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Volume Nr. 29

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Wie sehr diese Veränderung den Urboden der Kultur betrifft, 
wie sehr sie alle Disziplinen des Geistes erfaßt, wie sehr sie die 
Totalität unseres Geisteslebens angeht, dafür noch ein Beispiel. 
In der Mathematik unternahm Albert Einstein den Angriff 
auf das Prinzip des Absoluten, um es auch im Bereiche der 
Wissenschaft zu entthronen. Der Idee des Absoluten im Alter 
tum folgt in der Gegenwart die Idee des Relativen. (Hierbei 
möchte ich nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß diese 
Entthronung der Herrschaft des Absoluten von einem Ver 
treter jenes Volkes geführt wurde, das sich bereits im Altertum 
zur Zeit der Blüte dieser Strukturen als einzige Macht mit 
äußerster Heftigkeit gegen diese Herrschaft auflehnte und sich 
auf dem Boden eines organhaften Strukturbegriffes behauptete. 
Die Besonderheiten und das Schicksal dieser Struktur inmitten 
geometrischer Strukturen sind bis in Einzelheiten nachzu 
weisen. Auch mögen Sie hierin erkennen, welch ungeheuere 
lebenschaffende Kraft in dem struktiven Begriffe enthalten 
ist, von dem eine Rasse und eine Kultur genährt wird.) 
Wenn wir also die Geschichte der Kulturen auf eine Ge 
schichte der Strukturen zurückführen, so wird dadurch u. a. 
eines gewiß, daß diese Entwicklung nicht wieder umkehrbar 
ist. Die Idee, Schöpfungen verbrauchter Strukturbegriffe zum 
Ausgangspunkt neuer Kultivierung machen zu wollen, ist 
grotesk. Man handelt gegen den Geist der Natur, wenn man 
die Form erschöpfter Kulturbegriffe in dem technischen Milieu 
der Gegenwart wieder zum Leben zu erwecken sucht. Man 
kann nicht Teile aus einer Welt herausschälen, die über einem 
bestimmten Strukturbegriff entfaltet wurden. Zur Pyramiden 
struktur gehört die Technik der Pyramide, und zur Technik 
der Gegenwart gehört die organhafte Struktur. 
Es wäre fatsch anzunehmen, die Prinzipien des neuen 
Bauens seien ohne Tradition. Das Gegenteil ist der Fall, Die 
Tradition des neuen Bauens, die Tradition des Bauens auf 
organhafter Struktur, ist älter als die Architektur. Die struk 
tiven Grundlagen eines organhaften Bauens sind ursprünglich, 
in der Natur vorhanden, dem Menschen sozusagen zugeboren, 
während die geometrische Struktur erst erworben wurde und 
eine hohe geistige Kultur voraussetzt. In den Gebieten der 
geometrischen Kultur wurde die ursprüngliche Welt der organ 
haften Struktur zurückgedrängt, jedoch hat sie sich auch in 
der Zeit der geistigen Herrschaft der geometrischen Struktur 
überall da behauptet, wo die Ansprüche des Lebens an Lei 
stungen stärker waren als die Ansprüche der Geometrie, also 
in Geräten, Werkzeugen, Waffen, in technischen Bauten, 
Schiffen usw. Doch sei nicht verkannt, daß die Geometrie 
für die Entwicklung der Technik und damit auch der Schöpfung 
organhafter Struktur große Dienste geleistet hat, indem sie 
die Mittel an die Hand gab, durch die Mathematik die Me 
thoden des technischen Arbeitens zu entwickeln. Anderseits 
soll auch nicht übersehen werden, daß die Herrschaft der 
Geometrie die Entwicklung des technischen Erfindungsgeistes 
sehr unterdrückte, einen Erfindungsgeist, der sich auf das 
lebhafteste bereits bei Tieren in ihren Bauten dokumentiert 
und der bei primitiven Menschen schon zu geistvollen Kon 
struktionen von Bauwerken, Werkzeugen und Waffen geführt 
hat. Erst mit dem allmählichen Verfall der kosmologischen 
Macht der Geometrie beginnt der Siegeszug der Technik, 
beginnt die Ausbreitung einer Idee der organhaften Struktur 
bildung in einem durchaus kosmologischen Sinne, Denn hierin 
liegt das Entscheidende, daß die Idee der organhaften Struktur 
in kosmologischem Sinne hingenommen wird. 
Ich fürchte, Sie werden nicht ohne weiteres bereit sein, 
für die Gegenwart das Vorhandensein einer Kosmologie zuzu 
geben. Ich kann aber zur Verdeutlichung der Gedankengänge 
nicht darauf verzichten, von einer solchen zu sprechen. Es 
sind Kosmologien, in denen die Völker der Geschichte ihre 
Vorstellung von der Ordnung des Weltganzen, von der Grup 
pierung der sichtbaren und unsichtbaren Mächte als Erlebnis- 
und Erfahrungsinhalt niedergelegt haben. Freilich kennt die 
Gegenwart bildhafte Darstellungen solcher Kosmologien, wie 
sie die Vergangenheit schuf, nicht mehr. Aber auch sie hat 
Vorstellungen von einer Ordnung des Weltganzen und ihrer 
sichtbaren und unsichtbaren Mächte, die ebenfalls als ein Er 
gebnis ihrer Erlebnisse und Erfahrungsinbalte entstanden sind. 
Aus diesem Grund können wir auch heute noch von der Existenz 
kosmologisch zu deutender Vorstellungen sprechen und die 
Idee einer weltlichen und geistigen Ordnung annehmen; denn 
niemand wird bestreiten, daß in allen Vorgängen unserer Zeit, 
wenigstens in den Gebieten bestimmter Völkerschaften und 
Landschaften Erlebnisse und Erfahrungsinhalte sich geltend 
machen, die die Behauptung rechtfertigen, daß ein Uebergang 
zu organhaften Strukturideen in einem durchaus kosmo 
logischen Sinne sich vollzieht und daß unsere Energie darauf 
konzentriert ist, auch unsere Umwelt diesem Wandel ent 
sprechend umzugestaften. Für uns im Bauen bedeutet dies, 
daß es keine Architektur mehr geben wird; denn die Archi 
tektur setzt einen geometrischen Strukturbegriff als kos mo 
logische Idee voraus: auf dem Boden der organhaften Struktur 
kann aber nur „gebaut“ werden. 
Alles, was wir in der Architektur als auch in den Bau 
werken der organhaften Struktur eben als die Wirkung eines 
struktiven Prinzips erkennen, hat nun mit Kunst durchaus 
nichts zu tun. Alle diese Gestaltungen aus der Struktur heraus 
sind geworden und erformt nicht um eines Ausdrucks willen, 
sondern entweder eines geistigen Prinzips oder eines Leistungs 
anspruches wegen. Aber lediglich da, wo wir Formen schaffen 
um eines besonderen Ausdrucks willen, können wir von Kunst 
sprechen. Kunst ist ihrer Natur nach expressiv; daß aber die 
Figur der Pyramide nicht ihrer expressiven Wirkung wegen 
erfunden worden sein kann, habe ich versucht glaubhaft zu 
machen. Die Pyramide hatte so lange nichts mit Kunst zu tun, 
als sie nicht um einer besonderen Wirkungsabsicht willen in 
besonderer Weise errichtet wird. Wo aber beginnt der Angriff 
auf das atruktive Gebilde aus Gründen einer Wirkung auf die 
Sinne ? Er beginnt da, wo ein struktives Gebilde so verkörpert 
wird, daß es eine bestimmte sinnliche Wirkung erzielt. 
Das stärkste Wirkungselement, über das die Kunst zur 
Erreichung einer augenhaften Wirkung verfügt, ist die Maß- 
setzung. Der struktive Begriff selbst ist unabhängig von der 
Größe, in der er vorgestellt wird; er ist auch noch in einer 
Pyramide von 10 cm Höhe vorhanden. Wenn die Aegypter 
die Pyramide in größtem Maßstabe ausführten, der ihnen 
technisch erreichbar war und in härtestem Stein, so geschah 
dies in Rücksicht auf eine Wirkung, in Rücksicht auf einen 
Ausdruck von Mächtigkeit, Größe und Erhabenheit, der den 
struktiven Begriffen zugelegt wird. Nicht in der Erfindung 
der Form steckt die künstlerische Schöpfung, sondern in der 
Darbietung dieser Form. Die struktiv gesetzte Form wird 
Objekt einer künstlerischen Darbietung. 
Das will heißen, daß die Kunst nicht aus sich heraus 
leben kann, sondern daß sie eine Aufgabe hat, daß sie sozusagen 
einen Auftrag hat. Sie kann keine eigenen Wege gehen, sie ist 
an den Inhalt der struktiven Form gebunden und ihm ver 
pflichtet. Da wo sie diesen Boden verläßt, ihren Auftrag 
ignoriert, sinkt sie zum dekorativen Spiel. 
In der Auswertung und Erforschung des Rechtecks als 
struktive Figur entwickelte sich die Kultur der Griechen. Die 
Auswertung des Rechtecks, das ist u. a. dies: die beiden Seiten 
des Rechtecks haben verschiedene Längen. Wie setzt man die 
Längen dieser Seiten fest ? Dies führt zu einer Untersuchung 
der Beziehungen der beiden Längen, dies führt zum Begriff 
der Proportion, führt zum Begriff von Gesetzmäßigkeit und 
führt zur Entdeckung einer Gesetzhaftigkeit überhaupt. Die 
Figur des kosmologisch begriffenen Rechtecks, des Quaders 
im Raume, ist die Grundfigur des griechischen Kultbaues, des 
griechischen Tempels. Auf die Proportionierung dieses Baues 
konzentriert sich vor allem die ganze geistige Leistung. Maß 
bestimmung wird zur Gesetzfindung. Maßbestimmung und 
Gesetzfindung bleiben auf dem Boden einer Durchforschung 
der struktiven Prinzipien des Rechtecks, doch vollzieht sich 
in der griechischen Architektur, wie in keiner anderen, die 
innere Verschmelzung eines struktiven Problems mit einem 
künstlerischen Auftrag, denn die Darbietung der struktiven 
Figur ist nur eine Entfaltung derselben. In der Struktur ist 
bereits die expressive Kraft der Proportionen enthalten, es 
ist Sache der Kunst, sie zu erwecken und zu verwenden. 
Die Erforschung der Gesetzhaftigkeit, des Abstrakten, die 
Erforschung der Beziehungen der Dinge untereinander bilden 
den Inhalt der griechischen Kultur, bilden sozusagen den Auf 
trag dieser Kultur. Die Griechen haben u. a. eine bestimmte 
Fassung für die Begriffe der Geometrie geschaffen und sie haben 
zweifellos als erste zu der Vorstellung eines Raumes an sich 
gefunden, wobei ich mich auf Einstein berufen kann, der erst 
vor kurzem darauf hinwies. Auch der Staatsbegriff der Griechen 
ist undenkbar ohne die in der Erforschung der Struktur 
probleme des Rechtecks gefundenen Erkenntnisse. Die Idee 
der Demokratie ist das Geschöpf der Struktur des Rechtecks, 
so wie die Idee des Imperiums ein Geschöpf der Kreisstruktur 
ist. Wie ganz anders liegt demgegenüber der Fall der Ägypter. 
Weder im Dreieck noch im Quadrat liegt das Problem der 
Proportionierung. Wenn man dem Kubus gegenüber von 
einem expressiven Gehalt sprechen kann, so ist es lediglich 
der der Masse, der Schwere, der Schichtung, der Last. 
Ich hatte einleitend gesagt, daß ein Volk sich jeweils in 
einem Strukturbegriff erschöpfe. Unsere heutige Situation 
betreffend, könnte sich nun leicht ein Widerspruch erheben 
lassen, wenn wir annehmen wollten, daß der Strukturauftrag 
der Völkerschaften der nordischen Landschaft bereits im Laufe
	        
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