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4. Predigt, gehalten bei der Einweihung der Epiphanienkirche am 8. April 1906 in Gegenwart seiner königlichen Hoheit des Prinzen Eitel Friedrich als Vertreter seiner Majestät des Kaisers

Full text : Erinnerungsblätter und -bilder aus dem Leben der Luisengemeinde in Charlottenburg / Riemann, Otto (Public Domain)

wohl aus, wie jeder mir einräumen muß, der mit einem am
Studium der Kulturgeschichte geschärften Auge einen unbefangenen
Blick auf jene vergangenen Tage zu werfen versteht; ja in mehr
als einer Beziehung ragt sie sogar ganz bedeutend über dieselbe
hinaus.
Wir sind in der Tat weiter gekommen in mancherlei Erkenntnis
und Wissen und Können, in mancherlei Verwertung der Schätze
des Natur- und Geisteslebens für die Wohlfahrt der Menschheit, in
mancherlei sittlichen und sozialen Auffassungen und Einrichtungen.
Aber andererseits wieviel dichtes Dunkel noch immer, dessen finstere
Schatten uns je und je erschrecken!
Soviel Verwirrung auf religiösem Gebiete in Theologie und
Kirche, wenn da nicht selten der notwendige Geisteskampf —
ich sage der notwendige Geisteskampf — der Meinungen und
Uberzeugungen zwischen den verschiedenen Konfessionen und auch
innerhalb der einzelnen Konfessionen heruntergezogen wird auf
das elende Niveau des Parteifanatismus, und die ewigen Werte
es sich gefallen lassen müssen, so oft in nicht würdiger Weise ver⸗
teidigt oder mit vergifteten Waffen bekämpft zu werden!
So viel Verwirrung auf sozialem Gebiete, an den Arbeits—
stätten und in den Interessentenversammlungen, wenn da nicht
selten die gegenseitigen Rechte und Pflichten und Ansprüche nicht
nach den höheren Gesichtspunkten geordnet werden: Wie wird
das Werk gedeihen? Wie kann der Unternehmer bestehen, heiße
er nun Staat oder Kommune oder Gesellschaft oder Einzelperson?
Wie findet der Beamte oder der Arbeiter seine gute und gesicherte
Existenz?, sondern nach den niedrigen Gesichtspunkten einer rohen
Gewalt, die dann auf der einen Seite prahlt: „Der Besitzende hat
recht!“ und auf der anderen Seite droht: „Alle Räder stehen still,
wenn unser starker Arm es will!“
Und wieviel Verwirrung auf rein sittlichem Gebiete, sonder—
lich bei der Beurteilung unserer altbewährten, deutsch-christlichen
Moralbegriffe und -bestimmungen, wenn man da nicht selten
„ein Jenseits von Gut und Böse“ träumt und von dessen ein—
gebildeten Höhen die verhängnisvollen Grundsätze holt, die den
vermeintlichen modernen „Ubermenschen“ doch nur in die Tiefen
hinunterziehen, in die sumpfigen Tiefen, wo sein Verderben lauert,
und die selbst eine so schöne, stolze und starke, auf das Ideale an—
gelegte Nation wie unsere deutsche schließlich innerlich und äußer—
lich verelenden müßten, wenn sie sich in ihrer Maijorität zu ihnen
bekennen würde.
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