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Full text: Der Frühexpressionismus Kurt Hillers

WOLFGANG BEUTIN

Der Frühexpressionismus Kurt Hillers

UTOPIE kreativ, H. 212 (Juni 2008), S. 485-494

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Literarische Anfänge und der »Neue Club« (1909-1913)
Kurt Hiller (1885-1972) begann seinen Weg als Schriftsteller nach einem Jurastudium mit einem rechtsphilosophischen Buch (»Das Recht über sich selbst«) 1908. Ein Jahr später gründete er zusammen mit einigen Freunden in Berlin den »Neuen Club«. Mit diesem etablierte sich in Berlin der Frühexpressionismus. In den Folgejahren wurde Hiller der herausragende Vordenker der Berliner Moderne.1 Er veröffentlichte zahlreiche literaturtheoretische und kritische Essais, Abhandlungen und Glossen, dazu Aphorismen, eine avantgardistische Lyrik-Anthologie (»Der Kondor«, 1912) und eigene Lyrik. Um die Zeit des Ersten Weltkriegs entwickelte er sich zu einem politischen Autor, dessen Beiträge in einflussreichen Zeitschriften der Linken erschienen, während der Weimarzeit z. B. recht regelmäßig in der »Weltbühne«. Hiller verbrachte ein knappes halbes Jahrhundert in Berlin; Unterbrechungen durch Studium, Reisen und Haftzeiten (1933/34) abgerechnet, die Jahre 1885-1934. Hiernach zwangen ihn die politischen Verhältnisse, nach schweren Drangsalierungen in mehreren Konzentrationslagern und der unerwarteten glücklichen Freilassung in die Emigration zu gehen. Im Exil verbrachte er 21 Jahre, vier in Prag und siebzehn in London, von 1934-1955. Er war schon siebzig, als er remigrierte und seinen Wohnsitz in Hamburg nahm. Kurt Hiller erlebte – oder beobachtete – vier Perioden deutscher Geschichte (Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Nachkrieg) –, die seine Biographie und sein Wirken tief prägten. Vorzugsweise beteiligte er sich an ihnen, indem er sich den darin jeweils dominierenden Tendenzen widersetzte. Das nannte er: »Leben gegen die Zeit«. So der Titel seiner Autobiographie2. Am Beginn des 21. Jahrhunderts steht es um die Bekanntheit von Hillers Werk weniger gut als um diejenige anderer Autoren seiner Epoche. Zu Lebzeiten des Verfassers gab es nur eine Handvoll wissenschaftlicher Veröffentlichungen über ihn, die meisten davon Artikel, Lexikoneinträge oder Rundfunksendungen, dazu eine Bibliographie. Nach Hillers Tod war seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre ein allmählicher Wandel zu verspüren, die literaturwissenschaftliche Forschung setzte ein, und es entstanden Anthologien mit Texten von ihm und seinen literarischen Gefährten, Neudrucke von mehreren seiner Schriften, einige Sammelbände mit Abhandlungen, die ihm gewidmet sind, und einzelne Untersuchungen zu Teilaspekten seines Werks und Wirkens.3 Doch liegt bis heute keine Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe vor, es fehlt eine repräsentative

Wolfgang Beutin – Jg. 1934, Dr. phil., Privatdozent an der Universität Bremen, Arbeitsgebiet: Vergleichende Literaturwissenschaft, zahlreiche Publikationen; darunter Studien über Fritz Reuter und »Knief oder Des großen schwarzen Vogels Schwingen«. 1 Vgl. Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, »Die entscheidenden Vorstöße befehligte Kurt Hiller.« – Kurt Hiller als Theoretiker der Berliner Moderne, in: Rinnsteinkunst? Zur Kontroverse um die literarische Moderne während der Kaiserzeit in Deutschland und Österreich, Frankfurt/M. 2004 (= Bremer Beiträge zur Literatur- und Ideengeschichte, Bd. 44), S. 47-70. 2 Reinbek 1969. 3 Aufgelistet im Vorwort

zum 1. Band der Schriften der Kurt Hiller Gesellschaft 2001, S. 7 ff.

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4 Dies trifft wesentlich auf Hillers Biographie und Schriften im Zeitraum von 1934-1972 zu. Grundlegende Materialien für das erste Vierteljahrhundert von Hillers literarischer Tätigkeit, darunter der wichtige Briefwechsel, wurden 1933 von den Beauftragten des NSRegimes vernichtet. Dazu vgl.: Hillers Anmerkung 5, in: Ratioaktiv. Reden 19141964. Ein Buch der Rechenschaft, Wiesbaden 1966, S. 18.

Auswahlausgabe, eine umfassende Darstellung ebenfalls. Ein Grund für diese unerfreuliche Situation ist, dass Hillers literarische Hinterlassenschaft seit seinem Tode zunächst für dreißig Jahre von einem privaten Vermächtnisempfänger unter Verschluss gehalten worden war (1972-2002). 1998 wurde in Hamburg in den Räumen des Instituts für Germanistik I der Universität die Kurt Hiller-Gesellschaft gegründet, die als ihren Zweck die Erforschung der Biographie und des Werks von Hiller benennt. Ihr gelang es bereits nach fünf Jahren (2003), den literarisch außerordentlich ergiebigen Nachlass zu erwerben. Was sie seither verwaltet, ist ein umfangreicher Fundus an Manuskripten, Korrespondenzen (mit über 2 000 Partnern) und Handexemplaren. Damit sind die Bedingungen für die künftige Erforschung von Hillers Leben und Werk entscheidend verbessert worden.4

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5 Zur Erläuterung des Begriffs vgl.: Kurt Hiller, Liebestanz der Ismen, in: Ratioaktiv, wie Anm. 4, S. 163. Der Terminus war bereits um 1900 in Gebrauch. Siehe dazu: Franz Mehring, Gesammelte Schriften, Bd. 1, Berlin 1961, S. 183 (Text von 1898!).

Berliner Moderne, Frühexpressionismus, Expressionismus Die Berliner Moderne war als künstlerische Tendenz oder Richtung kein isolierter Regionalismus. Vielmehr bildete sie einen Ausschnitt aus einer Bewegung, die über Berlin hinausreichte, auch über Preußen, Deutschland und die deutschsprachigen Länder; diese war ein Ereignis umfassenden Charakters: die europäische Moderne. Wie andere regionale künstlerische Strömungen in Europa im letzten Drittel des 19. und ersten des 20. Jahrhunderts brachte auch die Berliner Moderne mehrere unterschiedliche Phasen hervor. In einer jeden davon dominierte eine besondere Teilströmung, die ihr den Namen gab und sich kennzeichnete durch ein spezifisches, manchmal exakt umrissenes, meist eher vages Programm und, damit zusammenhängend, eine eigentümliche Gestaltungsweise. Die künstlerischen Produktionen, die in jedem Abschnitt entstanden, gaben in der Regel ihre Zugehörigkeit zu diesem und damit zu einer der Teilströmungen zu erkennen. Es erweist sich, dass die Verfasser und bildenden Künstler in ihren Werken die ausgewählten Stoffe, Motive und Themen verarbeiteten, die ihnen die Theoretiker der Richtung nahelegten, und dass sie sich dabei der Gestaltungsmittel bedienten, die von der Programmatik postuliert worden waren. Es fiel schon den Zeitgenossen auf, wie rasch die unterschiedlichen Teilströmungen einander ablösten, in ständig sich beschleunigendem Wechsel. In ihrer zeitlichen Erstreckung sind sie nicht immer exakt fixierbar, und zudem gab es Überlagerungen, so dass die Endphase der einen und die Anfangsphase der anderen zeitlich zusammenfallen konnten, womit temporär ein Nebeneinander entstand. Da sich für die Teilströmungen vielfach Bezeichnungen einbürgerten, die mit dem Suffix »-ismus« endeten (Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus, Aktivismus usw.), nannte man sie, wenn man sie zusammenfassen wollte, gelegentlich kurz und lax auch »Ismen«. Kurt Hiller fand für ihr Neben- und Nacheinander den Ausdruck: »Liebestanz der Ismen«.5 Trotz einigen zeitlichen Überlagerungen ist die Abfolge der Phasen oder Teilströmungen der Berliner Moderne doch einigermaßen verlässlich bestimmbar. Sie hatte Anteil, manchmal: erheblichen Anteil an fünf Strömungen der europäischen Moderne, die meist unter einer Benennung mit »-ismus« auftraten, sonst als Sammelsurium

unterschiedlicher Bestrebungen, für die Namen teils auch wieder mit »-ismus« aufkamen, teils ohne diesen Bestandteil. Es sind: 1. der Naturalismus, in Deutschland von 1885 bis zum Ausklang des 19. Jahrhunderts; 2. ein Komplex von Richtungen, die um die Jahrhundertwende auftreten und die Dekade bis etwa 1910 anfüllen: Ästhetizismus, Fin de siècle, Décadence, Symbolismus, Impressionismus, Jugendstil. Für die Summe dieser Tendenzen war eine Zeitlang der zusammenfassende Begriff Neuromantik in Gebrauch. In der jüngeren Forschung heißen sie nicht selten die Wiener Moderne, also nach der Stadt, wo sie – oder mehrere davon – auffällig florierten; 3. der Expressionismus mit seinen unterschiedlichen Phasen, darunter der Frühexpressionismus, dazu die späteren vom Expressionismus abgeleiteten Bewegungen Aktivismus und Dadaismus, 1909/10-1924/25; 4. die proletarisch-revolutionäre Kunst (als Literatur, Malerei, auch als Film) im Folgejahrzehnt; 5. gleichzeitig die Neue Sachlichkeit. Diese Strömungen oder Komplexe von Strömungen, so unterschiedlich sie waren und so energisch sie – oder vielmehr ihre maßgeblichen Wortführer – sich gegeneinander abgrenzten, zeigen partiell doch vergleichbare Eigenschaften. Darunter die unleugbare Affinität zur Politik im Naturalismus, im Expressionismus (vor allem in seiner Gestalt als Aktivismus) und in der proletarisch-revolutionären Kunst, während es die übrigen geradezu charakterisierte, dass ihnen dieselbe Affinität fehlte; nicht nur das, sondern ihre Protagonisten erstrebten häufig auch die Entwicklung eines unpolitischen Kunstbegriffs. Kurt Hiller wurde zum unzweifelhaft wichtigsten Theoretiker der Berliner Moderne in dem Zeitabschnitt, der mit den Stichwörtern Expressionismus sowie Aktivismus zu bezeichnen ist. Dichterische Werke gibt es kaum von ihm, weder epische noch Dramen. Charakteristisch für seine literarische Produktion ist vielmehr eine große Zahl von Glossen, Aufsätzen, Reden, Aphorismen, Besprechungen und Pamphleten.6 Er publizierte nicht einmal eine theoretische Grundschrift, will man nicht seine zweibändige Sammlung von Prosa-Kurztexten, die 1913 unter dem Titel »Die Weisheit der Langenweile« erschien, als solche bewerten.7 Der Ruf des Theoretikers Hiller beruht daher im Wesentlichen auf der Fülle von Kleintexten seit dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sowie auf den literarischen, politischen und juristischen Aktivitäten, die er gleichzeitig entwickelte. Wann begannen diese? Bis gegen Anfang 1908, so berichtete ein Club-Mitglied, gefiel sich Hiller »in der Rolle des Ästheten vom Schlage Oscar Wildes« und war »noch keinesfalls der revolutionäre Aktivist«.8 Hiller selber neigte dazu, in der »Weisheit der Langenweile« sein Debut als Autor zu sehen, womit er den Beginn seiner eigentlichen Lebensarbeit auf 1913 datierte.9 Dagegen ist aber ein um ein Jahrfünft früherer Beginn zu erwägen: im Jahr 1908, dem Erscheinungsjahr der strafrechtsphilosophischen Studie »Das Recht über sich selbst«10. »Die Weisheit der Langenweile«, so Hiller, sei angesiedelt »an der (sozusagen) Dreikaiserinnenecke, wo Rechtsphilosophie, Politik und Litteratur zusammenstoßen«.11 Richtig ist, dass er hier die drei Grundkomponenten benannte, die sein Denken und Schreiben sowie

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6 Ausgezeichnete Übersicht: Harald Lützenkirchen: Vorläufige Gesamt-Bibliographie der Schriften Kurt Hillers, in: Rolf von Bockel, Harald Lützenkirchen (Hrsg.): Kurt Hiller. Erinnerungen und Materialien, Hamburg 1992, S. 125-201.

7 Thomas Bleitner nennt dies Buch: »Hillers expressionistisches Hauptwerk«. Vgl.: Zur Genese politischer »Litteratur« im Expressionismus. Kurt Hillers Weg zum Ziel, in: Wolfgang Beutin, Rüdiger Schütt (Hrsg.), »Zu allererst ANTIKONSERVATIV«. Kurt Hiller (18851972), Hamburg 1998, S. 14-35; hier: S. 32. Die Weisheit der Langenweile. Eine Zeit- und Streitschrift, 2 Bde., Leipzig 1913 (im Folgenden zitiert: WdL mit Bandangabe plus Seitenzahl). 8 Zit. von Thomas Bleitner, in: Golo Gangi und der »soziologische Schlachtochse«. Über Erwin Loewenson und Kurt Hiller, in: Schriften der Kurt Hiller Gesellschaft, Bd. 1, 2001, S. 11-24; hier: S. 13. 9 Nach Martin Klaußners Bericht: Über Kurt Hiller’s Sein und Sollen und vom Geldbeutel, in: Schriften, wie Anm. 8, S. 95-117; hier: S. 97.

10 Es ist die vollständige Fassung von Hillers Heidelberger Dissertation (1907).

11 Wie Anm. 9. »Litteratur« nach dem Muster Schopenhauers bei Hiller stets mit doppeltem »t« (< lat. »littera«).

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12 WdL 1, 235.

Zur Geschichte des »Neuen Clubs« In seiner »Weisheit der Langenweile« berichtet Hiller: »Im März 1909 schuf ich, mit etlichen ähnlich Wollenden, einen Litteraturverein (›Der neue Club‹). Nach einer Reihe privater Monate begannen wir, ›Neopathetische Cabarets‹ zu veranstalten, in denen wir uns, unter dem Gefeix des Pöbels, einer kleinen Schar Sachverständiger (die blieb und wuchs) kraft Sprechens zu Gemüte führten. Erich Unger, J. van Hoddis, Heym, Ernst Blaß traten hier zuerst auf … Nach zwei Jahren, aus teilweise geistigem Grund, verkrachte man sich: ich eilte, von Blaß begleitet, ins Freie … und gründete das ›Gnu‹. Wieder, wenngleich organisierter, ein litterarisches Cabaret, welches sich bald zwischen den trübkalkigen Wänden hinterer Caféhausstuben, bald auf Teppichen mondäner Buchläden vollzog …«12 Was war der Neue Club, was beabsichtigte er, was unternahm er? Juliane Habereder sieht in ihm das »Beispiel einer Künstlervereinigung und publizistischen Plattform der künstlerischen Avantgarde«. Sie beruft sich auf die Forschungen von Gunter Martens, der zwei Aspekte des Neuen Clubs als wichtigste benannte: eine »vermittelnde und anregende Funktion des ›Neuen Clubs‹ für den frühen Ex-

seine organisatorischen und institutionellen Tätigkeiten in fast zwei Dritteln des Jahrhunderts, unmittelbar bis zu seinem Lebensende determinierten. Zu seinen organisatorischen und institutionellen Aktivitäten zählten zunächst – bis zu dem Einschnitt von 1933: • 1909: die Gründung des »Neuen Clubs«. Als dessen der Öffentlichkeit zugewandte Seite fungierte das »Neopathetische Cabaret«. • 1911: die Gründung des literarischen Kabaretts »Gnu«. Er rief es nach seinem Austritt aus dem Neuen Club ins Leben. • 1911, also im selben Jahr: zusammen mit Franz Pfemfert Gründer einer der bedeutendsten expressionistischen Zeitschriften, der »Aktion«. • 1912: Edition der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik: »Der Kondor«. • 1914: Gründung des »Aktivismus«, den man als eine politisierte Variante des Expressionismus bewerten könnte. • 1916-1924: im Sinne des Aktivismus Herausgabe der »Ziel«Jahrbücher (insgesamt 5 Bände). • 1926: in Berlin Gründung der »Gruppe Revolutionärer Pazifisten« (GRP). Als Hiller um 1910 begann, sich zum führenden Theoretiker der Berliner Moderne in ihrer expressionistischen Phase zu entwickeln, richtete er seine Bemühungen darauf, spezifische Vorstellungen in bezug auf die expressionistische Kunstproduktion zu präsentieren, eine Lehre vom Schaffen und das Ideal eines Kunstwerks, wie es der neuen avantgardistischen Strömung angemessen war. Genau dies erwartete man auch von dem Vordenker einer Kunstrichtung. Zwar brauchte er keinesfalls selber die seiner Lehre entsprechende Dichtung hervorzubringen, musste aber sicherlich die große Vision des Kunstwerks entwerfen, das der Künstler schaffen sollte, der ihm folgte.

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pressionismus«, dessen »Kristallisationspunkt« er gewesen sei, sowie eine »Vermittlungsposition«, um der gerade entstehenden Dichtung des Expressionismus das Denken und den Stil Nietzsches zu überschreiben. Der Neue Club habe sich somit die Aufgabe gestellt, eine »Revitalisierung und Reorganisation der Gesellschaft« zu initiieren.13 Der Neue Club ging aus einer studentischen Verbindung der Universität Berlin, der »Freien Wissenschaftlichen Vereinigung«, hervor.14 Er veranstaltete in unregelmäßigen Abständen private (bzw. interne) Lesungen und öffentliche. Nach Richard Sheppard fand der erste öffentliche Abend in Neumanns Festsälen am 8. November 1909 statt. Erwin Loewenson, der zweite wichtige Inspirator des Clubs neben Hiller, hielt eine Ansprache: »Die Décadence der Zeit und der ›Aufruf‹ des ›Neuen Clubs‹. Ein Aufstand«. Der Ausdruck »Aufstand« bildete hier die Gattungsbezeichnung für die Ansprache! Hiller hielt eine Rede »Das Wesen der Kultur« (variierter Titel »Über Kultur« in WdL 1, 49-72). Was sonst an Texten vorgetragen wurde, stammte nicht allein von ClubMitgliedern, sondern auch von respektierten – teils schon älteren – Kollegen außerhalb, so u. a. von Karl Kraus.15 Andere Namen, die sich in den Programmen finden, sind z. B. Kant, Nietzsche, Heinrich Mann, Max Brod, Ferdinand Hardekopf. Das erste »Neopathetische Cabaret« fand in Form einer privaten Veranstaltung am 1. Juni 1910 statt. Es folgten weitere interne sowie auch öffentliche Abende; einer der internen war Sigmund Freud gewidmet.16 Was wollte der eigentümliche Name mit dem Attribut »neopathetisch« besagen? Hiller führte in seiner Eröffnungsrede »Salut zum ersten Neopathetischen Cabaret« aus: »Dies ist das Kennzeichen einer höher gestimmten Lebendigkeit und des neuen Pathos: das alleweil lodernde Erfülltsein von unserm geliebten Ideelichen, vom Willen zur Erkenntnis und zur Kunst und zu den sehr wundersamen Köstlichkeiten dazwischen. Das neue Pathos ist weiter nichts als: erhöhte psychische Temperatur.«17 Und ergänzend, etwas später: »Pathos: nicht als gemessener Gebärdengang leidender Prophetensöhne, sondern als universale Heiterkeit, als panisches Lachen.«18 Mit Hillers Verwendungsweise des Begriffs ging eine Bedeutungsverkehrung fast ins Gegenteil einher; Pathos, ursprüngliche Bedeutung: »Leiden«. Als Brücke zur »Heiterkeit« die Bedeutung »leidenschaftlicher Gefühlsausdruck«, ehe der Begriff bei Hiller als Äquivalent für den nietzscheanisch-leidenschaftlichen Gefühlsausdruck der Heiterkeit erschien. Für das Programm künstlerischer Darbietungen hieß das, »seriöseste Philosopheme zwischen Chansons und (zerebrale) Ulkigkeiten zu streun«, sei Philosophie doch, richtig betrachtet, im Kern »Erlebnis«.19 Sheppard untersuchte, ob die Veranstaltungsreihen der Jahre 1910-1912 eine »aufs Ganze gesehen … einigermaßen klare Entwicklungslinie« erkennen ließen. Am Anfang, so glaubt er, habe »eine in metaphysischen Pessimismus übergehende Skepsis« dominiert. »Nach dem Aufruhr vom Frühjahr 1911 beginnt sich jedoch ein metaphysischer Optimismus abzuzeichnen …«20 In der Forschung besteht keine vollkommene Klarheit über das Ende der Mitarbeit Hillers im Neuen Club. Sheppard notierte: Es sei

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13 Kurt Hiller und der literarische Aktivismus. Zur Geistesgeschichte des politischen Dichters im frühen 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1981 (Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd. 20), S. 9, 13 und 17. 14 Ebenda, S. 35.

15 Richard Sheppard (Hrsg.): Die Schriften des Neuen Clubs 1908-1914, 2 Bd., Hildesheim 1980/83; Bd. 1: Okt. 1908-Januar 1912, Bd. 2: Januar 1912Januar 1914; hier: 1,179 f. Die Datierung 1908 besagt, daß Texte aus dem Vorfeld der Gründung einbezogen werden. Die Ausgabe ist wichtig auch wegen der Kommentare des Herausgebers. Erwin Loewenson (Thorn 1888-Tel Aviv 1963) veröffentlichte seit 1910 unter dem Pseudonym Golo Gangi. 16 Ebenda Bd. 1, 369. 17 Ebenda, 237. 18 Ebenda, 238.

19 Ebenda.

20 WdL 2, 546.

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21 WdL 1, 459 und 530. 22 23 Bleitner, a. a. O., S. 21. Armin Wassermann (Bruder des Schriftstellers Jakob Wassermann) müsste es sein, der in Vicki Baums Autobiographie eine wichtige Rolle spielt, weil er die angehende Autorin einstmals sehr ermunterte. Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen, Zürich 1964, S. 294 ff. 24 Habereder, a. a. O. 12, S. 47 f. 25 Sheppard, a. a. O. Bd. 2, S. 11/34. WdL 2, 464.

26 Ebenda, S. 534.

27 Ebenda, S. 529.

zum Bruch gekommen, Hiller etwa Ende Februar 1911 ausgeschlossen worden; dafür auch einmal die Vokabel: er habe sich »ohne besonderen Widerstand aus dem Club relegieren« lassen.21 Oder war es doch ein »Austritt«?22 Mit Hiller verließen Ernst Blass und Armin Wassermann den Neuen Club. Der Anlass der Sezession scheint der folgende gewesen zu sein: Es wurde gegen Hiller der Vorwurf erhoben, er sei unzureichend für eine öffentliche Aufführung von Georg Heyms »Atalanta« eingetreten. Daraufhin habe van Hoddis erfolgreich die Absetzung Hillers vom Amt des Club-Präsidenten betrieben.23 Hillers Nachfolgegründung, das Cabaret »Gnu«, bestand von 1911 bis Mitte 1914. Es veranstaltete in der Saison 1911/12 vier und 1912/13 fünf Abende.24 Vermutlich bildete aber nicht Hillers Ausscheiden den definitiven Wendepunkt in der Geschichte des Neuen Clubs, sondern der Tod Georg Heyms am 16. Januar 1912. Bis Mitte des Jahres zerfiel der Club dann praktisch, so dass nur noch ein Restbestand von drei Mitgliedern übrig blieb. Ende 1913 war er endgültig erloschen.25 Sheppard ging der Ursache für Hillers Ausscheiden aus dem Neuen Club nach. Verfügte der Club über eine feste Programmatik, und hatte es einen Verstoß Hillers dagegen gegeben? Es kann diskutiert werden, ob die in Betracht kommende Programmatik sich um den Begriff des Neopathetischen gruppierte. Sheppard vermerkte allerdings, dass in den Veranstaltungen eine »kohärente Philosophie des ›Neopathos‹« nicht vorhanden gewesen sei, auch nicht ableitbar aus der Eigenart der dargebotenen Kunstwerke, »da die Neopathetischen Cabarets auf den ersten Blick ein formloses, kunterbuntes Durcheinander bilden, in dem sich Beiträge verschiedenartigster Provenienz nebeneinander finden«.26 Dennoch leitete Hiller selber die Entzweiung »aus teilweise geistigem Grund« her (siehe oben; sonst wohl aus persönlichen Animositäten und, wie ja bekanntlich leicht in Vereinen zu finden, aus Intrigen). Eine geistig-philosophische Ursache sah auch Sheppard: »In erster Linie hat Hillers bis zum Frühjahr 1911 sich vollziehende Bekehrung zum politisch engagierten Voluntarismus und seine gleichzeitige Ablehnung der Metaphysik … ihn den im Club verbleibenden, immer noch mit einer metaphysischen Problematik ringenden Mitgliedern entfremdet.«27 Thomas Bleitner vermochte »die Auseinanderentwicklung der theoretischen Grundpositionen« der beiden Hauptakteure, Kurt Hiller und Erwin Loewenson, bereits in der Gründungszeit des Neuen Clubs aufzuzeigen, einen Riss, der schließlich dann zu dem »Aufruhr« von 1911 geführt habe: »Während Loewenson … einen ›vitalisierenden Weltaspekt‹ im Sinn hatte, der nach dem, so Gunter Martens, ›mystische Erfüllung verheißenden Vitalrausch‹ strebte, vertrat Hiller eine weitaus pragmatischere, rationalistischere Sehweise. Für ihn bedeutete Kultur die ›synthetische Verfeinerung der Gesamtheit eines geistigen Daseins‹: Der ›Kultivierte‹ war für Hiller ein Betrachter der ›Gegebenheiten‹ des sozialen Lebens, der Philosophie, der Kunst; ein Betrachter, der dadurch, dass er sich seiner Rolle als avantgardistischer Ideenträger bewusst würde und diese Ideen publizistisch und künstlerisch nach außen trage, seine passive Position überwinde. Hiller konfrontierte damit das ›untätige‹ Ästhetentum

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mit einem Erkenntnisakt: mit der kulturellen Bewusstwerdung, die auch das ethische Moment – in Form eines ›starken Willenselements‹ beinhaltete.«28 Der Hiller-Forscher Rolf von Bockel, so Thomas Bleitner, erkenne »zu Recht, dass bei den Neopathetikern ›ein Anspruch zur Weltveränderung‹ vorhanden gewesen sei, deren Aktivitäten jedoch nicht sozialreformerisch, sondern vielmehr ›rein philosophisch-literarischer Natur‹ waren«. Bleitner schrieb: Dagegen in der Sicht Hillers, »und das unterschied ihn von Loewenson, sollte eine unter neopathetischen Vorzeichen existierende ›kulturelle Gesinnung‹ möglichst auch ethisch zum Tragen kommen.« Was sei es, was »die gesamte Frühphase sowohl des Hillerschen Schaffens als auch die des Neuen Clubs insgesamt« charakterisiere? – Das Bemühen um Bestimmung kunsttheoretischer Positionen. Hiller erkannte eine Diskrepanz zwischen Ethik und Ästhetik und hat diese später weiter spezifiziert. Aus dieser Erkenntnis leitete er aber (noch) keine Verpflichtung zum Handeln, zur »Tat« ab. – Hillers Aktivitäten als Literat sind zu jenem Zeitpunkt ästhetischer, dichtungstheoretischer Natur – und nicht politischer.29 Mit Zugrundelegung dieser Ausführungen Bleitners erklärt sich endlich eine Darlegung Hillers in einem seiner bekanntesten Aufsätze: »Die Jüngst=Berliner«. Dieser fand in der Forschung viel Beachtung, aber es steht darin eine Sonderbarkeit: die rigorose Absage an das revolutionäre Prinzip, ein antirevolutionäres Bekenntnis, das vor allem deshalb auf Unverständnis stoßen muss, weil es von einem Propagandisten herrührt, der gerade im Begriff ist, eine Literaturrevolution auszurufen. Erinnert man sich an das Motto, das einem Friedrich Schiller ebenso nahe war wie Jahrhunderte zuvor schon dem Reichsritter Ulrich von Hutten, das berühmte »in tyrannos!«, so bezog der junge Hiller damals exakt die Gegenposition. Er schrieb: »Was wollen wir? – Zunächst mal: wir wollen mit nichten Tyrannen stürzen. Kitschzelebritäten, darauf vertrauen wir, sinken von selber zusammen; und die sechs, sieben wahrhaft Großen, die leben30 – … denen fühlen wir uns nicht nur nicht antipodisch, sondern geradezu religiös subjiziert. Ich weiß nicht, ob es eine Kunstsoziologie gibt, und, falls es eine gibt, ob sie an ein Gesetz glaubt, wonach die jeweils jüngere Generation zu der älteren sich eminent kriegerisch verhalte; auf uns träfe solch Gesetz jedenfalls nicht zu. Wir bekämpfen Richtungen, Theorien – nicht Meister. Ob wir den revolutionären Gestus haben, entzieht sich meiner (wundervollen) Distanzlosigkeit: – daß nie eine Gruppe der Jugend frömmer, begeisterter, autoritätengläubiger war als wir, steht fest.«31 Es dreht sich also um das Verhältnis zwischen voranstrebenden »jüngsten« Poeten und ihren Vorbildern, oft Älteren, den »Meistern«. Sollte es umzustürzen sein, wäre dies ein Umsturz einzig im innerliterarischen Bereich, eine Literaturrevolte. Dieser setzte Hiller sein schroffes Nein entgegen (niemand »autoritätengläubiger« als wir »Jüngst=Berliner«); das Revolutionäre, das Kriegerische, Vokabeln in seinem Wortschatz, bezeichnen hier also nicht etwas Außerliterarisches oder Soziales, weder die politische noch die soziale Revolution. Derselbe antirevolutionäre Gestus findet sich etwas später noch in einem Gedicht von Ernst-Wilhelm Lotz (1890-1914), einem engen

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28 Wie Anm. 8, S. 17.

29 Ebenda, S. 18.

30 Er zählte auf: Heinrich Mann, Wedekind, Kerr, Karl Kraus, Rilke, Stefan George, den »frühen« Hofmannsthal.

31 Der Aufsatz erschien in einer Zeitungsbeilage. Sie war betitelt: Literatur und Wissenschaft. Monatliche Beilage der Heidelberger Zeitung, Nr. 7 (22. 7. 1911); ich zitiere nach dem Sonderabdruck, S. 2 f.

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Freund Hillers aus seiner Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Neuen Club: Begreift! Von Dumpfheit summt das halbe Kaffeehaus, Das halbe ist getaucht in leichtes Glühen Und flackert in den Lampentag hinaus, Wo dünne Nebel an die Scheiben sprühen.

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Es wollen ernste Freunde mich bedeuten, Ich sei zu leicht für diese Gründerjahre, Weil ich, statt kampfgenössisch Sturm zu läuten, Auf blauer Gondel durch den Äther fahre. Ich sah bisher nur Zeitungsfahnenwische Und warte längst auf Barrikadenschrei, Daß ich mich heiß in eure Reihen mische, Besonnt vom Wind des ersten Völkermai!

32 Zit. bei Hiller, Ratioaktiv, wie Anm. 4, S. 15.

Den Kopf ganz rot, malt ihr Kulissenbrand Und überträumt die Zeiten mit Besingung. Begreift: Ich wirke, spielend freier Hand, Mein helles Ethos silberner Beschwingung!32

Das ist ein Stück Poesie, das den Begriff des Neopathos in Hillers Sehweise der Jahre 1909 ff. womöglich völlig erfüllt. Es ist aber auch ein Stück Absage an die Politik, an das Eingreifen des Dichters in die Politik, sosehr Ambivalenz mitschwingt: auf den »Barrikadenschrei« warten, den »Wind des ersten Völkermai«. – Der Wandlungsprozess, der in der Berliner Moderne stattfand, ging wie an anderen, so an Lotz nicht vorüber. Das wird deutlich, wenn man zum Vergleich das später entstandene Gedicht desselben Lyrikers: »Aufbruch der Jugend« (1913) heranzieht. Darin heißt eine Strophe: Wir fegen die Macht und stürzen die Throne der Alten, Vermoderte Kronen bieten wir lachend zu Kauf, Wir haben die Türen zu wimmernden Kasematten zerspalten Und stoßen die Tore verruchter Gefängnisse auf.33

33 Aus: Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus, neu hrsg. von Kurt Pinthus, Leipzig 1968, S. 250. 34 Wie Anm. 7, S. 19. 35 WdL 1, 55.

Für die Entwicklung Kurt Hillers zum politischen Schriftsteller ist nach dessen eigener Aussage ein erstes Zeugnis der Artikel »Über Kultur« (1909). Nach Thomas Bleitners Bewertung ist darin »ein etwas diffus wirkendes Verständnis von Kultur«34 zugegen: »So bleibt denn ›Kultur‹ … uns übrig als die Bezeichnung für einen logisch kaum faßbaren, aber gefühlsmäßig doch recht bestimmten Verfeinerungsgrad der Bewegungen und Funktionen einer Seele.«35 In demselben Essai, quasi im Nachsetzen: »Kultur … bedeutet nicht: bloße Verfeinerung einer einzelnen Funktion; auch nicht: eine Addierung von zufälligen Verfeinerungen verschiedner (!) Vermögen; eher schon: eine Verfeinerung des Unsagbaren, das zwischen ihnen fließt; die synthetische Verfeinerung der Gesamtheit eines geistigen Daseins. Dem kultivierten Menschen weist seine Kultur überall a priori

den Ort an, von dem aus er die Gegebenheiten des sozialen Lebens, der Philosophie, der Kunst betrachte …«36 Immer noch ist nicht die Rede von der Tat, dem Tun, dem Eingreifen, der Politik; die Rede ist von – Betrachtung, der Kontemplation aus der Perspektive des Kultivierten. Dennoch, so Bleitner, »markiert« dieser Artikel »sicherlich den Ausgangspunkt des Hillerschen Weges zum ›Wollen‹, der 1915 schließlich im Aktivismus mündete«. Zwar rede er in dem Essay noch »eindeutig vom Standpunkt des Ästheten«, versuche jedoch gleichzeitig, »dem passivischen Ästhetentum einen Erkenntnisakt, nämlich die kulturelle Bewusstwerdung entgegenzusetzen und damit auch ethische Momente zu integrieren. Voluntaristische Ansätze jedenfalls – die ›starken Willenselemente‹, die sich ›beimischen‹ – tauchen im kunstästhetischen Kontext bei Hiller hier erstmals dezidiert auf. ›Vom Zweifeln zum Wollen: diese Straße führt, nicht arm an Windungen, durch dieses Buch‹, heißt es im Prolog der Weisheit der Langenweile.«37 Hillers »geistesaristokratische Anschauungen«, die sich in dem Essay »Über Kultur« andeuteten, so Bleitner weiter, hätten in einem späteren Artikel, betitelt: »Litteraturpolitik«, »deutlichere Konturen« erhalten.38 Zentral bleibt darin der »Erlebnis«-Begriff. Die »geistige Politik«, eben »Literaturpolitik«, wird der Politik des Alltags, der Politik der Regierungen und Parlamentarier, aber auch der Politik der Parteien und der Arbeiterbewegung vorgeordnet: »Sonderbar: falls das Leben irgendwozu da ist, dann doch gewiß nicht für seine Regelung, sondern für sein Erlebnis; nicht für den Unterbau, auf dem sich der Palast der erlauchteren Sensationen erst erhebt, sondern für die erlauchteren Sensationen selber. Kurz: das, worum die Geister kämpfen in Philosophie, Kunst, Schrifttum, ist wichtiger, ernster, wesentlicher als das, worum mit Recht Bezirksvereine, Leitartikler, Volksvertreter kämpfen. Sonderbar: gerade wer nicht so seicht ist, der niederen Nützlichkeit die höchste Dignität zuzusprechen, wer im Zivilisatorischen nur das (unentbehrliche, aber belangarme) Mittel zum Zwecke des Kulturellen erblickt, gerade ein solcher sollte doch – wofern er Politik als Form überhaupt billigt – Litteraturpolitik als etwas auffassen, was an Würdigkeit die Parlamentspolitik bei weitem übertrifft.«39 Dass dies kein Standpunkt war, den ein Politiker der Zeit, geschweige ein redlicher Streiter in den Reihen der Arbeiterbewegung hätte ernstnehmen, gar gutheißen können, liegt auf der Hand – und Hiller hatte immerhin einen der wichtigsten Arbeiterführer der Epoche neben Bebel in seiner Verwandtschaft, Paul Singer (18441911). Die Wendung: »im Zivilisatorischen nur das (unentbehrliche, aber belangarme) Mittel …« musste – und muss – denjenigen zum Widerspruch reizen, ihn empören, dem das Unentbehrliche fehlt und der jeden Tag darum kämpft, es seiner Familie und sich zu verschaffen. Für ihn wird der alltägliche Kampf zum Belangvollsten.40 Ähnliches wendete der beste Kritiker in den Reihen der Arbeiterbewegung der Kaiserzeit, Franz Mehring, zum damaligen Zeitpunkt gegen die Jüngst-Wiener ein, in erster Linie gegen Hofmannsthal: »Es ist eine Poesie reicher Söhnchen für reiche Söhnchen; wer sich mit der handfesten Wirklichkeit des rauhen Lebens herumschlagen muß, erwirbt sich nicht die Feinheit der Sinne, um diesen luftigen Nektar genießen zu können.«41

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36 Ebenda, 69 f.

37 Ebenda, S. 20. 38 Ebenda, S. 24.

39 Ebenda, S. 92.

40 Das Ganze könnte missverstandener Karl Kraus sein, der in vielen Texten davor warnte, das »Lebensmittel« zum »Lebenszweck« zu erheben, also in der Sicherung der materiellen Basis des Lebens das Höchste zu sehen und den Anspruch auf den »Lebenszweck« (die Kultur) hinterzuordnen.

41 Franz Mehring, a. a. O., S. 527.

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42 Bleitner, a. a. O., S. 17 f.

43 WdL 1, 64.

44 A. a. O., S. 21.

45 Publizist Heinrich Mann, in: Köpfe und Tröpfe. Profile aus einem Vierteljahrhundert, Stuttgart 1950, S. 43-51; hier: S. 43 f.

Der Name Hofmannsthal spielte wieder im Streit zwischen Hiller und Loewenson eine Rolle. Die Differenz Hiller/Loewenson zeigte sich nämlich auch darin, wer von beiden welchen Gegenwartsautor mehr schätzte, Hiller: Heinrich Mann und Alfred Kerr; Loewenson: Hofmannsthal.42 Von dem zitierten Kulturbegriff Hillers abgeleitet ist sein Ideal der neuen Poesie: »Und wenn es heute eine Dichtkunst gibt, welche das Erlebnismäßige und den Gefühlston intellektischer Problematik zum Gehalt hat, eine Dichtkunst, geschaffen von solchen und für solche, die weder ihre Seele aushängen, wenn sie nachdenken, noch den Relevanzen ihres geistigen Selbst den Eintritt in die Bezirke des Erlebnisses verwehren: so möge man dies als eine wundervolle Errungenschaft begrüßen, als eine göttliche Gabe letzter Verfeinerungen, als das glitzernde Zeichen einer gesteigerten Kultur.«43 Ging die Mehrzahl der am Frühexpressionismus Beteiligten in der Folgezeit den Weg weiter, der sie zur Politisierung führte, nun doch zu einer Politik im Bereich außerliterarischer Bestrebungen, zur Alltagspolitik fern der »Litteraturpolitik« gar, so fiel dafür dem Text eines Älteren eine außerordentliche Funktion zu: Heinrich Manns Aufruf »Geist und Tat« (1910). Thomas Bleitner spricht von dessen »initialzündender Bedeutung für die gesamte expressionistische Generation«; sie habe »ein neuartiges dichterisches Selbstverständnis innerhalb linksorientierter Schriftstellerkreise Deutschlands« hervorgerufen.44 Hiller selber rühmte in der Retrospektive (1936) Heinrich Mann: »Große Kunstwerke, die er schuf, während eines Dritteljahrhunderts, und jene Mit-Initiation des Aktivismus durch seine Essays ›Geist und Tat‹ (1910), ›Zola‹ (1915) und andere, auf denen allen schon die Patina des Klassischen und ein Glanz der Geschichte ruht, würden ihm die Dankbarkeit derer in Mit- und Nachwelt, auf die es ankommt, selbst dann sichern, wenn er als Alternder unter der Herrschaft der Barbaren schwiege. … niemand inbrünstiger als er, niemand mit so gestalterischem Hasse wie er predigt gegen den Teufel für uns alle.«45 Hillers und Loewensons Gründung, der Neue Club, existierte rund vier Jahre, von 1909 bis 1913. Die Auseinandersetzungen, in die sich seine Mitglieder verwickelten, haben wie so viele andere ihresgleichen in literarischen Bewegungen und Einrichtungen nur noch das literaturgeschichtliche, man könnte sagen: ein antiquarisches Interesse für sich. Von einer einheitlichen weltanschaulichen Lehre, die der Tätigkeit des Clubs zugrunde gelegen hätte, oder auch nur von einer fest umrissenen Kunstauffassung, kann nach allem nicht die Rede sein. Eines aber, was ihn selbst in der heutigen Zeit noch als vorbildhaft erscheinen lässt, ist: seine Relevanz als Institution, die half, Kunstwerke hervorzubringen, die selbst nach hundert Jahren noch viel zu sagen haben. Seiner Tätigkeit und derjenigen seines kabarettistischen Seitenstücks, des Neopathetischen Cabarets, ist also eine weit über die Spanne ihres Bestehens hinausreichende Wirkungskraft zu attestieren.

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