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Volume Nr. 26

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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sie wäre gleichbedeutend mit der Lösung der sozialen Frage 
überhaupt. Es liegt in der Logik der Dinge, daß Oesterreich 
auch auf dem Gebiet der kommunalen Verwaltung der Wohn 
häuser am weitesten vorstoßen mußte: von den 43 000 Woh 
nungen, die die Stadt Wien gebaut hat, werden nur 5 000 
Einfamilienhäuser von Genossenschaften der Mieter verwaltet; 
im ganzen unterstehen 55 000 Wohnungen in Wien der städti 
schen Verwaltung, ohne daß besondere Schwierigkeiten einge 
treten wären; die Mietrückstände betragen im Durchschnitt 
nur etwa 1 %. 
Den Platz, den Deutschland auf dieser Skala zwischen 
Prosperität und Not einnimmt, deutete der Präsident des Deut 
schen Städtetages Dr. Mulert an, indem er erklärte, die 
Deckung des Wohnungsbedarfes sei hier auch in den nächsten 
Jahren noch keinesfalls ohne Sicherstellung öffentlicher Mittel 
möglich; diese Aufwendungen machten sich jedoch auf andern 
Gebieten bezahlt, da eine gute Wohnungspolitik schon die halbe 
Sozialpolitik sei. 
III. 
Alles in allem waren es hauptsächlich die Stimmen des 
Bedarfs, die auf diesem Kongreß zu Worte kamen, die Stimmen 
notleidender Konsumenten, allerdings nicht unmittelbar, 
sondern durch das Medium derjenigen Stellen und Personen, 
die dem Druck des ungedeckten Bedarfs zuerst ausgesetzt sind. 
Es ist nicht zu verwundern, daß hierbei die Kommunen be 
sonders deutlich sichtbar wurden. Insbesondere die städtischen 
Gemeinden, groß geworden durch die von ihnen selbst oft 
verstärkten Konzentrationstendenzen der Wirtschaftsentwick 
lung, fühlen in ihren zusammengeballten Menschenmässen am 
stärksten sowohl den sozusagen normalen Druck der gesteiger 
ten Gegensätze wie die besonderen Erschütterungen wirtschaft 
licher Rückschläge. Daher drängt sich ihnen die Betrachtung 
der Dinge von der Konsumseite und der Versuch einer rein 
sozialpolitischen Behandlung mit Uebermächt auf. Daß damit 
für die Abwehr dringender Notstände Wesentliches geschehen 
kann, wurde im Verlauf des Kongresses durchaus deutlich. 
Dennoch sollte — das ist wenigstens der Eindruck, der 
sich aus der Gesamtheit der Berliner Tagungen ergibt — für 
den weiteren Verlauf der Gedanke nicht aufgegeben werden, 
daß keine isolierte Betrachtung der Dinge, weder die sozial 
politische noch die finanzielle noch die produktionswirtschaft 
liche, in der Lage ist, zu entscheidenden Klärungen zu führen. 
Eine durchgreifende Praxis kann nur aus einer durchgreifenden 
Ursachenforschung hervorgehen, und Ursachenforschung in 
gesellschaftlichen Dingen ist nur als eine Arbeit aus dem 
Ganzen heraus möglich. Raymond Unwin mahnte den von ihm 
geleiteten Kongreß, die Stadt, das Land „as a whole“ zu be 
trachten. Gewiß eine hochgespannte Forderung, wenn man 
sie ernst nimmt. Aber vielleicht wird es doch gelingen, ihr das 
nächste Mal näher zu kommen. 
TAGUNGEN UND VORTRAGE 
AUS ANLASS DER DEUTSCHEN BAUAUSSTELLUNG BERLIN 1931 
Kommunale Vereinigung für Wohnungswesen. 
Die 13. Hauptversammlung der „Kommunalen Vereinigung 
für Wohnungswesen“, die am 31. Mai d. J. im Stadt 
verordnetensitzungsaal des Berliner Rathauses unter dem 
Vorsitz des Stadtbaudirektors Dr.-Ing. A. Gut (München) ab 
gehalten und durch Bürgermeister Dr. Elsas als Vertreter 
der Reichshauptstadt sowie Ministerialrat Dr. Wölz (Reichs 
arbeitsministerium) als Vertreter der zahlreich erschienenen 
Reichs- und Landesbehörden begrüßt wurde, gewährte einen 
Ueberblick über diejenigen Probleme, die auf dem Gebiete 
des Wohnungswesens zur Zeit im Brennpunkt des Interesses 
stehen. Unter dem Generalthema ,,Gemeinden und Wohnungs 
frage“ legten Oberbürgermeister Dr. Luppe aus Nürnberg für 
die Großstädte, Oberbürgermeister Dr. Fresdorf aus Branden 
burg für die Mittelstädte, Erster Bürgermeister Dr.Schröter aus 
Selb i. Bayern für die Kleinstädte und Landrat Knutzen des 
Kreises Stormarn aus Wandsbek für die Landkreise die Stellung 
nahme der Selbstverwaltungskörper dar zu den brennendsten 
Tagesfragen wie Wohnungsnot, Wohnungsneubau, Hauszins 
steuer und Hauszinssteuerrückflüsse, Reichsnotverordnung, 
Reichsgrundsätze für den Wohnungsbau, Abbau der Wohnungs 
zwangswirtschaft, Bürgschaftsübemahme, Zinszuschüsse, Pro 
blem der II. Hypothek, Wohnungsfürsorge für Kinderreiche, 
Leistungsschwache, Tuberkulöse und Obdachlose, Erhaltung 
der Altwohnungen, Wohnungselend, Wohnungsaufsicht und 
Wohnungspflege. Als besonderes Kennzeichen der Aus 
führungen aller Redner, von denen doch jeder ein besonderes 
Interessengebiet vertrat, ist, wenn man die Referate zusammen 
fassend betrachtet, die weitgehende Uebereinstimmung in 
allen grundsätzlichen Punkten zu unterstreichen. Dieser Um 
stand hatte zur Folge, daß die Zuhörer zwar einige Wieder 
holungen in Kauf nehmen mußten, aber anderseits lag gerade 
hierin das eindrucksvolle Ergebnis begründet, daß die wirklich 
wichtigen und brennenden Probleme für die Gesamtwirtschaft 
und die damit zusammenhängenden Forderungen unter Weg 
lassung alles Nebensächlichen und aller gewissermaßen ört 
lichen Schmerzen, in einer Weise herausgestellt waren, daß 
diese ihren Eindruck nicht verfehlen konnten. 
Das wichtigste Problem, das erörtert wurde und das die 
ganze Bauwirtschaft und die vielen Gewerbe, die mit dieser 
auf Gedeih und Verderb verbunden sind, aufs engste berührt, 
lief auf die Frage hinaus, ob die private Bauwirtschaft schon 
heute in der Lage ist oder wenigstens in absehbarer Zeit in 
der Lage sein wird, wie es die Reichsnotverordnung vom 
1. Dezember 1930 anstrebt, unter Beschreitung der in dieser 
angebahnten Wege (Zinszuschüsse, Bürgschaftsübemahme usw.) 
Wohnungsbauten für die große Masse der Bevölkerung zu 
tragbaren Mieten zu erstellen. Aus den Ausführungen aller 
Redner klang unzweideutig die Verneinung dieser Frage heraus. 
Die Gemeinden selbst sind — ganz gleichgültig, ob es sich um 
große, mittlere oder kleine Gemeinden handelt — außerstande, 
aus eigeier Kraft noch etwas zur Finanzierung des Wohnungs 
baus beizutragen, wie dies besonders in den letzten Jahren in 
umfangreicher Weise geschehen ist. Wegen dieser finanziellen 
Schwäche und mit Rücksicht auf die bereits bestehenden 
weitgehenden Belastungen mit Bürgschaften aller Art lehnen 
sie auch die Uebemahme neuer Bürgschaften ab, es sei denn, 
daß ein Ausweg durch die Bildung eines übergemeindlichen 
Bürgschaftsicherungsfonds gefunden wird. Da die Höhe der 
Baukosten und die Verhältnisse auf dem Hypothekenmarkt 
eine privatwirtschaftliche Betätigung auf dem Gebiete des 
Wohnungsbaus noch auf Jahre hinaus, wenigstens in be 
merkenswerterem Umfange, unmöglich machen werden, bleibt 
— falls die Wohnungsbautätigkeit nicht völlig zusammen 
brechen soll — nach wie vor nur der Ausweg der Bereitstellung 
öffentlicher Mittel. Das A und das O des Wohnungsproblems 
bleibt daher für die nächste Zeit, wie ein Redner bemerkte, 
die Sicherstellung der Hauszinssteuer auf eine längere Reihe von 
Jahren. Das ist um so dringender erforderlich, als die Woh 
nungsnot entgegen allen Tendenzmeldungen fortbesteht sie 
ist durch die derzeitige unerhörte wirtschaftliche Not höchstens 
vorübergehend abgemildert —, und zwar sowohl in Groß 
städten und Mittelstädten als auch in Kleinstädten (besonders 
in solchen mit Industrie) und auf dem flachen Lande. Auf 
dem Lande und in den Kleinstädten herrscht auch nach den 
Berichten des Landrats Knutzen und des Bürgermeisters 
Dr. Schröter ein unsagbares Wohnungselend, das sich be 
sonders in Wohnungsüberfüllung äußert, und die Zahl der 
menschenunwürdigen, gesundheitschädlichen und abbruch 
reifen Häuser nimmt an Zahl erschreckend zu. Die Feststellung 
dieser Tatsachen war um so bemerkenswerter, als man den 
Verfall der Häuser und Wohnungen bisher im allgemeinen als 
eine typische Großstadterscheinung anzusehen geneigt war. 
Der Vorsitzende konnte die Ausführungen der vier Redner 
etwa in folgenden Punkten zusammenfassen: Die Fürsorge 
für das Wohnungswesen bedarf nach wie vor der besonderen 
Mitarbei| der Gemeindeverwaltungen, und zwar sowohl in der 
Gegenwart (wegen der noch fortdauernden Wohnungsnot und 
zur Abwendung des völligen Zusammenbruchs des Bau 
gewerbes) als auch in der Zukunft, und zwar schon deshalb, 
weil die Beaufsichtigung des Wohnungswesens gesetzliche Auf 
gabe der Gsmeinden ist. Darüber hinaus ist die Betätigung 
der Selbstverwaltungskörper auf dem Gebiete des Wohnungs 
wesens erforderlich wegen der im Staatsinteresse notwendigen 
Wohnungsfürsorge für Kinderreiche, Tuberkulöse, Kriegs 
beschädigte, Leistungschwache, Obdachlose und Asoziale, die 
von der Privatwirtschaft niemals übernommen werden wird; 
ferner wegen des Problems der II. Hypotheken, das ohne Mit 
wirkung der Gemeindeverwaltungen nicht gelöst werden kann; 
weiter im Interesse der Erhaltung der Altwohnungen, die mit
	        
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