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Volume Nr. 16

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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den geplanten neuen Straßen im Stadterweiterungsgebiet 
bei rd. 6000 m Gesamtlänge der Straßenfronten----- * 60 
= 3600 Personen ansiedeln lassen. 
In den Baulücken und an den freien Straßenfronten 
der bereits bebauten Stadtteile können noch mindestens 
1000 Personen untergebracht werden, da man hier wohl 
eine teilweise höhere Bauweise voraussetzen darf. Hier 
nach würden im ganzen 3600+1000 — 4600 Personen neu 
angesiedelt werden können. Das bedeutet eine Vergröße 
rung der heute vorhandenen Einwohnerzahl (einschließ 
lich der Kurgäste) von rd. 3000 auf das mehr als 2 1 /2fache. 
Es dürfte mithin der vorliegende Bebauungsplan auf abseh 
bare Zeit vollauf genügen. 
Von ganz besonderer Bedeutung für jeden Stadt 
erweiterungsplan ist die Entwässerungsfrage. Leider ist 
die volle Erkenntnis von dem innigen Zusammenhang des 
Bebauungsplanes mit dem Entwässerungsplane noch lange 
nicht Allgemeingut der Städtebauer geworden, so daß Pro 
fessor Dr, Heiligenthal, Karlsruhe, mit Recht schreiben 
konnte: ,,Die Architekten entwerfen im allgemeinen ihre 
Bebauungspläne ohne jede Rücksichtnahme auf die Ent 
wässerung; sic übergeben dann das Kind ihrer Muse ver 
trauensvoll dem Bauingenieur, damit er es trocken lege; 
sie fragen aber nicht danach, was diese Trockenlegung 
kostet.“ 
Zu der vom Verfasser des Bebauungsplanes vorge 
sehenen Entwässerung der Stadterweitcrungsgebiete nach 
dem Trennverfahren sei noch folgendes näher aus 
geführt : 
Zur Abführung der Brauchwässer (Wirtschaftswässer 
einschließlich der Fäkalien) sind nirgends größere Rohr 
durchmesser als 20 cm erforderlich, da das Längsgefälle 
niemals kleiner wird als 1:200 und da es sich stets nur 
um ganz geringe Brauchwassermengen handelt. Ein Rohr 
von 20 cm Durchmesser führt bei einem Gefälle von 
1:200 rd. 20 l/sek ab. Setzt man einen Wasserverbrauch 
von durchschnittlich 100 Liter je Kopf und Tag voraus und 
macht man die übliche Annahme, daß in der Stunde des 
stärksten Abflusses 1 / i0 dieser Menge, also sekundlich 
100_ 
lb” 6Ö t 60 
0,0028 1 ablaufen, so würde ein Rohr von 
20 cm Durchmesser bei einem Gefälle von 1:200 für 
20 _ 
0,0028 
= 7200 Personen ausreichen, d. h. für die doppelte Ein 
wohnerzahl des ganzen Stadterweiterungsgebietes. Der 
Durchmesser der Brauchwasserleitungen könnte also im 
vorliegenden Falle rechnerisch sehr viel kleiner sein als 
20 cm. Es ist aber, wie allgemein üblich, aus praktischen 
Gründen die Weite von 20 cm bei Brauchwasserableitun 
gen als Mindestdurchmesser vorgeschlagen worden. 
Die Leitungen werden am zweckmäßigsten aus Stein- 
zeugrohren hergestellt. Bei stärkeren Gefällen als etwa 
1:20 sollen Absturzschächte angewendet werden, damit 
nicht das sogenannte „Trockenlaufen“ der Leitungen 
eintritt. 
Die Abführung der Niederschlagwässer kann nahezu 
überall oberirdisch erfolgen, und zwar, da die Straßen an 
keiner Stelle ein geringeres Gefälle als 1 : 200 erhalten 
sollen, durch die Straßenrinnsteine bis auf Laufstrecken 
von höchstens 300 m Länge und im weiteren Verlauf durch 
offene Gräben, 'die in dem Lageplan Abb. 2 angegeben 
sind. 
Die erforderlichen offenen Gräben sind, wie aus dem 
Plan ersichtlich, in Grünstreifen untergebracht worden. Zu 
den Grünstreifen und Freiflächen sei noch folgendes be 
merkt : 
Die im Plan vorgesehenen Grünflächen (Freiflächen), 
d. h. diejenigen Flächen, in denen jede Bebauung aus 
geschlossen ist, bilden ein in sich zusammenhängendes 
über das ganze Stadterweiterungsgebiet planmäßig ver 
teiltes Netz, das in erster Linie die städtebauliche Forde 
rung nach weitgehender Auflockerung der Bebauung er 
füllen soll. 
Das Grünflächennetz hat weiterhin den Zweck, 
zu ermöglichen, daß die Einwohner des Stadtkernes auf 
möglichst kurzen, staubfreien und verkehrssicheren Wegen 
in die umliegenden Wälder und Berge gelangen können: 
es soll das eng bebaute Stadtinnere mit der freien Natur 
draußen in unmittelbare Verbindung bringen, indem es 
wenn auch nur schmale Grünstreifen möglichst weit in 
den Stadtkern hinein keilförmig vorstreckt. 
Auch die obenerwähnten offenen Entwässerungs 
gräben sind am zweckmäßigsten in den Grünstreifen 
unterzubringen; ebenso die Eußwege, die zur Verbindung 
der eingangs besprochenen staffelförmig übereinander an 
geordneten Wohnstraßen und Wendeplätze anzulegen 
sind. Vor allem aber sind die Grünflächen in weitgehen 
dem Maße auch zur Einrichtung von Parkanlagen, Fried 
hoferweiterungen, Erholungsplätzen, Spiel- und Sport 
anlagen aller Art zu benutzen. Da aber in Nassau die 
Geländegestaltung teilweise hierzu wenig geeignet ist, wird 
man vielleicht auch daran denken können, ausgedehntere 
Spiel- oder Sportplatzanlagen auf den tief liegenden, für 
eine Bebauung ungeeigneten Flächen jenseits der Eisen 
bahn unterzubringen. 
Gegenstand des Bebauungsplanentwurfes war außer 
der Erschließung geeigneten Siedlungsgeländes die Be 
handlung der für die Stadt Nassau außerordentlich wich 
tigen Frage, ob und gegebenenfalles in welcher Weise der 
bislang bestehende Uebelstand behoben werden kann, daß 
der starke Kraftwagen-Durchgangsverkehr des Lahntales 
die engbebauten Teile der Stadt Nassau durchquert. 
Dieser Uebelstand kann offenbar nur durch eine Um 
gehungsstraße für den Kraftwagenverkehr beseitigt werden. 
Von der Führung einer solchen Straße nördlich um Nassau 
herum ist wegen der Steilheit des Geländes von vorn 
herein Abstand zu nehmen. Es kann sich vielmehr nur 
darum handeln, im Lahntal selbst eine zweckmäßige 
Linienführung der Umgehungsstraße zu finden. Es lag 
wohl der Gedanke nahe, daß eine Straßenführung in Be 
tracht kommen könnte, die oberhalb des in der Nähe des 
Wehres vorhandenen Steinbruchs nach der Lahn zu ab 
zweigt, die vorhandene Oeffnung am Ostende der Eisen 
bahnbrücke benutzt, dann am Lahnufer hochwasserfrei 
verläuft, an dem östlichen Brückenkopf der Hängebrücke 
die Straße nach Wiesbaden in Straßenhöhe kreuzt und 
dann, südlich neben der Eisenbahn entlang führend, am 
südöstlichen Stadtende die Landstraße im Lahntal wieder 
erreicht, nachdem sie die Eisenbahn mittels einer Unter 
führung oder einer Ueberführung durchquert hat. 
Diese Linienführung hätte den großen Vorteil für sich, 
daß die Umgehungsstraße die Innenstadt vollständig un 
berührt läßt. Es stehen aber ihrer Ausführbarkeit schwere 
Bedenken entgegen. Ein Hauptbedenken liegt darin, daß 
die gesetzlich festgelegte Hochwasserlinie zwischen Eisen 
bahnbrücke und Kettenbrücke nach der Lahn zu verschoben 
werden müßte, was aller Voraussicht nach im Hinblick auf 
die schwierige Hochwasserabführung durch das enge Lahn 
tal nicht zu erreichen sein würde. Eine weitere Schwierig 
keit ergibt sich bei der Kreuzung der Umgehungsstraße 
mit der Eisenbahn am Elektrizitätswerk. Hier wäre zwar, 
wenn auch mit sehr beträchtlichen Kosten, eine Ueber- 
führung oder eine Unterführung der Umgehungsstraße 
technisch ausführbar. Es bliebe aber der Nachteil bestehen, 
daß die durchaus notwendige gute Uebersichtlichkeit für 
den Kraftwagen verkehr stark beeinträchtigt werden würde. 
Dieser Uebelstand würde sich übrigens auch bei der oben 
erwähnten Benutzung der östlichen Durchfahrtöffnung der 
Eisenbahnbrücke ergeben. 
Es ist daher vom Verfasser die im Plan dargestellte 
Linienführung der Umgehungsstraße gewählt worden. 
Diese vorgeschlagene Linienführung vermeidet jede Bahn 
kreuzung und, abgesehen von der ohnehin erforderlichen 
Kreuzung mit der Straße nach Wiesbaden und der unver 
meidlichen Durchquerung des Bahnhofvorplatzes, jede wei 
tere Straßenkreuzung. Allerdings müssen bei dieser Linien 
führung mehrere Häuser beseitigt werden. Die hierfür auf 
zuwendenden Kosten sind aber jedenfalls sehr viel ge 
ringer als bei jeder anderen Linienführung.
	        
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