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Volume Nr. 51

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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besonders, daß dem Auge der Blick über den Altar hinweg er 
möglicht wird, etwas wie eine Weitschau in eine jenseitige 
Welt, die der Gemeinde durch das am Altar Geschehende 
nahekommt. Die bunten Fenster im Hintergründe, die ihrer 
seits das dahinter liegende Ewige ahnen lassen, sieht freilich 
nur der Teil der Kirchenbesucher, der in den beiden mittleren 
Sektoren vor dem Altar seinen Platz hat. Der Blick der 
anderen fällt durch die Zwischenräume der Stützen der Orgel 
empore auf die massive Seitenwand des Feierraumes. Aber 
auch sie haben wenigstens eine Andeutung jener Schau. 
Wie sollen wir uns zu dieser Lösung stellen ? Lutherisch 
gerichtete Gemeinden werden es vorziehen, den „Feierraum" 
als Chorraum in die Gesamtanlage einbezogen zu sehen. Nicht 
nur, weil es so hergebracht ist, sondern weil es ihrer Auf 
fassung vom Gottesdienst mehr entspricht. Sie sehen in diesem • 
einen Wechselverkehr der Gemeinde mit dem gegenwärtigen 
Gott. Die schweizerische Reformation ging — anders als 
Luther — von dem Widerspruch gegen die katholische Ver 
dinglichung des Heiligen aus und betonte deshalb aufs stärkste 
die überweltliche Erhabenheit Gottes über alles Kreatürliche. 
Sie hat darum auch immer eine gewisse Scheu gehabt, Gott 
als der Gemeinde so nahe zu denken und gewissermaßen als 
deren Partner im Gottesdienst anzusehen. Gottesdienst ist 
ihr darum wesentlich ein Handeln der Gemeinde, die sich vor 
Gott sammelt, um aus seinem Wort Weisung zu schöpfen. 
Auch wenn in der unierten Kirche dieser Unterschied etwas 
verwischt ist und reformierte Liturgiker den Gottesdienst 
ähnlich definieren wie lutherische, so wirkt doch auch hier 
jene ursprüngliche Einstellung deutlich nach, z. B. in der in 
stinktiven Abneigung reformierter Gemeinden gegen das, was 
wir liturgischen Ausbau des Gottesdienstes zu nennen pflegen. 
So ist ihnen auch der Kultraum wesentlich Versammlungs 
raum der Gemeinde. Der Gedanke, daß die gottesdienstliche 
Stätte dem Eintretenden das Gefühl: „Gott ist gegenwärtig" 
vermitteln soll, ist der reformierten Richtung nicht so adäquat 
wie der lutherischen. Sie will da vor allem die Gemeinde sehen. 
So ist für sie ein Rundbau, der die Gemeinde so stark betont 
wie in der Auferstehungskirche, durchaus das Gegebene. Es 
handelt sich hier also um einen spezifisch reformierten Typ. 
Die kritische Einstellung mancher Gemeindeglieder zu ihm 
wird ihren tiefsten, meist unbewußten Grund darin haben, daß 
die Essener Gemeinde aus verschiedenartigen Bestandteilen 
zusammengeschmolzen ist und die vom Luthertum her 
kommenden schon rein gefühlsmäßig etwas andere Anforde 
rungen an ihren Kultraum stellen. Durch Hinzufügung des 
„Feierraumes" aber erfährt dieser reformierte Typ eine glück 
liche Fortbildung, die den Charakter des gottesdienstlichen 
Raumes nicht stört, nicht einmal verändert, sondern ihn nur 
in einer sachlich begründeten Weise ergänzt. Die Auf 
erstehungskirche ist danach also nicht die evangelische Kirche 
schlechthin und bedeutet nicht die Lösung des evangelischen 
Kirchenbauproblems überhaupt, wohl aber stellt sie einen 
Zwischentyp wesentlich reformierten Charakters dar, der sich 
dom lutherischen Bedürfnisse einen Schritt nähert. 
Die ehemalige Pressakirche, mit ihrem Unterbau auf freiem 
Platz sich würdig erhebend, ist ganz anderer Art. Bartnings 
Vielseitigkeit kann nicht deutlicher illustriert werden als durch 
Nebeneinanderstellung dieser beiden so verschiedenartigen 
Kirchen. Zwar der Grundge danke ist bei beiden ähnlich 
Aber es tritt schlagend zutage, wie schon eine scheinbar un 
bedeutende Abwandlung der theoretischen Grundlage zu ganz 
verschiedenen praktischen Ergebnissen führen kann und muß. 
Ist in der erstgenannten Kirche der Gemeindegedanke im 
reformierten Sinn herrschend, so in dieser der ähnliche, aber 
ganz anders nuancierte des allgemeinen Priestertums, wie ihn 
aas Luthertum versteht. Die Trennung von Chorraum und 
Gemeinderaum ist radikal beseitigt, und zwar auf eine durchaus 
originelle Weise. Nicht durch Weglassung des Chorraums 
— damit wäre die Kultgemeinde noch nicht als priesterliches 
Volk gekennzeichnet —, sondern umgekehrt dadurch, daß die 
ganze Gemeinde in einen einheitlichen Raum versetzt wird, 
der durch seinen Grundriß wie auch durch seine farbigen 
Glaswände als großer Chorraum gestaltet und bezeichnet ist. 
So ist diese Kirche das lutherische Gegenstück zur Auferstehungs 
kirche. Dabei ist aber der ganze Raum dennoch Richtungs 
raum und wird als solcher durch die Verjüngung des Mittel 
ganges nach vorn hin noch besonders betont. Man hat be 
zweifelt, ob es möglich sei, die auf dem dritten Kirchbau- 
kongresse aufgestcllte Forderung zu erfüllen, daß der evan 
gelische Kultraum die Gemeinde zugleich als heilbesitzende 
und als zielstrebige bezeichnen müsse. Nun, hier ist eine 
Lösung der Aufgabe: die Gemeinde ist Besitzerin und Ver 
walterin der Heilsgüter, streckt aber zugleich die Hände aus, 
um sie sich immer besser anzueignen. Altar und Kanzel sind 
Zielpunkt, beide in der Hauptachse gelegen. 
In der Heraushebung des Altars ist m. E. zu viel ge 
schehen. Daß er höher steht als die Kanzel vor ihm, entspricht 
lutherischem Empfinden. Aber hier ist er zu stark erhöht. 
Das unterliegt theoretischen Bedenken und hat schwer 
wiegende praktische Nachteile. Der Liturg, der wie ein himm 
lischer Bote hoch über der Gemeinde am Altar steht, muß 
fast schwindelfrei sein. Für seinen Zweck als Abendmahl 
tisch ist dieser Altar kaum zu verwenden. Tatsächlich pflegen 
auch die Kommunikanten nicht zu ihm hinauf zusteigen, 
sondern auf dem Absatz zwischen Kanzel und Altar die Ele 
mente zu empfangen. Anregungen, ihn einige Stufen tiefer 
zu stellen, sind nicht durchgedrungen. 
In der Praxis bewährt sich, wie ich schon von maßgebender 
Seite hörte, die Kirche sonst gut. Namentlich haben sich dank 
der Ventilationsanlagen die Befürchtungen w r egen der Sommer 
temperatur in diesem Glashaus erfreulicherweise als gänzlich 
unbegründet erwiesen. Und im Winter arbeitet die Gasheizung 
tadellos und viel billiger als die elektrische in der Schwester 
kirche. Die Akustik des Raumes ist jedoch nicht bei allen 
Stimmlagen gleich befriedigend. 
Jedenfalls hat die evangelische Kirchcnvertretung von 
Essen einen nicht gewöhnlichen Weitblick gezeigt, indem sie 
sich diese beiden Kirchen sicherte, die als bedeutsame Ver 
suche einer Neubildung ein neues Kapitel in der Geschichte 
des evangelischen Kirchenbaues einleiten oder wenigstens vor 
bereiten, nicht wegen des bei ihnen verwendeten Materials 
und seiner Behandlung — das sind Dinge zweiter Ordnung —, 
sondern wegen der neuen Art, wie sie evangelische Grund 
gedanken, die für den Kirchbau maßgebend sind, verkörpern. 
Wansleben, Bez. Halle a. d. S. Brathe. 
ZUR FRAGE DER TECHNISCHEN AUSFÜHRBARKEIT DES TAUERNWERKS. 
Von Professor E. Mattern, Oberbaurat a. D., Berlin-Charlottenburg, 
Für die Ausnutzung der Wasserkräfte der Hohen Tauern 
hat die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (A. E. G.), Ber 
lin, Abteilung für Wasserkraftanlagen, im Jahre 1928 einen 
Plan aufgestellt, der in letzter Zeit fortgesetzt Gegenstand 
lebhafter Erörterungen gewesen ist. Es darf diese starke An 
teilnahme nicht wundemehmen, da das Tauemwerk berufen 
scheint, in der zukünftigen Stromversorgung Mitteleuropas 
eine gewichtige Rolle zu spielen. Die Grundzüge dieses Ent 
wurfes, der mannigfache große und neue Probleme in sich 
birgt, werden hier als bekannt vorausgesetzt, nachdem darüber 
mehreres veröffentlicht ist und auch im Jahrg. 1930 d. Bl. auf 
S. 871 Mitteilungen gebracht wurden 1 ). 
Die Generalidee ist die Zusammenfassung des höchst ge 
legenen Gesamtgebietes der Hohen Tauern, zu einer einheitlichen 
Kraftgewinnung. Die erzielbare Energie überschreitet alle bisher 
bekannten Ausmaße, und die natürlichen Vorbedingungen sind 
*) s. auch ..Wasserwirtschaft“ (Wien) 1A29. S. 515. u. 1931. S. 181; „Wasserkraft und 
Wasserwirtschaft" 1931. S. 13. 
als gut, ja überragend zu bezeichnen. Während dem ursprüng 
lichen Plane ein Niederschlaggebiet von rd. 2000 km 2 in einer 
Höhenlage von rd. 2100 m und darüber zugrunde lag, ist die 
Wasserfassung u. a. durch Ausschaltung der Fläche der Gasteiner 
Heilquellen neuerdings auf 1593 km 2 eingeengt bei entsprechen 
der Verkürzung der wassersammelnden Hangkanäle und Stollen, 
Änderung ihrer Linienführung usw. Anderseits sind die Spei' 
chorräume vergrößert und neue Täler dafür gesucht worden, 
und an Stelle von drei Kraftwerken sind deren vier vorgesehen. 
Bei der Aussprache in Zeitschriften, Tageszeitungen und 
Vereinssitzungen sind mancherlei Gesichtspunkte hervor 
getreten und Bedenken laut geworden, die eine erhebliche 
Beunruhigung herbeigeführt haben. Berufene und Unberufene 
haben sich daran mit mehr oder weniger Sachkenntnis be 
teiligt. Einige Bemerkungen darüber mögen daher angebracht 
erscheinen. 
Die Schwierigkeiten, auf die der A. E. G,-Plan stößt, sind 
wasserrechtlicher, hydrologischer, geologischer, bau- und be
	        
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