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Volume Nr. 49/50

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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ABTEILUNG „NEUES BAUEN“. 
Von Professor Ernst Neufert, Gelmeroda-Berlin. 
Im amtlichen Katalog der Bauausstellung finden sich 
nachstehende Sätze: 
„Es galt die wirklichen Bedürfnisse im Bauen und Wohnen 
einmal klarzustellen und die Wege zu ihrer Befriedigung auf 
zuzeigen. Die deutsche Bauausstellung ist daher nicht als 
eine Ausstellung der Repräsentationen zu bewerten oder etwa 
als eine Veranstaltung, die historisch registriert, oder eine 
Messe, die Vorhandenes aneinanderreiht, sie ist vielmehr eine 
Ausstellung, die aus dem kritischen Vergleich der Erkenntnisse 
und Vorschläge die Konsequenzen zieht und die zukünftigen 
Entwicklungs- und Arbeitsmöglichkeiten zielbewußt heraus 
arbeitet. Dabei galt es unter Ausschaltung alles Nebensäch 
lichen und Bekannten eine strenge Auswahl vorzunehmen, so 
daß nur Spitzenleistungen in die Erscheinung treten.“ 
Hiernach erwartete der Baufachmann eine Klarstellung der 
Bedürfnisse des neuen Bauens; er hoffte, in anschaulichen 
Darstellungen das Barometer des Baustoff Verbrauchs in den 
Jahren nach dem Kriege, verglichen mit einigen Vorkriegs 
jahren, zu sehen, die Auswirkungen aufgezeichnet zu finden, 
die die moderne Bauweise etwa in der Dachziegel- und Ziegel 
industrie hervorgerufen hat. Ihn interessierte mengenmäßig 
die Verwendung und Bewährung der neuen Holz-, Stahl-. 
Beton-, Gips-, Bims-, Schlacken-, Heraklith- und Solomit- 
Bauweisen in den letzten Jahren. Er hoffte, die volkswirt 
schaftliche Bedeutung der einzelnen Baustoffe kennen zu lernen, 
die Fabrikationsstätten, die Hauptabsatzgebiete, die Haupt- 
Verwendung, die Eigenschaften und die Preiszusammensetzung. 
Er nahm an, daß endlich der Messecharakter mit Ständen 
und Standvertretern verlassen und von hervorragenden Spe 
zialisten, vielleicht unter Mithilfe der deutschen Material- 
prüfungsämter, ein kritischer Vergleich der neuen bautech 
nischen Möglichkeiten, gemessen an den bekannten bewährten 
Bauverfahren zusammengestellt worden war; natürlich alles 
in vergleichbarer Form, in einer drastischen Darstellung, wie 
sie nach den Vorbildern der vorangegangenen deutschen Aus 
stellungen (Gesolei, Pressa, Hygiene) selbstverständlich voraus 
zusetzen war. Er war erstaunt und erfreut, daß eine Auswahl 
getroffen sein sollte, die alles Nebensächliche und Bekannte 
ausschaltete und nur Spitzenleistungen in Erscheinung treten 
ließ. Er nahm an, daß die Ausstellung alles Wissenswerte in 
einem erfrischenden Rundgang vor dem Besucher aufrollen 
würde, so daß er einen gründlichen Überblick und Einblick 
in das neue Bauen bekam. Er hoffte außerdem aber, vor den 
einzelnen Gruppen der Ausstellung ständige Spezialisten an- 
zutreffen, die auf ganz spezielle Fragen Auskünfte oder Er 
klärungen geben könnten. 
Aber so war es leider nicht! 
Wenn man die Halle III betrat, so bot sieb das bekannte 
Bild einer Messe dar (Abb. I). 
Wohl waren die ähnlichen Gebiete mehr oder weniger 
geschickt nebeneinander gelegt, aber die ganze Baumesse, wie 
treffend die Hallen „Neues Bauen“ genannt wurden, unter 
schied sich nicht wesentlich, nur in geringen Ausnahmen, von 
der Baumessc in Leipzig. 
Ausnahmen waren: die Ausstellungen der Industrief ach- 
verbände, die wissenschaftlichen Gruppen, die Regiebetriebe 
und einige nebeneinandergestellte Leicht bau wände und Skelett 
bauweisen. Es wäre sicherlich richtiger gewesen, wenn nur 
diese Gruppen allein die Ausstellung in umfangreicherer Form 
beschickt hätten, alles wäre dann kleiner, übersichtlicher, aus- 
kunftsreicher, für alle Teile billiger und wirksamer geworden. 
Denn die Verbände oder die wissenschaftlichen Gruppen als 
Mittler zwischen Hersteller und Verbraucher finden größeres 
Vertrauen beim Interessenten als die Hersteller, deren oft 
gegen die Konkurrenz gerichtete Reklame skeptisch macht. 
Dabei soll nicht übersehen werden, daß auf der Ausstellung 
einige Firmen die direkte Werbung für ihre Fabrikate zurück- 
gestellt hatten und in sympathischer Form die Probleme ihrer 
Fabrikation lehrschauhaft erläuterten. Es wird deshalb jeder 
Fachbesucher der Ausstellung nach der ersten Enttäuschung 
versucht haben, sich mit Ausdauer durch den oft unverständ 
lichen Wirrwarr, durch das Nebeneinander von vollkommen 
gleichen, aber auch vollkommen entgegengesetzten Fabrikaten 
durchzuwinden, um die paar wichtigen Dinge zu sehen, wegen 
deren sich der Besuch der Ausstellung auch für den orientierten 
Fachmann lohnte. Ganz Neues fand sich allerdings nicht viel. 
Warum aber auch immer Neues ? Haben doch die Neuerungen 
der letzten Jahre zumeist noch nicht den Weg in die Praxis 
gefunden. Viele amerikanische Bauteile z. B., die dort im 
großen Verwendung finden, sind hier nicht abzusetzen. Der 
Deutsche ist in der Regel gründlich, ängstlich und voller 
Bedenken, er beschäftigt sich zu sehr theoretisch mit dem 
Neuen, als es praktisch auszuprobieren. Deshalb finden wir 
immer neue Bauweisen und Neuerungen, führen aber seltener 
die Dinge zur praktischen Verwertung. In der Praxis greift 
man dann zumeist zum alten bewährten Bauverfahren, weil 
die für die Praxis befriedigende Kenntnis der Neuerungen fehlt. 
Insofern bot die Ausstellung doch Gelegenheit, eine ganze 
Reihe von Neuerungen und deren Eigentümlichkeiten in Ruhe 
studieren zu können. 
Abb. 1. Halle III.
	        
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