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Die Zweiseelenmenschen

Full text : Berliner Sittenbilder / Kretzer, Max (Public Domain)

130 —

war so müde, daß ihm die Augen fast zufielen.
Martha hing sich an seinen Arm und begleitete ihn
noch ein Stückchen.
Sie gingen einsilbig nebeneinander.
„Eduard, bist du mir böse, wenn ich dich um
etwas bitte?“ begann sie endlich.
„Wie könnte ich dir wohl böse sein, du, meine
zweite Seele, du“, gähnte er hervor.
„Zweite Seele? Glaubst du denn auch an eine
Zweiseelentheorie?“
Eduard blieb plötzlich stehen und sah seine
Schwester erstaunt an. Vor Überraschung verging
ihm fast die Müdigkeit. Er entsann sich so mancher
naiven Frage aus dem Munde so mancher an—⸗
scheinend gebildeten Dame, und es hatte ihn nie
in Verlegenheit gesetzt, denn er kannte die Dummheit
der Klugen. Das aber aus dem Munde seiner
Schwester zu hören, war ihm neu.
„Zweiseelentheorie? Mädchen. woher hast du
das Wort?“
Martha war ganz verblüfft. „Habe ich denn
das Wort nicht richtig ausgesprochen?“
„Gewiß hast du das, aber es muß dir doch
jemand gesagt haben.“
„Niemand, Eduard. Aber neulich waren meine
Stullen in einen Druckbogen eingewickelt, und da
stand, daß es Menschen geben soll, die zwei Seelen
besitzen — denk' dir nur! — eine, die man der Welt
zeigt, und eine andere, die man tief in sich ver—
            
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