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Volume Nr. 15

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Querschnitt. ' Längsschnitt. 
erdgelöster Raumschöpfung schon von der Gotik zur stärksten 
architektonischen Verwirklichung des Sakralen entwickelt 
wurde. Der Eisenbetonskclettbau ist in der Nikolai-Kirche 
als Strukturbau mit gläsernen Wänden ohne Kompromiß 
durchgeführt worden. Die Formgebung des Raumgerüstes 
von Chor und Kirchenschiff entsteht aus den Gesetzen der 
Konstruktion und aus den statischen Qualitäten des Werk 
stoffs. Die eigentliche Aufgabe sakraler Aktivierung dieses 
Formprinzips ist die Materialisation des Transrationalen 
in der Inkarnation des Rationalen. Diese Zeugniskraft des 
Mathematischen für das Mystische wird am allerwenigsten 
dadurch erreicht, daß man der konstruktiven Berechnung 
kryptosakrale Ausdruckstendenzen beimischt. Sondern nur 
dadurch, daß die schöpferische Raumvision des Architekten 
„konstruktives Gepräge“ trägt und aus ihrem Wesen her 
aus dem mitarbeitenden Ingenieur den Weg zu einem 
Formsystem weist, das ohne jede Absichtlichkeit zum Me 
dium der Erscheinung sakraler Raumhaftigkeit wird. Peter 
Grund, der entwerfende und bauleitende Architekt, hat 
diese „konstruktive Inspiration“ durch den Baugedanken 
von [St. Nikolai in seltener Wesentlichkeit bekundet. Die 
Arbeitsgemeinschaft des Architekten mit den bildenden 
Künstlern gründete in dieser geistigen Tiefensphäre: nicht 
in gedanklicher Vereinbarung, sondern in gemeinsamer 
Ausrichtung auf den Sinn sakraler Raumschöpfung. Durch 
diesen inneren Einklang entstand mit organischer Not 
wendigkeit eine gänzliche Harmonie der beiden wesent 
lichen Raum dominanten: der Raumstruktur und der gläser 
nen Wand, des Skeletts und seines verklärten Leibes. 
DIE BAU BESCHREIBUNG. 
Die Kirche liegt auf etwas erhöhtem Gelände an der 
Kreuzung zweier Hauptverkehrsstraßen. Eine breite Frei 
treppe führt durch eine Pergola auf den Vorplatz, der 
durch die Portalfront der Kirche abgeschlossen wird. Diese 
Platzgestaltung trägt den deutlichen Akzent des „ Vorhof- 
Charakters“, der einen Übergang aus dem Alltagsbezirk 
der Straße zur Kultstätte der Kirche darstellt. 
Der Portalbau ist ein quer vor das Kirchenschiff ge 
stellter Riegel, der über die Breite des Langhauses nach 
beiden Seiten hinausragt: zur Linken durch den Turm, 
der an die Kante des Portalbaues angegliedert, aber in der 
Art eines Kampanile statisch und architektonisch vom 
Kirchenhaus abgesetzt ist. Zur Rechten mündet der Vor 
hallenbau in die Apsis der Taufkapelle. Der Portalbau 
enthält auf der Turmseite eine Wartehalle, ihr gegenüber 
die Taufkapelle. Die Wartehalle führt in den Turm, dessen 
Treppe den Zugang zum Emporengeschoß der Kirche ver 
mittelt. Die Taufkapelle ist als kleiner Feierraum aus 
gestattet. Die erhöhte, halbrunde Apsis trägt an ihrer 
Rückwand auf goldenem Sockel ein Glasmosaik von Elisa 
beth Coester: Die Nachfolge Christi. Davor steht der 
Altarblock, der ein Taufbecken mit Kreuz und Taube trägt. 
Aus dem Säulenfuß des Kreuzes strömt fließendes, elek 
trisch erwärmbares Wasser in das Taufbecken. Ein beson 
ders schönes und überzeugendes Beispiel, daß die Kraft zu 
neuartiger, sehr tiefer und doch gemeinverständlicher Sym 
bolgestaltung in der modernen christlichen Kunst neu zu 
erwachen beginnt. Der Sinn des Sakraments als Wieder 
geburt aus Wasser und Geist, durch das Kreuz und das 
von ihm gespendete „lebendige Wasser“ als Flut und Geist 
der Liebe bezeugt, ist durch diese Arbeit von Otto 
Coester auch ohne erläuternde Worte verdeutlicht. Eine 
kleine Sängerbühne ermöglicht die Ausgestaltung der 
Feiern durch Chorgesang. 
Kapelle, Eingang und Wartehalle können zu einem 
langgestreckten Gesamtraum vereinigt werden, der für 
Bibelstunden, Passionsgottesdienste und ähnliche Veran 
staltungen vorgesehen ist, während die Kapelle selbst für 
Feiern in kleinem Kreis: Taufen, Trauungen, kleine 
Abendmahlsgemeinschaften bestimmt ist. 
Von diesen Räumen kann nur die Eingangshalle selbst 
durch die große dreiflüglige Innenpforte, die dem äußeren
	        
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