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Der Diskussionsprozess von Juni 2004 - März 2005

Full text: Der Diskussionsprozess von Juni 2004 - März 2005

SenStadt

Architekturwerkstatt / Abteilung II

Kulturforum (2) - Der Diskussionsprozess

Kulturforum (2) Der Diskussionsprozess
von Juni 2004 bis März 2005

Kulturforum (2) Der Diskussionsprozess von Juni 2004 - März 2005
Eine Dokumentation der 5 Architekturgespräche und des Online-Dialoges

Impressum

Herausgeber Senatsverwaltung für Stadtentwicklung -KommunikationWürttembergische Straße 6 10707 Berlin www.stadtentwicklung.berlin.de Koordination, Konzept und Texte Senatsbaudirektor Dr. Hans Stimmann und Abteilung Städtebau und Projekte Referat IIA - Städtebauliche Projekte Werner Arndt, Werner Bialluch, Sibylle Rath Grafische Gestaltung Christian Fritsche, Philipp Eder Titelbild Einladungsplakate der letzten fünf Architekturgespräche zum Thema Kulturforum Druck MEDIALIS Offsetdruck GmbH Schutzgebühr: 5,- € Berlin, Juni 2005

Inhaltsverzeichnis
Vorworte Zum Diskussionsprozess Der Online-Dialog Architekturgespräch 64 I Zur Debatte: Das Senatskonzept zur Weiterentwicklung 13 4 7 9

Architekturgespräch 66 II Das Tiergartenviertel von 1840 bis 1945 Vortrag Prof. Dr. Helmut Engel Vortrag Prof. Dr. Wolfgang Schäche Architekturgespräch 67 III Die Landschaften von Hermann Mattern und Valentien + Valentien Vortrag Dr. Gabriele Schultheiß Vortrag Prof. Donata Valentien Vortrag Prof. Günter Nagel Architekturgespräch 68 IV Wettbewerbe und Pläne von 1963 bis 1989 Vortrag Dr. Edgar Wisniewski Vortrag Dietrich Bangert Vortrag Christine von Strempel Architekturgespräch 72 V Kolonnaden, ein zeitgemäßes Gestaltungselement? Vortrag Dr. Eva-Maria Barkhofen Vortrag Prof. Augusto Romano Burelli 73 75 81 59 61 68 70 43 45 50 54 17 19 33

Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper

Grußwort des Berliner Senatsbaudirektors, Dr. Hans Stimmann

Das Kulturforum zählt zweifellos zu den Kernflächen unserer Stadt. Seine Gestaltung ist in den letzten Jahren wie kaum ein anderes Projekt der Stadtentwicklung intensiv und leidenschaftlich in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Mit der Entstehung der Neuen Mitte Berlins hat es an städtebaulicher und kultureller Bedeutung gewonnen. Deshalb soll sich der Platz zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie im Sinne der Weiterentwicklung unserer vereinigten Stadt als geschlossener Komplex in das neue Zentrum der Hauptstadt einfügen. Das Kulturforum übt heute eine starke Anziehungskraft aus. Die überwältigende Resonanz des kunstinteressierten Publikums aus aller Welt auf die Präsentation des MoMA in der Neuen Nationalgalerie im vergangenen Jahr hat das besonders deutlich gemacht. Mit der wachsenden architektonischen wie auch kulturellen Ausstrahlung wird die weitere Ausgestaltung des Kulturforums notwendig. Das Abgeordnetenhaus von Berlin hat dieser Entwicklung Rechnung getragen und bereits im Jahr 2002 den Senat aufgefordert, auf der Grundlage der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses und des städtebaulichen Leitbildes von Hans Scharoun ein Konzept zur Weiterentwicklung des Kulturforums vorzulegen. Der breite öffentliche Diskurs, der in diesem Zusammenhang im Rahmen der Architekturgespräche gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geführt wird, ist ausdrücklich vom Parlament gewünscht. Der Senat hat nunmehr die Vorlage für den Masterplan Kulturforum in das Abgeordnetenhaus eingebracht. Somit kann die ordnungsgemäße parlamentarische Behandlung mit Anhörungen und Beratung in den Ausschüssen und im Plenum beginnen. Ich bin sicher, dass sie zu einem guten Abschluss führen wird.

Die besondere Entwicklung Berlins nach den Zerstörungen des Krieges, mit den radikalen Neuanfängen von Politik und Planung in Ost und West sowie mit der Teilung der Stadt durch den Bau der Mauer, hat zur Folge, dass die Stadt auch 60 Jahre nach dem Ende des Krieges im Zentrum über Orte verfügt, über deren zukünftige städtebauliche und nutzungsmäßige Weiterentwicklung heftigst und grundsätzlich gestritten wird. Zu diesen Orten zählt besonders das historische Zentrum Berlins zwischen St. Marien und Molkenmarkt, der Bereich des Stadtschlosses, der Übergangsbereich zwischen der Friedrichswerderschen Stadterweiterung und der Friedrichstadt mit dem Spittelmarkt und westlich der alten und neuen Stadtmauern das Kulturforum mit den weltberühmten Kulturbauten von Hans Scharoun und Mies v. d. Rohe. Die lange Vorgeschichte des Kulturforums als Teil der bürgerlichen Friedrichvorstadt mit Sommerhäusern, Villen, später Botschaften, in der NS-Zeit brutal zerstört und durchschnitten durch die Achsen-Planung Albert Speers, der Rest von den Bomben des Krieges ausgelöscht, geprägt von politisch motivierten städtebaulichen Zugriffen, ist kompliziert und immer noch höchst umstritten. Geht es bei der Erforschung der Geschichte bis 1945 um wissenschaftliche Diskurse, überlagert sich die Debatte über die Planungsgeschichte nach dem Ende des 2. Weltkrieges mit Haltungen und Meinungen zur Idee der Nachkriegsplanungen mit ihren radikalen Neuanfangsüberlegungen kombiniert mit Stadtautobahnplanungen, später dem Mauerbau und Hauptstadtwettbewerben der jeweiligen Teilstädte. Es folgten die Standortentscheidung für den Bau der Philharmonie (1959), den Bau einer Galerie des 20. Jh. (1962), aus denen spätestens mit der Entscheidung für den Bau einer neuen Staatsbibliothek (1963/64) allmählich das Kulturforum als gebaute Stadtlandschaft der Moderne in Westberlin entstand. Die Weiterentwicklung des 1964 erstmals von Hans Scharoun gezeichneten Projektes hat viele Stufen mit mehreren Wettbewerben, deren teilweise Realisierungen und mindestens genauso vielen Abbrüchen und vor allem der geänderten Rahmenbedingungen durch den Wegfall der politisch höchst umstrittenen Stadtautobahn Westtangente (1984), dem Fall der Mauer und schließlich der Wiederbebauung des Potsdamer und Leipziger Platzes im Rücken des unvollendet gebliebenen Kulturforums. Hier den Überblick zu behalten oder gar zu gewinnen, erfordert inzwischen Spezialkenntnisse, mindestens jedoch Informationen über die Grundzüge der Entwicklung, ohne die jede Debatte über Vorschläge zur Weiterentwicklung dieses bedeutsamen Areals zum Austausch von stadtplanungspolitischen Grundsatzpositionen degeneriert. Zukunft braucht Herkunft, lebt mit Erinnerungen. Das gilt auch für das Kulturforum und seine Erinnerungen an die Abgetrenntheit dieses Ortes an der Mauer als gebautes Dokument einer sich

Walter Momper Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin

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von der DDR radikal unterscheidenden Gesellschaftsund Architekturauffassung. Der Senat und das Abgeordnetenhaus von Berlin haben sich auf Vorschlag der Stadtentwicklungsverwaltung beginnend 1996 mehrfach mit der Weiterentwicklung des Kulturforums befasst und dazu entsprechende Grundsatzbeschlüsse und Leitlinien vorgegeben. Zur Vorbereitung dieser Beschlüsse dienten immer auch Informationen der Bau- und Nutzungsgeschichte.1 Diese Veröffentlichung diente dem Dialog mit der weit über das unmittelbar fachliche Interesse hinaus reichenden Öffentlichkeit. Mit dem Beschluss des Senats zur Weiterentwicklung des Kulturforums vom 30.03.2004 hat er auch die Initiierung eines breit angelegten Diskurses mit der Stadtöffentlichkeit in der Form von Architekturgesprächen, Workshops, Ausstellungen und Internetforen vorgeschlagen. Im Abschluss dieses breit angelegten öffentlichen Dialoges soll der abschließende Masterplan erarbeitet und zur Beschlussfassung an den Senat und das Abgeordnetenhaus weitergegeben werden. Der öffentliche Dialog wurde in der Zeit von Juni 2004 bis März 2005 mit insgesamt fünf Architekturgesprächen, einer Ausstellung und einem Online-Dialog durchgeführt. Parallel zum öffentlichen Dialog hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in einem Workshopverfahren unter Beteiligung von fünf Architekten den ersten Entwurf des Masterplanes überarbeitet. Die inzwischen vom Senat beschlossene Fassung zur Weiterentwicklung des Kulturforums ist also das Ergebnis eines miteinander verschränkten fachlichen und öffentlichen Dialoges. Um die Komplexität und Vielfalt der Geschichte, Meinungen und Haltungen zum Ausdruck zu bringen, hatte sich jedes Architekturgespräch einem thematischen Ausschnitt gewidmet. Die Debatten fanden im Abgeordnetenhaus statt, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass die Entscheidung über die Weiterentwicklung dieses Ortes nur gelingen kann, wenn sie auch die breite Zustimmung des Berliner Parlaments erhält. Um der Debatte eine Grundlage zu geben, wurde im 1. Architekturgespräch das Senatskonzept vorgestellt. Dazu waren insbesondere die drei beratenden Architekten eingeladen, ihre grundsätzlichen Gedanken zum Umgang mit dem Kulturforum vorzustellen (Christoph Sattler, Manfred Ortner, Stephan Braunfels). Das zweite Architekturgespräch hat sich noch einmal ausführlich mit der Geschichte des Tiergartenviertels von 1840 bis 1945 beschäftigt. Dabei ging es nicht nur darum, an die Geschichte der ersten Besiedelung bis zur Zerstörung in der NS-Zeit zu erinnern, sondern den Versuch zu unternehmen, aus dieser Geschichte Konsequenzen für die aktuelle Weiterent-

wicklung zu ziehen. Angesichts der Radikalität der Auslöschungen in diesem Quartier waren sich die beiden Vortragenden Dr. Engel und Dr. Schäche einig, dass es nur noch darum gehen kann, die Trasse der Matthäikirchstraße zwischen dem südlichen Tiergartenrand und der St. Matthäus-Kirche wieder stärker herauszuarbeiten. Das dritte Architekturgespräch über das Thema der Stadtlandschaften hat sich mit dem Begriff der Stadtlandschaft und seinen möglichen Interpretationen und entwurflichen Konsequenzen beschäftigt. Trotz aller Unterschiede konnte man sich der Auffassung von Prof. Nagel anschließen, der dafür plädierte, das nur teilweise realisierte Stadtlandschaftskonzept nicht unter Denkmalgesichtspunkten konservatorisch zu vollenden, sondern Ergänzungen zu erarbeiten, die im Ensemble der freien Formen und offenen Räume mitspielen können ohne selbst neue Spielregeln aufzustellen. Das vierte Architekturgespräch hat sich mit dem Thema der zahleichen Wettebewerbe und Pläne seit 1963 beschäftigt. Abschließend hat sich das fünfte Architekturgespräch mit dem Vorschlag von Christoph Sattler und von Klaus Theo Brenner - eines Kolonnaden- resp. Arkaden- umstandenen neuen Museumsplatzes - beschäftigt. Dabei wurde der Frage nachgegangen, ob es möglich wäre, ein solches Gestaltungselement zeitgenössisch zu interpretieren. Besonders diese Debatte hat noch einmal die sehr kontroversen Grundsatzpositionen nicht nur zur Weiterentwicklung der Architektur des Kulturforums, sondern zur Architektur unserer Zeit überhaupt aufgeworfen. Sämtliche Architekturgespräche wurden von den entwerfenden Architekten aufmerksam verfolgt. Die Ergebnisse wurden ihnen jeweils unmittelbar mitgeteilt. Teilweise hatten sie die Gelegenheit, im Online-Dialog darauf direkt zu reagieren. Die Beiträge der Architekturgespräche sind, soweit sie in schriftlicher Form vorlagen, im Folgenden dokumentiert und bieten die Möglichkeit, sich bei den folgenden Debatten über die weitere Konkretisierung des Projektes darauf zu beziehen.

Dr. Hans Stimmann Senatsbaudirektor von Berlin
(Siehe dazu Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie, Kulturforum Berlin, Hintergrund, Aufgabenstellung und Dokumentation der Wettbewerbsergebnisse der 1. Realisierungsstufe Berlin 1999 sowie Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Kulturforum/ Konzepte zur Weiterentwicklung, Senatsbeschluss vom 30.03.2004 und Information zur Geschichte, Planung und Kunstkonzeption)
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Zum Diskussionsprozess Das Kulturforum als einer der anspruchsvollsten Orte in der Stadt bedarf einer weiterführenden Planung, die den Namen einlöst und den hier versammelten Institutionen und Architekturen einen angemessenen Raum, ein Forum gibt. Der Senat hat dafür mit Beschluss vom 16. März 2004 einen Rahmen für die Weitentwicklung des Kulturforums beschrieben. Dieser Beschluss ist keine „Durchführungsverordnung”, sondern im Sinne einer Hypothese eine Einladung zum Dialog, zur konstruktiven Auseinandersetzung um die Weiterentwicklung des Kulturforums. Dieser Beschluss enthielt daher den Auftrag, einen breit angelegten Diskurs mit der Stadtöffentlichkeit über die Entwicklung des Kulturforums zu führen. Der Diskussionsprozess setzte sich aus einem Internetgestützten Dialog und einer Reihe von Architekturgesprächen zusammen, die in Zusammenarbeit mit dem Abgeordnetenhaus veranstaltet wurden. Den Auftakt dieser Gespräche bildete am 15. Juni die Debatte um das Senatskonzept zur Weiterentwicklung des Kulturforums. Die weiteren Gespräche behandelten wichtige Einzelthemen für das Kulturforum, so am 24. August 2004 die geschichtliche Entwicklung des Kulturforums von 1840 bis 1945, am 7. September 2004 die landschaftsplanerischen Aspekte von Hermann Mattern und von Valentien + Valentien sowie am 21. September die Wettbewerbe von 1963 bis 1989. Den Abschluss bildete am 8. März 2005 die Diskussion über die Kollonade als teitgemäßes Gestaltungselement. Ein weiterer Baustein war der „Online-Dialog Kulturforum” im Internet. Mit dieser neuen Form der Diskussion konnten z.B. zukünftige Nutzungsformen oder das Marketing des Kulturforums erörtert werden. Es wurden zahlreiche Vorschläge diskutiert, die in den Architekturgesprächen aus Zeitgründen nicht behandelt werden konnten. Die Inhalte der Beiträge und der Diskussionen dazu sind in dieser Broschüre dokumentiert. Die Broschüre bildet somit einen weiteren Baustein des öffentlichen Diskurses. Flankierend wurde in den Räumen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Behrenstr. 42 eine Ausstellung zu dem vom Senat beschlossenen ersten Entwurf des Entwicklungskonzeptes gezeigt. Eröffnet wurde sie am 14. Juni 2004 und lief bis Ende Oktober 2004. Parallel hierzu fand eine fachliche Diskussion zur städtebaulichen Qualifizierung und Ausformung des am 15. Juni 2004 vorgestellten Senatskonzeptes statt. Hierfür wurde eine Planungswerkstatt ins Leben gerufen, die unter Leitung der Abteilung Städtebau und Projekte (II) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit namhaften Architekten und Landschaftsarchitekten seit Anfang Juni 2004 tagte. Ergebnis ist der Entwurf für einen Masterplan, der der interessierten Öffentlichkeit in einem abschließenden Architekturgespräch vorgestellt und in einer weiteren Broschüre zur Diskussion gestellt wird. Dieser Entwurf soll Gegenstand des parlamentarischen Diskurses sein und als Grundlage für die Realisierung von Einzelmaßnahmen und der hierfür notwendigen Bauleitplanung vom Abgeordnetenhaus beschlossen werden.

Luftbild vom Kulturforum, Blick von Südost; 2004 (Foto: Laubner)

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Luftbild vom Kulturforum, Blick von Nordost; 2004 (Foto: Laubner)

Luftbild vom Kulturforum, Blick von Südost; 2004 (Foto: Laubner)

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Der Online-Dialog
Die öffentliche Debatte hatte zum Ziel, die unterschiedlichen Standpunkte und Dimensionen zur Weiterentwicklung des Kulturforums verständlich darzustellen und damit die Grundlage für ein gemeinsames Vorgehen zu schaffen. Es war somit erforderlich, neben den Architekturgesprächen weitere Diskussionsformate für die Information und Meinungsbildung anzubieten, damit die unterschiedlichen Zielgruppen aktiv an der Diskussion teilnehmen konnten. Zu diesem Zweck wurde ein moderiertes Internetforum eingerichtet, das eine eingehende Diskussion auch außerhalb der Veranstaltungen ermöglichte. Die erste Online-Phase startete am 15. Juni 2004 parallel zu den Architekturgesprächen und löste für vier Wochen eine lebhafte Diskussion über die Rolle des Kulturforums in der Stadt, über das Senatskonzept und über die unterschiedlichen Strategien der Weiterentwicklung aus. Um die Konflikte um die architektonische Entwicklung fair behandeln zu können und gleichzeitig verwertbare Ergebnisse aus dem Forum zu erhalten, wurde das Büro Zebralog mit der Vorbereitung, Moderation und Auswertung des Online-Dialogs beauftragt. Durch die neutrale Moderation wurden auch kritische Teilnehmer aktiv in den Dialog eingebunden. Dabei haben sich ca. 1.600 Besucher im Internetforum über die unterschiedlichen Argumente informiert. Mehr als 50 Teilnehmer haben sich mit über 300 Beiträgen in die Diskussion eingeschaltet. Mit Hilfe des schriftlichen, interaktiven Mediums blieb dennoch die Übersicht gewahrt, und es wurden sowohl konzeptionelle als auch bauliche Anregungen formuliert. Das Senatskonzept ist in verschiedenen Beiträgen sowohl kritisch bewertet, als auch positiv unterstützend kommentiert worden. Sehr oft wurde betont, dass die zukünftige Rolle und Nutzung des Kulturforums klarer
Die öffentliche Debatte wurde in unterschiedlichen Formaten geführt, damit die unterschiedlichen Zielgruppen Gehör finden

definiert werden muss, bevor über die bauliche Form entschieden wird.

Ergebnisse des Online-Dialoges (1. Phase) Die Anregungen aus dem Online-Dialog umfassen vier Handlungsbereiche: A. B. C. D. Das Kulturforum bekannt machen Erlebnisse im „Forum der Kultur” stärken Orientierungspunkte und Verbindungen schaffen Die bauliche Gestaltung an den Nutzungen ausrichten

Die Anregungen werden im folgenden genauer beschrieben, jeweils gefolgt von ersten Rückmeldungen der Anrainer, der Architekturbüros und der Senatsverwaltung zu den Rahmenbedingungen einer Umsetzung: A. Das Kulturforum bekannt machen Als ein zentrales Ausgangsproblem haben die Diskussionsteilnehmer einhellig festgestellt, dass das Kulturforum – zum Nachteil aller ansässigen Institutionen – wenig bekannt ist. Als Lösung wurden eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und eine gemeinsame Werbekampagne aller Einrichtungen vorgeschlagen:
3⁄4 Zentrale Informations- und Servicestation

Eine zentrale Informations- und Servicestation bündelt die Informationen und Aktivitäten rund ums Kulturforum. Sie ist ein erster Magnet und fungiert als Dreh- und Angelpunkt für das gesamte Areal. Neben Informationen, Materialien und Veranstaltungstipps gibt es eine Ausstellung über die Geschichte und Entwicklung des Kulturforums. Weiterhin ist der Kauf von gemeinsamen Eintrittstickets, Souvenirs oder das Ausleihen von Sitzdecken, Spiele usw. möglich. Die Finanzierung des Vorhabens kann über die Verkaufserlöse, durch die Gründung einer Stiftung Kulturforum oder über kulturelles Sponsoring etc. erfolgen.
3⁄4 Marke „KulturForum”

Mit Hilfe der Software „discourse-machine” und einer neutralen Moderation konnten die Teilnehmer das Ranking der Beiträge nach transparenten Kriterien beeinflussen.

Bestandteil des Marketingkonzeptes ist es, den Namen „Kulturforum” bekannter zu machen. Was mit dem MoMA möglich war, soll auch für das ganze Areal als „KulturForum”, „Forum der Kultur”, „Kult-Forum” oder „KF” gelingen. Vorgeschlagen werden weit sichtbare Leuchtsymbole, auch ein Logo macht Sinn und die Vermarktung des Schriftzuges auf CDs, Tassen, Poster etc., die man in der Informations- und Servicestation kaufen

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kann. Ebenso sind Besucherführungen über das Kulturforum und gemeinsame Eintrittstickets für alle Museen denkbar.
3⁄4 Gemeinsame Internetseite

3⁄4 Das Forum durch Nutzungsmischung beleben

Eine gemeinsame Internetseite für das Kulturforum unterstützt die Koordination und Außenwirkung. Dort könnte man Termine, aktuelle Ausstellungen, Veranstaltungen usw. bewerben. Auch Infos über die Geschichte, das Jetzt und die Zukunft des Areals und ein Kultur-Chat werden vorgeschlagen.
3⁄4 Koordinierende Instanz und Dialog

Viele Teilnehmer haben angemahnt, dass vor der Bauplanung die inhaltliche Nutzung geklärt werden muss. Bislang werden im Konzeptplan nur wenige Nutzungsideen kommuniziert. Neben der Info- und Servicestation haben die Teilnehmer daher Cafés, Business meets Arts-Internetcafe, Restaurants, Kunstbuchläden, Galerien, Labyrinth, Freilichtbühne und Schreibwarenläden vorgeschlagen. Eine verstärkte Nutzung öffentlicher Plätze für bestimmte Zielgruppen (z. B. Piazzetta für Jugendliche) könnte ebenfalls für eine Belebung des Platzes sorgen. Rahmenbedingungen für Umsetzung Die Anregung zur Erweiterung kultureller Aktivitäten sowie die Ideen zu Aktionen und Veranstaltungen sind den zuständigen kulturellen Institutionen zur weiteren Diskussion zugeleitet worden. In ihren Rückmeldungen haben die Anrainer jedoch überwiegend erläutert, dass viele der vorgeschlagenen Veranstaltungstypen nicht in das Aufgabenprofil der jeweiligen Organisation passen (z.B. Staatsbibliothek) oder sogar störende Auswirkungen haben. Bei der Vorbereitung und Organisation seien daher genaue Absprachen wünschenswert. Die Anregungen einer Nutzungsmischung durch Ergänzung in Form von Cafés, Restaurants, Galerien, Läden usw. kann von Seiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung durch die Ausweisung neuer Bauflächen unterstützt werden. Die weitergehende Realisierung muss jedoch in privater Initiative erfolgen. Mit einer Ausweisung von Flächen für kommerzielle Nutzungen soll genau dieses Ziel auch erreicht werden. C. Orientierungspunkte und Verbindungen schaffen Problematisch finden viele Teilnehmer, dass das Kulturforum schlecht abzugrenzen ist. Wo fängt es an, wo hört es auf und welche Gebäude gehören dazu? Die mangelnde Sichtbarkeit der Anziehungspunkte (Gemäldegalerie, Neue Nationalgalerie usw.), eine fehlende Orientierung und mangelnde Wegeverbindungen werden kritisiert. Die nachfolgenden Vorschläge verfolgen das Ziel die Wahrnehmung des Kulturforums als Einheit zu stärken:
3⁄4 Optische Hinweise und Orientierungshilfen

Die genannten Aktivitäten bedürfen einer koordinierenden Stelle, die im Auftrag aller Beteiligten konzeptionell und organisatorisch für das übergeordnete Marketing zuständig ist. Rahmenbedingungen für Umsetzung In ihrer Rückmeldung an die Teilnehmer erläuterte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, dass sie auf die Öffentlichkeitsarbeit der einzelnen Institutionen am Kulturforum keinen direkten Einfluss hat. Die Anregungen hierzu wurden jedoch als sehr wichtig gewertet und daher an die Anrainer weitergegeben. Die Anrainer bestätigten, dass die Überlegungen der Teilnehmer zu einem Marketingkonzept sehr mit ihren zentralen Interessen übereinstimmen. Als konkrete Initiative wurde daher vom Direktor des Kupferstichkabinetts, Herrn Prof. Schulze-Altcappenberg, zu einem Round-Table-Gespräch der Anrainer eingeladen. Der Vorschlag einer zentralen Informations- und Servicestation ist bei den Planungsüberlegungen durchaus in ein Gebäude integrierbar. Da die Finanzierung einer solchen Einrichtung nicht vom Land Berlin getragen werden kann, müssen die Möglichkeiten des Sponsorings im Weiteren eruiert werden. Herr Straßmeir, Oberkirchenrat der Evangelische Kirche regte an, diese Aufgabe von der Berlin Tourismus-Marketing GmbH wahrnehmen zu lassen. B. Erlebnisse im „Forum der Kultur” stärken Das Kulturforum soll nach Ansicht vieler Diskussionsteilnehmer künftig stärker als „Forum der Kultur” erlebbar werden. Nur durch persönliche Erfahrungen kann die Identifikation mit dem Ort gestärkt werden. Das würde erfordern, dass verschiedene Arten von Kultur – nicht-kommerzielle ebenso wie kommerzielle – am Kulturforum angeboten werden:
3⁄4 Aktionen und Veranstaltungen am Kulturforum

unterstützen Um den Platz zu beleben, wurden konkrete Aktionen im öffentlichen Raum vorgeschlagen wie Aktionskunst mit Licht- und Rauminstallationen, Performances oder Kultur Open-Air wie z.B. die Projektion von Gemälden in der Nacht, Open-Air Theater, Buchpräsentationen und Lesungen der Staatsbibliothek oder Konzerte der Philharmonie unter freiem Himmel.

Optische Hinweise an den Eingangsbereichen des Kulturforums und vor den Museen erhöhen die Erkennbarkeit des Kulturforums und unterstützen die Orientierung. Besonders der Eingangsbereiche sowohl des Forums als auch der einzelnen Gebäude sind stärker hervorzuheben. Orientierungshilfen können z. B. künstlerisch gestaltete Wegweisertafeln an allen Laternen rund um das Areal sein, Beflaggungen an den Zufahrtsstraßen oder Licht-Strukturen an den Eingängen zum Kulturforum und den Museen, die weit sichtbar gemacht werden.
3⁄4 Veränderung der Straßenführung

Die derzeitige Straßenführung fügt sich nicht ins Stadtbild ein und führt die Menschen am

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Kulturforum vorbei statt hinein. Es wurden verschiedene Lösungen entwickelt, wie eine veränderte Straßenführung aussehen kann. Der Kreisverkehr-Vorschlag von Prof. Braunfels wurde viel beachtet und hoch bewertet, jedoch wurden auch die geschätzten Kosten von ca. 8 Mio. Euro als Gegenargument zur Kenntnis genommen. Alternativ wird deshalb eine klare Abbiegung von der Potsdamer Straße kommend mit einem Platz zum Osteingang der Philharmonie hin vorgeschlagen. Ein anderer Teilnehmer schlägt vor, die Hauptstraße nach unten zu verlegen, um ein erhobenes Forum über die Verkehrsachse zu legen, die an den Rändern terrassenförmig nach oben ansteigt (siehe Abbildung).

rung: „Die Vorschläge zeugen von dem Bedürfnis, auf dem Kulturforum ein sortierendes und greifbares Zeichen zu setzen, einen Fokus. Dies entspricht jedoch weder der ursprünglichen stadträumlichen Intention noch der vorgesehenen Weiterentwicklung seiner Grundideen. Wir glauben, dass man diesem besonderen Ort besser gerecht wird, vorhandene – momentan leider hauptsächlich architektonische – Qualitäten aufzunehmen und zu stärken, anstatt weitere ortsfremde Ordnungsprinzipien einzusetzen. Veränderung von Straßenführungen sollte sich auf mögliche Reduzierungen beschränken, um nutzbaren Freiraum zu gewinnen.” Sehr positiv wird von den Büros jedoch die Anregung einer durchgehende Freiraumgestaltung bestätigt, da sie u.a. ein geeignetes Mittel sei, um die Fläche des Kulturforums in seiner Dimension nachzuzeichnen und so in der Wahrnehmung als besonderer Stadtraum erlebbar zu machen. D. Die bauliche Gestaltung an den Nutzungen ausrichten Auch wenn zu Beginn des Online-Dialoges kontrovers über die verschiedenen Leitbilder Stadtlandschaft vs. verdichtete Stadt debattiert wurde, ist im weiteren Verlauf deutlich geworden, dass mit diesen Gegenpositionen keine Weiterentwicklung des Kulturforums möglich ist. Viele Teilnehmer sind der Überzeugung, dass weder die Konservierung eines städtebaulichen Leitbildes, noch Rückgriff auf historische Strukturen eine Lösung bieten. Tenor der Diskussion ist, dass zunächst die Ziele und Nutzungen des Forums geklärt werden müssen, bevor über die Bebauung entschieden werden kann:
3⁄4 Kulturforum als Denkmalort

Das Kulturforum als Arena (Skizze eines Teilnehmers des OnlineDialoges)

3⁄4 Klares, durchgehendes Wege- und Platzkonzept

Durch ein durchgehendes Wegekonzept und die Gestaltung von Plätzen soll das Areal in das Umfeld eingebunden und die Solitäre miteinander auf optimale Weise verbunden werden. Neben der räumlichen Verbindung des Kulturforums mit Tiergarten und Potsdamer Platz sollten auch die Fußwegeverbindungen innerhalb des Forums verbessert werden. Dies sei entscheidend für die Nutzung und Belebung des Kulturforums. Die Idee einer Durchwegung zwischen MarleneDietrich-Platz und Staatsbibliothek findet große Zustimmung. Rahmenbedingungen für Umsetzung Aus Sicht der Senatsverwaltung ist die bauliche Wahrnehmung des Kulturforums als Einheit sehr schwierig. Dies begründet sich vor allem durch die überwiegend als Solitäre wirkenden Gebäude, die von ihrer Nutzung sehr nach innen orientiert sind (Philharmonie, Staatsbibliothek, Museen). Die Anregungen aus dem Online-Dialog wurden an die beauftragten Büros zur Prüfung weitergegeben. Veränderungen in den Straßenführungen waren bis auf den Rückbau der Scharounstrasse nicht möglich, da die Umgestaltungen auf dem Kulturforum kostenneutral für den Haushalt sein müssen. Das heißt, dass nur die Erlöse von Grundstücksverkäufen wieder für eine Umgestaltung eingesetzt werden können. Den Möglichkeiten sind damit enge Grenzen gesetzt. Ein Kreisverkehr oder eine Verlegung der Potsdamer Straße sind unter diesen Prämissen nicht realisierbar. Die beteiligten Landschaftsarchitekten Levin-Monsigny erläuterten zum Thema veränderte Straßenfüh-

Da das Kulturforum eine städtebauliche Idee beinhaltet, die einen historischen Wert besitzt, sollte das städtebauliche Ensemble geschützt werden und für die Besucher und Bewohner der Stadt erhalten bleiben.
3⁄4 Parkraumkonzept

Der ruhende Verkehr wird als großes Problem gesehen, das einer Belebung des Platzes entgegensteht und die Aufenthaltsqualität mindert. Die Vorschläge reichen von der Nutzung der Flächen unter der Piazzetta oder der Tiefgaragen am Potsdamer Platz bis hin zum Verzicht auf die vorhandenen Flächen.
3⁄4 Abriss bzw. Umgestaltung der Piazzetta

Zum Umgang mit der Piazzetta gab es verschiedene Meinungen. Einige Teilnehmer sprachen sich für den Abriss der Piazzetta aus. Andere plädierten für einen Erhalt und eine Umgestaltung der Piazzetta mit einer Fußgängerverbindung zum Tiergarten. Ebenfalls vorstellbar sei eine Weiterentwicklung der Piazzetta zu einem Platz für Aktion und Sport.

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3⁄4 Gästehaus einmal anders

Die Errichtung des Gästehauses, wie es das Konzept von Hans Scharoun vorsah, wurde gewünscht. Erweitert wurde diese Idee durch den Vorschlag, das Gebäude selbst zur Potsdamer Straße hin landschaftlich zu verblenden, so dass das Gebäude wie ein Januskopf unterschiedliche Formensprachen ausdrückt.
3⁄4 Landschaftsgärtnerische Maßnahmen

überwiegend positiv bewertet. Der besondere Stadtraum am Kulturforum müsse so sensibel wie möglich behandelt werden. Sinnvoll sei daher, die Verdichtung auf die Ränder zu begrenzen und die Mitte so frei wie möglich zu halten. Auch die Forderungen nach einem restriktiven Stellplatzkonzept wurden daher voll bestätigt. Offen blieb n die Frage, ob und wie es möglich ist, die Nutzung des Kulturforums genauer zu beschreiben, bevor über die baulichen Veränderungen entschieden wird. Nutzung und Bebauung beeinflussen sich gegenseitig und die Diskussion im Online-Dialog hat dazu beigetragen, diesen Zusammenhang erneut aufzuzeigen.

Eine attraktive, begehbare und erlebbare Grünflächengestaltung sei für das Kulturforum ebenso wichtig wie die bauliche Gestaltung. Dadurch entstehen neue öffentliche Räume, die als attraktive Ruhebereiche oder für Außenaktionen genutzt werden können. Rahmenbedingungen für Umsetzung Der vom Senat verabschiedete Masterplan hat weder die Absicht, den im frühen 19. Jahrhundert entstandenen Stadtgrundriss (kritisch) zu rekonstruieren noch das Leitbild der Stadtlandschaft der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zu konservieren. Vielmehr geht es um die Aufgabe der Weiterentwicklung der realen Stadtlandschaft im Dialog mit den Fragmenten der Geschichte rund um die St. Matthäus-Kirche. Dies machte die Senatsverwaltung in ihrer Rückmeldung an die Dialogteilnehmer deutlich. Ziel sei eine Abfolge von untereinander in Beziehung stehenden öffentlichen Räume unterschiedlicher Typologien entstehen. Durch die differenzierte Behandlung der öffentlichen Räume wird die Wirkung der einzelnen Architekturmonumente gesteigert und gleichzeitig ein inhaltlicher und räumlicher Kontext hergestellt. Die einzelnen Vorschläge zur Reduzierung des ruhenden Verkehrs, zur Ausformung der Gebäude oder zur Gestaltung der Freiräume wurden an die beauftragten Freiraumarchitekten und Architekturbüros weitergegeben. Von den Landschaftsarchitekten Levin-Monsigny und auch den anderen Büros wurden die Anregungen

Fortsetzung des Online-Dialoges (2. Phase) Wie in den Rückmeldungen der Anrainer, Architekturbüros und der Senatsverwaltung deutlich wurde, sind die Anregungen aus dem Online-Dialog auf Zustimmung wie auch auf Widerspruch gestoßen. In beiden Fällen sind die zugrunde liegenden Argumente in die Entscheidungsfindung eingeflossen und haben somit ihren Teil zur Entwicklung des Masterplanes beigetragen. Die zweite Online-Phase lief vom 30. Mai 2005 bis zum 19. Juni 2005, nachdem der Senat den Masterplan beschlossen und an das Abgeordnetenhaus überwiesen hat. Zudem wurde am 9. Mai 2005 die Aufstellung des Bebauungsplanes beschlossen und die frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung am 6. Juni 2005 begonnen. Ziel der zweiten Online-Phase war es, Anregungen zur Ausgestaltung des rechtsverbindlichen Bebauungsplanes zu erarbeiten.

Alle Artikel konnten in einer interaktiven Karte verortet werden, wie z.B. dieser Vorschlag einer übergreifenden Platzgestaltung

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Architekturgespräch 64 – Das Kulturforum Zur Debatte: Das Senatskonzept zur Weiterentwicklung Das Mitte der 60er Jahre entstandene Kulturforum ist ein Bereich höchster Ansprüche innerstädtischer Stadtentwicklung. Der Auftrag des Parlaments zur Weiterentwicklung des Kulturforums erfordert eine sorgfältige Recherche der komplexen Planungs-, Bau- und Eigentumsgeschichte des Ortes, intensive Abstimmungsgespräche mit den ansässigen Institutionen, eine genaue Analyse der vorhandenen Defizite, aber auch die Überprüfung der bisherigen Konzeptionen. Auf der Grundlage dieser Vorarbeiten wurden vom Senat Essentials zur inhaltlichen Weiterentwicklung des Kulturforums formuliert und daraus ein städtebauliches Konzept zur Weiterbearbeitung in Form eines Testentwurfes abgeleitet. Die Essentials und der städtebauliche Entwurf verstehen sich als Hypothese, die im weiteren Planungs- und Entscheidungsprozess überprüft wurden. Am Ende dieser Diskussion wird ein Masterplan dem Senat und Parlament zur Beschlussfassung vorgelegt. Er bildet die Grundlage für die verbindliche Bauleitplanung, Grundstücksveräußerungen und die weiteren Realisierungsverfahren.

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Architekturgespräch 64 Am 15. Juni 2004 wurde anlässlich des 64. Architekturgesprächs das Senatskonzept zur Weiterentwicklung des Kulturforums in den Räumen des Abgeordnetenhauses vorgetragen und öffentlich zur Debatte gestellt. In seiner Einführung wies der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses Walter Momper darauf hin, dass das Berliner Landesparlament als Ort der Veranstaltung bewusst gewählt wurde, nicht nur wegen der räumlichen Nähe, sondern vor allem wegen der Verantwortung der Politik für die Weiterentwicklung des Kulturforums. Das vom Senat beschlossene und zur Diskussion gestellte Konzept bilde die Grundlage für die weiteren vertiefenden Erörterungen der noch folgenden Architekturgespräche. Gleichzeitig bestehe die Möglichkeit, sich in einem Online-Forum an der Diskussion zu beteiligen. In einer Planungswerkstatt werde das Konzept kritisch hinterfragt und qualifiziert. In seiner Einführung stellte Dr. Hans Stimmann klar, dass der Auftrag des Abgeordnetenhauses nicht die Vollendung des Kulturforums nach dem Scharoun-Konzept von 1964, sondern eine Weiterentwicklung des Vorhandenen im Sinne Scharouns Leitbildes der Stadtlandschaft sei. Die hervorragenden Architekturen von August Stüler, Hans Scharoun und Ludwig Mies van der Rohe sollen deshalb ergänzt und nicht in Frage gestellt werden. Defizite liegen primär in der Qualität der öffentlichen Räume.

Mit der Weiterentwicklung der Planung und der erfolgten baulichen Verdichtung verliert das Kulturforum den Geist Hans Scharouns. Von Kritikern wird die Piazzetta („Rampe”) als Höhepunkt der Verunstaltung genannt. Durch nachfolgende Wettbewerbe wird eine städtebauliche Korrektur versucht. 1984 durch den Entwurf Hans Holleins mit Bibelturm und Ausbildung eines Forums. Im Wettbewerb zum Potsdamer/ Leipziger Platz entwickelt das Büro Hilmer & Sattler 1991 ein neues städtebauliches Konzept für das Kulturforum. Aber auch die Teilrealisierung des Wettbewerbsbeitrages des Büros Valentien + Valentien von 1998 zur Eröffnung der Gemäldegalerie muss ebenso als gescheitert bezeichnet werden wie die vorangegangenen Wettbewerbe für diesen Ort. Die heutigen Aufgaben sind: 3⁄4 Die Scharounsche Stadtlandschaft muss qualifiziert werden. 3⁄4 Die architektonischen Monumente sind im Kontext zu inszenieren und nicht zu verstellen. 3⁄4 Die öffentlichen Räume, insb. der Museumsbereich und der Matthäikirchplatz müssen aufgewertet werden. 3⁄4 Die architektonische Komposition ist behutsam und städtebaulich sinnvoll baulich zu ergänzen. 3⁄4 Die Haushaltsneutralität der Maßnahmen muss beachtet werden. Der Senat hat u.a. die Sichtachsen, die architektonischen Bezugspunkte und die städtebaulichen Höhen diskutiert und das Konzept beschlossen. Gebaut werden kann aber nur, was privat finanziert wird. Die konzeptionellen Maßnahmen werden durch eine städtebauliche Kalkulation unterlegt. Weitere kulturelle Nutzungen sind nicht planbar. Die für die Stiftung preußischer Kulturbesitz notwendigen Erweiterungsflächen werden jedoch vorgehalten. An der bisherigen Entwicklung des Konzeptplanes der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung waren drei beratende Architekten beteiligt, die ihre Gedanken zum Umgang mit dem Kulturforum als Entwurf eingebracht haben. Teile dieser Ideen sind in das Konzept zur Weiterentwicklung des Kulturforums eingeflossen.

Christoph Sattler Das Kulturforum gliedert sich in drei Raumtypen. Der Raum um die Neue Potsdamer Straße wird durch Konzept: Senatsbeschluss vom 16.3.2004 Kopfbauten gefasst, die drei Ikonen der Moderne dürDas Leitbild des Wettbewerbs von 1958 war ein radifen nicht verstellt werden. kaler Umgang mit dem Stadtgrundriss zur Herstellung Die Kirche muss gefasst werden, sie ist einziges Übereiner neuen Stadtlandschaft. Nicht nur die begonnebleibsel des alten Tiergartenviertels. nen Bauten der Speerplanung wurden abgeräumt, Eine flächige Verdichtung um die Museumsbauten sondern auch das bedeutende Tiergartenviertel mit grenzt den Scharounschen Raum ab und schließt ihn hervorragenden Stadtvillen fiel der Planung zum Opfer. in sich. Ein kleines Hochhaus/Turm ist zur Vollendung Die erste Maßnahme war der Bau der Philharmonie im des Museumshofes notwendig. noch bestehenden Straßenraster. Die Entscheidung, die Philharmonie in der Nähe des Zentrums zu bauen, war ein politisches Bekenntnis zur Einheit der geteilten Stadt. Danach folgte der Bau der Neuen Nationalgalerie. Mit dem Wettbewerb zur Neuen Staatsbibliothek 1963/64 erfolgte erst die Planung für ein Kulturforum; sie ist ein Dokument auch der Planung der autogerechten Stadt. Entwurf Christoph Sattler; 2004

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Manfred Ortner Raum gibt es in Hülle und Fülle, aber wo ist das Kulturforum? Eine Fassung von den Rändern sei notwendig, um die Mitte erlebbar zu machen, um einen Raum zu schaffen, in dem sich das Kulturforum selbst darstellen kann. Unterschiedliche Gebäudestellungen wurden ausprobiert, um getrennte, für sich stehende Räume zu schaffen, die die Bedeutung der Gebäude betonen. Das Kulturforum ist das Ganze - gebildet aus der Summe der einzelnen Räume.

Idee eines Kulturforums ist dennoch wichtig, Idee von Kultur verträgt sich nicht mit Isolation aus der Stadt. Die vorgestellten Ideen stellen jedoch nur Klötzchenspielerei dar. Die Frage ist: müssen wir ein Kulturforum haben? Vergangenes ist verloren z.B. das Tiergartenviertel. Diskussion Dr. Wöhrmann (SPD Tiergarten-Süd) kritisiert, dass offenbar der Abbruch des Scharounschen Raumes verfolgt werde, um das verloren gegangene Tiergartenviertel zu rekonstruieren. Warum werde der Scharounsche Raum nicht fertiggestellt sondern in Frage gestellt. Vorgeschlagen wird eine Bürgerbefragung mit anschließender Parlamentsentscheidung. Bernau (Journalist) Seit 1988 hat sich die Welt weiterentwickelt. Stefan Schroth (Architekt) Der Senat solle sich mit dem Kulturforum beschäftigen. Die großen skulpturalen Einzelgebäude sollten nicht verstellt, aber durch ein Gebäude in der Mitte ergänzt werden, z.B. durch ein modernes Gebäude wie von Zaha Hadid in Wolfsburg. Die Situation sollte nicht historisiert werden, sondern zukunftsweisend gebaut werden. Dr. Hans Stimmann (Senatsbaudirektor) Es gehe nicht um die Rückkehr zum bürgerliche Tiergartenviertel, die Diskussion sollte nicht aus Unterstellungen und Vorurteilen geprägt sein. Das Kleinod St. Matthäus-Kirche soll räumlich gefasst werden, aber eine Rückkehr zur Gründerzeit ist weder beabsichtigt noch sinnvoll. Manfred Ortner Luxus sei, dass sich Berlin nicht längst mit diesem Ort beschäftigt hat. Kultur ist eine Notwendigkeit. Brücher Scharouns Planung sei eine Erfolgsstory, der lediglich das Gästehaus fehlt. Stimmann zerstöre die Verwirklichung dieser Erfolgsstory. Die Behauptung, dass die Planungen nach 1964 das Kulturforum konterkariert haben, sei nicht richtig. Zum Beispiel sei der Kammermusiksaal nicht größer gebaut worden als von Scharoun geplant. Patschke (Architekt) Es gibt eine Freifläche, die dem Zeitgeist nicht mehr entspreche. Eine Diskussion hierüber sei gut. Die Offenheit des Diskussionsprozesses werde ausdrücklich begrüßt. Kendel (Architekt) Das Kulturforum sei Zeitzeugnis der Architektur der 60er Jahre, das städtebauliche Konzept ein einzigartiges und interessantes Nachkriegskonzept. Die Piazzetta, die über eine Brücke die Verbindung zum Tiergarten herstellen kann, dürfe nicht zerstört werden, sie sei Teil dieses Gesamtkonzeptes im Sinne Scharouns. Das Parkhaus unter der Piazzetta solle wieder als solches genutzt werden. Die Vollendung der Scharoun-Planung müsste mit geringen Mitteln erfolgen. Welten (Architekt) Stimmann gehe nicht weit genug, sei aber auf dem richtigen Weg, da es darum gehe, die Gebäude in neuem städtebaulichen Kontext zu sehen.

Entwurf Prof. Manfred Ortner; 2004

Stephan Braunfels Ein neuer zentraler Platz bildet den Schwerpunkt des Konzepts. Die Potsdamer Straße führt an den großartigen Gebäuden der Moderne vorbei. Ein zentraler Mittelpunkt muss den Raum erlebbar machen und soll ihn zum Kräfteschwerpunkt des städtischen Landschaftsraumes entwickeln. Der Außenraum wird zum Innenraum. Durch Anlage eines zentralen Kreisverkehrsplatzes sollen Staatsbibliothek und Philharmonie zur Mitte neu orientiert werden. Die Staatsbibliothek erhält einen städtischen Bibliotheksplatz. Der Museumsplatz ist der dritte Platz, der durch eine Bebauung an der Kirche in sich geschlossen wird. Die Leipziger Straße führt geradlinig darauf zu. Der Blick von der Neuen Nationalgalerie ist gleichbedeutend wichtig wie der Blick auf die Philharmonie.

Entwurf Prof. Stefan Braunfels; 2004

Das Podium schließt mit einem kritischen Statement von Bernau: Planung im Kulturforum angesichts der aktuellen Probleme in Berlin ist ein exzessives Luxusmanöver, da hier sowieso nicht gebaut werde. Die

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Architekturgespräch 66 – Das Kulturforum II Das Tiergartenviertel von 1840 bis 1945 Das Kulturforum ist Teil des Tiergartenviertels, das sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts vor dem Potsdamer Tor als Friedrichsvorstadt entwickelt hatte. Dieses im 18. Jahrhundert noch landwirtschaftlich genutzte Areal wurde in nur wenigen Jahrzehnten zu einem gefragten Wohnquartier. Hier vollzog sich allmählich die Entwicklung von der ländlichen Villa des 19. Jahrhunderts zum noblen Stadthaus. Berühmte Architekten wie Karl Gotthard Langhans, Friedrich Gilly, Ludwig Persius, August Stüler, Alfred Messel und Martin Gropius waren im Tiergartenviertel vertreten. Ab 1937 verlor das Viertel mit der Planung der NordSüd-Achse durch Albert Speer sein ursprüngliches Flair und wurde zum Diplomatenviertel erklärt. Die Vorkriegsplanungen sowie die Kriegseinwirkungen haben die ursprüngliche Struktur des Tiergartenviertels fast vollständig zerstört. Heute ist die St. Matthäus-Kirche nahezu einziger Zeitzeuge aus der Blütezeit. Die Analyse der historischen Entwicklung des Tiergartenviertels soll Anregungen für eine zukünftige Weiterentwicklung geben. Das Architekturgespräch zum Tiergartenviertel zwischen 1840 und 1945 diente dazu, die historischen Spuren zu vergegenwärtigen und Schlüsse für eine zukünftige Entwicklung zu ziehen. Eingeladen wurden zwei Historiker, Prof. Dr. Engel und Prof. Dr. Schäche, die über die entscheidenden Phasen des Tiergartenviertels, die Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg und die Planungen der Nationalsozialisten während des Krieges, referierten. Das Architekturgespräch hat dazu geführt, an die kulturelle Bedeutung des Tiergartenviertels als Wohnund Kommunikationsort für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jhdts. zu erinnern und Anknüpfungspunkte zu finden. Als Konsequenz aus dem Architekturgespräch wurde Prof. Dr. Schäche für ein vertiefendes Gutachten beauftragt. Entstanden ist eine Dokumentation und Kartierung der meist gesellschaftlich bedeutenden Bewohner und Architekten des Viertels bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.

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Professor Dr. Helmut Engel Der Matthäikirchplatz - Das Viertel bis 1933 Mit der Herrschaft des Großen Kurfürsten war nach 1650 vor dem Brandenburger Tor das kurfürstliche Jagd- und Vergnügungsrevier des Tiergartens entstanden, das – um das Entweichen des Wildes zu verhindern – mit einem Zaun umgeben war. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts hatte die Stadt Cölln, Schwesterstadt von Berlin, unter südlicher Umgehung ihres Stadtgebietes einen Entwässerungsgraben anlegen lassen – den Schafgraben, der unter Friedrich Wilhelm I. 1715 als Floß- und Mühlengraben wieder nutzbar gemacht und in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts unter Friedrich Wilhelm IV. als Schifffahrtskanal – zum Landwehrkanal – ausgebaut wurde. arbeiten und endlich mit den Kriegszerstörungen bis zum April 1945 den Bruch mit der Kontinuität nicht nur auf dem Papier, sondern auch vor Ort Gestalt annehmen ließen. Bis dahin hatte sich die etwa einhundertfünfzigjährige Geschichte des Ortes im wesentlichen in vier Phasen abgespielt. Die städtebauliche Erschließung des Viertels: Mutmaßlich mit Schwergewicht im 18. Jahrhundert war das Gebiet zwischen dem südlichen Tiergartenrand und dem Schafgraben von als Glaubensflüchtlinge ins Land geholten Gemüsebauern kultiviert und zum Zwecke der Zuweisung einzelner Parzellen an die Kolonisten in lange und bis an den Schafgraben reichende Flurstücke unterschiedlicher Größe aufgeteilt worden. Die kleinen eingeschossigen und wahrscheinlich in Fachwerkbauweise errichteten Häuser der Kolonisten entstanden entlang des südlichen Tiergartenrandes, mehr oder weniger weit von der Straße zurückgesetzt. Zweck der Ansiedlung war es, aus diesem unmittelbar vor dem Leipziger Tor liegenden Gebiet die Berliner Bevölkerung mit Gemüse zu versorgen. Auf diese erste Phase der Erschließung des Gebietes folgte während der Frühromantik – der Zeit gegen und um 1800 – eine zunächst noch zurückhaltende Bebauung entlang der Tiergartenstraße mit Sommerhäusern des kultivierten Berliner Bürgertums, das während der Sommermonate die stinkende Stadt verließ und in die frische Luft vor den Toren der Stadt zog. Anreiz bildete dabei auch der vor der Haustür liegende Park des Tiergartens – der gerade an seiner südlichen Begrenzung partienweise entlang seiner schmalen Gewässer als romantisch naturhafter Landschaftspark umgewandelt wurde. Die Rousseau-Insel gab diesem neuen Zeitempfinden Ausdruck. In diesen frühromantischen Landschaftspark setzten die Bewohner der Tiergartenstraße in patriotischer Begeisterung mitten in den Wirren der napoleonischen Zeit einen Gedenkstein, der den dankbaren Empfindungen über die Rückkehr ihres Königspaares 1810 aus dem ostpreußischen Exil zurück in die Residenzstadt Ausdruck gab – ein beredtes Zeichen der engen Verflechtungen der Bewohner der Tiergartenstraße mit ihrem Tiergarten.

Abb. 1) Tiergartenplan von F. G. Hauchecorne; 1792

Zwischen dem südlichen Rand des Tiergartens, seit Friedrich II. in einen dem Publikum allgemein zugänglichen Park umgewandelt, und dem Schafgraben lag ein Gebiet, das erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts in die allgemeine Entwicklung der Residenzstadt einbezogen wurde. Südlicher Tiergartenrand und Schafgraben erwiesen sich stadträumlich als Barrieren, zu denen im Osten mit der Stadterweiterung Berlins unter Friedrich Wilhelm I. seit 1734 noch das Vorfeld des Leipziger Tores kam. Im Westen mag der zur Spree umbiegende Schafgraben die äussere Grenze des Gebietes gebildet haben. Zwar ließen die Vorstellungen des Architekturdilletanten Martin Mächler bereits früh Anfang des 20. Jahrhunderts erkennen, dass mit Schwergewicht das Gebiet zwischen der Potsdamer Brücke über den Landwehrkanal im Süden und dem Kemper-Platz am südlichen Tiergartenrand im Norden von überörtlichen Planungen zur städtebaulichen Weiterentwicklung Berlins in Anspruch genommen werden könnte, der eigentliche Bruch mit der bis dahin kontinuierlichen Geschichte dieses in sich geschlossenen offenen Raumes geschah indessen erst mit den Umbaufantasien Albert Speers, die um 1937 anfingen, Gestalt anzunehmen, und die mit Durchführungsbeginn einschließlich der vorbereitenden weitflächigen Abbruch-

Abb. 2) Landhaus Becherer, Tiergartenstr. 4a; um 1790 (Stich von Calau; 1795)

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Der Tiergarten lud nicht nur zum Promenieren ein, sondern er war auch Ort gesellschaftlicher Begegnungen. Als sonntägliches Ausflugsziel entstanden entlang der Tiergartenstraße auch bescheidene Ausflugslokale, zum Teil mit Sommerwohnungen für Gäste, während die gehobene, westlich vor den bürgerlichen Sommerhäusern gelegene Ausflugsgaststätte des „Hofjäger” entgegen den Usancen des höfischen Protokolls von der jugendliche Kronprinzessin Luise besucht wurde. Das überörtliche Wegesystem im Vorfeld des Leipziger Tores wurde 1785 neu geregelt, als spiegelbildlich zu der in diesem Jahr vom Leipziger Tor aus neu angelegten axialen Zuwegung auf das Schloss Bellevue wurde auch die Chaussee nach Potsdam bis zum Schafgraben mit einem geraden Verlauf ausgerichtet. Östlich von Tiergartenstraße 4 A entstand im Anschluss an ein bereits seit dem 18. Jahrhundert betriebenes Lokal mit dem Neubau „Kempers Hof” 1820 ein näher an der Stadt gelegenes Ausflugslokal, als es der „Hofjäger” war. Der Neubau erhielt einen Saal, in dem am 7. August 1824 das erste Stiftungsfest des Architektenvereins zu Berlin abgehalten wurde – den Festvortrag hielt Eduard Knoblauch. Sein Thema galt der Würdigung der „aus der Eigenthümlichkeit des Volkes hervorgegangene[n] deutsche[n] Architektur.” Die Bautätigkeit im Gebiet begann allgemein bereits von etwa 1820 an, lebhafter zu werden. Dabei entwickelten sich die Grundstücke vom Leipziger Tor aus auf beiden Seiten entlang der Chaussee nach Potsdam und spiegelbildlich dazu an der 1785 angelegten Bellevue-Allee mit allen charakteristischen Merkmalen einer Nutzung entlang von Ausfallstraßen. Sie wichen damit ab von der sich westlich einstellenden Bebauung mit Villen und Landhäusern. Nach der Cholera des Jahres 1830 und den Pariser

Abb. 4) Gesamtentwurf für den Tiergarten (Ausschnitt) Peter Joseph Lenné; 1832

Abb. 3) Bendlerstraße; Situationsplan von 1856 mit teilweiser Eintragung der ursprünglichen Parzellennummern

Juli-Unruhen, die sich mit erheblichen Straßentumulten auch in Berlin ausgewirkt hatten, begann jetzt mit der wirtschaftlichen Erholung Preußens anstelle von vereinzelten Bebauungen eine Phase der Herausbildung einer über das gesamte Jahr bewohnten Vorstadt – mit weiterhin vornehmer Sozialstruktur ihrer Bewohner. Merkmal der jetzt einsetzenden Entwicklung war bereits die kleinteilig werdende Parzellierung der übergroßen Flurstücke sowie deren Erschließung durch neue Straßen. Diese Grundstückserschließungen brachen jedoch nach etwa fünfzehn Jahren um und nach 1845 wieder ab. In dieser Zeitspanne zwischen 1830 und der Mitte der vierziger Jahre nahmen zwei Grundstücke eine

zentrale Bedeutung ein: einmal „Kempers Hof”, zum anderen das westlich benachbarte übergroße Grundstück Tiergartenstraße 4. 1836 legte der Ratsmaurermeister Johann Christoph Bendler über das ihm gehörende Flurstück eine gerade durchgehende Straße an, die mit königlicher Kabinettsorder vom 7. November 1837 in Bendlerstraße benannt wurde. Quer zu der in der Längsachse das Grundstück mittig teilenden Straße entstand eine Parzellierung mit kleinen Grundstücken. Im gleichen Jahr 1836 veräußerte der Gastronom Kemper sein Grundstück an den Maurermeister Carl Ludwig Schüttler und den Ratszimmermeister Johann Ludwig Schultz, wobei die Berufe der beiden erwerbenden Handwerksmeister deutlich zu erkennen gaben, dass der Kauf des Grundstücks aus rein spekulativen Gründen erfolgt war. Schon im gleichen Jahr wurde auf beiden Seiten der in die Tiefe des Grundstücks zur Gastwirtschaft führenden Erschließung fünf Wohnhäuser errichtet. Nicht zufällig gestaltete zeitlich parallel zu der sich in den dreißiger Jahren entwickelnden Bebauung Peter Josef Lenné den Tiergarten um. Die Planungen setzten 1832 ein, der Ausführungsbeginn 1833. Bis 1840 waren die Partien südlich der Charlottenburger Chaussee umgestaltet. Aber erst mit der Mätthäikirchstraße und der St. Matthäus-Kirche erhielt das Viertel zwischen Bendlerstraße und Leipziger Tor sein eigentliches Zentrum. Über das ebenfalls von der Tiergartenstraße bis zum Schafgraben durchgehende Grundstück Nr. 4 legte 1845 der Arzt Dr. Vetter eine Verbindungsstraße mit einem Kirchplatz an. Mit königlicher Kabinettsorder vom 7. September 1846 wurde sie „Matthäikirchstraße” benannt. Die Märzrevolution von 1848 war Ausdruck eines seit der Mitte der vierziger Jahre weit um sich greifenden und tief wirkenden Pauperismus – einer strukturellen Armut, in dessen Folge als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme auch der Bau des Landwehrkanals durchgeführt wurde. Erst nach der Mitte der fünfziger Jahre belebte sich die Bautätigkeit wieder – dieses Mal in einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Die wirtschaftliche Er-

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Abb. 5) Situationsplan mit Eintrag der Gebäude und Baufluchten; um 1856

holung kündigte sich im Gebiet um die St. MatthäusKirche durch Grundstücksverkäufe und durch die endgültige Erschließung des Viertels, vor allem des Grundstücks vom „Kempers Hof” mit der Anlage von Straßen als Voraussetzung für die Bebauung an: Zum Schlüsselvorgang wurde die Anlage der Victoriastraße. 1855 hatte der Bankier Carl Salomon Achard das Anwesen „Kempers Hof” in der Absicht erworben, in Verlängerung der bereits bestehenden Stichstraße die Grundstücksfläche vom „Kempers Hof” zu parzellieren. 1856 legte eine königliche Kabinettsorder Straßenbreiten und Baufluchtlinien fest. Ebenfalls 1856 wurde durch königliche Kabinettsorder die Margaretenstraße als Verbindungsstraße zwischen Potsdamer Straße und Matthäikirchstraße genehmigt. 1858 folgte durch den Bankier Anton Bendemann ein ergänzender Bebauungsplan für das westlich an die südliche Victoriastraße angrenzende Grundstück. Am 27. November 1858 wurde die Genehmigung zur Parzellierung erteilt – zeitgleich mit der für den Grundstückseigentümer des auf der östlichen Seite der Victoriastraße gelegenen Grundstücks.

Die Grundstücksverhältnisse im südlichen Verlauf der Victoriastraße hatten es mit sich gebracht, dass sie nicht in gerader Linie von der Tiergartenstraße aus auf die Potsdamer Straße zugeführt werden konnte, sie musste vielmehr nach halber Länge nach Westen versetzt werden und ergab an dieser Stelle mit der kreuzenden Margaretenstraße eine unregelmäßig ausgebildete Straßenkreuzung in Gestalt eines amorphen Platzes. Nur wenig zeitversetzt ergab sich westlich der Matthäikirchstraße eine vergleichbare Flächenerschließung. 1859 entstand die Regentenstraße als zwischen Tiergartenstraße und Landwehrkanal gerade durchgelegte schmale Verbindung, 1863 folgte, obgleich bereits früher geplant, die Sigismundstraße als Querverbindung zwischen dem Matthäikirchplatz und der Regentenstraße. Der Matthäikirchplatz – und damit die Kirche als zunächst einziges öffentliches Gebäude – geriet damit in die Funktion eines den Quartiersmittelpunkt bildenden Platzes, von dem jetzt vier Straßenabschnitte ausgingen. Wie im Verlauf der Victoriastraße war auch hier die ost-westliche Verbindung erheblich gegeneinander versetzt. Damit war aber auch eine gemeinsame stadträumliche Charakteristik kurzer, gebrochener und damit überschaubarer Straßenräume entstanden. Das Viertel wies somit keinen Rastergrundriss auf. Innerhalb von acht Jahren war das Quartier zwischen 1855 und 1863 endgültig und für die weitere Zukunftsentwicklung erschlossen. 1871 hatte Wilhelm I. jedoch eine Maßnahme genehmigt, die sich nachhaltig auf die künftige Entwicklung des Viertels auswirken sollte. In Versailles hatte der Kaiser im Januar die Genehmigung erteilt, vom Kemperplatz aus nach Norden durch das dichte Gehölz des Tiergartens bis zum Königsplatz hin eine breite Allee anzulegen – die Siegesallee, der vom Brandenburger Tor aus die Friedensallee entsprechen sollte. Städtebauliche Begründung für das Anlegen dieser Alleen war, das auf dem Königsplatz zu errichtende und seit 1864 geplante Siegesmonument der deutschen Einigungskriege – die Siegessäule – weiträumig erlebbar zu errichten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine überaus starke Verdichtung des Gebietscharakters ein und es begannen sich bereits überörtliche Standorte niederzulassen, die im Vorgriff auf das 20. Jahrhundert ahnen ließen, dass der Charakter einer Vorstadt vor den Toren der Stadt verloren zu gehen drohte. Um und nach 1900 war denn auch der Gipfel der Bautätigkeit überschritten – das Viertel war „dicht”. Die St. Matthäus-Kirche Die Kirche wurde 1844-1846 errichtet. Ihr Architekt war Friedrich August Stüler, der selber seit 1837 Grundeigentümer und Bewohner des Viertels war. Die Wahl dieses Baumeisters erklärt sich nicht nur aus dem Umstand, dass Stüler zur Gemeinde der zu errichtenden Kirche gehörte, er belegte überdies den Anspruch an die Modernität eines solchen Bauwerks. Zur Vorbereitung des Kirchbaus hatte sich bereits 1843 ein Kirchbauverein gegründet. Der König übernahm – ohne Stüler in den Entwurf der Kirche, der ihm sicherlich vorgelegen hatte, verändernd einzu-

Abb. 6) St. Matthäus-Kirche; um 1920

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Abb. 7) St. Matthäus-Kirche, Kopie des ursprünglichen Entwurfes; gez. Niermann; 1854

greifen – das Patronat. Am 27. Juli 1844 wurde mit dem Bauen begonnen, die Weihe fand zwei Jahre später am 17. Mai 1846 statt. In den Jahren darauf folgte 1847-1848 das ebenfalls von Stüler entworfene Pfarrhaus. Eine Tagebuchnotiz vom 16. Mai 1847 beschreibt anschaulich die Atmosphäre um die gerade vollendete Kirche: „Es war recht still um die kleine Kirche herum. Sie liegt ganz im Grünen. Vor dem Portal ist ein Rasenplatz ..., in den Gärten sangen die Nachtigallen, hinter der Kirche hörte man Frösche und Unken. So ländlich ist es jetzt noch – in 10 Jahren wird auch dort ein neuer Stadtteil stehen, schon sieht man den Anfang einer glänzenden Häuserreihe.” Mit dieser „glänzenden Häuserreihe” konnten nur die entstehenden Vorstadthäuser in der südlichen Hälfte der Matthäikirchstraße gemeint sein, wobei mit der Bezeichnung „glänzend” deren Rang im zeitgenössischen Empfinden gekennzeichnet wurde. Die zeitgenössischen bildlichen Wiedergaben der St. MatthäusKirche lassen vielleicht unter Anlehnung an Darstellungen aus dem Stülerschen Entwurf der Turmfront von dieser Stimmung – „Sie liegt ganz im Grünen” – immer noch etwas ahnen. Die kleine Grünfläche vor der Kirche hatte wohl auch die Funktion einer Vorfahrt für hohe Gottesdienstbesucher. Bemerkenswert wurde die Orientierung der Kirche, die nicht dem üblichen christlichen Schema der OstWestausrichtung folgte. Zwar war die städtebauliche Anordnung der Kirche durch den Verlauf der Matthäikirchstraße vorbestimmt, bemerkenswerterweise wurde die Turmfront und damit die Eingangsseite nicht nach Süden zum Schafgraben, sondern zum Tiergarten hin ausgerichtet, so als sollte die Kirche auch die im Tiergarten promenierenden Sonntagsspazier-

gänger zum Gottesdienst einladen. Nicht alle guten Bürger gingen sonntags noch in die Kirche. Jedenfalls sollte das Gotteshaus vom südlichen Tiergartenrand aus über die Tiefe der Straße in Erscheinung treten. Und wie wichtig gerade dieses Erlebnis über den Straßenraum werden sollte, belegt die Breite des gesamten Kirchenschiffes, die mit dem Querschnitt der Matthäikirchstraße übereinstimmte. Die städtebauliche Entwurfsvorstellung und der gewünschte Erlebniswert der Kirche im Stadtraum haben den Architekten für die Fassadengliederung von Matthäus denn auch zu einem von Schinkel um 1830 begründeten Rahmensystem für Fassadengliederungen greifen lassen, das von Stüler in elegant feingliedriger Form fast versachlicht wurde. Der Entwurf der Kirche war – gemessen an den etwa zehn Jahre älteren Schinkelschen Vorstadtkirchen – von außergewöhnlicher Modernität. Zum ersten Prediger an der St. Matthäus-Kirche wurde der von einer märkischen Landgemeinde in die Stadt geholte spätere Generalsuperintendent Büchsel bestellt – ein Prediger mit offener, derber Sprache, spöttisch als „ein Original aus Gottes Hand” charakterisiert. Mit seinen viel besuchten Predigten sammelte Büchsel indessen das konservative, nicht das liberale Berlin in seiner Kirche, selbst wenn es – wie der am Pariser Platz lebende Wrangel – nicht in der Gemeinde wohnte. In seinen Erinnerungen schrieb Büchsel: „In der Matthäuskirche sah ich oft berühmte Männer wie v. Savigny, Stahl, v. Manteuffel, v. Bodelschwingh, die Grafen v. Voß, v. Arnim, v. Redern.” Und: „Im Ganzen konnte ich annehmen, daß in St. Matthäus sich solche Leute versammelten, die nicht ausgesprochen liberal waren.” Zur Entwicklung der Kirche und ihrer Umgebung vermerkte Büchsel: „Von einer pietistisch gerichteten Familie wurde die Umgebung der Kirche mit Lindenbäumen und anderen Sträuchern geschmückt und für den Platz vor der Kirche schenkte ein Mann aus Charlottenburg die Statue des Evangelisten Matthäus.” Die Ausstattung der Kirche kam durch Stiftungen zustande. 1852 widmete sich Gottfried Keller Architektur und Prediger mit scharfer Ironie: „Wie nach dem Rezept geschaffen, / Fein und niedlich ist der Tempel, Angemess’nen jungen Leuten / Ein erbaulich Bauexempel! Byzantinisch jede Fuge, / Bogen, Bögelchen und Kehlen, Nur die phantasiegebornen / Alten Fratzenbilder fehlen. Durch die byzantinischen Pförtchen / Rauscht es leis in Samt und Seiden; Drinnen glitzert’s fromm und geistreich / Wie zu der Komnenen Zeiten. Hofhistoriographen lispeln / Mit ergrauten Paladinen; Nach den Mosaiken blicken / Kammerherrn mit Betermienen. Und die Kanzel mit dem glatten / Superintendent garniert – Ja, den Glaspalast zu London / Hätte dieses Werk geziert !”

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Abb. 8) Tiergartenstr. 9, Sommerwohnungen, C. Bergmann (M); 1809

Die Wohnbebauung seit der Berliner Romantik Die Kolonistenhäuser des 18. Jahrhunderts folgten als einfache, eingeschossige, sicherlich durchgehend in Fachwerk ausgeführte Bauten dem im Berliner Umland vielfach überlieferten und durch königliche Zuwendungen und gestiftete Baumaterialien geförderten Typus der Kolonistenhäuser. Die frühen Sommerhäuser der Berliner Bürger entstanden mehrheitlich östlich im Anschluss an den „Hofjäger” und wurden damit zum Ausdruck, dass der „Hofjäger” als Ausflugslokal mutmaßlich ein vornehmeres Publikum anzog als der eher derbe Vorgänger „Kempers Hof”. Erst nach dieser Phase der Frühromantik übernahm das spätere Matthäikirchviertel die Entwicklung. Phase 1: Tiergartenstraße 4 A entstand westlich des Schnittpunktes der Tiergartenstraße mit der Bellevueallee als eines der wenigen Sommerhäuser dieser frühen Epoche. Kurz nach 1790 baute – sicherlich nach eigenem Entwurf – der 1788 zum Geheimen Oberbaurat ernannte Friedrich Becherer sein von der Straße weit in die Tiefe des Grundstückes zurückgesetztes Landhaus. Das eigenwillige Gebäude besaß einen höheren Kernbau, in dem ein Kuppelsaal die Mitte des Hauses bildete. Der längsrechteckige hohe Kernbau und das Walmdach durchdrangen sich gegenseitig. Die zeitgenössischen Ansichten von Haus und Garten machten deutlich, dass eine solche baukünstlerisch ambitionierte Architektur einen völligen Bruch mit den einfachen Bauten der Kolonisten bedeutete. Ferner wurde deutlich, dass die Landhausarchitektur gleichermaßen von einer gartenkünstlerischen Gestaltung der Freiflächen begleitet wurde und diese in der Art der Wegeführung und Bepflanzung die bisherige Regelhaftigkeit in der Unterteilung der Gartenflächen ablöste. Becherer besaß natürlich ein Stadthaus – Französische Straße 30. Ein weiteres frühes Beispiel war Tiergartenstraße 9. Bauherr wurde 1799 der Gastwirt Leveque. Das eingeschossige, siebenachsige Wohnhaus mit klassizistischer Putzfassade besaß eine Gaststube. 1809 erhielt das auf dem Grundstück zurückliegende Haus entlang seiner östlichen Grundstücksgrenze zur Tiergartenstraße hin einen Gebäudeflügel zur Aufnahme von Sommerwohnungen, dem 1820 entlang der westlichen Grundstücksgrenze ein zweiter Flügel ebenfalls mit Sommerwohnungen folgte.

Abb. 9) Tiergartenstr. 6, Landhaus Volckart, von E. Knoblauch; 1833

Phase 2: Die sich verdichtende Bebauungsstruktur lässt sich genauer erst seit etwa 1830 darstellen. Zu einem ersten Beispiel wurde das wenige Grundstücke von Tiergartenstraße 9 östlich gelegene Grundstück Tiergartenstraße 6, dessen Erstbebauung vom Ende des 18. Jahrhunderts im Jahr 1833 für den Neubau einer Villa für den königlichen Kommerzienrat Christian Ludwig Volckart abgebrochen wurde. Der Entwurf des Hauses stammte von Eduard Knoblauch. Das mit einer säulenbestandenen Loggia zum Garten hin ausgestattete eingeschossige Landhaus stand im Entwurf sichtlich unter dem Eindruck von Schinkels Charlottenhof in Sanssouci. Zugehörig zum Landhaus hatte der Bauherr in dessen unmittelbarer Nähe entlang der westlichen Grundstücksgrenze zwei Nebengebäude mutmaßlich als Wirtschaftsgebäude für die Selbstversorgung errichtet. Das gesamte Grundstück hinter der Bebauung bedeckte ein Ziergarten – mit einem in halber Tiefe die Gartenmitte kennzeichnenden „Teich” und mit entlang der seitlichen Grundstücksgrenzen gerade geführten Promenaden. Querwege verbanden die seitlichen Promenaden und ergaben damit eine Anlage von großer Regelhaftigkeit. Der Vergleich des Landhauses Volckart mit dem von Stadtbaurat Friedrich Wilhelm Langerhans ebenfalls 1833 errichteten Haus Bellevuestraße 17 belegt eine typenähnliche Lösung der Bauaufgabe.

Abb. 10) Lennéstraße 1 /Schulgartenstraße (Ebertstraße), Zeichnung von Eduard Gaertner; 1842

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Die Landhäuser von Lenné, Stüler und Sy in der Lennéstraße 1, Lennéstraße 3 und Tiergartenstraße 16 zeigten bereits das Entstehen zweigeschossiger Wohnhäuser unterschiedlicher Formengestaltung während der dreißiger Jahre, immer mit Loggia oder Balkon in der Mittelachse des Hauses ausgestattet. Die Lithographie von Gropius „Die Bendlerstraße” von 1840 und das der gleichen Straße gewidmete Gemälde von Gärtner aus dem Jahr 1842 zeigen, dass solche zweigeschossigen Bauten nicht nur wie in der Lennéstraße der unmittelbaren Nähe zur Stadt geschuldet sein könnten, sondern auch im Viertel der St. Matthäus-Kirche errichtet wurden. Die bereits in der Bendlerstraße erkennbare Tendenz zur kleinteiligen Parzellierung setzte sich in der südlichen Hälfte der Matthäikirchstraße zwischen Kirchplatz und Landwehrkanal fort, nur dass hier keine Villen mehr entstanden, sondern um 1847 in geschlossener Bauweise viergeschossige Vorstadthäuser mit bis zu zwei Seitenflügeln – so Matthäikirchstraße 17, Matthäikirchstraße 18, Matthäikirchstraße 19, alle drei 1847 errichtet. Damit wurde neben der für ein ländlich-romantisches Gebiet angemessenen, weil offenen Bauweise die geschlossene innerstädtische Bebauung eingeführt. Und kennzeichnend nun auch eine andere Bauherrschaft: Nr. 17 Tischlermeister Dessin, Nr. 18 Tischlermeister Kamschulte, Nr. 19 Maurerpolier Schneider. Die Handwerkerschaft begann augenscheinlich, die konjunkturelle Entwicklung im Gebiet spekulativ auszunutzen. Und so wurden denn auch keine namhaften Architekten für den Entwurf der Häuser herangezogen. Die Gestaltung der Hausfronten bewegte sich innerhalb festgefügter Typen, deren Ausgestaltung durch handwerkliches Können in Auswahl und Anordnung der baulichen Details abgesichert werden musste. Stüler hatte sich nicht nur mit seinem eigenen, 18381839 gebauten Haus in der Lennéstraße 3 in seiner eigenen Entwurfshandschrift zu präsentieren, sondern sich zum gleichen Zeitpunkt der Konkurrenz seines

Abb. 12) Landhaus Stüler, Lennéstr. 3 Aufnahme F. Albert Schwartz; um 1890

Architekten- und Amtskollegen Ludwig Persius zu stellen, – Persius entwarf direkt benachbart Lennéstraße 1 für Peter Josef Lenné. Und 1839 sowie 18401841 begann Friedrich Hitzig, erste Proben seines architektonischen und gleichzeitig kaufmännischen Geschicks mit den Mehrfamilienwohnhäusern Lennéstraße 8 und Lennéstraße 7 abzulegen. Besonders die beiden Hitzigschen Häuser in der Lennéstraße verdeutlichten im Vergleich mit den Jahre später entstehenden Vorstadthäusern in der Matthäikirchstraße den Unterschied zwischen den Entwurfsleistungen eines Architekten und den Arbeiten von Handwerksmeistern. Für die Bebauung des Viertels blieben die Villen in der Minderheit, eher obligatorisch wurde das vornehme Mehrfamilienwohnhaus mit verschiedenen Lösungsansätzen für die Anordnung auf dem Grundstück – wobei das Mehrfamilienwohnhaus sicherlich mit dem Anspruch einer Villa ausgestattet war. Die Vorstadthäuser in der südlichen Hälfte der Matthäikirchstraße wurden in der Regel von acht oder zehn Parteien bewohnt, eine Ausnahme innerhalb der Platzrandbebauung bildete das Predigerhaus Matthäikirchstraße 19, doch selbst hier wohnten noch neben dem Generalsuperintendenten Büchsel und dem Kirchendiener Fink der Generalmajor v. Flotow und die Wittwe Schramm im Hause. In Nr. 11 war der Rentier Graul Eigentümer und hatte an den Major v. Hertig, den Kreisrichter Humbert, den Wittwer Kleemann, den Rentier Mitteldorf, den verwittweten Geheimen Secretär Poltzfuß, den Buchhalter Schumann, den verwittweten Geheimrat Schulze, den Wittwer Tietze und die verwittwete Rechnungsrätin Wittmeyer vermietet. In dem dem Oberstleutnant Huge gehörenden Haus Nr. 9 wohnten nur drei Parteien: ein Inspektor, ein Major und ein Rechnungsrat. Lediglich in der Nr. 1 wohnte der Eigentümer allein, der Geheime Kommerzienrat Meyer. Der Oberstleutnant selber lebte nicht in dem ihm gehörenden Haus.

Abb. 11) Matthäikirchstraße 14 (17), Helmsdorff; 1847; Foto von 1938

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Abb. 13) Villa Lepsius, Bendlerstr. 18 (17/18), A. Stüler, Krakow, 1854-55; Foto um 1880

Die CASA LEPSIA Unter den gegen und um 1860 entstandenen Häusern bildete ein Haus eine absolute Ausnahme – das des Ägyptologen Karl Richard Lepsius, geb. 1810, gest. am 10. Juli 1884 in Berlin, seit den frühen dreißiger Jahren mit einer Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen hervorgetreten und vermittels seiner Reputation als Gelehrter wie wohl auch wegen seiner privaten Vermögensverhältnisse hochgeachtetes Mitglied der Berliner Gesellschaft und somit in deren gesellschaftlichen Verkehr eingebunden. Lepsius selber führte in der Bendlerstraße 18 selbstverständlich auch ein gastliches Haus. Das nach Süden ausgerichtete Anwesen lag auf der westlichen Straßenseite der Bendlerstraße dicht vor dem Landwehrkanal. Das Haus war die Residenz eines Gelehrten von hohem Rang. Über die Gestaltung des 1854-1855 nach dem Entwurf des jungen Architekten Krakow unter Mithilfe von Erbkam entworfenen Hauses wachte Friedrich August Stüler als oberste Autorität – Stüler kontrollierte auch den Baufortgang. Der Bauherr selbst hatte entscheidend eingewirkt, denn er wollte nicht die zeitübliche antikische Formengestaltung, wie sie spätestens mit Hitzig im Gebiet sich durchzusetzen begann. Den Vorstellungen Lepsius’ entsprechend erhielt das Haus deshalb eine neugotische Fassade, die nicht zuletzt auch wegen des eher malerisch differenzierten Bau-

Abb. 14) Villa Lepsius, Bendlerstr.18 (17/18), A. Stüler, Krakow; 1854-55 (Gartenfront)

körpers zu den zeitgleich entstehenden Häuser des Gebietes in völligem Gegensatz stand. Augenscheinlich hatte Lepsius neben seiner allgemeinen Vorliebe für englische Architektur die Schinkelsche Neugotik von Schloss Babelsberg vor Augen. Für den Garten bedienten sich die Lepsius’ des Garteninspektors von Sanssouci, Fritz Wilken. Die Wahl des Bauplatzes schilderte die Ehefrau Elisabeth Lepsius in ihren Tagebuchaufzeichnungen: „Wegen der Entfernung von der Stadt haben uns fast alle unsre Freunde abgerathen. Weit ist es, aber die weiten Wege werden uns gesund sein, und Richard wird dann weniger beim Arbeiten gestört; die rechten Freunde werden schon kommen. Dafür haben wir die Vortheile des Landlebens, der guten Luft und des eigenen Gartens.” Damit erläuterte sie die Gründe, trotz der Entfernung zur Stadt sich am westlichen Rand des sich verdichtenden Viertels um die Matthäuskirche niederzulassen. Diese Gründe werden auch für die meisten anderen Bewohner gegolten haben – zumindest die Gründe des Landlebens und der guten Luft, der zu diesem Zeitpunkt noch erhebliche gesundheitliche Wirkung zugeschrieben wurde. In der zeitgenössischen Schilderung wurde das Grundstück so beschrieben: „An der Südseite bildete der offene Balkon mit seinen Säulen und Spitzbogen die Zierde des Hauses. Eine Freitreppe führte rückwärts in den Garten zunächst auf einen geräumigen Spielplatz, der hauptsächlich dem bei Jung und Alt beliebten Bocciaspiel diente. Den Vordergarten neben dem Hause nahm ein großes mit Buchs eingefasstes Rondell ein, in dessen Rasenfläche Blumen- und besonders Rosenbeete eingesetzt waren. Das Straßengitter in gothischem Eisenguß war [d.h. von innen nach aussen gesehen] von niedrigem Gebüsch verdeckt, vor dem sich Blumenrabatten hinzogen. Die Ost- und Südseite des Hauses war mit Naumburger früh tragenden Edelreben, die Balkonsäulen z. Th. auch mit dem beliebten großblättrigen Pfeiffenkraut berankt. / Auf dem eingezäunten Hofe befanden sich an der Nordseite der Kuhstall im Schweizerstil, der einen Raum für die Kuh Hathor, einen Gerätheraum und den Hühnerstall barg. Im Dach lag der Heuboden mit dem Taubenschlag. Der Wächter des Hauses war der Kettenhund Ramses, ein Bernhardiner, dem sich später ein kleiner Findling Annubis zugesellte.” Die Selbstversorgung der Familie mit Milch, Gemüse und Obst, gewonnen auf dem eigenen Grundstück, war Voraussetzung des Landlebens und der Abgeschiedenheit von den Märkten in der Stadt. Das Haus als familiär-gesellschaftlichen Mittelpunkt beschrieb Marie v. Bunsen: „Schon als Kind waren wir, der alten Familientradition gedenkend, manchmal im schönen gartenumgebenen Lepsiushaus in der Bendlerstraße 10 (sic !) gewesen. Die Zimmer erschienen mir fast ärmlich kahl, aber viel Raffaelische Stiche hingen an den Wänden. Wir erhielten Gußzwiebäcke und Kaffee, nähten Armensachen unter den alten Bäumen und sangen dazu. Die Geselligkeit im Lepsiushaus war ungewöhnlich rege und hübsch, es wurde viel musiziert, der Kreis war mannigfaltig und belebt. Als erwachsenes junges Mädchen ging ich manchmal mit meinem Vater Sonntags hin; man saß um den

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Sofatisch, erhielt Kaffee und Napfkuchen, das Gespräch hielt sich immer, wie mir dies wohl auffiel, auf der Höhe. Der Ägyptologe war eine stolze, vornehme Erscheinung. Schlicht, im alten Wollkleid, mit schwarzem Spitzenhäubchen, ging die etwas gebückte Hausfrau umher und schenkte ein.” Lepsius war selbstverständlich Mitglied gelehrter Gesellschaften, so auch der „Mittwochsgesellschaft”, die abwechselnd in den Häusern ihrer Mitglieder tagte – so am 6. Mai 1863 bei den Lepsius’ mit einem Vortrag des Diplomaten Karl Hermann von Thile über die Geschichte der am 8. Dezember 1854 durch Pius IX. verkündeten unbefleckten Empfängnis Mariae. Das Haus selbst, die >casa lepsia<, hatte einen eher ungewöhnlichen Zuschnitt: Das Erdgeschoss war das Reich der Ehefrau und der Kinder, das Obergeschoss das des Gelehrten, im Dach war ein Atelier zum Herstellen von Lithographien der von Lepsius bearbeiteten „Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien” untergebracht – bis 1859 in 12 Bänden erschienen, den Keller beherbergten Badezimmer, Küche, Wirtschaftsräume und das Zimmer der unentbehrlichen Wirtschafterin. Der Zugang in das Haus erfolgte über die Mittelachse in ein weiträumiges Treppenhaus, das in gerader Verlängerung in einen als Esszimmer dienenden Gar-

tensalon führte. Das Esszimmer diente gleichzeitig als Spielzimmer der Kinder. Auf dessen beiden Seiten lagen einmal zur Bendlerstraße hin das Zimmer der Frau und auf der gegenüberliegenden Seite das Schlafzimmer der Kinder. Der gesellschaftlich unumgängliche Empfangssalon war unmittelbar linker Hand am Treppenhaus angeordnet. Im Obergeschoss nahmen die drei auf der Südseite nebeneinander liegenden Räume die Zimmer des Ägyptologen auf: Das „Museum” an der Bendlerstraße zur Aufbewahrung der Mappenwerke und zur Präsentation von Prachtbänden, die Bibliothek in der Mitte der Raumfolge und anschließend das Arbeitszimmer des Ägyptologen, beide Räume an ihren Wänden mit hohen Bücherregalen besetzt. Villa – Mehrfamilienhaus – Vorstadthaus Das Gegenstück zur >casa lepsia< war die von Friedrich Hitzig entworfene und 1857 errichtete Villa des Bankiers und Kaufmanns Philipp Georg Lintz Victoriastraße 8. Trotz des schwierigen Grundstücks, weil an der Kreuzung von Victoriastraße mit der Margaretenstraße errichtet, folgte das Haus eher einem Regelgrundriss. Am Hauseingang begann die Erschließung der Wohnung durch einen schmalen Flur mit seitlich angelagertem halbrundem Treppenhaus. In der Mittelachse lagen hintereinander die beiden Gesellschaftsräume – zur Straße der Salon und zum Garten das Speisezimmer – und beiderseits dieser Mittelachse die Zimmer für die Dame und am Hauseingang das für den Herrn des Hauses. Mit dieser Raumgruppe Salon, Zimmer des Herrn und Zimmer der Dame wurde der Regelfall eines gutbürgerlichen Wohnungsgrundrisses befolgt. Auch die Anlage des sehr kleinen Gartens ordnete sich den Zeitvorstellungen unter: regelmäßige Rabatten im Vorgarten vor dem Haus entlang des Vorgartenzaunes und seitlich angelagert schmaler Promenadengarten mit direktem Abgang über eine Terrasse aus dem Speisezimmer, dieser Gartenteil angelegt mit kurvig verlaufendem Rundweg für den Spaziergang vor allem nach den Mahlzeiten, bepflanzt mit Sträuchern, die abschirmen und gleichzeitig den Blick leiten sollten. Mit den Fassaden des Hauses gab Friedrich Hitzig ein Beispiel wohl der von Boetticher vertretenen hellenischen Stilrichtung der Berliner Architektur. Die Victoriastraße

Abb. 15) Wohnhaus Bloch, Victoriastr. 8, F. Hitzig; 1856-57

Abb. 16) Victoriastraße 5/6, F. Hitzig; 1856-57, Ansicht von Süden

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Abb. 17) Victoriastr. 10, F. Hitzig, 1858-59; Foto 1938

Mit seinen Bauten für die Victoriastraße lieferte Hitzig eine Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten für die Anordnung der Wohnhäuser auf zum Teil ungemein kleinen Grundstücken: Mit Victoriastraße 8 entwickelte der Architekt in Abhängigkeit von der Südorientierung der Wohnungsgrundrisse den Baukörper in die Tiefe des Grundstückes mit einem nach Süden vorgelegten Promenadengarten und einem Wirtschaftsgebäude in der hinteren Grundstücksecke. Das Treppenhaus verriet die Opulenz, mit dem auch das Innere der Häuser ausgestattet war; in diesem Haus hatte immerhin der Leibarzt des Königs, Dr. Schönlein, seine Wohnung inne. Ähnlich in der Ausrichtung des Hauses und der Anordnung des Gartens verfuhr Hitzig bei Victoriastraße Nr. 5 – das Haus erhielt einen Seitenflügel. Die Doppelhaushälfte Victoriastraße 6 musste mit einem Seitenflügel, mit Hof und Wirtschaftsgebäude, aber ohne Garten auskommen. Hitzig belegte mit seinen Häusern in der Victoriastraße die Bandbreite der sicherlich auch von seinen Auftraggebern gewünschten Fassadengestaltungen, die nicht nur allein in seinen baukünstlerischen Vorstellungen entstanden waren. Victoriastraße 33 von 1856 lässt die Anlehnung an die Berlinische Schule der vierziger Jahre ahnen, doch macht der Vergleich mit den Häusern der südlichen Matthäikirchstraße deutlich – beispielsweise mit Matthäikirchstraße 14, dass die Häuser der Victoriastraße für eine Klientel gebaut wurden, die Wert auf repräsentative Darstellung der Fassade legte. Victoriastraße 34 zeigte mit seinem sichtbaren Dach, den Dachausbauten und der Staffe-

lung der Gebäudefront möglicherweise bereits einen Einfluss der französischen Renaissance. Allen Häusern gleichermaßen zugeordnet war eine Mittelachsenbetonung, die bei Eckgrundstücken die abgeschrägte Gebäudeecke übernahm. Mit dem Haus Victoriastraße 10 von 1858-1859 lieferte Hitzig dann augenscheinlich eine direkte Vorlage für den Entwurf von Martin Gropius für das Haus Victoriastraße 20 / Ecke Grabenstraße von 1860-1861 mit dem Unterschied, dass das Gropiussche Haus in der Nüchternheit seiner Fassaden sich eher von der Boetticherschen Lehre abhängig erwies als das detailreichere Haus, das Hitzig entworfen hatte. Das Haus Victoriastraße 31 von Richard Lucae von 1856-1857 oder das Haus Victoriastraße 14 von Sommer mögen bei allen Unterschieden zwischen einem zwei- und einem dreigeschossigen Haus und einer unterschiedlichen Mieterklientel in der Grundauffassung mit dem zeitgleichen Haus von Hitzig in der Victoriastraße 7 übereinstimmen. Dass immer noch die alte Schule Schinkels mit ihrer Quaderfassade lebte, verriet das Haus Victoriastr. 29. Dass Villen wie Victoriastraße 9 geschätzt wurden, macht die Villa Lehmann in der Sigismundstraße 4 von 1855-1857, kurz vor dem Haus des Bankiers Lintz entstanden, deutlich. Aber auch in der Bebauung der Sigismundstraße blieben Villen absolute Ausnahmeerscheinungen – das mehrgeschossige Mietwohnhaus begann Anfang der sechziger Jahre die Vorherrschaft anzutreten. Villen als Solitärbauten wie Villa Leo in der Matthäikirchstraße 31, entworfen durch das Architekturbüro v.d. Hude & Hennicke, errichtet 1864-1865, wurden nur noch durch ihre herausgehobene stadträumliche Lage nahe des Tiergartenrandes möglich.

Abb. 19) Wohnhaus Gerson, Bellevuestr. 10, F. Hitzig; 1861-62, Ansicht von Bellevuestr.

Abb. 18) Victoriastr. 20/Grabenstr. 1, M. Gropius; 1860-61, Foto 1912

Nach der Konzentration der Bautätigkeit in der Victoriastraße entwickelte sich die Bellevuestraße in den frühen sechziger Jahren zu einem gewissen Schwerpunkt, als hier die Häuser Berliner Kaufleute entstanden – die für J. Gerson und Valentin Mannheimer, beide entworfen von Friedrich Hitzig. Zeichen für die jetzt erreichte Dichte in der Bebauung und die Zahl der Bewohnerschaft wurde der Bau des König-Wilhelm-Gymnasiums in der Bellevuestraße 15 nach dem Entwurf von Adolph Lohse, nach der St. Matthäus-Kirche nun der zweite öffentliche Standort im Viertel, aber aus dessen eigenem Bedarf an schulischer Versorgung abzuleiten.

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Abb. 20) Sigismundstr. 1-2, erbaut 1864; Eckhaus Matthäikirchstr. 10, erbaut 1864, Fassade 1891; Foto 1908

Noch kurz vor Ausbruch des Gründerkrachs war 18691871 als Vervollständigung der Randbebauung um die St. Matthäus-Kirche ein viergeschossiges Miethaus errichtet, fast zeitgleich war 1868-1869 das gegenüberliegende Eckhaus gebaut worden, so dass mit dem Neubau des Eckhauses Matthäikirchstraße / Sigismundstraße die Platzrandbebauung um die Kirche herum geschlossen war. Zu den baulichen Vorhaben in der Platzrandbebauung gehörte auch die Erweiterung des Pfarrhauses nach den Plänen von Gustav Möller. Die Randbebauung des Kirchplatzes hatte somit bis zur vollständigen Schließung den Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren in Anspruch genommen. In dieser Entwicklungsphase der fünfziger und sechziger Jahre war die Bautätigkeit im Quartier zwar durch Vorgaben über die Art der Nutzung -Wohnen- und durch einzuhaltende Baufluchten und Straßenbreiten geregelt, aber nicht durch ein städtebaulich in sich geschlossenes Konzept bestimmt worden. Vorstadthäuser mit Seitenflügel, vornehme Mehrfamilienhäuser und mehr oder weniger opulente Villen mischten sich. Bis in das 20. Jahrhundert wies die Bebauung in dieser Mischung trotz baulicher Veränderungen sowie von An- und Umbauten eine hohe Konstanz auf. Im wesentlichen war das Quartier bereits bis Mitte der sechziger Jahre bebaut.

Abb. 21) Wohnhaus Gerson, Bellevuestr. 10; F. Hitzig, 1861

Der wirtschaftliche Zusammenbruch von 1873 wirkte sich auf die Bautätigkeit des Viertels ebenso aus wie der Einbruch zwischen 1846 und 1855. Größter Neubau einer Villa wurde nach dem Entwurf von Christian Heidecke 1875 Tiergartenstraße 3 das Haus für den Kommerzienrat Salomon Lachmann, das ungewöhnlichste „Palais” entstand 1873-1876 in der Regentenstraße 15 nach dem Entwurf der Architekten Ebe und Benda im Stile einer nordischen Renaissance für den Rittergutsbesitzer Thiele-Winkler. Es belegte nicht nur die Bindung jetzt an die Renaissance, sondern machte auch die wirtschaftlichen Verhältnisse solcher reicher Bauherren deutlich, die nun für ihre Lebensverhältnisse „Palais” errichten ließen. War Richard Lepsius in der Bendlerstraße der Prototyp des gesellschaftlich hoch angesehenen Gelehrten, so geriet seit den siebziger Jahren der in der Sigismundstraße 3 – vier Treppen hoch – arbeitende Adolph v. Menzel zum Typ des leicht schrulligen Künstlers, der in seinem Atelier keine Besuche empfing. „Hier ist nichts zu sehen, ich bin keine Menagerie!” Und nur über Menzels ständigen Bedarf an Modellen vermochten sich Damen der vornehmen Gesellschaft unerkannt Zutritt in sein Atelier zu verschaffen. Immer noch wurde die Bewohnerschaft des Viertels von Universität, wissenschaftlicher Tradition und Gelehrtenkultur geprägt – zu den Bewohnern zählten Heinrich von Treitschke, der Literaturhistoriker Erich Schmidt, der Kunstgeschichtler Hermann Grimm, der Ägyptologe Richard Lepsius, Ernst Curtius, Direktor der Antikenabteilung der Königlichen Museen. Theodor Fontane kam von der Potsdamer Straße her in das Quartier und hier lebte Ernst von Wildenbruch. Mit der Belebung der Konjunktur in den achtziger Jahren verstärkte sich auch die Bebauung im Viertel. Und diese Phase stand nun deutlich unter dem Zeichen der baulichen Verdichtung. Die Häuser der zweiten Phase wurden abgebrochen und durch Mietwohnhäuser für möglichst viele Parteien ersetzt. Dieses Schicksal erlitt auch die >casa lepsia<. Das „von einem Privatbankier verwaltete Vermögen [der Familie Lepsius] hatte Verluste” erlitten, das Grundstück wurde deshalb noch zu Lebzeiten des Ägyptologen 1881 verkauft, die Villa abgebrochen, das Grundstück geteilt und mit zwei viergeschossigen Vorstadthäusern bebaut. Lepsius selber baute sich in der Kleiststraße ein neues Haus. Bevorzugter Schwerpunkt der Neubebauung um 1890 scheinen die Grundstücke entlang der Tiergartenstraße gewesen zu sein. Von der Lennéstraße her begann Richtung Westen eine vielfache Neubautätigkeit. Es entstand um und nach 1890 fast durchgehend eine Art geschlossene Randbebauung. 1888 bauten die Architekten in der Lennéstraße 8 für den Rentier Jacob Hirschberg eine neubarocke Villa, Lennéstraße 9 wurde 1890 zu einem renaissancistischen Mehrfamilienwohnhaus mit zwei Seitenflügeln. Tiergartenstraße 4 A bebauten Cremer & Wolffenstein 1894-1895 mit einem vornehmen dreigeschossigen Eckhaus zur Matthäikirchstraße, ebenfalls als dreigeschossiges Wohnhaus folgte 1895 die Bebauung Tiergartenstraße 8 nach dem Entwurf von Lachmann & Zauber. Auf dem Eckgrundstück zur Regentenstraße errichtete Architekt Otto Rieth nach Teilung des ohnehin bereits

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Abb. 23) Victoriastr. 7, Messel

Abb. 22) Tiergartenstr. 10

vor allem aber die nicht nur als Architekturzeugnis, sondern ebenso als Residenz eines herausragenden Kunstsammlers hochbedeutsame Villa für Dr. Eduard Simon in der Victoriastraße 7. Der Neubau hatte den Abbruch des Vorgängerhauses zur Voraussetzung. Auch Wohnungen wurden jetzt modern umgestaltet, so Victoriastraße 12 durch Henry van den Velde. Ganz im Zeichen der Verklärung setzte mit der Weimarer Republik die Memoirenliteratur ein, die das Viertel in seiner Blütezeit als „Geheimratsviertel” festhalten wollte. Helene Nostitz beschrieb 1938 in ihren Erinnerungen fast schon das Nachleben alter gesellschaftlicher Formen in der Victoriastraße: „Nahe der Platane, die nach dem Einzuge der jungen Kronprinzessin Victoria, der späteren Kaiserin Friedrich, zu ihren Ehren gepflanzt wurde, steht jetzt noch (d. h. 1938) die einstmals moderne Villa des Bremer Finanzmannes vom Rath, die um die letzte Jahrhundertwende liebenswürdig, aber in streng gesellschaftlicher Form einen Treffpunkt für das geistige und offizielle Berlin abgab. Die Hausfrau Anna vom Rath legte immer geheimnisvoll den Finger an den Mund, wenn sie einem vor Tisch die Namen ihrer Gäste zuflüsterte, als handelte es sich um ein Staatsgeheimnis. Vom hochgelehrten Universitätsprofessor und großen Mediziner bis zum Staatsmann, Diplomaten und Offizier, vom Prinzen und „étranger de distinction” bis zum Schauspieler und Opernsänger war alles in diesem Haus vertreten. Doch fanden nicht, wie einstmals bei Bettina von Arnim in den Zelten, hitzige Diskussionen zwischen verschieden gearteten Gemütern statt, sondern der Ton blieb konventionell. Nur der Gesandte von Mumm und der große Historiker Mommsen erlaubten sich ihren Nicker nach dem Essen im weichen Lehnstuhl, während berühmte Sängerinnen, wie Geraldine Farrar und Maud Fay, die Dumpfheit der von kostbaren Renaissancemöbeln und dicken Teppichen überfüllten Räume mit ihren Stimmen zu besiegen versuchten.” In der Victoriastraße wohnten die Rathenaus, auch Walter Rathenau, bis er 1910 sein eigenes Landhaus in der Königsallee 65 im Ortsteil Grunewald bezog und sicherlich bewusst die Flucht aus der ihn im St. Matthäus-Kirchen-Viertel umgebenden Architektur des Historismus in die Welt der Zeit „Um 1800” an-

schmalen Grundstücks ein aufwändiges Miethaus und in der Tiergartenstraße 10 entstand durch Kayser & v.Groszheim ein Mietwohnhaus. Tiergartenstraße 11 Ecke Bendlerstraße bebaute der Architekt Gustav Schäfer mit einem zweigeschossigen Mietwohnhaus. Zu den wenigen Umbauten zählte dagegen die 1860 errichtete Villa Tiergartenstraße 3 A , die Alfred Messel 1892 auch in der Fassade umgestaltete. In dieser Entwicklungsphase begannen sich nun ebenfalls überörtliche Standorte der Reichsregierung sowie von Reichs- und Landesbehörden, nicht zuletzt auch Botschaften im Quartier niederzulassen. 18911894 entstand das Reichsversicherungsamt am Landwehrkanal als unübersehbarer Baukörper. Das Hydrologische Amt kam in der Matthäikirchstraße hinzu. In der Matthäikirchstraße sowie der Victoriastraße waren 1886-1888 das Landeshaus der Provinz Brandenburg und 1890-1891 das Kreishaus des Kreises Teltow voraufgegangen. Das prunkvolle Palais Tiele-Winkler in der Regentenstraße nahm die Spanische Botschaft auf. Später sollte 1910 der Bau des Reichsmarineamtes von Reinhardt & Süßenguth – ebenfalls mit seiner Schaufassade zum Landwehrkanal ausgerichtet – folgen. Das Quartier hatte aber auch als Folge der Ausstrahlung vom Leipziger Platz her – dem entscheidenden Verkehrsknotenpunkt Berlins – Standorte von Hotels aufzunehmen: der bedeutendste Komplex wurde nach 1900 das Hotel Esplanade in der Bellevuestraße. Mit diesen Standorten für Regierung und Verwaltung sowie mit den Hotels begann die Umwandlung des Gebietscharakters. Bendlerstraße und Victoriastraße wurden trotzdem nach der Jahrhundertwende Ort zweier Neubauten, deren Planverfasser Alfred Messel war. Beide Neubauten belegten, dass das vornehme Wohnen in diesem Quartier immer noch an der Tagesordnung war. Es entstanden das Wohnhaus Bendlerstraße 6,

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trat. Kurz vor seinem Neubau im Grunewald hatte Rathenau, seit 1910 stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der AEG, als seinen Sommersitz das von David Gilly entworfene königliche Sommerhaus in Bad Freienwalde erworben und im Stile der Zeit um 1800 wiederhergestellt. Das St. Matthäus-Kirchen-Viertel hatte mit der Villenkolonie Grunewald seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts längst eine Konkurrenz für vornehmes Wohnen in der Reichshauptstadt erhalten. Der neue Berliner Geldadel hatte sich bereits dort niedergelassen. Der Auszug von Walter Rathenau aus dem elterlichen Haus und der Neubau des Reichsmarineamtes zum gleichen Zeitpunkt markieren gewissermaßen den Wendepunkt in der Entwicklung des Quartiers in das 20. Jahrhundert.

Abb. 26) Kemperplatz Verkehrsplan, Hermann Jansen; 1924

Das Finale Das 20. Jahrhundert kam nach dem verloren gegangenen Ersten Weltkrieg mit neuen Herausforderungen auf das Gebiet zu. Die stadträumlichen Ordnungsvorstellungen Martin Mächlers, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs eingesetzt hatten, gingen von der seit 1871 bestehenden Siegesallee aus, die Wilhelm II. um die Jahrhundertwende mit der von den Avantgardisten viel bespöttelten Galerie seiner hohenzollernschen Ahnenreihe bestückt hatte. In der Vorstellung Mächlers sollten um den Königsplatz herum der Reichstag, die Reichskanzlei und die Ministerien des Deutschen Reiches als Ausdruck einer konzentriert und damit rational arbeitenden Staatsführung versammelt werden. Am südlichen Tiergartenrand seien um den Kemperplatz herum die Einrichtungen des preußischen Staates anzuordnen – die „Staatsbehörden und Volksvertretungen”. Den Flächenanspruch für diese Standorte der Volksvertretungen und der Ministerien markierte Mächler mit einem weiten Halbkreis mit dem Kemperplatz als Mittelpunkt, so dass diese Planung nicht ohne erhebliche Eingriffe in den Bestand des Wohnviertels hätte vonstatten gehen können, zumal Mächler ohnehin noch die Verlängerung seiner mutmaßlich an spätbarocken Vorstellungen ausgerichteten Achse aus der Richtung der Siegesallee weiter nach Süden bis über den Landwehrkanal hinaus vorsah. Nach Mächler hatte seine Planung den „Verkehrsmittel- und Haupteingangspunkt der Staatsgemeinschaft” zu ordnen. Damit sollten „höchste Konzentration im allgemeinen, konstruktiv einfachste Gruppierung und wirtschaftlich sparsamste Wirkungsweise jedes einzelnen Faktors” zum Prinzip für diese Neuordnung der Staatsgemeinschaft erhoben werden. Während der Weimarer Republik blieb diese Vorstellung einer rational und darum wirkungsvoll geordneten Niederlassung der Reichs- und preußischen Behörden zusammen mit deren Erreichbarkeit durch Schiene und Straße auf dem Papier. Erst Hitler und Speer sollten sie in abgewandelter gigantomanischer Form in die Realität umzusetzen beginnen.

Abb. 25) Achsenplan von Martin Mächler; 20er Jahre

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Abb. 27) Kemperplatz Neubau

Zunächst berührte ein anderes Phänomen tangential das Viertel – der zunehmende Automobilverkehr, der in der Ost-Westdurchquerung der Stadt auch seinen Weg über die Tiergartenstraße suchte. Die viel diskutierten und polemisch verfochtenen Durchbruchsplanungen durch die Ministergärten mit dem Ziel, den Verkehr aus der Stadtmitte vom Alexanderplatz her an Kurfürstendamm und Hardenbergstraße anzuschließen, blieben Papier. Auch die Planungen eines fast autobahngerechten Ausbaus der Tiergartenstraße mit kreuzungsfreier Führung am Kemperplatz, aber flüssig einschleifender Einmündungen der Nebenstraßen blieb Projekt. 1924 hatte Hermann Jansen, einer der Gewinner des großen Städtebauwettbewerbs von 1910, den Vorschlag ausgearbeitet, die inzwischen unzureichende Verkehrsbewältigung des Kemperplatzes in Gestalt eines Kreisverkehrs aufzulösen, der Ost-Westfahrrichtung über Lennéstraße und Tiergartenstraße den Vorrang einzuräumen und die Nebenverkehre aus der Victoriastraße und der Siegesallee tangential einschleifen zu lassen. Das Projekt von Jansen stieß auf den Widerstand des für Verkehr zuständigen Stadtrates Dr. Adler. Ausgeführt wurde dagegen nach einem Wettbewerb Anfang der zwanziger Jahre der Neubau eines Geschäftshauses am Kemperplatz, der in den Augen der Öffentlichkeit ein verletzender Eingriff in den Charakter des Viertels war. Zu den Architekturprojekten dieser Epoche gehörte auch der Vorschlag von Richard Kallmorgen, die grüne Lunge des Tiergartens entlang des Tiergartenrandes mit einer durchgehenden Zeile von Wohnbebauung einzufassen, um damit einmal gesundes Wohnen zum Grün des Parks hin zu ermöglichen und andererseits den Tiergarten mit Hilfe der

Wohnbebauung gegenüber dem immer stärker werdenden Verkehr abzuschirmen, der in der Ost-Westdurchquerung auch den Tiergarten beeinträchtigen würde. Den Umbruch in eine neue Entwicklung, die tatsächlich die Geschichte des St. Matthäus-Kirchen-Viertel hinter sich ließ, kündete – wenn auch in Randlage zum Viertel – der Neubau des Columbushauses von Erich Mendelsohn an. Mit dem Shell-Haus am Landwehrkanal an der Einmündung der Bendlerstraße drang die neue Zeit bereits bis in das „Geheimratsviertel” vor. Und natürlich hätte auch der Umbau von Leipziger/Potsdamer Platz zum Wagnerschen Weltstadtplatz das St. Matthäus-Kirchen-Viertel nicht unberührt gelassen, doch ließ die 1929 hereinbrechende Weltwirtschaftskrise die komplizierten Planungs- und vor allem Finanzierungskonzeptionen zusammenbrechen. Zusammenfassung: Im Ablauf seiner äußeren Geschichte unterlag das „Geheimratsviertel” dem Druck periodisch eintretender Entwicklungsschübe, die mit Veränderungen, Abbrüchen, Neubauten, Verdichtungen und Eingriffen in die historische Topographie einhergingen. Gerade diese Einsicht unablässiger Veränderungen kann zu der nur allzu logischen Schlussfolgerung führen, auch künftig der Entwicklung freien und das heißt ungehinderten Lauf zu lassen, zumal wenn im Umgang mit dem Gebiet eine avantgardistische Grundauffassung zum alleinigen Maßstab erhoben wird. Das Gegenbild einer avantgardistischen Grundhaltung wäre eine konservative bis reaktionäre Betrachtungsweise, die ausschließlich auf Wiederherstellungen ausgerichtet ist, was angesichts des eingetretenen Zustandes bar jeglicher realer Möglichkeiten ist, wenn nicht bereits der gedankliche Ansatz prinzipiell verworfen werden muss. Es wird für einen dritten Weg plädiert, der davon ausgeht, das historische Gedächtnis des Gebietes zum Ausdruck zu bringen. Geht man vom Status quo aus, den das Geheimratsviertel in seiner gegenwärtigen Bebauung erreicht hat und setzt die Schutzwürdigkeit von erhalten gebliebenen Geschichtszeugnissen einerseits und von der Notwendigkeit weiterer Bedarfsdeckungen andererseits voraus, so ergeben sich - ohne den Makel ausschließlich konservativer Restriktionen - die Möglichkeiten, sich einmal mit Strukturmerkmalen zu beschäftigen und andererseits nach dem genius loci zu fragen, wobei beide Betrachtungsweisen ineinander greifen können. Der genius loci wird dabei aus der Geschichte des Ortes gespeist. Strukturmerkmale sind notwendigerweise die historische Topographie und die Bebauungsstruktur. Der Kürze der Zeit wegen kann hier nur auf die Trasse der Matthäikirchstraße verwiesen werden und die immer noch nachvollziehbare städtebauliche Wirkungsweise zwischen dem südlichen Tiergartenrand und der St. Matthäus-Kirche, einschließlich deren ursprünglich wohl vorhandener stärkerer Eingrünung bis hin zu den den Straßenraum einfassenden Lindenbäumen. Natürlich würde es reizen, den Bereich um die ehemalige Viktoriastraße auf den heutigen Zustand ab-

Abb. 28) Tiergartenring Kallmorgen; Randbebauung am Tiergarten (oben) und Promenade (unten)

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zuspiegeln und sich nach Möglichkeiten zu fragen, die sich mit dem Wiederaufgreifen der historischen Topographie aus dem teilweise noch unbebautem Gelände ergeben könnten. Der genius loci wird nach meiner Einschätzung durch drei Geschichtsebenen bestimmt, deren Bedeutungen zu erörtern wären. Es handelt sich einmal um die kulturhistorische Bedeutung des „Geheimratsviertels”, also der Bedeutung der Wohnorte der Lenné, Stüler, Gebr. Grimm, Fontane, Lepsius, Curtius, Rathenau, die über 50 Jahre den Ruf des Gebietes bis hin zur heute noch wirksamen Legende geprägt haben. Die zweite Ebene ist mit Sicherheit die Zeit zwischen 1933 und 1945, gekennzeichnet durch Röhm-Putsch und 20. Juli 1944. Die dritte Ebene ist die der Wiederaufbaugeschichte mit ihrem Anspruch, ein Kulturforum zum Leben zu erwecken. Soll der genius loci des „Geheimratsviertels” nicht nur historisch-literarisches Phänomen bleiben, wäre unweigerlich die Frage danach zu stellen, wie weit dieses Gebiet wieder zum Wohnort von Gelehrten mit europäischem Rang und von Industriellen mit nationaler oder sogar weltweiter Bedeutung werden kann. Die zweite Ebene müsste sicherlich durch Verdeutlichungen unterschiedlicher Art der mahnenden Erinnerung gewidmet sein. Die dritte Ebene würde sich wahrscheinlich mit Bedarfsdeckungen und Qualitätsverbesserungen zu beschäftigen haben. Es ist verständlich, dass denkbare Grundhaltungen im Umgang mit dem Gebiet hier nur angerissen werden können, sie jenseits natürlich auch möglicher freier Umgestaltungen zu erörtern, wäre mit Sicherheit lobenswert.

Abbildungen
Krieger, Bogdan: Berlin im Wandel der Zeiten. Berlin 1923: Abb. 2; Berlin, Bezirksamt Tiergarten. Bauaufsichtsamt: Abb. 3; Berlin, Plansammlung der Universitätsbibliothek der Technischen Universität: Abb. 7; Berlin, Landesarchiv. Bauakten: Abb. 8, 9 (Grundriss), 10; Architektonisches Skizzenbuch. Eine Sammlung von Landhäusern, Villen, ländlichen Gebäuden...201 Hefte. Berlin 1851-86: Abb. 9 (Ansicht), 14; Berlin, Landesbildstelle: Abb. 11, 17; Koenigswalt, Harald von: Das verwandelte Antlitz. Berlin 1938: Abb. 12; Börsch-Supan, Eva: Berliner Baukunst nach Schinkel 1840-1870. München 1977: Abb. 13; Hitzig, Friedrich: Wohngebäude der Victoria-Straße in Berlin. Berlin 1860: Abb. 15, 16; Berlin (Ost), Märkisches Museum: Abb. 18, 20; Hitzig, Friedrich: Ausgeführte Bauwerke von Friedrich Hitzig. 2 Bde. mit Suppl., Berlin 1850-55: Abb. 19;

Literatur
Ilse Balg (Hrsg.): Martin Mächler – Weltstadt Berlin, Berlin 1986.

Berliner Architekturwelt: Alfred Messel – Sonderausgabe der Berliner Architekturwelt, Berlin 1905 Eva Börsch-Supan: Die St. Matthäuskirche zu Berlin, München Berlin 1969 (Grosse Baudenkmäler H. 234) Helmut Engel: Das Auto. Geburt eines Phänomens – eine Berliner Geschichte, Berlin 2000. Harald von Koenigswald: Das verwandelte Antlitz, Berlin 1938. Hugo Licht: Architektur Berlins. Sammlungen hervorragender Bauausführungen der letzten Jahre, m. e. Epilog v. Helmut Engel, Tübingen Berlin 1988. Fritz Monke u. a.: Die Tiergartenstraße – ein Stück Berliner Geschichte, Berlin 1975. Helene Nostitz: Berlin. Erinnerung und Gegenwart, Leipzig und Berlin 1938. Wolfgang Schäche und Norbert Szymanski: Die Lennéstraße im Tiergartenviertel. Geschichte und Perspektive einer Berliner Adresse, Berlin 2003. Hartwig Schmidt: Das Tiergartenviertel – Baugeschichte eines Berliner Villenviertels, Teil 1: 1790-1870, Berlin 1981 (Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Beih. 4). Folkwin Wendland: Berlins Gärten und Parke von der Gründung der Stadt bis zum ausgehenden neunzehnten Jahrhundert, Frankfurt am Main Berlin Wien 1979.

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Professor Dr. Wolfgang Schäche Das Tiergartenviertel 1933 bis 1945 Die Geschichte der Bauplanungen während des „Tausendjährigen Reiches” ist eine Geschichte der Destruktion! Sie ist, bezogen auf den betrachteten Ort – den östlichen Teil des Tiergartenviertels –, zum einen die Geschichte der brutalen Zerschlagung einer großbürgerlichen Lebenswelt, die für einen nicht unerheblichen Teil der dort ansässigen Bevölkerung mit Vertreibung und Tod endete und ist zum anderen die Geschichte der physischen Vernichtung eines einstmals vitalen Quartiers herausragender Wohnkultur. Getrieben von dem „Rausch der Welteroberung”, der aus Berlin „Germania” machen wollte, sollten durch Architektur und Stadtplanung die monumentalen Zeichen geschaffen werden für die angestrebte Weltherrschaft. Für die Verwirklichung von „Germania” war die Zerstörung Berlins, die Auslöschung seiner Geschichte, die unbedingte Voraussetzung. Von der geplanten „Dekoration der Gewalt”, die von Architekten und Baumeistern vorbereitet wurde, die später den „Wiederaufbau” besorgen sollten, ist hier – am heutigen „Kulturforum” – nichts mehr übrig geblieben. So wie die Nazis dabei waren den östlichen Teil des Tiergartenviertels systematisch auszulöschen, so sind mit der gleichen Rigorosität in der Nachkriegszeit die baulichen Spuren jenes „Sündenfalls des 20. Jahrhunderts” beseitigt worden und mit dieser Tilgung zugleich die noch signifikanten Hinterlassenschaften des Tiergartenviertels, die das Vernichtungswerk der Nazis überdauerten. Die Geschichtsverdrängung der Nachkriegszeit hat insofern erst ermöglicht, was wir heute am so genannten Kulturforum vorfinden. Das Ergebnis basiert – so herausragend einige Architekturen dort ohne Frage auch sind – auf doppelter Zerstörung! Makaber erscheint, dass das Werk der Zerstörung der Nazis, gipfelnd in den Grundstückenteignungen bzw. Zwangsverkäufen gerade der jüdischen Bevölkerung in diesem Quartier mit zu der späteren Baufreiheit führte, die hier gegeben war, als man mit der Planung und dem Bau des „Kulturforums” begann. Makaber auch, dass der Plan, hier ausgerechnet ein „Kulturforum” zu errichten – freilich mit anderen Vorzeichen –, die Idee der Nazis wiederholt, die mit ihrem „Runden Platz” angetreten waren, den Ort gewachsener Kultur der Berliner Bürgerschaft durch „gleichgeschaltete Kultur“ zu ersetzen. Insofern verbindet sich mit der Nachkriegsgeschichte dieses Ortes, die zu dem städtebaulichen Gebilde führten, was wir heute „Kulturforum” nennen, untrennbar das, was Ralf Giordano als „die zweite Schuld” beschrieb. Deshalb kann die Konsequenz, die wir aus dieser Geschichte ziehen müssen, nur sein, mit der permanenten Geschichtsverdrängung – die bis heute anhält – endlich Schluss zu machen und uns der Geschichte zu stellen. Wir müssen in unserem perspektivischen Denken dabei die noch greifbaren bzw. vorhandenen Schichten der Geschichte, die unter dem Kulturforum begraben sind, geistig aber auch – wo möglich – materiell freischälen, herausarbeiten und bewusst machen. Nur so können wir geschichtlich, politisch und kulturell wie auch moralisch dem Ort letztlich gerecht werden. Bloße, unreflektierte Neubaulust oder aber Vollendungssehnsucht der „Kulturforumsidee” der 60er Jahre helfen da wenig weiter. Sowohl die eine als auch die andere Haltung entzieht sich der Mühe, über die Komplexität des Gewesenen und seiner Hinterlassenschaften nachzudenken und auch den Weg der Verdrängung, der dazu führte, was wir heute vorfinden, kritisch zu hinterfragen und daraus stadtgeschichtlich, architektonisch, städtebaulich und gesellschaftlich angemessene Antworten zu entwickeln. Der Ort eingedenk seiner Nachkriegsentwicklung hätte es allemal verdient! Die Entwicklung seit 1933 in Bildern und Plänen

Das Tiergartenviertel um 1930

Luftbild Potsdamer Platz mit dem Columbiahaus; Erich Mendelsohn, 1930-32

Das Tiergartenviertel, Ausschnitt aus dem Plan von 1936-1940

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Modell der Nord-Süd-Achse zwischen „Großer Halle” und Südbahnhof; Fassung 1942

Nord-Süd-Achse zwischen Nordbahnhof und Südbahnhof; letzte Planfassung vom Februar 1942

„Runder Platz” mit dem nördlich anschließenden Oberkommando des Heeres und der Soldatenhalle (links) sowie das Reichsmarschallamt (rechts); letzte Fassung 1942

Kulturforum 1940 mit Speerplanung

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Generalbebauungsplan des G.B.I., Grundlage der „Neugestaltung für die Reichshauptsatdt Berlin”; Planungsstand von 1942

Blick auf den „Runden Platz” nach Westen mit der Hauptfassade des Hauses des Fremdenverkehrs; Modellfassung 1939

Blick auf den „Runden Platz” nach Osten, rechts die Fassade des Hauses des Fremdenverkehrs; Modellfassung 1939

Perspektivzeichnung Oberkommando des Heeres (OKH) mit der Soldatenhalle (links)

Planungen für den Bereich „Runder Platz” (Gebiet des heutigen „Kulturforums”); Fassungen von 1938

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Haus des Fremdenverkehrs nach dem Ende des II. Weltkrieges; 1945

Luftbild der Royal Air Force; 06. September 1943

Altes Gebäude der Japanischen Botschaft in der Tiergartenstraße 3, C. Heidecke; 1875

Haus des Fremdenverkehrs, T. Dierksmeier/H. Röttcher; 1940, Hauptfassade am „Runden Platz”

Ersatzbau an der Tiergartenstraße 25 - 27, L. Moshamer/C. Pinnau; 1938-43

Lageplan des Tiergartenviertels von 1938 mit Gebietsbegrenzung des neuen „Diplomatenviertels”

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Altes Gebäude der Italienischen Botschaft in der Matthäikirchstr. 31, A. Messel; 1899-1901

Ausschnitt aus dem Terminplan des G.B.I. mit ausgewiesenen Abrissund Baudaten für die Nord-Süd-Achse für den Bereich des „Runden Platzes”

Ersatzbau an der Tiergartenstraße 21a - 23, F. Hetzelt; 1938-42

Übersichtsplan der vorhandenen und geplanten diplomatischen Vertretungen; 1938/39

Wettbewerb „Gross-Berlin”, 1910, Bruno Möhring, Opernstandort am Tiergarten (Lennéstraße)

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Abrisse für das „Haus des Fremdenverkehrs”; 1938

Haus des Fremdenverkehrs, T. Dierksmeier/H. Röttcher, Fassade zur Potsdamer Brücke; 1940

Vorentwurf für ein neues Konzerthaus für die Berliner Philharmoniker; 1951

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Dokumentation der Bewohner und Architekten des östlichen Tiergartenviertels bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges Erste systematische Zusammenstellung auf der Grundlage der Katasterpläne von 1935-1941 (Von Dr. Wolfgang Schäche, Norbert Szymanski und Sebastian Schäche; Berlin, im November 2004) Zentraler thematischer Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist die systematische Aufarbeitung der Bewohner und Architekten der Bauten des östlichen Tiergartenviertels bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Grundlage der Arbeit bildete hierfür die im Verlauf der Geschichte herausgebildete Straßen- und Parzellenstruktur in den Katasterplänen von 1935-1941, welches den letzten Entwicklungsstand des Quartiers um den Matthäikirchplatz vor dessen nahezu vollständiger Auslöschung durch die Abrisse für die „Neugestaltung der Reichshauptstadt”, die vehementen Kriegseinwirkungen sowie die radikalen Geschichtstilgungen der Nachkriegszeit dokumentiert. Das primäre Erkenntnisinteresse der Untersuchung galt dabei der Findung und Benennung der für die Geschichte herausragenden Persönlichkeiten bzw. Adressen, die sich mit dem einstmaligen Viertel verbinden und gleichsam die unsichtbare historische Schicht des sich heute an dieser Stelle befindlichen „Kulturforums” darstellen. Sie konnten auf dem Hintergrund der systematischen Aufarbeitung namentlich herausgefiltert und parzellengenau verortet werden. Für die anstehenden Planungen zur städtebaulichen Weiterentwicklung des „Kulturforums” erweisen sie sich als konkrete inhaltliche Orientierungen, die die bis dato verschüttete Geschichte des Ortes wieder in die kollektive Erinnerung zurückbringt und bewusst macht. Ihre aktive Einbeziehung kann dem heutigen „geschichtslosen” Ort der einstmaligen kulturellen Bedeutung entsprechend wieder zu seiner eigenen bedeutenden Geschichte verhelfen. Die vorliegende Expertise versteht sich als ein erster umfassender und systematischer Einstieg in die überaus komplexe wie komplizierte Materie der Rekonstruktion der Bewohnerschaft des östlichen Tiergartenviertels, welches in seiner mehr als 150jährigen Entwicklung bis zu seiner Zerstörung zu dem bedeutendsten und erlesensten Wohnquartier Berlins geworden war. Sie bildet eine profunde Grundlage, die jedoch durch weitere Quellenerschließungen inhaltlich zu verdichten ist. Im Einzelnen ist die Untersuchung nach Straßen geordnet. Grundlage bildet das erwähnte Kartenwerk von Berlin, welches zwischen 1935 und 1941 angefertigt wurde. Jedes Grundstück hat eine fortlaufende Nummerierung erhalten, um die Parzelle eindeutig zu machen und die Auffindbarkeit zu erleichtern. Besonders zu beachtende Persönlichkeiten bzw. Adressen sind nachfolgend in einer Liste zusammengefasst und sind in dem angefügten Plan, das die Überlagerung der Parzellenstruktur der Zeit von 1935 bis 1941 mit dem Konzeptplan 2004 zeigt, mit ihrem Grundstück verortet.

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Liste herausragender historischer Persönlichkeiten des östlichen Tiergartenviertels 1. Kategorie (grün=berühmte Bewohner): lfd. Nr. 21: Lorenz Adlon (1849-1921), Gastronom und kgl. Hoflieferant, Hotelier. Hans v. Bleichröder (1886- ?), Dr. jr. et phil. lfd. Nr. 22: lfd. Nr. 33: lfd. Nr. 45: Georg Kolbe (1877-1947), Bildhauer, Maler und Graphiker. Eduard Arnhold (1849-1925), Geh. Kommerz. Rat, Kunstsammler. Louis Nathanel Rothschild (1882-1955), Bankier. Siegmund Rothschild (1872-1929), Bankier. O. Rothschild, Bankier. H. J. de Moser, Baron, Schriftsteller. lfd. Nr. 49: Julius (Levy) Rodenberg (1831-1914), Schriftsteller, Herausgeber, Jurist. Paul Cassirer (1871-1926), Kunsthändler und Verleger. lfd. Nr. 64: Louis R. Ravené (1866- ? ), Kunstsammler und Unternehmer. Dienststelle Alfred Rosenberg (18831946),“Reichsleiter“ und „Beauftragter des Führers in allen weltanschaulichen Fragen“. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess einer der 24 Hauptangeklagten. Dort zum Tode verurteilt und hingerichtet. lfd. Nr. 65: Ludwig Bamberger (1823-1899), u. a. Gründer der Reichsbank und der Deutschen Bank. Ludwig Hoffmann (1852-1932), Architekt, Stadtbaurat von Berlin 18961924, Ehrenbürger von Berlin. lfd. Nr. 70: lfd. Nr. 82: Georg Wertheim (1857-1939), Warenhausbesitzer. Ernst Curtius (1814-1896), seit 1844 Professor für Alte Geschichte in Berlin, Ausgrabungen in Olympia von 1875 bis 1881. Direktor der Antikenabteilung der Kgl. Museen. Julius Elias (1861-1925), Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber von Ibsens Werken, später dessen Testamentsvollstrecker. Carl Zuckmayer (1896-1977), Schriftsteller, Verleger, Kunstsammler. lfd. Nr. 117 Franz Duncker (1822-1888), Verleger, und Nr. 119: Inhaber der Berliner Volks-Zeitung, Mitbegründer der Fortschrittspartei. lfd. Nr. 128: Adolf Menzel (1815-1905), Maler, Zeichner, Graphiker, Ehrenbürger von Berlin, wohnte 1871 bis 1876 Potsdamer Str. 7, danach biszu seinem Tode Sigismundstr. 3, wo sich auch sein lfd. Nr. 201: lfd. Nr. 206: lfd. Nr. 169: Atelier befand. lfd. Nr. 143: Valentin Weisbach (1843-1899), Bankier und Sozialreformer. Georg Liebermann, Fabrikbesitzer. Ab 1940 Zentrale der „Aktion T 4“ / „Euthanasie“ des Hauptamtes II der „Kanzlei des Führers“. Heinrich Wilhelm Krausnick (17971882), Oberbürgermeister von Berlin 1834-1848 und 1850-1862, Ehrenbürger der Stadt Berlin. Emil Rathenau (1838-1915), Ingenieur, Großindustrieller, Gründer der AEG. Walther Rathenau (1867-1922), Industrieller, Politiker. Schloss als Außenminister 1922 den „Rapallovertrag“ ab. Wurde von Mitgliedern der terroristischen Organisation „Consul“ im offenen Wagen erschossen. Franz Friedrich Andrae (1873-1950), Bankier. Oskar Tietz (18581923),Warenhausbesitzer. Albert Max v. Goldschmidt-Rothschild (1879-1940), Bankier, Attaché. Albert v. Graefe (1828-1870), Prof., Mediziner und Arzt, Leiter der augenärztlichen Abeilung der Charité. lfd. Nr. 208: Bruno Cassirer (1872-1941), Verleger, Galerist und Kunsthändler. Paul Cassirer (1871-1926), Verleger, Galerist und Kunsthändler. lfd. Nr. 209: Moritz August von BethmannHollweg (1795-1877), Jurist, Politiker,Preußischer Kultusminister von 1858 bis 1862, Begründer und von 1848 bis 1872 Präsident der Deutschen Evangelischen Kirchentage. Großvater von Theobald v. Bethmann-Hollweg, Reichskanzler von 1909 bis 1917. Arthur Hobrecht (1824-1912), Oberbürgermeister von Breslau und Berlin, 1878/79 preußischer Finanzminister, Ehrenbürger der Stadt Berlin.

lfd. Nr. 175:

lfd. Nr. 211:

2. Kategorie (gelb=bekannte Bewohner): lfd. Nr. 1: 2: 5: 6: 11: Fritz Rathenau, Ministerialrat Friedrich Koch, Architekt Max v. Prittwitz und Gaffron, General Simon Friedmann, Juwelier Siegfried Samuel, Bankier C. Mosse, Verleger

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12: 14: 17: 18: 19: 20: 26: 28: l 32: 35: 36: 43: 44: 54:

Walter Kyllmann, Architekt Karl Freiherr v. Richthofen, Germanist Hans v. Bleichröder, Bankier Max Winterfeldt sen., Bankier Leopold Friedmann, Bankier Paul v. Gontard, Generaldirektor Julius Hirschler, Bankier Felix Philippi, Schriftsteller Heinrich Freiherr v. Richthofen, Generalkonsul Berhard Plockhorst, Maler Carl Cahn, Bankier Emil Mosse, Zeitungsverleger Albert Hadra, Bankier Heinrich Wittler, Fabrikbesitzer Louis Ullstein, Verleger August Julius Streichenberg, Bildhauer Wilhelm Kühling, Maler Conrad Kiesel, Porträtmaler 145: 147: 148: 150: 154: 155: 156: 174: 179: 180: 181: 184: 195: 200: 203: 210: 212:

Richard Pintsch, Unternehmer Joseph Carl Benedikt v. Eichendorff, Schriftsteller Sigismund Born, Bankier Emil Hecker, Bankier David Justus Ludwig Hansemann, Politiker Ludwig Berl, Bankier Günther Stüdemann, Maler Edwin Huldschinsky, Rentier Hansi Burg, Schauspielerin Johann Lukas Schönlein, Mediziner Moritz Lewenz, Bankier Philip Georg Lintz, Bankier Ernst Eberhard v. Ihne, Architekt Paul Schultze-Naumburg, Architekt Hilde Mendelsohn, Kunstschriftstellerin Leopold Güterbock, Maler Richard Lucae, Architekt Pauline Lucca, Sängerin Heinrich Mendelsohn, Bauunternehmer „Tschechenheim“, Zwangsarbeiterunterkunft

55: 58: 67: 73: 77: 78: 79: 80: 83: 84: 86: 88: 91: 103: 104: 110: 121: lfd. Nr. 122: 125: 126: 130: 131: 132: 139: 141: 142: 144:

Hugo Perls, Kunsthändler Willy v. Dirksen, Jurist, Reichstagsmitglied Eduard Simon, Kunstsammler Felix Simon, Fabrikant Paul Mankiewitz, Bankier Oskar Huldschinsky, Kunstsammler Friedrich August Leo, Shakespeareforscher Hugo Oppenheim, Bankier Alfred Lent, Bankier Carl Liebermann, Chemiker Heinrich Adolf v. Bardeleben, Mediziner Leopold Casper, Mediziner Max v. Wassermann, Bankier Franz Ubrig, Bankier Franz Naager, Maler und Bildhauer Ferdinand Hummel, Musiker Hans v. Flotow, Diplomat Wilhelm Walther, Architekt Johann Friedrich Kielgan, Gärtner Georg Friedrich Kielgan, Gärtner Gustav Hildebrand, Fabrikbesitzer Bruno Buch, Industriearchitekt Adolf Wollenberg, Architekt Wilhelm Kopetzky, Bankier Ernst Wallach, Bankier Konrad v. Beneckendorf u. v. Hindenburg, Militär Erich Maximilian v. GoldschmidtRothschild, Bankier Paul Julius v. Schwabach, Bankier Paul Eduard Conrad, Bankier Julius C. F. Pintsch, Unternehmer

DIPLOMATISCHE VERTRETUNGEN lfd. Nr. 17: 144: 23: 31: Amerikanische Botschaft (im Adreßbuch verzeichnet 1936) Argentinische Gesandtschaft (im Adreßbuch verzeichnet 1927) Argentinische Botschaft (im Adreßbuch verzeichnet 1943) Tschechoslowakische Gesandtschaft bzw. Slowakische Gesandtschaft (im Adreßbuch verzeichnet 1927, 1936 und 1943) Jugoslawische Gesandtschaft (im Adreßbuch verzeichnet 1927, 1936 und 1943) Spanische Botschaft (ab 1897-1943) Italienische Botschaft Italienische Botschaft (im Adreßbuch verzeichnet 1936, 1943) Italienische Botschaft (seit den frühen 30er Jahren Generalkonsulat und „Haus des Fascio“) (ab 1907-1943) Französische Botschaft (Konsularabteilungen) (im Adreßbuch verzeichnet 1927, 1936 und 1943) Japanische Botschaft (im Adreßbuch verzeichnet 1936 und 1943)

fd. Nr. 37:

41: 76: 78: 209:

79:

141:

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Architekturgespräch 67 – Kulturforum III Die Landschaften von Hermann Mattern und Valentien + Valentien Wenn wir heute vom Kulturforum sprechen, denken wir in erster Linie an die bedeutenden Gebäude, die die Identität des Ortes prägen. Der konzeptionelle städtebauliche Ansatz, die „Stadtlandschaft“, beinhaltet jedoch mehr als die Ausstrahlung dieser Gebäude. Zum Kulturforum gehört auch ein landschaftsarchitektonisch es Konzept. Die Gartengestaltung um die Philharmonie und die Staatsbibliothek stammen von Hermann Mattern. 1997/98 fand ein landschaftsplanerischer Realisierungswettbewerb mit städtebaulichem Anteil statt. Aus diesem ging das Büro Valentien + Valentien (Weßling) mit Hilmer und Sattler (München/Berlin) als Preisträger hervor. Nur in einem Teilbereich wurde das Wettbewerbsergebnis realisiert. Zukünftig soll der öffentliche Raum des Kulturforums stärker qualifiziert werden. Die Veranstaltung dient dazu, sowohl die Planungen von Mattern und Valentien + Valentien ins Bewusstsein zu bringen, als auch auf die Defizite im öffentlichen Raum des Kulturforums aufmerksam zu machen und Anregungen für eine zukünftige Planung zu formulieren. Zum Architekturgespräch eingeladen wurden die unmittelbar an der Gestaltung des Kulturforums beteiligten Landschaftsarchitekten Prof. Günter Nagel und Prof. Donata Valentien. Beide haben zu unterschiedlichen Zeiten an der konkreten Außenraumgestaltung des Kulturforums mitgewirkt. Ebenfalls eingeladen wurde Dr. Gabriele Schultheiß, um den theoretischen Hintergrund zum Begriff der „Stadtlandschaft” darzustellen. Der Publizist Thies Schröder hatte die Rolle des Kritikers. Im Ergebnis führte die Diskussion zu der Konsequenz, dass das Kulturforum eine stärkere stadtlandschaftliche Beziehung zum angrenzenden Tiergarten haben sollte. Das bedeutet, zugunsten einer Freiflächenerweiterung in Richtung Tiergarten nach Norden auf eine enge Baustruktur im Bereich des Matthäikirchplatzes zu verzichten.

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Dr. Gabriele Schultheiß Thesen zum Begriff der Stadtlandschaft 1. Der Begriff der Landschaft Landschaft ist ein ästhetisches Konstrukt. Der Begriff der Landschaft beschreibt ein ästhetisches Verhältnis zur Natur. Konstitutiv für Natur als Landschaft ist ein besonderer Akt der Wahrnehmung und des Sehens, der historisch und systematisch an die Distanz des Subjektes zur Natur gebunden ist. Natur als Landschaft ist nicht Natur als Umgebendes, sondern Natur als angeblicktes Gegenüber. stimmungen von Landschaft im eben beschriebenen Sinn, d.h. im Begriff der Stadtlandschaft ist die Idee von Stadt als harmonischer organischer Einheit eingeschlossen. Als städtebauliches Konzept steht der Begriff der Stadtlandschaft in der Tradition der Stadtkonzepte der 1920er Jahre, deren antiurbane Stoßrichtung auf die Großstadt des Industriezeitalters mit ihrer hochgradigen baulichen, funktionalen, sozialen und ökonomischen Verdichtung und auf die darin eingeschriebenen Klassenwidersprüche zielte und die in der Charta von Athen im Entmischungsparadigma formuliert wurde. Das urbane Feindbild dieser Konzepte, die Großstadt, ist als historischer Realtyp die Grundlage des Leitbildes der Europäischen Stadt. Scharoun verstand den Begriff Landschaft bezogen auf Stadt – seiner eigenen Metaphorik von Berg und Tal zum Trotz - im strukturellen wie im ideellen Sinne: Stadtlandschaft bedeutete ihm ästhetische Vergegenwärtigung eines Ganzen, wenn auch nicht der Natur, sondern der Stadt, damit der Gesellschaft, gemäß der formalen Struktur von Landschaft unterm Primat der Entmischung der Funktionen. Sie realisierte sich für ihn über die organische harmonische Ordnung der Elemente im Raum, und zwar auf allen Maßstabsebenen. Begriffe, mit denen dieses räumliche Gestaltungskonzept beschrieben werden, sind u.a.: freirhythmische Komposition, Offenheit der Raumgrenzen, Asymmetrie der Gebäudekörper, freirhythmisierte Volumina. Die Struktur, die aus Natur Landschaft macht im Sinne des ästhetischen Konstruktes, konstituiert bei Scharoun aus Gebäuden, Wegen, Plätzen eine Stadtlandschaft. Der Wettbewerbsentwurf für die Staatsbibliothek mit dem Ideenteil für die städtebauliche Ordnung der Bereiches des Kulturforums von 1964 gilt als beispielhafte Ausarbeitung seiner Idee der Landschaftlichkeit von Stadt, bei der die formale Durchdringung dieses

Nicolas Poussin, Landschaft mit Diogenes, 1648

Historisch entwickelt sich die Idee der Landschaft mit dem Beginn der Neuzeit und steht im Zusammenhang mit der Entwicklung der Naturwissenschaften, in deren Folge das Naturganze in seiner rationalen allgemeinen Gesetzmäßigkeit erkannt und beschrieben wird. Die dadurch ermöglichte Naturbeherrschung emanzipiert die Menschen zum einen aus ihrer Naturabhängigkeit und schafft Distanz. Zum andern jedoch geht diese Zunahme an Freiheit gegenüber der Natur einher mit dem Verlust an Rückhalt und Bindung. Systematisch ist Natur als Landschaft gebunden an ein kontemplatives, aus unmittelbaren Produktionszwängen freigesetztes Verhältnis zur Natur, das im empirischen Naturausschnitt das Ganze der Natur zu sehen ermöglicht. In der Natur als Landschaft ist das Naturganze, das für den Kosmos oder die Göttliche Ordnung, in säkularisierten Zeiten zumindest für Harmonie steht, ästhetisch gegenwärtig und der sinnlichen Anschauung zugänglich. In der genießenden Anschauung der Landschaft wird sich der in seiner Freiheit vereinzelte Mensch seiner Gebundenheit an ein übergeordnetes Prinzip gewahr. Darin besteht nach J. Ritter ihre Funktion als ästhetisches Konstrukt. (siehe Anmerkung) 2. Der Begriff der Stadtlandschaft Auf der allgemeinsten Ebene wird mit dem Begriff der Stadtlandschaft die Stadt definiert mit den Be-

Schwarzplan des Scharoun-Konzeptes von 1964

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Bereiches gemäß der Idee der organischen Einheit der Teile im Raum überzeugend gelungen ist. 3. Die Aktualität des StadtlandschaftKonzeptes I. Das antiurbane Stadtlandschaftskonzept war schon 1964, als es von Scharoun detailliert wurde, überholt. Sowohl auf dem 9. als auch auf 10. Kongress des CIAM 1953 und 1956 entwickelten sich aus den Reihen der Repräsentanten des antiurbanen Paradigmas gegenteilige konzeptionelle Überlegungen vor allem junger Architekten, die die Schwächen der entmischten Stadt benannten und zu deren Überwindung eine Rückkehr zu Zentralität und Funktionsmischung und damit die Rückkehr zur Urbanität propagierten. Damit war allerdings nicht die Rückkehr zum Leitbild der traditionellen Europäischen Stadt, zu Block, Korridorstraße, Platz gemeint. Die konzeptionellen Anstrengungen waren demgegenüber beflügelt von der Idee, die neue Aufgabenstellung auf der Basis der Errungenschaften der architektonischen Moderne zu entwickeln: die konkreten Bedürfnisse wirklicher Menschen sollten mit den modernen städtebaulichen Ideen hinsichtlich Solitär, All-Ansichtigkeit, Transparenz, freiem Grundriss, Verschränkung von umbautem und freiem Raum und mit der Idee von Urbanität im genannten Sinne vermittelt werden. Für diese Strömung stehen die Konzepte des Team X: Stichworte sind konglomerate Ordnung als Strukturbegriff und Brutalismus als Stilbegriff. Die informelle, unregelmäßige Struktur der konglomeraten Ordnung wird in dessen Konzepten hergeleitet aus der Dynamik und Spontaneität des alltäglichen Lebens empirischer Menschen am je konkreten Ort und ist in dem Sinne organisch, als sie sich auf Leben und auf seinen Ort bezieht, und in dem Sinne harmonisch, als sie alle Funktionen konfliktfrei vermittelt. Als unregelmäßige, organische und harmonische kann die konglomerate Ordnung auf der strukturellen Ebene auch als landschaftlich bezeichnet werden. Seit Mitte/Ende der 1990er Jahre erlebt der Begriff Landschaft im Kontext von Stadt und Architektur geradezu Konjunktur. Die Folie dieser Renaissance bilden die Prozesse der Verstädterung von Landschaft im Zuge des unkontrollierbaren und unplanbaren Landschaftsfraßes durch die nahezu vollständige Privatisierung des Bauens und den nahezu vollständigen Ausfall der öffentlichen Hand als Bauherr. Die stichwortartige Benennung solcher Begriffe wie Zwischenstadt, Edge City, Eigenschaftslose Stadt müssen zur einordnenden Andeutung dieser Diskussion reichen. Gemeinsam ist allen Konzepten die Absage an das Leitbild der Europäischen Stadt als Form und Ort von Urbanität und die Ambition, eine zeitgenössische Idee von Urbanität zu entwickeln, die der realen sozio-ökonomischen Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung – Stichworte hier sind Globalisierung, Beschleunigung, Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft – die dieser Dynamik ebenso Rechnung trägt wie sei-

nerzeit die Europäische Stadt der sozio-ökonomischen Situation des schweren Industriezeitalters bzw. des erstarkenden Bürgertums. Gemeinsam ist ihnen darüber hinaus, den chaotischen status quo der Städte im Zustand ihrer Auflösung durch potentiell grenzenlose Erweiterung in der einen oder anderen Weise explizit oder implizit als Landschaft zu beschreiben. Offenkundig ist, dass mit diesem Begriff nicht Landschaft im eingangs beschriebenen Sinne der ästhetischen Vergegenwärtigung eines harmonischen Ganzen gemeint sein kann. Was nach seiner inhaltlichen Entleerung bleibt, ist eine allgemeinste Strukturebene: auf der ist Landschaft ein angeschauter Raumausschnitt, in dem heterogene Elemente in einer komplexen räumlichformalen und funktionalen (historisch gewordenen) Beziehung stehen, die als Gestalt, als ästhetisches Konstrukt, wahrgenommen werden kann, die einer ständigen Veränderung unterworfen ist. Der Erkenntniswert dieses Landschaftsbegriffs im aktuellen städtebaulichen Diskurs liegt meiner Auffassung nach darin, dass er Komplexität, Chaos und Unübersichtlichkeit der städtischen Prozesse in eine Gestalt überführt, damit der sinnlichen Anschauung und intellektuellen Durchdringung zuführt und also handhabbar macht. Als Landschaft, d.h. als ästhetisches Konstrukt, vor Augen geführt, kann dem vorhandenen Ungeordneten und Unübersichtlichen dennoch eine Struktur unterstellt werden, die dann herausgearbeitet, als besondere Qualität erkannt und durch einzelne punktuelle architektonische oder städtebauliche Interventionen in der Veränderung gesteigert werden. Der Gegenstand, die sich auflösenden städtischen Strukturen, wird auf diese Weise der Kernkompetenz der Architekten, der Gestaltung von Räumen, wieder angeschlossen.

Lage des Kulturforums auf Grundlage des Ideenteils zum Wettbewerb 1964

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4. Das Kulturforum als Stadtlandschaft Historisch gibt es zwei Konzepte für das Kulturforum, die sich – mit zunehmender Modifikation und Abstraktion – auf die Idee der Landschaftlichkeit im Scharounschen Sinne eingelassen haben. Das ist zum einen die Planung von Gutbrod, so wie sie 1966 beauftragt wurde, und zum andern das Planwerk Innenstadt, Stand 1997, der Grundlage der Planung des Forums durch Valentien + Valentien war. Gutbrods sehr großes wenn auch monofunktionales konglomerates Gebäude (siehe Abb. links), das über Vor- und Rücksprünge, Verwinkelungen und Niveauversprünge sich mit dem Außenraum verzahnt, ist sein – letztlich brutalistisches – Statement zum Thema Architektur und Landschaft, Innen- und Außenraum, das er neben das von Mies und Scharoun setzt: die Museen als Museumslandschaft, gebildet durch eine aufgelockerte bewegliche bauliche Struktur, die nach innen eine komplexe Abfolge von umbauten und offenen Räumen entwickelt und nach außen auf die Gegebenheiten des Kontextes reagiert. Erkennbar ist die Ambition, das rationale Vokabular von Mies mit dem freien organischen Vokabular von Scharoun über die Positionierung und Gliederung seines Gebäudekomplexes in einem durchaus landschaftlichen Sinne zu vermitteln. Der Lageplan macht deutlich, dass die Auflockerung der Masse des Museumskomplexes in eine konglomerierende Ansammlung von Gebäudekörpern die Funktion hat, die eigene schiere Masse umbauten Raumes in ein Gleichgewicht zu den Volumina der Staatsbibliothek und der Nationalgalerie zu bringen. Vor allem durch die diagonale Überschneidung der vorhandenen Opposition von rationaler und freier Form bei Nationalgalerie und Staatsbibliothek mit einer entsprechenden Opposition zwischen Kammermusiksaal/Philharmonie und Kunstgewerbemuseum mit seiner harten Kante an der Piazzetta im Norden des Kulturforums erhält dessen innerer Bereich einen stärker zentrierten Charakter als bei Scharoun, bei dem die Räume ungerichtet fluktuierten. Dessen ungeachtet wahrt dieses Konzept die Idee der Landschaftlichkeit in einer stimmigen und in sich schlüssigen Weise. Unabhängig davon, ob der Entwurf von Gutbrod stilistisch gefällt oder nicht, muss man festhalten, dass er große stadträumliche Qualitäten hat und räumlich funktioniert hätte. Das Planwerk Innenstadt, Stand 1997, ging aus von der hohen architektonischen und skulpturalen Qualität der Gebäude des Kulturforums und von der Notwendigkeit, die formale Qualifizierung des Kulturforums in den Dienst der Akzentuierung dieser Inkunabeln zu stellen. Die Idee, das Kulturforum als leere Mitte aufzufassen, die den Gebäudeskulpturen den für ihre Wirkung notwendigen Raum lässt, argumentierte auch mit der massiven Bebauung des Potsdamer Platzes, angesichts derer die Dimension des leeren, d.h. gästehausfreien Kulturforums sich als durchaus maßstabsgerecht erweist. Gegenüber dem in jeder Hinsicht vollen und als urban

Planungswerkstätten 1997

verstandenen, der Zerstreuung in unterschiedliche Begehrlichkeiten verschriebenen Potsdamer Platz wurde das leere Kulturforum als Ort der Konzentration und Ruhe verstanden. Der monofunktionale, rein kulturelle Charakter des Kulturforums wird in diesem Konzept vom Antiurbanitätsvorwurf entlastet mit dem Hinweis, dass man zur Teilhabe am urbanen funktionsgemischten Leben nur die Straßenseite zu wechseln braucht. Der Wettbewerb zum Kulturforum im Jahre 1998 hatte im Prinzip diesen Stand des Planwerks Innenstadt zur Grundlage. Der Siegerentwurf des Büros Valentien + Valentien mit Hilmer Sattler und Albrecht modifizierte die Idee der leeren Mitte durch das Volumen des Baumhains und eine architektonische Abtrennung der Piazzetta vom großen Platzbereich, die noch über die Vorstellung Gutbrods hinausging. Gleichwohl ist es diesem Entwurf gelungen, die besonderen Qualitäten der Gebäudeskulpturen, die funktionalen Anforderungen aus den Gebäuden wie die funktionalen wie ideellen Anforderungen an das Kulturforum als städtischem Gesamtraum unter der Form einer freiräumlichen Gestaltung schlüssig und auf hohem Niveau zu vermitteln.

Schwarzplan des Bestandes 1999 sowie der abgestimmten Planung am Potsdamer Platz

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Konzeptplan und Baupotenziale (Stand März 2004)

Eine auf die eigene Kohärenz bedachte städtebauliche Argumentation, die auf die Entwicklung und Qualifizierung der längst vorhandenen, sicht- und spürbaren räumlichen, nämlich stadtlandschaftlichen Qualität des Kulturforums zielt, dürfte für diese Qualifizierung mithin keine Leitlinien formulieren, die dem Paradigma der Europäischen Stadt entstammen. Wenn dies doch geschieht, wie jüngst wieder im Konzept 2004 (Abb. oben), dann hat das mit einer gewissen inneren Logik die Zerstörung des vorhandenen stadtlandschaftlichen Potentials zur Folge – und nicht dessen Entwicklung. Die Erhaltung der Stadtgrundrissrelikte um die St. Matthäus Kirche erzwingt geradezu, soll sie nicht lächerlich wirken, eine straßenseitige Bebauung, die wiederum, soll sie funktional sein, eine gewisse Tiefe haben muss. Diese Notwendigkeit wiederum rückt das Blockrandzitat, denn um nichts anderes handelt es sich bei dieser straßenbegleitenden Bebauung, mit Zwangsläufigkeit fast in die Mittelachse der Nationalgalerie auf die Sichtachse zwischen dieser und der Philharmonie. Dass die Vertreter dieses Konzeptes selbst eine Idee von der Massivität dieses Eingriffes haben, zeigt eine Skizze der Autoren, ein Bild, das lügt, weil es die Be-

Landschaftsplanerischer Wettbewerb mit städtebaulichem Anteil 1998 1.Preis Valentien + Valentien,

5. Stadtlandschaft versus Europäische Stadt Für das Kulturforum gab es insgesamt drei stadtlandschaftlich orientierte stadträumlich funktionierende Planungen, von denen keine realisiert wurde. Das Drama Kulturforum besteht nach meiner Auffassung darin, dass seit der Entscheidung gegen die Gutbrod-Planung, d.h. seit 1985, die stadtlandschaftlich orientierten Planungen durch städtebauliche Interventionen korrigiert werden sollten, die dem Leitbild der Europäischen Stadt verpflichtet sind. Da dem Kulturforum durch die schiere räumliche Präsenz der Baukörper und durch deren aufeinander abgestimmte räumliche Beziehungen zueinander eine räumliche Ordnungsstruktur längst eingeschrieben ist – denn es ist keineswegs so, dass der Zuordnung der genannten Baukörper, die unbestreitbar raumwirksam sind, keine städtebauliche Ordnung zugrunde läge - sind Interventionen, die einer diametral entgegengesetzten Logik gehorchen, nicht ohne Schaden durchzuführen. Die Idee der Landschaftlichkeit als Strukturprinzip, die ich in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen zu skizzieren versucht habe: bei Scharoun, bei team X, in den Stadtlandschaftskonzepten der 90er Jahre und die Idee der Europäischen Stadt sind als städtebauliche Leitideen nicht kompatibel. Einem auf die Strukturen der Europäischen Stadt fokussierten Auge muss die räumliche Situation des Kulturforums daher als defizitär erscheinen.

Hilmer & Sattler und Albrecht, Gesellschaft von Architekten mbH

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großen und hauptsächlichen Teilen ja nicht umsonst als Inkunabeln der Baukunst gelten und die – so meine These – stärker sind als das Implantat und deshalb die Deutungshoheit über diesen Bereich behalten. Aus der Gleichzeitigkeit zweier widersprüchlicher Stadtkonzepte an diesem Ort kann nicht der ästhetische Funke geschlagen werden, für den die Collage heterogener stadträumlicher Fragmente gut sein kann, weil sie durch einen Maßstabssprung gekennzeichnet ist zwischen dem stadtlandschaftlichen Bestand und dem – nennen wir es traditionalistischen - Implantat, das von ersterem als Fremdkörper umfangen wird. Hier kollidieren nicht zwei gleich starke Fragmente, was Voraussetzung wäre für den ästhetischen Mehrwert. So wie der Fremdkörper bezogen auf das Ganze eine massive Beeinträchtigung darstellt, so ist das Ganze dasjenige, das den Fremdkörper als solchen definiert und von sich distanziert. Deshalb droht das traditionalistische Implantat, weil es keine eigene vitale, auf seinen Kontext plausibel bezogene räumliche Evidenz entwickeln kann, zu einem städtebaulichen Zitat zu verkommen, an dem nicht ablesbar ist, was es eigentlich sagen will. Ziel meiner Argumentation war es, daran zu erinnern, dass die Idee der Urbanität seit den 50er Jahren nicht nur unter dem Primat der Idee der Europäischen Stadt reflektiert werden kann, sondern dass es städtebauliche Konzeptionen gibt, in denen die Idee der Urbanität mit einem vom traditionellen Stadtmodell abgelösten Konzept verbunden ist, das auf der strukturellen Ebene als landschaftlich beschrieben werden kann. Es ist unmittelbar nachvollziehbar, dass ein auf Stadt als Landschaft im oben beschriebenen zeitgenössischen Sinne fokussierter Blick im Unterschied zum auf die Europäische Stadt fokussierten Blick das großartige räumliche Potential des Kulturforumsbereiches erkennen und es - als urbanes wohlgemerkt - seiner eigenen Logik gemäß entwickeln könnte. Ich komme daher zum Schluss, dass die Frage Stadtlandschaft heute, 2004, als städtebauliches Konzept für das Kulturforum? nach meinem Verständnis uneingeschränkt bejaht werden kann. Es wäre als solches jedoch Thema eines urbanistischen und architektonischen Diskurses, der sich - nach allem was gesagt wurde – ebenso notwendig dem Leitbild der Europäischen Stadt entzöge wie dem totalitätsbezogenen Leitbild der Scharounschen Stadtlandschaft. Anmerkung
Zum Landschaftsbegriff vgl. u.a. J. Ritter, Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft, in: Subjektivität, 1989 G. Simmel, Philosophie der Landschaft, in: Brücke und Tor, hrsg. M. Landmann, 1957 E. Cassirer, Mythischer, Ästhetischer und theoretischer Raum, in: Landschaft und Raum, hrsg. A. Ritter

Christoph Sattler, Skizze zum Senatskonzept; 16.03.2004

bauung perspektivisch fast auf die westliche Fluchtlinie der Nationalgalerie stellt und suggeriert, diese stünde frei – was bedeutete, dass das Kulturforum trotz der Bebauung ein in seinen weitesten Teilen freier Raum wäre. Einen Blick aus der Nationalgalerie in das Kulturforum, wie er auf einem Foto aus den 60er Jahren festgehalten ist und wie er durch die Skizze insinuiert wird, würde es jedoch nicht mehr geben. Das Konzept 2004 behauptet sich als Form der Entwicklung der Scharounschen Stadtlandschaft in ihren Kernbereichen. Schaut man sich diese Kernbereiche an, sieht man Restflächen, die darüber hinaus durch die Potsdamer Straße geteilt werden: unübersehbar ist die Idee der Stadtlandschaft in diesem Konzept auf den Aspekt der Grünfläche reduziert.

Blick aus der Neuen Nationalgalerie in Richtung Philharmonie in den 60er Jahren

6. Die Aktualität des StadtlandschaftsKonzeptes II Das Konzept 2004 ist in meinen Augen nicht deshalb verunglückt, weil es das vorhandene räumliche Potential des Kulturforums durch eine weithergeholte Kleinteiligkeit vernichtet. Seine Realisierung ist für mich nicht wünschenswert, weil es ihm nicht gelingt, eine eigene starke und prägnante gesamträumliche Qualität zu entwickeln, die über den Verlust des stadtlandschaftlich weiten und großzügigen Kulturforums hinwegtrösten könnte. Der Grund dafür liegt nicht in der Unfähigkeit der Planer und Architekten, die das versuchen, sondern in der Bindekraft der vorhandenen Raumstruktur, die sich der enormen raumgreifenden und raumkonstitutiven Ausstrahlung der Baukörper verdankt, die zu

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Prof. Donata Valentien Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich befinde mich in einer unbehaglichen Situation. Ich soll Ihnen die Konzeption erläutern, auf deren Grundlage wir 1998 begonnen haben, den Platz am Kulturforum umzubauen. Ich würde Sie gerne davon überzeugen, dass dieses Konzept noch immer tragfähig ist, aber unzweifelhaft, die bescheidenen ersten Maßnahmen, wie sie sich heute darstellen, sind nicht überzeugend, sie wirken unverständlich und unfertig und sie sind ja tatsächlich als Provisorium entstanden. Erlauben sie mir deshalb einige Sätze zur Vorgeschichte. Anlass für den Wettbewerb war die bevorstehende Eröffnung der Gemäldegalerie. Der Platz davor war damals in desolatem und kaum zugänglichen Zustand. Es standen da Baucontainer, gebrauchte Autos, die Hinterlassenschaften eines Bildhauersymposions, ein Zirkuszelt und eine Wurstbude. Dieses Niemandsland war in Besitz genommen von Menschen, die alternative Formen von Kultur pflegten, Kabarettisten, Architekturstudenten, Baumliebhabern und Tänzern.

Erste Baustufe des Wettbewerbsentwurfes von Valentien + Valentien

Unter diesen Bedingungen konnte nur ein bescheidener Teil der Fläche umgebaut werden und selbst diese ist nicht fertig gestellt worden. Es fehlen Mobiliar und Beleuchtung, die Bäume konnten aufgrund der Eigentumsverhältnisse nur lückig gepflanzt werden und die letzte, weiße Decke des Platzes, die ein freundlicheres Bild bieten würde, war nicht mehr zu bezahlen. Vor allem aber wurde die konzeptionell unverzichtbare Promenade entlang der Begrenzungsmauer nicht gebaut. Um die peinliche Lücke zu kaschieren wurde zur Einweihung provisorisch Rollrasen ausgelegt, heute der Kleingarten für die Wurstbude. Seitdem ruht die Baustelle. Das Umfeld der St. Matthäus-Kirche, die Piazzetta und die Umgebung der Philharmonie wurden bis heute nicht in Angriff genommen. Um den konzeptionellen Ansatz zu verstehen, sollte man die Wettbewerbsausschreibung kennen. Sie ist noch immer diskussionswürdig: „...dem betriebsamen Potsdamer Platz soll ein großzügiger, ruhiger Raum gegenüber stehen...”

Kulturforum vor der Realisierung des Freiraumwettbewerbes

Wir haben den Wettbewerb gemeinsam mit den Architekten Hilmer und Sattler erarbeitet und gewonnen. Ende Februar 98 erfuhren wir, dass uns der erste Preis zuerkannt wurde. Wir wurden zunächst mit einem ersten Bauabschnitt beauftragt, verbunden mit der Zusicherung, dass im Anschluss Zug um Zug der ganze Entwurf realisiert werden würde, von der Neuen Nationalgalerie bis hin zum Tiergarten. Dieser erste Bauabschnitt wurde mit der Gemäldegalerie Anfang Juni gut drei Monate nach der Preisverleihung eröffnet. In dieser Zeit lagen Planung, Abstimmung, Ausschreibung und Bau immer mit der Unsicherheit belastet, ob und wann die verschiedenen Nutzer den Platz verlassen würden. Man begann von den Rändern her zu arbeiten, da stand in der Mitte noch das Zelt. Davon abgesehen reduzierte sich die zur Verfügung stehende Bausumme von einer Million DM brutto noch während der Bauzeit, nachdem die Aufwendungen für die Räumung des Platzes teurer waren als geplant.

„...der Freiraum soll das verbindende und prägende Element sein, mit dem das Kulturforum in einen neuen städtischen Kontext gestellt werden kann...” „.. es soll ein landschaftsarchitektonisch gestalteter öffentlicher Raum entstehen, der die einzelnen Objekte trägt, sie zur Wirkung bringt.” Zugleich war in Aussicht gestellt, dass die Scharounstraße rückgebaut wird. Weiterhin sollte der Eingang der Philharmonie verlegt werden und sich zum Potsdamer Platz und zur U-Bahn hin orientieren. Die hier befindlichen Parkplätze waren unterirdisch nachzuweisen. In den Bauten des Kulturforums konzentrieren sich in höchster Qualität Werke der bildenden Kunst, der Literatur, der Musik und der Architektur. Zugleich ist der Raum ein gebautes Lese- und Lehrbuch von Stadt- und Architekturgeschichte. Dabei liegt die Besonderheit nicht in der Harmonie des Ensembles, sondern in der Individualität und überragenden Qualität im Einzelnen, denn die Bauten stehen in seltsamer

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einer Architekturepoche, auch sie nicht fertig gestellt, vielleicht würde man sie mit Café und Bäumen anders beurteilen. Was ins Auge sticht: anders als die Architekturen hat man die zugeordneten Freiräume nicht respektiert und gepflegt, sie sind zerschnitten, devastiert und verlärmt; sie sind als Verkehrsraum, Abstellfläche und Hinterhof missbraucht. Wenig verstanden ist offenbar, dass sie nicht Luxus sind oder überflüssige Zutat, sondern Bestandteil der Architekturen, die ohne sie unvollständig und entwertet sind. Die Philosophie des Entwurfes Anliegen war es die Architektursolitäre und ihre „Aura” zu respektieren, sie durch Landschaftsarchitektur zueinander in Bezug zu setzen und in ihrem Umfeld zu verankern. Jede der Zeitschichten und ihre Architektursprache wurden als gleichermaßen wichtig erachtet und sollten in ihrer Eigenart betont werden. Es schien deshalb falsch, eine Schicht besonders herauszuheben oder sie als Furnier zu benutzen, mit dem die Brüche und Unzulänglichkeiten verklebt werden. Aber es war ein Ort zu schaffen, der eine Mitte bilden konnte und der die Kraft haben würde, zwischen den Solitären zu vermitteln, der autark ist, sich ein wenig aus dem Alltag heraushebt, aber nicht überheblich oder abweisend. Wir entwarfen einen ruhigen, sehr transparenten Hain aus Kiefern, ein klassisches Motiv, keiner historischen Epoche besonders zugeordnet und von unerreichter Kraft in der Definition eines öffentlichen Raumes. In seinem Umriss nimmt er die geometrischen Strukturen des historischen Stadtgrundrisses und die Kubatur der Neuen Nationalgalerie auf. Die St. Matthäus-Kirche erhält durch diesen umgebenden Hain eine wirksame räumliche Fassung, ohne dass Vergangenheit nachgebaut wird. Ein Zitat von Herrn Dr. Stimmann aus der Presseerklärung zum Wettbewerb beschreibt diese Intention treffend: „...Der Entwurf verbindet die klassische Form der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe und die organischen freien Formen Scharouns und seines Landschaftsarchitekten Hermann Mattern und gibt der Stülerschen St. Matthäus-Kirche einen angemessenen Platz...”

Ölweiden im Freiraum vor der Neuen Staatsbibliothek

Beziehungslosigkeit zueinander. Verschiedenste historische Schichten überlagern sich, mit Brüchen und Widersprüchen. Jedenfalls ist das Kontinuum der historischen Stadt hier unwiderruflich unterbrochen. Die Neue Nationalgalerie fügt sich zwar in ihrem Grundriss in das geometrische Muster der Straßen noch ein, zugleich aber hebt sie sich mit einem massiven Sockel aus dem Stadtboden heraus und wirkt trotz der Transparenz des Pavillons unnahbar. Auch die Philharmonie verlangt gebührenden Abstand. Sie steht als „Berg” im Tal der von Scharoun formulierten „Stadtlandschaft”, wobei unstrittig ist, dass Landschaft hier als Metapher zu verstehen war für Freiheit und für die Ideologie der gegliederten und aufgelockerten Stadt. Dass nach dem Mauerfall das Gebirge des Potsdamer Platzes entstehen würde, konnte Scharoun nicht vorhersehen, auch nicht die verheerende Wirkung des Verkehrsstromes auf der Potsdamer Straße. Die „Stadtlandschaft” ist heute eine andere als in den damaligen Entwürfen. Schwer vorstellbar, dass Scharoun die neuen Realitäten nicht wahrgenommen und konzeptionell darauf nicht reagiert hätte. Mies van der Rohe hat dies so deutlich gemacht: „Baukunst ist raumgefasster Zeitwille. Lebendig. Wechselnd. Neu.” (1923) Die Verschiedenartigkeit der Architekturen widerspiegelt sich in den zugeordneten Freiräumen. Mattern übersetzt den Geist des Gebäudes in kongenialer Interpretation in den Freiraum. Die asymmetrischen Formen finden sich wieder, die differenzierte Modellierung der Oberflächen und der scheinbar spielerische, unkonventionelle Umgang mit verschiedenen Materialien. Ein Netz von Ölweiden verankert den Bau im Raum, ohne dass ihm Luft genommen wird. Die gleiche Haltung prägt auch das von Günther Nagel zu Ende geführte Vorfeld der Staatsbibliothek. Ganz anders die Auffassung von Mies van der Rohe. Freiraum ist Teil der gebauten Architektur, Landschaftsausschnitte werden wie Kunstwerke inszeniert. Das Museum in Berlin bot erstmals die Möglichkeit diese Philosophie nicht in einer Naturlandschaft, sondern im städtischen Kontext zu realisieren. Auch die heute wenig geliebte Piazzetta ist Zeugnis

Strukturskizze zum Wettbewerbsbeitrag von Valentien + Valentien

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Festhalle Seebad Rügen, Zeichnung von Tessenow

ausreichend wirksam, um Lärm abzuschirmen und ein Gefühl von Geschütztheit zu geben. Das Tal senkt sich zur St. Matthäus-Kirche hin und steigt dann wieder zum Eingang der Gemäldegalerie hinauf. So erhält die Kirche wieder einen Standort, der klar definiert ist, freilich nun durch die Bäume und das Relief. Entlang der gebauten Kante ist eine breite Promenade geplant, als kraftvolle Gerade. Sie vermittelt zwischen der Neuen Nationalgalerie, Skulpturenplatz und Philharmonie. Ein wenig abgesetzt von der Potsdamer Straße und durch einen Baumstreifen getrennt, kann sie Flaniermeile sein, von der aus sich das Kulturforum erschließt. Mauer und Platz werden zur Galerie unter freiem Himmel. Wechselnd können sie von verschiedenen Ausstellungen genutzt werden, mit Werken der Hochkultur ebenso wie mit denen von Jungen und Wilden. Und natürlich verträgt es auch ein Café oder eine Wurstbude, luftige Pavillons temporär oder auch dauerhaft etabliert, wenn der Platz sorgfältig ausgesucht wird, die Architektur gut oder vielleicht selbst Kunst ist. Massive Bebauung allerdings können wir uns allenfalls vorstellen in der Verdichtung der Ränder, als Verflechtung zu den angrenzenden Quartieren und insbesondere zum Potsdamer Platz hin. Die Mitte also bleibt frei, die Philharmonie liegt in einem offenen grünen Landschaftraum, eine ruhige entspannte Atmosphäre und Gegenpol zu Dichte und Getriebe am Potsdamer Platz. Den räumlichen Rahmen skizziert ein Schleier von Ölweiden, der sich zu den Straßen hin verdichtet und auch die Potsdamer Straße überspringt. Die Wegestrahlen aus verschiedenen Belägen – Hommage an Mattern – verbinden eher informell zu den Galerien und zur Neuen Staatsbibliothek. So entsteht vom gebauten steinernen Plateau der Neuen Nationalgalerie aus, über den befestigten aber doch grünen Platz um die St. Matthäus-Kirche und die Gärten um die Philharmonie bis hin zum Tiergarten eine Abfolge von verschiedenartigen Räumen mit einem Gradienten von gebauter Freiraumarchitektur bis hin zu städtischer Natur.
Kiefernhain mit Kiosk in Rom

Landschaftsplanerischer Wettbewerb mit städtebaulichem Anteil 1998, 1. Preis: Valentien + Valentien mit Hillmer und Sattler

Die artifizielle Struktur der Säulenhalle mit den weit auseinander stehenden und immer ein wenig aus der Reihe tanzenden Kiefern, mit dem lebhaften Spiel von Licht und Schatten versprach dabei eine ganz eigene Atmosphäre, das ganze Jahr über. Und dies war der erste Sündenfall. Nach polemischen Zeitungsartikeln wurden die Kiefern gecancelt und durch Götterbäume ersetzt. Schöne Bäume, aber in ihrer Wirkung nicht vergleichbar.

Ein wesentliches Element ist die Topographie des neuen Platzes. Mit feiner Modellierung wird ein neues „Tal” geformt. Entlang der lauten Potsdamer Straße entsteht eine Kante, nur einen Meter hoch, aber doch

Einige Schlussbemerkungen aus heutiger Sicht: 1. Die Gestaltung des Kulturforums kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie authentisch ist. Seit der Entwicklung von Scharouns Stadtlandschaft

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unwiderruflich die Chance verspielt, hier heute – oder später – einen kulturellen Ort zu schaffen, der in der Choreographie der öffentlichen Räume Berlins eine herausragende Bedeutung hat. 5. Der FreiRaum am Kulturforum ist unverzichtbar; als Kontrast zum Potsdamer Platz, ohne kommerzielle Dominanz, ein ruhiger entspannter Ort, offen und unprätentiös gestaltet. 6. Das Kulturforum ist ein Ort, der prädestiniert ist, Spielraum zu sein und Bühne für Ausstellungen, Events, Workshops oder Feste. Wichtiger als weitere Bauten wäre eine kompetente Intendanz, die mit den Museen zugleich den öffentlichen Raum bespielt und Ereignisse wie „Moma” nutzt. Was in den Häusern geschieht muss sich nach außen spiegeln, ergänzend oder kontrapunktisch. Die Museen und die Philharmonie müssen den Raum als ihr gemeinsames Foyer begreifen. Dann wird die Frage nicht mehr auftauchen, wie die Galerien zu finden seien.

Skulpturenmauer mit Rollrasen anstelle der Promenade

hat sich nahezu alles geändert, politisch, gesellschaftlich, städtebaulich, das muss sich in jedem stimmigen Konzept ausdrücken. 2. Die Stadt des 19. Jahrhunderts existiert an dieser Stelle nicht mehr und sie ist auch nicht zu simulieren durch Kulissenbauten entlang der St. Matthäus-Kirche. Ob diese, aus kommerziellen Gründen errichteten, Bauten die architektonische oder städtebauliche Qualität des Ortes steigern werden, darf bezweifelt werden. Unzweifelhaft ist, dass sie die Blickbeziehungen zwischen den Architekturdenkmalen massiv beeinträchtigen würden. Die St. Matthäus-Kirche jedenfalls braucht diesen Rahmen nicht. Sie steht für sich, in hoher Qualität. Eines der meist fotografierten Motive am Kulturforum ist das Bild der Kirche durch die filigrane Glaskonstruktion der Neuen Nationalgalerie hindurch oder als Spiegelung auf deren Fassade, ein ästhetisches Spiel von hohem Reiz.

Entwurf Skulpturengarten Museum of the Arts, Houston, Mies van der Rohe

7. Es wird an dieser Stelle keine Lösung geben, der alle applaudieren, das ist sicher. Sicher ist auch, dass der kleinste gemeinsame Nenner am Ende niemanden befriedigen oder gar begeistern wird. Man sollte den Mut haben sich für ein konsistentes Konzept zu entscheiden. Solange der Mut oder das Geld nicht vorhanden sind, sollte man den Platz nicht verbauen, sondern offen lassen, als Chance für die Zukunft.

Nordfassade der Neuen Nationalgalerie mit Spiegelung der St. Matthäus-Kirche

3. Die Bauwerke am Kulturforum sind herausragend und sie sind so individualistisch, dass der Versuch sie zu einer homogenen städtebaulichen Struktur zu verbacken, im Grundsatz falsch ist. Der Zusammenhang muss über die Inwertsetzung des Freiraumes erreicht werden. Dies schließt behutsame bauliche Ergänzungen im Bereich Gemäldegalerie nicht aus. 4. Der jetzt diskutierte Entwurf läßt zwischen den Bauten und den Straßen nur verlärmte, zerschnittene und unbrauchbare Restflächen übrig. Die wichtigste Aufgabe, der Um- oder Rückbau der stadtzerstörenden Verkehrstraßen und der Parkplätze, wird nicht angegangen. Damit wird

Die Gestaltung der zentralen Platzfläche

Schließlich, Sie werden es mir nachsehen, ich bin noch immer überzeugt, dass unser Entwurf, wenn man ihn denn fertig stellen würde, am Kulturforum eine sympathische Atmosphäre und einen vielseitig nutzbaren Stadtraum entstehen ließe, und ich weiß, dass es möglich wäre, ihn neuen Bedürfnissen entsprechend weiter zu entwickeln, ohne ihn im Kern infrage zu stellen.

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Prof. Günter Nagel Herr Präsident, meine Damen und Herren, Ausgangspunkt dieser Erörterungen ist der Beschluss des Abgeordnetenhauses vom 12.12.2002: „Der Senat wird aufgefordert, auf der Grundlage der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses und des städtebaulichen Leitbildes von Hans Scharoun ein Konzept zur Weiterentwicklung des Kulturforums vorzulegen.” Mein Beitrag wird den Frage nachgehen,
3⁄4 welche Rolle spielt der Begriff der Stadtlandschaft

in diesem städtebaulichen Leitbild
3⁄4 welche Intentionen liegen der Gestaltung der

Außenräume an den Scharounbauten zugrunde
3⁄4 und zielt auf einen Ausblick möglicher

Entwicklungspotentiale. Zum Schluss werde ich einige Anmerkungen zum weiteren Verfahren machen. Meine persönliche Erinnerung, Kenntnis vielleicht auch Erkenntnis setzt 1963 mit dem Bau der Außenräume an der Philharmonie ein. Ein Zeitraum von vier Jahrzehnten liegt dazwischen, für manche lange genug, um die Konzepte dieser Zeit der Sedimentation der Geschichte zu überlassen. Offenbar sind diese aber immer noch virulent. Die „Initiierung eines breit angelegten Diskurses mit der Stadtöffentlichkeit in Form von Architektengesprächen” – wie diesem hier – „Workshops” – die hoffentlich folgen – „und ggf. Ausstellungen und Internetforen” ist sehr zu begrüßen und wird hoffentlich zu einem qualifizierten Konzept führen. Die in der Vorlage für das Abgeordnetenhaus genannten Essentials versuchen das Problem einzugrenzen und z. T. auch einzuengen und sind in sich nicht widerspruchsfrei. So ist z. B. die „Konzentration auf einen stadtlandschaftlich gestalteten Kernraum ein Widerspruch in sich.” Es wird also darauf ankommen, den Satz aus der Vorlage für das Abgeordnetenhaus, dass die „Essentials und die städtebaulichen Entwürfe... als Hypothese, die im weiteren Planungs- und Entwicklungsprozess überprüft werden sollen”, sehr ernst zu nehmen. Zum Begriff „Stadtlandschaft” Ich will und kann wegen der knappen Zeit hier keine historische Ableitung des Begriffs vornehmen. Zweifellos steckt in der Kombination der Begriffe „Stadt” und „Landschaft” der Versuch, die klassische Polarität zwischen beiden zu überwinden. Seit der Öffnung der Mauern und Befestigungsanlagen, verstärkt durch die modernen Verkehrsmittel, ist die Durchdringung von Stadt und Landschaft seit dem 19. Jahrhundert unumkehrbar geworden. Daraus ein Gestaltungsprinzip zu gewinnen war sicher ein bemerkenswerter Versuch, die europäische Stadt weiter zu entwickeln. In vielen Formen finden die Versuche zur Durchdringung und Verschmelzung von Stadt und Natur z.B.

in Reformsiedlungen der 20er Jahre Ausdruck, ohne dass daher dafür bereits der Terminus „Stadtlandschaft” galt. Dieser Begriff wird vielmehr um 1920 zu einer deskriptiven Kategorie der Sozialgeografen und kennzeichnet Gruppen von Städten, die sich in einem geografisch definiertem Raum befinden. Erst 1934 wird „Stadtlandschaft” in einer Analyse des Kölner Raums als planerische Kategorie eingeführt. Unter diesem Begriff wollen die Architekten Wolfgang Bangert und Eugen Blanck – zuvor Mitarbeiter von Ernst May – ihre Absicht vermitteln, den Gegensatz zwischen Stadt und Land aufzuheben und die Kölner Bucht als „natürliche Einheit” zu planen, in der – wie es heißt – „alle Elemente der Siedlung zu einer gemeinsamen Ordnung” zusammengefasst werden. Wenig später arbeitet Bangert an seiner Dissertation zur Morphologie der deutschen Stadtlandschaft – am Beispiel von Frankfurt am Main, eine Dissertation, die 1937 als Buch erscheint (1). Damit ist der Begriff Stadtlandschaft in die Fachliteratur eingeführt. Stadtlandschaft im heutigen Sinne ist für mich kein formales Problem, kein funktionales Problem, kein ökologisches Problem, sondern ein Problem der Integration dieser drei Aspekte. Dabei sind die Nutzungsanforderungen und ökologischen Wirksamkeiten zu einer prägnanten identifizierbaren Gestalt zu führen. Dieses ist meiner Überzeugung nach das Wesen von Landschaftsarchitektur. Und in diesem Sinne ist Stadt verdichtete, kultivierte Landschaft, der vermeintliche Gegensatz aufgehoben durch Integration. In Berlin über Stadtlandschaft zu sprechen muss bei Peter Joseph Lenné beginnen. Er legte bereits 1840 ein Konzept der Durchdringung von Grünelementen mit der historischen Stadt vor. Aus der Überlagerung z.B. des axialen Systems des alten Jagdforstes mit freien Formen der Raum- und Reliefbildung entstand der Große Tiergarten. Bei Lenné sind die Ränder ebenso wesentlich wie die Mitten. „Es war übrigens Schinkel, der nach seiner EnglandReise das Kupfergrabengebiet um die Bauakademie nach den Idealen des englischen Landschaftsgartens zur Stadtlandschaft gestaltete, er suchte den Kontrast zur Barockstadt.” (2) Und in Stadtlandschaft steckt immer noch eine produktive Dialektik, so dass ich hier einer Definition von Werner Durth folgen möchte, der nach einer sorgfälti-

Berlin-Tiergarten, Lenné 1832

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gen historischen Analyse zu folgendem Fazit kommt: „Stadtlandschaften der Moderne sind ... beides: ein beendetes historisches Modell, doch zugleich Potenziale für morgen”. (1) Unsere Aufgabe hier sehe ich im Aufzeigen dieser „Potentiale für morgen”. Zu den Außenräumen an den Scharounbauten: Es zeichnet die Architektur Scharouns aus, dass Innenräume immer in Korrespondenz zu Außenräumen gedacht werden – auf diese Qualität reflektiert Matterns Intention, seine Entwürfe für Außenräume auf die Innenräume zu beziehen. Dies war die Grundlage ihrer Zusammenarbeit. Dabei spielte der Begriff „Stadtlandschaft” im Arbeitsprozess keine Rolle – ich habe ihn nicht ein einziges Mal gehört. Und deshalb sollte man ihn begrifflich auch nicht überstrapazieren. Falk Jaeger hat neulich in einem Aufsatz in der Süddeutschen Zeitung einige einfache Merkmale formuliert, die für die Solitärbauten im Kulturforum zutreffen: „Die Architekturen, mit denen er das Kulturforum arrangieren wollte, sind eben keine „Hänge”, sondern Solitäre, architektonische Einzelstücke, die ein freies Umfeld benötigen, um zur Wirkung zu kommen, eine weite Wiese eben, keine vollgestellten Parkplätze, Hecken und Straßenmöbel.” (3) Und ich füge hinzu: die korrespondierenden Außenräume brauchen Luft zum Atmen – Distanzen und Verbindungen – freie Ränder und Fokussierung auf Brennpunkte. Die Außenräume der Philharmonie Der Entwurf für die Außenräume stammt von Hermann Mattern, meine erste Aufgabe in Berlin war die Bauleitung hierfür. Was fanden wir vor? Der Bau von Scharoun – sich von innen nach außen entfaltend – stand auf einer räumlich unstrukturierten Trümmerfläche am Rande des Großen Tiergartens. Seine Zugänge, Zufahrten, Foyeröffnungen bestimmten den außenräumlichen Entwurf. Mit einem großen, schützenden und bergenden bepflanzten Wall gegen die nach dem Bau der Mauer 1961 durch den Tiergarten geschlagene Entlastungsstraße, wurde dem Bau ein großer Außenraum zugeordnet, der als Außenfoyer diente. Die im Inneren der Philharmonie differenziert ausgeführten Natursteinbeläge werden wie Empfangsteppiche nach außen „gerollt” und mit dem schlichten Belag der öffentlichen Gehwege verzahnt. Einige Götterbäume akzentuieren den Außenraum, sie wuchsen so gut, dass die bald fruchteten und überall im Quartier junge Götterbäume wuchsen, zur Freude der später folgenden Stadtökologen. Ein Hain aus Ölweiden – dem trockenen Standort angepasst – wirkte fast wie ein Olivenhain – dem Prototyp einer Kulturlandschaft. Einfache Mittel, klare Zuordnungen, maßstäbliche Distanzen waren die Grundzüge dieser entstehenden Stadtlandschaft. Es folgten dann ab 1972 die Neue Staatsbibliothek – für den Entwurf der Außenräume zeichnete mein Büro verantwortlich – ein leicht terrassierter „Außen-

Blick auf die Philharmonie und Kammermusiksaal von der Herbertvon-Karajan Straße

lesesaal” sollte hier entstehen. Mit dem Anbau des Instituts für Musikforschung und dem Kammermusiksaal verdichteten sich die baulichen Strukturen um die Philharmonie – die Außenräume wurden enger gefasst. Das gegenüberliegende Ensemble der Museumsbauten trägt andere architektonische Handschriften – die Außenräume formulieren sich entsprechend hier in enger Anlehnung an die Gebäude als Vorgärten oder Hofgärten. Die Terrassen- und Treppenanlagen der Neuen Nationalgalerie heben diese aus der Fläche heraus und schaffen allseitig Blickbeziehungen. Der eingesenkte Skulpturengarten bildet hierzu im Kontrast einen ruhigen und intimen Außenraum. Das Kulturforum im Ganzen ist im Hinblick auf die von Scharoun konzipierten Bauten Fragment geblieben. Der stadtlandschaftliche Charakter, der in der Verbindung der Gebäude durch Grünräume einerseits, notwendige Distanzen andererseits gekennzeichnet ist und insbesondere in der Verbindung zum Großen Tiergarten eine übergreifende stadträumliche Dimension sucht, wird heute von den Rändern her bedrängt. Die hohe Glaswand von Sony neben dem zweigeschossigen Institut für Musikforschung sprengt jede Maßstäblichkeit! Durch die wenig überzeugende Umlenkung des Nord-Süd-Verkehrs in die Ost-West-Richtung steht die Neue Staatsbibliothek heute auf einer Verkehrsinsel, vom Forum abgetrennt. In den vielfältigen Papieren zu diesem Diskurs taucht synonym für die Außenräume an den Scharounbauten mehrfach der Begriff „Mattern-Gärten” auf – und bezeichnet sicher richtig die Intimität und Detailgestalt einzelner Teilräume – reicht aber nicht aus, um stadträumlichen Zusammenhang auszudrücken. Übrigens – der Pflegezustand dieser Gärten ist nicht gut – sie brauchen aber eine angemessene Pflege, um hinreichend attraktiv zu sein. Anmerkung zum Begriff „Kulturforum”: Ich will hier keine Begriffe klopfen – aber um falsche Vorstellungen zu vermeiden, ist es sinnvoll genauer zu unterscheiden: Forum – lateinisch Begräbnisplatz auch Marktplatz – beides trifft in unserem Falle nicht den Charakter,

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tung bisher verfolgte Nutzungskonzept eine verlässliche Leitlinie für künftige Entwicklungen bildet. Doch zum Schluss wird eine Umprofilierung des Kulturforums angekündigt, die dann mit neuen Programminhalten in einem Masterplan 4 münden soll, der wieder alles über den Haufen wirft. Also, keine verlässlichen Planungsgrundlagen, um mittel- bis langfristige Ziele zu formulieren. Mehr möchte ich zur Architektur und Nutzungskonzeption nicht sagen und mich auf die offenen Räume konzentrieren. Im Sinne der stadtlandschaftlichen Konzeption sind zwei Bezugsräume wichtig: im Norden der Große Tiergarten, auf den der Haupteingang der Philharmonie orientiert ist, ohne je Verbindung erlangt zu haben – der Tiergartenrand ist hier eher eine waldartig geschlossene Kante – und der Landwehrkanal im Süden, an den sich die Neue Nationalgalerie anlehnt. Dabei zeichnet sich eine potentielle Verbindungslinie ab, westlich der Nationalgalerie über die St. Matthäus-Kirche mit ihrem Vorplatz zwischen Philharmonie und Kunstgewerbemuseum hindurch – bei sensibler Öffnung des Parkrandes direkt auf einen möglichen Verknüpfungspunkt mit der Bellevueallee zielend. Die Plastik von Serra bezeichnet den Punkt, wirkt aber selbst bis jetzt als Barriere. Von hier ergeben sich großzügige Verbindungen in Richtung Brandenburger Tor – Unter den Linden – Museumsinsel wie von

Gartengestaltung an der Gemäldegalerie in der Sigismundstraße

besser wäre von einem „Kultur-Campus” zu sprechen, einem spannungsreichen Feld zwischen den spezifischen kulturellen Leistungen in den Solitären. Ganz verfehlt halte ich allerdings den ins Spiel gebrachten Begriff „Museumsinsel-West” als Pendant zur Museumsinsel-Ost. Abgesehen davon, dass es sich hier nicht nur um Museen handelt, ist gerade „Verinselung” falsch – vielmehr wird Verflechtung und Verbindung gesucht. Die Museumsinsel-Ost ist als Insel zwischen zwei Wasserläufen definiert, das ist auch ihre Besonderheit. Donata Valentien hat im Zusammenhang mit der Schloss-Debatte darauf hingewiesen, dass bei den Planungen dort der Inselcharakter durch Gestaltung der Gewässerränder und Ufer eine wichtige Planungsmaxime sein muss. Es gilt also die Unterschiede zu betonen, nicht sie zu nivellieren. Zu den Potentialen Im Laufe dieser Architekturgespräche ist schon viel analytisches Material zusammengetragen worden. Die Bewertung und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen sind oft metaphorisch – daraus hergeleitete Vorschläge heterogen. So wenn Florian Mausbach die Planungsgeschichte der einzelnen Solitäre anschaulich darstellt – dann aber zu dem Schluss kommt: das Kulturforum „wie mit den hohen Pfählen eines unsichtbaren Zaunes” mit dem Potsdamer Platz „in einer neuen zeitgemäßen Raumdimension” zusammenzubinden. Gedacht ist an Hochhäuser bis 250 m Höhe. Ob hier die auch in anderen Städten wie München und Köln zur Zeit wieder hochkochende Hochhausdebatte durchschlägt oder nur die maximale Ausnutzung von Restgrundstücken anvisiert ist – verräterisch ist die damit verbundene „Einzäunung”. Was soll hier eingezäunt werden – in einem Raum, der jahrzehntelang durch eine Mauer getrennt war? Wenn die bisherigen Testversuche – auch die der Studenten der Universität der Künste – eines klargestellt haben, dann ist es für mich die Erkenntnis, dass zusätzliche Gebäude im Ensemble sich unterordnen müssen, die horizontale Dimension betonen müssen und vertikale Elemente den Raumzusammenhang zerstören. Dies gilt schon jetzt gerade für die Scharounbauten mit ihren dynamischen Dachlandschaften. Mit großem Gewinn habe ich den Aufsatz „Museumsstandort Kulturforum” von Gisela Holan (5) gelesen und hatte dabei die Erwartung, dass das von der Stif-

Lesegarten vor der Neuen Staatsbibliothek

Holan gefordert – aber auch zum Reichstag und zum Regierungsviertel im Norden wie auch zum Schloss Bellevue und der Akademie der Künste im Westen. An das Rückgrat dieser Verbindungslinie lehnt sich der zentrale Platzraum an. Entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung dieser offenen Räume ist eine Neuordnung des Verkehrs, dem Hauptstörfaktor des Kulturforums, und dies auf allen Ebenen:
3⁄4 der Individualverkehr muss reduziert werden

durch den Rückbau der Sigismundstraße, die die Neue Nationalgalerie zum zentralen Raum abtrennt und der Scharounstraße, die den Philharmoniekomplex ebenso abtrennt.

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Die Potsdamer Straße ist auf ein minimal erforderliches Profil zu reduzieren. 3⁄4 Der ruhende Verkehr muss auf ein Verbundsystem peripherer Standorte verwiesen werden Konzepte hierfür gibt es. Dies wird möglich sein, wenn der öffentliche Personennahverkehr deutlich gestärkt wird. Die Museumsinsel ist über die S-Bahn an das Schnellbahnnetz angeschlossen, das Kulturforum braucht Vergleichbares. Durch die neue Zentralität des entstehenden Hauptbahnhofs, der radikal in die vorhandene Stadtstruktur eingreift, müsste dort ein Anschluss gesucht werden. In welcher Form und Trassierung auch immer – z. B. in Richtung Gleisdreieck. Vielleicht wie die DocklandLight-Rail, die die Londoner City mit den Docklands verbindet. Hier im Kulturforum gab es bereits die Versuchsstrecke einer Magnetschwebebahn mit Bahnhof direkt neben der Philharmonie. Sie ist schnell verschwunden, um der Potsdamer Platz-Bebauung Raum zu geben – die Verbindungsfunktion hat man dabei vergessen. Dann könnte auch der öde Busparkplatz hinter der Philharmonie aufgegeben werden und hier die Verbindung zum Tiergarten kultiviert werden. Und schließlich sind die Fußwegverbindungen komfortabler zu entwickeln, die die einzelnen Solitäre untereinander und mit ihrer Umgebung verknüpfen. Diese Neuordnung der Infrastruktur wird nicht zum Nulltarif zu haben sein – wenn man aber die Investition auf der Museumsinsel vergleicht, muss man für das Kulturforum einen ähnlichen Maßstab anlegen.

Strukturkonzept

den von mir schon angesprochenen Umgang mit dem Tiergartenrand in großzügigen Variationen. Bei der weiteren Arbeit sollte man sie genauer betrachten. Die Zeit ist reif zu angemessenen Lösungen dieses „Randproblems”. Zum weiteren Verfahren Ich beziehe mich hier auf Empfehlungen der Abteilung Baukunst der Akademie der Künste vom Mai 2004. (6) Dem Auftrag des Abgeordnetenhauses folgend: „auf der Grundlage der Beschlüsse... und des städtebaulichen Leitbildes von Hans Scharoun ein Konzept zur Weiterentwicklung des Kulturforums vorzulegen”.
3⁄4 „Dabei kann es nicht darum gehen, ein „nur

teilweise realisiertes Stadtlandschaftskonzept unter Denkmalgesichtspunkten” nachträglich „konservatorisch zu vollenden”. Die Weiterführung und Neuinterpretation des Konzeptes von Scharoun sollte in einer neuen, zeitgemäßen Raum- und Gebäudetypologie vorgedacht werden, die weder im unmittelbaren Rückgriff auf das scharounsche Formenrepertoire noch im Leitbild der kritischen Rekonstruktion ihren Halt und Rahmen findet. In genauester Kenntnis des Baubestandes sollten dessen Potentiale entfaltet und durch Neubauten ergänzt werden, die im Ensemble der freien Formen und offenen Räume mitspielen können, ohne selbst neue Spielregeln einzuführen.
3⁄4 Zum baldigen Ende der beklagten Unwirtlichkeit

Plastik von Richard Serra am Busparkplatz neben der Philharmonie

Dieses vorausgesetzt kann durch Überlagerungen und Verflechtung der Ränder mit dem zentralen Platzraum eine neue Qualität der Gestaltung und Nutzung der offenen Räume im Kulturforum gefunden werden – in die sich auch ergänzende Bauten einfügen lassen. Dies wäre Aufgabe eines Entwurfsworkshops nach Klärung der oben genannten Voraussetzungen. Es gibt übrigens auch von Walter Rossow Entwürfe zum Kulturforum, die meines Wissens noch nie diskutiert wurden. Sie wurden von Norbert Schindler von der damaligen Abteilung Grün beim Senator für Bau- und Wohnungswesen in Auftrag gegeben. Rossow war lange Jahre im Planungsbeirat und hat den Senat kompetent beraten. Ich habe diese Pläne im Archiv der Akademie der Künste gefunden. Sie zeigen

weiter Teile des Kulturforums könnten zunächst schon Maßnahmen zur Entfaltung der Potentia-le des gebauten Bestandes beitragen (z.B. Umau der Zugänge und Foyerbereiche, Rückbau der Potsdamer Straße, Anlage einer Promenade, Freiraumgestaltung im Sinne einer Weiterentwicklung des erstplazierten Wettbewerbsbeitrages von 1999). Mit relativ sparsamen und rückhaltenden Maßnahmen zur Freiraumgestaltung und mit präzisen baulichen Interventionen – insbesondere zur Verbesserung des gastronomischen und kommerziellen Angebots – ließe sich eine Aufwertung des gesamten Bereiches erzielen, ohne durch aufwändige Baumaßnahmen den Gesamtcharakter des Ensembles zu gefährden.

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3⁄4 Diese Gefahr wird noch erhöht durch die nach

Literatur 1)
Durth, Werner: Zum Begriff der Stadtlandschaft in: Stadtlandschaft – Tagungsbericht 1999, Beiträge zur räumlichen Planung, Heft 50, Schriftenreihe des Fachbereichs Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung der Universität Hannover, 1999 Heinrich, Vroni: Die Idee der Stadtlandschaft bei Hermann Mattern in: Stadtlandschaft – Tagungsbericht 1999, Beiträge zur räumlichen Planung, Heft 50, Schriftenreihe des Fachbereichs Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung der Universität Hannover, 1999 Jaeger, Falk: Gebt Scharoun, was Scharouns ist in: Süddeutsche Zeitung Nr. 184, S. 15, vom 11. 08. 2004 Mausbach, Florian: Kulturforum – Museumsinsel der Moderne in: Kulturforum Berlin Herausgeber: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung Berlin 2004 Molan, Gisela: Museumsstandort Kulturforum in: Kulturforum Berlin Herausgeber: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung Berlin 2004 Akademie der Künste Stellungnahme der Abteilung Baukunst der Akademie der Künste zur Weiterentwicklung des Kulturforums Berlin 10.05.2004

dem Konzeptplan 2004 erforderliche „Vermögensaktivierung potentieller Baugrundstücke” zugunsten umfangreicher Neubaumaßnahmen, die gerade angesichts der Nähe des Potsdamer Platzes und der im Sinne des StadtlandschaftsGedankens zu kultivierenden Kontrastwirkung des Kulturforums nicht im vorgeschlagenen Konzept und Ausmaß weiter verfolgt werden sollten. Mit der Privatisierung zentral gelegener Flächen kann eine Verwertungsdynamik ausgelöst werden, die sich vermutlich weder in der Gestaltung noch in der Nutzung künftiger Bauten derart kontrollieren lässt, dass auch auf längere Sicht der hohe öffentliche Anspruch an das Kulturforum und seine Freiräume adäquat gesichert werden kann.
3⁄4 Da die bisherigen Vorarbeiten verschiedener

2)

3) 4)

5)

6)

Verfasser zum Konzeptplan 2004 offenbar auf einem gemeinsamen Grundverständnis und Willen zur Wiedergewinnung von Stadträumen in einer Typologie jenseits der StadtlandschaftsIdee beruhen, wird eine Öffnung des Verfahrens empfohlen zur Diskussion weiterer Vorstudien, die unterschiedliche konzeptionelle Ansätze erkennen lassen. Dazu wird ein kooperatives Planungsverfahren vorgeschlagen, an dem Akteure aus verschiedenen Arbeitsfeldern, also Architekten, Stadt- und Freiraumplaner auch mit deutlich anderen konzeptionellen Positionen zu beteiligen sind. Ein derart erweiterter Erkenntnisgewinn im Umgang mit dem Kulturforum sollte Vorstufe für die dann folgenden Werkstattverfahren sein. Für die Moderation des vorgeschlagenen kooperativen Verfahrens im Vorfeld sollte eine unabhängige Persönlichkeit mit höchster Fachkompetenz gewonnen werden; Vorschläge dazu wird die Abteilung Baukunst der Akademie der Künste dem Senat gern unterbreiten. Der Konzeptplan 2004 wird – trotz der berechtigten Kritik am gegenwärtigen Zustand des Kulturforums und funktional wichtiger Hinweise zu seiner weiteren Entwicklung – als städtebaulich zu einseitig, mit dem Stadtlandschafts-Konzept unverträglich und damit insgesamt als untauglich abgelehnt. Mit Blick auf die Zukunft des Kulturforums ist die Pflege des Erbes nur durch eine Weiterentwicklung und Interpretation des Bestandes im Sinne neuer künstlerischer Tendenzen möglich, nicht durch die Übertragung eines in anderen Teilen der Stadt seit Jahrzehnten bewährten, hier aber kontradiktorischen Leitbildes. Mit einer solchen Weiterentwicklung und Interpretation böte sich Berlin die einmalige Chance, im Kontrast zur Bebauungsdichte in den Blockfiguren am Potsdamer Platz die belebte Weiträumigkeit des Kulturforums mit seinen künftig vielfältigen Aufenthaltsqualitäten und Nutzungsangeboten einerseits als kulturelles Erbe erfahrbar zu machen und es andererseits als ein öffentliches Spielfeld unkonventioneller, teilweise auch temporärer Architektur im Sinne der Stadtlandschafts-Idee zu nutzen – und so dem städtischen Leben Berlins eine neue Bühne gelebter Urbanität zu geben.“

Abbildungen
Aufnahmen: G. Nagel Tiergartenplan von 1832: ? Strukturkonzept: Archiv der Akademie der Künste

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Architekturgespräch 68 – Kulturforum IV Wettbewerbe und Pläne von 1963 bis 1989 Städtebaulich und architektonisch steht das Kulturforum für die radikale Antwort der Planer der 1950iger und 1960iger Jahre auf das großstädtische Berlin des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Seitdem haben immer wieder Stadtplaner und Architekten ihrer Zeit entsprechend Konzepte für die Gestaltung und Weiterentwicklung des Kulturforums entworfen. Das weitreichendste Konzept wurde im Rahmen der „Internationalen Bauausstellung” (IBA) in Berlin als Ergebnis des internationalen Gutachterverfahrens 1983/84 entwickelt. Prof. Hans Hollein ging als Preisträger aus diesem Verfahren hervor. Die Umsetzung des Entwurfs verzögerte sich jedoch und wurde 1989 mit dem Fall der Mauer aufgegeben. Bei der Veranstaltung präsentieren drei Zeitzeugen aus den entscheidenden Planungsphasen des Kulturforums ihre Konzeptionen und reflektieren über eine Weiterentwicklung des Standortes. Zum Architekturgespräch eingeladen wurden die zu unterschiedlichen Zeiten an der Gestaltung des Kulturforums beteiligten Architekten und Stadtplaner. Dr. Edgar Wisniewski als enger Mitarbeiter von Hans Scharoun referierte über die ursprüngliche städtebauliche Idee der Stadtlandschaft und die Weiterentwicklung aus seiner Sicht. Dietrich Bangert und Christine von Strempel stellten die Entwicklungen um das Kulturforum während der IBA-Zeit dar. Ergebnis der Veranstaltung war die Erkenntnis, dass die ursprünglichen Planungen nur sehr bedingt Entwi cklungsmöglichkeiten für zukünftige Konzepte bieten. Die Randbedingungen im Bereich des Kulturforums haben sich derartig verändert, dass auch ein zukünftiges Bebauungskonzept nicht losgelöst davon entwickelt werden kann.

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Dr. Edgar Wisniewski Meine Damen, meine Herren, es gehört zu den höchst negativen Erscheinungen unserer Zeit, wie rücksichts- ja verantwortungslos mitunter mit den großen Dokumenten des Bauens umgegangen wird. In der Musik gibt es noch die Achtung vor dem Besonderen, besteht die Verpflichtung vor dem Werk es zu schützen oder es im Sinne und nach dem Willen seines Schöpfers zu vollenden. Ich nenne nur zwei Beispiele: Gustav Mahlers 10. Symphonie, die nur im Particell und z.T. nur in Skizzen vorlag und Alban Bergs Oper LULU, bei der durch die adäquate Vervollständigung des 2. Aktes ein Werk gewahrt und als Gesamtkunstwerk gerettet wurde. Mit Berlins Kulturforum geschieht seit Jahren das Gegenteil eines verantwortlichen Umgangs mit einem Meisterwerk, das als ganzheitliches Werk zu bewahren und nach den vorliegenden Plänen und gegebenen Voraussetzungen nur zu vollenden ist. Es ist erst wenige Monate her, dass der frühere Senator für Stadtentwicklung von der Philharmonie, der Neuen Staatsbibliothek und der Neuen Nationalgalerie als Juwelen der Baukunst und Ikonen Berlins sprach und dennoch dem Senat einen Plan vorlegte, der die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses von Berlin vom 1.7.99 und 12.12.02 missachtet, Scharouns städtebauliche Konzeption zerstört und die vorgenannten weltbekannten Bauten in ihrer Erscheinung und Ausstrahlung in hohem Maße beinträchtigt und schädigt. Der Senat hat diesen Plan nicht - wie immer wieder fälschlich zu lesen ist - beschlossen, sondern lediglich zur Kenntnis genommen. Der entscheidende Satz des Beschlusses des Abgeordnetenhauses – also der Legislative – vom 1.7.1999 lautet jedoch: „Die Vollendung des Kulturforums… auf der Grundlage der städtebaulichen Planung von Hans Scharoun unverzüglich einzuleiten und zum Abschluss zu bringen”. Darauf nimmt der erneute Beschluss vom 12. Dezember 2002 ausdrücklich Bezug; er lautet: „Der Senat wird aufgefordert, auf der Grundlage der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses und des städtebaulichen Leitbildes von Hans Scharoun ein Konzept zur Weiterentwicklung des Kulturforums vorzulegen.” Anstatt den Beschluss nach dem Willen der Legislative umzusetzen, wurden mehrere Architekturbüros seit langem zu Gegenvorschlägen zu Scharouns Werk animiert und angesetzt, wie die Ausstellung in der Behrenstraße zeigt, oder wie hier bei den Veranstaltungen vorgetragen wurde. Die Weiterentwicklung des Kulturforums nach dem Wettbewerbserfolg für den Bau der Staatsbibliothek mit dem Künstler-Gästehaus hat Scharoun noch acht Jahre nach dem Wettbewerb in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit der ehemaligen Architektengemeinschaft Scharoun/Wisniewski erleben können – die baulichen Umsetzungen, bis auf den kleinen Nordbauteil der Staatsbibliothek, jedoch nicht. Die Weiterentwicklung auf der Grundlage der städtebaulichen Konzeption der Stadtlandschaft von Scharoun und mir sollte hier ursprünglich verschwiegen werden und wird auch in der Ausstellung nicht gezeigt – dass ich auch für Scharoun hier zu Worte komme, bedurfte der Unterstützung. Mein Bericht über die Grundlagen der städtebaulichen Konzeption und deren Weiterentwicklung entspricht also den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses, in dem diese Veranstaltung stattfindet. Mit meinem Vortrag stelle ich das partnerschaftlich geschaffene und urheberrechtlich geschützte Werk in keiner Weise zur Disposition.

Die Grundlagen der Städtebaulichen Konzeption

Scharoun vor dem Modell des Wettbewerbes, 1964

In einem Vortrag am 5.9.1946 erläutert Scharoun – anlässlich der Ausstellung „Berlin plant” – die städtebauliche Struktur der Stadtlandschaft: „ ... Was blieb, nachdem Bombenangriffe und Endkampf eine mechanische Auflockerung vollzogen, das Stadtbild aufrissen. Das was blieb gibt uns die Möglichkeit, eine ‚Stadtlandschaft’ daraus zu gestalten. Die Stadtlandschaft ist für den Städtebauer ein Gestaltungsprinzip, ... Durch sie ist es möglich Unüberschaubares, Maßstabloses in übersehbare und maßvolle Teile aufzugliedern und diese Teile so zueinander zu ordnen, wie Wald Wiese Berg und See in einer schönen Landschaft zusammenwirken. So also, daß das Maß dem Sinn und dem Wert der Teile entspricht

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und so, daß aus Natur und Gebäuden, aus Niedrigem und Hohem,Engem und Weitem eine lebendige Ordnung wird. ... Darin drückt sich das ewig gültige Gesetz der Freiheit in Grenzen aus, die eine Gestaltgabe ohne Fesseln und ohne Bedrohung der Rechte des einzelnen gestattet, wenn einmal ein klar ordnender und formender Gesichtspunkt erarbeitet und gegeben ist. Der noch vom Organischen und nicht von der Organisation als dem Postulat des Gestaltungsprinzips ausgeht.” Seit vielen Jahren wird die Fertigstellung des Kulturforums durch den Bau des zentralen Gebäudes des Künstler-Gästehauses blockiert. Damit soll nicht nur das Gebäude, sondern die Realisierung der städtebaulichen Struktur der Stadtlandschaft in Berlin verhindert werden! Scharoun hat den Kampf um die Verwirklichung seines städtebaulichen Erbes für Berlin nicht mehr erlebt. Seine Worte anlässlich der Eröffnung der Ausstellung der Akademie der Künste: „Für Berlin geplant - und nie gebaut” gelten auch noch heute: (Auszug) „ ... Anders als die anderen Künstler ist der Architekt auf die Mitarbeit seiner Umwelt angewiesen, auf die Zustimmung der politisch und finanziell Mächtigen, um bauen zu können. Im 18. Jahrhundert konnte noch der Glücksfall eintreten, daß ein genialer Architekt einen congenialen Bauherrn fand, wie Pöppelmann August den Starken oder Neumann die Schönborns in Würzburg. Auch Hitler wollte es solchen Bauherrn gleichtun,

doch sein Beispiel zeigt, daß ‚kommandierte’ Kunst keine ist. Hier wird keiner bedauern, daß seinen unmenschlichen Vorstellungen entsprechende Monstrositäten unverwirklicht blieben. Doch Hitler war nur eine Episode. Seitdem durch die französische Revolution die öffentliche Meinung ins Spiel gebracht war, führte die Entwicklung zur Massendemokratie und in deren Folge zur Bürokratisierung. In der bürokratisierten Welt jedoch mit ihren machtpolitischen Ansprüchen gibt es keine wahren Bauherrn mehr. Das ‚Volk’ ist noch kein Souverän. Die Politiker, die Finanzleute, die Verwaltungsbeamten kommen zu ihren Befugnissen aus anderen Gründen, als dem der besonderen geistigen Qualifizierung als Bauherr. Die Entscheidungen über Bauentwürfe, die sie treffen, beruhen notwendigerweise auf ihrem jeweiligen Geschmack. Die gesetzliche Ordnung gibt ihnen das Recht, ohne daß dabei eine menschliche Eigenschaft bedacht wurde, von der Schopenhauer sagt: ‚Die Befriedigung ihrer Eitelkeit ist ein Genuß, der den Leuten über alles geht, der jedoch allein mittels der Vergleichung ihrer selbst mit anderen möglich ist ...’ Eben deshalb ist die Geistesüberlegenheit jeder Art eine sehr isolierende Eigenschaft. Sie wird geflohen und gehaßt, und als Vorwand hierzu werden ihrem Besitzer allerlei Fehler angedichtet. – So auch seinem Werk – wenn es neu, original, wenn es also wahrhaft lebendig ist; d. h. wenn es einen Schritt hinaus tut über das bereits Vorhandene und Bekannte: wenn also seine wahre Qualität diesen Beurteilenden und Entscheidenden unsichtbar bleibt. Denn die Menschen sind geistig recht ungleich, und keiner kann etwas sehen, was über ihn selbst hinausgeht. Hier wird eine wesentliche Lücke in unserer kultursozialen Ordnung erkennbar: Der Gesellschaft gingen und gehen fortwährend Kunstwerke, oft höchsten Ranges, verloren, die dem Leben Sinn, Bedeutung, neue Impulse verleihen könnten und werden durch Modebauten der Routine ersetzt, nur darum weil der echte, der geistig qualifizierte Bauherr für öffentliche Bauten fehlt!”

Das Kulturforum nach der städtebaulichen Konzeption von Hans Scharoun Die Standortwahl für den Bau der Philharmonie 1959 war zugleich der Urimpuls für den Standort des Kulturforums am Südrand des Tiergartens. Die Philharmonie sollte als übergeordnete künstlerische Institution im Zentrum der Stadt liegen – und nicht wie beim Wettbewerb hinter dem Joachimsthalschen Gymnasium, nahe dem Kurfürstendamm. Alle Standorte, die Scharoun vorschlug, lagen am Rand des Tiergartens, weil durch den Tiergarten das „geistige Band” zwischen Ost und West führt, das die historischen, geistigkünstlerischen Institutionen verbindet. An diesem „geistigen Band” liegen im Verlauf der Straßen Unter den Linden, Straße des 17. Juni, Bismarckstraße usw. die Universitäten, Hochschulen, Museen, Theater, die Akademie der Künste, das Schloss Bellevue, aber auch die in den 50er Jahren visionär geschauten
Wettbewerb zur Neuen Staatsbibliothek 1963/1964, H. Scharoun

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Bauten der Wirtschaft; nur selten entsteht eine städtebauliche Symbiose oder ein fruchtbares Nebeneinander zwischen einem rational bestimmten Stadtraster und einer organhaften Stadtstruktur im Sinne der Stadtlandschaft, wie z.B. in Boston mit den Universitätsstädten von Harvard und MIT.

Zum Urteil der Jury und zu den städtebaulichen Sichtbeziehungen Durch die Terrassenstruktur der Gebäude erhält das Kulturforum nicht nur den menschlichen Maßstab, sie bewirkt auch die Sichtbeziehungen zwischen den einzelnen Gebäuden - als wesentliches städtebauliches Kriterium der Stadtlandschaft. Hierauf wird im Urteil des Preisgerichts besonders Bezug genommen: Zitat: „Die städtebauliche Konzeption dieses Entwurfes ist meisterhaft. Jedem einzelnen Bauwerk des kulturellen Zentrums ...wird die ihm gebührende Bedeutung zugemessen, und doch fügen sich diese - durch Funktion und Gestalt so verschiedenartigen und eigenwilligen - Gebäudegruppen zu einem überzeugenden und harmonischen Ensemble zusammen. Das Forum entwickelt den auf den Menschen bezogenen Maßstab der an ihm entworfenen Gebäude aus der vorgegebenen zierlichen Gliederung der Matthäikirche. ... Das Ausstellungsgebäude Mies von der Rohes - seine Integrierung ist eine besonders schwierige Aufgabe dieses Wettbewerbes – ist ausgezeichnet eingefügt in die großzügig terrassierten Baumassen des Gästehauses und findet seine maßstäbliche und formale Entsprechung in dem der Gebäudemasse der Staatsbibliothek – gleichfalls auf einer Terrasse – vorgelagerten großen Lesesaal. Von allen Blickpunkten – insbesondere von Norden in der Richtung der Potsdamer Straße gesehen – findet die vorzügliche Eingliederung des Ausstellungsgebäudes in das städtebauliche Konzept ihre eindrucksvolle Bestätigung. Aus der Feinheit des Maßstabes des Forums entwickeln sich die vorgeschlagenen Baumassen des Gästehauses zu einer bedeutenden Form, die mit großer Geste sich talwärts bewegt. Diese Bewegung wird durch den kraftvollen Baukörper der Staatsbibliothek aufgefangen und beendet.”

Städtebaumodell des Kulturforums mit Künstlergästehaus (Weiterentwicklung Wisniewski)

Standorte der Politik. Bei Hans Scharouns Konzeption der Stadtlandschaft für das Kulturforum handelt es sich tatsächlich um eine neuartige, originäre städtebauliche Schöpfung. Dieses Gesamtkunstwerk zu konzipieren und beispielgebend zu verwirklichen, war nur möglich, da durch die Kriegszerstörungen im Zentrum Berlins eine Brache entstand, die einer Neuordnung bedurfte. Scharoun ergriff die Chance, um mit der Standortwahl für die Philharmonie zugleich seine städtebauliche Konzeption der Stadtlandschaft zu verwirklichen, weil sich das Gebiet am Südrand des Tiergartens durch das Spannungsverhältnis zwischen der historischen Stadt östlich des Leipziger Platzes und der Landschaft des Tiergartens anbot. Alle Vorschläge, die die Architektenarbeitsgemeinschaft Scharoun/Wisniewski erarbeitete, wiesen ein Ensemble mit mehreren Dominanten, verbindenden Gebäuden und Freiräumen in Verbindung zur Landschaft des Tiergartens auf. Die Einbeziehung der Landschaft ist auch deswegen bedeutsam, weil sie zwischen den Gebäuden Distanz gewährt und so ihre Individualität und Wesenheit zum Ausdruck kommen kann. Die städtebauliche Struktur der Stadtlandschaft steht in Spannung zum ratiobetonten Stadtraster, wie es schon im Städtebau der Antike erkennbar ist und sich in unterschiedlicher Intensität bis in die Gegenwart fortsetzt. Der Begriff „Stadtlandschaft” bedeutet keinesfalls eine idyllische Stadtform im Grünen, auch wenn die Einbeziehung der Grünräume ein wesentliches Moment für die Ausbildung und Steigerung der Dominanten ist. Entscheidend ist, dass die Dominanten nicht durch ein Übereinanderschichten von beliebigen Baumassen - seien es Wohnungen, Büros oder Geschäfte - gebildet werden, sondern Gebäude sind, deren Wesenheit einen geistigkünstlerischen Bezug haben. Damit sollte auch der „Wandel der Struktur in Raum und Zeit” (Scharoun) verdeutlicht werden. Auch Kirchen sind nicht mehr die Dominanten unserer heutigen Stadtgründungen; in unserer Zeit bilden die Bauten für die Bürger, seien es Theater, Konzertsäle, Universitäten u.ä. die „Stadtkrone” (Scharoun). Zwangsläufig entsteht hieraus eine Spannung zu den kommerziellen

Modell Blick auf das Zentrum des Kulturforums mit Piazza und Künstlergästehaus (Weiterentwicklung Wisniewski)

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einzelnen Gebäude miteinander und stellt in der städtebaulichen Konzeption der Stadtlandschaft die noch solitärhaft wirkenden Baukörper in ein lebendiges, schwingendes Spannungsfeld. Während der Teilung der Stadt war die verlangte private Finanzierung des Gebäudes nicht möglich, da sich das Kulturforum nahe dem Grenzbereich befand. Erst durch die Einheit der Stadt liegt das Kulturforum, nahe dem Potsdamer- und Leipziger Platz, wieder im Zentrum der Stadt. Daher sind Investorengruppen seit mehreren Jahren bereit, das Projekt nach der vorliegenden Planung der ehemaligen Architektengemeinschaft Scharoun/Wisniewski zu realisieren. In dem Gebäudetrakt an der Piazza ist ein Kunsthotel geplant, zu dem Service-Apartements und Boarding Rooms für befristetes Wohnen von Künstlern und Wissenschaftlern gehören. Die Service-Apartments, als zweigeschossige Maisonettes konzipiert, und die vorgelagerten Boarding Rooms sind in die TerrassenStruktur integriert. Vor den Atelierfenstern werden Pflanzbecken angelegt, die dem Terrassengebäude einen Anklang von „hängenden Gärten” geben. Die folgenden Pläne geben lediglich den Hinweis auf die vielfältigen Nutzungen in dem Gebäudeorganismus. Zu der differenzierten Raumgestaltung des Kunsthotels gehören Foyers, die auch zugleich, als Ausstellungsräume konzipiert, von Galeristen genutzt werden. Von dem Kunsthotel werden mehrere Restaurants bewirtschaftet, zu denen auch ein zweigeschossiges Musikcafé, das Café Florian – nach dem Künstlercafé an

Gesamtplan des Kulturforums, Edgar Wisniewski

Zur Weiterentwicklung des Kulturforums Die 1. Phase betraf meine 15 Jahre andauernde Planung und den Bau der Staatsbibliothek mit dem Ibero-Amerika-Institut, wie auch den Bau der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe. Scharoun hat noch 8 Jahre, wie bereits erwähnt, nach dem Wettbewerb jene Planungszeit erlebt – gemeinsam haben wir - wie zuvor beim Wettbewerb - die städtebauliche Konzeption und die Planung für das Künstler-Gästehaus weiterentwickelt.

Zum Projekt des Künstler-Gästehauses Bereits die Urkonzeption von Hans Scharoun für das Kulturforum zeigt die bauliche Fassung des zentralen Platzes vor der Kirche – sie bewirkt ein suggestives Spannungsfeld zwischen der St. Matthäus-Kirche und den Philharmonie-Bauten, das den geistigen Austausch impliziert und herausfordern soll. In dieser Konzeption weiten sich auch die geplanten Platzwände aus der früheren preußischen Parallelität des Platzes und öffnen sich zum Landschaftsraum des Tiergartens – zur Freiheit der Landschaft (Scharoun). Der so entstehende begrünte Platz - von Scharoun Piazza genannt – mit Brunnen, Sitzmöglichkeiten im Freien vor dem Musik-Café und den Restaurants des Künstler-Gästehauses ist der zentrale Treffpunkt für das gesamte Forum, der sich westlich als Piazzetta bis zum Eingangsfoyer der Museen erstreckt und östlich als überdachte Agora in das geplante Künstler-Gästehaus hineinzieht. Das Künstler-Gästehaus war essentieller Bestandteil des preisgekrönten Wettbewerbs für den Bau der Staatsbibliothek. Das terrassiert geplante Gebäude „antwortet” städtebaulich auf die ebenfalls terrassierte Gebäude-Struktur der Staatsbibliothek; es steigt von der Potsdamer Straße zum Matthäikirchplatz an und bildet dort die östliche Platzwand der Piazza vor der Kirche. In seiner inhaltlichen Vielfalt ist es ein Kommunikationszentrum für das gesamte Forum; es verbindet die inhaltlichen, geistig-strukturellen Bezüge der

Künstlergästehaus, Nutzungsplan des Erdgeschosses (Schema)

Künstlergästehaus, Nutzungsplan eines Obergeschosses

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der Piazza di San Marco in Venedig benannt – gehört. In dem Musikcafé können z.B. Studenten der Herbertvon-Karajan-Akademie musizieren; in den Sommermonaten ist die Ausweitung des Cafés auf die Piazza mit Freiluftkonzerten, open-air Veranstaltungen u.ä. beabsichtigt. Zu den Einrichtungen der Infrastruktur des zentralen Gebäudes gehören außerdem Galerien, ein Auktionshaus, Geschäfte und eine zentrale Vorverkaufskasse. Für die Verwaltung der Philharmonie und für das Education Center sind Räume in unmittelbarer Nähe zur Philharmonie geplant. An zentraler Stelle in dem Gebäude liegt ein Multifunktionssaal, dessen Einrichtungen nicht nur vom Kunsthotel für festliche Veranstaltungen – z.B. den Philharmonie-Ball -, für Kongresse und Ausstellungseröffnungen, sondern auch für die Museen genutzt werden sollen. Neben Multimedia-Veranstaltungen ist die Nutzung des Raums für Proben, Ton- und Bildaufnahmen der Orchester gedacht, die in der Philharmonie nicht genügend Proben- und keine Aufnahme-Termine erhalten können. Daher wird das Podium in der Form und mit den maschinellen Hubeinrichtungen wie ich es 1975 für die Philharmonie plante, ausgeführt. Als nächstes zeige ich das Tiefgaragenverbundsystem als wichtige Voraussetzung für die Erreichbarkeit des Kulturforums und die Nutzung der Piazza als Fußgängerbereich. Die vorhandenen Tiefgaragen unter dem Kammermusiksaal und der Piazzetta, sowie der seit 17 Jahren nicht geöffneten Verbindungstunnels sind grün dargestellt. Vor dem Tunnel werden in der Tiefgarage der Museen Möbel gelagert. Der Tunnel kann jederzeit in Betrieb genommen werden. Zu dem schon erwähnten Plan aus der Architekturwerkstatt ergänze ich hier, dass die Erreichbarkeit und Akzeptanz des Kulturforums in unverantwortlichem Maße verhindert wird, wenn die 2 Stellplatzebenen unter der Piazzetta und die Stellplätze vor der Philharmonie eliminiert werden.

Konzept des Tiefgaragen-Verbundsystems, Edgar Wisniewski

Ich zeige als nächstes den IBA-Plan mit den Eingriffen in unsere Planung und dann den Plan des Architekten Hollein nach dem Gutachterverfahren vor 20 Jahren, der in meinem Archiv inzwischen vergilbt ist. Der Hollein-Plan wurde aus politischen Gründen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus fallen gelassen, weil bei der Bürgerbeteiligung zum Bebauungsplanverfahren über 95 % der Bürger gegen den Hollein-Plan und für die Vollendung des Kulturforums von Hans Scharoun votierten, obwohl diese Planung nicht zur Abstimmung stand. Die Begründung in der Einladung zur heutigen Veranstaltung, wonach sich die „Umsetzung des Entwurfs von Hollein verzögerte und der Entwurf erst 1989 mit dem Fall der Mauer aufgegeben wurde” ist falsch! Geblieben ist vom gesamten Hollein-Plan ein dickes Rohr für die Entwässerung des geplanten riesigen steinernen Platzes, das ich bei meiner Planung für den (gebauten) Verbindungstunnel zwischen den Tiefgaragen des Kammermusiksaals und der Museen berücksichtigen musste.

Die 2. Phase der Weiterentwicklung des Kulturforums auf der Grundlage der städtebaulichen Planung von Hans Scharoun, betraf meine Planungen für die Bauten des Staatlichen Instituts für Musikforschung mit Musikinstrumenten-Museum und für den Kammermusiksaal der Philharmonie nach Scharouns Tod, also die Zeit von 1978 – 88, in der auch die Museumsbauten mit dem Kunstgewerbe-Museum von Rolf Gutbrod begonnen wurden. Nach Scharouns Tod – während meiner Planung für den Bau des Kammermusiksaals – begannen die Angriffe gegen Scharouns städtebauliches Werk und die Versuche von Architekten, das Zentrum des Kulturforums zu annektieren und nach ihrem Geschmack umzuplanen, obwohl der städtebauliche Plan bereits mit 7 Gebäuden umgesetzt war. Das Kulturforum genießt Ensembleschutz und die städtebauliche Planung ist, da sie mit mehr als 2 Gebäuden realisiert wurde – urheberrechtlich geschützt.

Kulturforum, Konzeptplan März 2004, Senatsbeschluss

Nun folgt eine Kollage der Bemühungen, Scharouns städtebauliche Konzeption der Stadtlandschaft in ein Zwangsschema zu pressen und zu zerstören: a) der Rausriß der weiträumig geschwungenen Potsdamer Straße und die Umformung zu einer

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Ensemble der Bauten im Kulturforum mit Künstler-Gästehaus vor der Silhouette der Bebauung am Potsdamer Platz, Edgar Wisniewski

Achse, die zusammen mit einer neuen Achse in Verlängerung der Leipziger Straße zu einem Knie gegen den Kammermusiksaal der Philharmonie gerichtet ist. b) das quasi „gebrochene Knie”, mit dem weiterhin auch der Standort für das Deutsche Musikarchiv eliminiert wird. c) Block- und Randbebauung zur Einmauerung der organhaften Gebäude aus der Architekturwerkstatt d) Da dies nicht durchsetzbar war, folgte der gegenteilige Versuch, die Konzeption der Stadtlandschaft „unter den grünen Rasen” zu bringen und mit zusätzlichen Baumachsen und der Schotterfläche zu entstellen.

e) Wohngebäude mit Seitenflügeln und Höfen, sowie Baumraster statt Kommunikationszentrum f) Rausriss der Herbert v. Karajanstraße und Umbau zu einer schmalen Straße in der Achse der St. Matthäus-Kirche g) Rausriss der Stellplätze der Philharmonie und Eliminierung des Standortes für das Deutsche Musikarchiv – wegen einer Promenade zum Osteingang der Philharmonie. Für alle diese vorgeschlagenen Baumaßnahmen bestehen keine Finanzierungsmöglichkeiten!

Die 3. Phase der Weiterentwicklung des Kulturforums auf der Grundlage der städtebaulichen Planung von Hans Scharoun im Sinne des Abgeordnetenhausbeschlusses betrifft die Wegebeziehungen zwischen der Bebauung am Potsdamer Platz und dem Kulturforum. 1. Durch ein zusätzliches östliches Eingangsbauwerk zum Musikinstrumenten-Museum – die Fertigstellung ist Anfang nächsten Jahres zu erwarten.
Schotterfläche an der Stelle des geplanten Künstler-Gästehauses

e) Schließlich der Plan vom vergangenen Jahr, die freiheitliche Struktur des Kulturforums mit Straßenachsen in ein Ordnungsschema zu zwingen. Zunächst aber noch die Zerstörungsansätze von Februar und März dieses Jahres, die der Senat von Berlin „zur Kenntnis genommen” aber nicht beschlossen hat, wie ein Teil der Presse fälschlich berichtete. a) 2 unnötige Torhochhäuser, 26 und 20 m hoch. b) 1 Turmhochhaus 40 m hoch, gegenüber dem Kammermusiksaal c) die Verstellung der charakteristischen Hauptansicht der Philharmonie d) Abriss der Piazzetta und vorgestellte Kolonnadenbauwerke

2. Durch die geplante Passage zur östlichen Erschließung und Durchquerung der Staatsbibliothek, ausgehend vom MarleneDietrich-Platz. Die Konzeption habe ich vor mehr als einem Jahr entwickelt; sie sieht eine 8m breite Ausstellungspassage durch die Staatsbibliothek bis in die Eingangshalle vor. In der Begründung zur Senatsvorlage heißt es: „Hierzu bietet der frühere Mitarbeiter Scharouns, Wisniewski, bereits geeignete bauliche Lösungen an.” Leider wird die Umsetzung dieser Planung, die von fast allen, auch vom Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz favorisiert wird, seit etlichen Monaten blockiert. Abschließend möchte ich Ihnen noch einen Plan, der die Staatsbibliothek in anderer Weise unmittelbar be-

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trifft vorführen, auch weil er in dieser Veranstaltungsreihe nicht gezeigt wurde. Es handelt sich um die Planung des Büros Gruber + Kleine-Kraneburg nach der Idee des Präsidenten des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Zuvor zeige ich Ihnen noch die Silhouette der Bebauung am Potsdamer Platz und davor die Gebäude des Kulturforums mit dem Künstler-Gästehaus (siehe S.66 oben). Das Debis-Hochhaus ist etwa 70 m hoch. Nach der vorgenannten Planung würde unmittelbar vor der Südseite der Staatsbibliothek mit den Sonderlesesälen ein 250m hoher Turm errichtet werden - die Staatsbibliothek ist dort etwa 30 m hoch.

Bereichen der bildenden Kunst, der Musik und der Wissenschaft. Im Zentrum liegt das zentrale Gebäude als Ort der Begegnung und Kommunikationszentrum. Zu der 3-poligen Verklammerung treten die Bereiche des Wissenschaftszentrums und die inzwischen entstandenen Bebauungen mit den Institutionen am Potsdamer Platz und das Sony-Center hinzu. Zu der bereits erwähnten privaten Finanzierbarkeit verweise ich - aus zeitlichen Gründen - auf ein Statement von Herrn Kilian, Projektmanagement, im Diskussionsteil dieser Veranstaltung. Wir werden demnächst in einer eigenen Veranstaltung das Projekt des Künstlergästehauses und die Machbarkeit der ausschließlich privaten Finanzierung, bei der das Land Berlin für das Grundstück ca. 15 Mio. € erhalten würde, vorstellen.

Meine Damen, meine Herren Das übergeordnete, eigentliche Ziel für das Kulturforum ist die Verschmelzung der geistigen mit den künstlerischen Disziplinen, der universitas literarum der Staatsbibliothek mit dem Audio-visuellen Zentrum des Deutschen Musikarchivs für neue, synästhetische Kunstformen im Grenzbereich zwischen Musik und Bildender Kunst. Ein derartiges „Gesamtkunstwerk” ist durch die bereits eingegliederten geistig-künstlerischen Institutionen des Kulturforums erreichbar; hierfür bildet die Verschmelzung mit den verbindenden Bauten, insbesondere mit dem Gebäudeorganismus des „Hauses der Mitte” die unabdingbare Voraussetzung. Es gibt weltweit kein neu geschaffenes Ensemble von übergeordneten geistig-künstlerischen Institutionen, das mit dem Kulturforum in Berlin vergleichbar ist. Das Kulturforum als neue „Stadtkrone” Berlins kann durch das ausschließlich privat zu finanzierende Künstler-Gästehaus vollendet werden. Es würde in Amalgamierung der bereits vorhandenen Kräfte und Ergebnisse zum Zeichen für eine neue Metropole in einer menschlichen städtebaulichen Struktur werden. Ich danke Ihnen!

Idee Florian Mausbach, Architekten Gruber + Kleine-Kraneburg, 2003

Für die Vollendung des Kulturforums fehlt im wesentlichen das zentrale Gebäude mit den Einrichtungen der Infrastruktur für das gesamte Kulturforum, das Künstlergästehaus - als essentieller Bestandteil des eingangs zitierten Wettbewerbsergebnisses. Die Graphik zeigt die Dreiecksbeziehung zwischen den

Nutzungsbeziehungen im Kulturforum in Verbindung mit Potsdamer Platz Bebauung, Edgar Wisniewski

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Dietrich Bangert Vortrag zum städtebaulichen Ideenwettbewerb zum Tiergartenviertel von 1973 Herr Bangert trug in seinem Vortrag die Geschichte des städtebaulichen Ideenwettbewerb zum Tiergartenviertel von 1973 vor. Für den Vortrag liegt kein Redemanuskript vor.

Der Entwurf von Liepe/Heiss verbindet den Landwehrkanal und den Tiergarten mit Grünzonen und weist eine flächige Bebauung mit einer deutlichen Markierung zum Tiergarten und Landwehrkanal auf. Am Rande des Kulturforums war Wohnbebauung vorgesehen. Der Entwurf von Bangert, Jansen und Schultes sah ein Wohnband am verkehrsfreien Nordufer des Landwehrkanals und solitäre Bauten am Tiergartenrand vor. Das Kulturforum sollte sich auf den Bereich vor der Matthäikirche konzentrieren mit einer Allee zum Tiergarten (später als Wasserachse entwickelt) und der

Städtebaulicher Übersichtsplan 1973, Stadträumliche Einbindung des Wettbewerbsgebietes

Für das 188 ha große Tiergartenviertel sollte ein Generalplan entwickelt werden. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 stand der Potsdamer Bahnhof für West-Berlin zur Verfügung, damit war der Platz für die Süd- und Westtangentenplanung gegeben, und das Cityband konnte entwickelt werden. Bauliche Solitäre am Tiergartenrand prägen den Tiergarten als einen besonderen Bereich. Der Landwehrkanal sollte im Lenné´schen Sinn als „Schmuck- und Grenzzug” herausgearbeitet werden. Nördlich des Landwehrkanals sollte auf 1,5 ha Wohnnutzung entstehen. Das Kulturforum und die Staatsbibliothek sollten verkehrsgünstig angebunden werden. Herr Bangert stellte verschiedene Arbeiten aus diesem Wettbewerb vor, die stellvertretend für den damaligen Zeitgeist standen.

Baustruktur und Stadtraum

Anbindung der Staatsbibliothek durch ein Plateau über die Potsdamer Straße. In den sich anschließenden Planungsphasen wurden für die Tiergartenstraße Trassenalternativen als Planungsvarianten vorgeschlagen:
3⁄4 Die „Küchentrasse” führt durch die BEWAG

Küche, dazwischen wird eine Bebauung zum Landwehrkanal eingeordnet. 3⁄4 Bei der Variante „Sozialgerichtstrasse” liegt die neue Tiergartenstraße weiter nördlich. 3⁄4 Die „Tiergartentrasse” liegt in Höhe der Sigismundstraße.

Entwurf A. Liepe/T. Heiss, 2. Preis

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werb von 1973 überhöhte das Problem von Verkehr und Definition des Raumes durch eine offene U-Bahnstation in einem abgesenkten zentralen Platz. Der Entwurf von Valentien + Valentien von 1998 dagegen entwickelt sich innerhalb der gegebenen Situation mit Bezug auf die äußeren Freiräume.
Bebauungsstudie I „Küchentrasse”

Herr Bangert kritisierte in seinem Vortrag den Senatsentwurf. Im Kulturforum stehen Einzelgebäude von höchstem Rang. Der Dialog dieser Bauwerke und ihr Zwischenraum ist das Wesen dieses Ortes. Der Potsdamer Platz, als ein Teil der dicht bebauten Stadt, ist eine andere Welt. Das Kulturforum steht dieser als Oase und Campus von überregionaler Bedeutung

Bebauungsstudie II „Sozialgerichtstrasse”

Bebauungsstudie III „Tiergartentrasse”

Im Dezember 1975 fand ein Symposium mit internationalen Architekten statt. Im Ergebnis erweiterten alle Arbeiten den Tiergarten erheblich in Richtung Süden. Eine Verkehrsuntersuchung der Freien Planungsgruppe Berlin zeigte auf, dass die Südtangente überflüssig geworden ist und die vorliegende Rahmenplanung den Stadtraum mit überzogenen Verkehrsanforderungen darstellt. Im abschließenden Bebauungskonzept für das Tiergartenviertel folgte die Verkehrsplanung im Prinzip wieder der Wettbewerbsarbeit von Bangert, Jansen und Schultes. Die Verkehrsproblematik war für die Planung im Bereich des Kulturforums immer wieder bedeutend. Der Beitrag beispielsweise von O.M. Ungers im Wettbe-

Entwurf D. Bangert, B. Jansen, A. Schultes, 2. Preis

gegenüber. Die vorgesehene Verdichtung im Nebeneinander von auf sich selbst bezogenen Räumen und Ensembles, die ihrerseits Resträume erzeugen, würde das Zusammenspiel der bedeutungsvollen Bauwerke zerstören. Ergänzende Nutzungen könnten beispielsweise durch einen die Museen von der Matthäikirche bis zum Tiergarten umfassenden galerieartigen Bau aufgenommen werden, der das Kulturforum als Stadtraum im Spannungsfeld zwischen Landwehrkanal und Tiergarten, wie auch die Position der Matthäikirche präzisiert. Am Karlsbad und südöstlich der Neuen Staatsbibliothek sind bereits große Resträume vorhanden, die hier das stadträumliche Gefüge diffus machen. Um so mehr muss eine ganzheitliche Gestalt

Entwurf D. Bangert, B. Jansen, A. Schultes, 2. Preis

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Christine von Strempel Bevor ich die Grundzüge des Gutachterbeitrags von Hans Hollein im Jahre 1983 erläutere, möchte ich kurz den planerischen Kontext darstellen, der zur Auslobung des Gutachterverfahrens zum Kulturforum führte und auch mit einigen Worten auf das Verfahren selbst und die Aufgabenstellung eingehen. Nachdem die Internationale Bauausstellung (IBA) 1979, wesentlich befördert durch den damaligen Bausenator Harry Ristock, mit dem Motto „Die Innenstadt als Wohnort”, ihre umfangreiche Aufgabe in Angriff nahm, unterbreitet der Planungsdirektor für die Neubaugebiete, J. P. Kleihues, 1981 den Rahmenplan für die südliche Friedrichstadt und das südliche Tiergartenviertel. Eines der von J.P. Kleihues verfassten sieben Essentials für die Neubaugebiete der IBA galt dem Kulturforum und lautete: „Endgültige Gestaltung des Kulturforums am Kemperplatz und dessen Belebung durch Wohnbauten.”

Rahmenplanung der internationalen Bauausstellung

Parallel wird in dieser Zeit (1979/80) die Bereichsentwicklungsplanung für das Tiergartenviertel erarbeitet, in der das Gebiet östlich der St. Matthäus-Kirche alternativ als Kerngebiet bzw. als Wohngebiet ausgewiesen wird. Vom Büro Gutbrod - involviert in die Entwicklung des Kulturforums durch seine Museumsplanung - wird vorgeschlagen, auf den Dächern der Museen Wohnungen zu errichten, um das Kulturforum zu beleben. Für den Bereich westlich der Neuen Nationalgalerie (ehemaliges Reichsversicherungsamt) führt die IBA ein beschränktes Gutachterverfahren für ein Wissenschaftszentrum Berlin durch, aus welchem James Stirling aus London als Gewinner hervorgeht. 1981 wird von der IBA ein internationaler engerer Wettbewerb „Erweiterung der Nationalgalerie und Wohnen am Kulturforum” ausgelobt. Den 1. Preis erhält Kurt Ackermann aus München. Von dem vorgeschlagenen Entwurf wird die Wohnbebauung realisiert, über die Erweiterung der Neuen Nationalgalerie viel diskutiert aber vertagt. Im selben Jahr übernimmt Volker Hassemer als Senator das neu geschaffene Ressort „Stadtentwicklung und Umweltschutz” und initiiert das sogenannte „Hassemer-Hearing”, ein Hearing, von dem unter Beteiligung von Experten das „Planungsverfahren Zentraler Bereich” ins Leben gerufen wird, wodurch

Zentraler Bereich 1982/83

das Kulturforum aus der planerischen Kompetenz der IBA herausgelöst wird. Es ist der Versuch, die Flächen entlang der Berliner Mauer einer übergeordneten Betrachtung zu unterziehen, auch unter dem Gesichtspunkt der Aufgabe der bis dahin noch gültigen Westtangentenplanung, die durch Inkrafttreten des neuen Flächennutzungsplans (FNP 1984) planungsrechtlich endgültig obsolet wird. Um die komplexe Planungsaufgabe zur weiteren Gestaltung des Kulturforums zu lösen, wird 1983 ein Gutachterverfahren in gemeinsamer Verantwortung der IBA und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz durchgeführt, für das aufgrund der vielen Kontroversen in den vergangenen Jahren ein sehr spezielles Verfahren initiiert wird: Im Juni 1983 findet ein zweitägiges Kolloquium statt, an dem alle Planungsbeteiligten im Rahmen eines offenen Diskussionsprozesses beteiligt werden; eine Auslobung im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, der

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Tonbandmitschnitt des Kolloquiums dient als Definition der Aufgabenstellung für die Teilnehmer. Die teilnehmenden Büros waren: Hermann Fehling & Daniel Gogel, Berlin Rolf Gutbrod, Büro Berlin Hans Hollein, Wien Christine und Horst Redlich, Berlin Alvaro Siza, Porto Oswald Mathias Ungers, Köln Edgar Wisniewski, Berlin. Im Vorfeld angefragt, aber abgesagt haben: Ralph Erskine, James Stirling und Jörn Utzon. Edgar Wisniewski nahm letztlich am Verfahren nicht teil, da er in den für die Teilnahme notwendigen vertraglichen Vereinbarungen den Verkauf des Urheberanspruchs sah. Er sagte Ende Oktober, kurz vor Abgabe der Gutachterbeiträge ab und trug die Planung von Scharoun bei der Jurysitzung außer Konkurrenz und ohne Tonbandmitschnitt vor. Der Leistungsumfang für die Teilnehmer ist beschränkt auf eine städtebaulich-räumliche Lösung (M 1:2000/1:1000/1:500). Einzige Nutzungsvorgaben sind das sog. „City-Kloster” und das „Haus der Stille” sowie einige Gästezimmer für die Kirche. Das Bearbeitungshonorar betrug 10.000 DM für jeden Teilnehmer, da Berlin damals schon sparen musste. Durch Verzicht auf eine Vorprüfung wird die Bearbeitungszeit auf knapp 5 Monate ausgedehnt. Die Teilnehmer erhalten die Gelegenheit, ihre Arbeiten der 16-köpfigen Jury am 7.November 1983 persönlich zu präsentieren.

3⁄4 den Platz mit klassizistischen Elementen zu

gestalten, streng genommen ohne axialen Aufbau, jedoch unter Aufnahme von vorhandenen Achsen; 3⁄4 die Ost-West-Achse (vom Leipziger Platz/ Potsdamer Platz) aufzunehmen und an deren Endpunkt den „Bibelturm” als Gegenüber der Kirche zu stellen; 3⁄4 dem größeren Gebäude in dieser Achse die Haltestelle der Magnetbahn (der Verlauf wurde zu diesem Zeitpunkt aktiv diskutiert) und das geplante Filmarchiv zuzuordnen und 3⁄4 schließlich – die Entwurfsdominante – das Loggien-Bauwerk auf die Potsdamer Straße zu stellen. Das Loggia-Bauwerk kann sich Hans Hollein in zwei Varianten vorstellen: a) mit aufgelöster Stützenstellung, vollkommen offen mit vereinzelt hinein gestellten Kiosken und den Zugängen für die Gästezimmer im Obergeschoss oder b) mit klarer Stützenstellung, verglast, mit Ausstellungsflächen im Erdgeschoss und ebenfalls darüber liegenden Gästezimmern der Kirche. Westlich des Loggia-Bauwerks formiert er den Platz - das eigentliche Forum. Der Platz fällt nach Westen ab und hat eine Größe von ca. 35.000m². Der Pariser Platz hat zum Vergleich eine Größe von ca. 13.000m². Ein in Nord-Süd-Richtung verlaufender Wasserlauf wird zur Verbindung zwischen Landwehrkanal und Tiergarten und räumlich gleichzeitig trennendes, aber auch vermittelndes Element an den Brennpunkten der vorhandenen Bebauung, da wo „Architekturwelten” aufeinander treffen, wie z.B. der filigrane Kirchenbau von Stüler und die Museumsbebauung von Rolf Gutbrod. Rampen und Brücken verbinden das Forum über die Sigismundstraße mit der Neuen Nationalgalerie. In seinem Gutachterbeitrag nimmt Hollein exakt die Traufhöhe der Stüler-Kirche und die der Neuen Nationalgalerie auf, erläutert aber, dass er sich das Loggia-Bauwerk durchaus ein Geschoss höher vorstellen kann. Hinsichtlich der Materialität gibt es nur wenige Aussagen. Hollein könnte sich vorstellen, die Platten der Neuen Nationalgalerie fortzuführen, insbesondere in Bezug auf die über die Sigismundstraße verlaufende Rampe. In seinem Erläuterungsbericht sagt er, dass sich aber auch „durchaus die heterogene Materialflut der scharounschen Bauten widerspiegeln könne.” Wesentliches Merkmal des Entwurfs ist, dass Hollein den Durchgangsverkehr aus der Potsdamer Straße heraus nimmt, sie soll nur noch als Zufahrtsstraße dienen. Der Verkehr soll künftig östlich durch die Linkstraße geführt werden. Durch die Einbeziehung des Lenné-Dreiecks würde der Verkehr somit direkt zum Brandenburger Tor geleitet werden. Die Magnetbahn, in Hochlage dargestellt, ist für Hollein auch in Tieflage vorstellbar. Die Stellplatzfrage – nicht unmittelbar Teil der Aufgabenstellung – kann seines Erachtens auch unter Inanspruchnahme der

Entwurf Hans Hollein, 1983, Axonometrie

Von der Jury wird nach zweitägiger Sitzung der Entwurf von Hans Hollein, Wien zur Realisierung empfohlen. Preise und Ankäufe waren nicht ausgesetzt. Mit dem Konzept unternimmt Hans Hollein den Versuch, 1. scharounsche und klassizistische Baustrukturen in Einklang zu bringen und 2. dem Gebiet ein Forum/eine Mitte zu geben. Wesentliche Konzeptinhalte sind: 3⁄4 den klassizistischen Bauten (Kirche und Neue Nationalgalerie) ein neues klassizistisches Bauwerk hinzuzufügen, das „City-Kloster” (gemäß Raumprogramm der Kirche);

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Tiefgaragen unter dem Kunstgewerbemuseum und dem Kammermusiksaal gelöst werden, wo sich ohnehin ein „Tiefgaragenlabyrinth” befindet. Die Jury beurteilt nur die städtebaulichen Aspekte und die Nutzungsverteilung. Grundrisse und technische Details werden nicht diskutiert und nicht beurteilt. Empfehlungen im Hinblick auf eine Realisierung bzw. Überarbeitung sind: 1. Der Wasserlauf (Verbindung zwischen Landwehrkanal und Tiergarten) ist unverzichtbarer Bestandteil des Entwurfs. 2. Die Brückenverbindungen sind zu überprüfen (zwischen Neuer Nationalgalerie und Forum, zwischen Forum und neuen Museen, zwischen „City-Kloster” und Kirche). 3. Überprüfung des Konzepts unter dem Gesichtsunkt des Verbleibs des Durchgangsverkehrs (ggf. reduziert) auf der Potsdamer Straße. 4. Das Raumprogramm der Kirche ist im „CityKloster” und im „Bibelturm” unterzubringen. Innerhalb der sog. Loggia sollen neue/andere Nutzungen nachgewiesen werden (keine Gästezimmer). 5. Die Loggia soll im EG unbedingt Transparenz aufweisen. 6. Die Integration von Wohnen ist zu prüfen. Stellvertretend für die Diskussion des Entwurfs in der Fachöffentlichkeit seien hier einige positive Argumente genannt 3⁄4 Hollein versucht, mit großer Geste die riesigen Solitäre in eine/seine Geometrie zu bringen. 3⁄4 Er hängt die Staatsbibliothek ab, weil er sie in ihrer Größe für eigenständig hält, und definiert den Raum/das Forum eindeutig westlich seines eingeführten Loggia-Bauwerks. 3⁄4 Er verbindet die Neue Nationalgalerie mit dem Forum über die Rampe. 3⁄4 Er löst in gewisser Weise zwei aufeinander prallende Ideologien/Formsprachen auf und arrangiert alle gemeinsam zu einem neuen Ensemble. 3⁄4 Er führt neben den schiefen Winkeln (Scharoun und Gutbrod) und den rechten Winkeln (Mies und Stüler) den Bogen ein. Im folgenden Jahr (1984) wird der Gutachterbeitrag von Hans Hollein entsprechend den Empfehlungen der Jury und der weiteren nicht öffentlichen Diskussion überarbeitet. Im Ergebnis wird in dem überarbeiteten Entwurf die Potsdamer Straße in ihrem Verlauf erhalten und das Loggia-Bauwerk verkürzt und westlich der Potsdamer Straße verschoben. Der Platz wird demzufolge kleiner, die Brücke zur Neuen Nationalgalerie wird aufgegeben und auf das zusätzliche Bauwerk Magnetbahnhaltestelle/Filmarchiv wird verzichtet. In den darauf folgenden Jahren werden die planungsrechtlichen Voraussetzungen für eine Realisierung des überarbeiteten Konzepts von Hans Hollein geschaffen

Überarbeitung Hans Hollein, 1984

und die Planung wird auch insbesondere im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins weiter kontrovers diskutiert. 1989/90, nach Öffnung der Mauer, wird die Planung Holleins offiziell aufgegeben und der Bebauungsplan aufgehoben. Es stellt sich nun die Frage: Ist angesichts der völlig veränderten Situation des vereinten Berlins und der Bebauung am Potsdamer Platz Holleins Planung völlig zu verwerfen oder gibt es Entwurfsgedanken, die es lohnt, in unsere heutigen Überlegungen mit einzubeziehen, wenn die Vollendung des ewig unvollendeten Kulturforums erneut auf der Tagesordnung steht? Meines Erachtens sind es mindestens zwei Gedanken, die wir in unsere heutigen Überlegungen einbeziehen sollten: 1. der Kirche und der Neuen Nationalgalerie ein drittes klassizistisches Bauwerk im Verbund an die Seite zu stellen, auch wenn eine verbindende Lösung über die Sigismundstraße auf Grund der Weiterentwicklung (Hotelbebauung in der Stauffenbergstraße) nicht mehr zur Debatte steht und 2. dem Bereich ein Forum/eine Mitte zu geben. In diesem Zusammenhang gefällt mir Holleins Gedanke eines steinernen Platzes sehr gut. Es sollte ein städtischer Platz sein, der aktuelle Ereignisse in Ergänzung zu Veranstaltungen der Museen aufnehmen kann, wie es sich z.B. anlässlich der MoMA-Ausstellung angeboten hätte. Nicht bebauen sollten wir natürlich die neue Potsdamer Straße, da es traurig genug ist, dass auf Teilen der alten Potsdamer Straße gebaut wurde. Am Schluss noch ein Gedanke, der mir am Herzen liegt und der auch von Hollein nicht aufgegriffen wurde, nämlich die Realisierung der Achse von der St. Matthäus-Kirche nach Norden zur Tiergartenstraße und die Schaffung eines kleinen Vorplatzes für die Kirche, um ihr ihren Rahmen wieder zu geben und darüber hinaus die Orientierung und die Erschließung der angrenzenden Solitäre zur Mitte hin zu sichern.

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Architekturgespräch 72 – Kulturforum V Kolonnaden - ein zeitgemäßes Gestaltungselement? Die Kolonnade ist eines der klassischen Elemente der Architektur. Auch mit einem gerundeten Gewölbe als Arkade ausgebildet ist sie durch Materialvielfalt und Formgebung in den unterschiedlichen Stilepochen bis in die Moderne einem formalen Wandel unterzogen worden. Als Element kann sie als Teil eines einzelnen Hauses, Straßenzuges, Platzes oder als selbstständige Form, wie die berühmten Kolonnaden des Petersplatzes in Rom oder auf der Berlinischen Museumsinsel, auftreten. Die umgebaute „Piazzetta” am Kulturforum soll mit einer Kolonnade an drei Seiten begrenzt werden. Ist die Kolonnade noch ein zeitgemäßes architektonisches Element? Welche Gestalt kann eine moderne Kolonnade haben und welche Absicht will man mit einer solchen Platzkonfiguration verfolgen? Die Referenten werden zu diesem Thema durch praktische Beispiele und theoretische Ansätze Stellung beziehen. Eingeladen wurden zu dem Architekturgespräch Prof. Klaus Theo Brenner. Er erläuterte seine Kolonnadenkonzeption, die er für den Museumsplatz im Kulturforum entwickelt hat. Des weiteren wurden eingeladen Prof. Augusto Burelli und Dr. Eva-Maria Barkhofen, die sich theoretisch mit der historischen Form und Bedeutung der Kolonnade auseinander setzten. Prof. Hans Kollhoff wurde als kritischer Kommentator zu dem Architekturgespräch eingeladen. Ergebnis des Architekturgesprächs war die allgemeine Akzeptanz des Entwurfs einer Kolonnade für den zukünftigen Museumsplatz im Kulturforum, aber auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer sorgfältigen Detailarbeit für diesen Bereich.

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Typologie und Verwendung von Kolonnaden ein Überblick Dr. Eva-Maria Barkhofen Die architektonische Zierform der Kolonnade ist so alt wie die Säule selbst. Sie steht als tragendes Element für eine offene, diaphane Gebäudeform. Terminologisch ist eine Kolonnade ein überdachter Säulengang mit geradem Gebälk. Oft wird der Begriff der Kolonnade vermischt mit der Säulenreihung schlechthin. Säulenreihen, die durch Bögen verbunden sind, sind architekturterminologisch jedoch Arkaden. Diese Unterscheidung ist insofern wichtig, als Arkaden im Verlauf der europäischen Architekturgeschichte einer von der Kolonnade stark abweichenden Entwicklung unterlagen. Arkaden und Kolonnaden kamen in der römischen antiken Architektur gleichermaßen vor. Nicht jedoch in der neuzeitlichen Architekturgeschichte. Im Mittelalter und in der Frührenaissance dominierten die Arkaden, im Barock die Kolonnaden. Im 19. und frühen zwanzigsten Jahrhundert mischten sich die Formen beliebig. Und in der zeitgenössischen Baukunst wird inzwischen beinahe jede Architekturform, die eine Stützenreihe bildet, gleichgültig, ob die Stützen gemauerte oder betonierte Pfeiler sind, als Kolonnade bezeichnet. Die wichtigste Aufgabe der Kolonnade durch die gesamte Architekturgeschichte hinweg ist in einem Satz beschrieben: Die Kolonnade bezeichnet immer eine Aufwandsarchitektur. D.h. sie dient grundsätzlich der architektonischen Aufwertung des sie umgebenden Umfelds. Man kann die Kolonnaden in drei Typologien fassen: 1. Die gebäudegebundenen Kolonnaden, die einem einzelnen Gebäude angelagert sind. 2. Die wegegebundenen Kolonnaden, die Straßen oder Brücken begleiten. 3. Die platzbildenden Kolonnaden, die autark sind, das heißt, aus sich selbst heraus Architektur bilden.

Andrea Palladio: Villa Sarego, 1560 bis 1570

Die Typologie lässt sich anhand einiger weniger Beispiele aus der Architekturgeschichte erläutern, wobei die formalen Unterschiede dargestellt werden sollen, die sich trotz der ohnehin dem Lauf der Zeit folgenden stilistischen Wandlungen deutlich erkennen lassen. Es gibt strenge und verspielte Kolonnaden in jeder Epoche, und es gibt auch in jeder Epoche klassisch proportionierte und manieristisch entproportionierte.

1. Gebäudegebundene Kolonnaden In der griechischen und römischen Antike waren fast alle Tempel, Theater, Thermen, Marktplätze und Höfe von Privathäusern mit Kolonnaden versehen. Der Bautypus besaß auf der einen Seite einen rein praktischen, klimatischen Sinn, die Wandelgänge dienten dem Sonnenschutz. Die Kolonnaden als Stützenstellungen folgten in der Antike immer dem Regelwerk der sogenannten Klassischen Säulenordnungen (dorisch, ionisch, korinthisch und komposit), stellten daher keine reine Zweck-, sondern eine architektonische Aufwandsform dar. Beispiel dafür ist der Athenatempel in Paestum, der um 510 vor Christus datiert wird und im Typ des sogenannten Dipteros steht, also eine einreihig umlaufende Säulenstellung aufweist. Der Tempel zeigt eine frühe Form der gebäudeumlaufenden Kolonnade. Jede Säule unterliegt in der Architekturgeschichte zugleich einer symbolischen Funktion. Der Säule als Zeichen wurde schon seit der Kenntnis des Alten Testaments, in dem am Salomonischen Tempel zwei sprechenden Säulen den Eingang bewachen, eine besondere, zum Teil geradezu magische Fähigkeit und zugleich ein besonderer Herrschaftsanspruch zugemessen. Die Zeit Renaissance ließ den antiken Typus der Architektur wieder neu erwachen. Ab dem 15. Jahrhundert wurde der Typus der baugebundenen Kolonnade im Zuge der Wiederentdeckung der antiken Vorbilder hochaktuell. So ist als Beispiel der Wirtschaftshof der Landvilla Sarego, um 1560 nach Entwürfen des berühmten

Zeichnung des Athenatempels in Paestum, um 510 v. Chr.

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italienischen Architekten und Theoretikers Andrea Palladio zu nennen. Er beschreibt seine ländliche Villa ausführlich in seinem schriftlichen Werk, den „Quattro libri di architettura”, (2. Buch, Kap. 15). Den Wirtschaftshof umrahmen Kolonnaden in der Kolossalform. Das heißt, die dominierenden Säulen sind über zwei Geschosse geführt, wobei die Säulen selbst in grober Rustika ausgeführt sind und merkwürdig kleine ionische Kapitelle tragen. Palladio ging hier in sehr manieristischer, unproportionierter Weise vor. Er griff Stilelemente auf, die zum einen im nahe gelegenen Verona häufig Anwendung fanden, zum anderen verleiht er der Rustikakolonnade im Wirtschaftshof, der eigentlich keine herrschaftliche Funktion innehatte, eine besondere Bedeutung, im Sinne des Architektursymbolismus. Denn im Lateinischen bedeutet „rusticus” der Bauer, die „res rustica” die Landwirtschaft.

Neues Museum in Berlin, Entwurfszeichnung für die Hauptfront. Erbaut 1843-46 von Friedrich August Stüler

Ansicht der Basilica Palladadiana aus dem ersten Band der Fabriche von 1776 von Ottavio Bertotti Scamozzi

Als nächstes Beispiel dient ein sehr hybride Entwurf des Italieners Ottavio Bertotti Scamozzi aus dem Jahr 1776, der 200 Jahre nach dem berühmten Vorbild der palladianischen Basilica in Vicenza entstand. Der Entwurf zeigt merkwürdig dünne, doppelt gestellte Kolonnaden, die den Baukörper als frei gestellte Wandelgänge über zwei Geschosse umlaufen. Der Sprung in der Baugeschichte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts führt die Verwendung des Herrschaftszeichens der Kolonnade im Zusammenhang mit frei gewählten Stilkonglomeraten vor. In die Zeit, als bereits gewaltige Monumente im Rahmen der Revolutionsarchitektur in Frankreich entstanden waren, ist der monumentale Entwurf Friedrich Gillys für das Denkmal Friedrich des Großen in Berlin zu stellen. Ende 1797 hatten fünf Künstler der Akademie ihre Wettbewerbsentwürfe vorgelegt. Gilly wählte einen eigentlich nicht vorgesehenen Ort für seinen Denkmalentwurf am Leipziger Platz, da dieser seiner Meinung nach zum schönsten Teil der Stadt gehörte und den Umfang besaß, der dem Denkmal den nötigen Raum hätte bieten können. Der zwischen altägyptischer und griechisch dorischen Stilformen stehende Entwurf sah einen gewaltigen Kubus als vierseitigen Torbau vor, der bekrönt von einer Quadriga seitlich von doppelreihigen Kolonnaden flankiert wird, die der schweren dorischen Ordnung entlehnt sind. Der Tod des Königs im Jahr 1797 verhinderte eine Verwirklichung des Monuments.

Auch dem Neuen Museum auf der Museumsinsel, das 1843 bis 1846 von Friedrich August Stüler erbaut wurde, sollte einer Entwurfszeichnung zur Folge der Hauptfront eine eingeschossige Kolonnade vorgelagert werden. Die jedoch nicht realisierte Kolonnade wirkt auf der Zeichnung dem Bau wenig organisch eingepasst und seltsam unterproportioniert. Es stellt sich die kritische Frage, ob die Kolonnade hier in der Entwurfszeichnung lediglich als Alibi für die zeittypische architektonische Aufwandsform zu verstehen ist. Ganz anders dagegen zeigt sich der Wettbewerbsentwurf Gottfried Sempers aus dem Jahr 1857 für ein Theater in Rio de Janeiro. Er entwickelte einen höchst komplizierten, neoklassizistischen Bau, dessen vorgelagertes Entree von einem ganz kolonnadenumschlossenen Hof gebildet wird. Er sah mehrfach gestaffelte Kolonnadenprospekte vor, die formal dem antiken römischen Theaterbau nahe stehen. Und das Theatergebäude selbst rahmt ein erhöhter, freistehender halbrunder Kolonnadengang. Hier stehen eindeutig das Spiel mit den Zitaten aus der klassischen Baukunst und die Darstellung aufwendiger Bühnenszenografie im Vordergrund des verspielt wirkenden Entwurfs.

2. Straßenbegleitende Kolonnaden Die zweite typologische Form der Kolonnade ist die straßen- und brückenbegleitende Kolonnade. In Berlin entstanden in der Zeit des Frühbarock beidseitig des Mühlendamms Kolonnaden, die die Brücke über die Spree begleiteten. Nach einem Brand im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts entstanden in den Jahren 1683 bis 1708 nach Entwurf von Johann Arnold Ne-

Nördliche Mühlendammkolonnaden, 1887, kurz vor dem Abbruch

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ring im Bereich der Dammmühlen neue Kolonnaden. Im Jahr 1838 brannten die Mühlen ein zweites Mal ab, und die Kolonnaden wurden abermals, zehn Jahre später, unter dem Hofarchitekten Ludwig Persius wiederhergerichtet. Ab dem 19. Jahrhundert wurden die Kolonnaden von höheren Wohn- und Ladenbauten hinterbaut, wobei die Kolonnaden integriert und über zwei bis drei Stockwerke überhöht wurden. Man sieht auf einem Kupferstich von Johann Stridbeck aus dem Jahr 1690 noch die Ansicht der langgestreckten Ladenzeile des Mühlendamms mit den Kolonnaden und dem Friedrichstor. Der Lageplan des Mühlendamms zeigt die eingezeichneten Kolonnaden kurz vor dem Abbruch am Ende des 19. Jahrhunderts.
Königskolonnaden um 1870, Hermann Rückwardt, Blick in Richtung Rotes Rathaus

tungsgraben zum späteren Alexanderplatz führte, im Bereich der heutigen S-Bahnüberführung am Bahnhof Alexanderplatz. Die Gebälke der Kolonnaden waren mit prächtigen Kandelabern und Skulpturen bekrönt. Schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts waren die Rückseiten fast vollständig bebaut worden. Ihr Sinn als freistehende Säulen und feierliche Wandelgänge schien daher völlig zweckentfremdet. Und so forderte man zum Ende des 19. Jahrhunderts die Verbreiterung der östlichen Königstraße zur Verbesserung des Verkehrsflusses. Es entbrannte eine heftige Diskussion um die Kolonnaden als angebliches Verkehrshindernis, das sie tatsächlich nicht waren. Die historische Fotografie (Bild unten) zeigt den nördlichen Bereich der Kolonnaden in unmittelbarer Nähe des Bahnübergangs am Bahnhof Alexanderplatz. Spätestens seit 1909 mit Beginn der Planungen des Neubaus des Kaufhauses Wertheim war das Schicksal der südlichen Kolonnade besiegelt. Zunächst sollten beide Kolonnaden in den Kaufhausbau integriert werden. Das Abrissvorhaben wurde von heftiger Kritik begleitet. Neben anderen beklagte die Akademie der Künste 1909: „Was im modernen Deutschland dem ‚Verkehrsinteresse’ schon alles geopfert worden ist, das bildet eine ganze Welt von Schönheit und geschichtlichem Wert. ... Durch lauter solche Einzelfälle ist es dahin gekommen, dass das Centrum Berlins

Lageplan der Mühlendammkolonnaden; Ende des 19. Jhdts.

Die historische Fotografie aus dem Jahr 1887 lässt einen Blick auf die nördlichen Mühlendammkolonnaden in Richtung Molkenmarkt zu. Dahinter befinden sich die Gebäude der Mühle. Mangelnde Pflege und das Verbot von Modernisierungen der Häuser hinter und über den Kolonnaden erleichterten den Verfall des Bauwerks geradezu. Auf dem Foto sind die südlichen Kolonnaden bereits abgetragen, die nördlichen folgten im selben Jahr 1887. Ein zweites brückenbegleitendes Kolonnadenensemble in Berlin waren die Königskolonnaden westlich des Alexanderplatzes. Sie sind in den Jahren 1777-1780 von Carl von Gontard am früheren Stadteingang an der Königsstraße errichtet worden und bilden zwei fast 60 Meter lange, parallel zur Straße und Brücke verlaufende Wandelgänge unter doppelten Säulenstellungen von fast 9 Metern Höhe. Ihre Errichtung diente vor allem zur optischen Kaschierung des versumpften ehemaligen Festungsgrabens, der die barocke Stadt umgab. Ihre Aufgabe war die eines prunkvollen Prospekts, der einen hässlichen Bereich des nunmehr inneren Stadtbereichs verdecken sollte. Die Kolonnaden standen am Ende der Königsbrücke am nordöstlichen Ende der Straße, die über den Memhardtschen Fes-

Königskolonnaden am Bahnhof Alexanderplatz, kurz vor dem Abbruch

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wie eine amerikanische, eben erst in der Prärie entstandene Stadt wirkt. ... Wir betonen das historische Interesse, und bitten Eure Exzellenz gehorsamst und dringend Hochdero Einfluß so stark wie möglich dahin geltend zu machen, dass die Materialisierung und Entwertung der alten preußischen Residenz endlich einmal halt mache”. Die Königskolonnaden wurden 1910/11 wegen des Wertheim-Neubaus abgetragen und in den Schöneberger Kleistpark in den Westen Berlins versetzt. Die Königskolonnaden fristen seitdem ein sinnloses Dasein in ihrem Park. So wie die Bautätigkeit Westberlins von östlicher Seite nach dem Mauerbau scharf beobachte wurde, so erntete die Hinterbauung der versetzten Königskolonnaden mit einem Hochhaus des Kathreiner Konzerns bei der in Ostberlin erscheinenden Berliner Zeitung heftige Kritik. Das Titelblatt der Wochenbeilage „Die Woche im Bild” vom 8.2.1952 besagt: „Schönheit und Hässlichkeit – dicht nebeneinander. Wie Berlin aussehen würde, wenn wir noch mehr solche formalistischen Bauten errichteten, zeigt unser Bild mit abschreckender Deutlichkeit. In der Potsdamer Straße stehen die von Gontard erbauten Kolonnaden. Der Kathreiner Konzern stellte ein kastenförmiges Hochhaus dazu.” Man muss die Zeit bedenken, zu der dieser Artikel erschien. Es war das Jahr, indem man sich mit dem Bau der Stalinallee befasste und die Städtebautheorie sich auf die nationale Tradition des Bauens besann und man demzufolge in Ostberlin kein Verständnis für moderne Zweckbauten bekundete. Musste sich der Berliner Westen eine solche Kritik in den frühen 50er Jahren gefallen lassen, so verfuhr die DDR mit ihren Spittelkolonnaden knapp 30 Jahre später auf dieselbe Weise.

Rekonstruierte Kolonnade an der Leipziger Straße (Spittelkolonnade)

Jeder kennt sie, die Spittelkolonnaden an der nördlichen Seite der Leipziger Straße in Berlin-Mitte. Auch die Spittelkolonnaden wurden zur Begrenzung der über den ehemaligen Festungsgraben führenden Brücke dicht vor dem Spittelmarkt 1776, nur 1 Jahr vor den Königskolonnaden, von Karl von Gontard erbaut. Ursprünglich waren es beidseitig der Fahrbahn halbkreisförmig gerundete, reich geschmückte ionische Säulenhallen. Die südlichen Kolonnaden wurden bei Verbreiterung der Leipziger Straße bereits 1929 abgebrochen und auf dem Gelände einer Steinmetzfirma in der Mühlenstraße gelagert, die nördlichen Kolonnaden im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1960 abgetragen. Im Zuge der Neugestaltung der Leipziger Straße wurde 1979 an der Südseite, an etwas verändertem Standort, eine Kopie der nördlichen Kolonnade errichtet. Sie führt heute an ihrem Standort ein vergleichbar exotisches Dasein wie die in den Kleistpark versetzten Königskolonnaden. Beide haben ihren Sinn verloren und werden von den meisten Passanten heute nur mehr als Zierrat verstanden. Ein Beispiel aus Karlsruhe, ein Entwurf von Friedrich Weinbrenner zur Gestaltung der Langen Straße aus dem Jahr 1808, kann einen Eindruck von einer besonders monumentalen Kolonnade in Zusammenhang mit Wohnbebauung geben. Weinbrenner plante eine mehrere hundert Meter lange, stilistisch höchst manierierte Kolossalarkade, die sich über drei Stockwerke vor den Wohnhäusern erheben und in einer Art Vorlaube unter den Walmdächern schließen sollte. Vergleichbare Arkadengänge vor Erdgeschossen kommen in der Kunstgeschichte seit frühester Zeit vor, um eng bebauten Straßenraum begehbar zu machen. Indem

Königskolonnaden am Eingang des Kleistparks neu aufgestellt (Titelblatt „Die Woche im Bild“, 1952)

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denbegrenzten unmittelbaren Vorplatzes vor St. Peter, der nicht etwa rechteckig, sondern trapezoid, sich zur Fassade hin erweiternd angelegt ist. Durch die Erweiterung des trapezoiden Platzes zur Fassade hin, erscheint diese noch breiter und im Sinne der zentralperspektivischen Verschiebung nach hinten, noch monumentaler als sie ist. Die Kolonnaden wurden aus hellem Travertingestein gefertigt und über Treppenreihen erhöht aufgestellt. Die riesigen Dimensionen des Bauwerks allein lassen den Menschen, der sie beschreitet, vor Ehrfurcht klein werden. Als ein Beispiel für die stilistische Nachfolge von Berninis Kolonnaden auf dem Petersplatz in Rom in unserer Region stehen die Kolonnaden am Neuen Palais im Park von Sanssouci bei Potsdam. Im Auftrag von Friedrich II. und unter Beteiligung verschiedener Architekten entwickelt, wurden die Kolonnaden mit den beiden mächtigen, dreigeschossigen Kopfbauten, den Communs, unter Karl von Gontard in nur knapp vier Jahren zwischen 1766 und 1769 errichtet. Fotografien aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigen den noch vollständigen Zustand der Kolonnaden. Die beiden Kolonnaden spannen sich, symmetrisch angelegt, zwischen den Communs halbkreisförmig als mächtige Triumpharchitektur und dienen als szenografischer Prospekt. In der Mittelachse der Kolonnaden steht das Triumphtor, das von einer Kuppel überhöht wird.

Friedrich Weinbrenner: Vorschlag zur Neugestaltung der Langen Straße in Karlsruhe 1808

man die Bauten im unteren Bereich mit Kolonnaden versah und noch heute versieht, wird der begehbare Straßenraum verbreitert. Ab den oberen Geschossen jedoch wird das Bauvolumen der Häuserzeilen zur Straße hin ausgeweitet. Dies ist das Prinzip fast aller frühneuzeitlichen Straßenkolonnaden gewesen, die lediglich dazu dienten, den im Stadtkern eng begrenzten Wohnraum über das erste Geschoss hin auszuweiten. Man sieht diese Beispiele in Berlin aus den letzten Jahren etwa auf der Friedrichstraße und am Kurfürstendamm. Aber diese Frage sei mir zwischendurch erlaubt: Sind das eigentlich Kolonnaden?

3. Platzmarkierende Kolonnaden Den dritten Typus bildet die platzmarkierende Kolonnade. Von den antiken Vorbildern abgesehen können als Vorgänger und Vorbild für alle nachfolgenden barocken und historistischen Platzgestaltungen mit Kolonnaden die 1656-67 errichteten Kolonnaden von Gian Lorenzo Bernini auf dem Petersplatz in Rom bezeichnet werden. Besonders eindrucksvoll gibt eine Vogelschau aus der Sicht des Künstlerarchitekten Giovanni Battista Piranesi in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts diese genial gedachte Platzanlage wieder. Die Kolonnadengestaltung in Form einer riesigen Zange ist auf Überdimensionierung der Proportionen und die Bewegung des Menschen auf dem Platz hin angelegt. Vierfach nebeneinandergestaffelt, beginnen die Säulenreihen, während man den Platz abschreitet, scheinbar in Bewegung zu geraten und sich gegeneinander zu verschieben. Der perspektivische Kunstgriff des Architekten liegt in der Vierreihigkeit der Kolonnaden und des dahinter liegenden, ebenfalls kolonna-

Kolonnaden am Neuen Palais in Potsdam, um 1920

Beeinflusst wurde das Gesamtsystem der Anlage stark von dem Stichwerk des süddeutschen Barockarchitekten und Theoretikers Paulus Decker, dessen Band „Fürstlicher Baumeister” im Jahr 1716 verlegt wurde und weite Verbreitung in Europa fand. Stilistisch dem römischen Neoklassizismus verbunden, zeigen die Kolonnaden jedoch Abweichungen von vorhergehenden, indem sie etwa nicht über einer Sockelarchitektur errichtet sind und sich keiner einheitlichen Säulenordnung verpflichtet sehen. Heute zeigt sich die bedeutende Kolonnadenanlage aufgrund von Vernachlässigung und falschen Restaurierungen in einem traurigen Zustand. Sie wird jedoch derzeit von der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten unter Führung des Berliner Ingenieurbüros CRP für Restaurierungs- und mögliche Rekonstruktionsmaßnahmen vorbereitet.

Giovanni Battista Piranesi: Ansicht des Petersplatzes, posthum 1778 herausgegeben

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Alte Nationalgalerie in Berlin, Friedrich August Stüler, 1865-69

Kolonnaden am Neuen Palais in Potsdam, 2004

Ganz anders dagegen wirkt das Hoftheater in Dresden, das in der Zeit des Klassizismus nach Entwurf von Gottfried Semper 100 Jahre später, 1870 bis 1878, entstand. Ich zeige eine Luftaufnahme vor der Zerstörung 1945. Diese Theateranlage, gesäumt von einer symmetrisch angelegten, geschlossenen Kolonnadenarchitektur, ist sicherlich eines der schönsten Beispiele neobarocker, an höfische Anlagen erinnernder Baukunst. Aber auch die antike griechischen Tempelarchitektur wurde im 19. Jahrhundert in geradezu vollkommener Stilkopie zum Vorbild für die Architekten. Friedrich August Stüler verlieh der in den Jahren 1865 bis 1869 errichteten „Alten National Galerie“ in Berlin, bezeichnenderweise einem Museum, fast annähernd genau die Gestalt des antiken Parthenon auf der Akropolis in Athen und umsäumte die erhöhte Museumsanlage mit einem streng rektangulär angelegten Kolonnadengang in dorischer Säulenordnung. Die Kolonnaden dienen hier quasi als Ehrenhof für die Kunst. Wie in diesem äußerst knappen Überblick ersichtlich werden konnte, stellt die Anwendung von Kolonnaden - egal ob gebäude-, straßen- oder platzgebunden immer und zu jeder Zeit eine Aufwandsform der Architektur dar. Dies ist in der Diskussion um Kolonnaden in der zeitgenössischen Architektur unbedingt zu berücksichtigen.

Zum Abschluss soll ganz bewusst keine zeitgenössische Kolonnadenarchitektur angeführt werden. Vielmehr soll am Beispiel einer Passagenarchitektur im sogenannten Gesellschaftlichen Zentrum im Wohnkomplex IV in Eisenhüttenstadt (um 1965 entstanden) die provokative Frage gestellt werden, bis zu welcher Reduktion man in der Architektur eigentlich noch den Begriff Kolonnade verwenden kann. Wie sollte oder kann eine Kolonnade in der heutigen Architektur aussehen und welche Kriterien muss sie erfüllen, um noch als Kolonnade bezeichnet werden zu dürfen und nicht zum Zerrbild oder gar zur Karikatur ihrer selbst zu werden? Eine Kolonnade erhöht aufgrund ihrer Funktion immer die architektonische Bedeutung des jeweiligen Bauwerks, in dessen räumlichen Zusammenhang sie errichtet ist.

Gesellschaftliches Zentrum Wohnkomplex IV in Eisenhüttenstadt. Blick in die Passagen, um 1965

Gottfried Semper: Hoftheater in Dresden, 1870-78. Aufnahme vor der Zerstörung 1945

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Augusto Romano Burelli Das Konzept ”Stoà” - wie ein Bautyp der Demokratie zu einem Bautyp des Absolutismus geworden ist Die Mitte der griechischen Stadt: ”polis” ist ein leerer Raum; die Mitte der mittelalterlichen Stadt ist ein voller Raum, besetzt von einem großen Gebäude. Der leere Raum der „polis”, die „agora”, ist der Raum der politischen Veranstaltungen, der Debatten, der Demonstrationen. Es ist das Herz vom „demos” (griech.: das Volk). Im Gegensatz dazu ist der volle Raum der mittelalterlichen Stadt, benannt „Burg, Festung, Schloss”, das Herz der Macht, die den „demos” kontrolliert. Im leeren Raum der „polis” wird eine Architektur der Transparenz, der Bewegung, der Wiederholung von einem genauen und elastischen architektonischen Element inszeniert: der Säule. Wohingegen im vollen Raum der mittelalterlichen Stadt eine Architektur der Starre, durch massive Mauern erzeugt, inszeniert wird. Die Architektur der Kolonnade ist in Deutschland ein Synonym des Absolutismus geworden, während die Architektur der Basteien, der Türme und der Wände, gebaut, um die Autorität zu schützen, sich zu einem „romantischen Gedächtnis” einer Vergangenheit geändert hat, das nicht beunruhigt. Am Ursprung der Idee des öffentlichen Raumes in der griechischen Stadt ist die „stoà”, der römische ”porticus”: eine lange Mauer läuft parallel zu einer Reihe von identischen Säulen mit gleicher Entfernung, zwischen den Säulen und der Mauer ist ein Dach. Die Dialektik Mauer-Kolonnade ist die Dialektik zwischen Licht und Schatten, zwischen Transparenz und Schließung. Zwischen der ununterbrochenen Mauer und der Säule gibt es einen Konflikt: die Säule lässt sich nicht leicht von der Mauer einfangen. Die Säulen in Reihe skandieren den Raum, sie vereinen ihn; die Mauer dagegen lässt sich trennen, durchbrechen und artikulieren. Max Pohlenz sagte im „Der hellenische Mensch” (1947): „so wie die Epik die Wiederholung der gleichen Versen nicht vermied, so zog der griechische Mensch aus der Wiederholung eines geometrischen Elements eine ästhetische Freude”. Es ist das Prinzips der Freude, definiert von Heidegger als „Klarheit der Darstellung”. Die „stoà” bezeugt ihre Grundtendenz: „die Notwendigkeit Form zu geben dem, was jeder Form entgeht”, in unserem Fall der Leere im städtischen Raum. Der Säulenbau überwindet in hellenistischer Zeit seinen Status als „Bautyp” und wird ein Instrument der Verbindung zwischen den bestehenden isolierten Gebäuden, wie dem Tempel, dem Theater, dem Bouleuterion, etc. Es gibt eine große Veränderung im 2. Jahrhundert v. Chr. im städtischen Wiederaufbau der bestehenden Gebäude. Die „stoà” ist jetzt ein komplexeres Gebäude mit zwei Stockwerken und mit zwei Ausblicken. Die große ”stoà” wird ihrerseits Fassade des öffentlichen Raumes, hinter der man den Tempel erblickt oder hinter der sich die ”scenae” (= fest errichteter Bühnenbereich im griech. und röm. Theater) erhebt. Der ”städtische Entwurf”, wie wir ihn verstehen, ist aus dieser Erfahrung geboren. Die Berliner Architekturkritiker haben nicht die alte philosophische Entdeckung der Stoà bedacht: ”Dass wir nicht so sehr von den Dingen beeinflusst werden, sondern von unseren Meinungen über sie”.

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Einige Beispiele

Pergamon-Asklepeion: die grosse urbane Re-Komposition

Athen, die Agora im 2. Jh.n.Chr.

Forum Pompeji; Zwei Skizzen von Le Corbusier (Sie zeigen, wie die drei Tempel am Ende der Kolonnade versteckt bleiben) Priene, Agora: die „stoà” als Lösung des städtischen Raumes

Eine moderne „stoà”: Heinrich Tessenow in Hellerau

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Über das architektonische Thema: Kulturforum Augusto Romano Burelli Zur städtebaulichen Situation des Kulturforums: Die im Detail des Bauobjektes erzielte Ordnung geht im städtischen Zusammenhang verloren, so dass durch immer mehr geordnete Objekte immer mehr Unordnung entsteht. Im Kulturforum fehlt die Stadt: Es ist ein „fiasco” der Stadtplanung der Moderne. Es fehlt jedes architektonische Verhältnis, es fehlt jeder städtische Effekt, die Gebäude sind eine Ansammlung egoistischer Kunstobjekte.
Das Konzept „Stadtlandschaft” zerstört die Dialektik von Hegel, und seines Prinzips des „nicht Widerspruch”. Dieses Konzept ist bei zeitgenössischen „deutschen Architekten” sehr beliebt. Das Kulturforum ist ein Beispiel der „sprawling city” die ein negatives Konzept ist. Gegen dieses städtische Trauma versucht mein Entwurf, für einen Teil des Kulturforums ein Gestaltungskonzept zu stellen. Er beginnt mit dem Abriss der

Piazzetta: Erdgeschossebene

Piazzetta: Ebene +4,5 Meter

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fürchterlichen Garage, der sogenannten „Piazzetta”, mit seiner, für alte Leute, gefährlichen Rampe. Unter dem Einfluss des Asklepeion von Pergamon kann die „Piazzetta” von einen neuen Standpunkt im Kulturforum gesehen werden. Die drei Hauptgebäude: Kunstbibliothek, Gemäldegalerie und Kunstgewerbemuseum werden von einer modernen „stoà” gebunden. Eine Ebene ist die neue Ebene der „Piazzetta”, die andere liegt auf 4,50 m Höhe. Vier neue Funktionen sind mit der neuen Kolonnade verbunden: ein „Grand Café”, ein Restaurant, ein Auditorium, und ein neuer Haupteingang für die Gemäldegalerie an der westlichen Seite der „Piazzetta”, wo das problematische Gebäude von Gutbrod steht. Das Konzept „stoà” zeigt hier die Möglichkeiten dieses offenes Gebäude für ein Funktions-System, aber auch seinen städtischen Effekt in seiner Klarheit, seiner transparenten Gestalt.

Kolonnade auf der Piazzetta; Blick nach Südwesten

Burelli

Kolonnade auf der Piazzetta; Ansicht (oben) und Schemaschnitt mit Proportionen

Burelli

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SenStadt

Architekturwerkstatt / Abteilung II

Kulturforum (2) - Der Diskussionsprozess

Kulturforum (2) Der Diskussionsprozess
von Juni 2004 bis März 2005
        
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