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Vertiefende Milieu-Profile im Spannungsfeld von Umwelt und Gerechtigkeit

Full text: Vertiefende Milieu-Profile im Spannungsfeld von Umwelt und Gerechtigkeit

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85/2011

Umweltbewusstsein in Deutschland 2010. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage
Vertiefungsbericht 1:
Vertiefende Milieu-Profile im Spannungs- feld von Umwelt und Gerechtigkeit

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85/2011

UMWELTFORSCHUNGSPLAN DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR UMWELT, NATURSCHUTZ UND REAKTORSICHERHEIT Forschungskennzahl 3709 17 154 UBA-FB 001557

Umweltbewusstsein in Deutschland 2010. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage
Vertiefungsbericht 1:
Vertiefende Milieu-Profile im Spannungsfeld von Umwelt und Gerechtigkeit
von Dr. Silke Borgstedt Tamina Christ Dr. Fritz Reusswig SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH, Heidelberg

Im Auftrag des Umweltbundesamtes

UMWELTBUNDESAMT

Diese Publikation ist ausschließlich als Download unter http://www.uba.de/uba-info-medien/4234.html verfügbar. Weitere Studien mit den Daten der Repräsentativumfrage „Umweltbewusstsein in Deutschland 2010“ finden Sie unter www.umweltbundesamt.de/umweltbewusstsein/umweltbewusstsein

Die in der Studie geäußerten Ansichten und Meinungen müssen nicht mit denen des Herausgebers übereinstimmen.

ISSN 1862-4804

Durchführung der Studie: Abschlussdatum: Herausgeber:

SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH Gaisbergstraße 6 69115 Heidelberg Juni 2011 Umweltbundesamt Wörlitzer Platz 1 06844 Dessau-Roßlau Tel.: 0340/2103-0 Telefax: 0340/2103 2285 E-Mail: info@umweltbundesamt.de Internet: http://www.umweltbundesamt.de http://fuer-mensch-und-umwelt.de/ Fachgebiet I 1.4 Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Umweltfragen, nachhaltiger Konsum Michael Wehrspaun

Redaktion:

Dessau-Roßlau, Dezember 2011

Kurzbeschreibung Das Themenfeld Umwelt und Gerechtigkeit hat auch in Deutschland sowohl von der wissenschaftlichen als auch von der politischen Seite her in den letzten Jahren verstärkte Aufmerksamkeit erfahren. In diesem Vertiefungsbericht wird zunächst auf den Zusammenhang zwischen Umwelt- und Lebensqualität eingegangen, um mögliche Synergien zwischen Umweltpolitik und der Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation auszuloten. Dabei wird, wie in der Basisbroschüre, die deutsche Bevölkerung differenziert nach Sinus-Milieus betrachtet. Es fällt auf, dass insbesondere das Milieu der Performer und das Hedonistische Milieu sich mit jeweils 16 % überdurchschnittlich häufig (Bevölkerung: 8 %) durch Umweltprobleme belastet fühlen. Ausgehend von der in der Literatur häufig geäußerten und teilweise auch empirisch bestätigten These, dass sozial benachteiligte Gruppen auch überproportional von Umweltbelastungen (z. B. Lärm, Luftverschmutzung, Unterausstattung mit Grün- und Freiflächen) betroffen sind, geht der Bericht im Anschluss näher auf die sozial benachteiligten Milieus ein (Prekäres Milieu, Hedonistisches Milieu, Traditionelles Milieu). Dabei zeigt sich, dass die Angehörigen dieser Milieus in der Regel zwar geringere Werte im allgemeinen Umweltbewusstsein aufweisen – ein in der Literatur ebenfalls häufig berichteter Tatbestand –, aber in einzelnen Verhaltensbereichen sich durchaus positive Ansätze für ein umweltbewusstes Verhalten finden. Diese sind z. T. bedingt durch mangelnde Ressourcen (z. B. Einkommen) und insofern als „unfreiwilliger Umweltschutz“ einzustufen, hängen teilweise aber auch von bestimmten Motivkomplexen ab, die mit Umweltfragen nichts zu tun haben (z. B. Sparsamkeit). Es werden umweltpolitische Handlungsvorschläge gemacht, die an den Besonderheiten der benachteiligten Milieus ansetzen (z. B. alternative Mobilitätskonzepte speziell für die Prekären). Die Mobilisierung der Potenziale zu mehr umweltbewusstem Verhalten und umweltbewussteren Einstellungen in diesen Milieus setzt zum einen voraus, dass Umweltpolitik ihre positiven Beiträge zur Verbesserung der Lebensqualität speziell dieser Gruppen herausstellt. Zum anderen ist es erforderlich, dass bestimmte Angebote (etwa im zivilgesellschaftlichen Umwelt- und Naturschutz) überdacht und besser auf die sozial benachteiligten Milieus zugeschnitten werden. Abstract Increased attention from science as well as politics has been drawn to the subject area of environment and justice in Germany over the past years. This in-depth report will go into the correlation between environmental quality and quality of life, thereby exploring the possible synergies between eco-politics and the improvement of the overall standard of living. The population is hereby categorised by Sinus Milieus, as seen in the base brochure. Noticeably, with 16 % each (overall population: 8 %), High Achiever milieu and the Escapist milieu in particular feel the burden of environmental problems. Based on the in literature often quoted and partly empirically confirmed thesis that socially disadvantaged groups are over proportionally affected by environmental pollution (e.g. noise, air pollution, a deficit in green and open spaces), the report then takes a closer look at the disadvantaged milieus (Precarious milieu, Escapist milieu, Traditional milieu). Here it is apparent that while those belonging to these milieus generally show less concern for environmental issues – a fact often documented in literature – they do indeed display positive tendencies in certain areas of environmentally conscious behaviour. Partly these are on account of a lack of resources (e.g. income) and therefore need to be categorised as "unintended environmental

protection", however, they are partly due to compounds of motives that are not related to environmental issues (e.g. economical consciousness). There are eco-political suggestions to act, which are based on the features of the disadvantaged milieus (e.g. alternative mobility concepts particularly for the precarious). In order to mobilise the potentials for an increased environmentally conscious behaviour and attitude in these milieus, it is essential that eco-politics focuses on its positive contribution towards an improvement of quality of life for these groups. On the other hand, it is necessary that certain offerings (for example environmental and nature protection in civil society) are thought over and tailored for the socially disadvantaged milieus.

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Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis 1 2 3 4 Zur Entstehung dieser Teilstudie .................................................................................................. 1 Einleitung......................................................................................................................................... 2 Lebensqualität durch Umweltschutz ............................................................................................ 5 Sozial benachteiligte Milieus .......................................................................................................12 4.1 Das Prekäre Milieu ................................................................................................................13

4.1.1 Allgemeine Milieucharakteristika ..................................................................................13 4.1.2 Prekäre und Umwelt ........................................................................................................14 4.1.3 Sensibilisierung der Prekären für Umweltthemen .......................................................15 4.2 Das Traditionelle Milieu........................................................................................................18

4.2.1 Allgemeine Milieucharakteristika ..................................................................................18 4.2.2 Traditionelle und Umwelt ...............................................................................................18 4.2.3 Sensibilisierung der Traditionellen für Umweltthemen ..............................................20 4.3 Das Hedonistische Milieu......................................................................................................21

4.3.1 Allgemeine Milieucharakteristika ..................................................................................21 4.3.2 Hedonisten und Umwelt .................................................................................................22 4.3.3 Sensibilisierung der Hedonisten für Umweltthemen ..................................................22 5 6 Fazit ................................................................................................................................................25 Quellenverzeichnis........................................................................................................................27

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Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die Sinus-Milieus® in Deutschland 2010 ....................................................................... 4 Abbildung 2:Relationale Belastung durch Umweltprobleme............................................................ 8

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Zur Entstehung dieser Teilstudie

Die hier vorgestellten Ergebnisse sind im Rahmen der Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2010“ entstanden. Sie basieren auf Interviews mit 2.008 Personen (1.602 aus West- und 406 aus Ostdeutschland), die von März bis April 2010 stattfanden und repräsentativ für Deutschland sind. Konzipiert und durchgeführt wurde die Befragung vom Sinus-Institut (Heidelberg/Berlin) in Fachbegleitung des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes. Dr. Fritz Reusswig (Potsdam) war als wissenschaftlicher Berater tätig. Die Datenerhebung erfolgte in Kooperation mit der MARPLAN Forschungsgesellschaft mbH Offenbach. Die fachliche Betreuung durch das UBA oblag Herrn Dr. Michael Wehrspaun, dem wir an dieser Stelle für seine Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge danken möchten. Die Broschüre mit den Basisdaten dieser repräsentativen Haushaltsbefragung wurde im Dezember 2010 veröffentlicht (www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/4045.pdf). Mit den Vertiefungsberichten – außer dem hier vorliegenden wurden zwei weitere erarbeitet zu den Themen „Umweltbewusstsein und Umweltverhalten junger Erwachsenen“ sowie „Engagement und Delegation“ – sollen einige Aspekte der umweltpolitischen Diskussion etwas detaillierter und für ein fachlich interessiertes Publikum aufbereitet werden – ausgehend vom selben Datensatz. Bei der Einordnung der Ergebnisse muss beachtet werden, dass die Daten vor der, durch das Erdbeben vom 11. März 2011 ausgelösten, nuklearen Katastrophe im japanischen Reaktorkomplex Fukushima Daiichi erhoben wurden. Es ist davon auszugehen, dass die Ereignisse in Japan das Umweltbewusstsein mindestens hinsichtlich der Einstellungen zu Energiethemen beeinflusst haben.

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Einleitung

Das Themenfeld „Umwelt und Gerechtigkeit“, das den Schwerpunkt dieses Vertiefungsberichtes bildet, wurde im Rahmen der BMU/UBA-Umweltbewusstseinsforschung in den letzten Jahren bereits mehrmals angesprochen. Schon die Studie des Jahres 2006 widmete dem Thema einen Abschnitt (BMU 2006: 70–75) und untersuchte u.a. die Frage, ob sich die Befragten über- oder unterdurchschnittlich durch Umweltbelastungen betroffen fühlten. Zudem wurde die soziale Verteilung verschiedener Gerechtigkeitsvorstellungen im Anschluss an die Cultural Theory erhoben. In seiner Aufarbeitung der Daten des 2006er Berichts hat das Team um Udo Kuckartz das Thema Umwelt und Gerechtigkeit schon einmal zum Gegenstand eines Vertiefungsberichts gemacht (Kuckartz et al. 2007b). Dabei standen Fragen wie die Wahrnehmung der Belastungen im Wohnumfeld, wahrgenommene Gesundheitsbelastungen oder die Einschätzung der Gefährdung durch Umweltrisiken im Mittelpunkt. Im 2008er Bericht wurde, neben der erneut abgefragten wahrgenommenen Umweltbelastung im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt, erstmals auch die soziale Verteilungswirkung von Umweltpolitik untersucht. Der vorliegende Vertiefungsbericht setzt diesen Themenschwerpunkt fort und gibt ihm zugleich eine neue Fokussierung. Das Instrument der Sinus-Milieus wird genutzt, um die Fragen von Umwelt und Gerechtigkeit sozial zielgerichtet zu verorten. Außerdem wird in diesem Bericht ein Schwerpunkt bei den sozial Schwächeren gesetzt, die häufig als Benachteiligte und deshalb Nicht-Unterstützer von Umweltpolitik gesehen werden. Umweltpolitische und Gerechtigkeitsfragen hängen eng zusammen, und wurden doch jahrzehntelang relativ isoliert voneinander diskutiert: Die „soziale Frage“ und die „ökologische Frage“ gingen getrennte Wege, verfolgten unterschiedliche Zielstellungen und wurden vor allem von unterschiedlichen Gruppierungen („Communities“) diskutiert. Das gestiegene öffentliche wie Forschungsinteresse an Fragen der Umweltgerechtigkeit in den letzten Jahren deutet hier auf einen Mentalitätswandel. Auf der Ebene des ökologischen Diskurses war dafür die deutsche (und europäische) Rezeption der Environmental Justice-Forschung aus den USA wichtig, in der vor allem die Benachteiligung sozialer Gruppen (z. B. nach Einkommen, Hautfarbe oder Geschlecht) bei der Verteilung von Umweltbelastungen (Lärm, Wasserund Luftverschmutzung, toxische Abfälle) herausgestellt wurde (Bolte/Mielck 2004, Elkins 2008, Elvers 2007, Elvers et al. 2008, Schlüns 2007). Damit ist der Bereich der Umweltgerechtigkeit aber keineswegs abgedeckt. Um den Umfang dieses Gebiets zu charakterisieren ist es hilfreich, an die verschiedenen Dimensionen des Begriffs der Gerechtigkeit in sozialphilosophischer Hinsicht zu erinnern (Höffe 2001, Liebig/May 2009).

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Gerechtigkeit fragt danach, wie Rechte und Pflichten, Positionen, materielle und immaterielle Güter sowie Aufgaben und Lasten in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft verteilt werden 1 sollen. Da es dabei um das angemessene Maß – oder wie Aristoteles es formuliert, um Proportionalität – geht, wird das als ungerecht empfunden, was Ungleiches gleich und Gleiches ungleich behandelt. Strittig ist, was jeweils als gleich oder ungleich gelten soll – also welche Regel die Verteilung steuert oder welcher Maßstab zu ihrer Beurteilung heranzuziehen ist. Dies ist nicht allein philosophisch umstritten, es wird auch in der Bevölkerung unterschiedlich diskutiert. Während einige die Güterverteilung allein auf das individuelle Leistungsprinzip gründen wollen, sehen andere den Markt, an dem diese Leistungen bewertet werden, gerade als eine Institution an, die nicht nur für Gerechtigkeit grundsätzlich „blind“ ist, sondern die darüber hinaus ohne gesellschaftliches und/oder politisches Korrektiv sogar soziale Ungerechtigkeiten schaffen kann. Ganz offensichtlich prägen ethische und politische Grundorientierungen die Vorstellungen darüber, was als gerecht empfunden wird und was nicht. Kuckartz et al. (2007b) haben gezeigt, dass sich derlei basale Gerechtigkeitskonzepte auch in der Wahrnehmung von Umweltbelastungen spiegeln. Zudem hat sich der Umweltgerechtigkeitsdiskurs in den letzten Jahren stärker auf die Herstellung von Chancengleichheit und die Vermittlung von Kompetenzen und Fähigkeiten konzentriert, die sich gleichsam „hinter“ der sozialen Verteilung von Umweltrisiken verbergen (Wehrspaun 2009). Der vorliegende Vertiefungsbericht will aber nicht an diesen Grundsatzfragen ansetzen, sondern möglichst konkret und empirisch fundiert der Frage nachgehen, wie verschiedene soziale Milieus in Deutschland zum Themenfeld Umwelt und Gerechtigkeit stehen. Soziale Milieus stehen nach der Repräsentativbefragung von 2008 auch in der 2010er Studie im Zentrum des analytischen Werkzeugkastens. Soziale Milieus sind Großgruppen der Gesellschaft, die sich hinsichtlich ihrer Lebenslage, ihrer Lebensziele und ihrer Wertvorstellungen ähneln und darin eben von anderen Milieus unterscheiden – bis hin zu Abgrenzung und Ablehnung. Aber auch dort, wo ein Milieu die Mitglieder eines anderen Milieus als interessant und nachahmenswert betrachtet, bleiben die lebensweltlich eingespielten Milieudifferenzen erhalten und können nicht willkürlich überschritten werden. Soziale Milieus sind ein zeitgemäßes Konzept zur sozialwissenschaftlichen Beschreibung der sozialen, wertbezogenen und alltagskulturellen Differenzierung moderner Gesellschaften (Vester et al. 2001). Sie sind – anders als viele andere Lebensstil-Typologien – sensibel für die vertikale soziale Differenzierung, also für das Oben und Unten in einer Gesellschaft, und nehmen doch die Transformationsschübe durch Individualisierung und Wertewandel ernst, den auch Deutschland in den letzten Jahrzehnten erfahren hat. Die folgende Grafik zeigt die Milieulandschaft in Deutschland 2010 im Überblick.

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Da Güter in der Regel ein „Natursubstrat“ haben und gesellschaftliche Lebens- und Reproduktionsprozesse immer

schon in Verteilungsfragen hineinspielen, ging es auch in scheinbar rein „zwischenmenschlichen“ oder „innergesellschaftliche“ Gerechtigkeitsfragen implizit schon um Fragen der Umweltgerechtigkeit. Diese Dimension wird in der Regel aber erst dann explizit, wenn es zu ökologischer bzw. gesellschaftlich vermittelter Knappheit der Umweltgüter und –dienstleistungen kommt.

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Abbildung 1:

Die Sinus-Milieus® in Deutschland 2010

In Anlehnung an die aus der Environmental Justice- Literatur überlieferte Fragestellung wird es zunächst auch in diesem Vertiefungsbericht um die Frage gehen, ob Menschen von Umweltbelastungen besonders betroffen und in ihrer Lebensqualität stärker als andere beeinträchtigt sind – und welchem Milieu sie angehören. Zweitens ist es wichtig zu erfahren, wie gerecht oder ungerecht die Bevölkerung Umweltpolitik wahrnimmt und bewertet. Drittens schließlich suchen wir in diesem Bericht nach Ansatzpunkten einer Verbesserung der persönlichen Lage durch Synergien zwischen Umwelt- und Gerechtigkeitsfragen. Hintergrund dafür ist die Vermutung, dass sozial schlechter gestellte Personen nicht in dem Maße an der Bewältigung von Umweltproblemen und der Gestaltung der Zukunft teilhaben können, wie dies bei bildungsbürgerlich geprägten Schichten (z. B. dem Sozialökologischen Milieu) der Fall ist. Deshalb sind Synergien zwischen Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit gefragt, die Ansatzpunkte für eine verstärkte Teilhabe aller bieten.

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Lebensqualität durch Umweltschutz

Umweltbelastungen beeinträchtigen die kollektive wie die individuelle Lebensqualität, der Schutz der natürlichen Umwelt verbessert damit direkt oder indirekt die Lebensqualität einer Gesellschaft. Lebensqualität kann als zentrales gesellschaftliches Schutzgut und zugleich als Legitimationsgrundlage staatlichen Handelns verstanden werden. Allerdings gibt es – nicht unähnlich wie bei dem verwandten, wenngleich emphatischeren Begriff des Glücks – nicht unerhebliche inter- (ja sogar: intra-) individuelle Differenzen hinsichtlich der Frage, worin genau die Lebensqualität besteht. Lebensqualität ist ein sehr schillernder Begriff, der Verschiedenes bedeuten kann. Wir benutzen den Begriff hier so, dass er zunächst auf objektive, z. T. messbare Lebensumstände abstellt, dann aber auch die wahrgenommene Lebensqualität als eine subjektive Größe umfasst. Wohlbefinden bezeichnet einen rein subjektiven Zustand von Wohlsein und Zufriedenheit (oder deren Abwesenheit), der auf objektiven Lebensumständen beruhen (und sie insofern auch abbilden) kann, aber keinesfalls muss. Wohlbefinden wird im Text im Sinne subjektiver Lebensqualität gebraucht. Es war naheliegend, in einer industriegesellschaftlich geprägten und häufig „naturvergessenen“ Moderne zuerst nach der sozialen Verteilung von Umweltbelastungen zu fragen, als um 1970 herum klar wurde, dass wir Umwelt brauchen und nicht einfach als unwichtig oder irgendwie technisch substituierbar vergessen können. Dennoch gilt: Bevor es um die Verteilung von Umweltbelastungen geht, geht es um die Verteilung von Umweltgütern und Umweltrechten. Ob es allgemein gewusst und geteilt wird oder nicht: Die Lebensqualität in einer Gesellschaft wird ganz wesentlich durch die Qualität der unbelebten und belebten Umwelt mitbestimmt. Das in den letzten Jahren als Paradigma weithin akzeptierte Konzept der Ökosystemdienstleistungen hat dafür vielfältige Belege auf allen Maßstabsebenen erbracht. Ohne die aktiven und systemischen Leistungen des Naturhaushalts entbehrt jede Definition von Lebensqualität – auf welche Aspekte sie sonst auch aufbauen mag – ihrer Grundlage. Soziale und ökologische Gerechtigkeit können dann gleichzeitig verletzt werden, wenn Produktions- und Konsummuster einer Gesellschaft die Gesundheit, die subjektive Lebensqualität oder die Lebenschancen von Menschen negativ beeinträchtigen, wenn die Kompensationsmaßnahmen und Defensivkosten einer bestimmten Lebensweise steigen (z. B. Anpassungskosten des Klimawandels, Restaurierungskosten bei Luftschadstoffbelastung), oder wenn es (auch trotz solcher Maßnahmen) nicht gelingt, die Integrität und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts (z. B. Qualität und Bestand eines Naturschutzgebiets, Luft- und Wasserreinhaltungskapazität eines Waldes) zu erhalten. Neben dieser allgemeinen Verbindung zwischen Umwelt und Lebensqualität besteht eine spezifischere dann, wenn nachweisbar ist, dass die Lebensqualität bestimmter Bevölkerungsgruppen stärker als die anderer durch die „externen Effekte“ des dominanten Produktions- und Konsummodells beeinträchtigt wird. Sozial- und umweltepidemiologische Studien der vergangenen Jahre weisen darauf hin, dass genau dies der Fall ist: Der soziale Status entscheidet nämlich mit darüber, ob und in welchem Umfang Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch Umweltschadstoffe belastet werden. Sozioökonomische Faktoren wie Bildung und Einkommen, aber auch andere Faktoren wie Migrationshintergrund und Geschlecht, beeinflussen die Wohnbedingungen, die Lebensstile sowie die damit verbundenen Gesundheitsrisiken von Menschen. Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen sind von Umweltproblemen vielfach stärker betroffen und 5

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verfügen häufig nicht über die notwendigen Voraussetzungen (z. B. Einkommen, Vermögen und Bildung), um solche Belastungen zu erkennen und zu vermeiden (Bolte/Kohlhuber 2008, Bunge/Katzschner 2009). Eine andere Frage ist es, ob Menschen diesen objektiven Beitrag einer intakten Natur zur eigenen Lebensqualität auch wahrnehmen und wertschätzen können. Es kann nämlich vielfältige Gründe dafür geben, dass der positive Wert einer intakten Natur – bzw. die Beeinträchtigung durch eine belastete oder zerstörte Natur – von den Betroffenen nicht (angemessen) gesehen und gewürdigt wird: • • der Zusammenhang zwischen Umweltqualität und Lebensqualität ist über viele Systemgrößen vermittelt, die nicht direkt wahrnehmbar sind; eine gute Umweltsituation wird nicht als grundsätzlich gefährdetes und daher schützenswertes (öffentliches) Gut, sondern als durch eigenen Verdienst oder Herkommen bedingte Selbstverständlichkeit empfunden; andere Probleme werden als drängender empfunden; Gewöhnungseffekte haben zu Arrangements mit an sich unhaltbaren Situationen geführt; trotz wahrgenommener Beeinträchtigung der Lebensqualität fehlt es an der realistischen Perspektive, dass sich die Situation (durch einen selbst oder durch Politik überhaupt) ändern ließe; eine problematische Umweltsituation wird als temporäre individuelle Benachteiligung empfunden, aus der man durch eigene Leistung und/oder glückliche Umstände auch wieder (z. B. durch Wegzug) entkommen kann. Kollektive Anstrengungen zur Verbesserung von Umweltqualität werden als überflüssig erachtet.

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Diese keineswegs vollständige Liste gibt einige Gründe dafür an die Hand, warum es oft nicht gelingt, den individuellen und sozialen Nutzen von Umwelt- und Naturschutz für die Betroffenen deutlich zu machen, damit die entsprechenden Fachpolitiken auf Unterstützung, mindestens aber auf Akzeptanz und Duldung seitens der Bevölkerung rechnen können. Wo liegen demgegenüber die Ansatzpunkte für eine bessere Wahrnehmung der Umwelt und des Umweltzustands für das eigene Wohlbefinden? Ein bestimmtes Umweltproblem verwandelt sich dann aus einem hinzunehmenden Faktum in einen veränderungsbedürftigen Missstand, wenn es durch menschliches Handeln (mit-) bedingt wurde und damit eine Verantwortungszuschreibung erfolgen kann (Shklar 1997). Man mag das Faktum der Schwerkraft gut oder schlecht finden – es ist mit ihm als einer Gegebenheit zu rechnen, die niemand herbeigeführt hat und für die folglich auch niemand verantwortlich zu machen ist. Auch dass es in der Wüste kaum regnet, während es das im Sauerland sehr oft tut, ist nicht wirklich ungerecht. Erst im Zusammenhang mit Siedlungsformen spielen menschliche Entscheidungen und soziale Prozesse eine Rolle: Zum einen fragt es sich, wie es zur Wahl des Wüstenstandorts gekommen sein mag. Wurde ein naturnahes Einsiedlerdasein in der Wüste freiwillig gewählt, bleibt es bei der Bewertung des ausbleibenden Regens als Unglück. Erfolgte die Übersiedlung in die Wüste jedoch im Zuge eines sozialen Verdrängungsprozesses – getreu der Regel, dass die besten naturräumlichen Standorte von den gesellschaftlich Mächtigsten be6

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setzt werden –, dann verwandelt sich natürliche Trockenheit in der menschlichen Wahrnehmung in eine sozial-ökologische Ungerechtigkeit. Sollte sich allerdings ein semi-arider Standort infolge des anthropogenen Klimawandels und nachfolgender Desertifikation in eine echte Wüste verwandelt haben, dann können ebenfalls andere Menschen (die Hauptemittenden von Treibhausgasen) dafür verantwortlich gemacht werden. Damit sich also Umweltprobleme als potenzielle Themenfelder eines ökologisch erweiterten Gerechtigkeitsbegriffs etablieren lassen, müssen sie die Folge menschlicher Entscheidungen und Handlungen sein. Darüber hinaus müssen sie aber auch als Umweltprobleme wahrgenommen werden, denn menschliche Wahrnehmung ist hochgradig selektiv. Damit ein Umweltproblem ein Umweltproblem wird, reicht es nicht aus, dass es generell durch andere Menschen verursacht (oder zumindest zu verantworten) ist. Vielmehr geht es um die schwierige Frage, wodurch ein Umweltproblem angesichts der Informationsflut und Konkurrenzen um Aufmerksamkeit die Chance erhält, als Belastung wahrgenommen zu werden. Werbung, Marketing und Journalismus wissen um dieses Problem und versuchen mit verschiedenen Methoden, das knappe Gut der öffentlichen Aufmerksamkeit zu gewinnen oder bestimmte Themen auf die Tagesordnung zu setzen. Schon länger ist bekannt, dass ein beachtlicher Bevölkerungsteil – je nach Art der Fragestellung zwischen 10 bis 20 Prozent – sich selbst als ökologisch benachteiligt empfindet (Grunenberg/ Kuckartz 2003). Das sind aber nicht immer die Personen, die mit großer Wahrscheinlichkeit den größten Belastungen ausgesetzt sind. Denn das Umweltbewusstsein hängt vom Bildungsgrad und postmaterialistischen Einstellungen ab und ist deshalb in besser situierten Bevölkerungsteilen stärker verbreitet. Zudem spielt die Nah/Fern-Differenz (Wohlfühlen hier und heute, aber negative Einschätzung des globalen Umweltzustandes und der globalen Entwicklung) dabei eine wesentliche Rolle. Deshalb kommt es vor, dass eine höhere Sensibilität für Umweltfragen, wie sie in bestimmten Milieus anzutreffen ist, auch bei objektiv geringeren Belastungslagen zu einer höheren Belastungswahrnehmung führen kann. Und umgekehrt werden reale Benachteiligungen bei niedrigem Umweltbewusstsein nicht immer wahrgenommen (vgl. Heinrich 2001). Schon im Vertiefungsbericht zum Thema Umweltgerechtigkeit im Rahmen der Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2006“ (Kuckartz et al. 2007b) wurde festgestellt, dass es eine klare Rangstufung von Umweltbelastungen hinsichtlich ihrer Wahrnehmbarkeit gibt: sinnlich erfassbare Belastungen im Wohnumfeld (Lärm, Abgase) werden leichter wahrgenommen als Gesundheitsbelastungen (Feinstaub, Schadstoffe), die nur partiell und vermittelt sinnlich erfahrbar sind. Großrisiken wie Klimawandel oder Atomkraft, die sich der direkten sinnlichen Wahrnehmbarkeit weitgehend entziehen, brauchen als stark kognitiv vermittelte Sachverhalte unbedingt die massenmediale Verstärkung, um für das öffentliche Bewusstsein präsent zu sein. Zudem zeigt sich, dass gerade hier ein bereits vorhandenes hohes Umweltbewusstsein die Sensibilität für eine situative Belastung erhöht. Auch mit steigender Bildung nimmt die Belastungs-Wahrnehmung zu, obwohl ein durch Bildung mit angezeigter höherer Sozialstatus häufig mit geringeren Umweltbelastungen – zumindest im direkten Wohnumfeld – einhergeht. Auch in der Studie Umweltbewusstsein 2010 wurde erhoben, wie sehr man sich selbst durch Umweltprobleme belastet sieht. Die Abbildung 2 zeigt das Ergebnis differenziert nach SinusMilieus. 7

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Abbildung 2:

Relationale Belastung durch Umweltprobleme („wesentlich stärker belastet“ und „eher stärker belastet“, Bevölkerungsdurchschnitt: 8 %)

Frage: Wenn Sie Ihre eigene Belastung durch Umweltprobleme betrachten und sich mit dem Durchschnitt der Bevölkerung in Deutschland vergleichen, fühlen Sie sich dann durch Umweltprobleme mehr, weniger oder etwa gleich stark belastet?

Dabei fällt zunächst auf, dass große Teile des gesellschaftlichen „Mainstreams“ (einschließlich der Bürgerlichen Mitte und des Sozialökologischen Milieus) sich nicht überdurchschnittlich durch Umweltbelastungen persönlich benachteiligt sehen. Während immerhin 42 % der Befragten angeben, dass sie etwas oder sehr viel weniger erhalten als der Durchschnitt der Gesellschaft (Frage nach der allgemeinen sozialen Gerechtigkeit), fühlen sich insgesamt nur 7 % etwas und 1 % wesentlich stärker durch Umweltbelastungen betroffen als der Durchschnitt. Mit anderen Worten: Die wahrgenommene soziale Ungerechtigkeit in Deutschland ist wesentlich ausgeprägter als die wahrgenommene ökologische Ungerechtigkeit. Aber auch hier lohnt ein Blick in die soziale Differenzierung. Beim Milieu der Performer sind es nämlich 16 %, die sich ökologisch besonders benachteiligt fühlen; ein ebenso hoher Anteil wird im Hedonistischen Milieu erreicht. Beim Prekären (9 %) und beim Traditionellen Milieu (8 %) dagegen sind die subjektiv wahrgenommenen Belastungen nur durchschnittlich hoch, obwohl hier die Arbeits- und Lebensbedingungen objektiv eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür aufweisen dürften, dass ökologische Belastungen auftreten (z. B. bei der Wahl des Wohnstandorts

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in verkehrsreichen und kostengünstigeren Lagen). Angehörige des Hedonistischen Milieus glauben mit 44 % zudem deutlich stärker als der Bevölkerungsdurchschnitt (29 %), dass Umweltprobleme derzeit (sehr) stark ihre Gesundheit belasten, während es bei den Expeditiven (17 %) besonders wenige sind. Die besonders hohen Werte bei den Performern und den Hedonisten sind bemerkenswert. Während man bei den Hedonisten argumentieren kann, dass dies auch mit einer erhöhten Exposition durch Umweltbelastungen zusammenhängt (z. B. durch Lärm oder Luftschadstoffe an Wohnstandorten geringerer Qualität), ist dies bei den ökonomisch deutlich besser gestellten Performern nicht der Fall. Aus anderen Studien wissen wir, dass zwischen den Statusindikatoren Einkommen, Bildung, Arbeitslosigkeit und Migrationshintergrund einerseits und den objektiv (gemessenen, modellierten) Belastungsindikatoren für Außenluftschadstoffe und Lärm ein positiver Zusammenhang besteht: Je sozial schlechter gestellt eine Person ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch Lärm und Luftverschmutzung stärker betroffen ist (Bolte/Kohlhuber 2008). Das würde die überdurchschnittlich hohen Werte in der wahrgenommenen relativen Umweltbelastung der Hedonisten erklären. Es erklärt aber nicht, warum etwa die Angehörigen des Prekären (9 %) sowie des Traditionellen Milieus (8 %), die einen vergleichbaren Sozialstatus aufweisen, hier „nur“ ein durchschnittliches Antwortverhalten aufweisen. Offenkundig muss man die Mentalität, den Lebensstil und die Werthaltungen der sozialen Milieus mit berücksichtigen, um hier zu plausiblen Vermutungen zu kommen. Traditionelle Mentalitäten mit hoher Konformitätsbereitschaft (Traditionelles Milieu) bzw. eine ausgeprägte Orientierung an der Teilhabe an den Konsummustern und Lebensgewohnheiten des gesellschaftlichen „Mainstreams“ (Prekäres Milieu) führen vermutlich dazu, dass eine objektiv ökologisch „riskantere“ Lebenssituation (z. B. Wohnlage) weniger stark als etwas wahrgenommen wird, das einen mehr als „die anderen“ (den Bevölkerungsdurchschnitt) belastet. Demgegenüber führt eine Mentalität der Verweigerung von Konventionen und Verhaltenserwartungen der Leistungsgesellschaft (Hedonisten) eher dazu, dass sich objektive Umweltbelastungen auch in subjektiv wahrgenommene Belastungen übersetzen. Aber warum fühlen sich dann die Angehörigen des Milieus der Performer so überdurchschnittlich belastet (16 %)? Aufgrund der gehobenen Einkommens- und Bildungssituation kann eine überdurchschnittliche Exposition – etwa durch schlechte Wohnlagen – weitgehend ausgeschlossen werden. Das gilt übrigens für das Konservativ-gehobene und das Liberal-intellektuelle Milieu ganz genau so, die sich denn auch deutlich weniger häufig relativ belastet fühlen. Auch

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Die hier gewählte vorsichtige Formulierung reflektiert die Tatsache, dass die Erhebung der objektiven Umweltsitu-

ation (und damit auch: die der objektiven Umweltbelastungen) in unserer Befragung nicht erfolgt ist. Ganz generell kann man festhalten, dass in Deutschland eine systematische Verknüpfung von Sozial-, Umwelt- und Gesundheitsdaten und damit eine Erfassung der sozialen Verteilung von Umweltbelastungen und deren gesundheitlichen Bedeutung bisher fehlt (Bolte/Kohlhuber 2008). Einzelne Städte wie München, Kassel oder Berlin haben hier in den letzten Jahren wichtige Schritte hin zu einer solchen systematisch verknüpften Erhebung von Sozialstatusindikatoren einerseits und Umwelt- und Gesundheitskenngrößen andererseits vorgenommen (Hornberg/Pauli 2009, UMID 2008). Der Zusammenhang zwischen niedrigem Sozialstatus und auch ökologisch belasteter Wohnlage (Lärm, Luftschadstoffe) ist allerdings durch viele Studien belegt (Swart/Hoffmann 2004, Bolte/Kohlhuber 2008).

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um diese Unterschiede erklären zu können, sind Mentalität, Lebensstil und das Wertgefüge der sozialen Milieus bedeutsam. Die stark dem Wertkomplex „Machen & Erleben“ (in Abschnitt C von Abb. 1) verpflichteten Performer sind eine junge und statusbewusste Gruppierung, die ihre soziale Lage dezidiert als Ausdruck eigener Leistungen und Verdienste versteht. Dabei dominiert das Gefühl, mehr zu leisten als andere – z. B. länger zu arbeiten, die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen zu lassen. Gleichzeitig handelt es sich beim Milieu der Performer aber um eine relativ junge Leistungselite (Altersdurchschnitt 41 Jahre). Sie kann – anders als etwa die Mitglieder des Konservativ-gehobenen Milieus – nicht mehr oder weniger fest auf eine sichere Zukunft hoffen. Risiken der globalen Ökonomie, Missgeschicke, plötzliche Krankheiten, der Einbruch bestimmter Wirtschafts- und Berufszweige im Zuge von Wirtschaftskrisen – all diese „wildcards“, die etwa das dem Hier und Jetzt zugeneigte Hedonistische Milieu weitgehend unbeeindruckt lassen, spielen für die Performer eine wichtige Rolle. Dementsprechend stark verbreitet sind in diesem Milieu denn auch Zukunftsängste und Angst vor Arbeitslosigkeit – trotz aktuell guter sozialer Lage. Die „Antennen“ dieses Milieus sind entsprechend stark aufgestellt, und speziell das Internet wird als Informationsmedium breitflächig genutzt. Hier kommt nun die Umwelt ins Spiel, denn wir wissen, dass die Angehörigen des Milieus der Performer das Internet gezielt nutzen, um sich über Umweltprobleme, aber auch über Umweltpolitik und Umweltschutz zu informieren. Wir vermuten daher, dass dieses hoch gebildete Milieu auch über ökologische Belastungen und Risiken informiert ist – selbst wenn es durchaus nicht als ökologische Avantgarde eingestuft werden kann. Kuckartz et al. (2007b: 23) zufolge steigt mit zunehmendem Abstraktionsgrad einer Umweltgefährdung die Bedeutung des Informationsverhaltens, also des vermittelten Wissens statt der direkten sinnlichen Erfahrung. Es könnte durchaus sein, dass die Angehörigen des Milieus der Performer ihre wahrgenommene Positiv-Rolle als Leistungselite auch insofern annehmen, als sie Umweltbelastungen – nicht zuletzt eben solche, über die sie gut informiert sind – als ein weiteres Element der allgemeinen Gefährdung ihrer hervorgehobenen gesellschaftlichen Position bewerten. Die eigene wahrgenommene relative Umweltbelastung stellt nicht etwa das ökologische Komplement einer ansonsten vorhandenen sozialen Benachteiligung dar, sondern erscheint als Preis der eigenen exponierten Stellung, gleichsam als negative Nebenfolge der Leistungserbringung. Aber das muss auf der Grundlage der vorhandenen Daten hier vorerst eine zu überprüfende Hypothese bleiben. Träfe sie zu, dann kann eine Strategie, die den Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und ökologischer Belastung betont, beim Hedonistischen Milieu auf Resonanz hoffen – das ja ansonsten Umweltpolitik eher als Zumutung und „Spaßbremse“ wahrnimmt. Um dies zu erreichen, müsste aus unserer Sicht die Umweltkommunikation verstärkt den aktiven, hier und heute bereits realisierbaren Beitrag einer intakten Umwelt zur eigenen Lebensqualität – einschließlich des Spaßfaktors – betonen. Angesichts des relativ jungen Durchschnittsalters der Hedonisten (39 Jahre) ist es dabei sinnvoll, bereits im Bereich der schulischen und außerschulischen Bildung entsprechende Konzepte und Formate gemeinsam mit den Bildungsträgern anzubieten. Ziel sollte dabei sein, den Beitrag einer intakten Umwelt zur persönlichen Lebensqualität hervorzuheben, und dies in eher spielerischer, nicht pädagogisierender Form zu tun. Dabei muss das hier ermittelte durchaus ausgeprägte Gefühl aufgegriffen werden, von der Gesellschaft – und speziell von den Privilegierten – auch in Umwelthinsicht benachteiligt zu 10

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werden. Dieses Gefühl beruht, wie wir angedeutet haben, ja durchaus auf messbaren Fakten. Persönliche Lebensqualität kann sich also für die Hedonisten durchaus mit verstärkter sozialer Anerkennung verbinden. Beim Milieu der Performer benötigt man eine andere Strategie. Hier käme es zwar zunächst ebenfalls darauf an, den Schutz der Umwelt vom Odium der Einschränkung persönlicher Freiheit zu befreien. In diesem Milieu findet das Statement „Wenn es noch mehr Vorschriften für den Umweltschutz gibt, kann man bald überhaupt nichts mehr machen“ mit 19 % noch mehr Zustimmung als im Bevölkerungsdurchschnitt (14 %). Und das Milieu der Performer stimmt weit überdurchschnittlich (42 % verglichen mit 27 %) auch der Aussage voll und ganz zu „Um mit dem Klimawandel und anderen Umweltproblemen klar zu kommen, brauchen wir vor allem ein hohes Wirtschaftswachstum. Denn die dafür notwendigen Maßnahmen kosten viel Geld.“ Das auf Wachstum orientierte Wirtschaftsmodell wird hier also mehrheitlich nicht in Frage gestellt – im Gegenteil: Wachstum wird als Voraussetzung für Umweltschutz gesehen. Daher, so darf man schließen, steht für die Mehrheit der Performer auch der eigene Arbeitsund Lebensstil keineswegs im Widerspruch zu den Zielen des Umweltschutzes. So, wie die wirtschaftliche Leistung der Gesellschaft insgesamt eine Grundvoraussetzung des Umweltschutzes ist, so ist auch die eigene Leistung eine Basis dafür, dass dieser stattfinden (z. B. finanziert werden) kann. Von daher schlagen wir vor, die Bedeutung einer intakten Umwelt nicht – wie beim Hedonistischen Milieu – über die persönliche Lebensqualität zu definieren, sondern über die gesellschaftlichen Bedingungen, die sie bereitstellen und reproduzieren helfen. Hier sind die Performer nämlich durchaus aufgeschlossen: Mit 78 % liegt dieses Milieu (zusammen mit dem sozialökologischen) an der Spitze derjenigen, die gezielt Produkte kaufen, die bei ihrer Herstellung und Nutzung die Umwelt nur gering belasten. Technologischen Innovationen steht dieses Milieu grundsätzlich positiv gegenüber. Von daher könnte argumentiert werden, dass es ebenso ineffizient wie ungerecht ist, wenn das wachstumsorientierte Produktions- und Konsummodell durch Raubbau an seinen natürlichen Produktionsgrundlagen langfristig untergraben wird. Die Fallbeispiele aus dem Hedonistischen und dem Milieu der Performer machen deutlich, dass sich der Begriff der Lebensqualität auffächert, wenn der Umweltaspekt thematisiert wird. Neben die Frage der direkten ökologischen Betroffenheit tritt sofort auch die Frage, ob Lebensqualität oder deren Einschränkung sozial ungleich verteiltet ist. Ökologische Integrität wird hier zum Ausdruck einer umfassend gedachten sozialen Anerkennung.

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Sozial benachteiligte Milieus

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass sich die soziale Ungleichheit in Deutschland in den letzten Jahren verschärft hat (Bundesregierung 2008). Das gilt nicht nur für die Einkommensund Vermögensungleichheit, es gilt auch für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder für die Möglichkeit, einen guten Bildungsabschluss zu machen und diesen dann auch in eine berufliche Karriere umzumünzen. Im OECD-Gerechtigkeits-Vergleich nimmt Deutschland nur noch 3 einen Platz im Mittelfeld ein (Bertelsmann-Stiftung 2011). Greifbar wird dieser allgemeine Befund auf der sozialräumlichen Ebene, wo sich insbesondere Städte einem Prozess der sozialen Segregation gegenüber sehen, der neben dem sozialen Zusammenhalt (soziale Kohäsion) auch die Herstellbarkeit einheitlicher Lebensverhältnisse auf gesamtstädtischer Ebene in Frage stellt (Breckner 2010, Dangschat 2001, Dangschat/Hamedinger 2007, Siebel 2010). Hat diese Verschärfung der sozialen Differenzierungs- und Segregationsprozesse auch eine Umweltrelevanz? Kann umgekehrt Umweltpolitik dazu beitragen, soziale Ungleichheit und als ungerecht empfundene soziale Verhältnisse abzumildern oder gar umzukehren? Wir wollen uns dieser Frage hier dadurch nähern, dass wir uns gezielt mit den sozial benachteiligten Milieus beschäftigen: den Traditionellen, den Prekären und den Hedonisten. Alle drei eint, dass sie am unteren Ende der sozialen Lage angesiedelt sind, also zu denjenigen in Deutschland gehören, die von Einkommen, Berufsprestige und Bildung her eher unterdurchschnittlich ausgestattet sind. Das Armutsrisiko ist in diesen Milieus am höchsten (Bude 2008, Castel/Dörre 2009). Und hier konzentrieren sich auch zahlreiche Gesundheitsrisiken (Bolte/Kohlhuber 2008, Bunge/Katzschner 2009, Lampert/Ziese 2005). Entsprechend der klassischen Fragerichtung der Environmental Justice-Forschung fragen auch wir uns zunächst, ob sich zusätzlich zu diesen sozialen Benachteiligungen (und wahrscheinlich bedingt durch sie) auch die Umweltbelastungen häufen bzw., umgekehrt gefragt, ob die Ausstattung mit positiven Umweltgütern (z. B. öffentlichen Grünflächen) bei diesen Milieus unterdurchschnittlich ausgeprägt ist. Darüber hinaus aber geht es hier auch um die Frage, welche Ansatzpunkte sich für eine stärkere Teilhabe in Umweltfragen bei diesen Milieus ergeben, und wie Umweltpolitik durch Stärkung der Synergien zwischen Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen diese fördern und fordern kann. Die sozialwissenschaftliche Umweltforschung macht schon seit Längerem deutlich, dass am unteren Ende des Sozialgefüges das Umweltbewusstsein geringer ausgeprägt ist und das umweltbezogene Verhalten schlechter ausfällt als bei den durch Einkommen oder Bildung Privilegierten. Auf der anderen Seite wissen wir, dass höhere Bildung auch den Horizont erweitert und – wenn kombiniert mit höheren Einkommen – das Interesse an fernen Ländern weckt, das dann den CO2-Fußabdruck nach oben treibt. Der ökologische Nettoeffekt beider Trends – nie-

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Deutschlands Umwelt- und Klimapolitik übrigens, die in diesem Vergleich als ein Faktor in der Dimension

„Generationengerechtigkeit“ fungiert, trägt dieser Studie zufolge positiv zur Gesamtbilanz des Landes bei.

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driger sozialer Status geht sowohl einher mit geringerem Umweltbewusstsein als auch mit (z. T. 4 unfreiwilligem) geringerem Umweltverbrauch – muss empirisch untersucht werden. Wichtig ist jedoch der grundsätzliche Hinweis darauf, dass das Umweltverhalten sozialer Milieus durch sehr unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Antriebsfaktoren bestimmt wird, und dass schließlich auch individuelle Unterschiede in jedem Milieu ihren Platz haben. Ansonsten drohen stereotype Verkürzungen, die sich in einem normativ aufgeladenen Kontext rasch in Schuldzuschreibungen ummünzen lassen.

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4.1.1

Das Prekäre Milieu
Allgemeine Milieucharakteristika

Große Teile des Prekären Milieus wurden in dem Sinus Milieu-Modell vor 2010 als Konsum5 Materialisten bezeichnet. Der alte Titel zielt auf die dominanten Wertorientierungen und Alltagspraktiken dieser Unterschichts-Gruppierung, nämlich ein in vielen Lebenslagen prägender Materialismus, verbunden mit dem Wunsch, durch selektiven Konsum auch am sozialen Leben der Gesellschaft, speziell dem der modernen Mittelschicht, teilzuhaben. An diesem Wunsch hat sich zwar grundsätzlich nichts geändert, aber die neue Namensgebung reflektiert doch, dass es in den letzten Jahren für dieses Milieu immer schwieriger geworden ist, ihn auch zu realisieren. Und mit wachsender Prekarisierung und sozialer Distanz zum gesellschaftlichen Mainstream ändert sich allmählich auch die innere Haltung der Milieu-Angehörigen, ihre Vorstellungen von Teilhabe, Aufstieg und Gerechtigkeit. Diese Teilhabe-Wünsche werden durch die härter und undurchlässiger gewordene soziale Realität in Deutschland immer häufiger enttäuscht. Deshalb werden sie immer seltener geäußert. Resignative Züge machen sich bei den Prekären in den letzten Jahren zunehmend breit. Die für die Prekären charakteristische Konstellation aus niedrigen sozialen Lage-Indikatoren (niedrigstes Bildungsniveau, unterste Einkommensklasse, geringes Berufsprestige) machen gerade sie anfällig für (Dauer-) Arbeitslosigkeit, soziale Isolierung und Armut. Das sind Faktoren, aus denen schwerlich Erfolgsgeschichten gewoben werden, und mit zunehmenden Tendenzen der sozialen Schließung – insbesondere im Bildungssektor – erhöht sich der Druck auf die Alltagsorganisation. Bei den Prekären finden wir überdurchschnittlich häufig unvollständige Familien und eskapistische Tendenzen wie übermäßigen Medien- und Alkoholkonsum. Das wiederum mindert die Chancen der Kinder aus diesem Milieu, gute schulische Leistungen zu bringen – wenn sie denn die „richtigen“ Schulen überhaupt besuchen können. Bei vielen

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In ihrer unveröffentlichten Potsdamer Magisterarbeit („Milieuspezifischer Umgang mit dem Klimawandel. Eine

Analyse des Klimabewusstseins und des klimarelevanten Verhaltens von Repräsentanten des postmateriellen, experimentalistischen und konsum-materialistischen Milieus in Deutschland“) hat Tamina Christ diesen Zusammenhang für ausgewählte Vertreter und Vertreterinnen von drei Sinus-Milieus empirisch auf der Basis des CO2-Rechners untersucht. Es besteht Forschungsbedarf, den Zusammenhang repräsentativ zu überprüfen.
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Basierend auf den soziokulturellen Dynamiken (Wertewandel, demografische Verschiebung, Globalisierung,

Digitalisierung) der letzten Dekade wurden die Sinus-Milieus 2010 einem Update unterzogen (siehe S. 13 der Basisbroschüre).

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Prekären ist ein Gefühl der Überforderung und des Abgehängtseins vorherrschend. Wer mit so wenig ökonomischem und kulturellem Kapital seine nicht gerade unerheblichen Alltagsprobleme zu lösen hat, muss nicht nur mit Misserfolgen leben, sondern kann sich auch um die Probleme der Umwelt kaum kümmern. So scheint es zumindest. 4.1.2 Prekäre und Umwelt

Der Milieubeschreibung entsprechend ist es nicht überraschend, dass die Ausgangsbedingungen für ein umweltfreundliche Einstellungen und Verhaltensmuster im Prekären Milieu recht ungünstig sind: • Ökologische und systemische Zusammenhänge, wie z. B. komplexe Auswirkungen, die mit der Zerstörung der Umwelt einhergehen, werden nur partiell erkannt. Das hängt nicht zuletzt mit dem niedrigen formalen Bildungsniveau zusammen, ist aber auch eine Folge der Fokussierung der begrenzten Zeit- und Aufmerksamkeitsressourcen auf Probleme der Alltagsbewältigung (Arbeitsverhältnisse, Arbeitsbeschaffung, Kindererziehung…). Basierend auf anderen Studien des Sinus-Instituts lässt sich hier ein gering ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein konstatieren. Aufgrund mangelnden Umweltwissens wird die eigene Betroffenheit gering eingeschätzt (Indikatoren dafür: der Begriff der Nachhaltigen Entwicklung ist bei den Prekären kaum bekannt, Allergien werden in diesem Milieu kaum erkannt). Umweltschutz wird kaum politische Priorität zugesprochen. Der mögliche Zusammenhang zwischen Umweltpolitik und der Verbesserung der eigenen Lebensqualität wird nicht erkannt. Erschwerend kommt hinzu, dass Politik generell als wenig attraktives Aufmerksamkeitsfeld wahrgenommen wird. Entsprechend ist die Beteiligung an Wahlen und politischen Debatten hier unterdurchschnittlich. Politische Informationen im Fernsehen oder der Tagespresse werden deutlich unterdurchschnittlich rezipiert. Dieses Milieu ist eine der Hochburgen der Politikverdrossenheit in Deutschland. Man hat nur geringes Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit bzw. die des Einzelnen. Die Umweltdebatte kommt hier in erster Linie als zusätzliche Bedrohung der eigenen sozialen Lage ins Visier, weswegen freiwilliger Verzicht nicht in Frage kommt. Energie- und Treibstoffkosten schlagen in diesem Milieu deutlich höher zu Buche als in finanziell besser gestellten Milieus. Die Forderung, die Preise müssten die ökologische Wahrheit sagen, wird hier schlicht als zusätzliche Verteuerung der lebensnotwendigen Haushaltsausgaben wahrgenommen und damit als mehr oder weniger planvolle Attacke auf das eigene Milieu interpretiert, für das sich „da oben“ ohnehin keiner interessiert. In diesem Milieu findet sich erwartungsgemäß eine sehr geringe Zahlungsbereitschaft für ökologische Produkte und Dienstleistungen, was angesichts des geringen Haushaltsnettoeinkommens auch nicht besonders überraschen dürfte. Wenn Geiz tatsächlich geil sein sollte, dann kann eine als teuer wahrgenommene intakte Umwelt nur als reizloses und entbehrliches Luxusgut für Besserverdienende erscheinen. Der üblicherweise recht kurze Zeithorizont in der eigenen Lebensplanung führt zu einer Dominanz kurzfristiger Orientierungen, was – im Verein mit dem schmalen Haushalts-

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budget – zu einer geringen Bereitschaft für Investitionen zum langfristigen Energieund Kostensparen führt. • Aus der Naturbewusstseinsstudie 2009 (BMU/BfN 2009: 56) wissen wir, dass gerade in diesem Milieu der Anteil der „Naturschutzorientierten“ sehr gering ist, während der der „Desinteressierten“ und „Naturfernen“ überdurchschnittlich hoch ist. Die positive Naturbeziehung dieses Milieus kann als sehr pragmatisch und nutzenorientiert gelten.

Da sich die objektiven Lebensbedingungen der unteren sozialen Milieus (Arbeitssituation, Wohnung, Wohnumfeld) sehr häufig durch höhere Umweltbelastungen auszeichnen, kann das Prekäre Milieu als paradigmatischer Fall betrachtet werden, bei dem sich soziale und ökologische Risiken kumulieren und wechselseitig verstärken. Die klassischen Ansätze aus Umweltbildung und Umweltbewusstseinsforschung – Bewusstsein über ökologische Problemlagen und die Bereitschaft schaffen, dies zu ändern – greifen hier nicht richtig. Deshalb werden andere Ansatzpunkte dafür gesucht, dass dieses Milieu sich – im eigenen Interesse – der Umweltproblematik stärker zuwendet. 4.1.3 Sensibilisierung der Prekären für Umweltthemen

Es liegt zunächst nahe, die Verbesserung der Umweltsituation für dieses Milieu zu verdeutlichen. Dies sollte für dieses Milieu, wo immer dies möglich ist, mit einem unmittelbaren Nutzen verbunden sein, um die hohe Gegenwartspräferenz sowie die starken materialistischen Wertorientierungen aufzufangen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ausbau bzw. die Aufwertung innerstädtischer Grün- und Freiflächen, sofern sie für die Angehörigen dieses Milieus zugänglich und nutzbar sind. In der Regel mangelt es nämlich dem Prekären Milieu an genau jenen öffentlichen Gütern, die sowohl Freizeit- und Erholungsfunktionen übernehmen, als auch gesundheitsförderlich und alltagsentlastend sind – z. B. als Spiel- und Erlebnisräume für Kinder und Jugendliche (DUH 2009). Gut geeignet, um sowohl die Umwelt als auch das Haushaltsbudget zu entlasten, sind Umweltmaßnahmen, durch die man direkt Geld sparen kann, ohne zu hohe investive Kosten zu haben (Wasserspararmaturen, abschaltbare Steckerleisten etc.). Der bundesweite Erfolg des Frankfurter Pilotprojekts „Cariteam Energiesparservice“, in dem Arbeitslose zu Energiesparberatern für einkommensschwache Haushalte fortgebildet wurden, ist ein Beispiel dafür (Knoth 2009). Allerdings ist es mit reinen Aufklärungs- und Beratungsangeboten nicht getan, sondern es müssen sehr konkrete Angebote im gewohnten Lebensumfeld und ggf. unter Bereitstellung von kostenlosen oder kostengünstigen Einsparmöglichkeiten (z. B. Steckerleisten) gemacht werden, um Effekte zu erzielen. Innerhalb des Prekären Milieus wird am wenigsten Auto gefahren: Während im Bevölkerungsschnitt 75 % die Frage bejahen, ein Auto zu fahren, sind es bei den Prekären nur 53 %. Häufig sind Kostengründe dafür verantwortlich, keine Umweltschutzgründe: Die Einschränkungen des Autofahrens aus Umweltschutzgründen wird in diesem Milieu am wenigsten gefordert bzw. selbst beabsichtigt; nur 47 % befürworten eine solche Maßnahme, in der Bevölkerung insgesamt sind es 65 %. Im Liberal-intellektuellen Milieu, wo deutlich häufiger Auto gefahren wird, geben sogar stolze 82 % an, Autofahrten aus Umweltgründen einzuschränken bzw. dies zu beabsichtigen. Die Prekären sind, was das Auto anlangt, also so etwas wie „unfreiwillige ZwangsKlimaschützer“. 15

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An diesen pragmatischen Aspekten der Alltagsorganisation und der damit verbundenen Einstellungen kann mit Sensibilisierungs- und Empowerment-Maßnahmen angesetzt werden. Interessanterweise zeigen 84 % (Bevölkerung: 73 %) der Angehörigen des Prekären Milieus Interesse an der gemeinsamen Nutzung eines Autos (Car-Sharing), wenn auch aus Kostengründen. Beim viel umweltbewussteren Sozialökologischen Milieu sind es nur 67 %, die Car-Sharing für sich selbst attraktiv finden, bei den spaßorientierten und spontanen Hedonisten sogar nur 56 %. Das deutet darauf hin, dass für die Angehörigen des Prekären Milieus ein zielgruppenorientierter Ausbau von Car-Sharing-Modellen sinnvoll wäre. Dies bietet sich insbesondere (aber nicht ausschließlich) dort an, wo der öffentliche Personennahverkehr in Netzdichte und Taktfrequenz nicht attraktiv genug ist. Aufgrund der generell eher fatalistischen Mentalität dieses Milieus ist auch das Umweltengagement seiner Mitglieder sehr schwach ausgeprägt. Zudem sind die Strukturen, Rituale und – last but not least – die Milieuzusammensetzung vieler Umweltverbände für die Angehörigen des Prekären Milieus eher abschreckend. Insbesondere die Dominanz von Mitgliedern des Sozialökologischen, aber auch des Liberal-intellektuellen Milieus wirkt aufgrund einer (wechselseitigen) Ablehnung hinderlich auf eine Ausweitung des Engagements für Umwelt- und Naturschutz. Dennoch heißt das nicht, dass das Prekäre Milieu für diese Belange quasi verloren ist. Gerade wenn man Umweltgerechtigkeit als Unterstützung für die Entwicklung von sozial-ökologischer Kompetenz versteht – also von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Umweltressourcen nachhaltig zu nutzen und zu schonen erlauben, dann wird man im verstärkten Umwelt- und Naturschutzengagement eine der großen Zukunfts-„Baustellen“ für das Prekäre Milieu erkennen. Einen wichtigen Ansatzpunkt sehen wir bei den Kindern dieses Milieus. Diese sind tendenziell häufiger fehlernährt, einem hohen Medienkonsum ausgesetzt und bewegen sich weniger im Freien. Gleichzeitig sind viele Eltern aus dem Prekären Milieu mit den Erziehungs- und Bildungsaufgaben ihrer Kinder überfordert – nicht zuletzt deshalb werden zahlreiche Kinder in diesem Milieu vor Fernsehern oder Playstations „geparkt“. Kinder- und Jugendfreizeitangebote von Umwelt- und Naturschutzverbänden könnten hier eine wichtige Lücke füllen, indem sie Alltagsentlastung, Kompetenzgewinn und Umweltbewusstsein zugleich bieten. Allerdings ist dafür eine Neuausrichtung der Umweltbildungsarbeit erforderlich, die häufig auf Mittelschichtskinder zugeschnitten ist. Es geht nicht darum, neue Zielgruppen in bestehende Angebote „einzupassen“, sondern integrative Angebote zu entwickeln, die Wertvorstellungen, Denkweisen und Bedürfnissen der Zielgruppe entgegenkommen. Ein gutes Beispiel wäre hier das Projekt „Regenbogen – soziale Integration neuer Zielgruppen in der Umweltbildung“ der Umweltstation Lindenhof des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern e.V., das 2008 mit dem Umweltpreis der Bayerischen Landesstiftung ausgezeichnet wurde. Mit Praxisprojekten, Workshops, Fortbildungen und niederschwelligen Bildungsangeboten wurden u.a. Migranten, Langzeitarbeitslose, Rehabilitanden und psychisch gehandicapte Personen in die Bildungsarbeit integriert. Ganz gezielt wurden Menschen angesprochen, die bislang für Belange der Umwelt nur schwer erreichbar waren: Menschen mit Migrationshintergrund, Hartz-IV-Empfänger, Arbeitslose, psychisch Kranke und verhaltensauffällige resp. vorbestrafte Jugendliche. Das innovative Konzept der „aufsuchenden Umweltbildung“ war dabei ebenso wichtig wie die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern, die mit diesem Milieu Erfahrung haben und dort Vertrauen genießen. Auch interkulturelle Gärten oder interkulturelle Energieberatungsprojekte können in diesem Zusammenhang erwähnt werden (DNR 2009). 16

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Die Angehörigen des Prekären Milieus haben wir oben als „unfreiwillige Zwangs-Klimaschützer“ tituliert. Einkommens-, bisweilen auch Bildungsrestriktionen führen hier oft dazu, dass der an sich gewünschte materialistische Konsum- und Lebensstil nicht (gänzlich) realisiert werden 6 kann. Was aus Sicht des Milieus als eine mehr oder weniger ungerechte Einschränkung der eigenen Wünsche und Lebensziele erscheinen mag, hat aber auch eine Kehrseite: Der unfreiwillige Konsumverzicht führt dazu, dass viele Mitglieder dieses Milieus in ihrem Umweltverbrauch heute schon dort „angekommen“ sind, wo die Mehrheitsgesellschaft sich noch hinbewegen muss, um z. B. die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung zu erreichen. Weniger häufig Auto zu fahren, kleinere Wohnungen zu bewohnen, weniger Flugreisen unternehmen zu können – der persönliche CO2-Fußabdruck vieler Prekärer ist klimapolitisch wegweisend. Selbstverständlich kann es nicht darum gehen, eingeschränkte oder sogar sozial prekäre Lebensverhältnisse und unfreiwilligen Konsumverzicht als gesellschaftliches Leitbild zu propagieren. Aber auch ein sozial abgesicherter und selbstgewählter Lebensstil muss, wenn er nachhaltig sein will, eine CO2-Diät hinter sich gebracht haben – ob durch technologische Innovationen oder durch freiwillige Einfachheit muss den Einzelnen überlassen bleiben. Es gibt viele Wege zur Reduktion des eigenen Umweltverbrauchs, und nicht jeder passt für jedes Milieu (UBA o.J.), wenngleich bestimmte besonders relevante „Knackpunkte“ (oder „Key points“) die individuelle Bilanz klar beeinflussen (Bilharz 2008). Allemal aber gilt: Gäbe es einen wirkmächtigen gesellschaftlichen Umweltdiskurs, der einen kleineren Umwelt-Fußabdruck gegenüber einem größeren ökologisch-ethisch auszeichnen und zur nachahmenswerten gesellschaftlichen Norm erklären würde, dann würden die (unfreiwilligen) Umweltschützer (auch unter den Angehörigen des Prekären Milieus) nicht mehr als gesellschaftliche Versager dastehen, sondern als Vorreiter der „grünen Moderne“ (Beck 2010). Nebenbei sollte aber auch klar geworden sein, dass sich hier unter Umständen eine bisher wenig beachtete Variante der Umwelt(un)gerechtigkeit verbirgt: Ungerecht aus sozial-ökologischer Sicht ist es, dass geringe persönliche Umweltverbräuche – ob freiwillig oder nicht – gesellschaftlich mehrheitlich als Versagen sozialer Teilhabe oder sozialen Aufstiegs gedeutet werden. Ökologische Gerechtigkeit hieße dann im Umkehrschluss, eine Lebensform auch sozial auszuzeichnen, die sich durch geringe Umweltinanspruchnahme auszeichnet. Dafür könnte der kommunale Kontext (Städte und Gemeinden, Quartiere) ein guter Ort und Bezugsrahmen sein, da sich hier aufgrund sozialer und infrastruktureller Dichte sowie dichterer sozialer Netzwerke auch einfachere, aber interessante Lebensstile ausprobieren lassen.

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Wie bereits erwähnt konnten im Rahmen der Erhebung 2010 aus Zeit- und Kostengründen keine persönlichen CO2-

Bilanzen erstellt werden. Aus laufenden anderen Forschungsvorhaben sowie durch Analogieschlüsse aus anderen Arbeiten (Weber/Perrels 2000) kann aber davon ausgegangen werden, dass die Angehörigen des Prekären Milieus durchschnittlich einen geringeren faktischen Umweltverbrauch aufweisen als etwa die Milieus der sozialen Mittelund Oberschicht wie bspw. die Liberal-intellektuellen und Adaptiv-pragmatischen.

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4.2 Das Traditionelle Milieu
Das Traditionelle Milieu hat bei Umweltschützern – speziell bei solchen aus dem Sozialökologischen Milieu – keinen guten Ruf. Es gilt vielen als spießig und kleinkariert. Nicht selten liefern die Symbole seiner Alltagsästhetik die wohlfeile Vorlage für klischeehafte (und oft humorvoll untermalte) Distanzierungsrituale, hinter denen sich sozialpsychologisch betrachtet bisweilen der Ablösungsprozess von der eigenen sozialen Herkunft verbirgt. Noch in den 1990er Jahren wurden von Sinus zwei Milieus im traditionellen Bereich der sozialen Unterschicht (in der „linken unteren Ecke“, vgl. Abb. 1) des deutschen Sozialraums ausgemacht: das sog. „kleinbürgerliche“ und das sog. „traditionelle proletarische Milieu“. Seit 2001 werden beide – zum Leidwesen so mancher politisch sensibler Zeitgenossen – als Traditionelles Milieu zusammengefasst. Das hatte zur Folge, dass sich dieses neue Milieu auf der Statusachse von der Mittel- bis zur Unterschicht erstreckt. Und das wiederum bedeutet, dass nicht alle Angehörigen dieses Milieus, die lebensweltlich eine Einheit bilden, aus sozialstruktureller Sicht als unterprivilegiert gelten können. Von daher gelten die nachfolgenden Ausführungen vor allem für den Teil des Traditionellen Milieus, der sich in einer unteren sozialen Lage befindet. 4.2.1 Allgemeine Milieucharakteristika

Beim Traditionellen Milieu kann durchaus von Benachteiligung gesprochen werden: Seine Angehörigen weisen ein überwiegend niedriges Bildungsniveau auf, es finden sich viele Bezieher geringer Haushaltsnettoeinkommen (darunter oftmals Personen jenseits des Erwerbsalters) und das Berufsprestige kann ebenfalls als mittel bis niedrig eingestuft werden. Der Alltag der Traditionellen ist von starken Rückzugstendenzen geprägt: Ihr Leben spielt sich vor allem „drinnen“ ab – selbst wenn dies im eigenen Schrebergarten geschieht: zu Hause, im Familienoder Bekanntenkreis, in recht klar abgegrenzten geschützten Welten, meist bevölkert von Personen des eigenen Milieus, etwa im vielfältigen Vereinsleben der Republik. „Draußen“ sein, sich mit anderen Milieus mischen, kommunikative und teilweise ungeschützte Räume aufsuchen, soziale Teilhabe einfordern – das gehört eher nicht zum alltäglichen Lebensstil der Traditionellen. Das Laute, das Offene, das Hektische – das Traditionelle Milieu lehnt solche Lebenswelt-Elemente vehement ab. Diese Gruppierung zeigt deutliche Züge des von Schulze (1992) so genannten Harmonie-Milieus: Ruhig soll es sein, gegebenenfalls zünftig, möglichst aber gemütlich, beschaulich, nett, harmonisch, bekannt. Da die moderne Welt dem häufig aber widerspricht, wird sie in vielen Aspekten von diesem Milieu auch skeptisch bis ablehnend betrachtet. Dies gilt insbesondere für die Geschwindigkeit technischer Innovationen, die die Angehörigen dieses Milieus oft überfordert. Das Internet wird hier besonders selten genutzt. Hinsichtlich von Umweltbewusstsein und Umweltverhalten fällt an diesem Milieu auf: 4.2.2 • Traditionelle und Umwelt Das Umweltwissen dieses Milieus ist sehr begrenzt, was nicht zuletzt durch die niedrige formale Bildung bedingt ist. Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung ist unterdurchschnittlich häufig bekannt. Aus anderen Studien ist bekannt, dass die Komplexität ökologischer Zusammenhänge für Viele in diesem Milieu eine besonders hohe Herausforderung darstellt.

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Es gibt eine deutliche Orientierung am unmittelbaren Nahumfeld, auch bezüglich Umweltfragen. Viele Informationen zur Umwelt beziehen die Mitglieder dieses Milieus etwa aus dem Lokalteil der Tageszeitung, und sie werden im Kontext lokaler Informationen und Diskurse auch verarbeitet. Zu globalen/internationalen Umweltthemen herrscht daher auch eine gewisse Distanz – sie haben mit der eigenen Lebenswelt wenig zu tun. Der globale Klimawandel etwa wird für die meisten Angehörigen des Traditionellen Milieus erst dann wichtig, wenn die Pflanzen im eigenen Garten in Hitzeperioden verdorren. Handlungsbereitschaft bezüglich des Klimawandels besteht zwar – das traditionelle Milieu ist durchaus ernsthaft besorgt – setzt aber eine wahrgenommene direkte Betroffenheit voraus. Im traditionellen, unteren Gesellschaftssegment („links unten“ in der „Kartoffelgrafik“ der Sinus-Milieus) besteht durchaus ein Gefühl von mangelnder Umweltgerechtigkeit und Benachteiligung. Es gehört hier zur Grundüberzeugung, dass die Welt so eingerichtet ist, dass der „ehrliche kleine Mann“ systematisch benachteiligt wird, während sich auf den oberen Rangplätzen der Gesellschaft häufig Gauner, Glücksritter und Nieten in Nadelstreifen tummeln. Das Traditionelle Milieu zeichnet sich durch ein eher geringes Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit aus. Man ist selbst rechtschaffen und ehrlich, doch dass man es damit in der Welt weit bringt, wird eher skeptisch gesehen. Dem Staat wird – trotz aller Kritik an „den Politikern“ – ein durchaus beachtliches Maß an Vertrauen und Autorität eingeräumt. Im Zweifel ist seine Regelungskompetenz der letzte Rettungsanker, auf den man in diesem Milieu hofft. Dies gilt auch im Umweltbereich. Anders als das Prekäre Milieu ist das Traditionelle Milieu durchaus als naturverbunden zu bezeichnen. Allerdings herrscht eine pragmatische, nutzenorientierte Naturbeziehung vor, die durch ein wenig „Bambi-Romantik“ komplettiert wird. Im eigenen Garten sein, sonntags spazieren gehen, mit dem Reisebus nach Südtirol – solche Präferenzen deuten auf eine durchaus tief verankerte Naturverbundenheit dieses Milieus. Diese geht allerdings nicht mit einem Bild der riskanten, durch den Menschen leicht zu gefährdenden Natur einher, sondern wird durch ein oft überraschend stabiles Bild des Naturgefüges unterfüttert. Dementsprechend gelten „die Ökos“ auch eher als überdrehte bzw. als politisch motivierte Gegner, nicht als Verbündete im Naturverhältnis der Traditionellen. Umweltprobleme werden von den Traditionellen vor allem dort und dann wahrgenommen, wenn sie erstens sinnfällig sind und zweitens als Ausdruck sozialer Abweichung interpretiert werden können – das wilde Deponieren von Müll gilt hier denn auch als Inbegriff des Umweltfrevels, der nicht sowohl den Naturhaushalt als vielmehr auch den ausgeprägten Ordnungssinn dieses Milieus stört. Die Bereitschaft, für umweltfreundliche Produkte einen Mehrpreis zu bezahlen, ist bei den Traditionellen klar unterdurchschnittlich ausgeprägt. Neben dem schmalen Haushaltsbudget spricht dagegen auch die tief sitzende Vermutung, derlei Anstrengung sei angesichts der Robustheit der Natur im Grunde gar nicht nötig. Nicht (negativ) auffallen, also ein gewisser Konformismus macht einen wichtigen Grundzug dieses Milieus aus, der auch im Umweltbereich gilt. Wo es Umweltnormen geschafft haben, allgemeines Volksvorurteil oder auch Gesetz zu werden, folgen die Angehörigen 19

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des Traditionellen Milieus mehr oder weniger gerne, auf jeden Fall aber gewissenhafter als viele modernere Milieuvertreter, die sich kraft ihres Individualismus die eine oder andere Ausnahme problemlos gönnen. Damit scheinen die Traditionellen in der Tat ein Milieu zu sein, auf das man mit Blick auf ein Voranbringen des Umweltschutzes nicht wirklich bauen kann. Es ist auch schwer abzusehen, wie ihre gesellschaftliche Unterprivilegierung durch Synergien mit dem Umweltschutz behoben werden sollte. Dennoch kann der genauere Blick auf dieses Milieu einige interessante Ansatzpunkte zutage fördern. 4.2.3 Sensibilisierung der Traditionellen für Umweltthemen

Die Globalisierungsskepsis, die sich bei vielen Milieuvertretern findet, kann für die Förderung regionaler Produkt- und Wirtschaftskreisläufe genutzt werden, welche im Nachhaltigkeitskontext immer wieder gefordert werden. Dass ein Apfel nicht um die halbe Welt reisen muss, nur um nebenbei beim Fernsehen verspeist zu werden – den Traditionellen leuchtet dieses Argument sofort ein. Vertreter des hedonistischen Milieus sind da sehr viel schwerhöriger. Auch an das Ruhe- und Schutzbedürfnis dieses Milieus kann im Sinne des Umweltschutzes angeknüpft werden. Die Traditionellen fahren – z. T. altersbedingt, z. T. einkommensbedingt – weniger Auto als der Durchschnittsbürger (61 % versus 75 %), und geben auch überdurchschnittlich häufig an, aus Umweltschutzgründen das Autofahren einzuschränken bzw. dies zu beabsichtigen (76 % versus 65 %). Maßnahmen um den Verkehr zu beruhigen treffen hier auch auf mehr Zustimmung als bei anderen Milieus, insbesondere wenn sie die innerstädtische Lebensqualität erhöhen. Umweltkommunikation für dieses Milieu muss mindestens auf zwei Medien setzen: Die lokale Tageszeitung und das Fernsehen, denn beide werden hier häufig genutzt. Ein wichtiger Aspekt für die Angehörigen des Traditionellen Milieus ist die Frage des Anschlusses an die „Mehrheitsgesellschaft“. Das ist nicht nur ein Problem der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, sondern auch eines der Generationengerechtigkeit, denn die Mitglieder dieses Milieus sind im Durchschnitt 65 Jahre alt. Der rasante technologische und soziale Wandel der modernen Gesellschaft führt im Traditionellen Milieu häufig zu dem Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen und von ihr nicht mehr gebraucht zu werden. Gerade diese Entwertung der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen stellt ein vitales Gerechtigkeitsproblem für diese Gruppe dar. Klar zu machen, dass diese Kompetenzen und Fähigkeiten durchaus etwas mit Nachhaltigkeit zu tun haben, würde in diesem Milieu die Bekanntheit und Akzeptanz des Nachhaltigkeitsbegriffs deutlich steigern helfen. Beispielsweise indem hervorgehoben wird, dass bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Zubereitung saisonaler und regionaler Gerichte wieder gefragt sind, die im Zuge der modernen Konsumkultur zu Unrecht verschüttet wurden, oder indem Reparieren statt Wegwerfen als Haltung kultiviert wird. Auch die zivilgesellschaftliche Partizipationsbereitschaft dieses Milieus könnte durch entsprechende Angebote (als gutes Beispiel zu erwähnen: „Team 50 plus“ von Greenpeace: www.greenpeace.de/ueber_uns/mitmachen/team50plus/) erhöht werden. Basierend auf den Daten der Umweltbewusstseinsstudie 2006 haben Kuckartz et al. (2007a: 2428) in Anlehnung an eine Typologie von Preisendörfer (1999) den Anteil der „einstellungsungebundenen Umweltschützer“ an der Bevölkerung für das Jahr 2006 auf 14 % geschätzt. Dabei 20

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handelt es sich um Menschen, deren tatsächliches Umweltverhalten über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt, während ihre umweltbezogenen Einstellungen nur unterdurchschnittlich ausgeprägt sind. Das Gegenbild des „einstellungsungebundenen Umweltschützers“ ist der „Umweltrhetoriker“, der immerhin mit 22 % in der Bevölkerung vertreten ist. Eine in der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung seit Jahren beliebte Kernfrage lautet, wie es zu der sog. „Lücke“ zwischen Umweltbewusstsein und Umweltverhalten komme – warum wir also nicht entsprechen ökologisch handeln, wie wir es (in Umfragen zumindest) immer behaupten. Folgen wir der Typologie von Preisendörfer und Kuckartz, dann wird deutlich, dass damit „nur“ das Kernproblem eines guten Fünftels der deutschen Bevölkerung benannt ist. Umso wichtiger ist es zu betonen, dass ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Bevölkerung durch eine ganz andere Konstellation von Bewusstsein und Verhalten geprägt ist: sie verhält sich überdurchschnittlich umweltgerecht, tut dies aber nicht aus einem überdurchschnittlich ausgeprägten Umweltbewusstsein heraus. Es darf vermutet werden, dass das Gros der einstellungsungebundenen Umweltschützer aus dem Traditionellen Milieu stammt. Dafür spricht die auch in der Befragung 2010 deutlich werdende geringere Umweltbeanspruchung in diesem Milieu, dafür spricht die markante Ablehnung einer ökologischen „Rhetorik“. Wenn dem so sein sollte, dann müsste eine zielgruppensensible Umweltpolitik daraus Kapital schlagen. Ähnlich wie die „Zwangsklimaschützer“ aus dem Prekären Milieu wären die Umwelt-Sparsamen des Traditionellen Milieus öffentlich zu belobigen und zu ermutigen. Ihnen ist dabei nicht wichtig, einen Trend zu bilden (gleichsam die Vorhut auf dem Weg in die Low Carbon Society zu sein) – das widerspricht ihrer sozialen Vorsicht und der Präferenz für Anpassung und „Unsichtbarkeit“. Aber das Gefühl der Teilhabe, der Wertschätzung von Haltungen und Verhaltensweisen als zukunftsfähig, die von vielen „moderneren“ Milieus als (vor)gestrig abgetan werden, wäre hier besonders wertvoll. Dadurch könnten auch die Ängste vor dem Verlust an Zugehörigkeit und der Entwertung der eigenen Lebenserfahrung gemildert werden, die in diesem Milieu oft eine bedeutende Rolle spielen.

4.3 Das Hedonistische Milieu
Die letzte Gruppe, mit der wir uns beschäftigen wollen, befindet sich in einer ähnlichen sozialen Lage wie das Traditionelle Milieu, aber von ihren Lebensstilen und Wertorientierungen her in einem gänzlich anderen Segment des sozialen Raums: das Hedonistische Milieu. 4.3.1 Allgemeine Milieucharakteristika

Trotz aller Merkmale einer unterprivilegierten sozialen Lage (überwiegend untere Einkommensklassen, geringes/mittleres Berufsprestige, begrenztes kulturelles Kapital) fühlen sich die meisten Mitglieder dieses Milieus nicht unbedingt sozial benachteiligt. Als sehr modernes Milieu sind sie stark vernetzt und leben mehr außenorientiert. Ihre Präferenz für spontane Selbstverwirklichung im Hier und Jetzt lässt sie zu Hauptadressaten der modernen Unterhaltungskultur werden, dessen unteres Segment sie bespielen. Das birgt zwar immer wieder die Gefahr von Scheinwelten und Eskapismus, diese wird aber durch die Vernetztheit und das Sensorium für „wichtige Sachen“ stets auch konterkariert. Knapp gesagt: Trotz objektiver Benachteiligungen hat dieses spaßorientierte Milieu einfach zu wenig Zeit und Gelegenheit, sich darüber ernsthaft Sorgen zu machen. 21

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4.3.2

Hedonisten und Umwelt

Mit Blick auf unser Thema fällt an den Hedonisten auf: • Ihr Antwortverhalten ist durch eine Reihe von Spannungen und Widersprüchen gekennzeichnet, für die sich keine einfachen Auflösungen finden lassen. Es gibt hier durchaus hohe bekundete Bereitschaften, für umweltfreundliche Produkte mehr Geld auszugeben, aber das selbstberichtete Verhalten bezeugt, dass umweltfreundliche Produkte (BioLebensmittel, natürliche Kosmetikartikel sowie umweltfreundliche Putzmittel, Renovierungsutensilien und Schädlingsbekämpfungsmittel) nur maximal durchschnittlich häufig auch gekauft werden – mit der Ausnahme von Kosmetikprodukten mit natürlichen Inhaltsstoffen, die hier eine größere Rolle spielen. Viele Angehörige dieses kontaktfreudigen Milieus können sich vorstellen, aktiv im Umwelt- oder Naturschutz tätig zu sein. Fragt man aber nach dem tatsächlichen Verhalten, dann zeigt sich ein nur unterdurchschnittliches Engagement. Auffällig ist, dass sich die Angehörigen des Hedonistischen Milieus deutlich stärker als alle anderen Gruppierungen durch Umweltprobleme gesundheitlich belastet fühlen: mit 44 % ist es hier fast jeder bzw. jede Zweite, während es im Bevölkerungsdurchschnitt nur 29 % sind, die sich „stark“ oder „sehr stark“ belastet fühlen. Vor die Wahl gestellt, mehr Einkommen oder mehr Freizeit zu haben, präferieren 38 % dieses Milieus die Freizeit (Bevölkerungsdurchschnitt: 28 %), während 41 % sich für mehr Einkommen aussprechen (Bevölkerungsdurchschnitt: 52 %). Hier wird der Mentalitätsunterschied zum Prekären Milieu besonders deutlich, wo sich 66 % für mehr Einkommen und nur 19 % für mehr Freizeit aussprechen. Umweltschutz hat in diesem Milieu insgesamt eher schlechte Karten. Er wird als Verhinderungspolitik und Spaßbremse wahrgenommen. Selbst staatlichen Fördermaßnahmen für umweltfreundliche Alternativen steht dieses Milieu nicht besonders positiv gegenüber. Vorteile durch umweltfreundliches Verhalten werden wenig gesehen. Ein gewisses Desinteresse an Umweltpolitik generell ist festzustellen. Eine Ausnahme stellt hier der Atomausstieg dar: Mit 43 % unterstützt dieses Milieu am stärksten von allen die Aussage, Deutschland solle schneller als im Jahr 2003 getroffenen Atomkompromiss aus der Nutzung der Atomenergie aussteigen (Bevölkerung insgesamt: 32 %).

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Dass sich die Hedonisten häufig durch Umweltbelastungen stärker als der Bevölkerungsdurchschnitt betroffen fühlen, wurde schon erwähnt (siehe oben Kapitel 2). Dort wurde auch bereits betont, dass Umweltpolitik am Spaß- und Unterhaltungsbedürfnis dieser Gruppierung ansetzen muss, wenn sie hier positive Resonanz finden will. Dazu wird es notwendig sein, den moralischen Hintergrund umweltpolitischer Maßnahmen ebenso deutlich herunterzuschrauben wie deren Verbots- oder Vorschriftscharakter. 4.3.3 Sensibilisierung der Hedonisten für Umweltthemen

Wichtig wäre es, diesem Milieu Gelegenheitsstrukturen und Freiräume anzubieten, in denen Neues erprobt oder „richtiges“ Verhalten ohne Risiko des sofortigen Scheiterns/Abstrafens eingeübt werden kann. Der im Naturschutz in den letzten Jahren aufgewertete Begriff der Wildnis 22

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etwa bietet hierfür einiges an Potenzial, betont er doch nicht so sehr das Verletzliche an der Natur (Implikat vieler Aufforderungen, mit ihr sorgsam und pfleglich umzugehen), sondern unterstreicht mit ihrer Macht und Unberechenbarkeit auch einige seelische Eigenschaften, mit denen sich gerade die Angehörigen dieses Milieus identifizieren. Die ausgesprochene Spaß- und Gegenwartsorientierung dieses Milieus macht es schwer, das Nachhaltigkeitskonzept mit seiner Fokussierung der langfristigen Benefits beim ökologischen Umbau der modernen Gesellschaft im Gemütshaushalt dieses Milieus unterzubringen. Überall dort, wo kurzfristiger Nutzen und Spaß an der Natur vermittelbar sind, wird es für dieses Milieu interessant. Dass dies nicht gänzlich aus der Luft gegriffen ist, zeigen die hohen Kaufwerte für Kosmetika mit natürlichen Inhaltsstoffen. „Intakte Natur ist gut für Dich und macht Dich attraktiver“ – das ist durchaus eine anschlussfähige Botschaft für die Hedonisten. Angesichts des häufig spontanen Kaufverhaltens ist es schwierig, den Hedonisten mit den ökonomischen Spareffekten umweltfreundlichen Verhaltens zu kommen. Das wäre zwar dem eigenen Haushaltsbudget durchaus angemessen, fällt aber doch schwer im Alltag zu berücksichtigen. Stattdessen könnte die spontane Ausgabebereitschaft für trendige Produkte genutzt werden, um auch höherpreisige umwelt- und gesundheitsverträgliche Produkte und Dienstleistungen an den Mann oder die Frau aus diesem Milieu zu bringen. Voraussetzung dafür ist, dass diese Produkte auch die entsprechende „Verpackung“ (inklusive Werbung und Peer-Group Attraktivität) bekommen. Ökologische Konsumbewegungen wie LoHaS (Lifestyles of Health and Sustainability) haben – auch wenn sie zunächst ein anderes Klientel anvisieren – in dieses Milieu durchaus ein Potenzial. Dafür müsste sich die LoHaS-Bewegung allerdings sozial erweitern und insofern neu positionieren. Die hohe Affinität zur modernen Unterhaltungs- und Medienwelt bei diesem Milieu legt es nahe, dass neben dem Fernsehen vor allem auch das Internet und die Welt der Social Media genutzt werden, um umweltpolitisch relevante Informationen und Haltungen zu kommunizieren. Zudem könnte ein Format wie die Green Music Initiative (GMI, www.greenmusicinitiative.de) speziell für die Hedonisten attraktiv sein, bei dem das Interesse der Musikindustrie an Umwelt- und Klimaschutz gebündelt und weiter aktiviert werden soll. Musik spielt für die Hedonisten – und natürlich nicht nur für sie – eine ganz wichtige Rolle für Alltagsgestaltung, Lebensgefühl und Vergemeinschaftung. Wenn über den „Kanal“ Musik, mit entsprechendem Fun-Anteil und ohne erhobenen Zeigefinger die Umweltprobleme dieser Welt aktiv ins Bewusstsein gehoben und Handlungsmöglichkeiten in zwangloser Form aufgezeigt würden, dann könnte dies einen höheren Impact haben als viele gutgemeinten Bücher, die von den Vertretern dieses Milieus ohnehin kaum zur Kenntnis genommen werden. Aus Sicht des Themas Umweltgerechtigkeit könnte sich für die Hedonisten eine neue Facette anbieten: Wie ungerecht ist es eigentlich, dass sich zum gegebenen Zeitpunkt noch immer nur „die Reichen“ umweltfreundliche Techniken und Lebensstile „zulegen“ können? Dies würde an der Diskrepanz zwischen ja durchaus vorhandenem Umweltbewusstsein und dahinter zurückbleibendem umweltfreundlichen Verhalten dieses Milieus ansetzen, es aber nicht ins moralische „jetzt handelt auch mal so, wie ihr redet“ wenden, sondern die Ungerechtigkeit von Verhältnissen anprangern, die ein Umsetzen von guten Absichten erschweren oder gar verhindern. Es ist aber so, dass mit diesem Anprangern zugleich eine Perspektive angedeutet wird, wie eine sozial-ökologische Transformation aussehen könnte, die es den einzelnen eben leichter macht, 23

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sich entsprechend ihrer Einstellungen zu verhalten, etwa durch umweltpolitische Regulierung oder durch das Fördern und Fordern von umweltfreundlichen Investitionen. Diese Strategie hätte also zwei Schritte: erstens die Skandalisierung von Verhältnissen, die es (nicht nur) diesem Milieu kaum erlauben, ökologische Konsistenz zu leben; und zweitens die Mobilisierung von eher strukturellen Forderungen nach Politiken, die eine solche Konsistenz erlauben (z. B. durch Hinweis auf Kostendegression ökologischer Produkte und Verfahren im Zuge ihrer staatlich geförderten Massenmarktdurchdringung). Angesichts der geringen Attraktivität von Car-Sharing für dieses Milieu (im Unterschied zu den Prekären) bei gleichzeitiger Faszination für technisch Neues könnte z. B. das Elektroauto (falls es schick ist und zum Lebensstil passt) ein Objekt sein, an dem dabei exemplarisch anzusetzen wäre.

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Fazit

In diesem Vertiefungsbericht haben wir uns dem Thema Umweltgerechtigkeit genähert, indem wir zum einen die positiven Verbindungen zwischen Umwelt- und Lebensqualität betont haben, und indem wir uns andererseits auch die soziale Verteilung von Umweltbelastungen angesehen haben. Dies geschah mit besonderem Blick auf sozial benachteiligte Milieus (Prekäre, Traditionelle, Hedonisten), von denen aufgrund früherer Forschungen (Stichwort „Environmental Justice“) vermutet werden kann, dass sich hier überproportional die Belastungen, die das moderne Leben der Umwelt zumutet, sammeln und zu einer zusätzlichen, sekundären Ungerechtigkeitsdimension führen. Diese wird allerdings im allgemeinen Diskurs über soziale Gerechtigkeit noch immer nicht hinreichend wahrgenommen – obwohl es Studien gibt die zeigen, dass eine gute Umweltpolitik eben auch zu mehr sozialer Gerechtigkeit führt (Bertelsmann Stiftung 2011). Der Blick auf die benachteiligten Milieus bestätigt die Ausgangsvermutung, dass sich am unteren Ende der deutschen Gesellschaft auch die Umweltbelastungen häufen. Es sind vor allem Angehörige des Prekären Milieus und der Hedonisten, die an lauteren Straßen mit höherer Luftverschmutzung wohnen, in Quartieren leben, die mit weniger Grün ausgestattet sind, die in ihrem Alltag weniger Zugang zu Natur insgesamt finden, und die aus vielfältigen Gründen Nahrungsmittel und Verbrauchsgüter konsumieren, die weniger gesund und nachhaltig sind. Gleichzeitig kann festgestellt werden, dass objektive Mehrbelastungen sich nicht automatisch in subjektive Belastungserfahrungen umsetzen und mithin auch nicht einfach umweltpolitisch mobilisiert werden können. Teilweise ist das Gegenteil der Fall: Je besser es Menschen im Vergleich zu anderen, sozial schlechter gestellten geht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie über Bildungskapital und ihre sozialen Netzwerke für Umwelt- und Gesundheitsfragen sensibilisiert sind, und desto höher ist bisweilen auch ihr Klagen über Umweltbelastung (Diekmann/Meyer 2010). Umweltpolitik, die sich der Gerechtigkeitsfrage nicht verschließt, sondern nach Synergien sucht, kann nicht einfach den Weg des Verzichts auf ihre Grundprinzipien (z. B. Verursacherprinzip, Internalisierung externer Kosten) gehen. Sie muss vielmehr versuchen, andere Politikfelder und Akteure von der Notwendigkeit zu überzeugen, mögliche soziale Härten umweltpolitischer Maßnahmen durch deren Instrumentarium abzufedern. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Es muss darum gehen, Umweltpolitik als ganz basale Voraussetzung jeder weitergehenden Gerechtigkeitspolitik deutlich zu machen, weil ohne intakte und ein gutes Leben für alle ermöglichende Umweltbedingungen eine gerechte Verteilung von Lebenschancen illusorisch ist – oder eben nur für wenige machbar bleibt, also im Kern ungerecht verfährt. Die hier betrachteten sozial benachteiligten Milieus sind keineswegs die Bannerträger von Umweltbewegung und Umweltpolitik, vielfach gilt das Gegenteil. Gerne werden sie auch in den Fachdebatten der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung als unökologisch und teilweise auch als politisch missliebig „links liegengelassen“. Sozial- und umweltpolitisch ist es allerdings nicht vertretbar, knapp ein Drittel der Bevölkerung für den ökologischen Diskurs gleichsam verlorenzugeben. Rein pädagogische Maßnahmen greifen hier allerdings nicht. Es muss an der Lebensrealität und der Lebensdeutung dieser Gruppen angesetzt werden, wenn sich Umweltpolitik hier Gehör verschaffen und perspektivisch vielleicht sogar Unterstützung bekommen will. Einige Anregungen dazu finden sich in diesem Bericht. 25

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Es sollte aber auch deutlich geworden sein, dass deren Umsetzung nicht allein ein Sich-Bewegen seitens dieser ökologischen „Problemklientel“ voraussetzt, sondern auch und vor allem auch eine Neujustierung der Umweltpolitik. Dies gilt umso mehr, als es – nicht nur, aber eben auch bedingt durch Politik im Allgemeinen – in den letzten Jahren in Deutschland zu einer wachsenden sozialen „Schieflage“ gekommen ist, die viele Menschen erst in jene prekären sozialen Verhältnisse gebracht hat, aus denen heraus es ihnen oft schwer fällt, sich umweltgerecht zu verhalten. Man muss die Angehörigen dieser drei Unterschichts-Milieus nicht zu Opfern stilisieren um zu sehen, dass ihnen gegenüber eine mit anderen Politikfeldern besser koordinierte Umweltpolitik durchaus auch eine Bringschuld besitzt. Daneben bleibt es wichtig zu sehen, dass es nicht um ausgleichende Gerechtigkeit im Sinne der Kompensation für Umweltungerechtigkeit geht, sondern um Teilhabegerechtigkeit als realisierte Chancengleichheit, also um die Ermöglichung der aktiven Umsetzung subjektiver Pläne und Ziele. Die Vernutzung der Umwelt durch heutige Generationen – insbesondere durch Generationen mit einem überdurchschnittlich hohen ökologischen Fußabdruck – stellt eine nicht hinnehmbare doppelte Ungerechtigkeit dar. Umweltpolitik, die sich der pluralen Milieurealität moderner Gesellschaften stellt, bekommt unausweichlich etwas von Zielgruppenmarketing – und sei es „nur“ in der Umweltkommunikation. Dennoch soll daran erinnert werden, dass der Gestaltungsauftrag von Politik als Sachverwalter des Gemeinwohls sich nicht darin erschöpfen kann, jeder Klientel besondere Angebote zu machen. Die Schaffung und Fortschreibung gesetzlicher Rahmenbedingungen ist und bleibt eine Kernaufgabe auch der Umweltpolitik, und gerade aus Gerechtigkeitsgesichtspunkten heraus ist es wichtig, dass diese allgemein und verbindlich verfährt. Dennoch – oder gerade deshalb – muss die politische Steuerung moderner Gesellschaften kontextsensibel verfahren, um möglichst breite Akzeptanz zu finden, und sie muss die richtige Kommunikationsstrategie wählen, damit die Wahrscheinlichkeit für eine breite Zustimmung steigt. Genau in diesem Sinne ist es unverzichtbar, auch mit Blick auf das Allgemeine der Umweltpolitik die Besonderheiten der sozialen Milieus einzubringen.

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