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Volume Nr. 29

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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des letzten. Jahrtausends erfüllt worden sei. Träfe dies zu, so 
hätte Spengler recht, wenn er den Untergang des Abendlandes 
in Aussicht stellt, aber man kann auch annehmen, daß dies 
nicht zutrifft, daß für die nordische Landschaft im letzten 
Jahrtausend die Entfaltung der organhaften Struktur zwar 
nicht verhindert, aber doch aufgehalten wurde durch die 
Invasion der geometrischen Mittelmeerkulturen, die sich über 
dieses Gebiet erstreckten. Denn es muß gesagt werden, daß 
die den nordischen Rassen zugehörige Struktur die Wesenszüge 
des Organhaften schon in frühester Zeit trägt und daß sie in 
der Entfaltung des technischen Geistes sich ihr Gebiet wieder 
erobert hat. Die Völker des Mittelmeeres einschließlich der 
lateinischen Völker, im Verfall der geometrischen Struktur 
begriffe lebend, stehen den Aufgaben des neuen Bauens fremd 
gegenüber. Le Corbusier, an der Grenze zweier geistiger Land 
schaften, versucht noch einmal die Herrschaft der Geometrie 
aufzurichten, indem er sie mit der Welt unserer heutigen 
technischen Mittel konfrontiert, aber dieser Versuch führt nicht 
hinüber zu organhaftem Bauen, sondern zurück zu ästhetischen 
Prinzipien. Es verdient unsere Aufmerksamkeit, daß nur die 
Völker der nordischen Landschaft von der tieferen Umwälzung 
der Probleme ergriffen erscheinen und daß weiter die jungen 
slawischen Völker, deren Rassen wir ebenfalls den organhaften 
Strukturen zugehörig ansehen müssen, sich mit Heftigkeit 
auf diese Problematik stürzen. Bleibt noch zu sagen, daß wir 
uns damit stark den Kulturen Asiens nähern, die immer auf 
dem Boden organhafter Strukturen gestanden haben, die die 
Geometrie zwar kannten, ihr aber keine kosmologische Be 
deutung beilegten, da sie die psychische Kraft immer höher 
schätzten als die Kraft des Geistes. 
Der Wandel in den Strukturbegriffen wirkt sich in der 
Gegenwart am sichtbarsten in der Umbildung der politischen 
Struktur der Gesellschaft aus. Die Idee des organhaften Struk- 
turbegriffes fordert, daß die Gesellschaft geordnet sei nach den 
Prinzipien der Ordnung eines Organs, d. h. daß ihre Individuen 
betrachtet werden als Zellen und daß die Stellung dieses 
Individuums im Raume des Ganzen gegeben sei durch die Auf 
gabe, die es für das Ganze leistet oder zu leisten hat. 
Dieses selbe Problem der neuen Ordnungsfindung im 
ganzen im Sinne einer LeistungserfiiUung ist es, das die 
Probleme des neuen Bauens auf das engste mit den Problemen 
der Gesellschaft verbindet. Die Btruktive Organisation eines 
Bauwerkes ist durchaus identisch ihrem Wesen nach mit der 
struktiven Organisation einer Gesellschaft. 
Dieselben konstitutiven Probleme sind hier wie dort. 
Wenn man sagt, daß die Bauaufgaben der neuen Gesellschaft 
die neue Baukunst fördern, so muß man hinzufügen, daß 
dieses vor allen Dingen in einem durchaus geistigen Sinne zu 
verstehen ist. Die struktive Erfassung einer Bauaufgabe be 
deutet zugleich eine Entscheidung Soziologen Charakters. 
Unsere großen Bauprobleme, die Siedlungsfragen, die Auf 
lösung der Stadt, die Citybildungen enthalten struktive Pro 
bleme, die durchaus identisch sind mit den struktiven Pro 
blemen der Gesellschaft. Die Idee der organhaften Struktur 
beseitigt das Starre, Unbewegliche und das Dauernde, sie 
will die Bewegung als das Lebenschaff ende, Lebenzeugende, 
sie bringt deshalb den Menschen aus den Steinmeeren der 
Städte heraus wieder in die Natur, um ihn nicht nur geistig 
zu entwickeln, sondern ihn auch psychisch zu nähren. Viel 
leicht wird die geometrische Figur noch lange auch in dieser 
Welt der organhaften Struktur herrschen, denn überall da, wo 
tote Masse auf engem Raum zusammengebracht wird, wird 
sich die geometrische Figur als eine Eigenschaft der Materie, 
als die Struktur der Materie einfinden. 
Die Stadtkultur wird das Geometrische nicht überwinden 
können, es sei denn, daß sie sich selbst in eine Landkultur 
wieder auflöse. Spengler sagt, die Kulturen gehen an ihren 
Großstädten zugrunde; wenn die organhafte Struktur die 
Großstädte wieder auflöst, so hätte sie also eine Aussicht, nicht 
zugrunde zu gehen. Inzwischen aber wird sich unsere gegen 
wärtige Stadtkultur noch einige Zeit mit der Geometrie herum 
zuschlagen haben, wenn auch ihre Rolle eine nachgeordnete 
sein wird. Gleichwohl liegen hier große Konflikte für die 
künstlerischen Probleme des neuen Bauens. 
Die Unterwerfung unter die struktive Idee, das Organ 
hafte, ist heute ganz allgemein. Da, wo sich noch Widerstände 
zeigen, handelt es sich um die Reste einer der Geschichte an- 
gehörigen Ideologie, aber wir können sagen, daß heute grund 
sätzlich ein Bauwerk aus seinen Gebrauchsansprüchen heraus 
entwickelt wird und daß der Baumeister seinen Ehrgeiz darin 
sieht, diesen Gebrauchsansprüchen auf das vollkommenste zu 
genügen. In Erfüllung dieser Aufgabe entsteht ein Bauwerk 
als ein Gebrauchsgegenstand, aber auch als ein Bekenntnis 
zu einer struktiven Idee. Aber die so entstehende Form wird 
höheren Ansprüchen noch nicht genügen, denn in dem Augen 
blick, in dem wir das Bauwerk errichten, geben wir ihm zu 
gleich ein Aussehen, die geistig ermittelte, technisch gebundene 
Form wird dargeboten. Wir entnehmen aus dieser Darbietung 
eine Verpflichtung zur künstlerischen Gestaltung, einen Auftrag 
der struktiven Idee, sie ideologisch darzustellen, sie sinnlich 
‘erlebbar zu demonstrieren. 
Diese Bindung des künstlerischen Auftrages an eine struk 
tive Idee, an die Verwirklichung dieser Idee im individuellen 
Einzelfall, stellt diesem Auftrag das Thema. 
Freilich läßt nun dieses Thema noch viele Möglichkeiten 
offen, aber diese Möglichkeiten stehen unter der strengen Kon 
trolle einer auf ein bestimmtes Ziel gerichteten Ideologie, der 
Ideologie einer neuen sittlichen Ordnung, Rückblickend, in die 
Vergangenheit möchte ich glauben, daß in dieser Auffassung 
von dem Sinne der künstlerischen Arbeit ein grundsätzlicher 
Unterschied gegenüber der Auffassung der Griechen zum Bei 
spiel nicht besteht. Auch von ihrer künstlerischen Arbeit läßt 
sich sagen, daß sie zum Inhalt hatte, die Idee einer sittlichen 
Ordnung zu verkünden; was sich jedoch geändert hat, das ist 
das struktive Prinzip, das wir heute für die Errichtung einer 
sittlichen Ordnung zugrunde legen, und das allerdings führt 
zu großen Veränderungen auch in der Welt des Künstlerischen. 
SCHULEN UND KIRCHEN IM BEBAUUNGSPLAN 
Von Magistratsbaurat Dr.-Ing. Knipping, Breslau, 
Leiter des Stadterweiterungsamts. 
In den Jahren nach dem Kriege hat sich im städtischen 
Wohnungsbau eine grundlegende Wandlung vollzogen. Unter 
dem Druck der Wohnungsnot haben die Städte selbst die Füh 
rung übernommen und sind durch die für den Wohnungsbau 
zur Verfügung stehenden Hauszinssteuermittel in der Lage, 
eine weitsichtige Städtebau- und Wohnungspolitik zu betreiben. 
Die entstehenden großen Siedlungen führen zu einer 
schnellen und umfangreichen Verlagerung der Großstadtbe 
völkerung in der Richtung der Außengebiete der Städte. Die 
Notwendigkeit der baldigen Versorgung dieser umgesiedelten 
Bevölkerungsteile mit öffentlichen Einrichtungen aller Art ist 
eine Folgeerscheinung dieser Entwicklung. 
Neben dem Wohnungsbauprogramm muß notwendig ein 
Programm der öffentlichen Bauten gehen. Während die Be 
darfsfragen der Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude und 
Bäder unabhängig vom Einzelbebauungsplan und unabhängig 
von der Wanderung der Bevölkerung innerhalb des Stadtge 
bietes nach den durch das Wachstum der Stadt bedingten Er 
fordernissen zu klären sind, die in den Siedlungen notwendigen 
Postämter, Volksbüchereien, Polizeistationen und Sparkassen 
nebenstellen keine besonderen Gebäude beanspruchen, spielen 
die Schulen und Kirchen bei Aufstellung der Bebauungspläne 
eine entscheidende Rolle und beeinflussen nachhaltig deren Ge 
staltung im ganzen und im einzelnen. 
Schulen, 
Bei einer Erörterung über die vorsorgliche Regelung der 
Beschulungsverhältnisse kann man die Mittelschulen, höheren 
Schulen und Berufschulen außer acht lassen. Die Berufschulen 
mit ihrem Abendunterricht werden zweckmäßig in der Nähe 
der inneren Stadt untergebracht, wo sich die Mehrzahl der 
Arbeitstätten befindet. Die Notwendigkeit des Neubaues von 
mittleren und höheren Schulen entsteht meist nur aus dem 
Zwange der Erneuerung nicht mehr zweckvoller und erweite 
rungsfähiger alter Schulgebäude. Die Lage dieser Neubauten 
richtet sich nach allgemeinen städtebaulichen Gesichtspunkten, 
da sie nicht so eng wie die Volksschulen bezirksmäßig gebunden 
sind. 
Der Neubau von Volksschulen dagegen wird aus dem 
Grunde sofort dringend, weil die neuen Siedlungen meist nicht 
im Anschluß an die bestehende Bebauung, sondern in bisher 
unerschlossenen Außengebieten der Städte entstehen. Eine An 
gliederung dieser neuen Wohngebiete an die bestehenden inner 
städtischen Schulbezirke ist durchweg schon wegen der allzu*
	        
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