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Volume Nr. 49/50

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Abb. ,9. Wandmalerei und Plastik von Oskar Schlemmer, Breslau, 
thematischer Verständlichkeit verlangen ? Zweifellos gehören 
die wenigen abstrakten Maler Deutschlands zu den wertvollsten 
künstlerischen Kräften, die wir haben, allein was soll die Kunst, 
wenn sie wirklich wieder mit praktischen Aufgaben verbunden 
wird, mit der bloßen Abstraktion beginnen ? (Die einzige Aus 
nahme bildet hier die Glasmalerei, wo der reine Zusammenklang 
farbiger Werte sehr wohl als „Inhalt“ empfunden wird.) Das 
„Mauerbild“ im Sinne der Abstraktionen von Baumeister und 
Schlemmer (Abb. 7 u. 9) ist ein großartiger künstlerischer 
Wurf — für Menschen, die ein fein erzogenes künstlerisches 
Empfinden haben, schwerlich aber für die anderen. Und 
schließlich sind alle die vielen, mit großem Aufwand unter 
nommenen Versuche der Russen, eine „proletarische Kunst“ 
außerhalb von angewandter Kunst zu schaffen, so unverhüllt 
fehlgeschlagen, daß man sich fragen muß, ob nicht die alte 
These von der Unpopularität aller „reinen“ Kunst zu Recht 
bestehe und tatsächlich Photographie und Plakat, nicht aber 
Gemälde und Plastik, die Volkskunst von heute repräsentieren. 
Es würden sich noch viele Fragen auf ähnliche Antithesen 
hin erheben lassen. Die Malerei und Plastik der Gegenwart 
befinden sich in einer entscheidenden Umgestaltung, die an 
den Kern der Dinge rührt. Eines aber ist gewiß; daß nur durch 
eine rastlose Arbeit an diesen Problemen eine Klärung möglich 
ist. Und zu dieser Arbeit gehören Aufträge, gehören Wirkungs 
möglichkeiten, mit denen der Künstler sich auseinandersetzen 
kann. Auch das härteste Eisen schmiedet sich im Feuer. 
ABTEILUNG ,.DIE WOHNUNG UNSERER ZEIT‘ 
Von Dr. Adolf Behne, Berlin. 
Döblin spielte kürzlich in einer vor Malern gehaltenen 
Rede die neue Architektur gegen die Malerei aus. Die Malerei 
produziere Atelierkram, die Architektur diene und helfe dem 
Leben. Und sicherlich: es werden zahllose Bilder gemalt, die 
nur für ihren Urheber einiges Interesse haben, zahllose Bilder, 
deren sozialer Radius klein ist gegenüber einem brauchbaren 
Siedlungsgrundriß. Aber Döblin beging den Fehler, „die“ 
Malerei, „das“ Bild gegen „die“ Architektur zu stellen. Die 
soziale Potenz ist der Architektur nicht damit garantiert, daß 
sie begehbar ist, und das Bild ist nicht zur „Ästhetik“ ver 
urteilt, weil es ohne Einfluß auf den Lichteinfallwinkel oder 
die Auf schließungskosten bleibt. Welche Stellung ein Kunst 
werk innerhalb der Gesellschaft einnimmt, das dürfte weniger 
von der Zw^ei- oder Dreizahl seiner Dimensionen abhängen, 
als von seiner Erkenntniskraft, seiner Gesinnung und seiner 
Intensität in jedem einzelnen Falle. 
Die neuen Architekten fanden es richtig, das Bild des 
Malers von ihren Wänden fernzuhalten. Die Konsequenzen 
waren für die wirtschaftliche Situation der Maler recht un 
angenehm. Trotzdem kann ich keinen Architekten deshalb 
tadeln, wenn sein Raum von einer solchen architektonischen 
Vollkommenheit, Dichtigkeit und Lebendigkeit ist, daß jede 
Zutat nur stören könnte. Wo aber ohne eine solche Legiti 
mation der Leistung die Verbannung des Bildes nur Unter 
werfung unter eine Mode ist, scheint sie mir kein Fortschritt 
und angesichts der Notlage der meisten Maler bedauerlich. 
Denn es ist doch ganz klar, daß der Verzicht auf „Maler und 
Bildhauer am Bau“, ursprünglich gemeint als ein Schlag gegen 
das Dekorative, längst in sein Gegenteil umgeschlagen ist: 
heute ist es dekorativ, kein Bild an der Wand zu haben. Der 
Vorstoß gegen das Bild, in seinem Ursprung revolutionär, ist 
heute als Dogma und Erkennungsmarke der Mitläufer 
reaktionär. 
Was hat das mit der Halle II „Die Wohnung unserer 
Zeit“ zu tun? 
Die Wohnungen, die uns in der Halle II gezeigt wurden 
— von den paar Ausnahmen sprechen wir noch —, scheinen 
mir Wohnungen von gestern und vorgestern zu sein. Berlin 1931 
ist schließlich nicht Stuttgart 1927 und nicht Breslau 1929. 
Wenn wir in so kritischer Zeit so große Mittel aufw r enden, 
müssen wir doch wohl überzeugt sein, daß Stuttgart und 
Breslau die Probleme noch nicht endgültig gelöst hatten. Aber 
was die Halle II zeigte, war die stilistische Erstarrung, die 
modische Auswalzung von Stuttgart 1927.
	        
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