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Volume Nr. 27

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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Kleinwohnung die notwendige Einsparung der Mehrkosten 
für die Anlage, Einrichtung und Benutzung eines Einzel- 
bades zu Änderungen in den bisherigen Gewohnheiten führen. 
Sehr oft werden gemeinsame Baderäume für eine Reihe von 
Wohnungen, die zweckmäßig im Kellergeschoß mit der Wasch 
küche verbunden werden, am besten den wirtschaftlichen 
Möglichkeiten der Mieter gerecht werden. Keinesfalls darf 
die Hergabe öffentlicher Mittel von der unbedingten Forde 
rung eines Einzelbades für jede Wohnung abhängig gemacht 
werden. Selbstverständlich muß auch die ganze übrige Aus 
stattung aller Wohnungen zwar eine wirtschaftliche und ein 
fache Führung des Haushalts nach Möglichkeit erleichtern, 
aber jeden überflüssigen Aufwand vermeiden. Stabfußboden, 
Eichenholztreppen, kostspielige Wandplattenbeläge, hoch 
wertige Tapeten und andere Wohnungsverbesserungen, die 
sich ein reiches Volk leisten konnte, müssen beim Wohnungs 
bau für die breiten Schichten zugunsten einer erträglichen 
Mietgestaltung aufgegeben werden. 
Alle diese plantechnischen Vereinfachungen und Ein 
sparungen genügen aber noch keineswegs, um die Wohnungs 
baukosten für die Dauer ausreichend zu senken. Wer mit 
den Dingen der Praxis vertraut ist, der muß zugeben, daß 
sich im Laufe der Zeit insbesondere auf dem Gebiete der Ver 
gebung Mißstände herausgebildet haben, die zu einer Über 
setzung der Baukosten führen mußten. So schließt die Be 
schränkung der Vergebung öffentlicher oder mit öffentlichen 
Mitteln geförderter Bauaufträge auf bestimmte örtlich be 
grenzte Untemehraerkreise den gesunden Gedanken der 
Heranziehung auswärtigen Wettbewerbs aus, fördert viel 
mehr den Zusammenschluß bestimmter Untemehmergruppen 
zu gemeinsamer Preisabgabe. Die Fälle, in denen Ge 
meinden die Hergabe öffentlicher Mittel von der Vergebung 
an in der Gemeinde selbst ansässige Unternehmer abhängig 
machten und die Unternehmer am Orte sich zum Preisring 
zusammenschlossen, sind häufig genug. Wenn dabei auch 
das Bestreben, die in der Gemeinde aufgebrachten Mittel 
Gemeindeangehörigen zugute kommen zu lassen und den 
Arbeitsmarkt der Gemeinde zu entlasten, aus lokalen Gründen 
erklärlich erscheint, so sind doch die Forderungen der Gesamt 
wirtschaft so ungleich wichtiger, daß derartige lokale Wünsche 
zurücktreten müssen. Auch der Ausschluß solcher Arbeit 
nehmer, die nicht in der Gemeinde selbst, wohl aber in ihrem 
Umkreis wohnen, und vorher in der Gemeinde ihren gewohnten 
Arbeitsplatz hatten von der Beteiligung an den mit öffent 
lichen Mitteln geförderten Wohnbauten mußte unterbunden 
werden, da er die durchaus erwünschte und fördernswerte 
Aussiedlung der Bevölkerung in die Umgebung der Groß 
städte gefährdet hätte. Nebenher hatte sich vielerorts der 
Brauch herausgebildet, Neubauten nach einem für den Kubik 
meter umbauten Raumes generell abgegebenen Einheitspreis 
ohne näheren Nachweis der Einzelkosten zu vergeben. Dieses 
Verfahren hat eine Preiskontrolle nahezu unmöglich gemacht. 
Ein solcher roh berechneter Preis gibt dem Bauherrn keines* 
falls die Möglichkeit, sich über die Angemessenheit der ab 
gegebenen Preise in einer Zeit zu unterrichten, in der die 
Preise für jede einzelne Teilleistung des Bauwerks einem 
ständigen Wechsel unterliegen. Die Vergabe nach Kubik 
meter macht aber nicht nur eine Nachprüfung der Angemessen 
heit der Preise kaum durchführbar, sondern ermöglicht es 
auch, daß in den Preis Nebenkosten mit einkalkuliert werden, 
die bei einer wirtschaftlichen Preisbildung aus den Baukosten 
Ausscheiden müssen, wie Provisionen, Rabatte, Verwaltungs- 
kosten und sogenannte Lebegelder privater und gemein 
nütziger Bauherren. Hier muß also eine Baukostensenkung 
dadurch erstrebt werden, daß die Vergebung auf Grund von 
Preisangeboten für die einzelnen Leistungen erfolgt, bei der 
Vergebung nach Kubikmeter umbauten Raumes aber zum 
mindesten gleichzeitig der genaue Nachweis der Einzelleitun 
gen des Preisangebotes verlangt wird. Auch die ständige 
Verbesserung neuzeitlicher Bauweisen — ich darf nur auf 
den Wettbewerb der Stahlskelett- und Eisenbetonskelett 
bauten, auf die technische Vervollkommnung des Flachdach 
baus und die Einführung zahlreicher Massivdeckensysteme 
hinweisen — wird zur Senkung der Baukosten beitragen 
können. Neue Bauweisen zwingen auch die Anhänger der 
bisherigen Bauweisen zu schärferer Preiskalkulation. Der 
Kampf zwischen Ziegelbau und Betonbau, zwischen dem 
steilen und dem flachen Dach, zwischen der hölzernen und 
der massiven Zwischendecke ist nicht nur vom Gesichtspunkt 
einer stetigen Verbesserung der Bautechnik und einer Hebung 
der Wirtschaftlichkeit des Bewohnens aus erwünscht, sondern 
ganz besonders auch vom Standpunkt der Preisbildung. 
Sieger wird stets die Bauweise sein, die höchstmögliche tech 
nische Vollkommenheit mit wirtschaftlicher Preisbildung ver 
bindet. 
Wir dürfen uns indes nicht damit bescheiden, die tech 
nischen Sparmöglichkeiten bei Planung und Ausführung der 
Bauten auszuschöpfen. Nach wie vor bringt die Finanzierung 
der Bauten eine unmittelbare Verteuerung. Solange der Zins 
fuß für Dauerkapital nicht wieder annähernd auf den Friedens 
stand zurückgeführt ist, wird sich aus der Finanzierung immer 
noch eine erhebliche Quelle für Mehrkosten ergeben. Die 
Rechnung ergibt, daß eine Verbilligung des Zinsfußes für 
erststellige Hypotheken um 1 vH etwa eine Mietsenkung 
von nahezu 10 vH zur Folge hat, also einer Baukostensenkung 
um fast 10 vH gleichkommt. Mit allem Nachdruck ist daher 
immer wieder auf die Herabsetzung des Zinsfußes für Dauer 
kapital zu drängen. 
Die Kapitaldecke, die aus Öffentlichen und privaten 
Mitteln dem Wohnungsbau zur Verfügung steht, ist nun ein 
mal heute knapper geworden; um so mehr zwingt uns dies zu 
ihrer möglichst ausgiebigen Nutzung. Das Ziel wird nur dann 
erreicht werden können, wenn wir auf allen vorangeführten 
Gebieten die Kosten senken. Wir sind allerdings schon ein 
gutes Stück vorwärts gekommen. Der Baukostenindex, der 
im Januar des letzten Jahres 181 betragen hatte, ist heute 
auf unter 145 gesunken, also um etwa 20 vH. Er liegt aber 
immer noch nicht unerheblich über dem Lebenshaltungsindex 
und über dem Emährungsindex. Das Bestreben muß darauf 
gerichtet sein, daß er diese Zahlen nicht übersteigt. Vergessen 
wir nicht, daß jede Ermäßigung der Baukosten nicht nur 
dem Konsumenten zugute kommt, sondern letzten Endes der 
Bauwirtschaft selbst, da Kostenersparnis stärker als alle 
anderen Mittel neue Bauaufgaben ermöglicht und somit der 
Bau Wirtschaft wieder die Belebung bringen kann, deren sie 
dringend bedarf. 
NEUES VON DER ITALIENISCHEN MELIORATIONS-TÄTIGKEIT. 
Von Regierungsbaurat Niemeier, Stettin. 
(Schluß von Seite 350.) 
2. Die Kolmation der Maremmen bei Grosseto. 
Auch dieses Unternehmen, ,,Boniflca grossetana o dell‘ 
Ombrone“, eine umfangreiche Kolmation zur Aufhöhung der 
Sumpfflächen des alten Sees Castiglione della Pescaia, hat 
bereits eine lange, ehrwürdige Geschichte hinter sich. Von 
den zahlreichen Sumpfniederungen, welche hinter den Dünen 
und Hügeln der Toskanischen Küste in einer Erstreckung 
von über 150 km von der Mündung des Fine-Flusses bei Cecina 
bis zur Grenze mit der Provincia romana sich erstrecken und 
welche allgemein „Maremme Tosoane“ heißen, ist am be 
kanntesten die an der Stelle des ehemaligen Sees von Casti- 
glione della Pescaia gelegene, welche heute die Bonifica grosse 
tana bildet. Die Einsumpfung dieses Sees liegt verhältnis 
mäßig kurze Zeit zurück; in etruskischer Zeit war die benach 
barte Gegend ziemlich bevölkert, und es erhob sich daselbst 
eine Stadt. Man identifiziert den l&go die Castiglione mit 
dem von Cicero in seiner Rede pro Milone erwähnten lacus 
Preliüs. Sicher ist, daß bereits während der römischen Herr 
schaft und auch noch im Mittelalter durch die verschlammende 
Tätigkeit des Ombrone, der Bruna und mehrerer anderer 
Flüsse der Seegrund aufgehöht, die Verbindung des Sees mit 
dem Meere durch die Ablagerungsmassen unterbrochen und 
so an Stelle des Sees verderbenbringender Sumpf erzeugt 
wrurde. Die Malaria entvölkerte das Gebiet und eine lange 
Periode der Verlassenheit und des Elends begann, wodurch 
der ,,agro grossetano“ noch heute eine traurige Berühmtheit 
hat (vgl. Abb. 2 auf S. 410). 
Die ersten Versuche der Sanierung der Gegend beginnen 
mit der mediceischen Herrschaft und hauptsächlich derjenigen 
der Großherzöge Ferdinand I. und Ferdinand II. Ersterer 
rief im Jahre 1592 in Grosseto den „Magistrato dei Fossi“ 
ins Leben, eine Einrichtung, die etwa unseren heutigen Fluß-
	        
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