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Volume Nr. 31

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Es zeigte sich hier wie immer wieder, daß die neuzeitliche 
Schweißtechnik in noch stets wachsendem Maße die Aufmerk 
samkeit der Maschineningenieure und Eisenhüttenleute, der 
Bauingenieure und Metallfachleute beansprucht. 
Den Hauptvortrag der öffentlichen Sitzung hielt Prof. 
Dr. Konen, derzeit Rektor der Universität Bonn. Sein Thema 
war weit gespannt von der forschenden und rechnenden neu 
zeitlichen Physik bis zur technischen Anwendung der Erkennt 
nisse; es lautete „Strahlungsprobleme“. Prof. Konen beleuch 
tete am Beispiel der Sonnenstrahlung in wissenschaftlich 
einwandfreier Weise und doch allgemein verständlich die Be 
deutung der strahlenden Energie. Für die Leser dieser Zeit 
schrift dürfte der Gegenstand etwas ferner liegen, das Bau 
wesen wurde ganz kurz berührt in der Heizungs- und Be 
leuchtungstechnik. Das menschliche Auge erfaßt nur einen 
kleinen Bereich des Sonnenspektrums, die Atmosphäre läßt 
nur einen kleinen Teil der ultravioletten Strahlung der Sonne 
zu uns gelangen. Daher ist für viele Zwecke des Bauwesens die 
Verwendung von Glasarten zu Fenstern und von Lichtquellen 
wichtig, die reich an denjenigen ultravioletten Strahlen sind, 
die für biologische und physiologisch-chemische Vorgänge 
in Frage kommen. Hier ist z. B. der Bau von Treibhäusern zu 
nennen. Ueberhaupt ist die ungeheure Energiemenge, die die 
Sonne uns stündlich sendet, nach der heutigen Technik am 
vorteilhaftesten auf dem Wege über die grüne Pflanze ausnutz 
bar. Für Sonnenmaschinen ist unser Klima viel zu ungünstig; 
deshalb sollte der Ingenieur sich der Weiterentwicklung des 
Treibhauses annehmen. Um leistungsfähige Gläser mit gün 
stiger Durchlässigkeit für wirksame ultraviolette Strahlen zu 
finden, werden zur Zeit mit Mitteln der Notgemeinschaft plan 
mäßig alle in Frage kommenden Werkstoffe durchforscht. Der 
Erledigung harrt aber noch die Aufgabe, im einzelnen festzu 
stellen, welche fördernde oder hemmende Wirkung die einzelnen 
Frequenzbereiche des ultravioletten Lichtes auf den Organis 
mus von Pflanze und Tier haben. 
Anstrichtechnik. Viel zu wenig nehmen sich die Ingenieure 
der in der Anstrichtechnik ihrer harrenden Aufgaben an. 
Führende Handwerker betonen seit Jahren die Notwendigkeit 
der Zusammenarbeit mit den Ingenieuren zur Entwicklung 
mechanischer Anstrichverfahren, die der handwerklichen 
Praxis gerecht werden. Der Verein deutscher Ingenieure 
bemüht sich in einem gemeinsamen Fachausschuß mit dem Ver 
ein deutscher Chemiker, die in der Anstrichtechnik noch uner 
ledigten Aufgaben wissenschaftlicher Grundlagen zu bearbeiten 
und die schon gewonnenen Forschungsergebnisse der lebenden 
Praxis zuzuführen. Wer sich als Ingenieur mit den Problemen 
des mechanischen Anstrichs näher befaßt, findet eine ganze 
Reihe reizvoller Forschungs- und Gestaltungsaufgaben. In der 
Industrie, insbesondere der Massenfertigung, sind auch schon 
vielerorts bemerkenswerte Lösungen für das mechanische 
Aufbringen von Farbe und Lack gefunden, im Malerhandwerk 
fehlt aber offenbar immer noch die enge Fühlungnahme zwischen 
Handwerker und Ingenieur. Denn die heute üblichen Geräte 
zum Farbspritzen haben noch grundlegende Schw ächen, vor 
allem die Nebelbildung; es kann nicht Aufgabe des Hand 
werkers sein, sie zu beseitigen. Auf der Fachtagung für Anstrich 
technik im Rahmen der Hauptversammlung zeigte der erste 
Vortrag überzeugend die Notwendigkeit Yon Ingenieurarbeit. 
Dr. Goos, Hamburg, Direktor der Hamburg-Amerika- 
Linie, sprach über die Verwendung weißer Farben in der 
Schiffahrt. Der Bedarf an solchen Farben ist groß, die Reede 
reien lassen sich die Erhaltung der Schiffe durch guten Anstrich 
stets angelegen sein. Weiße Farben werden aus vielfachen 
Gründen bevorzugt, besonders für den Innenanstrich. Die 
Hapag verbraucht z. B. jährlich rd. 300 000 kg weiße Oelfarbe 
und rund 65 000 kg weiße Lackfarbe. Für Instandsetzungs 
arbeiten kommt die Nitrolackierung noch nicht in Frage. 
Nitrolacke können nur gespritzt werden, im Innern des Schiffes 
kann aber die nebelnde Spritzpistole nicht geduldet werden; 
man kann die Nebel nicht absaugen und aus den oft engen 
Gängen nicht wieder entfernen. Hier liegt also eine Aufgabe für 
den Ingenieur vor: die Schaffung einer nebellosen Spritzpistole 
für Innenarbeiten ohne Absaugemöglichkeit. Beim Neubau von 
Schiffen ist die Zelluloselackierung natürlich möglich und in An 
wendung, weil hier die Teile vor dem Einbau gespritzt werden 
können. Das hauptsächlich angewandte Pigment für die 
Weißfarben im Schiffbau ist Zinkweiß. Der Oel- bzw. Firnis- 
gehalt der strichfertigen Farbe ist 20 bis 25 vH. In den Gesell 
schaftsräumen und für andere repräsentative Zwecke werden 
vielfach Emaille-Lackfarben unter Benutzung von Leinöl- 
Standöl verwendet, wodurch der Glanz und die Dauerhaftigkeit 
des Anstriches erhöht werden. Ferner wird für sodafeste An 
striche chinesisches Holzöl in Verbindung mit unverseifbaren 
Harzen verwandt. 
Dr. Becker, Köln, sprach über die physikalisch-optischen 
Grundlagen der Weißpigmente. Die Deckfähigkeit der 
Weißpigmente ist von dem Unterschied der Lichtbrechungs 
zahlen von Pigment und umhüllenden Stoff abhängig. Durch 
Glasstückchen in Mitteln verschiedener Brechungszahlen läßt 
sich dies leicht veranschaulichen. Die Deckfähigkeit ist weiter 
abhängig von der Teilchengröße der Pigmente; sie nimmt mit 
abnehmender Teilchengröße solange zu, bis sich die Größe der 
Teilchen der Wellenlänge des roten Lichtes nähert. Bei weiterer 
Verringerung der Teilchengröße wird die Deckfähigkeit wieder 
schlechter. Für die Vermahlung der Pigmente ist also ein 
günstigster Wert einzuhalten. Zu beachten ist der Unterschied 
zwischen Färbevermögen und Deckfähigkeit. Diese beiden 
wären dann verhältnismäßig gleich groß, wenn die Gewichts 
mengen in der Raumeinheit der verschiedenen streichfertigen 
Farben gleich groß wären. Wegen der verschieden großen 
Oelaufnanme der Weißpigmente sind diese Gewichtsmengen 
aber sehr verschieden, Dr. Becker ist mit der Ausarbeitung 
eines Meßverfahrens für die Bestimmung der Deckfähigkeit 
beschäftigt und wird in der Fachpresse demnächst hierüber be 
richten. Für den Bauingenieur sind die Abkreideerscheinungen 
weißer Farben von Bedeutung. Bunte Anstriche kreiden sehr 
selten, was offenbar auf die Absorbtion der besonders schäd 
lich wirkenden ultravioletten Strahlen zurück zu führen ist. 
Ein Zusatz von Buntpigment zu weißen Farbanstrichen ist 
daher günstig. 
Ueber Fortschritte in der Bekämpfung von Gefahren bei 
Anstricharbeiten sprach Oberregierungsrat Stiller, Berlin. 
Gefahren für die Gesundheit des Arbeiters und für die Arbeits 
stücke und Arbeitsstätten liegen im Farbkörper, in den Binde- 
und Lösungsmitteln, in den zu verschiedenen Zwecken verwen 
deten Zusatz- und Verdünnungsmitteln. Diese Gefahren treten 
am meisten beim Farbspritzen hervor. Die sichtbaren Farb- 
nebel und die unsichtbaren Dämpfe der Verdünnungsmittel 
vermischen sich mit der Raumluft und bilden die Gefahren 
quelle. Absaugen der Nebel und Dämpfe ist nicht überall 
durchführbar; das Arbeitsgebiet erstreckt sich von der kleinen 
Metallschraube bis zum Eisenbahnwagen und zur Hausfassade- 
Anhand zahlreicher Beispiele und Abbildungen zeigte der Vor 
tragende neuere Ausführungen von Absaugeanlagen. Wenn 
man bedenkt, daß in Deutschland rund 250 000 Anstreicher 
vorhanden sind, von denen erst ein ganz geringer Hundertsatz 
als Spritzer arbeitet, vor allem wenig im Handwerk, und wenn 
man erwartet, daß doch über kurz oder lang das nebelarme 
Spritzen auch im Bauhandwerk Eingang und wachsende Ver 
breitung finden wird, so muß man honen, daß sich die Bau 
ingenieure weit mehr als bisher auch für die mit der Spritz 
arbeit verbuudenenhygienischen Fragen interessieren. Von den 
Maschineningenieuren aber muß man die baldige Schaffung der 
nebellosen Spritzpistole erwarten, die auch in Leistung und 
Form des Strahles einstellbar und damit handwerksgerecht ist. 
Schweißtechnik. In meinem Bericht über die vorjährige 
Hauptversammlung des VDI in Wien*) konnte ich darauf hin- 
weisen, daß damals im Mittelpunkte der Beratungen der 
Schweißfachleute die Einführung der Schweißtechnik in den 
Stahlhochbau stand. Diese ist inzwischen erfolgt, nach schwie 
rigen Beratungen sind im Mai 1931 die „Vorschriften für 
geschweißte Stahlbauten“ als DIN-Blatt 4100 erschienen. 
Damit sind dem Schweißfachmann, dem Eisenbauingenieur in 
Büro und Werkstatt, dem Walzwerker und auch dem Beamten 
der Baupolizei eine große Fülle neuer und reizvoller Aufgaben 
gestellt worden. Der Siegeszug der Schweißtechnik ist inzwi 
schen weiter gegangen. Ihr nächstes Eroberungsgebiet scheint 
der Dampfkesselbau zu sein. Die Schweißfachleute hüben und 
drüben des Atlantik wetteifern in dem Bemühen, den Nachweis 
für die Zuverlässigkeit geschweißter Verbindungen auch im 
Dampfkesselbau zu erbringen. Das Grundthema der Fach 
tagung für Schweißtechnik in Köln war denn auch das Schweißen 
im Kesselbau. 
Einen hauptsächlich theoretischen Beitrag zur Spannungs 
ermittlung in Schweißverbindungen gab Dipl.-Ing, Kochen- 
dörffer, Essen. In Verbindung mit andern hat er versucht, 
aus Spannungsvorgängen in Modellen Unterlagen für die Be- 
stimmungder Spannungen in Schweißverbindungen zu gewinnen. 
Die Ergebnisse sind aber nur ganz bedingt verwendbar. We 
sentlich wichtiger sind die Reck- und Zerreißversuche mit 
Schweißproben. Die Aetzung der Proben auf Kraftlinien nach 
Fry zeigt deutlich den überragenden Einfluß scharfer Kanten 
und Ecken. Sehr eindrucksvoll zeigte Dr. Messmer, Göttingen, 
in Ergänzung der Ausführungen Kochendörffers den Verlauf 
der inneren Spannungen in einem durchsichtigen Modell einer 
Kessel-Schweißverbindung als farbiges Bild auf der Leinwand. 
*) Zentralbl*tt der Bauverwaltuog 1930, S. 772.
	        
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