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Volume Nr. 30

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Emporengeschoß. 
Erdgeschoß, 
durch das Hauptschiff ein, besonders 
vom Chor her. Auch hat man gleich 
den Blick auf den Altar frei. Weiter 
geht man dann in das Nebenschiff, das 
vom Hauptschiff nur durch den großen 
Mittelpfeiler getrennt ist, sich aber 
in der Höhe stark -unterscheidet 
(3,50 m Raumhöhe). Diese Neben- 
halle dient den Volksandachten, außer 
dem stehen dort die Beichtstühle. 
Das Hauptschiff ist als strenger Ein 
raum entworfen, rechteckig in Grund 
riß und Aufriß. Die Altarsteile ist 
nicht abgetrennt, sondern hervor 
gehoben: der Boden steigt zu ihr in, 
breiten Stufen auf, während die 
Fenster dort absteigen. Im übrigen 
liegen die Fenster sehr hoch, last 
unter der Decke. 
Der Baustoff ist elementar unter 
schieden; was „Erde“ ist, besteht aus 
schwarzem belgischem Marmor, wäh 
rend alles , Auf steigende weiß ver 
putzt ist. Ähnlich will der ganze Bau 
nicht aus einem „Zweck“, sondern 
aus einem „Sinn“ verstanden sein. 
Bei der Bearbeitung der Aufgabe 
zeigte sich immer wieder, daß Zweck 
form und Sinnform sich nicht nur 
nicht glichen, sondern daß sie oft 
genug in einem großen Gegensatz 
standen. Jedö einzelne Form wäre 
sicherlich ganz anders ausgefallen, 
hätte man sie nur aus dem ent 
worfen, was heute unter Zweck ver 
standen wird. In dieser Hinsicht 
mußten wir eine ganz klare Ent 
scheidung treffen 1 ). 
Die sorgfältig bearbeiteten Kon 
struktionen (Eisenbetonriegelbau mit 
Doppelwänden aus Schwemmsteinen) 
habe ich schon in Heft 21/22 der 
Zeitschrift „Die Form“, Jahig, 1930, 
beschrieben. Sie machten den ge 
ringen Baupreis von 14,13 RM/cbm 
möglich. 
Die strenge Form des Hauptschiffs 
ist in ihrer Art wohl etwas Neues. 
Sie liegt aber in einer Entwicklung 
vorbereitet, die zu einer Zeit schon be 
gann, als man noch historisch baute 
und als auch die liturgischen Fragen 
wenig geklärt waren. Sie ist durchaus 
geistig begründet und hat sich immer 
klarer durchgesetzt, manchem Wider 
stand entgegen, namentlich entgegen 
dem Versuch, die spätgotische Halle 
oder die dreischiffige Basilika zu mo 
dernisieren, auch dem Versuch entgegen, 
den klaren Bestand des Einraums mit 
vielen oder wenigen, dicken oder dünnen 
Innenpfeilem zu verzieren und dadurch 
Erinnerungen an die Kathedrale mit 
ihren heute sinnlos gewordenen Ka 
pellen zu beschwören (was in Wett 
bewerben und in natura allmählich un 
erträglich wird und sich weder geistig, 
noch religiös, noch technisch, noch 
ästhetisch begründen läßt). Die Unter 
suchungen der Ingenieure ergaben wäh 
rend des Entwurfs, daß man das große 
Haus als Kasten mit sehr dünnen 
Wänden konstruieren konnte. Die tech 
nische Entwicklung ist also auch hier 
wieder zugleich eine geistige®). 
Ähnliches gilt für den Außenbau. 
Das künstlerische Thema eines solchen 
’) Wir halten die Antithese von Zweck und Sinn für 
»ehr glücklich im Hinblick darauf, daß Bauen vom 
Zweck ausgehend nur dann erfolgreich sein kann, wenn 
es den Zweck vergeistigt als „Sinn“ zugrunde legt. 
Indessen ist die Annahme doch wohl nicht unberechtigt, 
daß die rein materialistische Auffassung des Formpro 
blems nach der primitiven Formel Zweckerfüllung 
Oeataltung heute als baulicher Darwinismus überwunden 
sein dürfte. (Schriftl.) 
*) Vgl. Anmerkung 1.
	        
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