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Volume Nr. 15

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Außenansicht bei Tage. 
Portal entspricht, mit dem Kirchenraum verbunden wer 
den. Um die Wesentlichkeit der Kaumgestaltung nicht 
zu erschweren, ist auf eine „Dehnbarkeit ' des Kirchen 
raumes mit Absicht und mit Recht verzichtet worden. 
Die „Dehnbarkeit“ des Kultraums gehört zu den Merk 
malen jener bekannten Intellektualisierung evangelischer 
Kaumgestaltung, die ihre Formbildung immer gänzlicher 
aus dem Kalkül praktisch-äußerlicher Zweckhaftigkcit 
und in gleichem Maße immer weniger aus der Symbol 
kraft und geistigen Sinnhaftigkeit der Raumgestaltung 
hergeleitet hat. 
Der Kirchenraum verengt sich über keilförmigem 
Grundriß nach dem Chor, der trapezförmig, vom Kult 
raum abgesetzt, die Grundlinie vollendet. Durch diese 
Grundlinienführung ist eine au Berge wöhnheh starke 
Dynamik der Kaumbewegung zum Chor erreicht worden. 
Das Gestühl, in zwei großen Blöcken zu seiten eines 
breiten Mittelganges angeordnet, ist ein bedeutsamer Fak 
tor in der Aktivierung der Raumbewegung und in der 
Einschaltung der versammelten Gemeinde in die Spannung 
der Raumform. Diese Dynamik der Raumgestalt konzen 
triert die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf die kultischen 
Stätten von Kanzel und Altar. 
Während die Kanzel der Gemeinde nahegerückt ist, 
steht der Altar in der Ferne. Er ist dicht vor die gläserne 
Stirnwand gestellt und durch Stufen soweit erhöht, daß 
er für die Gemeinde über der Kanzel sichtbar wird. Der 
Altar ist die Stätte der Verkündigung und der Abend 
mahlsfeier. Diese Bestimmung gibt ihm den Sinn des 
Beth-El-Zeichens: „Der Herr ist an diesem Orte“. Nach 
evangelischer Auffassung ist die Gegenwärtigkeit des 
Heiligen nicht äußere Bindung an die Stätte, sondern 
Selbstoffenbarung in der Raumgestalt und der in ihr voll 
zogenen Feier. Deshalb ist der Raum des Chores die 
Höchststeigerung gebauter Epiphanie, die der kultischen 
Architektur als Ziel und Aufgabe ihr Gepräge gibt. Es 
ist ohne weiteres deutlich, daß der Strukturbau den „Er 
scheinungscharakter“ sakraler Architektur mit besonderer 
Ausdruckskraft zu gestalten vermag. Denn das Skelett 
des konstruktiven Raumsystems umkleidet sich nicht mit
	        
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