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Full text: Heimerziehung im Evangelischen Johannesstift 1945-1970

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Heimerziehung im Evangelischen Johannesstift 1945 – 1970
Helmut Bräutigam Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen gehörte zu den Grundanliegen des Gründers des Evangelischen Johannesstifts. Johann Hinrich Wichern wollte mit seinen Erziehungsanstalten, zuerst in Hamburg und schließlich 1858 im Evangelischen Johannesstift, eine Alternative zur damals üblichen Heimerziehung bieten.
der bis 15 Jahre (einschließlich seiner bis 1954 existierenden Mädchenabteilung Heideborn), das Lehrlingsheim Ulmenhof, ferner das Schüler- und Lehrlingsheim Birkenhof (beide für Jugendliche ab etwa 15 Jahren) und das Kleinkinderheim Neue Erde. Die Verhältnisse in den damaligen Heimen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, Quellenhof und Stoeckerhaus sollen aufgrund ihrer besonderen pädagogischen und medizinisch-therapeutischen Situation in einer Er wollte Kinder und Jugendliche, die aus ganz unterschiedeigenen Studie behandelt werden. Eine umfassende Würdigung der pädagogischen Arbeit im lichen Gründen nicht im Elternhaus aufwachsen konnten, in Evangelischen Johannesstift im genannten Zeitraum kann dikleinen Gruppen erziehen, die familienartig aufgebaut waren; ese Studie nur ansatzweise sein. Im Mittelpunkt der Untersuohne Zwang und auf die individuellen Anlagen und Bedürfchung standen die durch die aktuelle Debatte aufgeworfenen nisse eines jeden einzelnen Kindes eingehend. Seine EinrichFragen: Gehörten in der Zeit zwischen 1945 und Anfang der tungen sollten den Kindern ein Heim sein im emotionalen 1970er Jahre Schläge zum Erziehungsrepertoire? Inwieweit Sinn des Wortes. Ein hoher Anspruch. prägten sie den Erziehungsstil? Gab es bei den ArbeitsverhältWurde man den Ansprüchen, die Wichern formuliert hatte, nissen Formen von Zwang oder Ausbeutung? immer gerecht? War man pädagogisch auf der Höhe der Zeit? Es zeigte sich, dass nicht für alle Heime genügend AktenOder wurde der Heimaufenthalt den Kindern und Jugendmaterial zur Verfügung stand. Es sei hier vorweggenommen, lichen zur Belastung und Bedrückung, weil sie sich nicht dass aufgrund der Aktenlage für das Kleinkinderheim über angenommen fühlten, gedemütigt oder geschlagen wurden? den Erziehungsalltag und über den Erziehungsstil kaum Diese Fragen erhielten nach der Veröffentlichung des konkrete Aussagen getroffen werden konnten. Ähnliches ist Buches von Peter Wensierski mit dem Titel „Schläge im Navom Birkenhof zu sagen. Die Untersuchung konzentriert sich men des Herrn“ im Jahr 2006 eine neue Aktualität. Das Buch deshalb auf den Ulmenhof und, trotz schlechter Quellenlage, entfachte eine bis heute anhaltende gesellschaftliche Debatte aber wegen seiner Bedeutung, auf Jungborn. Einen Glücksfall über die Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland für die Untersuchung bedeuteten die in den 1950er und 1960er Jahren. noch erhaltenen Bewohnerakten des Mehrere Initiativen ehemaliger Wurde man den Ulmenhofs, von denen rund 1.200 die Heimbewohner bildeten sich, Jahre 1945 bis 1970 betreffen. Viele Forderungen nach Anerkennung Ansprüchen, die Wichern dieser Akten enthalten aussagekräftige des Leids, aber auch nach materielformuliert hatte, immer Dokumente über den Heimalltag. Etwa ler Kompensation wurden laut. Als ein Viertel wurde ausgewertet. gerecht? War man Konsequenz verschiedener PetitiZu Beginn der Untersuchung waren onen an den Deutschen Bundestag pädagogisch auf der kaum ehemalige Heimbewohner mit bildete sich unter Moderation der Höhe der Zeit? dem Johannesstift in Kontakt getreten, ehemaligen Bundestagsvizeprädie uns über ihre Erlebnisse berichteten. sidentin, Dr. Antje Vollmer, der Inzwischen liegen dankenswerterweise zwischen 2009 und 2010 mehrfach Aussagen von einigen ehemaligen Heimbewohnern vor, die tagende „Runde Tisch Heimerziehung“. Sein Ziel war die die aus den Akten gewonnenen Erkenntnisse in wertvoller Aufarbeitung der Heimerziehung in den 1950er und 1960er Weise ergänzen. Im Wesentlichen aber basiert die Studie auf Jahren unter den damaligen rechtlichen, pädagogischen und zeitgenössischem schriftlichem Material, wobei die sichersten sozialen Bedingungen. Der Vorstand des Evangelischen Johannesstifts beschloss, die Situation in den Heimen des Stifts Erkenntnisse über den Ulmenhof gewonnen werden konnten. in der damaligen Zeit untersuchen zu lassen. Während das Lehrlingsheim Birkenhof und das KleinIn die Untersuchung einbezogen wurden das heute nicht kinderheim erst nach 1945 entstanden waren, existierten mehr existierende heilpädagogische Heim Jungborn für KinJungborn und Ulmenhof seit den 1920er Jahren. In der

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Appell von Ulmenhof-Bewohnern, 1950er Jahre. Rechts der Heimleiter.

Berliner Heimlandschaft hatten sie ein eigenes Profil entwickelt: Jungborn als heilpädagogisches Kinderheim (seit 1954 nur Jungen) mit rund 55 Plätzen und angeschlossener Heimschule, Ulmenhof als Heim für männliche Jugendliche mit rund 80 Plätzen, die meist im Johannesstift selbst eine Handwerksausbildung absolvieren sollten. Beschulung und Ausbildung vor Ort gehörten im Vergleich zu anderen Einrichtungen in Berlin zu den Spezialitäten des Johannesstifts. Die Kinder und Jugendlichen stammten, von Ausnahmen abgesehen, aus Berlin. In die Heime wurden sie mit und ohne Zustimmung der Eltern und meist auf Kosten der Jugendämter wegen, wie es stereotyp hieß, „Schuloder Erziehungsschwierigkeiten“ eingewiesen. Die Ursachen dafür lagen meist in ungünstigen, auch zerrütteten Familienverhältnissen, etwa in der Überforderung von Eltern oder

Alleinerziehenden. Die Kinder wiesen teilweise psychische Störungen und Lernschwierigkeiten auf. In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebten in den Heimen des Johannesstifts aber auch Kriegswaisen und Flüchtlingskinder. Die Heime waren „halboffen“. Fluchthindernisse wie Gitter oder Mauern gab es nicht. „Entweichungen“ vom Gelände des Johannesstifts waren möglich und gar nicht so nicht selten. Ein großer Teil des Lebens konzentrierte sich auf dem Stiftsgelände: Schulbildung, religiöse Unterweisung, Arbeit und Ausbildung, selbst die allgemeinmedizinische Gesundheitsversorgung. In den Heimen lebten die Kinder und Jugendlichen in Gruppen von rund 13 (im Jungborn) bis zu 20 Personen (im Ulmenhof). Diese Gruppen (anfangs in Wicherntradition auch „Familien“ genannt) unterschieden sich im Altersaufbau, in der Zusammensetzung nach Aufenthaltsdauer oder in der pädagogischer

Problematik. Die Erzieher ernannten „Familienälteste“, die auf ihren Gruppen Sprecherfunktion hatten, aber auch auf die Einhaltung der Regeln achten sollten. Rückzugsmöglichkeiten für den Einzelnen gab es nur wenige. Bis Mitte der 1960er Jahre schlief man in großen Gemeinschaftssälen. Geleitet wurden die Heime jeweils von einem Heimleiter, die Gruppen betreuten meist Diakonenschüler. Erst in den 1960er Jahren traten an ihre Stelle fertig ausgebildete Diakone. Der Heimleiter wohnte mit seiner Familie im Heim; ebenso hatten die ledigen Gruppenerzieher einen Schlaf- und Arbeitsraum dort. Es gehörte zu den Besonderheiten beider Heime, dass Diakone und Diakonenschüler aus dem Johannesstift den überwiegenden Teil des Personals und der Leitungen stellten. Die Diakonenschüler absolvierten in den Heimen ihre Praktika. Ihr Dienst war geprägt von langen Arbeitszeiten; auch standen

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sie unter einem hohen Bewährungsdruck. Dieser Praktikanteneinsatz ist eine der Ursachen der starken Fluktuation der Erzieherschaft. Die in der Diakonengemeinschaft gepflegten Werte, ihre religiösen Überzeugungen und ihre damalige hierarchische, auf Gehorsam und Sittenstrenge ausgerichtete Ordnung beeinflussten den Erziehungsstil in den Heimen. Manche der unerfahrenen Erzieher waren mit ihrer Aufgabe überfordert. Man wolle auch „Kamerad“ und Vertrauensperson sein, klagte einer, aber wegen der Umstände sei das von Wichern geforderte Familienideal kaum zu verwirklichen. Sein Verhältnis zu seinem pädagogischen Gegenüber erschöpfte sich letztlich in einem unaufhörlichen und kräftezehrenden Kräftemessen: „Wie ein Läufer bin ich ständig im Rennen und muss konstant die Spitze halten, wenn ich nicht untergebuttert werden will!“

auf. Es war ihr ein Zuviel an als „antiautoritär“ empfundener Erziehung.

Erziehungsstil und Erziehungsziele Zwischen 1945 und 1970 fand im Johannesstift ein grundsätzlicher Wandel der Erziehungsziele und Erziehungsmethoden statt. Hierin war es verwoben mit dem Zeitgeist und folgte den gesellschaftlichen Trends. Waren in den 1950er Jahren Begriffe wie Ordnung, Anpassung und Gehorsam leitend, so machte in den späten 1960er Jahren das Schlagwort von der antiautoritären Erziehung die Runde. Mit dem Wandel gingen eine fachliche Professionalisierung des Erziehungspersonals und eine Neuausrichtung in den Erziehungszielen einher. „Straffe Führung…, dann ist er ein feiner Junge…“ – so hieß es in den 1950ern. Ein 17-Jähriger aus dem Ulmenhof beschrieb in einem Aufsatz, den er zur Strafe verfassen musste, in seinen Worten die damaligen Methoden: „Um im Ulmenhof gut und sicher leben zu können, bin ich verpflichtet einige Gesetze zu beachten, deren Überschreitung je nach ihrer Bedeutung und Tragweite vom Heimleiter schwer oder leichter bestraft werden. Vor allem muss ich allen Anordnungen des Heimleiters oder des Erziehers unbedingte Folge leisten und darf nicht widersprechen. Falls ich trotzdem dagegenreden sollte, muß ich mit ein paar Ohrfeigen vom Erzieher rechnen. Wenn ich mich dagegen widersetze und meinerseits zu Tätlichkeiten übergehe, betreibe ich offene Meuterei und werde demgemäß bestraft.“ Eine solche auf unhinterfragte Unterordnung ausgerichtete Erziehung wich in den 1960er Jahren allmählich einem anderen pädagogischen Verständnis. Zu beobachten ist ein wachsendes Interesse unter den Erziehern an „partnerschaftlichen“ oder „demokratischen“ Erziehungsformen und Berücksichtigung psychologischer Aspekte. Bedürfnisbefriedigung, Partizipation und Selbstbestimmung werden als Ziele der Erziehungsarbeit entdeckt; man suchte nach Erziehungsformen, die es ermöglichen würden, Erlebnis- und Emotionsdefizite der Kinder zu kompensieren. Dieser Wechsel der Erziehungsstile blieb nicht ohne Konflikte. Anfang 1970 löste die Stiftsleitung den Jungborn in seiner bisherigen Form

Heimalltag Der Tagesablauf war in den 1950er Jahren straff strukturiert und erwartete vom Einzelnen ein hohes Maß an Anpassung. Selbst mancher Erzieher empfand die Regeln als hart; einer nannte sie „drakonisch“. Dem gemeinsamen Wecken folgte Frühsport bei den Kindern, das gemeinsame Frühstück, je nach Alter Schule oder Berufsausbildung. Mittags und abends versammelte sich alles zum Essen. Zu einer bestimmten Zeit wurden die Lichter gelöscht. Großer Wert wurde auf äußere Ordnung gelegt: „Bettenbau“, „Schrankordnung“ und Schuhwerk wurden bei regelmäßigen Appellen peinlich genau überprüft. Die Freizeit war reglementiert. Ein Teil musste mit und auf der Gruppe verbracht werden. Individualisten hatten es schwer. Die Einordnung in die Gruppe bestimmte das Heimleben, die Entfaltung des Einzelnen war demgegenüber nachrangig. Die Erzieher sahen es gerne, wenn man sich an Gemeinschaftsaktionen wie dem Basteln für den Adventsmarkt beteiligte. Die Älteren durften während der Woche zu bestimmten Zeiten auch allein das Stiftsgelände verlassen, hatten sich aber genau an die gewährten Zeiten zu halten. Zu festgesetzten Zeiten, am Wochenende oder an Feiertagen, wurde Urlaub zu den Eltern oder Verwandten gewährt. Übertretungen der Freizeitregelungen wurden bestraft. Die Heimbewohner wurden zur Reinigung der Räume, zum Abwasch und zu anderen Hausarbeiten herangezogen. Innerhalb dieses festen Rahmens und verteilter Pflichten bot man den Jungen Freizeitbeschäftigungen, die den Gemeinschaftsgeist zwischen den Jungs wie auch den Erziehern fördern, ethische und lebenspraktische Werte und Erfolgserlebnisse vermitteln sollten. Wicherns Idee, einem jeden Kind ein Stück Garten zur eigenen Gestaltung zu überlassen, fand auch Anwendung. Sport, Musik, Wandern und Bastelarbeiten standen im Vordergrund. Gerne sang man mit den Kindern gemeinsam Lieder. Ein Stück ging man auch mit zeitgenössischen Moden, etwa wenn man eine „Skiffle“-Band ins Leben rief oder erlaubte, im Radio eine beliebte Schlagersendung zu hören. Der Weiterbildung dienten der Besuch kultureller Veranstaltungen und von Vorträgen, Besichtigungen und Ausflüge. Manche Kinder hatten Gelegenheit, ein Musikinstrument zu lernen. Auf sportliche Betätigung wurde großen Wert gelegt; es gab Schwimmunterricht und Gelegenheit zu Ballspielen. Jährlich wurde Ferienfahrten veranstaltet. Zum festen Freizeitrepertoire gehörte es, dass die Erzieher abends im Schlaf- oder Gemeinschaftssaal aus einem Buch vorlasen – ein Versuch, die Kinder mit Literatur bekannt zu machen. Der vorlesende Erzieher war damals im Stift ein beliebtes Fotomotiv, das Wärme, Familiensinn und Gemeinschaft ausdrücken sollte. In gesteuerter Form wollte man die Heimkinder auch am Gemeinschaftsleben des Stifts teilnehmen lassen. Für den

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Gemeinsames Singen auf der Veranda im Jungborn.

Adventsmarkt ließ man basteln, am Erntedankfestumzug nahmen auch die Heime teil. Wichtig war den Erziehern auch eine Beteiligung am religiösen Leben. Tischgebete und regelmäßiger Gottesdienstbesuch waren obligatorisch. Erst in den späten 1960er Jahren änderte sich dies; eine Folge des Zeitgeistes wie auch der Erkenntnis, dass die angeordneten Gebete als Zwang empfunden wurden, dem man nur widerwillig Folge leistete.

Ausbildung und Arbeit Der Tagesablauf im Jungborn wurde vom Besuch der Heimschule geprägt. Bis in die 1960er Jahre hinein wurden die Kinder auch zu gelegentlichen Arbeiten auf dem Feld und im Garten sowie zu Arbeiten für das Gemeinwesen herangezogen. Dafür gab es Belohnungen. Zumindest zeitweise bekamen die Heimkinder für ihre Arbeit weniger als mithelfende Kinder von Stiftsbeschäftigten, die privilegiert behandelt wurden. Die Heimkinder

wurden auch zu Bastelarbeiten für den galt als sozialpädagogische Maßnahme Adventsmarkt herangezogen. und stellte den damaligen BestimmunZiel der Erziehung im Ulmenhof gen nach keine Beschäftigung im Sinne war die Ausbildung in einem handdes Arbeitsrechts dar; sie war deshalb nicht arbeitslosen- oder sozialversichewerklichen Beruf. Zunächst wurden die Jugendlichen, zum Teil für mehrere rungspflichtig. Die Arbeitsburschen wurden, von Prämien abgesehen, nicht Monate, als „Arbeitsbursche“ in verentlohnt, sonschiedenen dern erhielten Stiftsbetrieben Bis in die 1960er Jahre ein Taschengeld. beschäftigt, Bei der Beetwa in der hinein wurden die Kinder schäftigung der Landwirtschaft, auch zu gelegentlichen Arbeitsburschen der GärtneArbeiten auf dem standen zwar rei oder den pädagogische Werkstätten. Feld und im Garten Ziele im VorderDiese Arbeit sowie zu Arbeiten für grund, aber sie diente zur das Gemeinwesen konnte für die Berufsfindung Betriebe auch (Entdeckung herangezogen. eine gewisse von Fähigkeiten ökonomische und NeiBedeutung gegungen), aber winnen. Das wirtschaftliche Interesse auch zur Bewährung im Heimalltag. der Betriebsleiter und das pädagoAls eine Art „Arbeitstherapie“ sollten gische der Heimleitung gerieten Selbstdisziplin und Arbeitswillen gehierbei zuweilen in Konflikt. prüft und eingeübt werden. Die Arbeit

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Dass es dennoch zur Anwendung von Körperstrafen kam, hat viele Ursachen: Gewohnheit, eine weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz, das elterliche Züchtigungsrecht, eine bestimmte tradierte religiöse Interpretation. Über das Kleinkinderheim Neue Erde können aufgrund der Quellenlage keine Aussagen über solche Erziehungsmethoden gemacht werden. Vom Birkenhof, einem Heim mit einer offeneren Struktur als dem Ulmenhof, ist nur wenig bekannt. Es kann vermutet werden, dass hier die Anwendung von Körperstrafen eher unüblich war. Fast jede fünfte für die statistische Auswertung ausgewählte Bewohnerakte enthält wenigstens einen Hinweis auf eine Körperstrafe. Dabei lässt sich ein eindeutiger Trend feststellen: Während sich in den Akten aus den 1940er und Strafen in der Heimerziehung 1950er Jahren Einträge über körperliche Züchtigungen reEin abgestuftes, flexibel handhabbares Repertoire an Strafen lativ häufig finden, werden sie in den 1960er Jahren seltener. nahm unter den Erziehungsmitteln einen breiten Raum ein. Das ist nicht nur unterschiedlichen Dokumentationsformen Das Spektrum reichte von der verbalen Ermahnung bis hin geschuldet, sondern markiert auch den damals beginnenden zur Heimentlassung. Zu den schweren Strafen zählte der Wandel in den pädagogischen Methoden. In den überwiegenden Fällen ist in den BewohnerakArrest, der den Betroffenen in der Regel für zwei bis drei Tage völlig von der Außenwelt isolierte. Im Jargon hieß das: Einwei- ten, auch bei mehrjährigem Aufenthalt, nur eine einzige Körperstrafe dokumentiert. Es sind aber auch mehrfache sung in den „Bunker“. Zu den am häufigsten verhängten StraZüchtigungen verzeichnet. Schläge fen zählten Urlaubs- und Ausgangsscheinen also, wenigstens soweit es sperren, auch Strafarbeiten im Haus Fast jede fünfte den Ulmenhof betrifft, nur gelegentund auf dem Stiftsgelände (z.B. lich, aber kontinuierlich verabreicht „Unkrautzupfen“ in der Stiftsgärtfür die statistische worden sein. In der Regel griff man nerei, Putzen des Treppenhauses). Auswertung ausgewählte Solche Maßnahmen konnten auch zu anderen Sanktionsformen. Bei einen bewusst demütigenden Chaden genannten Zahlen ist freilich zu Bewohnerakte des rakter annehmen, etwa wenn man berücksichtigen, dass längst nicht in Ulmenhofs enthält die Betroffenen Toiletten scheuern jeder Akte körperliche Züchtigungen wenigstens einen Hinweis ließ, ohne dass dies einen prakverzeichnet wurden. Wir müssen tischen Sinn erfüllte. Im Jungborn demnach von einer Dunkelziffer auf eine Körperstrafe. mussten Kinder bei Fehlverhalten ausgehen. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: In der Akte eines Kindes zum Teil stundenlang an der Wand aus dem Jungborn (eine der wenigen stehen. Andere Sanktionen beAkten aus diesem Heim, die noch existiert), findet sich kein standen im Ausschluss von gemeinsamen Aktivitäten, in der Hinweis auf eine körperliche Bestrafung. Das ehemalige Strafversetzung von einem Betrieb in einen anderen oder von Heimkind selbst dagegen weiß von häufigen Schlägen, auch einer Gruppe in eine andere, die Verhängung der vorzeitigen von Prügel zu berichten. Nachtruhe, Taschengeld- oder Prämienentzug. Man ließ „BeDie Zahlen, aber auch die Betrachtung der Umstände sinnungsaufsätze“ verfassen, die die jeweilige Verfehlung zum und der Selbstverständlichkeit, mit der sie meist notiert Thema hatten. Die Arbeit als „Arbeitsbursche“ wurde verlängert, der Beginn der Lehre hinausgezögert. Die Auflösung des wurden, machen deutlich, dass Schläge im Ulmenhof bis Lehrvertrags oder wenigstens die zeitweilige Degradierung wenigstens Anfang der 1960er Jahre keine Einzelfälle, „Auszum „Arbeitsburschen“ gehörten zu den schwereren Strafen rutscher“ oder Ausnahmen waren, sondern zum Repertoire im Vorfeld einer Heimentlassung. Die Heimentlassung war der Erziehungsmittel gehörten; zwar nicht alltäglich, wohl aber ein mit einer gewissen Selbstverständlichkeit angedie schärfste Form der Sanktion. Bei Lehrlingen endete damit wandt. In der Regel sind einfache Schläge mit der flachen auch ihre Ausbildung im Johannesstift. Hand („Ohrfeigen“, „Schellen“, „Backenstreiche“) dokumenKörperliche Züchtigungen tiert, nur gelegentlich auch Prügel (die Abfolge mehrerer Zum Strafrepertoire gehörten auch Schläge. Körperliche Schläge). Bis Anfang der 1950er Jahre lassen sich für das Züchtigung, dazu zählte auch die Ohrfeige, war in Berlin seit Johannesstift auch abgezählte Schläge mit dem Rohrstock 1948 in Schulen und Erziehungseinrichtungen verboten. durch den Heimleiter nachweisen: „Man stelle sich vor, ein

An die Zeit als Arbeitsbursche schloss sich meist eine Heimlehre in einem der Stiftsbetriebe an. Der Lehrvertrag war an den Heimaufenthalt gebunden, endete also mit der Heimentlassung. Auch die Lehrlinge erhielten nur ein Taschengeld, waren aber sozialversichert. Ihre Berufsschule lag außerhalb des Stiftes. Der Lohn von Lehrlingen, die außerhalb des Stifts ausgebildet wurden, oder von auswärts beschäftigten Heimbewohnern wurde auf ein vom Heim treuhänderisch verwaltetes Konto eingezahlt. Ein Teil des Geldes wurde zur Deckung der Heimkosten verwendet. Vom Rest wurde dem Heimbewohner ein Taschengeld gezahlt. Dieses Verfahren orientierte sich an den in städtischen Heimen üblichen Regelungen.

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Lehrlingsausbildung im der Tischlerei des Johannesstifts.

junger Mensch von 15-16 Jahren muss sich bücken und bekommt dann eine Lehre mit dem Rohrstock eingebläut!“ heißt es in einem 1946 erschienenen Zeitungsartikel über das Johannesstift. Gesundheitliche Folgen von Schlägen sind nur selten dokumentiert. Berichtet wird über Nasenbluten, Blutergüsse, Striemen auf dem Gesäß, Verletzungen des Gehörgangs, in einem Fall um Zahnschäden. Über seelische Folgen wird nicht berichtet; wir wissen aber aus Berichten Betroffener, dass das sehr wohl der Fall war. Schläge gehörten zur Heimerfahrung der Kinder und Jugendlichen, auch wenn sie nicht selbst betroffen waren. Diese Erfahrung hatte Einfluss auf ihr Verhalten im Heim, gegenüber den Erziehern. Ein ehemaliges Heimkind berichtete, man habe sich nicht „sicher“ gefühlt. Bestimmten also Schläge oder die Furcht vor ihnen den Heimalltag? Zumindest bei einem Teil

der Heimbewohner trugen sie dazu sie ermahnt. Zu Schlägen kam es bei bei, den Erziehern weniger mit Veremotional aufgeladenen Konflikten, trauen als mit Misstrauen zu begegnen. zur Durchsetzung von Anordnungen, In der Regel schlugen die Erzieher etwa von verhängten Sanktionen. Die und der Heimleiter. Es sind auch Fälle „klassische“ Situation ist die „Ohrfeidokumentiert, in denen Lehrherrn, ge“ wegen Widerspruchs, wegen einer Gesellen und Ar„frechen Antwort“. beiter schlugen. Dem Betroffenen Schläge gehörten „Familienprügel“ und den Zuschauoder „Hordenern gegenüber zur Heimerfahrung keile“ waren sollte Durchsetder Kinder und eine Form von zungsfähigkeit und Selbstjustiz unter Jugendlichen, auch Autorität demonsden Jungen, die triert werden. Zu wenn sie nicht selbst bisweilen erkennSchlägen kam es betroffen waren. bar wohlwollend zwar auch bei Anvon Erziehern griffen von Jugendgeduldet, in lichen auf Erzieher, manchen Fällen auch angeregt wurde. doch in der Regel dienten sie dazu, ein Selten haben körperliche Züchtibestimmtes Verhalten zu erzwingen. gungen für Erzieher Folgen. Allerdings „Erst eine tüchtige Abreibung konnte ist in den 1960er Jahren ein Umdenihn zur Wiederaufnahme der Arbeit ken feststellbar. Erzieher müssen bewegen.“ - Der Junge „versuchte sich rechtfertigen, bisweilen werden einmal ziemlich energisch seinen

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Dickkopf durchzusetzen. Selbst einige Ohrfeigen konnten seinen Widerstand nicht brechen.“ – „Eine Tracht Prügel für seine Unaufrichtigkeit...“ - „Dabei nannte er noch einige Schimpfworte persönlicher Art, worauf ich ihm rechts und links ein paar Ohrfeigen haute.“ – „Für sein Lügen wurde er vom Heimleiter durch Hiebe gestraft.“ – „Da ich meine Autorität in gröbster Weise angegriffen sah, verabfolgte ich ihm einige Ohrfeigen...“

Ausblick In den 1960er Jahren war die Erziehungsarbeit im Johannesstift starken Veränderungen unterworfen; im darauffolgenden Jahrzehnt kam es zu grundlegenden Reformen. Diese Entwicklung darzustellen, ist hier nicht der Ort. Stichworte müssen genügen: Anfang der 1960er Jahre wurde im Stift eine Heimerzieherschule mit dem Ziel eingerichtet, die Erzieher besser zu qualifizieren. Ein Psychologe wurde

zur Begutachtung und Betreuung der Heimkinder angestellt. Anstelle der Praktikanten übernahmen festangestellte ausgebildete Erzieher die Leitungen in den Gruppen, der Stellenschlüssel wurde erhöht. Zusätzliche Angebote für die Kinder und Jugendlichen wurden geschaffen. Die Schlafsäle wurden aufgelöst, an ihre Stelle traten kleinere Mehrbettenzimmer, die eine häuslichere Atmosphäre ermöglichten. Die religiöse Erziehung wurde zum Angebot und verlor damit ihren Zwangscharakter. Ende der 1960er Jahre begann man mit den Planungen für Pädagogisch-Therapeutisches Zentrum. In den 1970er Jahren kam es zu einer Neuausrichtung der Erziehungsarbeit. Der Ulmenhof wurde zu einem heilpädagogischen Heim mit Verselbständigungsgruppen umgestaltet. Das Kleinkinderheim Neue Erde und der Birkenhof wurden geschlossen, neue Betreuungs- und Wohnformen in neu errichteten Häusern ( Jungborn I und II) und schließlich auch in Außenwohnungen entstanden.

Erklärung des Vorstandes des Evangelischen Johannesstifts zu der Situation von Kindern in Heimen des Johannesstifts von 1945 bis 1970
Wir haben die Studie „Heimerziehung in den Jahren 1945-1970 im Evangelischen Johannesstift“ in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liegen nun vor. Im Rahmen der grundsätzlichen Beschäftigung mit der Geschichte unserer Einrichtung und auch aufgrund von Veröffentlichungen in den letzten Jahren zum Thema Heimerziehung war es für uns wichtig, Klarheit zu schaffen, wie es im Evangelischen Johannesstift gewesen ist. Die Studie sehen wir als einen Beitrag zum notwendigen Dialog mit den damaligen Heimkindern und damaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Das Thema und die damit verbundenen Schicksale wurden über lange Jahre ignoriert, nicht aufgearbeitet und auch nicht öffentlich gemacht. Es gab zwar ab den 1970er Jahren eine längst überfällige pädagogische Neuorientierung. Jedoch musste über eine Generation vergehen, bis wir uns selbst dieser Geschichte stellten. Wirklichkeit nicht immer gedeckt wurde. Es kam zu körperlicher Züchtigung, und es herrschte ein Anpassungsdruck, der der Individualität der Heimkinder und den Ursachen ihrer Verhaltensauffälligkeiten nicht gerecht wurde. In den Heimen wurde nicht immer individuell fördernd und achtsam auf die Kinder und Jugendlichen eingegangen. Dadurch wurde die Würde von Kindern und Jugendlichen missachtet. Es wurden im untersuchten Zeitraum, vor allem in den 1940er und 1950er Jahren, körperliche Strafen durchgeführt, die nach damaligem Rechtsstand nicht hätten geschehen dürfen. Auch wenn diese grenzüberschreitenden und unzulässigen Schläge und Züchtigungen in dieser Zeit in der Gesellschaft und in vielen anderen Einrichtungen üblich waren, so darf dies nicht als Entschuldigung herangezogen werden. Zwar waren in der überwiegenden Mehrzahl keine schwereren körperlichen Verletzungen die Folge, aber wir wissen, dass selbst scheinbar „leichtere Züchtigungen“, verbunden mit einer auf Strafen und Gehorsam basierenden Erziehung im individuellen Fall zu seelischen Verletzungen führen kann. Glücklicherweise hat sich seitdem viel in unseren Heimen geändert. Für unsere heutige Arbeitsweise sind demokratische Prinzipien und eine Pädagogik der Beteiligung grundlegend. Die Studie zeigt, dass im betreffenden Zeitraum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen

Mit großer Betroffenheit und aufrichtigem Bedauern stellen wir fest, dass auch in unseren Heimen in den 1950er und 1960er Jahren Unrecht geschehen ist. Die Studie zeigt, dass in den 1950er und 1960er Jahren unser heutiges Verständnis von Pädagogik und unser durch den Gründer Johann Hinrich Wichern gegebener Auftrag von der
        
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