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Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II : Berichte und Analysen zur Gesundheit

Full text: Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II : Berichte und Analysen zur Gesundheit

ältere Mensche

Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II

Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II
Berichte und Analysen zur Gesundheit

Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Amt für Gesundheit Fachabteilung Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsförderung Billstraße 80 20539 Hamburg www.hamburg.de/gesundheit ISBN 978-3-9814693-0-1

Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz

Hambur
Hamburg

Gesundheit älterer Menschen

IMPRESSUM
Gesundheitsbericht Herausgeber: Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsförderung Billstraße 80, 20539 Hamburg September 2011 Dr. Regina Fertmann Tobias Kröpelin Nils Möller © Collage von kwh-design mit Fotos von
von links oben nach unten: Gerd Altmann, Günter Havlena, adel (alle pixelio.de), Otto Durst (fotolia.com) von rechts oben nach unten: Alexandra Bucurescu, 2 x Rainer Sturm, ulikat, Jerzy (alle pixelio.de)

Stand: Berichterstellung: Unterstützung bei Datenerhebung und Auswertung: Gestaltung: Titelfoto:

© 2011, Alle Rechte vorbehalten Bezug: Abteilung Gesundheit im Internet: Druck/Herstellung ISBN Anmerkung zur Verteilung: Sie erhalten den Bericht kostenlos unter  (040) 428 37 - 1999 gesundheitslotsen@bgv.hamburg.de www.hamburg.de/gesundheit Medien Mélange 978-3-9814693-0-1

Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerberinnen und Wahlwerbern oder Wahlhelferinnen und Wahlhelfern zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Bürgerschafts-, Bundestags- und Europawahlen sowie die Wahl zur Bezirksversammlung. Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die Druckschrift nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme der Landesregierung zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden könnte. Die genannten Beschränkungen gelten unabhängig davon, wann, auf welchem Wege und in welcher Anzahl diese Druckschrift dem Empfänger oder der Empfängerin zugegangen ist. Den Parteien ist es jedoch gestattet, die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder zu verwenden.

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Vorwort
Verein, in der Nachbarschaft, in anderen Zusammenhängen. Ist da nicht oft der Genuss zu kurz gekommen? Auch das sollte im Alter möglich sein – endlich das Leben genießen! Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür ist die eigene Gesundheit. Jeder Mensch bringt seine individuelle Geschichte mit ein: Die einen haben eine schwere Krankheit überwunden, diese hat jedoch Spuren hinter lassen. Die anderen waren nie ernsthaft krank und können sich nun im fortgeschrittenen Alter nur schwer mit steifen Gelenken, Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen abfinden. Mit dem vorliegenden Bericht „Gesundheit im Alter II“ werden Daten und Erkenntnisse der Gesundheitsberichterstattung Hamburgs zur Gesundheit von über 60-jährigen Frauen und Männern dargestellt. In einer „Momentaufnahme“ haben sich über 1.000 Personen an einer Befragung beteiligt, stellvertretend für die mehr als 400.000 älteren Menschen in Hamburg. Für ihre Bereitschaft, uns Auskunft zu geben, möchte ich mich bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern herzlich bedanken. Die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV) hat die Daten im Rahmen eines Forschungsverbundes erhoben, der sogenannten LUCAS-Studie. Diese Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. An diesem Kooperationsvorhaben sind weiterhin beteiligt das Albertinen-Haus, das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) bzw. die Universität Greifswald, die Hamburgische Pflegegesellschaft (HPG) und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Auch die Ergebnisse dieser Teilprojekte finden Sie zusammen5

Liebe Leserin, lieber Leser, kein Tag vergeht, an dem wir nicht ein bisschen älter werden. Und alle, die nicht mehr zu den jüngeren Menschen gehören, machen sich dazu Gedanken: Ein hohes Alter in guter Gesundheit zu erreichen, ist ein wichtiges persönliches wie auch gesellschaftliches Ziel. Wir wollen nicht nur möglichst alt werden mit unserer Partnerin oder unserem Partner, mit unserer Familie, mit Freunden und in unserem Bekanntenkreis – wir wollen auch selbstständig bleiben, uns selbst versorgen, unser Leben gestalten, so wie wir es in den vorangegangenen Jahrzehnten gemacht haben. Verschiedene Verpflichtungen haben das mittlere Lebensalter geprägt, sei es nun Erwerbstätigkeit oder/und Kindererziehung, Pflege der Eltern oder Aufgaben im

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gefasst in diesem Bericht vor. Ich danke an dieser Stelle den Autorinnen und Autoren für Ihre Beiträge. Die gemeinsame Weiterentwicklung unseres Konzeptes für ein generationenfreundliches Hamburg stellt einen geeigneten Rahmen dar. Ziele und Handlungsschwerpunkte werden auch speziell für die Älteren formuliert werden. Die Seniorenvertretungen werden über den LandesSeniorenbeirat und die Fachöffentlichkeit über geeignete Gremien weiterhin in diesen Prozess eingebunden. Der „Pakt für Prävention“ schließlich initiiert eine (fach)öffentliche Diskussion der Hamburger Akteure mit dem Ziel, die Gesunderhaltung und Gesundheitsförderung nie aus dem Blick zu verlieren. Wir möchten mit diesem Bericht weitere Impulse geben, in der Stadt Hamburg beste Bedingungen für Gesundheit im Alter zu gewährleisten. Viele Erkrankungen und gesundheitlichen Probleme sind in der ambulanten und stationären Versorgung Hamburgs bestens aufgehoben. Für andere Fragen zur Gesundheit gibt es ein vielfältiges Netzwerk an Ansprechpartnern und Angeboten. Die Datenanalyse

hat gezeigt, dass die Angebote der medizinischen Vorsorge und Versorgung intensiv genutzt werden. Allerdings scheinen viele Ältere zu glauben, dass gesundheitsfördernde Angebote für sie nicht relevant sind – zumindest solange sie noch gesund sind. Sie sehen keine Notwendigkeit, präventiv etwas zur Gesunderhaltung zu tun. Der Bericht soll dazu beitragen, dass alle Akteure in eigener Verantwortung und in Kooperation mit anderen weniger vertraute Wege bekannter machen und möglicherweise auch neue Wege beschreiten, um die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg weiter zu stärken und zu fördern. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern erhellende Einblicke und auf dieser Grundlage die Motivation, sich im Arbeitszusammenhang ebenso wie im Privatleben für die Gesunderhaltung älterer Menschen einzusetzen.

Cornelia Prüfer-Storcks Senatorin

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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung II. Repräsentative Befragung zur Gesundheit 1. Erhebung und Methoden 2. Soziodemographische Merkmale der altersrepräsentativen Stichprobe 3. Gesundheitszustand und Inanspruchnahme des medizinischen Versorgungssystems 4. Gesundheitsverhalten und Interesse an Gesundheitsthemen 5. Leistungsfähigkeit und Mobilität - Aktivitäten im Alltag 6. Kompetenzen und Ressourcen 7. Zusammenfassung der Ergebnisse III. LUCAS-Verbund 1. Einleitung 2. Altern der Langzeitkohorte Hamburg seit 2000/2001 (Albertinen-Haus) 3. Mobile Senioren in der Metropolregion Hamburg (Albertinen-Haus) 4. Determinanten der psychischen Gesundheit Vertriebener im Alter (UKE/Universität Greifswald) 5. Hausbesuche bei selbständig lebenden Hamburger Seniorinnen und Senioren mit Funktionsabbau (HPG) 6. Stürze und Medikamente im Krankenhaus (Albertinen-Haus) 7. Mobil bleiben – Mobilität erhalten und fördern – Pflegesprechstunden zur Mobilitätsförderung bei multimorbiden älteren Menschen (HAW) IV. Fazit und Perspektiven 7

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I. Einleitung
Dieser zweite Bericht zur Gesundheit älterer Menschen ist Teil der lebensphasenbezogenen Gesundheitsberichterstattung in Hamburg. Die Gesundheit älterer Menschen steht im Mittelpunkt, weil diese Bevölkerungsgruppe in den letzten Jahren gewachsen ist und in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. Die aktuell über 60-Jährigen sind immer auch diejenigen, die allen anderen – mehr oder weniger beispielhaft – vorangehen in der Ausgestaltung der dritten Lebensphase. Viele Studien haben gezeigt, dass ältere Menschen – unabhängig vom Alter – etwas für ihre Gesundheit tun können. Selbst dann, wenn chronische Erkrankungen und/oder altersbedingte Einschränkungen den Alltag prägen, kann das Gesundheitsverhalten zu mehr Wohlbefinden im Lebensalltag beitragen 1. LUCAS-Verbund Dieser Gesundheitsbericht hat die Besonderheit, dass die hier im Mittelpunkt stehenden Daten aus einem Teilprojekt eines wissenschaftlichen Forschungsverbundes stammen. LUCAS 2 steht für Longitudinal Urban Cohort Ageing Study in der Metropolregion Hamburg. Diese Langzeitstudie des Albertinen-Hauses ist der Dreh- und Angelpunkt des LUCASVerbundes (s. a. Kapitel III). Seit 2001 werden mehr als 3.300 Seniorinnen und Senioren regelmäßig befragt und untersucht. Ein interdisziplinärer und wissenschaftlicher Beobachtungsprozess, der unterschiedlichen Fragen nachgeht:
1 z. B. Wurm S, Tesch-Römer C Alter und Gesundheit. In: Schwarzer R (Hrsg.) Gesundheitspsychologie. Enzyklopädie der Psychologie. Hogrefe, Göttingen, S. 71 – 90, 2005 2 LUCAS Forschungsverbund, gefördert durch das BMBF; Förderkennzeichen 01ET0708 – 01ET0712 www.geriatrieforschung.de; 22.08.2011

• Was trägt nachhaltig zur Gesundheitsförderung bei? • Wie ist das Fortschreiten bestehender Erkrankungen zu vermeiden? • Was sind die wichtigsten Anzeichen von beginnender Gebrechlichkeit, wann muss interveniert werden? • Welche Bedeutung haben traumatische Erlebnisse für diejenigen, die sich an Kriegserlebnisse, Flucht und Vertreibung erinnern? • Welche Unterstützung benötigen Seniorinnen und Senioren bei Krankheitsbewältigung und Rehabilitation? Unter den vom BMBF geförderten Verbünden 3 besitzt der LUCAS-Verbund u.a. die Alleinstellungsmerkmale, dass er sich mit Gesundsein und Gesunderhaltung im Alter beschäftigt und als Zielgruppe geriatrische Krankenhauspatientinnen und -patienten einbezieht. Ziel des LUCAS-Verbundprojektes war und ist, die Determinanten des gesunden Alterns und präklinische Anzeichen bzw. Risikofaktoren für drohende funktionelle Verluste in der älteren Bevölkerung zu erforschen. Dies soll zur Entwicklung effizienter Strategien der Gesunderhaltung und der Gesundheitsförderung beitragen. Und die Erkenntnisse sollen dabei helfen, das Auftreten von Krankheiten bei Risikogruppen zu vermeiden oder hinaus zu zögern bzw. das Fortschreiten von Krankheiten zu verhindern. Repräsentative telefonische Befragung zur Gesundheit in Hamburg Zur Beantwortung dieser Fragen wurden im LUCAS-Verbund unterschiedliche Forschungsmethoden eingesetzt. Neben der Langzeitstudie gab es zusätzlich Interventions- und Follow-up-Studien.
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www.gesundheitsforschung-bmbf.de

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Die BGV hat komplementär eine Querschnittsuntersuchung veranlasst, eine repräsentative telefonische Befragung4. Diese zielt darauf, einen Gesamtüberblick über die gesundheitliche Situation der Hamburger Seniorinnen und Senioren zu gewinnen. Die Ergebnisse der repräsentativen Befragung der BGV stehen im Mittelpunkt dieses Gesundheitsberichtes (siehe Kapitel II). Sie werden ergänzt durch Kapitel III, das Abschnitte zu jedem einzelnen Teilprojekt beinhaltet. Diese Kurzdarstellungen wurden verantwortlich von den LUCAS-Kooperationspartnern verfasst und enthalten auch Hinweise auf weiterführende Informationen. Das vierte Kapitel schließt den Bericht mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Ausblick auf die wichtigsten diskussionsbedürftigen Themen ab. LUCAS-Telefonbefragung und Gesundheitsförderung Mit der vorliegenden Datenanalyse aus der Telefonbefragung sollen förderliche und risikobehaftete Einflüsse auf die Gesundheit älterer Menschen herausgearbeitet werden. Gesundheitsrelevantes Verhalten wird beschrieben und bewertet. Auf dieser Grundlage können Handlungsempfehlungen die bestehenden Angebote zur Gesundheitsförderung akzentuieren oder neue Perspektiven aufzeigen. Leitfragen der repräsentativen Befragung Mit mehr als 100 Einzelfragen im Interview wurden verschiedene Dimensionen der Gesundheit älterer Menschen ausgelotet: medizinische Versorgung und Vorsorge, Gesundheitszustand und -verhalten, Lebensqualität, Kontakte und Aktivitäten im Alltag, Nachbarschaft und
gefördert vom BMBF unter dem Förderkennzeichen 01ET0707
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Mobilität, individuelle Leistungsfähigkeit, Kompetenzen und Ressourcen und die notwendigen soziodemographische Angaben. Aus Public Health Sicht, also bevölkerungsbezogen, stehen mit Blick auf die ältere Generation folgende Leifragen im Vordergrund: • Wie ist im Großen und Ganzen der gesundheitliche Allgemeinzustand zu beurteilen? (z. B. Behinderungen, chronische Krankheiten, Schmerzen, Medikamenteneinnahme) • Inwieweit sind die Hamburger Seniorinnen und Senioren in ihren Alltagaktivitäten eingeschränkt? (z. B. Selbstständigkeit bei Körperpflege und im Haushalt, Mobilität durch Auto- und Fahrradfahren, Nutzung des öffentlichem Nahverkehrs, zu Fuß gehen) • Was tun die Seniorinnen und Senioren dafür, um gesund zu bleiben oder ihre Gesundheit zu verbessern? (z. B. gesunde Ernährung, Bewegung, Teilnahme an Gesundheitsförderung, Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen, Spazierengehen) • Welche sozialen Netzwerke haben die älteren Hamburgerinnen und Hamburger und welche Hilfen nehmen sie in Anspruch? (z. B. Betreuung von Kindern, Ehrenamt, pflegende Tätigkeiten, Anzahl vertrauter Personen, Hilfe abrufbar bei Bedarf) Wer hat an der Befragung teilgenommen? Der Zufall hat entschieden: Mehrere Tausend Hamburgerinnen und Hamburger ab 60 Jahren wurden im Sommer 2009 von der BGV angeschrieben, über die Studie informiert und zur Teilnahme 10

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eingeladen (s. folgender Abschnitt II.2). Mehr als 1.000 Personen über 60 Jahren haben sich an der Befragung beteiligt. In dieser Stichprobe lassen die Angaben von 5% der Befragten auf einen Migrationshintergrund schließen. Dieser Personenkreis ist in alle Analysen eingeschlossen, ohne als gesonderte Teilgruppe ausgewertet zu werden. Eine weitere, kleinere Stichprobe wird separat betrachtet. Sie stammt aus einer Zufallsauswahl von Personen mit einem aktuellen Eintrag zu einer nichtdeutschen Staatsangehörigkeit. Diese Gruppe wird der Einfachheit halber als Migrantinnen und Migranten 5 bezeichnet. Inhaltliche Struktur In Kapitel II werden die wichtigsten Ergebnisse der LUCAS-Befragung in fünf Abschnitten beschrieben. Abschnitt 1 beinhaltet die wichtigsten methodischen Fragen zur Erhebung, um die Qualität und Aussagekraft (Validität) einzuschätzen. An die soziodemografische Charakterisierung (Abschnitt 2) schließt sich die Beschreibung des Gesundheitszustandes der Befragten an, gefolgt von Informationen über die Nutzung des medizinischen Versorgungssystems (Abschnitt 3). Der vierte Abschnitt thematisiert das Gesundheitsverhalten und das Interesse der Befragten an Gesundheitsthemen. Diese Themen stehen im besonderen Fokus der Gesundheitsförderung. Um das Gesundheitsverhalten älterer Menschen bewerten zu können, muss jedoch ihre individuelle Leistungsfähigkeit und Mobilität berücksichtigt werden. Deshalb wird dieser Themenbereich im fünften Abschnitt erörtert. Abschließend wird untersucht, welche
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Kompetenzen und Ressourcen die Hamburger Seniorinnen und Senioren einsetzen, um im Alltag aktiv zu bleiben (Abschnitt 6). Eine kurze Zusammenfassung rundet Kapitel II ab (Abschnitt 7). Komplementär zum ersten Bericht zur Gesundheit im Alter 6 werden die Ergebnisse für die altersrepräsentative Stichprobe insgesamt dargestellt, ggf. auch in Teilgruppen beschrieben: • getrennt für Männer und Frauen, • differenziert nach Altersgruppen, • differenziert nach sozioökonomischem Status und • im Vergleich der Zufallsstichprobe mit Migrantinnen und Migranten. Übereinstimmungen zwischen Teilgruppen werden nicht immer einzeln aufgeführt, sind jedoch impliziert, wenn kein Verweis auf Unterschiede erfolgt. Ergänzt wird dies mit der Beschreibung von Zusammenhängen zwischen ausgewählten Merkmalen. Mehr Zeit für Interviews – ergänzende Informationen Als Ergänzung für die quantitative Untersuchung wurde eine kleine qualitative Erhebung durchgeführt. Denn im Rahmen einer telefonischen Befragung können nur systematisch kurze und eindeutige Angaben erhoben werden. Für Hintergrundinformation – z. B. welche Bedeutung eine Erkrankung hat, wie der Alltag geprägt ist – ist hierbei kein Raum. Leitfaden gesteuerte qualitative Interviews können diese persönlichen Bewertungen mit berücksichtigen. Die hier rea6 Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg I. Berichte und Analysen zur Gesundheit. Hamburg, Dezember 2010 http://www.hamburg.de/gesundheitsberichte/2742680/beric ht-gesundheit-aelterer-menschen-in-hamburg-i.html

(s. Kapitel II, Abschnitt 2)

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lisierten Gespräche waren an die Fragen der quantitativen Erhebung angelehnt. Zwanzig Seniorinnen und Senioren aus Hamburg haben sich beteiligt. Zitate aus diesen Leitfaden gesteuerten Interviews sind in die Beschreibung der Ergebnisse integriert und illustrieren die statistischen Ergebnisse. Lesehilfen Um den Bericht nicht mit Zahlen zu überfrachten, sind (mit entsprechendem Verweis) Tabellen in einen Tabellen-Anhang ausgelagert. Dieser Tabellen-Anhang ist wie die pdf-Version des Berichtes im Internet abrufbar 7.

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern des ersten Berichtes „Die Gesundheit ältere Menschen in Hamburg I“ werden Wiederholungen nicht entgehen. Diese sind notwendig, damit auch in diesem Bericht die Ergebnisse schlüssig dargestellt werden können. Wichtige Einzelergebnisse und zusammenfassende Aussagen sind durch rote Balken hervorgehoben. Zitate aus den Leitfaden gesteuerten Interviews sind blau hinterlegt. Das abschließende Fazit jedes Kapitels ist fett gedruckt.

http://www.hamburg.de/gesundheitsberichte/3023506/be richt-gesundheit-aelterer-menschen-in-hamburg-ii.html; 22.08.2011

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II. Repräsentative Befragung zur Gesundheit
II.1 Erhebung und Methoden 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 1.6 1.7 Konzept Erhebung Ausschöpfung/Response Nicht-Teilnehmer/innen Short-Responder Migrationshintergrund Auswertungsmethoden

fall zusammengestellte Gruppe von über 60-jährigen Personen aus der Hamburgischen Bevölkerung. Eine befriedigende Ausschöpfung bzw. Response ist die Voraussetzung dafür, dass eine valide Datenbasis zur Bewertung der Ergebnisse zur Verfügung steht. Dabei lassen sich selektive Faktoren nicht ganz ausschließen. Wie stark sie die erreichte Datenbasis prägen, lässt sich teilweise abschätzen. Hierzu werden möglichst viele Informationen auch von denjenigen ausgewertet, die sich nicht an der Erhebung beteiligen. Ein wichtiges Ziel bei der Erhebung war, ein hohe Teilnahmebereitschaft (Ausschöpfung oder Response) zu erreichen und die Befragten soweit wie möglich mit den nicht teilnehmenden Personen zu vergleichen. Migration prägt die spezifischen Lebensbedingungen und kann über mehrere Generationen für die Gesundheit von Bedeutung sein. Andererseits werden Personen, die kaum Deutsch sprechen, häufig von Befragungen ausgeschlossen. Die amtlichen Statistiken schließen eher selten migrationsrelevante Angaben ein. Deshalb war das Ziel dieser Erhebung, Migrantinnen und Migranten entsprechend ihres Anteils in der Bevölkerung einzubeziehen. Damit sollten sie angemessen in der Gesundheitsberichterstattung vertreten sein, so dass Schlussfolgerungen aus den Bewertungen auch in ihrem Sinn sind und zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation in der Gesamtbevölkerung beitragen.

Die Hamburger Gesundheitsberichterstattung hat mit dieser telefonischen Befragung Neuland beschritten. Um sicherzustellen, dass die Ergebnisse verlässlich sind, mussten konzeptionelle Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden, die bei der üblicheren Nutzung von amtlicherseits erhobenen statistischen Daten keine Rolle spielen. Dieser Abschnitt beschreibt die Methoden der Datenerhebung und Auswertung. Leserinnen und Leser, die sich vor allem über die Ergebnisse informieren wollen, können zu Seite 22 (soziodemographische Merkmale) bzw. zu Seite 28 (gesundheitsrelevante Merkmale) weiterblättern. 1.1 Konzept Die große Herausforderung dieser Erhebung war es, ältere Personen zur Teilnahme zu gewinnen, ohne selektiv zu sein. Selektion in bevölkerungsbezogenen (epidemiologischen) Untersuchungen bedeutet, dass z. B. besser gebildete Personen überproportional teilnehmen. Ein Hinweis auf die Wirkung von Selektionsfaktoren ist die Ausschöpfung der Gesamtmenge 8. Die Menge ist eine per ZuBei Zufallsstichproben führen nicht alle Anfragen zur Teilnahme. Durch Verweigerungen oder Nichterreichen
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kann die Stichprobe nur zu einem gewissen Prozentsatz ausgeschöpft werden.

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1.2 Erhebung Die bundesweiten telefonischen Befragungen des Robert Koch-Instituts basieren auf einem Zufallssystem (GablerHäder-Verfahren), das Telefonnummern generiert. Mit diesen zufälligen Nummern werden Haushalte kontaktiert, um bestimmte Personen für ein telefonisches Interview zu gewinnen 9. Der in Hamburg gewählte Ansatz folgte einem anderen Weg. Mit einem persönlichen Anschreiben und Informationen über die geplante Befragung wurden Hamburgerinnen und Hamburger ab 60 Jahren als erstes schriftlich kontaktiert und informiert. Im zweiten Schritt wurden Personen mit einem Eintrag im Telefonbuch angerufen und um Teilnahme gebeten. Dieses Verfahren wurde vorab mit dem Hamburgischen Datenschutzbeauftragten und der Ethikkommission der Ärztekammer abgestimmt. Das Amt für zentrale Meldeangelegenheiten 10 hat die Namen und Adressen einer Zufallsauswahl von älteren Hamburgerinnen und Hamburgern zur Verfügung gestellt. Obwohl in deutschen Großstädten immer weniger Menschen ihren Namen in das Telefonbuch eintragen lassen, hat in Hamburg noch etwa die Hälfte der Älteren einen Telefonbucheintrag. Dennoch war zu Beginn der Erhebung nicht klar, ob dieser Ansatz zu einer guten Response (Beteiligung) führt.

Der eigentlichen Erhebung war ein Pretest11 vorgeschaltet, um die geeignete Reihenfolge und Eignung der Fragen (bzgl. Verständlichkeit und Eindeutigkeit) und die voraussichtliche Interviewdauer zu überprüfen. Alle Anschreiben wurden im Zeitraum Mai bis August 2009 verschickt. Die telefonischen Interviews wurden im September 2009 abgeschlossen. Die Interviews haben im Schnitt weniger als eine halbe Stunde (23 Minuten) in Anspruch genommen. Etwa jedes zehnte Interview (12%) dauerte länger als 30 Minuten, das längste Gespräch nahm 1¼ Stunde in Anspruch! „Geduld und Ausdauer der Befragten war angesichts des Alters der Befragten, der Befragungsdauer und der teilweise sehr persönlichen Fragen erstaunlich“ 12. Wenn kein Telefonkontakt hergestellt werden konnte, wurden die potentiellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem Erinnerungsschreiben erneut eingeladen, sich zu beteiligen. Immerhin 10% der Interviewten machten davon Gebrauch und stellten selbst den Kontakt zum Feldforschungsinstitut her, um sich interviewen zu lassen. Das Erinnerungsschreiben enthielt auch einen kurzen schriftlichen Fragebogen für diejenigen, die bereit waren anonym einige Angaben zu ihrem Gesundheitszustand preiszugeben (Short-Responder).

Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Erster telefonischer Gesundheitssurvey des Robert KochInstituts. Methodische Beiträge. Kohler, M. Rieck, Borch, S. et al. A. Robert Koch-Institut Berlin 2005. 10 Bezirksamt Harburg, Fachamt Einwohnerwesen – Zentrale Meldeangelegenheiten/Einwohnerregister.

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11 200 Anschreiben, 118 Telefonbucheinträge, 45 Interviews 12 Götte, S. Feldbericht zur Durchführung einer telefonischen Befragung unter Hamburger Senioren. aproxima - Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung. Weimar 2009.

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Teilstichprobe überhaupt realisiert werden konnte. Auch bei den älteren Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit in Hamburg wurde bei der Telefonbefragung zur Gesundheit eine akzeptable Response erreicht. Aus vielen vergleichbaren Forschungsprojekten ist bekannt, dass der Zugang zu Personen mit Migrationshintergrund ausgesprochen schwierig ist 13. Mit dem Hamburger Projekt sollte erreicht werden, dass sich die Teilnahme nicht auf ein oder zwei Herkunftsländer/Ethnien beschränkt. Mit hohem organisatorischen Aufwand wurden Personen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit in den Sprachen Englisch, Französisch, Türkisch und Polnisch angesprochen. Dieses fremdsprachige Angebot, das auch für die Interviews galt, ermutigte einige der kontaktierten Personen zu antworten. Außerdem haben sich auch Personen nichtdeutscher Herkunft beteiligt, die das Interview ohne Problem auf Deutsch führen konnten (s. Abschnitt II. 1.6). Die Ausschöpfung und die Beobachtungen in den Teilgruppen lassen darauf schließen, dass das Bemühen der Fachbehörde um eine ausreichende Berücksichtigung von Personen mit Migrationshintergrund positiv aufgenommen wurde.

Abbildung 1.1: Internationaler Schriftverkehr im Kontext der LUCAS-Befragung

Sogar aus dem Ausland (s. Abbildung 1.1) schickten einige Personen den Kurzfragebogen zurück. Die Aufnahme der Kurzfragebögen wurde Mitte Oktober 2009 abgeschlossen. 1.3 Ausschöpfung/Response Insgesamt wurden fast 8.000 Hamburger Seniorinnen und Senioren angeschrieben (s. Abbildung 1.2). Der Anteil der unzustellbaren Briefe war insgesamt gering (6%), bei den Personen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit allerdings etwas höher als in der Zufallsstichprobe. Die Übersicht zeigt, dass der Telefonbucheintrag ein “Nadelöhr” in der Kontaktaufnahme darstellt. Dennoch: Mehr als 1.000 Personen über 60 Jahren haben sich an der Befragung beteiligt. Es wurde eine vergleichsweise befriedigende Response von 37% in der Zufallsstichprobe mit überwiegend deutscher Staatsangehörigkeit erreicht. Die Response in der Stichprobe mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit fiel mit 28% deutlich geringer aus. Dennoch lässt sich als Erfolg bewerten, dass eine solche 15

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z. B. LISA Lebensqualität, Interesse und Selbstständigkeit im Alter. Ergebnisse einer Befragung älterer Menschen im Bezirk Mitte von Berlin. Beiträge zur Gesundheitsförderung und Gesundheitsberichterstattung Band 16 Oktober 2010 (www.berlin.de/ba-mitte/org/gesplanleit; 22.08.2011) Türkische Pflegebedürftige: eine schwer erreichbare Gruppe? Glodny, S., Yilmaz-Aslan, Y., Razum, O. Vortrag anlässlich des 16. Kongress Armut und Gesundheit in Berlin, Dezember 2010.

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Telefoninterview Zufallsstichprobe n=5.665

Kurzfragebogen Zufallsstichprobe n=5.665

Telefoninterview Migranten n=2.168

Kurzfragebogen Migranten n=2.168

mit Telefoneintrag, bereinigt* n=2.943

bereinigt* und ohne Interviewte n=2.997

mit Telefoneintrag, bereinigt* n=430

bereinigt* und ohne Interviewte n=1.428

Ja n=1.098 37%

Nein n=1.845 63%

Ja n=1.224 41%

Nein n=1.773 59%

Ja n=120 28%

Nein n=310 72%

Ja n=390 27%

Nein n=1.038 73%

Abbildung 1.2: Übersicht zur Stichprobenausschöpfung in der telefonischen Befragung nach schriftlicher Kontaktaufnahme; ja: Teilnahme an Befragungen; nein: keine Teilnahme an Befragung (*1.569 bzw. * 620 bei Migrantinnen und Migranten) Personen verzogen, verstorben, ggf. aktive Ablehnung.

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Befragte und Nicht-Teilnehmer/innen

Ein Vergleich der Befragten mit denjenigen, die sich nicht beteiligt haben, stellt im Idealfall nur Übereinstimmungen in den Merkmalen fest. Gleiches Alter z. B. würde dafür sprechen, dass Ältere ebenso auskunftsfreudig sind wie Jüngere und keine Verzerrung der Ergebnisse vorliegt. Dabei muss zwischen der größeren Zufallsstichprobe ohne Berücksichtigung der Staatsangehörigkeit und der kleineren Zufallsstichprobe von Personen mit einem Eintrag zu einer nicht-deutschen Staatsangehörigkeit unterschieden werden (s. Tabellen-Anhang im Internet: Tabellen A1.1 und A1.2). Wichtigste Beobachtung in der größeren Zufallsstichprobe bei dem Vergleich von Interviewten und Nicht-Teilnehmer/innen ist, dass Alter und Geschlechterverteilung übereinstimmen. Der Altersmittelwert liegt bei 71 Jahren, der Männeranteil beträgt

etwas über 40%. Die Befragung hat also weder überproportional Jüngere noch Frauen angesprochen. Der Altersmittelwert in der kleineren Zufallsstichprobe mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit ist 67 Jahre, der Männeranteil liegt bei 48%. Beide Werte sind etwas niedriger als die der NichtTeilnehmer/innen (69 Jahre, 53%). Bei den Migrantinnen und Migranten sind Jüngere und Frauen etwas überrepräsentiert sind. Die Rekrutierung einer repräsentativen Stichprobe älterer Menschen für eine Gesundheitsbefragung in Hamburg konnte sehr erfolgreich abgeschlossen werden. Die Zusammenarbeit zwischen der Behörde und einem erfahrenen Feldforschungsinstitut bewährte sich.

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1.5 Short-Responder Short-Responder sind in dieser Erhebung Personen, die entweder bereit waren telefonisch einige wenige Angaben zu machen oder die einen schriftlichen Kurzfragebogen ausgefüllt haben. Bei diesen insgesamt mehr als 1.600 Personen (n= 1.614) dominieren die Frauen (58%). Der Altersmedian liegt bei 69 Jahren (Spanne 60-97 Jahre) (s. Tabellen-Anhang im Internet: Tabelle A1.3). Die größte Teilgruppe der Short-Responder sind Personen, die zeitliche, grundsätzliche oder keine speziellen Gründe für ihre Verweigerung angeführt haben (75%). Diese Short-Responder entsprechen in allen Eckdaten (Alter, Gesundheitszustand, chronische Erkrankungen, Einschätzung des eigenen Gesundheitsverhaltens) den Interviewten. Deutlich abgrenzbar ist die kleinere Gruppe derjenigen, die sich als zu alt oder zu krank zum Mitmachen bezeichnet haben (14%). Jede zehnte Person, die einen Kurzfragebogen ausgefüllt hat, nannte sprachliche Gründe als ausschlaggebend für die Nichtteilnahme am Interview (11%). Auffällig sind ihre gesundheitsrelevanten Angaben. Ihnen geht es nicht so gut wie den Personen, die aus grundsätzlicher Haltung nicht teilgenommen haben, und ihnen geht es nur wenig besser als den Personen, die sich als zu krank oder zu alt einschätzten. Bemerkenswert ist, dass jede/r zweite angab, das eigene Gesundheitsverhalten verbessern zu wollen. Vor der Auswertung der telefonischen Interviews ergibt sich hier ein erster Hinweis auf Interesse an und Bedarf für Gesundheitsförderung, speziell bei Personen, die vermutlich einen Migrationshintergrund haben. 17

Die Analyse der Erhebungsdaten hat gezeigt, dass die Interviewten als repräsentativ für die ältere Bevölkerung in Hamburg angesehen werden können. Die Angaben der Short-Responder lassen die Schlussfolgerung zu, dass selektive Faktoren die Ergebnisse nicht verzerren und dass die repräsentative Erhebung valide Ergebnisse erbringt. Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass pflegebedürftige, bettlägerige und/ oder demente Ältere ebenso wenig in dieser Telefonbefragung präsent sind wie akut Erkrankte. Hier ist auf Abschnitt 2 in Kapitel III zu verweisen. Aufgrund der langjährigen Kontaktpflege und Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zu den Personen der LangzeitKohorte im Albertinen-Haus verbleiben dort auch kranke und gesundheitlich eingeschränkte Personen in der Studie (s. Abschnitt III.2). Jede Antwort zählt! Folgende Faktoren haben zu der guten Beteiligung an der Befragung beigetragen: Die schriftliche Vorab-Information, die Transparenz bei der Durchführung, die Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme mit den Auftraggebern der Studie, die mehrsprachigen Informationen und Interviewangebote und nicht zuletzt der Kurzfragebogen. Den wichtigsten Beitrag für dieses beeindruckende Ergebnis haben allerdings die Befragten geleistet, die sich für das telefonische Interview Zeit genommen und die vielen Fragen zur Gesundheit beantwortet haben. Die Bereitschaft der Hamburger Seniorinnen und Senioren mitzumachen war ausschlaggebend für den Erfolg in der Datenerhebung.

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Davon profitiert dieser Gesundheitsbericht. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sei an dieser Stelle ein herzliches Danke ausgesprochen.

Staatsangehörigkeit. Diese Loslösung von der juristischen Kategorie Staatsangehörigkeit war im Rahmen dieser Erhebung aus organisatorischen und datenschutzrechtlichen Gründen nur teilweise zu realisieren. Darüber hinaus wurde in dieser Erhebung bei Personen von über 60 Jahren nur das eigene Geburtsland berücksichtigt und nicht mehr das der Eltern. Migrationshintergrund ist allerdings kein „amtlicherseits“ geführtes Merkmal. In der Verwaltung werden üblicherweise nur Angaben zur Staatsangehörigkeit erfasst. Der Anteil von Personen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit in Hamburg beträgt bei den über 60-Jährigen etwa 7,5%. Dieser Anteil verändert sich mit zunehmendem Alter. Bei den 60 bis 64-Jährigen beträgt er 13,8%, bei den 65-Jährigen und älteren Personen 5,8%15,16. Auch zwischen den Bezirken variiert der Anteil der Personen nichtdeutscher Herkunft (z. B. Bergedorf: 9,4%; Mitte 25,9%). Durch die im Amt für zentrale Meldeangelegenheiten vorhandenen Daten sind als Personen mit Migrationshintergrund nur diejenigen mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit anzusprechen. Um den Ansprüchen einer migrationssensiblen GBE zu entsprechen wurden folgende Bausteine in die Erhebung integriert: • Extraziehung von Personen mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit aus dem Melderegister (siehe Abbildung 1.1)

(© RainerSturm/pixelio.de.)

1.6 Migrationshintergrund Ein Instrument zur Erfassung des Migrationsstatus muss möglichst viele Aspekte eines Migrationshintergrundes berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund wurden vor einigen Jahren Empfehlungen für die migrationssensible Gesundheitsberichterstattung (GBE) formuliert 14. Der vorgeschlagene Mindestindikatorensatz zur Erfassung des Migrationsstatus enthält z. B. die Merkmale Geburtsland der Eltern, Einreisejahr, Muttersprache, Deutschkenntnisse sowie den Aufenthaltsstatus. Zentraler Indikator zur Identifikation von Migrantinnen und Migranten ist das Geburtsland der Eltern und nicht – wie bislang zumeist üblich – die
14 Schenk L, Neuhauser H. Methodische Standards für eine migrantensensible Forschung in der Epidemiologie. Bundesgesundheitsblatt 2005 48: 279-286. Schenk L, Bau AM, Borde T. et al. Mindestindikatorensatz zur Erfassung des Migrationsstatus. Empfehlungen für die epidemiologische Praxis. Bundesgesundheitsbl. – Gesundheitsforsch. – Gesundheitsschutz 49: 853-860 (2006). Butler, J., Albrecht, N.-J., Ellsäßer, G. et al. Migrationssensible Datenerhebung für die Gesundheitsberichterstattung. Arbeitsgruppe Gesundheitsberichterstattung des Arbeitskreises „Migration und öffentliche Gesundheit“. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 50:1232-1239 2007.

18

2010. Statistische Berichte. Tabelle 2: Ausländische Bevölkerung in Hamburg am 31.12.2009 nach Alter und Geschlecht. Hamburg : Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, 22. April 2010. A I 4 – j/09 H, S. 12. 16 2011. Statistisches Jahrbuch 2010/2011. Tabelle 1.1: Bevölkerung in Hamburgam 31.12.2009 nach Alter, Familienstand und Geschlecht. Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, 2011. S. 14.

15

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• Informationen über die Befragung in Englisch, Türkisch, Polnisch und Französisch im ersten Anschreiben • Angebot, das telefonische Interview in diesen Sprachen zu führen • Erinnnerungsschreiben mit sehr einfachem Kurzfragebogen • Berücksichtigung von Migrationshintergrund bei den Kurzfragebögen (Geburtsort) • Berücksichtigung von Migrationshintergrund im Interview mit bis zu 4 Angaben: Geburtsort, ggf. Jahr des Zuzugs nach Deutschland, Muttersprache, aktuelle Staatsangehörigkeit Die Teilstichprobe „Migrantinnen und Migranten“ ist hier definiert durch einen aktuellen Eintrag zu einer nichtdeutschen Staatsangehörigkeit. In dieser Gruppe von 120 Personen sind 35 Nationalitäten vertreten. Mehr als 90% sind außerhalb Deutschlands geboren und fast ebenso viele sind mit einer nicht-deutschen Sprache aufgewachsen. Sie leben seit ca. 40 Jahren (Median) in Deutschland und fast ebenso lange (seit ca. 38 Jahren) in Hamburg. In der Zufallsstichprobe befinden sich insgesamt 58 weitere Personen mit Migrationshintergrund (5%) 17. Von diesen haben nur wenige eine nicht-deutsche Staatsangehörigkeit, einen Geburtsort außerhalb Deutschlands oder sind mit einer nicht-deutschen Muttersprache aufgewachsen (1-4%). Diese Personen leben im Median seit über 50 Jahren in Deutschland und davon seit über 40 Jahren in Hamburg.

Durch das aufwändige Erhebungsverfahren ist eine repräsentative Gesamtstichprobe erreicht worden, die eine Teilgruppe von Menschen mit Migrationshintergrund einbezieht. Diese besitzen ganz überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit und sind typischerweise seit mehr als 60 Jahren in Deutschland. Die durch die Extraziehung erfasste Teilgruppe von Migrantinnen und Migranten mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit scheint (noch) stärker durch die nichtdeutsche Herkunft geprägt. Viele haben das Angebot wahr genommen, das Interview nicht in Deutsch, sondern in ihrer Muttersprache zu führen. Diese Teilgruppe von Migrantinnen und Migranten mit nicht-deutscher Herkunft wird in den weiteren Analysen vergleichend zur größeren Zufallsstichprobe (ohne Berücksichtigung der Staatsangehörigkeit) betrachtet. Als Fazit bleibt festzustellen: Migrationssensible GBE lässt sich mit hohem Aufwand realisieren. Die Gruppe von Personen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, die hier als Migrantinnen und Migranten bezeichnet wird, ist relativ klein und heterogen. Sie ist insgesamt auch etwas jünger als die Zufallsstichprobe und weist eine höhere Bildung auf. Bei den Migrantinnen und Migranten muss von daher eine Selektion von Personen mit höherem sozialen Status angenommen werden (s. Abschnitt II.3.6). 1.7 Auswertungsmethoden

17

Weitere 166 Personen (15%) haben einen Geburtsort in den ehemaligen deutschen Ostgebieten angegeben. Sie sind alle mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen und besitzen ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit.

Für die Auswertung sollte in allen 5Jahres- Altersgruppen (60 bis unter 65, 65 bis unter 70, 70 bis unter 75, 75 bis 19

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unter 80, 80 und älter) 200 Personen berücksichtigt werden können. Der jeweilige Anteil von Männern und Frauen sollte den realen Verhältnissen in der Bevölkerung entsprechen. Diese beiden Vorgaben wurden durch die Erhebung erfüllt. Somit steht für jede einzelne Altersklasse eine eigenständig interpretierbare Gruppe zur Verfügung. Da in der Bevölkerung allerdings der Anteil der jüngeren Älteren größer ist als der der Älteren, müssen die Daten für die Auswertung der Gesamtstichprobe für das Alter gewichtet werden 18. Alle in dem Bericht beschriebenen Ergebnisse beruhen auf der gewichteten Analyse und sind damit repräsentativ für die Hamburger Bevölkerung ab 60 Jahren. Altersunterschiede werden überwiegend in der Differenzierung von unter und über 75-Jährigen beschrieben. Viele der mehr als 100 Einzelfragen aus dem Interview wurden für die Auswertung zusammengefasst. Die folgende Tabelle 1.1 beschreibt die wichtigsten Indices mit einer Benennung der Ausgangsvariablen. Eine vollständige Beschreibung der jeweils angewandten Kriterien und Berechnungen würde zu umfangreich ausfallen.

Index Sozioökonomischer Status 19

Zusammengefasste Merkmale Schulbildung, Berufliche Bildung, Nettoeinkommen Anzahl Personen, auf die Verlass ist, praktische Hilfe abrufbar, jemand, der sich im Notfall kümmert Ehrenamt, pflegerische Betreuung, Kinderbetreuung, praktische Hilfe Gehen, Rad fahren, öffentlicher Nahverkehr, Auto Einkaufen, Haushalt, Körperpflege 3 Fragen zum Alkoholkonsum 8 Fragen zur Lebenszufriedenheit

Hilfe bei Bedarf

Helfer

Mobilität Selbstständigkeit AUDIT 20 EUROHIS 21

Tabelle 1.1: Indexbildung zur zusammengefassten Beschreibung der Ergebnisse

Die Auswertung erfolgte für alle Einzelmerkmale und die abgeleiteten zusammengefassten Merkmale und Indices uniund bivariat22. Die im Bericht beschriebenen Erkenntnisse aus Gruppenvergleichen und Zusammenhangsanalysen beruhen auf einer Auswahl nach statistischen und inhaltlichen Kriterien und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Gewichtungsfaktoren für die einzelnen Altersgruppen betragen <= 64 Jahre: 1,12, 65 – 69 Jahre: 1,27; 70 – 74 Jahre: 0,94; 75 – 79Jahre: 0,68; 80 + Jahre: 1,01.

18

20

s. Seite 22 Babor, T. F., de la Fuente, J. R., Saunders, J., & Grant, M. AUDIT: The alcohol use disorders identification test: Guidelines for use in primary health care. Geneva, Switzerland: World Health Organization. 1992. 21 EUROHIS Europäischer Gesundheitssurvey (EUROHISProjekt); z. B.: Schmidt, S., Mühlan, H., Power, M. The EUROHIS-QOL 8-item index: psychometric results of a cross-cultural field study. European Journal of Public Health, 16(4):420-428, 2005 (QOL: quality of life) 22 Durch Rundungen können ggf. Prozentsummen entstehen, die oberhalb oder unterhalb 100% liegen.
20

19

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Statistische Bewertungskriterien Ziel der Auswertung war eine anschauliche Beschreibung der Befunde, was in der Statistik als explorative Analyse bezeichnet wird. Wenn es darum geht, zwischen zwei Gruppen eine Übereinstimmung bzw. einen Unterschied festzustellen, kann dies nur erfolgen, indem auf statistischer Grundlage zufallsbedingte Abweichung von Abweichungen unterschieden werden, die nicht mehr dem Zufall zugeschrieben werden. Diese Differenzen geben Anlass zu weiteren Überlegungen, welche Zusammenhänge sich dahinter verbergen. Ergebnisse von Signifikanzprüfungen stehen ggf. in Fußnoten. Die Berichterstattung orientiert sich an folgenden Kriterien 23: • Prozentuale Abweichung zwischen Teilgruppen von bis zu 5% werden generell als Übereinstimmung gewertet • Prozentuale Abweichungen von ca. 10% und mehr werden beschrieben. In der Realität beeinflussen sich Einstellungen und Verhaltensweisen, stehen gleichzeitig in Abhängigkeit von den grundlegenden Merkmalen wie z. B. Geschlecht und Familienstatus. Die statistische Beschreibung dieser Realität kann immer nur ausschnittweise erfolgen, indem im ersten Schritt ein Merkmal, also univariat, beschrieben wird, im zweiten Schritt dann bivariat, indem das Merkmal/die Variable in Zusammenhang mit anderen ausgewählten Variablen dargestellt wird. Mit multivariaten Analysen

kann versucht werden, dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren/Merkmale in der Realität noch näher zu kommen. Nur wenige ausgewählte Zusammenhänge sind in den Bericht aufgenommen worden. Näheres ist dem Tabellen-Anhang im Internet zu entnehmen. Die Auswertungen erfolgten mit dem Statistikprogramm SPSS 24. Das Konzept, mit einer schriftlichen Kontaktaufnahme, Telefoninterviews und fremdsprachigen Angeboten eine gute Ausschöpfung und die Einbeziehung von Personen mit Migrationshintergrund zu erreichen, konnte erfolgreich realisiert werden. Die Erhebung erbrachte mehr als 1.200 Interviews und 1.600 schriftliche Kurzfragebögen zur Gesundheit. Die Analyse der Teilgruppen hat aufgezeigt, dass eine valide und damit aussagekräftige Datengrundlage vorhanden ist. Personen, die wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes nicht an der Befragung teilgenommen haben, stellen nur eine kleine Teilgruppe dar. Die in den Interviews gesondert berücksichtigte Gruppe von Personen mit einer nicht-deutschen Staatsangehörigkeit, die hier als Migrantinnen und Migranten bezeichnet werden, ist gut vergleichbar mit der eigentlichen Zufallsstichprobe. Somit kann diese telefonische Befragung einer Zufallsstichprobe älterer Hamburgerinnen und Hamburger alters- und geschlechterrepräsentative Daten aufweisen. Die Auswertung zielt darauf, ergänzend zur Beschreibung der Einzelmerkmale die wichtigsten Zusammenhänge darzustellen.

In statistischen Tests ist die jeweilige Signifikanz u.a. vom Umfang der Teilgruppe abhängig. Beim Vergleich der Geschlechter (Männer/Frauen n= ca. 500) z. B. ist der Prävalenzunterschiede zwischen 39% und 30% bereits signifikant. Bei kleineren Teilgruppen von weniger als 200 Personen müsste der Prävalenzunterschied 45% zu 30% betragen, um signifikant zu sein.

23

21

SPSS: Statistical Package for the Social Sciences, IBM SPSS Statistics.

24

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II.2 Soziodemographische Merkmale der altersrepräsentativen Stichprobe 2.1 Soziodemographische Beschreibung der Stichprobe 2.2 Männer und Frauen im Vergleich 2.3 Jüngere und Ältere im Vergleich 2.4 Migrantinnen und Migranten Bevor die Gesundheit in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt, ist zu fragen: Wie ist die hamburgische Bevölkerung ab 60 Jahren in soziodemografischer Hinsicht zu charakterisieren? Welche Bildungswege haben diese Generation geprägt, wie sind die durchschnittlichen finanziellen Verhältnisse, wie die Wohnsituation? Durch die Erhebung selbst konnte die Alters- und Geschlechterverteilung repräsentativ gestaltet werden (vergl. auch Abschnitt II.1.4). Hinsichtlich der soziodemografischen Merkmale, wie sozioökonomischer Status, Berufstätigkeit, Wohnsituation und ähnlichen Merkmalen, ist erst nach Abschluss der Erhebung zu analysieren und zu bewerten, inwieweit die Zufallsstichprobe auch in dieser Hinsicht Repräsentativität beanspruchen kann bzw. ob Verzerrungen vorliegen. Eventuelle Verzerrungen müssen dann zumindest bei der Bewertung der Ergebnisse berücksichtigt werden. Es geht also in diesem Abschnitt darum zu beschreiben, was in soziodemografischer Hinsicht typisch für die Stichprobe ist und ob diese Beobachtungen die Verhältnisse in der Bevölkerung adäquat wiederspiegeln. 2009 sind in Hamburg 184.000 Männer und 242.000 Frauen 60 Jahre alt und älter. Zusammen stellen sie fast ein Viertel (24%) der Hamburger Bevölkerung 25. Der

Ausländeranteil in der hamburgischen Bevölkerung beträgt 2009 13,5%, fast 240.000 Personen. Unter ihnen ist der Anteil der Älteren relativ gering: Nur 7,5% der Ausländer sind 65 Jahre und älter. In den weiter zurückliegenden Jahren war eine stetige Zunahme festzustellen. 1975 z. B. lag der Anteil noch bei 2,4%, fast doppelt so hoch (4,3%) war der Anteil im Jahr 2000. Im folgenden Abschnitt werden die Beobachtungen bei den Befragten mit den Daten aus der amtlichen Statistik und dem Mikrozensus verglichen. Zur Ableitung des sozioökonomischen Status werden die schulische und berufliche Ausbildung, eventuell die derzeitige Erwerbstätigkeit und das monatlich zur Verfügung stehende Einkommen herangezogen 26. Übereinstimmungen und Differenzen zwischen Männern und Frauen, den jüngeren und älteren Befragten werden ebenso dargestellt wie Übereinstimmungen und Differenzen zwischen Migrantinnen/Migranten im Vergleich zur größeren Zufallsstichprobe. 2.1 Soziodemographische Beschreibung

In der repräsentativen Stichprobe (s. Tabelle 2.1) sind etwas mehr Frauen als Männer. Der tatsächliche Altersdurchschnitt liegt bei 71 Jahren, das gefühlte Alter liegt mit einem Median von 60 Jahren deutlich darunter. Die Spanne beim „gefühlten Alter“ ist besonders groß: Einige fühlen sich 50 Jahre jünger, einige wenige fühlen sich allerdings auch 40 Jahre älter als sie sind. Tatsächlich sind zwei Drittel der Stichprobe unter 75 Jahre, ein Drittel über 75 Jahre alt.

2011. Statistisches Jahrbuch Hamburg 2010/2011. Tabelle 1.1: Bevölkerung in Hamburg am 31.12.2009 nach Alter, Familienstand und Geschlecht. Hamburg : Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, 2011. S. 14.

25

22

26 In Anlehnung an: Ahrens, W., Bellach, B.-M. und Jöckel, K.-H. 1998. Messung soziodemographischer Merkmale in der Epidemiologie. München : MMV Medizin Verlag, 1998. RKI-Schrift 1/98.

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repräsentative Stichprobe n=1.094 Anteil Männer/Frauen Alter in Jahren Mittelwert (s) Median Spanne niedrig mittel hoch Schulbildung Hauptschule Realschule Abitur Berufsausbildung keine Ausbildung berufl.- betriebl. Ausbildg. berufl.-schulisch Ausbildg. Fach/Hochschule Einkommen in Euro < 500 500- 1.000 1.001 – 2.000 2.001 – 3.000 > 3.000 9% 19% 47% 16% 8% 10% 47% 26% 19% 45% 35% 19%
27

Ältere im Berufsleben Und wie viele der Befragten sind noch berufstätig? Die große Mehrheit der Befragten ist nicht oder nicht mehr berufstätig (81%). Aber immerhin fast jede/r Zehnte ist noch in Vollzeit (9%) oder Teilzeit bzw. stundenweise (9%) erwerbstätig. Diese Zahlen decken sich mit den statistischen Berichten für Hamburg, die sich auf die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten beziehen 28. Fast 29.000 Personen von 60 Jahren und älter waren im Dezember 2009 erwerbstätig. Bezogen auf den jeweiligen Bevölkerungsanteil der über 60-jährigen Männer und Frauen in Hamburg waren knapp 8,9% der Männer und 5,1% der Frauen berufstätig. Ebenfalls auf Grundlage des Mikrozensus liegen Informationen zum Schulabschluss und zum beruflichen Abschluss vor, allerdings in Hinblick auf die ältere Bevölkerung nur für die 60- bis 64-Jährigen (s. Tabellen-Anhang im Internet: Tabelle A2.1) 29. Hier wird deutlich: Fast die Hälfte in dieser Altersgruppe hat den Volksoder Hauptschulabschluss. Und etwas mehr als die Hälfte hat eine berufliche Ausbildung durch Lehre oder Anlernausbildung abgeschlossen. Männer haben deutlich häufiger höhere Schul- und berufliche Bildungsabschlüsse erreicht. Finanzielle Situation Die heikle Frage nach dem monatlich verfügbaren Netto-Einkommen (nach Abzug von Steuern, Krankenkassen- und Sozial28

43%/57%

71; 7 70 60 – 90 41% 27% 32%

Sozioökonomischer Status

Tabelle 2.1: Merkmale des sozioökonomischen Status der repräsentativen Stichprobe (LUCASTelefonbefragung).

Die meisten Älteren haben einen Hauptschulabschluss gemacht, nur wenige haben keinen Schulabschluss (2%). Die größte Gruppe der Älteren – ein Drittel – hat eine berufliche betriebliche Ausbildung abgeschlossen. Jede/r Zehnte hat keine berufliche Ausbildung abgeschlossen.

Mittelwert,s= Standardabweichung; Median – Mitte der Werte, Spanne mit Minimum und Maximum

27

23

2010. Statistische Berichte. Tabelle 2.1: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Wohnort in Hamburg am 31. Dezember 2009 nach Strukturmerkmalen. Hamburg : Statistisches Amt für Hamburg und SchleswigHolstein, 19.August 2010. A VI 5 - vj 4/09 H, S. 22. 29 2011. Statistisches Jahrbuch 2010/2011. Tabelle 2.4: Bevölkerung in Hamburg 2009 im Alter von 15 bis 65 Jahren nach Altersgruppen und Schulabschluss.: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, 2011. S. 40.Quelle: Mikrozensus.

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beiträgen) wurde erfreulich häufig beantwortet. Nur 90 Personen wollten hierzu keine Angaben machen 30. Fast die Hälfte aller Befragten (48%) verfügt über einen Betrag zwischen 1.000 bis 2.000€. Fast jede/r zehnte muss mit einem Betrag von unter 500€ auskommen. Zuordnung sozioökonomischer Status Aufgrund der Auskünfte zur Schulbildung, zur beruflichen Ausbildung und zum Netto-Einkommen sind 41% der Älteren einem niedrigem sozioökonomischen Status zuzuordnen, 27% einem mittleren und 32% einem höheren sozioökonomischen Status 31. Die Personen, die dem höheren sozioökonomischen Status zugeordnet wurden, sind durchschnittlich 3 Jahre jünger (69 Jahre statt 72 Jahre). Das kann damit zu tun haben, dass die Generation der Älteren weniger gute Ausbildungsabschlüsse aufweist und als Rentenbezieher über weniger Netto-Einkommen verfügt. Im Umkehrschluss sind jüngere Befragte, die noch über ein geregeltes Einkommen verfügen, eher in die höhere Sozialschicht eingeordnet worden. Eine Bewertung der gesundheitsrelevanten Differenzen im Zusammenhang mit dem soziökonomischen Status muss diesen Altersunterschied mit berücksichtigen. Wohnform Ein Drittel der Befragten lebt alleine (34%), fast zwei Drittel leben mit ihrem Partner in einem Haushalt (64%) und nur
Bei allen soziodemografischen Variablen wurden ggf. fehlende Werte zur weiteren Analyse durch mittlere Werte ersetzt. 31 Einheitliche Skalierung und Zusammenfassung zu einem ungewichteten, additiven Index in Anlehnung an Jöckel, KH, Babitsch, B, Bellach, BM u.a.: Messung und Quantifizierung soziodemographischer Merkmale im epidemiologischen Studien, S.7-38 in: Messung soziodemographischer Merkmale in der Epidemiologie. Robert Koch-Institut, Ahrens, W. München, MMV Medizin Verlag 1998.
30

wenige (3%)32 leben mit einer oder mehreren Personen zusammen. Der Mikrozensus weist dazu aus, dass 2009 jeder zweite Privathaushalt ein Ein-Personen-Haushalt ist. Bei den unter 35-Jährigen leben deutlich mehr Männer als Single, bei den über 65Jährigen sind es mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer 33. Die Mehrheit der befragten Hamburger Seniorinnen und Senioren lebt in einer Wohnung (62%), etwa ein Drittel in einem Einzel-, Doppel- oder Reihenhaus. Nur wenige Befragte gaben an, in einer betreuten Wohnform oder in einem Pflegeheim zu leben (2%) bzw. in einer Pflegestufe der Pflegeversicherung eingestuft zu sein (3%). Da in Hamburg 2009 insgesamt 15.400 Personen (über alle Altersstufen) vollstationär gepflegt wurden 34, ist offensichtlich, dass pflegebedürftige ältere Personen in der Befragung unterrepräsentiert sind (s. Abschnitt II.1.5). 2.2 Männer und Frauen im Vergleich

Der Altersmedian 35 der Männer liegt bei 69 Jahren (60 bis 84 Jahre), der entsprechende Wert der Frauen ist 71 Jahre (60 bis 90 Jahre). Im gefühlten Alter sind sich Männer und Frauen einig: Sie fühlen sich im Median 60 Jahre jung. In der Zuordnung zur Sozialschicht werden in Abhängigkeit vom Geschlecht gravierende Differenzen sichtbar.
32 Durch Auf- und Abrunden der Prozentanteile von Teilgruppen ergibt sich in den Summen nicht immer genau 100%. 33 2011. Statistisches Jahrbuch Hamburg 2010/2011. Tabelle 1.24: Ein-Personen-Haushalte in Hamburg 19802009. Hamburg : Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, 2011. S. 30. Quelle: Mikrozensus. 34 Hamburg, Freie und Hansestadt, Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz [Hrsg.]. 2010. Rahmenplanung der pflegerischen Versorgungsstruktur bis 2015. Hamburg, 2010. 35 Der Medianwert teilt die Gesamtheit der Werte in zwei Hälften, er liegt also genau in der Mitte und kann als „typischer“ Wert bezeichnet werden.

24

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Nur ein Drittel (35%) der Männer ist dem niedrigen sozioökonomischen Status zuzuordnen, aber fast die Hälfte der Frauen (46%). Dementsprechend gilt auch umgekehrt: Fast jeder zweite Mann (41%) findet sich in der oberen Sozialschicht, aber nur ein Viertel der Frauen (25%). Was ist aus statistischer Sicht maßgeblich für diesen niedrigeren sozioökonomischen Status der Frauen? Es ist nicht der Schulabschluss und nur in geringem Ausmaß die berufliche Ausbildung. Wesentlich sind die Einkommensunterschiede (s. Abbildung 2.1).
13% 4% 25% 10% 49% 46% 10% 26% 3% 14% Männer Frauen

„Ich habe immer gesagt, zu D-MarkZeiten war ich gut situiert. Aber mein Mann ist vor 20 Jahren verstorben und ich bekomme ja nur die Hälfte an Rente. Ich würde gerne schwimmen gehen, aber da ist das Problem, wie ich da hinkomme. Heute kann eine Rentnerin ein Taxi im Grunde nicht mehr bezahlen, wenn sie mit einer Rente auskommen muss.“ (84-jährige Frau mit
Gehbehinderung, gefühltes Alter 75 Jahre)

> 3.000 € 2.001 3.000 € 1.001 2.000 € 500 - 1.000 € < 500 €

„Ich bekomme 800€ Rente und habe eine Miete von 711€. Ich gehe da nicht hin und hole mir eine Grundsicherung. Wenn meine Frau keine Rente bekäme, würden wir auf dem Schlauch stehen. Meine Frau bekommt 450€ Rente. Davon leben wir. Das ist nicht viel. … Jetzt soll ich nach einer Diät leben. Das kann ich ja gar nicht …“ (69-jähriger Mann, gefühltes Alter
50 Jahre)

Abbildung 2.1: Netto-Einkommen der Männer und Frauen nach Abzügen (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Während nur 13% der Männer mit bis zu 1.000€ im Monat auskommen müssen, sind es bei den Frauen 40%. Jedem dritten Senior stehen mehr als 2.000€ zur Verfügung, aber nur 14% der Frauen. Dieser Aspekt muss bei der weiteren Beschreibung und Bewertung geschlechtsabhängiger Unterschiede einbezogen werden. In der weiteren Analyse muss berücksichtigt werden, dass ältere Frauen häufiger finanziell schlechter gestellt sind bzw. einen niedrigeren sozioökonomischen Status aufweisen. 25

Wie zufrieden sind die Befragten mit ihrer finanziellen Situation? Auf die Frage „Haben Sie genug Geld zum Leben?“ antwortet jede/r fünfte (22%), dass es im besten Fall nur „mehr oder weniger“ reicht. Mit ihrer finanziellen Situation sind die Frauen (35%) erstaunlicherweise fast ebenso häufig völlig zufrieden wie die Männer (42%). Doppelt so hoch ist bei den Frauen der Anteil derjenigen, die alleine leben (43% statt 21%). Das entspricht den oben genannten Daten des Mikrozensus. 2.3 Jüngere und Ältere im Vergleich

Für den Vergleich wurden jeweils die Daten der Jüngeren, also der 60- bis 74Jährigen, und die der Älteren ab 75 Jahren

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zusammengefasst. Diese Einteilung hat nichts mit Hochaltrigkeit zu tun, für die normalerweise bei 80 oder 85 Jahren die Grenze gezogen wird. Es geht eher darum, bei bestimmten Aspekten den Einfluss des Alterns deutlich zu machen, der in der Beschreibung der Variabilität der Querschnittserhebung leicht verloren geht. Die Jüngeren, d. h. die unter 75-Jährigen mit einem Altersmedian von 67 Jahren, machen (entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil) zwei Drittel der Zufallsstichprobe aus; hier ist die Geschlechterverteilung fast ausgeglichen (Frauenanteil 53%). Bei den Älteren dominieren die Frauen (66%). Das ältere Drittel der repräsentativen Stichprobe weist einen Altersmedian von 80 Jahren auf. In diesen beiden Altersgruppen ist die mittlere Sozialschicht gleichhäufig vertreten (weniger als ein Drittel). Unterschiedlich häufig ist die Besetzung der beiden Randschichten. In der jüngeren Altersgruppe sind jeweils gut ein Drittel der Personen dem niedrigeren bzw. höherem sozioökonomischen Status zugeordnet, bei den älteren Personen ist der niedrigere Status mit doppelt so vielen Personen besetzt. Alle drei Merkmale des sozioökonomischen Status tragen zu dieser Differenzierung bei: Bei den Älteren liegt häufiger nur ein Hauptschulabschluss vor, mehr als doppelt so viele haben keine berufliche Ausbildung und auch im Einkommen liegen die Jüngeren etwas höher. Bei den Jüngeren sind immerhin mehr als ein Viertel erwerbstätig (27%), erwartungsgemäß aber nur wenige der über 75Jährigen (3%). Von den Jüngeren ist es nur jede/r Vierte, der/die alleine lebt, bei den Älteren lebt jede zweite Person allein. In 26

beiden Altersgruppen gibt es nur wenige Interviewte, die Betreuung und/oder Pflege in Anspruch nehmen (0,5% bis 2%). 2.4 Migrantinnen und Migranten im Vergleich

Auch bei den befragten Migrantinnen und Migranten gibt es eine Altersspanne zwischen 60 und 90, also 30 Jahren. Allerdings sind sie mit einem Altersmittelwert von 67 Jahren im Schnitt vier Jahre jünger als die Befragten der Zufallsstichprobe (s. Tabelle 2.2). Migrantinnen und Migranten n=120 Anteil Männer/Frauen Alter in Jahren Mittelwert (s) Median Spanne Sozioökonomischer Status niedrig mittel hoch Schulbildung Hauptschule Realschule Abitur Berufsausbildung keine Ausbildung berufl.- betriebl. Ausbildg. berufl.-schulisch Ausbildg. Fach/Hochschule Einkommen in Euro < 500 500- 1.000 1.001 – 2.000 2.001 – 3.000 > 3.000 48%/52% 67 (7) 66 60 – 90 38% 37% 26% 27% 25% 38% 19% 34% 16% 9% 17% 21% 48% 8% 8%

Tabelle 2.2: Merkmale des sozioökonomischen Status der Migrantinnen und MigrantenStich¬probe (LUCAS-Telefon¬befragung).

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Der Median für das gefühlte Alter liegt entsprechend niedriger und zwar bei 55 Jahren. Die Geschlechterverteilung entspricht in etwa der Zufallsstichprobe, die Frauen sind etwas stärker vertreten. Bei der Zuordnung zum sozialen Status zeigt sich ein Trend zur Mitte: 38% der Migrantinnen und Migranten weisen einen niedrigen, 37% (das sind 10% mehr als in der Zufallsstichprobe) einen mittleren, 26% einen höheren sozialen Status auf. Damit sind Migrantinnen und Migranten und die Personen der Zufallsstichprobe durchaus vergleichbar in Hinblick auf ihren sozioökonomischen Status. Bei näherer Analyse zeigt sich allerdings, dass z. B. Personen mit Abitur ein Drittel der Migrantinnen und Migrantenstichprobe ausmachen (s. auch Abschnitt II.1.6). Die Befragten sind vermutlich nicht typisch für die Bevölkerungsgruppe der Migrantinnen und Migranten. Ergeben sich also in den folgenden Gegenüberstellungen und Vergleichen Unterschiede in den gesundheitsrelevanten Merkmalen, kann vermutet werden, dass sie eher mit der kulturellen Bedeutung der Migration zu tun haben als mit einem Unterschied im sozioökonomischen Status. Dieser existiert selbstverständlich in Abhängigkeit vom Migrationsstatus, spielt aber für die folgenden Analysen kaum eine Rolle. Das Durchschnittsalter der Migrantinnen und Migranten ist niedriger. Deshalb ist bei ihnen der Anteil der Vollzeitberufstätigen doppelt so hoch (18% vs. 9%). In ihrer derzeitigen Wohnsituation entsprechen die Migrantinnen und Migranten den Befragten der Zufallsstichprobe. 27

Im Abgleich mit Hamburger Referenzdaten wird deutlich, dass die Stichprobe der Befragten mit der Gesamtbevölkerung von 60 Jahren und älter gut übereinstimmt. Dies betrifft die Haushaltsgröße, die finanzielle Situation, die zurückliegende schulische und berufliche Ausbildung, die aktuelle Berufstätigkeit und damit die sozioökonomischen Unterschiede. Diese Beobachtungen sind eine weitere Bestätigung, dass es sich um eine valide Datengrundlage handelt. Frauen sind häufiger dem niedrigeren sozioökonomischen Status zuzuordnen als Männer. Über 75-Jährige haben eher einen niedrigeren sozioökonomischen Status als unter 75-Jährige. Die befragten Migrantinnen und Migranten sind vergleichsweise jünger als die Personen der repräsentativen Stichprobe und weisen bessere Ausbildungsabschlüsse auf. Damit ist diese kleine Stichprobe wahrscheinlich nicht repräsentativ für Personen mit Migrationshintergrund, zugleich aber durch ähnliche Zuordnung zum sozioökonomischen Status mit der größeren Zufallsstichprobe gut vergleichbar. Die Teilgruppe der schwerkranken und/ oder bettlägerigen Älteren ist in dieser Befragung – wie in allen ähnlich gelagerten Erhebungen – nicht angemessen berücksichtigt.

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II.3 Gesundheitszustand und Inanspruchnahme des medizinischen Versorgungssystems 3.1 Gesundheitszustand, Krankheiten, Schmerzen und depressive Verstimmungen 3.2 Einschränkungen im Alltag, Selbstständigkeit, Behinderung und Pflegebedarf 3.3 Inanspruchnahme von ärztlicher Behandlung, Krankenhausaufenthalte, Vorsorge und Früherkennung „Wie geht es Ihnen und was führt Sie zu mir?“ So oder ähnlich beginnen Ärztinnen und Ärzte ein Patientengespräch, das den Gesundheitszustand einer/eines einzelnen Patientin oder Patienten erkundet und in Diagnose und Beratung mündet. Der älteren Bevölkerungsgruppe Hamburgs müssen andere Fragen gestellt werden, um eine Überblick zum Gesundheitszustand zu bekommen. Wie wirken sich chronische Erkrankungen und körperliche Einschränkungen auf die Lebensqualität aus? Ein hohes Maß an Selbstständigkeit im Alter zu erhalten ist vielen wichtig, in welchen Bereichen gibt es Einschränkungen? Stimmt es, dass gerade die Älteren besonders häufig in ambulanter und stationärer Behandlung sind? Nutzen sie tatsächlich vorbildhaft die Angebote zur Vorsorge? Die folgenden drei Abschnitte sollen auf diese Fragen eine Antwort geben. 3.1 Gesundheitszustand, Krankheiten, Schmerzen und depressive Verstimmungen Die subjektive Einschätzung des Gesundheitszustandes hat in der Gesundheitsforschung einen hohen Stellenwert. Sie ist ein guter Prädiktor für die weitere Lebenserwartung, unabhängig von den objektiv 28

und mit medizinischer Expertise festgestellten Erkrankungen und Risikofaktoren36. Deshalb lautete auch bei den Leitfadeninterviews die Eingangsfrage: Wie würden Sie im Großen und Ganzen Ihren gesundheitlichen Allgemeinzustand beurteilen? „Bisher ganz gut … weil ich mich gesund ernähre und viel bewege“
(72-jähriger Mann, gefühltes Alter 65 Jahre)

„Der ist eigentlich nicht so schlecht. Ich muss schon Zugeständnisse machen, aber dem Alter entsprechend geht das noch.“ (88-jähriger Mann) „Das ist problematisch, ja. Nicht so gut, da ich viele verschiedene Krankheiten habe.“ (63-jährige Frau) „Bis auf mein Herz, das mir Schwierigkeiten macht, ... geht es mir gut. Ich habe eine Gehbehinderung durch eine OP. Aber das ist eine Behinderung, deswegen kann ich trotzdem laufen. Okay, ich muss mich natürlich bemühen“. (84jährige Frau, gefühltes Alter 75 Jahre)

„Der ist schlecht, ich kann nicht mehr laufen … das ist einfach Verschleiß“
(89-jährige Frau, gefühltes Alter 79 Jahre)

Fast zwei Drittel der Befragten (64%) schätzen ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein, manche (24%), sagen weder gut noch schlecht, jede/r Zehnte (12%) beurteilt den eigenen Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht. Männer und Frauen stimmen in dieser Einschätzung überraschenderweise gut überein. Da die befragten Frauen im Schnitt älter sind, wäre hier auch eine etwas schlechtere Einschätzung der Frauen plausibel gewesen.

36 z. B. Gesundheit in Deutschland, Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Berlin 2006, Kapitel 1 Wie steht’s um unsere Gesundheit?

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Insgesamt stufen die älteren Hamburgerinnen und Hamburger deutlich häufiger ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein als im Bundesdurchschnitt die über 65-jährigen Männer (54%) und Frauen (44%)37. In der höheren Altersgruppe gibt allerdings nur noch jede/r zweite Befragte (55%) einen guten oder sehr guten Gesundheitszustand an, bei den unter 75Jährigen sind es zwei Drittel (68%). Lebensqualität Die Frage nach der Lebensqualität wird ähnlich und von Männern und Frauen übereinstimmend beantwortet. Die meisten (78%) halten ihre Lebensqualität für gut oder sehr gut, in etwa jede/r Zehnte hält sie für „weder gut noch schlecht“ und nur eine kleine Minderheit (7%) bezeichnet sie als schlecht oder sehr schlecht. Diese Verteilung findet sich ebenso bei den Migrantinnen und Migranten. Bei den Älteren schätzen die Männer jedoch ihre Lebensqualität doppelt so häufig als schlecht oder sehr schlecht ein (14% versus 7%). Umgekehrt bewerten mehr Frauen ihre Lebensqualität als sehr gut oder gut (74% versus 66%). Gesundheitszustand und Lebensqualität beeinflussen die Lebenszufriedenheit allgemein. Diese wird international mit einem anerkannten Fragenkatalog erfasst. Hiermit wird z. B. die Zufriedenheit mit sich selbst, den persönlichen Beziehungen und auch die Zufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit bei Alltagsverrichtungen erfragt. Die Angaben der Hamburger Seniorinnen und Senioren stimmen mit Vergleichsdaten überein 38. Die subjektive
37

Einschätzung von Gesundheitszustand und Lebensqualität sowie die Lebenszufriedenheit sind – wie erwartet – eng miteinander verknüpft 39: Je besser der Gesundheitszustand, desto besser die Lebensqualität und desto größer die Zufriedenheit. Chronische Erkrankungen und Schmerzen Was steckt hinter der subjektiven Einschätzung des Gesundheitszustandes? Fast zwei Drittel (62%) der über 60Jährigen sind chronisch erkrankt. Von diesen Personen leiden 53% an einer, 29% an zwei und etwa 18% an drei oder mehr chronischen Krankheiten. Im Vergleich der Männer und Frauen sind keine Differenzen zu beobachten. Die Älteren sind allerding häufiger chronisch erkrankt als die Jüngeren (68% statt 59%). Auch ist bei den Älteren etwas häufiger eine zweite oder dritte chronische Erkrankung dazu gekommen. Im Zusammenhang mit diesen Erkrankungen haben ein Drittel der Befragten (37%) Schmerzen, die nie ganz verschwinden. Bei jedem zweiten Betroffenen (54%) sind die Schmerzen mit Medikamenten vollständig unter Kontrolle zu bringen. Frauen (43%) leiden deutlich häufiger unter Schmerzen als Männer (30%). Ältere (44%) haben häufiger Schmerzen als Jüngere (34%). Unabhängig von der Altersgruppeneinstufung (unter 75-Jährige, 75-Jährige und älter) sind Frauen häufiger von Schmerzen betroffen.

siehe Fußnote 36, dort S.18. 38 Brähler, E., Mühlan, H., Albani, C. & Schmidt, S. (2007). Teststatistische Prüfung und Normierung der deutschen

29

Versionen des EUROHIS-QOL Lebensqualität-Index und des WHO-5 Wohlbefindens-Index. Diagnostica, 53(2), 83-96. 39 (Spearman’s Korrelationskoeffiezient 0,56<=r<=0,77; p<0,0001)

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„Ich fühl mich schlapp, weil ich Schmerzen habe, die man mir nicht nehmen kann. Ich kann ja nichts unternehmen, was soll ich denn machen? Also, ich hab alles Mögliche unternommen. Ich bin bei diversen Ärzten, beim Heilpraktiker, beim Homöopathen gewesen … sogar im Krankenhaus. Und keiner weiß, wo die Schmerzen herkommen. Ich mache einiges, so was ich hier selbst machen kann. … Früher bin ich ja mal verreist und das alles. Das geht ja nicht mehr. “ (63-jährige Frau) In den folgenden beiden Abschnitten wird verdeutlicht, welche Konsequenzen das Vorhandensein dieser Erkrankungen und/ oder der Schmerzzustände für den Alltag der Menschen und ihre Nutzung des medizinischen Versorgungssystems haben. Eine wichtige Frage zum Befinden lautete: „Haben Sie sich während des letzten Monats so deprimiert gefühlt, dass Sie nichts mehr aufheitern konnte?“. Insgesamt bejahten 13% der Befragten diese Frage, Männer etwa genauso häufig wie Frauen, Jüngere ebenso wie Ältere, auch Migrantinnen und Migranten stimmen mit vergleichbarer Häufigkeit zu. Deprimierte Stimmungen können im Zusammenhang mit aktuellen Sorgen entstehen, könnten aber auch ihre Wurzel in weit zurückliegenden Lebenserfahrungen haben. In diesem Zusammenhang ist auch auf ein weiteres Teilprojekt des LUCAS-Verbundes zu verweisen. Eine biografische Studie widmete sich den Determinanten der psychischen Gesundheit Vertriebener im Alter (s. Abschnitt III.4)

„Wenn ich keine Schmerzen habe, geht es mir gut …“ Die zuvor beschriebenen Merkmale des Gesundheitszustandes und der Lebensqualität im Alltag stehen in einem engen Zusammenhang. In statistischer Hinsicht sind alle Merkmale miteinander korreliert40. Die folgende Abbildung 3.1 verdeutlicht diesen Zusammenhang durch einen Vergleich von Personen mit einem (sehr) guten Gesundheitszustand und Personen mit einem (sehr) schlechten Gesundheitszustand.
(sehr) gute Lebensqualität ohne deprimierte Stimmung Lebenszufriedenheit über Median der Gesamtstichprobe ohne Schmerzen ohne chronische Krankheiten

33% 58% 2% 29% 5% 47%

94% 93%

74% 74%

(sehr) guter Gesundheitszustand (sehr) schlechter Gesundheitszustand Abbildung 3.1: Vergleich der Personen mit einem (sehr) guten (n=694) und einem (sehr) schlechten (n=134) Gesundheitszustand in verschiedenen Angaben zur Lebensqualität im Alltag (LUCASTelefonbefragung)

Diese klaren Unterschiede bedeuten, dass Personen, die ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut eingestuft haben, im Vergleich mit weniger gesunden Personen • ihre Lebensqualität besser beurteilen, • sich seltener in deprimierter Stimmung befinden, • im Allgemeinen zufriedener sind 41,
(nicht tabelliert; alle Chi-Quadrat-Werte bzw. Spearman’s Korrelationskoeffizienten mit p<0.05) 41 Der Median, also in der Mitte der Verteilung liegende Wert des EUROHIS (s. Seite 30), wurde als Bezugspunkt genommen.
40

30

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• deutlich seltener unter Schmerzen leiden und • weniger häufig chronische Krankheiten haben. Diese Zusammenhänge sind gut nachvollziehbar und zeigen, dass die Befragten konsistent und glaubwürdig geantwortet haben. Gesundheit und sozioökonomischer Status Abgesehen von den alters- und geschlechtsgeprägten Übereinstimmungen und Unterschieden, die bereits oben beschrieben wurden, ist zu fragen, ob sich die sozioökonomischen Unterschiede in diesen grundlegenden gesundheitsrelevanten Merkmalen niederschlagen. Diese Fragen sind eindeutig mit „ja“ zu beantworten.
Männer Frauen 61% 46% 58% 63% 82% 68%

Ein sehr guter oder guter Gesundheitszustand ist generell bei höherem sozioökonomischem Status häufiger. In den Einschätzungen zum Gesundheitszustand der Männer bilden sich die sozioökomischen Unterschiede stärker ab als bei den Frauen. Bei Männern ist der Anteil von Personen mit bester Gesundheit bei höherem sozioökonomischem Status fast doppelt so hoch wie bei niedrigerem sozioökonomischem Status (82% statt 46%). Weitere Angaben zur gesundheitlichen Situation bestätigen diesen Eindruck (s. Tabellen-Anhang im Internet: Tabelle A3.1). Ein niedriger sozioökonomischer Status geht häufiger mit chronischen Erkrankungen und Schmerzen einher. Diese Beobachtungen treffen gleichermaßen für Männer und Frauen zu. Das nur um zwei bis drei Jahre jüngere Durchschnittsalter beim höheren sozioökonomischen Status (s. Abschnitt II.1) kann diese Differenzen nicht erklären. Zusammenhänge zwischen der sozialen Schichtzugehörigkeit und einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko wurden in den letzten Jahren in vielen bundesweiten und internationalen Studien bestätigt. Es ist noch nicht abschließend geklärt, wie die gesellschaftliche Situation zu individuellen Krankheitsprozessen führt. In diesem Zusammenhang wurden z. B. in einer repräsentativen Untersuchung der deutschen Bevölkerung Lebenszufriedenheit, Aspekte der Persönlichkeit, subjektive Körperbeschwerden und Einstellungen zur aktuellen Gesundheit an fast 3.000 Personen erfragt. Bei fast allen Merkmalen fanden sich deutliche Schichtgradienten. Die Personen der unteren Sozialschicht zeigten eine geringere Lebenszufriedenheit, andere Persönlichkeitsmerkmale, mehr Körperbeschwerden, einen schlechteren 31

gering

mittel

hoch

sozioökonomischer Status Abbildung 3.2 Gesundheitszustand in Abhängigkeit vom soziökonomischen Status getrennt für Männer und Frauen. Prozentanteile mit gutem oder sehr guten Gesundheitszustand (LUCASTelefonbefragung n=1.094).

Die Prozentzahlen in der obigen Abbildung bezeichnen den Anteil von Personen, die ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut bezeichnet haben, in Abhängigkeit vom jeweiligen sozioökonomischen Status (s. Abbildung 3.2 und Tabellen-Anhang im Internet: Tabelle A3.1).

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Gesundheitszustand und sie waren der Überzeugung, selbst wenig für ihre Gesundheit tun zu können 42. In dieser ersten Analyse wurden grundlegende Merkmale des Gesundheitszustandes untersucht. Es zeigen sich konsistente Zusammenhänge zwischen den verschiedenen gesundheitsrelevanten Angaben und konsistente Unterschiede in Abhängigkeit von Geschlecht, Alter und sozioökonomischem Status. Diese Ergebnisse entsprechen den Beobachtungen in bundesweiten Surveys und wissenschaftlichen Untersuchungen. Die gesundheitliche Situation der Hamburger Migrantinnen und Migranten stimmt mit dem Befund in der repräsentativen Stichprobe weitgehend überein. 3.2 Einschränkungen im Alltag, Selbstständigkeit, Behinderung und Pflegebedarf Inwieweit schränken alters- oder krankheitsbedingte Veränderungen den Alltag ein? Die oben beschriebene positive Einschätzung der Lebensqualität zeugt von einer hohen Anpassungsleistung. Dennoch können sich Einschränkungen, das Angewiesensein auf Hilfsmittel und/oder helfende Personen, Behinderung und Pflegebedarf durchaus negativ im Alltag auswirken. Die zentrale Frage hierzu lautete: In welchem Ausmaß sind Sie durch Krankheit in der Ausübung Ihrer alltäglichen Tätigkeiten dauerhaft eingeschränkt? Die Hälfte der Befragten (52%) geben an, gar nicht eingeschränkt zu sein. Etwa ein
42 Laubach, W , Schumacher, J, Mundt, A und Brähler, E:. Sozialschicht, Lebenszufriedenheit und Gesundheitseinschätzung. Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung der deutschen Bevölkerung. Sozial- und Präventivmedizin/Social and Preventive Medicine Volume 45, Number 1, 2000

Drittel (32%) erleben Einschränkungen im Alltag, aber nur 16% der Befragten sind erheblich eingeschränkt. Hierbei sind Männer und Frauen in etwa gleichermaßen betroffen. Erhebliche Einschränkungen kommen bei Älteren erwartungsgemäß doppelt so häufig vor wie bei den Jüngeren (24% statt 12%). Auch hier korrespondiert der sozioökonomische Status mit dem Ausmaß gesundheitlicher Einschränkungen im Alltag. Personen mit niedrigem soziökonomischem Status sind fast doppelt so häufig eingeschränkt wie Personen mit höherem Status (20% versus 11%). Welche konkreten Probleme im Alltag führen dazu, dass sich die Seniorinnen und Senioren mehr oder weniger eingeschränkt fühlen? Nachfolgend werden beispielhaft einige der häufigen Angaben beschrieben. Sehen und Hören Fast alle Befragten (96%) tragen eine Brille oder Kontaktlinsen. Drei Viertel der Befragten bezeichnen ihr Sehvermögen als gut oder ausgezeichnet (82% der Männer, 70% der Frauen). Dennoch hat ein Viertel aller Seniorinnen und Senioren Probleme beim Sehen. Jede/r zehnte (11%) nutzt ein Hörgerät, und auch wieder drei Viertel bezeichnen ihre Hörfähigkeit als gut oder ausgezeichnet (Männer 68%, Frauen 76%). Ein Viertel aller Seniorinnen und Senioren hat kein gutes Hörvermögen. Fast jede fünfte Person (19%) ist zumindest gelegentlich von Harninkontinenz betroffen, Frauen etwas häufiger als Männer (22% versus 15%). Die meisten betroffenen Frauen behelfen sich mit HygieneVorlagen (73%), die meisten Männer ergreifen dazu keine Maßnahmen (64%). 32

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Zur Fortbewegung ist jede zehnte Person auf ein Hilfsmittel angewiesen, sei es Handlauf, Stock und/oder Rollator. Hilfen zur Handhabung (z. B. Strumpfanzieher, Greifhilfen) werden nur selten (4%) genutzt. Selbstständigkeit Der Herzenswunsch, einen möglichst selbständigen Alltag aufrecht zu erhalten, wird von Älteren häufig im gleichen Atemzug mit Gesundheit genannt. Wie steht es mit der Selbstständigkeit im Alltag bei den Hamburger Seniorinnen und Senioren? Zum Beispiel können die meisten Befragten (90%) eine Strecke von 500 Metern selbstständig und ohne Schwierigkeiten zurücklegen (s. Abbildung 3.3).

Jede dritte Frau benötigt bei schweren Einkäufen Unterstützung (36%). Dies trifft für die Migrantinnen und Migranten genauso zu. Schwere Einkäufe stellen mehr als ein Drittel der befragten Migrantinnen und Migranten vor Probleme, das betrifft ganz besonders häufig Frauen. Bei den schweren Einkäufen zeigt sich das Älterwerden und einhergehender Kräftemangel besonders deutlich. Nur noch ein Drittel (38%) der Frauen über 75 schaffen das ohne Schwierigkeiten, gleichaltrige Männer zu immerhin zwei Drittel (65%). Hier ist auf ein weiteres LUCASTeilprojekt (s. Abschnitt III.5) zu verweisen. Es thematisiert die Situation von gebrechlichen Personen, die ihre Selbstständigkeit nur noch sehr mühsam aufrecht erhalten. In der Telefonbefragung gaben nur wenige Personen an (n=32), in eine Pflegestufe der Pflegeversicherung eingestuft zu sein (3%). Das kann nicht als typisch für die Hamburgerinnen und Hamburger über 60 angesehen werden. Immerhin fast ein Viertel der Befragten (23%) geben eine Behinderung an. Von diesen haben die meisten eine Schwerbehinderung (75%). Die Prävalenz von Behinderung oder Schwerbehinderung ist bei den über 75Jährigen höher als bei den unter 75Jährigen (31% statt 19%). Im Bericht „Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg I“ wurde beschrieben, dass auch im Alter nur eine Minderheit von Schwerbehinderung und Pflegebedürftigkeit betroffen ist. Diese Minderheit ist aber besonders auf Unterstützung angewiesen 43.
43

90% 500 Meter werden selbstständig ohne Schwierigkeiten zurückgelegt 92% selbstständig Baden und Duschen 91% leichte Einkäufe 67% schwere Einkäufe 0% 50% 100%

Abbildung 3.3: Selbstständigkeit im Alltags (LUCASTelefonbefragung n=1.094).

Auch beim Baden und Duschen sind die meisten völlig selbstständig (92%), ebenso bei leichten Einkäufen (91%). Schwere Einkäufe können nur noch zwei Drittel der Befragten ohne Hilfe leisten (67%). Männer schaffen dies deutlich häufiger als Frauen (80% versus 58%). 33

Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg I. Bericht und Analysen zur Gesundheit, Hamburg, Dezember 2010, S. 33 ff.

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3.3 Inanspruchnahme von ärztlicher Behandlung, Krankenhausaufenthalte, Vorsorge und Früherkennung Im Zeitraum von vier Wochen vor der Befragung hatte jede/r zweite Befragte eine Ärztin/einen Arzt kontaktiert (s. Abbildung 3.4). Fast ein Drittel hatte ihren letzten Arztkontakt vor ein bis drei Monaten. Bei nur wenigen Personen lag der letzte Arztkontakt mehr als ein Jahr zurück.

28% 52% 14% 6%
< 1 Monate 1-3 Monate 4-12 Monate > 13 Monate

kamente pro Tag (Spanne 0-20), Ältere drei statt zwei. Die Medikamenteneinnahme kann auch als Indikator für behandlungsbedürftige Krankheiten und Beschwerden verstanden werden. Dieser Indikator zeigt bei Männern einen Zusammenhang mit der sozioökonomischen Zuordnung. Männer mit niedrigerem sozioökonomischen Status nehmen im Median drei, mit mittlerem sozioökonomischen Status zwei, mit höherem Status ein Medikament pro Tag 46. Dies ist im Zusammenhang mit dem schlechteren gesundheitlichen Allgemeinzustand, der bei niedrigeren sozialen Status deutlich häufiger präsent ist, nachvollziehbar (s. Abschnitt II.3.1). In großen bundesweiten Studien wird häufig beschrieben, dass Frauen das medizinische System deutlich stärker als Männer nutzen 47. Sie suchen bei Beschwerden frühzeitiger als Männer therapeutische Hilfe und Beratung und folgen den Ratschlägen der Ärztin/des Arztes hinsichtlich der Medikamenteneinnahme besser (Compliance). Bei den Älteren Hamburgs sind zumindest in den hier vorliegende Daten keine ausgeprägten geschlechtsabhängigen Unterschiede festzustellen. Ältere Männer und Frauen nehmen die Angebote der Gesundheitsversorgung in etwa gleichermaßen wahr. Wie lässt sich diese Beobachtung erklären? Ein Grund könnte sein, dass Männer mit der Zunahme chronischer Krankheiten im höheren Alter häufiger zum Arzt
Der Medianwert der Medikamentenanzahl/Tag bei den Frauen ist immer 2. 47 z. B.: Schlussbericht Einflussfaktoren auf die Inanspruchnahme des deutschen Gesundheitswesens und mögliche Steuerungsmechanismen. Thode, N., Bergmann, E., Kamttsiuris, P. et al. Robert Koch-Institut Berlin Februar 2004.
46

Abbildung 3.4: Inanspruchnahme ärztlicher Behandlungen (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Bei den Älteren waren es schon fast zwei Drittel (61%), die während der letzten 4 Wochen eine Ärztin/einen Arzt kontaktiert haben. Bei den Jüngeren waren es knapp die Hälfte (48%). Bei niedrigerem sozialen Status waren mehr Personen in den letzten 4 Wochen bei einer Ärztin oder einem Arzt als bei höherem sozialen Status (56% statt 46%). Die Angaben zu Medikamentenkonsum44 stimmen mit diesen Beobachtungen überein. Im Median 45 nehmen Frauen und Männer zwei ärztlich verordnete MediDie Gesundheit älterer Menschen I, Berichte und Analysen zur Gesundheit, Hamburg Dezember 2010, S. 29. 45 Der Median teilt die Werte in der Mitte und wird durch einzelne Ausreißerwerte (wie hier z. B. 20) nicht beeinflusst.
44

34

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gehen 48. Ein anderer Grund könnte sein, dass sich „gesundheitsbewusste“ Männer etwas häufiger an der Befragung beteiligt haben. Etwa jede/r vierte Befragte (23%) wurde in den letzten 12 Monaten in einem Krankenhaus stationär behandelt und nur wenige von diesen mehrfach. Erfreulicherweise musste die große Mehrheit der Befragten (77%) im Jahr vor der Befragung nicht in einem Krankenhaus stationär behandelt werden. Zwischen Männern und Frauen zeigten sich keine Unterschiede. Die Älteren berichteten etwas häufiger von stationären Aufenthalten als die Jüngeren (28% statt 20%). Die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen Krankheiten, Krankenhausaufenthalten, Arztbesuchen und Medikamenteneinnahme sind auch in den hier vorliegenden Daten zu beobachten. Erwartungsgemäß waren z. B. alle Personen mit schlechtem/sehr schlechtem Gesundheitszustand in dem vergangenen Monat häufiger beim Arzt, im letzten Jahr häufiger im Krankenhaus und nehmen aktuell mehr Medikamente 49. Multimorbidität und der Verlust von Mobilität sind Risikofaktoren für Pflegebedürftigkeit und Heimeinweisung. Diesem Zusammenhang widmet sich ein weiteres Teilprojekt des LUCAS-Verbundes (s. Abschnitt III.7).

Vorsorge und Früherkennung Welche Kontakte gab es mit Ärztinnen und Ärzten im ambulanten Bereich über das vergangene Jahr gesehen – und zwar unabhängig von akuten oder chronischen Erkrankungen? Von besonderem Interesse ist die Frage, wie Angebote zur Zahnkontrolle, zur vorsorglichen Grippeimpfung oder zu Krebsvorsorgeuntersuchungen in der älteren Generation angenommen werden. Die hier berücksichtigten Angebote sind überwiegend reguläre Kassenleistungen, die den Patientinnen und Patienten im Unterschied zu den sogenannten IGEL-Leistungen nicht gesondert in Rechnung gestellt werden 50.
Anteil in Prozent Zahnkontrolle Grippeimpfung Darmkrebsfrühe rkennung PSA 51 Mammographie / Gebärmutterabstrich Gesa mt Männer Frau en

80 52 48

78 53 50 56

82 52 46

57

Tabelle 3.1: Anteil der Nutzung von Kontrolluntersuchung, Impfungen und Krebsfrüherkennung in Hamburg (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Am häufigsten haben die älteren Ham-

burgerinnen und Hamburger der Zufallsstichprobe (ca. 80%) die vorsorgliche Zahnkontrolle in Anspruch genommen (s. Tabelle 3.1). In der bundesweiten Erhebung wurde festgestellt, dass in der Altersgruppe der über 65-Jährigen die
Bis auf den PSA-Test werden alle anderen hier aufgeführten Leistungen von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt, die Mammographie allerdings nur für die 5069-jährigen Frauen. Der PSA-Test wird von ärztlicher Seite als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) nach der Gebührenordnung für Ärzte abgerechnet. Individuelle Gesundheitsleistungen sind solche ärztlichen Leistungen, die nicht zum Leistungsumfang der GKV gehören, die dennoch vom Patienten nachgefragt werden und ärztlich empfehlenswert oder ärztlich vertretbar sind. 51 PSA: prostataspezifisches Antigen, ein Marker in der Diagnostik des Prostatakarzinoms
50

Lademann, J. Kolip, P: Gesundheit von Frauen und Männern im mittleren Lebensalter [Hrsg.] Robert-Koch-Institut ; Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin 2005. S. 71. Tab. 7.1. 49 alle statistischen Assoziationen (Chi-Quadrat) p<0.001 (nicht tabelliert)

48

35

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Zahnvorsorgeuntersuchungen weniger angenommen werden (72%) als bei jungen Erwachsenen (18-29 Jahre) 52. Die Hamburger Daten liegen etwas über dem Bundesdurchschnitt. Dennoch gilt auch für die Hamburger Seniorinnen und Senioren, dass eine gute Mund- oder ggf. Prothesenhygiene und eine regelmäßige zahnärztliche Kontrolle (ein- bis zwei Mal jährlich) dazu beitragen, dass Schäden an Zähnen und Zahnfleisch vermieden bzw. frühzeitig behandelt werden können 53. An zweiter Stelle folgen bei Männern und Frauen die geschlechtsspezifischen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, für die spezielle Regelungen gelten. Der hier abgefragte PSA-Test gehört z. B. nicht zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), wenn nicht ein begründeter Verdacht auf Prostatakrebs besteht. Das gesetzliche Früherkennungsprogramm für Brustkrebs bietet – zusätzlich zur jährlichen Tastuntersuchung – den 50- bis 69-jährigen Frauen alle zwei Jahre eine Mammographie an. An dritter Stelle steht die Grippeimpfung, die von jeder zweiten Person über 60 Jahren in Anspruch genommen wurde. Auch für Hamburg trifft die Bewertung der Robert Koch-Institutes in Angesicht der bundesweiten Daten zu: Das WHO-Ziel einer Durchimpfungsrate von 75% gegen Grippe in der älteren Bevölkerung wird (noch) nicht erreicht 54.
Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Daten und Fakten: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2009“; Robert Koch-Institut, Berlin 2011 (S.143 und 134). 53 Gesund altern, Prävention und Gesundheitsförderung im höheren Lebensalter Bundesministerium für Gesundheit [Hrsg.] Berlin 2006. S.37. http://www.dnbgf.de/fileadmin/texte/Downloads/uploads/d okumente/2006/g-300.pdf.pdf; 22.08.2011 54 Prevention and control of influenza pandemics and annual epidemics. WHO. 2003. Resolution of the world Health Assembly. WHA56.19 Agenda item 14.14.
52

Eine Untersuchung auf Blut im Stuhl als Darmkrebsfrüherkennung hat innerhalb des zurückliegenden Jahres schließlich fast jede/r Zweite der Befragten genutzt. Das deutsche Programm zur Früherkennung des Darmkrebses 55 sieht u.a. für Personen ab 55 Jahren alle zwei Jahre eine Untersuchung auf okkultes Blut im Stuhl vor. Die Versichertenzahlen von 2008 56 lassen allerdings erkennen, dass rückblickend auf ein Jahr nur bis zu 20% der über 60-jährigen Frauen und Männer den FOBT 57 in Anspruch genommen haben. Die unterschiedlichen methodischen Zugänge lassen hier keinen direkten Vergleich zu. Unterschiede in der Intensität der Vorsorge und Früherkennung Wünschenswert ist, dass jede Person diese Angebote des Gesundheitssystems zur Vorsorge und Früherkennung vollständig nutzt. Immerhin hat die große Mehrheit der Befragten (n=824) mindestens zwei, wenn nicht drei oder vier dieser Angebote genutzt. Eine Minderheit (n=270) hat keines oder nur eins dieser Angebote wahrgenommen. Unterscheiden sich diese beiden Teilgruppen – abgesehen von ihrem Vorsorgeverhalten – auch in anderen gesundheitsrelevanten Merkmalen?

36

http://apps.who.int/gb/archive/pdf_files/WHA56/ea56r19 .pdf, 07.09.2011 55 Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Früherkennung von Krebserkrankungen 2009/2010 http://www.g-ba.de/downloads/62-492-510/RL_KFU_2010-1216.pdf, 22.08.2011 56 Zentralinstitut für die kassenärztliche Vereinigung, Köln 2009 57 FOBT: fäkaler okkulter Bluttest

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In ihren soziodemografischen Merkmalen (Alter, Geschlecht und soziökonomischer Status) stimmen diese beiden Teilgruppen überein. Auch in der Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes, den Einschränkungen im Alltag sowie in vielen anderen Einzelmerkmalen sind keine großen Differenzen zwischen den beiden Teilgruppen festzustellen (nicht tabelliert). Zugleich zeichnen sich in Bezug auf chronische Krankheiten, das Gesundheitsverhalten und andere Aspekte Unterschiede ab (s. Abbildung 3.5).
chronische Erkrankungen Arztkontakt (kürzlich) Teilnahme Gesundheitsförderung eingeschränkte Mobilität aktive Hilfeleistung 65% 54% 54% 47% 39% 25% 18% 27% 57% 47% viel Vorsorge wenig Vorsorge Abbildung 3.5: Vergleich in Abhängigkeit vom Gesundheitsvorsorgeverhalten; Darstellung ausgewählter Unterschiede (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

sonen, die regelmäßig Vorsorge und Früherkennung nutzen, auch stärker an Gesundheitsförderungsmaßnahmen beteiligen (39% versus 25%). Auf ganz anderer Ebene liegen zwei weitere beobachtete Unterschiede. Jene mit vorbildhaftem Vorsorgeverhalten sind seltener in ihrer Mobilität eingeschränkt und leisten häufiger aktive Hilfe (s. folgende Abschnitte II.5 und II.6). Obwohl sie also das medizinische Versorgungssystem stärker in Anspruch nehmen – vermutlich aufgrund ihrer chronischen Erkrankungen und zur Vorsorge - sind sie zugleich (noch) mobiler und stärker daran orientiert, Hilfe zu leisten. Dies macht auch auf einen anderen Sachverhalt aufmerksam: Jede vierte Person, die weniger Vorsorge- und/oder Früherkennungsuntersuchungen wahrnimmt, ist in ihrer Mobilität eingeschränkt. Diese Personen können sich nur eingeschränkt fortbewegen, d. h. die verschiedenen Möglichkeiten (Auto, ÖPNV, zu Fuß gehen, Fahrradfahren) nutzen. Inwieweit sich diese Einschränkung direkt oder indirekt auf die Wahrnehmung von Untersuchungsangeboten auswirkt, kann hier nicht näher geprüft werden. Anzuführen ist in diesem Zusammenhang aber die Beobachtung, dass von fast allen Befragten bestätigt wurde, dass Praxen und andere medizinische Einrichtungen in akzeptabler Entfernung erreichbar sind (s. Abschnitt II.5). Eine andere Erklärung könnte darin liegen, dass diejenigen mit Lücken in der Vorsorge in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt sind und deshalb auf diese Untersuchungen verzichten. Diese Annahme lässt sich nicht bestätigen. Die Selbstständigkeit ist bei allen Befragten selten eingeschränkt – ob sie 37

Die vorbildlichen Nutzerinnen und Nutzer der Vorsorge- und FrüherkennungsAngebote haben häufiger chronische Krankheiten, nehmen eher mehr Medikamente58 und waren etwas häufiger in den vergangenen vier Wochen bei ihrer Ärztin oder ihrem Arzt. Sie sind – möglichweise wegen ihrer chronischen Erkrankungen – auf medizinische Leistungen angewiesen und beanspruchen die Angebote zur Gesundheitsvorsorge und Früherkennung intensiver. In diesen Kontext passt die Beobachtung, dass sich Per58

(viel Vorsorge: Median 3, Spanne 0-20 Medikamente; wenig Vorsorge: Median 2, Spanne 0-13 Medikamente)

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nun wenig oder häufiger Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen 59. Sind diejenigen, die aktive Hilfe leisten stärker motiviert, ihre „Funktionsfähigkeit“ zu erhalten und nehmen deswegen intensiver präventive Leistungen der Krankenkassen in Anspruch? Zur Klärung dieser Frage muss eine vertiefende Analyse erfolgen. Im Kern geht es darum, inwieweit soziale Kontakte von Älteren als Person, die Hilfe braucht, oder als Person, die Hilfe leistet, im Zusammenhang stehen mit Aspekten des Gesundheitsverhaltens. Dieser Frage widmet sich eine im Kontext der LUCAS-Verbundstudie erstellte Masterarbeit, die Ende 2011 veröffentlich wird 60. Chronische Erkrankungen und körperliche Einschränkungen sind im Alltag der älteren Hamburgerinnen und Hamburger sehr präsent. Dennoch wird der eigene Gesundheitszustand überwiegend positiv eingeschätzt und die meisten sind mit ihrer Lebensqualität (sehr) zufrieden. Wie zu erwarten, stehen die gesundheitsrelevanten Merkmale in engem Zusammenhang miteinander. Auf den ersten Blick scheinen die Befragten (noch) sehr selbstständig zu sein. Schwere Einkäufe stellen aber insgesamt ein Drittel der Seniorinnen und Senioren vor Probleme, insbesondere (ältere) Frauen sind hiervon betroffen. Die über 75-Jährigen schätzen ihren Gesundheitszustand wie auch ihre Lebensqualität im Vergleich zu den unter 75Jährigen häufiger als schlecht ein. Sie sind häufiger im Alltag eingeschränkt, als behindert oder schwerbehindert eingestuft
(Sebstständigkeitsindex im T-Test auf Mittelwertunterschiede p<=0,12) 60 Soziale Eingebundenheit und das Gesundheitsverhalten älterer Menschen – Ergebnisse aus der Telefonbefragung der Longitudinal Urban Cohort Ageing Study (LUCAS) in Hamburg. Hiltraud Kajüter. Master of Science Programme Epidemiology. Universitätsmedizin Mainz (vorauss. Ende 2011).
59

und nehmen aktuell das medizinische Versorgungssystem häufiger in Anspruch. Während insgesamt die Befragten – auch im Vergleich zu bundesweiten Referenzdaten – eher häufig das ambulante Versorgungssystem in Anspruch nehmen, musste nur ein geringer Teil im Verlauf des letzten Jahres einen stationären Aufenthalt benennen. Im Vergleich wird deutlich: Gerade die (noch) gesundheitlich wenig belasteten Personen nutzen seltener die Angebote der Gesundheitsvorsorge und Krebsfrüherkennung. Dabei sind Mobilitätseinschränkungen bei diesen Personen etwas häufiger.  Ältere Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status sollen die prioritäre Zielgruppe von gesundheitsfördernden Maßnahmen sein.  Die jährliche Zahnkontrolle bzw. Untersuchung des Mundraumes und des Gebisses soll allen älteren Menschen nahegelegt werden.  Das Angebot zur Grippeschutzimpfung muss verstärkt an diejenigen heran getragen werden, die weder im Arztgespräch noch in der Apotheke erreicht werden.  Weniger mobile Personen brauchen Unterstützung, damit sie nicht nur dringende ärztliche Behandlungen, sondern auch vorsorgende Untersuchungen in Anspruch nehmen.  Diejenigen, die erfreulich wenig mit der medizinischen Versorgung zu tun haben, benötigen verstärkt Aufklärung für eine fundierte Entscheidung, ob sie Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen wahrnehmen.

38

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II.4 Gesundheitsverhalten und Interesse an Gesundheitsthemen Ernährung Alkohol und Zigaretten Bewegung Einstellungen, Teilnahme und Interesse an Kursen 4.5 Vorbilder: Gesundheits-Aktive im Vergleich mit GesundheitsInaktiven Die Themen Gesundheitsverhalten und -interesse stellen den wichtigsten Bereich in der Befragung dar. Denn das Interesse an Gesundheitsthemen – auch wenn es nur gering ausgeprägt ist – ebnet den Weg, sich mit dem eigenen Gesundheitsverhalten auseinanderzusetzen. Auch dann ist es häufig noch ein langer Weg, bis Wissen in Verhaltensänderung umgesetzt wird61. Dennoch – damit die vielfältigen Angebote zur Gesundheitsförderung auch fruchten, muss zunächst Interesse geweckt werden. Im zweiten Schritt können die möglichen Schwellen im Fokus stehen, die eine Umsetzung verzögern und/oder erschweren. Deshalb wird es in der Auswertung vor allem darum gehen, jene Älteren zu charakterisieren, die es schaffen, im Alltag etwas für ihre Gesunderhaltung zu tun und mit denjenigen zu vergleichen, die darin weniger erfolgreich sind. Hierbei werden Ernährung und Bewegung, Alkoholkonsum und Teilnahme an gesundheitsfördernden Angeboten im Mittelpunkt stehen. Letztendlich geht es um die Frage, wie eine Brücke zu bauen ist, sodass jede/r Interessierte die persönlichen Handicaps (und sei es „nur“ den „inneren Schweinehund") überwindet und selbst zur Erhaltung von Gesundheit und Selbstständigkeit beiträgt.
61

4.1

Ernährung

4.1 4.2 4.3 4.4

Viele Empfehlungen zur Ernährung haben sich in den letzten Jahren geändert. Mal wurden viele kleine Mahlzeiten empfohlen, dann hieß es wieder, drei Mahlzeiten pro Tag seien gesund. Dass täglicher Obst- und Gemüsekonsum – möglichst 5 Portionen pro Tag – einen relevanten Beitrag zur Vermeidung von z. B. Darmkrebserkrankungen leistet, ist bekannt62, allerdings wissenschaftlich nicht unumstritten 63. Die Frage im Interview lautete: „Wie stark achten Sie im Allgemeinen auf eine gesunde Ernährung?“ Fast zwei Drittel der Befragten (65%) geben an, dass sie das auch tun. Nur wenige (6%) achten gar nicht oder nur wenig auf gesundheitliche Aspekte der Ernährung und noch mehr als jede/r vierte (29%) formulierte ein „teils/teils“. Soziale Erwünschtheit prägt das Antwortverhalten vermutlich mit. Aber das Essen muss ja auch gut schmecken und satt machen, es muss schnell gehen, preisgünstig sein und den lieb gewordenen Gewohnheiten der Familie entsprechen. Frauen liegt das Thema mehr am Herzen: 71% achten stark auf gesunde Ernährung, aber „nur“ 56% der Männer. Wie sieht das in der Praxis zum Beispiel hinsichtlich Obst und Gemüse aus? Eine große Mehrheit der Befragten isst täglich Obst (81%) bzw. Gemüse (70%). Frauen konsumieren deutlich häufiger täg62

z. B. Lebensführung und Gesundheitshandeln im Alltag – Annäherung an ein widersprüchliches Verhältnis Seeba, H. Gesundheitswesen 59:11-18, 1997.

39

World Cancer Research Fund / American Institute for Cancer Research. Food, Nutrition, Physical Activity, and the Prevention of Cancer: a globalPerspective. Washington, DC: AICR, 2007. 63 Joost, Prof. Dr. Dr. H.-G. DIfE – Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke. Obst und Gemüse: Schutz vor Krebserkrankungen ? Stellungnahme des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung PotsdamRehbrücke. [Online] [Zitat vom: 08. September 2011.] http://www.dife.de/de/index.php?request=/de/presse/stellun gnahmen.php

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lich Obst oder/und Gemüse (87% bzw. 76%) im Vergleich zu den Männern (73% bzw. 61%). Wenn Gemüse seltener als täglich konsumiert wird, sind es bei den meisten Menschen (77%) zwischen ein bis vier Portionen pro Woche. „ Mein Gesundheitszustand … ist bisher ganz gut … weil ich mich gesund ernähre und viel bewege“ (72-jähriger Mann, gefühltes Alter 65 Jahre)

chende Beobachtungen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden sind bekannt 64. Hier ist von Interesse, inwieweit das Ernährungsverhalten von Wissen und Einstellung geprägt wird. Zum Beispiel könnte eine Erklärung für die geschlechtsspezifischen Unterschiede sein, dass 30% der Frauen, aber nur 11% der Männer schon mal von der Kampagne »5 am Tag« gehört haben 65. Ein Zusammenhang zwischen der individuellen Einstellung „ich achte auf meine Ernährung“ und den Angaben zum Obst und Gemüsekonsum wird von den Hamburger Daten bestätigt. Im Vergleich zeigt sich, dass ernährungsbewusste Personen mehr Obst und Gemüse verzehren. Von denjenigen, die auf ihre Ernährung achten, essen viele (40% von n=652) mehr als 3 Portionen Obst und Gemüse/Tag. Bei denjenigen, die weniger auf ihre Ernährung achten, ist es in etwa nur jede/r Zehnte (13% von n=323). 4.2 Alkohol und Zigaretten Fast ein Drittel (31%) der repräsentativ Befragten geben an, nie Alkohol zu trinken. Dabei ist der Anteil der Abstinenten in der höheren Altersgruppe deutlich höher als bei den jüngeren (45% statt 24%). Insgesamt sind bei den Männern ein Fünftel (21%) abstinent, bei den Frauen 38%. Ebenso deutlich sind die geschlechterabhängigen Unterschiede bei
http://www.gbe-bund.de/ z. B. Mittlerer täglicher Obstund Gemüseverzehr, Bundes-Gesundheitssurvey 1998 (BGS98); Verzehr von Obst oder Gemüse, Telefonischer Gesundheitssurvey 2003/2004 (GSTel 04) 65 Gesundheitssurvey 2006 des RKI http://www.gbebund.de/gbe10/owards.prc_show_pdf?p_id=12453&p_sp rache=d&p_uid=gast&p_aid=42212228&p_lfd_nr=1 ;22.08.2011
64

„ Also ich lebe nicht so gerne in den engen Grenzen von Vorschriften. Ich denke mal, eine ganz normale, ausgewogene Ernährung ist das Beste, was ich haben kann. Und darauf achte ich.“ (84-jährige
Frau, gefühltes Alter 75)

Die untenstehende Grafik verdeutlicht zusammengefasst den täglichen Obst- und Gemüsekonsum in der repräsentativen Hamburger Seniorinnen und SeniorenStichprobe.
355 255 209

62

73 35 2 3 4 5 6 16 7+

1

Obst- und Gemüsekonsum pro Tag Abbildung 4.1: Anzahl der Personen mit 1 bis 7 und mehr Obst- und Gemüseportionen/Tag (LUCASTelefonbefragung n=1.094).

Fünf und mehr Portionen pro Tag werden nur von einer Minderheit erreicht, die meisten Älteren essen zwei Portionen Obst und/oder Gemüse pro Tag. Ähnliche Ergebnisse von repräsentativen Befragungen in Deutschland und entspre40

Gesundheit älterer Menschen

denjenigen, die fast an jedem Tag in der Woche Alkohol trinken: insgesamt 17% der Befragten, nämlich 24% der Männer und 12% der Frauen. Das entspricht in etwa den Ergebnissen des bundesweiten Telefonsurveys. Jeder dritte Mann von 60 Jahren oder älter gab an, mäßig bis sehr viel Alkohol zu trinken, bei den Frauen ab 60 Jahren waren es deutlich weniger (ca. 13%) 66. Die Trinkgewohnheiten der Migrantinnen und Migranten stimmen mit der repräsentativen Stichprobe überein (37% abstinent, 21% fast täglicher Alkoholkonsum). Differenziert bei beiden Geschlechtern nach sozioökonomischem Status werden in der Hamburger Stichprobe interessante Unterschiede sichtbar (s. Abbildung 4.2).
Männer Frauen 20% 13% 5% 27%

wenige Frauen, die dem niedrigen sozioökonomischen Status zugeordnet wurden, trinken fast täglich Alkohol, aber immerhin jede vierte Frau aus der oberen sozioökonomischen Schicht. Die Fallzahlen der Hamburger Stichprobe begrenzen hier etwas die Aussagekraft. Dennoch bestätigt diese Beobachtung die Ergebnisse anderer bundesweiter Studien 67: Alkoholkonsum an der Grenze zur Gesundheitsgefährdung ist bei den Älteren eher ein Phänomen der oberen Sozialschicht und betrifft – so ist hier der Eindruck – Frauen und Männer gleichermaßen. Dass bei einer Gelegenheit (mindestens einmal pro Monat) sechs oder mehr Gläser Alkohol getrunken werden, kommt allerdings bei den Befragten nur sehr selten vor (n=64). Dies und auch der (fast) tägliche Alkoholkonsum gelten als Anzeichen für einen riskanten, gesundheitsgefährdenden Konsum. Um einen solchen Alkoholkonsum zu identifizieren, wurde in der Befragung eine Kurzform des Alcohol Use Disorders Identification Test (AUDIT) eingesetzt, ein Fragebogen der WHO 68. Die Überschreitung eines Grenzwertes wird im Sinne eines erhöhten Risikos für alkoholbezogene Störungen als riskanter, schädlicher oder abhängiger Alkoholkonsum eingestuft.

26% 26%

niedrig

mittel

hoch

sozioökonomischer Status

Abbildung 4.2: Anteil der Personen mit einem Alkoholkonsum von viermal/Woche oder öfter getrennt für Männer und Frauen nach soziökonomischen Status (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Der Anteil von Männern, die fast täglich Alkohol trinken – in etwa ist es jeder Vierte – variiert nur wenig in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status. Nur
66

Telefonischer Gesundheitssurvey des Robert KochInstituts (2. Welle) Deskriptiver Ergebnisbericht. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert Koch-Institut, Berlin 2006, S.12, Tab. 4.1 Alkoholkonsum nach Geschlecht, Alter, Region und sozialer Schicht

41

z. B. http://www.gbebund.de/gbe10/owards.prc_show_pdf?p_id=12453&p_sp rache=d&p_uid=gast&p_aid=3922991&p_lfd_nr=1; 22.08.2011 68 Babor, De la Fuente, Saunders & Grant, 1992, Alcohol Use Disorders Identification Test (AUDIT), Vergleichsund Referenzdaten, Guidelines for Use in Primary Care http://whqlibdoc.who.int/hq/2001/WHO_MSD_MSB_01.6a .pdf; 22.08.2011 Deutsches Ärzteblatt 33 vom 19.08.2005: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=48034; 22.08.2011 http://whqlibdoc.who.int/hq/2001/who_msd_msb_01.6a.pdf ; 08.09.2011

67

Gesundheit älterer Menschen

In der gesamten Zufallsstichprobe überschreitet jede zweite Person (52%) den AUDIT-Grenzwert. Insgesamt betrachtet haben demnach 60% der Männer und 48% der Frauen einen grenzwertigen Alkoholkonsum69. In der jüngsten Altersgruppe von 60 bis 64 Jahren sind es zwei Drittel (66%), bei den über 80-Jährigen immerhin noch mehr als ein Drittel 70. Dies ist überwiegend auf den fast täglichen Alkoholkonsum zurückzuführen. Bei niedrigem sozioökonomischem Status beträgt der Anteil von Personen mit riskantem Alkoholkonsum (Überschreitung des AUDIT-Grenzwertes) 41%, bei mittlerem Status 54%, bei hohem sozioökonomischem Status 67% 71. „ Ich komme mir immer noch vor wie 70 oder 65. Dreiundachtzig werde ich im Oktober. Ich habe immer gut gelebt … habe mein Schnäpschen getrunken, ich habe auch mal ein Bier getrunken, ein Glas Wein trinke ich jeden Tag zum Mittagessen. Das ist aber alles an Alkohol, mehr kommt nicht rein!“
(82-jähriger Mann)

Personen zu gehören, die keinen riskanten Alkoholkonsum haben, sind höher bei den älteren Frauen, die allein leben und einem niedrigeren sozioökonomischen Status zuzuordnen sind. Im Umkehrschluss ist die Chance für einen riskanten Alkoholkonsum höher bei den jüngeren Senioren, die nicht alleine leben und die dem höheren sozioökonomischen Status zuzuordnen sind. Werden darüber hinaus individuelle Ressourcen und Kompetenzen berücksichtigt (multivariate Analyse s. Tabellen-Anhang im Internet: Tabellen A4.1 und A4.2), bleiben der Alterseffekt sowie der sozioökonomische Status als Einfluss bestehen. Der Status als Alleinlebende/r wirkt sich bei Frauen protektiv aus, bei Männern spielt die Wohnsituation keine Rolle. Zusätzlich steigen die Chancen auf einen unbedenklichen Alkoholkonsum mit einem schlechteren Gesundheitszustand. Hier liegt die Erklärung nahe, dass bei schweren Erkrankungen und entsprechender Medikamenteneinnahme aus medizinischer Sicht vor Alkohol gewarnt wird. Eine größere Selbstständigkeit in den Alltagsverrichtungen erhöht dagegen die Chance einen riskanten Alkoholkonsum zu haben. Die Alkohol-Konsumgewohnheiten bei der älteren Bevölkerung stellen möglicherweise relativ häufig ein Risiko zur Gesundheitsgefährdung dar. Die Fähigkeit des Körpers, Alkohol zu vertragen und abzubauen, sinkt mit zunehmendem Lebensalter. Darüber hinaus können einige Medikamente mit dem Alkohol in Wechselwirkung treten.

Bei den Migrantinnen und Migranten zeigt sich ein anderes Ergebnis. Hier wird der AUDIT-Grenzwert nur von einem Drittel der Personen überschritten (38%). Damit besteht eine ausgesprochen deutliche Heterogenität des Alkoholkonsums in Abhängigkeit von den soziodemografischen Merkmalen. Bei gleichzeitiger Betrachtung der soziodemografischen Merkmale zeigt sich zusammengefasst: Die Chancen, zu den

69 70

(Odds Ratio für Männer 1.64; CI 1.28 – 2.11) (Odds Ratio für die Jüngeren 2.04; 1.57-2.68) 71 (Linearer Trend Chi-Quadrat 52.0; p<0.0001)

42

Gesundheit älterer Menschen

Dies betrifft in der Hamburger Stichprobe eher Personen mit einem höheren sozioökonomischen Status und die bis zu 75-Jährigen. Diese jungen Alten – mit größerer Selbstständigkeit und Mobilität – haben häufiger riskante Konsumgewohnheiten. Relevant ist hier vor allem die Gewohnheit viermal oder häufiger pro Woche Alkohol zu trinken. Für Frauen gilt die Regel, täglich nicht mehr als ein (Standard)Glas Alkohol zu trinken, Männer sollten nicht mehr als zwei (Standard)Gläser trinken. Um die Grenzwerte für einen verantwortungsvollen Alkoholgenuss nicht zu überschreiten, wird empfohlen an mindesten zwei Tagen/Woche auf Alkohol zu verzichten 72 . Rauchen Wie steht es mit dem Rauchen? Jede/r zehnte Senior/in raucht (12%), bei den Älteren sind es noch weniger als bei den Jüngeren (6% im Vergleich zu 15%). In etwa jede/r zweite Raucher/in (47%) raucht die erste Zigarette des Tages innerhalb der ersten Stunde nach dem Aufwachen; die meisten rauchen dann bis zu zehn Zigaretten/Tag (44%)73. Von den Nichtraucher/innen haben drei Viertel der Männer früher geraucht (73%), bei den Frauen sind weniger als die Hälfte Ex-Raucherinnen (43%). Ein Rückblick auf die biographische Geschichte der individuellen Rauchgewohnheiten wurde nicht erhoben. Dennoch

ist erfreulich festzuhalten, dass sich viele Seniorinnen und Senioren das Rauchen abgewöhnt haben. Indem sie den Nichtraucherstatus aufrechterhalten, verhalten sie sich gesundheitsbewusst. In Anbetracht der relativ niedrigen Anzahl aktiver Raucherinnen und Raucher im Alter (s.o.) ist das Thema Rauchen als gesundheitsgefährdende Gewohnheit bei den Hamburger Seniorinnen und Senioren von nachgeordneter Bedeutung. 4.3 Bewegung Körperliche Aktivität, so dass der Körper angestrengt ist, ins Schwitzen kommt oder die Atmung schneller werden lässt, trainiert das Herzkreislaufsystem. Aber auch moderate Bewegung, die mit geringerer Anstrengung ausgeübt wird, tut der Gesundheit gut. Die Empfehlungen, z. B. der WHO, sind anerkannt und werden von vielen wissenschaftlichen Disziplinen, Institutionen und Akteuren herangezogen 74. Mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche – diese Empfehlung steht an erster Stelle für Männer und Frauen ab 65 Jahren. Diese Bewegung sollte mindesten 10 Minuten andauern, um den gewünschten körperliche Effekt zu erreichen. Speziell für Personen mit Mobilitätseinschränkungen gilt die Empfehlung, mindestens an drei Tagen pro Woche körperlich aktiv zu sein, um das Gleichgewicht zu verbessern und Stürzen vorzubeugen.

74

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V , www.dhs.de; 22.08. 2011, www.bzga.de; 22.08.2011 73 ähnliche Beobachtungen bei Migrantinnen und Migranten; in der Zufallsstichprobe keine Unterschiede in Abhängigkeit von Geschlecht und sozioökonomischen Status

72

43

Global recommendations on physical activity for Health, WHO 2010, Genf. auch z. B. Nelson M, Rejeski W: Physical Activity and Public Health in Older Adults: Recommendation from the American College of Sports Medicine and the American Heart Association. Medicine & Science in Sports & Exercise. 2007.

Gesundheit älterer Menschen

„Da mach ich eigentlich gar nichts. Ich habe so ein bisschen Rückenprobleme. Da könnte ich vielleicht mal was machen, solche Gymnastik und sowas, das wäre vielleicht eine Idee …“
(68-jähriger Mann, gefühltes Alter 59)

rin sind die Inaktiven eingeschlossen). Ein weiteres Drittel der Befragten nimmt intensive Bewegung zwischen ½ bis 1 ½ Stunden pro Woche in Anspruch. Ein Drittel der Befragten ist mehr als 1 ½ Stunden pro Woche körperlich aktiv. In etwa 1 ¼ Stunde intensive körperliche Aktivität pro Woche – dieser Empfehlung entsprechen damit in etwa jede/r zweite Seniorin oder Senior, wenn Schwitzen oder außer Atem geraten als Maßstab genommen wird. Hier ist also noch viel Potential für Gesundheitsförderung, vorausgesetzt, dass keine krankheitsbedingte Einschränkungen der intensiven Bewegung entgegen stehen. Im tatsächlichen Bewegungsverhalten zeigen sich in Abhängigkeit vom Alter große Differenzen. Bei den unter 75-Jährigen ist nur jede/r Fünfte (21%) an keinem Tag der Woche wie beschrieben aktiv, bei den über 75-Jährigen sind es doppelt so viel (43%). Eine mögliche Erklärung für diese Diskrepanz ist, dass die Älteren sich eher „maßvoll“ bewegen, so dass sie weder ins Schwitzen noch außer Atem geraten, worauf diese Frage abzielte. Hier ist auch auf die Angaben zum Spazierengehen zu verweisen, eine der häufigsten Freizeitaktivitäten, die jede/r Zweite als tägliche Aktivität angibt, unabhängig von der Altersgruppe (s. auch Abschnitt II.5). Ich gehe, dadurch, dass ich ja für mich einkaufe, meine Wege. Ich mache meine Spaziergänge. … Ich fahre sonntags an die Elbe oder in den botanischen Garten … Ich mache mir die Wege an der frischen Luft. Es sei denn, es ist Eis und Schnee, dann bleibe ich im Haus. Man hat in 84 Jahren ganz viel gelernt, man muss es nur umsetzen. (84-jährige Frau,
gefühltes Alter 75)

„Ich bin ein Sportmensch. … Ich bin immer einmal die Woche zur Wassergymnastik und zum Schwimmen. Seit kurzem krieg ich schlecht Luft … und das Bad wird renoviert. Ich habe dafür aber jetzt, na, sagen wir ‚Oma-Sport‘ gemacht …“
(82-jährige Frau)

Wie intensiv bewegen sich die Hamburger Seniorinnen und Senioren? Fast ein Drittel der Befragten (29%) vermeiden ins Schwitzen zu kommen, bewegen sich also an keinem Tag einer durchschnittlichen Woche so intensiv. Die anderen Befragten (insgesamt 71%), die „Aktiven“, kommen mindestens einmal pro Woche ins Schwitzen, jede fünfte Seniorin oder jeder fünfte Senior sogar fast täglich (s. Abbildung 4.3).

5 Tage und mehr

22%

3-4 Tage

22%

1-2 Tage

27%

kein Tag

29%

Abbildung 4.3: Anteil der Befragten in Bezug auf das wöchentliche Bewegungsverhalten (Anzahl der Tage/Woche mit Bewegung (LUCAS-Telefonbefragung n=1.054).

Im Ergebnis erreichen ein Drittel aller Seniorinnen und Senioren maximal bis zu 30 Minuten intensive Bewegung/Woche (hie44

Gesundheit älterer Menschen

Nur bei Männern deuten sich Unterschiede im Bewegungsverhalten in Abhängigkeit von der sozioökonomischen Zuordnung an. Jeder Fünfte mit höherem Status kommt nie ins Schwitzen, bei niedrigerem Status ist es „nur“ jeder Dritte. Ein Drittel der Migrantinnen und Migranten (32%) bewegen sich nie so intensiv, dass sie ins Schwitzen kommen. Gleichzeitig ist auch in etwa die Hälfte überzeugt, stark oder sehr stark auf ausreichende Bewegung zu achten (56%). Ihr Bewegungsverhalten und ihre diesbezügliche Einstellung entsprechen im Wesentlichen dem der repräsentativen Stichprobe. In welchem Zusammenhang steht die Bewegungsaktivität mit anderen Merkmalen? Zum Beispiel, abgesehen von der tatsächlichen Bewegungsintensität im Alltag, wie präsent ist im eigenen Bewusstsein, auf ausreichende körperliche Bewegung zu achten? Fast zwei Drittel der Befragten achten stark oder sehr stark darauf, sich ausreichend körperlich zu bewegen (n=655; 62%); alle anderen antwortetet vage (n=383; 27%) und jede/r zehnte äußert sich hierzu ablehnend. Auch hier ist vermutlich ein Teil der Antworten von sozialer Erwünschtheit mit beeinflusst, gesunde Ernährung und Bewegung sind gleichermaßen „angesagt“. Aber die Angaben erlauben einen Blick „hinter die Kulissen“. Mit größerer Achtsamkeit, was das eigene Bewegungsverhalten betrifft, ist die Bewegungsintensität größer. Es scheint sich bei den persönlichen Einstellungen demnach nicht nur um Lippenbekenntnisse zu handeln. Ein Drittel aller Personen (32%), die auf ihr Bewegungsverhalten achten, kommen mindestens 45

viermal/Woche ins Schwitzen. Bei denjenigen, die weniger auf ausreichende Bewegung achten, ist es in etwa nur jede/r Fünfte. Vielleicht schließen diese Angaben gerade auch diejenigen ein, die aufgrund ihrer schlechten Kondition bei geringer Belastung häufig ins Schwitzen geraten. Diese individuellen Unterschiede konnten bei der Befragung nicht erfasst werden. Bewegung im Zusammenhang mit anderen Merkmalen Bei gleichzeitiger Betrachtung der soziodemografischen Merkmale zeigt sich zusammengefasst: Die Chance, zu den bewegungsaktiven Personen zu gehören, ist höher bei den jüngeren Seniorinnen und Senioren und bei denen, die nicht alleine leben. Im Umkehrschluss ist vor allem bei Älteren und allein Lebenden wahrscheinlicher, nicht ausreichend in Bewegung zu sein. Werden darüber hinaus individuelle Ressourcen und Kompetenzen berücksichtigt (multivariate Analyse s. Tabellen-Anhang im Internet: Tabelle A4.3), bleibt der Alterseffekt bestehen, darüber hinaus verbessert größere Mobilität und die Wahrnehmung helfender Tätigkeiten die Chancen auf ausreichend Bewegung im Alltag. Die Chance, zu den bewegungsaktiven Personen zu gehören, ist bei den Helfenden 1,6mal so groß wie bei den nicht helfenden Personen. Darüber hinaus sind mobilere Personen (Auto, Rad, öffentlicher Nahverkehr, zu Fuß gehen) erwartungsgemäß auch bewegungsaktiver. Dies gilt in gleichem Maße für Frauen und Männer und innerhalb der beiden Altersgruppen; auch ein unterschiedlicher Gesundheitszustand spielt hierbei keine bedeutsame Rolle.

Gesundheit älterer Menschen

Dieses Ergebnis legt nahe, dass Gesundheitsförderung im Bereich Bewegung vor allem die älteren Seniorinnen und Senioren aktivieren muss, die nicht (mehr) in soziales Engagement eingebunden sind und die in ihrer Mobilität (z. B. kein Auto mehr, kein Fahrradfahren mehr) eingeschränkt sind. 4.4 Einstellungen, Teilnahme und Interesse an Kursen Die Leitfaden gesteuerte Interviewsituation erlaubte eine offene Frage, was die älteren Hamburgerinnen und Hamburger tun, um Ihren Gesundheitszustand zu erhalten oder zu verbessern. Manche sahen ihr eigenes Verhalten als wichtig an, manch andere meinten, dass sie nicht viel mehr tun müssen, als diese Aufgabe an Arzt oder Ärztin zu delegieren. „Ich schlucke jeden Tag 8 Tabletten…. Die sorgen dafür, dass ich mich gesund fühle.“(78-jähriger Mann, gefühlte Alter 65
Jahre)

Verbesserungsbedarf und Selbstwirksamkeit „Ich sollte an meinem Gesundheitsverhalten manches verbessern“ – diesem Statement schließen sich in der repräsentativen Telefonbefragung in etwa ein Viertel der Personen an (27%). Die große Mehrheit der Befragten (73%) findet ihr Gesundheitsverhalten „im Großen und Ganzen“ oder „völlig in Ordnung“. Männer sehen ihr Gesundheitsverhalten kritischer als Frauen (32% statt 23%), die Jüngeren sehen mehr Bedarf als die Älteren (30% statt 20%). Hier fallen die Migrantinnen und Migranten mit einem abweichenden Ergebnis auf: 41% – also fast jede/r Zweite – sieht Verbesserungsbedarf im Gesundheitsverhalten. Bemerkenswert ist der Zusammenhang zwischen der Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes und der Selbsteinschätzung zum Verbesserungsbedarf (s. Abbildung 4.4). „Ich sollte in meinem Gesundheitsverhalten sehr viel oder manches verbessern“ – glaubt nur jede zweite Person mit einem sehr guten Gesundheitszustand (52%). Aber fast alle, die ihren Gesundheitszustand als weder gut noch schlecht oder sogar als schlecht bezeichneten, glauben, dass sie mit einer Verhaltensänderung zu einer Verbesserung beitragen könnten. Mit einem sehr schlechten Gesundheitszustand scheint eher Resignation ins Spiel zu kommen. Bei diesen Personen sind wieder deutlich weniger überzeugt, dass in ihren Verhaltenweisen Verbesserungsbedarf (oder Verbesserungspotential?) vorhanden ist. 46

„Also ich gehe regelmäßig zum Arzt und lass die Schwachstellen überprüfen.“ (65-jähriger Mann.) „Da mache ich eigentlich gar nichts. Ich will nicht und ich habe auch dazu gar keine Zeit. Mein Kopf ist in Ordnung …, ich mache Musik, wandere viel und rauche nicht.“ (68-jähriger Mann,
gefühltes Alter 59Jahre)

„ Ich mache … meine sportlichen Übungen, …Rad fahren und Laufband und Bodenübungen, alles, was man da so macht, auf dem Trampolin. … Ja, ich glaube, sonst ginge es mir schlechter. Das glaube ich ganz sicher… .“
(76jährige Frau, gefühlte Alter 60 Jahre)

„Ich kann durch mein Rückenproblem ja nichts machen.“ (80-jähriger Mann, gefühlte Alter 65Jahre)

Gesundheit älterer Menschen

sehr schlecht

70% 89% 88% 76% 52%

schlecht weder noch gut sehr gut

Abbildung 4.4: Einschätzung zum Gesundheitsverhalten. Anteil der Personen mit Verbesserungsbedarf in Zusammenhang mit der Einschätzung des Gesundheitszustands (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Ältere Personen haben möglicherweise durch Erkrankungen und/oder den am eigenen Leib erlebten Alterungsprozess erfahren, dass Einschränkungen im Alltag spürbar zugenommen haben (s. Abschnitt II.3.2). Häufigere „Grenzerfahrungen“ bei den über 75-Jährigen können so diesen Unterschied in der Einschätzung der Selbstwirksamkeit erklären. Die älteren Befragten sehen sich vermutlich eher auf medizinisch-therapeutische Hilfe angewiesen und weniger in der Lage, durch ihr Gesundheitsverhalten selbst zu einer Verbesserung ihrer Lage beitragen zu können. In ähnlicher Größenordnung variiert die Präsenz der positiven Selbstwirksamkeit bei der schichtspezifischen Betrachtung. Nur 65% der Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status, 76% der Personen mit mittlerem sozioökonomischen Status und 81% der Personen mit hohem sozioökonomischem Status glauben „sehr viel“ oder „viel“ zum Erhalt oder zur Verbesserung des eigenen Gesundheitszustandes tun zu können 75. Damit können Personen identifiziert werden, die eher überzeugt sind, nicht viel für ihre Gesundheit tun zu können. Die Älteren unter den Seniorinnen und Senioren und die Personen mit niedrigerem sozioökonomischem Status. Diese Einschätzung scheint mit einer größeren Präsenz von Erkrankungen im Alltag assoziiert zu sein. Teilnahme an Maßnahmen zur Gesundheitsförderung Dann ist die „spannende Frage“, wie gerade solche Personen motiviert werden können, trotz innerlicher Vorbehalte („ob das (noch) was bringen kann?“), einen
Entsprechend der Ergebnisse einer bundesweiten Studie vergl. Fußnote 36
75

Wenn die Verhaltensänderung dann gelingt – bringt sie auch was? Die meisten Seniorinnen und Senioren gehen davon aus, dass sie „sehr viel“ (38%) oder „viel“ (ca. 34%) zum Erhalt oder zur Verbesserung des eigenen Gesundheitszustandes tun können. Sie sind also von der Selbstwirksamkeit ihres Gesundheitsverhaltens überzeugt. Diese Einschätzung wird auch von vielen Migrantinnen und Migranten (68%) geteilt. Die Möglichkeit, nur „einiges“ tun zu können, sehen etwa ein Viertel (24%) der Zufallsstichprobe. Nur wenig oder nichts zur Gesunderhaltung beitragen zu können, der Meinung sind nur ganz wenige Personen. Frauen und Männer unterscheiden sich in diesen Stellungnahmen kaum. Unterschiede mit dem Alter und dem sozioökonomischen Status Altersbedingte Veränderungen scheinen diese Einschätzung zu unterlaufen. Die positive Einschätzung zur Selbstwirksamkeit ist in der höheren Altersgruppe deutlich geringer (64%) im Vergleich zur jüngeren Altersgruppe (77%).

Gesundheitszustand

47

Gesundheit älterer Menschen

Versuch mit z. B. einer Gesundheitsförderungsmaßnahme oder mehr Bewegung im Alltag zu machen. Welche Erfahrungen liegen bei den Befragten mit Gesundheitsförderungsmaßnahmen vor? Etwa ein Drittel haben zum Zeitpunkt der Befragung bereits an Maßnahmen zur Gesundheitsförderung teilgenommen (36%), zwei Drittel hingegen bisher nicht (64%). Maßnahmen zur Verbesserung der Fitness und Beweglichkeit waren dabei die beliebtesten, an zweiter Stelle rangierten Ernährung/Abnehmen, an dritter Stressbewältigung. Was zeichnet diejenigen aus, die sich einem oder mehreren dieser Angebote zur Entspannung, zur gesunden Ernährung, zur Bewegung oder ähnlichem geöffnet haben? In Alter und Geschlecht stimmen die beiden Teilgruppen überein, der mittlere sozioökonomische Status ist gleich häufig vertreten, der obere Status ist bei denjenigen mit Teilnahmeerfahrungen etwas häufiger. In der Einschätzung des Gesundheitszustandes sind sich die beiden Gruppen ähnlich. Chronische Erkrankungen, Schmerzen und die Erfahrung, im Alltag eingeschränkt zu sein, sind bei denjenigen, die an Gesundheitsförderungsmaßnahmen teilgenommen haben, häufiger. Zum Beispiel leiden nur ein Drittel derjenigen, die bisher nicht an Gesundheitsförderung teilgenommen haben, unter ständigen Schmerzen (s. Abbildung 4.5). Bei denjenigen, die ein solches Angebot genutzt haben, hat fast jede/r Zweite ständig Schmerzen. Dazu passt auch, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer häufiger innerhalb der letzten 4 Wochen beim Arzt waren.

chronische Erkrankung Schmerzen gesundheitl. Einschränkung im Alltag Arztkontakt (kürzlich) Bewegung aktive Hilfe im Alltag Teilnahme

67% 59% 45% 33% 54% 44% 59% 49% 79% 68% 62% 51%

keine Teilnahme

Abbildung 4.5: Vergleich im Zusammenhang mit der Teilnahme an gesundheitsfördernden Maßnahmen; Anteil von Personen mit positiver Merkmalsausprägung. Darstellung ausgewählter Merkmale mit Differenzen (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

So entsteht der Eindruck, dass die „Nutznießer“ von Gesundheitsförderung durch eigene Erkrankungen zur Teilnahme motiviert wurden. Die beiden Gruppen entsprechen sich in Mobilität und Selbstständigkeit, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Gesundheitsförderungsmaßnahmen bewegen sich mehr und sind im gleichen Ausmaß häufiger davon überzeugt, (sehr) viel zur eigenen Gesundheit beitragen zu können 76. Eine weitere Beobachtung kann zufällig sein, könnte aber auch auf ein mögliches Motiv hinweisen. Diejenigen, die sich aktiv an Gesundheitsförderungsmaßnahmen beteiligt haben, leisten häufiger aktive Hilfe im Alltag (62% statt 51%). So scheinen ältere Menschen, die als Helfer fungieren und auch mit Schmerzen und gesundheitlicher Einschränkungen kämpfen, erst recht aktiv etwas für ihre Gesundheit zu tun. Andererseits – ältere Menschen ohne gravierende gesundheitliche Einschränkungen, also (noch) relativ
76

48

Teilnehmer/innen an Gesundheitsförderung zu 79% von Selbstwirksamkeit überzeugt, Nicht-Teilnehmer/innen zu 69%

Gesundheit älterer Menschen

wenig von Krankheiten behelligt, und weniger in ein soziales Netz eingespannt sind diejenigen, die wahrscheinlich Angebote zur Gesundheitsförderung wenig annehmen. Sie halten das möglicherweise (noch) nicht für nötig. Besonderheiten bei Migrantinnen und Migranten Weitgehend stimmen alle Befragten z. B. in der Überzeugung überein, dass jede/r selbst entscheidend zur Gesunderhaltung beitragen kann (73% Zufallsstichprobe bzw. 68% bei Migrantinnen und Migranten) oder in der Teilnahme an Kursen zur Gesundheitsförderung (36% bzw. 30%). Gleichzeitig gibt es Hinweise auf Unterschiede. Migrantinnen und Migranten sind z. B. häufiger überzeugt, dass das eigene Gesundheitsverhalten verbesserungsbedürftig ist (41% statt 27%). Darüber hinaus äußerten Migrantinnen und Migranten etwas häufiger Interesse, in Zukunft an Gesundheitsförderungskursen teilzunehmen (35% statt 22%). Zur Bewertung dieser Beobachtungen muss an die in der Erhebung wirksamen selektiven Faktoren erinnert werden: Die hier befragten Migrantinnen und Migranten weisen häufiger bessere Bildungsabschlüsse auf. Schulische und berufliche Bildung haben einen maßgeblichen Einfluss auf die Selbstreflektion, die Steuerung des Gesundheitsverhaltens und die Ansprechbarkeit für Lern-Angebote 77. Diese Zusammenhänge sind vermutlich auch auf die Migrantinnen und Migranten

zu übertragen und unterstreichen die Notwendigkeit, Angebote zu Gesundheitsförderung sehr zielgruppenspezifisch zu gestalten. 4.5 Vorbilder: Gesundheits-Aktive im Vergleich mit Gesundheits-Inaktiven Wer zeigt vorbildhaftes Gesundheitsverhalten? Oder anders gefragt: Welchen Personen gelingt es eher, gesundheitsförderndes Verhalten im Alltag zu integrieren, welchen Personen gelingt dies weniger? Um diese Fragen ansatzweise zu beantworten, muss „vorbildhaftes Gesundheitsverhalten“ so gut wie möglich in den Befragungsdaten identifiziert werden und dementsprechend Gruppen gebildet werden. Hierzu werden die Angaben zur Bewegung und der Obst- und Gemüsekonsum herangezogen. Die „vorbildhafte“ Gruppe der „Gesundheits-Aktiven“ ist jede Woche in Bewegung und verzehrt mindestens jeweils eine Portion Obst und Gemüse/Tag. Die anderen werden aufgrund ihres Bewegungsverhaltens (wenig) und ihrer Essgewohnheiten (wenig Obst und Gemüse) als „Gesundheits-Inaktive“ bezeichnet 78. Die „Gesundheits-Inaktiven“ (n=329) sind im Median vier Jahre älter, häufiger gesundheitlich erheblich eingeschränkt (20% statt 13%) und häufiger behindert (27% statt 17%). Bei ihnen ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen. In der Gruppe des „Gesundheits-Aktiven“ (n=322) dominieren die Frauen deutlich (s. Abbildung 4.6).

77

z. B. Lampert, Thomas et al. Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit [Hrsg.] Robert-Koch-Institut; Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin 2005.S.45ff; http://edoc.rki.de/documents/rki_fv/reJBwqKp45PiI/PDF/2 4aj8tYVir1Lo_14.pdf; 22.08.2011

78

49

Beide stetigen Merkmale wurden als z-transformierte Variablen zusammengefasst. Nur das obere und untere Tertil wurden in den Vergleich einbezogen. Die Personen mit Gesundheitsverhalten im „mittleren“ Bereich sind von der Analyse ausgeschlossen.

Gesundheit älterer Menschen

Männer Frauen sehr guter Gesundheitszustand eingeschränkte Mobilität Teilnahme an Gesundheitsförderung von Selbstwirksamkeit überzeugt

33% 49% 51% 18% 8% 13% 25% 42% 29% 66% Gesundheits-Aktive Gesundheits-Inaktive 84% 67%

förderungsmaßnahme teilzunehmen, haben in beiden Gruppen jeweils nur eine kleine Minderheit, jeder vierte oder fünfte. Der größte Unterschied zeigt sich in der Einstellung zur Selbstwirksamkeit. Dass man selbst viel oder sehr viel tun kann, um seinen Gesundheitszustand zu erhalten oder zu verbessern, glauben 85% der Gesundheits-Aktiven – aber nur 66% der Gesundheits-Inaktiven. Ist das nun eine befriedigende Erklärung für wenig Bewegung und wenig Obstund Gemüsekonsum? Erkrankungen und/oder Behinderungen stellen eine nachvollziehbare Hürde dar. Dass auch die inneren Einstellungen und Überzeugungen mitspielen, zeigen die Ergebnisse dieses Vergleichs. Bemerkenswert ist, dass die soziodemografischen Merkmale in beiden Gruppen ähnlich ausgeprägt sind, wenn auch die Frauen bei den Gesundheits-Aktiven etwas häufiger vertreten sind. So entsteht der Eindruck, dass es – relativ unabhängig von Alter und sozioökonomischen Status – eine Personengruppe gibt, die durchaus stärker gesundheitlich beeinträchtigt ist und aufgegeben hat, sich auch mit eigenen Verhaltensweisen um eine Verbesserung des Gesundheitszustandes zu bemühen.

Abbildung 4.6: Vergleich in Abhängigkeit vom Gesundheitsverhalten; Darstellung ausgewählter Merkmale mit Differenzen (LUCAS-Telefonbefragung n=651).

Die „Gesundheits-Aktiven“ geben häufiger einen sehr guten Gesundheitszustand an und sind seltener in ihrer Mobilität deutlich eingeschränkt. Bewegung und der Obst- und Gemüsekonsum wurden zur Definition der Gruppen herangezogen. Doch auch in weiteren Verhaltensweisen unterscheiden sich die Gruppen: Die Gesundheits-Aktiven haben häufiger an Gesundheitsförderungskursen teilgenommen und auch häufiger vier und mehr Vorsorgeuntersuchungen genutzt79. Interesse, zukünftig an einer Gesundheits-

79

Gesundheits-Aktive 25%; Gesundheits-Inaktive 15%

50

Gesundheit älterer Menschen

Die Mehrheit der Hamburger Seniorinnen und Senioren achten auf eine gesunde Ernährung, die meisten essen zwei Portionen Obst und/oder Gemüse/Tag. Ein stärkeres Ernährungsbewusstsein schlägt sich auch in der Anzahl der verzehrten Obst und/oder Gemüseportionen nieder. Während Zigaretten als Genussmittel nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen, gehört der Alkoholkonsum an vier oder mehr Tagen/Woche zu den verbreiteten Gewohnheiten. Zwar gibt es auch viele Abstinenzler, und gerade die älteren Senioren und Seniorinnen trinken seltener. Dennoch betrifft Alkoholkonsum an der Grenze zur Gesundheitsgefährdung bei den unter 75Jährigen gleichermaßen in etwa ein Viertel der Frauen und Männer der oberen soziökonomischen Schicht. In puncto Bewegung sind die Beobachtungen zwiespältig. Auf der einen Seite ist ein Drittel der Älteren sehr inaktiv, auf der anderen Seite ist jeder zweite der Aktiven auch ausdauernd, d. h. 75 Minuten pro Woche oder mehr in Bewegung. Auch hier lässt sich wieder feststellen, wie wichtig die innere Einstellung für das eigene Verhalten ist. Mit größerer Achtsamkeit, was das eigene Bewegungsverhalten betrifft, ist die Bewegungsintensität größer. Die Chance, zu den bewegungsaktiven Personen zu gehören, ist höher bei den jüngeren Seniorinnen und Senioren und bei denen, die nicht alleine leben. Die Angaben zum Gesundheitsverhalten stehen in engem Zusammenhang mit der Überzeugung, selbst wirksam zur Gesunderhaltung bzw. Verbesserung des Gesundheitszustandes beitragen zu können.  Ältere müssen sensibilisiert werden, dass eine ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung ein gesundes Altern begünstigen. Eine entsprechende innere 51

Einstellung und leicht erreichbare Möglichkeiten sind wichtige Voraussetzungen für Änderungen im Gesundheitsverhalten.  Migrantinnen und Migranten beurteilen ihr Gesundheitsverhalten selbstkritisch und sind an Gesundheitsförderung ebenso interessiert wie die ältere Allgemeinbevölkerung. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Angebote zur Gesundheitsförderung sehr zielgruppenspezifisch zu gestalten.  Vor allem ältere Seniorinnen und Senioren und allein Lebende brauchen Motivation und Möglichkeiten, um sich im Alltag altersangemessen und gesundheitsförderlich ausreichend zu bewegen. Dazu gehören z. B. vertraute und unterstützende Personen und wohnortnahe Angebote.  Dieser Personenkreis benötigt vermutlich zusätzliche Unterstützung, da häufig Mobilitätseinschränkungen vorliegen.  Das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol muss auch bei Älteren gestärkt werden. Für Ältere generell gilt, dass Menge und Häufigkeit des Alkoholkonsums aktiv in die ärztliche Beratung eingebracht werden sollte.  Die Empfehlung, Pausen im fast täglichen Alkoholkonsum zu machen, muss sich insbesondere an Männer und an Personen der höheren soziökonomischen Schicht richten.  Im Gesundheitsverhalten sind die älteren Frauen immer noch die aktiveren als die älteren Männer. Direkt und indirekt müssen Männer angesprochen werden, um auch in ihre Alltagsgestaltung als Rentner oder Pensionär Gesundheitsförderung zu integrieren.

Gesundheit älterer Menschen

II.5 Leistungsfähigkeit und Mobilität Aktivitäten im Alltag 5.1 Leistungsfähigkeit und Sturzangst 5.2 Wohnumfeld und Mobilität 5.3 Mobilität im Zusammenhang mit anderen Merkmalen Zum Wunschbild von Gesundheit im Alter gehören auch Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit in Alltagsverrichtungen. Jede ältere Person möchte in ihrem Alltag so lange wie möglich autonom bleiben. Das bedeutet zum Einen, alle Tätigkeiten, die mit Selbstfürsorge und Haushaltsführung zu tun haben, durchführen zu können. Zum anderen bedeutet es auch, das eigene Zuhause verlassen zu können, sei es, um notwendige Besorgungen zu machen, sei es, um „unter Leute“ zu kommen, wenn einem danach zumute ist. „Ich weiß nicht, wenn es mal passieren sollte, dass ich mich nicht mehr bewegen kann, was dann passiert, das muss sich ergeben. Aber da will ich gar nicht dran denken.“ (83-jähriger Mann,
gefühltes Alter 70 Jahre)

sich im Alltag mit massiven Mobilitätseinschränkungen arrangieren müssen und welche Konsequenzen das möglicherweise nach sich zieht? 5.1 Leistungsfähigkeit und Sturzangst Die individuelle Leistungsfähigkeit schätzt jede/r nach seinen oder ihren eigenen Maßstäben ein. Alle Älteren haben in ihrem Leben mit ihrer individuellen Leistungsfähigkeit unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Sie erinnern sich an berufliche Hochphasen oder sportliche Erfolge ebenso wie an krankheitsbedingte Tiefphasen, wo erst nach langer Regeneration und Rehabilitation das Leistungsvermögen wieder (halbwegs) hergestellt werden konnte. Zugleich hat jede/r in Selbstbeobachtung festgestellt, was Älterwerden für die eigene Leistungsfähigkeit bedeutet. „Und es wurde Polyarthritis diagnostiziert. Und ein…junger Arzt,… der sagte: „Also, das ist altersbedingt und damit müssen Sie leben.“ Und das hat mich so wütend gemacht, da habe ich gesagt: „Also, da muss ich nicht mit leben.“ Und habe mich eben seitdem um alles bemüht und erst mal erkundigt und dann gesehen, dass ich also wirklich selbst was dafür tue. … Beschwerden hab ich im Moment eben überhaupt nicht. Und ich denke, dass ist nur durch aktives Handeln.“ (72jährige Frau, gefühlte Alter 60 Jahre)

Im folgenden Abschnitt sollen einige ausgewählte Aspekte in Bezug auf Leistungsfähigkeit und Mobilität beschrieben werden, die in einem engen Zusammenhang mit dem Gesundheitsstatus stehen. Zum einen wurde erfasst, wie die Personen sich selbst einschätzen, ihre Leistungsfähigkeit sowie die dazugehörigen Grenzen und Probleme. Zum anderen soll auch kurz gefasst beschrieben werden, wie die Hamburger Seniorinnen und Senioren ihre Nachbarschaft bewerten und wie „umtriebig“ sie sind. Abschließend werden die Erkenntnisse zur Mobilität im Zusammenhang mit anderen Angaben beschrieben. Lässt sich anhand der Daten nachvollziehen, welche Personengruppen 52

Für die Querschnittsbefragung war die Leitfrage, wie zufrieden die Seniorinnen und Senioren aktuell mit ihren Leistungen bei Alltagsverrichtungen sind. Tendenziell äußern sich die Männer häufiger zufrieden in Hinblick auf ihr Leistungsvermögen.

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Insgesamt gesehen sind drei Viertel (77%) der Befragten mit ihrer Leistungsfähigkeit zufrieden, nur jede/r zehnte äußerte sich unzufrieden und ein etwa gleich großer Anteil (12%) ordnete sich weder den Zufriedenen noch den Unzufriedenen zu. Nur für sich genommen geben diese Zahlen keinen Anhaltspunkt, ob sich viele mit gravierenden Beeinträchtigungen und/oder niedrig gehaltenen Erwartungen gut arrangieren – und sich auf dieser Basis Zufriedenheit einstellt. Diese paradoxe oder „positivistische“ Einstellung wird vielen Älteren nachgesagt 80. Erst in Verbindung mit andern Angaben zum Alltag ergibt sich ein besseres Bild der Situation älterer Menschen. Zum Beispiel zur Fortbewegung nutzen insgesamt 12% der Befragten ein Hilfsmittel, wie z. B. einen Stock oder einen Rollator 81. Bei den Älteren ist jede/r Vierte darauf angewiesen (28% statt 4%bei den Jüngeren). Insgesamt nur wenige (4%) nutzen im Alltag Hilfsmittel zur Handhabung wie z. B. eine Greifhilfe. In diesem Zusammenhang ist „Selbstständigkeit“ ein naheliegender Aspekt, der nicht nur in puncto Bewegung, sondern auch in anderen Alltagsaktivitäten eine wichtige Rolle spielt. Die hierzu erfragten Angaben der Seniorinnen und Senioren wurden bereits im Abschnitt II.3.2 beschrieben. Sturzangst und Sturzerfahrung „Ich muss mich schonen“ oder „ich will lieber vorsichtig sein“ - in diesen Äußerungen von Patient/innen wird ein SichZurücknehmen sichtbar, das die behandelnde Ärztin oder den behandelnden
80 81

Arzt häufig alarmiert. Denn aus einem „Schonprogramm“ und zu viel „Vorsicht“ entwickeln sich oft Bewegungsverlust und Muskelabbau. Damit steigt wiederum das Risiko zu stürzen. Diese Entwicklung kann der Einstieg in eine Negativspirale von zu viel Ruhe, Funktionsverlust und tatsächlicher Sturzerfahrung sein. Von daher wurden speziell zur Angst vor Stürzen und ggf. zur Sturzerfahrung mehrere Fragen gestellt. Z. B. „Schränken Sie gewisse Tätigkeiten ein, weil Sie Angst haben hinzufallen?“ Jede/r fünfte bejahte diese Frage (21%), Männer allerdings weniger häufig als Frauen (16% statt 25%). Auch sind diese Angaben altersabhängig.
Alter 80 + 75 - 79 70 - 75 65 - 69 < = 64 8% 12% 13% 15% Männer Frauen 14% 28% 23% 37% 35% 37%

Abbildung 5.1: Einschränkungen von Tätigkeiten aufgrund von Sturzangst. Anteile der Befragten mit positiver Merkmalsausprägung in Abhängigkeit von Altersgruppen (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Die Sturzangst wird mit zunehmendem Alter häufiger. Bei den jüngeren Seniorinnen und Senioren haben 15% Angst hinzufallen, bei den Älteren sind es doppelt so viele (34%). Die Sturzangst ist in beiden Altersgruppen bei den Frauen häufiger.

Vergl. auch Bericht I, S. 19-20 (Männer 10%, Frauen 13%)

53

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Auch die Leitfadeninterviews thematisierten Sturzerfahrungen und Sturzangst. Die Frage lautete: „Sind Sie schon einmal hingefallen oder hatten Sie Angst davor hinzufallen?“ „Nein. Ich bin Bergsteiger und da weiß ich, dass man nicht hinfallen darf und man hat dann gute Schuhe und man betrachtet auch das Gelände.“ (68-jähriger
Mann, gefühltes Alter 59Jahre)

Leicht nachvollziehbar ist, dass eine Sturzerfahrung Sturzangst nach sich zieht. 39% der Personen mit Sturzerfahrung schränken sich aus Angst, wieder zu fallen ein; bei den anderen sind es „nur“ 16%83. Stürze und Medikamenteneinnahme Abgesehen von den hier beschriebenen Zusammenhängen zwischen Sturzangst, Sturzerfahrung, Geschlecht und Alter ist der Medikamentenkonsum ein weiterer relevanter Aspekt. Haben Personen, die mehr als vier ärztlich verordnete Medikamente einnehmen 84, nach den hier vorliegenden Angaben häufiger Sturzangst oder Sturzerfahrungen machen müssen? In der gesamten Stichprobe haben diejenigen, die mehr als vier Medikamente nehmen, doppelt so häufig Sturzangst wie alle anderen (42% statt 17%) 85. Sie sind auch deutlich häufiger in den letzten Monaten gestürzt (33% statt 20%) und häufiger mehrfach gestürzt (62% statt 32%). Diese Beobachtung scheint gleichermaßen für beide Altersgruppe zu gelten. Jüngere Seniorinnen und Senioren, die mehr als vier Medikamente pro Tag einnehmen, schränken sich aus Angst hinzufallen, fast dreimal so häufig ein als die anderen (33% statt 12%). Bei den älteren ist es bei höherem Medikamentenkonsum jede/r zweite, der sich aus Angst hinzufallen einschränkt (54% statt 28%). An dieser Stelle ist zu betonen, dass die statistischen Assoziationen, die hier beschrieben werden, keine ursächlichen Schlüsse zulassen. In dieser Querschnittsershebung ist die Anzahl der ärztlich verordneten Medikamente korreliert mit dem Gesundheitszustand und dem Vor83 84

„Mehrfach. Und deswegen habe ich den Gehwagen. Fehltreten, stolpern oder irgendwo dagegen stoßen – ich kann das nicht abfangen, das ist letztendlich auch eine Geschichte des Älterwerdens. … Die meisten Wege mache ich zu Fuß. Dann hab ich eine gute Busverbindung. Hier in Hamburg komme ich mit dem Bus überall hin. .. Da brauch ich gar nicht erst zu fragen, da ist immer einer da, der mir den Gehwagen mit anpackt … “ (84-jährige Frau, gefühltes Alter 75 Jahre) „…wir sind durch den Sport, den wir machen, noch ganz sicher auf den Beinen.“ (68-jährige Frau, gefühltes Alter 50 Jahre) „ … jetzt im Winter habe ich Angst davor gehabt noch mal hinzufallen. Da bin ich hier nicht rausgegangen, nur mit meinem Mann.“ (64-jährige Frau, gefühltes
Alter 50Jahre.)

Innerhalb der vergangenen 12 Monate waren insgesamt 22% der Befragten gestürzt, auch hier waren die Männer deutlich weniger häufig betroffen als die Frauen (16% zu 26%). In Abhängigkeit vom Alter liegen hier – entgegen der Erwartung – keine relevanten Differenzen vor 82. Die meisten sind zum Glück „nur“ einmal gefallen (60%), aber immerhin auch mehr als ein Drittel (39%) mehr als einmal.

82

(20% statt 25%; Chiquadrat mit p >0.05)

54

(Chiquadrat mit p< 0.0001) (s. Abschnitt II.2 sowie Bericht I, S.29) 85 (Chiquadrat mit p< 0.0001)

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handensein, bzw. der Anzahl chronischer Erkrankungen 86. Mit dieser Interkorrelation von Sturzangst und Medikamentenkonsum kann also nur oberflächlich ein komplexer Zusammenhang thematisiert werden. In welchem Ausmaß der Erkrankungszustand und/oder die Medikation zur Entstehung von Stürzen beitragen, ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Ein Teilprojekt des LUCASForschungsverbundes (s. Abschnitt III.6) hat sich speziell diesem Thema im Kontext von Krankenhausaufenthalten gewidmet. 5.2 Wohnumfeld und Mobilität Für jede/n ist es wichtig, die eigenen Alltagsangelegenheiten selbstständig regeln zu können. Dafür müssen Geschäfte und Arztpraxen genauso wie Banken und Freizeitangebote unabhängig vom eigenen Bewegungsvermögen erreichbar sein. Wie zufrieden sind die Älteren mit ihren Wohnverhältnissen? Das einhellige Votum ist große Zufriedenheit (95%). Und nachgefragt: Findet sich alles, was Mann und Frau so braucht, in der Nähe? Gibt es in annehmbarer Entfernung Arztpraxen und Apotheken, Lebensmittelgeschäfte und Drogerien, Post und Bankfiliale, Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr? All diese einzelnen Fragen wurden von der großen Mehrheit der Älteren bejaht (84% bis 95%). Deutlich geringer ist diese positive Rückmeldung allerdings zu Freizeit- und Seniorenangeboten (58% bis 71%).

spezielle Seniorenangebote

Post-, Bankfiliale

58% 71%

ausreichenAnschluss an de Freizeitden öffentli84% angebote chen Nahver- 89% kehr 93% Lebensmittel-

95%

geschäft, Drogerien Apotheken, Arztpraxen

Abbildung 5.2: Anteile von Personen mit Angeboten des Alltagslebens „in annehmbarer Entfernung“ (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Mehrheitlich wird demnach das Wohnumfeld mit seinen Angeboten als sehr gut eingeschätzt. Diese positive Einschätzung ist in allen Gruppenvergleichen stabil, unabhängig davon, ob nach Geschlecht, Herkunft, Altersgruppe oder sozioökonomischem Status verglichen wird. Nur die Freizeitangebote und Seniorentreffs schneiden insgesamt nicht so gut ab. Zum einen, weil sie häufiger weiter entfernt sind, zum anderen, weil die Befragten auffällig oft angaben, hierüber gar nicht Bescheid zu wissen. „Wir sind noch sehr flexibel und unternehmen sehr, sehr viel. … Wir interessieren uns für unsere Statteile hier in Hamburg, wo wir waren. 20 Jahre haben wir woanders gelebt. Jetzt, wo wir in Rente sind, entdecken wir jeden Stadtteil neu.“ (68-jährige Frau, gefühltes
Alter 58 Jahre.)

86 Anzahl ärztlich verordneter Medikamente - korreliert mit dem Gesundheitszustand (Spearman‘s r=-0.42,p<0.0001; korreliert mit der Anzahl chronischer Erkrankungen (Spearman’s r=0.45; p<0.0001)

55

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Wie häufig sind die Älteren Hamburgs unterwegs und wie legen sie die alltäglichen Wege zurück? Fast täglich – also an fünf bis sieben Tagen pro Woche – ist die Mehrheit aller Befragten (69%) außerhalb der Wohnung zu Fuß unterwegs. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Immerhin an drei bis vier Tagen sind noch weitere 16% unterwegs, nur eine kleine Minderheit verlässt die Wohnung seltener zu Fuß (15%). Jede/r fünfte Senior/in (20%) nutzt fast täglich den öffentlichen Nahverkehr, die Frauen etwas häufiger, die meisten nutzen ihn gelegentlich, aber nicht so häufig (65%). Viele nutzen ihr Auto um unterwegs zu sein (76%), Männer und Frauen zumeist als Selbstfahrer (79% bzw. 45%) (s. Bericht I S. 16 ff). „Ich fahre immer noch Auto, das macht mobil und man hat das Gefühl von Freiheit.“(72-jährige Frau, gefühltes Alter 60
Jahre)

ihr Rad (38%), die Männer sind hierbei noch aktiver als die Frauen (44% zu 35%). Ein zusammenfassender Mobilitäts-Index bildet ab, wie viele und wie häufig die verschiedenen Möglichkeiten von den Befragten genutzt werden. Dabei werden Fußwege und die Nutzung aller Verkehrsmittel einbezogen, so dass maximal neun Punkte zu erreichen sind. Bei Betrachtung dieses Mobilitäts-Index zeigt sich, dass die Mobilität in der repräsentativen Stichprobe bei jeder fünften Person (20%) deutlich reduziert ist (bis zu 4 Punkten). Diese z. B. haben das Fahrradfahren aufgegeben, nutzen weder den ÖPNV noch ein Auto und sind außerhalb ihrer Wohnung nur an wenigen Tagen pro Woche unterwegs 87. Männer befinden sich seltener als Frauen in diesem Bereich von stark eingeschränkter Mobilität (15% statt 25%). Das Problem hat nicht nur mit dem Geschlecht, sondern auch mit dem Alter zu tun. Bei den unter 75-Jährigen sind nur 12% in ihrer Mobilität eingeschränkt, bei den über 75-Jährigen sind es dreimal so viele (36%). Bei Betrachtung der sozioökonomischen Einstufung zeigt sich, dass jeweils in der niedrigen Stufe der Anteil mobilitätseingeschränkter Personen doppelt so hoch ist im Vergleich zur oberen Stufe. Und auch hier sind Frauen (32% zu 12%) deutlich häufiger betroffen als Männer (22% zu 10%). Migrantinnen und Migranten sind vergleichsweise ebenfalls etwas häufiger in ihrer Mobilität eingeschränkt.

„Also was ich schätze ist, dass wir sehr gute Bus- und Bahnverbindungen haben, dass wir alle Geschäfte um uns herum haben, … Wir haben kein Auto, aber alles in der Nähe.“ (77-jährige Frau,
gefühltes Alter 55 Jahre)

Das Verkehrsmittel Fahrrad steht bei den Hamburger Seniorinnen und Senioren weniger hoch im Kurs. Viele haben aufgehört (37%) und ein Fünftel fahren nur noch gelegentlich (21%). Mindestens einmal pro Woche nutzen ein gutes Drittel der Befragten

56

87 Das „Forum Verkehrssicherheit Hamburg“ hat sich zum Ziel gesetzt, dass jeder Mensch so lange wie möglich selbstbestimmt mobil sein soll. http://www.hamburg.de/senioren-mobil/ ; 08.09.2011

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Männer Frauen > 75 Jahre <75 Jahre Zufallsstichprobe Migrantinnen und Migranten

15% 25% 36% 12% 20% 28%

„Wenn es mir nicht gut geht, dann kann das sehr, sehr beschwerlich werden im zweiten Stock zu wohnen und alles nach oben zu schleppen. Und deshalb habe ich mir diese Wohnung … über das Internet gesucht…mit Fahrstuhl … Das gefällt mir alles ganz gut, das habe ich mir ganz bewusst ausgesucht. Auch die Umgebung…, also ich habe Ärzte hier in der Nähe, ich habe Läden hier in der Nähe. Ich habe auch ganz bewusst hier Kontakte geknüpft, seit ich hier bin…“ (72-jährige
Frau, gefühltes Alter 60 Jahre)

Abbildung 5.3: Anteile von Befragten mit eingeschränkter Mobilität (Mobilitäts-Index <= 4 Punkte) in verschiedenen Teilgruppen (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

5.3 Mobilität im Zusammenhang mit anderen Merkmalen Es ist leicht nachzuvollziehen, dass Mobilität, so wie sie hier erfragt wurde, mit weiteren Merkmalen im Zusammenhang steht. Zum Beispiel spielt der Gesundheitszustand eine wichtige Rolle. Gleichgewicht und Kraft sind Voraussetzung für das Fahrradfahren, ein gutes Seh- und Reaktionsvermögen ist u.a. Bedingung zum Autofahren. Wer hier erkrankungsbedingt eingeschränkt ist, dem verschließen sich Wege nach außen. Zugleich spielen der sozioökonomische Status und das Wohnviertel eine Rolle. Mobilität ist auch eine Frage des finanziellen Spielraumes und der Freizeitinteressen und Hobbies. Unabhängig davon, dass jeder Mensch andere Bedürfnisse nach außerhäuslichen Aktivitäten hat, ist es ein hohes Gut, die Wohnung verlassen zu können und sich selbstbestimmt nach außen zu orientieren. Es impliziert Selbstständigkeit, Bewegung, Kontakt, kognitive Ansprache und Möglichkeiten zum Konsum. 57

Entsprechend dieser Überlegungen zeigen auch die Daten der Befragung einen engen Zusammenhang des Mobilitäts-Index mit anderen Merkmalen der Befragung. Abgesehen von den bereits oben beschriebenen Differenzen in Abhängigkeit von Geschlecht, Alter, sozioökonomischem Status und Migration ist der Mobilitäts-Index positiv und hoch korreliert mit dem Gesundheitszustand und der Selbstständigkeit 88. Auch gibt es einen schwächer ausgeprägten Zusammenhang zwischen der Mobilität und der Bewegungsintensität89. Mobilere Ältere sind zugleich diejenigen, die gesundheitlich besser gestellt, weitgehend selbstständig und aktiv sind. Im Umkehrschluss sind die weniger mobilen Menschen zugleich auch häufiger gesundheitlich eingeschränkt, unselbstständiger und weniger sozial vernetzt. Weniger mobile Menschen leisten seltener anderen praktische Hilfe oder ehrenamtliche Arbeit 90.

88 89

(r=0,30 bzw. r=0,41; p< 0,0001) (0.11, p<0.002) 90 Korrelation Mobilitäts-Index und Hilfeleistungen r=-0,23; p<0,0001

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In diesem Kontext ist auf die Langzeitbeobachtungen speziell zur individuellen Mobilität durch ein weiteres Teilprojekt des LUCAS-Verbundes hinzuweisen (s. Abschnitt III.3). Hier wurde eine umfangreiche Untersuchung mit individueller Beratung verknüpft, Personen mit ersten Anzeichen von Gangstörungen und Verhaltensänderungen werden in eine Interventionsstudie einbezogen. Die große Mehrheit der Befragten ist mit ihrer Leistungsfähigkeit zufrieden, zugleich schränkt sich jede fünfte Person im Alltag ein, um nicht zu stürzen, Sturzerfahrung und Sturzangst sind insbesondere bei Frauen präsent. Zum Gesundheitszustand, den Erkrankungen und der Medikamenteneinnahme bestehen enge Zusammenhänge. Über alle Altersgruppen hinweg ist die Sturzangst häufiger präsent, wenn mehr als vier Medikamente pro Tag eingenommen werden. Fast alle Befragten sind mit ihrem Wohnumfeld sehr zufrieden. Viele sind fast täglich zu Fuß unterwegs. Zugleich ist jede fünfte Person in ihrer Mobilität eingeschränkt, d. h. ist eher selten unterwegs, hat kein Auto und nutzt selten oder gar nicht den öffentlichen Nahverkehr. Für Migrantinnen und Migranten, für Frauen und für Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status ist die Mobilität deutlich häufiger eingeschränkt. Darüber hinaus gibt es einen Bezug zwischen Gesundheitszustand, Selbständigkeit, sozialer Vernetzung und Mobilität.

 Ob mit oder ohne Sturzerfahrung: Vor allem Frauen müssen Koordination, Beweglichkeit und Kraft trainieren, um in ihrem Alltag frei von Sturzangst aktiv zu bleiben.  Die engen Bezüge zwischen Gesundheitszustand bzw. Krankheitsstatus und Medikamenteneinnahme auf der einen und Sturzerfahrung und Sturzangst auf der anderen Seite unterstreichen den weiter bestehenden Bedarf an diesbezüglicher Aufklärung für Ältere.  Freizeitangebote und Seniorentreffs sollen verstärkt bekannt gemacht werden, so dass Ältere in ihrem Wohnumfeld Angebote wahrnehmen können, auch wenn Mobiliätseinschränkungen bereits bestehen oder drohen.  Mobilität im Sinne von „Möglichkeiten und Gewohnheiten unterwegs zu sein“ muss insbesondere bei älteren Frauen mit niedrigem sozioökonomischen Status und bei älteren Migrantinnen und Migranten erhalten und gefördert werden.  Auch Aktivitäten im Alltag, die zur Bildung eines sozialen Netzes beitragen, können mit eingeschränkter Mobilität zu kurz kommen. In diesem Zusammenhang ist die Aufrechterhaltung von Mobilität im höheren Alter von allen Seiten zu fördern. Begleit- und Besuchsdienste können hier unterstützende und aktivierende Hilfe sein.

58

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II.6 Kompetenzen und Ressourcen 6.1 6.2 6.3 6.4 6.5 Freizeit-Aktivitäten Mediennutzung Ehrenamt und Hilfeleistungen Pflegende Möglichkeiten zur Inanspruchnahme von Hilfe

Bedeutung (s. Abschnitt II.3.2). Es ist sichtbar geworden, dass schwere Einkäufe im Alter vor allem bei Frauen und in höherem Alter ein Problem darstellen. Doch die Führung des eigenen Haushalts sollte nicht alles sein. Für ein gesundes Leben ist nach der bekannten Definition der WHO Gesundheit als ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur als das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen zu verstehen 91. Zum geistigen und sozialen Wohlergehen sollten Freizeitaktivitäten beitragen, die gut tun, anregend sind. „Ja, ich bin ja nun Rentner und da muss man natürlich versuchen selbst die Sache so ein bisschen zu strukturieren…Mein Tag ist komischerweise besser ausgefüllt als früher, als ich noch gearbeitet habe. Hier ist praktisch irgendwie jede Viertelstunde sinnvoll verplant.“ (65- jähriger Mann) „Ich mache alles spontan, nicht unbedingt nach Uhrzeit und was weiß ich.“
(83-jähriger Mann, gefühltes Alter 70 Jahre)

Gesundheitszustand und eventuelle krankheitsbedingte Einschränkungen sind relevant für die Bewältigung und Ausgestaltung des Alltags. Die Führung des eigenen Haushalts mit allen dazugehörigen Aufgaben nimmt bei vielen Älteren einen großen Stellenwert ein. „Ich gehe morgens und nachmittags unbedingt einmal raus … Dann mache ich meine Hausarbeit. Es fällt mir eigentlich auch schon ziemlich schwer, meine große Wohnung instand zu halten. Daher bin ich eigentlich jeden Tag mit dieser Wohnung beschäftigt. Dann einkaufen, kochen – ich koch jeden Tag für meinen Mann. Ich lese viel, ich sitze am Computer, … halt solche Sachen.“(77- jährige Frau, gefühltes
Alter 55 Jahre)

„Erst mal wird morgens um sieben Uhr draußen auf dem Balkon, bei Plus- und Minus-Graden, gefrühstückt. Auch wenn die Leute blöde gucken … Und dann wird besprochen, was wir denn so brauchen…dann fahre ich … und so ist man regelmäßig immer unterwegs“
(72- jähriger Mann, gefühltes Alter 65 Jahre)

Deswegen hat auch die Selbstständigkeit, die hier ja auch in Bezug auf Einkäufe machen erfragt wurde, so eine große

Der folgende Abschnitt beschreibt Informationen zu ausgewählten Freizeitaktivitäten und bezieht hier auch ein, wie sich Ältere zu Gesundheitsthemen informieren. Darüber hinaus ist das soziale Netz von Interesse. Die Interviewfragen galten sowohl den Hilfeleistungen der Älteren für andere als auch den Hilfeleistungen, die ggf. in Anspruch genommen werden müssen. Im Blickpunkt werden auch diejenigen stehen, die eine/n Angehörige/n pflegen.

59

Verfassung der WHO vom 22. Juli 1946: http://apps.who.int/gb/bd/PDF/bd47/EN/constitutionen.pdf; 09.05.2011

91

Gesundheit älterer Menschen

6.1 Freizeit-Aktivitäten Ein täglicher Spaziergang ist für jede/n zweite/n Ältere/n eine gute Gewohnheit, jede/r Vierte macht zumindest noch mehrmals pro Woche einen Spaziergang. Dabei sind sie nicht immer alleine, etwas mehr als die Hälfte aller Befragten geben an überwiegend in Begleitung spazieren zu gehen (56%). Die Frauen (54%) gehen häufiger als die Männer (45%) täglich spazieren, allerdings auch vergleichsweise häufiger allein (48% statt 36%). Freizeitvergnügen Stammtisch oder Konzert, das Vereinstreffen, der Vortrag, die Sportveranstaltung – wie nutzen ältere Hamburgerinnen und Hamburger die regionalen Angebote? Veranstaltungen, egal welcher Art, werden typischerweise eher selten, also einmal im Monat oder noch seltener, besucht, dann zumeist mit anderen (91%). Männer und Frauen unterscheiden sich hierin nicht. „Leute hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen!“ 92. Nach dem Fernsehkonsum wurde nicht gefragt, dazu liegen für Deutschland repräsentative Daten vor93. Im Durchschnitt sehen über 65-Jährige 16 ½ Stunden/Woche fern. Die Frage war eher, ob Spiele noch im Alltag einen Platz haben. Egal ob Rätselraten, Puzzeln oder Kartenspiele, egal ob einfache Brettspiele mit (Enkel)kindern oder anspruchsvolle Spiele mit möglichst ebenbürtigen Gegnern: Bei mehr als einem Drittel (38%) der Befragten gehören Spiele zum gewohnten Tages- oder Wochenablauf, Frauen sind in der Hinsicht noch aktiver als Männer (42% statt 33%).
Oliver Wendell Holmes, 1809-1894 Z. B. Wirtschaft und Statistik 4/2005 (Hrsg.) Statistisches Bundesamt Wiesbaden Mai 2005, S.322
93 92

Eindrücke zum Tagesablauf Den Tagesablauf strukturieren manche sehr bewusst, andere leben in den Tag hinein. Nach einem eher frühen Start in den Tag spielen der tägliche Einkauf und die frische Zubereitung des Mittagessens ein große Rolle, ebenso der Haushalt, der bewältigt werden muss. Zeitung lesen und das abendliche Fernsehprogramm gehören selbstverständlich zum täglichen Leben wie die Musik. Regelmäßige Termine, wie Arztbesuche werden wahrgenommen, soziale Kontakte werden gepflegt. Für die tägliche Bewegung werden Spaziergänge oder gezielte sportliche Aktivitäten unternommen. Viele widmen ihren langjährigen Hobbies viel Zeit, andere haben sich neue Aufgaben gesucht. „…, also ich bin bestimmt jeden Tag zwei Stunden zu Fuß unterwegs, leg jeden Tag als Fußgänger so 10 km zurück…“ (65-jähriger Mann) „…jede Woche am Freitag kommt mein Sohn zu mir und dann gehen wir in die Sauna.“ (88-jähriger Mann) „Ich habe sehr lange in der höchsten deutschen Klasse Schach gespielt, bin jetzt noch im Verein … das sind ja alles so Dinge, die man praktisch bis zum letzten Atemzug machen kann.“
(65-jähriger Mann)

„Im Moment bin ich dabei eine Familienchronik zu schreiben…“
(78-jähriger Mann, gefühlte Alter 65 Jahre)

6.2 Mediennutzung Wie stark ist das Interesse, sich zum Thema Gesundheit und Krankheit zu informieren? Und welche Medien sind die Hauptinformationsquellen? Sowohl das Fernsehen als auch die kostenlosen Zeitschriften, wie z. B. die Apothekenum60

Gesundheit älterer Menschen

schau, stehen erwartungsgemäß hoch im Kurs (s. Abbildung 6.1).
20% 27% 23% 15% 44% 54% 50% 52% 61% 69% 64% 70% Männer Frauen

Radio Internet Gespräche im Freundeskreis käufl. Zeitungen u. Zeitschriften kostenl. Zeitungen u. Zeitschriften Fernsehen

Einschätzung zu gelangen, ist es wichtig, sich mit unterschiedlichen Quellen bzw. Medien auseinanderzusetzen. Wie machen das die älteren Hamburgerinnen und Hamburger – in der Medienmetropole Hamburg? Die wichtigste Beobachtung ist hier: Deutlich mehr als die Hälfte aller Befragten nutzen drei und mehr Medien (66%), ein Drittel (34%) beschränkt sich auf ein bis zwei Medien. In dieser Beschränkung auf nur wenige Medien, um sich zu Gesundheit und Krankheit zu informieren, sind geschlechts- und altersabhängige Unterschiede festzustellen (Männer 38% statt Frauen 30%; Jüngere 31%, Ältere 38%). Vor allem ältere Männer nutzen eher nur wenige Medien, um sich über gesundheitsrelevante Themen zu informieren. Migrantinnen und Migranten nutzen auch häufiger nur ein bis zwei Medien (44%), hier kommen möglicherweise auch noch sprachliche Probleme bei der ein oder anderen Informationsquelle als „Handicap“ dazu. 6.3 Ehrenamt, Unterstützung anderer Im ersten Bericht zur Gesundheit älterer Menschen wurde schon beschrieben, dass in etwa 20% der Befragten helfend tätig sind, indem sie ein Ehrenamt ausüben, pflegerisch tätig sind oder regelmäßig Kinder betreuen94. Gerade Männer leisten auch noch häufig praktische Hilfe im Alltag. In allen Aspekten leisten die Jüngeren häufiger Hilfe als die älteren Seniorinnen und Senioren. Die näheren Angaben zeigen auch, dass diese helfenden Tätigkeiten viel Zeit in Anspruch nehmen. Zum
94

Abbildung 6.1: Rangfolge in der Häufigkeit der Mediennutzung, um sich zu Gesundheit und Krankheit zu informieren. Anteile der Befragten mit positiver Aussage (LUCAS-Telefonbefragung n=1.094).

Aber auch käufliche Zeitungen und Zeitschriften sowie Gespräche im Freundeskreis bieten Informationen zum Thema Gesundheit und Krankheit. Insgesamt gesehen scheint das Interesse an den Themen Gesundheit und Krankheit bei Frauen stärker ausgeprägt. Sie informieren sich vor allem häufig im Fernsehen. Bei der Internetnutzung sind die Männer zu einem höheren Anteil dabei. Fernsehsendungen (35%) und Artikel in kostenlosen Zeitungen und Zeitschriften (22%) stellen auch insgesamt gesehen die Hauptinformationsquellen der Älteren dar. Zu Gesundheits- und Krankheitsfragen gibt es wie zu vielen anderen Themen wissenschaftliche Einschätzungen auf unterschiedlichem Niveau, interessengeleitete Kampagnen und Empfehlungen, populärwissenschaftliche Dogmen und Verkürzungen, von der Industrie gesponserte Artikel usw. Um zu einer eigenständigen 61

Gesundheitsbericht Die Gesundheit älterer Menschen I, Hamburg 2010, S.17ff

Gesundheit älterer Menschen

Beispiel diejenigen, die Kinder regelmäßig betreuen (n=235), machen dies meistens (53%) mehrmals pro Woche mit einem typischen Zeitaufwand von acht Stunden/Woche. 6.4 Pflegende Mehr als 200 Befragte haben angegeben, eine andere Person mit gesundheitlichen Problemen privat oder ehrenamtlich zu betreuen, zu pflegen oder regelmäßig Hilfe zu leisten. Diese Leistung erbringen sie überwiegend „nur“ tagsüber (68%) und nur zu einem geringen Anteil nachts oder tagsüber und nachts 95. Ältere Menschen, die regelmäßig Hilfe leisten oder als Pflegende Verantwortung tragen (n=215), werden mit den anderen Befragten verglichen (nicht pflegenden Seniorinnen und Senioren n=879). Diese stellen die Mehrheit dar. Sie verneinten die Frage nach regelmäßiger Betreuungs-, Pflege- oder Hilfeleistung. Sind die so definierten „Pflegenden“ jünger und fitter, gesundheitlich besser gestellt? Oder sind sie durch die Betreuung und/oder Pflege besonders belastet, so dass z. B. ihre Lebenszufriedenheit geringer ist? Um es gleich klarzustellen: In diesem Gruppenvergleich überwiegen deutlich die Übereinstimmungen. Erwähnenswert sind nur wenige geringfügige Verschiebungen, weitaus geringer als anzunehmen. Zum Beispiel in soziodemographischer Hinsicht gibt es bei den Pflegenden etwas mehr Frauen (62% statt 56%) und der Altersmedian liegt mit 69 zwei Jahre

unter dem Altersmedian aller anderen. Der hohe sozioökonomische Status ist bei den Pflegenden etwas häufiger vertreten (39% statt 30%) und sie leben häufiger alleine (25% statt 36%). Pflegetätigkeit trotz gesundheitlicher Einschränkungen Das gefühlte Alter liegt in beiden Gruppen bei 60 Jahren. Darüber hinaus sind die beiden Gruppen hinsichtlich Gesundheitszustand, Einschränkungen im Alltag, der Lebenszufriedenheit (EUROHIS s. Abschnitte II.1.7 und II.3.1), im Gesundheitsverhalten wie auch in der Nutzung des medizinischen Systems sehr ähnlich. In beiden Gruppen sind chronische Krankheiten gleich häufig vertreten, typischerweise werden 2 Medikamente pro Tag genommen, in etwa jede/r Zweite war noch innerhalb der letzte vier Wochen beim Arzt/bei der Ärztin. Damit wird deutlich, dass die pflegenden Personen in dieser Stichprobe nicht diejenigen sind, die gesundheitlich (noch) deutlich besser dran sind als die anderen. Der Anspruch zu pflegen kommt aus dem familiären Zusammenhang an die Seniorinnen und Senioren. Sie scheinen diesem Anspruch Genüge zu tun, ohne – mit Verweis auf ihr eigenes fortgeschrittenes Alter und/oder vorhandene gesundheitliche Einschränkungen – davon Abstand zu nehmen. Und auch ihre Lebenszufriedenheit, ihre persönliche Bilanz mit den unterschiedlichen Aspekten des Alltags fällt trotz der zusätzlichen Verantwortung als pflegende Kraft nicht schlechter aus als die der anderen.

Intensität und zeitlicher Aufwand dieser Pflegetätigkeit wurden nicht differenziert erfragt.

95

62

Gesundheit älterer Menschen

„Also wenn meine Frau jetzt schwer krank wird, dann werde ich das machen. Und umgekehrt würde das meine Frau für mich machen.“ (69-jähriger Mann,
gefühltes Alter 50 Jahre)

„Meine Nachbarn würden mir mal etwas zu essen machen. Aber wenn ich also jetzt wirklich alt werden und Pflege brauchen würde … man kann keine Hilfe von Kindern erwarten, die 700km weit weg wohnen. Wenn ich keine Lust mehr habe, hier für mich alleine zu sorgen, werde ich selbst dafür sorgen, dass ich in eine Pflegeeinrichtung komme. Denn dieses Getue – „Ich will das nicht“ und „Ich mach das nicht!“ - nein. (68jährige Frau, gefühltes Alter 58 Jahre)

mehrere Personen verlassen (47% drei bis fünf Personen, 31% mehr als fünf Personen). Jede/r fünfte (22%) hat lediglich nur wenige, auf die er oder sie sich verlassen kann97. Diese Situation, auf nur ein oder zwei Personen zu bauen, kann unter Umständen zu Problemen führen. Im Geschlechtervergleich zeigen sich keine Unterschiede. Die Älteren haben allerdings häufiger nur wenige Personen, auf die sie sich verlassen können (31% statt 17% bei den Jüngeren). Und auch bei den Migrantinnen und Migranten haben ein Drittel der Befragten nur wenige Personen, auf die sie sich verlassen können. Mit Alltagsproblemen sind manche auf die Hilfe anderer Leute angewiesen. Deshalb lautete eine weitere Frage: Wie einfach ist es für Sie, praktische Hilfe zu erhalten, wenn Sie diese benötigen? Für drei Viertel der Befragten ist dies glücklicherweise einfach (74%), nur für wenige ist das eher schwierig (26%). Darüber hinaus sollte sich keine/r Sorgen machen, wie z. B. bei einer akuten Erkrankung oder in den ersten Tagen nach einem Krankenhausaufenthalt die eigene Versorgung sicher gestellt ist. Deshalb lautete eine weitere Frage: Haben Sie jemanden (Partner, Angehöriger, Nachbarn) die/der – falls nötig – einige Tage für Sie sorgen würde? Auch hier ergibt sich aus den Angaben der Befragten ein positives Bild: Die große Mehrheit (87%) der Zufallsstichprobe kann bestätigen, dass eine solche Person im Notfall zur Verfügung stehen würde.

Pflege als eine von vielen Tätigkeiten Pflegende Personen geraten häufiger im Alltag ins Schwitzen (76% statt 67%) 96 und haben tendenziell auch etwas häufiger Erfahrungen mit gesundheitsfördernden Maßnahmen (42% statt 34%). Auch sind sie mobiler als ihre nicht-pflegende Vergleichsgruppe (46% satt 30%). Mit diesen kleinen Differenzen entsteht der Eindruck, dass die pflegenden Seniorinnen und Senioren möglicherweise etwas aktiver sind. Dazu passt, dass sie etwas häufiger davon überzeugt sind, viel oder sehr viel für die eigene Gesundheit tun zu können (79% statt 71%). 6.5 Möglichkeiten zur Inanspruchnahme von Hilfe

Zum Glück können sich die meisten Befragten bei persönlichen Problemen auf

96

Dies ist eher nicht im Zusammenhang mit der pflegenden Tätigkeit zu sehen, da die Frage im Kontext von Bewegung und Sport gestellt wurde.

97

63

Gesundheitsbericht Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg I, Hamburg 2011, S 17 ff.

Gesundheit älterer Menschen

„ … ich habe einen sehr guten Kontakt zu allen (in der Familie). Und alle sind immer für mich da. Das Gefühl ist so schön.“ (89-jährige Frau, gefühltes Alter 70
Jahre)

„Mein Sohn, der würde mich zu sich holen. Da stellt er ein Zimmer für mich zur Verfügung.“ (88-jährige Frau) „Also wir haben uns in drei verschiedenen Betreutes-Wohnen-Einrichtungen angemeldet,… „ (77-jährige Frau,
gefühltes Alter 55 Jahre)

Soziales Netz Diese drei Fragen wurden zusammen gefasst, um mittels eines Index einen Eindruck zu gewinnen, bei welchen Personen das unterstützende Netz für den Notfall vielleicht nicht ausreichend tragfähig ist. Hierbei wurde negativ bewertet, wenn ein, zwei oder drei Antworten den Verdacht aufkommen lassen, dass für persönliche Probleme, bei praktischem Hilfsbedarf oder im Notfall wenige oder gar keine Person zur Verfügung steht. Insgesamt gesehen zeigt sich, dass bei fast einem Drittel der Hamburger Senioren und Seniorinnen Lücken im sozialen Netz bestehen (29%). Im Vergleich der Männer und Frauen gibt es keine Differenzen, aber die Älteren weisen deutlich häufiger Lücken im sozialen Unterstützungsnetz auf als die Jüngeren (41% statt 22%). Auch bei den Migrantinnen und Migranten sind es deutlich mehr Personen (43%). Gerade die Älteren, bei denen es wahrscheinlicher wird, dass sie gelegentlich Unterstützung in Anspruch nehmen, haben häufiger ein lückenhaftes soziales Netz. Möglicherweise ist dies nicht nur in der akuten Situation schwierig, sondern belastet auch den normalen Alltag mit der Sorge, das unklar ist, was passiert, wenn der Bedarfsfall eintritt.

Auch Migrantinnen und Migranten schätzen ihre sozialen Unterstützungsmöglichkeiten bei eventuellem Hilfebedarf häufiger schlecht ein. Dies widerspricht den verbreiteten Klischees, dass auch für Ältere in den Großfamilien bzw. ethnisch geprägten Freundeskreisen Unterstützungsmöglichkeiten bestehen. Dies ist für die seniorenspezifische Sozialplanung als auch für die Versorgungsplanung eine wichtige Erkenntnis. Darüber hinaus zeigt die Auswertung des Index in Hinblick auf die sozioökonomische Zuordnung, dass Hilfe im Notfall einem Drittel (35%) der befragten Personen mit niedrigem Status nach eigener Einschätzung nur lückenhaft zur Verfügung steht, bei mittlerem und hohem sozioökonomischen Status sind es in etwa ein Viertel (28% bzw. 21%). Diese graduellen Unterschiede sind fast so groß wie die zwischen den Älteren und Jüngeren. Männer mit niedrigem sozioökonomischen Status weisen am häufigsten Lücken im sozialen Netz auf (42% statt 21% mit hohem sozioökonomischen Status), bei Frauen ist der Unterschied halb so groß (31% statt 22% mit hohem sozioökonomischen Status). Dieser Index für ein tragfähiges soziales Netz ist nicht nur mit den soziodemografischen Merkmalen eng verknüpft. Bei weiterer Analyse ist auch festzustellen, dass Personen, die Lücken im sozialen Netz aufweisen, auch • häufiger einen schlechten Gesundheitszustand aufweisen, • stärker im Alltag eingeschränkt sind, d. h. auch weniger selbstständig sind, • weniger mobil sind und • sich häufiger unzufrieden über ihre Lebensqualität insgesamt äußeren 98.

98

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(Chi-Quadrat bzw. Mann-Whitney-U-Tests p < 0,001)

Gesundheit älterer Menschen

Fazit ist also, dass Personen, die sich im Notfall eher nicht auf ihr soziales Netz verlassen können, zugleich ein höheres Risiko für eventuellen Hilfsbedarf haben. Die Aktivitäten der Älteren beschränken sich nicht auf die eigene Haushaltsführung. Ein Spaziergang – ob nun täglich oder mehrmals pro Woche – gehört zu den selbstverständlichen Freizeitaktivitäten der älteren Hamburgerinnen und Hamburger. Auch Spiele gehören zumindest bei einem Drittel zum gewohnten Tages- oder Wochenablauf. Um sich über Gesundheit und Krankheit zu informieren, nutzen die meisten Älteren drei und mehr Medien. Migrantinnen und Migranten nutzen allerdings deutlich häufiger nur ein bis zwei Medien. Pflegende Personen in dieser Stichprobe sind in gleichem Ausmaß von gesundheitlichen Einschränkungen betroffen wie alle anderen. Auch in ihrer Lebenszufriedenheit entsprechen sie allen anderen Seniorinnen und Senioren. Bei fast einem Drittel der Hamburger Stichprobe bestehen Lücken im sozialen Netz. Die über 75-Jährigen und Migrantinnen und Migranten sind davon noch häufiger betroffen.

 Der tägliche Spaziergang kann dazu beitragen, dass sich ältere Menschen ausreichend bewegen. Hieraus sollte ein körperliches Training entwickelt und wohnortnah angeboten werden, das die Beteiligten angemessen fordert, ohne zu überfordern.  Ältere Personen mit Migrationshintergrund brauchen zusätzliche Zugangswege zu gesundheitsrelevanten Informationen.

 Die Situation pflegender älterer Menschen erfordert eine besondere Berücksichtigung, da sie die Verantwortung trotz eigener gesundheitlicher Einschränkungen übernehmen.  Bei der Beratung und Betreuung insbesondere älterer Menschen und von Migrantinnen und Migranten ist zu berücksichtigen, ob Ansprechpartner im Bedarfsfall zur Verfügung stehen.

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Gesundheit älterer Menschen

II.7 Zusammenfassung der Ergebnisse Gesundheit im höheren Lebensalter ist prägend für Lebensqualität, Selbstständigkeit und nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklungen ein relevanter Kostenfaktor. Aus diesem Grund ist die Gesundheit im Alter nicht nur für jede Person von Bedeutung, die schon über 60 ist oder es bald sein wird, sondern auch für die öffentliche Gesundheit. Im Mittelpunkt dieses Gesundheitsberichts stehen die Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen, das eigene Gesundheitsverhalten mit seinen gesundheitsförderlichen als auch den eher riskanten Gewohnheiten und die persönliche Einstellung. In einer telefonischen Befragung zur Gesundheit wurden mehr als 1.200 Hamburgerinnen und Hamburger im Alter zwischen 60 und 90 Jahren interviewt. Dazu gehört eine kleine Teilgruppe von Personen mit einer nicht-deutschen Staatsangehörigkeit, die hier als Migrantinnen und Migranten bezeichnet werden. Die Befragten stimmen in ihren soziodemografischen Merkmalen mit Hamburger Vergleichsdaten gut überein, so dass die Ergebnisse als repräsentativ gelten können. Dies gilt allerdings nicht für die Personen mit Migrationshintergrund. Schwerkranke Ältere sind in dieser Befragung nicht angemessen berücksichtigt. Ein erstes übergreifendes Fazit lautet: Der derzeitige Gesundheitszustand älterer Menschen kann als überwiegend sehr gut eingeschätzt werden. Die Befragten sind durchschnittlich 71 Jahre alt, zwei Drittel sind unter 75 Jahre, ein Drittel über 75 Jahre. Chronische Erkrankungen und körperliche Ein66

schränkungen sind im Alltag sehr präsent. Dennoch wird der eigene Gesundheitszustand überwiegend positiv eingeschätzt, und die meisten sind mit ihrer Lebensqualität (sehr) zufrieden. Auf den ersten Blick scheint die Selbstständigkeit der Befragten sehr hoch zu sein. Schwere Einkäufe stellen aber insgesamt schon ein Drittel der Seniorinnen und Senioren vor Probleme, insbesondere (ältere) Frauen sind hiervon betroffen. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass die Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen überwiegend wie empfohlen in Anspruch genommen werden. Es sind jedoch auch Lücken zu beobachten. Gerade die (noch) gesundheitlich wenig belasteten Personen nutzen seltener die Angebote der Gesundheitsvorsorge und Krebsfrüherkennung. Hier ist eine gezielte Aufklärung der bislang in der medizinischen Versorgung nicht erreichten älteren Personen notwendig. Auch das Gesundheitsverhalten der Älteren kann gesundheitsförderlich sein, also zur Gesunderhaltung beitragen, oder ein Risiko darstellen. Zum Beispiel achtet die Mehrheit der Hamburger Seniorinnen und Senioren auf eine gesunde Ernährung. Dieses Ernährungsbewusstsein spiegelt sich im Ernährungsverhalten wider. Bewegungsverhalten und Alkoholkonsum machen hier mit eher kritischen Beobachtungen auf sich aufmerksam. Viele Seniorinnen und Senioren leben alkoholabstinent und gerade die über 75Jährigen trinken seltener. Dennoch ist der fast tägliche Alkoholkonsum eine verbreitete Gewohnheit. Handlungsbedarf besteht auch in Bezug auf Bewegungsförderung. Für ein Drittel der Älteren der Befragten ist Bewegung im Alltag nicht selbstverständlich, sie sind inaktiv. Vor allem Ältere und/oder Allein-

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lebende sind selten so in Bewegung, dass sie ins Schwitzen geraten oder außer Atem kommen. Im Kontrast dazu ist jede/r zweite der Aktiveren auch besonders ausdauernd in Bewegung. Die Angaben zum Gesundheitsverhalten stehen in engem Zusammenhang mit der Überzeugung, selbst wirksam zur Gesunderhaltung bzw. Verbesserung des Gesundheitszustandes beitragen zu können. Die große Mehrheit der Befragten ist mit ihrer Leistungsfähigkeit zufrieden, zugleich schränkt sich jede fünfte Person (vor allem Frauen) im Alltag ein, um nicht zu stürzen. Zwischen Sturzerfahrung und Sturzangst auf der einen Seite und dem Gesundheitszustand, den Erkrankungen und der Medikamenteneinnahme auf der anderen Seite bestehen enge Zusammenhänge. Fast alle Befragten sind mit ihrem Wohnumfeld sehr zufrieden. Viele sind fast täglich zu Fuß unterwegs. Ausgeprägte Mobilitätseinschränkungen wurden bei jeder fünften Person beobachtet. Bei Migrantinnen und Migranten, Frauen und Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status treten diese Mobilitätseinschränkungen deutlich häufiger auf. Gesundheitszustand, Selbständigkeit, soziale Vernetzung und Mobilität stehen erwartungsgemäß in einem engen Zusammenhang. Die Aktivitäten der Älteren beschränken sich nicht auf die eigene Haushaltsführung. Ein Spaziergang – ob nun täglich oder mehrmals pro Woche – gehört zu den selbstverständlichen Freizeitaktivitäten der älteren Hamburgerinnen und Hamburger. Um sich über Gesundheit und Krankheit zu informieren, nutzen die meisten Älteren drei und mehr Medien. Migrantinnen und Migranten nutzen al67

lerdings deutlich häufiger nur ein bis zwei Medien. Bei fast einem Drittel der Befragten Hamburgerinnen und Hamburger konnten Lücken im sozialen Netz beobachtet werden. Die über 75-Jährigen und die Migrantinnen und Migranten sind davon noch häufiger betroffen. Auch wenn der gefürchtete Notfall gar nicht eintritt, belastet möglichweise auch die Sorge, wer dann helfen kann, schon im Vorfeld. Zwischen Frauen und Männern ließen sich in manchen Aspekten bedeutsame Unterschiede erkennen. Frauen sind häufiger gesundheitsbewusst, gleichzeitig ist ihre Leistungsfähigkeit ebenso wie ihre Mobilität häufiger eingeschränkt. Männer nutzen zwar ebenso wie Frauen das medizinische Versorgungssystem, sind aber gegenüber gesundheitsfördernden Angeboten weniger aufgeschlossen. Die über 75-Jährigen schätzen ihren Gesundheitszustand wie auch ihre Lebensqualität im Vergleich zu den unter 75-Jährigen häufiger als schlecht ein. Sie sind häufiger im Alltag eingeschränkt, als behindert oder schwerbehinder eingestuft und nehmen das medizinische Versorgungssystem mehr in Anspruch. Zugleich sind die älteren unter den Seniorinnen und Senioren weniger gut in der Lage, mit ihrem Verhalten zur Gesunderhaltung beizutragen. Gründe dafür scheinen unter anderem eingeschränkte Mobilität und ein schlechter Gesundheitszustand zu sein. Damit ist auch häufig die resignative Einschätzung verbunden nicht viel zum eigenen Wohlbefinden bzw. zum Gesundheitszustand beitragen zu können. Die Migrantinnen und Migranten stimmen in vielen gesundheitsrelevanten Aspekten mit den anderen Befragten überein. Beispielhaft sind zu nennen das Bewegungsverhalten und die Überzeugung,

Gesundheit älterer Menschen

selbst wesentlich zum Gesundheitszustand beitragen zu können. Häufiger wurden jedoch z. B. Einschränkungen der Mobilität angegeben und fehlende Unterstützungsmöglichkeiten im Notfall. Migrantinnen und Migranten sind auch häufiger überzeugt, mehr für ihre Gesundheit tun zu müssen. Gleichzeitig ist das Interesse an Gesundheitsförderungsmaßnahmen ebenso gering wie in der Allgemeinbevölkerung. Diese Ergebnisse lassen für die Gesundheitsförderung und Prävention innerhalb der älteren Bevölkerung Hamburg sehr unterschiedliche Zielgruppen erkennen. Erste Empfehlungen dazu wurden bereits in den Bericht integriert. Die Erkenntnisse dieses Berichtes und die daraus abgeleiteten Empfehlungen werden zu Handlungsansätzen weiterentwickelt.

Den dazugehörigen Rahmen bietet der Pakt für Prävention, der sich um verbesserte Zusammenarbeit von Akteuren und Einrichtungen bemüht, die sich für ein gesundes Leben der Älteren einsetzen. Die dargestellten Erkenntnisse, Ansätze und Empfehlungen dieses Berichtes sollten Ansporn und Motivation zugleich sein, sich weiter intensiv und tatkräftig für die Gesundheit von älteren Menschen zu engagieren. Ein solches Engagement darf immer auch ein bisschen egoistisch motiviert sein: Die jetzigen Seniorinnen und Senioren sollen es so gut wie möglich haben, denn wir werden über kurz oder lang ihren Platz einnehmen und wollen auch dann gerne von gesundheitsbezogenen Angeboten profitieren und unseren Lebensabend genießen.

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen

III. LUCAS-Verbund
III.1 Einleitung
U. Dapp

LUCAS (Longitudinale Urbane CohortenAlters-Studie) ist ein Forschungsverbund,

der sich mit „Gesundheit im Alter“ auseinandersetzt und durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Der Verbund besteht aus fünf universitären und nicht universitären Institutionen (s. Tabelle 1.1) und arbeitet in sieben Teilprojekten.

Tabelle 1.1: Übersicht zum LUCAS-Verbund (ohne Teilprojekt 2 der BGV)

LUCAS Verbundsprecher: Prof. Dr. Wolfgang von Renteln-Kruse Verbund LUCAS Verbundkoordination: Dr. rer. nat. Ulrike Dapp Albertinen-Haus, Hamburg (AHH) Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Titel des Teilprojektes Beteiligte Partner Albertinen-Haus, Hamburg (AHH) Zentrum Teilprojekt 1: Longitudinale urbane Kohorte: für Geriatrie und Gerontologie Teilprojektleitung: Altern der Langzeitkohorte Hamburg seit dem Jahr 2000 Dr. rer. nat. Ulrike Dapp Albertinen-Haus, Hamburg (AHH) Teilprojekt 3: Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Mobile Senioren in der Metropolregion (FIT) Teilprojektleitung: Dr. med. Jennifer Anders Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Teilprojekt 4: Determinanten der psychischen (UKE) und Gesundheit Vertriebener im Al- Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald (EMAU) ter (FORCED) Teilprojektleitung: Prof. Dr. Monika Bullinger Prof. Dr. Silke Schmidt Hamburgische Pflegegesellschaft e.V. (HPG) Teilprojekt 5: Präventive Haus- und Heimbe- Teilprojektleitung: suche für alte Menschen mit Franz Pröfener, M.A. funktionellem Abba (FRAIL) Albertinen-Haus, Hamburg (AHH) Teilprojekt 6: Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Stürze und Medikamente im Krankenhaus (FALLEN) Teilprojektleitung: Prof. Dr. Wolfgang von Renteln-Kruse Hochschule für Angewandte Wissenschaften Teilprojekt 7: Pflegesprechstunden zur Mobil- Hamburg, Fakultät Life Sciences (HAW) itätsförderung bei multimorbiTeilprojektleitung: den älteren Menschen Prof. Christiane Deneke (FALLEN) Statistische und methodische Prof. Dr. Christoph Minder Begleitung und Beratung bezüg- Medizinische Fakultät lich Analysen der LangzeitkoInstitut für Sozial- und Präventivmedizin, horte Universität Bern Statistische und methodische BeProf. Dr. Joerg Hasford gleitung und Beratung bezüglich Institut für Med. Informationsverarbeitung, Analysen der Patientenkohorte Biometrie und Epidemiologie (IBE), geriatrisches Krankenhaus Ludwig-Maximilians-Universität München

Externe methodische Beratung

KrankenhausKohorte

Langzeit-Kohorte

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen Ziel des Verbundes ist es, den Prozess des Älterwerdens umfassend, d. h. bezüglich mehrerer Dimensionen zu begreifen und so Ressourcen wie auch Risiken zu erkennen. Auf dieser Grundlage werden maßgeschneiderte Angebote zur Förderung der Gesundheit und präventive Maßnahmen gegen Risiken entwickelt. Dieses Wissen ermöglicht ein gesundes und aktives Älterwerden, welches so in seiner Vielfältigkeit genossen werden kann. Grundlage des LUCAS-Verbundes sind drei Zielgruppen älterer Menschen in Hamburg (s. Abbildung 1.1). Die erste Kohorte bestehend aus älteren selbstständig lebenden Menschen wurde im Rahmen einer Langzeitstudie (Beginn 2000) u.a. zu ihrem Gesundheitszustand, -verhalten, Lebensqualität, sozialen Netzwerken, Partizipation, Mobilität und Alltagsaktivitäten befragt. Das Besondere an LUCAS ist, dass die Teilnehmenden neben Befragungen, individuellen Beratungen auch mitwirken können. Angeboten wurden rüstigen Studienteilnehmern Mobilitäts-Assessments, Gebrechlicheren geriatrische Hausbesuche und Vertriebenen Biographiebefragungen, mit einer ganzheitlichen Abklärung körperlicher und psychischer Ressourcen und Risiken (vgl. Abbildung 1.1 Kohorte A). Die zweite Kohorte ist eine repräsentative Querschnittsbefragung älterer selbstständig lebender sowie hilfsbedürftiger Menschen durch die Gesundheitsbehörde Hamburg, um Vergleiche zwischen den beschriebenen Personengruppen zu ziehen (vgl. Abbildung 1.1 Kohorte B). Die dritte Kohorte besteht aus multimorbiden und funktional eingeschränkten Patienten der geriatrischen Klinik am Albertinen-Haus. Ziel ist erstens die Verbesserung der Prävention von Sturzereignissen in der Klinik mittels der Interventionen Sturz-Assessment und Prüfung der verordneten Medikation. Zweitens dient die „Pflegesprechstunde“ dazu, Mobilität auch für den Zeitraum nach der Entlassung zu erhalten (vgl. Abbildung 1.1 Kohorte C).

Abbildung 1.1: Darstellung der Forschungsansätze im LUCAS-Verbund

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen Aufgrund der überragenden Teilnahme seit Beginn des Projektes LUCAS wurden umfangreiche Erkenntnisse gewonnen. Sie sind maßgeblich für die Weiterentwicklung von präventiven, medizinischen und pflegerischen Interventionen. Die Ergebnisse stoßen auf großes Interesse und beeinflussen bereits medizinische Angebote. Deshalb wird LUCAS in einer zweiten Förderphase bis Ende 2013 weitergeführt werden 1.

1 Weitere Informationen können der LUCAS-Website im Internet entnommen werden unter www.geriatrieforschung.de

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen III.2 Altern der Langzeit-Kohorte in Hamburg seit 2000/2001
U. Dapp, J. Anders, S. Golgert, S. Laub, C. Rohn, C. Minder

Das Alleinstellungsmerkmal des LUCAS Verbundes ist die Langzeit-Kohorte, die unseres Wissens nach die am längsten beobachtete Kohorte selbstständig (bei Rekrutierung im Jahr 2000/01) in der Kommune lebender älterer Menschen in Deutschland ist. Hiermit verfügen wir in Hamburg über eine einmalige Datenbasis, die multidimensionale Gesundheitsaspekte derselben Individuen zu verschiedenen Erhebungswellen enthält (vgl. Abbildung 2.1).

Nur so eine Daten-Konstellation ermöglicht die Erforschung des normalen Alterungsprozesses über einen längeren Zeitraum (im Gegensatz zu QuerschnittErhebungen zu nur einem Zeitpunkt). Die LUCAS Kohortenstudie eröffnet damit die Möglichkeit zur Ableitung kausaler Zusammenhänge von beobachteten Verläufen wie z. B. unabhängig vom Alter auftretende Defizite. Diese können ein fein balanciertes System zum Kippen bringen (engl. Frailty) bis hin zur Entstehung von Behinderung durch funktionelle Verluste (engl. Disability), sozialer Beeinträchtigung oder Pflegebedürftigkeit.

Abbildung 2.1: Die ersten 10 Jahre (2000 - 2010) der Langzeit-Kohorte mit eingebetteten Befragungen und Interventionen für ältere Menschen und ihre Hausarztpraxen in Hamburg.

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen Dem Verlust funktioneller Fähigkeiten kann durch geeignete gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen in jedem Alter vorgebeugt werden. Da Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ein koordiniertes Zusammenwirken verlangen, bot sich die Kooperation mit der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz (BSG), heute Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV), im Rahmen des Hamburger LUCAS Forschungsverbundes an. Die Basis der Langzeit-Kohorte wurde mit der Rekrutierung von 21 Hamburger Hausarztpraxen im Jahr 2000 gelegt. Ein Teil dieser Hausärzte und Hausärztinnen nimmt seit dem zweimonatlich an einem Geriatrischen Qualitätszirkel teil (CME Ärztekammer Hamburg). Sie verfügen z. B. über aktuelle Kenntnisse zu Alterung, Altersmedizin und Assessment. Aus diesen 21 Hausarztpraxen wurden alle Patienten und Patientinnen selektiert, die sämtliche Einschlusskriterien erfüllten: Alter im Jahr 2000 mindestens 60 Jahre, selbstständig lebend ohne Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens, d. h. ohne Pflegebedürftigkeit und ohne kognitive Auffälligkeiten. Die Hälfte aller Angefragten willigte schriftlich zur Teilnahme ein. Diese 3.326 Personen bildeten im Jahr 2000/01 die Basis der LUCAS LangzeitKohorte und werden bis mindestens zum Jahr 2013 weiter begleitet. 2.1 Projektziele • die Vorbeugung von Pflegebedürftigkeit (z. B. durch zielgruppenspezifische Interventionen), • die Minimierung unnötiger bzw. die rationale Inanspruchnahme des Versorgungssystems in Hamburg. Hierfür werden unter Einbeziehung aussagekräftiger und verlässlicher schriftlicher Selbstausfüller-Befragungen ganzheitliche Veränderungen in 20 Domänen wie z. B. Funktion und Aktivitäten, Partizipation, Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten, Einstellungen zur Gesundheit sowie die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems seit über 10 Jahren individuell beobachtet und in Befragungswellen dokumentiert. Basis-Katalog identischer Fragen Die repräsentative Telefonbefragung durch die BGV und die Befragungswellen der Langzeit-Kohorte verbindet ein BasisKatalog identischer Fragen, um diese beiden komplementären Ansätze auch für vergleichende Analysen zu nutzen. Neben soziodemographischen Merkmalen (z. B. Geburtsort, Wohnort, Einkommen) finden sich in dem Basis-Katalog auch identische Fragen zu Gesundheitszustand (z. B. BMI, Medikamente), Gesundheitsverhalten (z. B. Rauchen) oder Mobilität und AlltagsAktivitäten (z. B. Zugang zu ÖPNV, Autound Rad fahren, Stürze und Sturzangst). 2.2 Ergebnisse und Bewertung

Erforscht werden in der Langzeit-Kohorte interdisziplinär und multidimensional Faktoren für • die Aufrechterhaltung der funktionalen Kompetenz im Alter,

Im 7-Jahres-Follow-up zeigte sich bei den ehemals 3.326 Teilnehmenden (mittleres Alter 72 Jahre, 63% Frauen) eine weiterhin sehr hohe Beteiligung mit 2.012 Teilnehmenden (mittleres Alter 76 Jahre, 63% Frauen) der überhaupt noch erreichbaren Personen (844 waren zwischenzeitlich verstorben oder unbekannt verzogen). Nur 470 (14%) zogen ihre Einwilligung während der ersten sieben Jahre zurück. Dies 73

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen lag weniger an einer Unzufriedenheit mit dem LUCAS Projekt, sondern wurde eher mit funktionellen und kognitiven Einbußen begründet (Zitat: „Alles ist so schwer geworden.“). 2007/08 wurden 391 weitere Teilnehmende aus einer zusätzlichen Hausarztpraxis rekrutiert, so dass insgesamt 2.403 ältere Teilnehmende in der Langzeit-Kohorte beobachtet werden konnten. Auch der 9-Jahres-Follow-up (2009/10) zeigte weiterhin eine erfreulich hohe Anzahl Teilnehmender mit fast 2.000 Seniorinnen und Senioren. Somit stehen auch für den in Vorbereitung befindlichen 11Jahres-Follow-up (2011/12) eine große Anzahl aussagekräftiger multidimensionaler Datensätze der LUCAS LangzeitKohorte für weitere wissenschaftliche Analysen zum Alterungsprozess zur Verfügung. Vergleich mit LUCAS Telefonbefragung Vergleiche mit der repräsentativen Querschnitt-Erhebung der BGV (LUCAS Telefonbefragung 2009) zeigen, dass die Langzeit-Kohorte entsprechend repräsentativ ist für die Deutsch sprechende ältere Bevölkerung in Hamburg. Damit können auch die Ergebnisse der Langzeit-Kohorte für den urbanen Raum verallgemeinert werden. Beide Stichproben (Telefonbefragung und Langzeit-Kohorte) sind nicht repräsentativ für pflegebedürftige Personen. Allerdings finden sich in der Langzeit-Kohorte mit 5% mehr Personen mit Eingruppierung in eine Pflegestufe als bei den Telefon-Befragten (Prävalenz der Pflegebedürftigkeit der Bevölkerung ab 60 Jahren in Hamburg: 8,5%). Aufgrund der lang jährigen Kontaktpflege und Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zu den Personen der Langzeit-Kohorte sind hier mehr kranke und eingeschränkte Personen bereit Informationen zu geben. Auch die höhere Inanspruchnahme von Maßnahmen der Gesundheitsvorsorge (Check-up Untersuchungen, Grippeschutz-Impfungen) unterscheidet die Langzeit-Kohorte. Gründe dieser Effekte sind Unterschiede bei der Rekrutierung über Hausarztpraxen (statt Telefonanruf aus Befragungsinstitut) und Durchführung, da der Langzeit-Kohorte im Zeitverlauf Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention unterbreitet wurden. Diese Möglichkeiten und Grenzen (Repräsentativität und Generalisierbarkeit) spiegeln sich auch wider bei Vergleichen der im Bezirk Hamburg Eimsbüttel lebenden Personen der Langzeit-Kohorte mit Ergebnissen einer 2007 schriftlich durchgeführten Querschnitt-Erhebung vom Gesundheitsamt Hamburg Eimsbüttel mit 950 repräsentativen Datensätzen. 2.3 Perspektiven zur Fortsetzung der Forschung Die Ergebnisse und multivariaten Analysen der individuellen Untersuchung der Langzeit-Kohorte (pseudonymisiert) und der darin eingebetteten Erprobung lebensphasenorientierter Interventionen (randomisiert kontrollierte Studien, RCT) ermöglichen einen Transfer in die Praxis (z. B. Screening-Instrumente, Schulungen, Publikationen). Als Plattform hierfür („Daten für Taten“) bieten sich zwei Programme des Senats an: „Generationenfreundliches Hamburg“ und „Pakt für Prävention“.

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen 2.4 Hinweise zu weiterführenden Informationsquellen • Albertinen-Haus Hamburg, Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Wissenschaftliche Einrichtung an der Universität, Forschungsabteilung: www.geriatrie-forschung.de Auswahl an Veröffentlichungen (chronologisch sortiert): Dapp U, Anders J. Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung und Prävention im Alter. In: Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz [Hrsg] Mehr Gesundheit im Alter. Arbeitshilfen für kommunale Gesundheitsförderer. CDROM. Hamburg, 2009. Dapp U, Lorentz Ch, Laub S, Anders J, von Renteln-Kruse W, Minder Ch, Dirksen-Frischer M. Im Alter aktiv und gesund leben – Ergebnisse einer repräsentativen Seniorenbefragung in Hamburg. Z Gerontol Geriat 2009; 42:245-255. Dapp U. Gesundheitsförderung und Prävention selbständig lebender älterer Menschen. Eine medizinisch-geographische Untersuchung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2008. Meier-Baumgartner HP, Dapp U, Anders J. Aktive Gesundheitsförderung im Alter. Ein neuartiges Präventionsprogramm für Senioren. 2. erweiterte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2006. Meier-Baumgartner HP, Anders J, Dapp U. Präventive Hausbesuche. Gesundheitsberatung für ein erfolgreiches Altern. Hannover: Vincentz Verlag, 2005. Gefördert durch das BMBF: Förderkennzeichen – 01ET0708.

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen III.3 Mobile Senioren in der Metropolregion Hamburg
J. Anders, U. Dapp, S. Golgert, B. Haller, V. Kowalewski, C. Rohn

Beweggrund zu diesem LUCAS-Teilprojekt 3 war die weitgehende Unkenntnis über die Befindlichkeit und Leistungsfähigkeit gesunder älterer Menschen. Viele bisherige Untersuchungen mit älteren Menschen waren auf Probleme und Krankheiten ausgerichtet. Aber nur wer Gesundheit versteht, kann diese bewahren und nur wer Merkmale und Ablauf des natürlichen Alterungsprozesses kennt, kann vorbeugen, krankhafte Verläufe frühzeitig erkennen und angemessene Entscheidungen zu Behandlungsbedarf und Behandlungsart begründet treffen. 3.1 Zielsetzung Ziel dieser Studie war zunächst, ein Altern in Gesundheit zu beschreiben, zu verstehen und möglichst für andere ältere Menschen gesundheitsfördernde Angebote aus diesen Ergebnissen abzuleiten. Gesundes Altern meint dabei nicht unbedingt frei von jeder Krankheit zu bleiben, sondern wenig oder gar nicht beeinträchtigt zu sein von eventuell chronifizierten Erkrankungen, die im Lebenslauf durchgemacht wurden. Mobilität bedeutet in diesem Zusammenhang, aus eigener Kraft oder unter selbständiger Nutzung von Transportmitteln einen weiten Aktionsraum (geriatrisch-geographische Definition) zu nutzen und eigene Aktivitäten darin selbständig zu planen und zu gestalten. Mobilität ist eine von mehreren komplexen Schlüssel-Reserven, die wesentlich über Lebensqualität, Selbständigkeit und Selbstbestimmung im 76

Alter entscheiden. Wechselwirkungen von Gesundheit, chronischen Erkrankungen, Umweltbedingungen und innerer Gefühlswelt können die Mobilität eines Menschen beeinflussen. So wird die erfolgreiche Bewältigung natürlicher Alterungsprozesse anhand einer intakten Auseinandersetzung zwischen älteren Menschen und ihrer persönlichen Lebenswelt beschrieben. Insbesondere haben daher Bedingungen interessiert, unter denen eine vormals rüstige ältere Person erstmalig MobilitätsProbleme wahrnimmt und ihr Verhalten daraufhin verändert (z. B. nicht mehr Rad fährt, weite Fußwege oder Treppen meidet). Aus dem Verständnis der vielfältigen Ursachen für Mobilitätseinschränkungen im Alter sind nicht nur Hilfen anzubieten, sondern kurative oder rehabilitative Behandlungen zur Wiederherstellung der vollen Gesundheit und Mobilität (“Ausdehnung der aktiven Lebenserwartung”) zu entwickeln. Damit soll ein Fortschreiten der Verluste von Fähigkeiten bis hin zur Pflegebedürftigkeit vermieden oder verlangsamt werden. 3.2 Herangehensweise

In den Jahren 2008 und 2009 wurden zufällig ein Zehntel der älteren LUCASTeilnehmer ausgewählt, deren Angaben in den Fragebögen aus Teilprojekt 1 auf eine hohe Leistungsfähigkeit und stabile Gesundheit hinwiesen. Diese wurden eingeladen, an umfangreichen altersmedizinischen Untersuchungen und persönlichen Befragungen in den Forschungsräumen des Albertinen-Hauses, Zentrum für Geriatrie und Gerontologie, teilzunehmen. Zu diesem Zwecke wurden Instrumente zur angemessenen Beurteilung von Biographie, Lebensführung, seelischer und kognitiver Belastbarkeit sowie zu

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen körperlichen Fähigkeiten einschließlich technischer Ganganalysen und Funktionstests genutzt, teils auch neu für diese Zielgruppe entwickelt. Die Untersuchungen mit Berücksichtigung vieler Einflüsse auf Gesundheit und Mobilität im Alter inklusive einer individuellen Beratung zur Gesundheitsförderung und Bericht an die Hausarztpraxis werden als „Erweitertes Gerontologisch-Geriatrisches Assessment“ (kurz EGGA) bezeichnet. Eine typische Untersuchungsform ist eine Gangprobe mit Zeitmessung (vgl. Abbildung 3.1, Timed Up & Go Test). Natürlich wurden ferner chronische Gesundheitsprobleme, Erkrankungen und verschriebene sowie frei gekaufte Medikamente erfasst. 3.3 Ergebnisse und Bewertung Anhand der Angaben der älteren Teilnehmer und dieser komplexen Untersuchungen ergab sich eine Unterscheidung von zwei Zielgruppen innerhalb der untersuchten, mobilen älteren Bevölkerung (originäre Langzeitkohorte): • Personen mit hohen Reserven in den meisten Bereichen, aktiver Lebensführung und meist gutem sportlichem Trainingszustand (“Super”-FIT), vereinzelten Defiziten im Trainingszustand (FIT oder robust) umfassen annähernd die Hälfte von 2012 Personen aus der Erhebungswelle 2007.

Einfache Untersuchung des Gangbildes mit dem Timed Up & Go Test bei 102 robusten (FIT) Probanden:
Nur bei 4 Personen ergab sich ein medizinischer Abklärungsbedarf

20 – 23 Sek.

11-19 Sek.

6-10 Sekunden Gehzeit
Risikobereich für Gangstörungen: Medizinische Abklärung indiziert Risikobereich für Balanceprobleme: Sekundärprävention indiziert Referenzbereich für Gangsicherheit: Primärprävention indiziert

Abbildung 3.1: Einfache Untersuchung des Gangbildes mit dem Timed Up & Go Test bei 102 robusten Probanden (FIT)

77

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen • Personen mit guten, aber abnehmenden Reserven in einigen Bereichen, leicht veränderter Lebensführung und deutlichen Defiziten im Trainingszustand sowie Vermeidungsverhalten (PRE-FRAIL oder „vorgebrechlich“: ein Viertel der Erhebungswelle 2007). Die guten Nachrichten: Auch 7 Jahre nach Einschluss in die Langzeitstudie LUCAS waren drei Viertel der älteren Personen beschwerdefrei, leistungsfähig und selbstständig bis sehr aktiv in ihrer Lebensführung. Über 60% der Robusten (FIT) engagierten sich zudem freiwillig in Museen, Hospizen oder Vereinen. Es gab keine Hinweise auf Gangstörungen, die durch das natürliche Altern zwangsläufig verursacht werden. Die schlechten Nachrichten: Beginnende Gebrechlichkeit, Gangstörungen und Einschränkungen der Mobilität sind dennoch verbreitete Probleme. Als führende Ursache von beginnender Gebrechlichkeit (pre-frailty) und Mobilitätsproblemen im Alter erwiesen sich leider Verschlechterungen der geistigen Leistungsfähigkeit, z. B. demenzielle Erkrankungen. Diese werden im Verlauf der Langzeituntersuchung deutlich häufiger beobachtet und sind nur begrenzt vorbeugenden oder heilenden Maßnahmen zugänglich. Ambulante Hilfsangebote und Pflegekonzepte zeichnen sich in diesem Zusammenhang durch den steigenden Bedarf an Fachkräften aus. Bauliche Anpassungen für Menschen mit kognitiven Problemen unterscheiden sich zudem deutlich von An78
Abbildung 3.2 Gesundheitsförderung im Alter: (Seniorengruppe des Tai-Chi-Zentrums Hamburg im Albertinen-Haus, Foto: Dr. Stefan Langhoff)

passungen für körperlich behinderte, ältere oder jüngere Menschen. Bei Planungen zur Stadtentwicklung ist dies zu berücksichtigen, z. B. durch Einbindung von Experten und Betroffenen. Handlungsansätze Personen, die im Vorfeld (2001-2004) an einem Präventionsprogramm (Aktive Gesundheitsförderung im Alter) teilgenommen hatten, konnten ihre Leistungsfähigkeit länger erhalten oder sogar ausbauen. Einmal begonnen, wurden entsprechende Aktivitäten in den Alltag integriert und teils über Jahre beibehalten. Laut Studien erscheinen Trainingsformen besonders geeignet, die Kognition und Körpergefühl ansprechen wie Tai Chi (vgl. Abbildung 3.2).

3.4 Perspektiven Es bestehen gute Chancen, dass Gebrechlichkeit und Mobilitätsprobleme durch eine altersmedizinische Abklärung unter Berücksichtigung vielfältiger Einflüsse (Assessment) frühzeitig entgegen getreten werden kann. Eine individuelle Planung von Training, medizinischer Behandlung oder Rehabilitation ist darin eingeschlossen. Einen vereinfachten Selbsttest zur Früherkennung von Gangunsicherheit und

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen Gebrechlichkeit für ältere Menschen mit Empfehlungen (das Manual „Sicher gehen, weiter sehen“) wurde daher gemeinsam mit der Stadt Hamburg und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verbreitet. Diesen Test nutzen auch Personen, die mit älteren Menschen arbeiten, etwa um Zielgruppen für präventive Maßnahmen sicher zu identifizieren. Dagegen sollten gebrechliche Patienten, z. B. nach einem Sturz, vorrangig medizinische Abklärung und Behandlung erfahren. In der zweiten LUCAS-Förderphase ist daher eine Studie geplant, die ein neues medizinisches Versorgungsangebot für gebrechliche, ältere (PRE-FRAIL) Patienten mit ersten Anzeichen von Gangstörungen und Verhaltensänderungen an der Schnittstelle zwischen Hausarztpraxis, Fachärzten und Kliniken untersucht und ganzheitliche Empfehlungen zu weiterführender Diagnostik sowie Behandlung erstellt – die Geriatrische MobilitätsAmbulanz. 3.5 Informationsquellen Frühe Abklärung physischer und psychischer Risiken im Alter. 3. Bd. Versorgungsforschung (BÄK), Deutscher Ärzteverlag Köln, 2010; Kapitel III: 77-86. Gillespie LD, Robertson MC, Gillespie WJ, Lamb SE, Gates S, Cumming RG, Rowe BH. Interventions for preventing falls in older people living in the community. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 2. Art. Anders J. Mobilität im Alter und Immobilitäts-Syndrom, Kapitel 7: 84-97 (2009) In: v. Renteln-Kruse (Hrsg) Medizin des Alterns und des alten Menschen. Steinkopff Darmstadt, Neuauflage 2009 Anders J, Dapp U (2008): Sicher gehen, weiter sehen- Sturzprävention für ältere Bürger und Multiplikatoren, Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit, Verbraucherschutz (Hg.), Hamburg Anders J, Behmann M, Dapp U, Walter U (2008): Stürze im Alter. In: KKH (Hrsg.) Beweglich? Weißbuch Prävention, Springer 2007/2008; Kapitel 9: 167 - 181 Gefördert durch das BMBF: Förderkennzeichen – 01ET0708.

Website zum LUCAS –Verbund: http://www.geriatrie –forschung.de Anders J, Kowalewski V, Golgert S, Dapp U, von Renteln-Kruse W (2010)

79

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen III.4 Determinanten der psychischen Gesundheit Vertriebener im Alter
S. Schmidt 2, S. Freitag, K. Strauß, C. Hannig, M. Bullinger 3

4.2

Zielsetzung

Das Hauptziel des Projekts „Determinan-

4.1 Hintergrund Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben erfährt mit zunehmendem Alter eine immer größere Bedeutung, besonders wenn im Alltag Funktionseinschränkungen bemerkbar werden. Studien haben gezeigt, dass im hohen Alter, wenn körperliche, geistige sowie soziale Ressourcen (z. B. Berufsleben und Familienkontakte) vermehrt verloren gehen, die schweren Lebensereignisse aus der Kindheit verstärkt erinnert werden. Die heutige Altersgruppe der über 65-Jährigen in Deutschland ist insbesondere durch vielfältige Kriegs- und Nachkriegserlebnisse geprägt. In internationalen Untersuchungen findet sich immer wieder, dass solche Erlebnisse in der Kindheit langfristige Auswirkungen bis in das hohe Alter zeigen und die physische und psychische Gesundheit sowie die soziale Partizipation negativ beeinflussen. Die LUCAS-Studie untersucht, unter welchen Bedingungen derlei Auswirkungen in der deutschen Nachkriegsgeneration auftreten. Es zeigt sich jedoch auch, dass trotz vielfältiger schwieriger Lebensereignisse einige alte Menschen die Jüngeren in kognitiver und körperlicher Leistungsfähigkeit übertreffen und trotz vermehrter Verluste von nahen und geliebten Menschen weiterhin sozial aktiv sind und neue soziale Kontakte erschließen.

ten der psychischen Gesundheit Vertriebener im Alter“ ist es, zu untersuchen, was die Langzeitauswirkungen einer Kriegskindheit im hohen Alter hinsichtlich körperlicher und seelischer Gesundheit sind und welche persönlichen und sozialen Faktoren das Risiko langfristiger Konsequenzen erhöhen bzw. davor schützen. In anderen Worten: „Was sind die Charakteristiken von Menschen, die trotz multipler traumatischer Erfahrungen erfolgreich altern und Autonomie bewahren im Gegensatz zu den Menschen, die an diesen traumatischen Erfahrungen leiden und das Alter als Dilemma erleben?“ Das Projekt umfasste mehrere verbundene Strategien, welche individuelle, biographische, soziologische und soziale Faktoren von physischer und seelischer Gesundheit sowie der Inanspruchnahme und Nutzen von Gesundheitsversorgung untersuchen. 4.3 Methoden Studiendesign Zur Durchführung wurde eine Querschnittuntersuchung geplant. Die vorliegende Untersuchung ermöglicht eine Integration eines prospektiv/ quantitativen und eines retrospektiven/ qualitativen Ansatzes. Dieses Vorgehen wurde gewählt, um zeitund kostengünstig eine Bestandsaufnahme der psychischen und physischen Situation Vertriebener im Alter vorzunehmen und die Vielfalt an potentiellen Einflussfaktoren sowie Gesundheitsmaße zu überprüfen. Das Vorgehen der Studie ist in Abbildung 4.1 dargestellt.

2 Lehrstuhl für Gesundheit und Prävention, Ernst-MoritzArndt-Universität Greifswald 3 Institut für Medizinische Psychologie Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

80

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen

Abbildung 4.1: Drei Phasen der Studie: Vorbereitung, Befragungszeitraum und Auswertung.

Fragebogenerhebung (prospektiver/ quantitativer Ansatz) 2008 wurden in Hamburg 828 ältere Menschen im Alter von 68 bis 98 Jahren mittels einer postalischen Fragebogenuntersuchung angeschrieben und gebeten den Fragebogen auszufüllen. Vier Bereiche wurden mittels verschiedener Instrumente erfasst: • Gesundheitsstatus, psychologischer Status • psychologisches Altern • psychosoziale Variablen, Resilienzfaktoren • Lebensereignisse, Kriegserlebnisse. Die persönlichen Einstellungen und Erlebnisse der Bürger, die keine Vertreibung im Kindes- und Jugendalter erlebten, sollen mit heute in Hamburg Lebenden, aber aus ihrer Heimat während des 2. Weltkrieges Vertriebenen, verglichen werden.

Biographische Interviews (retrospektiver/qualitativer Ansatz) Die biographischen Interviews wurden in einer Substichprobe mit insgesamt 131 Teilnehmern durchgeführt. Die Interviews folgten einem Leitfaden, so dass allen Teilnehmern dieselben Fragen gestellt wurden. Die Interviews waren teilstandardisiert, d. h. es gab Fragen mit vorstrukturierten Abfragekategorien (z. B. beim Gesundheitszustand, der Nutzung von Gesundheitsangeboten), die mit offenen Fragen (z. B. zu biografischen Erlebnissen) kombiniert wurden. Die Teilnehmer wurden von zwei Diplom-Psychologen in Einzelgesprächen, die bis zu zwei Stunden dauerten, zu folgenden allgemeinen Themenbereichen befragt: • Aktuelle Lebenssituation • Lebensqualität (jetzt und in der Vergangenheit) • Soziale Unterstützung

81

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen • Gesundheitszustand, -empfinden und -verhalten • Alter und Älterwerden • Soziale Integration • Biografie mit Fokus auf die Ereignisse des 2. Weltkriegs und der Nachkriegszeit • Bewältigungsstrategien in schwierigen Lebenssituationen • Zukünftige Lebensperspektive. Der offene, biographische Teil der Interviews, diente dem Informationsgewinn zu Einstellungen und der Lebensgestaltung bezüglich des Alterns und alternsbezogener Versorgung. Erfasst wurden dabei die folgenden Bereiche: • Subjektive Erfahrungen des Alterns und alt Seins (einschließlich Prozesse erfolgreichen Alterns und Lebenswille) • Einstellungen hinsichtlich medizinischer und sozialer Versorgung • Präferenzen und Einstellungen Gebrechlichkeit und Tod betreffend • Subjektive Erfahrungen der Kriegskindheit, einschließlich der Erfahrung von Flucht und Vertreibung während der Kindheit und Jugend • Einfluss dieser Erfahrungen auf Einstellung bezüglich Alter, Gesundheit, Versorgung. 4.4 Vorläufige Ergebnisse Insgesamt nahmen an der Fragebogenstudie dieser Untersuchung 466 Personen teil, davon waren 208 im zweiten WeltKrieg Vertriebene und 214 NichtVertriebene. Zusätzlich füllten 44 Ehepartner den Fragebogen aus, um eine gegenseitige Beeinflussung auszuschließen. Die Vertriebenen unterschieden sich hinsichtlich soziodemographischer Variablen nicht von den Nicht-Vertriebenen. Die 82 Vertriebenen gaben im Gegensatz zu den Nicht-Vertriebenen signifikant mehr traumatische Erfahrungen und Erlebnisse an. Hinsichtlich psychologischer Gesundheit weisen Vertriebene höhere Werte in Bezug auf Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen auf, es konnten keine Unterschiede für Panikstörungen nachgewiesen werden. Hinsichtlich des physiologischen Gesundheitsstatus schätzen Vertriebene ihre Gesundheit signifikant schlechter ein als Nicht-Vertriebene und geben mehr chronische Beschwerden an. Vertriebene sind jedoch nicht vermehrt in ihren Aktivitäten behindert und konsultieren ebenfalls nicht häufiger den Arzt. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass Vertriebene eine größere Anzahl von Traumata erleben und dies vermehrt mit psychologischem Belastungserleben einhergeht. So ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von depressiven Symptomen bei Vertriebenen erhöht und mit einer größeren Anzahl von erlebten Traumata verbunden. Bezogen auf ressourcenorientiertes Altern zeigen sich die Variablen soziale Integration ins Lebensumfeld, geringe Angst- und Depressionswerte, positive Einstellung zum Alter und soziale Unterstützung als gute Vorhersagevariablen für die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Erste Ergebnisse der qualitativen Analysen zeigen, dass Vertriebene keine größeren psychischen Beeinträchtigungen aufweisen, obwohl sie mehr Symptome angeben. Es ist anzunehmen, dass die Fragebogen zur Erfassung von Depressionen oder Angsterkrankungen die psychische Belastung der Probanden überschätzen. Desweiteren zeigen die Probanden in den Berichten über Kriegs- und Fluchterlebnisse keine Hinweise auf eine erneute Traumatisierung. Der biografische Ansatz wurde von den älteren Menschen als sehr

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen hilfreich erlebt, es zeigte sich ein Bedarf an Auseinandersetzung mit der Biografie. Qualitative Analysen zeigten, dass die subjektive Lebensqualität der Teilnehmerinnen und Teilnehmern sich über den Lebensverlauf verbessert hat. Zur Lebensqualität im Alter tragen vor allem eine gute Gesundheit, sowie zufriedenstellende Beziehungen innerhalb der Familie, Partnerschaft und Freunden bei. 4.5 Perspektiven zur Fortführung der Forschung Ein zentraler Bestandteil des LUCAS Teilprojekts 4 war die Durchführung der qualitativen biographischen Interviews, die auch aus der Perspektive der teilnehmenden älteren Menschen aus Hamburg eine besonders hohe Bedeutung erfahren hat. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben den biografischen Ansatz als positiv empfunden. Aus diesem Grund wurden zur Prävention und Gesundheitsförderung im Alter Biografie-basierte Schreibansätze mit einer Erzählstruktur entwickelt, die im Rahmen einer Interventionsstudie in ihrer Anwendbarkeit und Effektivität überprüft werden sollen. Weiterführende Informationen Internet: www.p-h-m.org/lucas www.p-h-m.org/biographie Publikationen: Strauss, K.; Dapp, U.; Anders, J.; von Renteln-Kruse, W.; Schmidt, S. (2011). Range and specifity of war-related trauma to posttraumatic stress; depression and general health perception: displaced former World War II children in late life. Journal of Affective Disorders, 128(3), 267-76. Gefördert durch das BMBF: Förderkennzeichen – 01ET0710.

83

Gesundheit älterer Menschen

III.5 Hausbesuche bei selbständig lebenden Hamburger Seniorinnen und Senioren mit Funktionsabbau
F. Pröfener, W. Jansen, B. Spalink, L. Waldner, J. Stappenbeck

von Muskelmasse ein Anzeichen für den nur schwer zu bremsenden Fortschritt des Gebrechlichkeits-Syndroms sein. 5.2 Ziele und Vorgehen

5.1 Einleitung „Das Alter“ wird nicht für alle Menschen von Leistungsabfall oder kostenträchtiger Pflegebedürftigkeit geprägt – etwa zwei Drittel sogar der über 85-Jährigen, die zu Hause leben, sind nicht pflegebedürftig. Der Prozess des Alterns hat viele, auch freundliche, allemal individuelle Gesichter und es lohnt sich, in ihn zu investieren – persönlich, aber auch gesellschaftlich. Man sollte dabei die fällige Korrektur abwertender Vorstellungen „vom Alter“ nicht überdehnen, die „Lebensphase“ Alter allzu weich zeichnen und individualisieren. Funktionelle Verluste vor Eintritt von Pflegebedarf im Sinne des SGB XI4sind für viele ältere Menschen nach wie vor eine schmerzhafte Tatsache. Fast 600 Personen, rund 25% der 2007 erneut rekrutierten LUCAS-Seniorinnen und -Senioren der Langzeitkohorte, sind mittels Markerfragen im Selbstausfüllerbogen nicht als rüstig-mobil, sondern als gebrechlich, „frail“, eingestuft worden. Sie lebten ohne Pflegebedarf und diagnostizierter dementieller Erkrankung weitgehend selbständig zu Hause. Diese Personen berichteten übereinstimmend von allgemeiner Erschöpfung, von Problemen beim Treppensteigen, von Kraftlosigkeit und Verlangsamung bei den bereits verminderten außerhäuslichen Unternehmungen. Teilweise berichteten sie auch von Stürzen in jüngster Zeit, nur selten schon von einem „unbeabsichtigten Gewichtsverlust“. Dieser kann als Verlust
Sozialgesetzbuch (SGB) - Elftes Buch (XI) - Soziale Pflegeversicherung (Artikel 1 des Gesetzes vom 26. Mai 1994, BGBl. I S. 1014)
4

Diese - bei aller Individualität - markante, teils „prekär- selbständig“ lebende Seniorengruppe ist für die Aufklärung des Alterns der LUCAS-Langzeitkohorte von großem Interesse vor allem unter Gesichtspunkten sekundärer Prävention und Rehabilitation; lehrreich könnte dazu sein, wie diese Seniorinnen und Senioren alltägliche „Unebenheiten“ ausbalancieren. Dieser Gruppe widmete sich in der ersten LUCASFörderphase die Hamburgische Pflegegesellschaft – mit diesen Fragen: • Lässt sich der schriftlich von den Seniorinnen und Senioren berichtete funktionelle Status „FRAIL“ bestätigen? • Mit welchen aus präventiver Sicht relevanten Merkmalen treten sie – im Vergleich zu rüstig mobilen älteren Menschen – in eine besonders dysfunktionale Lebensphase ein? • Welche Fähigkeiten und Umstände fördern, welche gefährden oder begrenzen selbständiges Altern und signalisieren Handlungsbedarf? • Wie ist dieses Leben überhaupt weiter zu untersuchen, zu verstehen, ggf. auch beratend zu unterstützen, wenn es sich überwiegend in der Häuslichkeit abspielt? LUCAS kombinierte wiederkehrende extensive schriftliche Befragungswellen (vgl. Abschnitt III.2) mit querschnittlich angelegten, intensiven Assessments. Vom Sommer 2008 bis zum Frühjahr 2009 führten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hamburgischen Pflegegesellschaft bei 64 zufällig ausgewählten Seniorinnen und Senioren mit Status „FRAIL“ein sozial- gerontologisches Hausbesuch-Assessment durch. Be84

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen gutachtet wurden damit 11% aller 2007 mit Anzeichen von Gebrechlichkeit eingestuften Studienteilnehmer der LUCASLangzeitkohorte – eine statistisch relevante Anzahl. Sogenannte „Präventive Hausbesuche“ werden in einigen Ländern und Kommunen erprobt und sind mit Blick auf ihre präventionspolitische Bedeutung Gegenstand kontroverser Diskussion: Wer profitiert von ihnen? Können die Hausbesuche Krankenhausaufenthalte, Pflegebedürftigkeit, stationäre Langzeitpflege und Sterblichkeit reduzieren? Wer könnte die Besuche erfolgreich durchführen? Und wie sollen sie finanziert werden? Präventive Hausbesuche sollten in jedem Fall frühzeitig stattfinden, bei ersten Anzeichen von Funktionseinbußen; sie sollten auf einem multidimensionalen gerontologischen Assessment basieren sowie ein kontinuierliches Fallmanagement auslösen - dann scheinen sie die Lebensqualität der Besuchten deutlich zu verbessern. In LUCAS-Teilprojekt 5 wurden durch zwei geschulte Untersucherinnen bzw. Untersucher jeweils zweistündige Assessments durchgeführt. Eingesetzt wurden gängige gerontologische Fragenkataloge und Performance-Tests. Untersucht bzw. erfragt wurden das Allgemeinbefinden, die Biografie mit kritischen Lebensereignissen, die soziale, insbesondere familiäre Situation, basale Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL), aktuelle Erkrankungen und konsumierte Medikamente, das Gesundheits- und Vorsorgeverhalten, die Ernährungsgewohnheiten, die Hand-, Arm- und Beinfunktion, die kognitive Leistungsfähigkeit, das Hören und Sehen, die erweiterten instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL), der Aktionsradius und die gewöhnlichen (Freizeit-) Aktivitäten. 85 Nach einer abschließenden Wohnungsbegehung fassten Untersucher und Untersuchte gemeinsam ad hoc erkennbare Selbsthilfemöglichkeiten sowie Unterstützungsbedarf ins Auge, ggf. auch diagnostischen, präventiven oder rehabilitativen Handlungsbedarf. Sie erörterten vor Ort überlassene Informationsmaterialien und Übungsanleitungen und vereinbarten entsprechende weitere Umsetzungsschritte, etwa die schriftliche Information des Hausarztes über die Ergebnisse der Assessments. 5.3 Erste Ergebnisse

Die im Hausbesuch untersuchten älteren Personen waren zu 78% weiblich, alleinstehend und durchschnittlich 80 Jahre alt (Spanne 69-95). In der Regel mit durchschnittlichem Bildungsgrad (Real- oder Volksschulabschluss) verfügten sie über ausreichende bis knappe wirtschaftliche Ressourcen und wohnten zumeist zur Miete. Die Besuchten zeigten sich als nicht gesund und nicht „FIT“ nach Maßgabe der LUCAS-Marker. Sie bestätigten im Assessment die auf der Basis schriftlicher Auskünfte vorgenommene Einschätzung ihrer Verfassung. Dies ist als ein wichtiger Schritt bei der Prüfung „praktikabler“ Kriterien zur frühzeitigen Entdeckung einsetzender Gebrechlichkeit zu sehen. Berichtet und intensiv medikamentös therapiert wurden durchschnittlich fünf (chronische) Erkrankungen vor allem des Muskelskelettsystems und des Herz-Kreislaufsystems. Grundsätzlich (Mundgesundheit, Sehvermögen) war ein gutes Vorsorgeverhalten festzustellen – abgesehen von kostspieligen und als wenig effektiv angesehenen Besuchen beim Hörgerätespezialisten. Annähernd 80% der Untersuchten gaben an, noch zu „leichter Arbeit und Aktivität“, d. h. zu „mittelschnellem Gehen“

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen und „eine leichte Last in der Ebene tragen“ in der Lage zu sein. Festgestellt wurden merkliche, aber im Alltag noch unschädliche, kognitive Probleme und erst geringe Einschränkungen in den basalen, körpernahen Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL), hier besonders der Harnkontrolle. Die Erhebung der Sturzgefährdung, der erweiterten, „instrumentellen“ Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL) und ein Mobilitätsprotokoll zeigten dagegen deutliche Einschränkungen auf. Über die Hälfte der Besuchten gab an, im letzten Jahr mindestens einmal gestürzt zu sein und täglich mit der Angst zu stürzen zu leben; sie vermieden fast durchweg schwere Hausarbeiten und schwere Einkäufe und fuhren nicht mehr Fahrrad. Es dominierten die bewegungsarmen Hobbies: Die Besuchten lösten Kreuzworträtsel, lasen, sahen fern, hörten Radio, spielten Bridge. Selten wurde von leichter Gartenarbeit oder von Reisen berichtet. Handarbeiten waren oft aufgrund von Sehschwäche oder Beweglichkeitsbeschränkungen aufgegeben worden. Nur ein Fünftel der Besuchten berichteten von regelmäßigen einfachen sportlichen Aktivitäten wie Gymnastik, Balancetraining oder Schwimmen. Der Aktionsradius dieser Personen war merklich eingeengt, sie besuchten das Restaurant „um die Ecke“, seltener das Konzert in der entfernten Innenstadt. Drei Viertel der Besuchten war gerne alleine im Viertel unterwegs, nur ein Drittel konnte das für den gesamten Hamburger Stadtraum sagen, zumal in der dunklen Jahreszeit. Zumeist nicht (mehr) mit Betreuung von Enkelkindern befasst (die trotz engem Budget finanziell unterstützt wurden), waren die Besuchten auch nicht (mehr) eh86 renamtlich tätig. Ihre selbständige Lebensführung war vielmehr beeinträchtigt durch die ungenügende Zugänglichkeit oder Anzahl von ehrenamtlichen und professionellen Angeboten, die bei Mobilitätseinschränkungen oder Unsicherheitsempfinden außerhäusliche Mobilität unterstützen. Ohne Illusionen über ihre objektiv mäßige gesundheitliche Verfassung berichteten die Besuchten überwiegend von guter Lebensqualität und hoher Zufriedenheit. Sie schien verbunden mit der noch guten Qualität der sozialen Situation, mit der vertrauten Wohnung und dem Wohnungsumfeld. Die Zufriedenheit wurde getragen von passablen großstädtischen Versorgungs- und Infrastrukturen. 70% der Besuchten lebten „schon länger“ allein, viele mehr als 5 Jahre. Sie fühlten sich mehrheitlich nicht einsam, wenngleich 35% angaben, „zufrieden sein zu müssen“, was Defizite signalisierte. Fast alle konnten eine oder mehrere Bezugspersonen nennen mit harmonischem Charakter der Beziehung. Die Hälfte der Befragten gab an, zu dieser Person jeden Tag unmittelbaren Kontakt zu haben, alle schätzten den zusätzlichen regelmäßigen indirekten Telefonkontakt. In über 80% der als harmonisch beschriebenen Beziehungen war ein enger Familienangehöriger involviert, ohne dass man in einer gemeinsamen Wohnung oder in einem Haus lebte. Nicht selten handelte es sich auch um eine Haushaltshilfe, den Nachbarn oder eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes. Die Wohnungen der Besuchten, insbesondere Bad, WC und Balkonzugang zeigten sich als nicht barrierefrei. 90% der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer äußerten sich indes sehr zufrieden mit ihren vier Wänden und dem umliegenden Quartier, in dem sie oft schon Jahrzehnte lebten. Schwierige Alltagsanforderungen wurden

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen mit Technik und Raffinesse, mit einem fein gesponnenen Hilfearrangement, wenn nötig mit Verhaltenheit, Zielanpassung oder mit Humor und Ironie bewältigt; fast obligatorisch: der erhöhte Toilettensitz, die Dusch-Einstiegshilfe, die Pause beim Treppensteigen auf dem Etagenstuhl, das wiederholte Einkaufen kleinerer Portionen mit dem Rollator, das kluge Ampelphasenmanagement. Passable städtische Versorgungs- und Infrastrukturen ermöglichten diesen Balanceakt. Die Besuchten delegierten Aufgaben an Professionelle: 50% dieser älteren Personen lebte mit regelmäßigen Haushaltsund Gartenhilfen, mit einem Getränkelieferservice (vor allem die Männer mit „Essen auf Rädern“) und mit einem Pflegedienst, der hauswirtschaftliche Hilfe leistete. Zwei Drittel der Besuchten gaben an, dass alle Geschäfte des täglichen Bedarfs zu Fuß erreichbar seien. Bei fast allen war eine Bus- und U-Bahnhaltestelle unter 500 Meter entfernt. 70% nutzten gerne Bus und Bahn, um die in entfernteren Teilen der Stadt lebenden Familienangehörigen zu besuchen. Selbst bei wenig eingeschränkter Mobilität, auch bei teilweise beklagter sozialer Isolation, erschienen indes „alterstypische“ Angebote (Seniorentreff, Kirchgang) für diese älteren Menschen nur selten anziehend. 5.4 Fazit: gefährdete Selbständigkeit In den Hausbesuchen wurden Umrisse eines kreativ-selbständigen Alterns erkennbar. Es erschien indes besonders gefährdet durch berichtete starke Schmerzen. 90% der Besuchten gaben an, mehrmals in der Woche von Schmerzen des Muskel- und Skelettsystems geplagt zu werden, ein Drittel davon in der Qualität „dauerhaft, nicht zu ignorieren, beeinträchtigt alle Aktivitäten“. Ältere, insbesondere Frauen, werden zukünftig aufgrund lückenhafter Erwerbsbiografien weniger Ressourcen in die erfolgreiche Gestaltung ihrer Lebensführung einbringen. Auch das informelle Unterstützungspotenzial könnte bei Zunahme städtischer Singlehaushalte und bei der Steigerung der Erwerbsquote von Frauen an Grenzen stoßen. Möglicherweise erwachsen hier ambulanten Pflegediensten Aufgaben im Bereich Prävention und Beratung, auch im Feld haushalts- und alltagsnaher Dienstleistungen, die von ehrenamtlich tätigen Bürgern allein nicht übernommen werden können. Die Basis für diese Leistungen könnte das Instrument des Präventiven Hausbesuches sein, die Zielgruppe ältere Menschen mit einschlägigen Anzeichen von funktionellem Abbau. In der zweiten LUCASFörderphase 2011-2013 untersucht die Hamburgische Pflegegesellschaft die Effektivität des Präventiven Hausbesuches in einer randomisiert-kontrollierten Studie. Weitere Informationen unter: www.geriatrie-forschung.de Gefördert durch das BMBF: Förderkennzeichen –01ET0711.

87

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen III.6 Stürze und Medikamente im Krankenhaus
W. von Renteln-Kruse, L. Neumann, S. Golgert, M. Modreker, T. Krause, V. Hoffmann

recht zeitaufwendig oder/und nur eingeschränkt aussagefähig. Ein etabliertes Instrument aus Großbritannien ist das sogenannte St. Thomas’ Risk Assessment Tool (STRATIFY). Sturzgefährdete Patientinnen und Patienten werden anhand der folgenden fünf Risikofaktoren identifiziert: • Kürzliches Sturzereignis • Mobilitätseinschränkung • Störung der kognitiven Leistungsfähigkeit • Sehbehinderung • Häufiger Toilettendrang. Die Analysen von mehreren Tausend stationär behandelten Patientinnen und Patienten der Medizinisch-Geriatrischen Klinik am Albertinen-Haus zeigen allerdings, dass Risikopatientinnen und Risikopatienten nur unzureichend unter Anwendung des STRATIFY erkannt werden.

6.1 Einleitung Stürze zählen zu häufigen unerwünschten Ereignissen während stationärer Behandlungen im Krankenhaus. Sie verursachen zum Beispiel Schmerzen, Verletzungen, wachsende Angst vor dem erneuten Fallen für die Betroffenen und können den Behandlungsfortgang komplizieren und verlängern. Deshalb kommen unter dem Gesichtspunkt von Patientensicherheit Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen auch im Krankenhaus wachsende Bedeutung zu. Das Wissen um die bestmögliche Vorbeugung von Stürzen im Krankenhaus ist jedoch noch beschränkt und Präventionsmaßnahmen aus anderen Versorgungsund Lebensbereichen sind nicht ohne weiteres auf die Situation im Krankenhaus übertragbar. Die Anzahl möglicher Ursachen für ein erhöhtes Sturzrisiko nimmt mit steigendem Lebensalter deutlich zu. Dies gilt besonders für kranke alte Menschen. Das erklärt die große Häufigkeit von Stürzen in Krankenhausbereichen, in denen besonders viele ältere Menschen behandelt werden. Das LUCAS Teilprojekt „Stürze und Medikamente im Krankenhaus“ arbeitet an zwei Stellschrauben, um stationäre Sturzereignisse zu verringern. 6.2 Ergebnisse und Bewertung Verlässliche Risikoerkennung Für die Sturz-Prävention ist die Erkennung besonders gefährdeter Patientinnen und Patienten wichtig. Die bisher hierfür z. T. eingesetzten Verfahren sind entweder 88

Stürzende

508

Sturzereignisse

745

Einfachstürzende

361

Mehrfachstürzende 147

Abbildung 6.1: Sturzhäufigkeiten in der Medizinisch-geriatrischen Klinik Albertinen-Haus (Stichprobenumfang n=4.735)

Dennoch weisen alle in diesem Verfahren enthaltenen Risikofaktoren ohne Ausnahme auf einen statistisch gesicherten Zusammenhang zu Stürzen auf.

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen Weitergehende Untersuchungen belegen jedoch, dass einigen Risikomerkmalen offenbar herausragend prognostische Bedeutung zukommt. Besonders gefährdet sind Patientinnen und Patienten mit Sturzereignissen in der jüngeren Krankengeschichte, jene Patientinnen und Patienten mit Einschränkungen ihrer Möglichkeiten zur sicheren Bewegung (Mobilität) und Patientinnen und Patienten mit Störungen kognitiver Leistungsfähigkeit.
80% 60% 40% 20% 0%
35,3% 21,2% 19,4% 21,2% 36,2% 64,6%

kenhauspatientinnen und Krankenhauspatienten erwartungsgemäß hoch. Die Zusammenhänge zu spezifischen Arzneimittelverordnungen und Stürzen im Krankenhaus sind jedoch aufgrund ihrer Komplexität noch unklar. Die bisherigen Ergebnisse weisen auf die Bedeutung von bestimmen Medikamenten im Zusammenhang mit Sturzereignissen im Krankenhaus hin. Insbesondere scheint das Sturzrisiko höher zu sein, wenn diese Medikamente in Kombination eingenommen werden. Die laufenden Auswertungen liefern Hinweise für Ansatzpunkte gezielter Maßnahmen zur Verringerung der Verordnung diesbezüglich kritischer Medikamente und Arzneimittelkombinationen. 6.3 Perspektiven zur Fortsetzung der Forschung Verbesserte Sturzprävention im Krankenhaus Die derzeitige Studie baut auf den Ergebnissen der ersten Untersuchungen auf und nutzt diese für Interventionen. Ziel ist es, praktikable Maßnahmen der verbesserten Sturzprävention bei älteren Patientinnen und Patienten zu entwickeln. Dafür sollen Routine-Daten verwendet werden, die ohne unangemessen hohen zeitlichen und methodischen Aufwand erhoben werden. Dadurch wird die Implementierung in der alltäglichen Patientenversorgung im Krankenhaus erleichtert. Durch die Interventionen kann so mit einem hohen Maß an Wahrscheinlichkeit eine wirksame Reduktion von Sturzereignissen erreicht werden.

Abbildung 6.2: Verteilung untersuchter STRATIFYRisikofaktoren sowie das Item Medikation in der Stichprobe

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurde ein optimiertes Verfahren entwickelt, das Sturzrisiko-Patientinnen und Sturzrisiko-Patienten erkennt, um ihnen gezielt Präventionsmaßnahmen zukommen zu lassen. Arzneimittel als mögliche Risikofaktoren Weiter können verschiedene Arzneistoffe das Sturzrisiko bei älteren Patientinnen und Patienten erhöhen. Das Aufkommen verordneter Medikamente ist bei Kran-

89

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen 6.4 Informationsquellen Internetauftritt des Partner AlbertinenHaus: Albertinen-Haus, Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Wissenschaftliche Einrichtung an der Universität: www.geriatrie-forschung.de Auswahl an Veröffentlichungen: M.K. Modreker, W. von Renteln-Kruse (2009): Arzneimittel und Stürze im Alter. In: Der Internist, 50(4), p. 493-500. M.K. Modreker, S. Golgert, T. Krause, V. Hoffmann, J. Hasford, W. v. Renteln Kruse (2009): Identifikation sturzgefährdeter älterer Patienten im Krankenhaus mit STRATIFY. In: European Journal of Geriatrics (EJG) Vol. 11, No 3-4, S. 177. Gefördert durch das BMBF: Förderkennzeichen –01ET0708.

90

Gesundheit älterer Menschen

III.7 Mobil bleiben – Mobilität erhalten und fördern – Pflegesprechstunden zur Mobilitätsförderung bei multimorbiden älteren Menschen (HAW Hamburg)
S. Strupeit 5, R. Brunnett 6, S. Wolfers3, C. Deneke3

Die Mobilität zu erhalten, ist nicht nur ein zentrales Bedürfnis von Menschen, sondern auch eine relevante Voraussetzung und Ressource für Selbständigkeit, Autonomie und Lebensqualität im Alter 7. Der Verlust dieser Mobilität kann einen hohen Risikofaktor für Pflegebedürftigkeit und Heimeinweisung darstellen. Vor dem Hintergrund des demografischen, sozialen, gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Wandels und den daraus resultierenden zukünftig zu erwartenden Pflegebedarfen 8, erhält das Ziel, Mobilität bei älteren Menschen zu erhalten und zu fördern, eine besondere Relevanz 9. 7.1 Zielsetzung

terstützen, nach der Krankenhausentlassung nachhaltig und umfassend mobil zu bleiben bzw. wieder mobil zu werden, um so lange wie möglich in der häuslichen Umgebung bleiben zu können. Bei Patienten, die in Pflegeheime entlassen werden, soll eine Verschlechterung der Einschränkungen bezüglich der Aktivitäten des täglichen Lebens verhindert werden. Zusammenfassung der Studienziele • Förderung und Erhalt einer nachhaltigen Mobilität bei geriatrischen Patienten • Entwicklung eines Konzeptes zur systematischen Mobilitätsberatung, -schulung und -anleitung für ältere und hochaltrige multimorbide Menschen im klinischgeriatrischen Setting • Entlastung von Pflegenden und Ärzten von zeitraubenden Beratungs-, Schulungs- und Anleitungsaufgaben und Optimierung der interprofessionellen Zusammenarbeit • Promotionsmöglichkeit für Nachwuchswissenschaftler der Pflegewissenschaft und Medizin. 7.2 Ergebnisse und Bewertung

Die Studie hatte das Ziel, für ältere und hochaltrige multimorbide Menschen ein Konzept für eine Pflegesprechstunde in der geriatrischen Klinik des Albertinen-Hauses in Hamburg-Schnelsen zu entwickeln und umzusetzen. Die Pflegesprechstunde soll dazu dienen, diese Menschen systematisch darin zu unHochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg Hamburger Fern-Hochschule 7 Mollenkopf, H.; Flaschenträger, P. Erhalt von Mobilität im Alter. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Stuttgart u.a. : Kohlhammer, 2001. Bd. 197. 8 Hasseler, M.; Görres, S. Was Pflegebedürftige wirklich brauchen. Berliner Schriften. Reihe Pflegebibliothek. Hannover : Schlütersche, 2005. 9 BMFSF. Erster Bericht des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über die Situation der Heime und die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner. Berlin : 2006.
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Quantitative und qualitative Daten bestätigen folgende Studienergebnisse: • Die Mobilität und die Lebensqualität konnte durch eine kontinuierliche ressourcenorientierte Beratung nachhaltig beibehalten werden. • Die verschiedenen Berufsgruppen wurden durch die nahtlose Überleitung aus der Klinik in den häuslichen Bereich entlastet. • Pflegefachkräfte konnten durch das neu entwickelte Schulungskonzept ihre Beratungskompetenzen gezielt vertiefen und somit ihre Handlungskompetenzen und ihr Berufsverständnis erweitern. 91

Gesundheit älterer Menschen

Der Begriff der Mobilität konnte über den funktionellen Status hinaus erweitert werden. Durch qualitative Interviews konnte bestätigt werden, dass unterschiedliche Bedarfe innerhalb der Beratungssituation vorhanden sind. Es ließen sich Tendenzen erkennen, dass Frauen und Männer einen unterschiedlichen funktionellen Status aufweisen sowie unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf Mobilität besitzen.

7.3 Perspektiven zur Fortsetzung der Forschung Die „Mobilitäts-Pflegesprechstunde“ für spezifische Zielgruppen wird in einer zweiten Förderphase (Januar 2011 bis Dezember 2013), dem LUCAS II Teilprojekt 7a, weiterentwickelt. Dadurch können weitere präventive Konzepte in pflegerische Handlungsfelder integriert werden. Die Entwicklung eines Schulungskonzeptes für nicht-akademisch ausgebildete Pflegefachkräfte soll hierbei den Fokus auf evidenzbasierte Prävention legen. Eine langzeitige Nachbetreuung festigt nachhaltig die Mobilität von älteren bzw. hochaltrigen multimorbiden Menschen und sichert die Rehabilitationserfolge. 7.4 Informationsquellen Weitere Informationen erhalten Sie auf der Internetseite des Albertinen-Hauses unter http://albertinen.de/krankenhaeuser/geri atrische_klinik/leistungsspektrum/lucas/ teilprojekt7 Gefördert durch das BMBF: Förderkennzeichen –01ET0712.

Mobilität als funktioneller Status Körperliche und geistige Beweglichkeit als Disposition

Mobilität als Handeln • Körperliche, geistige und soziale Aktivität • Krankheitsbewältigung • Gesundheitshandel n

Subjektive Bedeutung von Mobilität • Selbstkonzepte • Strategien • Ziele • Bedürfnisse

Abbildung 7.1: Multidimensionales Konzept von 10 Mobilität; Quelle: Brunnett et al. (2009)

Handlungsempfehlungen Eine gezielte Patientenedukation (Beratung, Schulung und Anleitung) nach der Entlassung aus dem geriatrisch-klinischen Bereich kann die funktionale Mobilität und Lebensqualität erhalten und auch weiter fördern.

Brunnett, R.; Hasseler, M.; Strupeit, S.; Deneke, C. Zwischen Fallarbeit und Evidenzbasierung. Ein interdisziplinäres Qualifizierungskonzept für eine ressourcenorientierte‚ Pflegesprechstunde zur Mobilitätsförderung. In: Behrens, J. (Hrsg.) Hallesche Beiträge zu den Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Halle : 2009. 8. Jg., Bd. 1.

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Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen

IV. Fazit und Perspektiven
Unsere Gesellschaft verändert sich. Der Anteil älterer, besonders der Anteil der ältesten Menschen wächst ständig. „Gesundheit im Alter“ bedeutet dabei eine Herausforderung. Im Vergleich mit Jüngeren besteht eine höhere Krankheitslast bei Ansprüchen an die Lebensqualität wie in anderen Altersphasen. Gesundheit schließt körperliches und seelisches Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit, Selbstständigkeit, soziale Kontakte, sinnstiftende Aktivität sowie gesellschaftliche Teilhabe (Partizipation) auch im Alter ein. Neben körperlichen Einschränkungen und Gebrechlichkeit gefährden insbesondere im hohen Alter auch Demenzen die Selbstständigkeit. Gesundheit im Alter ist deshalb aus bevölkerungsmedizinischer Sicht von großer Bedeutung und wird in der Forschung durch unterschiedliche Disziplinen bearbeitet. So sind auch in Hamburg Fragen zur Gesundheitsversorgung sowie Angebote der Prävention und der Gesundheitsförderung Älterer von hohem Interesse. Die Erkenntnisse der repräsentativen LUCAS-Telefonbefragung (Berichte zur Gesundheit älterer Menschen in Hamburg I und II) stellen eine Ausgangsbasis für die Bearbeitung derartiger Fragen dar. Sie komplementieren die insgesamt im LUCAS-Verbund bearbeiteten Forschungsthemen. Zugleich sind die Ergebnisse der Hamburger GBE im Kontext bundesweiter Erhebungen, wie z. B. des Robert Koch-Instituts und des Deutschen Zentrums für Altersforschung, zu bewerten. Die Telefonbefragung zur Gesundheit von Hamburgerinnen und Hamburgern ab 60 Jahren vermittelt, wie Ältere ihre Gesundheit einschätzen und was sie selbst eigenverantwortlich dafür tun, mit wel93

chen Kompetenzen sie ihren Alltag gestalten und welchen Herausforderungen sie sich stellen. Eine Schlüsselfunktion zur Wahrung der Selbständigkeit im höheren Lebensalter ist die Mobilität. Sie ist eines der verbindenden Hauptthemen von LUCAS-Teilprojekten, die unterschiedliche Aspekte von Mobilität untersuchen. Die LUCAS-Teilprojekte haben in diesem Bericht bisherige Erkenntnisse in Kurzform dargestellt und aufgezeigt, wie die Forschungsfragen weiterverfolgt werden sollen. Die Fortführung der Langzeitbeobachtung ist insbesondere für die Untersuchung normalen Alterns wichtig. Vertiefende Analysen von Teilgruppen helfen z. B. zu klären, wie ersten Mobilitätsverlusten entgegenzuwirken ist oder welche Faktoren zur Aufrechterhaltung von Selbstständigkeit im Alter beitragen. Für Gesundheitsförderung und Prävention weisen die Ergebnisse der telefonischen Befragung innerhalb der älteren Bevölkerung Hamburgs sehr unterschiedliche Zielgruppen aus. Erste Empfehlungen dazu wurden bereits in die Gesundheitsberichterstattung integriert. Die über 75-Jährigen sind z. B. häufiger bei Alltagsaktivitäten eingeschränkt und glauben, nicht viel zum eigenen Wohlbefinden sowie zum Gesundheitszustand beitragen zu können. Migrantinnen und Migranten mangelt es häufiger an Unterstützungsmöglichkeiten. Dieser Bericht bestätigt im Übrigen auch Unterschiede im Gesundheitszustand und im Gesundheitsverhalten älterer Menschen mit Bezug zur sozioökonomischen Einstufung. Hier muss geklärt werden, an welche(n) Zielgruppe(n) sich bestimmte Maßnahmen richten sollen. Zum einen sollte es im Alter darum gehen, mit Gesundheitsförderung die Gesundheit zu erhalten und zu stärken. Zum anderen sollen mit Prävention Krankheiten und Krankheitsfol-

Gesundheit älterer Menschen Gesundheit älterer Menschen gen abgemildert und/oder vermieden werden. Damit kann insgesamt der Entwicklung von Pflegebedürftigkeit vorgebeugt werden. Geeignete Rahmenbedingungen sollen sozial bedingte Ungleichheit nicht noch vergrößern, sondern verringern. Darüber hinaus spielen Anreize für Verhaltensänderungen und bei Bedarf auch im Alltag nutzbare Angebote eine wichtige Rolle. Persönliche Faktoren, z. B. Lebensstil, Gesundheitsverhalten sowie Wohnumfeld und Wohnung sind bedeutsam. Auch die Analysen multidimensionaler Daten im LUCAS-Verbund werden zur Klärung dieser Zusammenhänge beitragen. Die BGV wird sich zusammen mit Partnern und Akteuren aus Hamburg für ein gesundes, kompetentes, selbstbestimmtes und bewegtes Altern einsetzen. Die erste Zielkonferenz des Paktes für Prävention zum Thema ’Gesund alt werden in Hamburg’ und der darauf aufbauende Prozess wird sich der Verbesserung der Gesundheit älterer Hamburgerinnen und Hamburger widmen. Dafür zeichnen sich bereits prioritäre Handlungsfelder wie z. B. Wohnen, Wohnumfeldgestaltung und Bewegungsförderung ab. Es wird darum gehen, die wesentlichen Zielgruppen zu bestimmen und vordringliche Handlungsbedarfe mit möglichen Ansätzen und Aktivitäten zu bestimmen. Von den beteiligten Partnern wird abhängen, wie erfolgreich und nachhaltig diese sind, welche Synergieeffekte entstehen und wie diese genutzt werden. Ziel des Paktes für Prävention ist es, einen Beitrag zur langfristigen Strukturentwicklung zu leisten und Aktionismus zu vermeiden, die Transparenz von Angeboten für die jeweilige Zielgruppe zu erreichen sowie Maßnahmen – wo möglich – zu bündeln. Die Bürgerinnen und Bürger sollten darüber informiert sein, wo es welche Angebote gibt und wie sie genutzt werden können. Die Identifikation geeigneter Zugangswege, auch vor dem Hintergrund, dass Setting-Ansätze bei der älteren Generation weniger greifen - ist eine besonders schwierige Aufgabe. Auch hierzu können die Ergebnisse des LUCAS-Verbundes einen Beitrag leisten. Respekt gebührt den älteren Menschen in guter Gesundheit und mit geringer Hilfsbedürftigkeit ebenso wie denjenigen, deren Alltag von Erkrankungen, Gebrechlichkeit sowie Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet ist, denn nicht jede Pflegebedürftigkeit ist vermeidbar. Die Mehrzahl der telefonisch Befragten befand sich nach eigener Einschätzung in einem guten Gesundheitszustand. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer anderer LUCASProjekte hatten gravierende gesundheitliche Probleme. Die Gesellschaft insgesamt muss die Lebenswelten so gestalten, dass sie älteren Menschen bis ins hohe Alter die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Gesundheit im Alter ist als Herausforderung anzunehmen, die nicht nur mit dem Übergang in den Ruhestand zu tun hat. Aus gesundheitlicher Sicht ist es nie zu spät, mit gesundheitsbewusstem Verhalten zur Gesunderhaltung beizutragen. Bei belastenden Einschränkungen und Erkrankungen ist allen betroffenen Älteren zu wünschen, dass sie nicht resignieren, sondern erkennen „was noch geht“ - und ihnen gut tut.

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Gesundheit älterer Menschen

IMPRESSUM
Gesundheitsbericht Herausgeber: Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsförderung Billstraße 80, 20539 Hamburg September 2011 Dr. Regina Fertmann Tobias Kröpelin Nils Möller © Collage von kwh-design mit Fotos von
von links oben nach unten: Gerd Altmann, Günter Havlena, adel (alle pixelio.de), Otto Durst (fotolia.com) von rechts oben nach unten: Alexandra Bucurescu, 2 x Rainer Sturm, ulikat, Jerzy (alle pixelio.de)

Stand: Berichterstellung: Unterstützung bei Datenerhebung und Auswertung: Gestaltung: Titelfoto:

© 2011, Alle Rechte vorbehalten Bezug: Abteilung Gesundheit im Internet: Druck/Herstellung ISBN Anmerkung zur Verteilung: Sie erhalten den Bericht kostenlos unter  (040) 428 37 - 1999 gesundheitslotsen@bgv.hamburg.de www.hamburg.de/gesundheit Medien Mélange 978-3-9814693-0-1

Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerberinnen und Wahlwerbern oder Wahlhelferinnen und Wahlhelfern zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Bürgerschafts-, Bundestags- und Europawahlen sowie die Wahl zur Bezirksversammlung. Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die Druckschrift nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme der Landesregierung zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden könnte. Die genannten Beschränkungen gelten unabhängig davon, wann, auf welchem Wege und in welcher Anzahl diese Druckschrift dem Empfänger oder der Empfängerin zugegangen ist. Den Parteien ist es jedoch gestattet, die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder zu verwenden.

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ältere Mensche

Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II

Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II
Berichte und Analysen zur Gesundheit

Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Amt für Gesundheit Fachabteilung Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsförderung Billstraße 80 20539 Hamburg www.hamburg.de/gesundheit ISBN 978-3-9814693-0-1

Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz

Hambur
Hamburg

Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II
Tabellenanhang

GESUNDHEIT
Hamburg

Hamburg

ältere Menschen

IMPRESSUM
Gesundheitsbericht Herausgeber: Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsförderung Billstraße 80, 20539 Hamburg September 2011 Dr. Regina Fertmann Tobias Kröpelin Nils Möller, René Gratzki © Collage von kwh-design mit Fotos von
von links oben nach unten: Gerd Altmann, Günter Havlena, adel (alle pixelio.de), Otto Durst (fotolia.com) von rechts oben nach unten: Alexandra Bucurescu, 2 x Rainer Sturm, ulikat, Jerzy (alle pixelio.de)

Stand: Berichterstellung: Unterstützung bei Datenerhebung und Auswertung: Gestaltung: Titelfoto:

© 2011, Alle Rechte vorbehalten Bezug: Abteilung Gesundheit im Internet: Sie erhalten den Bericht kostenlos unter  (040) 428 37 - 1999 gesundheitslotsen@bgv.hamburg.de
www.hamburg.de/gesundheit

Anmerkung zur Verteilung:
Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerberinnen und Wahlwerbern oder Wahlhelferinnen und Wahlhelfern zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Bürgerschafts-, Bundestags- und Europawahlen sowie die Wahl zur Bezirksversammlung. Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die Druckschrift nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme der Landesregierung zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden könnte. Die genannten Beschränkungen gelten unabhängig davon, wann, auf welchem Wege und in welcher Anzahl diese Druckschrift dem Empfänger oder der Empfängerin zugegangen ist. Den Parteien ist es jedoch gestattet, die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder zu verwenden.

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Die Gesundheit älterer Menschen in Hamburg II Tabellen-Anhang

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II.1 Erhebung und Methoden

Zufallsstichprobe n Altersmittelwert, Standardabweichung Median, Altersspanne Anteil männlich Ortsteilbezogene Beteiligung z.B. Rahlstedt Billstedt

Interviewte 1098 70,9 Jahre 7,3 Jahre 71Jahre 59-89 Jahre 42% n=71 / 6,5% n=41 / 3,7%

Short-Responder 1224 70,3 Jahre 7,3 Jahre 70 Jahre 59-84 Jahre 40% n=86 / 7% n=61% / 5%

Non-Responder 2494 70,6 Jahre 7,3 Jahre 70 Jahre 59-89 Jahre 41% n=168 / 6,7% n=107 / 4,3%

Tabelle A1.1: Zufallsstichprobe - Vergleich der Interviewten (noch ungewichtete Stichprobe), der ShortReponder und der Non-Responder in Alter, Geschlecht und beispielhaft regionaler Herkunft.

Migranten n Altersmittelwert, Standardabweichung Median, Alterssspanne Anteil männlich Ortsteilbezogene Beteiligung z.B. Eimsbüttel Bramfeld

Interviewte 120 67,2 Jahre 6,8 Jahre 65 Jahre 59-89 Jahre 48% n=8 / 6,7% n=7 / 5,8%

Short-Responder 390 67,8 Jahre 7,6 Jahre 66 Jahre 59-97 Jahre 50% n=14 / 3,6% n=14 / 3,6%

Non-Responder 910 68,8 Jahre 8,5 Jahre 67 Jahre 59-105 Jahre 53% n=31 / 3,4% n=28 / 3,1%

Tabelle A1.2: Migranten - Vergleich der Interviewten, der Short-Reponder und der Non-Responder in Alter, Geschlecht und beispielhaft regionaler Herkunft.

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Gründe für nicht-Teilnahme gesamt n Altersmedian (Spanne) in Jahren Geschlechterverhältnis männlich/weiblich (in %) Anteil deutsche Staatsangehörigkeit Anteil Geburtsort Deutschland Anteil max. Hauptschulabschluss Anteil schlechter gesundheitlicher Allgemeinzustand Anteil eingeschränkt im Alltag Anteil Verbesserungsbedarf im Gesundheitsverhalten Anteil mit chronischen Krankheiten Anteil mit nur eine chronischer Krankheit 1.614 69 (60- 97) 42%/58% 72% 57% 50% 21% 53% 29% 56% 39%

verschiedenes oder keine Angabe 1.215 68 (59- 97) 43%/57% 79% 65% 48% 14% 47% 26% 51% 44%

sprachliche Probleme 175 68 (59 – 95) 37%/ 63% 12% 5% 59% 39% 69% 46% 73% 28%

zu alt oder zu krank 224 77 (59- 90) 44%/56% 76% 51% 59% 67% 84% 36% 83% 20%

Tabelle A1.3: Angaben der Short-Responder (gesamt und Teilgruppen) soziodemografische Merkmale und Angaben zum Gesundheitszustand. (Anm.: Die Datensätze der Short-Responder sind lückenhaft; bei einzelnen Angaben fehlen bis zu 25% der erbetenen Angaben. Die Prozentzahlen beziehen sich auf die gültigen Angaben).

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II.2 Soziodemographische Merkmale der altersrepräsentativen Stichprobe 60- bis 64-Jährige Anteil in % Schulabschluss Hauptschulabschluss Realschulabschluss Fach-/Hochschulabschluss berufsbildender bzw. Hochschulabschluss Ohne Abschluss Lehre/Ausbildung Fachhoch-, Hochschule, Promotion n = 44.000 43 % 18% 38% n = 46.000 15% 50% 32% n = 43.000 44% 32% 25% n = 45.000 22% 60% 17% Männer Frauen

Tabelle A2.1: Schulabschluss bzw. berufsbildender oder Hochschulabschluss der Hamburger Bevölke1 rung im Jahr 2009. Quelle: Mikrozensus im Statistischen Jahrbuch Hamburg 2010/2011.

1

Durch Rundungen können ggf. Prozentsummen entstehen, die oberhalb oder unterhalb 100% liegen.

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II.3 Gesundheitszustand und Inanspruchnahme des medizinischen Versorgungssystems
sozioökonomischer Status gering mittel hoch n=450 n=296 n=348 Anteil in Prozent mit gutem/ sehr guten Gesundheitszustand mit chronischen Erkrankungen mit Schmerzen gesamt (M/F) 55 (46/61) 69 (75/66) 44 (37/48) gesamt (M/F) 61 (58/63) 64 (65/64) 40 (32/45) gesamt (M/F) 76 (82/68) 52 (52/55) 26 (24/30)

Tabelle A3.1: Gesundheitszustand in Abhängigkeit vom soziökonomischen Status gesamt und getrennt für Männer (M) und Frauen (F). (n=1094; LUCAS-Telefonbefragung)

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II.4 Gesundheitsverhalten und Interesse an Gesundheitsthemen Multivariate Verfahren In dieser Auswertung wurden multivariate logistische Regressionen berechnet, bei denen ein Anfangsmodell mit allen Variablen auf eine Kombination von signifikanten Prädiktoren reduziert wurde (stepwise backwards), um ein gesundheitsrelevantes Merkmal, eine Verhaltensweise, bestmöglich „vorherzusagen“. Zur Nachvollziehbarkeit sind hier die Endmodelle dargestellt. Die Auswertung erfolgte mit SPSS. Männer n=458 Gesundheitszustand (dreistufig) Selbstständigkeit Alter Sozioökonomischer Status (2) Sozioökonomischer Status (3) Konstante OR 0,85 0,89 1,03 1,84 1,24 0,72 95%-CI 0,73-0,98 0,81-0,97 1.01-1,06 1,15-2,96 0,74-2,07 beta -,17 -,12 0,03 0,61 0,21 -,33 s 0,08 0,05 0,02 0,24 0,26 1,30

Tabelle A4.1: Ergebnis der multivariaten Regressionsanlayse für Grenzwertüberschreitung des AUDIT bei Männern (Modell mit Chi-Quadrat=43,49, p<=0,0001; Nagelkerkes r-Quadrat =12%); Variablen nicht im Modell enthalten: Mobilitätsindex, Hilfenetz, Status als Helfer, Status als Alleinlebender

Tabelle A4.2: Ergebnis der multivariaten Regressionsanlayse für Grenzwertüberschreitung des AUDIT bei Frauen (Modell mit Chi-Quadrat=87,76, p<=0,0001; Nagelkerkes r-Quadrat =18%); Variablen nicht im Modell enthalten: Status als Helfer, Hilfenetz, Alter, soziökonomischer Status

Frauen n=632 Gesundheitszustand (dreistufig) Selbstständigkeit Mobilitätsindex Sozioökonomischer Status (2) Sozioökonomischer Status (3) Status als Alleinlebende Konstante

OR 0,88 0,88 0,88 2,56 1,61 0,56 17,59

95%-CI 0,77-1,02 0,82-0,95 0,78-0,99 1,66-3,93 1,01-2,56 0,4-0,8

beta -,13 -,13 -,13 ,94 ,48 -,57 2,87

s 0,07 0,04 0,06 0,22 0,24 0,18 0,57

n=1090 Mobilität Status als Helfer Alter Konstante

OR 1,23 1,65 0,94 62,9

95%-CI 1,13-1,37 1,20-2,23 0,02-0,96

beta 0,22 0,50 -0,07 4,14

s 0,05 0,16 0,01 0,95

Tabelle A4.3: Ergebnis der multivariaten Regressionsanlayse für Bewegungsaktivität (Modell mit ChiQuadrat=113,62, p<=0,0001; Nagelkerkes r-Quadrat =17%); Variablen nicht im Modell enthalten: Geschlecht, Status als alleinlebende Person, Selbstständigkeit, Hilfenetz, Mediennutzung, soziökonomischer Status)

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