(FrZedsrrmrer
UnpaMische Zeitung für kommunale und bürgerliche
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Al 19.
Aerlin-Irtedenau, Dienstag, den 23. Zanuar 19 7.
24. Aayrg.
Eine FkiedWsadrche Wilsons.
Amsterdam. Sfeutcr mcsbet aus Washington: Der
Vizepräsident der Bereinigten Staaten Marhatt über-
reichie dem Senat einen Brief Wilsons, worin es heißt,
der Präsident habe iv i ch t i g e Mitteilungen über
die auswärtigen Angelegenheiten zu machen,
die er sich verpflichtet fühle, dein Senat vorzulegen:
der Präsident wünsche dies persönlich zu tun. Der Senat
beschloß, Wilson anzuhören, und zwar um l Uhr. Einer
späteren Renler-Meldnng aus Washington zufolge bezieht
sich Wilsons Mitteilung nach Aeußerung von 'Wilsons
Privatsekretär Tumulth aus die Haltung der Bereinigten
Staaten in der Frage der zukünftigen Sicherung des
Weltfriedens. Es heißt, daß der Text der Adresse Wil
sons an den Senat in den Händen der fremden Regier
rangen sei. — Der Text der Adresse Wilsons an den'
Senat ist, wie wir hierzu erfahren, bereits in Berlin
eingetroffen und von der amerikanischen Botschaft
heute vormittag dem Auswärtigen Amt übergeben worden.
Sofia. (Bulgarischer Bericht.) Mazedonische Front:
Zwischen dem Prespa-S-ee und der Eerna schwaches Artil
lerie- und Gewehrfener. Im Eerna-Bogen nichts von
Bedeutung. Qestlich von der Eerna in der Umgegend von
Gradeschnitza versuchte eine 'feindliche Abteilung, sich
unsern vorgeschobenen ^Grüben zu nähern, ivurde aber
durch Gegenangriff vertrieben. In der Gegend von Mog-
lena vereinzeltes Artillerie-, Gewehr-, Maschinengewehr-
und Mineuwerferfeuer. Im Wardarral und an der
Struma schwaches Artillerieseuer und an einigen Stellen
Potrouillengefechte. — Rumänische Front: Artillerieseuer
feindlicher Schiffe gegen Tulcea.
London. Amtlich wird gemeldet: Unsre Flugzeuge
haben am 20. Januar 600 Pfund Bomben auf und
rund um die türkische Munitionsfabrik in der Zitadelle
von Bajgdad abgechorfen.
Bern. Wie „Petit Journal" meldet, ist der Flieger
leutnant Tharnyn im Luftkampf abgeschossen worden. Er
hatte sich verschiedentlich ausgezeichnet und war in einein
Tagesbefehl genannt worden.
Feindesland in deutscher Saud.
Der unaufhaltsame Siegeszug unsrer unvergleich
lichen Heere har zu einem Ergebnis geführt, das gar
nicht in unsrer Absicht lag, als wir vor 2>„ Jahren
zur Verteidigung unsers heimatlichen Bödens, zur Behaup
tung unsers staatlichen Daseins und zur Wahrung unsrer
Weltgeltung gegen unsre Feinde zu den Waffen zu
greifen gezwungen waren. Der alte Grundsaß, daß die
beste Abwehr der Hieb ist, trug unsre Waffen siegreich
an allen Fronten tief in Feindesland hinein, und gegen
wärtig sind nicht tveniger als 55t847 Quadralkitomeier
feindlicher Ländergebieie von den deutschen und den uns
verbündeten Heeren besetzt, wogegen die 000 Quadrat
kilometer deutschen Bodens in Händen der Franzosen
Dir Tgchtrr Ks ßkimMchl!.
Kriminalroman von A Ostland.
31) (Nachdruck verboten.)
„Wenn die lescheidene, vornehme alte Frau sehen
könnte, mit welchein Prunk man sie iin Tode umgibt! Und
wenn sie diesen Heimgekehrten sehen konnte, um den sie
doch eigentlich starb!"
Es war eine Schar fremder Leuts von einer großen
Wiener Bestattuiigsunternehniung ungekonimen, hatten ge-
hämmert, geklopft, genagelt: hatten endlich den prachtvollen
Metallsarg aus das Postament gestellt und ringsum j„ dem
alten Ahnensaat eine Füll: von Blumen, Lichtern, Dra
perien und düsterem Ponip angebracht.
Und mitten darinnen lag die tote Frau mit dem von
einer jähen, furchtbaren Erkenntnis so seltsam entstellten
Jesicht.
„Wisse» Eie. Doktor Huber," sagte Fee zu dem Polizei-
beamten, als auch er ain Nachmittag kam. um die Toto
noch einmal zu sehen, „ich meine,' das ist doch seltsam:
Onkel Großmann hatte eben denselben Zug starren Be
greifens im toten Gesicht. Erinnern Eie sich nicht mehr?
Und auch er starb, wie man glaubt, beim Anblick eines
Fremden."
Doktor Huber nickte.
„Ja. Großmann starb wahrscheinlich neben einen,,
der ihm fremd war. Aber die alte Frau sah ihren tvt-
gegtaubten Sohn heimkehren! Und doch haben Sie recht t
Da ist derselbe Zug: ein tödlicher Schreck; etwa?, wie
ein Erkennen in diesem allerletzten irdischen Augenblick."
Fee schwieg. Ihr bleiches, verweintes Gejichlchen er
schien ihm rührend schön in dieser Minute. O, er be
griff nun fast Walter von Richling I Früher hatte er es
nie verstanden, daß dieser neben der blendenden Erschei
nung Olgas die -arte, kleine Felicitas beachtete.
In diesem Moment klang von der Landstraße her ein
und die 28 281 Quadratkilometer österreichisch-unga
rischen Bodens in Händen der Russen überhaupt nicht ins
Gewicht fallen. Auch nach Abzug dieser von den Feinden
besetzten Gebiete umfaßt das eroberte Land eine Flüche,
die fast genau so groß 'ist wie das Gesamtgebiet des
Deutschen Reiches.
'In ihrer an sich begreiflichen maßlosen Wut über
diesen ungeahnten deutschen Erfolg versuchen unsre Feinde
in ihrem systematischen Heßfeldzug gegen Deutschland in
aller Welt das Riesenmaß von Arbeit und Energie zu
vertleinern, das dauernd und mit ivachsender Anspannung
für Verwaltung, Ernährung nur der besetzten Gebiete und
ihrer Bevölterung geleistet werden muß und mit steii
geudem Erfolge tatsächlich geleistet wird. Unbefangene
Urteile neutraler Beobachter mögen besser als eigene
Feststellungen in der Lage sein, das Lügengewebe über
die „barbarische" Herrschaft der Deutschen in den be
setzten Gebieten zu zerstören. So schreibt u. a. im „Ban
guardia" der spanische Berichterstatter Rooino in einem
aus Wilna datierten Brief: „Die deutsche Energie be
schränkt sich nicht allein darauf, das Eroberte zu ver
teidigen. Sie ist vielfältig und gleichzeitig so intensiv,
daß sie. andere Gebiete für ihre Betätigung sucht. Es
genügen ihr nicht die Schlachtfelder und die cheimatlichen
Gefilde. Der .Krieg har die Welt für Deutschland sehr
verkleinert, aber deswegen sichert es sich, indem es seine
erstaunliche Kraft auf das konzentriert, was ihm noch
bleibt, gerade dort seine Herrschaft. Energie erzeugt
wieder Energie. Daher haben sich jene besetzten Gebiete,
die auf den ersten Blick zu einer 'Schwächung führen
mußten, weil sie Energie verbrauchten, allmählich in
feste Stützen des Gebäudes verwandelt. Daß die Besetzung
dieser Gebiete Deutschland den tödlichen Haß seiner
Feinde zugezogen hat, daß diese es verstanden haben,
ihr Schicksal auszunutzen, indem sie sich seiner als eines
mächtigen Propagandainittels bedienten, um Deutschlands
Ansehen in den Augen der Welt herabzusetzen und es mit
Schmach bedeckt dem Urteil der (beschichte zu überliefern,
haben wir alle gesehen und bedauert."
„Wenn nach Ende des Krieges und nach Verlauf!
einiger Jahre die Geister sich beruhigt haben werden,
und es möglich sein tvird, gleichmütig und unabhängig
zu urteilen, werden die Geschichtsschreiber dieses Krieges,
im Besitze allen Materials, das die von Deutschland
in den besetzten Gebieten geleistete Arbeit enthält, nicht
umhin können, sich aufs höchste zu verwundern, wenn
sie das Kapital der Energie und den Grad der Kultur,
den diese Arbeit darstellt, betrachten. Die heutigen
Heere sind Völker in der Bewegung, uüd wo sie sich auch
niederlassen mögen, brauchen sie, um zu bestehen, eine
neue Wirtschaft. Aber es gibt viele Arten, sie zu schaffen,
und unsers Erachtens hat Deutschland es unvergleichlich
verstanden, sich seine Wirtschaft zu 'schaffen in nnge->
heuren Gebieten, in ganzen Städten mit dichter Bevölke
rung, über die der Krieg mit all seinen unvermeidlichen
Verwüstungen gezogen war. Zunächst schien es, als ob
infolge des Schreckens alles Leben in diesen Gebieten
erstorben wäre: die Industrie gelähmt, der Handel unler-
Gejang. Ein altes Lied war cs, von einer tiefen Frauen
stimme vorgetragen. Durch die geöffneten Fenster des
Nebenzimmers, in weichem, teilnahmslos vor sich yin-
starrend, der alte Freiherr saß, vernahm man ganz deut
lich jedes Wort.
„Wir find ein Volk, vom Strom der Zeit
Gespült zum Erdeneiland,
Voll Unruh' und voll Herzeleid, j
Bis heim uns bolt der Heiland."
Der alte Herr fuhr aus seinem Dahinbrütcn empor.
Das Lied! Einst war er nüt seiner Frau ein paar
cowmmerwochen lang am Meere gewesen. Da hatten die
Fischer und Schiffer dasselbe Lied gesungen, das auch
als Gebet über dem Tore des kleinen Friedhofs stand,
welcher die Leichen der angeschwemmten Namenlosen barg.
„Das Vaterhaus ist immer nah'.
Wie wechselnd auch die Lose —"
Der alte Herr hatte sich mübsam erhoben.
,Fee," ries er. „Fee! O bitte! Lauf hinab und sag',
das Lied, das Lied l'alf dis Frau hier fingen, bei unserer
Tote»! Mania hatte es so gern! Und immer suchte sie
nach den Worten, die ihr kaum recht erinnerlich waren."
Fee flog davon und riß drunten das große Tor auf.
Fast wäre ne gegen das seltsame Paar geprallt, das die
Straße entlang, dem Walde entgegenzog.
„Es ist das Kreuz auf Golgatha,
Heimat für Heimatlose!"
klang ichwer die Endstrophe des Liedes in dis stille Lust
hinaus.
„O Gott." dachte Fee, „es ist die Frau, welche »in
Wien auf der Treppe das Lied fang — das andere
Lied von den Heimatlosen, die ruhelos durch die Welt
ziehen! — Das war, als der Brief gekommen war.
welcher meldete, daß Felix lebt! Und heute singt sie
wieder ein Lied von den H-imatlosen!"
Sie trat ganz nahe an das Paar heran.
brochen, der Ackerbau eingestellt, tzprS geistige Leben auf
gehoben, die ganze'Volkswirtschaft in Unordnung, ohne
Behörden, die sie in so schwierigen Augenblicken leiten
und führen könnten. Der Eroberer, der in erster Linie
an das höchste Interesse des Kampfes denkt, sucht für
sich den ganzen möglichen Vorteil seiner Eroberung her
auszuziehen, mag er sie als vorübergehend oder endgültig
ansehen. Aber gleichzeitig, wenn er ein Gefühl für seine
moralische Pflichten hat. muß er versuchen, den besetzten
Gebieten mit allen Mitteln das Leben wieder zurückzu
geben, es zu organisieren und wieder in Gang zu bringen..
Er muß die fremden Bedürfnisse mit seinen eigenen iir
Harmonie bringen, muß Produktion schaffen, urn die Er-
schöpfung des Landes zu vermeiden, muß Ernst mit Ge
rechtigkeit paaren, ehrlich verwalten, Achtung zeigen, um
geachtet zu werden, muß Schmerz und Haß in den Herzen
der Unterdrückten verstehen.
Die Geschichte zeigt uns wenige Fälle von Eroberern
dieser idealen Art. Man kann deslvegen auch nicht sagen,
daß die heutige deutsche Invasion vor dem Urteile der
Nachwelt frei von jeoem Motel dastehen werde. Wohl
über kann inan versichern, daß niemals ein Volk, das
andre besiegte, sich so vorzüglich benommen hat, lote
das deutsche sich in den feindlichen von ihm zurzeit be
setzten Gebieten benimmt. Seit fast zwei Jahren durch!
reise ich die von Deutschland besetzten Gebiete, und meinS
Aufrichtigkeit drängt mich, die Gesamtheit meiner Beob
achtung in dieses Urteil zusammenzufassen. Man mag
sie wegen tausend Verbrechen anklagen, mag ihnen voll
kommene Selbstsucht vorwerfen und Berge von Schlam'm
auf sie Iverfen. Ich aber sage Euch, daß die Deutschen
in den heure von ihnen besetzten Gebieten sich wie ein
durch und durch zivilisiertes Volk aufführen, und daß
morgen trotz allem die Geschichte dies wird anerkennen
müssen!"
Ortsnachridnen
o Durch Granatsplitter verwundet wurde der
Landsturmmaiin-H ans Zins beim 154. Jnf.-Rgt., ein
ziger Sohn der hier in der Wilhelmstr. 2 wohnhafte/»
Frau Zins.
o Kunsthonig und Graupen kommen vom 2u. bis
28. d. M. auf den Abschnitten 10B und 11 B 'zuist
Verkauf. (Siehe „Amtliches".)
o Hinsichtlich der Zuckerversorgring des Pflegeperso
nals in VcreinSlazarcttcn und Genesungsheimen hat die
Reichsznckerstelte im Einvernehmen mit dem Käniglieyen
Kriegsmiuisterinm entschieden, daß "Diese Personen nicht
durch die Heeresverwaltung, sondern durch den Kommu-
nalverband mit Zucker zu versorgen sind. Dement-
sprechend sind an die genannten Personen auch Zucker-
laneii zu verabfolgen. .
o Kleinhandelspreise für Apfelsine» und Zitronen«
Die Preisprüfungsstelle hat für die nächste Zeit fol
gende Kleinhandelspreise als zulässig festgestellt: Für
Apfelsinen: l60er (große, Gewicht 5 Pfd. das Dtzd.,
| Umfang erwa 2-1—27 Ztm.) Stück 25 Pf., >/» Dtzd- 1,40
„Konnte Ihre Frau nicht mitkommen ins Schloß und
' dieses Lied an der Leiche der tote» Freifrau jingen ?" fragte
bas junge Mädchen beklommen. Sie sahen so seltsam aus,
diese beiden Gestalten, welche da im hellen Nachmittags«
licht aus der Waldstraße standen. Und auch ihr fuhr es
durch den Sinn: „Wie das Elend! So sehen sie ans
i Die Frau schwieg jählings und sah Felicitas fonder»
t bar starr und prüfend an.
i „Fee!" murmelte sie, „Fee I Das Glück!"
Sie schien in ihrem kranken, wirren Kopf nach irgend
etwas zu suchen, nach einem Gedanken, einer Erinne
rung. Der Mann hatte die Mütze gezogen:
„Halten zu Gnaden, gnädiges Fräulein," sagte er in
einer angelernten, übertriebenen Artigkeit, „aber da hinein
ins Schloß darf ich nicht! Ich soll überhaupt ganz fort
aus dem Ort, bat der Herr Bürgermeister gesagt! Der
junge Baron, der erlaubt's nicht, daß ich da bleib'I Bcttel-
und Musikaiitenvoik, das kann er halt nicht vertragen l
Hat uns Geld geschickt und sagen lassen, daß wir weg
sein nii'ijsrn Vis heute abend."
Droben auf der Rirlitburg tlirrte ein Fenster. Der
weiße Kopf des alten Freiherrn erschien.
„Fee!" ries er ungeduldig, „so komm doch I Der
Mann soll dableiben im Schloß! Er soll's nicht be
reuen! lind die Frau soll mir das Lied singen I Mutters
altes Liebtingslied! Es ist mir wie ein Gruß von ihrl
Komm doch endlich!"
Fee dachte nach, und der Musikant stand wie un
schlüssig. Aber i» seinen Augen glänzteein Wunsch auf:
Ec wollte ins Schloß.
„Der junge, gnädige Herr ist eben erst ausgefahren",
sagte er demütig. „Vielleicht, wenn wir jetzt hinauf
gingen? Ich hab' den Wagen gesehen und denk': Gleich
kömmt der junge Herr doch nicht heim. Und bis er
kommt — da sind wir schon wieder fort!"
Fee antwortete nicht, aber sie winkte den Leuten und
schritt ihnen voraus. Droben an der Treppe stand schon
j der alle Freiherr, in der kindische» Ungeduld der Greise
erwartete er das Paar.