Path:

Full text: Räumliche Repräsentationen und sozialer Wandel im nördlichen Schillerkiez in Berlin-Neukölln / Meinhardt, Julia

Einschreibungen, Überschreibungen, Neuschreibungen
-

Räumliche Repräsentationen und sozialer Wandel im nördlichen Schillerkiez in Berlin-Neukölln

Julia Meinhardt
Bachelorarbeit Geographisches Institut Humboldt-Universität zu Berlin

Einschreibungen, Überschreibungen, Neuschreibungen

Räumliche Repräsentationen und sozialer Wandel im nördlichen Schillerkiez in Berlin-Neukölln

Bachelorarbeit

Humboldt Universität zu Berlin Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät II Geographisches Institut
Eingereicht von: Geboren am: Betreuung: Julia Meinhardt 08.09.1978 Prof. Dr. Julia Lossau Prof. Dr. Marlies Schulz Eingereicht am: Ort: 09.11.2010 Berlin

Für meine Tochter Ronja
damit sie mit offenen Augen die Welt entdecken kann in dem Wissen, dass die Geographie nicht nur die faszinierende Ferne, sondern auch die nachbarschaftliche Nähe zu schätzen weiß - und jeder Ort von Bedeutung ist

Abbildung 1: Ronja im Circus Lemke Quelle: Ronja Meinhardt, 6 Jahre – März 2010

Ronja auf die Frage nach ihrem Lieblingsort im Schillerkiez: „Der Circus Lemke! Weil da die meisten Leute sind, die ich kenne.“

Danksagung Diese Bachelorarbeit entstand am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin im Fachbereich Kulturgeographie. An dieser Stelle möchte ich mich bei Frau Prof. Dr. Julia Lossau für die Betreuung dieser Abschlussarbeit bedanken, ebenso für ihre Offenheit für das von mir gewählte Thema, welches Sie mit theoretischen Standpunkten und neuen Denkanstößen bereicherte. Mein herzlicher Dank gilt ebenso Frau Prof. Dr. Marlies Schulz für die Bereitschaft zur Zweitkorrektur und dafür, dass sie mich zu dieser Thematik ermutigt hat und mir mit steter Diskussionsbereitschaft neue Impulse gegeben hat. Mein Dank gilt ganz besonders den Inhabern des Circus Lemke Jan Lemke, Kai Janssen, Dave Youssef und Alex Nagler für ihre Bereitschaft, sich für diese Arbeit als InterviewPartner zur Verfügung zu stellen und den vielen Gästen des Circus Lemke und Bewohnern des Schillerkiezes, die zu vielen offenen, ehrlichen und persönlichen Gesprächen bereit waren. Sie beantworteten interessiert und hilfsbereit viele Fragen und ermöglichten mir einen tiefen Einblick in ihr persönliches Wahrnehmen des eigenen Lebensumfelds. Die Zeit des Schreibens und Beobachtens war auch persönlich prägend und hat meine eigene Zuneigung für diesen Kiez mit seinen liebenswerten Menschen gefestigt. Des weiteren möchte ich mich bei allen Professoren, Dozenten und Mitarbeitern des Geographischen Instituts für die gute Lehre und ihre Unterstützung in vielerlei Hinsicht bedanken, insbesondere Frau Doris Schwedler vom Prüfungsamt für unermüdliche Hilfsbereitschaft, Geduld und Freundlichkeit. Dieser Dank gilt auch vielen Kommilitonen, mit denen ich eine wunderbare Studienzeit erlebt habe, allen voran Annette Schink und Jan Hübner für tiefe Freundschaft und unzählige intensive Diskussionen zu geographischen Fragestellungen und auch Sebastian Bührig für die ernsthafte thematische Unterstützung und Inspiration zu vielen Ideen, die ich in meiner Arbeit verwendet habe. Auch meinen Eltern bin ich zu größtem Dank verpflichtet. Sie haben mich im gesamten Studium und speziell in der Abschlussphase hervorragend unterstützt, ganz besonders im organisatorischen Sinne und als liebevolle Großeltern meiner Tochter Ronja. Ein riesengroßes Dankeschön gilt Ronja, die mit soviel Geduld und Verständnis darauf gewartet hat, dass „dieses „Buch endlich fertig ist“. Daher sei ihr diese Arbeit gewidmet.

Einschreibungen, Überschreibungen, Neuschreibungen –

Räumliche Repräsentationen und sozialer Wandel im nördlichen Schillerkiez in Berlin-Neukölln
1 1.1 1.2 1.3 2 2.1 Einleitung ........................................................................................................... 6 Fragestellung und Leitfragen............................................................................. 7 Methodik............................................................................................................ 7 Aufbau der Arbeit .............................................................................................. 8 Theoretische Ansätze zur Veränderung des Raumverständnisses .............. 9 Die Kulturgeographie und der cultural turn: Räume von Bedeutung ............... 10 2.1.1 Geographische Repräsentationen........................................................ 12 2.1.2 Themenorte .......................................................................................... 13 2.2 Die Sozialwissenschaften und der spatial turn: Die Bedeutung des Raums ... 14 2.2.1 Die Produktion des Raumes................................................................. 15 2.2.2 Die Stadt als Themenort....................................................................... 17 2.3 Die Stadt und der soziale Wandel: Das Image der Stadt ................................ 18 2.3.1 Ursachen des sozialen Wandels in den Städten .................................. 19 2.3.2 Mögliche Folgen des Wandels: Verfall oder Gentrifizierung?............... 20 2.4 3 3.1 3.2 3.3 4 4.1 4.2 Die Relevanz für die Stadt- und Quartiersentwicklung .................................... 23 Das Untersuchungsgebiet: Der Schillerkiez in Berlin-Neukölln.................. 26 Die historische Entwicklung des Schillerkiezes ............................................... 27 Aktuelle Zahlen und Fakten über den Schillerkiez........................................... 30 Die Nachbarschaft und die Kneipe Circus Lemke ........................................... 32 Die Empirische Untersuchung: Vor Ort im Circus Lemke ........................... 36 Die Idee zu dieser Arbeit ................................................................................. 36 Die Methodik ................................................................................................... 38 4.2.1 Die teilnehmende Beobachtung ........................................................... 38 4.2.2 Fragebögen .......................................................................................... 40 4.2.3 Leitfaden-Interviews ............................................................................. 41
4

4.3

Vorstellung der befragten Personen................................................................ 42 4.3.1 Die Gäste des Circus Lemke................................................................ 42 4.3.2 Die Inhaber des Circus Lemke ............................................................. 43

5 5.1

Das Ergebnis: Die Gesichter des Schillerkiezes .......................................... 44 Der Kiez der Repräsentationen ....................................................................... 44 5.1.1 Die Sicht der Öffentlichkeit ................................................................... 45 5.1.2 Die Sicht der Besucher und Bewohner................................................. 48

5.2

Orte von Bedeutung im Schillerkiez ................................................................ 50 5.2.1 Das Tempelhofer Feld (und die Hasenheide)....................................... 52 5.2.2 Die Kiez-Kneipen und der Circus Lemke.............................................. 54

5.3 5.4 6 7 8 9

Der Kiez als Themenort?................................................................................. 58 Einschreibungen, Überschreibungen, Neuschreibungen ................................ 61 Zusammenfassung und Fazit ......................................................................... 62 Nachwort .......................................................................................................... 64 Abbildungsverzeichnis ................................................................................... 65 Literaturverzeichnis ........................................................................................ 66

10 Anhang ............................................................................................................. 72 10.1 Gedicht............................................................................................................ 72 10.2 Mental Maps.................................................................................................... 73 10.3 Fragebogen..................................................................................................... 74 10.4 Leitfaden der Interviews .................................................................................. 75 11 Erklärung.......................................................................................................... 77

Hinweis: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung, wie beispielsweise Bewohner/in oder Akteur/in, verzichtet. Die verwendeten Bezeichnungen sind, sofern nicht ausdrücklich anders dargestellt, als nicht geschlechtspezifisch zu betrachten.

5

1 Einleitung
„Neukölln ist vorn. Und sollten wir mal hinten sein, ist eben hinten vorn.“
Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Neukölln

Der

Schillerkiez

in

Berlin-Neukölln

erfährt

seit

kürzerer

Zeit

zunehmende

Aufmerksamkeit. Lange Zeit kaum beachtet und nahezu vernachlässigt in stadtplanerischer Hinsicht, zieht dieses Quartier immer mehr Interesse auf sich. Dieses Interesse resultiert in erster Linie aus der Schließung des nahegelegenen ehemaligen Flughafen Tempelhof und seiner Eröffnung im Mai 2010 für die Öffentlichkeit als Tempelhofer Feld und seiner Betrachtung als neuer innerstädtischer Frei- und Freizeitraum und experimenteller Ort für zukünftige Nutzungsmöglichkeiten inmitten der Stadt. Aber auch der Wandel der innerstädtischen Quartiere, den im Berliner Wortschatz sogenannten ‚Kiezen’ mit ihren individuellen typischen Merkmalen und Lebensstilen, wird immer mehr thematisiert. Es fallen Begriffe wie Problemviertel, sozialer Abstieg, besonderer Entwicklungsbedarf und Quartiersmanagement – aber auch Aufwertung, Gentrifizierung, Zuwachs an junger und kreativer Bevölkerung, Mietsteigerungen und Verdrängung. Diese divergierenden Aussagen betreffen insbesondere bisher vernachlässigte alte Arbeiterviertel mit ihrer vormals typischen Bevölkerungszusammensetzung aus vielen Geringverdienern, Migranten und Beziehern von Transferleistungen, wie eben auch den als ‚Problembezirk’ bundesweit bekannten Berliner Stadtteil Neukölln. Ausgehend von Kreuzberg erfahren Quartiere im Norden Neuköllns - wie der inzwischen schon als ‚Kreuzkölln’ bekannte Reuterkiez zunehmende Aufwertung insbesondere durch den Zuzug von jüngeren Bewohnern und Akteuren der Künstlerszene. Dieser Hype scheint nun auch auf den Schillerkiez, oder zumindest den nördlichen Teil des Schillerkiezes, überzugreifen. Welche Aufmerksamkeit aber erfährt der Schillerkiez auf der Ebene der Stadtentwicklung, wie wird er in den Medien dargestellt und - vor allem - wie sehen die Bewohner ‚ihren’ Kiez? In der vorliegenden Arbeit sollen die verschiedenen Darstellungen des Quartiers – die Repräsentationen des Schillerkiezes – herausgearbeitet werden, indem versucht wird, einen Überblick der verschiedenen Wahrnehmungen und Bedeutungen des Quartiers seitens seiner Bewohner und Betrachter zu geben - unter besonderer Berücksichtigung des dort beginnenden sozialen Wandels.
6

1.1

Fragestellung und Leitfragen

Orte werden mit Bedeutungen belegt. Je nach Wahrnehmung, Nutzung oder Kenntnisstand der Betrachter werden Räume anders interpretiert, mit verschiedenen Bedeutungen versehen und erscheinen für ihre Betrachter in unterschiedlichem Licht. Diese Repräsentation von Orten und Räumen werden auf differenzierte Weise produziert. Der nördliche Schillerkiez in Berlin-Neukölln steht seit einiger Zeit durch tiefgreifende Veränderungen in stadtplanerischer und bevölkerungsstruktureller Hinsicht im Fokus der Medien. Die Darstellung des Quartiers und dem dort stattfindenden sozialen Wandel in den Medien entspricht aber nicht unbedingt der Realität oder der Wahrnehmung seiner Bewohner und Besucher. Als Lebensraum und Ort der alltäglichen Handlungen hat der Schillerkiez für die verschiedenen Bewohner unterschiedliche Bedeutungen, verschiedene Orte innerhalb dieses Gebietes sind ebenfalls mit vielfältigen Bedeutungen versehen. Ein relativ neuer Ort, der aufgrund von Beobachtungen für viele Bewohner eine zentrale Bedeutung zu haben scheint -und hinsichtlich seiner Funktion als gastronomische Einrichtung zudem einen Treffpunkt innerhalb des Untersuchungsgebietes darstellt - wird, ebenso wie seine Besucher, in dieser Arbeit näher in den Blick genommen: die vor einem Jahr eröffnete Kneipe Circus Lemke im nördlichen Teil des Schillerkiezes. Folgenden Leitfragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden: • Welches sind die verschiedenen räumlichen Repräsentationen des

Schillerkiezes und wodurch entstehen sie? • Werden diese Repräsentationen vom sich vollziehenden sozialen Wandel beeinflusst? • Lässt sich der soziale Wandel des Schillerkiezes im Circus Lemke wiedererkennen oder beeinflusst dieser sogar den sozialen Wandel? 1.2 Methodik

Da Repräsentationen des eigenen Lebensumfelds erforscht werden sollten, war eine lebensraumnahe Recherche notwendig. Hierzu wurden verschiedene Methoden der qualitativen Forschung angewendet. Viele Gespräche mit Anwohnern des Kiezes,
7

aber

auch

aktuelle

Artikel

in

lokalen

und

überregionalen

Zeitungen

und

Stadtmagazinen über die Entwicklungen im Schillerkiez ließen vermuten, dass das Gebiet von verschiedenen Standpunkten aus unterschiedlich wahrgenommen wurde. Die teilnehmende Beobachtung spielte eine große Rolle und ermöglichte letztlich auch erst die Festlegung der Leitfragen. Gefestigt, widerlegt oder bestätigt wurden die Vermutungen durch die Beantwortung von Fragebögen mit offenen Fragen; allen Befragten gemeinsam war der Besuch des Circus Lemke, unabhängig davon, ob sie im Schillerkiez wohnen oder nicht. Weiterhin wurden Leitfaden-Interviews mit den Inhabern des Circus Lemke geführt, um den Blick auch noch aus anderer Perspektive auf das Thema richten zu können. Weitere Beispiele, wie der Schillerkiez bei den Bewohnern wahrgenommen wird, werden anhand von weiteren qualitativen Methoden, wie durch Fotos, Bilder, Zeichnungen, Gedichte und Karten nach und nach in die Arbeit mit einfließen, um auch dem Leser einen kleinen, aber möglichst differenzierten Einblick in das Untersuchungsgebiet und seiner vielfältigen Bedeutungszuschreibungen zu ermöglichen. 1.3 Aufbau der Arbeit

Nach Vorstellung der Fragestellung, den Leitfragen und der methodischen Vorgehensweise folgt im zweiten Kapitel der theoretische Teil dieser Arbeit. Theorien zu geographischen Repräsentationen werden unter besonderer Berücksichtigung des social turn in der Kulturgeographie vorgestellt. Auch handlungszentrierte Ansätze der Sozialgeographie werden angesprochen und die Relevanz von symbolischen Sinnzuschreibungen für das Entstehen der Bedeutung von Orten. Soziologische Raumarbeiten im Zuge des spatial turn in den Sozialwissenschaften werden ebenso angesprochen, wie die Konkurrenzsituation von Städten im Zuge der Globalisierung und daraus resultierender gesteuerter Imagebildung durch Stadtmarketing. In Bezugnahme auf den sozialen Wandel hat dies auch Auswirkungen auf die Stadtund Quartiersentwicklung. Im dritten Kapitel wird exemplarisch der Schillerkiez im Norden von Berlin-Neukölln als das Erhebungsgebiet vorgestellt. Einleitend mit der historischen Entwicklung des Gebietes und der aktuellen Situation werden die Nachbarschaft und die Kneipe Circus Lemke näher betrachtet.

8

Die methodische Vorgehensweise wird im vierten Kapitel ausführlich erläutert. Vorangestellt wird die Idee zu dieser Arbeit, die aus einer teilnehmenden Beobachtung entstanden ist. Die Auswahl weiterer angewendeter qualitativer Methoden wie die Befragungen mittels Fragebögen und Interviews werden begründet. Ebenso die Gründe, weshalb die gefragten Personen ausgewählt wurden. Das fünfte Kapitel beinhaltet die Ergebnisse der empirischen Untersuchung. Es wird versucht, die verschiedenen Repräsentationen des Schillerkiezes aus der Sicht von Medien, Politik, Bewohnern und Besuchern des Quartiers darzustellen. Weiterhin werden Orte im Untersuchungsgebiet vorgestellt, die eine besondere Bedeutung für die befragten Personen darstellen. Es wird gefragt, ob der Kiez als Themenort verstanden werden kann. Als Ergebnis der Untersuchung werden, dem Titel der Arbeit folgend, die ‚Einschreibungen, Überschreibungen und Neuschreibungen’ im Schillerkiez näher erläutert. Abschließend wird ein Fazit gezogen, welches besonders berücksichtigt, welche Rolle die Menschen, die in Stadtteilen im sozialen Umbruch leben, für die Quartiersentwicklung spielen sollten.

2 Theoretische Ansätze zur Veränderung des Raumverständnisses
„(Social) space is a (social) product.“
Henri Lefebvre, 1974

Die letzten Jahrzehnte sind geprägt von weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen, die sich auf vielen Ebenen bemerkbar machen. Die postindustrielle Phase hat zu extremen Bevölkerungsveränderungen geführt, politische Umbrüche haben staatliche Grenzen gesprengt und ein neues, auch kulturelles, Raumverständnis verlangt, die Globalisierung fordert ein, Städte aus einer anderen Perspektive zu betrachten, um hier nur einiges zu nennen. In den Gesellschaftswissenschaften hat die Rede vom cultural turn und spatial turn, der kulturellen und räumlichen Wende, einen Paradigmenwechsel mit sich gebracht, der auch die humangeographischen Fachrichtungen erreicht hat. Auch der soziale Wandel in der Gesellschaft erfordert neue Sichtweisen und Fragestellungen in der Stadtforschung, die sich nicht nur auf globaler Ebene bemerkbar machen, sondern auch im kleinräumigen Bereich der innerstädtischen Entwicklungsprozesse und der Quartiersforschung. Die Geographie erforscht und betrachtet die Wechselwirkung
9

von Raum und Gesellschaft. Längst sind aber nicht mehr nur physisch-materielle Räume von Relevanz, sondern auch soziale Räume, die durch Handlungen produziert und konstruiert werden: Lebensräume. Sie werden durch ihre Akteure, Nutzer und Produzenten mit Bedeutungen versehen und auf unterschiedlichste Weise repräsentiert. Aber was sind eigentlich geographische Repräsentationen und Räume von Bedeutung? Was sind überhaupt soziale Räume? Wie und wodurch entstehen diese und wieso werden sie mit Bedeutungen versehen? Welche Ursachen und Wirkungen hat der soziale Wandel in der (Stadt-)Gesellschaft? Und was haben die Veränderungen in der Geographie, in den Sozialwissenschaften und in der Stadt- und Quartiersforschung damit zu tun? Diese Fragen sollen nun im folgenden theoretischen Teil beantwortet werden. Zudem soll in diesem Kapitel eine Verbindung zwischen den räumlichen Repräsentationen, dem sozialen Wandel und der Quartiersentwicklung hergestellt werden. Da die vorliegende Arbeit ein Thema mit interdisziplinärer Relevanz behandelt, fließen theoretische Ansätze aus der Kulturgeographie, der Raumsoziologie und der Quartiersforschung ein und werden hier in ihren Grundzügen vorgestellt. 2.1 Die Kulturgeographie und der cultural turn: Räume von Bedeutung

Der sogenannte spatial turn, die ‚räumliche Wende’ in den Sozialwissenschaften, hat seit den späten 1980er Jahren neue Forschungsansätze über die gesellschaftlichen Phänomene in räumlicher Dimension hervorgebracht, wodurch auch die „bisher eher marginalisierte Kulturgeographie ins Zentrum der kulturwissenschaftlichen Diskussion“ gerückt wurde (vgl. GEBHARDT / REUBER / WOLKERSDORFER 2003, S. 16) . Die Kultur- und Sozialgeographie wiederum hat durch die Kulturalisierung des Raums, einer Aufwertung von Sinn- und Bedeutungswelten, ebenfalls einen Paradigmenwechsel vollzogen (vgl. LOSSAU 2009). Im Zuge dieses cultural turn entwickelte sich in den letzten zwei Jahrzehnten die Neue Kulturgeographie, die sich nicht mehr mit den traditionellen geographischen, also physisch-materiellen Räumen beschäftigt, sondern mit der „symbolisch-signifikanten Dimension der geographischen Wirklichkeit“ (LOSSAU 2009). Sinnsysteme und Bedeutungswelten rückten immer mehr in den Fokus des Interesses und stellten die Humangeographie zunehmend auf ein sozialwissenschaftliches Fundament. Menschliche Tätigkeiten
10

wurden zum Forschungsgegenstand und veränderten den Raumbegriff dahingehend, dass er als Konstrukt der Aktivitäten handelnder Subjekte angesehen werden kann. WERLEN spricht in seinem Ansatz der handlungsorientierten Sozialgeographie sogar vom „Geographie-Machen“, wobei er „Handlung als menschliche Tätigkeit im Sinne eines intentionalen Aktes [begreift], bei dem sowohl sozial-kulturelle und subjektive als auch physisch-materielle Komponenten bedeutsam sind“ (WERLEN 2007, S. 593), dessen Folgen „(...) sich im Rahmen zeitgenössischer Lebensbedingungen auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene äußern“ (ebd.). Die Konstitution des Raumes ändere sich je nach Handlungstypus, wobei WERLEN diesen als entweder zweckrational, normorientiert oder (kommunikativ bzw.) verständigungsorientiert unterscheidet. Bezug nehmend auf räumlich-zeitlich entankerte spät-moderne Lebensformen kategorisiert er diese Hauptmomente der Raumkonstitution, Regionalisierungen genannt, auch nach den impliziten Handlungstypen und formuliert drei verschiedene Typen von Regionalisierungen: die produktiv-konsumtiven Formen, die normativ-politischen Formen und die informativ-signifikanten Formen (vgl. WERLEN 2004, S. 355, vgl. auch LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 61). Letztere - die Formen der informativ-signifikanten Regionalisierungen - gehören zum Forschungsbereich der alltäglichen Geographien des Wissens, emotionaler Bindungen und symbolischer Aneignung. Bedeutungen von etwa regionalen Wahrzeichen oder auch die Bedeutungen der Images von Orten und Regionen beruhen, so WERLEN, auf diesen symbolischen Aneignungen, was beispielsweise relevant sei für das Regions- und Stadtmarketing (WERLEN 2007, S. 596). Durch die kulturelle Definition von Räumen also werden diese mit Bedeutungen versehen und aus einer „Vielzahl von Zuweisungen und Aneignungen“ resultiere eine verständliche Raumordnung aus kulturtheoretischer Perspektive, mit der die Welt erst begriffen werden könne (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S. 7). So schreibt LOSSAU darüber, dass die symbolisch-signifikante Dimension der geographischen Wirklichkeit im Vordergrund der Neuen Kulturgeographie stehe und „damit die Frage, wie Räume im Rahmen sinnkonstituierender Zeichenpraktiken erst bedeutungsvoll produziert und reproduziert werden“ (LOSSAU 2009). Die Bedeutungen von Orten sind den physisch-materiellen Orten also nicht von vorneherein gegeben, sondern werden ihnen durch die Handlungen der Subjekte, deren Wissen darüber und den emotionalen Bezug zu diesen erst zugeschrieben. Im folgenden soll nun der Begriff der geographischen Repräsentationen vorgestellt werden, ebenso die Bezeichnung
11

Themenort als ein besonderer Fall dieser „alltäglichen (...) Weltordnungsprozesse“ (FLITNER / LOSSAU 2005, S. 7). 2.1.1 Geographische Repräsentationen Repräsentationen stellen Wirklichkeiten dar, die durch ihre Bezeichnungen bedingt sind. LOSSAU zeichnet eine Skizze einer „anderen Geographie“, die davon ausgeht, dass die „vermeintlich geographische Wirklichkeit“ nicht per se existiere, sondern vielmehr prozesshaft als repräsentierte Wirklichkeit erst konstruiert werde, also durch kontinuierliche Bedeutungszuweisungen wie sprechen, schreiben, denken oder fühlen im Rahmen kultureller Konventionen entstehe (vgl. LOSSAU 2003, S. 103f). Als Leitfrage der anderen Geographie nennt LOSSAU die Vermutung,
„dass die vermeintlich unumstößlich gegebene geographische Realität auch ganz anders möglich sein könnte und dass die Vielfalt der Möglichkeiten erst durch Prozesse der Repräsentation, u.a. auf dem Feld der kulturellen Identität, auf die eine, mehr oder weniger überschaubare geographische Wirklichkeit reduziert wird.“ (LOSSAU 2003, S. 103)

Abgeleitet

hauptsächlich sieht

aus

dem den

Bereich

der

kulturellen Moment

Identität dieser

des Re-

Postkolonialismus

LOSSAU

entscheidenden

präsentationsprozesse „in der Trennung des ‚eigenen’ Raums von dem der jeweils ‚Anderen’ (ebd.). Durch die kulturell jeweils anders konstruierte Wirklichkeit käme aber auch die politische Frage nach Macht und Herrschaft auf, was REUBER und WOLKERSDORFER treffend formulieren, indem sie fragen: „Wer spricht hier von welchem Ort aus über was und über wen?“ (REUBER / WOLKERSDORFER bei LOSSAU 2003, S. 104). Weiter schreibt LOSSAU, durch den Kampf um Repräsentationen gerate eine „emanzipatorische, produktive Dimension von Identität“ ins Blickfeld (vgl. LOSSAU 2003, S. 105). Man könnte es auch so formulieren, dass die Konstruktion der eigenen Wirklichkeit und damit auch die Produktion der eigenen Identität zwangsläufig das Fremde oder Andere, und damit deren mögliche Wirklichkeiten, ausschließt oder ihre Identitäten marginalisiert. Und anknüpfend an die Überlegung von SAID, die Konstruktion einer bestimmten Wirklichkeit beinhalte auch immer eine Verortung von Objekten und Identitäten (SAID bei LOSSAU 2003, S. 106), kommt LOSSAU nun zu schlussfolgernden Aussagen: Die Produktion einer bestimmten Wirklichkeit
12

„beinhaltet immer auch eine Verortung der Objekte, und erst der Prozess des Ordnens/Verortens vermag die Überzeugung herzustellen, die verorteten Objekte und Identitäten existierten in einem objektiven Sinn.“ (LOSSAU 2003, S. 107)

- oder weiter: „ist nicht per se, sondern wird durch die Verhandlung geographischer Repräsentationen im Prozess der Verortung erst konstruiert.“ (LOSSAU 2003, S. 109)

Geographische Repräsentationen sind also gewisse Vorstellungen von Räumen, die Personen(-gruppen) von einem Raum haben. Durch Bedeutungszuweisungen mittels einer diskursiven Praxis - die je nach kulturellem Hintergrund, subjektivem Wissensstand, persönlichem Bezug o.ä. variieren kann - werden diese Repräsentationen erst konstruiert. Der Prozess des Ordnens und Verortens gibt der vermeintlichen Wirklichkeit einen gewissen Sinn. Räumen werden folglich seitens der Betrachter bestimmte Bedeutungen zugeschrieben, woraus eine Raumordnung resultiert und so die Welt begreifbar macht. 2.1.2 Themenorte FLITNER und LOSSAU unterscheiden die Produktion und die Durchsetzung von „Themenorten“ als besonderen Fall dieser alltäglichen Weltordnungsprozesse, welche sie als „strategische Inszenierung von Orten in der spätmodernen (Welt-) Gesellschaft“ bezeichnen (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S. 7). Orte können jedoch nicht nur kommerziell besetzt sein, wie beispielsweise Themenparks, sondern es kommen auch politische Intentionen oder Machtverhältnisse zum Ausdruck. So definieren FLITNER und LOSSAU Themenorte dadurch, dass „eine bestimmte Lesart eines Ortes oder Raumes absichtsvoll erzeugt und jedenfalls zeitweise auch mit einigem Erfolg durchgesetzt wird“, bzw. durch „den Versuch, bestimmte Orte und Räume für strategische Inszenierungen zu nutzen und zur Bühne eines ganz bestimmten Stückes zu machen“ (FLITNER / LOSSAU 2005, S. 9). Durch die Verwendung unterschiedlicher Mittel der Repräsentation, wie Medien, bauliche Gestaltungen, gesetzliche Maßnahmen und wiederkehrende Interventionen vor Ort, werde versucht, „ein ‚Thema’ des Ortes auf bestimmte Weise stark zu machen, durchzusetzen und zu stabilisieren“ (ebd.). Die Bedeutungsdimensionen von Räumen und Orten erfahren während der letzten Jahre wachsende Beachtung, etwa in Arbeiten über die Auswirkungen des wirtschaftlichen Strukturwandels, die sich mit den „Ausdrucksformen und Symbolen
13

im restrukturierten städtischen Raum befassen (...), der als zunehmend fragmentiert und kulturell differenziert beschrieben wird“ (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S. 9f und LOSSAU 2005, S. 163ff). So ist auch immer öfter von einer neuen Gestalt der Städte und ihren Zentren die Rede. Städte und Regionen verfolgen zunehmend mithilfe von Imagekampagnen und sogenanntem Place Making eine gezielte Besetzung ihres Raumausschnitts, beispielsweise durch den Einsatz von Symbolen, gestalterischer Mittel, baulichen Maßnahmen oder städtischen Events. Ein (neues) Image soll dabei durch die thematische Besetzung produziert und konstruiert werden (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S10). Hierbei sei das Mitgestalten der Konsumenten - derjenigen „für die das Thema bestimmt ist“ - bei der Bedeutungsbildung notwendig, „damit der Themenort überhaupt als solcher funktionieren kann“ (vgl. WERLEN 2000 bei FLITNER / LOSSAU 2005, S. 10f). Eine weitere Eigenschaft von Themenorten nach FLITNER und LOSSAU ist die Tatsache, dass sie keine „kollektive Verbindlichkeit bestimmter Bedeutungszuschreibungen“ vorweisen müssen, da „gegenwärtige, umstrittene Zuschreibungen und Aneignungen“ nicht ausgeschlossen werden können und sollen (vgl. FLITNER/ LOSSAU 2005, S. 11). Ein „Mindestmaß an sozialer Verankerung und Stabilität der betrachteten Deutungsmuster“ werde aber verlangt (ebd.). Wie auch schon bei den geographischen Repräsentationen angesprochen, können auch Themenorte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. So „gehen thematische Aufladungen als Prozesse der räumlichen Bestimmung mit verschiedenen Momenten der Inklusion und Exklusion einher“ und „resultieren in ganz alltäglichen Normierungen, die wiederum materielle und soziale Veränderungen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen nach sich ziehen können“ (FLITNER / LOSSAU 2005, S. 16). Themenorte können folglich als symbolische Plätze, Landschaften oder Regionen auf verschiedene Art und Weise produziert und auch konsumiert und gelesen werden (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S. 17), was impliziert, dass sie zuvor auch erst „geschrieben“ werden müssen. Die Subjekte oder Akteure, die sich den Raum aneignen und ihn mit Bedeutungen versehen, ‚schreiben’ und konstruieren ihn auch selbst durch ihre differenzierten Handlungsweisen. 2.2 Die Sozialwissenschaften und der spatial turn: Die Bedeutung des Raums

Wie soziale Räume durch Handlungen konstruiert und konstituiert werden, ist seit einiger Zeit auch eine maßgebliche Frage in den Sozialwissenschaften. Im Zuge des
14

spatial turn rückte die Bedeutung des Raums für gesellschaftliche Prozesse zunehmend in den Vordergrund. Aber auch der Begriff der Repräsentationen von Räumen, ihrer Bedeutung für die handelnden Subjekte innerhalb des (von ihnen selbst) konstruierten Raums, taucht in einigen Arbeiten auf. Daher sollen an dieser Stelle zwei relevante Forschungsansätze aus den Sozialwissenschaften kurz vorgestellt werden: Die Produktion des Raumes nach Lefèbvre und einige Überlegungen zur Stadt als Themenort. 2.2.1 Die Produktion des Raumes Der französische Philosoph de HENRI LEFÈBVRE l´espace, orig. und seine die raumtheoretischen ursprünglich der

Überlegungen

(Production

1974),

marxistischen Kapitalismuskritik entsprungen waren, sollen an dieser Stelle berücksichtigt werden. Auch der Begriff der Repräsentationen hat bei ihm eine zentrale Bedeutung. In Anlehnung an MARX, der die industriellen Produkte als Resultat eines gesellschaftlichen Produktionsprozesses untersucht hat, versucht LEFÈBVRE, den Raum als gesellschaftlich hergestellten Raum zu erforschen. Der physische/natürliche Raum nehme immer mehr den „Charakter eines Hintergrundbildes“ an. Menschen würden sich des natürlichen Raums zwar erinnern und mit Phantasien besetzen, fänden ihn jedoch nicht mehr in ihrer Praxis vor. LEFÈBVRE geht - im marxistischen Sinne - davon aus, dass jede Produktionsweise ihren jeweils spezifischen Raum hervorbringe (vgl. LEFÈBVRE 1991, S. 30). Als Ausgangspunkt zur Reflexion über Raum formuliert LEFÈBVRE eine konzeptionelle Triade: „Er schlägt eine umfassende Theorie des Raumes vor, die das Physische, das Mentale und das Soziale zusammenbindet“ (GOTTDIENER 2002, S. 23). So sei Raum eine dreifache Beziehung aus folgenden Komponenten: • der räumlichen Praxis (spatial practice):
o o o (Re-)Produktion von Raum, basierend auf einer nicht-reflexiven Alltäglichkeit externalisierte, materielle Umwelt erfahrener bzw. erlittener Raum (perceived space)

•

den Repräsentationen von Raum (representations of space):
o o o Raum, wie er kognitiv entwickelt wird (z.B. Philosophie, Architektur, Planung) konzeptuelles Modell, das eingesetzt wird, um Handlungen zu steuern erdachter Raum (conceived space)

15

•

den Räumen der Repräsentation (spaces of representation):
o o o Räume mit ihren komplexen Symbolisierungen gelebte soziale Beziehung der Benutzer zu ihrer Umwelt gelebter Raum, Räume des Ausdrucks (lived spaces) (vgl. LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 52f und GOTTDIENER 2002, S. 23)

Diese drei Ebenen der Raumproduktion sind immer gleichzeitig wirksam, durchdringen sich wechselseitig, können sich verstärken oder widersprechen. Raum sei also zeitgleich „eine Kollektion von Dingen und Objekten sowie von Werkzeugen und Werkzeuggebrauch. Er ist das, was Handeln möglich macht und Feld der Handlung selbst“ (vgl. LEFÈBVRE bei LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 54ff). Die Gesell-schaft produziert den Raum und der Raum strukturiert die Gesellschaft. Er ist aber auch Medium selbst, in welchem Produkte (also auch Räume) hergestellt werden. Nun schaffen die Handelnden durch spatial practice zwar Räume, diese seien aber „eingefangen in der Sklaverei der Alltäglichkeit (...) und nur Abklatsch der staatlich kapitalistischen Logik“ (ebd.). Hier erscheinen „einzig die Räume der Repräsentationen, als jene Imaginationen, Erinnerungen oder Wahrnehmungsmanipulationen“ als Fluchtlinien, die „Raum als etwas anderes vorstellbar machen“ (ebd.). LEFÈBVRE sieht den Staat letztendlich als Produzenten der Räume und die Bürger als reproduzierende Kräfte (ebd.), wobei der Raum (in Anlehnung an Marx´ Analyse der Warenproduktion) als Produkt einen Tauschwert innehat und somit zur wertvollen Ressource wird. DAVID HARVEY knüpft an LEFÈBVRES Überlegungen an und kommt zu dem Schluss, dass die Folge der Verdichtung von Raum und Zeit als Resultat des Übergangs vom Fordismus zur ‚flexiblen Akkumulation’ bezüglich der kapitalistischen Produktionsweise (Raum als Ware mit Tauschwert) „räumliche Barrieren bedeutungsloser werden lässt, gleichzeitig aber die Sensibilität des Kapitals auf der Suche nach dem global besten Standort für die Verschiedenartigkeit der Orte wächst“ (HARVEY bei LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 57). Die Städte werden so dazu gezwungen, im Hinblick auf die Attraktivität des global zirkulierenden Kapitals ein eigenes Markenprofil auszubilden und konkurrieren miteinander auf der Suche nach lokaler Identität.

16

2.2.2 Die Stadt als Themenort Identitäten von Städten auf dem globalen Markt werden durch Images erzeugt, die hauptsächlich durch die städtischen Kreativindustrien erzeugt werden. HARVEY stellt die Frage: „Wenn niemand in dieser unsteten Collagewelt ‚seinen Platz kennt’, wie lässt sich dann eine sichere soziale Ordnung herstellen oder aufrechterhalten?“ (HARVEY bei LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 57). Er verweist auf der Suche nach einer Antwort zu der Bedeutung von lokaler Identität auf das Potenzial sozialer Bewegungen mit starker Ortsbindung und lokaler Autorität, die aber eine schwache Machtposition auf globaler Ebene einnehmen (ebd.). Insbesondere LÖW hat Forschungen zum Charakter von Städten angestellt. In der Alltagswahrnehmung werde lokale Tradition gegen globale Einflussnahme starkgemacht: „Die Bedeutung des Ortes, die Feststellung seiner Eigenart nimmt in Zeiten, die als globalisierte klassifiziert werden, deutlich zu“ (LÖW 2008, S. 117). Städte versuchen zunehmend, ein bestimmtes Image zu generieren oder inszenieren. Die Stadt selbst kann also als Themenort begriffen werden, in dem sie, beispielsweise auch durch groß angelegte Stadtmarketingkampagnen, strategisch inszeniert wird und eine bestimmte Lesart absichtsvoll erzeugt wird (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S.9). Demographische und ökonomische Veränderungen bedrohen viele Städte (Deurbanisierung) und erhöhen den Konkurrenzdruck, um im Wettbewerb nach Einwohnern und Wirtschaftskraft auf globaler, aber auch nationaler Ebene mithalten zu können (vgl. LÖW 2008, S. 120). Den wachsenden Wettstreit erklärt ZUKIN anhand einer gewandelten Ökonomie der Symbole infolge neuer globaler Arbeitsteilungen. Eine Stadt stelle immer mehr „abstraktere Produkte“ her, darunter Images, Ideen und Stile, wodurch Symbolik und Kultur einen immer höheren Anteil an der Wertschöpfung einnähmen (vgl. ZUKIN bei LÖW 2008, S. 120f). Kernaspekt der Ökonomie der Symbole sei die „Aufladung räumlicher (An-)Ordnungen mit kulturellen Werten, die auf der Produktion, Distribution und Konsumption von Symbolen mit dem Ziel der ökonomischen Wertsteigerung von Gütern und Dienstleistungen, aber auch von Orten und Städten“ basiere (vgl. KIRCHBERG bei LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 128). Hier verstehe man unter ‚Symbolen’ immaterielle Güter wie Bedeutungen, Werte, Bilder, Ideen, Erfahrungen, Emotionen oder Atmosphären (vgl. LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 128). Weiterhin lösten sich wegen der Abstraktheit der Produkte so die „Differenzierungen zwischen Kultur und Ökonomie“ auf und bildeten den sich
17

ausweitenden Zweig der Kulturökonomien (vgl. ZUKIN bei LÖW 2008, S. 120f). Dieser auch Kreativindustrie genannte Wirtschaftszweig produziere auf vielfältige Weise Images und Identitäten (vgl. HARVEY bei LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 57). Die Akteure der Kulturwirtschaft pflegen meist eine urbane oder alternative Lebensweise und siedeln sich daher häufig in überwiegend günstigen innerstädtischen Quartieren an, die strukturell vom sozialen Wandel geprägt sind. Deren so verorteter charakteristischer Lebensstil prägt wiederum das Bild ihres Handlungsraums und somit auch ein mögliches neues Image des jeweiligen Gebiets. 2.3 Die Stadt und der soziale Wandel: Das Image der Stadt

Welche Konsequenzen die eben beschriebenen Prozesse auf die Stadtentwicklung haben können, soll nun an dieser Stelle ansatzweise dargestellt werden. Weitreichende gesellschaftliche Veränderungen haben seit Jahrhunderten auch die Städte verändert. Die Rede ist von Verstädterung als quantitativer Aspekt der Massenzuwanderung, aber auch von Schrumpfung der Städte durch den demographischen Wandel und daraus resultierender Bevölkerungsrückgänge. Unter dem Begriff des sozialen Wandels werden sämtliche Veränderungen in der Gesellschaft verstanden, deren einzelne Phänomene auch Auswirkungen auf das soziale System als Ganzes haben. Der hier betrachtete Teilbereich bezieht sich eher auf den sozio-kulturellen Wandel, der veränderte strukturelle Elemente und eine Veränderung kultureller Werte und Nomen untersucht (vgl. JÄGER / MEYER 2003, S. 17). Regionale Unterschiede bei der Entwicklung von Städten sind weltweit vorhanden, die Verbreitung der städtischen Lebensweise - begrifflich abgegrenzt als Urbanität - wird jedoch zur gesamtgesellschaftlich dominierenden Form (vgl. LÖW 2008, S. 125). HÄUSSERMANN bezeichnet Urbanität als „eine historisch spezifische Prägung von Stadtkultur“, die durch eine ‚spezifische Lebensweise’ gekennzeichnet sei (vgl. HÄUSSERMANN 1994 bei LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 138). Die fortschreitende Urbanisierung, der mit der Verstädterung einhergehende Wandel der Lebensweise (vgl. HÄUSSERMANN / SIEBEL 2004, S. 232), fordert die Städte dazu heraus, sich selbst in Szene zu setzen, um auf dem globalen Markt wahrgenommen zu werden und bestehen zu können. „Städte“, so schreibt LÖW in ihrem Werk ‚Soziologie der Städte’, stehen vor der „sehr bewusst erlebten Situation, den Ort gezielt als ein erstrebenswertes Gut in Szene setzen zu müssen“ (LÖW 2008, S. 121), in dem sie
18

etwa dem Ort ein Markenzeichen geben, welches für eine definierbare Qualität stehe, oder aber durch das Anbieten von etwas Einzigartigem, was heute in der Regel im Feld der Kultur liege (ebd.). Die kulturellen Werte einer Stadt prägen ihr Image, das im Lauf der Zeit jedoch auch Veränderungen erleben kann. Zudem könne die Stadtentwicklungspolitik zielgerichtet in den Imagewandel eingreifen (vgl. LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 129). Im Folgenden wird zuerst annäherungsweise auf die Ursachen des sozialen Wandels und die Veränderung der Lebensweisen in den Städten eingegangen und anschließend auf mögliche Auswirkungen, die diese Entwicklungen - insbesondere in innerstädtischen Wohngebieten - mit sich bringen können. 2.3.1 Ursachen des sozialen Wandels in den Städten Die im 19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung hatte eine rasante Verstädterung zur Folge. Die gesellschaftlichen Strukturen veränderten sich aufgrund enormer Wanderungsbewegungen hinsichtlich der Lebens- und Arbeitsweisen und konzentrierten sich auf den städtischen Raum, was einen extremen Bevölkerungszuwachs zur Folge hatte. Durch die hohe Verdichtung kam es zu einer großen Wohnungsnot, was einen Bauboom um die Jahrhundertwende verursachte. Die Gründerzeit am Ende des 19. Jh.s und die Epoche des Jugendstils zu Beginn des 20. Jh.s prägten mit repräsentativen Bauten zunehmend das Stadtbild und die Stadterweiterungen fanden hauptsächlich durch den Bau von Mehrfamilienhäusern (‚Mietskasernenbau’) Gestalt (vgl. HEINEBERG 2006, S. 218ff). Eine der Leitideen des Städtebaus im 20. Jh. war der Bau funktionierender Nachbarschaften. Es wurde vermutet, dass der Großstädter seine alltäglichen Aktivitäten in der Nachbarschaft bündele und dort seine soziale Einbettung organisiere (vgl. HÄUSSERMANN / SIEBEL 2004, S. 109). Schon der Berliner Baurat JAMES HOBRECHT hatte in seinem Plan für die Berliner Stadterweiterung (der sogenannte Hobrecht-Plan) im Jahr 1860 Überlegungen zur sozialen Mischung in Nachbarschaften angestellt, da sich so solidarische Hilfesysteme entwickeln könnten. Er plante vier- bis fünfstöckige Mietshäuser mit Seitenflügeln und Hinterhäusern, die in jedem einzelnen Haus verschiedene Wohnungen für verschiedene Klassen und Schichten der Bevölkerung vorsahen. Beispielhaft sei hier der Wilhelminische Wohnund Gewerbegürtel genannt, der bis 1914 um den damaligen Berliner Stadtkern
19

innerhalb des heutigen S-Bahn-Rings errichtet wurde (vgl. HÄUSSERMANN / SIEBEL 2004, S. 109f und HEINEBERG 2006, S. 221ff). Ein Paradebeispiel dieses Bebauungsplans ist das damals entstandene Gebiet entlang der Schillerpromenade im ehemaligen Rixdorf - der heutige Schillerkiez im Norden Neuköllns, der in Kapitel 3 näher vorgestellt wird. Der Übergang der Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft bedingte eine weitere Veränderung des städtischen Lebens. Negative Wanderungsbilanzen, Bevölkerungsabnahme aufgrund des demographischen Wandels, wirtschaftlicher Strukturwandel und Suburbanisierungsprozesse ließen das Phänomen der schrumpfenden Städte aufkommen (shrinking cities), das u.a. zu Leerstand in Wohn- und Gewerberäumen im innerstädtischen Bereich führte. Mit Zunahme der Bedeutung des tertiären Sektors richtete sich der Blick jedoch wieder verstärkt auf den Central Business Districts innerhalb der City. (vgl. GAEBE 2004, S. 153ff, HEINEBERG 2004, S.75, HEINEBERG 2006, S. 112, SCHÄFERS 2004, S. 271ff). GAEBE stellt fest, dass der „zur Suburbanisierung gegenläufige Trend der Entwicklung der städtischen Räume (...) durch Sanierung in Wohn- und Gewerbegebieten, durch Stadtumbau, Zuzüge von Haushalten mit höheren Einkommen in innenstadtnahe Wohngebiete und Veränderungen der Bevölkerungs- und Sozialstruktur in der Kernstädten“ bestimmt werde (GAEBE 2004, S. 154). Diese Entwicklung wirkt sich nicht nur auf die Stadtplanung aus, sondern auch auf die Bevölkerung und ihre differenzierten urbanen Lebensstile, ebenso nicht nur auf die gesamte Stadt, sondern auch insbesondere auf die innerstädtischen Quartiere. 2.3.2 Mögliche Folgen des Wandels: Verfall oder Gentrifizierung? Besonders betroffen von den sichtbaren Ausmaßen des sozialen Wandels sind die Quartiere, die im Bereich der Stadtentwicklung als entwicklungsbedürftig eingestuft werden. Ehemalige Arbeiterviertel mit unsanierten Gebäuden und einer Bevölkerung, die sich hauptsächlich aus Geringverdienern, Beziehern von staatlichen Transferleistungen, Migranten und anderen marginalisierten Personengruppen zusammensetzt, rücken plötzlich in den Fokus von Medien und Gesellschaft. Dies aber aus mindestens zweierlei Gründen: Zum einen wegen der Bezeichnung als ‚Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf’, in denen im Rahmen des Bund-

20

Länder-Programms Soziale Stadt seit 1999 sogenannte Quartiersmanagements1 errichtet wurden, um mit deren Unterstützung unter dem Schlagwort urban governance einen integrierten Ansatz der Stadtentwicklung zu schaffen. Die Strategien der Partizipation bestehen aus der Beteiligung von Verwaltung und ihrer ressortübergreifenden Steuerung, der Einbindung privatwirtschaftlicher Akteure und der Beteiligung von Akteuren der Zivilgesellschaft mit dem Ziel, die Bürger als aktive Mitgestalter zukunftsweisender und nachhaltiger Entwicklungsmöglichkeiten zu gewinnen (FREY 2009, S. 80f). Zum anderen finden die aktuellen Debatten zur Gentrifizierung in innerstädtischen Wohngebieten immer mehr Aufmerksamkeit. DANGSCHAT und FRIEDRICHS bezeichnen mit Gentrifizierung (gentrification) den „Zuzug einer statushöheren Bevölkerung in ein Wohngebiet einer statusniedrigeren Bevölkerung und die Aufwertung der Bausubstanz und Infrastruktur (DANGSCHAT / FRIEDRICHS bei GAEBE, S. 155). KRAJEWSKI sieht darin ein viel komplexeres System, welches die bauliche, die soziale, die funktionale und die symbolische Aufwertung des Wohngebiets umfasst (KRAJEWSKI bei HEINEBERG 2006, S. 20). Die symbolische Aufwertung beinhalte die ‚positive’ Kommunikation über das Gebiet, die Präsenz in den Medien, die Schaffung von Landmarks und eine höhere Akzeptanz bei Bewohnern und Besuchern (ebd.). Meist werden die Begriffe Gentrifizierung und Verdrängung gemeinsam genannt, wobei letzterer je nach Definition als mögliche Folge oder zwangsläufige Konsequenz des Aufwertungsprozesses angesehen wird. HELBRECHT versteht unter Gentrifizierung „einen stadtteilbezogenen Aufwertungsprozess, der auf der Verdrängung unterer Einkommensgruppen durch den Zuzug wohlhabender Schichten basiert und zu Qualitätsverbesserungen im Gebäudestand führt“ (HELBRECHT bei HEINEBERG 2004, S. 301). In engem Zusammenhang steht der Begriff mit der Lebensstilforschung, die spätestens seit Erscheinen des Werks Die feinen Unterschiede von PIERRE BOURDIEU zunehmende Beachtung erlangt (vgl. BOURDIEU 1982). HEINEBERG nennt die städtischen Lebens-stile „ein Phänomen, das die klassische soziale Schichtung überlagert bzw. erheblich modifiziert“ (HEINEBERG 2004, S. 301). Für die Gentrifizierung gibt es laut GAEBE strukturelle und nachfragebestimmte
1

Gründe.

Personen

mit

einem

meist

„konsum-

und

Quartiersmanagements werden seit 1999 im Rahmen des Bund-Länder-Programms Soziale Stadt in Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf eingerichtet. Diese sind laut der Bundestransferstelle Soziale Stadt meist durch komplexe Problemlagen in den Bereichen Städtebau und Umwelt, infrastrukturelle Ausstattung, Lokale Ökonomie, Soziales, Integration und nachbarschaftliches Zusammenleben sowie Imagebildung charakterisiert. Das Programm Soziale Stadt will darauf mit einem integrier-

21

erlebnisorientierten Lebensstil“ und einer hohen Nachfrage nach Dienstleistungen und kulturellen Angeboten suchen die Nähe zur Innenstadt und ziehen in baulich vernachlässigte Gebiete mit günstigen Mieten (vgl. GAEBE 2004, S. 155f). Die Mitglieder dieser Gruppe werden als Pioniere bezeichnet und setzt sich hauptsächlich aus jüngeren, kinderlosen Personen mit noch geringem Einkommen zusammen (Studenten, Künstler, Subkulturen). In der zweiten Phase des Aufwertungsprozesses kommt es zu vermehrten Zuzügen von Gentrifiern, meist hochqualifizierten Personen mit urbanem Lebensstil, von denen viele in kreativen Berufen beschäftigt sind (ebd.). Gentrifier können aber nicht nur Zugezogene sein, sonder ebenfalls die Pioniere, die im Gebiet bleiben, deren Anspruch aber gestiegen ist. Die Akteure der Kreativindustrien gelten als „Hauptprotagonisten städtischer Symbolproduktion“ (vgl. LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 134). FREY definiert Kreativität als „die Fähigkeit schöpferischen Denkens und Handelns, die Fähigkeit etwas Neues zu schaffen“ (FREY 2009, S. 37). Er geht davon aus, dass „spezifische städtische Orte mit ihren komplexen urbanen Identitäten (...) Potenziale und Ressourcen für zivilgesellschaftliche Kreativität bereitstellen“ (FREY 2009, S. 37f). Hierbei können das sozialräumliche Umfeld und sein Milieu zur Entstehung und Bewertung von Kreativität beitragen (vgl. FREY 2009, S.39). Auch RICHARD FLORIDA (The Rise of the Creative Class, 2002) ist der Meinung, dass ein durch Kreative entstehendes innovatives und produktives Klima eine “unabdingbare Voraussetzung für Wohlstand und Wachstum einer Region” sei (vgl. FLORIDA bei LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 136). Im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Ökonomie der Symbole ergänzen LÖW / STEETS /STOETZER die Theorie der Urban Political Economy um folgende These:
„(Sub)kultur wird zum Element einer Repräsentation von Urbanität, die als Atmosphären- und Imageressource für eine Marke fungiert.“ (LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 133)

Die symbolische Wertsteigerung durch Kultur für eine Stadt oder eben ein vom sozialen Wandel gezeichnetes innerstädtisches Quartier ist nicht zu unterschätzen. Es soll nun eine Verbindung zwischen den vorgestellten theoretischen Ansätzen und seiner Relevanz für die Quartiersforschung hergestellt werden.

ten Ansatz der umfassenden Quartiersentwicklung reagieren. (vgl. BUNDESMINISTERIUM FÜR VERKEHR, BAU UND STADTENTWICKLUNG.)

22

2.4

Die Relevanz für die Stadt- und Quartiersentwicklung

Wie bisher gezeigt wurde, werden Räume mit Bedeutungen belegt und durch Handlungen konstruiert. Der cultural turn hat in der Kultur- und Sozialgeographie durch die Kulturalisierung des Raums einen Paradigmenwechsel ausgelöst und mit der „Aufwertung von Sinn- und Bedeutungswelten“ die Neue Kulturgeographie hervorgebracht, die sich mit der „symbolisch-signifikanten Dimension der geographischen Wirklichkeit“ befasst und die Frage untersucht, „wie Räume im Rahmen sinnkonstruierender Zeichenpraktiken erst bedeutungsvoll produziert und reproduziert werden“ (vgl. LOSSAU 2009). Diese je nach Betrachter differenzierte Wirklichkeit wird durch unterschiedliche Vorstellungen und konkrete Bedeutungszuweisungen erst konstruiert, wodurch verschiedene Repräsentationen des Raums entstehen. Werden räumliche Repräsentationen strategisch inszeniert, kann man von Themenorten sprechen, weil „eine bestimmte Lesart eines Ortes oder Raumes absichtvoll erzeugt“ werde (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S7ff). Im Zuge des spatial turn wiederum hat der Raum in den Sozialwissenschaften die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es wird davon ausgegangen, dass soziale Räume durch Prozesse menschlicher Handlungen konstruiert und konstituiert werden. LEFÈBVRE zieht einen Vergleich zur Analyse der Warenproduktion nach MARX und geht davon aus, dass jede Handlungsweise ihren eigenen Raum hervor bringe (vgl. LEFÈBVRE 1991, S. 30) und der Raum - ebenso wie wirtschaftliche Güter durch die eingesetzte Arbeit – mittels der gesellschaftlichen Produktion einen Marktwert erlange (vgl. GOTTDIENER 2002, S. 24). Unter dem Konkurrenzdruck der Globalisierung werden sich die Städte der Tatsache bewusst, sich selbst als „erstrebenswertes Gut“ in Szene zu setzen, indem sie ihre Besonderheiten herausarbeiten und ein charakteristisches Image herausbilden (vgl. LÖW 2008, S. 121) Bei der Imagebildung spielen die Kreativindustrien und die urbanen Lebensstile ihrer Akteure eine große Rolle. Die Stadtpolitik kann aber in die Imagebildung gezielt eingreifen (vgl. LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 129) und die symbolische Aufladung bewusst steuern. Die Stadt selbst kann also als Themenort begriffen werden, sie wird auf gewisse Weise inszeniert. Das hat beispielsweise nicht zuletzt die 2008 groß angelegte Marketingkampagne Berlins ‚be Berlin’ gezeigt. Die verschiedenen Repräsentationen der Hauptstadt zeigen sich schon in dem verwendeten Dreiklang des Slogans, der immer wieder unterschiedlich klingen kann: „sei jung, sei forsch, sei berlin“ oder „sei
23

straße, sei laufsteg, sei berlin“, oder auch - für die internationale Vermarktung – „be open, be free, be berlin – the place to be“2 . Die Stadt Berlin wirbt hier ganz bewusst mit ihren kreativen Eigenschaften und stiftet durch den sich immer wieder veränderbaren Slogan sogar zu Kreativität an (vgl. SCHINK 2009, S. 38). LÖW sieht in der Imagekampagne Berlins gar eine “gigantische Erziehungsmaßnahme für seine Bürger“, welche die Berliner dazu auffordere, endlich Berlin „zu sein“ (vgl. LÖW 2008, S. 193f). Stellt man nun die Überlegung an, dass nicht nur Städte auf dem globalen Markt miteinander um Ansehen konkurrieren, sondern auch innerstädtisch die unterschiedlichsten Quartiere um ihren Standpunkt auf dem Feld der Stadtentwicklungspolitik kämpfen, so kommt man zu dem Schluss, dass auch die Quartiere selbst als Themenorte verstanden werden können. Der soziale Wandel hat die soziale Struktur der Quartiere im Lauf der Zeit verändert. Sie sind gezeichnet von den Folgen der Veränderung. Leerstand und Verfall, die Marginalisierung als Problemviertel im Zuge von Stadterneuerungsmaßnahmen, die aktuellen Prozesse der Gentrifizierung und die Berichterstattung in den Medien verwandeln das Image dieser Gebiete. Diese Quartiere als „Ort räumlicher Praxis“ (vgl. SCHNUR 2008, S.32) sind aber auch die Lebenswelten ihrer Bewohner mit ihren unterschiedlichen Lebensstilen und Alltagspraxen. Ihnen gilt in der Quartiersforschung immer mehr Beachtung (vgl. u.a. SCHNUR 2008 und 2010, GEBHARDT 2008), aber auch im politisch-administrativen Bereich wurden seit 2006 sogenannte Lebensweltlich orientierte Räume (LOR) als neue räumliche Grundlage für Planung, Prognose und Beobachtung demographischer und sozialer Entwicklungen festgelegt3. SCHNUR definiert ein Quartier folgendermaßen:
„Ein Quartier ist ein kontextuell eingebetteter, durch externe Handlungen sozial konstruierter, jedoch unscharf konstruierter Mittelpunkt-Ort alltäglicher Lebenswelten und individueller sozialer Sphären, deren Schnittmengen sich im räumlichidentifikatorischen Zusammenhang eines überschaubaren Wohnumfelds abbilden.“ (SCHNUR 2008, S. 41)
vgl. ‚be Berlin’ (http://www.sei.berlin.de/kampagne/sei-berlin/) Lebensweltlich orientierte Räume (LOR) wurden 2006 gemeinsam zwischen den planenden Fachverwaltungen des Senats, den Bezirken und dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg auf der Grundlage der von der Jugendhilfe bereits definierten Sozialräume einheitlich abgestimmt. Vgl. STADTENTWICKLUNG BERLIN
3 2

24

Weiterhin verwendet SCHNUR die Theorie LEFÈBVREs zur Produktion des Raumes, um den Quartiersbegriff zu differenzieren und gibt an, dass Quartiere nach LEFÈBVRE soziale Räume seien, die auf verschiedenen Ebenen konstruiert werden. Die ‚Repräsentationen des Raums’ (des Quartiers) entsprächen der Ebene der Planung und Theorien. Hier werden gesellschaftliche Normen festgelegt, wie beispielsweise die Einordnung des Quartiers als Quartiersmanagementgebiet. Auf der Ebene der ‚Räumlichen Praxis’ (im Quartier) werden werde durch dem Alltagsleben Praxis nachgegangen akzeptiert und (gesellschaftliche Normen alltägliche

reproduziert; Nutzung des Raums). Die ‚Räume der Repräsentationen’ (im Quartier) seien die Ebene, auf der die Bedeutung des Raums durch seinen Gebrauch und seine Aneignung erst geschaffen werde (Nachbarschaftsgefühl) (vgl. SCHNUR 2008, S.32 und SCHNUR 2010). Diese zuletzt genannte Ebene macht den Raum schließlich zum Themenort.

Abbildung 2: Die Produktion des Raums nach Lefèbvre auf Quartiersebene Quelle: Eigene Darstellung, nach SCHNUR 2008 und LÖW / STEETS / STOETZER 2007

Auch RONNEBERGER schreibt in einem Aufsatz über die Aktualität von LEFÈBVREs Überlegungen: „Gegenüber anderen stadtsoziologischen Ansätzen, die häufig die symbolische und imaginäre Dimension bei ihrem Raumforschungen vernachlässigen,
25

versucht Lefèbvre der Komplexität gesellschaftlicher Räumlichkeit gerecht zu werden“ (RONNEBERGER 2010, S. 46). Diese komplexe Räumlichkeit - die Planungs-, Handlungs-, und Gefühlsebene – im Quartier lässt folglich auch verschiedene Repräsentationen entstehen, bzw. steuert diese strategisch. Gerade die Berichterstattung in den Medien trägt einen großen Teil dazu bei, je nachdem, worüber und aus welchem Blickwinkel heraus berichtet wird. Am Beispiel des Schillerkiezes in BerlinNeukölln - einem Gebiet, das sich im Lauf des letzten Jahrhunderts mehrmals ‚gewandelt’ hat - sollen mögliche verschiedene Repräsentationen herausgearbeitet werden. Zuvor jedoch wird im anschließenden Kapitel der Schillerkiez als Untersuchungsgebiet vorgestellt.

3 Das Untersuchungsgebiet: Der Schillerkiez in Berlin-Neukölln
„In Rixdorf ist Musike, Musike, Musike. Da tanz ick mit der Rieke, in Rixdorf bei Berlin.“
Berliner Schlager, Ende 19. Jh.

Der Schillerkiez befindet sich im Nordwesten des Berliner Bezirks Neukölln. Eingegrenzt wird das Gebiet nördlich von der Flughafenstraße, östlich von der Hermannstrasse, südlich vom S-Bahnring und westlich vom ehemaligen Flughafen Tempelhof. Die Schließung des Flughafens, die Öffnung des Tempelhofer Feldes für die Öffentlichkeit und zukünftige Nutzungsmöglichkeiten, wie die geplante Bundesgartenschau 2017 und der beabsichtigte Bau von neuen hochwertigen Wohnungen am nordöstlichen Rand des Feldes haben unmittelbare Konsequenzen für den Schillerkiez und seine Bewohner. Als einziges direkt an das Flugfeld Wohngebiet angrenzende erfährt der
Abbildung 3: Luftaufnahme des Schillerkiezes, links im Bild das Tempelhofer Feld Ursprünglicher Maßstab 1:3000, hier nicht maßstabsgetreu Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung/ Geoinformationen /Karten, über QM Schillerpromenade, 2010

Schillerkiez seit etwa 2008

26

deutlich mehr Beachtung als lange zuvor. Sei es seitens der Stadtentwicklung oder in den Medien. Doch auch die Bewohner spüren diesen Wandel, betrifft er doch ihr tägliches Lebensumfeld. Das Image des Schillerkiezes hat sich im Lauf des letzten Jahrhunderts mehrmals gewandelt. Die Bedeutungsdimension hat sich durch die Auswirkungen des städtischen Strukturwandels verändert und verschiedene Bilder des Gebiets produziert. Aktuell, so scheint es, wird der Schillerkiez auf unterschiedliche Art und Weise - je nach Betrachter - wahrgenommen. FLITNER und LOSSAU haben sich in ihrem Werk „Themenorte“ auch mit den Ausdrucksformen und Symbolen im zunehmend als fragmentiert und differenziert beschriebenen restrukturierten städtischen Raum befasst (vgl. FLITNER / LOSSAU 2005, S. 9ff). Insbesondere LOSSAU hat sich damit beschäftigt, das „Verständnis von Themenorten im (Struktur)Wandel zu vertiefen“ (vgl. hierzu LOSSAU 2005, S. 163ff). Welche ‚Gesichter’ hatte der Schillerkiez im Wandel der Zeit und welche hat er jetzt? Wird das Erbe des Gebiets in das making of des ‚neuen’ Schillerkiezes eingebaut? Wie der Schillerkiez zur Zeit repräsentiert wird, soll anhand der empirischen Erhebung nachvollzogen werden. An dieser Stelle wird jedoch zuerst das Untersuchungsgebiet vorgestellt. Es folgt ein Überblick über die historische Entwicklung des Schillerkiezes, sowie eine annähernde Bestandaufnahme der aktuellen Situation. Anschließend wird begründet, wieso sich diese Arbeit hauptsächlich auf den nördlichen Teil des Schillerkiezes bezieht und erklärt, welche Rolle die Kneipe Circus Lemke sowohl für die Untersuchung als auch für den Kiez spielt. 3.1 Die historische Entwicklung des Schillerkiezes

Seinen Ursprung hatte der heutige Schillerkiez als neuer Ortsteil der damaligen Stadt Rixdorf, die südöstlich vor den Toren Berlins lag. Rixdorf wurde vor 650 Jahren erstmals urkundlich erwähnt. Mit Erlaubnis des Königs Friedrich Wilhelm I. siedelten sich dort ab 1737 evangelische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen an (vgl. BERGER / WILKE 2010, S.18). Durch die Industrialisierung und daraus resultierende Bevölkerungsexplosion wuchs auch Rixdorf am Ende des 19.Jhs zum ‚größten Dorf bei Berlin’ und erhielt mit 85.000 Einwohnern im Jahr 1899 die Stadtrechte (vgl. GRAB / KURTH / RADECK 1991, S.20ff). Aufgrund der großen Wohnungsnot entstand auf den Rollbergen westlich des Rixdorfer Stadtkerns bereits ab 1875 ein sehr eng bebautes
27

Arbeiterviertel, das jedoch sehr schlechte Wohnbedingungen bot. Geplant wurde nun ein Viertel mit besseren Wohnungen, um auch zahlungskräftige Bürger aus der Mittelschicht nach Rixdorf zu ziehen (ebd.). Als bewusste Abgrenzung zum Rollbergviertel sollte östlich vom Tempelhofer Feld ein gutbürgerlicher Ortsteil entstehen, der baulich in sich geschlossen und einheitlich gestaltet war. Die endgültige Planung des Quartiers ist im Bebauungsplan der Stadt Rixdorf von 1901 abzulesen: ein rasterförmiges Straßennetz sollte sich von der Wanzlikstraße (heutige Flughafenstraße) bis zur Okerstraße im Süden erstrecken – die ursprünglich Planung einer Bebauung bis zur Ringbahn war aufgrund der sich quer über das gesamte Gebiet erstreckenden Friedhöfe nicht realisierbar. Die Mietshausblöcke sollten um die 50 m breite zentrale Schillerpromenade mit ihrem begrünten Mittelstreifen herum errichtet werden. Als Herzstück des Quartiers war der kreisrunde Herrfurthplatz mit der Genezareth-Kirche geplant, deren Bau im Jahr 1905 abgeschlossen wurde, wodurch der Straßenbau und die Miethausbebauung erst richtig einsetzten (ebd.).

Abbildung 4: Historische Ansicht der Schillerpromenade Quelle: Heimatmuseum Neukölln, bei RÜCKER / SZATMARY, 2001

Das in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Tempelhofer Feld war für die Bevölkerung zugänglich und galt als die Liegewiese Berlins. Weiterhin fanden dort glanzvolle Militärparaden unter Kaiser Wilhelm II. statt. Im Jahr 1909 stellten die Gebrüder Wright dort vor den Augen der kaiserlichen Familie und des staunenden
28

Publikums ihr spektakuläres Fluggerät auf dem Tempelhofer Feld vor (vgl. TRUNZ 2008, S. 12f). Entlang der Hermannstraße entwickelte sich um die Jahrhundertwende eine Vergnügungs- und Ausgehmeile mit Einrichtungen wie den Viktoriasälen und späterem Apollo-Theater (heutiger Hermannshof), den traditionsreichen KindlFestsälen der Berliner-Kindl-Brauerei oder dem Mercedes-Palast, der als ‚größtes Lichtspieltheater Europas’ für sich warb (vgl. GRAB / KURTH / RADECK 1991, S. 99ff). Um sich von seinem schlechten Ruf als Amüsier- und Arbeiterviertel zu verabschieden und nannte sich das arme Rixdorf im Jahr 1912 selbstbewusst in ‚Neukölln’ um (vgl. BERGER / WILKE 2010, S.19f). Schon hier lässt sich eine bewusst inszenierte Imagebildung erkennen, die der Stadt selbst und seinen Bewohnern einen guten Neustart bescheren sollte. Neukölln wurde 1920 im Zuge der Zusammenlegung vieler Städte und Gemeinden zu Groß-Berlin gemeinsam mit den Dörfer Britz, Buckow und Rudow zum Berliner Verwaltungsbezirk (ebd.). Im Oktober 1923 wurde der Flugbetrieb auf dem Tempelhofer Feld offiziell aufgenommen, welches seitdem für Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war. Der Fluglärm und die zunehmende Verschmutzung bescherten dem Viertel an der Schillerpromenade Attraktivitätseinbußen. 1928 wurde zwischen Flughafen und Oderstraße der ‚Sportpark Tempelhofer Feld’ eröffnet (von dem heute nur noch Teile als Werner-Seelenbinder-Sportpark im Süden erhalten sind. Im Norden entstand später das Columbia-Bad). Der dichtbevölkerte Stadtteil erhielt so eine dringend benötigte Erholungsfläche, die Sportplätze (Fussball, Hockey, Tennis), das Stadion Neukölln, Spielwiesen, Planschbecken und vier Gärten umfasste. Durch den erhöhten Flugverkehr und die Erweiterung des Flughafens musste die Fläche des Sportparks jedoch wieder verkleinert werden. Während der Berliner Blockade von 1948/49 wurde die komplette Versorgung Berlins über die Luftbrücke und den Flughafen Tempelhof abgewickelt, was schließlich das gesamte Sportparkgelände vereinnahmte (vgl. GRAB / KURTH / RADECK 1991, S. 90ff). Das Quartier Schillerpromenade, das um 1930 mit dem Bau des Wohnblocks durch den Architekten Bruno Taut zwischen Lichtenrader Straße und Oderstraße baulich vervollständigt wurde, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht allzu hohe Schäden zu verzeichnen. Einerseits war es fast reines Wohngebiet mit wenig Industrie und Gewerbe, andererseits erhofften sich die Alliierten die Übernahme des Flughafens für ihre Zwecke und verschonten das Gebiet weitgehend. Wegen des nach dem Krieg relativ gut erhaltenen Gebäudezustands, geriet das Gebiet in Bezug auf die
29

Stadtentwicklung in Vergessenheit und wurde bei Sanierungsmaßnahmen nicht berücksichtigt. Zudem litt das Image des Quartiers unter der Lärmbelastung durch die Nähe zum Flughafen und den Zuzug eher sozial schwacher Einwohner aufgrund der niedriger Mieten. Inzwischen hatte der ganze Norden Neuköllns wegen hoher Arbeitslosenzahlen, steigender Kriminalität und vieler sogenannter sozialer Brennpunkte einen über die Stadtgrenzen hinaus äußerst schlechten Ruf, was zu einem weiteren Abstieg führte. 3.2 Aktuelle Zahlen und Fakten über den Schillerkiez

Als ein „Stadtteil vor dem Abheben“ wird der Schillerkiez im Neuköllner Norden inzwischen beschrieben (vgl. taz). Scheinbar vorbei ist die Marginalisierung des Gebiets und seiner Bewohner. Neukölln sei ‚hip’ und ‚im Aufwind’, es entwickele sich zum neuen Berliner Szeneviertel. Diese und ähnliche Aussagen prägen die Berichterstattung der Medien, wenn vom Schillerkiez die Rede ist. Jedoch spricht die Realität aus Sicht der Stadtpolitik immer noch eine andere Sprache. Neukölln ist ein vielschichtiger Stadtteil Berlins. Im Norden ist es sich städtebaulich hoch verdichtet, außerhalb des S-Bahnrings lockert sich die Bebauung auf, mit Ausnahme von Hochhaussiedlungen wie der Gropiusstadt. Das Image ist weitestgehend schlecht und wird mit Schlagworten wie Arbeitslosigkeit, Kriminalität, sozialen Problemen oder einem hohen Migrantenanteil in Verbindung gebracht, wobei hierbei meist der nördliche Teil gemeint ist. RADA bemerkt 1997: „Die Neuköllner Altstadt, wie sie im Amtsdeutsch in Abgrenzung zu den Neubaugebieten der Südstadt genannt wird, ist kein Problembezirk mehr, sie gehört schon beinahe in die Kategorie: aufgegeben“ (RADA 1997, S. 127). Jedoch befindet sich Neukölln tatsächlich in Bewegung. Im Schillerkiez wurde im Jahr 1989 im Rahmen der bezirklichen Förderung ein Vor-OrtBüro eingerichtet, um insbesondere Hauseigentümer für eine behutsame Sanierung zu gewinnen (vgl. RÜCKER / SZATMARY 2002, S. 72). In den 1990er Jahren wird das Gebiet zum Schwerpunkt der Stadterneuerung und erst 1996 wird das städtebauliche Ensemble an der Schillerpromenade durch eine Erhaltungsverordnung geschützt, um die architektonische Besonderheit zu erhalten (ebd., S. 6). Im Zuge des BundLänder-Programms Soziale Stadt wurde der Schillerkiez als Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf eingestuft. 1999 wurde in dem Gebiet eines von insgesamt elf Quartiersmanagementbüros (im Folgenden ‚QM’) in Neukölln eingerichtet, um unter
30

Einbeziehung lokaler Akteure, Anwohner und Behörden zu einer Verbesserung der sozialen Lage beizutragen. Das QM-Gebiet erstreckt sich über eine 95 ha große Fläche bis hinunter zum S-Bahnring - schließt also auch die durch die Friedhöfe baulich abgeschnittenen Wohngebiete mit ein - und ist das größte und mit mehr als 20.000 Einwohnern bevölkerungsreichste QM-Gebiet Berlins (vgl. QUARTIERSMANAGEMENT

SCHILLERPROMENADE). Der Arbeitslosenanteil in Neukölln beläuft

sich auf 18,7% (vgl. BEZIRKSAMT NEUKÖLLN, Stand Sept. 2010), allerdings beziehen über 40% der Bewohner des QM-Gebiets Schillerpromenade – teilweise ergänzende – staatliche Transferleistungen, um ihren Lebensunterhalt sichern zu können. 37 % der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, was insbesondere den Bildungsbereich vor enorme Herausforderungen stellt (vgl. QM SCHILLERPROMENADE). Die noch günstigen Mieten ziehen aber nicht mehr nur sozial benachteiligte Personen an, sondern auch immer mehr junge Menschen, die sich noch in der Ausbildung befinden oder im künstlerischen Bereich tätig sind. Im Zuge der Aufwertungstendenzen in Kreuzberg und dem nahen Neuköllner Reuterkiez (‚Kreuzkölln’) und der Nähe zu Kreuzberg wird auch der Schillerkiez als ‚Ausweichquartier’ immer interessanter.

Abbildung 5: Tempelhofer Feld Quelle: Eigenes Foto

Seit der Schließung des Flughafen Tempelhof wurde das Gebiet allein durch den Wegfall der Lärm- und Schadstoffbelastung aufgewertet. Mit der Öffnung des
31

Tempelhofer Feldes im Mai 2010 wurde ein riesiges Naherholungsgebiet hinzugewonnen. Am Ende der Herrfurthstraße befindet sich einer der Haupteingänge, der besonders für die Besucher aus dem Berliner Norden und Osten wegen der günstigen Verkehrsanbindung beliebt ist. Plötzlich rückt der Kiez ins öffentliche Bewusstsein. Aber nicht nur in das Bewusstsein der Besucher, sondern auch in das der Bezirkspolitik und Stadtplanung, die hier ein starkes Entwicklungspotential sehen. Im Nordosten des Feldes sollen neue hochwertige Wohnungen entstehen, von denen sich die Politik „neue Impulse für den Kiez rund um die Schillerpromenade erhofft“ (vgl. HÖPNER 2009, S.8f). Dies allerdings hat auch Auswirkungen auf den Mietspiegel im Quartier, der jetzt schon zu explodieren scheint und Aufrufe gegen Gentrifizierung und Verdrängung alteingesessener Bewohner laut werden lässt. Eine Recherche der taz ergab, dass die Mieten im Quartier in den letzten drei Jahren durchschnittlich um 22% auf insgesamt 5,75 € pro Quadratmeter angestiegen sind. Kosten von 8,50 €/qm für eine ausgebaute Dachgeschosswohnung sind aber bereits möglich (vgl. taz). Das Gebiet Schillerpromenade hatte in den letzten Jahren weitgehend konstante Bevölkerungszahlen, allerdings ist seit mindestens 2008 einen Bevölkerungsanstieg ausschließlich in der Altersgruppe der 20-35jährigen zu verzeichnen (vgl. Daten des AMT
FÜR

STATISTIK BERLIN-BRANDENBURG 2008-2010). Die offensichtliche Zunahme

der Kreativen lässt Zeitungen und Stadtmagazine schon vom ‚neuen Neuköllner InViertel’ sprechen. Diese Entwicklungen machen die Diskussionen um Ghettoisierung oder Gentrifizierung verständlich. Die Bewohner des Gebiets, die dort lebenden Menschen, scheinen aber kaum gefragt zu werden, wie sie diese in ihrem alltäglichen Lebensumfeld stattfindenden Veränderungen wahrnehmen. Hierzu soll diese Arbeit einen kleinen Beitrag leisten, indem sie sich mit der Sicht eines Teils der Bewohner auseinandersetzt. 3.3 Die Nachbarschaft und die Kneipe Circus Lemke

Wie bereits erwähnt, konzentriert sich diese Untersuchung auf den nördlichen Teil des Schillerkiezes. Dies hat einerseits damit zu tun, daß das städtebauliche Ensemble in sich geschlossen ist und sich damit räumlich vom südlichen Teil des QM-Gebietes Schillerpromenade abgrenzt. Auch die statistischen Gebiete der ‚Lebensweltlich orientierten Räume’ erstrecken sich über eine größere Fläche. Mit
32

dem nördlichen Schillerkiez ist hier das Gebiet zwischen Flughafenstraße und Kienitzer Straße gemeint. Dass administrative Grenzziehungen nichts mit den Lebenswelten der Bewohner zu tun haben müssen, bemerkt auch SCHNUR (vgl. SCHNUR 2008, S. 38). Schnur definiert Quartier als einen durch „(...) Handlungen sozial konstruierten, jedoch unscharf konturierten Mittelpunkt-Ort alltäglicher Lebensweisen und individueller sozialer Sphären (...)“ (SCHNUR 2008, S. 40; vgl. hierzu Kapitel 2.4). Nach Steinführer weisen Quartiere „bauliche, physische, soziale, ökonomische, politische, symbolische sowie historische Bedeutungs- und Entwicklungsdimensionen“ auf (vgl. STEINFÜHRER bei SCHNUR 2008, S.40). Die Lebenswelten und sozialen Sphären stellten eine interaktive Struktur bereit und böten ein Potenzial für zumindest partielle lokale Identifikation, wobei die Größe des Quartiers einen ‚menschlichen Maßstab’ aufweisen müsse, um eine Identifikation entwickeln und als ‚soziale Landschaft’ konstruierbar und reproduzierbar sein zu können (vgl. SCHNUR 2008, S. 40f). Ein Quartier habe keine klare Abgrenzung, vielmehr bilden die sozialen Sphären der einzelnen Bewohner eine kleine gemeinsame Schnittmenge und bildeten so den ‚Kern’ eines Quartiers. SCHNUR fasst seine Definition von Quartier als raum-zeitliches Fuzzy-Conzept auf (ebd.). Er folgert, dass ein Areal also bereits dann als potenzielles Quartier gelten könne, „wenn ein Bewohner dieses subjektiv für sich als solches empfindet“ (ebd.).

Abbildung 6: Quartier als ‚Fuzzy Place’ Quelle: SCHNUR 2008

33

Auch

der

Begriff

der

‚Nachbarschaft’

spielt

eine

große

Rolle

in

der

Quartiersforschung und wird in politisch gesteuerten Maßnahmen zur nachhaltigen Stadtentwicklung zunehmend als soziale Ressource angesehen und geschätzt. So soll die Stärkung der Nachbarschaften beispielsweise im Rahmen der QM-Projekte bewusst gefördert werden (vgl . QM SCHILLERPROMENADE). HAMM bezeichnet 1973 Nachbarschaft als eine „soziale Gruppe, deren Mitglieder primär wegen der Gemeinsamkeit des Wohnortes miteinander interagieren“ (HAMM bei SCHNUR 2008, S. 26). HÄUSSERMANN und SIEBEL passen diese Beschreibung an den aktuellen Forschungsstand an und schlussfolgern: „War früher Nachbarschaft eher eine räumliche Tatsache, die sich soziale organisiert hat, so beruht sie heute eher auf sozialer Nähe, die sich räumliche organisiert“ (HÄUSSERMANN / SIEBEL bei SCHNUR 2008, S. 27). Später ergänzen sie: „Bei freier Wohnstandortwahl ergeben sich also am ehesten Nachbarschaften, die auch >funktionieren< - man muss gar nicht so viel planen!“ (HÄUSSERMANN / SIEBEL 2004, S. 113). Im Vorfeld der eigentlichen empirischen Untersuchung wurde bereits beobachtet, dass sich scheinbar eine solche >funktionierende< Nachbarschaft im nördlichen Teil des Schillerkiezes ergeben hatte, wodurch auch das Interesse für das Thema dieser Arbeit geweckt wurde (ausführlicher in Kapitel 4.1.). In diesem Teil des Kiezes befinden sich im Bereich Selchower Straße / Weisestraße vier Kneipen mit jeweils unterschiedlichen Zielrichtungen: Der Circus Lemke, die Lange Nacht, das Syndikat und das Selchower Eck. Es ist zu bemerken, dass es keine Konkurrenz zwischen diesen vier Einrichtungen gibt, sondern die Gäste zwischen den Kneipen wechseln, sich zu anderen Zwecken und in anderen Konstellationen wieder begegnen und sich mit ihrem Umfeld im nachbarschaftlichen Sinne identifizieren. Über die soziale Funktion von Kiezkneipen gibt es einiges an Literatur, auf die hier jedoch leider nicht näher eingegangen werden kann (vgl. hierzu insb. DRÖGE / KRÄMER-BADONI 1987; MANIA 1997; SCHWIBBE 1998; STARZINGER 2000; STRAßER 1986). Nur soviel: Die Kiezkneipe hat eine kommunikationsfördernde Funktion, wodurch nachbarschaftliche Beziehungen entstehen und sich verfestigen können. Weiterhin resultiert aus diesen interaktiven Handlungen eine Aneignung des Raumes durch symbolische Bedeutungszuschreibungen, was sich nicht nur auf die Kneipe an sich, sondern auch auf die Nachbarschaft, auf den ganzen Kiez als Lebensraum beziehen und identitätsstiftend wirken kann. Es gehe auch nicht nur darum „zu sehen, wie der Raum sozial hergestellt werde, sondern auch darum zu berücksichtigen, was der
34

Raum selbst vorgibt“ (vgl. LOSSAU 2009). Durch die in den Kneipen verortete alltägliche Handlung mittels Kommunikation wird dem (Lebens-)Raum eine je nach Betrachter differenzierte Bedeutung zugeschrieben. Auch LEFÈBVRE bezeichnet mit der Bezeichnung ‚Räume der Repräsentation’ die gelebte soziale Beziehung der Benutzer zu ihrer Umwelt und die Räume des Ausdrucks (lived space) (vgl. hierzu Kapitel 2.1.1. und 2.2.1). Aus den eben geschilderten Gründen wurde die empirische Untersuchung dieser Arbeit, die in Kapitel 4 vorgestellt wird, in einer der erwähnten Kneipen im nördlichen Schillerkiez durchgeführt: im Circus Lemke.

Abbildung 7: Ein Abend im Circus Lemke Quelle: Eigenes Foto

Der Circus Lemke wurde im September 2009 in der Selchower Straße eröffnet. Der Zeitpunkt der Eröffnung ist ein wichtiger Grund für die Auswahl als Erhebungsort. Zwischen Schließung des Flughafens und Öffnung des Tempelhofer Felds fällt dieser in einen Zeitraum, in dem die Zukunft der Schillerkiezes weitgehend ungewiss war. Weiterhin sammeln sich dort sowohl langjährige Bewohner des Kiezes, die teilweise auch schon Gäste im ‚Vorgänger’ Café Xenxi waren, als auch neu zugezogene Kiezbewohner. Ebenfalls ausschlaggebend war die Tatsache, dass der Circus Lemke nicht nur abends als Kneipe geöffnet hat, sondern auch tagsüber als Café,
35

was ein teilweise anderes und breiteres Publikum anzieht und somit die Gruppe der befragten Personen nicht zu stark eingrenzte.

4 Die Empirische Untersuchung: Vor Ort im Circus Lemke
„Wissenschaftlich beobachten heißt fokussierter, scharfsichtiger und kritischer hinzuschauen.“
Meier Kruker / Rauh, 2005

Ziel der empirischen Untersuchung war es, mittels verschiedener qualitativer Methoden die Leitfragen dieser Arbeit zu beantworten. Es wurde versucht, die Repräsentationen des Schillerkiezes und ihre Entstehung aus Sicht der Bewohner herauszuarbeiten. Ergänzt werden die Ergebnisse durch Darstellungen des Gebietes in den Medien. Weiterhin sollte untersucht werden, ob die verschiedenen Repräsentationen vom sozialen Wandel beeinflusst werden. Auch ein möglicher Einfluss des sozialen Wandels im Schillerkiez auf die Kneipe Circus Lemke sollte beachtet werden. Die verwendeten Methoden und die befragten Personen werden nun vorgestellt. An dieser Stelle möchte ich bereits anmerken, dass mir einige der befragten Personen aus eigener Initiative heraus weiteres Material zukommen ließen, welches ebenfalls als empirisches Material im qualitativen Sinne angesehen werden kann. Da es um die Repräsentationen des Raumes, um die Bedeutung und Wahrnehmung des Kiezes, des eigenen Lebensumfeld der Bewohner geht, werden Fotos, Gedichte und Mental Maps in den anschließenden Teil mit einfließen. Diese Methoden werden nicht näher vorgestellt und auch nicht ausgewertet, da sehr individuelle Sichtweisen gezeigt werden. Dem Leser soll einer kleiner und möglichst differenzierter Einblick in das Untersuchungsgebiet gegeben werden, jedoch soll ihm etwas Raum zur eigenen Interpretation gegeben werden. Vor der Vorstellung der verwendeten qualitativen Methoden und der befragten Personen wird die Idee zu dieser Arbeit kurz erläutert. 4.1 Die Idee zu dieser Arbeit

Entstanden ist die Idee für diese Arbeit durch alltägliche Beobachtungen in meinem eigenen Lebensumfeld. Als ich im Winter 2003 in den Schillerkiez zog, war die günstige Wohngegend zwischen Hermannstrasse und dem damaligen Flughafen Tempelhof im öffentlichen Bewusstsein kaum vorhanden. Die Nähe zu Kreuzberg
36

und dem aufstrebenden Neuköllner Reuterkiez war aber für mich attraktiv und die infrastrukturelle Lage inmitten des öffentlichen Nahverkehrsnetzes ausschlaggebend. Neben dem immer wieder aufkommenden Wunsch, aus dieser Wohngegend wegzuziehen, entwickelte sich aber im Lauf der Jahre durch private Kontakte ein Bezug zu diesem Kiez. So entstand für mich ein erstes soziales Netzwerk innerhalb der Nachbarschaft durch den in unmittelbarer Nähe zur Wohnung gelegenen Kinderladen meiner Tochter. Eltern in ähnlichen Situationen lebten hier aus ähnlichen Gründen und man unterstützte sich gegenseitig im Alltag so gut es ging. Viele Alleinerziehende halfen sich bei der Betreuung der Kinder, die nahe Hasenheide mit ihren großen Wiesen und Spielplätzen wurde gemeinsam viel genutzt, ebenso häufig das Cafe Xenxi besucht. Wenn jemand sich bereit erklärte, auf die Kinder aufzupassen, konnte man den Abend in den zwei nahegelegenen Kneipen Lange Nacht und Syndikat verbringen. Die schnelle Erreichbarkeit und die Tatsache, dass wir alle hier wohnten, machten diese Orte zu Treffpunkten, obwohl die Gegend eher ungeliebt war. Das soziale Netz allerdings, was sich entwickelt hatte, wurde geschätzt und in Anspruch genommen. Trotzdem gab es bei vielen immer wieder den Wunsch, in eine „bessere“ Gegend zu ziehen, weil der Schillerkiez zu offensichtlich ein strukturschwaches Gebiet war. Sogar das Cafe Xenxi schloss im Frühjahr 2009. Ab etwa dem Sommer 2008 begann sich irgendetwas im Empfinden der Bewohner zu verändern. Es wirkte so, als seien mehr ‚freundliche Gesichter’ zu sehen. Die Atmosphäre schien sich zu wandeln. Im September 2009 eröffnete der Circus Lemke. Einerseits machten die offensichtlich von einem Freundeskreis privat durchgeführten Bautätigkeiten neugierig und wirkten sympathisch, andererseits gab es endlich wieder auch tagsüber einen Ort, an dem man zusammensitzen, reden, entspannen konnte. Ich wurde schnell regelmäßiger Gast im Circus Lemke, tagsüber oder auch abends, und kam mit vielen Nachbarn ins Gespräch, die ich seit Jahren nur vom Sehen kannte. An diesem Ort herrschte eine offene, freundliche Stimmung und es entwickelten sich Freundschaften und Kontakte zu Leuten, mit denen ich vorher nicht gerechnet hätte. Im Frühjahr 2010 begann ich selbst, unregelmäßig als Aushilfskraft im Circus Lemke tätig zu sein und konnte dadurch noch mehr Einsicht in die Dynamik der Gäste und des Kiezes erhalten. Durch unzählige Gespräche im Laufe des ersten Jahres schien immer mehr durch, dass sich der Großteil der Gäste und Bewohner hier außerordentlich wohl zu fühlen schien. Gleichzeitig bemerkten
37

‚wir’, dass durch die Schließung des Flughafens und die Öffnung des Tempelhofer Feldes ohne Frage ein großes Interesse an ‚unserem Kiez’ entstand. Sei es seitens der Medien, der Immobilienbranche, der Stadtplanung oder schlicht seitens potentieller neuer Nachbarn, was sich durch Menschentrauben vor den Häusern bei Wohnungsbesichtigungen und rasant steigender Mieten bemerkbar machte. Dieser Bericht der Entwicklung schildert nur mein eigenes Empfinden. Im Rahmen meines Geographiestudiums beschloss ich daher, mich näher mit diesem Thema auseinander zu setzen und diese Beobachtungen auch wissenschaftlich zu untersuchen. Dies sollte unter der Verwendung qualitativer Forschungsmethoden und unter besonderer Berücksichtigung der Sicht der Bewohner des Schillerkiezes stattfinden. 4.2 Die Methodik

Um die zu untersuchende Fragestellung hinsichtlich ihrer Leitfragen beantworten zu können, wurden verschiedene Methoden der qualitativen Forschung angewendet. Da das Thema aus der Beobachtung des eigenen Lebensumfelds heraus entwickelt wurde, nimmt die teilnehmende Beobachtung einen wichtigen Teil der Forschung ein. Unterstützend wurden Fragebögen mit offenen Fragen entwickelt, um die Antworten der vielen Gäste strukturierter auswerten zu können. Ebenso wurden LeitfadenInterviews mit zwei Inhabern des Circus Lemke durchgeführt, um Entwicklung im Kiez noch aus anderer Perspektive betrachten zu können. Befragt wurden ausschließlich Personen, die auf verschiedene Art und Weise in Verbindung mit dem Circus Lemke stehen: als Inhaber, Mitarbeiter oder Gäste. Letztere werden unterschieden in Gäste, die auch im Schillerkiez leben und Gäste, die ihren Wohnort außerhalb des Untersuchungsgebietes haben, aber durch den Besuch des Circus Lemke zumindest annähernd mit dem Kiez vertraut sind. 4.2.1 Die teilnehmende Beobachtung Da die Bewohner des Schillerkiezes und ihre persönlichen Wahrnehmungen des alltäglichen Lebensumfeldes im Zentrum des Interesses standen, waren zahlreiche spontane Gespräche mit den unterschiedlichsten Gästen und Mitarbeitern des Circus Lemke sehr aufschlussreich, um einen Einblick in ihre jeweiligen Positionen zum sich im Wandel befindenden Schillerkiez zu erhalten. Auch wurden bereits Gründe für die
38

Bedeutungszuschreibungen bezüglich ihrer bevorzugten Orte innerhalb des Quartiers vermutet. Da diese weniger systematischen Beobachtungen und Gespräche im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung letztlich sogar zur endgültigen Leitfrage hingeleitet haben, kann diese Zeit als Explorationsphase des Forschungsprojekts angesehen werden (vgl. MEIER KRUKER/ RAUH 2005, S. 57). Ebenso könne die Beobachtung ein Baustein der Haupterhebungsphase sein, um aufgenommene Daten begleitend zu anderen Methoden in einen weiteren Kontext einordnen zu können (vgl. ebd.). Aufgrund meiner eigenen Lebenswelt ist mir die soziale Welt meines Untersuchungsobjektes (Schillerkiez) bzw. meiner Untersuchungsobjekte (Bewohner des Schillerkiezes und Gäste des Circus Lemke) seit langem vertraut. Selbst wohnhaft im Kiez seit 2003 konnte ich in den letzten sieben Jahren sowohl auf verschiedene Weise soziale Kontakte in der Nachbarschaft knüpfen als auch die ersten deutlich sichtbaren Veränderungen beobachten. Der regelmäßige Besuch und meine Aushilfstätigkeit im Circus Lemke haben mir die sehr nahe Beobachtung des Umfeldes ermöglicht und mich durch vertrauensvolle, kommunikative und soziale Beziehungen in die Lage versetzt, tiefe Einblicke in die Lebenswelten der Gäste und Bewohner zu bekommen. Die persönliche Interaktion des Forschers mit Personen des Forschungsfeldes beschreibt auch FLICK wie folgt als Kennzeichen der teilnehmenden Beobachtung:
„Die teilnehmende Beobachtung ist in doppelter Hinsicht als Prozess zu begreifen. Einerseits soll der Forscher mehr und mehr zum Teilnehmer werden und Zugang zu Feld und Person finden. Andererseits soll auch die Beobachtung einen Prozess zunehmender Konkretisierung und Konzentration auf für die Fragestellung wesentlichen Aspekte durchlaufen.“ (FLICK zit. nach FREY 2009)

Weiterhin bedeutet Teilnehmen „situationsgerecht und flexibel mitzutun, mitzugehen und mitzudiskutieren sowie gleichzeitig wissenschaftlich systematisch zu registrieren, was geschieht, also eine Doppelrolle einzunehmen.“ (MEIER KRUKER / RAUH 2005, S. 60). Die nötige Distanz zum Untersuchungsfeld werde durch Gespräche und Diskussionen über die Beobachtungen wieder hergestellt (vgl. FREY 2009, S. 157). Die abgebildeten Fotos des Untersuchungsgebietes sind im Lauf des letzten Jahres von mir selbst gemacht worden. Weiterhin wurden einige Künstler, die regelmäßig Gäste im Circus Lemke sind und mit denen aufgrund von Sprachbarrieren keine
39

ausführlichen Gespräche möglich waren, von mir gebeten, die Sicht auf den Schillerkiez aus ihrer Perspektive zu zeichnen, also eine Mental Map4 anzufertigen. Während der spontanen Gespräche wurden viele Gäste gefragt, ob sie sich für weitere Befragungen zur Verfügung stellen würden und gebeten, mir ihre E-MailAdresse mitzuteilen, um sie eventuell später kontaktieren zu können. 4.2.2 Fragebögen Um die Ergebnisse der Beobachtung besser belegen und schriftlich festhalten zu können, wurden die Gäste gebeten, Fragebögen mit offenen Fragen zu beantworten, in einem möglichst assoziativen Stil. Da nahezu alle Befragten durch die vorangegangenen Gespräche bereits darüber informiert waren, dass in absehbarer Zeit eine weitere Befragung stattfinden könnte und sie sich aufgrund von großem Interesse an der Thematik anboten, als Interviewpartner aufzutreten, fiel die Entscheidung aufgrund der zu erwartenden Fülle an Material auf die Erstellung eines Fragebogens. Diese wurden auf elektronischem Weg versandt. Hierzu wurde der Kontakt über die bereits vorhandenen Email-Adressen hergestellt, aber auch über das internetbasierte Social Network Facebook. Diese Medien werden zunehmend auch zur alltäglichen Kommunikation genutzt und versprechen eine schnelle Erreichbarkeit der Personen und aufgrund der Aktualität eine hohe Antwortbereitschaft. Die Adressaten wurden allerdings gebeten, den ausgefüllten Fragebogen als E-mailAnhang an mich zurück zu senden. Angeschrieben wurden nur Personen, die schon mindestens einmal zu Besuch im Circus Lemke waren, unabhängig von ihrem Wohnort. Ergänzend wurden im Circus Lemke einige ausgedruckte Fragebögen ausgelegt, die hauptsächlich für ganze neue Gäste gedacht waren, mit denen keine Vorgespräche möglich waren. DIEKMANN sieht die Online-Befragung als Spezialfall der schriftlichen Befragung und nennt unter anderem als Vorteile Schnelligkeit und geringe Kosten (vgl. DIEKMANN 2009, S. 520ff). MEIER KRUKER und RAUH bemerken, dass Fragebögen mit offenen Fragen und mit Beschreib- oder Erzählaufforderung qualitatives Datenmaterial liefern und besondern einfach anzuwenden seien, „wenn die befragten Personen selber ein
Mental Maps sind eine weitere qualitative Methode, die KEVIN LYNCH innerhalb seines bekannten Werkes The Image of the City (1960) entwickelt hat. Oft werden Mental Maps in wahrnehmungsgeographischen Studien benutzt, um nach dem subjektiven Wahrnehmen von Menschen zu fragen (vgl. MEIER KRUKER / RAUH 2005, S. 21). Auch SCHNUR schlägt diese Methode für die Abgrenzung von Quartieren als Lebenswelten vor (vgl. SCHNUR 2008, S. 42) .
4

40

großes Interesse haben, über das zur Frage stehende Thema nachzudenken“ (vgl. MEIER KRUKER / RAUH 2005, S. 71). Zu Beginn wurden die Befragten gebeten, sich vorzustellen. Es folgten zwei Fragekomplexe zum Schillerkiez und zu ihren Gründen, sich im Circus Lemke aufzuhalten. Abschließend wurde gebeten, das Image des Schillerkiezes zu beschreiben. Zudem wurde Platz für eigene Ergänzungen gegeben. Es wurden 58 Fragebögen versendet, von denen 35 ausgefüllt zurückgeschickt wurden. Im Circus Lemke selbst kamen weitere 8 beantwortete Fragebögen zurück. Ausgewertet wurden 43 teilweise anonym ausgefüllte Fragebögen. 4.2.3 Leitfaden-Interviews Weil sich die Fragestellung dieser Arbeit auch mit dem sozialen Wandel im Schillerkiez befasst und eine der Leitfragen lautet, ob sich dieser Wandel im Circus Lemke wieder erkennen lässt oder diesen sogar beeinflusst, wurden die Inhaber des Circus Lemke gebeten, sich für Interviews zur Verfügung zu stellen, was sie gern taten. Durch bereits bestehende freundschaftliche Verhältnisse war eine Vertrauensbasis schon im Vorfeld gegeben. Im Interview wurden offene Fragen genutzt, die zum Erzählen einladen sollten (vgl. MEIER KRUKER / RAUH 2005, S. 64). Mit den Methoden des Leitfaden-Interviews konnten die Erzählstränge der Befragten auf die interessierenden Themen gelenkt werden und es gab die Möglichkeit der Nachfrage zu besserem Verständnis (vgl. FREY 2009, S. 155). Durchgeführt wurden die Interviews aufgrund der geräuschintensiven Bautätigkeiten, die aktuell im Circus Lemke stattfinden, in meiner Wohnung im Schillerkiez, aber auch während einer Baupause im neuen, zweiten Raum des Circus Lemke. Die Durchführung eines Interviews am Arbeitsplatz könne aufgrund des Umfelds zusätzliche Impulse für das Gespräch geben und es sei eine Kombination von Interview und Beobachtung möglich (vgl. MEIER KRUKER / RAUH 2005, S. 65). Zu Beginn des Interviews sollten die Interviewpartner sich und ihren Aufgabenbereich im Circus Lemke kurz vorstellen. Anhand eines Leitfadens wurden dann Fragen zur Kneipe an sich, zu den Gründe für die Standortwahl im Schillerkiez und zur Bedeutung des Circus Lemke innerhalb der Nachbarschaft gestellt. Es folgte die Bitte, von den eigenen Erfahrungen mit dem sozialen Wandel im Gebiet zu berichten und zu erzählen, welchen Einfluss dieser auf die Kneipe hat bzw. ob es
41

eine Wechselwirkung gibt. Abschlossen wurden die Interviews ebenfalls mit der Frage nach dem Image des Schillerkiezes und dem Angebot, weitere Anmerkungen machen zu dürfen. 4.3 Vorstellung der befragten Personen

An dieser Stelle sollen die befragten Personen kurz vorgestellt werden, denen allen eine Verbindung zum Circus Lemke gemeinsam ist. Die Inhaber wurden in Interviews befragt und andere Mitarbeiter und Gäste des Circus Lemke – Bewohner und Besucher des Schillerkiezes – erhielten Fragenbögen und wurden gebeten, diese schriftlich zu beantworten. 4.3.1 Die Gäste des Circus Lemke Die Gäste des Circus Lemke sind selbstverständlich nicht repräsentativ für den gesamten Schillerkiez mit seinen vielen unterschiedlichen Bewohnern. Wie aber in Kapitel 3.3 bereits beschrieben, wurden im nördlichen Schillerkiez funktionierende Nachbarschaftsstrukturen beobachtet, die sich räumlich im Circus Lemke konzentrieren. Dort sammeln sich alteingesessene Bewohner des Kiezes und solche, die noch ‚neu’, also in dem Zeitraum hinzugezogen sind, in dem der Beginn des sozialen Wandels sichtbar wurde. Weiterhin sind die Gäste nicht ausschließlich Bewohner des Quartiers, sondern teilweise auch nur aus verschiedenen Gründen zu Gast im Circus Lemke oder im Schillerkiez. Dieser Umstand machte es möglich, auch die Sicht auf den Kiez von Personen, die nicht im Erhebungsgebiet leben, in Kenntnis zu bringen. Von den befragten Personen leben 24 Personen im Schillerkiez und 18 Personen außerhalb. Von den Kiezbewohnern leben 14 Personen erst seit 2008 im Gebiet, davon 8 erst seit 2010. Die Wohnorte der Kiezbewohner konzentrieren sich in folgenden Strassen: Weisestraße (11), Selchower Straße (7), Schillerpromenade (3), Herrfurthplatz (1), Lichtenrader Straße (1), Warthestraße (1). Der Alter der befragten Personen liegt zwischen 24 und 54 Jahren, im Durchschnitt bei 31 Jahren. Interessant ist die Tatsache, dass fast alle Befragten im kreativen Bereich tätig sind.

42

4.3.2 Die Inhaber des Circus Lemke Der Circus Lemke wurde im September 2009 von Jan Lemke eröffnet. Von Anfang an war es angedacht, später einige der Mitarbeiter zu beteiligen. Im Sommer 2010 wurden Kai Janssen, Dave Youssef und Alex Nagler Teilhaber des Circus Lemke. Die Personen werden hier kurz vorgestellt: Jan Lemke ist 33 Jahre alt und eigentlich Schauspieler. Er war jahrelang bereits in einigen Bars als Barkeeper tätig und entschloss sich daraufhin, eine eigene Kneipe zu eröffnen. Er kümmert sich um Organisatorisches, Einkäufe und Finanzen und arbeitet abends und nachts als Barmann. Seit über zehn Jahren lebt er im Umkreis und kennt den Kiez daher schon lange und entschied sich daher, seine Kneipe im Schillerkiez zu eröffnen, als er erfuhr, dass das Café Xenxi geschlossen wurde. Kai Janssen ist 32 Jahre alt und war ebenfalls als Schauspieler und Barkeeper in verschiedenen Bars tätig. Als langjähriger Freund gab es für ihn seit der Eröffnung die Option, eines Tages in den Laden miteinzusteigen. Seit 12 Jahren lebt er in Berlin, kennt den Schillerkiez seitdem und war ebenfalls oft zu Gast im Café Xenxi. Er arbeitet hauptsächlich nachts, beginnt aber bald auch mit den Tagesschichten und ist weiterhin für sämtliche Bauvorhaben und ästhetische Entscheidungen verantwortlich. Dave Youssef, ebenfalls ein langjähriger Freund, ist 32 Jahre alt und gebürtiger USAmerikaner aus Kalifornien. Seit einigen Jahren lebt er in Kreuzberg und promoviert im Fachbereich vergleichende Studien über die vergleichende Darstellung von Städten in der Literatur am Beispiel von Berlin und Los Angeles. Außerdem ist er Musiker und arbeitet einmal wöchentlich tagsüber und etwa zwei abende im Circus Lemke und ist ebenfalls seit dem Sommer 2009 Teilhaber. Im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung haben wir viele Gespräche über Städte, Literatur, den Kiez und den Circus Lemke geführt. Alex Nagler wurde 31 Jahre alt.5 Er war gebürtiger Österreicher und gelernter Agrarökonom. Vor zwei Jahren zog er aus privaten Gründen nach Berlin in den Schillerkiez. An einer anderen Arbeitsstelle lernte er Kai Janssen kennen und
5

Alex Nagler ist am 10. Oktober 2010 einige Tage vor dem geplanten Interview tödlich verunglückt. Ich konnte aber viele intensive Gespräche mit ihm im Vorfeld führen und bin darüber sehr dankbar, da er eine ganz besondere Funktion im Circus Lemke hatte (siehe Nachwort).

43

durch die Nähe zum Circus Lemke war er regelmäßiger Gast. Schnell war klar, dass er Mitarbeiter werden sollte, da die ‚Wellenlänge’ stimmte. Er übernahm von März bis Oktober 2010 den Tagesbetrieb und einige andere Tätigkeiten im Circus Lemke, dessen Teilhaber er ebenfalls im Sommer 2010 wurde. Die Leitfaden-Interviews wurden mit Jan Lemke und Kai Janssen im Oktober 2010 durchgeführt. Aber auch die Inhalte der zahlreichen Gespräche mir Dave Youssef und Alex Nagler fließen in die Ergebnisse dieser Arbeit mit ein.

5 Das Ergebnis: Die Gesichter des Schillerkiezes
„„Der Raum ist das, was ihr draus macht.“
Jan Hübner

Es existieren äußerst vielfältige Sichtweisen auf den Schillerkiez. Das wurde in dieser Arbeit bereits mehrmals erwähnt. Man könnte auch sagen, der Schillerkiez hat viele Gesichter. Als Ergebnis der Befragung sollen diese unterschiedlichen Perspektiven nun genauer untersucht werden. Die öffentliche Meinung über NordNeukölln und insbesondere das Untersuchungsgebiet gehen weit auseinander und sollen hier ansatzweise wiedergegeben werden. Eine exakte Auswertung ist diesbezüglich nicht möglich, ist doch die Fülle an Mitteilungen zu groß. Vielmehr soll sich der Schwerpunkt der Ergebnisse auf die Sicht der Besucher und der Bewohner konzentrieren, eben auf die Wahrnehmung der Menschen, die den Schillerkiez kennen oder sogar - teils tief verbunden mit diesem Gebiet – dort leben. 5.1 Der Kiez der Repräsentationen

Die parallelen Wirklichkeiten des Schillerkiezes äußern sich in unterschiedlichen Repräsentationen. Diese werden durch Bedeutungszuschreibungen konstruiert. Mit dieser Thematik hat sich LOSSAU in zahlreichen Studien beschäftigt. Die Vorstellungen von Räumen, die Personen von einem Raum haben, unterschieden sich hinsichtlich ihres Betrachtungswinkels. Hierbei nenn LOSSAU „Trennung des eigenen Raums von dem der jeweils ‚Anderen’ als den entscheidenden Moment der Repräsentationsprozesse (vgl. LOSSAU 2003, S. 103, vergleiche hierzu auch Kapitel 2.1.1.). Eine Bedeutungszuschreibung des Raumes geschieht erst durch die kulturelle Praxis. Auch LEFÈBVRE geht in seiner Theorie zur Produktion des Raumes davon
44

aus, dass die Räume der Repräsentation durch komplexe Symbolisierungen geschaffen werden und durch die gelebte soziale Beziehung der Benutzer zu ihrer Umwelt entstehen (vgl. LÖW / STEETS / STOETZER 2007, S. 52f).
„Ausgehend von der These der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft als einem globalen Prozess, hat Henri Lefèbvre die Repräsentationen des Raumes als soziale Produkte beschrieben, die aus dem Widerspruch zwischen dem spekulativen Expertenwissen und dem alltägliche, das heißt konkret gelebten Raumwissen, hervorgehen. Die Repräsentationen des Raumes werden damit als Artikulation eines Bruchs zwischen der wahrgenommenen Wirklichkeit und den institutionell erzeugten Repräsentationen konzipiert.“
(NOLLER 1999, S.114)

Je nach Blickwinkel entstehen folglich differenzierte Repräsentationen eines Raumes, in diesem Fall des Schillerkiezes, welche nun vorgestellt werden sollen. 5.1.1 Die Sicht der Öffentlichkeit Wenn man ‚Neukölln’ als Suchbegriff in internetbasierten Nachrichten-

Suchmaschinen eingibt, überschlagen sich die Meldungen über kriminelle Übergriffe, Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Integration und weitreichende soziale Probleme – ab und zu tauchen die Wörter ‚Kultur’, Kreativität’ oder ‚Gentrifizierung’ auf. Das scheint nicht zusammen zu passen, es wirkt, als werde aus zwei verschiedenen Welten berichtet. Auch in lokalen, überregionalen und sogar internationalen Printmedien ist Neukölln offenbar ein spannendes Thema und es wird viel über dieses Gebiet berichtet und an dessen ‚Bild gebastelt (vgl. KAPPHAHN). In den 1990er Jahren erlangte Neukölln den Ruf „Deutschlands größtes Sozialamt“ zu sein und durch die Vorkommnisse an der bundesweit bekannt gewordenen Rütli-Schule, die von den Lehrer quasi aufgegeben worden war, verstärkte sich diese Wahrnehmung (ebd.). Seit der Schillerkiez 1999 als ‚Stadtteil mit erhöhtem Entwicklungsbedarf’ klassifiziert wurde, versucht das Quartiersmanagement im Gebiet, zu einer Stabilisierung und Aufwertung der Nachbarschaft beizutragen. Durch verschiedenen Projekte und Maßnahmen soll das Engagement der Bewohner gestärkt werden. Die ‚Stadtteilmütter’ beispielsweise tragen laut QM zu einem erheblichen Teil dazu bei, die Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund zu erhöhen, indem sie Zugang zu den betreffenden Familien finden und unterstützend vermitteln (vgl. QM SCHILLERPROMENADE). Die ‚Task Force Okerstraße’ ist sehr umstritten und es gibt
45

Konflikte

mit

vielen

Anwohnern.

Das

Projekt

soll

die

Verbesserung

des

nachbarschaftlichen Miteinanders in ausgewiesenen Problem fördern, kritische Stimmen sprechen von geplanter Verdrängung marginalisierter Anwohner (vgl. PROMENADENPOST und RANDNOTIZEN). Der Versuch seitens des QM im Rahmen einer Gewerbeoffensive Künstler und Studenten auf den Leerstand aufmerksam zu machen, scheiterte teilweise. In Kooperation mit Hauseigentümern wurden bewusst Studenten angeworben, in das Gebiet zu ziehen, um bessere soziale Durchmischung des Gebietes zu erreichen (vgl. QM SCHILLERPROMENADE 2010). Der Gewerbeleerstand, auf den Künstler aufmerksam gemacht werden sollten, um durch kreative Zwischennutzungen zu einer Aufwertung des Gebietes beizutragen, war allerdings doch nicht so hoch wie gedacht. Auf Nachfrage beim QM wurde in Erfahrung gebracht, dass viele der Läden mit den heruntergelassenen Rollläden gar nicht ungenutzt seien und die Eigentumsverhältnisse im Gebiet anders seien, als in vielen anderen Kiezen. Aufgrund der historischen Entwicklung seien sehr viele Miethäuser und auch einzelne Wohnungen in Privatbesitz. In vielen Gesprächen mit Bewohnern wurde mir oft berichtet, dass ihre Wohnhäuser in den letzten zwei Jahren von den Eigentümern an große Wohnungsbaugesellschaften verkauft worden seien und seitdem die Mieten extrem angestiegen sind, insbesondere bei Neuvermietungen. Die Nachfrage steigt enorm und das Interesse an Gebiet wird größer. Seit der Aufwertung des Quartiers durch die Flughafenschließung richtet sich die Aufmerksamkeit noch mehr auf den Schillerkiez. Die taz hat in der Woche der Eröffnung des Tempelhofer Feldes gar eine zwölfteilige Serie über den Schillerkiez herausgebracht. In dem Eingangsartikel ‚Ein Stadtviertel vor dem Abheben’ wird geschrieben, dass der Stadtteil Potenzial für Investoren böte. Weiterhin wird unter anderem berichtet:
„Andere Vorboten des Wandels sind in der Selchower Strasse zu beobachten: Dort werden „Diddis Schatzkiste“ und das ‚Selchower Ecke’ langsam eingekreist von einer Künstlerkneipe und einem Plattenladen“ taz, Mai 2010

Ob diese Formulierung treffend ist, können wohl nur die Bewohner beurteilen, die wissen, was dort wirklich passiert. Aber der Kiez wirkt nach außen hin freundlicher, es tut sich was, aber was genau und in welchem Ausmaß wird nicht genug recherchiert. Vielmehr wirkt es so, als ob endlich etwas Positives und Spannendes zu berichten sei aus Neukölln. Dies wiederum lässt sich an zahlreichen Überschriften
46

und Artikeln in Tageszeitungen und Stadtmagazinen beobachten, von denen hier nur einige genannt werden sollen: „Schillernder Kiez“
Berliner Zeitung, März 2010

„Willkommen in Prenzkölln“
taz, Oktober 2010

„Nord Neukölln: Spielplatz Avantgarde. Was derzeit im Norden von Neukölln passiert, lässt sich durchaus mit der Entwicklung von New Yorks Lower East Side in den 1970er und 1980er Jahren vergleichen. (...) Die Bedingungen in Neukölln ähneln der Situation, in der sich Lower East Side in den 80er Jahren befand: Der Bezirk liegt zentral und hat neben den günstigen Mieten und dem Leerstand eine ungestüme Energie und einen spannenden schlechten Ruf zu bieten.“
tip-Magazin, Berlin, März 2010

„In Berlin, a Creative Wave: Berlin’s gritty, working-class Neukölln district, settled nearly 300 years ago by (actual) Bohemians fleeing religious persecution, is once again a destination for (modern) bohemians – this time, thanks to artists fleeing rent hikes elsewhere in the city.
New York Times, Oktober 2010

“Nord-Neukölln zwischen Ghettodiskurs und Aufwertungsbemühungen”
Mieterecho, Oktober 2009

Dass sich Nord-Neukölln und damit auch der Schillerkiez aber nicht nur in einem Aufwertungsprozess befinden, sondern zahlreiche soziale Probleme weiterhin bestehen, darf nicht vergessen werden. Auch wenn die Maßnahmen des Quartiersmanagements eher nur den wirklich benachteiligten Gruppen zugute kommen sollen und sozial besser Gestellten die Existenz dieser nachbarschaftsfördernder Einrichtung oftmals gar nicht bekannt ist, ist doch der Wille vorhanden, zu einer Verbesserung beitragen zu wollen. Ob hier die richtigen Vorgehensweisen angewendet werden, wenn wirklich alle Bewohner dazu ermuntert werden sollen, sich für ihr Wohngebiet zu engagieren und sich dadurch mit diesem identifizieren zu können ist eine andere Frage. Probleme verschwinden nicht allein durch positive Nachrichten. Gegen die Kürzungen der Fördermittel für das Programm Soziale Stadt setzt sich auch Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky ein:
„Wie man in Zeiten intensiver Integrationsdebatten überhaupt auf den Gedanken kommen kann, ausgerechnet die Mittel zu streichen, die auf der lokalen Ebene dazu beitragen, den sozialen Frieden in sozial schwer belasteten Gebieten zu erhalten, ist mir

47

ein Rätsel. Dies zeugt davon, dass die hohe Politik nach wie vor vorherrschende Problemlagen nicht wahrhaben möchte und folgerichtig deshalb negiert. Finanzmittel für das soziokulturelle Miteinander zu streichen und den Fokus auf investive Maßnahmen zu legen, ist nicht nur völlig realitätsfern, sondern im Ergebnis schlicht kontraproduktiv.“
BUSCHKOWSKY, Presseinformation des Bezirksamts Neukölln, Oktober 2010

Diesen Aussagen seitens der Medien und Politik soll im folgenden die Sicht einiger Bewohner des Schillerkiezes gegenüber gestellt werden. 5.1.2 Die Sicht der Besucher und Bewohner Die Aussagen der 43 Befragten werden nun in Auszügen exemplarisch in den Text einfließen, hierbei wird kenntlich gemacht, ob die Person im Schillerkiez oder außerhalb lebt und das Gebiet nur als Besucher kennt, also eventuell auch durch das in den Medien gezeichnete Bild beeinflusst ist. Auf die Frage, wie sie das Image des Schillerkiezes beschreiben würden, antworteten einige der Bewohner mit assoziativen Begriffen:
„authentisch, fröhlich, bunt, geerdet, dreckig, cool, alternativ, laut, chaotisch, kreativ, unangepasst, multikulturell, unkaputtbar, ...“ (diverse)

Das gespaltene Image des Schillerkiezes wird in folgenden Aussagen sehr deutlich:
„Entweder Problemkiez oder mediengehypter Szeneort. Ich hab kein Image im Kopf (...), es ist mein Zuhause.“ (o.N.) „Für mich ist der Kiez ein Dorf und ein Zuhause und das schon seit langer Zeit. Man kennt sich, mag oder respektiert sich hier. Dieses Gefühl können meiner Meinung nach nur wenig Orte in einer Großstadt vermitteln. Ich hoffe, das bleibt noch lange so und ändert sich nicht, denn das macht den Kiez lebenswert.“ (Nicole K., 40, seit 19936) „Hat sich insbesondere durch die Öffnung des Tempelhofer Feldes vom Hartz IVBiotop zum ‚aufstrebenden Viertel’ verändert. Will man jetzt hin. Vor etwa zehn Jahren hat man für ‚ich wohn´ da’ mitleidige Blicke bekommen. (o.N.) „Erstens: ‚Oh, oh.. Neukölln.. das sind doch nur Türken und Araber.. und viel Kriminalität.. aber du bist ja auch einer.. die tun dir dann ja nix’. Zweitens: ‚Oh.. das wird
Im Folgenden wird bei Bewohnern des Schillerkiezes angegeben, wie lange sie bereits im Kiez wohnen. Vorausgesetzt, sie haben dieser Informationsweitergabe zugestimmt.
6

48

der neue Szenebezirk.. das was Friedrichshain vor 10 Jahren war. (Can G., 31, kennt den Kiez schon lange und wohnt hier seit 2010) „Relativ unbekannt, aber heiß geliebt von den Kiezmenschen, wird außerhalb eher mit dem ‚ach, du wohnst in Neukölln-Faktor’ aufgegriffen. (Sören K., 34, im Kiez seit 2010)

Die Meinungen der Besucher, die deutlich weniger Angaben zum Image machen konnten oder wollten, sind denen der Bewohner relativ ähnlich, aber eher positiv:
Gemischtes Wohnviertel mit offensichtlichen sozialen Problemen, aber auch mit viel Charme und Lebensqualität. Es tut sich was und das hat positive wie negative Auswirkungen auf alle Leute, die dort (noch) wohnen.“ (Jan H., 26, Schöneberg) „Bunt, familiär, man kennt sich.“ (Maik S., 24, Dresden) „Kreativität und Nachbarschaft ist sehr eng, fällt auf“ (Maxi A., 28, Schöneberg) „Neuköllns Bohème und verarmte Schickeria, frei im Geist, schön in der Seele.“ (Ingar A., 28, Kreuzberg) „Der Underdog der Neuköllner Gentrifizierungswelle“ (Sebastian B., 26, Hamburg)

Ganz deutlich wird, dass sich ein Imagewandel vollzieht, der geprägt ist von den sozialen Veränderungen, die im Schillerkiez stattfinden. Dieser soziale Wandel wird wie folgt von den befragten Personen beschrieben:
„Es gentrifiziert gar kräftig.“ (Eva E., 27, Neukölln) „O ja. Die Rollkoffer kommen! Und im Sommer nachts kann ich nicht mehr nach vorn raus schlafen. Denn da ist ein Stimmengewirr aus Englisch, Französisch und Spanisch zu hören.“ (Nana R., seit 2000) „Die Mieten steigen und die Makler reden blöde Sachen darüber, wie ‚hip’ es hier wird in Zukunft und ich denke nur, warum muss es ‚hip werden’?“ (Laura B., 27, seit 2009) „Irgendwie hab ich das Gefühl, als wäre seit Herbst weniger Hundescheiße da, ich hoffe, ich träume nicht.“ (Evi Z., 33, seit 2009) „Seit ungefähr zwei Jahren wird der Begriff ‚Schillerkiez’ überhaupt benutzt. Es gibt seit einem Jahr einen Wochenmarkt!!! (Alicia A., 27, seit 2005) „Ich kann mich noch gut an meinen ersten Besuch vor vier Jahren erinnern. Es war kalt, dunkel, nass und für mich als Neu-Berliner und Friedrichshainer eher ungewöhnlich, eigenartig, fremd...Seitdem ist einige passiert. Ich komme gern zu Besuch. Heute noch viel lieber als vor vier Jahren.“ (Annette S., 29, Friedrichshain)

49

„Besonders sichtbar ist das für mich an den neuen Eltern im Kinderladen; inzwischen meistens verheiratete ethnodeutsche Akademikerpärchen statt alleinerziehende Hartz-IV-Empfänger und Migranten“ (Bruno J., 28, Neukölln)

Die Eingangsfrage der Fragebögen war folgende: ‚Was assoziierst du mit dem Schillerkiez’? Folgende Antworten wurden gegeben:
„Gemütlichkeit, Farben, Bewegung, mein (neues) Zuhause, mein Patenkind, der Flughafen, politisch kritische Plakate, schlechte Straßenbeleuchtung, Kopfsteinpflaster, Familie, Freunde, die Liebe, meine Arbeit, meine Kunst,...“ (diverse) „zuerst ein Gefühl von Zuhausesein, dann eine Mischung aus den unterschiedlichsten Menschen und Orten, ein warmes Gefühl von Nachbarschaft und gegenseitiger Hilfe“ (o.N.) „Friedliches Zusammenleben von unterschiedlichsten Ideologien, Armut und Kreativität, die sich bedingen aber auch ergänzen. ...Das Phoneyisland Cabaret“7 (Alicia A., 27, seit 2005) „Relative Ruhe, viele Leute, Gemütlichkeit... die Straße gehört mir sozusagen“ (Laura B., 27, seit 2009)

An dieser Stelle wird deutlich, welche Assoziationen die Besucher und Bewohner mit diesem Gebiet verbinden. Meist sind es Menschen oder Orte, und das deshalb, weil sie für die Personen eine Bedeutung haben. Es sind Emotionen im Spiel, Erinnerungen, persönliche Kontakte, soziale Interaktionen mit Freunden und Nachbarn. Der Kiez hat für die Betrachter einen symbolischen Wert. Zwischen Menschen entstehen emotionale Bindungen, aber auch Orte können mit Bedeutungen versehen werden. 5.2 Orte von Bedeutung im Schillerkiez

In der Umfrage wurden die Personen gebeten, für die wichtige Orte im Schillerkiez zu benennen. Sie sollten auch versuchen zu formulieren, warum diese Orte für sie einen besonderen Wert haben.
Das Phoneyisland Cabaret wurde vor etwa zwei Jahren von Nicole Kastner und John Masters ins Leben gerufen. Beide wohnen schon seit vielen Jahren im Kiez. ‚Kunst im Kiez von Menschen aus dem Kiez für Menschen im Kiez’ war die Idee dahinter. Erst im Sowieso beheimatet, seit einiger Zeit in der Langen Nacht . Künstler aller Arten treffen sich, um anderen einen schönen Abend bereiten zu können.
7

50

Hierbei haben sich drei Bereiche deutlich heraus kristallisiert: Die Schillerpromenade mit dem Herrfurthplatz, das Tempelhofer Feld (und die Hasenheide) und der Circus Lemke, bzw. einige andere gastronomische Einrichtungen, an denen viele Menschen zusammen kommen.

Abbildung 8: Orte von Bedeutung im Schillerkiez Quelle: Eigene Darstellung

Insgesamt haben mehr als zehn Personen die Schillerpromenade und den Herrfurthplatz in ihren Antworten erwähnt. Sie gehen entlang der Schillerpromenade spazieren und freuen sich über die schönen alten Häuser. Viele nutzen den Mittelstreifen, um unter den großen schattigen Bäumen zu sitzen, während ihre Kinder auf den dort angelegten Spielplätzen spielen. Der Markt, der durch den Wettbewerb MittendrIn Berlin im Jahr 2009 ins Leben gerufen wurde, findet bei zahlreichen Bewohnern großen Anklang (vgl. MITTENDRIN BERLIN). Man trifft sich dort beim Einkaufen, einige Künstler haben einen eigenen Stand und verkaufen ihre selbst hergestellten Produkte. Die wenigsten wissen, dass es am Anfang der Geschichte der Schillerpromenade einen riesigen Wochenmarkt gab, der sich die
51

gesamte Promenade entlang zog. Die Kirche macht immer noch einen imposanten Eindruck auf dem kreisrunden Platz, der die Schillerpromenade teilt.
„Die Schillerpromenade an sich bedeutet mir sehr viel – ich sehe von meinem Fenster auf die Bäume und bin froh, nicht gegen eine Häuserwand starren zu müssen.“ (Felicitas W., 25, seit 2009) „Die Schillerpromenade, weil sie so hübsch ist.“ (Ingar A., 28, Kreuzberg) „Die schönen Spielplätze, wo ich die Überdachung durch die Baumkronen schätze. Und ich mag die Kirche – viele schöne Angebote für Kinder und außerdem den Wochenmarkt an den Samstagen.“ (Evi Z., 33, seit 2009)

Die Herrfurthstraße ist gleichzeitig die Mittelachse des Gebietes und der direkte Weg zum Eingang am Tempelhofer Feld.
„Wenn man bei Sonnenuntergang die Herrfurthstraße Richtung Flughafen geht, sieht es aus, als würde man zum Meer gehen...“ (Anna N., 27, seit 2009)

Im Gebäude der Genezareth-Kirche befindet sich seit einigen Jahren das Café Selig mit seiner großen sonnigen Terrasse. Es soll auch für kirchenferne Leute ein Anlaufpunkt im Kiez sein und die Nachbarschaft fördern. Mehrmals wurde in den Antworten auch der Edeka-Supermarkt genannt, der sich direkt am Herrfurthplatz befindet. Man treffe dort auf eine skurrile Mischung aus Kiez-Bewohnern, der Ort sei stressig und schön zugleich und eben auch irgendwie dörflich. 5.2.1 Das Tempelhofer Feld (und die Hasenheide) Das Tempelhofer Feld bedeutet nicht nur für die Stadt Berlin ungeahnte Nutzungsmöglichkeiten. Besonders die Bewohner haben eine besondere Verbindung zu diesem Ort. Noch während des Flugbetriebes standen zum Sonnenuntergang oft viele Anwohner hinter dem Stacheldrahtzaun, sahen den startenden Flugzeugen hinterher und ließen ihren Blick in die Ferne schweifen. Die nahe gelegene Hasenheide bot aber einen großen Park im Umkreis und wird auch heute noch gern genutzt.
„Hasenheide, um zu vergessen, dass man in der Stadt wohnt, das geht da nämlich ganz gut. Die Hasenschenke in der Hasenheide, hat scheiß Kaffee, man sitzt aber total isoliert von der Stadt in einer kleinen Insel von Tischen und erlebt eine Mischung aller

52

Altersklassen,

Nationalitäten,

Bildungsgrade

etc.,

die

sich

genau

um

diese

Unterschiede keine Gedanken machen.“ (Alicia A., 28, seit 2005) “In der Hasenheide täglich zum joggen und ne ganze Weile war das ja auch mein Drehort.”8 (Nana R., seit 2000)

Durch die ungewohnte Weite und das riesige freie und unbebaute Feld ist der ehemalige Flughafen schnell zu einem Lieblingsort geworden. Er scheint seine ganz eigene Faszination für viele Menschen zu haben. Er wird verbunden mit Begriffen wie entspannen, grillen, joggen, spazieren, erholen, Sonnenuntergang, Spielwiese, Fussballspielen mit Freunden, skaten, lesen oder Drachen steigen lassen.
„Der Flughafen ist nicht mehr trist, grau und verlassen und mit fiesem Stacheldrahtzaun umgeben, sondern ein Park!!!“9 (Alicia A., 28, seit 2005) „Das Tempelhofer Feld bietet Weite und Wind und Wetter – besonders toll bei Regen und Sturm zum Abschalten.“ (Inken G., 36, seit 2007) „Sommer auf dem Tempelhofer Feld... mit seiner für Städter eher ungewohnten Weite und tiefen Ruhe in der ansonsten hektischen Stadt.“ (Jan H., 26, Schöneberg) „Tempelhof mit seiner einzigartigen Atmosphäre von Weite mitten in der Stadt“ (Sören K., 34, seit 2010) “Das Tempelhofer Feld, weil man da so weit gucken kann wie in Ostfriesland.” (Ingar A., 28, Kreuzberg)

Ganz klar ist das Tempelhofer Feld ein extrem wichtiger zu Ort, um Ruhe Von und den Entspannung finden.
Abbildung 9: Sommersonnenuntergang auf dem Tempelhofer Feld Quelle: Eigenes Foto

Bewohnern haben ihm nahezu alle eine ganz besondere Bedeutung zugeschrieben.

Die Regisseurin Nana Rebhan lebt seit zehn Jahren im Schillerkiez und hat einen Film über die Hasenheide gedreht. Berlin: Hasenheide hatte am 14. Oktober 2010 Premiere. 9 Alicia Agustin wohnt seit 2005 im Schillerkiez. Sie ist Autorin und Regisseurin und hat im November 2009, als der Flugbetrieb bereits eingestellt war, aber das Feld noch nicht zugänglich, das Gedicht Neukölln geschrieben, welches von einem Spaziergang durch den Schillerkiez handelt. Siehe Anhang

8

53

5.2.2 Die Kiez-Kneipen und der Circus Lemke Vorweg zu nehmen an dieser Stelle ist natürlich, dass die Befragung nur mit Personen durchgeführt wurden, die schon mindestens einmal im Circus Lemke waren. Daher befinden sich unter den Befragten auch viele Stammgäste und Bewohner des Kiezes. Aber auch die Besucher, die nicht in der unmittelbaren Umgebung wohnen, haben einen meist persönlich geprägten Grund, diesen Ort oder andere Orte im Schillerkiez aufzusuchen:
„Circus Lemke als Treffpunkt gleichgesinnter Menschen. Es fing an mit einem Feierabendbier auf dem Nachhauseweg...“ (Sören K., 34, seit 2010) „Wir sind beim Einzug ins Haus vom Staff begrüßt worden und auf einen ‚Begrüßungsschnaps’ eingeladen worden.“ (Felix G., 27, seit 2010) “Es passt mir sehr gut, find ich. PS: Das Wort Spelunke stammt von dem lateinischen spelunca bzw. dem griechischen spelygx (für Höhle) ab.“10 (Janni S., 33, seit 2009) „Besuche bei einer Freundin, aber ich fühle mich dort auch sonst ganz wohl. Manches ist alt, wie der Ofen, oder etwas schmutzig, aber gerade das ungezwungene, nicht bemüht-szenige macht den Charme des Circus aus. Außerdem wird verdammt gute Musik gespielt, keine Klangtapeten oder Café-Gedudel, was man aus Mitte kennt.“ (Jan H., 26, Schöneberg) „Treffpunkt für Freunde und die, die es noch werden.“ (Nicci F., 35, seit 2008) „Ich bin nur wegen des Circus im Kiez wohnen geblieben. Dort habe ich neue Menschen kennengelernt und tolle Freundschaften geschlossen. Mittlerweile entwickelt sich die Spelunke immer mehr zu einer Art WG, in der Menschen nicht nur zusammen sitzen, sondern den Laden auch gemeinsam gestalten.“ (Inken G., 26, seit 2007) „Mit offenen Armen empfangen worden. Zitat Inken: ‚Wir kennen uns alle vom alleine an der Bar sitzen’ Und das ist das besondere, hier wirst du nicht blöd angeguckt, wenn du alleine an der Bar sitzt, sondern aufgenommen.“ (Can G., 31, seit 2010)

Janni S. ist gebürtiger Grieche und lebt seit 2009 in Berlin im Schillerkiez. Er ist Stammgast im Circus Lemke und hat die Bezeichnung Spelunke für diesen Laden eingeführt, die in ‚Kennerkreisen’ fast liebevoll als Spitzname genutzt wird. Eine weitere Anmerkung von ihm zum Fragebogen ist ein Gedicht von Goethe, 1790: „ Was Spelunke nun sei, verlangt ihr zu wissen? Da wird ja Fast zum Lexikon dies epigrammatische Buch. Dunkele Häuser sind's in engen Gäßchen; zum Kaffee Führt dich die Schöne, und sie zeigt sich geschäftig, nicht du.

10

54

Viele Gäste kannten das Café Xenxi, das lange Jahre eine Art Institution am selben Platz war. Sie waren entweder neugierig oder einfach mit diesem Standort vertraut, einige suchten bewusst ein schönes Café im Kiez und wieder andere waren überrascht über die positive Atmosphäre und haben zu vielen Menschen, die sie dort kennengelernt haben, eine enge Bindung zu diesem Ort aufgebaut. Weitere wichtige Orte sind die anderen Kneipen oder Cafés im Kiez: Lange Nacht (Stammkneipe, Wohnzimmer, Fussball gucken, Cabaret, Freunde), Syndikat (Stammkneipe, verlängertes Wohnzimmer, Kicker, Billard, Freunde treffen, Wodka trinken, rauchen), Selchower Eck (saufen, Trivial Pursuit Automat), Croissanterie (Frühstücken, Kaffee ‚to go’), Piano-Bar Froschkönig (Stummfilm-Kino mit Klavierbegleitung). Weitere nicht so oft genannte Orte, aber für die jeweiligen Personen von Bedeutung waren: Späti in der Selchower Straße, Jasmin Thai in der Hermannstraße, der Flohmarkt in der Kindl-Brauerei, Hotel L32 als Ort urbaner Kunst in der Lichtenrader Straße, Sowieso in der Weisestraße, Eisladen in der Herrfurthstraße, der Kanal – Künstlerkollektiv in der Weisestraße, Berlinfabrik (residiert derzeit in der Langen Nacht, vormals in der Weisetrasse, aber da ist jetzt die Kunstschule Weisestraße), Präsenzwerk, Neues Off und Rollberg-Kino. Sehr viele gaben an, daß ihren auch ihre Wohnung sehr wichtig sei oder das Wohnhaus, in dem teilweise auch Freunde leben. Oder aber die Wohnungen der Freunde, die im Kiez besucht werden.

Abbildung 10: Circus Lemke Quelle: Charlotte Miller, September 201011
11

Charlotte Miller, 27, ist urspünglich aus New York und ist Illustratorin. Seit dem Sommer 2010 arbeitet sie unregelmäßig tagsüber im Circus Lemke.

55

Da der Circus Lemke erst vor einem Jahr eröffnet wurde und oft im Zusammenhang mit dem sozialen Wandel, der sich im Schillerkiez vollzieht, in Verbindung gebracht wird, wurde ebenso die Frage gestellt, welche Beobachtungen die Gäste diesbezüglich gemacht haben. Einige sind der Meinung, die Kneipe trägt deutlich zur Aufwertung bei und finden das gut. Einige haben bemerkt, dass sich auch das Publikum verändert und vergrößert hat.
„Ich sehe es so, dass der Circus auch ein Kind der generellen Veränderung des Kiezes ist und zu seiner ‚Attraktivität’ beitragt (o.N.) „Es gibt im Publikum schon einen nicht ganz unwesentlichen Teil, der nicht besonders offen ist und das Leben um ihn rum, nicht so recht an sich ranlässt.“ (Christian K., 33, seit 2005) „Die Kinderwagenpanzerarmada ist gewachsen und ich hoffe, der Laden fokussiert sich nicht zu sehr darauf, wird nicht zu einer Speerspitze der Prenzlbergisierung.“ (o.N.) „Leider hauptsächlich durch ekelerregendes Mitte-Publikum, vor allem im Sommer.“ (Miron S., 38, Neukölln)

Hierzu ein kurzer Dialog von einem Samstagabend im Circus Lemke:
Inken: „Die Leute hier sind so anders heute und auch in den letzten Wochen.“ Can : „Warum? Wir sind doch auch alle anders und mögen uns trotzdem.“ Inken: „ Das meine ich nicht. Wir kennen uns alle von der Bar...von denen sitzt keiner alleine an der Bar...die kommen alle in Gruppen und gehen in ihren Gruppen.“

Die Inhaber selbst haben bemerkt, dass der Laden gut angenommen wird, hauptsächlich von der Nachbarschaft. So berichtet Jan Lemke (Interviewpassagen sind gekürzt wieder gegeben):
„Es hat sich zu einem Anlaufpunkt für viele Leute entwickelt. Wir haben einen ziemlich großen Stammgastkreis, so 60-70% etwa, die ich mehr als fünfmal gesehen habe. Besser kenne ich vielleicht so 30%. Das Ganze hat einen sehr familiären Charakter. Es gibt immer wieder die Möglichkeit für Leute, hier neu dazu zu kommen. Es ist nicht so ein Stammpublikum, das seine Kreise ziehen will, sondern man ist auch immer wieder froh, neue Leute kennen zu lernen. Was sehr schön ist. Ich merke, dass mehr junge Leute herziehen, auch aus dem Ausland, und sich hier sammeln oder auch irgendwie wohlfühlen. Im November 2010 soll ein zweiter Raum im hinteren Teil des Ladens eröffnet werden, wofür die Wände zum nebenan gelegenen Laden durchbrochen wurden, da dieser Raum nicht genutzt wurde. „Das hat natürlich auch was mit der

56

Entwicklung im Kiez zu tun. Wir sind einfach zu voll geworden und brauchen noch Platz. Zum Beispiel auch für erschiedene Veranstaltungen wie unser Kiez-Dinner, wo Nachbarn kochen für Nachbarn.“

Die Stimmung im Kiez bezeichnet Jan Lemke als äußerst positiv:
„Das sind einfach freundschaftliche Verhältnisse. Man hilft sich gegenseitig. Es gibt zwei weitere Kneipen: die Lange Nacht und das Syndikat. Die haben mich hier freundschaftlich aufgenommen und eigentlich auch ein bisschen eingeführt. Bei meinen Stammgästen ist das auch so. Dass es untereinander ziemlich gut funktioniert, dass man sich hilft. Es gibt zum Beispiel drei Autos, die wirklich von Hand zu Hand gehen, wenn mal jemand eins braucht. Es gibt auch eine zweite Schiene, das sind sozusagen die neuen Künstler, die sich vernetzen. Es ist wie ein Dorf - in der Stadt. Man kennt sich, trifft sich, grüßt sich. Was nicht normal ist in der großen Stadt, ich mag das sehr gerne!“

Zu der Berichterstattung in den Medien über den Schillerkiez als neues Szene-Viertel gab es folgende Kommentare:
„Ich finde, die Medien hinken immer ein bisschen hinterher. Die gucken nicht neu. Die sind eher so, dass sie mit anderen Kiezen vergleichen. Zum Beispiel mit Kreuzkölln. Es wird ganz schnell gesagt, das hier ist das neue Kreuzkölln. Und das ist es nicht! Das ist hier eher noch gewachsen und ein bisschen vorsichtiger. Es entstehen immer wieder neue Sachen und nicht nur Kneipen.“

Eine Veränderung seit der Eröffnung des Tempelhofer Feldes hat Kai Janssen beobachtet:
„Als wir anfingen war es so, dass man dachte, einer von 15 Leuten, die hier durch die Straßen laufen, ist ein potenzieller Gast. Jetzt ist es eher die Hälfte. Das Laufpublikum hat sich seit der Öffnung des Tempelhofer Feldes verändert, es kommen Leute aus ganz Berlin. Besonders aus Kreuzberg und ich nehme an, auch aus Mitte wegen der U8. Gerade in den Sommermonaten. Wenn das Ding geschlossen hat, dann konntest du die Uhr danach stellen, dass es jetzt gleich voll wird.“

Die aktuelle Stimmung im Kiez bezeichnet auch Kai Janssen durchweg positiv:
„Es sind viele Freundschaften entstanden, wie ich beobachten konnte, die vorher nicht existiert haben, über diesen Laden. Das Stammpublikum hängt damit zusammen, dass die Leute hier so lange wohnen, die kennen den Kiez extrem gut. Es ist ein sehr funktionierender Kiez. Eigentlich sehr offen, also ein sehr guter Zusammenhalt von Leuten. Ich habe immer mehr Draht zu ganz vielen Leuten, auch zu türkischen, weils

57

halt auch viele Ladeninhaber sind und so was. Da hat man ja einen ganz anderen Kontakt drüber. Ich würde sagen, da ist schon eine sehr große Offenheit oder auch irgendwie `ne Verbundenheit mit Leuten, die jetzt in der Straße Geschäfte betreiben, auch sehr klassenübergreifend. Also das finde ich sehr einmalig hier.“

Die sozialen Veränderungen sind auch in den anderen Kneipen zu erkennen. Trotz anderer Zielgruppen ist dieser Prozess auch dort nicht zu übersehen. In Gesprächen wurde mir berichtet, dass sich auch dort das Publikum deutlich vergrößert, verändert und verjüngt hat. Wie in den Gesprächen mit vielen Anwohnern, aus den von vielen Gästen des Circus Lemke ausgefüllten Fragebögen und den Interviews mit den Inhabern der Kneipe ersichtlich wurde, gibt es sehr enge nachbarschaftliche Verhältnisse im Schillerkiez. Sie beruhen auf einer großen Offenheit, neuen und anderen Dingen und Menschen gegenüber. Man kommuniziert, trifft sich an Orten, die einem wichtig sind, man hilft und unterstützt sich. Das alles scheint aus sich selbst heraus zu entstehen, durch einfache Alltagshandlungen und Interaktion im gemeinsamen Lebensraum. 5.3 Der Kiez als Themenort?

Doch kann der Kiez auch als Themenort betrachtet werden? Das Image des Schillerkiezes wird durch die Berichterstattung der Medien über Kreative, Studenten, zahlungskräftige neue Bewohner bewusst aufgewertet. Auch das Bezirksamt Neukölln versucht, von den Negativschlagzeilen wegzukommen. Im September 2010 wurde in Zusammenarbeit mit der Abteilung Wirtschaftsförderung des Bezirksamtes der erste Reiseführer über Neukölln herausgegeben: „Wir wollen auch das Stadtmarketing fördern, für das die Bezirke selbst sorgen müssen“ (Abt. Wirtschaftsförderung des Bezirksamt Neuköllns, in BERLINER WOCHE, Oktober 2010). Nach außen hin verbessert sich das Image allmählich. Die Identität der Bewohner Nord-Neuköllns scheint aber einer tiefen Verbundenheit mit ihrem Wohnort zu entspringen, die durch die vielen persönlichen Beziehungen verstärkt wird, weil der Raum symbolischen Mehrwert erhält. Im November 2010 erschienen ist beispielsweise ein T-Shirt mit dem Konterfei des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky und dem Schriftzug ‚The Big Buschkowsky’. Entworfen natürlich von Neuköllner Künstlern (vgl. TAGESSPIEGEL) . Ebenso gibt es scheinbar eine breite Sympathie für diesen bundesweit eher kritisch betrachteten Lokalpolitiker, weil er
58

tatsächlich tief verbunden sei mit seinem Bezirk und hinschaue, was wirklich passiert. Er ist eben ein Neuköllner wie die anderen auch Neuköllner sind. In Anlehnung an die Marketing-Kampagne Berlins ‚be Berlin’ wurde ein Aufkleber mit dem Aufdruck ‚be Neukölln’ produziert.12 Dieser klebt - neben anderen Orten in Berlin - seit kurz nach der Eröffnung an der Eingangstür des Circus Lemke. Einige Monate später wurde er ergänzt durch einen Sticker mit dem Schriftzug ‚Gefällt mir’, was durch ein das Social Network gängiger Facebook inzwischen
Abbildung 11: ‚be Neukölln’ an der Tür des Circus Lemke Quelle: Eigenes Foto

Kommentar geworden ist, um kurz und

deutlich seine Zustimmung zu etwas zu bekunden. Ob die Aussage ‚Gefällt mir’ dem Circus Lemke gilt, dem ‚be Neukölln’-Sticker oder eben Neukölln an sich, bleibt an dieser Stelle offen. Aber nicht nur der Kiez wird auf gewisse Weise strategisch produziert, sondern auch einzelne Orte, die sich im Kiez befinden. Die Schillerpromenade und ihr repräsentatives Erscheinungsbild lassen sich durch ein verbessertes Image - aber auch von Immobilienkonzernen - gut vermarkten. Es trägt zur Anziehungskraft des Kiezes bei und bewirkt so eine gesteuerte Aufwertung. Auch das Tempelhofer Feld und das leerstehende Flughafengebäude werden beworben. Nicht nur als riesige Nutzfläche, für die die Stadt nicht nur gute Ideen, sondern auch zahlungskräftige Investoren sucht, sondern auch als große Spielwiese zur Freizeitgestaltung für die Bewohner der Schillerkiezes und der Einwohner ganz Berlins. Aber auch die genannten Kneipen, die Orte der Kommunikation, sprechen bestimmte Personengruppen an und werden dadurch auch inszeniert, wie beispielsweise der Circus Lemke. Der Namen der Kneipe wird vom Inhaber Jan Lemke erklärt:

Sebastian Bührig, gebürtiger Neuköllner studiert derzeit Urban Design in Hamburg. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin in seinem vorangegangenen Geographie-Studium unter dem Titel Subkultur als Standortfaktor untersuchte er ästhetische Aneignungsprozesse von symbolischem subkulturellem Kapital am Beispiel Street Art in Berlin. In einem Seminar zum Thema ‚Kreativität und Stadt’ entstand die Idee zur ‚be Neukölln-Kampagne’ .

12

59

Ursprünglich war es der Name von meinem Theater-Label. Aber Circus ist ja auch immer ein bisschen Circus. (...)Und man hat als Barkeeper auch die Direktorenaufgabe, das Ganze am Abend zu `ner guten Show zu machen.“

Abbildung 12: Orte von Bedeutung im Schillerkiez Quelle: Kim Ström, Oktober 2010 13

Kai Janssen beschreibt die Kneipe als einen eher ruhigen Ort für Leute, die vielleicht einen intellektuellen Austausch schätzen.
„Es wird aber niemand ausgeschlossen, es ist offen für alle. Wir befürchten aber eine total starke Gentrifizierung, womit wir auch unser Stammpublikum verlieren würden. Wir wollen auch einem anderen Anspruch nicht genügen, den dann andere Leute haben möchten. Was wir nicht können und nicht wollen, denn dann wäre es auch nicht mehr dasselbe. Also das kurzfristige Publikum, was auf so `ne andere Entertainment-Kultur abfährt. Die können wir gar nicht bedienen, das ist nicht unser Stil. Dazu gibt’s die Weserstraße und andere Kieze. Da kann man dann Blubbermusik und Lounge haben und sonst was. Da geht das alles. Das schlimmste wäre, wenn hier alles so teuer wird, dass die ganzen lieben Leute, die jetzt alle kommen, sich das nicht mehr leisten können.“

Kim Ström, 28, kommt ursprünglich aus Schweden. Er hat lange Zeit in den USA gelebt und arbeitet u.a. als Graphik-Designer. Er lebt seit dem Sommer 2010 im Schillerkiez.

13

60

Folglich könne der Kiez und seine einzelnen räumlichen ‚Bausteine’ als Orte von Bedeutung für die Bewohner des Kiezes, die Besucher - die Nutzer des Raums auch als Themenorte angesehen werden:
„Themenorte beziehen sich auf Bilder, kollektive Vorstellungen oder Images die versuchen, diese zu vereinnahmen, zu vereindeutigen und unterschiedlichen Zwecken dienstbar zu machen. Sie werden in diesem Sinne strategisch produziert oder inszeniert, andererseits aber auch mehr oder weniger bewusst konsumiert“ (FLITNER / LOSSAU 2005, S. 12)

Diese Themenorte können etwa politisch oder kommerziell produziert werden, aber auch von den Menschen selbst, die sich den Raum durch ihre Alltagshandlungen aneignen und mit Bedeutungen versehen, also ihren Raum als ihren eigenen persönlichen Themenort gestalten. 5.4 Einschreibungen, Überschreibungen, Neuschreibungen

Abschließend lässt sich sagen, dass Menschen sich als handelnde Akteure ihre eigenen (sozialen) Räume schaffen und diese mit symbolischem Wert versehen. Der Titel dieser Arbeit soll nun näher erläutert werden. Die Formulierung ‚Einschreibungen, Überschreibungen, Neuschreibungen’ kann auf vielfältige Weise interpretiert werden. Zuallererst schreiben sich die Menschen durch ihre Handlungen, Alltagspraxen, persönlichen Bedeutungszuweisungen und sozial interaktiven Beziehungen in ihren Raum - ihren Lebens - und Handlungsraum ein. Durch politische Steuerung (Stadtentwicklung oder Stadtmarketing) - oder ökonomische Anreize (Immobilienmarkt, Kneipen- oder Kunstszene) werden diese entstandenen Realitäten überschrieben. Aus diesen Prozessen resultiert eine Neuschreibung dessen, was vorher bereits vorhanden war. Der verrufene Bezirk Neukölln vollzieht eine Imageaufwertung. Durch ein Quartiersmanagement können Probleme im Gebiet durch neue Vorgehensweisen wie Bürgerbeteiligung vermindert werden. Durch Leerstand und geringe Mieten entdecken Personen mit wenig Geld - Studenten, Künstler, Kreative - zuvor vernachlässigte Wohngebiete. Die steigende Nachfrage lässt die Mieten steigen und Investoren wittern den großen Gewinn, wenn sie schnell reagieren. Die veränderte Situation kann sich gut auf Bewohner des betroffenen Gebiets auswirken, weil sie sich wohler fühlen - oder auch schlechter, da es auch immer Personen geben wird, die sich nicht mehr heimisch fühlen oder durch nicht
61

mehr aufbringbare Kosten aus ihrem Umfeld vertrieben werden. Ein Flughafen der geschlossen wird bietet Chancen für die Stadtentwicklung und die Menschen, die ihn als riesige Freifläche nutzen können. Oder aber eine neue kleine Kiezkneipe erhält soviel Zuspruch seitens der neuen (und alten) Bewohner in ihrer Umgebung, dass sie sich räumlich vergrößern muss und will oder einfach nicht nur eine gastronomische Einrichtung aus kommerziellen Gründen ist, sondern sich zu einer Anlaufstelle und einem Treffpunkt für zahlreiche Menschen entwickelt, die dort gemeinsam leben und miteinander in Begegnung treten. Das eben Genannte spiegelt gleichzeitig den sozialen Wandel wieder. Aber nicht nur die gesellschaftlichen Bedingungen verändern sich, sondern auch der Kiez, die Stadt, der Raum an sich. Er besteht zwar in seiner physischen Form, wird aber gefüllt, geprägt und konstruiert durch soziale Handlungen und mit symbolischer Bedeutung versehen von den Akteuren, die sich im Raum befinden, ihn produzieren und wahrnehmen.

6 Zusammenfassung und Fazit
„Ein höchst verworrenes Quartier, ein Straßennetz, das jahrelang von mir gemieden wurde, ward mit einem Schlage übersichtlich, als eines Tages ein geliebter Mensch dort einzog. Es war, als sei in seinem Fenster ein Scheinwerfer aufgestellt und zerlege die Gegend mit Lichtbüscheln.“
Walter Benjamin, 1955

Die räumlichen Repräsentationen des Schillerkiezes sind vielfältig und teilweise sehr individuell. Stadtpolitik und Medien zeichnen ein anderes Bild als die Bewohner dieses Gebietes. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung wurden in Kapitel 5 dargestellt. Es existiert nicht nur das alte negative Image des Gebietes, sondern auch ein neues positives, welches durch den sozialen Wandel und die Aufwertungsprozesse im Quartier bedingt wird. Diese Sichtweisen sind teilweise bewusst gesteuert und inszeniert, weshalb der Kiez als Themenort definiert werden kann. Die Bewohner und Besucher des Schillerkiezes haben ihre eigene Sicht der Dinge. Zumindest die befragte Personengruppe fühlt sich im Gebiet wohl und heimisch. Sie kann sich teilweise sogar mit ihrem Wohnort identifizieren. Diese Tatsache resultiert aus den Bedeutungen, die dieser Ort für die Menschen hat. Durch soziale Beziehungen kann ein Gebiet, das durchaus aufgrund weitreichender Defizite als ‚problematisch’ angesehen werden kann, eine andere Aufmerksamkeit auf sich
62

ziehen. Die Sorgen der Bewohner bezüglich der Veränderungen im Quartier sind verständlich, könnte sich dadurch eben viel für sie ändern. Steigende Mieten, andere Bewohnergruppen, gesteuerte Aufwertung in einem Stadtteil, die die dort lebenden Menschen scheinbar in Vergessenheit geraten lässt: das ist beängstigend, weil der vertraute Wohnort vielleicht bald nicht mehr der ist, der er einmal war. Auch Orte im Kiez, die den Bewohnern wichtig sind, wie die Kneipe Circus Lemke, die in dieser Arbeit beispielhaft näher betrachtet wurde, sind von den Veränderungen betroffen. Mit dem einsetzenden Prozess des sozialen Wandels war es vielleicht erst möglich, dass eine neue Kneipe wie der Circus Lemke im Schillerkiez angenommen werden konnte. Gleichzeitig trägt die Kneipe aufgrund seiner Funktion als Treffpunkt und zentraler Ort im Kiez dazu bei, dass sich dort viele Menschen wohler fühlen, weil es so einen Ort in der Art zuvor nicht gab und er eben genau in ihre Lebenswelt passt. Aus Sicht der Quartiersentwicklung gesprochen ist es sicherlich notwendig, alte Strukturen zu überdenken. Gesteuerte Maßnahmen können, müssen aber nicht funktionieren. Bürgerbeteiligung kann eine gute Sache sein, aber die Bewohner eines Quartiers können nicht zuviel Verantwortung übernehmen. Hier gilt es, effektivere und gerechtere Wege bezüglich Stadtentwicklungspolitik und finanzieller Förderung zu finden. Ein verbessertes Image mag dazu beitragen, dass sich die Bewohner eines negativ besetzten Quartiers nicht mehr vom Rest der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. Gravierende soziale Probleme löst dies allein aber nicht. Um eine Quartiersentwicklung zu betreiben, die eine nachhaltige Nachbarschaft hervorbringen soll, müssen alle Bewohner des Gebietes in ihren jeweiligen Situationen beachtet werden. Denn um ein Miteinander zu erreichen, muss man auch miteinander handeln. Denn der Raum - das Quartier - ist das, was die Menschen, die in ihm leben, aus ihm machen. Wenn das gelingt, dass sich die Menschen miteinander wohlfühlen, über Milieuunterschiede und soziale Grenzen hinweg, dann kann der Schillerkiez - unter der Einbeziehung der historischen Merkmale wie seiner repräsentativen Erscheinung mit den großen Mietshäusern entlang sollte: der ein Schillerpromenade sich vom und negativen und dem Tempelhofer Feld als riesige gut Erholungsfläche - vielleicht einmal zu dem werden, was er vor über 100 Jahren sein Image Neuköllns der (Rixdorfs) eine gelöster, funktionierender leben.
63

aufstrebender

Stadtteil,

soziale

Mischung

unterschiedlichster Menschen beheimatet, die in guter Nachbarschaft zueinander

7 Nachwort
Eines soll trotz des wissenschaftlichen Ansatzes dieser Arbeit nicht unerwähnt bleiben. Am 10. Oktober 2010 ist Alex Nagler durch einen tragischen Unfall verstorben. Er war seit März diesen Jahres Mitarbeiter im Circus Lemke und seit dem Sommer auch Teilhaber. Er war ein sehr guter Freund, Nachbar und Kollege und sein Fehlen an diesem Ort - im Freundeskreis, in der Nachbarschaft des Schillerkiezes und im Circus Lemke - ist ein großer Verlust Sein plötzlicher Tod hat viele Menschen im Kiez zutiefst getroffen, nicht nur Menschen, die ihn mochten und schätzten, auch diejenigen, die ihn nur vom Sehen kannten. Alex war ein offener, immer fröhlicher Mensch und hatte die wunderbare Eigenschaft, die unterschiedlichsten Menschen miteinander bekannt zu machen und zu verbinden. Seine Tätigkeit im Café-Betrieb des Circus Lemke und seine Anwesenheit auch an vielen Abenden hat viele Leute persönlich bereichert. Er ging offenherzig auf alle zu, macht nie Unterschiede und lud viele dazu ein, einfach teilzuhaben, an dem was passiert. So wurde der Garten von ihm und seiner Freundin und Mariko am für nahegelegenen viele Treptower die zu Park eine Art Sommerresidenz Rückzugsort Stammgäste, einem großen

Freundeskreis zusammengewachsen waren. Viele verbrachten den Sommer gemeinsam in seiner Heimat in Österreich auf einem Festival, welches er dort vor Jahren mit einigen Freunden ins Leben gerufen hatte. Auch hier vermischten sich viele Menschen und es wurden echte Freundschaften geschlossen. Alex war eine echte Persönlichkeit und der Schmerz sitzt tief. Sein Tod ließ viele Menschen im Kiez und den Kreis der Stammgäste des Circus Lemke noch näher zusammenrücken. Die gegenseitige Hilfe war überwältigend und der Circus Lemke wurde ein Ort der gemeinsamen Trauer, aber auch durch gemeinsames Erinnern, Tröstens und Tragens ein Ort der Geborgenheit. Einer der Stammgäste fand eine sehr treffende Formulierung: „Nach Alex Tod habe ich hier etwas gespürt, was ich noch nicht so richtig ausdrücken kann. Alle sind füreinander da, alle trauen sich, voreinander zu weinen. Das ist sehr wertvoll.“ Die Unterstützung, die ich trotz dieser Umstände in den letzten Wochen während der empirische Untersuchung für diese Arbeit erfahren habe, hat mich sehr bewegt. Daher möchte ich an dieser Stelle den Inhabern, Mitarbeitern, Gästen des Circus Lemke meinen aufrichtigen Dank aussprechen. Durch ihre Offenheit und unzählige persönlichen Gespräche ist diese Arbeit überhaupt erst ermöglicht. Der Circus Lemke ist auch für mich selbst ein Ort von ganz besonderer Bedeutung. Ich bin dort vielen Menschen begegnet, mit denen ich mich zutiefst verbunden fühle.

64

8 Abbildungsverzeichnis

Titelbild: Luftaufnahme des Schillerkiezes. Quelle: Eigenes Foto, entstanden bei einem Flug mit dem Rosinenbomber kurz vor der Schließung des Flughafen Tempelhof im September 2008 Abbildung 1: Ronja im Circus Lemke...................................................................................3 Abbildung 2: Die Produktion des Raums nach Lefèbvre auf Quartiersebene ...............25 Abbildung 3: Luftaufnahme des Schillerkiezes.................................................................26 Abbildung 4: Historische Ansicht der Schillerpromenade...............................................28 Abbildung 5: Tempelhofer Feld ..........................................................................................31 Abbildung 6: Quartier als ‚Fuzzy Place’ .............................................................................33 Abbildung 7: Ein Abend im Circus Lemke.........................................................................35 Abbildung 8: Orte von Bedeutung im Schillerkiez............................................................51 Abbildung 9: Sommersonnenuntergang auf dem Tempelhofer Feld..............................53 Abbildung 10: Circus Lemke...............................................................................................55 Abbildung 11: ‚be Neukölln’ an der Tür des Circus Lemke..............................................59 Abbildung 12: Orte von Bedeutung im Schillerkiez..........................................................60

65

9 Literaturverzeichnis
ANDERSON, JON (2010): Understanding Cultural Geography. Places and Traces, New York BERGER, CHRISTINE / WILKE, PHILLIP (2010): Neukölln. Der kleine Stadtführer, Berlin BERNDT, CHRISTIAN / PÜTZ, ROBERT (2007): Kulturelle Geographien nach dem Cultural Turn. In: DIES. (Hrsg.): Kulturelle Geographien. Zur Beschäftigung mit Raum und Ort nach dem Cultural Turn, Bielefeld, S. 7-25 BLASIUS, JÖRG / DANGSCHAT, JENS S. (1994): Lebensstile in den Städten – zwischen Individualisierungen und neuen Klassenkonflikten. In: DIES. (Hrsg.) (1994): Lebensstile in den Städten. Konzepte und Methoden, Opladen, S. 13-24 BLASIUS, JÖRG (1994): Verdrängungen in einem gentrifizierten Gebiet. In: DERS. / DANGSCHAT, (Hrsg.) (1994): Lebensstile in den Städten. Konzepte und Methoden, Opladen, S. 408-425 BISKUP, THOMAS / SCHALENBERG, MARC (2008): Die Vermarktung Berlins in Gegenwart und Geschichte. In: DIES. (Hrsg.) (2008): Selling Berlin. Imagebildung und Stadtmarketing von der preußischen Residenz bis zur Bundeshauptstadt, Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung, Band 6, Stuttgart, S. 9-21 BOURDIEU, PIERRE (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Unteilskraft, Frankfurt am Main (Im Original: La distinction. Critique sociale du judgement, 1979, Paris) BOURDIEU, PIERRE (1991): Physischer, sozialer und angeeigneter Raum. In: WENTZ, MARTIN (Hrsg.): Stadt-Räume, Frankfurter Beiträge, Band 2, Frankfurt am Main CRANG, MIKE / THRIFT, NIGEL (Hrsg.) (2000): thinking space, London CRANG, MIKE / COOK, IAN (2007): Doing Ethnographies, London DE CERTEAU, MICHEL (1988). Die Kunst des Handelns, Berlin (Im Original : L´ invention du quotidien.1.Arts de faire, 1980, Paris) DIEKMANN, ANDREAS (2009): Empirische Sozialforschung. Anwendungen, 20. Auflage (2009), Hamburg Grundlagen. Methoden.

DRÖGE, FRANZ / KRÄMER-BADONI, THOMAS (1987): Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform oder „Zwei Halbe auf mich!“, Frankfurt am Main DRÖGE, FRANZ (2000): Ort und Raum. Über Raumkonstruktionen und ihre Vermittlung, Universität Bremen (Hrsg.), ZWE Arbeit und Region, Arbeitspapier Nr. 38, Bremen FÄRBER, ALEXA (2010): Greifbarkeit der Stadt. Überlegungen zu einer stadt- und wissensanthropologischen Erforschung stadträumlicher Aneignungspraktiken. In: dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, Nr. 40/41: Understanding Stadtforschung – 10 Jahre dérive, Wien, S. 100-105 FLICK, UWE / VON KARDOFF, ERNST / STEINKE, INES (HRSG.) (2004): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Hamburg, 3. Auflage

66

FLITNER, MICHAEL / LOSSAU, JULIA (2005): Ortsbesichtigung. Eine Einleitung. In: (DIES.): Themenorte, Münster, S. 7-23 FLORIDA, RICHARD (2002) : The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life, New York FOUCAULT, MICHAEL (1991): Andere Räume. In: WENTZ, MARTIN (Hrsg.): Stadt-Räume, Frankfurter Beiträge, Band 2, Frankfurt am Main, S. 65-72 FREY, OLIVER (2009): Die amalgame Stadt. Orte. Netze. Milieus, Wiesbaden FRÖHLICH, HELLMUT (2007): Das neue Bild der Stadt. Filmische Stadtbilder und alltäglich Raumvorstellungen im Dialog, Stuttgart GAEBE, WOLF (2004): Urbane Räume, Stuttgart GEBHARDT, DIRK (2008): Lebensstile in der Quartiersforschung. In: SCHNUR, OLAF (2008) (Hrsg.): Quartiersforschung. Zwischen Theorie und Praxis, Wiesbaden, S. 87-106 GEBHARDT, HANS / REUBER, PAUL / WOLKERSDORFER, GÜNTER (2003): Kultur-geographie Leitlinien und Perspektive. In: DIES.: Kulturgeographie. Aktuelle Ansätze und Entwicklungen, Heidelberg. GOTTDIENER, MARK (2002, IM ORIG. 1993): Ein Marx für unsere Zeit: Henri Lefèbvre und Die Produktion des Raumes. In: AnArchitektur. Material zu: Henri Lefèbvre, Die Produktion des Raumes, Im Internet: http://www.anarchitektur.com/aa01_lefebvre/aa01_lefebvre.pdf am 04.10.2010 GRAB, CARSTEN / KURTH, DETLEF / RADECK, KATHARINA (1994): Ein-Blicke in die Geschichte der Schillerpromenade in Berlin Neukölln. (Hrsg.): Bezirksamt Neukölln von Berlin, Abteilung Bauund Wohnungswesen, Stadtplanungsamt, Sanierungsverwaltungsstelle in Zusammenarbeit mit der Gebietsbetreuung Schillerpromenade (Vor-Ort-Büro/RTW) und Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin, Berlin HASSEMER, VOLKER (2008): Stadtentwicklung und Stadtmarketing nach 1990 – die Perspektive eines kommunalen Verantwortungsträgers. In: BISKUP, THOMAS / SCHALENBERG, MARC (Hrsg.) (2008): Selling Berlin. Imagebildung und Stadtmarketing von der preußischen Residenz bis zur Bundeshauptstadt, Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung, Band 6, Stuttgart, S. 335-344 HÄUSSERMANN, HARTMUT / SIEBEL, WALTER (2004): Stadtsoziologie. Eine Einführung, Frankfurt am Main HEINEBERG, HEINZ (2004): Einführung in die Anthropogeographie / Humangeographie, Paderborn, 2. Auflage HEINEBERG, HEINZ (2006): Stadtgeographie, Paderborn, 3. Auflage HÖPNER, TOBIAS (2009): Nord-Neukölln zwischen Ghettodiskurs und Aufwertungsbemühungen. In: Mieterecho, Ausgabe Oktober 2006: Tempelhof für wen?, Im Internet: http://www.bmgev.de/mieterecho/mepdf/me336heft.pdf, letzter Zugriff am 06.11.2010

67

HOYLER, MICHAEL / JÖNS, HEIKE (2005): Themenorte vernetzt gedacht. Reflexionen über iconoclashes und den Umgang mit Repräsentationen in der Geographie. In: FLITNER, MICHAEL / LOSSAU, JULIA: Themenorte, Münster, S. 183-200 JÄGER, WIELAND / MEYER, HANNS-JOACHIM (2003): Sozialer Wandel in soziologischen Theorien der Gegenwart, Wiesbaden KRÄMER-BADONI, THOMAS (2003): Die Gesellschaft und ihr Raum – kleines verwundertes Nachwort zu einem großen Thema. In: DERS. / KUHM, KLAUS (HRSG.) (2003): Die Gesellschaft und ihr Raum. Raum als Gegenstand der Soziologie. Stadt, Raum und Gesellschaft, Band 21, Opladen, S. 275-286 KUHN, NORBERT (1994): Sozialwissenschaftliche Raumkonzeptionen. Der Beitrag der raumtheoretischen Ansätze in den Theorien von Simmel, Lefèbvre und Giddens für eine sozialwissenschaftliche Theoretisierung des Raums, Saarbrücken LEFÈBVRE, HENRI (1991): The Production of Space, Malden, Oxford (Im Original: Production de l´espace, 1974, Paris) LÖW, MARTINA (2001): Raumsoziologie, Frankfurt am Main LÖW, MARTINA / STEETS, SILKE / STOETZER, SERGEJ (2007): Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie, Opladen & Bloomfield Hills LÖW, MARTINA (2008): Soziologie der Städte, Frankfurt am Main LOSSAU, JULIA (2003): Geographische Repräsentationen: Skizze einer anderen Geographie. In: GEBHARDT, HANS / REUBER, PAUL / WOLKERSDORFER, GÜNTER (Hrsg.): Kulturgeographie. Aktuelle Ansätze und Entwicklungen, Heidelberg, S. 101-111 LOSSAU, JULIA (2005): Remaking the Gorbals: Stadterneuerung und Kunst im öffentlichen Raum. In: FLITNER, MICHAEL / LOSSAU, JULIA: Themenorte, Münster, S. 163-182 LOSSAU, JULIA (2009): Räume von Bedeutung. Spatial turn, cultural turn und Kulturgeographie, Materialien zum Seminar am 14.04.2009, Vortragsreihe mit Seminaren zur „Raumproduktion in der Berliner Republik“, Akademie c/o, Neuer Berliner Kunstverein, Berlin. Im Internet: http://www.a42.org/269.0.html am 09.07.2010 LYNCH, KEVIN (1993): Das Bild der Stadt, Braunschweig/ Wiesbaden (Im Originale: Image of the City, 1989 MANIA, THOMAS (1997): Weißte was - `nen Schnaps?“: die Gaststätte als Kommunikationszentrum; Theorie und Praxis am Beispiel eines Dortmunder Wohnquartiers, Internationale Hochschulschriften, Band 233, Münster

MEIER KRUKER, VERENA / RAUH, JÜRGEN (2005): Arbeitsmethoden der Humangeographie, Darmstadt MIDGLEY, DAVID (2008): Berlin als Palimpsest. In: BISKUP, THOMAS / SCHALENBERG, MARC (Hrsg.) (2008): Selling Berlin. Imagebildung und Stadtmarketing von der preußischen Residenz bis zur Bundeshauptstadt, Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung, Band 6, Stuttgart, S. 345-356 NOLLER, PETER (1999): Globalisierung, Stadträume und Lebensstile. Kulturelle und lokale Repräsentationen des globalen Raums, Opladen

68

RADA, UWE (1997): Hauptstadt der Verdrängung. Berliner Zukunft zwischen Kiez und Metropole, Berlin RIBBE, WOLFGANG / SCHMÄDEKE (1994): Kleine Berlin-Geschichte, Hrsg.: Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin in Verbindung mit der historischen Kommission Berlin, Berlin, 3. Auflage RONNEBERGER, KLAUS (2010): Eingreifendes Denken. Zur Aktualität Henri Lefèbvres. In: dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, Nr. 40/41, Understanding Stadtforschung – 10 Jahre dérive, Wien , S. 44-46 RÜCKER, CLAUDIA / SZATMARY, ANDREA (2001): Entdeckungen. Unterwegs in der Neuköllner Schillerpromenade. (Hrsg.): BSG Quartiersmanagement Schiller-promenade, Im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und des Bezirksamtes Neukölln, gefördert durch: Programm ‚Soziale Stadt’, in Kooperation mit Heimatmuseum Neukölln, Berlin SCHÄFERS, BERNHARD (2004): Sozialstruktur und sozialer Wandel in Deutschland, Stuttgart, 8. Auflage SCHILLING, HEINZ (1997): Nebenan und Gegenüber. In: SCHILLING, HEINZ (HRSG.) (1997): Nebenan und Gegenüber. Nachbarn und Nachbarschaften heute, Frankfurt am Main, S. 9-12 SCHINK, ANNETTE (2009): ‚be Berlin on Tour’ – Das Vermarktungskonzept der Stadt am Beispiel der Berlin Days in New York. Bachelorarbeit im Fach Geographie, eingereicht an der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, unveröffentlicht SCHNUR, OLAF (2008): Quartiersforschung im Überblick: Konzepte, Definitionen und aktuelle Perspektive. In: (DERS.) (Hrsg.): Quartiersforschung. Zwischen Theorie und Praxis, Wiesbaden, S. 19-51 SCHNUR, OLAF (2010): Demographischer Impact in städtischen Wohnquartieren. Entwicklungsszenarien und Handlungsoptionen, Wiesbaden SCHWANHÄUSSER, ANJA (2010): Stadtethnologie. Einblicke in aktuelle Forschungen. In: dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, Nr. 40/41: Understanding Stadtforschung – 10 Jahre dérive, Wien, S. 106-113 SCHWIBBE, GUDRUN (Hrsg.) (1998): Kneipenkultur. Untersuchungen rund um die Theke, Münster STARZINGER, ANNELIE (2000): Kommunikationsraum Szenekneipe: Annäherung an ein Produkt der Erlebnisgesellschaft, Wiesbaden STRAßER, GERT (1986): Zur sozialen Funktion der Kiezkneipe. Eine empirische Untersuchung auf der Grundlage einer aus historischen Erkenntnissen gewonnenen Fragestellung in einem Stadtteil von Berlin-Spandau, Berlin TRUNZ, WOLFGANG (2008): Tempelhof. Der Flughafen im Herzen Berlins, München WERLEN, BENNO (2004): Sozialgeographie, Bern, Stuttgart, Wien, 2. Auflage WERLEN, BENNO (2007): Sozialgeographie. In: GEBHARDT, HANS / GLASER, RÜDIGER / RADTKE, ULRICH / REUBER, PAUL (HRSG.): Geographie. Physische Geographie und Humangeographie, Kapitel 15, München

69

Im Internet: taz – Online: APIN, NINA : Ein Stadtviertel vor dem Abheben, taz-Serie Schillerkiez, Teil 1: Das Viertel neben Tempelhof, in taz-Online, Ausgabe vom 04.05.2010, URL: http://www.taz.de/1/ berlin/artikel/1/ein-stadtviertel-vor-dem-abheben/, letzter Zugriff am 06.11.2010 taz – Online: APIN, NINA: Das G-spenst geht um, taz-Serie Schillerkiez, Teil 9: Gentrifizierung, taz-Online, Ausgabe vom 07.02.2010, URL: http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/das-g-spenstgeht-um/, letzter Zugriff am 06.11.2010 Zeit - Online BRENNER, JANINA / HELMLING, RUTH: Yuppies raus! Stadtplanung, Ausgabe vom 29.04.2010, URL: http://www.zeit.de/2010/18/Stadtsanierung, letzter Zugriff am 06.11.2010 Tagesspiegel - Online: CAREMI, OCKA: Schillerpromenade: Göttin im Jogginganzug, Tagesspiegel-Serie Berliner Lebensadern, Teil 8, Ausgabe vom 20.08.2010, URL: http://www.tagesspiegel.de/ berlin/stadtleben/schillerpromenade-goettin-im-jogginganzug/1897992.html, letzter Zugriff am 06.11.2010 taz – Online: FIETZ, KATHLEEN: Makler entdecken das Viertel, taz-Serie Schillerkiez, Teil 5: Mieten, in tazOnline, Ausgabe vom 06.05.2010, URL: http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/maklerentdecken-schiller/, letzter Zugriff am 06.11.2010 taz – Online: FIETZ, KATHLEEN: Willkommen in ‚Prenzlkölln’, taz-Online, Ausgabe vom 20.10.2010, URL: http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/willkommen-in-prenzlkoelln/, letzter Zugriff am 06.11.2010 Tagesspiegel - Online: HELTEN, CHRISTIAN: Buschkowsky ist in Mode, Ausgabe vom 05.11.2010, URL: http:// www.tagesspiegel.de/berlin/buschkowsky-ist-in-mode/1975724.html, letzter Zugriff am 06.11.2010 Heinrich-Böll-Stiftung: KAPPHAN, ANDREAS: Der Mythos von Ghettos und was für die Zuwandererstadtteile getan werden muss. Ein Diskurs über Parallelgesellschaften, URL: http://www.migrationboell.de/web/integration/47_1161.asp, letzter Zugriff am 06.11.2010 New York Times - Online: MCGRANE, SALLY: In Berlin, a Creative Wave, Ausgabe vom 24.10.2010, URL: http:// www.nytimes.com/slideshow/2010/10/24/travel/20101024-surfacing-berlin.html? emc=eta1, letzter Zugriff am 06.11.2010 taz – Online: NOWAK, PETER: Schnelle Eingreiftruppe für den ‚Problemkiez’, in taz-Online, Ausgabe vom 19.11.2009, URL: http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/schnelle-eingreiftruppe-fuer-denproblemkiez/, letzter Zugriff am 06.11.2010 Berliner Zeitung - Online: SCHÄFER, VELTEN:“ Vielleicht wird es hier irgendwann mal schick“, Ausgabe vom 18.09.2010, URL: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/ 0918/berlin/0015/index.html, letzter Zugriff am 06.11.2010

70

tip-Magazin-Online: SLASKI, JACEK: Nord Neukölln: Spielplatz Avantgarde, veröffentlicht am 03.03.2010, URL: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/nord-neukollnspielplatz-avantgarde, letzter Zugriff am 06.11.2010 Berliner Zeitung - Online: WOLBERT, MARESA: Schillernder Kiez, Ausgabe vom 20.08.2010, URL: http://www.berlinonline.de/berlinerzeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0828/forum/0019/index.html, letzter Zugriff am 06.11.2010

weitere Internetquellen: Promenadenpost. Quartiersmanagement, Nachrichten & Geschichten aus dem Schillerkiez: Ausgabe 04/2009. Im Internet: Promenaden post http://www.schillerpromenadequartier.de/uploads/media/Promenadenpost_4_2009_01.pdf RandNotizen. Stadtteilzeitung aus dem Schillerkiez: http://nk44.blogsport.de/images/RandNotizen1.pdf
BE BERLIN –

DIE HAUPTSTADTKAMPAGNE: http://www.sei.berlin.de/

BERLINER WOCHE: http://www.berliner-woche.de/ BERLIN: HASENHEIDE – DER FILM: http://www.hasenheidefilm.de/hasenheidefilm/index.html BEZIRKSAMT NEUKÖLLN: http://www.berlin.de/ba-neukoelln/ BUNDESMINISTERIUM FÜR VERKEHR, BAU UND STADTENTWICKLUNG: Bundestransferstelle ‚Soziale Stadt’: http://www.sozialestadt.de/programm/ CIRCUS LEMKE: http://www.facebook.com/pages/Berlin/Circus-Lemke/201974011910 MITTENDRIN BERLIN: http://www.mittendrin-berlin.de/home PHONEYISLAND CABARET: http://www.myspace.com/phoneyisland QUARTIERSMANAGEMENT BERLIN: http://www.quartiersmanagement-berlin.de/ QUARTIERSMANAGEMENT SCHILLERPROMENADE: http://www.schillerpromenade-quartier.de/ SENATSVERWALTUNG FÜR STADTENTWICKLUNG BERLIN: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/

71

10 Anhang
10.1 Gedicht
Nun schon Vergangen Hinter deinem bewachten Flughafen wankend stürzte ich . da meine rote Ledersohle sich in Hundescheiße wälzte und erblickte: ein Wohnzimmer inmitten von Beerenbüschen mit Früchten wie Planeten , mir so unbekannt. Hinter deinem bewachten Flughafen war Behaglichkeit entstanden. Es war genau diese Stunde des Tages. Dein Wächter fütterte die Krähen in seiner Einsamkeit. Ich sah Trunkene über Stacheldraht klettern mehr als einer blieb nicht unverletzt massenhaft durchlöcherte Glieder. Ich entdeckte Spuren des Exzesses in deinen Mauern gebrannt , das was von ihnen übrig war, auch Parolen hier und dort und Kampfansagen, die langsam zu Sand wurden. Ein Cowboy saß auf Holz mit seinem imaginären Sohn und immerzu blendeten deine Häuser, alle identisch in ihrer Form, meine Augen. Zeugen der Brutalität In deinem bewachten Flughafen. Schreie von Menschen, die zuvor Waggonwände zerkratzt hatten auf der Landebahn landeten um zu sterben. In meiner Panik warf ich Steine den betretbaren Boden zu prüfen. Schäferhunde, zwölf an der zahl, kamen zu lecken meine Hände. Mein Atem still, meine Füße begraben in Lehm. Ein Kind suchte Gold in deinen verwachsenen Pflastersteinen. Kauerte konzentriert, mich nicht beachtend , immer wiederholend : da Gold! , da noch mehr Gold! Mit aller Kraft wagte ich den ersten Schritt in seine Richtung, da verschwand es in einer rollenden Kutsche, nicht aus diesem Jahrzehnt stammend, zu schnell gezogen um den Fahrer zu erkennen, in die Tiefen deines umzäunten Flughafens. Weg von mir. Rotes Eisen floss unter meinen verwundeten Füßen. Wunden von Liebesleid auf meinen Knien und immerzu die Spiegelung grüner Glasüberreste. Plastik und Asche. Da kam plötzlich von oben die Schönheit und schneite dich ein und auch deinen Flughafen. Gleitend im Gleichschritt mit den Ratten eine Horde Überlebender ihre Kufe schwangen und sangen vom Ertrinken im Tümpel deiner Hinterhöfe, in der Armut deiner Insassen, in der Begierde auf deinen Säulen. Eingebrannt zwischen ihren Brauen die Worte: „Dies sei nimmer mehr Ruhestätte“

‚Neukölln’

Von Alicia Agustin November 2009

72

10.2 Mental Maps

Schillerkiez. Von Charlotte Miller, Oktober 2010

Schillerkiez. Von Elsa Guily, Oktober 2010

73

10.3 Fragebogen
Bitte stell dich kurz vor: Name oder m/w: Alter: Berufliche Tätigkeit: 1. Was assoziierst du mit dem Schillerkiez?
(gemeint ist das Gebiet zwischen Columbiadamm, Hermannstrasse, S-Bahn-Ring und Tempelhofer Feld - hier insbesondere der nördliche Teil bis etwa zur Kienitzer Strasse)

1.1 Lebst du im Schillerkiez? Nein Ja Wieso und wozu hältst du dich hier auf? Seit wann lebst du hier? In welcher Strasse?

1.2. An welchen Orten hältst du dich im Schillerkiez auf und zu welchem Zweck? 1.3. Gibt es Orte im Schillerkiez oder in unmittelbarer Nähe, die für Dich eine besondere Bedeutung haben? Welche sind das und warum? 1.4. Hast du im Schillerkiez eine Veränderung beobachtet? In welcher Hinsicht, seit wann?
(beispielsweise bezogen auf Bevölkerungsstruktur, Wohnbedingungen, Gewerbe/ Gastronomie, Sanierungsarbeiten, Freizeitangebote, ...)

2. Du warst schon mindestens einmal als Gast im Circus Lemke. Wie kam es dazu? 2.1 Wie oft bist du an diesem Ort und seit wann? 2.2 Was ist der Grund für deine/n Besuch/e bzw. was macht diesen Ort für dich aus? 2.3 Welchen Stellenwert hat der Ort für dich innerhalb des Schillerkiezes? 2.4 Wenn eine Veränderung im Kiez beobachtet hast (Frage 1.6.), ist sie für dich auch im Circus Lemke zu beobachten und wenn ja, warum oder wodurch? 3. Wie würdest du das Image des Schillerkiezes beschreiben? 4. Wenn du weitere Anmerkungen hast, die du zum Schillerkiez machen möchtest hast du hier Platz für eigene Ergänzungen.
Weitere Hinweise: Bist du damit einverstanden, dass im Fall einer Verwendung deiner Antworten in der Bachelorarbeit, diese in Verbindung mit deinem Namen (Vorname N.), deines Alters, deiner beruflichen Tätigkeit und deines Wohnorts (Schillerkiez ja / nein)veröffentlicht werden? JA JA ..... ..... / / NEIN NEIN ..... ..... Wärst du gegebenenfalls für ein zusätzliches Interview zu dieser Fragestellung bereit?

74

10.4 Leitfaden der Interviews
Interviews mit den Mitarbeitern de Circus Lemke Inwieweit nimmt die Kneipe Einfluss auf das soziale Geschehen im Kiez? Und andersrum: Welchen Einfluss hat der Soziale Wandel auf den Circus Lemke? Eingangsfrage: Ihr habt vor einem Jahr den Circus Lemke eröffnet. Bitte stell Dich und Deine arbeit kurz vor. 1. Circus Lemke • • • • • Ihr habt vor einem Jahr den Circus Lemke eröffnet. Bitte stell dich und deine Tätigkeit dort kurz vor. Warum habt ihr euch für diesen Standort entschieden? Gab es zuvor bereits einen Bezug zum Schillerkiez? Wieso habt ihr den Namen „Circus Lemke“ gewählt?

2. Bedeutung des Circus Lemke im Kiez • • Wie siehst Du die Stellung des Circus Lemke innerhalb des Schillerkiezes? Welche Bedeutung hat der Circus Lemke für die Gäste, die auch Im Schillerkiez leben? • • Wie tragt ihr dazu bei? Viele Stammgäste engagieren sich inzwischen selbst im Circus Lemke und bringen sich mehr oder weniger in den Laden ein. War das geplant und wie findet ihr das?

3. Kiez und Sozialer Wandel • Der Schillerkiez ist spätestens seit der Eröffnung des Tempelhofer Felds viel im Gerede. Es wird von einem Sozialen Wandel im Schillerkiez gesprochen. • • Was habt ihr diesbezüglich für Beobachtungen gemacht? Hat sich das Publikum verändert, in Bezug auf Stammgäste und Laufpublikum ?

75

• •

Wie ist das Verhältnis der Stammgäste oder Besucher untereinander? Inwiefern hat der Erfolg des Circus Lemke mit der Atmosphäre des Schillerkiez und seinen Gästen zu tun?

•

Inwieweit bringen sich die Gäste in den Laden ein? Ist das gewünscht, geplant gewesen oder hat es sich so ergeben? Wodurch?

•

Hat die Veränderung auch den Circus Lemke beeinflusst? Gibt es Veränderungen oder Pläne für die Zukunft?

4. Schillerkiez und Orte von Bedeutung • • Gibt es für dich weitere Orte im Schillerkiez, die für dich eine Bedeutung haben? Was assoziierst du sonst noch mit dem Schillerkiez?

5. Image des Schillerkiezes • Wie würdest du das Image des Schillerkiez beschreiben?

6. Möchtest du noch etwas ergänzen?

76

11 Erklärung

Ich erkläre, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und nur unter Verwendung der angegebenen Literatur und Hilfsmittel angefertigt habe. Die aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen Inhalte sind als solche kenntlich gemacht. Berlin, den 09. November 2010

Julia Meinhardt

77
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.