen Bodenschichten, wo die Stickstoffver­
fügbarkeit und die Nährstoffnachlieferung aus
der Streu hoch sind. Die tieferen Bodenschichten
hingegen werden spärlicher durchwurzelt. Die
flachen Wurzelteller reduzieren die Standfes­
tigkeit der ­Bäume. Untersuchungen des Insti­
tuts für Angewandte Pflanzenbiologie (IAP) in
Schönenbuch (BL) ergaben, dass der Orkan Lothar
1999 auf versauerten Böden viermal mehr Bäume
entwurzelte als auf weniger sauren Flächen.
Gemäss Luftreinhaltekonzept des Bundes sollen
die Ammoniakemissionen in der Schweiz gesamt­
haft um 40 % vermindert werden. Die Landwirt­
schaft setzt dafür hauptsächlich auf technische

Massnahmen: den Einsatz von Schleppschläuchen
beim Ausbringen der Gülle; bauliche und betrieb­
liche Vorkehrungen zur Reduktion der Emissionen
aus den Ställen; das Abdecken der Güllelager.
«Berechnungen des International Institute for
Applied Systems Analysis (IIASA) ergaben, dass
das Reduktionspotenzial bei konsequenter und
flächendeckender Anwendung der besten verfüg­
baren Technik und Praxis in der Landwirtschaft bei
gleichbleibender Produktion etwa 40 % beträgt»,
bestätigt Reto Meier von der Sektion Luftqualität
im BAFU. Das Ziel könnte damit erreicht werden.
Tierbestände senken
Erreichbar wäre das Umweltziel wohl auch mit einer
Kombination von technischen Massnahmen und
einer Anpassung der Tierbestände an die heimische
Produktionsbasis, denn rund 65 % der Fleisch- und
20 % der Milchproduktion beruhen auf importier­
tem Futter. Dies wäre ein wichtiger Schritt hin zu
einer ökologischen Gesundung unserer Landwirt­
schaft.
Dazu beitragen könnten wir als Konsumierende
auch mit unseren Ernährungsgewohnheiten: Ge­
mäss einer Studie von AgroEcoConsult würde die
Fleischproduktion im Inland bei einem Verzicht
auf Futtermittelimporte auf rund die Hälfte sinken.
Entweder müssten wir mehr Fleisch einführen –
oder den Konsum halbieren.
Höhere Fruchtbarkeit
der Tiere, geringere
Ammoniak­emissionen
und ein höheres Einkommen für die Bauern
dank Einsparungen
beim Kraftfutter sind
einige Aspekte, die die
Weidehaltung attraktiv
machen.


Bild: BAFU-Archiv

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KONTAKTE
Beat Achermann
Sektion Luftqualität
BAFU
+41 58 46 299 78
beat.achermann@bafu.admin.ch

Victor Kessler
Leiter Fachbereich
Direktzahlungsprogramme
Bundesamt für Landwirtschaft, BLW
058 463 31 34
victor.kessler@blw.admin.ch

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

MONOTONIE IM KULTURLAND

Biodiversitätsförderung
in der Landwirtschaft
Die Intensivierung in der Landwirtschaft hat die biologische Vielfalt in den Äckern und Wiesen
des Mittel­landes massiv verringert und bedroht nun auch die Biodiversitäts-Hotspots im
Alpenraum. Um den Trend zu brechen, hat der Bund Instrumente zur Förderung der Biodiversität
weiterentwickelt. Text: Nicolas Gattlen

Eigentlich sollte es um die biologische Vielfalt
im Schweizer Kulturland gut bestellt sein: Seit
1999 muss jeder Betrieb, der Direktzahlungen
beziehen will, ökologische Ausgleichsflächen
(sog. Biodiversitätsförderflächen) anlegen. Heute
sind im Minimum 7 % der landwirtschaftlichen
Nutzfläche Bestandteil des ökologischen Leis­
tungsnachweises. Seit 2001 werden zudem die
Vernetzung dieser Flächen und die floristische
Qualität abgegolten.
Trotzdem hat die Biodiversität im Grün- und
Ackerland weiter abgenommen. Laut Monitoring­
programmen des Bundes ähneln sich die Arten­
gemeinschaften in der Schweiz immer mehr. Die
anspruchslosen Arten nehmen zu, während die
Spezialisten zum Teil starke Einbussen verzeich­
nen. So ist etwa der Flächenbestand der Trocken­
wiesen und -weiden zwischen 1996 und 2006 noch
einmal um rund 20 % zurückgegangen. Auch die
Qualität der Flach- und Hochmoore hat sich in
dieser Zeit verschlechtert, weil Pufferzonen fehlen
und die Nutzung von Flachmooren intensiviert
oder aber aufgegeben wurde. Dramatisch ist der
Rückgang der Ackerbegleitflora und der Fromen­
talwiesen, d. h. der wenig intensiv genutzten, nur
mit Mist gedüngten Blumenwiesen. Im Mittelland
sind solche Blumenwiesen seit 1950 auf 2 bis
5 % ihrer ursprünglichen Fläche geschrumpft.
Mit den Lebensräumen schwinden die Bestän­
de spezialisierter Pflanzen- und Tierarten –­
fatal nicht nur für die Natur, sondern auch für
uns Menschen. Denn die natürlichen Grundla­
gen für unsere Existenz sind nur dann gesichert,

wenn ein breites genetisches Spektrum es den
Tier- und Pflanzenarten ermöglicht, sich an
Umweltveränderungen anzupassen und lang­
fristig zu überleben. Die Landwirtschaft profitiert
zudem bei der Entwicklung nachhaltiger Produk­
tionssysteme von der Vielfalt an Nützlingen und
bei Neuzüchtungen von der Biodiversität.
Mangelnde Qualität der Förderflächen
Die 2013 publizierte Studie der Forschungs­
anstalt Agroscope «Operationalisierung der
Umweltziele Landwirtschaft – Bereich Ziel- und
Leitarten, Lebensräume (OPAL)» hat den Anteil
an landwirtschaftlicher Nutzfläche ermittelt, der
aufgrund der Bedürfnisse bestimmter, für die
jeweilige R
­ egion typischer Arten als Lebensraum
mit ökologischer Qualität zur Verfügung stehen
sollte. Sie kommt zum Schluss, dass heute noch
deutliche Defizite bestehen. Von den Biodiver­
sitätsförderflächen, im Mittelland heute rund
ein Zehntel der landwirtschaftlichen Nutz­fläche,
weisen mindestens 75 % keine ausreichende
ökologische Qualität auf. Dies unter anderem,
weil zahlreiche Förderflächen an ungeeigneten
Standorten angelegt wurden: an schattigen Wald­
rändern oder in ehemals intensiv genutzten Wie­
sen, wo kaum noch Samen von lichtliebenden
Pflanzen vorhanden sind. Überdies werden die
Flächen oft nicht zielführend gepflegt und sind
untereinander schlecht vernetzt.
In den Bergregionen gibt es noch deutlich mehr
Standorte mit hoher Biodiversität. Doch auch
diese sind bedroht, wie eine Untersuchung der

Quelle: BAFU; Bilder: Markus
Bühler-Rasom, Getreideernte (unten);
front.switzerland-photos.com,
Landschaft in der Waadt

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

1900

FLÄCHEN AN
TROCKENWIESEN UND -WEIDEN
DER SCHWEIZ (grün)

2010

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

Schweizerischen Vogelwarte Sempach zeigt. Sie
hat den Landschaftswandel im Engadin zwischen
den Jahren 1987/88 und 2009/10 auf 38 repräsenta­
tiven Flächen analysiert. «Die auffälligste Verän­
derung war die Zunahme der Fettweiden», erklärt
Roman Graf, A
­ utor der Studie. «Ihr Bestand hat
sich in 20 Jahren verdreifacht, und derjenige der
Fettwiesen nahm um 15 % zu. Diese Entwicklung
ging auf Kosten der artenreichen Magerwiesen,
deren Fläche um 55 % zurückging. Einst er­
tragsschwache Wiesen werden heute intensiver
genutzt, das heisst künstlich bewässert, stärker ge­
düngt, früher und häufiger gemäht.» Auf 71 % der
untersuchten Flächen konstatierten die Forscher
eine Vorverschiebung des ersten Grasschnitts –
ermöglicht durch neue Silierverfahren. Für Wie­
senbrüter wie Feldlerche und Braunkehlchen eine
fatale Entwicklung: Die Matte wird gemäht, noch
bevor die Brut flügge ist. Nicht selten wird bei
der Mahd auch das brütende Weibchen ge­tötet,
was den Rückgang der Bestände beschleunigt.
Auch das verstärkte Düngen macht den Vögeln zu
schaffen, denn in der dichten Vegetation ist die
Jagd nach Spinnen und Insekten fast unmöglich.
Intensivierung schadet der biologischen Vielfalt
«Aus dem Mittelland und den Jurahöhen sind
die Wiesenbrüter längst verschwunden, nun sind
ihre Bestände auch im Berggebiet eingebrochen»,
bilanziert Roman Graf. Gemäss einer Bestandsauf­
nahme der Vogelwarte auf den Referenzflächen
im Engadin hat sich die Zahl der Braunkehlchen –
aufgeführt auf der Roten Liste der bedrohten
­Arten – in den letzten 20 Jahren nahezu halbiert.
Schlecht geht es auch der Feldlerche (–58 %) und
dem Baumpieper (–47 %). Obschon sich die Studie
auf das Engadin beschränkt, sind die Ergebnisse
laut Roman Graf typisch für den ganzen Schwei­
zer Alpenraum.«Unterhalb von 1500 Metern über
Meer (m ü. M). hat ein veri­tabler Umbruch statt­
gefunden. Und leider weichen die Wiesenbrüter
nicht einfach in höhere Lagen aus, denn die güns­
tigen Brutplätze sind dort meist schon besetzt.»
Die Schuld für diese Entwicklung mag Roman
Graf nicht den Bauern zuschieben. «Sie folgen
den wirtschaftlichen Anreizen. Bund und Kanto­
ne haben die Intensivierung durch fehlgeleitete
Direktzahlungen für Tierhaltung oder Struktur­
verbesserungen vorangetrieben.» Im Engadin etwa
seien im Rahmen von Meliorationen unzählige
Sprinkleranlagen eingeführt worden, und die
Dauerbewässerung habe die Intensivierung der
Grünlandbewirtschaftung begünstigt. Auch die

Milchzahlen belegen, dass die Intensivierung
zunehmend höhere Lagen erfasst. So werden
heute im Berggebiet im Vergleich zu den frühen
Neunzigerjahren auf einer um 17 % kleineren
Fläche 4 % mehr Milch produziert.
Höhere Anreize für Biodiversitätsförderflächen
Diese Entwicklung läuft der biologischen Vielfalt
zuwider. Die Politik hat das Problem erkannt: In
der Agrarpolitik 2014–2017 wurden die Tierbei­
träge reduziert und die finanziellen Anreize für
das Anlegen von qualitativ wertvollen Biodiver­
sitätsförderflächen erhöht.
Dass dieser Ansatz zu einer in jeder Hinsicht
nachhaltigen Landwirtschaft führen kann, zeigt
der Betrieb von Victor Peer in der Engadiner
Ortschaft Ramosch. Der Biobauer hält knapp
50 Kühe und bewirtschaftet 60 Hektaren Land, das
vom Talboden (1100 m ü. M) bis hinauf auf eine
Privatalp (1700–2000 m ü. M) reicht. Den Grossteil
nutzt er extensiv oder wenig intensiv. 60 % der
Nutzfläche sind als Biodiversitätsförderflächen
angemeldet, wovon rund 50 % botanisch wertvoll
sind und 70 % Vernetzungsbeiträge erhalten. Im
Vernetzungsprojekt richtet sich die Bewirtschaf­
tung der Förderflächen gezielt auf die Bedürfnisse
ausgewählter Arten: Extensive Wiesen dürfen erst
ab Juli und nur schonend gemäht werden, zudem
müssen sie über Kleinstrukturen wie Sträucher
oder Stein- und Asthaufen verfügen.
«Die Voraussetzung für eine gute botanische
Qualität ist hier oben günstig», erklärt Berg­bauer
Peer. «Über Generationen hinweg wurde das
Land nur wenig intensiv genutzt. Es mangelte an
­Wasser, und der Dünger liess sich nicht so einfach
auf die Hänge bringen.» Er stellt aber auch eine
Verstärkung des Intensivierungsdrangs fest. Dazu
habe auch der Strukturwandel beigetragen. Heute
teilten sich in Ramosch 15 Bauern eine Fläche, die
vor 30 Jahren noch von 35 Bauern bewirtschaftet
wurde. Die Folge: Topografisch schwieriger zu
bearbeitende Flächen würden aufgegeben, wäh­
rend sich die Arbeitskraft auf intensiv nutzbare
Flächen konzentriere.
Mit der Agrarpolitik 2014–2017 wurden zudem
Landschaftsqualitätsbeiträge als neue Direktzah­
lungsart eingeführt. Sie zielen auf eine multi­
funktionale Nutzung ab, die auch der Pflege der
Kulturlandschaft gerecht werden soll. Die Gemein­
den Ramosch und Tschlin – inzwischen zu Valsot
fusioniert – wurden als Pilotregion für ein Land­
schaftsprojekt ausgewählt. Es entlohnt die Land­
wirte für die Erhaltung und Pflege von prägenden

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

Biodiversitätsförderung im
Pflichtenheft der Bauern
Die Schweizer Bäuerinnen und Bauern sind nicht allein der Produktion
verpf lichtet, sondern auch der Umwelt. 1996 wurde der multifunktionale
Auftrag für die Landwirtschaft in der Bundesverfassung verankert. Im Bericht
«Umweltziele Landwirtschaft» (2008) haben das BAFU und das Bundesamt
für Landwirtschaft den angestrebten Zustand für verschiedene Zielbereiche
­formuliert, hergeleitet aus bestehenden Rechtsgrundlagen. Ein prioritäres
Ziel ist die Erhaltung und Förderung von einheimischen, schwerpunktmässig
auf der landwirtschaftlichen Fläche vorkommenden oder von der landwirtschaftlichen Nutzung abhängigen Arten und ihren Lebensräumen. Denn
unsere langfristige Versorgungssicherheit und unsere Produktionsgrundlagen
­hängen vom Zustand der Biodiversität ab. (nig)
Buchtipp: Biodiversität auf dem Landwirtschaftsbetrieb – Ein Handbuch für
die Praxis. FiBL und Vogelwarte, 176 Seiten.
Bestellung: www.shop.fibl.org (Best. Nr. 1702)

ENTWICKLUNG DER BRUTVOGELARTEN

140

120

100

80

60
1990

1995

2000

2005

2010

regionalen Landschaftselementen. Knapp die
Hälfte der 2014 entrichteten Landschaftsquali­
tätsbeiträge entfielen auf Kleinstrukturen wie
Einzelbäume, Hecken, Trockenmauern oder
traditionelle Kulturlandschaften wie Wytweiden
oder wieder kultivierte Ackerterrassen, die nebst
der landschaftlichen auch der biologischen Viel­
falt zugutekommen. Viktor Peer war damals Mit­
glied der Operativgruppe. Er erinnert sich, wie er
gegen die Vorbehalte des Bauernverbandes und
gegen das Misstrauen von Kollegen ankämpfen
musste. Es sei nicht ihre Aufgabe, die Natur zu
fördern und die Landschaft zu pflegen, sondern
Nahrungsmittel zu produzieren, bekam er zu
hören. Inzwischen aber hätten viele Landwirte
ein anderes Selbstverständnis.
Der Landwirt und die Biodiversität gewinnen
Die Intensivierung der landwirtschaftlichen
Nutzung ist nicht der Weg, den Victor Peer ein­
schlagen will. Dagegen sprechen für ihn neben
ökologischen auch wirtschaft­liche Gründe. Mit
Schrecken habe er feststellen müssen, wie unbe­
rechenbar der Preis für Milch sei. In den letzten
Jahren ging dieser stets nach unten. «Mit jedem
Liter Milch mache ich heute 80 Rappen Verlust»,
erklärt der 56-jährige Landwirt.
Dass die in Aussicht gestellten Förderbeiträge
zum Gesinnungswandel beigetragen haben, will
er nicht bestreiten: «Wieso auch. Die Schweizer
Bevölkerung wünscht sich eine Landwirtschaft,
die Rücksicht nimmt auf Natur und Landschaft,
und wenn wir Bauern diesem Wunsch folgen,
haben wir Anrecht auf einen angemessenen
Verdienst.» Victor Peer freut sich auch über
den nicht materiellen Lohn: «Wenn ich im
Frühjahr in meinen Wiesen blühende Enziane
und Windröschen sehe oder ein Braunkehlchen
auf einem Zaunpfahl, dann motiviert mich das
weiterzumachen.»

2014

Regelmässige Brutvögel in der Schweiz (173 Arten)
Typische Kulturlandvögel (38 Arten)
Leit- und Zielarten gemäss «Umweltziele Landwirtschaft»
(46 spezifischere Arten)
Im Rahmen der «Umweltziele Landwirtschaft» werden 46 Leit- und Zielarten
eingestuft. Dieser Index entwickelte sich zwischen 1990 und 2014 negativ. Bei
den typischen Kulturlandvögeln sind die Bestände knapp unter dem Ausgangszustand von 1990 langfristig stabil. Dies jedoch nur aufgrund von zunehmenden
Quelle: BFS 2015, Vogelwarte Sempach– Swiss Bird Index
Generalisten.

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www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-03

KONTAKT
Gabriella Silvestri
Sektion Arten und Lebensräume
BAFU
+41 58 462 99 80
gabriella.silvestri@bafu.admin.ch

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

GROSSE VIELFALT VON BETRIEBSMODELLEN

Der virtuose Landwirt
Engadinerschafe züchten, Holstein-Jersey-Kühe in höher gelegenen Regionen halten, M
­ elkroboter
einführen oder auf die Vertragslandwirtschaft setzen: Die Schweizer Landwirtschaft weist
heute eine enorme Formenvielfalt auf. umwelt hat einige Bauern und B
­ äuerinnen ­getroffen, die
gegenwärtig ihren Beruf neu erfinden – gestützt auf ökologische Projekte, Direktzahlungen
und Neben­erwerbstätigkeiten. Text: Cornélia Mühlberger de Preux

Eine Ebene mit sanften Hügeln und mildem
Klima dank des nahen Murtensees. Schmale
Wäldchen entlang des Flüsschens Chandon.
Weite zartgrüne Wiesen, eine Herde schwarzer,
brauner und weisser Mutterschafe und eine Schar
umherspringender Lämmer. Wir befinden uns in
Chandossel in der Nähe von Villarepos (FR), wo
Lea Egli und Reto Fivian eine Schäferei führen.
Ihre 213 Engadinerschafe – eine vom Aussterben
bedrohte Rasse – bringen jährlich zwischen 300
und 400 Lämmer zur Welt. Auf diesem Hof steht
das Wohl der Tiere im Mittelpunkt: grasbasierte
Fütterung, Weidehaltung während 9 Monaten im
Jahr, sparsamster Einsatz gezielt ausgewählter
Medikamente. 60 Prozent der Einnahmen bezieht
der Hof aus dem Verkauf von Lammfleisch, den
Rest aus Direktzahlungen. «Wir praktizieren eine
biologische Landwirtschaft, also ohne Pflanzen­
schutzmittel und chemischen Dünger. Ein Viertel
unseres Landes besteht aus Biodiversitätsförder­
flächen; 320 Aren gelten im Hinblick auf die
Flora als hochwertig», erklärt Lea Egli. Ihr Partner
nennt einige der unzähligen Arten, die hier ge­
deihen: «Thymian, Salbei, Knolliger Hahnenfuss,
Dornige Hauhechel … Und was die Fauna anbe­
langt Hauhechel-Bläuling, Gelbbauchunke oder
auch Grünspecht.» Die Schäferei in Chandossel
betreibt Direktvermarktung und bedient nicht
nur Privatkunden und Restaurants, sondern auch
das Gastronomieunternehmen Novae, von dem
später noch die Rede sein wird.

Der Wirtschaftlichkeit verpflichtet
Unsere nächste Station befindet sich im Berner
Jura. «Les Petites Fraises» heisst der kleine Bauern­
hof auf 1050 Metern über Meer in Les Reussilles.
In der Ferne drehen sich die Windräder auf dem
Mont Crosin. Valérie Piccand, deren Mutter aus
Haiti und deren Vater aus Freiburg stammt,
kümmert sich mit ihrem Mann um den Betrieb.
Den beiden Agronomen stehen rund 30 Hektaren
Land zur Verfügung – alles Naturwiesen und
Weiden –, auf denen sie etwa 30 Kühe halten.
«Jeder Grashalm sollte gefressen und in Milch
verwandelt werden», so Valérie Piccand. Das Ziel
ist eine maximale Rationalisierung der Arbeit,
weshalb sie ein Vollweidesystem mit saisonaler
Abkalbung praktizieren. «Die Kühe müssen sich
für dieses System eignen. Deshalb haben wir uns
für eine Holstein-Jersey-Kreuzung entschieden.»
Die Milch wird von der nahe gelegenen Käserei
in Les Reussilles zu Bio-Gruyère AOC verarbeitet.
Die Gebäude, Infrastrukturen und Einrichtungen
auf dem Hof sind einfach und funktionell. Das
Betreiberpaar versucht, die Produktion zu opti­
mieren und ebenso die Direktzahlungen (25 %
Biodiversitätsförderflächen; die Direktzahlungen
machen rund einen Drittel des Umsatzes aus).
Etwas oberhalb des Hofes befindet sich eine
Trockenwiese, hinter dem kleinen Hügel eine
Feuchtwiese und darunter ein HochstammObstgarten: Auch sie werden durch Programme
des Bundes finanziell gefördert. Wie bei der

Quelle: EFV– Bundeshaushalt,
BFS – Landwirtschaftliche Gesamtrechnung;
Bilder: Keystone, Spinaternte (unten);
Aura, Bauernzmorge

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

2014
DIREKTZAHLUNGEN
IN FRANKEN

2,8 

MILLIARDEN

1985
0,61

MILLIARDEN

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

Milchproduktion (graslandbasierte Milch- und
Fleischproduktion GMF) steht auch bei den öko­
logischen Ausgleichsmassnahmen die Qualität
im Vordergrund (Vernetzung, Qualitätsstufe II,
landschaftliche Qualität). Letztlich möchte das
Bauernpaar Piccard «einen gleich hohen Stunden­
lohn erzielen, wie wir als Agronomen anderswo
verdienen würden». Von diesem Ziel sind sie je
nach Jahr nicht mehr weit entfernt. Wichtig ist
ihnen aber auch, Zeit für ihre Kinder zu haben,
sich in der Gemeinde zu engagieren, eine Parzelle
für Permakultur zu nutzen oder mit Freunden
einen grossen Gemüsegarten zu pflegen.
Zwischen Hightech und Wirtschaft des Teilens
Andere Höfe, andere Methoden. In Treyvaux (FR)
hat sich Alexandre Peiry für den Melkroboter
entschieden, um seinen Betrieb rentabler zu
gestalten und um nicht eine Diskushernie erlei­
den zu müssen wie sein Vater. «Dazu mussten
200 000 Franken investiert werden. Gleichzeitig
habe ich aber Zeit für weitere Tätigkeiten ge­
wonnen. So bin ich beispielsweise für die Biogas­
anlage in Ferpicloz zuständig», erzählt er. Dort
kann auch er seinen Hofdünger verwerten. Dieses
Netzwerk, an dem sich rund 50 Landwirte der
Region beteiligen, kommt allen zugute: denen,
die zu viel, und denen, die zu wenig Hofdünger
haben. Ausserdem ist Alexandre Peiry einer der
Verwalter der Maiskooperative von Treyvaux
und Umgebung. Diese fördert den gemeinsamen
Kauf von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln,
bietet Dienstleistungen für ihre Mitglieder und
Kunden an oder das Mieten von Landmaschinen
zu Vorzugspreisen.
Alexandre Delisle von der «Ferme du Nord» in
Ferlens (VD) hingegen hat die Milchwirtschaft
aufgegeben und sich auf die Produktion von
Fleisch von Schweinen und von Salers-Rindern,
einer alten Rasse aus dem französischen Zen­
tralmassiv, konzentriert. Dabei arbeitet er mit
einem Paar zusammen, das Erfahrung in der
Veredelung von Fleischprodukten hat. Sie stel­
len die berühmten «Saucisses aux choux» sowie
Schinken und Würste her und kümmern sich um
den Direktverkauf. Wie Alexandre Peiry ist auch
Alexandre Delisle überzeugt von der «Wirtschaft
des Teilens» (Sharing Economy). Er ist gerade am
Erstellen der Plattform AgriJorat, die sämtliche
Betriebe der Region erfassen soll. Sie wird es
ermöglichen, Onlinebestellungen aufzugeben,
Maschinen und Wissen zu teilen und sich ganz
einfach gegenseitig zu unterstützen.

Vom Feld in den Korb
Weiter gehts nach Courgenay im Kanton Jura, wo
sich die Genossenschaft La Clef des Champs auf
einer 2 Hektaren grossen Fläche an der «Moulin
de la Terre» genannten Strasse der regionalen Ver­
tragslandwirtschaft verschrieben hat. Hier bauen
3 Gärtner auf 180 Aren im Freien und 20 Aren in
Treibhäusern 30 bis 40 verschiedene Gemüse mit
dem Label Bio Suisse an. Die Anforderungen sind
also äusserst streng. «Wir verwenden Bio-Samen
von Sativa, Zollinger und Bingenheimer, setzen
nur organische Düngemittel ein und verzichten
auf Behandlungen», erläutert Céline Corradetti,
die seit 2010 dort arbeitet. Gepflügt wird einmal
pro Jahr, und zwar 10 bis 18 cm tief. Zudem setzt
die Genossenschaft auf Gründüngung. «So wird
der Boden angereichert und belüftet und zugleich
das Unkraut bekämpft», erklärt die ehemalige
Korbflechterin weiter. Klee bringt Stickstoff,
Winterwicke sorgt für eine gute Bodenstruktur,
und Luzerne nützt Insekten und damit der Bio­
diversität.
La Clef des Champs zählt 210 Mitglieder. Diese
müssen pro Jahr mindestens 18 Arbeitsstunden
zur Produktion beitragen, um einen Teil der mo­
mentan auf 165 Körbe verteilten Gemüseernte zu
erhalten. Für jährlich 870 Franken gibt es von
April bis Anfang Dezember jede Woche eine
Lieferung und von Januar bis März einen Korb
pro Monat, was einem Gegenwert von 24 Franken
pro Korb entspricht. Die Mitglieder beteiligen sich
an der Ernte und liefern die Körbe an die regio­
nalen Depots in Pruntrut, Delsberg, Glovelier,
Courgenay und Saignelégier.
Vom Feld und von der Weide auf den Teller
Lamm aus Chandossel, Gruyère aus Les Reus­
silles, Bio-Gemüse aus Courgenay: Die Region hat
eine Fülle schmackhafter Produkte zu bieten.
Novae, ein Westschweizer Unternehmen im
Bereich Gemeinschaftsgastronomie mit Sitz in
Gland (VD), hat dies erkannt. Um seine rund­
80 Kunden – Restaurants, Schulkantinen, Unter­nehmen, Alters- und Pflegeheime sowie Klini­
ken – zu beliefern, sucht es sich deshalb die
besten Produzenten vor Ort aus. Damit soll ein
­respektvoller Umgang mit der Natur gesichert
und sollen kurze Wege und Qualität bevorzugt
werden. «Wir arbeiten mit regionalen, saisonalen
und wenn möglich biologischen Erzeugnissen,
und wir kennen die Art der Herstellung. Ein
gutes Produkt braucht Raum und Zeit», so die
Überzeugung von Stéphane Grégoire, stellver­

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

«Ein gutes Produkt braucht Raum und Zeit»: regional produziertes Lammfleisch.


tretender Generaldirektor und Einkaufschef bei
Novae. Deshalb hat er ein Netz von rund 40 un­
abhängigen Direktlieferanten aufgebaut, die ihn
mit Früchten, Gemüse, Fleisch, Fisch, Konfitüren,
Kräutern oder auch Honig versorgen. Der Verkauf
erfolgt ohne Zwischenhandel. So gewinnen alle,
und die Produkte sind letztlich nicht teurer, als
wenn sie über die herkömmlichen Vertriebsnetze
bezogen würden. Beim Lammfleisch deckt sich
Novae hauptsächlich in der Schäferei von Chan­
dossel ein, wobei aus wirtschaftlichen Gründen
jeweils mindestens 30 ganze oder in grosse Teile
zerlegte Lämmer auf einmal gekauft werden. Das
Unternehmen gewährt Bauernbetrieben, die ihre
Produktion neu ausrichten wollen, auch zins­
lose Darlehen. Davon profitiert etwa die Familie
Lachat, die seit Kurzem in Corban im Bezirk
Delsberg (JU) Hirsche züchtet.

Bilder: Novae restauration

Die Agrarpolitik 2014–2017 im Dienste
der Landwirtschaft
Heutzutage sind für Landwirtinnen und Land­
wirte nicht nur ihre individuellen Werte und
Ziele ausschlaggebend. Sie müssen sich auch
wirtschaftlichen Herausforderungen stellen,
die Bedürfnisse des Marktes befriedigen und
gesellschaftliche Zielsetzungen erfüllen. «Den
Direktverkauf fördern, im Netzwerk arbeiten,
Tätigkeiten und Einnahmequellen diversifi­zieren – da gibt es nicht nur eine Lösung, son­
dern eine Vielzahl von Möglichkeiten», betont
Anders Gautschi von der BAFU-Sektion Konsum
und Produkte. Ausserdem habe der Bund seine
Agrar­politik neu ausgerichtet, um eine gute
Balance zwischen den diversen Ansprüchen zu
finden, mit denen die in der Landwirtschaft
Tätigen heute konfrontiert seien. Diese Politik
fördert die Innovation sowohl in der land­
wirtschaftlichen Produktion als auch in der
Ernährungswirtschaft. Ein zentrales Element
der Agrarpolitik 2014–2017 ist zudem das wei­
terentwickelte Direktzahlungssystem. «Diese
Veränderungen führen die Schweiz näher an eine
standortgerecht produzierende Landwirtschaft.
Das zeigen die vorgestellten Beispiele», sagt
Anders Gautschi, der sich über die Kreativität und
die Hartnäckigkeit der heutigen Landwirtinnen
und Landwirte freut.
KONTAKT
Anders Gautschi
Sektionschef Konsum und Produkte
BAFU
+41 58 463 13 17
anders.gautschi@bafu.admin.ch

Weiterführende Links zum Artikel:
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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

FOLGEPROBLEME DES HOHEN TIERBESTANDES

Tiermast frisst Landschaft
Die Werbung lobt die hohe Qualität von Schweizer Geflügelfleisch und seine tierfreundliche
Produktion. Dass die Hühner grösstenteils importiertes Futter fressen und mit ihrem Mist zu
den hohen Stickstoffemissionen beitragen, ist den Konsumenten kaum bekannt. Zudem
beeinträchtigen Masthallen die Landschaft. Text: Lucienne Rey

Die Schweiz ist weltweit als Exportnation für Uh­
ren, Schokolade und Käse berühmt. Doch sie führt
auch weniger vornehme Güter aus. Allein aus
dem Kanton St. Gallen wurden im Jahr 2015 gut
600 Tonnen Hühnermist ausser Landes gebracht.
«In unserem Kanton sind nur etwa 10 Prozent
der Landwirtschaftsfläche offene Ackerfläche.
Der Rest entfällt auf Wiesen und Weiden, wo
der nährstoffreiche Hühnermist nicht als Dünger
eingesetzt werden kann», erklärt Fredy Trefny
vom Amt für Umwelt und Energie des Kantons
St. Gallen. Die streng riechende Fracht wird per
Lastwagen auch mal mehrere hundert Kilometer
bis in die östlichen Bundesländer Deutschlands
transportiert. Da derzeit in der Ostschweiz etwa
alle zwei Monate ein neuer Pouletmastbetrieb
entsteht, ist zu erwarten, dass künftig noch
mehr Geflügeldung verschoben wird. Diesem
Mistexport steht ein zunehmender Futterimport
gegenüber. «Die ‹Schweizer› Poulets sind quasi
‹Hors-sol›-Produkte, deren Futter weitgehend
auf ausländischem Ackerland produziert wird»,
betont Hans Ulrich Gujer, Landwirtschaftsexperte
beim BAFU. Mittlerweile werde im Ausland für
das Futtermittel der hiesigen Tierbestände so viel
Fläche Ackerland beansprucht, wie die Schweiz
selber aufweise.
Geflügel boomt
Im Unterschied zu den anderen Nutztieren,
deren Bestände seit der Jahrtausendwende auf
hohem Niveau relativ konstant blieben, nahm
das hierzulande gehaltene Federvieh zwischen
2005 und 2015 um 25 Prozent zu. Die entspre­
chende Fleischproduktion hat sich gemäss Avi­
forum, dem Kompetenzzentrum der Schweizer
Geflügelwirtschaft, in den letzten 20 Jahren gar
verdoppelt. Manfred Bötsch, Leiter des Geschäfts­
bereichs Nachhaltigkeit bei der Migros, bestätigt

diese Entwicklung: Poulets sind beliebt, und das
Angebot vermag mit der steigenden Nachfrage
kaum mitzuhalten. Etwa die Hälfte des Geflügels
wird denn auch importiert. «Bei vielen Konsu­
mentinnen und Konsumenten gilt das weisse
Fleisch als besonders gesund», erläutert der
Fachmann. Überdies sei es «konfessionell neu­
tral». Entsprechend hätten viele Schulkantinen
die herkömmlichen Wienerli durch Brühwürst­
chen aus Geflügel ersetzt, um Konsumenten
entgegenzukommen, die auf den Genuss von
Schweinefleisch verzichten.
Den Preis bezahlen die Landschaft und die Umwelt
In der wachsenden Nachfrage nach Geflügel orten
Landwirte ein lukratives Ertragsfeld. Die Folge:
Zunehmend sind industriell anmutende Gebäude
mit grossen versiegelten Verkehrsflächen in der
bäuerlichen Kulturlandschaft anzutreffen, die
deren Charakter beeinträchtigen und die Zersie­
delung fördern. Daniel Arn, der in der Sektion
Ländlicher Raum des BAFU für die Landschafts­
politik zuständig ist, stört sich an der grosszügigen
Bewilligungspraxis: «Solche Pouletmasthallen
gehören von Dimension und Typ her nicht in die
offene Landschaft».
Das Raumplanungsgesetz (RPG) regelt die Vor­
aussetzungen zur Errichtung neuer Bauten und
Anlagen ausserhalb der Bauzonen, der Vollzug
obliegt den Kantonen. In der Regel werden Pou­
letmasthallen mittels der inneren Aufstockung
bewilligt, d.h., einem überwiegend bodenab­
hängig geführten Betrieb werden Bauten und
Anlagen für eine bodenunabhängige Produktion
landwirtschaftlicher Erzeugnisse angegliedert.
Im Rahmen einer inneren Aufstockung dürfen
die Hühner mit zugekauften Futtermitteln er­
nährt werden, sofern der gesamte Betrieb über
eine ausreichende eigene Futtermittelbasis für

2010
QUELLEN DER
AMMONIAKEMISSIONEN
AUS DER
SCHWEIZERISCHEN
TIERHALTUNG

Quelle: BAFU;
Bilder: Stephan Jaun-Pfander, Masthalle
(unten); Keystone

20

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Ausbringen von
Gülle und Mist

31 %

Weiden

DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

Stallhaltung

Gülle und
Mistlager

21

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

Höchstleistungen der Effizienz
Ein Faktenblatt von Aviforum, dem Kompetenzzentrum der Schweizer
Gef lügelwirtschaft, geht bei einer Modellberechnung für die Nor­malmast
von knapp 8 Umtrieben aus – so heisst in der Fachsprache die Zeitspanne, die es braucht, um das Eintagsküken auf das Schlachtgewicht von
rund 2 Kilo zu bringen. Maximal 38 Tage dauert es, bis dieses erreicht
ist. Weitere 8 bis 10 Tage werden für die anschlies­sende Reinigung der
Anlage  benötigt. Bei ­einem Anfangsbestand von 12 000 Tieren und
«Abgängen» (d. h. einer Sterberate) von 3,6 % stösst ein solcher Modellbetrieb jährlich knapp 92 000 Poulets aus. Freilich arbeiten etliche der
über 900 Schweizer Gef lügelmastbetriebe mit kleineren Beständen. Doch
insgesamt stellten diese gemäss Proviande, der Branchenorganisation der
Schweizer F­ leischwirtschaft, in den letzten Jahren an die 60 Millionen
Tiere bereit – pro Jahr.
Die Geflügelmäster gehen dabei mit Abnehmern langjährige Beziehungen
ein; sie vereinbaren gemeinsam die Produktionszahlen, was die Planung der
Einkäufer absichert und den Mästern berechenbare Einkünf­te garantiert.
Gut 75 Prozent des hierzulande produzierten Pouletfleisches wird von Geflügelmästern erzeugt, die mit den beiden Grossen der Branche – der Micarna
von Migros und Bell von Coop – Abnahmeverträge abgeschlossen haben.

all seine Tiere verfügt. Aber auch wenn dies nicht
gewährleistet ist, können Bauten und Anlagen,
die über eine innere Aufstockung hinausgehen,
als zonenkonform bewilligt werden, wenn sie in
einem Gebiet erstellt werden, das vom Kanton dafür
freigegeben wird (sog. Speziallandwirtschaftszonen).
Die Interessen gewichten
Neben den Pouletmasthallen hinterlassen freilich
auch andere neue landwirtschaftliche Zweckbauten
wie Grossställe, Reitbetriebe oder Glashäuser un­
übersehbare Spuren in der Landschaft. Eine Studie
belegt, dass der im Kanton Aargau im Jahr 2014
verbuchte Verlust an Fruchtfolgefläche zu 60 Pro­
zent auf den Bau von Ställen, Remisen, Silos usw.
zurückzuführen ist. In absolute Werte umgerechnet
bedeutet dies, dass wegen der neu errichteten Land­
wirtschaftsanlagen Kulturland im Umfang von gut
18 Fussballfeldern verbaut wurde.
Die Raumplanung lässt allerdings solche Bauten
nur zu, wenn diesen am vorgesehenen Standort
keine überwiegenden Interessen entgegenstehen.
Offensichtlich gewichten heute Gemeinden und
Kantone die kurzfristigen Interessen einzelner Land­
wirtschaftsbetriebe und der Grossverteiler höher
als längerfristige Anliegen des Kulturland- und
Landschaftsschutzes.

Letztlich entscheidet meist die dem Landwirt zur
Verfügung stehende Fläche, wo ein landwirtschaft­
licher Zweckbau überhaupt hingestellt werden
kann. Und dessen Gestaltung hängt in erster Linie
vom Standardmodell des Anbieters ab. Ästhetische
Kriterien, die dazu führen könnten, dass sich eine
solche Anlage besser in die Landschaft einfügen
würde, bleiben häufig unberücksichtigt. «Es reicht
nicht, im Nach­hinein noch zwei, drei Bäume oder
eine Hecke zu pflanzen», so Daniel Arn. Der BAFUFachmann weist auf die zweite Etappe der Revision
des Raumplanungsgesetzes hin. Nebst anderen
Themen werden in dieser Revi­sionsetappe schwer­
gewichtig die Regelungen zum Bauen ausserhalb der
Bauzonen überarbeitet. Es wäre daher sinnvoll, im
Rahmen dieser Revisionsarbeiten die Verpflichtung
einzubringen, dass nicht mehr benötigte Gebäude ab­
gerissen werden. Ausserdem könnte das Gesetz neu
auch Forderungen an die Qualität stellen, die beim
­Bauen ausserhalb der Bauzone zu beachten wären
und den spezifischen Landschaftsentwicklungszielen
zu entsprechen hätten. Einige Kantone erweisen sich
da als Vorreiter: Dass ein Neubau beispielsweise eher
in den Hang eingefügt als auf der Krete errichtet
werden soll, Material und Farbgebung mit Bedacht
zu wählen sind und es ein Durcheinander verschie­
dener Firstrichtungen zu vermeiden gilt, postuliert
eine Planungshilfe des Kantons Jura. Auch die
Kantone Appenzell und Zug veranschaulichen mit
Beispielen, wie sich neue Gebäude in traditionelle
Kulturlandschaften einpassen lassen. «Wenn sich alle
engagieren und am gleichen Strick ziehen, können
wir den Wandel der Landschaft so gestalten, dass
ihr Charakter gewahrt bleibt», zeigt sich Daniel Arn
überzeugt.
In grössere Kreisläufe eingebunden
Mit Blick auf die Fleischproduktion ungelöst bleibt
das Problem, dass es der Schweiz bei Weitem nicht
möglich ist, genügend Futtermittel zu produzieren,
um ihren derzeitigen Tierbestand zu ernähren. Noch
im Jahr 1996 importierte sie knapp 250 000 Tonnen
Futtergetreide; heute ist es nahezu das Fünffache.
Die Kurve zeigt weiter steil nach oben. Ein wichtiger
Lieferant von Soja­schrot ist Brasilien, das dem Kraft­
futterbedarf der Industrieländer im Norden seine
Regenwälder opfert. Die 2012 gegründete Initiative
Donau-Soja macht sich für den nachhaltigen Anbau
der eiweissreichen Bohne in Europa stark. Micarna
(Migros) wie auch Bell (Coop) haben ihre Geflügel­
produktion denn auch auf Donau-Soja umgestellt.
Doch damit werden letztlich dem Boden der DonauLänder Nährstoffe entzogen – während sich der hier

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

ÜBERSCHREITUNG DER KRITISCHEN BELASTUNGSGRENZEN (CRITICAL LOADS)
nicht überschritten
0 – 5 kg N/ha/a
5.1–10
10.1–20
20.1–30
> 30

Quelle: BAFU/Meteotest

Überschreitung der kritischen Belastungsgrenzen
(Critical Loads) für Stickstoffeinträge in naturnahe
Ökosysteme für das Jahr 2010 (Wälder, Hochmoore,
Flachmoore, Trockenwiesen und -weiden sowie
montane und alpine Heiden
Grau: keine stickstoffempfindlichen Ökosysteme

anfallende Mist oft nicht mehr auf dem eigenen
Land verwerten lässt.
Könnte eine Lösung darin bestehen, gleich das
Fleisch von dort zu importieren, wo auch das Futter
wächst, und damit der Bevölkerung vor Ort erst
noch zu neuen Arbeitsplätzen zu verhelfen? Die
Migros jedenfalls wirbt in ihrer Kampagne «Ge­
neration M» für Geflügel- und Kaninchenfleisch,
das nach Schweizer Tierschutzstandards von Part­
nerbetrieben in Deutschland und Ungarn erzeugt
wird. Dass der ganze Produktionsprozess im Aus­
land gleich eng begleitet werden kann wie in der
Schweiz, stellt Manfred Bötsch allerdings in Frage.
Tatsache ist: Die Schweiz gehört in Europa zu den
Ländern mit den höchsten Ammoniakemissionen
pro Hektare Landwirtschaftsfläche. Diese Emissio­
nen führen zu übermässigen Stickstoffeinträgen
in naturnahe Ökosysteme. Die Belastungen über­
steigen die im Rahmen der Konvention über weit­
räumige grenzüberschreitende Luftverunreinigung
festgelegten kritischen Belastungsgrenzen (Critical
Loads) deutlich. Mithin wird der Grundsatz des

N-Überschreitungen
– bei 95 % der Waldflächen
– bei 100 % der Hochmoorflächen
– bei 84 % der Flachmoorflächen
– bei 42 % der Trockenwiesen und -weiden

Umweltschutzgesetzes verletzt, dass Einwirkungen,
die schädlich sind, im Sinne der Vorsorge frühzeitig
begrenzt werden sollen. Deshalb sind verstärkte
Anstrengungen erforderlich, um die Umwelt zu
schonen. Sollten die bereits allzu grossen Tierbe­
stände, die am Ursprung der Emissionen stehen,
weiter zunehmen, verschärft sich das Problem. Es
sind daher Massnahmen zu ergreifen, welche die
Landwirtschaft wieder zu einer bodenbezogenen,
nachhaltigen Fleischproduktion und zu angepass­
ten Tierbeständen führen.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-05

KONTAKTE
Daniel Arn	
Sektion Ländlicher Raum
BAFU
+41 58 462 80 03
daniel.arn@bafu.admin.ch

Hans Ulrich Gujer
Sektion Landschaftsmanagement
Koordinator Kommission
Landwirtschaft BAFU
+41 58 462 80 04
hans.gujer@bafu.admin.ch

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

TECHNISCHE INNOVATIONEN

Pioniergeist zugunsten
einer umweltschonenden
Landwirtschaft
Nur wenn die Schweizer Bäuerinnen und Bauern künftig naturnaher und nachhaltiger pro­
duzieren, lassen sich Umweltfolgen wie Pestizidrückstände in Gewässern verringern. Nebst
der guten landwirtschaftlichen Praxis können auch technische Innovationen ökologische
Probleme entschärfen. Text: Kaspar Meuli
Sieht so die Zukunft der Landwirtschaft aus? Wie
von Geisterhand gelenkt, bewegt sich der Pflan­
zenschutzroboter über das Zuckerrübenfeld. Nicht
eben elegant – eine Mischung aus Marsmobil und
Pingpongtisch –, aber effizient: Der Greifarm des
Roboters besprüht nur die von einer Bordkamera
als Unkraut erkannten Pflänzchen mit Herbizid.
Aus Umweltsicht ist der Roboter zukunftsweisend.
Denn die Erfindung des Westschweizer Startups
ecoRobotix, die Ende 2016 auf den Markt kommen
soll, liefert eine Antwort auf zwei grosse ökolo­
gische Probleme: die Bodenverdichtung und den
hohen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.
Im Gegensatz zu den tonnenschweren herkömm­
lichen Landwirtschaftsmaschinen wiegt der völlig
autonom arbeitende Roboter gerade mal 100 Kilo.
Und weil er dem Unkraut zentimetergenau auf
den Leib rückt, lässt sich der Verbrauch von
Spritzmitteln auf einen Zwanzigstel senken. «Diese
neue Technologie ist wirklich sehr interessant, sie
dürfte den Einsatz von Herbi­ziden auf das strikte
Minimum beschränken», sagt denn auch Olivier
Félix, Leiter des Fachbereichs Nachhaltiger Pflan­
zenschutz im Bundesamt für Landwirtschaft (BLW).
«Zudem schont diese Innovation die Struktur des
Bodens.»
Immer mächtigere und schwerere Maschinen,
die auf Feld und Wiese zum Einsatz kommen,
verursachen die zunehmende Verdichtung des
Bodens. Mit ihnen lässt sich zwar schneller säen,
düngen und ernten, die Folgen allerdings sind
schwerwiegend: Das Wasser versickert kaum, es
sucht sich einen Weg an der Oberfläche direkt
in die Gewässer und nimmt dabei grosse Mengen

an Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln mit.
Kommt dazu, dass sich die Pflanzen nicht mehr
richtig verwurzeln können und die Äcker lang­
fristig an Ertragskraft verlieren. «Das Problem ist
vor allem eine Verdichtung des Unterbodens. Dort
ist die Lockerung praktisch nicht mehr möglich»,
gibt Corsin Lang von der Sektion Boden des BAFU
zu bedenken. «Die Regeneration des Bodens ist
schwierig und dauert viele Jahre bis mehrere
Jahrzehnte.» Wie verbreitet verdichtete Böden in
der Schweiz sind, lässt sich nicht allgemein sagen.
Doch eine Studie der Zentralschweizer Kantone
kam zum Schluss, dass rund ein Drittel der unter­
suchten Flächen «starke bodenphysikalische Be­
einträchtigungen» aufweist. Um den Zustand der
Böden künftig besser beurteilen zu können, lässt
das BAFU bis Ende 2016 von der Genfer Hochschule
für Landschaft, Ingenieurwesen und Architektur
(hepia) methodische Grundlagen ausarbeiten.
Pflanzenschutzmittel und Artenvielfalt
Bereits relativ gut untersucht sind die Folgen der
Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln auf
Flüsse und Bäche. Das BAFU zeigte 2015 in einer
Studie auf, dass die Pflanzenschutzmittel-Belastun­
gen in vielen kleineren und mittelgrossen Bächen
so hoch sind, dass sie für Wasserlebewesen giftig
sind. Die Hinweise mehren sich, dass die Pflan­
zenschutzmittel mitverantwortlich sind für den
Rückgang der A
­ rtenvielfalt in vielen vor allem
kleinen ­Gewässern. Die Politik fordert nun Mass­
nahmen: Unter Federführung des BLW wird derzeit
ein Aktionsplan zur Risikoreduktion und nach­
haltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln

Quelle: Michael Weissbach 1994,
Universität Kiel.
Bilder: Marius Frei, Precision
Farming (unten); ecoRobotix,
Pflanzenschutzroboter

VERSICKERUNGSZEIT
VON 4,4 mm
WASSER
AUF BÖDEN, DIE MIT
VERSCHIEDENEN
REIFEN BEFAHREN
WERDEN.
Sobald das Wasser nicht
mehr sichtbar ist, wird
die nächste Wassergabe
zugeführt.

1. GABE
2. GABE

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

300 Sekunden

Unbefahren

Terra-Reifen

Doppelachse

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

erarbeitet. Seine Umsetzung soll zu einer deutlichen
Verminderung der Pestizideinträge beitragen.
Ob Innovationen wie der eingangs erwähnte Pflan­
zenschutzroboter aus der Westschweiz künftig einen
Beitrag zu umweltschonender Landwirtschaft leis­
ten werden, hängt nicht zuletzt von ökonomischen
Faktoren ab. Neue Technologien könnten durchaus
helfen, Pflanzenschutzmittel gezielter anzuwenden,
sagt Georges Chassot von der BAFU-Sektion Wasser­
qualität, doch zuerst solle die Landwirtschaft auf an­
dere, möglicherweise kostengünstigere Massnahmen
setzen. «Die Lösungen für die ökologischen Probleme
müssen auf dem Feld gesucht werden», fordert er.
Gefragt seien in erster Linie neue agronomische Stra­
tegien, um Pflanzen ohne Chemieeinsatz zu schützen.
Und wenn Pestizide unvermeidlich seien, gelte es,
ihre Anwendung den lokalen Verhältnissen – etwa
den hierzulande hohen Niederschlagsmengen und
der Topografie – anzupassen.
Dass es möglich ist, Pflanzenschutzmittel zu redu­
zieren oder zu ersetzen und dabei nicht unbedingt
weniger zu verdienen, zeigt die vom BAFU finanzierte
Studie «Evaluation von Massnahmen in der Land­
wirtschaft zur Reduktion der Gewässerbelastung mit
Pflanzenschutzmitteln». Sie belegt, dass der Bioland­
bau und die integrierte Produktion (IP) einen geeig­
neten Lösungsansatz darstellen. Doch auch in der
konventionellen Landwirtschaft bestünden bei jeder
Kultur «bedeutende Spielräume für Verbesserungen».
Pioniergeist im Pflanzenschutz gefragt
Eine eigentliche Erfolgsgeschichte schreibt der Reb­
bau. Dort liess sich der Einsatz von Insektiziden in den
vergangenen 20 Jahren deutlich reduzieren. Zum Er­
folg führte einerseits, dass die Rebberge als Ökosystem
angesehen wurden, und andererseits, dass engagierte
Winzer und Verbandsvertreter neuen Konzepten zum
Durchbruch verhalfen. Solcher Pioniergeist sei heute
auch in der Landwirtschaft mehr denn je nötig, glaubt
Georges Chassot: «Der Ackerbauer muss für seine
Standorte individuell nach den besten Lösungen
suchen, um möglichst wenig Pflanzenschutzmittel
einzusetzen.» Dazu sei nicht zuletzt eine unabhängige
und umfassende Beratung auszubauen.
Eine vielversprechende Massnahme zur Reduktion
von Herbiziden sind etwa unkrauthemmende Unter­
saaten bzw. Begleitkulturen. In der Schweiz zeigen
laufende Versuche, dass in Raps- und Maisfeldern er­
heblich weniger Unkraut wächst, wenn sie im Herbst
und Winter bzw. nach der Maissaat mit Leguminosen
bedeckt waren. Zudem lässt sich dank Untersaaten
auch der Düngereinsatz reduzieren. Aber auch clevere
Software kann die Bauern dabei unterstützen, die

Umweltfolgen der Landwirtschaft möglichst klein
zu halten. So hilft das Computermodell Terranimo
(www.terranimo.ch), den Einsatz von landwirtschaft­
lichen Maschinen im Feld zu optimieren und Boden­
verdichtung zu vermeiden.
Neue Impulse kommen auch von den Landmaschi­
nenkonzernen. Unter dem Stichwort «Precision Far­
ming» bieten sie immer mehr mit Sensoren, ­Kameras
und Navigationssystemen bestücktes Hightechgerät
an. Es berücksichtigt beim Säen, Düngen und Un­
krautbekämpfen die Bodenverhältnisse, die sich
innerhalb eines grossen Feldes stark unterscheiden
können. Erklärtes Ziel ist der effizientere Einsatz von
Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, denn so lassen
sich Kosten senken. Der Haken an dieser Entwicklung:
Die Maschinen richten sich auf die Bedürfnisse von
Grossfarmen auf dem Weltmarkt aus; für die klein­
räumige Schweiz jedoch sind sie viel zu mächtig.

Quelle:
Agrarforschung Schweiz 4,
2013; Bilder: Ex-Press
(unten); Samuel Sommer,
Sprühflug im Rebberg

Hightech macht Eindruck
Nun aber will ein Projekt der Berner Fachhochschule
(BFH) diesen Teufelskreis durchbrechen. Mit privaten
Partnern entwickeln die Hochschule für Agrarwissen­
schaften und die Abteilung für Automobiltechnik
der BFH Technik und Informatik einen technologisch
hochgerüsteten Kleintraktor mit Elektromotor für Pre­
cision Farming. Seine Stärken: Er wiegt nur 700 Kilo
und kann deshalb auch auf nassen Böden eingesetzt
werden. Und dank GPS-Steuerung bewegt er sich
unbemannt über die Felder – wenn es sein muss,
Tag und Nacht – und dank elektrischem Antrieb
fast lautlos.
Der pausenlose Einsatz, so die Idee, macht das Ar­
beiten mit dem Kleintraktor gleich effizient wie mit
den Riesenmaschinen. Und noch ein entscheidender
Punkt: Hightech beeindruckt auch am Stammtisch.
Und deshalb wird der Landwirt, der via Smartphone
die Runden seines Kleintraktors kontrolliert, eher an­
erkennende Blicke ernten als spöttische Kommentare
über fehlende Pferdestärken.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-06

KONTAKTE
Georges Chassot
Sektion Wasserqualität
BAFU
+41 58 464 76 93
georges.chassot@bafu.admin.ch

Olivier Félix
Leiter Fachbereich
Nachhaltiger Pflanzenschutz
BLW
+41 58 462 25 86
olivier.felix@blw.admin.ch

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

2013
ANZAHL INTERVENTIONEN MIT
PFLANZENSCHUTZMITTELN
IN DER SCHWEIZ
FÜR VERSCHIEDENE KULTURGRUPPEN (PRO JAHR)
ÄPFEL

15 x

10 x

REBEN

KAROTTEN

5 x

ZUCKERRÜBEN
RAPS

WINTERGERSTE
WINTERWEIZEN	

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

GROSS- UND DETAILHANDEL

Die Macht
der Genossenschaften
In den 1990er-Jahren schoben Coop und Migros als genossenschaftliche Anwälte für die
Anliegen der Konsumentinnen und Konsumenten die neue Agrarpolitik an und wirkten an
deren Ausgestaltung mit. Die beiden grossen Detaillisten treiben auch heute die Ausbreitung ökologischer Produkte und damit nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktionsweisen voran. Gleichzeitig sind sie auch Kundinnen der Agrargenossen­schaft fenaco, die sich
als Selbsthilfeorganisation der Bauern versteht. Text: Gregor Klaus und Lucienne Rey

Die Butter- und Käseberge, die Milch- und
Weinseen der 1980er-Jahre waren keine Kom­
ponenten einer naturnahen Landschaft, sondern
im Gegenteil Zeugnis einer verfehlten Landwirt­
schaftspolitik. Der Staat bot Abnahmegarantien
für Agrarprodukte, einen fixen Preis, einen
abgeschotteten Markt und Exportsubventio­
nen. Die Bauern produzierten, was der Boden
hergab, um Einkommen zu generieren. Die so
erzielten gewaltigen Agrarüberschüsse gingen
auf Kosten einer gesunden Umwelt. Biodiversität
sowie Wasser-, Boden- und Landschaftsqualität
erreichten einen Tiefpunkt. Gleichzeitig war die
Sicherung des bäuerlichen Einkommens über
die Marktpreise weder politisch noch ökono­
misch mehr tragbar.
Dennoch brauchte es den Druck von der Stras­
se, um einen Wandel des trägen und reform­
unwilligen Systems in Gang zu bringen. Zwei
Genossenschaften spielten dabei eine entschei­
dende Rolle: Die beiden Detailhändler Migros
und Coop prangerten immer lauter die hohen
Preise und die geschlossenen Grenzen an, die
dazu führten, dass die Landwirtschaft am Markt
vorbeiproduzierte. Sie verwiesen darauf, dass die
Kosten der Agrarpolitik zunehmend zulasten der
Kundschaft gingen. Denn letztlich hatte diese für

die hohen Preise, die Lagerung der Überschüsse,
die Lebensmittelvernichtung und die Export­
subventionen aufzukommen.
Schlüsselrolle bei Reformen
Zu Kritik Anlass gab zudem, dass die staatliche
Preisstützung die Qualität der Agrarprodukte
und der Umwelt massiv minderte. Gelder der
öffentlichen Hand müssten aber auch der Nach­
haltigkeit zugutekommen, forderten die beiden
Genossenschaften – mit Erfolg. «Ohne das poli­
tische Engagement von Coop und Migros hätte
es in den 1990er-Jahren keine neue Agrarpolitik
gegeben», sagt Sibyl Anwander, Chefin der Ab­
teilung Ökonomie und Innovation beim BAFU
und zuvor langjährige Verantwortliche für die
Themen Nachhaltigkeit und Wirtschaftspolitik
bei Coop. «Es war ein Novum, dass sich wirt­
schaftliche Akteure derart stark und erfolgreich
für die Konsumentenschaft und die Umwelt
einsetzen und erst noch die Politik von ihrer
Vision überzeugen.»
So hatte Coop bereits beim Ausbreitungspro­
zess von Bio-Lebensmitteln in den 1990er-Jahren
eine führende Rolle inne. Bei der Ausgestaltung
der heute rechtswirksamen Bio-Verordnung war
der Detaillist ebenfalls meinungsbildend. In den

8 %
KONSUM VON
BIOPRODUKTEN
(NAHRUNGSMITTEL
UND GETRÄNKE),
ANTEIL AM
GESAMTKONSUM

Quelle: BFS 2015; Bilder: Markus
Bühler-Rasom, Eierkontrolle (unten),
Gemüsezubereitung für Verkauf

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DOSSIER WILDTIERE < umwelt 1/2016

2013

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

vorangegangenen Jahrzehnten war M
­ igros bei der
Entwicklung und Verbreitung der Integrierten
Produktion (IP) federführend. Die Forderungen
und das politische Engagement der Detailhändler
griffen auf Politik und Markt über – und regten
auch die Landwirtschaft zum Handeln an.
Coop und Migros sind aufgrund ihrer zentralen
Stellung in der Lebensmittelkette nach wie vor
wichtige Treiber auf dem Weg zu einer nachhalti­
gen Landwirtschaft. Sie bauen ihr Sortiment an
ökologischen Produkten kontinuierlich aus und
sind zudem über ihre Eigenmarken in der land­
wirtschaftlichen Wertschöpfungskette verankert.
Dies ermöglicht es ihnen, auf vor- und nachgela­
gerte Strukturen einzuwirken. Mit ihren hohen
Produkt- und Qualitätsanforderungen senden sie
gegenüber den Landwirten im In- und Ausland

Coop und Migros sind aufgrund ihrer zentralen
Stellung in der Lebensmittelkette nach wie
vor wichtige Treiber auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft.
eindeutige Signale zur Produktion ökologischer
Lebensmittel. Und wenn das Sortiment an Ökopro­
dukten immer mehr Raum in den Regalen erhält,
kurbelt dies die Nachfrage der Kundschaft an.
Seilschaften mit langer Tradition
Coop – im Jahr 1890 als Verband schweizerischer
Konsumvereine aus der Taufe gehoben – und
etwas später auch die Migros von Gottlieb Dutt­
weiler sahen ihren eigentlichen Gründungszweck
darin, für die Konsumenten hochwertige Waren
zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung zu
stellen. Auch die Landwirte erkannten, dass sie
sowohl bei der Beschaffung von Produktionsmit­
teln als auch beim Verkauf ihrer Erzeugnisse
vorteilhaftere Konditionen aushandeln konn­
ten, wenn sie sich zusammenschlossen. Conrad
­Schenkel (1834–1917), Bauer und Gemeindeprä­
sident in Elsau (ZH), erwies sich als Vorreiter, als
er 1874 für eine Gruppe von Landwirten Dünger
einkaufte und damit den ersten landwirtschaft­
lichen Verein in der Schweiz schuf. 1886 ging
daraus der Verband ostschweizerischer land­
wirtschaftlicher Genossenschaften Volg hervor.
Dieser wiederum verstand sich von Anfang an als
politische Kraft und liess, wie ein früher Chronist
festhielt, «seine propagandistischen Aktivitäten

nicht ruhen», bis 1897 der Schweizerische Bau­
ernverband gegründet wurde. Zu den Mitgliedern
des ersten leitenden Ausschusses gehörte denn
auch Conrad Schenkel. Der Verbandspräsident
Johann Jenny (1857–1937) stand seinerseits
zugleich dem mitgliederstarken Verband Land­
wirtschaftlicher Genossenschaften von Bern
und benachbarter Gebiete vor – und war daneben
noch Nationalrat. Unter ihm und seinem jungen
Generalsekretär Ernst Laur (1871–1964) etablierte
sich der Bauernverband zu einem bestens vernetz­
ten Machtfaktor in der Schweizer Politik.
1993 schloss sich Volg mit fünf weiteren Genos­
senschaftsverbänden zur Unternehmensgruppe
fenaco zusammen. Die politischen Beziehungen
sind heute weniger offensichtlich als in den Grün­
derjahren, und auch die betriebswirtschaftliche
Struktur hat sich stark verändert. Zwar wird
fenaco in der öffentlichen Wahrnehmung nach
wie vor gerne mit den Landi-Genossenschaften
gleichgesetzt, doch sie umfasst mittlerweile
weit mehr als diese und bildet ein eigentliches
Konglomerat bekannter Firmen und Marken: So
gehören neben den Volg-Läden und den in einigen
Kantonen vertretenen Vis-à-vis-Geschäften auch
die Tankstellenläden Topshop und der Mineral­
ölhändler Agrola dazu, ausserdem Marken wie
Ramseier Apfelsaft, Sinalco und Elmer Citro, die
ihrerseits im Sortiment von Coop zu finden sind.
Komplexes Firmengeflecht – hohe Preise
Das nicht ohne Weiteres zu durchschauende Ge­
füge der fenaco und ihr wirtschaftlicher Einfluss
geben immer wieder Anlass zu Kritik. Im Jahr
2007 etwa kündigte der damalige Preisüberwa­
cher Rudolf Strahm an, er habe «die Handels­
margen von Fenaco, Landi und Co. im Visier». In
einer späteren Untersuchung ermittelte er, dass
die fenaco bei der Zulieferung an die Bauern bis
zu 60 Prozent der Saatkartoffelzulieferung und
gar 70 bis 80 Prozent des Düngergrosshandels
beherrschte.
Auch heute sieht Rudolf Strahm keinen Anlass,
von seinen pointierten Bemerkungen aus der
Vergangenheit abzurücken; jedenfalls bekräftigte
er im März 2016 gegenüber der Wirtschaftszeit­
schrift «Bilanz», er «stehe noch hinter jedem
Wort». Tatsächlich zahlen trotz aller Bemühungen
des Preisüberwachers die Schweizer Bauern ge­
mäss Zahlen von Anfang 2016 etwa für Dünger bis
zu knapp einem Drittel mehr als ihre deutschen
Kollegen. Die wirtschaftlichen Verstrickungen
führen dazu, dass die hiesigen Landwirte kaum

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

eine Möglichkeit haben, um die «grüne Allein­
herrschaft» («Bilanz») herumzukommen – und
dass diese ein beträchtliches Interesse an einer
Landwirtschaft hat, die intensiv produziert. Die
starke Position der fenaco schlägt sich denn auch
in ihrem Jahresumsatz nieder, der 2014 rund
6,2 Milliarden Franken betrug und sie zur sechst­
grössten landwirtschaftlichen Genossenschaft in
Europa macht.
Streitpunkt Nachhaltigkeit
Umweltorganisationen betrachten fenaco kri­
tisch. So schneidet im Umwelt-Rating 2015 des
WWF zum Gross- und Detailhandel der Detaillist
Volg schlecht ab und erhält das Prädikat «intrans­
parent», weil er den Fragebogen nicht ausgefüllt
hat. Szilvia Früh, Pressesprecherin der fenaco,
verweist auf die knappe Frist, die für die Beant­
wortung zugestanden wurde. Ausserdem sei Volg
nur ein einzelnes Element im Gefüge von fenaco.
Auch bemängeln Umweltschützer, fenaco sei
primär am Absatz von Produktionsmitteln inte­
ressiert und schenke einer nachhaltigen land­
wirtschaftlichen Bewirtschaftungsweise wenig
Beachtung. «Das Gegenteil ist der Fall», betont
Szilvia Früh. «Für uns als Genossenschaft stehen
nicht finanzielle Gewinne im Zentrum unserer
Aktivitäten, sondern unsere Mitglieder. Diese
erwarten, dass wir ihnen in unserer Beratung
zu einem möglichst sparsamen, zielgerichteten
und effizienten Einsatz von Produktionsmitteln
verhelfen.»
Ein aktuelles Beispiel für das Engagement der
fenaco in Sachen Nachhaltigkeit stammt aus dem
Bereich Pflanzenschutz. fenaco hat 2014 für die
Erhaltung und Förderung von gesunden Bienen­
völkern mit dem Api-Center ein Kompetenzzen­
trum gegründet. Zudem führte die ebenfalls zum
fenaco-Konglomerat gehörende UFA-Samen bereits
vor 37 Jahren die insektizidfreie biologische Be­
kämpfung des Maiszünslers mit TrichogrammaSchlupfwespen ein. Inzwischen bietet UFA-Samen
die Ausbringung der Schlupfwespen mit Drohnen
an – mit Erfolg: 2015 konnten bereits 8000 Hekt­
aren Maisfelder mit der biologischen Methode zur
Schädlingsbekämpfung behandelt werden. «Solche
Erfolge zeigen uns, dass wir die Erwartungen un­
serer Mitglieder erfüllen und auf dem richtigen
Weg sind», sagt Szilvia Früh.
Dialog auf verschiedenen Ebenen
Doch wieso dringen diese Aktivitäten kaum an
die Öffentlichkeit, wenn die fenaco schon seit

längerer Zeit im Bereich Nachhaltigkeit aktiv ist?
Pressesprecherin Szilvia Früh erklärt, fenaco habe
lange nur zurückhaltend über ihre Aktivitäten
informiert. Zu politischen Themen betreibe die
Genossenschaft nach wie vor keinerlei Kommu­
nikationsaktivitäten. «Wir konzentrieren uns
auf unsere Tätigkeit im Markt und unterstützen
dabei die Landwirte bei der wirtschaftlichen
Entwicklung ihrer Unternehmen. Die politische
Arbeit überlassen wir den Verbänden.» Diese
Zurückhaltung kann sich die Genossenschaft
gut leisten, denn auch heute noch unterhält sie
– wie die Migros auch – enge Kontakte bis in
höchste politische Kreise.
Ausserdem stehen die drei grossen Genossen­
schaften untereinander im «aktiven und kons­
truktiven Dialog», wie Szilvia Früh präzisiert. Sie
wirken zudem gemeinsam in diversen Arbeits­
gruppen mit, etwa in derjenigen zu Foodwaste
vom Bundesamt für Landwirtschaft. Des Weiteren
tauschen sich die Unternehmen auf verschiedenen
Ebenen und zu diversen Themen laufend aus und
profitieren vom gegenseitigen Informationsfluss
– im Interesse der Produktion hochwertiger und
nachhaltig erzeugter Lebensmittel.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-07

KONTAKT
Sibyl Anwander

Abteilungschefin Ökonomie und Innovation
BAFU
+41 58 462 93 30
sibyl.anwander@bafu.admin.ch

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

LANDWIRTSCHAFT UND WELTHANDEL

Ernährungssicherheit durch
standortangepasste Landwirtschaft
Wenn die Agrargüter dort produziert werden, wo die naturräumlichen Bedingungen dafür optimal sind,
schont dies die Umwelt – und verhilft zugleich den am Markt beteiligten Regionen zu Arbeitsplätzen und
Wohlstand. Umweltfreundliche, naturnahe Produktion ist gerade bei sich öffnenden Märkten der Trumpf
der Schweizer Landwirtschaft im internationalen Wettbewerb. Text: Lucienne Rey

Das Selbstverständnis Helvetiens als «Land der Bau­
ern und Hirten» beruht auf einem Import an Knowhow aus der Lombardei (I). Jedenfalls verweist das
Historische Lexikon der Schweiz auf einen Bündner
Juristen, der 1530 erstmals die Produktion von
einheimischem Fettkäse «nach Art von Piacenza»
erwähnt und damit den Beginn der Umstellung
von der Produktion frischen Zigers auf die Zube­
reitung von Hartkäse benennt. Dieser zeichnet sich
gegenüber dem Ziger dadurch aus, dass er haltbar
ist und über weite Strecken transportiert werden
kann – ein Exportprodukt erster Güte, das die
Bergler auf den Märkten des Tieflandes und des
benachbarten Auslands gegen Korn, Salz, Wein
und Reis eintauschen konnten.
Damit waren die Voraussetzungen dafür geschaf­
fen, dass sich in der Schweiz eine dem Standort
angepasste landwirtschaftliche Spezialisierung
entwickeln konnte, die über viele Generationen
Bestand haben sollte: Das Berggebiet richtete sich
auf die exportorientierte Milchwirtschaft aus, das
Tiefland auf den Anbau von Getreide und Kartof­
feln. Dank Fortschritten bei der Fruchtfolge und
reicheren Erträgen, die unter anderem durch den
vermehrten Einsatz von Hofdünger erreicht wur­
den, vermochte die Schweizer Landwirtschaft einen
grossen Teil der stetig wachsenden Bevölkerung zu
ernähren. Entsprechend weist die amtliche Statis­
tik für das Jahr 1850 400 000 Hektaren an offener
Ackerfläche aus.

Landwirtschaft nach industriellen Prinzipien
Der Dampfmotor, der ab den 1870er-Jahren Bahnund Schifffahrt beschleunigte, trieb den weltwei­
ten Handel an und schuf eine neue Marktordnung.
Grosse Mengen an Weizen aus Übersee und der
Ukraine wurden nach Mitteleuropa verfrachtet, zu
konkurrenzlos günstigen Preisen. Der Schweizer
Getreideanbau hielt dem Wettbewerb nicht stand
und fiel in eine tiefe Krise. Viele Ackerbauern
wechselten zu Vieh- und Milchwirtschaft und
wandelten Felder in Wiesen und Weiden um.
1880 betrug die Ackerfläche gemäss Bundesamt
für Statistik noch 340 000 Hektaren, und bis 1900
ging sie auf 240 000 Hektaren zurück.
Der zunehmende Einsatz von Traktoren,
aber auch der Transport von Agrargütern über
weite Strecken liessen den Verbrauch fossiler
Brennstoffe im ersten Sektor massiv ansteigen.
Damit wurde eine Entwicklung angestossen,
die der Agrar­h istoriker Peter Moser als «Un­
terordnung der ­
N ahrungsmittelproduktion
unter die Bedingungen der industriellen
Wachstumsgesellschaft» ­
b e­
z eichnet. Was im
Inland nicht mehr zu konkur­­­r enz­f ähigen
Preisen hergestellt werden konnte, bezog man
aus dem Ausland. Friedrich Traugott Wahlen
(1899–1985), Agronom, ETH-Professor und späterer
Bundesrat, erkannte denn auch in den Jahrzehnten
vor dem Ersten Weltkrieg, eine «lange Blütezeit
des freien internationalen Güteraustausches».

Quelle: BFS; Bilder: Hans Staub/
Keystone, Anbauschlacht auf
dem Sechseläutenplatz in Zürich
(unten); Markus Bühler-Rasom,
Karottenernte

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2015

DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

34,8 %

ANTEIL DER
LANDWIRTSCHAFTLICHEN
TRAKTOREN MIT EINEM
GESAMTGEWICHT VON ÜBER
5 TONNEN IN PROZENT

1990

0,6 %

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umwelt 3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT

Weniger Vieh für mehr Selbstversorgung
An der Wende zum 20. Jahrhundert erzeugte die
Schweiz noch ganze 15 Prozent des im Inland
verbrauchten Brotgetreides selber, und 1914 war
die Fläche des Ackerlandes auf 107 000 Hektaren
geschrumpft. Die starke Importabhängigkeit er­
wies sich während des Ersten Weltkrieges als fa­
tal: Der internationale Handel brach zusammen,
und die Schweizer Bevölkerung musste hungern.
Aus dieser Erfahrung zogen die Landesväter
ihre Lehren. Als sich Mitte der 1930er-Jahre die
politische Grosswetterlage erneut verdüsterte,
rief Friedrich T. Wahlen das «Anbauwerk» ins
­Leben, das während der Kriegsjahre von 1939 bis
1945 die Ernährung der Schweizer Bevölkerung
sicherstellen sollte. Er setzte sich dafür ein, die auf
den Export ausgerichtete «Veredelungs­industrie»
zugunsten einer verstärkten Selbstversorgung
zurückzubinden. Im Klartext hiess das: weniger
Viehhaltung und mehr Ackerbau. Oder in den
Worten des Magistraten ausgedrückt: «Unser

«Nun muss es aber in Rücksicht auf die Erhaltung
einer natürlichen Bodenf lora und Fauna, auf den
Gewässer- und Umweltschutz und in letzter Sicht
auf die Qualität der Produkte und die Gesundheit
der Konsumenten eine obere Grenze der Produk-­
tionsintensität geben, die im Interesse einer langfristigen Erhaltung gesunder Produktionsgrund­
lagen nicht überschritten werden darf.»

Friedrich T. Wahlen, 1971
Kriegsernährungsplan setzt bei der einfachen
biologischen Tatsache ein, dass eine gegebene
Fläche Land viel mehr Menschen zu ernähren
vermag, wenn Produkte erzeugt werden, die dem
direkten menschlichen Konsum dienen, statt
Futter, das erst über den Weg des mit grossen
Umsetzungsverlusten arbeitenden tierischen
Körpers veredelt werden muss.»
Überschüsse durch Produktionsauftrag
Mit dem «Plan Wahlen» gelang es, den Selbst­
versorgungsgrad der Schweiz von 52 auf 75 Pro­zent zu erhöhen. Um die angestrebte Produk­
tionssteigerung zu erreichen, wurden nicht nur
Wiesen und Weiden wieder unter den Pflug
genommen, sondern auch ertragsarme Flächen,

die zuvor der Natur überlassen geblieben waren.
Zudem wurden im grossen Stil Feuchtgebiete
trockengelegt. Im Kanton Bern etwa entfielen
875 vom Bund unterstützte Entwässerungs­
projekte in die Zeitspanne zwischen 1940 und
1946, was 41 Prozent aller zwischen 1885 und
1966 von der öffent­lichen Hand mitfinanzierten
Drainagen entspricht.
Unter dem Eindruck der kriegsbedingten Ver­
sorgungsschwierigkeiten schrieb das 1951 erlasse­
ne Landwirtschaftsgesetz den Produktionsauftrag
als wichtigstes Ziel fest. Das Instrumentarium
hierzu bildeten künstlich hoch gehaltene Preise,
Übernahmegarantien, Einfuhrbeschränkungen
und Subventionen. Die Folgen dieser Politik der
starken Produktionsanreize waren teure Über­
schüsse.
Mengenproduktion beeinträchtigt die Umwelt
Für die Umwelt war die auf Mengenproduktion
ausgerichtete Landwirtschaft äusserst proble­
matisch. Der übermässige Einsatz von Produk­
tionsmitteln setzte den Gewässern wie auch den
Böden zu und hinterliess teilweise eine bleibende
Erblast an Schadstoffen. Der rationellen Bewirt­
schaftung fielen Hecken und Einzelbäume zum
Opfer, und zumindest im Mittelland verschwan­
den praktisch alle naturnahen Flächen und Ma­
gerwiesen – mit verhängnisvollen Folgen für
die Biodiversität. Der wieder stark angewachsene
Viehbestand verursachte hohe Nährstoffeinträge,
die der Boden nicht mehr aufzunehmen ver­
mochte. Zusammen mit den phosphathaltigen
Waschmitteln waren die Nährstoffe aus Mist und
Gülle mit verantwortlich dafür, dass etliche Seen
am Algenwachstum erstickten.
Und wieder war es Friedrich T. Wahlen, der als
weitsichtiger Agrarexperte die fatalen Entwick­
lungen benannte. In einem Referat, das er im
Juni 1971 zum Thema «Bedrängter Bauernstand»
hielt, rief der Altbundesrat zur «lebensnotwen­
digen Umkehr aus dem heutigen Wirtschafts­
wachstums- und Produktivitätsfetischismus» auf
und prangerte die «problematische Produktions­
steigerung» an: «Nun muss es aber in Rücksicht
auf die Erhaltung einer natürlichen Bodenflora
und Fauna, auf den Gewässer- und Umweltschutz
und in letzter Sicht auf die Qualität der Produkte
und die Gesundheit der Konsumenten eine obere
Grenze der Produktionsintensität geben, die im
Interesse einer langfristigen Erhaltung gesun­
der Produk­tionsgrundlagen nicht überschritten
werden darf.»

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt 3/2016

Agrikultur erzeugt nicht nur Nahrung
Gegensteuer gibt die in den 1990er-Jahren ein­
geleitete Agrarreform, die darauf abzielt, die
staatliche Unterstützung schrittweise von der
produzierten Menge zu entkoppeln. Übernahme­
garantien und feste Preise wurden abgebaut, und
an ihre Stelle trat der Ökologische Leistungsnach­
weis (ÖLN) als Voraussetzung zur Gewährung
von Direktzahlungen und Beiträgen für umwelt­
freundlichere Produktionsmethoden. «Es besteht
international Konsens darüber, dass der Preis
verkäuflicher Güter durch den Markt bestimmt
werden soll, während die staatliche Abgeltung
von Leistungen, für welche kein Markt besteht,
gemäss den Vorgaben der Welthandelsorganisa­
tion WTO in die ‹Green Box› gehört», erklärt Hans
Ulrich Gujer, im BAFU unter anderem verantwort­
lich für die amtsinterne Koordinationsplattform
Landwirtschaft. Solche Massnahmen sollen der
Multifunktionalität der Landwirtschaft Rechnung
tragen, die nicht nur Nahrung erzeugt, sondern
auch Verantwortung für natürliche Ressourcen,
Tiere und Landschaft trägt.
Die weiteren Agrarreformen sollen also sowohl
ökologische als auch ökonomische Ineffizienzen
beseitigen, damit die Landwirtschaft auf den
Märkten im In- und Ausland erfolgreich ist und
zugleich der ökologische Fussabdruck reduziert
wird. Dabei spielen auch die Normen des Tierund Umweltschutzes und die Qualitätsstrategie
für die Schweizer Land- und Ernährungswirt­
schaft eine zentrale Rolle, sie müssen als Trumpf
im internationalen Wettbewerb stechen.
Noch widerspricht freilich die Realität dem
­politischen Willen, der «mehr Markt und zu­gleich m
­ ehr Ökologie» fordert. Trotz gesetzlicher
Vorgaben und technischer Massnahmen sind
Gewässer nach wie vor mit Nährstoffen und
Chemikalien belastet, und die Biodiversität ist
trotz hoher Anreize weiterhin rückläufig. Der
grosse, nur durch importiertes Futter ermöglichte
Viehbestand belastet die Umwelt übermässig.
Ihm ist es unter anderem zuzuschreiben, dass
unsere Landwirtschaft praktisch doppelt so viel
Ammoniak ausstösst, wie das Ökosystem zu ver­
kraften vermag.
Nachhaltige Schweizer Landwirtschaft bei
sich öffnenden Grenzen
Die Schweiz ist bei vielen Gütern, die sie pro­
duziert, auf Vorleistungen aus dem Ausland
angewiesen, gerade auch bei der Landwirtschaft.
Es geht beim Import darum, die optimale Balance

zwischen der Einfuhr von Produktions- und der
von Nahrungsmitteln zu finden. In der Fleisch­
produktion etwa wäre die Schweiz einzig beim
Rindfleisch autark – sofern die Tiere vorwiegend
mit Gras und Heu gefüttert würden. Dazu ist
unser Land prädestiniert, denn nur 40 Prozent
unserer Landwirtschaftsfläche sind ackerfähig;
die restlichen 60 Prozent sind Dauergrünland.
Um Produktion und Ressourcenschonung in
Einklang zu bringen, kommt auch der Forschung
eine wichtige Rolle zu. Das World Food System
Center der Eidgenössischen Technischen Hoch­
schule Zürich (ETHZ) untersucht beispielsweise
Produktionssysteme des Biolandbaus – und zwar
nicht nur unter Schweizer Bedingungen, sondern
auch in anderen Klimazonen. Ausserdem geht
es der Frage nach, wie die Nachhaltigkeit in der
Wertschöpfungskette der Lebensmittelherstel­
lung erhöht werden kann. Schonend erzeugte
Agrargüter, die im Inland zu hochwertigen
Artikeln verarbeitet werden, ergänzt durch den
Import standortgerecht hergestellter Lebensmit­
tel, die der Bevölkerung vor Ort zu Einnahmen
verhelfen: So könnte aus Sicht von Hans Ulrich
Gujer die Erfolgsstrategie für eine zukunftsfähige
Land- und Ernährungswirtschaft aussehen.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-08

KONTAKTE
Hans Ulrich Gujer
Sektion Landschaftsmanagement
Koordinator Kommission Landwirtschaft BAFU
+41 58 462 80 04
hans.gujer@bafu.admin.ch
Jürg Jordi
Leiter Kommunikation
Bundesamt für Landwirtschaft
BLW
+41 58 462 81 28
juerg.jordi@blw.admin.ch

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umwelt4/2014
3/2016> DOSSIER KLIMA
umwelt

ZH

SG/AI/AR
Altem Herbarium auf der Spur

Haus der Zukunft

BE

In Brütten bei Winterthur steht das «Haus der
Zukunft»: das erste energieautarke Gebäude der
Schweiz und – wie Initiant Walter Schmid von der
Umwelt­Arena in Spreitenbach (AG) betont – auch
der Welt. Das Neunfamilienhaus beim Ortseingang
verfügt über keinen Anschluss an ein öffentliches
Stromnetz. Es kommt ohne Öl oder Erdgas aus. Die
einzige externe Energiequelle ist die Sonne. Und
im Unterschied zum Nullenergiehaus schliesst es
auch sämtliche Haushaltsgeräte ein. Wenn zu viel
Energie anfällt, wird diese in Lang­ und Kurzzeit­
speichern gelagert. Für dunkle, kalte Wintertage
erfolgt im Sommer zudem die Herstellung und
Speicherung von Wasserstoff aus dem überschüs­
sigen Strom der Photovoltaikanlagen. In einer
Brennstoffzelle entsteht daraus bei Bedarf Strom.

Das Naturmuseum St. Gallen zieht in einen Neu­
bau um, eröffnet wird das neue Museum am
12. November 2016. Trotzdem bleibt Zeit für
«Vergangenheitsbewältigung». Im Keller des alten
Hauses lagert ein riesiges Herbarium, das bis in
die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurückreicht.
Es wird derzeit systematisch aufgearbeitet und
digital erfasst. Im Zentrum stehen dabei Herbar­
belege aus dem Kanton St. Gallen und den beiden
Appenzell. Im Auftrag des kantonalen Amts für
Natur, Jagd und Fischerei wurde gleichzeitig ein
Projekt lanciert mit dem Ziel, Standorte besonders
bedrohter Pflanzenarten im Kanton St. Gallen zu
überprüfen und auf einen allfälligen Handlungs­
bedarf hin zu untersuchen. Bis Ende 2017 soll das
Projekt abgeschlossen sein.

Der Kanton Bern und der Berner Bauernverband
wollen mit Unterstützung des Bundesamts für
Landwirtschaft (BLW) den umweltverträglichen
Pflanzenschutz fördern. Insbesondere in Bächen,
Flüssen und Seen ist die Belastung durch Pflan­
zenschutzmittel oft zu hoch. Mit einem Paket meh­
rerer Massnahmen soll die Belastung reduziert
werden. Landwirte können sich freiwillig an dem
über sechs Jahre angelegten Projekt beteiligen. In
Schulungen erfahren sie, wie sich Pestizide und
Herbizide umweltverträglicher einsetzen lassen.
Auch Alternativen zu Spritzmitteln soll das Projekt
fördern, etwa durch den Einsatz von Nützlingen.

Dr. Alfred Brülisauer, Biologe, +41 77 447 40 40,

Michel Gygax, Fachstelle Pflanzenschutz Kanton Bern,

+41 56 418 13 10; www.umweltarena.ch/uber-uns/

alfred.bruelisauer@outlook.com

+41 31 910 51 53, michel.gygax@vol.be.ch

energieautarkes-mfh-brutten

Sanfter Pflanzenschutz

Umwelt-Arena: fuehrungen@umweltarena.ch,

Vor Ort
ZH/TI
Wirken Stromsparspiele?
Je 60 Winterthurer und Tessiner Haushalte ver­
suchten von Februar bis Ende April mit einer App
ihren Stromverbrauch zu reduzieren – entweder
innerhalb einer Gruppe oder im Wettbewerb mit
den Haushalten aus dem anderen Kanton. Dabei
untersuchten die Scuola Universitaria Professio­
nale della Svizzera Italiana (SUPSI) und die Zür­
cher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
(ZHAW), wie die Haushalte zum Stromsparen mo­
tiviert werden können. «Individuelle Feedbacks,
Energiespartipps und spielerische Ansätze haben
sie darin unterstützt, sich stärker mit ihrem Ener­
gieverbrauch auseinanderzusetzen», sagt Vicente
Carabias von der ZHAW. Die grössten Einspa­
rungen erzielten Haushalte mit Kindern in Mehr­
familienhäusern. Im von der Gebert­Rüf­Stiftung
geförderten Projekt folgt nun die Untersuchung
der langfristigen Verhaltensänderungen.
Vicente Carabias, ZHAW, +41 58 934 70 15,

GE

ZH

Recyceln für die anderen

Effizienter Filter

In ihren eigenen Wohnungen stapelten sich Alt­
papier und Glasflaschen. Dann kam ihnen die
neue Geschäftsidee: Wäre es nicht praktisch,
wenn jemand den Abfall zur Recyclingstelle brin­
gen würde? Und so betreiben Flavio Rocha, Valerie
Hächler und Benjamin Lopes aus Carouge heute
den Recyclingservice Trimalin: Sie sammeln Re­
cyclingmaterial gegen eine kleine Gebühr, bringen
es zur Sammelstelle und trennen die unterschied­
lichen Materialien. Nach einem halben Jahr hat
die junge Firma bereits 50 Kundinnen und Kunden
– und denkt bereits an eine Expansion innerhalb
des Kantons und darüber hinaus.

Wasserverschmutzung ist eines der grössten
Umweltprobleme. ETH­Forschende haben ein
neuartiges Wasserfiltersystem entwickelt, das im
Vergleich zu bisherigen Filtersystemen deutlich
wirkungsvoller sei, wie sie betonen. Bereits mit
einem einzigen Filterdurchgang liessen sich gifti­
ge Schwermetallionen fast vollständig entfernen.
Auch halte die Membran Blei, Quecksilber, Gold
und Palladium sowie radioaktive Stoffe wie Uran
und Phosphor­32 effizient zurück. Der neue Filter
besteht aus Aktivkohle und steifen, zähen Fasern
aus Molkeprotein. Die beiden Komponenten sind
kostengünstig und ohne grossen Aufwand her­
zustellen. Der ETH­Forscher Raffaele Mezzenga
ist zuversichtlich, das neue System bald auf den
Markt bringen zu können.

+41 78 896 2104, http://trimalin.ch

Raffaele Mezzenga, Institut für Lebensmittel und weiche
Materialien, ETH Zürich, +41 44 632 91 40,
raffaele.mezzenga@hest.ethz.ch

socialpower@zhaw.ch, www.socialpower.ch

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umwelt 3/2016

SG/VD

BE/CH
Hagelforschung via App
Jedes Jahr verursacht Hagel in der Schweiz Schä­
den im Millionenbereich. Diese wären geringer,
könnte frühzeitig davor gewarnt werden. Zwar
seien auf dem Radar Hagelkörner in Gewitterwol­
ken in Echtzeit erkennbar, sagt Olivia Romppai­
nen von der Universität Bern. Bislang sei aber die
Genauigkeit der Daten schwierig abzuschätzen,
da Bodenbeobachtungen von Hagel weitgehend
fehlten. Um zu untersuchen, wie präzise der Radar
die Grösse der Hagelkörner darstellt, setzten die
Forschenden auch auf die Mitarbeit der Bevölke­
rung. Mithilfe von Apps von MeteoSchweiz und
der Mobiliar­Versicherung kann seit Anfang 2015
jeder und jede die eigenen Beobachtungen mel­
den und damit einen Beitrag an die Forschung
leisten.

BS
Sauberer Drecksack

forschung der Universität Bern,

Bereits zum dritten Mal führen die Basler Behör­
den und Wirtschaftsvertreter 2016 gemeinsam die
«Drägg­Sagg»­Kampagne durch. Die Idee: Rund
um Take­away­Shops, deren Produktverpackun­
gen einen Grossteil des Litterings verursachen,
wird ein kostenloser Kunststoffmüllbeutel – der
«Drägg­Sagg» – abgegeben. So kann der Abfall
einfach in einem öffentlichen Container entsorgt
werden. 2015 wurden auf diese Weise rund
500 000 Säcke verteilt. Bei der Aktion handle es
sich um «einfachste Littering­Prävention: undra­
matisch, nicht belehrend und wohl auch deshalb
erfolgreich», sagt Matthias Nabholz, Leiter des
Amts für Umwelt und Energie des Kantons Basel­
Stadt.

olivia.romppainen@giub.unibe.ch

+41 61 639 22 22, http://halt-basel-suuber.ch

Olivia Romppainen, Oeschger-Zentrum für Klima-

BE

TG

WM der Artenvielfalt
Blumenwiesen sind ein Paradies für Pflanzen und
Insekten. Es gibt sie indes immer weniger: Der
grösste Teil dient der Futtergewinnung und Bewei­
dung, weshalb die Wiesen gedüngt und mehrmals
im Jahr geschnitten werden. Schweizer Bauern
werden nun mit Direktzahlungen dazu angespornt,
ökologische Ausgleichsflächen zu schaffen und
damit die Artenvielfalt zu fördern. Eine weitere
Motivationsspritze sind die Wiesenmeisterschaf­
ten: Innerhalb einer Region prämieren unter ande­
rem die IG Kulturlandschaft, der Schweizer Bau­
ernverband und ein lokales Organisationskomitee
die schönsten und artenreichsten Wiesen. An den
Wiesenmeisterschaften 2015 nahmen insgesamt
149 Betriebe teil. 2016 finden sie in den Regionen
See­Gaster und Pays d’Enhaut statt.
Markus von Glasenapp, +41 56 641 17 14,
mvg@ig-kulturlandschaft.ch;
www.wiesenmeisterschaft.ch

OW

Wertvolle Waldbestände

Weniger ist mehr

Bienen erklären

Der Wald ist als Ökosystem nachhaltig zu be­
wirtschaften und in seiner Vielfalt zu erhalten.
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müs­
sen die Fachleute wissen, wo sich die wertvollen
Waldlebensräume befinden. Nach rund 20­jäh­
riger Arbeit verfügt der Kanton Bern nun über
ein Waldnaturinventar (WNI). Aufgenommen
wurden darin etwa seltene Waldgesellschaften
(Trocken­ oder Nassstandorte, Schluchtwälder,
Blockschutt­Nadelwälder) oder besondere Wald­
strukturen (ältere Laubmischwälder, laubholz­
reiche Altbestände, naturnahe Bergmischwälder,
subalpine Fichtenwälder). Insgesamt umfasst
das Inventar 2146 Objekte auf einer Fläche von
36 800 Hektaren, was rund 17 Prozent des Berner
Waldgebiets entspricht.

Der Binding­Waldpreis 2016 geht an die Bürger­
gemeinde Basadingen­Schlattingen. Sie zeige
beispielhaft, so die Begründung der Jury, wie
nach dem Prinzip «weniger ist mehr» erfolgreich
Waldbewirtschaftung betrieben werden könne.
Die Bürgergemeinde führt in ihrem Wald von
308 Hektaren keine grossflächigen Holzschläge
durch. Sie verzichtet bewusst auf kurzfristige Ge­
winnmaximierung; Altbäume fällt sie erst, wenn
diese am Ende ihrer Lebenskraft angelangt sind.
Das zahle sich sowohl ökonomisch wie ökologisch
aus: Der Wald sei gut durchmischt und biete sel­
tenen Tier­ und Pflanzenarten wie Rosenkäfern
oder Lungenflechten Lebensraum. Zudem ständen
dort heute bis zu 200 Jahre alte Bäume, die mit
überdurchschnittlicher Holzqualität sehr wertvoll
seien. Der Binding­Waldpreis wird seit 1987 ver­
liehen und ist mit 200 000 Franken dotiert.

Vor 40 Jahren kaufte der damalige Präsident der
Obwaldner Bienenzüchter Alois Amrein im Wiler
Friedenfels eine Baracke, brach sie ab und baute
sie mit vielen Freiwilligen als Lehrbienenstand
wieder auf. «Er war ein Pionier der Bienenzucht,
die er im Kanton fördern wollte», sagt die heutige
Präsidentin Brigitte von Flüe. Seither haben fast
2000 Kinder im Lehrbienenstand Interessantes
erfahren, auch die Nachfrage nach Aus­ und Wei­
terbildungskursen für Imkerinnen und Imker war
gross. Und sie ist es immer noch, weshalb der
Verein, der 2016 sein 125­Jahr­Jubiläum feiert,
den Lehrbienenstand ausbauen will. Die knapp
100 Obwaldner Bienenzüchterinnen und Bienen­
züchter, die in den Sommermonaten rund 4 Mil­
lionen dunkle Bienen betreuen, wurden für ihr
Wirken vom WWF mit dem Unterwaldner Umwelt­
preis 2016 ausgezeichnet.

+41 61 317 12 39, www.binding-stiftung.ch

Brigitte von Flüe, +41 79 830 99 17,

Amt für Wald, +41 31 633 50 20, wald@vol.be.ch;
www.be.ch/geoportal > Karten > Naturschutzkarte

brigittevon@gmx.ch, www.bienen-ow.ch

37

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nal

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umwelt 3/2016

UNEA 2: Synergien fördern

«Grüner, sauberer, intelligenter»

Vom 23. bis 27. Mai 2016 fand in Nairobi (Kenia) die
zweite UNO-Umweltversammlung (United Nations Envi­
ronment Assembly, UNEA 2) statt. Alle zwei Jahre treffen
sich die Mitgliedstaaten, um eine Bilanz über den Zu­stand der Umwelt zu ziehen, internationale Strategien für
deren Schutz festzulegen und umweltpolitische Massnah­
men zu beschliessen. Aus Sicht der Schweiz fällt die Bilanz
dieses Treffens weitgehend positiv aus. So wurde etwa
entschieden, dass das UNO-Umweltprogramm (UNEP) bei
der Erreichung der für die Umwelt relevanten UNO-Ziele
für die nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development
Goals, SDGs) eine tragende Rolle spielen soll. Insgesamt
stärkten die Mitgliedstaaten die Position des UNEP in der
internationalen Umweltpolitik: Nach Auffassung der
Schweiz soll es die Synergien in der Zusammenarbeit im
Umweltbereich weiter fördern. Als Vorbild dienen die drei
Konventionen über Chemikalien und Abfälle mit einem
gemeinsamen Sekretariat.
So sei es insbesondere als Erfolg zu werten, bemerkt
Sebastian König vom BAFU, dass der von der Schweiz ein­
gereichte Beschlussentwurf angenommen wurde, wo­nach
für die Biodiversitäts-Konventionen ein solcher Synergie­
prozess eingeleitet werden soll. Zudem entschied die Staa­
tengemeinschaft, die Massnahmen gegen die Verschmut­
zung der Meere durch Mikroplastik weiterzuführen. Gemäss
König konnte indes kein gemeinsames Statement auf Ebene
der anwesenden Minister (für das BAFU: Direktor Marc Char­
donnens) verabschiedet werden, «was ein posi­tives Signal
für die Umwelt gewesen wäre».

«Greener, cleaner, smarter»: Unter diesem Motto fand
vom 8. bis 10. Juni in Batumi (Georgien) die achte Kon­
ferenz «Umwelt für Europa» statt. Diese Konferenz leis­
tete damit einen regionalen Beitrag zur Erreichung der
UNO-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung. Der Prozess
«Umwelt für Europa» wurde 1991 mit dem Ziel lanciert,
die osteuropäischen Länder bei der Ausarbeitung und
Umsetzung ihrer Umweltgesetzgebung zu unterstützen.
Am Prozess beteiligen sich unter anderem die Mitglied­
staaten der UNO-Wirtschaftskommission für Europa
(UNECE), das heisst alle (west-, ost-, südost-)europäischen
Länder, ausserdem die kaukasischen Staaten, die Türkei,
Israel, die USA, Kanada sowie die Länder Zentralasiens.
In Batumi genehmigten die Staaten – unter der Leit­ung von BAFU-Direktor Marc Chardonnens – einen
strategischen Rahmen für die Grüne Wirtschaft bis 2030.
Zu diesem Zweck kündigten mehr als 36 Länder und
Organisationen ihre Initiativen an und verpflichteten sich
zu deren Umsetzung. Die Schweizer Initiativen betreffen
den effizienteren Ressourceneinsatz, die Förderung
der Umwelttechnologien und die Rückgewinnung von
Materialien aus Abfällen. Beim zweiten wichtigen Thema
der Konferenz, dem Schutz der Luft, kündigten 28 Länder
und Organi­sationen entsprechende Aktionen an. Zu jenen
der Schweiz gehört etwa die eidgenössische Strategie zur
Bekämpfung der Luftverschmutzung. Alle von den Staaten
in Aussicht gestellten Aktionen werden in Zukunft regel­
mässig evaluiert.
Martine Rohn-Brossard, stv. Abteilungsleiterin Internationales, BAFU,
+41 58 46 292 41, martine.rohn@bafu.admin.ch

Sebastian König, Sektion Globales, BAFU, +41 58 463 30 05,
sebastian.koenig@bafu.admin.ch

Wichtige Termine der internationalen Umweltpolitik
28.–29. September 2016
Treffen der Umweltminister im Rahmen
der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
in Paris

17.–20. Oktober 2016
44. Plenarsitzung der
zwischenstaatlichen Plattform
zum Klimawandel (IPCC)
in Bangkok (Thailand)

7.–18. November 2016
22. Parteienkonferenz
der Rahmenkonvention zum Klimawandel
in Marrakesch (Marokko)

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GEWÄSSERSCHUTZ < umwelt 3/2016

Die Steinach diente bis 2014 als Ableitkanal für das gereinigte Abwasser der Stadt
St. Gallen (links). Nun übernimmt ein Druckstollen diese Funktion. Dadurch führt das Flüsschen –
vor allem in Trockenzeiten – deutlich weniger, aber saubereres Wasser (rechts).


Alle Bilder: Amt für Umwelt und Energie Kanton St. Gallen

VERBESSERUNG DER WASSERQUALITÄT

Comeback der Steinfliege
in der Steinach
Wegen der Einleitung von gereinigtem Abwasser aus der Kläranlage Hofen bei St. Gallen war das Flüsschen
Steinach jahrelang ein Sorgenkind des kantonalen Gewässerschutzes. Inzwischen gelangt das ARA-­­
Wasser über einen neu erstellten Druckstollen direkt in den Bodensee, wo es viel stärker verdünnt wird.
Damit hat sich die Wasser- und Lebensraumqualität der Steinach deutlich verbessert. Text: Urs Fitze
«Die Steinfliege ist wieder da.» Es war ein
Moment der Freude, als die Biologin Vera
Leib im Frühsommer 2015 am Unterlauf
des Flüsschens Steinach, kurz vor der
Mündung in den Bodensee, unter e­ inem
Stein am Grund auf mehrere Larven der
Nadel-Steinfliege (Leuctra fusca) stiess.
Die vor allem in kleineren Gewässern
vorkommenden Insekten haben einen

faszinierenden Lebenszyklus. So verbrin­
gen sie nur wenige Tage an der Luft, aber
mehrere Monate unter Wasser, wo sie
sich von abgestorbenen Pflanzenteilen
ernähren. Es gibt verschiedene Arten
von Steinfliegen mit zum Teil völlig
unterschiedlicher Ernährungsweise, sie
alle reagieren jedoch besonders empfindlich auf Gewässerverunreinigungen. Ihr

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umwelt 3/2016 > GEWÄSSERSCHUTZ

Vorkommen gilt daher bei biologischen
Untersuchungen der Wasserqualität als
wichtiger Indikator.
Vor 2015 fand man in der Steinach
jeweils nur einzelne Larven, die keinen
Rückschluss auf eine systematische Be­
siedlung unter Wasser zuliessen. Doch
vor Jahresfrist gelang der Nachweis von
gleich 3 Steinfliegen-Familien, von denen
eine sogar erstmals auftauchte.
Der Modergeruch ist verschwunden
Die Rückkehr der unscheinbaren Insek­
ten erfolgte weitgehend unbemerkt von
der breiten Öffentlichkeit. Spaziergän­
gerinnen, Landwirten und Badegästen
im Mündungsbereich dürfte hingegen
aufgefallen sein, dass der vor allem bei
Niedrigwasser vorherrschende unange­
nehme Geruch der Steinach fast über
Nacht verschwunden ist. Seit Juni 2014
leitet die rund 6 Kilometer oberhalb
der Mündung gelegene Kläranlage
St. Gallen-Hofen bei Wittenbach näm­
lich kein gereinigtes Abwasser mehr in
den Bach. Bis zu diesem Zeitpunkt galt
er aus Sicht des Gewässerschutzes als
grosses Sorgenkind. Im 111 Messstellen
umfassenden Netz zur Nationalen Be­
obachtung der Oberflächengewässer­
qualität (NAWA) belegte das Flüsschen
bezüglich Nährstoffbelastung seit 2011
den unrühmlichen letzten Platz. Haupt­
grund dafür war die unzureichende Ver­
dünnung des eingeleiteten Abwassers,
das trotz der Reinigung noch Rückstände
an Nähr- und Schadstoffen enthält.
Prekäre Lebensbedingungen
Als eine der ältesten Kläranlagen hier­
zulande erfuhr die bereits 1917 erstellte
Abwasserreinigungsanlage (ARA) im Lau­
fe der Zeit zwar regelmässige Erneuerun­
gen und hielt auch die Emissionsgrenz­
werte gut ein. Weil aber der Anteil des
gereinigten Klärwassers in der Steinach
den natürlichen Abfluss um ein Mehr­
faches überstieg, liessen sich die in der
Gewässerschutzverordnung (GSchV) des
Bundes festgelegten Anforderungen für
Fliessgewässer trotzdem nicht erfüllen.
Die grössten Probleme verursachten

dabei die Nährstoffe Stickstoff und
Phosphor sowie organische Verbindun­
gen aus Siedlungsabwässern, die sich
aus technischen und wirtschaftlichen
Gründen in einer ARA nie vollständig zu­
rückhalten lassen. Auch die im ModulStufen-Konzept für Gewässeruntersu­
chungen definierten Zielwerte des BAFU
wurden für verschiedene Messgrössen
nicht erreicht. Vor allem bei Niedrig­
wasser verkam die Steinach zu einer Art
Kloake, in der nicht nur die besonders
empfindlichen Steinfliegen und die
gegenüber organischer Belastung und
erhöhten Nährstoffkonzentrationen sen­
siblen Kieselalgenarten keinen geeigne­
ten Lebensraum mehr fanden, sondern
auch die Fische unter der schlechten
Wasserqualität litten. Neben den Bach­
forellen, die vor allem am Oberlauf gute
Lebensbedingungen vorfinden, steigen
auch Seeforellen in stattlicher Zahl die

Steinach auf, um dort abzulaichen.
Nach dem Alpenrhein ist der kleine
Fluss am Bodensee sogar das wichtigste
Laichgebiet für die Seeforelle. Dies mag
insofern erstaunen, als ein erheblicher
Anteil seines Wassers bis 2014 wie er­
wähnt aus einer Kläranlage stammte.
Doch verglichen mit den Verhältnissen
in Zeiten, als die lokalen Industriebetrie­
be ihr Abwasser noch ungereinigt in die
Flüsse leiteten, war die Wasserqualität
dort noch immer weit besser. Dank der
inzwischen ge­troffenen Massnahmen
erreicht die Steinach bezüglich der
Nährstoffbelastung heute einen Stand,
wie ihn das Gewässerschutzgesetz schon
vor bald 20 Jahren vorsah.
Unumgängliche Sanierung
Aufgrund der notorisch schlechten
Messwerte war eine Sanierung zwin­
gend. Als beste Lösung erwies sich da­-

Nach dem Alpenrhein ist der kleine Fluss am Bodensee
das wichtigste Laichgebiet für die Seeforelle.

Seeforellen steigen zum Laichen vom Bodensee in die Fliessgewässer hoch. Um ihr Aufstiegsverhalten zu prüfen, wurden gefangene Laichfische mit Sendern ausgerüstet. Trotz des neuen
Wassergeruchs in der Steinach hat ein Grossteil der Seeforellen die Mündung gefunden.

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GEWÄSSERSCHUTZ < umwelt 3/2016

bei der Bau einer mehrheitlich unter­
irdisch geführten Druckleitung, die
das gereinigte Abwasser aus der ARA
St. Gallen-Hofen zur 5 Kilometer entfern­
ten und 190 Meter tiefer gelegenen ARA
Morgental in Steinach (SG) leitet. Dort
wird der H
­ öhenunterschied in einem
neu erstellten Kleinwasserkraftwerk
zur Gewinnung von Ökostrom genutzt.
Anschliessend gelangt das turbinierte
Abwasser über eine ebenfalls neu gebau­
te Leitung in einer Tiefe von 26 Metern
direkt in den Bodensee. «Dadurch ist
es gelungen, die Steinach endlich von
der viel zu grossen Abwasserfracht

Die sensible Steinfliege ist ein biologischer
Indikator für die Verbesserung der Wasser­qua­
lität. Im Bild ist eine Larve zu sehen.

zu befreien», erklärt Michael Eugster,
Leiter der Abteilung Wasser beim kan­
tonalen Amt für Umwelt und Energie in
St. Gallen. «Sie führt jetzt zwar weniger,
dafür sauberes Wasser. Die Menge an
Schadstoffen hat zwar vorderhand nicht
abgenommen, doch diese werden im See
viel stärker verdünnt.»
Problematische Spurenstoffe
Damit sind die Gefahren für die aqua­
tischen Lebensgemeinschaften allerdings
nicht völlig gebannt. Durch den alltäg­
lichen Einsatz von Chemika­lien – wie
etwa in Form von Reinigungsmitteln,
Medikamenten oder Pestiziden – gelan­
gen Spuren von zum Teil hormonaktiven
Stoffen in die Fliessgewässer und Seen.
Zahlreiche dieser Mikroverunreinigun­
gen kommen in geringen Konzentra­
tionen von wenigen Millionstel oder gar

Milliardstel Gramm pro Liter im Wasser
vor, wo sie sich dank modernster Analy­
setechnik erst seit einigen Jahren nach­
weisen lassen. In der Summe kommt da
einiges zusammen, wie etwa das Beispiel
der künstlichen Süssstoffe im Bodensee
verdeutlicht. Allein im Obersee wird die
Gesamtmenge auf rund 14 Tonnen ge­
schätzt. Die bisherige Forschung über die
Auswirkungen von Mikroverunreinigun­
gen auf Wasserorganismen gibt Anlass
zur Sorge. So können etwa hormon­
aktive Substanzen in Medikamenten,
Kosmetika oder Sonnenschutzmitteln
die Fortpflanzungsfähigkeit von Fischen
und Amphibien beeinträchtigen.
«Derzeit existieren noch keine Anfor­
derungswerte in der GschV für einzelne
Spurenstoffe, sondern es gilt nur eine
allgemeine Limite für organische Pes­
tizide – und zwar unabhängig von
ihrer tatsächlichen Wirkung», erklärt
Manuel Kunz von der Sektion Wasser­
qualität beim BAFU. Allerdings sieht die
seit Anfang Januar 2016 rechtskräftige
revidierte GSchV die Möglichkeit nu­
merischer Anforderungen explizit vor.
Laut Manuel Kunz, der für das nationale
Beobachtungsnetz NAWA zuständig ist,
müssen solche Werte nun in absehbarer
Zeit definiert werden.
Nachrüstung der Kläranlagen
Um die Gewässer, ihre Tier- und Pflan­zenwelt sowie die Trinkwasserressourcen besser zu schützen, sollen bis 2040
gezielt ausgewählte ARAs mit zusätz­
lichen Reinigungsstufen zur Elimination
von organischen Spurenstoffen ausge­
rüstet werden. In Gebieten mit besonders
belasteten Gewässern lässt sich dadurch
ein breites Spektrum an solchen Mikro­
verunreinigungen aus dem kommuna­
len Abwasser entfernen. Nachgerüstet
werden grosse Anlagen, die zu erhebli­
chen Frachtreduktionen führen, womit
die Schweiz auch ihre Verantwortung
als Oberlieger wichtiger europäischer
Flüsse wahrnimmt. Ebenfalls im Fokus
sind grosse ARAs im Einzugsgebiet von
Seen, was ihrem Schutz als wichtige
Trinkwasserressourcen, Badegewässer

Beeinträchtigtes
Fliessgewässer
Die Steinach entspringt im Steineggwald
bei St. Gallen und entwässert bis zu ihrer
Mündung in den Bodensee ein Einzugsgebiet von rund 25 Quadratkilometern.
Dabei überwindet sie auf einer Länge von
13,5 Kilometern gut 600 Höhenmeter.
Kaum hat der Bach die letzten Ausläufer des mächtigen Seerückens hinter sich
gelassen, f liesst er im Unterlauf in einem
engen, kanalisierten Bett, das beidseitig
von Mauern gesäumt wird. Neben der
naturfremden Uferstruktur macht dem
Gewässer weiterhin ein Entlastungs­
becken am Rand der Stadt St. Gallen zu
schaffen. Bei starkem Regen leitet dessen
Überlauf ungeklärtes Abwasser direkt in
die Steinach ein.

und Fischfanggebiete dient. Und nicht
zuletzt sollen auch Kläranlagen saniert
werden, die insbesondere kleinere Fliessgewässer mit einem hohen Anteil an
gereinigtem Abwasser belasten. Dies
kommt einerseits den Ökosystemen zu­
gute und trägt andererseits zum Schutz
der Trinkwasserressourcen bei.
Handeln wollen auch die Betreiber
der ARA Morgental in Steinach. Voraus­
sichtlich bis 2021 bauen die angeschlos­
senen Gemeinden aus den Kantonen
Thurgau und St. Gallen gemeinsam eine
neue Reinigungsstufe. Sie wird auch
die Spurenstoffe aus dem Abwasser der
ARA St. Gallen-Hofen eliminieren und
den Bodensee damit von einem Teil der
Mikroverunreinigungen entlasten.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-09
KONTAKT
Manuel Kunz
Sektion Wasserqualität
BAFU
+41 58 463 52 55
manuel.kunz@bafu.admin.ch

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umwelt 3/2016 > ARTENVIELFALT

ÖKOLOGISCHE INFRASTRUKTUR

Freie Bahn für freie Wiesel
Im Naturpark Thal wird der Lebensraum für Hermelin, Mauswiesel und Iltis zu einem Netzwerk ausgebaut. Das Vorhaben ist Teil des vom BAFU lancierten Pilotprojekts zur Förderung
der Ökologischen Infrastruktur in Pärken von nationaler Bedeutung. Dessen Hauptziel
besteht darin, Ansätze für ein landesweites Verbundsystem aus ökologisch hochwertigen
Habitaten und Vernetzungselementen zu erarbeiten. Text: Gregor Klaus

Schneetreiben hüllt den Regionalen
Naturpark Thal im Kanton Solothurn
in ein weisses Kleid. Das ist die ideale
Tarnung für das Hermelin, dessen Fell
im Frühwinter ebenfalls weiss wird,
sodass es für Feinde nahezu unsichtbar
bleibt. Der warme und schneearme Win­
ter 2015/16 konnte die Tiere allerdings
die meiste Zeit nicht tarnen, was ihnen
das Leben schwer gemacht hat. Heute

aber verschmilzt das Hermelin endlich
mit der Landschaft. Deshalb werden
wir an diesem kalten Februarmorgen
auch keines dieser Wiesel zu Gesicht
bekommen. Dafür zeigt uns der Biologe
Elias Bader das Streifgebiet des flinken
Beutegreifers.
Die Landschaftskammer am Südhang
des Thals mit Blick auf den Weissenstein
ist reich strukturiert. Es gibt Hecken,

Bachläufe mit Ufervegetation, Feldge­
hölze, mit dem Kulturland verzahnte
Waldränder sowie extensiv genutzte
Wiesen und Weiden, die dem Hermelin
als Jagdrevier dienen. «Das reicht ihm
aber noch nicht», sagt Elias Bader, der
im Auftrag des Naturparks Thal das
Projekt zur Förderung von Kleinsäugern
betreut. «Von zentraler Bedeutung sind
Stein- und Asthaufen als Unterschlupf

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ARTENVIELFALT < umwelt 3/2016

Stein- und Asthaufen – wie hier im Naturpark Thal – dienen dem Hermelin
als Unterschlupf und Schutz zur Aufzucht der Jungen. Je nach Jahreszeit
passt sich die Farbe des Fells der Umgebung an. In schneearmen Wintern
funktioniert diese Tarnung jedoch nicht.


Bilder: Elias Bader, Marcel Ruppen, Ueli Rehsteiner, www.vogelbilder.ch

und Aufzuchtstätte für die Jungen. Zu­
dem müssen die einzelnen Gebiete im
Naturpark, in denen noch Hermeline
leben, untereinander vernetzt werden.»
Erst dann etabliere sich eine stabile
Population, die auch Jahren mit wenig
Mäusen – und einem entsprechend
eingeschränkten Nahrungsangebot –
standhalten könne. «Gebiete, in denen
Hermeline in schlechten Jahren ausster­
ben, werden so rasch wiederbesiedelt.
Zudem ist der Genaustausch gewährleis­
tet, was Inzucht vorbeugt.»
Beitrag zur «Wiesellandschaft Schweiz»
Der Naturpark Thal setzt sich mit seinen
drei Förderprogrammen Wald, Weide
und Weiher für seltene Arten ein. Die

Bemühungen zugunsten des Hermelins
hat die vom BAFU unterstützte Stiftung
Wieselnetz angeregt. Mittels intensiver
Förder- und Vernetzungsmassnahmen
will sie in einem quer durch die ganze
Schweiz verlaufenden Ost-West-Band so­
wie einer Nord-Süd-Achse Lebensräume
aufwerten oder neu schaffen und unter­
einander vernetzen. Zielarten sind das
Hermelin und das bedrohte Mauswiesel,
die beide als «Wiesel» (aus der Gattung
Mustela) gelten. Aber auch unzählige
weitere Arten wie Amphibien, Repti­
lien und Insekten profitieren von den
Massnahmen. Die «Wiesellandschaft
Schweiz» soll ähnlich funktionieren
wie die Verkehrsinfrastruktur mit den
Nationalstrassen als gut ausgebauten

Hauptverbindungslinien zwischen den
grossen Städten. Wichtig ist auch die
regionale und lokale Vernetzung: Der
Naturpark Thal ist beispielsweise einer
der 10 bisher definierten Hermelin«Ballungsräume» im Inland. Innerhalb
dieser Gebiete muss – vergleichbar mit
den Kantons- und Gemeindestrassen –
ebenfalls eine «Infrastruktur» bestehen.
Zudem soll das Überleben der Klein­
säuger in den lokalen Teilpopulationen
sichergestellt sein.
Aufwertung des Lebensraums
Für Hermelin, Mauswiesel und den eben­
falls bedrohten Iltis wird die Ökologische
Infrastruktur im Naturpark Thal in den
kommenden Jahren ausgebaut. Elias

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umwelt 3/2016 > ARTENVIELFALT

Bader hat 7 Kerngebiete ausgeschieden,
die als Lebensräume infrage kommen.
Diese Flächen will man künftig ökolo­
gisch aufwerten, um die Bestände zu sta­
bilisieren. Denn tendenziell sinken die
Populationsgrössen seit Jahrzehnten, vor
allem beim Mauswiesel. Die ökologische
Qualität der Landschaft nimmt nämlich
nach wie vor ab – trotz Ökozahlungen
an die Landwirte. «Problematisch ist vor
allem der Mangel an Kleinstrukturen»,
erklärt Elias Bader. Geplant sind deshalb
unter anderem Dutzende von Stein- und
Asthaufen, die nach den Vorgaben der
Stiftung Wieselnetz gebaut werden.
Sind die Steine nicht zu klein und ist
der Boden sandig und locker, dienen
diese Strukturen den Tieren als trockene
und sichere «Wohnungen» und «Kinder­
stuben».
Pro Steinhaufen werden 2 bis 4 Ku­
bikmeter Material benötigt, das aus
Steinbrüchen der Umgebung stammt.
Die Asthaufen können mit dem vor Ort
bei der Landschaftspflege anfallenden
Schnittgut gebaut werden. Hinsichtlich

2 Mäuse verzehrt, was pro Woche und
Wieselfamilie einem Bedarf von 50 bis
100 Mäusen entspricht. Massnahmen
zum Schutz des Hermelins finden daher
vor allem bei den Bauern offene Ohren.
Pilotprojekt «Ökologische Infrastruktur»
Im Naturpark Thal ist das Kleinsäuger­
projekt nicht das einzige Vorhaben zur
Erhaltung und Förderung der Biodiver­
sität. «Die Massnahmen zur Begünsti­
gung der Wiesel werden mit anderen
Aktivitäten abgesprochen», präzisiert
Elias Bader. Alle im Parkgebiet tätigen
Organisationen und der Naturpark ha­
ben sich zur «Interessengemeinschaft
Naturschutz Thal» zusammengeschlos­
sen. Naturschützer aus lokalen und
re­
gionalen Vereinen, Fachleute des
Kantons Solothurn, Landwirte, Jäger und
Imker treffen sich ein- bis zweimal im
Jahr, um ihre Vorhaben zu koordinieren
und die Kräfte zu bündeln. Synergien er­
geben sich auch mit dem landwirtschaft­
lichen Vernetzungsprojekt, das den ge­
samten Parkperimeter betrifft. Wichtig

Die Förderung der Ökologischen Infrastruktur ist in
der Strategie Biodiversität Schweiz des Bundesrates als
nationale Priorität festgehalten.
der Standorte der Kleinstrukturen ist
Elias Bader bereits mit Landwirten und
Förstern im Gespräch. Er überzeugt sie,
Schnittgut nicht abzuführen, sondern
so aufzuschichten, dass es den Wieseln
als Lebensraum dient. «Das braucht
nicht viel Platz und sieht erst noch
attraktiv aus.» Weil das Hermelin ein
Sympathieträger ist, fallen diese Ver­
handlungen leichter als bei anderen
Naturschutzmassnahmen, sind die
Tiere doch äusserst effiziente Mäuse­
vertilger. So zieht eine Hermelinmutter
jährlich etwa 6 Nachkommen auf, wo­
bei jedes Familienmitglied täglich 1 bis

ist, dass Vernetzungsgebiete wie Hecken,
Brach- und Altgrasstreifen sowie stufig
aufgebaute Waldränder angelegt werden
und so – auch für das Hermelin – zur
Verbesserung der Ökologischen Infra­
struktur beitragen. Ist das Ökologische
Netzwerk erst einmal im Park etabliert,
werden die Vernetzungsachsen zu den
anderen Hermelin-«Ballungsräumen»
im Jura und im Mittelland geplant und
erstellt.
Teilfinanzierung durch das BAFU
Das BAFU unterstützt die Bemühungen
für den Lebensraum der Wiesel im

Naturpark Thal im Rahmen eines Pilot­
projekts zur Förderung der Ökologischen
Infrastruktur in den Pärken von natio­
naler Bedeutung. Möglich wurde dies
durch die vom Parlament im September
2014 beschlossene Verdoppelung der
Bundesmittel von 10 auf 20 Millionen
Franken zur Unterstützung der Pärke.
Das BAFU setzt davon in der Programm­
periode von 2016 bis 2019 in verschiede­
nen Regionen gesamtschweizerisch fast
4 Millionen Franken zweckgebunden für
dieses Vorhaben ein.
Ziel ist es, nicht nur die Biodiversität
in den Pärken zu stärken. «Die Erkennt­
nisse und Erfahrungen dienen Bund,
Kantonen, Parkträgerschaften und Drit­
ten bei der Förderung der Ökologischen
Infrastruktur in der ganzen Schweiz»,
sagt Matthias Vögeli, der beim BAFU
für dieses Thema verantwortlich ist. «In
einer Anfangsphase helfen die vorhan­
denen Strukturen in den Pärken. Was
innerhalb dieser Perimeter gut funktio­
niert, lässt sich später auch ausserhalb
dieser Gebiete umsetzen.»
Vorgaben des Bundesrates
Die Förderung der Ökologischen Infra­
struktur ist in der Strategie Biodiversität
Schweiz des Bundesrates als nationale
Priorität festgehalten. Das Ziel besteht
darin, ein nationales Netzwerk aus
natürlichen und naturnahen Lebens­
räumen und Strukturen zu schaffen. Es
soll aus allen heute bestehenden und
allfällig neuen Schutzgebieten sowie
aus Vernetzungsgebieten und Vernet­
zungselementen bestehen. Ihre zentrale
Aufgabe ist es, sämtliche charakteristi­
schen und bedeutenden Lebensräume
der Schweiz mit genügender Quantität,
Qualität und Vernetzung langfristig zu
sichern.
«Aufbau und Förderung einer funk­
tionierenden Ökologischen Infrastruktur sind ein Generationenprojekt», sagt­
Matthias Vögeli. 2020 sollen die Pla­
nungsarbeiten und bis 2040 die Umset­
zung abgeschlossen sein. Die bundesrät­

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ARTENVIELFALT < umwelt 3/2016

liche Strategie sieht für Schutzgebiete
mit einer hohen ökologischen Qualität,
die untereinander vernetzt sind, einen
Zielwert von 17 Prozent der Landes­fläche
vor. Gegenwärtig liegt der entsprechen­
de Anteil bei 11 Prozent, und weitere
3 Prozent sind bereits geplant. Damit
macht die Ziel­
lücke noch 3 Prozent
der Landes­fläche aus. Den Austausch
sollen Vernetzungsgebiete mit einer
angestrebten Ausdehnung von rund
13 Prozent des Schweizer Territoriums
gewährleisten. Sie umfassen unter ande­
rem naturnahe Waldränder, Moorland­
schaften und Biodiversitätsförderflächen
der Qualitätsstufe I, die heute 9 Prozent
unseres Landes bedecken. «Eine
funktionsfähige Ökologi­
sche Infrastruktur ist
unerlässlich, wenn die
Schweiz ihr Naturka­
pital erhalten will», ist
Matthias Vögeli überzeugt. «Die dafür
gesprochenen Mittel sind gut investiert,
denn sie sichern Leistungen, die gesunde
Ökosysteme unentgeltlich zur Verfü­
gung stellen. Letztere versorgen uns un­
ter anderem mit sauberem Trinkwasser
und Nahrung und sind zudem attraktive
Wohn- und Erholungsgebiete.»
Vielfältige Projekte in den Pärken
Das Wieselprojekt im Naturpark Thal
erfüllt die Kriterien für Projekte zur
Förderung der Ökologischen Infrastruk­
tur. «Die von der Stiftung Wieselnetz
Schweiz vorgesehenen Achsen durch die
Schweiz sind ein Beitrag zum nationalen
Netzwerk», sagt Matthias Vögeli. «Und
das Thal ist ein wichtiger Knotenpunkt.»
Mittlerweile liegen dem BAFU Projekte
aus allen Regionalen Naturpärken sowie
aus dem Naturerlebnispark Sihlwald
vor. Aufgrund der bestehenden Vorar­
beiten konnte der Bund im Naturpark
Thal bereits ein Vorhaben mit Umset­
zungsmassnahmen finanzieren, wobei
der Kanton Solothurn aus seinem Naturund Heimatschutzfonds die erforderli­
chen Drittmittel zur Verfügung stellt.

GEBIETE MIT FÖRDERPROJEKTEN FÜR WIESEL

Mauswiesel

In den farbig markierten Gebieten laufen im Rahmen des übergeordneten Projekts «Wiesellandschaft Schweiz» Förderprojekte der Stiftung Wieselnetz. Strassen mit hoher Verkehrsfrequenz
und Siedlungsgürtel grenzen die Populationsräume voneinander ab. Die rot eingefärbte Fläche
Quelle: Wieselnetz
umfasst das Einzugsgebiet der Fördermassnahmen im Naturpark Thal.

In den restlichen Pärken finanziert das
BAFU Arbeiten, um den Ist-Zustand der
Ökologischen Infrastruktur sowie den
Handlungsbedarf zu erheben, die Bevöl­
kerung zu sensibilisieren und geeignete
Umsetzungsmassnahmen zu definieren
und zu planen.
Matthias Vögeli freut sich über die
Vielfalt der Projekte, welche auf die na­
türlichen und kulturellen Verhältnisse
in den einzelnen Pärken zugeschnitten
sind. Stehen im Thal Hermelin, Maus­
wiesel und Iltis im Fokus, so sind es
beispielsweise im Regionalen Naturpark
Gruyère Pays-d’Enhaut Narzissenwiesen.

«Mit der Hilfe von Sympathieträgern
wird der Aufbau der Ökologischen Infra­
struktur gelingen», ist Matthias Vögeli
überzeugt.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-10

KONTAKT
Matthias Vögeli
Sektion Lebensraum Gewässer
BAFU
+41 58 464 65 81
matthias.voegeli@bafu.admin.ch

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umwelt 3/2016 > HYDROLOGIE

HYDROLOGISCHER ATLAS

Wasserwissen 2.0
Der «Hydrologische Atlas der Schweiz» (HADES) fasst seit mehr als 20 Jahren das wissenschaftliche
Know-how rund um das Thema Wasser kompakt zusammen. Neu bietet eine digitale Plattform neben
3-D-Visualisierungen von hydrologischen Phänomenen auch verschiedene Analysemöglichkeiten.
Sie soll das entsprechende Fachwissen noch populärer machen. Text: Peter Bader

Alles beginnt im Jahr 1986: In seiner
Dissertation an der Universität Bern
entwickelt der Geograf Rolf Wein­
gartner das Konzept eines nationalen
Kartenwerks zu hydrologischen Daten.
Eine solche Gesamtschau hat bis zu
diesem Zeitpunkt gefehlt. Sie bietet
die Gelegenheit, alle bedeutenden
Wasserforschungsinstitutionen der
Schweiz für eine Zusammenarbeit an
einen Tisch zu bekommen. Zwei Jahre
später gibt der Bundesrat die Erarbei­
tung des ­Hydrologischen Atlas (HADES)
in Auftrag, und 1992 erscheinen dann
die ersten 17 Kartenblätter. Heute be­
schreibt das Werk auf 63 Tafeln das
Wissen und die verfügbaren Daten
rund um das Thema Wasserkreislauf
in kompakter Form. Die Inhalte rei­
chen von der saisonalen Verteilung

«Aktueller, vielseitiger, populärer»
Zu Beginn nutzten vor allem Forschungs­
institutionen, Verwaltungen, Bibliothe­
ken oder Ingenieurbüros den HADES.
In Diskussionen über den Klimawandel
oder den künftigen Anteil der Wasser­
kraft an der Energieversorgung lieferte
er auch weiteren Entscheidungsträgern
wichtige wissenschaftliche Grundlagen.
Der Atlas brachte die hydrologischen
Fakten aber auch einem breiteren Pub­
likum näher: So waren die Grundlagen
des Kartenwerks mit der Zeit auch im
Internet zugänglich. Hinzu kamen ein
Lehrmittel für Gymnasien und zahl­
reiche Exkursionsführer unter dem
Motto «Wege durch die Wasserwelt».
Damit können Interessierte hydrologi­
sche Phänomene in der ganzen Schweiz
erwandern.

«Die digitale Oberf läche mit 3-D-Globus und Gelände­
modell bietet neue Möglichkeiten der Visualisierung.»
		
Felix Hauser
des Niederschlages über die regionale
Verdunstung in den verschiedenen Lan­
desteilen bis hin zu den abfliessenden
Wassermengen. Auch Informationen
zum Gletscherrückgang, zu den Grund­
wasservorkommen, zum Einfluss der
Wasserkraftnutzung auf die Gewässer
oder zur Belastung der Flüsse und Seen
mit Chemikalien sind hier verfügbar.
Die Projektleitung liegt bis heute beim
Geographischen Institut der Universität
Bern (GIUB); Herausgeber ist das BAFU.

Dreissig Jahre nach den ersten Kon­
zeptideen ist der HADES nun «aktueller,
vielseitiger und ein Stück populärer»
geworden, sagt Felix Hauser, der das
Projekt beim GIUB gemeinsam mit Rolf
Weingartner leitet. Nach einer rund
vierjährigen Entwicklungszeit steht seit
Sommer 2016 eine digitale interaktive
Plattform zu hydrologischen Themen
zur Verfügung. Die Lancierung erfolgte
gleichzeitig mit dem digitalen Atlas der
Schweiz, den das Institut für Kartografie

und Geoinformation an der Eidgenössi­
schen Technischen Hochschule Zürich
(ETHZ) betreut. «Von grosser Bedeutung
ist vor allem die Tatsache, dass sich die
Plattform vom ETH-Server aus leichter ak­
tualisieren lässt», betont Martin Barben,
der beim BAFU für die Themen Wasser­
haushalt und Hochwasser­abschätzung
sowie für das «Hydrologische Jahrbuch»
zuständig ist.
Die neue Plattform, die man gemein­
sam mit den Hydrologie-Institutionen
der Schweiz sukzessive ausbauen will,
ist in sechs Hauptkapitel gegliedert.
Neben den Grundlagen werden die
Themen Wasser in der Atmosphäre,
an der Erdoberfläche und in der Litho­
sphäre (Erdkruste) behandelt. Zudem
geht es im HADES um den Aspekt Was­
ser und Mensch sowie um Synthesen
und Fallbeispiele. Innerhalb dieser
Oberbegriffe werden zum Beispiel die
Einzugsgebiete von Abflussmessstationen
sowie die mittleren Niederschlagshöhen
im europäischen Alpenraum, die Stand­
orte von hydrometrischen Stationen,
die Vulnerabilität der Grundwasservor­
kommen oder die durchschnittliche Jah­
ressumme der Verdunstung thematisiert.
Flüsse digital erkunden
«Die digitale Oberfläche mit 3-D-Globus
und Geländemodell bietet neue Mög­
lichkeiten der Visualisierung», sagt
Projektleiter Felix Hauser. Vor allem
einem breiteren Publikum erleichtere
sie die Wahrnehmung von hydrologi­
schen Charakteristiken und fördere das
Verständnis für hydrologische Prozesse.

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HYDROLOGIE < umwelt 3/2016

Im Jahr 2015 fiel auf dem Säntis (rechts oben) rund doppelt so viel Niederschlag
wie in der Flussebene des vorderen Glarner Linthtals. Im inter­aktiven
«Hydrologischen Atlas der Schweiz» sind die entsprechenden Niederschlagsdaten
für jedes beliebige Gebiet und für alle Jahre nach 1961 verfügbar.

Dazu tragen auch Luftaufnahmen von
Flüssen mit 360-Grad-Ansichten bei.
Mit dem Instrument «RiverView» lassen
sich Fliessgewässer virtuell erkunden
– ähnlich der Applikation StreetView
für den «Besuch» von Städten. Derzeit
stehen solche Bilddaten erst für die
Aare zur Verfügung – und zwar vom
Quellgebiet beim Grimselsee bis zur
Grenze zwischen den Kantonen Solo­
thurn und Aargau. «Drohnenflüge über
weitere Flüsse sind geplant», sagt Felix
Hauser.
Neue Tools für Fachleute
Vorab dem Fachpublikum stehen aus­
serdem neue Analysemöglichkeiten
zur Verfügung. So sind Abfragen von
Kartendaten möglich, beispielsweise
zu Niederschlagsmengen oder auch zur­
Grösse eines Einzugsgebietes, was etwa

für Hochwasserabschätzungen von Be­deutung ist. Zudem gibt es Tools, um
Längen oder Flächen zu messen. Dar­
über hinaus können die Nutzerinnen
und Nutzer verschiedene Themen miteinander verknüpfen und sich zum
Beispiel den Gebietsniederschlag eines
ausgewählten Einzugsgebietes zeigen
lassen. Damit erweitert der HADES die
bestehenden digitalen Angebote des
BAFU im Wasserbereich.
Für Fachkräfte und interessierte Laien
hat der neue Atlas also gleichermassen
viel zu bieten. Beide Zielgruppen dürfte
auch das Angebot der neuen hydrologi­
schen Exkursionsführer interessieren.
Solche «Wege durch die Wasserwelt»
mit Karten und Informationsmateria­lien
für Wanderungen zu hydrologischen
Phänomenen gibt es derzeit für sieben
Regionen der Schweiz. Im Wallis sind

seit April 2016 drei neue Exkursionen
im Angebot. Eine davon führt durch
die Region Montana und geht der Frage
nach, wie es in dieser trockenen Region
um die Wasserressourcen bestellt ist.

Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-11

KONTAKTE
Martin Barben
Sektion Hydrologische Grundlagen
Oberflächengewässer, BAFU
+41 58 464 53 37
martin.barben@bafu.admin.ch
Felix Hauser
Geografisches Institut
Universität Bern
GIUB
+41 31 631 88 73
felix.hauser@giub.unibe.ch

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umwelt 3/2016 > WALD

AUFFORSTUNG IM HINTERRHEINTAL

Der Arvenpflanzer im Rheinwald
Um den geplünderten Arvenwald im oberen Hinterrheintal (GR) wieder aufzubauen, sind in den letzten 40 Jahren
auf Initiative des St. Galler Chirurgen Theo Gerber Tausende von Bäumen gepflanzt worden. Private und
das zuständige kantonale Forstamt haben dabei eng zusammengearbeitet. Jetzt kann der Tannenhäher das
Langzeitprojekt übernehmen. Text: Hansjakob Baumgartner

Die Früchte harter Fronarbeit: Unterhalb der Postautohaltestelle von Nufenen im Hinterrheintal (GR) gedeihen wieder Arven.
Bild: Oskar Hugentobler

Begonnen hat alles in den frühen 1970erJahren in einer Arvenstube. In Nufenen
(GR) feierte man die Taufe von Theo
Gerbers Patenkind Margrit. Das Tisch­
gespräch kam auf die Arve. Ein Lehrer
­berichtete von seinen Versuchen, auf
dem Dürrabüel beim San Bernardino-Pass
Arven aufzuziehen. Anfänglich seien
die gepflanzten Bäumchen schön ge­
wachsen, dann aber plötzlich allesamt
eingegangen.
Theo Gerber fühlte sich herausgefor­
dert. Er hatte sich schon als Jugend­licher
als Baumgärtner betätigt, Pappeln um
das Pfadfinderheim gepflanzt oder
­einen Kirschbaum im eigenen Garten.
Er nahm sich vor, es auch mit Arven zu
versuchen. Mit dem dafür auserkorenen
Gebiet – dem Hochtal des Hinterrheins
vom San-Bernardino-Pass bis hinab nach
Splügen (GR) – war der in St. Gallen
praktizierende Chirurg bestens vertraut.
Seine Grossmutter wohnte in Nufenen;
hier verbrachte er seit seiner Kindheit
die Ferien.
«Rheinwald» wird dieser Teil des Hin­
terrheintals auch genannt. Der Name
erinnert an längst vergangene Zeiten,
als die Talflanken noch durchgehend
bewaldet waren. Im obersten Bereich
der Bergwälder herrschte die Arve.
Diese Baumart gedeiht in den Alpen
vorwiegend in Höhenlagen von 1700 bis
2300 Metern über Meer und bildet zu­
sammen mit der Lärche den Waldgürtel
unterhalb der Baumgrenze. Verschiede­
ne Flurnamen bezeugen, dass dies einst
auch im Rheinwald der Fall war.

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WALD < umwelt 3/2016

Rodungen der Walser
1274 holten die Landesherren von
Sax Misox 13 Walserfamilien ins Hin­
terrheintal und verpflichteten sie, die
Saumwege von Splügen über den San
Bernardino ganzjährig offen zu halten.
Als Lohn dafür erhielten sie Sonderrech­
te wie persönliche Freiheit, niedrige
Gerichtsbarkeit und namentlich auch
das Recht, den Wald zur Gewinnung
von Kultur- und Weideland zu roden.
Die Walser machten davon ausgiebig
Gebrauch – zumal sie auch viel Holz
als Baumaterial sowie als Brennstoff
zur Verhüttung von Eisen für Werk­
zeuge und die Hufeisen der Saumtiere
brauchten. Unter dem Wenglispitz bei
Hinterrhein auf 2350 Metern Höhe steht
heute noch die Ruine eines Hochofens.
Den Rest besorgten die von Frühling
bis Herbst frei weidenden Ziegen. Die
grossen Herden frassen den Jungwuchs
ratzekahl ab. Anfang der 1970er-Jahre
waren vom einstigen Arvenwald zwi­
schen Nufenen und Hinterrhein noch
rund 100 Bäume in unzugänglichen,
felsigen Hängen übrig.
Baumschulen in Hausgärten
Theo Gerber ist ein warmherziger Mann,
der auf Menschen zugeht und Freunde
gewinnen kann. Die brauchte er für
sein Vorhaben, die Arve in das obere
Hinterrheintal zurückzubringen. Der
Erste war Walter Trepp, der damalige
Forstadjunkt des Kantons Graubünden.
Er schenkte ihm die ersten 5000 Säm­
linge. Mehrere Bewohnerinnen und
Bewohner von Nufenen stellten Teile
ihres Hausgartens für Baumschulen zur
Aufzucht von Jungarven zur Verfügung,
die Kirchgemeinde den Pfarrgarten. Und
auch rund um das Ferienhaus, das Theo
Gerbers Eltern hatten erbauen lassen,
wuchsen fortan Jungarven. Im Dorfbild
jeder Rheinwalder Gemeinde sind Arven
als Gartenbäume heute ein prägendes
Element.
Sechs Jahre dauert es, bis ein Arven­
keimling zu einem Jungbaum aufge­
wachsen ist, der ausgepflanzt werden

Für Hirsche sind die jungen Arven ein Leckerbissen. Ohne Schutzzäune hätten die
langsam wachsenden Nadelbäume deshalb keine Überlebenschance.
Bild: Oskar Hugentobler


kann. Das Pflanzen im teils schwierigen
Gelände ist eine Knochenarbeit. Im
Werkraum seines Ferienhauses de­
monstriert der mittlerweile 88-jährige
Freizeitförster die hierzu verwendeten
Werkzeuge: die Wiedehopfhaue, ein
Gerät, das tatsächlich an den Kopf eines
Wiedehopfs erinnert und für Bodenar­
beiten verwendet wird, die maxima­
len Krafteinsatz erfordern. Oder den
Pfahlhammer, eine 1 Meter lange, oben
verschlossene Eisenhülse, an die man
unten Verlängerungsstangen anschrau­
ben kann. Das Gerät dient dazu, Pfähle
in den Boden zu rammen: Die Hülse
wird über den liegenden Pfahl gestülpt,
dieser danach aufgerichtet und in das
mit einem Locheisen gegrabene Loch
gesteckt: Zwei Personen heben nun die
Hülse und ziehen sie danach – den Fall
verstärkend – nach unten.
Gepfählt werden muss, um die Pflanz­
flächen einzuzäunen. Ohne Zaunschutz

würden die Jungbäume allesamt von
Ziegen oder Hirschen gefressen. Für
diese sind die zarten Arvennadeln und
die saftige Rinde ein Leckerbissen.
Ungeschützt haben die Jungbäume bei
den heutigen Hirschbeständen keine
Überlebenschance.
Freiwillige Helfer packen mit an
Gepflanzt hat Theo Gerber, wo immer
sich eine Gelegenheit dazu ergab. Meist
kamen Privatpersonen oder Gemein­
den auf ihn zu, stellten ihm ein Stück
Land zur Verfügung, mit der Bitte, es
mit Arven zu bestocken. Breit vernetzt,
wie er war, fand er auch freiwillige
Helfer und Sponsoren. Mitglieder des
Rotary-Club, seines Turnvereins oder
seiner Pfadfinderabteilung, aber auch
Familienangehörige sowie ortsansässige
Landwirte und Jäger legten Hand an.
Private Gönner und die Ernst-GöhnerStiftung gaben Geld. «Diese Bereitschaft

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umwelt 3/2016 > WALD

zur Zusammenarbeit, die grosse Unter­
stützung von allen Seiten, all das war
eine beglückende Erfahrung», sagt Theo
Gerber.
Im Kreisförster Oskar Hugentobler
fand er einen überaus kooperativen Part­
ner und Freund in der Forstverwaltung.
Dank ihm konnten mehrere grössere
Aufforstungen als Schutzwaldprojekte
finanziert und realisiert werden. So
zum Beispiel die Aufforstung «Ob den
Bender/Schnäggafat» bei Medels: Unter­
halb einer Lawinenverbauung pflanzten
angehende Förster und Private 3000 Ar­
ven aus den Nufener Baumschulen.
Oder die Mischwaldanlage unterhalb
der Alp Cadriola bei Hinterrhein: Der
aufkommende Wald soll zusammen
mit Lawinenverbauungen die Talstrasse
A13 zwischen Nufenen und Hinterrhein
schützen. Andere grössere Projekte be­
trafen Ersatzaufforstungen, die durch
den Ausbau der Passstrasse über den San
Bernardino notwendig geworden waren.
Hinzu kamen zahllose kleinflächige
Pflanzungen mit ein paar Dutzend bis
mehreren Hundert Bäumen. Insgesamt
rund 80 000 Arven wurden im Zeitraum
von 1974 bis 2006 im Rheinwald ge­
pflanzt – darunter 20 000 von Privaten.

können über hundert Jahre alt sein.
Doch der Anfang ist gemacht. Unten
im Tal, wo ebenfalls viele kleinere und
grössere Arvenpflanzungen erfolgten,
geht das Wachstum schneller. Bereits
fruchten die ersten Bäume.
Der Tannenhäher übernimmt
Die wie Pinienkerne schmeckenden
Nüsschen in den Arvenzapfen bilden die
Nahrungsgrundlage des Tannenhähers.
Das Nussangebot für den Vogel, der das
Gebiet mangels Arven lange Zeit nicht
mehr ganzjährig bewohnen konnte,
wird sich in den kommenden Jahren
exponentiell vergrössern.
So wird er bald die Weiterführung
des Projekts übernehmen können. Denn
zwischen ihm und der Arve besteht eine

birds-online.ch

Rund ein Fünftel aller gehorteten Arvensamen findet der
Tannenhäher (Bild) nicht mehr. Diese erhalten dann im
Frühling ihre Chance, zu einem Baum auszuwachsen.
Zusammenarbeit von Staat und Privaten
Mit dem Pflanzen war es meist nicht
getan: Abgestorbene Bäumchen mussten
ersetzt, darbende gepflegt und Wildzäu­
ne instand gehalten werden. Auch hier
kooperierten Staat und Freiwillige.
Den Arvengürtel im Rheinwald wie­
der aufzubauen, sei nicht zuletzt zur
Regulierung des gestörten Wasserhaus­
haltes infolge des Gletscherrückgangs
wichtig, findet Theo Gerber. Bis die
aufgeforsteten Flächen diese Funktion
wahrnehmen können, wird es allerdings
noch Generationen dauern. Denn in den
Höhenlagen um 2000 Meter über Meer
wachsen Arven äusserst langsam. Bäume
von der Grösse eines Weihnachtsbaums

erspriessliche Partnerschaft: Die Arve
macht ihn satt, als Gegenleistung hilft er
ihr, sich auszubreiten. Der Ornithologe
Hermann Mattes hat diese symbioti­
sche Beziehung in den 1970er-Jahren
akribisch erforscht. Im Frühherbst,
wenn die Arvenzapfen reif sind, wird
der Häher von einer regelrechten Ar­
beitswut gepackt. Er holt die Zapfen
von den Bäumen und schleppt sie zu
einer Astgabel oder einem Baumstrunk,
wo er die Nüsschen herauspickt. Diese
stopft er in den Kehlsack und fliegt sie
zu seinem Revier. Hier legt er im Boden
seine Depots für den Winter an.
Mehr als 100 000 Nüsse kann ein einzi­
ger Häher pro Saison ernten. Der Vorrat

muss nicht nur für ihn reichen. Wie der
Vogel es schafft, die Depots im Winter zu
finden, ist ein Rätsel. Er orientiert sich
offenbar optisch. Was Auge und Gehirn
dabei leisten, grenzt an ein Wunder: Ein
Häher muss sich nicht nur Tausende von
Depots merken, er muss diese auch noch
unter einer dicken Schneeschicht orten
können. Doch perfekt ist niemand. Rund
ein Fünftel aller gehorteten Arvensamen
findet der Vogel nicht mehr. Diese erhal­
ten dann im Frühling ihre Chance, zu
einem Baum auszuwachsen.
Optimale Keimstandorte
Für die Verjüngung des Arvenwaldes
reicht das bei Weitem. Zumal der ­Häher
seine Verstecke ungewollt oft gerade
da platziert, wo für junge Arven best­
mögliche Entwicklungsbedingungen
herrschen. Eine reichliche Bodenvegeta­
tion – mit Alpenrosen, Erlen und ­hohem
Gras – erschwert ihm den Zugang zum
Erdreich. Solche Stellen werden daher
gemieden. Auch dort, wo im Winter sehr
viel Schnee liegt, wird der Häher mit
Vorteil keine Verstecke anlegen. Es sind
zugleich Orte mit schlechten Keim- und
Wachsbedingungen für die Arve.
Leichter zu finden sind eher pflanzen­
arme Standorte, die im Frühling zeitig
ausapern. Auch erhöhte Geländepunkte
mit bewachsenen Felsen wie Kuppen und
Rippen sucht sich der Häher gerne für
seine Nussdepots aus, weil die Topografie
ihm hier das Wiederfinden erleichtert.
Just dies sind optimale Arvenstandorte.
Eine im Engadin durchgeführte Untersu­
chung zeigte, dass fast jede Jungarve, die
ausserhalb des Waldes wächst, aus einer
Hähersaat aufgegangen ist. So werden
Vögel im Lauf der nächsten paar hundert
Jahre das Lebenswerk von Theo Gerber
vollenden.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-12
KONTAKT
Adrian Schmutz
Stab Abteilung Wald
BAFU
+41 58 464 91 46
adrian.schmutz@bafu.admin.ch

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STRASSENLÄRM < umwelt 1/2016

Solche Auspuffklappen
dienen dazu, den Lärm
eines Motorrades vor
allem bei der Typenprüfung gezielt zu drosseln.
Im realen Fahrverhalten
verursachen die röhrenden Maschinen dann
ein Vielfaches der auf
den Testanlagen gemessenen Lärmemissionen.
	

Montage: R. Schürmann

NEUE LÄRMVORSCHRIFTEN FÜR MOTORRÄDER

Schwere Bikes mit lauter Klappe
haben ausgedröhnt
Bezüglich ihres Lärmpotenzials sind Töffs die mit Abstand lauteste Fahrzeugkategorie. Eingefleischte
«Biker» dürfen ihre Maschinen ganz legal ohrenbetäubend dröhnen lassen – und zwar auch sonntags
und nachts. Aufgrund einer Gesetzeslücke können die Behörden wenig gegen den nervenden Lärm
unternehmen. Wohl gelten für neue Motorräder seit Januar 2016 europaweit schärfere Bestimmungen.
Doch früher zugelassene Maschinen bleiben davon ausgenommen. Text: Stefan Hartmann
An schönen Wochenenden im Sommer erwecken
Alpenpässe wie Susten, Grimsel, Nufenen, Albula,
Splügen, Maloja, Gotthard oder Grosser St. Bernhard
den Anschein von Rennpisten für schwere Motor­
räder. Zu Hunderten frönen Biker ihrem Vergnügen
und drehen den Gashahn auf, sobald die Strecke eine
Beschleunigung zulässt. Das dröhnt dann ganz or­
dentlich und ist für die Fahrer der reinste Wohlklang.
Die lärmgeplagten Anwohnerinnen und Anwohner
von Zufahrtsstrassen, für die es kein Entrinnen gibt,

empfinden das Geräusch der aufheulenden Motoren
hingegen als Höllenlärm. Zwei Welten prallen auf­
einander: hier die Motorradbegeisterten mit ihrer
Freude am röhrenden Sound der Maschinen und da
betroffene Bewohner, die abends oder am Wochen­
ende in Ruhe ihre Freizeit geniessen möchten.
Schlupflöcher im EU-Recht
Laute Bolzer sind allerdings eine Minderheit unter
den Motorradfahrenden. Die Ausreisser bilden vor

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umwelt 3/2016 > STRASSENLÄRM

allem Biker mit schweren Maschinen,
welche die Nerven ihrer Umwelt stra­
pazieren. Dabei steht die Polizei vor
einem Dilemma, denn auch bei beson­
ders lärmigen Fahrzeugen verfügt sie
kaum über eine Handhabe, um diese
aus dem Verkehr zu ziehen. So stoppte
zum Beispiel die Kantonspolizei Zürich
im Juli 2012 fünf Motorräder, nachdem
sie deren Dezibelwerte (dB) mit der
Vorbeifahrtmessmethode geprüft hat­
te. Die Bikes waren dabei als extrem
laut aufgefallen und überschritten den
massgebenden Grenzwert von 80 dB(A)
klar. Die gemessenen Werte von 83,5
dB waren lauter als das gleichzeitige
Geräusch von zwei Maschinen. In einem
Fall erreichte der Lärmwert sogar eine

durchgeführt werden – damit fehlten
auch gesicherte Hinweise auf ein Ver­
gehen. «In diesem Fall steht die Ein­
schränkung der individuellen Freiheit
Einzelner dem Wohl einer Vielzahl von
Menschen gegenüber», sagt Dominique
Schneuwly.
Töffs sind die lautesten Strassenfahrzeuge
Ursache für den lauten Töfflärm sind
Bestimmungen in den europäischen
Zulassungsvorschriften. Bundesrat und
Parlament haben 1995 entschieden, die­
se zu übernehmen, damit Importeure
und Händler die in der EU zugelassenen
Produkte auch in der Schweiz ohne
weitere Prüfungen in Verkehr bringen
können. Als Folge der bilateralen Ab­

Die Zulassung von Motorrädern erfordert hierzulande einen
normierten Lärmtest, der periodisch wiederholt wird.
Lautstärke, die der Vorbeifahrt von
24 Motorrädern mit dem zulässigen
Geräuschpegel entsprach.
Die Polizisten hatten jedoch keine
Rechtsgrundlage, um die Halter zu
verzeigen, weil ihre Fahrzeuge typen­
konforme Ausrüstungen aufwiesen. Das
BAFU erachtet diese Situation als aus­
gesprochen ärgerlich, da sie den Lärm­
schutzbemühungen völlig zuwiderläuft.
Exzessiver Lärm des Strassenverkehrs
stört und macht nachweislich krank,
was in der Schweiz pro Jahr externe Kos­
ten von mehr als 1,4 Milliarden Franken
verursacht. «Aus Sicht von lärmgeplag­
ten Anwohnern wäre es wünschenswert,
die übermässige Geräuschentwicklung
von Fahrzeugen zu ahnden», meint
­Dominique Schneuwly, stellvertreten­
der Chef der BAFU-Sektion Strassenlärm.
Bei Verkehrskontrollen habe der Lärm
jedoch oftmals nicht Priorität. Zudem
könnten im Rahmen solcher Kontrollen
keine Messungen gemäss den Normbe­
dingungen für die amtliche Zulassung

kommen kann unser Land nicht ohne
Weiteres schärfere Lärmgrenzwerte
einführen. Die Zulassung von Motor­
rädern erfordert hierzulande einen
normierten Lärmtest, der periodisch
wiederholt wird. Dabei muss ein Mo­
torradlenker mit 50 Stundenkilometern
(km/h) in die Teststrecke einfahren
und dann mit Vollgas beschleunigen.
Gemäss Vorschrift dürfen Maschinen
ab 175 Kubikzentimeter Hubraum den
Geräuschgrenzwert von 80 dB nicht
überschreiten, während etwa für Per­
sonenwagen eine Limite von 74 dB gilt.
Dieses Messverfahren ist nicht ganz lo­
gisch, denn es bildet lediglich einen Teil­
lastzustand ab, während zum Beispiel
bei der Zulassung von Lastwagen der
lauteste Betriebszustand bei Höchstdreh­
zahl erfasst wird. In der Praxis sind bei
motorisierten Zweirädern aber deutlich
höhere Geräuschemissionen möglich.
Bezüglich ihres Lärmpotenzials handelt
es sich um die Kategorie der mit Abstand
lautesten Fahrzeuge, die im Gegensatz

Das Ende
der legalen Tricks
Seit dem 1. Januar 2016 gelten für
Motorräder neue EU-Vorschriften
zu Abgas- und Geräuschemissionen, die der Bundesrat zeitgleich
auch in der Schweiz in Kraft
gesetzt hat. Dadurch sind bei
neuen Modellen keine Auspuffklappensysteme mehr zugelassen,
die das Geräusch beim Messtest
reduzieren. Auch das Prüfverfahren erfährt eine Änderung: Statt
die Teststrecke mit Vollgas zu befahren, wird zu Messzwecken für
jedes Fahrzeug individuell eine
Sollbeschleunigung errechnet. Sie
ist unter anderem vom Gewicht
und von der Leistung des jeweiligen Motorrades abhängig.
Ein Wermutstropfen aber bleibt,
nämlich dass die Regelungen nur
neue Motorräder betreffen – früher
zugelassene Maschinen sind davon
ausgenommen. Das Lärmproblem
wird sich also nicht sofort, sondern
erst im Laufe der Jahre durch die
allmähliche Erneuerung des Fahr­zeugbestandes entschärfen. Auch
hier gilt, dass der Schweizer Gesetzgeber die Umrüstung oder
Nachrüstung sämtlicher Motor­
räder nicht im Alleingang verlangen kann. Neben dem Einwand
der finanziellen Zumutbarkeit
fällt auch ins Gewicht, dass Fahrer
und Fahrerinnen von lauten, im
Ausland zugelassenen Bikes ansonsten in der Schweiz bevorzugt
behandelt würden.

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STRASSENLÄRM < umwelt 3/2016

zu den meisten Lastwagen auch nachts
und am Sonntag auf unseren Strassen
verkehren.
Umgehung mit Auspuffklappe
Versuche des Dynamic Test Center
( DTC) in Vauffelin ( BE) im Auftrag
der TV-Sendung «Kassensturz» zeigen
eindrücklich, was geschieht, wenn
die Testanlage statt mit 50 km/h mit
einer leicht höheren Geschwindigkeit von 56 km/h und anschliessender
Vollbeschleunigung befahren wird. Es
kommt auf der logarithmischen Skala
zu einer Verzehnfachung des Lärms
(91,5 dB). Grund dafür ist ein Kniff,
den die Motorradhersteller seit 2009
verbreitet anwenden: Sie überlisten das
Geräuschmessverfahren mit einer auto­
matischen Auspuffklappensteuerung.
Eine im Motor eingebaute Software
zur Testzyklus-Erkennung reagiert bei
einem Tempo von 50 km/h sofort auf
den Prüfmodus und regelt den «Sound»
des Auspuffs durch die Steuerung der
Drosselklappe, was den Geräuschpegel
reduziert. Die geschlossene Klappe der
Auspuffanlage wirkt schalldämmend

«dB-Eater» oder «dB-Killer». Sie sind ge­
mäss der EU-Norm legal und lassen sich
nach dem Zulassungstest meist einfach
entfernen.
«Sounddesign» als Geschäft
Für viele Biker ist das laute Brummen
ihrer Maschine Musik in den Ohren.
Entsprechend doppeldeutig hat das
japanische Unternehmen Yamaha –

Die Hersteller von Motorrädern preisen den
«Sound» als entscheidendes Kaufargument an.
Yamaha-Werbung

Die meisten Hersteller rüsten ihre schweren Motorräder
seit 2009 bereits im Werk mit klappengesteuerten Auspuffanlagen aus, was vorschriftskonform und europaweit auch
typengenehmigt ist.
und begrenzt den Auspufflärm auf die
massgebliche Dezibel-Limite der Vor­
schriften.
Im normalen Strassenverkehr verwan­
delt sich das im Test vorschriftskonforme
Bike dann wieder in ein laut röhrendes
Gefährt. Dreht der Fahrer richtig auf,
öffnet sich die Auspuffklappe, und
der Lärm entfaltet sich ungedämmt.
Der Markt bietet eine Vielzahl solcher
Klappensysteme an. Zudem gibt es
schalldämpfende Einsätze – sogenannte

gleichzeitig Hersteller von Motorrädern
und von Musikinstrumenten – bereits
vor Jahren seine Racing-Auspuffteile
beworben: «Make the road a concert
hall»! Der «Klang» eines Bikes gehört bei
der Kaufentscheidung mit zu den wich­
tigsten Auswahlkriterien. Er sei eine
wesentliche emotionale Kom­ponente
und damit auch kaufentscheidend,
erklärt ein BMW-Ingenieur gegenüber
einer M
­ otorradzeitschrift: «Deshalb ist
der Sound bei uns als konkretes Entwick­

lungsziel verankert und hat gerade in den
letzten Jahren sehr an Bedeutung gewon­
nen.» Im Studio wird wissenschaftlich
am besten Sound getüftelt und erforscht,
wie durch «Soundtuning» das typisch
röhrende Töffgeräusch entsteht, das die
Fans so lieben. Auf der Strasse fallen
solche Motorräder dann durch exorbi­
tante Geräuschemissionen auf, obwohl
sie die gesetzlichen Geräuschlimiten
des Typengenehmigungsverfahrens
einhalten.
Die meisten Hersteller rüsten ihre
schweren Motorräder seit 2009 bereits
im Werk mit klappengesteuerten Aus­
puffanlagen aus, was vorschriftskonform
und europaweit auch typengenehmigt
ist. Viel Krach fördert in diesem Segment
offenbar den Umsatz. Manche Hersteller
hätten ihre «Hemmungen vollständig
abgelegt», kritisiert ein im August 2013
publizierter Bericht des Bundesamtes
für Strassen (ASTRA) zum Lärmverhalten
der Motorräder. Im gleichen Jahr hat das
ASTRA ermittelt, dass in der Schweiz pro
Jahr rund 20 Prozent der neu zugelasse­
nen Motorräder über Auspuffklappen
verfügen. Gemessen am Gesamtbestand
betrug der Anteil der serienmässig mit
Klappenauspuffanlagen ausgerüsteten
Bikes 2014 allerdings nur etwa 4 Prozent.
Doch diese Minderheit reicht aus, um die
Anwohner viel befahrener Strassen um
ihre Ruhe zu bringen.
Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-13

KONTAKT
Dominique Schneuwly
Sektion Strassenlärm
BAFU
+41 (0)58 462 92 49
dominique.schneuwly@bafu.admin.ch

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umwelt 3/2016 > FLIESSGEWÄSSER

TEMPERATURÜBERWACHUNG VON FLÜSSEN

Fiebermessen an Schweizer Flüssen
Wenn sich Fliessgewässer zu stark erwärmen, sind zahlreiche Wasserlebewesen gefährdet.
Deshalb erfasst das BAFU seit 1963 die Temperaturen ausgewählter Flüsse. Derzeit prüft das
Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz, ob es diese Messreihen ins
Inventar der wichtigsten Schweizer Klimabeobachtungen aufnehmen will. Text: Lukas Denzler

Im Hitzesommer 2003 liessen die hohen Wassertemperaturen im Rhein zwischen Bodensee und Basel
Tausende von Äschen verenden.

Anfang Juli 2015 stieg die Wassertem­
peratur der Aare in Bern auf 23 Grad
Celsius. Was Badefans freute, erwies
sich für andere als Problem. So musste
das Kernkraftwerk (KKW) Mühleberg (BE)
die Leistung drosseln, weil es seinen
Reaktor mit Flusswasser kühlt und die
zulässige Temperatur der Aare sonst

überschritten worden wäre. Aus dem
gleichen Grund sahen sich auch die
Betreiber des gut 150 Kilometer fluss­
abwärts gelegenen KKW Beznau (AG)
gezwungen, die Stromproduktion zu
reduzieren. Die Einbussen waren aber
deutlich geringer als im Hitzesommer
2003.

BIld: Keystone

Ausbau des Messnetzes
Die Schweizer Gewässerschutzgesetzge­
bung legt fest, dass die Temperaturver­
hältnisse in den Oberflächengewässern
möglichst naturnah sein müssen. Dies
kann unter Umständen zu Einschrän­
kungen bei der Nutzung von Kühlwasser
führen. Seit 1963 erfasst der Bund die

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FLIESSGEWÄSSER < umwelt 3/2016

Wassertempera­turen von verschiedenen
Fliess­gewäs­sern kontinuierlich. «Grund
für die Messungen war damals die ver­
stärkte Nutzung von Kühlwasser», sagt
Adrian Jakob, Chef der Sektion Hydro­
logische Grundlagen Oberflächengewäs­
ser beim BAFU. Und diese habe seither
laufend zugenommen. So wird Flusswas­
ser heute etwa auch eingesetzt, um die
Server von Rechenzentren zu kühlen.
Bis zur Jahrtausendwende umfasste
das Messnetz des Bundes 40 Stationen,
zurzeit sind es 78 Messstellen.
Laut Adrian Jakob erfolgte die Erwei­
terung vorab aufgrund ökologischer
und klimatischer Fragestellungen.
Für viele aquatische Lebewesen ist die
Wassertemperatur ein zentraler Faktor.
Wärmeres Wasser beschleunigt zum
Beispiel Stoffwechselprozesse, was sich
auf die Aktivität vieler Organismen
auswirkt. Bei steigenden Temperaturen
ist auch die Löslichkeit von Sauerstoff

im Wasser reduziert. Besonders tempe­
raturanfällig reagieren Edelfische wie
Äschen und Bachforellen. Diese Arten
sind bei Wassertemperaturen von mehr
als 20 Grad Celsius gefährdet und bei
25 Grad akut bedroht. Auch die prolife­
rative Nierenkrankheit (PKD) macht den
Fischen dann mehr zu schaffen als in
kühlen Gewässern.
Hohe Wassertemperaturen
bedrohen die Fische
Im August 2003 betrug die Temperatur
des Rheins unterhalb des Bodensees
länger als eine Woche mehr als 25 Grad
Celsius, was zu einem Massensterben
von über 50 000 Äschen führte. Auch
2014 war ein Rekordjahr, doch kamen
die überdurchschnittlichen Jahresmittel
der Gewässertemperaturen nicht durch
einen besonders heissen Sommer zustan­
de, sondern als Folge aussergewöhnlich
hoher Werte im Winter, Frühling und

Herbst. Seit Beginn der systematischen
Messungen vor gut 50 Jahren zeigt sich
ein eindeutiger Trend. «Die Wassertem­
peraturen sind im Jahresmittel um bis
zu 2,5 Grad Celsius angestiegen», stellt
Adrian Jakob fest. Im Sommer mache
die Erwärmung sogar bis zu 3 Grad aus.
Besorgniserregend sei insbesondere das
vermehrte Auftreten von Temperaturen
im kritischen Bereich über 23 Grad.
Wichtige Gründe dafür sind die intensive
Nutzung der Gewässer durch den Men­
schen und die globale Erwärmung. «An
den gestiegenen Wassertempera­turen
erkennen wir die vom Klimawandel aus­
gelösten Veränderungen besonders deut­
lich», betont Petra Schmocker-Fackel,
Stabschefin der Abteilung Hydrologie
beim BAFU. Das Signal sei viel ausge­
prägter als das primär durch saisonale
Verschiebungen beeinflusste Abflussver­
halten der Fliessgewässer.
Fortsetzung nächste Seite

MITTLERE JAHRESTEMPERATUREN AUSGEWÄHLTER FLÜSSE (IN GRAD CELSIUS)
14

Rhein – Basel
Rhein – Rekingen
Aare – Bern
Saane – Gümmenen
Ticino – Riazzino
Emme – Emmenmatt
Rhein – Diepoldsau
Rhone – Porte du Scex

13

12

11

10

9

8

7

6
1950

1960

1970

1980

1990

2000

2010

Quelle: Hydrologisches Jahrbuch 2015

Obwohl sich wärmere und kühlere Jahre in unregelmässigen Abständen abwechseln, deutet der Trend bei all diesen Fliessgewässern
auf eine Erwärmung des Wassers hin. Die Temperaturunterschiede erklären sich primär mit der Höhenlage der Quellgebiete, der Fliess­
geschwindigkeit, den Gewässerstrecken in tieferen Lagen sowie der Passage von Seen.

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umwelt 3/2016 > FLIESSGEWÄSSER

Ein Aspekt der Klimabeobachtung
Die vergleichsweise langen Messreihen
der Fliessgewässertemperaturen sind
denn auch für das globale Klimabeob­
achtungssystem (GCOS) interessant. Es
legt auf weltweiter Ebene die Anforde­
rungen an eine umfassende Klimabeo­
bachtung fest, die hierzulande vom
Swiss GCOS Office beim Bundesamt
für Meteorologie und Klimatologie
MeteoSchweiz koordiniert wird. «Zur­
zeit zählt die Temperatur der Fliess­
gewässer nicht zu den essenziellen
Klimavariablen», erläutert Fabio Fontana­
vom Swiss GCOS Office. Der jüngste

GCOS-Statusbericht von 2015 weise aber
auf deren zunehmende Bedeutung hin.
Vor diesem Hintergrund prüfe man, ob
die nationalen Messreihen im Rahmen
einer für 2016 geplanten Revision in
das Inventar der wichtigsten Schweizer
Klimabeobachtungen aufgenommen
werden sollen. Das BAFU überarbeitet
derzeit das Messkonzept der Gewässer­
temperaturen. Dabei soll etwa den Seen
eine grössere Bedeutung zukommen.
Hier steht der vermehrte Einsatz von
Satel­litenmessungen im Vordergrund.
Im Rahmen von GCOS Schweiz wird
bereits die Oberflächentemperatur aus

TEMPERATUREN IM RHEIN (IN STUNDEN PRO JAHR)
4500
4000
3500
3000
2500
2000
1500
1000
500
0
1970

1978

1986

1994

2002

2010

2014

15–18 °C
18–23 °C
23–25 °C
25–30 °C
Im Rhein bei Rekingen (AG) hat die Dauer der für empfindliche Wasserorganismen kritischen
Phasen mit Temperaturen über 23 oder sogar 25 Grad seit den 1970er-Jahren zugenommen.

Satellitendaten hergeleitet, und entspre­
chende Messungen gehören schon heute
zur essenziellen Klimavariable «Seen».
«Interessant wären aber auch genauere
Informationen über vertikale Tempe­
raturprofile in den Seen», sagt Petra
Schmocker-Fackel. Beim Messnetz für
die Fliessgewässer stehen zudem gezielte
Ergänzungen zur Diskussion. Zum einen
sollen die Erhebungen ein möglichst
repräsentatives Gesamtbild ergeben.
Zum anderen wären vermehrt auch Mes­
sungen an relativ unberührten Flüssen
sinnvoll, um die direkten menschlichen
Einflüsse auf die Wassertemperaturen
künftig besser von den Effekten des
Klimawandels unterscheiden zu können.
Nützlich für Gewässerrevitalisierungen
Die Schweiz hat sich zum Ziel gesetzt,
in den nächsten Jahrzehnten die Lebens­räume an den Fliessgewässern auf einer
Länge von 4000 Kilometern aufzuwer­
ten. Dabei sind auch die Wassertempe­
raturen relevant, denn um der globalen
Erwärmung ausweichen zu können,
sollten kälteliebende Fische kühlere Le­
bensräume in höheren Lagen erreichen.
Auch die Ausgestaltung der Uferbereiche
ist wichtig. «Vor allem bei kleineren
­Gewässern führt der Schatten von Bäu­
men zu tieferen Wassertemperaturen»,
sagt Adrian Jakob. «Mit klugen Massnah­
men lassen sich die Auswirkungen des
Klimawandels auf die Gewässer zwar
nicht vermeiden, aber immerhin etwas
abfedern.»

Quelle: Hydrologisches Jahrbuch 2014

Global Climate Observing System (GCOS)
Das 1992 gegründete GCOS ist eine gemeinsame Initiative der Weltorganisation für
Meteorologie (WMO), des Internationalen Wissenschaftsrats (ICSU), des UNO-Umweltprogramms (UNEP) sowie der Ozeanografischen Kommission (IOC) der Unesco. Das
System umfasst atmosphärische, terrestrische und ozeanische Klimabeobachtungen, für
die eine Auswahl essenzieller Klimavariablen festgelegt wurde. Die systematisch erfassten
Informationen werden sämtlichen potenziellen Nutzern zur Verfügung gestellt – so etwa
den Vertragsstaaten der UNO-Klimakonvention (UNFCCC). In der Schweiz ist das beim
Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz angesiedelte Swiss GCOS
Office für die Koordination der Klimabeobachtungen zuständig.

Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-14
KONTAKTE
Adrian Jakob
Sektionschef Hydrologische Grundlagen
Oberflächengewässer
Abteilung Hydrologie, BAFU
058 464 76 71
adrian.jakob@bafu.admin.ch
Fabio Fontana
Leiter Swiss GCOS Office
Abteilung Internationale Zusammenarbeit
MeteoSchweiz
058 460 93 63
fabio.fontana@meteoschweiz.ch

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umwelt 3/2016

Energie und Wertstoffe sparen

Der vernetzte Teller

Wie werden aus Sekundärrohstoffen Wertstoffe
extrahiert und wieder in den Stoffkreislauf zurück­
geführt? Und welche Aufbereitungstechnologien
stehen heute dafür zur Verfügung? Das sind nur
zwei Fragen, an denen sich der Weiterbildungs­
lehrgang CAS Recycling und umweltgerechte
Entsorgung orientiert. Er gibt Einblick in zahlreiche
Aspekte der Abfall- und Recyclingwirtschaft sowie
der Umwelttechnik und richtet sich an qualifiziertes
Fachpersonal und Führungskräfte mit vorzugs­
weise technischem Hintergrund. Für dieselbe
Zielgruppe bietet das Institut für Wissen, Energie
und Rohstoffe (Werz) in Zug auch verschiedene
Weiterbildungsmodule zu den Themen Energie
und Ressourceneffizienz an. Dazu gehören etwa
«Produktegestaltung nach ökologischen Kriterien»
oder «Beschaffung von Anlagen und Material».

Wie können wir uns bewusst machen, welche
Auswirkungen unsere Ernährungsweise auf die
Erde hat? Die Übung «Der vernetzte Teller» richtet
sich an den 2. (8–12 Jahre) und 3. Schulzyklus
(12–15 Jahre) und thematisiert auf einfache,
attraktive Weise die vielschichtigen Herausforde­
rungen unseres Lebensmittelkonsums. Zu Beginn
des Rollenspiels übernehmen die Lernenden je
eine bestimmte «Identität» wie etwa Gurke oder
Poulet, Wasser, Erdöl, Verpackung, Supermarkt
usw. Andere versetzen sich in einen Kakaobauern,
einen chinesischen Fischer oder einen Schweizer
Landwirt. Danach stellen sie mit einer Schnur die
Verbindungen her und veranschaulichen so das
komplexe System, das unseren Teller umgibt.
Anschliessend können die Teilnehmenden das
eine oder andere Thema vertiefen und konkrete
Handlungsweisen zur Verbesserung der Situation
skizzieren. Diese Aktivität wurde von den belgi­
schen Organisationen Quinoa und Rencontre des
Continents unter dem Namen «Jeu de la ficelle»
entwickelt und von éducation21 an den Kontext
der Schweizer Schulen angepasst.

CAS Recycling und umweltgerechte Entsorgung:
unterteilt in 7 Module (auch einzeln besuchbar),
CHF 7800.–, 15 ETCS-Punkte, nächster Beginn:
September 2016; Module Energie und Ressourceneffi­
zienz: CHF 1700.– und 2 ETCS-Punkte pro Modul;
thomas.zumbuehl@hsr.ch, +41 55 222 41 75;
www.werz.hsr.ch > Weiterbilden > CAS-Lehrgänge

Bildung
Wild auf Wald
Eine Sonderausstellung des Aargauer Naturmu­
seums Naturama (bis 2. April 2017) lockt in den
Wald und ins Museum. Sie zeigt aus verschiedenen
Perspektiven Funktion und Nutzen des Waldes.
Hinzu kommt ein vielfältiges Rahmenprogramm
mit Exkursionen, Podiumsdiskussionen, kulturellen
Veranstaltungen und Weiterbildungen für Lehr­
personen. Gleichzeitig lanciert das Museum eine
Bildungskampagne, bei der 200 junge Winterlinden
gesetzt werden und junge Forschende den Wald
entdecken.

Marie-Françoise Pitteloud, éducation21,
+41 21 343 00 31, www.education21.ch/de/lernmedien/der-vernetzte-teller

+41 62 832 72 61, www.naturama.ch; Bildungskampagne und E-Learning-Portal: www.expedio.ch

Energie erleben
An einem Energie-Erlebnistag des
Ökozentrums in Langenbruck (BL)
soll Klassen aller Stufen (von Kin­dergarten bis Oberstufe) das Thema
Energie anschaulich vermittelt
werden. Im neuen Modul über
Mobilität können Oberstufenklassen
ihre eigene Mobilität analysieren,
verschiedene Transportmittel vergleichen und ihren CO2-Ausstoss
als Testballon visualisieren. Das
Ökozentrum bietet ferner für Lehrpersonen Workshops zu den The­men Energie und Konsum an, etwa
als schulinterne Weiterbildungen.
+41 62 387 31 11,
www.oekozentrum.ch;
www.energie-erlebnistage.ch

Wasser? Noch klarer!
An der Zukunft bauen

Bei der Umsetzung der Energie­
strategie 2050 spielt die Bauwirtschaft eine zentrale Rolle. Gut
ausgebildete Fachkräfte sind deshalb wichtig, weil sie den Energieverbrauch von Gebäuden und
technischen Installationen langfristig beeinflussen können. Im
Rahmen der Kampagne «Wir
bauen Energiezukunft» von
EnergieSchweiz und mehreren
Branchenverbänden sind auf der
gleichnamigen Internetsite zahlreiche zum Teil internationale
Weiterbildungsmöglichkeiten aus
sechs verschiedenen Bereichen
aufgelistet.
www.wirbauenenergiezukunft.ch

Einsatz im Wald

Im Rahmen des Bergwaldprojekts
können Erwachsene, Firmen,
Jugendliche (Schüler und Lernende)
sowie Familien in Schutzwäldern der
Schweiz, Deutschlands, Österreichs,
Kataloniens (ES) und des Fürstentums
Liechtenstein Umwelteinsätze leisten.
So haben bisher rund 45 000 Frei­willige dazu beigetragen, die Schutzfunktion dieser Wälder aufrechtzuer­
halten – und dabei auch Interessantes
über die Natur und insbesondere den
Wald und dessen Ökologie erfahren.
+41 81 650 40 40,
www.bergwaldprojekt.ch

Was leistet eine Kläranlage? Wie
viel Wasser brauchen wir täglich?
Die interaktive Wanderausstellung
«Wasser – alles klar!» sahen in den
vergangenen sechs Jahren
110 000 Besucherinnen und Besucher. Nun wurden – mit finanzieller
Unterstützung des BAFU – die Inhalte
der Ausstellung überarbeitet und
aktualisiert. Ausserdem verfügt sie
jetzt über modernere Grafiken und
klarere Darstellungen der Kernbot­
schaften.
Die Ausstellung kann von Gemeinden,
Unternehmen oder Schulen gemietet
werden, CHF 950.– für 1–5 Tage
(Pusch-Mitglieder CHF 750.–);
+41 44 267 44 11, www.pusch.ch >
Für Gemeinden > Aktionstage

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umwelt 3/2016

Recht
Das «Lüftungsfenster» ist nicht genug
Bei der Ermittlung der Lärmbelastung dürfen sich Behörden nicht nur auf die am wenigsten schallexponierten
Fenster lärmempfindlicher Räume abstützen.
Der Gemeinderat der Aargauer Gemeinde Niederlenz bewil­
ligte 2013 den Bau von drei Einfamilienhäusern im Gebiet
Bölli Süd. In unmittelbarer Nähe davon befindet sich ein
Industriebetrieb, der rund um die Uhr erheblichen Lärm ver­
ursacht. Das Verwaltungsgericht des Kantons Aargau hob die
Baubewilligungen auf, weil die Immissionsgrenzwerte nicht
an allen Fenstern der lärmempfindlichen Räume eingehalten
wurden.
Gegen diesen Entscheid erhoben die betroffenen Grund­
eigentümer Beschwerde beim Bundesgericht, welches diese
allerdings abwies. Es stellte in seinem Urteil fest, dass es nicht
zulässig sei, beim Bauen die Eruierung der Lärmbelastung
jeweils nur beim am wenigsten schallexponierten Fenster (dem
sog. Lüftungsfenster) von lärmempfindlichen Räumen vorzu­
nehmen. Gemäss der Lärmschutz-Verordnung (LSV) müssen
die Grenzwerte für Lärmimmissionen an allen Fenstern der
betroffenen Räume eingehalten werden. Prüften Behörden bei
der Lärmermittlung nur das am wenigsten exponierte Fenster,
würde dies laut Bundesgericht zu einer Aushöhlung des im
Umweltschutzgesetz (USG) vorgesehenen Gesundheitsschutzes
führen.
Das hätte zum einen zur Folge, dass Bauherren aus Kosten­
gründen keine weitergehenden Lärmschutzmassnahmen mehr
ergreifen würden. Zum anderen könnten Behörden solche
auch nicht mehr verlangen, weil ihnen bei der Beurteilung
von Baubewilligungen kein Spielraum bliebe.
Gerade der vorliegende Fall aus der Gemeinde Niederlenz
illus­triert nach Meinung des Bundesgerichts die unerwünsch­
ten Auswirkungen der «Lüftungsfenster»-Praxis exemplarisch.
Die Bewohnerinnen und Bewohner der geplanten Liegenschaf­
ten wären demnach gesundheitsschädlichem Lärm ausgesetzt,
sobald sie ein anderes Fenster als das «Lüftungsfenster» offen
liessen oder sich draussen aufhielten. Das Bundesgericht hält
allerdings gleichzeitig fest, dass bei der Überbauung stark
lärmbelasteter Flächen auch das Interesse einer raumplane­
rischen Siedlungsverdichtung angemessen beachtet werden
müsse. So sei die Erteilung einer Ausnahmebewilligung
zulässig, sofern alle zumutbaren Lärmschutzmassnahmen
ergriffen worden seien und das Bauvorhaben der qualitativ
verhältnismässigen Siedlungsverdichtung diene.
Elena Trigo, Abteilung Recht, BAFU, +41 58 46 292 67, elena.trigo@bafu.admin.ch;
Bundesgericht: Urteil 1C_139/2015, 1C_140/2015, 1C_141/2015

Publikationen
Sämtliche BAFU-Publikationen sind elektronisch verfügbar und lassen
sich als PDF kostenlos herunterladen unter:
www.bafu.admin.ch/publikationen
Einzelne Veröffentlichungen sind zudem in gedruckter Form erhältlich
und können bestellt werden bei:
BBL, Vertrieb Bundespublikationen, CH-3003 Bern
Tel.: +41 58 465 50 50, Fax +41 58 465 50 58
E-Mail: verkauf.zivil@bbl.admin.ch
www.bundespublikationen.admin.ch
(bitte Bestellnummer angeben)
Eine Bestellkarte ist in diesem Magazin eingeheftet.
Ein Newsletter oder RSS-Feed für alle Neuerscheinungen kann auf der
BAFU-Website unter www.bafu.admin.ch/newsletter abonniert werden.
Schlüssel zu den bibliografischen Angaben:

Titel. Untertitel. Erscheinungsjahr. Herausgeber (wenn nicht oder nicht nur
BAFU). Anzahl Seiten; erhältliche Sprachen; Preis (sofern gedruckte Ausgabe);
Bezug und Bestellnummer (sofern gedruckte Ausgabe); Link für den Download

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umwelt 3/2016

Die Abfall
Export von Konsumgütern – Gebrauchtware oder Abfall?
­Nützliche Hinweise für Händler, Transporteure und Hilfswerke.
2., aktualisierte Ausgabe. 2016. 12 S.; D, F, I, E; kostenlos; Bezug der
gedruckten Ausgabe: www.bundespublikationen.admin.ch, Bestellnummer 810.400.052d; Download: www.bafu.admin.ch/ud-1042-d
Das Merkblatt gibt Hinweise zur Unterscheidung zwischen Abfall und
Gebrauchtware und enthält praktische Tipps zur Einhaltung der massgebenden Umweltvorschriften. Es richtet sich vor allem an Händler,
Transporteure und Hilfswerke.
Ent-Sorgen? Abfall in der Schweiz illustriert. 2016. 46 S.; D, F, I;
kostenlos; Bezug der gedruckten Ausgabe:
www.bundespublikationen.admin.ch, Bestellnummer 810.200.022d;
Download: www.bafu.admin.ch/uz-1615-d

Altlasten
Abgeltung bei Untersuchung, Überwachung und Sanierung
von belasteten Standorten. Anforderungen und Verfahren.
2., aktualisierte Ausgabe. 2016. 29 S.; D, F, I; keine gedruckte Ausgabe;
Download: www.bafu.admin.ch/uv-1405-d
Bauvorhaben und belastete Standorte. Ein Modul der Vollzugs­
hilfe «Allgemeine Altlastenbearbeitung». 2016. 28 S.; D, F, I; keine
gedruckte Ausgabe; Download: www.bafu.admin.ch/uv-1616-d

Forschung
Forschungskonzept Umwelt für die Jahre 2017–2020. Schwer­
punkte, Forschungsbereiche und prioritäre Forschungsthemen.
2016. 70 S.; D, F; keine gedruckte Ausgabe;
Download: www.bafu.admin.ch/uw-1609-d
Umweltforschung bildet eine wichtige Grundlage für eine wirksame und
effiziente Umwelt- und Ressourcenpolitik und leistet einen Beitrag bei
der Früherkennung von Umweltproblemen sowie bei der Entwicklung
von umwelt- und ressourcenschonenden Technologien. Die Umweltforschung des BAFU konzentriert sich auf praxisnahe Projekte, deren
Ergebnisse von Politik und Verwaltung direkt für die Erfüllung ihrer
Aufgaben benötigt werden.

Hydrologie
Hydrologisches Jahrbuch der Schweiz 2015. Abfluss, Wasser­
stand und Wasserqualität der Schweizer Gewässer. 2016. 36 S.;
D.; keine gedruckte Ausgabe;
Download: www.bafu.admin.ch/uz-1617-d

Landschaft
Schweizer Schutzgebiete: Markierungshandbuch. Mitteilung des
BAFU als Vollzugsbehörde an Gesuchsteller. 2016. 84 S.; D, F, I;
keine gedruckte Ausgabe; Download: www.bafu.admin.ch/uv-1614-d
Das Markierungshandbuch Schweizer Schutzgebiete legt die Grundlage
für eine national einheitliche Markierung der Schweizer Schutzgebiete.

Im Fokus stehen die Sichtbarmachung der Schutzgebiete der Ökolo­
gischen Infrastruktur und die Kommunikation der relevanten Verhal­
tensregeln für die Besucherinnen und Besucher.

Naturgefahren
Von der Risikoanalyse zur Massnahmenplanung. Arbeitsgrund­
lage für Hochwasserschutzprojekte. 2016. Langfassung: 89 S.,
Kurzfassung 15 S.; D, F; keine gedruckte Ausgabe;
Download: www.bafu.admin.ch/uw-1606-d
Diese Publikation stellt einen Prozess vor, wie das angestrebte
­Sicherheitsniveau in einem konkreten Hochwasserschutzprojekt er­reicht werden kann. Für jede Prozessphase werden die zentralen
Fragestellungen aufgeführt. Die Arbeitshilfe richtet sich an Fachpersonen, welche in Kantonen, Gemeinden und der Privatwirtschaft für
die Planung von Hochwasserschutzprojekten zuständig sind.
Schutz vor Massenbewegungsgefahren. Vollzugshilfe für das
Gefahrenmanagement von Rutschungen, Steinschlag und Hang­
muren. 2016. 98 S.; D, F, E; kostenlos; Bezug der gedruckten Ausgabe:
www.bundespublikationen.admin.ch, Bestellnummer 810.100.099d;
Download: www.bafu.admin.ch/uv-1608-d
Die Vollzugshilfe erläutert den Umgang mit Rutschungen, Hangmuren
und Sturzprozessen. Diese Naturgefahren werden mit modernen
Methoden lokalisiert und beurteilt. Die Beurteilung von Risiken, die
Festlegung von Schutz- und Massnahmenzielen sowie die Ermittlung
des Handlungsbedarfs sind bei der Planung notwendig.

Wald & Holz
Leitfaden zum Umgang mit dem Götterbaum. Ailanthus altissima.
2016. 17 S.; D, F, I; keine gedruckte Ausgabe;
Download: www.bafu.admin.ch/uv-1601-d

Wasser
Elimination von organischen Spurenstoffen bei Abwasser­anlagen.
Finanzierung von Massnahmen. 2016. 34 S.; D, F; keine gedruckte
Ausgabe; Download: www.bafu.admin.ch/uv-1618-d
Die Vollzugshilfe konkretisiert die Anforderungen der Gewässerschutzgesetzgebung bezüglich der Finanzierung von Massnahmen zur Elimination von organischen Spurenstoffen (Mikroverunreinigungen) bei
Abwasserreinigungsanlagen.

Wirtschaft und Konsum
Proposals for a Roadmap towards a Sustainable Financial System
in Switzerland. A collaboration of experts of the financial sector,
academia, non-governmental organizations and federal authori­
ties. 2016. 72 S.; E; keine gedruckte Ausgabe;
Download: www.bafu.admin.ch/ud-1097-e; Zusammenfassung der
Publikation 8 S.; D, F; keine gedruckte Ausgabe;
Download: www.bafu.admin.ch/ud-1097-d

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umwelt 3/2016
3/2016 > DOSSIER LANDWIRTSCHAFT
umwelt

Tipps

Freier Weg zum Abfall

zVg

Klimagarten-Experiment

So geht
Zeckenschutz
Die Zecken sind im Vormarsch. Damit steigt
auch das Risiko, an Borreliose oder Hirnhaut­
entzündung zu erkranken. Doch was tun bei
einem Stich? Und welcher Schutz ist effektiv?
Antworten liefert die App «Zecke», die mit
einer dynamischen Gefahrenpotenzialkarte
ausserdem Risikogebiete lokalisiert. Entwickelt
wurde die App an der Zürcher Hochschule
für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) von
Forschenden des Instituts für Umwelt und
Natürliche Ressourcen (IUNR).

Öffentliche Abfallsammelstellen müssen nach
geltendem Recht so eingerichtet sein, dass
auch Gehbehinderte mit Stock, am Rollator,
im Rollstuhl sowie Sehbehinderte die Anla­
gen selbstständig nutzen können. Ein neues
Merkblatt der Baudirektion des Kantons Zürich
liefert eine Übersicht und gibt Hinweise zu den
rechtlichen Grundlagen, dem Handlungsbedarf
sowie denjenigen Punkten, die es bei einem
konkreten Bau oder Umbau einer Sammelstelle
zu beachten gilt.

Wie unser Garten im Jahr 2085 aussehen
könnte? Das veranschaulicht ein Projekt im
Alten Botanischen Garten Zürich schon heute.
Dort untersucht das Plant Science Center,
ein Forschungszentrum der Universitäten
Zürich und Basel sowie der ETH Zürich, in
einem öffentlichen Experiment, was globale
Klima­modelle für Garten, Wiese, Feld und
Wald auf lokaler Ebene bedeuten. So lässt
sich abschätzen, welche Pflanzen unter
welchen Bedingungen in Zukunft wachsen.
Umrahmt wird der Klimagarten von zahlrei­
chen Veranstaltungen und Workshops für
Familien, Schulklassen und Jugendliche – bis
18. September 2016.

www.abfall.zh.ch > Formulare & Merkblätter,

www.klimagarten.ch

www.naturmuseum-so.ch -> Ausstellungen,

+41 43 259 32 46

Vielfältiger Stickstoff
Er ist geruchlos, farblos und lässt uns in seiner
reinen Form gar ersticken. Doch ohne Stickstoff
gibt es kein Leben. Die Ausstellung «Grüner Klee
und Dynamit – der Stickstoff und das Leben»
im Naturmuseum Solothurn beleuchtet die ver­
schiedenen Seiten dieses Elements und geht
auf seine Bedeutung, die ökologische Proble­
matik und seine politische Relevanz ein. Die
Sonderausstellung dauert bis 23. Oktober 2016.
+41 32 622 70 21

Für iOS und Android, www.zhaw.ch/iunr/zecken

Durchblick bei
Farbe und Lack
Die Auswahl ist enorm gross,
deshalb gibt es für Farben und
Lacke seit 2012 die UmweltEtikette. Diese stuft klassifizierte Produkte
nach Umwelt- und Gebrauchstauglichkeit in
sieben Kategorien von A bis G ein. Neu ist die
von der Schweizer Stiftung Farbe entwickelte
Etikette auch als App verfügbar. Die Applikation
soll auch dazu beitragen, dass Produkte noch
umweltfreundlicher und gebrauchstauglicher
werden.
Für iOS und Android, www.stiftungfarbe.org

Energie-Herausforderung
Mit der App der Aktion «Energy Challenge
2016» können Userinnen und User Gutscheine
und Prämien gewinnen und sich mit promi­
nenten Botschafterinnen und Botschaftern
messen. Sie generieren Energie, indem sie
Tipps aus den Bereichen Mobilität, Elektro­
geräte, Wohnen und Gebäude, Ernährung so­
wie Hobby und Konsum umsetzen. Die Aktion
zieht zudem mit einer Roadshow durchs Land
und will die Menschen fürs Energiesparen
sensibilisieren.

Das Erdbeben-Netzwerk

Für iOS 8.0 oder neuer, kompatibel mit iPhone,

Ein weltweites Netzwerk zur Überwachung
von Erdbeben: das ist das Ziel kalifornischer
Forschender mit der App «MyShake». Die
Applikation macht von den eingebauten
Beschleunigungsmessern in Smartphones
Gebrauch. Erdbeben werden so blitzschnell
registriert und die Informationen an eine
Zentrale weitergeleitet, von wo aus andere
Nutzende der App über die Gefahr informiert
werden. Das Potenzial ist vorhanden: Bis
2020 soll es weltweit 6 Milliarden Smart­
phones geben.

iPad und iPod touch, www.energychallenge.ch

Für Android, http://myshake.berkeley.edu

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DOSSIER LANDWIRTSCHAFT < umwelt
umwelt 3/2016
3/2016

Natur fassbar machen
Mit der Sonderausstellung «Natur bi üs» will das
Regionalmuseum Schwarzwasser in Schwarzenburg
(BE) nicht nur Wissen über die Natur vermitteln,
sondern diese auch fassbar machen. Die Besu­
cher erhalten praktische Tipps, und die einmalige
Umgebung des Museums wird in die Ausstellung
einbezogen. Die museale Entdeckungsreise dauert
bis 20. November 2016.
www.regionalmuseum.info > Ausstellungen,
+41 31 808 00 20
CC-BY-SA 4.0

zVg

Weniger Konsum,
mehr Leben
Im Könizer Quartier Liebefeld (BE) kann auf
einem szenischen Rundgang der nachhaltige
Lebensstil studiert werden. «Liebefeld – mehr
mit weniger» zeigt anhand von Geschichten
und Anekdoten aus dem Quartier auf, wie mehr
Lebensqualität mit weniger Konsum möglich
und gleichwohl lustvoll ist. Der Rundgang für
Erwachsene wird öffentlich wie auch privat
angeboten – und ab September 2016 steht er
überdies Schulklassen (5. bis 8. Stufe) offen.
www.stattland.ch > rundgaenge > Liebefeld,
+41 31 371 10 17

Durch die Siedlungsnatur

Feuersalamander beobachten

Artenvielfalt und Hecken aus essbaren Früchten
liegen oft vor der Haustür. Das Naturnetz Pfannenstil
lockt mit themenspezifischen Abendspaziergängen
die Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden
Gemeinden nach draussen. Die Entdeckungsreisen
der Zürcher Planungsgruppe führen zu Trocken­
mauern, Bienenstöcken oder auch auf Parkplätze.

Der Feuersalamander ist der Lurch des Jahres
2016. Doch die Kenntnisse über dessen Be­
stände und Vorkommen in der Schweiz sind
spärlich. Deshalb ruft die Koordinationsstelle
für Amphibien- und Reptilienschutz in der
Schweiz (karch) dazu auf, Beobachtungen zu
melden. Das heisst auch jede Sichtung eines
Feuersalamanders. Ausserdem ist eine Betei­
ligung am neuen Feuersalamander-Monitoring
möglich.

www.naturnetz-pfannenstil.ch > Aktuelles,
+41 43 366 83 90

www.karch.ch > Beobachtung melden & Daten

Comeback des Fischotters

beziehen, +41 32 725 72 07

Im 20. Jahrhundert galten Fischotter in der Schweiz
als ausgestorben. Nun aber sind die scheuen Tiere
wieder in Schweizer Gewässern zu sehen. So zum
Beispiel an der Aare in der Region Bern, wo das Info­
zentrum Eichholz dem schnellen Schwimmer eine
Ausstellung widmet. Im Mittelpunkt stehen dabei
seine versteckte Lebensweise und seine Spuren,
seine Lebensräume und die benötigte Nahrung
sowie das derzeitige Vorkommen des Fischotters in
unmittelbarer Nachbarschaft zum Infozentrum.

Ob Revitalisierung, Sanierung Wasserkraft oder
Gewässerraum: zum Thema Renaturierung der
Gewässer gibt es eine neue Plattform. Die
Website bietet eine Mediathek mit Literatur-,
Audio- und Videoverzeichnis. Ausserdem ist
ein Forum für die Diskussion von Fachfragen
freigeschaltet.

www.iz-eichholz.ch, +41 78 781 82 47

www.plattform-renaturierung.ch, +41 58 765 54 27

Alles über Renaturierung

umwelt /environnement gratis abonnieren /nachbestellen/Adressänderungen
umwelt, NZZ Fachmedien AG, Leserservice, Fürstenlandstrasse 122, 9001 St. Gallen, +41 71 272 71 32, umweltabo@bafu.admin.ch, www.bafu.admin.ch/magazin

Impressum 3/16 August 2016 | Das Magazin umwelt des BAFU erscheint viermal jährlich und kann kostenlos abonniert werden; ISSN 1424-7186. | Herausgeber:
Bundesamt für Umwelt BAFU. Das BAFU ist ein Amt des Eidg. Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) | Projektoberleitung: Marc Chardonnens,­
Thomas Göttin | Konzept, Redaktion, Produktion, Marketing: Jean-Luc Brülhart (Gesamtleitung), Charlotte Schläpfer (Stellvertretung), Hans Ulrich Gujer und Lucienne Rey
(Dossier «Landwirtschaft»), Beat Jordi (Weitere Themen), Peter Bader und Erich Goetschi, textatelier.ch (Rubriken), Joël Käser und Manuel Fercher (online), Tania Brasseur
Wibaut (Koordinatorin Romandie), Cornélia Mühlberger de Preux (Redaktorin Romandie), Valérie Fries (Redaktionssekretariat) | ­Externe journalistische Mitarbeit: Peter Bader,
Hans­jakob Baumgartner, Lukas Denzler, Urs Fitze, Nicolas Gattlen, Stefan Hartmann, Beat Jordi, Gregor Klaus, Kaspar Meuli, Cornélia Mühlberger de Preux, Lucienne Rey;
Jacqueline Dougoud (Lektorat, Korrektorat Dossier und Weitere Themen, Übersetzungen), Chantal Frey (Lektorat, Korrektorat Rubriken), Irene Bisang (Übersetzungen) | 
Visuelle Umsetzung: Arbeits­gemeinschaft Atelier Ruth Schürmann, Luzern | Redaktionsschluss: 24. Juni 2016 | Redak­tionsadresse: BAFU, Kommunikation, Redaktion
umwelt, 3003 Bern, Tel. +41 58 463 ­03 34, Fax +41 58 462 70 54, magazin@bafu.admin.ch | Sprachen: Deutsch, Französisch; Italienisch (nur Dossier) aus­schliesslich im
Internet | Online: Der Inhalt des M
­ agazins (ohne Rubriken) ist abrufbar unter www.bafu.admin.ch/magazin. | Auflage dieser Ausgabe: 46 000 Expl. Deutsch, 18 000 Expl.
Französisch | Papier: Refutura, rezykliert aus 100 % Altpapier, FSC-zertifiziert mit Blauem ­Engel, VOC-arm gedruckt | Druck und Versand: Swissprinters AG, 4800 Zofingen,
www.swissprinters.ch | Copyright: Nachdruck der Texte und Grafiken erwünscht, mit Quellenangabe und Beleg­ex­ emplar an die Redaktion.

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umwelt 3/2016

Intern
Neuer Geschäftsführer LAINAT
Seit April ist Emma­
nuel Brocard (38)
neuer Leiter der dem
BAFU angegliederten
Geschäftsstelle LAI­
NAT. Er ist Vater von
zwei Kindern und
wohnhaft in Bern.
Zuvor war der promovierte Physiker
während vier Jahren bei MeteoSchweiz
für das Projekt SwissMetNet zuständig.
Die Geschäftsstelle Lenkungsausschuss
Intervention Naturgefahren (LAINAT)
fördert die Vorsorge bei aussergewöhn­
lichen Naturereignissen und koordiniert
die Aufträge aus dem Bundesratsbe­
schluss zur Optimierung der Warnung
und Alarmierung (OWARNA). Im LAINAT
haben sich das BAFU, MeteoSchweiz, das
Bundesamt für Bevölkerungsschutz, die
Eidgenössische Forschungsanstalt für
Wald, Schnee und Landschaft (WSL) mit
dem Schnee- und Lawinenforschungs­
institut (SLF) und der Schweizerische
Erdbebendienst zusammengeschlossen.

Durch interdisziplinäre und
internationale Zusammenarbeit zum Erfolg
Der Klimawandel und andere Einflüsse fordern auch den Bodensee. Die Interna­
tionale Gewässerschutzkommission Bodensee (IGKB) beschloss deshalb im Mai
2016, ihren Fokus inskünftig auf ein tieferes Verständnis der ökologischen
Zusammenhänge sowie auf Wechselwirkungen mit dem Einzugsgebiet zu
richten. Unter der Verantwortung von BAFU-Abteilungsleiter Stephan Müller
wird die Resilienz des Sees– das heisst die Fähigkeit des Ökosystems, nach
einer Störung zum Ausgangszustand zurückzukehren – analysiert. Um lang­
fristige Veränderungsprozesse mit grösserer Sicherheit einschätzen zu können,
sollen vorhandene Untersuchungen zudem besser in Zusammenhang mit dem
Seezustand gesetzt und relevante Universitäten, Forschungseinrichtungen und
Organisationen miteinander vernetzt werden.
www.igkb.org

Emmanuel Brocard, Geschäftsführer LAINAT
Tel.: +41 58 468 60 90.
emmanuel.brocard@bafu.admin.ch

Seit 1959 kümmert sich die Internationale Gewässerschutzkommission
für den Bodensee (IGKB) um dessen ganzheitlichen Schutz. 

Bild: M. Grohe

Gewässer auf der Karte und im Film

Das Wasserspiel meldet sich zurück

Das Thema «Wasser» im Portal map.geo.admin.ch präsentiert alle Karten
des Bundes rund um die Gewässer der Schweiz. Die Vielfalt ist gross. Sie
reicht von der jeweiligen Wassertemperatur der Flüsse über Grundwasser­
schutzzonen bis zum Potenzial für Kleinwasserkraft. Auch fachverwandte
Themen wie Boden oder Geologie sind enthalten. Wer nicht nur die Karten
ansehen, sondern auch mit den Daten arbeiten will, kann diese in vielen
Fällen gleich aus dem Kartenportal heraus herunterladen. Ein vom BAFU
produzierter Videoclip soll Lust machen, diese breite Palette an Daten zu
entdecken. Er wurde unter anderem an der GEOSummit, der Schweizer
Messe und Konferenz für Geoinformation, gezeigt. Und er kann jederzeit
auf YouTube angeschaut werden.

Die Aufgabe des von der Abteilung Wasser ini­
tiierten Wasserspiels besteht darin, während
80 Jahren in einem kleinen Land die drei
Faktoren Lebensqualität, Wirtschaftskraft
und Artenvielfalt auf möglichst hohem Ni­
veau zu halten und gleichzeitig möglichst
viel Umsatz zu machen. Beim Versuch, die
Höchstpunktzahl zu erreichen, erfahren die
Spielenden viel über die Komplexität der
Wasserwirtschaft.

www.youtube.com/user/bafuCH; www.bafu.admin.ch/karten-wasser

tionen > Wasserspiel)

www.bafu.admin.ch (Themen A–Z > Wasser > Fachinforma­

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umwelt 3/2016

umwelt unterwegs

Alte Steinbogenbrücke über die Areuse beim Wasserfall Saut du Brot (NE)

Bild: Beat Jordi

Natur und Technik im Wechselspiel
Die Wanderung von Noiraigue (NE) im
Val de Travers ans Ufer des Neuenbur­
gersees bei Boudry folgt dem Flusslauf
der Areuse, die sich während Jahrtau­
senden tief in die Felsformationen der
Juraketten eingegraben hat. Ein unter­
irdischer Abfluss des Lac des Taillères im
benachbarten Hochtal von La Brévine
speist die ergiebige Karstquelle, welche
bei Saint-Sulpice mit einer Schüttung
von bis zu 10 000 Litern pro Sekunde ans
Tageslicht tritt. Das Tal der Areuse, in
dem die abfliessenden Niederschläge aus
einem Einzugsgebiet von rund 380 Qua­
dratkilometern zusammenlaufen, gilt
denn auch als Wasserschloss des Kan­
tons Neuenburg. Etwa 110 000 Personen
oder fast zwei Drittel der Bevölkerung
be­ziehen aus dieser Region ihr Trink­
wasser – darunter auch die zwei grös­

sten Städte La Chaux-de-Fonds und
Neuenburg.
Die ungefähr dreistündige Schlucht­
wanderung bietet deshalb ein interes­
santes Wechselspiel von Naturspektakel
und faszinierenden Einblicken in die
technische Pionierzeit des 19. Jahrhun­
derts. Grundwasserfassungen, riesige
Pumpwerke, Druckleitungen und meh­
rere Kraftwerkzentralen säumen den
bereits 1875 erstellten, gut gesicherten
Weg. Dieser erschliesst die zum Teil steil
abfallenden Kalkwände – mit ihren
Wasserfällen, ausgewaschenen Trögen
und Spuren der Gebirgsfaltung – über
mehr als 400 Treppenstufen, in den Fels
gehauene Passagen und etliche Brücken.
Vor dem Eintritt in die Schlucht lohnt
sich ein Blick hinauf zum imposanten
Felskessel des Creux du Van, in dem

neben Gämsen auch Steinböcke leben.
Beide Gebiete stehen inzwischen seit
Jahrzehnten unter Naturschutz, sodass
sich in diesen vielfältigen Lebensräumen
eine reichhaltige Flora und Fauna entwi­
ckeln konnte. So abwechslungsreich wie
die Landschaft der Umgebung ist auch
die Areuse-Schlucht, die sich bei Champ
du Moulin von der schattigen Felsenge
zu einem schmalen Tal mit saftigen Wie­
sen öffnet. Hier steht – etwa auf halber
Wegstrecke – neben einigen Bauernhö­
fen und einem kleinen Naturmuseum
auch das Restaurant La Truite, dessen
Koch dem gleichnamigen Edelfisch die
ihm gebührende Ehre erweist.
Beat Jordi

Weiterführende Links zum Artikel:
www.bafu.admin.ch/magazin2016-3-15

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umwelt 4/2014 > DOSSIER KLIMA

Fotolia

> Vorschau
Eine nachhaltige Entwicklung erfordert eine Wirtschafts­
weise, welche die Begrenztheit der Ressourcen und
die Regenerationsfähigkeit erneuerbarer Ressourcen
berücksichtigt. Der Berufsbildung kommt dabei eine
zentrale Rolle zu. Sie kann den Berufsleuten die nöti­
gen Umweltkompetenzen vermitteln und dazu beitra­
gen, dass die Umweltgesetzgebung korrekt umgesetzt
wird. Davon profitieren auch die Unternehmen, weil
sie Kosten und Risiken senken können. Das Dossier
der Ausgabe 4/2016 von umwelt zeigt, welche Um­
weltkompetenzen erforderlich sind und wie das BAFU
seine Anliegen in die Berufsbildung einbringt.

> Die Artikel dieses Heftes – ausser den Rubriken – sind
auch im Internet verfügbar, mit weiterführenden Links und
Literaturangaben: www.bafu.admin.ch/magazin2016-3
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