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Geordneter Atomausstieg

Full text: Energie & Umwelt Issue 2016,2 Geordneter Atomausstieg

Energie & Umwelt
Magazin der Schweizerischen Energie-Stiftung SES – 2/2016

Geordneter Atomausstieg 
> Ja zur Atomausstiegsinitiative
> Die Energiestrategie 2050 bringt keinen Atomausstieg
> Jürgen Trittin: «Das Risiko Beznau muss vom Netz.»

inhaltsverzeichnis

>

Geordneter Atomausstieg
4	 Ja zur Atomausstiegsinitiative
Die «Energiestrategie 2050» ist nach vier Jahren parlamentarischer Arbeit ein
Blendwerk. Die neuen Gesetze bringen nicht den geordneten Atomausstieg.

6	 Bewertung der Energiestrategie 2050
Gegenüber dem heute geltenden Recht bringt die Energiestrategie 2050 immerhin
eine leichte Verbesserung. Doch eine echte Energiewende sieht anders aus.

8	 Energie aktuell
10	NPC 2016: «Japan hatte noch enorm viel Glück!»
Der Nuclear Phaseout Congress 2016 der SES zeigte: Die Atomenergie birgt enorme,
unverantwortbare Risiken in sich – und wird weiterhin für Probleme sorgen.

11	Interview mit Naoto Kan: «Seit Fukushima wissen wir,
	 dass AKW äusserst gefährlich sind.»
Die Schilderung der Ereignisse aus erster Hand von Naoto Kan, damaliger Premier
Japans, am Nuclear Phaseout Congress 2016 gingen tief unter die Haut.

12	Interview mit Gregory Jaczko: «Es braucht eine klare
	 Befristung der Betriebsbewilligung.»
Gregory Jaczko hat als Chef der US-Atomaufsicht den Super-GAU von Fukushima
miterlebt. Er verfolgt die Atomindustrie mit kritischem Blick.

14 	Interview mit Jürgen Trittin: «Das Risiko Beznau
	 muss vom Netz !»

>

Die SES konnte mit Jürgen Trittin über die Risiken der Atomenergie, den Ausstieg
und die Probleme rund um Stilllegung und Entsorgung sprechen.

weitere Themen

16	 Der Anfang vom (Atom-)Ende
40 Jahre Schweizerische Energie-Stiftung SES: 1976 als Stiftung gegründet, engagiert
sie sich für eine intelligente, umwelt- und menschengerechte Energiepolitik.

18	 AKW Mühleberg: Mit der Stilllegung naht der Zahltag
Wer bezahlt die explodierenden Kosten für Standortsuche, Bau und Betrieb der
Endlager, wenn damit niemand mehr ein kommerzielles Interesse verbindet?

20	 SES aktuell
22	 Energiepolitik und Migration
Der Ausbau erneuerbarer Energien könnte zur Milderung der Migrationsursachen
beitragen und wäre gar der Beginn einer neuen Friedenspolitik.

Schweizerische Energie-Stiftung SES   |   Telefon 044 275 21 21   |   info@energiestiftung.ch   |   www.energiestiftung.ch
Spenden-Konto 80-3230-3   |   IBAN CH69 0900 0000 8000 3230 3

2  Energie & Umwelt 2/2016

editorial

Die SES braucht es mehr denn je

Von BEAT JANS
Nationalrat und SES-Stiftungsratspräsident

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Zum ersten Mal darf ich mich als SES-Präsident an Sie
wenden. Das mache ich nicht ohne Stolz. Denn ich
weiss, dass viele von Ihnen treue Leserinnen und Leser
sind, die sich seit Jahren kritisch und fundiert mit
­Energiepolitik auseinandersetzen. Die Schweizerische
Energie-Stiftung ist ein Fels in der Brandung der
energie­politischen Strömungen und Wirrungen dieses
Landes. Und das seit 40 Jahren. Sie fragt nach, ­leuchtet
hinter die Fassaden des schnellen Profits im Energie­
ge­schäft, sie liefert Fakten, Hintergründe und fordert
standhaft eine Schweizer Energieversorgung ohne
Atomkraft und ohne Klimaerwärmung. Die SES ist seit
40 Jahren eine unverzichtbare glaubwürdige ­Akteurin
in der Energiedebatte. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich angefragt und am 15. Dezember 2015 zum
Präsidenten des Stiftungsrats gewählt wurde.
Die SES braucht es mehr denn je. Die Energiewende
drängt. Klimaerwärmung und alternde Atommeiler
­rufen nach raschen Antworten. Die Atomkraftwerke
der Schweiz zum Bespiel sind inzwischen die ältesten
der Welt und schreiben rote Zahlen. Aber niemand
weiss, wie lange sie noch eine Gefahr für uns darstellen werden. Das Parlament will ihre Laufzeiten nicht
befristen. Es verweigerte der Aufsichtsbehörde ENSI
sogar ihren Wunsch und lehnte das Langzeitbetriebskonzept zur besseren Überwachung der Altmeiler ab.

Selbst Hans Wanner, Chef der Atomaufsicht ENSI,
macht sich Sorgen um die Langzeitsicherheit. Denn
jetzt, wo die Stromkonzerne finanziell am Abgrund
­stehen, haben sie kaum mehr Geld, um ihre Anlagen
nachzurüsten. Das war eine der Erkenntnisse des
­Nuclear Phaseout Congress, den die SES im März mit
grossem Erfolg durchgeführt hat. Neben dem erstaunlich besorgten ENSI-Chef waren auch Deutschlands
ehemaliger Umweltminister Jürgen Trittin oder Japans
Ex-Premier Naoto Kan bei der SES. Beide sind weltbekannte Botschafter für einen raschen Atomausstieg.
In der Schweiz aber geht es nicht voran. Es sprechen
alle davon. Aber niemand weiss, wann der Atomausstieg wirklich kommt. Als Nationalrat stehe ich im
Gegenteil einem ganzen Apparat von Verbänden und
Lobbyisten gegenüber, der alles tut, um ihn zu verhindern. Die letzte Gelegenheit, Laufzeitbefristungen für
die alten AKW einzuführen, bietet sich mit der Initiative für ­einen geordneten Atomausstieg, über welche
die Bevölkerung diesen Herbst entscheiden wird.
Die SES ist heute noch genauso wichtig wie vor vierzig
Jahren. Vielleicht sogar noch wichtiger. Ich freue mich
mit Ihnen, für eine echte Energiewende einzustehen
und werde mithelfen, dass die SES ihre wichtige ­­Rolle
als engagierte und glaubwürdige Fachorgani­sation
weiterspielen wird.
Ich wünsche eine spannende Lektüre. 

<

Energie & Umwelt 2/2016  3

Ja zum geordneten Atomausstieg – Ja zur Atomausstiegsinitiative

Die Bevölkerung muss sich vor den alten
AKW selber schützen
Die «Energiestrategie 2050» ist die Antwort der Politik auf Fukushima. Nach vier Jahren
parlamentarischer Arbeit liegt ein politisches Blendwerk auf dem Tisch. Die neuen
­Gesetze bringen nicht den geordneten Atomausstieg. Diesen November kann die
­Bevölkerung die Versäumnisse ihres Parlaments korrigieren. Ein JA zur Initiative «für den
geordneten Ausstieg aus der Atomenergie» macht den Atomausstieg erst möglich.
Von Jürg Buri
SES-Geschäftsleiter

Die 3-fache Kernschmelze in Fukushima am
11. März 2011 hat der Welt gezeigt, dass es bei
der Atomenergie keine absolute Sicherheit gibt.
Bundesrat und Parlament haben daraufhin den
Grundsatzentscheid getroffen, aus der Atomenergie auszusteigen. Was nach fünf Jahren von
­diesem Entscheid übrig geblieben ist, ist ein wackliges
AKW-Neubauverbot im Energiegesetz. Dieses reduziert
aber in keiner Weise die unmittelbaren atomaren
­Risiken für die Bevölkerung: Die alten AKW sollen unbefristet weiterlaufen. Das Restrisiko wird trotz Fuku­
shima nicht begrenzt.

Die Atomaufsicht warnt
«Wir dürfen nicht zulassen, dass politische und wirtschaftliche Überlegungen zu Abstrichen bei der Si­cher­
Volksinitiative für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie
Initiativtext
I Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:
Art. 90 Kernenergie
Der Betrieb von Kernkraftwerken zur Erzeugung von Strom oder Wärme ist
verboten.
Die Ausführungsgesetzgebung orientiert sich an Artikel 89 Absätze 2 und 3;
sie legt den Schwerpunkt auf Energiesparmassnahmen, effiziente Nutzung von
Energie und Erzeugung erneuerbarer Energien.
II Die Übergangsbestimmungen der Bundesverfassung werden wie folgt geändert:
Art. 197 Ziff. 9 (neu)
9. Übergangsbestimmung zu Art. 90 (Kernenergie)
Die bestehenden Kernkraftwerke sind wie folgt endgültig ausser Betrieb zu nehmen:
a. Beznau 1: ein Jahr nach Annahme von Artikel 90 durch Volk und Stände;
b. Mühleberg, Beznau 2, Gösgen und Leibstadt: fünfundvierzig Jahre nach deren
Inbetriebnahme.
Die vorzeitige Ausserbetriebnahme zur Wahrung der nuklearen Sicherheit bleibt
vorbehalten.
Das bedeutet, dass die drei Uraltreaktoren Mühleberg und Beznau I & II
2017, das AKW Gösgen 2024 und Leibstadt 2029 vom Netz gehen würden.
Die Schweiz wäre spätestens ab 2030 atomstromfrei.

4  Energie & Umwelt 2/2016

­ eit der Kernkraftwerke führen.» Das sagte der besorg­
h
te Chef der Atomaufsichtsbehörde ENSI, Hans Wanner,
am Atomausstiegskongress der SES Ende März in Zürich. In der Schweiz steht das älteste AKW der Welt,
Beznau I. Es gibt weltweit keine Erfahrun­gen mit dem
Betrieb dieser 1960er-Jahre-Technik über die ursprünglich geplante Laufzeit hinaus. Deshalb hat Wanner vom
Parlament ein so genanntes Langzeitbetriebskonzept
gefordert. «Damit wollen wir ­verhindern, dass die alten
Reaktoren ausgefahren werden», sagte Wanner am
Kongress. Das Parlament hat jedoch die Warnung der
Atomaufsicht in den Wind geschlagen und das Langzeitbetriebskonzept abgelehnt.

Kein Geld mehr für Sicherheit
Das Märchen vom billigen Atomstrom hält sich hartnäckig, obwohl es schon immer ein Märchen war.
­Früher konnten die Betreiber mit den AKW Geld
­verdienen, dank staatlichen Subventionen1 und vor
allem dank der Überbürdung der Ewigkeitskosten auf
kommende Generationen. Die Stilllegung der AKW
und vor allem die Entsorgung des eine Million Jahre
lang strahlenden Atommülls werden weit mehr kos­
ten, als die KonsumentInnen des Atomstroms je dafür
bezahlt haben. Bis heute haben die Betreiber rund
6 Milli­arden in zwei Fonds zurückgelegt. Viel zu wenig.
Schätzung gehen von 50 bis 100 Milliarden für die
Entsorgung aus. Heute, bei tiefen Strompreisen, lässt
sich mit den alten abgeschriebenen AKW kein Geld
mehr verdienen. Kein Wunder warnt der oberste Aufsichtschef vor zu wenig Investitionen in die Aufrechterhaltung der Sicherheit.

Initiative fordert Kompromiss
Keine Aufsichtsbehörde der Welt kann das Unfall­
risiko eines alten Reaktors wirklich einschätzen. Deshalb sagte der Ex-Chef der US-Atomaufsicht Gregory
Jaczko: «Security is a political matter» – Sicherheit ist
eine politische Angelegenheit. Fixe, klar festgelegte
Laufzeiten hingegen minimieren das Restrisiko durch
unkontrollierbare Alterung. Genau hier setzt die Volks­
initiative «für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie (Atomausstiegsinitiative)» an. Sie befristet die
Laufzeiten der AKW auf 45 Jahre. Das ist ein Kom­pro­
miss zwischen der Forderung der SES (40 Jahre) und

Foto: Charles Ellena

Mit einem Opel Olympia Kadett B aus dem Jahre 1969 demonstriert SES-Geschäftsleiter Jürg Buri (Dritter von links), aus welcher technischen
Ära das AKW Beznau stammt.

dem Vorschlag des Bundesrats, sie laufen zu lassen,
«solange sie sicher sind». Die Initiative würde den
Atomausstieg in der Verfassung festschreiben und damit klare Verhältnisse für alle schaffen. Bundesrat
und Parlament haben sich dagegen ausgesprochen
mit dem Argument, der Atomausstieg sei mit der
­Energiestrategie 2050 geregelt. Dem ist aber leider
nicht so (vgl. Artikel «... doch den Atomausstieg bringt
sie nicht.» auf Seite 6/7).

Gegenargumente stechen nicht
Ein letztes verzweifeltes Argument der Gegner ist wieder das Geld. Sie fordern Entschädigungszahlungen,
wenn ihnen das Volk die uralten AKW nach 45 Jahren
vom Netz nimmt. Ein Gutachten von Rechtsprofessor
Enrico Riva zeigt2, dass das eine leere Drohung ist.
Denn wo keine Gewinne erwirtschaftet werden, kann
man diese auch nicht einklagen. Eine Studie von Dr.
Rudolf Rechsteiner3 malt noch schwärzer. Er geht
­davon aus, dass die Betreiber jeden Tag drauflegen
müssen. «Auch wenn man nur die variablen Kosten der
laufenden Atomkraftwerke berücksichtigt, entstehen
durch den Weiterbetrieb zusätzliche Milliarden­defi­
zite. Sofort abschalten wäre billiger.»

Planbarkeit hilft allen
Ein geordneter Ausstieg bringt auch Ordnung in den
Ersatz der AKW durch erneuerbare Energien. Ein im
voraus definierter Zeitpunkt für das Abschalten der
AKW bringt Planungs- und Investitionssicherheit für
einheimische Kraftwerke. Zudem ist eine heilende
Wirkung auf den Strommarkt zu erwarten, indem
die akute Stromüberflusssituation gemildert wird.
Das nützt insbesondere auch der Wasserkraft, die
­teilweise unter den tiefen Strompreisen an der Börse
leidet.

Deshalb: Ja zum geordneten Ausstieg!
Die Atomausstiegsinitiative ist die intakte Chance,
­geordnet aus der Atomenergie auszusteigen und der
Stromwende zum Durchbruch zu verhelfen. Die SES
unterstützt die Volksinitiative und sagt Ja zum Atomausstieg. Helfen Sie uns dabei!
<
1	 siehe www.energiestiftung.ch/kostenstudie
2	 Prof. Dr. iur. Enrico Riva und Dr. iur. Reto Patrick Müller. Gutachten betreffend
«mögliche Entschädigungsforderungen von AKW-Betreibern», 8. September 2015
3	 Dr. Rudolf Rechsteiner. Entschädigungen für alte Atomkraftwerke? Gutachten für die
SP Schweiz, 1. September 2015.
Energie & Umwelt 2/2016  5

Bewertung der Energiestrategie 2050

... doch den Atomausstieg bringt sie nicht.
Nach Fukushima haben Bundesrat und Parlament den Atomausstieg beschlossen. Das
Ergebnis des Gesetzgebungsprozesses ist die Energiestrategie 2050 (ES2050). Was
taugt sie wirklich zum Erreichen einer Zukunft, in der die Schweizer Stromversorgung zu
100 % durch erneuerbare Energien sichergestellt ist? Und wie stehen die Chancen, dass
die Vorlage im Bundesparlament durchkommt? Eine Analyse der SES.

Von Myriam Planzer
SES-Praktikantin,

Das erste Massnahmenpaket der Energiestrate­
gie 2050 (ES2050) besteht aus verschiedenen Ge­
setzen wie dem Energiegesetz EnG, dem CO2Gesetz und dem Kernenergiegesetz KEG. Es
­befindet sich jetzt in der Endphase der parlamentarischen Beratung (der Differenzbereinigung)
und kommt höchstwahrscheinlich im Sommer zur
Schlussabstimmung.
Die SES hat das erste Massnahmenpaket bewertet, wie
es nach den Beratungen in der Frühjahrssession 2016
vorliegt. Die Messlatte dabei ist, ob mit der ES2050
eine Verbesserung gegenüber dem geltenden Recht
oder sogar eine nachhaltige Energiezukunft erreicht
wird – raus aus Atom und den Fossilen, rein in die
Erneuerbaren. Die Tabelle auf der nächsten Seite zeigt
eine Auswahl und Bewertung der wichtigsten Gesetzesartikel im Detail.

Alle aussteigen?
Haltestelle Atomausstieg verpasst
Das erste Ziel, welches die Mehrheit von Bundesrat
und Parlament mit der ES2050 erreichen wollte, war
der Atomausstieg. Die von AKW ausgehenden Gefahren sollten gebannt, ein Fukushima in der Schweiz
verhindert werden. Doch dieses Ziel ist noch weit entfernt: «Die ES2050 bringt keinen Atomausstieg», stellt
SES-Projektleiter Strom & Atom Nils Epprecht klar. Es
ist misslungen, Laufzeitbeschränkungen im Gesetz zu
verankern. Alte AKW können nach wie vor so lange
laufen, wie sie den schwammigen gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Fakt ist also, dass das Risiko
für die Bevölkerung mit dem hohen Alter der AKW
laufend zunimmt – trotz Fukushima. Die einzigen
­positiven Aspekte sind das Neubauverbot für AKW
(Art. 12 KEG) und das Wiederaufbereitungs- und Ausfuhrverbot für abgebrannte Brennelemente (Art. 9 KEG).
1	
	
2	
	

www.tagesanzeiger.ch/zeitungen/Doris-Leuthards-genialer-Energiemurks/
story/17087827
www.aargauerzeitung.ch/schweiz/was-von-der-energiestrategie-uebrig-bleibt130104890

6  Energie & Umwelt 2/2016

Eine klar definierte AKW-Laufzeit von 45 Jahren können die StimmbürgerInnen jedoch mit einem JA zur
Atom­aus­stiegsinitiative besiegeln.

Millimeter für Millimeter in Richtung
­Energiewende
Wie sieht es bei fossilen Energieträgern wie Erdöl und
Gas aus? Läutet die Energiestrategie hier die Ener­gie­
wende ein? «Nein», so das klare Fazit von Florian
Brunner, SES-Projektleiter Fossile Energie & Klima:
«Das erste Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050
ist höchstens ein erster Schritt in Richtung Stromwende. Die fossile Wende wird noch nicht einmal angegangen.» Einzig ein lascher Absenkpfad für Emissionen von Fahrzeugen (Art. 10 CO2-Gesetz) und eine
bescheidene Aufstockung des Gebäudeprogramms von
300 auf 450 Mio. Franken (Art. 34 CO2-Gesetz) sind im
Paket enthalten.
Auch beim Einstieg in die erneuerbaren Energien und
der Energieeffizienz bringt die ES2050 nicht die gewünschte Wirkung. Die Förderung der Erneuerbaren
wird zwar aufgestockt, bleibt aber beschränkt und
soll nach 5 Jahren bereits wieder auslaufen.
Wenigstens ist eine Reduktion des Energieverbrauchs
anvisiert (Art. 3 EnG). Doch die angestrebten Sparziele
sind mit den vorgeschlagenen Massnahmen kaum zu
erreichen: Zum Beispiel wurde ein StromeffizienzModell ersatzlos gestrichen, obwohl das im ursprünglichen Vorschlag des Bundesrats vorgesehen war.

Der Superkompromiss
Wie der «Tages-Anzeiger» treffend bemerkte, ist die
ES2050 ein «Superkompromiss zwischen unterschiedlichsten Interessen»1. Daher stehen die Chancen gut,
dass das Paket vom Parlament angenommen wird.
­Anschliessend beginnt die Referendumsfrist zu laufen.
Einer der schärfsten Kritiker der ES2050, FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, meinte gegen­über der
«Aargauer Zeitung»: Von sich aus werde er wohl kaum
das Referendum ergreifen, da «gerade einmal noch 30
Prozent» der ursprünglichen Vorlage übrig seien2. Die
ES2050 ist eine klassisch schweizerische Lösung also,
bei der alle unzufrieden sind und doch ein wenig
­gewinnen.

Leseanleitung
Die Artikel der drei wichtigsten Gesetze der ES2050 werden mit dem geltenden
Recht verglichen. Für jeden Artikel wird bestimmt, welche Relevanz er im ganzen
Paket hat (Gewichtung) und wie gut oder schlecht er eingeschätzt wird (Bewertung).
Die Punktezahl ergibt sich aus dem Produkt von erzielter Gewichtung mit der Be-

wertung. Die hintersten zwei Spalten zeigen an, auf welcher Skala diese Punktezahl einzuordnen ist (z.B. bei Art. 2 EnG 1 Punkt auf einer Skala von -2 bis 2). Diese
maximal mögliche Punktezahl ergibt sich aus dem Produkt von effektiver Gewichtung mit dem Maximum der möglichen Bewertung (+2), z.B. bei Art. 37 EnG: 3 x 2.

Energiegesetz
Artikel

ES 2050

Geltendes Recht

2

Richtwerte Ausbau erneuerbare ­Energien
14’500 GWh (oder Vorschlag Ständerat
11’400 GWh per 2035)

bis zum Jahr 2030 gegen­über dem Stand
im Jahr 2000 um mind. 5400 GWh (Art. 1.3)

Gewich­tung (1– 3)

Bewertung (-2 bis +2)

Punkte

1

1

1

3

2

-2

Verbrauchsrichtwerte: Senkung Gesamtener- Stabilisierung Energieverbrauch Privathausgieverbrauch um 16 % per 2020 und 43 % per halte bis 2030 gegenüber 2009 (Art. 1.5)
2035 gegenüber Referenzjahr 2000; Senkung
Stromverbrauch pro Kopf um 3 % per 2020
und um 13 % per 2035 gegenüber 2000

1

2

2

2

-2

6.1.

b. Gesamtenergieverbrauch ist zu einem
nichts
wesentlichen Teil aus erneuerbaren Energien
zu decken, Anteil ist kontinuierlich zu erhöhen;

1

1

1

2

-2

6.2.

Gestrichen: Vor Neubau fossil-thermisches
Kraftwerk Prüfung ob nicht mit Erneuerbaren
möglich, Abwärmenutzungspflicht

Vor Neubau fossil-thermisches Kraftwerk
Prüfung ob nicht mit Erneuerbaren möglich,
Ab­wärmen­utzungspflicht (Art. 6)

1

-2

-2

2

-2

30

Investitionsbeitrag für neue Wasserkraft, bis
10 MW max. 60 %, mehr als 10 MW max.
40 % der anrechenbaren Investitionskosten

nichts

1

1

1

2

-2

33a

Marktprämie (max. 1,0 Rp / kWh) für bestehende nichts
Wasserkraftanlagen ›10 MW in Notlage

1

-2

-2

2

-2

37

Netzzuschlag; Erhebung und ­Verwendung,
max 2,3 Rp / kWh

1,5 Rp / kWh (Art. 15b4)

3

1

3

6

-6

39a

Sunset: Auslaufen des Fördersystems für
Erneuerbare. Einspeisevergütungssystem
nach 6 Jahren, EiV bis 2031

nichts

2

-1

-2

4

-4

45a

Mindestwirkungsgrade für Grossfeuerungen,
die gleichzeitige Stromproduktion vorsehen

nichts

1

1

1

2

-2

3

24

-24

Total Bewertung (Summe)

max. min.

CO2-Gesetz
Artikel

ES2050

Geltendes Recht

Gewich­tung (1– 3)

Bewertung (-2 bis +2)

Gewich­tung

10

PKW Emissionsgrenze bei 95 g per 2020;
Lieferwagen und Sattelschlepper Emissionsgrenze bei 147g CO2/km per 2020, Sanfte
Koppelung an EU-Vorschriften (Berücksichtigung der Vorschriften der EU)

130 g PKW bis 2015, nichts zu Liefer­
wagen etc. (Art. 10)

1

1

1

2

-2

34

Verwendung Erträge CO2-Abgabe; 1/3, (max.
450 Mio.) für Massnahmen zur langfristigen
Minderung der Emissionen bei Gebäuden.

Verwendung Erträge CO2-Abgabe; 1/3,
(max. 300 Mio.) für Massnahmen zur
langfristigen Minderung der Emissionen
bei Gebäuden (Art. 34)

1

1

1

2

-2

2

4

-4

Total Bewertung (Summe)

max. min.

Kernenergiegesetz
Artikel

ES2050

Geltendes Recht

9

Wiederaufbereitungs- und Ausfuhrverbot für
abgebrannte Brennelemente

Moratorium

12

Neubauverbot, Keine Rahmenbewilligungen für nichts
die Erstellung von AKW

Gewich­tung (1– 3)

Bewertung (-2 bis +2)

Gewich­tung

1

2

2

2

-2

1

2

2

2

-2

4

4

-4

9

32

-32

Total Bewertung (Summe)
-10 -9

-8

-7

-6

-5

-4

-3

-2

-1

0

1

2

3

4

5

6

2,8

Besser als der Status quo
Gegenüber dem heute geltenden Recht bringt die
­Energiestrategie 2050 immerhin eine leichte Verbesserung. Dies insbesondere dank den formulierten
­Zielen bzw. «Richtwerten», der ausgebauten Förde-

7

8

9

10

Total alle 3 Gesetze

max. min.

9 Punkte auf einer Skala von -32 bis +32 entspricht 2,8 Punkte auf einer Skala von -10 bis +10.

rung für erneuerbare Energien und dem Neubau­ver­
bot für AKW. Unter dem Strich werden 2,8 Punkte auf
der SES-Skala von -10 bis +10 erreicht (siehe Tabelle
unten). Immerhin. Doch eine echte Energiewende
sieht anders aus.
<
Energie & Umwelt 2/2016  7

Energie aktuell

Die Wasserkraft muss gar nicht gerettet werden
Foto: © Noemi Tirro.jpg

Handbremse lösen bitte!

vs. Anfang April hat der Bundesrat einen Bericht zu ener­
getischen Gebäudesanierungen im Mietwohnungsbereich
veröffentlicht und damit ein Postulat von SES-Präsident Beat
Jans erfüllt. Der Bund anerkennt, dass es sowohl wirtschaftliche Anreize aber auch preisgünstigen Wohnraum braucht.
Damit werden auch die Forderungen der SES-Fachtagung
«Energie­wende aus Mietersicht» von 2015 bestätigt. Es gilt,
die Handbremse zu lösen und entsprechende Massnahmen
­umzusetzen. Vor diesem Hintergrund sind die jüngsten
­Pläne des Nationalrats komplett fehl am Platz: Werter­
haltende und wertvermehrende energetische Sanierungen
­sollen steuerlich voll abgezogen werden können, ohne dass
sie überhaupt mit einem energetischen Minimalziel verknüpft werden.

Alpiq Leaks – AKW dem Staat oder Konkurs?

jb. Im März berichtete die «Basler Zeitung» über ein LobbyingKonzept, welches die PR-Agentur Hirzel.Neef.Schmid.Konsu­
lenten im Auftrag der Alpiq erstellt hat. Darin werden Strate­
gien und Massnahmen formuliert, wie der Stromkonzern mit
der Beeinflussung von Politikern, der Instrumentalisierung
der Wissenschaft und mit Staatshilfe wieder schwarze Zahlen
schreiben will. Teil des Plans: Das defizitäre AKW Gösgen
soll samt seiner Ewigkeitskosten dem Bund vermacht werden.
Denn die Alpiq verliert mit dem Betrieb jeden Tag Geld und
nach Betriebsende folgen un­absehbare Milliardenkosten für
Stilllegung, Rückbau und ­Entsorgung. Aus Sicht der SES
kann eine Abwicklungs-Genossenschaft volkswirtschaftlich
und sicherheitstechnisch von Vorteil sein. Bedingung muss
aber sein, dass die Laufzeiten der AKW auf maximal 40 Jahre
begrenzt werden. Denn wenn die Allgemeinheit das grosse
Aufräumen schon bezahlt, dann soll ihr nicht auch noch
ein Uralt-Reaktor um die Ohren fliegen.
» Das lesenswerte Geheimpapier gibt es auf energiestiftung.ch.
8  Energie & Umwelt 2/2016

fn. Die Wasserkraft gehe bachab, klagen viele Stromkonzerne. Sie müsse gerettet werden. Diese Forderung stösst auf
offene Ohren, ist doch die Wasserkraft als umweltfreundliche, einheimische Technologie ein Sympathieträger. Die
Politik hat reagiert und will einen Teil der Fördergelder für
neue erneuerbare Energien für die «Rettung» der bestehenden Grosswasserkraft abzweigen. Zu Recht?
Richtig ist: Das Stromüberangebot in Europa (dank billiger
Kohle) drückt die Marktpreise. Einige Wasserkraftwerke
können nicht mehr gewinnbringend betrieben werden. Offenbar ist schon vergessen, dass sie jahrzehntelang wahre
Goldesel waren. Das werden sie auch wieder sein: Das Ende
der Atomkraft ist nah und die Pariser Klimapolitik wird den
Ausstieg aus der Kohle beschleunigen. Rund die Hälfte der
Wasserkraftwerke sind Speicherkraftwerke. Für sie sind nicht
der durchschnittliche Strompreis an der Börse entscheidend,
sondern die Spitzenpreise. Und diese werden sich mit dem
Wegfallen der Bandkraftwerke (Atom und Kohle) rasch erholen. Wasser-, Wind- und Sonnenkraft ergänzen sich perfekt:
Bei Flauten oder Bewölkung übernimmt die Wasserkraft.
Heute können viele Wasserkraftwerke ihren Strom zu Gestehungskosten an Monopolkunden verkaufen, sie sind also gar
nicht abhängig von den Börsenpreisen. Unter diesen leiden
vor allem die Stromhandelskonzerne. Wenn diese «Wasserkraftwerke» sagen, meinen sie oft gar nicht Kraftwerke, sondern Pumpspeicherwerke. Diese «Wasserbatterien» verbrauchen mehr Strom als sie produzieren. Sie wurden geplant,
um in Kombination mit neuen Atomkraftwerken deren
überschüssigen Nachtstrom zu verwerten bzw. zu veredeln.
Nach Fukushima und dem Beschluss, keine neuen Atomkraftwerke zu bauen, bleiben die Betreiber auf Milliardeninvestitionen sitzen. Die Pumpspeicher könnte man dereinst für
einen allfälligen Überschuss aus erneuerbaren Kraftwerken
einsetzen. Von diesen gibt es aber noch zu wenig – auch dank
des Lobbyings genau dieser Konzerne, die die Förderung von
Solar- und Windenergie bremsen, wo es nur geht.

Energie aktuell

Drei von vier Personen unterstützen Energiewende

Ja zu «Züri atomfrei»
Foto: © Michael Buser

vs. Die neue Ausgabe
der langjährigen Univox
Um­welt-Studie
von gfs-Zürich liefert
das ­ers­te umfassende
Bild des Schweizer
Umweltbewusstseins
seit den Wahlen. Sie
untersucht auch die
Einstellungen zu Klimaschutz und Energiewende, dem gröss­
ten laufenden Projekt in der Umweltpolitik.
Die Unter­stützung für die Energiewende hält auf hohem
Niveau an: 77 % schätzen sie als positiv oder eher positiv ein
(Vorjahr: 77 %). 57 % halten sie für machbar (Vorjahr: 55 %).
61 % wünschen mehr politischen Einsatz fürs Klima, etwa
ein Verbot von Ölheizungen mit Übergangsfrist (50 %). Bloss
knapp ein Viertel spricht sich gegen ein solches Verbot aus.
Nur gerade 15 % sehen wirtschaftliche Nachteile in der
­Energiewende, drei Mal mehr hingegen sehen Vorteile.
60 % der ­Studien-Teilnehmer schätzen generell die Umwelt­
be­las­tung als grosse bis sehr grosse Bedrohung für unseren
Wohlstand ein.

ne. Am 5. Juni stimmt die Stadt Zürich über die «Züri atom­
frei»-Initiative ab. Diese will, dass dem 2008 mit der 2000-­
Watt-Gesellschaft beschlossenen Atomausstieg Taten folgen.
Die Beteiligungen von ewz an den AKW Gösgen und Leibstadt
sowie den französischen AKW Bugey und Cattenom sollen
spätestens 2034 verkauft werden. Angesichts der schlechten finanziellen Lage der Schweizer AKW keine einfache
Vorgabe. Damit erhöht sich aber der Druck auf den Stadtrat, sich mit den Anteilen in der noch verbleibenden Zeit
für einen raschen Atomausstieg stark zu machen. So oder
so hat die Abstimmung Signalwirkung für die nationale
Atomausstiegsinitiative im Herbst. Die SES empfiehlt allen
StadtzürcherInnen, ein Ja in die Urnen einzulegen.

Tschernobyl – 30 Jahre Gefahr

Menschenstrom gegen Atom 2016

mp. Im Dunst der verlassenen Stadt Prypjat wächst der neue
Sarkophag, der die Ruine des explodierten Reaktors 4 einschliessen soll. Der Bau kommt nur stockend voran. Doch
die Zeit drängt: Der alte Sarkophag, der kurz nach dem GAU
im Eiltempo gebaut wurde, ist brüchig. Bricht die notdürftig gestützte Konstruktion ein, tritt erneut radioaktive
Strahlung aus. Auch der neue Einschluss ist nur eine Lösung
auf Zeit: Halten soll er die nächsten 100 Jahre. Und dann?
Tschernobyl zeigt, wie endlos die Aufräumarbeiten nach
einem Super-GAU sind. Und wie teuer: Allein der Bau des
neuen Sarkophags kostet mehr als 2 Milliarden Euro. Die
Schweiz trägt diese Kosten mit (9,3 Millionen). Es wird Zeit,
die finanziellen Folgen eines Super-GAUs und das Risiko
weiterer Unfälle angemessen in den Kosten des Atomstroms
abzubilden!

Foto: Greenpeace / Ivan Suta

» www.zueri-atomfrei.ch

Foto: © Denis Sinyakov / Greenpeace

» www.gfs-zh.ch

vs. Am Sonntag, 19. Juni, findet in der Aargauer Region um
das Atomkraftwerk Beznau zum vierten Mal die nationale
Kundgebung «Menschenstrom gegen Atom» statt. Über 20
atomkritische Parteien und Organisationen – darunter
auch die SES – rufen zur friedlichen Demonstration auf. Im
Mittelpunkt ihrer Forderungen steht die sofortige, definitive Ausserbetriebnahme des weltweit ältesten Atomkraftwerks in Beznau.
In beiden Reaktoren wurden im sicherheits­technischen
Herzstück in den Wänden des Reaktordruckbehälters
Schwachstellen gefunden. Beznau II ging bereits an Weihnachten 2015 wieder ans Netz. Die Axpo beabsichtigt, Beznau I diesen Sommer wieder in Betrieb zu nehmen – trotz
ungeklärter Ursachen und laufender Untersuchungen.
» www.menschenstrom.ch
Energie & Umwelt 2/2016  9

SES-Fachtagung – Nuclear Phaseout congress (NPC 2016)

«Japan hatte noch enorm viel Glück!»
Alte Reaktoren, schwindende Sicherheitsmargen, fehlende Unabhängigkeit der Aufsichtsbehörden und mangelnde Einsicht der Politik. Der Nuclear Phaseout Congress 2016
der SES zeigte in aller Deutlichkeit: Die Atomenergie birgt enorme, unverantwortbare Risiken
in sich – und wird weiterhin für ernsthafte Probleme ohne ­absehbares Ende sorgen.
und ENSI zu den Löchern («Flakes») im Reaktordruckbehälter von Beznau I: «Die Information dazu ist unzureichend.» Die Berechnungen zum Zustand des Druckbehälters seien «nicht nachvollziehbar».

Und was bedeutet überhaupt sicher?

ENSI-Chef Hans Wanner zeigte sich kritisch und äusserte Bedenken, dass die Schweizer
AKW-Betreiber in Zukunft genügend in die Sicherheit investieren werden.

Von Rafael Brand
E&U-Redaktor

Der Nuclear Phaseout Congress 2016 war ein
­Erfolg. Über 220 Personen folgten den sehr ex­
klu­siven und interessanten Referaten zur Zukunft
und dem Ende der Atom­energie. Mit Japans ExPremier Naoto Kan, Deutschlands ehema­ligem
Umwelt­minis­ter Jürgen Trittin und ENSI-Chef
Hans Wanner war es eine sehr hochkarätige SES-Fachtagung, die für viel Medienecho sorgte.

Wie sicher oder unsicher ist das AKW Beznau?
«Beznau kann nicht als sicher bezeichnet werden. In
beiden Anlagen gibt es jede Menge bekannter und noch
unentdeckter Mängel», warnte Physikerin und Atomsicherheitsexpertin Oda Becker gleich zu Beginn der
SES-Fachtagung. «Die Einschätzung des ENSI ba­sie­rt auf
Theorie und entspricht nicht dem realen Sicherheitsrisiko von Beznau.» Yves Marignac, Direktor von WISEParis, meinte ebenfalls: «Die reale Sicherheit ist ab
einem gewissen Alter tiefer als die be­rechnete theo­
retische.» Zudem gebe es keinerlei Erfahrungen mit
dem AKW-Betrieb länger als 40 Jahre, warnte er die
Schweiz. «Die Sicherheitsbehörden sind häufig überfordert. Es braucht deshalb klar definier­te internationale Abschaltkriterien.» Simone Mohr vom Ökoinstitut
Darmstadt bemängelte die Intransparenz von Axpo
Alle Referate unter: www.energiestiftung.ch/npc2016
Eine pointierte Zusammenfassung des diesjährigen NPC 2016 finden Sie unter:
www.energisch.ch/nuclear-phaseout-congress-2016/4367

10  Energie & Umwelt 2/2016

Gregory Jaczko, ehemaliger Chef der US-Atomaufsicht,
stellte klar: «Sicherheit ist eine politische Angelegenheit.» Das bedeute nur, dass die gesetzlichen Anforderungen ein­zuhalten sind und nicht, dass keine Unfälle
passieren (Interview S. 12+13). «Es ist auch nicht wahr,
dass Atom­auf­sichts­behörden unabhängig sind.»
Hans Wanner, Direk­tor der Atomaufsicht ENSI, musste
sich der Kritik stellen, tat dies aber kaum. Stattdessen
zeigte er sich ebenfalls kritisch. Sicherheit werde zunehmend zur politi­schen Frage und sei «nicht mehr
sehr ein Thema». «Das ist bedauerlich!», ärgerte sich
Wanner über den politischen Entscheid gegen das
ENSI-Langzeitbetriebs­konzept. Zu Beznau I sagte er:
«Die Si­cherheitsmarge ist nicht mehr sehr gross bis zur
gesetzlichen Ausserbetriebnahme.» Wanner äusserte vor
al­lem auch Bedenken, dass genügend in die Sicherheit
inves­tiert wird: «Es besteht heute die Gefahr, dass die
AKW ausgefahren werden.»

Naht das Ende schneller als gedacht?
Atomexperte Mycle Schneider, Herausgeber des viel­
be­achteten «World Nuclear Industrie Status Report»
zeigte anhand vieler Fakten, dass die Atomenergie –
ausser in China – stagniert und gar rückläufig ist. Weil
diese nicht mehr rentabel ist, werde sich die Atom­­ener­
gie schneller als gedacht dem Ende nähern. Der Nieder­
gang berge aber grosse Sicherheitsrisiken. «Das macht
mir ernsthaft Sorgen.» Jürgen Trittin, Grüner Bun­des­
tagsabgeordne­ter, sprach genauso Klartext: «Die Atom­
politik ist und bleibt eine Politik der Irrtümer.» Mit
Seiten­hieb an die Schweiz forderte Trittin endlich ein
klares Ende der Atomenergie (Interview S. 14+15).

Kann Japan das überhaupt überleben?
«In Fukushima kam es mit Kernschmelze in drei Reak­
toren zum bislang schlimmsten Atomunfall», erklärte
Naoto Kan, Japans Premier während der FukushimaKata­strophe (Interview nebenan) – noch immer sichtlich ergriffen – an der SES-Fachtagung. «Auf dem Gelände befinden sich 6 Reaktoren und 11 Abklingbecken.
Wir hatten einfach auch Glück – man kann es göttlichen Beistand nennen – dass es nicht zu einer 10- bis
100-fach so schlimmen Kata­strophe kam !»

Interview mit Naoto Kan, Premierminister während der Fukushima-Katastrophe

«Seit Fukushima wissen wir, dass AKW
äusserst gefährlich sind»
Die Schilderung der Ereignisse aus erster Hand von Naoto Kan, damaliger Premier Japans,
am Nuclear Phaseout Congress 2016 gingen tief unter die Haut. Er erinnerte daran, dass
die Katastrophe noch lange nicht überstanden ist und dass Japan mit der dreifachen
Kernschmelze eigentlich glimpflich davonkam. Nur durch Glück kam es nicht zu ­einer
noch viel grösseren Katastrophe. Die SES konnte am Kongress mit Naoto Kan sprechen.
Interview von LYDIA TRÜB
SES-Beirätin und Autorin, ­

E&U: Die Schweiz liegt an keiner
Küste. Ein Tsunami kann bei uns
kein Reaktorunglück auslösen.
Unsere Atomkraftwerke werden
laufend überwacht. Warum sich also sorgen?
Naoto Kan:   Obwohl die Schweiz von Land und
­Japan von Meer umgeben ist, glaube ich, dass das ­Risiko
grundsätzlich gleich ist. Das älteste Kraftwerk – Beznau I in der Schweiz – ist 1969 erbaut worden. In Fuku­
shima ist der Reaktor, der zuerst die Kernschmelze aus­
gelöst hat, 1971 errichtet worden – er war ähnlich alt.
Man kann sagen: Je älter ein Kraftwerk ist, umso störanfälliger wird es. Metall zum Beispiel wird durch die
Strahlungseinwirkung immer spröder. 

»

Beznau I in der Schweiz ist 1969 erbaut worden.
In Fuku­shima ist der Reaktor, der zuerst
die Kernschmelze aus­gelöst hat, 1971 errichtet
­worden – er war ähnlich alt.
E&U: Sie waren vor dem Unfall in Fukushima ein Be­
fürworter der Atomenergie und warben in der Tür­kei
für «die sicherste Atomkraft weltweit» aus Japan …
  Atomkraftwerke galten von Anbeginn als billig und
als sicher. Wir glaubten, dass sich ein Unfall wie in
Tschernobyl in Japan niemals ereignen könnte, da
­Japan über eine Atomtechnologie der Weltklasse verfüge. Seit dem Unfall in Fukushima wissen wir, dass
Atomkraftwerke äusserst gefährlich und verglichen
mit anderen Energieformen extrem teuer sind. 

«

»

E&U: Was war der Hauptgrund für Ihre Meinungs­
änderung?
  Was wir auf gar keinen Fall vergessen dürfen, ist
die Tatsache, dass sich der Unfall von Fukushima um
ein Haar ausgebreitet hätte. Dann hätten Menschen im
Umkreis von 250 Kilometern evakuiert werden müssen,
die Hauptstadt Tokio mit eingeschlossen. 50 Millionen
Menschen, 40 % der Bevölkerung ­Japans. Eine Ka­
tastrophe von diesem Ausmass kann man nur mit

«

Foto: Patrick Bussmann/SES

«

einem grossen Krieg vergleichen, den man ver­loren
hat, oder mit etwas noch viel Schlimmerem. 

»

E&U: Gemäss Umfragen will die japanische Bevöl­
kerung keine Atomkraftwerke. Die gegenwärtige
Regierung Shinzo Abe dagegen fördert die Atom­
kraft. Kann Japan ohne Atomkraft auskommen?
  Seit dem 11. März 2011 konnte der Stromverbrauch
in Japan allein durch Einsparungen um 10 % gesenkt
werden. Durch Einsatz erneuerbarer ­Energien wird
heute Strom im Umfang von sechs Atomkraftwerken
produziert. Die Ansicht, dass wirtschaftliches Wachstum nur mit mehr Energieverbrauch möglich ist, entspricht einer sehr veralteten Denkweise. Das ist 19.
oder 20. Jahrhundert. 

«

»

E&U: Wie sieht unsere Energiezukunft ohne Atom­
energie aus?
  Als Alternative zur Atomkraft gibt es je nach Land
unterschiedliche Denkweisen. In Deutschland, Gross­
britannien und Dänemark hat sich Windkraft sehr be­
währt, auch Biomasse ist eine gute Alternative. In Japan
ist Solarenergie sehr im Kommen. Die Be­wegung weltweit will auch aus der fossilen Energie aussteigen. Da
gibt es als Alternative im Prinzip nur ­die erneuerba­
ren Energien. Man sollte wählen, was am besten passt
und das so weit ausbauen, wie es nur geht. 

«

»

Energie & Umwelt 2/2016  11

Interview mit Gregory Jaczko, ehemaliger Chef der US-Atomaufsicht

«Es braucht eine klare Befristung der
Betriebsbewilligung»
Gregory Jaczko hat als Chef der US-Atomaufsicht den Super-GAU von Fukushima miterlebt.
Obwohl er sich nicht als Gegner der Atomkraft sieht, verfolgt er die Atomindustrie mit
kritischem Blick. Der Schweiz empfiehlt er, die Laufzeit der alten Reaktoren in irgendeiner
Form zu begrenzen. Die SES hat sich nach Jaczkos Auftritt am Nuclear Phaseout Congress
2016 mit ihm unterhalten.
Interview von Valentin Schmidt
SES-Leiter Politik & Kommunikation,

Gregory Jaczko referierte am Nuclear Phaseout
Congress (NPC) 2016 als «Mann mit einschlägi­ger
Erfahrung» und zeigte mit klaren Worten die
Grenzen der Atomaufsicht auf. Dabei räumte der
ehemalige Chef der US-Atomaufsichtsbehörde
mit vorherrschenden Missverständnissen auf. Die Ver­
antwortung für die Sicherheit eines Atomkraftwerks
trage nicht primär die Atomaufsicht, sondern diese
liege letztlich bei den Betreibern selbst. Zudem werde
Sicherheit unterschiedlich definiert und verstanden: Die
Bevölkerung beispielsweise verstehe «Sicherheit» als Garantie für die Unmöglichkeit eines nuklearen Unfalls.
Für die Aufsichtsbehörden jedoch heisse «sicher» nur,
dass die AKW-Betreiber die gesetzlichen Anforderun­
gen einhalten. Sein Fazit ist ernüchternd: Ein Unfall
kann sich jederzeit wieder ereignen. Das zeigt auch ein
Blick in die Geschichte der Atomenergie. Ein Gespräch
mit Gregory Jaczko über die Herausforderungen beim
Langzeitbetrieb von alten AKW und die beste Lösung
für eine sichere Ausserbetriebnahme.

Der Entscheid, ein AKW für immer herunterzufahren, hat
eine nicht zu vernachlässigende Auswirkung auf die Moral
und die Leistungsbereitschaft der Angestellten.

E&U: Herr Jaczko, wenn Sie hören, dass die Schweiz
mit Beznau I das älteste AKW der Welt betreibt, was
löst das bei Ihnen aus?
Gregory Jaczko:   Das überrascht mich nicht so sehr.
In den USA gibt es Anlagen, die fast gleich alt sind
wie das AKW Beznau. Was mich mehr überrascht, ist
die Tatsache, dass dieser Alt-Reaktor eine unbefristete
Betriebsbewilligung besitzt! Aus meiner Sicht sind das
heikle Voraussetzungen, um ein AKW zu betreiben.
In den USA haben die Atomanlagen befristete Bewil­
ligungen für eine Laufzeit von 40 Jahren. Die Betreiber
haben die Möglichkeit, eine Laufzeit-Verlängerung zu
beantragen. Um diese zu erhalten, werden diejenigen
Komponenten der Anlage untersucht, ­welche von

«

12  Energie & Umwelt 2/2016

­ lterungsbedingten Abnutzungserscheinungen betrof­
a
fen sein können. Die Betreiber müssen aufzeigen, dass
sie diese Komponenten genügend überwachen. Sie
müssen sicherstellen, dass keine unvorhersehbaren
Ereignisse eintreten können. 

»

E&U: Welches sind die grossen Herausforderungen
beim Langzeitbetrieb von Atomkraftwerken?
  Es existieren Bauwerke, die bedeutend älter sind als
Atomkraftwerke. In der Schweiz gibt es z.B. Brücken,
die auf die Antike zurückgehen. Bauwerke können
für sehr lange Zeit bestehen bleiben, wenn sie entsprechend in Stand gehalten werden. Bei der Atomkraft ist das anders. Die Bestandteile sind sehr rauen
Bedingungen, wie etwa starken Temperaturunterschie­
den oder sehr hohen Strahlenbelastungen, ausgesetzt.
Diese Faktoren beschleunigen den Alterungsprozess
der Materialien. Die grosse Herausforderung im Langzeitbetrieb ist, dass diese Alterungsprozesse stetig fort­
schreiten und das Verhalten der Materialien kaum
vorhersehbar ist. Man begibt sich auf Felder, auf
­denen man schlicht noch zu wenig Erfahrung hat.
Das erschwert die Beurteilung der Sicherheit stark:
Sind die gesetzlichen Anforderungen nun erfüllt oder
nicht? 

«

»

E&U: Was ist ihre Empfehlung an die Schweiz? Wie
können wir die letzten Betriebsjahre unserer AltReaktoren bis zur endgültigen Ausserbetriebnahme
sicher gestalten?
  Der beste Weg, ein AKW abzuschalten, ist dies am
Vorabend anzukünden. Denn der Entscheid, ein AKW
für immer herunterzufahren, hat eine nicht zu vernachlässigende Auswirkung auf die Moral und die
­Leistungsbereitschaft der Angestellten. Das ist völlig
normal. Es gibt Umwälzungen, der Arbeitsfluss wird
beeinträchtigt. Qualifizierte Fachleute werden die
Stelle wechseln, um ihre Karriere weiterzuverfolgen,
und nicht drei Jahre lang bis zum Betriebsende der
Anlage bleiben. Man wird kaum mehr geeignete Fachleute für eine auf sechs Monate befristete Anstellung
finden. In der Folge muss das bestehende Personal
Überstunden leisten. Und das birgt das Potenzial für
Fehler. Das ist einfach keine optimale Situation, um
ein AKW sicher zu betreiben. 

«

»

Foto: Patrick Bussmann / SES

E&U: Eine mögliches Phaseout-Szenario bietet sich
der Schweiz mit der Abstimmung zur Atomausstiegs­
initiative, welche diesen Herbst vors Volk kommt.
Die Initiative sieht eine Ausserbetriebnahme nach
45 Jahren vor. Denken Sie, das ist eine gute Idee?
  Ja. Ich denke, es braucht eine Art von Laufzeit­be­
grenzung. Als Kompromiss könnte man immer noch
eine Laufzeiterweiterung von z.B. 15 Jahren garan­
tieren, verbunden mit einer gewissenhaften Überprüfung des Zustands der Anlage. Meiner Meinung nach
braucht es – in irgendeiner Form – eine klare Befris­
tung der Betriebsbewilligung. Ausser der Schweiz
kommt mir kein anderes Land in den Sinn, in dem es
das nicht gibt. 

«

Zur Person
Gregory Jaczko wurde 2005 als Kommissar der US-Atomaufsichtsbehörde NRC
vereidigt. Die USA ist das Land mit den meisten betriebsfähigen Reaktoren
weltweit. 2009 ernannte Präsident Barack Obama Jaczko zum Vorsitzenden der
­Organisation. Im Nachgang an Fukushima vertrat er die Position, dass die Bewilligungen für vier neue Reaktor-Bauprojekte in den USA nicht erteilt werden sollten.
Aus Sicht von Jaczko waren die Konsequenzen aus dem Unfall in Fukushima
nicht gezogen worden, entsprechende Änderungen an den Sicherheitsstandards
­fehlten. Doch Jaczko wurde von den übrigen Kommissionsmitgliedern überstimmt
und die Bewilligungen wurden erteilt. 2012 trat Jaczko von seinem Amt zurück.
Heute arbeitet er als Berater im Bereich der erneuerbaren Energie.

»

E&U: Leider hat das Parlament kürzlich genau einen
solchen Kompromiss – ein Langzeitbetriebskonzept
für jeweils eine Verlängerung von 10 Jahren – ab­
gelehnt. Und dies gegen den Willen der Atomauf­
sicht ENSI ...
  Wie kann man hier dagegen sein? Selbst als Atomkraft-Befürworter gibt es doch keine Einwände gegen
eine Laufzeitbegrenzung, verbunden mit einer Laufzeitverlängerung unter bestimmten Sicherheitsauf­
lagen? Das verstehe ich nicht. 

«

»

E&U: Man hört in der Schweiz immer wieder, dass
die Atomkraft aus Klimaschutzgründen unabding­
bar ist. Was sagen Sie dazu?
  Die aktuelle Tendenz ist die, dass in den nächsten
10 bis 15 Jahren mehr AKW altersbedingt stillgelegt
werden als neue ans Netz gehen. Schauen Sie sich die
Schweiz an: Sie bauen keine neuen Atomkraftwerke
mehr und die bestehenden werden früher oder später
heruntergefahren. Vor diesem Hintergrund verstehe

«

Wir sind am Punkt angelangt, wo es schlicht nicht
mehr möglich ist, neue AKW zu bauen. Niemand ist bereit,
ein neues AKW zu finanzieren.

ich nicht, wie man von der Atomkraft als Lösung für
den Klimawandel reden kann. Wenn dieser Trend sich
fortsetzt, wird es ausser in China, Indien und Russland bald nur noch sehr wenige AKW geben. Viele
Leute sprechen von der Notwendigkeit der Atomkraft
für den Klimaschutz. Aber selbst wenn wir das Klimaproblem mit Hilfe der Atomkraft lösen wollen, sitzen
wir in der Tinte, denn die Atomkraft kann diese Rolle
nicht erfüllen. Realistisch ist diese Lösung nicht. Die
wenigen AKW-Neubauprojekte in den USA und Europa
sind massiv hinter dem Zeitplan und massiv über dem
Budget. In den USA sind die Kosten dermassen explodiert, dass wir am Punkt angelangt sind, wo es schlicht
nicht mehr möglich ist, neue AKW zu bauen. Niemand
ist bereit, ein neues AKW zu finanzieren. 

»

Energie & Umwelt 2/2016  13

Interview mit Jürgen Trittin, Bundestagsabgeordneter Bündnis 90/Die Grünen

«Das Risiko Beznau muss vom Netz !»
«Die Atompolitik ist und bleibt eine Politik der Irrtümer – und der Wahnsinn ist noch nicht
zu Ende», brachte es Jürgen Trittin, ehemaliger deutscher Umweltminister, am Nuclear
Phaseout Congress 2016 auf den Punkt. Die SES konnte mit Jürgen Trittin über die Risiken der
Atomenergie, den Ausstieg und die Probleme rund um Stilllegung und Entsorgung sprechen.
Interview von Rafael Brand
E&U-Redaktor

«Die Zeit der Atomenergie ist vorbei», stellte Jürgen
Trittin, ehemaliger deutscher Umweltminister und
Bundestagsabgeordneter Bündnis 90 / Die Grünen,
am Nuclear Phaseout Congress 2016 gleich zu Beginn klar: «Die Atom­­politik ist und bleibt eine Po­li­
tik der Irr­tümer. Ein ­solcher Irrtum ist und war,
dass Atomenergie günstig und wett­bewerbs­fähig ist.»
Fakt sei, dass die Atomenergie nur dank massiver Subventionen am Markt habe bestehen können.
Ein weiterer Irrtum sei der Glaube gewesen, dass es
für die Entsorgung des Atommülls sichere Lösungen
geben werde. «Heute gibt es massive Zweifel, ob die
Ver­ursacher dazu überhaupt in der Lage sind und die
Stilllegung der AKW und die Entsorgung des Atommülls letztlich finanzieren können», kritisierte Jürgen
Trittin. Und der aktuellste Irrtum sei die Annahme, dass
Atomkraftwerke bis ans Ende ihrer Laufzeit ren­ta­bel
und gewinnbringend zu be­treiben sind. «Wie sich heute
deutlich zeigt, war das eine fataler Irrtum, der dazu
führte, dass sich die Betreiber von Atomanlagen über
die Entwicklungen am Energiemarkt hinwegsetz­ten
respektive diese ignorierten.» Für Jürgen Trittin ist klar:
«Die vier grossen Energiever­sorger Deutschlands haben
vorsätzlich und willent­lich ihre Chancen verpasst und
gehören nun zu den Verlierern der Energiewende.»
2002 hat Deutschland die Energiewende beschlossen
und damit verbunden bis 2022 den Ausstieg aus der
Atomenergie. «Der Einstieg Deutschlands in die Erneu­
erbaren und deren massiver Ausbau ist eine Erfolgs­
geschichte, nicht nur für Deutschland – auch für die
Welt», zeigte sich Jürgen Trittin an der SES-­Fach­­tagung
überzeugt: «Mit dem Zubau von 143 Gigawatt weltweit
wurden 2014 erstmals mehr Erneuerbare als fossile
­Energien installiert. Und 2040 werden konservativen
Schätzungen zufolge die Erneuerbaren 60 % der Stromerzeugung weltweit ausmachen.» Damit die Energiewende gelingt und vorangetrieben werden kann, ist für
Jürgen Trittin aber ebenso klar: «Der Ausstieg aus der
Atom­energie und der Einstieg in die Erneuerbaren gehören zwingend zusammen. Es braucht ein klares Ende
der Atomkraft und ein völlig neues ­Energiesystem, um
den Konflikt zwischen Grundlastenergie und Erneuerbaren auszuräumen.»
14  Energie & Umwelt 2/2016

E&U: «Der Atomausstieg ist ein Kinderspiel !», brach­
ten Sie es an einer früheren SES-Fachtagung auf den
Punkt: Ist dem immer noch so?
Jürgen Trittin:   Wenn man beim Spielen ehrgeizig ist.
Man kann die AKW abschalten, wenn man genug Ersatzenergie durch erneuerbare Energien erzeugt. Wir
haben den Ausfall der Atomenergie heute schon überkompensiert, obwohl erst die Hälfte der AKW abgeschaltet ist. Der Ausstieg allerdings löst das Problem
des Atommülls noch nicht – aber es verhindert, dass
noch mehr davon produziert wird. 

«

»

E&U: Das weltweit älteste AKW steht in Beznau in
der Schweiz. Die Politik will die AKW-Laufzeit aber
explizit nicht beschränken: Welche Bedenken haben
Sie zu den zwei Reaktoren in Beznau und deren
­Sicherheit?
  Als Faustregel gilt: Je älter ein AKW, desto schlechter
schon sein Grund-Design bzw. desto mehr grundsätzliche Defizite hat es. Zum Beispiel wurde Beznau gar
nicht gegen Flugzeugabstürze ausgelegt. Seine Auslegung wäre in Deutschland schon damals nicht genehmigungsfähig gewesen, zum Beispiel aufgrund des ge­
ringen Redundanzgrads der Sicherheitssysteme. Und
mit jedem Betriebsjahr nehmen Alterungsprobleme
wie Versprödung oder Komponentenversagen zu. Hinzu kommen unvollständige Bauunterlagen und das
Materialproblem des Reaktordruckbehälters, das letzten Sommer bekannt wurde. Das Risiko Beznau muss
vom Netz! 

«

»

E&U: In der Schweiz und auch weltweit ist die Ent­
sorgung des Atommülls nach wie vor ungelöst. Die
Kosten für Stilllegung und Entsorgung werden wohl
viel höher sein als budgetiert: Wie sieht die Situation
in Deutschland aus?
  Es gibt weltweit bisher kein einziges Endlager. In­
sofern ist die Kostenfrage immer ein Stück weit eine
Wette. Im Gegensatz zur Schweiz hat aber Deutschland
nicht einmal einen Fonds, in dem das Geld dafür an­
gespart wird. Die Gelder werden im Moment bei den
Unternehmen als Rückstellungen gebildet. Die sind
auch nach allem, was wir heute wissen, korrekt gebildet worden – bisher. Bei der aktuell extrem schwierigen ­Situation der Energieunternehmen stellt sich aber
ganz akut die Frage, ob das Geld da wirklich vorhanden
sein wird, wenn es gebraucht wird. 

«

»

Foto: Patrick Bussmann / SES

E&U: Mit welchen Problemen sieht sich Deutsch­
land bei der Stilllegung der AKW und Entsorgung
des Atommülls konfrontiert?
  Die Stilllegung und der Rückbau funktioniert da, wo
er begonnen hat, technisch gut. Das Problem ist und
bleibt die Frage der Finanzierung und eben des ungeklärten Endlagers. Es wurde über Jahre versucht, mit
der Brechstange in Gorleben ein Endlager durchzusetzen. Das hat zu jahrzehntelangem berechtigtem Wider­
stand geführt und die Problemlösung verzögert. Aber
an beiden Problemen arbeiten jetzt gerade zwei Kommis­
sionen. Die gute Nachricht dabei ist, dass sie parteiübergreifend besetzt sind und es somit zumindest die Grund­
lage für eine auch nachhaltige und breit getragene
Lösung gibt. Aber noch liegt kein Ergebnis vor. 

«

»

E&U: Sind die Kosten höher, werden wohl der Staat
sprich die Steuerzahlenden letztlich zahlen ­müssen:
Wurden die Kosten bewusst zu tief geschätzt? Welche
Fehler wurden gemacht? Und gibt es überhaupt einen
Ausweg aus diesem Dilemma?
  Vorab: Das Verursacherprinzip gilt. Das heisst, die
Unternehmen sind für die Kosten, die rund um den
Atommüll entstehen, voll verantwortlich. Dafür bilden sie heute Rückstellungen. In Frage steht, ob das
ein kluges Modell ist. Wenn jetzt ein Fonds diese Aufgaben übernimmt, müssen die Unternehmen die dafür zurückgestellten Gelder zusammen mit einem
angemessenen Risikoaufschlag in diesen übertragen.
Dann ­haftet natürlich der Fonds für Kostensteigerungen, die zum Beispiel ab Bau des Endlagers 2050

«

entstehen können. Das ist auch gut so, denn ob dann
die Betreiber­unternehmen überhaupt noch existieren,
daran kann man ja mit Blick auf die derzeitige Marktsituation seine Zweifel haben. Das ist der Ausweg, den
wir gerade ­suchen. 

»

Deutschland hat den Ausfall der Atomenergie heute schon
überkompensiert. Der Ausstieg allerdings löst das
­Problem des Atommülls noch nicht – aber es verhindert,
dass noch mehr davon produziert wird.

E&U: Wie kann Deutschland die Energiewende in­
klusive den Ausstieg aus den fossilen Energien
schaffen? Wo steht Deutschland im Jahr 2050?
  Deutschland hat ja schon vorgemacht, dass das
mög­lich ist. Der Begriff  hat ja in­
zwischen Einfluss in die englische Sprache gefunden.
Das zeigt, dass das ein Erfolgsmodell ist.
Im Moment droht sich aber Deutschland von dieser
internationalen Energiewende abzukoppeln. Die Bundesregierung steht beim Ausbau der Erneuerbaren
massiv auf der Bremse. Das vernichtet inzwischen sogar Arbeits­plätze – über 40’000 sind bereits verloren
gegangen. Aber ich bin trotzdem zuversichtlich. Es
gibt keinen Weg zurück, inzwischen ist die Wirtschaft
da weiter als die Regierungspolitik in Deutschland.
Ich bin zuversichtlich, dass wir 2050 beim Strom bei
100 % Erneuerbare sein werden und alle Kohlekraftwerke vom Netz sind. 

«

»

Energie & Umwelt 2/2016  15

40 Jahre Schweizerische Energie-Stiftung SES

Der Anfang vom (Atom-)Ende
rp/fb. Die SES ist 1976 als Stiftung gegründet worden und engagiert sich seither für eine
intelligente, umwelt- und menschengerechte Energiepolitik. Mit vier SES-VertreterInnen
blicken wir auf diese vier SES-Dekaden zurück – persönlich und naturgemäss unvollständig.
Von 1976 bis 1986:
Die SES-Reports als ­Kassenschlager
ETH-Dozent Theo Ginsburg war in den ersten Jahren
der SES die wohl prägendste Kraft. Theo übersprudelte
mit Ideen, seinem Idealismus und seinem Tatendrang.
Rund um die Uhr gleiste er immer wieder neue Projekte auf. So ist es uns schon in den ersten Monaten
gelungen, mit unseren «SES-Reports» für eine andere
Energiepolitik, gegen den weiteren Ausbau der Atomtechnologie und für den Einsatz von Energiespar­
technologien zu werben. Auf politi­schem Parkett attackierten wir die von den Interessen der Ener­gie­
wirtschaft dominierte Hal­tung der GEK, der Eidge­nös­
sischen Kommission für die ­Gesamtenergiekonzeption.
Franz Jaeger, unser erster Präsident und damals LdUNationalrat, wirbelte geschickt in Talkshows und im
Parlament für unsere Politik und unsere Anliegen. Es
ist uns damals äusserst gut gelungen, für unsere
­Anliegen breite Publizität zu schaffen.
In den ersten Monaten hatten wir nur wenige
beitragszah­lende Basismitglieder. Es war der Vertrieb
unserer Studien, der zahlreichen SES-Reports, die uns
– nebst ein paar grosszügi­gen Spenden – in den ersten

SES-Jahren das wirtschaftliche Überleben sicherte.
Rückblickend mag dies erstaunen. Denn das Buchgeschäft galt schon damals als schwierig. Der Vertrieb
unserer Reports aber blühte!
Den Durchbruch zur breit abgestützten Basisorganisation mit vielen Einzelmitgliedern schaffte die SES
erst später, als sie unter der späteren SES-Geschäfts­
leiterin Ursula Koch die Energie- und Atominitiativen
koordinierte.
Peter Gysling, erster SES-Geschäftsleiter
von 1976 bis 1980

Von 1986 bis 1996:
350 Mio. Franken Entschädigung
Die Gründung der Schweizerischen Energie-Stiftung
(SES) 1976 kann als direkte Folge der Besetzung des
Geländes für das geplante AKW Kaiseraugst 1975
­betrachtet werden. Vielen Demonstrierenden wurde
klar, dass es nicht nur darum gehen konnte, ein AKW
zu verhindern, sondern dass die Schweiz eine grundlegend neue Energiepolitik braucht. Statt jede Stromnachfrage zu befriedigen, sollte überlegt werden, wie
die Nachfrage zu steuern wäre. Das Buch über die
«Grenzen des Wachstums» (Forrester, Meadows 1970)
hatte uns die Augen geöffnet für die Grenzen der
­Ressourcen auf diesem Planeten.
In den frühen achtziger Jahren war ich Mitglied der
nationalrätlichen Kaiseraugst-Kommission und ab
1981 Vizepräsidentin des SES-Stiftungsrats. Zusammen mit dem SES-Präsidenten Werner Geissberger
und dem Stiftungsrat erarbeiteten wir viel Input für
meine Kommissionsarbeit. Wir waren absolut überzeugt, dass eine vernünftigere und umweltverträglichere Energiepolitik ohne AKW möglich sein müsste.
Nicht so die NR-Kommissionsmehrheit, welche dem
Bedarfsnachweis 1983 für das AKW Kaiseraugst mit
18:13 Stimmen zustimmte. Das Parlament stimmte
später ebenfalls zu.

Die SES-Notizen erschienen von 1978 bis 1981 und umfassten 8 Seiten. Ab 1. Juli 1979 arbeiteten drei Personen halbtags im SES-Sekretariat: Geschäftsleiter Peter Gysling, Marie-Theres
Benz und Ursula Koch. 1978 erzielte die SES Einnahmen von 85’000 Franken.
Ab 1982 erschien ENERGIE & UMWELT vier Mal pro Jahr mit einem Umfang von 24 Seiten. Seit
1981 war Ruth Michel Redaktorin. Ab Juli 1986 übernahm Thomas Flüeler diese Aufgabe. Das
Logo mit den drei Buchstaben SES wurde 1990 eingeführt.

16  Energie & Umwelt 2/2016

1986 verstarb Werner Geissberger. Als Vizepräsidentin
musste ich vorübergehend in die Lücke springen. Ich
glaube, Werner erlebte nicht mehr, wie 1986 ein
Natio­nalrat Blocher, umgeben von lauter atombegeisterten Getreuen, von einem parlamentarischen
Vorstoss berichtete, der zum Ziel hatte, auf das AKW

Kaiseraugst aus regionalpolitischen Gründen zu verzichten und die Bauherrschaft mit 350 Mio. Franken
zu entschädigen, nach Kosten von 1,3 Mia. Franken!
– Heutzutage hätten Organisationen wie die SES eine
Entschädigung verdient, weil sie mithalfen, den
teuren, umweltbelastenden Spuk zu verhindern.
Ursula Mauch, SES-Vizepräsidentin von 1981 bis 1993

Von 1996 bis 2006:
Hitzige Energiedialoge
In den 90er-Jahren prägte die grüne Nationalrätin
Rosmarie Bär als Präsidentin das Bild der SES in der
Öffentlichkeit. Es war die Zeit nach der gewonnenen
Moratoriums-Initiative und der hitzigen Energie­
dialoge, aber auch der beginnenden Klimapolitik. Im
Jahr 2000 übernahm die Aargauer SP-Grossrätin Eva
Kuhn das Präsidium und ab 2004 der grüne Nationalrat Geri Müller. Die SES-Geschäftsstelle leitete ab dem
Jahr 1996 Armin Braunwalder und ab 2004 sein Nachfolger Jürg Buri.
Im Zentrum der energiepolitischen Arbeit der SES
standen in diesen Jahren die beiden Initiativen «Strom
ohne Atom» und «Moratorium Plus». Die Abstimmung
im Jahr 2003 ging leider verloren wie auch drei Jahre
zuvor die Abstimmung zur Energie-Umwelt-Initiative
sowie Solar-Initiative. Zudem profilierte sich die SES
mit Beiträgen zum Atommüll-Problem, zum Sicherheitsrisiko der Atomkraftwerke, zur Diskussion über
die Öffnung des Strommarkts, zur Rolle der Wasserkraft, zur Klimapolitik sowie zum Bau von Hoch­
spannungsleitungen und zum Elektrosmog.
Ein Erfolgsprodukt wurde die Schweizerische Agentur
für Energieeffizienz S.A.F.E., welche im Jahr 1998 von
SES-Leuten gegründet wurde. Die SES beeinflusste die
energiepolitische Diskussion auch mit zahlreichen
Publikationen, beispielsweise 1999 durch den SES-­
Report 16 mit dem Titel «Wege zur nachhaltigen
­Energieversorgung» mit Beiträgen von Hans Christoph
Binswanger, Rosmarie Bär und Pierre Fornallaz, und
1997 mit einer Broschüre zur Wiederaufarbeitung
­radioaktiver Abfälle, aber auch mit Broschüren zu
den jährlichen SES-Tagungen.
Kurt Marti, SES-Geschäftsleiter von 1994 bis 1996
und E&U-Redaktor von 1996 bis 2003

Von 2006 bis 2016:
Ein Jahrzent Anti-Atom
Im Oktober 2006, also zu Beginn dieses letzten Jahrzehnts, begann Sabine von Stockar mit ihrer Arbeit auf
der Geschäftsstelle. Als Projektleiterin Atom & Strom
prägte sie das Bild der SES in der Öffentlichkeit ganz
stark. Überhaupt war das Atomthema wohl das Leit-

Im grünen Kleid erschien das Magazin von 1994 bis 2006. Redaktor der Nr. 2 Juni 1986 war Patrick Frei. Die Auflage betrug 4000 Exemplare. Die Mitgliederbeiträge waren 1996 gleich hoch
wie heute. Am 1. Juni 1996 übergab Kurt Marti die Geschäftsleitung an Armin Braunwalder.
Seit 2007 hat jede Ausgabe von Energie & Umwelt eine andere Umschlagsfarbe und wird
durchgehend vierfarbig gedruckt. Von der aktuellen Ausgabe (Nr. 2/2010) werden 11’000
Exemplare verteilt. Im Jahresbericht 2009 weist die SES Einnahmen von 1,25 Mio. Franken
aus und hat 5140 Mitglieder.

motiv in den vergangenen zehn Jahren. Es ging um
die Frage der Begrenzung der Laufzeit der Schweizer
AKW, um die Suche der Nagra nach Standorten für
Langzeitlager, um die Fonds für den späteren Rückbau der AKW, usw. Sabine hatte meist eine Prakti­
kantin oder einen Praktikanten zur Seite, was sich als
wertvolle Ergänzung des Teams erwies.
Im Februar 2011, also in der Mitte des Jahrzehnts,
kam Felix Nipkow neu als Projektleiter Erneuerbare
Energien auf die Geschäftsstelle. Während Sabine
­sozusagen von Berufes wegen auf Missstände, Ungereimtheiten und Schlimmeres hinweisen musste, ist
Felix dazu da, Alternativen aufzuzeigen.
Die beiden entwickelten sich bald zu einem einge­
spielten Team, das insbesondere auf Veranstaltungen
in unterschiedlichen Moderatorenrollen sehr gut zusammenarbeitete. Sabine drückt sich auf Französisch
und Deutsch gleichermassen präzise und packend aus.
Felix meistert Interviews, Tagungen und Podiums­
diskussionen souverän.
Mit Florian Brunner ist heute ein ehemaliger Praktikant als Projektleiter Fossile Energie & Klima auf der
Geschäftsstelle tätig. Die Nachfolge der scheidenden
Projektleiterin Atom & Strom ist bestens geregelt.
Wir können also «gut aufgestellt» ins nächste Jahrzehnt gehen.
Dieter Kuhn, SES-Vizepräsident seit 2002
Demnächst online! Die ETH-Bibliothek digitialisert zurzeit alle Ausgaben von
­ENERGIE & UMWELT. Weitere Informationen folgen.

Energie & Umwelt 2/2016  17

Stilllegung und Entsorgung von Atomkraftwerken

AKW Mühleberg: Mit der Stilllegung naht
der Zahltag
Mit der Stilllegung des Atomkraftwerks Mühleberg ab dem Jahr 2020 erhält die Frage
nach der Endlagerung des radioaktiven Abfalls eine neue finanzielle Brisanz: Wer bezahlt
die explodierenden Kosten für Standortsuche, Bau und Betrieb der Endlager, wenn damit
niemand mehr ein kommerzielles Interesse verbindet?
Von NILS EPPRECHT 
SES-Projektleiter Atom & Strom,

Die BKW macht Ernst: Anfang April hat sie das
Stilllegungsprojekt des Atomkraftwerks Mühleberg öffentlich aufgelegt und damit einen ersten
Tatbeweis für den Atomausstieg erbracht. Sie
plant, das AKW Mühleberg ab 2020 vollständig
rückzubauen und das Gelände 2034 freizugeben. Verglichen mit analogen Rückbauprojekten in Deutschland ist das ein sehr sportlicher Zeitplan. Doch die
Unterschätzung von Zeit- und Geldbedarf für die atomare Stilllegung und Endlagerung hat in der Branche
System. Mit dem einzigen Ziel: Die Vermeidung von
heute anfallenden Kosten.

Weniger Zeit heisst geringere Kosten
Bestes Beispiel für diese Strategie ist die seit dem Bau
der AKW andauernde Suche nach geeigneten Endlager­
standorten für radioaktiven Atommüll. Ungeachtet der
grossen Verzögerungen in den letzten Jahrzehnten
wird die Nationale Genossenschaft für die Lagerung
radioaktiver Abfälle (Nagra) nicht müde, optimisti­sche
Terminpläne für den Endlagerbau zu postulieren.
Kein Wunder, denn die Nagra gehört mehrheitlich
den Betreiberkonzernen der AKW, da diese gemäss
Verursacherprinzip für die milliardenschwere Realisie­
rung der Endlager selbst auf kommen müssen. Daher
gilt die Devise: je kürzer die Verfahrens- und Projektierungsdauer für die Endlager, desto geringer die geschätzten Kosten. Alleine die Nagra selbst verschlingt
pro Jahr 50 Mio. Franken und mehr.
In einer alle fünf Jahre erscheinenden Studie beziffern die Betreiber die Kosten für Stilllegung und Endlagerung. Pikant dabei: Diese Kostenstudie wiederum
dient der Bemessung der Einzahlungen in den öffentlichen Stilllegungs- und Entsorgungsfonds (Stenfo). Damit sollen die für Stilllegung und Entsorgung anfallenden Kosten einst beglichen werden. Die Katze beisst
sich in den Schwanz: Die Betreiber schätzen Kosten ab,
für die sie selbst heute Geld beiseite legen müssen.

Zu optimistische Nagra-Zeitpläne wider
­besseren Wissens
In das Bild der überoptimistischen Nagra-Terminpläne
passt die Ablaufplanung bis zur Einreichung der Rah18  Energie & Umwelt 2/2016

menbewilligungsgesuche für die geologischen Tiefenlager (Endlager). So werden darin beispielsweise für die
erkundungstechnisch unabdingbaren Sondierbohrun­
gen in den potenziellen Standortgebieten gerade einmal zweieinhalb Jahre veranschlagt. Wider besseren
Wissens: Vergleichbare Nagra-Bohrun­gen aus früheren
Erkundungskampagnen (z.B. Benken ZH, Wellenberg
NW) sowie auch aus dem Bereich der Geothermie zeigen, dass für eine einzige Bohrung ­allein das Bewilligungsverfahren mehrere Jahre dauern kann. Gemäss
dem 2014 erstellten Terminplan der Nagra sollten die
Gesuche für die Bohrungen zwischen Mitte 2015 und
Mitte 2017 eingereicht werden und die Bohrungen
Ende 2019 abgeschlossen sein. Mitte April hat nun die
Nagra informiert, dass sie Gesuche für acht Sondierbohrungen bis im Sommer 2016 einreichen und diese
bis Ende 2021 abgeschlossen haben will. Sie hinkt ihrem
selber erstellten Zeitplan also bereits nach zwei Jahren
sage und schreibe zwei Jahre hinterher.

Aufgeschoben ist schlecht aufgehoben
Der Ablauf für die Erstellung der Endlager zeigt zugleich die zweite beliebte Strategie in der Vermeidung
anfallender Kosten: die Aufschiebung kostenrelevan­
ter Untersuchungen auf später. So beabsichtigt die
Nagra z.B. den im Entsorgungskonzept zentralen Aspekt der bergbautechni­schen Rückholung des radioaktiven Abfalls erst im Testbereich des Endlagers, d.h.
in mehreren Hundert Metern Tiefe zu testen. Selbst
gemäss dem (zu) optimistischen Zeitplan der Nagra
soll dies frühestens 2060 der Fall sein. Zwar wurden
in einem 50 Meter kurzen Versuchsstollen im Felslabor Mont Terri (JU) erste ­Versuche für die Einlagerung
angestellt. Eine vollauto­matische Rückholung im tatsächlichen zirka 800 ­Meter langen und 2,5 Meter dünnen Endlagerstollen ist damit jedoch bei weitem nicht
ausreichend simuliert und es bleiben ­vielerlei Fragezeichen. Es kann also sein, dass 2060 oder später – nach
erfolgter Standortwahl, erfolgreich bestandener Volks­
abstimmung und Bau des Tiefen­lagers – herausgefunden wird, dass weder der Einlagerungsprozess geschweige denn die Rückholung wie vorgesehen funktionieren und das Konzept überarbeitet werden muss.
Vor dem derzeit düsteren finanziellen Hintergrund,
werden die beiden Kostenvermeidungsstrategien –

Annahme: Stopp wegen
Nichteignung mit Beginn
an neuem Standort.

3. Rahmenbewilligung
4. Bau Felslabor
5. Erhebung Daten unter Tage
6. Nukleare Baubewilligung
7. Bau Lager
8. Nukleare Betriebsbewilligung
9. Einlagerungsbetrieb
10. Beobachtungsphase
11. Verschluss Hauptlager

+ 35 Jahre

12. Verschluss Gesamtlager

+ ~80 Jahre

Bauverzögerungen gibt
es bei 9 von 10 Grossprojekten. Gemäss Experten hat die Nagra z.B.
die Zeitspannen für den
Bau von Felslabor und
Lager viel zu optimistisch
kalkuliert.

Verzug wegen rechtlichen Einsprachen
ist nicht eingeplant. Ein
Rekurs bei der Bau- oder
Betriebsbewilligung
mit Weiterzug bis zum
Bundesgericht könnte
das Verfahren jeweils um
4–6 Jahre blockieren.

Böse Überraschungen
gibt es keine im Zeitbudget von Nagra/BFE.
Zu hoher Wasserfluss im
Opalinuston beispielsweise könnte die Arbeiten
um unbestimmte Zeit
verzögern oder zum Abbruch führen (siehe pessimistisches Szenario).

2220

2210

2200

2190

2180

2170

2150

2140

2160

Zeitplan HAA*
Optimistisch Nagra/BFE
Realistisch SES
Pessimistisch SES

Die Beobachtungsphase
muss mindestens
100 Jahre dauern. Die
vorgesehenen 50 Jahre
sind im Vergleich zu den
Zeiträumen, während
denen radioaktive Abfälle
gefährlich strahlen
(1 Million Jahre), zu kurz.

Grafik: Fischer.d

2. Feldarbeiten

* Beispielhaft wird hier nur der Zeitplan für hochaktive Abfälle (HAA)
gezeigt. Für die Entsorgung von schwach- und mittelaktiven Abfällen
(SMA) sind ebenso Verzögerungen und Mehrkosten zu erwarten.

1. Standortwahl (provisorisch)

2130

2120

2110

2100

2090

2080

2070

2060

2050

2040

2030

2020

2010

Deshalb ist der Nagra/BFE-Zeitplan unrealistisch

Quellen: siehe Hintergrundpapier «Schönrechnerei bei Atommüllkosten». Grafik: fischer.d

Unterschätzung der Projektdauer und Aufschiebung
kostenrelevanter Untersuchungen – für die AKW-­
Betreiber überlebenswichtig: Die Einzahlungen in
den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds bleiben (zu)
­niedrig und die Investitionen in die Erkundung von
Endlagerstandorten gering.

Fallstrick Solidarhaftung
Doch was heisst das für das AKW Mühleberg? Bild­lich gesprochen wurden bei der Inbetriebnahme der
Schweizer AKW vor bald 50 Jahren Flugzeuge gestartet,
ohne dass dafür ein Landeflughafen zur Verfügung
steht. Mit der Stilllegung des AKW Mühleberg ist nun
der Landeprozess eines Jumbos eingeleitet worden. Ein
Flughafen ist aber nach wie vor nicht in Sichtweite.
Nehmen wir trotzdem einmal an, die BKW bringt ihren
Jumbo einigermassen sicher zur Landung, braucht ­dafür
jedoch aufgrund der oben geschilderten notorischen
Kostengeringschätzungen mehr Geld, als im Fonds zurückgelegt wurde. In diesem Fall muss die BKW die
Zusatzkosten aus ihren eigenen Mitteln ­bezahlen –
sofern sie diese dann überhaupt hat. Falls nicht oder
wenn diese Zusatzkosten die BKW über kurze oder
lange Frist in den Konkurs treiben würden, kommt
Absatz 2 von Artikel 79 des Kernenergie­gesetzes (KEG)
zur Anwendung, die Fonds-Anteile für die Stilllegung
der weiteren AKW werden verwendet. Das im Fonds
entstehende Loch ist von den anderen AKW-Betreibern,
in der Hauptsache Axpo und Alpiq, gemäss Art. 80
Abs. 2 KEG auszu­gleichen. Diese stehen heute finan­
ziell jedoch noch schlechter da als die BKW und wer-

den der so genannten «Solidarhaftung» dereinst kaum
gerecht werden können. In der Kaskade der Finanzierung wird dann die letzte Instanz, der Bund, zur Kasse
gebeten.

Wir zahlen die Zeche
Das nicht ganz unwahrscheinliche Szenario zeigt: Die
Rechnung für die systematische Unterschätzung der
Projektdauer für die Stilllegung der AKW und End­
lagerung der radioaktiven Abfälle wird letztlich wohl
den Steuerpflichtigen aufgebrummt. Dies ist umso
stossender, als es die Betreiber in den vergangenen,
stromwirtschaftlich fetten Jahren verpasst haben, genügend Geld zur Seite zu legen.
Stattdessen haben sie in der Frage der Endlagerung
nichts unversucht gelassen, Kosten auf morgen zu
verschieben und damit eine wissenschaftlich abgestützte Standortsuche, die diesen Namen auch verdient, untergraben. Über den einstigen Milchkühen
kreisen heute die Pleitegeier und es deutet viel darauf
hin, dass sich dies bis zur Stilllegung des Schweizer
AKW-Parks nicht grundlegend ändern wird. Die nächs­
te Kostenstudie für Stilllegung und Entsorgung seitens
der Betreiber erscheint noch dieses Jahr – das darin
festgehaltene Resultat wird jedoch keine Überraschungen bergen. Um in der Bildsprache zu bleiben:
Bei den Stilllegungs- und Entsorgungskosten verhält
es sich wohl bald wie in einem Restaurant, in dem
sich der Wirt nach dem Servieren und Kassieren aus
dem Staub macht und die Gäste noch die Putzequipe
und die Tellerwäscher berappen müssen.
<
Energie & Umwelt 2/2016  19

SES aktuell

Jahresbericht 2015

Nils Epprecht neu bei der SES

rp. Aus Anlass unseres Jubiläums «40 Jahre SES» werden der
Jahresbericht und die Jahresrechnung 2015 an alle GönnerInnen und SpenderInnen der SES verschickt. Das Wichtigste
vorneweg: Es war ein bewegtes und erfolgreiches Jahr. Zum
Jahresende kam es zu einem Wechsel an der Spitze der SES.
Nach zwölf Jahren als Stiftungsratspräsident trat der Badener
Stadtammann und alt Nationalrat Geri Müller zurück. Neu
wird der Stiftungsrat der SES vom Basler Nationalrat und
Energiepolitiker Beat Jans präsidiert.

Kennzahlen 2015
	

GönnerInnen	

Finanzen	

n	 SES Anti-Atomclub	 617 (+ 5 %) 	 n	 Einnahmen	 CHF 1,450 Mio.
n	 GönnerInnen 	
7156 (+ 3 %)	 n	 Ausgaben	 CHF 1,431 Mio.
n	 SpenderInnen	
4313 (+ 0 %)	 n	 Überschuss	 CHF 19’441

Der detaillierte Jahresbericht und die Jahresrechnung werden
am Montag, 20. Juni 2016, auf unserer Website pub­liziert.

Die SES unter dem Messer

Wie die SES ist auch das bisherige Logo in die Jahre gekommen. Nun haben wir dieses aufgefrischt. Das Logo ist der
Kern einer Marke und muss sich beim flüchtigen Betrachter
rasch einprägen. In der heutigen Medien- und Bilderflut ist
es umso wichtiger, die eigene Identität einfach und markant
zu kommunizieren. Fischerdesign aus Würenlingen haben
sich dieser Aufgabe angenommen und das bewährte Erschei­
nungsbild zeitgemäss weiterentwickelt. Getreu dem Motto
«Reduce to the max» wurde das SES-Logo auf die markante
Form um die drei Buchstaben eingedampft. Neu kommunizieren wir auch unsere URL. Mit der Farbe Rot bleibt der
Wiedererkennungseffekt erhalten. Wir danken Fischerdesign
und Art Director Claudius Fischer, welcher die SES seit nunmehr 16 Jahren grafisch begleitet, für diesen gelungenen
neuen Auftritt.
20  Energie & Umwelt 2/2016

Im April hat Nils Epprecht bei der
SES die Nachfolge von Sabine von
Stockar als Projektleiter Strom &
Atom angetreten. Epprecht hat an
der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert und sich dabei
unter anderem in seiner Master­
arbeit zu automatischen Fahrzeugen vertieft mit der Schnittstelle
zwischen Technologie und Gesellschaft beschäftigt. Nach dem Studi­
um stellte er sich während vier Jahren in den Dienst der
nachhaltigen Raumentwicklung und begleitete von der
Transformation des Winterthurer Sulzer­areals über Freiraumkonzepte entlang von Glatt und Töss bis hin zu kommunalen Energieplanungen im Kanton ­Zürich eine breite
Projektpalette.
In der Freizeit begeistert ihn von Fussball bis Philo­sophie
und von Wandern bis Singen vieles – und auch politisches
Engagement findet darin immer wieder seinen Platz. Bei
der SES liegt sein Schwerpunkt nun bei der Atomenergie
und den damit verbundenen Fragen zu Sicherheit, Stilllegung und Endlagerung sowie den Auswirkungen auf die
Strompolitik.

SES-Stellungnahmen auf nationaler Ebene
Die SES bringt sich in den
­politischen Prozess ein und
hat in diesem Jahr bereits
bei mehreren Anhörungen
und Vernehmlassungen mit­
gewirkt. Auf dem Programm standen u.a. Revi­
sionen der CO2-Verord­nung,
der Energieverordnung und
der
Strahlenschutzverord­
nun­gen sowie das Konzept
Windenergie des Bundes. Die jüngste SES-Stel­lungnahme
betrifft eine Änderung der Energieverordnung (EnV): Neufest­
legung des Zuschlags gemäss Art. 15b des Energiegesetzes
(EnG). Die SES begrüsst die längst fällige Erhöhung der
kosten­deckenden Einspeisevergütung (KEV) auf das gesetzlich festgeschriebene Maximum von 1,5 Rappen. Aber
selbst mit der Ausnutzung des gesetzlichen Maximums von
1,5 Rp. / kWh kann die Warteliste nicht abgebaut werden.
Dazu muss das Parlament im Rahmen der Energiestrategie
2050 die Obergrenze auf 2,3 Rp. / kWh erhöhen oder idealerweise ganz aufheben.
» Alle SES-Stellungnahmen sind auf www.energiestiftung.ch
zu finden.

SES aktuell

JUBILÄUMS-JAHRESVERSAMMLUNG 2016

40

Jahre Schweizerische
Energie-Stiftung

Samstag, 18. Juni 2016, 16.15 – 21.00 Uhr,
­Kaufleuten Zürich, Festsaal
Die SES ist 1976 als Stiftung gegründet worden und engagiert sich
seither für eine intelligente, umwelt- und menschengerechte Energie­
politik. 40 Jahre sind seither vergangen. Diesen runden Geburtstag
möchten wir mit Ihnen feiern.
Melden Sie sich jetzt schon an: www.energiestiftung.ch/40
Festrede: Moritz Leuenberger, a. Bundesrat
Programm-Block 1
16.15 Uhr: offizielle SES-Jahresversammlung mit Übergabe des
Präsidiums von Geri Müller an Beat Jans
Programm-Block 2
18.15 Uhr: Festrede mit Moritz Leuenberger, anschl. Essen (Buffet)
21.00 Uhr: Ende der Veranstaltung

Die SES vor der Kamera

Impressum
ENERGIE & UMWELT Nr. 2, Mai 2016
Herausgeberin:
Schweizerische Energie-Stiftung SES, Sihlquai 67, 8005 Zürich, Telefon 044 275 21 21,
Fax 044 275 21 20, info @ energiestiftung.ch, www.energiestiftung.ch
Spenden-Konto: 80-3230-3
Redaktion & Layout: Rafael Brand, Scriptum, Telefon 041 870 79 79, info @ scriptum.ch
Redaktionsrat: Jürg Buri (jb), Rafael Brand (rb), Florian Brunner (fb),
Nils Epprecht (ne), Felix Nipkow (fn), Myriam Planzer (mp), Valentin Schmidt (vs)
Re-Design: fischerdesign, Würenlingen
Korrektorat: Vreni Gassmann, Altdorf

«Die Chancen sind gross, dass die BKW-Gelder für den Rückbau und die Stilllegung nicht ausreichen werden», sagte
SES-Geschäftsleiter Jürg Buri kürzlich in der Tagesschau.
Zudem könnte die BKW in Zukunft im Rahmen der Solidarhaftung auch Schadenkosten von Alpiq und Axpo übernehmen müssen. «Das wäre für die BKW sehr schmerzhaft.»
Immer wieder nimmt die Geschäftsstelle den Medien gegenüber Stellung, klärt auf und erläutert Hintergründe zu
komplexen Energiefragen. Auf unserem Youtube-Kanal doku­
mentieren wir seit einiger Zeit alle Bewegtbild-Auftritte.
Diese Übersetzungsarbeit für Medien und Öffentlichkeit,
aber auch gegenüber PolitikerInnen und unseren Mitgliedern
und SpenderInnen ist eine Kernaufgabe der SES.

Druck: ropress, Zürich,
Auflage: 11’000, erscheint 4 x jährlich
Abdruck mit Einholung einer Genehmigung und unter Quellenangabe und Zusendung eines
Beleg­exemplares an die Redaktion erwünscht.
Abonnement (4 Nummern):
Fr.   30.–	
Inland-Abo
Fr.   40.–	
Ausland-Abo
Fr.   50.–	
Gönner-Abo

SES-Mitgliedschaft (inkl. E & U-Abonnement)
Fr. 400.–	
Kollektivmitglieder
Fr. 100.–	
Paare / Familien
Fr.   75.–	
Verdienende
Fr.   30.–	
Nichtverdienende

E&U-Artikel von externen AutorInnen können und dürfen von der SES-Meinung abweichen.
Das E&U wird auf FSC-Papier, klimaneutral und mit erneuerbarer Energie gedruckt.

» Die SES vor der Kamera: www.youtube.com/energiestiftung
Energie & Umwelt 2/2016  21

Energiepolitik und Migration

Mit erneuerbaren Energien die Fluchtursachen bekämpfen
Es sind insbesondere auch die Machtkämpfe und Kriege um fossile und atomare Energie­
rohstoffe, die für Millionen von Flüchtlingen verantwortlich sind. Ein verstärkter und
­rascher Ausbau erneuerbarer Energien als Ersatz für die fossil-atomare Energieerzeugung
könnte wesentlich zur Beseitigung und Milderung der Migrationsursachen beitragen und
wäre gar der Beginn einer neuen Friedenspolitik.
Von Florian Brunner
SES-Projektleiter Fossile Energien & Klima,

Die Umstellung auf eine erneuerbare und regionale Energieversorgung ist aus weltpolitischer
Betrachtung von grosser Bedeutung. Denn die
globale Energieversorgung basiert heute zu etwa
80 % auf fossilen Energien (siehe Grafik unten),
deren Vorkommen sehr ungleich verteilt sind. Eine
Verknappung von Erdöl und Erdgas wird zu einer weiteren Verschärfung der Verteilkämpfe führen. Energie­
rohstoffe sind wichtige geostrategische Machtinstrumente. Schon heute liegen die Wurzeln vieler Kriege
und Konflikte im Abbau, dem Besitz und der Verteilung von fossil-atomaren Energieträgern.
Kurz: Wer auf diese Energierohstoffe setzt, muss mit
Flüchtlingsströmen rechnen.

Fossil-atomare Energien als Fluchtursache
Europa wird seit Monaten von einem anschwellenden
Flüchtlingsstrom erfasst. Während viel über Grenzzäune und Hilfe für Flüchtende debattiert wird, wird
der Stellenwert der Energie- und Klimapolitik als
Fluchtursache oft und gerne übersehen. Die Gründe
der derzeitigen starken Fluchtbewegungen sind zwar
komplex und vielschichtig. Sicher ist aber auch, dass
die fossil-atomaren Energiequellen mitverantwortlich
sind. Die meisten aktuellen Kriege hängen direkt oder

indirekt mit fossilen-atomaren Energierohstoffen zusammen und werden aus deren Erträgen finanziert.
Vor allem aber ist die Nutzung von Erdöl, Erdgas und
Kohle auch Ursache für den Klimawandel. Und dieser
ändert heute schon in manchen Regionen der Erde
das Lebensumfeld so dramatisch, dass viele Menschen
schlicht zur Flucht gezwungen sind.

Syrien: auch ein energiepolitischer ­Konflikt
Syrien ist derzeit das Land mit den meisten Flüchtlingen. Wegen des Bürgerkriegs sind bisher über 4 Millionen Menschen ins Ausland geflohen. Mehr als 7 Milli­
onen Menschen sind zudem innerhalb Syriens auf der
Flucht. Von den zirka 22 Millionen in Syrien lebenden
Menschen sind somit rund die Hälfte Flüchtlinge und
Vertriebene.
Der Krieg in Syrien wurzelt ebenfalls in energiepo­
litischen Machtkämpfen. So gab Katar im Jahr 2009
­zusammen mit der Türkei bekannt, eine Pipeline zu
bauen, die Erdgas aus dem weltgrössten Erdgasfeld
South Pars / North Field im persischen Golf von Katar
durch Saudi-Arabien und Syrien in die Türkei bzw.
weiter nach Europa transportieren soll (siehe Karte
nebenan). Unterstützende westliche Industrieländer
beabsichtigen, mit Gas aus Katar unabhängiger vom
russischen Monopol zu werden. Das Gasfeld teilt sich
Katar allerdings mit dem Iran. Und Russland als iranischer Verbündeter verfügt über ein Interesse, dieses

Estimated Renewable Energy Share of
Global Final Energy Consumption (2013)

Fossil fuels

Grafik: REN21

78.3%
Modern renewables

10.1%

Biomass/
geothermal/
solar heat

Hydropower

3.9%

4.1%

All renewables

19.1%
Nuclear power

2.6%

22  Energie & Umwelt 2/2016

Traditional biomass

9%

1.3% 0.8%
Wind/solar/ Biofuels
biomass/
geothermal
power

Gas mit einer Konkurrenz-Pipeline von Iran über Irak
und Syrien nach Europa zu bringen, um so seine Vormachtstellung auf dem europäischen Gasmarkt beizubehalten.1

Wer Europa aus dem Nahen Osten also mit Erdgas beliefern will, kommt an Syrien fast nicht vorbei. Bei
diesem Machtkampf um Gas spielt Syrien daher unweigerlich eine zentrale Rolle. Syriens Machthaber
Bashar al-Assad weigerte sich denn auch, beim KatarProjekt grünes Licht zu geben und das Abkommen zu
unterzeichnen; das Projekt scheiterte. 2012 unterzeichnete Syrien stattdessen einen Pipelinevertrag mit
Iran (auch um die Interessen des russischen Verbündeten zu schützen2). Die Verhandlungen Assads über
den Bau einer Pipeline, die das gigantische Erdgasfeld
im Iran über den Irak nach Syrien und weiter über
den Libanon mit Europa verbinden sollte, besiegelten
das Schicksal des Assad-Regimes.
Katar, Saudi-Arabien und die Türkei begannen ihrerseits, einen syrischen al-Qaida-Ableger sowie die Kämp­
fer der Terrorgruppe IS zu finanzieren und mit Waffen auszustatten. Katar gehört gewissermassen zu den
grössten finanziellen Unterstützern des Aufstandes
bzw. der Rebellen in Syrien. Aber auch Saudi-Arabien
finanziert Assad-Gegner in Syrien. Beide wollen sie, mit
Unterstützung der USA und England, Assad stürzen;
währenddem Russland und Iran Assad an der Macht
halten möchten. Der daraus resultierende Krieg und
die Folgen davon sind bekannt.

Flüchtlinge als Kollateralschaden
Der Krieg in Syrien ist also auch ein geopolitischer
Ressourcenkrieg um Erdgas. Sowohl Russland / Iran
als auch Saudi-Arabien / Katar bzw. die USA möchten
in Syrien Einfluss nehmen, um die Energieströme in
dieser Region zu kontrollieren. Hier geht es im Kern
um einen Stellvertreterkrieg zur Ausbeutung der welt­
grössten Erdgasreserven. Der Konflikt um die GasPipelines trug wohl einen wesentlichen Anteil zum
Krieg in Syrien und zur momentanen Flüchtlings­
welle bei. Die Flüchtlinge sind in diesem Sinne ein
Kollateralschaden des Ressourcenkriegs.

Tiefe Rohstoffpreise – hohe Flüchtlingskosten
Die grossen Nationen Russland, China, Indien, die EU
und USA werden sich um die verbleibenden Erdölund Erdgas-Ressourcen weiter streiten, wenn nötig mit
Gewalt. So entstehen Ressourcenkriege. Und mit dem
Erreichen des Peak Oil oder dem Auffinden bzw. der
Ausbeutung von neuen Erdgasfeldern (wie jenes im
persischen Golf) wird die Situation noch konflikt­
reicher. Die tiefen Rohstoff-Preise kommen erschwerend hinzu. Zu den Verlierern des tiefen Ölpreises
gehört z.B. der Irak, aus dem nebst Syrien die meisten
Flüchtlinge kommen. Sowohl die Regierung in Bagdad
als auch die kurdische Autonomieregierung finanzie-

Grafik: oil-price.net

Terror und Krieg um Erdgas

ren sich durch Rohölverkäufe. Mit den Erlösen werden
nicht nur der Kampf gegen den IS-Terror, sondern auch
viele der Flüchtlingslager im Kurdengebiet finan­ziert.
Erholt sich der Ölpreis nicht wieder, fehlt hierfür das
Geld. Dann könnten sich auch von hier aus noch mehr
Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen. Die
Folgen des Preisverfalls betreffen aber nicht nur die
Region um Syrien und Irak. Auch wichtige afrikanische Gas- und Öl-Produzenten wie Algerien sind auf
die Einnahmen aus den Rohstoffverkäufen angewiesen.
Fehlt ihnen aber im Staatshaushalt das Geld für Sozial­
leistungen, droht die Zahl der Flüchtlinge aus diesen
Ländern zu steigen.

Erneuerbare Energierohstoffe als Lösung
Für den energiepolitischen Anteil der Konflikte und
Kriege gäbe es aber eine gute Lösung, nämlich erneuerbare Energien. Ein rascher Umbau des fossilen Zeitalters zu einer erneuerbaren Energiewirtschaft mit
sozial gerechten Strukturen kann wesentlich zur Entschärfung und Beseitigung der Fluchtursachen beitragen. Zur Bekämpfung des Klimawandels sind nebst
der Energieeffizienz die erneuerbaren Energien ebenfalls die beste Wahl.
Dieser Weg ist ausserdem ökonomisch höchst sinnvoll, denn die erneuerbaren Energiequellen Sonne,
Wind und Wasser verursachen – abgesehen von den
Investionskosten – keine weiteren Energie- bzw. Brennstoff kosten. Es wäre eine hochrentable Investition in
eine weltweit stabile politische und wirtschaftliche
Zukunft. Die erneuerbaren Energien müssen daher
weiter gefördert werden, damit sie kostenmässig auch
denen gerecht werden, die Entwicklung dringend
brauchen. Wenn das sowohl auf den heimischen wie
auch auf den internationalen ­Energiemärkten gut
umgesetzt wird, dann kann das künftig so etwas wie
eine neue Friedenspolitik darstellen!
<

1 	 www.foreignaffairs.com/articles/syria/2015-10-14/putins-gas-attack
2	 www.theguardian.com/environment/earth-insight/2013/aug/30/syria-chemicalattack-war-intervention-oil-gas-energy-pipelines
Energie & Umwelt 2/2016  23

«Wer nicht auf die Atomkraftgegner hört,
den bestraft der Markt.»

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AZB
P.P. / JOURNAL
CH-8005 ZÜRICH

Jürgen Trittin, Bundestagsabgeordneter und ehemaliger deutscher Bundesumwelt­
minister, am Nuclear Phaseout Congress 2016.
        
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