Wir sollen nicht wählen? Wir sollen freiwillig dem Gegner das Feld
überlassen? Sind wir politische Narren? Das könnte den Nazis so passen:
freiwillig ihnen die Macht überlassen; dann machen sie, was sie wollen.
Genug! Die Zeit ist zu ernst für Späße. Ich konstatiere mit Freude, daß
alle einig sind in dem Wunsch, den Gegner zu schlagen. Wenn hier
— das bleibt noch zu sagen übrig — verschiedene Meinungen über die
Jugend und ihre Arbeit in der Partei zutage getreten sind, so bin ich
der Auffassung, daß man auch hier bei gutem Willen von beiden Seiten
zu einer Einigung kommen kann. Kollege Riebe und die Genossin
Brinkmann —- die sich so warm für die Jugend eingesetzt hat, was ich
voll und ganz verstehe — werden mir recht geben, wenn ich sage:
beides ist richtig; man muß nur beides richtig vereinen. Wir alle aber
— und damit komme ich zum Schluß —, wir alle haben die verdammte
Pflicht, alles zu tun, um siegreich aus diesem Wahlkampf hervor-
zugehen.“
Das waren die richtigen Worte; war das, was die Mehrzahl der Mit-
glieder erwartet hat. So will auch der Beifall kein Ende nehmen.
„Großartig“, ist die Meinung der meisten. Viele drängen sich jetzt
um Uprecht. Viele drehen die Köpfe nach ihm, als er mit Riebe den
Saal verläßt.
Gustav Riebe ist nicht zufrieden. Schweigend geht er an Uprechts Seite.
Sie wollen zusammen nach Hause fahren.
„Du bist so still?“
Riebe knurrt nur.
„Raus damit! Hab” ich was Falsches gesagt?“
„Du bist ein Demagoge, Uprecht. Nimm’s mir nicht übel!“
Uprecht lacht:
Wieso?“
„Das weißt du ebensogut wie ich.“
„Aber hör mal, du hast auch nicht ganz recht. Es hat doch keinen
Zweck, die Jugend direkt zu reizen, Das mit den ‚Windeln‘ hättest du
nicht gerade zu sagen brauchen, auch wenn es richtig ist.“
„Ich sage, wie ich’s meine. Hast du vielleicht die Erika Brinkmann
gesehen? Die Alteste von Ernst? Ich hab’ sie genau beobachtet. Als ich
sprach, hat sie dauernd mit den andern getuschelt! Mir tut nur leid,
daß ich nicht noch mehr gesagt habe.“
Wieder lacht Uprecht,
„Gustav, nimm mir’s nicht übel, du bist zu gereizt in der letzten Zeit.
Dir fehlt eine kleine Auffrischung. Du müßtest mal ganz raus. Ich muß
-
Mr
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