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Volume Nr. 26

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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War man in Sorge, ein solcher Ausblick möchte allzu 
scharfe Gegensätze auslösen, so muß das wohl respektiert 
werden; beruht doch schon die Tatsache, daß die beiden inter 
nationalen Verbände nebeneinander bestehen und daß ein ein 
heitlicher Kongreß nicht möglich war, zum Teil auf älteren 
Auseinandersetzungen über Grenzgebiete. Da ist es begreiflich, 
daß beide Verbandspräsidenten, der Londoner Städtebauer 
Unwin wie der Amsterdamer Senator Wibaut, zunächst das 
besser gesicherte, wenn auch engere Feld rein fachlicher Arbeit 
innezuhalten bemüht sind, auf dem ein hohes Maß von Über 
einstimmung innerhalb jeder der beiden Organisationen von 
vornherein gesichert erscheint. 
Hatte man aber etwa Befürchtungen um das Niveau und 
die konkrete sachliche Themenbehandlung, fürchtete man in 
platte Allgemeinheiten zu geraten, so konnte man durch die 
vorangegangene Tagung der Freien Deutschen Akademie des 
Städtebaues eines besseren belehrt werden. An sich genügt es, 
hierfür auf das vorstehende Referat über die Vorträge Schäfer 
und Bruck zu verweisen; nur sei ausdrücklich nochmals darauf 
aufmerksam gemacht, welche Vorteile dem Städtebau aus einer 
weitgehenden Zusammenarbeit mit der Nationalökonomie er 
wachsen können, Vorteile, die der Verfasser schon vor einiger 
Zeit in der Zeitschrift „Der Städtetag“ anzudeuten sich be 
mühte. 
II. 
Der Kongreß, den der Internationale Verband für Woh 
nungswesen — Sitz Frankfurt a. Main, Präsident Senator 
Wibaut-Amsterdam, Generalsekretär Dr. Kampffmeyer- 
Frankfurt a. Main — abhielt, beschäftigte »ich mit drei Haupt 
themen: „Die sozialpolitische Bedeutung der Wohnungswirt 
schaft in Gegenwart und Zukunft“ — „Der Bau von Klein 
wohnungen mit tragbaren Mieten“ — „Wohnungsinspektion 
(Wohnungsaufsicht und Wohnungspflege)“. Für die Einzel 
heiten muß auf die Veröffentlichungen verwiesen werden, die als 
Hefte der Verbandszeitschrift „Bauen und Wohnen“ erschienen 
sind. Den beherrschenden Eindruck hinterließen die Ver 
handlungen über das erste Thema, was dem starken sozial 
politischen Einschlag in der Zusammensetzung des Verbandes 
entspricht. Die Aufgabe, die hierfür den Berichterstattern der 
beteiligten Länder gestellt war, fand ihre genauere Umschrei 
bung in folgenden. Formulierungen: Es sei zu untersuchen, 
a) ob und inwieweit unter den gegenwärtigen Verhältnissen 
die auf privatwirtschaftliche Rentabilität eingestellte Bauwirt 
schaft (private Bauuntemehmung) ohne öffentliche Unter 
stützung in der Lage sei, den Wohnungsbedarf der breiten 
Schichten der Bevölkerung (Bedarf an Kleinwohnungen) in 
einer Weise zu decken, die den wirtschaftlichen, sozialen, 
hygienischen und kulturellen Anforderungen entspricht; b) wie 
die Bauwirtschaft zu organisieren sei, um den Bedarf an Klein 
wohnungen in befriedigender Weise zu decken; c) wie die auf 
gemeinnütziger Grundlage errichteten Wohnbauten zu ver 
walten seien. 
Die Ergebnisse der Berichterstattung und der Aussprache 
erweisen sich gegenüber dem Versuch einer zusammenfassenden 
Berichterstattung als einigermaßen spröde, vor allem deshalb, 
weil die Gegensätze der Grundanschauungen unausgeglichen 
nebeneinander bestehen blieben, ja überhaupt kaum als 
Gegensätze herausgestellt wurden. Immerhin: wäre ein solcher 
Kongreß nicht seiner Natur nach dem Zwange entrückt, im 
Wege der Abstimmung zu einer äußeren Entscheidung zu ge 
langen, so würde sich etwa folgendes Resultat ergeben haben: 
Es wird „unter den gegenwärtigen Verhältnissen“ immer 
eine — größere oder kleinere — Schicht der Bevölkerung 
geben, deren Einkommen nicht ausreicht, um die notwendige 
Miete, die bei privatem Wohnungsbau entsteht, zu tragen. 
Für einen Teil der Bevölkerung wird die private Bauunter 
nehmung den Wohnungsbedarf decken können, für einen wei 
teren Teil werden gemeinnützige Bauvereinigungen eintreten 
können, aber dann wird immer noch ein weiterer Teil nur durch 
ein Eingreifen der öffentlichen Hand zur Deckung seines 
Wohnungsbedarfes gelangen können. Durch diese Feststellun 
gen, die, freilich mit recht verschieden starker Betonung, in 
fast allen Berichten wiederkehrten, erhielt die Forderung der 
vorangegangenen Tagung der Kommunen nach dauernder 
Sicherung des Finanzbedarfs für den öffentlichen Wohnungsbau 
starken Nachdruck; auch die dort festgestellte Tatsache, daß 
schon vor dem Kriege die Privatwirtschaft den Wohnungs 
bedarf der untersten Einkommenschichten nicht gedeckt hat 
und daß es daher irrig sei, von einer „Rückkehr zum privaten 
Wohnungsbau“ zu sprechen, wurde auf dem internationalen 
Kongreß wiederholt und bestätigt. 
Damit waren die dem Kongreß in seiner Themenstellung 
als Voraussetzung gegebenen „gegenwärtigen Verhältnisse“ 
ihrerseits selbst in Frage gestellt; daß der Kongreß selbst diese 
weitere Frage nicht aufgriff, wird man, um es nochmals zu 
sagen, verstehen müssen. Ein Delegierter aus den Vereinigten 
Staaten allerdings war der Auffassung, der Ausweg sei in einer 
allgemeinen Politik der Hebung des Lohnniveaus zu suchen; 
ihm wurde entgegengehalten, daß damit auch die Baukosten 
sich automatisch erhöhen und also die Differenz zwischen den 
niedrigen Lohnklassen und den privatwirtschaftlich rentablen 
Mieten bleibt. Mag diese Argumentation, die die mögliche 
Verringerung dieser Differenz durch Methoden der Techni 
sierung usw. übersieht, für sich allein nicht ganz stichhaltig 
erscheinen, so leuchtet um so mehr der von verschiedenen 
europäischen Delegierten vorgebrachte Hinweis darauf ein, 
daß bei langfristigen Investitionen das Interesse an der Sicher 
heit im Range noch vor dem Interesse an der Höhe der Rente 
zu stehen pflegt und daß, wie die gegenwärtige Krise beweist, 
diese Sicherheit immer wieder der Gefahr schwerer Erschütte 
rungen durch umfangreiche Arbeitslosigkeit ausgesetzt ist. 
Im einzelnen erwies sich, daß, die gegebenen Verhältnisse 
vorausgesetzt und abgesehen von den Extremen der rein 
privatwirtschaftlichen USA und der rein staatswirtachaftlichen 
UdSSR, erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen 
Ländern bestehen, Unterschiede in der Verteilung der Woh 
nungsbautätigkeit auf die drei Faktoren der privaten Bautätig 
keit, der freien gemeinnützigen Gesellschaften und der öffent 
lichen Hand, Unterschiede naturgemäß auch in der Tendenz 
zur Ausdehnung der einen oder der andern Form der Bedarf 
deckung. Dabei stellte sich ferner, wenn auch kaum klar genug 
ausgesprochen, heraus, daß der entscheidende Maßstab nicht 
die Differenz zwischen Einkommen und rentabler Miete zu 
einem bestimmten Zeitpunkt ist, daß also auch die Frage, ob 
Hebung der Einkommen oder Senkung der Mieten, am Kern 
punkt vorbeigeht, daß vielmehr das Risiko in seiner zeitlichen 
Entwicklung maßgebend ist für die wirtschaftliche Beurtei 
lung. Die besten Risiken sind die Wohnungen der Bevölke 
rungsklassen vom Mittelstand aufwärts, sie sind auch das bevor 
zugte und gegebene Tätigkeitsfeld der privaten Bauwirtschaft. 
Im Gebiet der mittleren Risiken, das vor allem durch die 
Schicht der gehobenen Facharbeiterschaft gekennzeichnet ist, 
haben die gemeinnützigen Gesellschaften vor allem in der 
genossenschaftlichen Form seit langem Hervorragendes ge 
leistet. Die ausgesprochen schlechten Risiken, die geringst 
bezahlten Arbeitergruppen, dazu die Erwerbsbehinderten, 
Tuberkulösen, Asozialen, fallen zunächst den Gemeinden 
anheim. Die Grenzen zwischen diesen drei Gruppen verlaufen, 
in den einzelnen Ländern sehr verschieden und erleiden im 
Lauf der wirtschaftlichen Entwicklung starke, wiederum 
geographisch verschiedene Veränderungen. Es war sehr be 
zeichnend, daß etwa der Vertreter eines wirtschaftlich noch 
einigermaßen saturierten Landes wie Dänemark geneigt war, 
von einem Lohnniveau als Norm auszugehen, das etwa dem 
eines ständig beschäftigten deutschen Metallfacharbeiters 
entspricht; er erhob dann von da aus die Forderung nach 
guter technischer Innenausstattung der Wohnungen auch 
auf Kosten der Wohnfläche. Aus einer noch ähnlichen, aber 
wirtschaftlich bereits etwas mehr angegriffenen Position heraus 
entwickelte ein Vertreter Hollands die These, daß den Gemeinden 
die Versorgung eines gewissen Restbedarfs verbleibe, und be 
richtete besonders von den eigens gebauten sog. Kontroll- 
Wohnungen,die verschiedene holländische Städte für die asozia- 
lenFamiliengebaut haben. (Diese Fürsorgemaßnahmen wurden, 
wie man in deT internationalen Abteilung der Bauausstellung 
sehen kann, mit der Beseitigung von Slums verbunden; sie 
führen übrigens zur Notwendigkeit einer ständigen gemeind 
lichen Wohnungsverwaltung, die sich in Holland als durchaus 
durchführbar erwiesen hat.) Der Delegierte der Tschecho 
slowakei, dessen Land schon wesentlich mehr von den Folgen 
der Weltkrise erfaßt ist, lenkte die Aufmerksamkeit auf das 
Risiko der zeitlichen Wertveränderungen und berichtete von 
erfolgreichen Versuchen, die Differenz zwischen den Neubau 
kosten der Hochkonjunktur und dem geringeren Wert nach 
einer (Deflations-) Stabilisierung durch öffentliche Zuschüsse 
auszugleichen; das Ziel dabei sei, jene Form der staatlichen 
Förderung zu finden, die den Wohnungsbau „als rentabel 
erscheinen“ lasse. Oesterreich ist bekannt als ein Land, das 
seit dem Kriege fast ununterbrochen in schwerer wirtschaft 
licher Krise lebt; Wien ist bekannt als Stadt des ausgedehn 
testen (abgesehen von Rußland) Wohnungsbaues der öffent 
lichen Hand. So war es auch einer der Wiener Delegierten, der 
erklärte, man könne nicht vom Maximum an Wohnungs 
leistung träumen, sondern müsse sich das notwendige Minimum 
setzen, zumal die private Bauwirtschaft absolut außerstande sei, 
den Wohnungsmarkt zu sättigen; die Schaffung des Einfami 
lienhauses für die breiten Schichten erklärte er für unmöglich:
	        
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