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Volume Nr. 28

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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BAUWISSENSCHAFTLICHER FORTBILDUNGSKURS. 
Vom 21. bis 27. Juni waren in Berlin dreißig höhere Be 
amte der preußischen Hochbauverwaltung zusammenberufen, 
um durch Vorträge und Besichtigungen Gelegenheit zur beruf- 
liehen und fachlichen Weiterbildung zu finden. Wie sehr der 
artige Kurse heute in der Baubeamtenschaft als Bedürfnis 
empfunden werden und wie sehr sie deshalb im Interesse einer 
Verlebendigung der Bauverwaltung liegen, zeigte die über 
raschend große Zahl der Teilnehmer, die außerdem auf eigene 
Kosten den Lehrgang mitmachten. 
Finanzminister Dr. Höpker Aschoff, der Chef der Hoch 
hauverwaltung, empfing die dienstlich abgeordneten Teil 
nehmer am Abend des ersten Tages aus Anlaß eines Vortrages 
von Ministerialdirektor Dr. Kießling über „Die Aufgaben 
der Hoqhbauverwaltung“. Führende Vertreter der privaten 
und beamteten Arohitektenschaft waren dazu eingeladen 
worden, um ihnen als fachlich autorisierter Vertreterschaft der 
technischen Oeffentlichkeit Einblick zu geben in Wesen, Ar 
beitsweise und Möglichkeiten der staatlichen Baubetäti 
gung. In einleitenden Worten knüpfte der Minister an den 
Empfang an, den er aus Anlaß des vorjährigen Kurses 
gegeben hatte. Damals seien neben den Kursteilnehmern 
hauptsächlich Parlamentarier geladen gewesen, um die weitere 
Oeffentlichkeit mit der Arbeit der Hochbauverwaltung bekannt 
zu machen. Wenn diesmal der Kreis der Geladenen auf füh 
rende „Architekten außerhalb und innerhalb der Aemter <£ 
beschränkt worden sei, so deshalb, damit der interne Meinungs 
austausch über die viel umstrittene Frage der „Bauverwal 
tungen“ auf der Basis gegenseitigen Kennenlernens und 
esellschaftlicher Aussprache gefördert und zum Besten der 
aulichen Gesamtleistung fruchtbar gemacht werden könne. 
Die Ausführungen von Ministerialdirektor Kießling 
waren deshalb —- bei allem Ernst, den der Gegenstand der 
Erörterung beanspruchen darf und der unterstrichen wird von 
der allgemeinen Not der Zeit, die eine besondere Not für das 
Bauwesen bedeutet — eingestellt auf den Ton des Plaudems 
unter Fachgenossen. Er gab zunächst einen Ueberblick über 
den materiellen Arbeitsbezirk der preußischen Bauverwaltung. 
Im Geschäftsjahr 1929/30 bezifferte sich der bauliche Haushalt 
des Preußischen Staates auf rund 90 Millionen Reichsmark. 
Davon entfiel etwas weniger als die Hälfte auf die bauliche 
Unterhaltung, etwas mehr als die Hälfte beanspruchten dfcNeu- 
bauten. Im Haushalt 1931/32 beträgt die entsprechende Ge 
samtsumme nur noch 63 Millionen Reichsmark. Der Wert 
des staatlichen Baubesitzes ist auf etwa 2y 2 Milliarden Reichs 
mark zu veranschlagen. Schon diese ■wenigen Zahlen lassen 
erkennen, wie eng die staatliche Bautätigkeit mit der 
Bauwirtschaft zusammenhängt, wie groß insbesondere ihr 
Einfluß ist auf die konjunkturpolitischen Zusammenhänge 
wirtschaftlicher und technischer Art und wie groß ihre Ver 
antwortlichkeit als Instrument staatlicher Bau- und Gewerbe 
politik. Die Bauverwaltung ist sich bewußt, daß die Ent 
wicklung des Hochbauwesens, das ja nur ein Teil der gesamten 
technischen Entwicklung ist und sein kann, nicht ohne schmerz 
liche Härten gegenüber gewissen Gewerbezweigen sich voll 
zieht, die ganz oder vorwiegend auf handwerklicher Grundlage 
beruhen. Daß hier, wo zugleich auch die Erhaltung sozial 
kultureller Güter in Frage steht, mit aller Sorgfalt vorgegangen 
wird, ist selbstverständlich. Aber aller gute Wille findet seine 
Grenzen am Gesetz des technischen Fortschritts. Das beweist 
ein Blick auf die Holzwirtschaft. Hier ist der Staat selbst 
Großproduzent, und der Haushalt dieses früheren Ueberschuß- 
betriebes wird in diesem Jahr voraussichtlich einen Fehlbetrag 
von rund 30 Millionen Reichsmark aufweisen. Trotzdem sieht 
die staatliche Bauverwaltung keine Möglichkeit, die Holzver 
wendung da zu steigern, wo andere Konstruktionsarten wirt 
schaftlich und technisch überlegen sind. 
Neben dieser technisch-wirtschaftlichen Arbeit der Bau 
verwaltung geht eine technisch-wissenschaftliche Betätigung 
einher. Sie ergibt sich einerseits als notwendige Vorarbeit für 
das unmittelbare Aufgabengebiet, anderseits als ideelle Ver 
pflichtung, zum allgemeinen technischen Fortschritt beizu 
tragen. In diesem Zusammenhang können genannt werden 
literarisch-statistische Veröffentlichungen, die Förderung wissen 
schaftlicher Forschung, die Mitarbeit bei organisatorischen 
Leistungen, wie der Normung, der Regelung des Verdingungs 
wesens und der Durcharbeitung von Bauvorschriften, unter 
denen die für Heizung und Lüftung grundsätzliche Bedeutung 
erlangt haben. 
Dies alles war und ist unbestrittenes Gebiet der Hochbau 
verwaltung. Der Gegensatz der Meinungen und Interessen 
setzt erst ein bei der eigentlichen Bauausführung, da, wo mit 
dem Technischen das Gestalterische beginnt. Diese bauaus 
führende Tätigkeit der Verwaltung, die insbesondere von der 
Privatarchitektenschaft bekämpft wird, hat in weit geringerem 
Maße rein behördlichen Charakter, als gemeinhin angenommen 
wird. Denn die preußische Hochbauverwaltung baut nicht in 
eigener Regie, sondern sie läßt ihre Bauten von der privaten 
Bauwirtschaft ausführen. Bei der Planungs- und Bauleitungs 
arbeit wird ständig eine große Zahl von technischen An 
gestellten im Privatdienst vertrag beschäftigt. Es bleibt also 
im wesentlichen — abgesehen von der. unerläßlichen Ver 
waltungsarbeit — für aie Staatsbaubeamteii nur die Ent 
wurfbearbeitung und Leitung der Ausführung übrig. Auch 
hierzu sind in geeigneten Fällen Privatkräfte herangezogen 
worden, und sie sollen auch in Zukunft beteiligt werden. 
Allerdings erfordert es die hohe baukulturelle Verant 
wortlichkeit der Staatsverwaltung, daß nur wirkliche Könner 
zum Werke zugelassen werden, Architekten, deren Leistungs 
fähigkeit durch frühere Arbeiten nachgewiesen ist. Eine irgend 
wie fürsorgemäßige Vergebung von Aufträgen liegt weder im 
Interesse der Bauverwaltung, noch in dem der Privatarchitekten 
selbst. Sie könnte auch nicht verantwortet werden der Volks- 
gesamtheit gegenüber, die verlangen darf, daß die aus öffent 
lichen Mitteln aufgebrachten Baugelder künstlerisch und tech 
nisch so rationell wie möglich ausgegeben werden. 
In diesem Zusammenhang betonte Ministerialdirektor 
Kießling, daß die Behauptung, die Verwaltung baue teurer 
als die Privatarchitektenschaft, unbewiesen sei, im übrigen 
gewöhnlich auf einer völligen Verkennung der Grundsätze des 
staatlichen Baugebarens überhaupt beruhe. Denn die Ver 
gebung der Arbeiten durch die Bauverwaltung könne und solle 
nicht nach rein privatwirtschaftfichen Grundsätzen erfolgen. 
Die Privatwirtschaft braucht jede Leistung nur vom Stand 
punkt des individuellen Vorteils zu beurteilen, die Verwaltung 
aber hat die Interessen der Gesamtheit zu wahren. Und dem 
System der haushaltmäßigen Bauraten, das zweifellos die 
Staatsbauten verteuert, stehen die Privatarchitekten genau so 
machtlos gegenüber wie die Beamten. Dagegen bietet die 
Organisation einer Bauverwaltung eine so weitgehende Mög 
lichkeit zur Verwertung aller Erfahrungen und zur rationellen 
Ausnutzung jeder Arbeitskraft und jeder Eignung, daß schon 
dadurch gegen Ueberteuerung dieser Art ein, sicherer Ausgleich 
liegt. Er würde notgedrungen bei Einschaltung wechselnder 
Privatkräfte verlorengehen. 
Es blieben also, wenn man die Vor- und Nachteile zwischen 
der Tätigkeit der Privatarchitekten und der beamteten Archi 
tekten abwägt, in bezug auf die staatliche Neubautätigkeit 
höchstens die ideellen Nachteile, auf die vielfach hingewiesen 
wird. Zweifellos besteht bei der Durchschnittleistung des Bau 
beamtentums die Gefahr der Schematisierung und Erstarrung 
im Unpersönlichen. Diese Gefahr ist nie ganz zu vermeiden 
und ist auch sicher in früheren Jahren zu wenig beachtet 
worden. Indessen wäre es doch sehr ungerecht, zu übersehen, 
daß die Bauverwaltungen in früheren Epochen der Sammel 
platz hoher Baukultur gewesen sind gerade infolge der be 
sonderen Bindungen ihres ständisch-beruflichen Aufbaues. Zu 
dieser bedeutsamen Aufgabe bleiben sie nach wie vor berufen. 
Der Baubeamte kann durch seine Arbeit weder Reichtümer 
noch den weittragenden Ruhm des freien Baukünstlers an sich 
bringen. Dafür aber ist er auch gefeit gegen die Anfechtung 
des Konkurrenzkampfes, der allzu leicht zu übersteigerter 
Kunsthaftigkeit führt, die wesensverschieden ist von der zurück 
haltenden Stille des wirklich Künstlerischen. Das Baubeamten 
tum bietet alle Gewähr dafür, daß seine Arbeit keine andere 
Grundlage zu haben braucht als die ideelle des höchsten 
Leistungswillens. So verstanden haben alle — auch die Privat 
architekten ein Interesse an einer künstlerisch hochwertigen 
Bauverwaltung, die als baukultureller Sachwalter der Gesamt 
heit und des Staates durch ihre Leistungen legitimiert ist 
und dazu durch eigenes Bauen befähigt bleibt. 
Diesen einleitenden Gedankengängen ließ Ministerial 
direktor Kießling eine Reihe von Lichtbildern folgen. Zu 
sammen mit kurzen Erläuterungen vermittelten sie eine 
Uebersicht über den Aufgabenkreis und die Fülle der baulichen 
Ansprüche, die von der Hochbauverwaltung ihren zahlreichen 
Bauherren gegenüber und mit ihnen erfüllt werden. Es war ein 
bildlicher Rechenschaftsbericht, der — wie auch die von 
Finanzminister Dr. Höpker Aschoff persönlich angeregte Ab 
teilung der preußischen Bauverwaltung auf der Bauausstellung 
— Rang und Größe dieses baulichen Aufgabengebietes anschau 
lich machte. In verhältnismäßig wenigen Beispielen zusammen 
gedrängt zeigte die Bildfolge die Verschiedenartigkeit der
	        
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