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Volume Nr. 24

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung vereinigt mit Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Issue 1931 (Public Domain)

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hervorragende Leistung der englischen Industrie, wurde, 
nachdem im November 1872 der Auftrag erteilt war, in weniger 
als 18 Monaten gebaut und von London nach Codigoro gebracht. 
Die zehn Kessel, von denen jeder eine Heizfläche von etwa 68m 2 
und einen zugelassenen Dampfdruck von 5 Atm. hatte, lieferten 
den Dampf in vier Dampfzylinder, System Woolf, welche 
zusammen eine indizierte Kraft von 1400 PS hatten. Jeder 
Dampfzylinder trieb ein Paar Zentrifugalpumpen an. Die zu 
fördernde Wassermenge der acht Pumpen war zu 30 m 3 /sek be 
rechnet worden. In den Jahren 1875 bis 1880 wurde das Netz 
der Entwässerungsgräben vollendet, wobei 170 km Gräben 
bzw. Kanäle teils neu angelegt, teils ausgebaut wurden. Am 
17. Oktober 1880 wurde das Werk nach Abnahme als voll 
endet erklärt. In Wirklichkeit war das Werk nur ein erster, 
etwas verunglückter Versuch. Es wurde daher im Jahre 1883 
eine Genossenschaft aller Besitzer der Gegend, die sich ver 
geblich wehrten, zum Zwecke der nunmehr sehr gewürdigten 
Unterhaltung gebildet, der aber die schwere Aufgabe der 
eigentlichen Vollendung des Werkes zufiel. In dieser Genossen 
schaft war die oben erwähnte „Societa Italiana per la Bonifica 
dei Terreni Ferraresi“ eins der hauptsächlichsten Mitglieder, 
die sich aber mit den übrigen Mitgliedern der Genossenschaft 
bis zum Jahre 1900 in einem fortwährenden Kampfe befand. 
' Die erwähnte Zentralisierung der Wasserhebung in einem 
einzigen Schöpfwerk bedeutete wohl einen Vorteil für die 
Leitung und eine Betriebsersparnis, enthielt aber wegen der 
Aufnahme der Höhenwässer den Nachteil, daß die zu hebende 
Wassermenge zu groß wurde und eine Ueberlastung der Wasser - 
hebemascliinen sehr im Bereich der Möglichkeit lag. Auch 
hatte man sich in Ermangelung bereits vorliegender Erfah 
rungen bei der Größe der zu hebenden Wassermenge und auch 
bei der Hubhöhe verschätzt. Wenn man auch in Abweichung 
von dem Entwurf des De Lotto die anfallende Wassermenge 
nicht mit 46 1/sek auf das km 2 , sondern mit 60, und die Hub 
höhe statt mit 1,62 m mit 2,60 m, ferner die Maschinenstärke 
statt zu 696 PS zu 1400 PS angenommen hatte, so war dies 
bei weitem nicht ausreichend. Nach den neuesten Erfahrungen 
muß in der fraglichen Gregend mit einem Wasseranfall 
von 150 1/sek/km 2 gerechnet werden. Auch bei der Hubhöhe 
hatte mail sich verschätzt. Wegen der Wasserbedeckung waren 
wohl genaue Bodenuntersuchungen nicht vorgenommen und 
die obere Torfschicht zu 0,60 m angenommen worden, während 
sie in Wirklichkeit bis zu 2 m und mehr betrug. Das hieraus 
sich ergebende größere Sackmaß vergrößerte auch natürlich 
die Hubhöhe. Es war daher die Leistungsfähigkeit sowohl 
des Grabennetzes als auch der Schöpfwerkanlage bei weitem 
zu gering. Da die letztere infolgedessen überlastet worden 
war, hatte sie sich stark abgenutzt und an Wirkungsgrad stark 
eingebüßt. Sie förderte nur noch 18 m 3 /sek, während mehr 
als 70 m 3 /sek zuflossen. Es wurde daher im Jahre 1905 an die 
Ausführung eines neuen Entwurfes herangegangen, der auf 
12 Millionen Lire veranschlagt, vom Minister aber auf 8 600 000 
Lire herabgesetzt worden war und für seine Ausführung 
11500 000 Lire erforderte. Diese Arbeiten kamen bis 1910 
zur Ausführung. 
Sie bestanden vor allem in der Trennung der hohen oder, 
besser gesagt, der weniger tiefen Wässer von denen der tief 
gelegenen Flächen, Die ersteren wurden dem bestehenden 
Schöpfwerk zugewiesen, das in seiner Wirksamkeit durch 
Aenderung der Maschinen verbessert wurde. Diesem Schöpf 
werk wurde eine Fläche von 16 158 ha, die durch nachträg 
lichen Flächenanschluß auf 19 395 ha vergrößert wurde, zu 
gewiesen. Ein neuer Sammelkanal führte diese hohen Wässer, 
„Acque Alte“, dem Schöpfwerk zu. Für die Wässer der tief 
gelegenen Flächen, die „Acque Basse“, hingegen wurde ein 
neues Schöpfwerk neben dem alten errichtet. Entsprechend 
erfuhr das Binnengrabennetz eine bemerkenswerte Erweite 
rung, sowohl hinsichtlich der Anzahl als auch des Abführungs 
vermögens der Gräben. Dem Verkehrsaufschluß dienten in 
etwas sparsamer Weise nur zwei neue Straßen, die eine von 
West nach Ost, die andere unter Kreuzung der ersteren von 
Süd nach Nord führend. 
Trotz dieser gewaltigen Leistung wurden bei der im Jahre 
1911 erfolgten Bauabnahme noch viele Vorbehalte gemacht, 
die den Weg für spätere Ergänzungsarbeiten offen, ließen. So 
erforderten einerseits sandige Geländeerhebungen, die beim 
Durchschneiden mit den tiefen Kanälen zu trocken geworden 
waren, Bewässerung, während anderseits besonders tiefgelegene 
Flächen (noch tiefer als 3,5 m unter dem mittleren Meeres 
spiegel) noch besondere kleinere Schöpfwerkanlagen brauch 
ten. Auch eine heute verwirklichte Ableitung ausgiebiger 
Wassermengen aus dem Po nach dem Eindeichungsgebiet 
wurde damals schon ins Auge gefaßt, um im hygienischen 
Interesse während der Sommermonate die in' den Entwässe- 
rungskanälen stagnierenden Wassertümpel aufzufrischen, den 
Kulturen die notwendige Feuchtigkeit zu sichern und Mensch 
und Tier das erforderliche Trinkwasser zu spenden. Es können 
heute 5 m 3 /sek Wasser aus dem Po mittelst Heberanlage dem 
Eindeichungsgebiet zugeleitct werden. Weiter war die Er 
weiterung des Straßennetzes und die Herrichtung der größeren 
Entwässerungskanäle für die Schiffahrt, indem sie mittels 
Schleusen untereinander und mit dem Po verbunden wurden, 
erforderlich, 
Alle diese Ergänzungsarbeiten haben jetzt unter der 
Aera Mussolini großzügige Verwirklichung gefunden, wie bei 
der Besichtigung wahrgenommen wurde. Wie oben gesagt, 
ist das Bonifikationsgebiet mit einer Gesamtfläche von 54 550 ha 
in zwei Zonen eingeteilt, die eine der sogenannten „Acque 
Alte“ mit 19 395 ha Flächen, mit einer von 1 bis 3 m unter 
dem gewöhnlichen Meeresspiegel wechselnden Höhenlage, die 
andere der „Acque Basse“ mit 35 155 ha Flächen von noch 
tieferer Höhenlage. Dio erste, aus den westlich gelegenen 
Flächen gebildete und an die sogenannten „Terre Vecchie“ 
angrenzende Zone ist an das alte, neuzeitlich ausgebaute 
Schöpfwerk angeschlossen, das eine Wassermenge von 
25 m 3 /sek zu heben vermag, die es in den Volano befördert. 
Indizierte Pferdestärken: 2950 normal und 4600 im Maximum, 
effektive: 1040 normal und 1621 im Maximum. Mittlere Hub 
höhe 3 m, größte 4 m. Der Zubringerkanal ist 29,177 km lang 
und hat eine von 2 m am Anfang bis 15,80 m am Ende zu 
nehmende Sohlenbreite. Das Binnengrabennetz umfaßt ins 
gesamt 187 km Kanäle und Gräben. Die tiefgelegene Niede 
rung, das Becken der „Acque Basse“, mit einer Gesamtfläche 
von 32 208 ha ist in drei Abteilungen unterteilt, mit je einem 
großen Hauptentwässerungskanal. Diese drei Hauptentwässe 
rungskanäle vereinigen sich zu dem Hauptsammelkanal, ge 
nannt „Delle Acque Basse“, der sie dem Binnenbusen des 
gewaltigen neuen Schöpfwerkes zuführt. Die Gesamtlänge 
der zur Entwässerung der tiefgelegenen Niederung angelegten 
Kanäle und Gräben beträgt 331 km. Die Sohlenbreite der Kanäle 
und Gräben schwankt zwischen 1,0 und 26,0 m. Der Binnen- 
busen ist 41 m breit. Das Schöpfwerk besteht aus fünf Dampf 
maschinen und einem Elekromotor. Die Dampfmaschinen werden 
von zwölf Cornwallkesseln mit Ueberhitzem gespeist, die mit 
13 Atm. und 260 y arbeiten und zusammen über eine Heiz 
fläche von 1104 m 2 verfügen. Jede der Dampfmaschinen 
treibt eine Axialturbino Sulzer. Die fünf Turbinen zusammen 
entwickeln normal 3150, im Maximum 4275 indizierte Pferde- 
kräfte und 2010 bzw, 2730 effektive. Die während des Krieges 
hinzugefügte elektrische Pumpe ist eine Zentrifugalpumpe, 
ein rein italienisches Fabrikat der Firmen Riva und Savigliano, 
die 5,30 m 3 /sek auf 3,60 m bzw. 3,80 m 3 /sek Wasser auf 5,10 m 
Höhe hebt und 450 PS leistet. Sie wird zur feineren Regu 
lierung der Sohöpfarbeit benutzt und ist mehr als 4000 Stunden 
im Jahr im Betrieb. Zusammen heben die Pumpen des Schöpf 
werkes der Acque Basse eine Wassermenge von 41 m 3 /sek 
normal 4,20 m und im Maximum 5,10 m hoch. Beide Schöpf 
werke für die Acque Alte und Acque Basse zusammen be 
fördern also aus dem Bonifikationsgebiet eine Wassermenge 
von 66 m 3 /sek. die in einem Kanalnetz von 600 km Gesamt 
länge und 800 ha Oberfläche gesammelt und zugeleitet wird. 
Die Kreuzung von hochliegenden Kanälen mit tiefliegenden 
sowie diejenige der Straßen und Wege mit den Wasserläufen 
bedingte eine gewaltige Anzahl von Bauwerken, wie Unter 
führungen, Dückern, Brücken und Durchlässen, die alle in 
zweckmäßiger ■ und kunstvoller Weise ausgeführt wurden. 
Die Aufschließung des Gebietes, aus dem schon heute 3 Mil 
lionen Doppelzentner Agrarprodukte im Jahr abzutrans 
portieren sind, wird noch eine Verdichtung des Verkehrs 
straßennetzes mit sich bringen, wobei wegen der durch den 
moorigen Untergrund bedingten Kostspieligkeit der Straßen 
bauten die Einrichtung der Entwässerungskanäle für die 
Schiffahrt eine große Rolle spielen wird. Die Kultivierung 
und Besiedlung macht gute Fortschritte, wenn auch noch 
viele Latifundien mit ganz extensiver Kultur vorhanden sind. 
Die neugeschaffene Gemeinde Jolanda di Savoia bildet ein 
Musterbeispiel. Sie liegt an der strada Reale im Zentrum des 
ehemaligen Sumpfes auf einem Gelände, das über 2 m unter 
dem mittleren Meeresspiegel gelegen ist. Ihre Einwohnerzahl 
beträgt heute schon über 6000. Eine große Zuckerfabrik ist 
hier errichtet. 
Das Gebiet wurde von der Reisegesellschaft nach Be 
grüßung durch den Präsidenten des Ferraresischen Kon 
sortiums, Mario Abbove, und längerem, erläuterndem Vortrag 
des Direktors Dr. Luigi Fano auf einer längeren Kraftwagen 
fahrt besichtigt, (Schluß folgt.)
	        
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