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Volume Nr. 32

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Alle diese Haupttaler haben gemeinsam eine von Ost 
nach etwa Nordwest verlaufende Richtung, die uns noch heute 
den jeweiligen Gletscherrand während einer langdauemden 
Stillstandlage in seinem Verlaufe anzeigt. 
Die Karte zeigt nun weiter, daß sich zwischen diesen 
Haupttälem zahlreiche Quertäler gebildet haben, die alle fast 
dieselbe Richtung zum Meridian haben. Ueber ihre Ent’ 
stehung hat man. verschiedene Erklärungen zu finden versucht, 
die aber nicht befriedigen können. Vor allem glaubte man 
in der bekannten rechtsablenkenden Zusatzbeschleunigung in 
folge der Erdumdrehung (rechtsablenkend für die nördliche 
Erdhalbkugel) die Ursache für die Abbiegung der Stromtäler 
nach Norden gefunden zu haben; selbstverständlich ist diese 
Coriolis-Beschleunigung wirksam, sie ist aber gegenüber den 
anderen Erosionskräften so gering, daß ihre Wirkung ver 
schwindend klein bleibt und auf keinen Fall die Verlegung 
eines Strombettes nach Norden bedingen kann; wäre sie aber 
ausreichend groß, so müßten alle Flüsse Norddeutschlands 
bis zur Einmündung in das Meer eine ständige Krümmung 
nach rechts im Sinne des Uhrzeigers beibehalten, was aber, 
wie ein Blick auf die Karte zeigt, nirgends der Fall ist. Wir 
wollen, um sicher zu gehen, die Größe der Coriolis-Kraft mit 
der Erosionskraft vergleichen. Es bezeichne v in m/sek die 
mittlere Wassergeschwindigkeit, T in m die gemittelte Wasser 
tiefe, J das Fließgefälle des Stromes, 9? den Breitengrad an 
dem betrachteten Orte, co = 2 ji/86400 sek= 1/13740 in sek die 
Winkelgeschwindigkeit der Erde; es ist dann für 1 qm Fläche 
des Strombettes 
die Erosionskraft S - 1000 kg (T ■ J), und da v = k \ ^T- J, 
auch S = Konst. v* ist, 
die Ablenkungskraft P =y/g 1 qm • T (2 <a sin q> v) oder 
P = konst. v; 
d. h. 8 ist v % , aber P nur dem Werte v verhältnisgleich; es ist 
also S erheblich größer als P, zumal bei den Urströmen die 
Fließgeschwindigkeit sehr groß war, vielleicht 4 bis 5 m/sek 
und mehr. 
Ein Zahlenbeispiel möge dies bestätigen; angenommen 
T = 6 m, J — 0.002, v = 4,5 m/sek (vgl. Eine allgemeine Abfluß 
formel, Z. d. Bauverw. 1923, Nr. 103, Nomogramm), <p = 53<\ 
sin <p — 0,8. Demnach ist für den angenommenen Fall 
P = (1000/9,81) 1 • 5 (2/13740) 4,5 • 0,8 = 0,26 kg/qm 
8 = 1000 • 5 • 0,002 = 10 kg/qm; 
die Erosionswirkung würde also in diesem Falle etwa 40 mal 
so groß sein als der Angriff des Strombettes und des rechten 
Ufers durch die Ablenkungskraft. Die Erklärung der Ver 
legung des Strombettes durch die Wirkung der Erdumdrehung 
ist mithin nicht annehmbar. 
Auch Eisstopfungen im Strome können nicht die Ursache 
gewesen sein, da es ganz unwahrscheinlich ist, daß in allen 
Stromgebieten die Abbiegung stets in ungefähr gleicher 
Richtung (vgl. die Doppelpfeile in der Karte) erfolgt sein soll. 
Für die Abbiegung der Weichsel bei Fordon und der Oder 
bei Oderberg—Hohensaaten, östlich von Eberswalde, hat man 
wohl auch die sogenannte Litorinasenkung als Ursache ver 
mutet. Nun sind aber die Senkungen der südlichen Gestade 
des Baltikums zur Litorinazeit, die von den häufigen Vor 
kommen der Schalen einer kleinen Schnecke litorina litorea den 
Namen erhalten hat, nach den Forschungen von Geinitz 
und von Samter etwa um 1500 vor Christi, nach Andersson- 
Wahnschaffe- Jentsch etwa 5000 bis 2000 vor Christi und nach 
Keilhack ebenfalls um ungefähr 5000 vor Christi anzu 
setzen; anderseits ist nach den mit Hilfe der Mächtigkeit 
der Bändertonschichten angestellten Ermittlungen des schwe 
dischen Geologen Gerard de Geer ungefähr um 10000 vor 
Christi die Südküste von Schweden und damit auch die ganze 
deutsche Tiefebene schon wieder eisfrei gewesen; zuvor hatten 
sich bereits die oben besprochenen Urstromtäler bei Stettin 
(Ihna—Peene) und das Urstromtal bei Lauenburg—Leba- 
mündung gebildet. Demnach sind auch diese Erklärungen nicht 
annehmbar, da eie sich auf sehr unwahrscheinliche Annahmen 
stützen. 
Bei der Untersuchung dieser Fragen bin ich zu folgenden 
Ergebnissen gelangt, die vielleicht dieses Rätsel losen helfen 
können. Aus der Karte ergibt sich, daß die Abbiegungen in 
allen Stromgebieten ungefähr denselben Winkel mit dem 
Meridian bilden, wie es die Doppelpfeile zeigen. Offenbar 
liegt hier eine gemeinsame und auch ganz gesetzmäßige Ur 
sache zugrunde; diese durch die Pfeile hervorgehobenen Ab 
biegungen verbinden im allgemeinen benachbarte Urstromtäler 
fast rechtwinklig, weshalb ich sie als Quertäler bezeichnen 
möchte. Wir erinnern uns an die starken Bodenbelastungen 
von vielleicht 35 bis über 100 at durch die Eismassen; sobald 
die Eismassen auftauten und der Gletscherrand sich nordwärts 
verlegte, trat eine Entspannung des zuvor elastisch stark 
zusammengedrückten Bodenmaterials ein, die Bodenerhe 
bungen in nicht geringem Ausmaße bedingte. So wurde dem 
Strome die Vorflut versperrt, er staute dort an, uferte aus 
und ergoß einen Teil seiner Wassermassen in die von den 
Gletschern früher ausgepflügten Furchen, die also die Richtung 
der Gletscherbewegung verraten und daher auch alle mit dem 
Meridian angenähert denselben Winkel bilden. Die über das 
Ufer strömenden Wassermassen erodierten alsdann sehr bald 
das Quertal, wenn ein neuer Stillstand des Gletscherrandes das 
Quertal nördlich begrenzte und den Strom in das neu sich 
bildende Urstromtal nach West hin ableitete. In der Tat 
finden sich derartige rückenartige Erhebungen des Bodens, die 
zu Wasserscheiden wurden, fast durchweg westlich neben 
diesen Stellen, an denen die Ablenkung in die Quertäler er 
folgte (vgl. die in der Karte durch schrägliegende Kreuze 
gekennzeichneten Stellen). Hiernach liefern die Quertäler 
auch an ihrem südlichen Beginn den Ort, an dem dereinst 
ein Urstromtal von Ost nach West verlief (vgl. z. B. die ge 
strichelte Linie zwischen Breslau und Hoyerswerda). 
Wenn nun vielleicht die Kritik auch gegen diese Annahme 
der Quertalbildung manches einzuwenden haben wird, so 
dürfte dieser Quertaltheorie doch größere Wahrscheinlichkeit 
beizumessen sein als den bisherigen Erklärungsversuchen. 
Möge sie sich als ein weiterer Schritt zur Erkenntnis wichtiger 
Naturvorgänge aus den ersten Zeiten des Auftretens des 
Diluvialmenschen erweisen. 
Schrifttum: 
1. Credner ,Elementeder Geologie, Leipzig, Verlag Engelmann. 
2. Jasmund, Fließende Gewässer, Talbildung, Hdb. d. Ing.- 
Wissenschaften III, 1; Leipzig, Verlag Engelmann. 
3. Bölsche, Entwicklungsgeschichte der Natur, Neudamm, 
Verlag Neumann. 
4. Braun, Das Ostseegebiet, Leipzig, Verlag Teübner {Aus 
Natur und Geisteswelt). 
5. Fr aas, Geologie, Stuttgart {Sammlung Göschen). 
6. Keilhack, Einführung in das Verständnis der geolog.- 
agronom. Karten des Norddeutschen Flachlandes. .Berlin, 
im Vertrieb der Geolog. Landesanstalt u. Bergakademie. 
7. Wahnschaffe-Schucht, Geologie und Oberflächengestal 
tung des Norddeutschen Flachlandes. Stuttgart, Verlag 
Engelhoms Nachf, 1921. 
8. Sonntag, Die Urstromtäler des unteren Weichsdgebietes, 
Danzig, Schriften der Naturforschenden Gesellschaft, 1912. 
9. Woldstedt, Das Eiszeitalter, Stuttgart 1929, Verlag Enke. 
10. Werth, Das Eiszeitalter, Berlin-Leipzig, Sammlung Göschen. 
11. Jentsch, Geologische Skizze des Weichseldeltas, Königsberg 
1880, Physik.-ökonomische Gesellschaft Königsberg. 
12. Solger, Das Oderbruch (Geologie), Eberswalde 1930, Verlag 
R. Müller m. b. H. 
PROBEBELASTUNGEN VON BOHRPFÄHLEN. 
Von Dr.-Ing. Heinrich Preß, Berlin. 
Nachstehend sollen einige vom Verfasser durchgeführte 
Probebelastungen von Bohrpfählen verschiedener Ausführung 
im gleichen Boden mitgeteilt werden. Vorweg sei bemerkt, 
daß die bei dem beschriebenen Boden am wirtschaftlichsten 
befundene Pfahlausführung (d. h. jene mit dem geringsten 
Aufwand bei größter Tragfähigkeit des Pfahles) durchaus nicht 
die vorteilhafteste bei einem anderen Boden sein wird. Auch 
ist eB nicht zulässig, aus diesen wenigen Versuchen allgemeine 
Folgerungen zu ziehen. In manchen Böden wird sich überdies 
diese oder jene der zahlreichen Bohrpfahlausführungen kaum 
mit Erfolg anwenden lassen. Bei stark Beton zerstörenden 
Wassern und Böden schließlich werden, falls Bohrpfähle er 
forderlich sind, nur Hülsenbohrpfähle anwendbar sein. 
Wenn auch die Tragfähigkeit einer Bohrpfahlgründung 
eine andere ist als die eines Einzelpfahles, dürfte es sich 
doch dringend empfehlen, stets neben der genauen Ermitt 
lung der Böden bis in größere Tiefen hinein auch die Tragfähig 
keit von Einzelpfählen festzustellen, da hierzu nur ein geringer 
Aufwand nötig ist. Die Probebelastungen von Bohrpfählen 
werden ausgeführt:
	        
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