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Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal

Full text: Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal

Studie zur regionalen Demografiefähigkeit

Analyseteil der Fallstudie

Demografischer Wandel in der G EMEINDE L ILIENTHAL

Verfasser: FORUM GmbH, Oldenburg März 2008

Gliederung
1 2 3 4 Konzeption der Fallstudie ......................................................................................... 3 Demografischer Wandel in Deutschland................................................................. 4 Die Gemeinde Lilienthal im Überblick ..................................................................... 7 Ausgangslage............................................................................................................. 8 4.1 Das Demografieprofil der Gemeinde Lilienthal ........................................................ 8 4.2 Bevölkerungsentwicklung....................................................................................... 10 4.3 Altersstruktur der Gemeinde Lilienthal und ihrer Ortsteile ..................................... 15 4.4 Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal ............................................ 19 4.5 Demografische Perspektiven der Gemeinde Lilienthal .......................................... 27 5 Potenziale, Problemlagen und Herausforderungen im demografischen Wandel ................................................................................................................................... 30 5.1 Wohnungs- und Immobilienmarkt........................................................................... 30 5.2 Soziale Infrastruktur ............................................................................................... 35 5.2.1 Allgemein bildende Schulen............................................................................ 36 5.2.2 Kinderbetreuung.............................................................................................. 39 5.2.3 Jugendliche in Lilienthal .................................................................................. 41 5.2.4 Seniorenbezogene Infrastruktur...................................................................... 42

1 Konzeption der Fallstudie
Die Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal ist eine Ergänzung eines Auftrages des Landkreis Osterholz an die FORUM GmbH unter dem Titel ‚Studie zur regionalen Demografiefähigkeit’. Der demografische Wandel in der Gemeinde Lilienthal ist bereits exemplarisch im Rahmen einer ‚Praxisstudie zum demografischen Wandel in der Region Bremen’ behandelt worden, die die FORUM GmbH im Auftrag des Kommunalverbund Niedersachsen/Bremen e.V. im Jahr 2006 erstellt hat. Aufgrund dieser Vorarbeiten ist die Gemeinde Lilienthal bei den Analysen im Rahmen der ‚Studie zur regionalen Demografiefähigkeit’ zunächst ausgeklammert worden. Dieser FallstudienAnalyseteil dient nun dazu, eine vergleichbare, aktualisierte Datenbasis aller kreisangehörigen Kommunen bereitzustellen. Diese Fallstudie umfasst fünf Kapitel: Nach der Darstellung der deutschlandweiten Strukturen und Entwicklungen (Kapitel 2) sowie der räumlichen Strukturen der Gemeinde (Kapitel 3) wird in Kapitel 4 auf die demografische Ausgangslage eingegangen, bevor Kapitel 5 die Potenziale, Problemlagen und Herausforderungen thematisiert. Um angesichts der Fülle des zugrunde liegenden Daten- und Informationsmaterials eine möglichst übersichtliche und anschauliche Darstellung zu erreichen, werden die wichtigsten Informationen zur besseren Lesbarkeit zu prägnanten Aussagen verdichtet und mit Graphiken hinterlegt. In alle Fallstudien für die Kommunen des Landkreises Osterholz sind neben ausführlichen Auftakt- und Koordinationsgesprächen mit Vertretern der kreisangehörigen Kommunen (‚BürgermeisterInnengespräche’) und Auswertungen umfangreichen Datenmaterials (speziell Niedersächsisches Landesamt für Statistik sowie Daten des kommunalen Meldeamts) auch Gespräche mit Experten aus der Region eingeflossen, u.a. mit Vertretern der Bereiche Immobilien-/Wohnungsmarkt, Senioren (z.B. Seniorenbeiräte), Familie und Jugend.

Entwurf zur Fallstudie 'Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

3

2 Demografischer Wandel in Deutschland
Die demografische Struktur Deutschlands und seiner Teilräume war auch in der Geschichte niemals über längere Zeiträume konstant. Seit jeher haben sich markante historische Einschnitte wie Seuchen, Kriege oder aber soziale bzw. wirtschaftliche Innovationen auch in der Entwicklung und Zusammensetzung der Bevölkerung niedergeschlagen. Die oftmals als Idealbild für einen ‚gesunden Bevölkerungsaufbau’ herangezogene Bevölkerungspyramide existierte in Deutschland zuletzt vor etwa 100 Jahren. Schon zuvor hatte jedoch ein Prozess eingesetzt, dessen Folgen uns im 21. Jahrhundert vor zunehmende Probleme stellt: der Geburtenrückgang. Mit Ausnahme einer kurzen Erholung in den 1930er Jahren sind die Kinder je Frau stetig zurückgegangen, lagen aber zunächst noch deutlich über der sog. Bestandserhaltungsrate von 2,1.
1600000 Geborene 1400000 Gestorbene Saldo 1200000

1000000

800000

600000

400000

200000

0

-200000

-400000
90 92 94 96 98 00 02 04 72 74 76 78 70 68 56 80 82 50 52 54 48 46 58 60 62 64 66 84 86 88 20 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 20 20 20 06

Abb. 1:

Natürliche Bevölkerungsentwicklung in Deutschland nach 1945
(Quelle: eigene Darstellung nach Daten des Statistischen Bundesamts / DeStatis)

Charakteristisch war daher in Deutschland wie in den meisten westlichen Staaten der starke Anstieg der Bevölkerungszahlen speziell seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, der in Deutschland bis in die 1970er Jahre angehalten hat. Eine über dem Bestandserhaltungsniveau liegende Geburtenrate bei langsam sinkender Sterberate war verantwortlich für diese Entwicklung. Vor etwa 35 Jahren jedoch hat sich das Verhältnis schlagartig umgekehrt und in Deutschland konnte sich eine zuvor ungekannte Entwicklung verfestigen: Im Gefolge der unter der Bezeichnung ‚Pillenknick’ subsumierten Umwälzungen ist die Geburtenrate innerhalb weniger Jahre signifikant um nochmals mehr als ein Drittel deutlich gesunken und hat das Bestandserhaltungsniveau deutlich unterschritten auf etwa 1,4 Kinder je Frau. In der Konsequenz bedeutet dies, dass jede Elterngeneration im Vergleich zur vorigen seither um ein Drittel abnimmt, sofern keine Zuwanderungsgewinne erfolgen!

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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Die nachstehenden Graphiken bilden die Altersstruktur Deutschlands im Abstand von jeweils 30 Jahren ab, zeigen also etwa drei Generationenschritte auf1. Besonders gut ist das ‚Durchwachsen’ der geburtenstarken 1960er-Jahrgänge zu erkennen, die vor allem dem Immobilienmarkt im Umland der Ballungsräume in den vergangenen Jahren spürbaren Auftrieb verschafft haben. Selbst im Jahr 2035 werden die dann etwa 70-Jährigen voraussichtlich von keinem anderen Altersjahrgang übertroffen werden!

Abb. 2:

Altersaufbau der deutschen Bevölkerung 1975, 2005 und 2035 (Vorausberechnung)
(Quelle: DeStatis 2006)

Bereits seit Anfang der 1970er Jahre verzeichnet Deutschland einen negativen natürlichen Saldo mit weniger Geburten als Sterbefällen und ist daher auf internationale Zuwanderung angewiesen, um Bevölkerungsrückgang zu vermeiden (vgl. Abb. 1). Dass gerade heute das Thema ‚Demografischer Wandel’ in aller Munde ist, ist beileibe kein Zufall: Weil nunmehr die Jahrgänge ‚vor dem Pillenknick’ aus dem Alter herauswachsen, in dem üblicherweise Nachwuchs zu erwarten ist und der Geburtenschwund somit immer stärker die zweite Generation erfasst, gehen die Geburtenzahlen derzeit besonders stark zurück. Im Zusammenspiel mit der unverändert wachsenden Lebenserwartung und aktuell sehr niedriger internationaler Zuwanderung schlägt sich der sog. ‚Demografische Wandel’ in zunehmendem Maße in folgenden Tendenzen nieder (Details vgl. Langfassung der Praxisstudie): Bevölkerungsrückgang – etwa seit der Jahrtausendwende reicht die stagnierende internationale Zuwanderung nach Deutschland nicht mehr aus, um die wachsende Lücke zwischen Geburten und Sterbefällen auszufüllen. Es ist anzunehmen, dass 2002 ein historisches Bevölkerungsmaximum erreicht wurde. Alterung – Der Anteil der älteren und hochbetagten Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt kontinuierlich zu und wird erst nach 2050 seinen Höhepunkt erreichen. Der Anteil der Kinder nimmt sukzessive ab. Internationalisierung: Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund steigt aufgrund der wachsenden Bedeutung der Zuwanderung für die Bevölkerungsentwicklung. Veränderte Haushaltsstrukturen: Der bis in die 1970er Jahre hinein klassische Familienhaushalt mit vier bis fünf Personen verliert immer mehr an Bedeutung, während die 1- und 2-Personen-Haushalte sowohl prozentual wie auch absolut zulegen.

Zahlen für 2040: auf Basis der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, [Variante 1: positiver internationaler Wanderungssaldo von 100.000 Personen], 2006

1

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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Diese übergeordneten Tendenzen schlagen sich auch im Großraum Bremen und im Landkreis Osterholz nieder. Je kleinräumiger der betrachtete Raum ist, desto stärker wirken sich jedoch zusätzlich spezielle Sonderentwicklungen wie beispielsweise Baulandausweisungen, Unternehmensansiedlungen bzw. –aufgaben usw. aus. Durch das Fortschreiben bisheriger Trends können diese Entwicklungen im kommunalen Maßstab daher nur sehr bedingt erfasst und vorhergesehen werden. Diese Fallstudie hat das Ziel, die Entscheidungsträger der Gemeinde dabei zu unterstützen, entsprechende Trends in wesentlichen Feldern kommunalen Handelns frühzeitig zu erkennen und die bisherigen Entwicklungsstrategien kritisch auf ihre Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. Mit Blick auf die besonderen Verantwortlichkeiten der Kommunen sind im Auftrag des Landkreises an die FORUM GmbH die Bereiche ‚Wohnen’ und ‚soziale Infrastruktur’ als Schwerpunktthemen dieser Fallstudie festgelegt worden.

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3 Die Gemeinde Lilienthal im Überblick

Abb. 3:

Lage der Gemeinde Lilienthal und ihrer Ortsteile
(Quelle: Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachsen)

Lilienthal als Kernort ist mit 13.022 Einwohnern (Stand: 31.12.2007; Quelle: Einwohnermeldeamt der Gemeinde Lilienthal) und 72 % der Einwohner der mit Abstand größte Ortsteil mit allen grundzentralen Infrastruktur- und Versorgungsangeboten. Der Kernort ist für einen suburbanen Standort stark verstädtert. Die weiteren Ortsteile sind: Worphausen, im Norden der Gemeinde gelegen und mit 2325 Einwohnern (12,8 %) zweitgrößter Ortsteil der Gemeinde, ist im 18. Jahrhundert als Moorhufendorf entstanden. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgten Überformungen durch teilweise großflächige Wohngebiete. In St. Jürgen (1.564 Einwohner / 8,6 %) besteht ein alter, namensgebender Siedlungsraum im äußersten Westen des Ortsteils zwischen Hamme und Wümme. Im Bereich Frankenburg existiert eine haufenartige Verdichtung, Kleinmoor im Osten liegt bereits im Übergangsbereich zur Verdichtung des Hauptortes Lilienthal, die sich nach Süden anschließt.. Seebergen mit 857 Einwohnern (4,7 %) besteht ebenfalls aus Einzelhofanlagen, wobei in den letzten Jahrzehnten eine Verdichtung abseits der Hauptverkehrsstraßen stattgefunden hat. Heidberg ist mit 318 Einwohnern der kleinste Lilienthaler Ortsteil. Heidberg ist kleinräumig und flächig erschlossen, wobei Einzelhofanlagen ohne besonderen Schwerpunkt dominieren.

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4 Ausgangslage
4.1 Das Demografieprofil der Gemeinde Lilienthal

Lilienthals Demografieprofil: Positive Einwohnerentwicklung aber im Landkreis-Vergleich relativ ungünstige altersbezogene Indikatoren.

Bevölkerungsentwicklung
4

3

Migranten
2,0

2 2

3,25

Ältere Menschen

1

1,3

3

Junge Menschen

Familien

Abb. 4:

Mittelwerte der Demografie-Indikatoren für die Gemeinde Lilienthal
Lesehilfe: Je geringer der Wert des einzelnen Indikators, desto geringer ist die relative ‚Betroffenheit’ in diesem Bereich

(Quelle: Eigene Berechnung & Darstellung auf Basis von Daten der BertelsmannStiftung 2006)

Beim Vergleich von fünf demografischen Faktoren (Bevölkerungsentwicklung, Ältere Menschen, Familien, Junge Menschen und Migration) auf Grundlage der Daten und Prognosen der Bertelsmann-Stiftung mit den übrigen Gemeinden des Landkreises (nimmt die Gemeinde Lilienthal nach Hambergen (SG), Schwanewede und Ritterhude, aber vor Worpswede, Grasberg und der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck den vierten Platz ein. Es ist daher aus aktueller Perspektive im regionalen Vergleich eine durchschnittliche Betroffenheit vom Demografischen Wandel festzustellen. Positiv hat sich bei der Bewertung vor allem das Einwohnerwachstum um mehr als sechs Prozent zwischen 2000 und 2006 niedergeschlagen sowie die starke Zuwanderung der Familien-Altersgruppen im Analysezeitraum. Bis 2020 ist nach der Prognose der Bertelsmann-Stiftung aus dem Projekt ‚Wegweiser Demografie’ ein weiteres leichtes Wachstum der Einwohnerzahl um 3,2% (Basis 2005) zu erwarten – ein Wert, der leicht über den Prognosen für den Landkreis liegt. Die bedingt durch das starke Wachstum in den zurückliegenden Jahrzehnten charakteristischen Altersstrukturen führen dagegen zu un-

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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günstigeren Bewertungen bei den Indikatoren ‚junge Menschen’, und ‚ältere Menschen’, so ist bis zum Jahr 2020 mit einem Anstieg der Anzahl der über 80-Jährigen um 120 % zu rechnen. Bei der Typisierung der Gemeinden im Gebiet der Metropolregion Bremen-Oldenburg im Nordwesten (vgl. http://www.forum-oldenburg.de/demografie-nw.htm) wird Lilienthal als ‚Suburbane Kommune mit hohem Durchschnittsalter und Schrumpfungstendenzen’ charakterisiert. Da sich in den vergangenen drei Jahren regionsweit markante Strukturverschiebungen bei den Wanderungsverflechtungen vollzogen haben (siehe z.B. Kapitel 4.4) und die Bevölkerungsentwicklung zuletzt regionsweit deutlich hinter den Prognosen zurückgeblieben ist, sind speziell die auf erwarteten zukünftigen Entwicklungen basierenden Bewertungen mit einem nicht unerheblichen Unsicherheitsfaktor behaftet. In den folgenden Kapiteln wird daher der Versuch unternommen, Strukturen und Zusammenhänge hinter den jüngsten demografischen Entwicklungen aufzudecken, um auf diese Weise weitergehende Hinweise auf die zu erwartenden Entwicklungen und die daraus resultierenden Handlungserfordernisse zu erhalten.

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4.2

Bevölkerungsentwicklung

Die Einwohnerzahl der Gemeinde Lilienthal ist vor allem in den 1970er und den 1990er Jahren dynamisch gewachsen. Ausschlaggebend waren dauerhafte Wanderungsgewinne, die das mit Ausnahme weniger Jahre aufgetretene Geburtendefizit mehr als ausgleichen konnten. Lilienthal hat in den vergangenen Jahrzehnten einen stürmischen Einwohnerzuwachs erlebt, der sich in mehreren Etappen vollzogen hat: Besonders markant war der Anstieg der Bevölkerungszahlen bis zur Mitte der 1970er Jahre. Anschließend stellte sich eine Stagnationsphase ein, bevor sich seit dem Ende der 1980er Jahre eine erneute Wachstumsphase angeschlossen hat, die erst nach der Jahrtausendwende beendet wurde. Seit 2004 besitzt Lilienthal relativ konstant etwa 18.200 Einwohner – das sind etwa 50 % mehr als noch vor vierzig Jahren.

20.000 19.000 18.000 17.000 16.000 15.000 14.000 13.000 12.000 11.000
19 88 19 90 19 92 19 94 19 98 20 00 19 80 19 84 19 86 19 70 19 72 19 74 19 76 19 78 19 68 19 82 19 96 20 02 20 04 20 06

Abb. 5:

Einwohnerentwicklung der Gemeinde Lilienthal seit 1968
(Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS], Bevölkerungsfortschreibung)

Die dynamische Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre wurde ausschließlich durch Wanderungsgewinne ermöglicht. Mit Ausnahme von zwei Jahren mit minimalen Geburtenüberschüssen (1968 und 1990) lag die Zahl der Sterbefälle Jahr für Jahr teilweise über der Anzahl der Geburten. Für den Zeitraum 1968 bis 2006 summiert sich das Geburtendefizit auf fast 1.800 – was aber angesichts von Wanderungsgewinnen im Umfang von mehr als 8.000 zunächst keinen spürbar bremsenden Einfluss auf die Gemeindeentwicklung gehabt hat.

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400 Geborene Gestorbene Saldo 300

200

100

0

-100

-200
19 74 19 70 19 78 19 82 19 86 19 76 19 80 19 68 19 90 19 94 19 84 19 72 19 98 19 88 19 92 20 00 20 02 19 96 20 04
20 04

Abb. 6:

Natürliche Bevölkerungsentwicklung der Gemeinde Lilienthal (Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS], Bevölkerungsfortschreibung)

In der jüngsten Vergangenheit musste Lilienthal jährlich Wanderungsgewinne von mindestens etwa 40 Personen erzielen, um angesichts der konstanten Sterbeüberschüsse Einwohnerverluste zu vermeiden. Nach 2000 sind die Wanderungsgewinne Lilienthals jedoch deutlich auf ein durchschnittliches Niveau von 80 zurückgegangen, nachdem sie in den 15 Jahren davor im Mittel bei fast 200 lagen. Im Jahr 2006 sind sogar (die in der vorliegenden Zeitreihe höchsten) Wanderungsverluste aufgetreten. Der Wanderungssaldo wird in Lilienthal generell in erster Linie von der Entwicklung der Zuzüge bestimmt, denn die Zahl der Fortzüge aus der Gemeinde ist seit Jahrzehnten vergleichsweise stabil.
2000 Zuzüge 1800 1600 1400 1200 1000 800 600 400 200 0 -200
76 80 84 68 72 86 98 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 20 19 19 19 02 20 20 06 70 78 82 90 74 94 88 96 92 00

Fortzüge Saldo

Abb. 7:

Wanderungsgeschehen der Gemeinde Lilienthal seit 1968
(Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS], Wanderungsstatistik)

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20 06

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Die Wanderungsgewinne bei den Familien-Altersgruppen sind zuletzt gefallen, während sich bei den jungen Erwachsenen ein erhebliches Wanderungsdefizit aufgebaut hat. Bei der Analyse der altersstrukturellen Zusammensetzung der Wanderungsströme Lilienthals (vgl. Abb. 8) fällt auf, dass in der jüngsten Vergangenheit (2004 – 2006) im Vergleich zum Ende der 1990er Jahre vor allem die Wanderungsgewinne bei den klassischen Familien-Altersgruppen (0-17, 30 - 50) spürbar zurückgegangen sind. Hinzu kommt ein deutlicher Anstieg der Verluste bei den jungen Erwachsenen.
113 65+ 322 159 207 190 50-64 334 243 245 975 30-49 1414 957 1147 550 555 426 426 506 481 612 492 508 0-17 717 437 509

25-29

18-24

Fortzüge 1997-1999 Zuzüge 1997-1999 Fortzüge 2004-2006 Zuzüge 2004-2006

0

300

600

900

1200

1500

Abb. 8:

Wanderungsströme der Gemeinde Lilienthal nach Altersgruppen
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Innerhalb der Gemeinde sind in den vergangenen zehn Jahren deutliche Entwicklungsunterschiede aufgetreten. Die Ortsteile mit guter Infrastrukturausstattung sind gewachsen –am stärksten Worphausen – , während die ländlich strukturierten Bereiche in St. Jürgen und Heidberg stagnierten oder bereits geschrumpft sind. Wird die Betrachtungsebene von der Gemeinde insgesamt auf die fünf Ortsteile Lilienthals gelenkt (vgl. Abb. 9), so fallen selbst im vergleichsweise kurzen Zeitraum 1998 bis 2007 deutliche Unterschiede bei der Bevölkerungsentwicklung auf. Vor allem nach 2001 ist die Einwohnerentwicklung in den ländlichen Ortsteilen Heidberg und St. Jürgen stagnierend bis rückläufig gewesen, obwohl die Gemeinde insgesamt, wie auch der größte Ortsteil Lilienthal, in diesen neun Jahren noch erhebliche Einwohnerzuwächse von mehr als fünf Prozent verzeichnete. Leicht über dem Durchschnittswert aller Ortsteile hat sich Seebergen entwickelt, während Worphausen mit annähernd + 11 % sogar fast doppelt so stark zulegen konnte wie die gesamte Gemeinde. Das Wachstum der letzten zehn Jahre hat sich somit auf die Teilräume mit guter Infrastrukturausstattung konzentriert.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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Wird die Einwohnerentwicklung der beiden am stärksten divergierenden Ortsteile in ihre Komponenten – Wanderungen und natürliche Entwicklungen – zerlegt (Vgl. Abb. 10-11), so treten die Unterschiede sehr deutlich hervor: Worphausen konnte kontinuierlich Zuzugsüberschüsse erzielen; gleichzeitig sind aber auch Geburtenüberschüsse im nennenswerten Umfang aufgetreten. Immerhin ein Fünftel des gesamten Einwohnerzuwachses von etwa 250 resultiert aus dem positiven natürlichen Saldo. In St. Jürgen ist zwar ebenfalls insgesamt ein Geburtenplus aufgetreten (+17), das aber bei weitem nicht ausgereicht hat, um die Wanderungsverluste von 78 zu kompensieren. Die Entwicklung in St. Jürgen besitzt offenbar eine ausgeprägte negative Dynamik, denn noch in den 1990er Jahren wurden beträchtliche Wanderungsgewinne erzielt; in den letzten beiden Jahren (2006/2007) sind auch die Geburtenzahlen massiv eingebrochen.
115
Heidberg OT Lilienthal Seebergen St. Jürgen Worphausen Gemeinde 106,5 105,6 110,9

110

105

100

99,4

97,0

95

90 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007

Abb. 9:

Bevölkerungsentwicklung der Ortsteile Lilienthals 1998 – 2007
(Quelle: Eigene Berechnungen, Meldeamtsdaten der Gemeinde Lilienthal)

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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Wanderungssaldo des Ortsteils Worphausen
300
Zuzüge Wegzüge Saldo 30 40

Natürliche Bevölkerungsentwicklung in Worphausen

250

Geburten Sterbefälle Saldo

200
20

150
10

100
0

50

0

-10

-50 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007

-20 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007

Abb. 10:

Wanderungsströme und natürliche Bevölkerungsentwicklung des Ortsteils Worphausen
(Quelle: Eigene Berechnungen, Meldeamtsdaten der Gemeinde Lilienthal)
Wanderungssaldo des Ortsteils St. Jürgen Natürliche Bevölkerungsentwicklung in St. Jürgen
40
Zuzüge Wegzüge Saldo Geburten Sterbefälle Saldo

200

30 150

20 100 10 50 0

0 -10

-50 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007

-20 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007

Abb. 11:

Wanderungsströme und natürliche Bevölkerungsentwicklung des Ortsteils St. Jürgen
(Quelle: Eigene Berechnungen, Meldeamtsdaten der Gemeinde Lilienthal)

Die folgenden Analysen sollen Aufschluss darüber geben, inwiefern sich die auch in der Region Bremen/Osterholz immer stärker spürbaren Folgen des fortgesetzten demografischen Wandels bereits in den jüngsten Entwicklungen Lilienthals niederschlagen.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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4.3

Altersstruktur der Gemeinde Lilienthal und ihrer Ortsteile

Die ‚Schieflage’ beim Altersaufbau der Bevölkerung Lilienthals hat sich in den vergangenen dreißig Jahren immer weiter verstärkt. Zunahmen gibt es vor allem bei den Senioren über 60 und den 40-bis 49-Jährigen. Stark zurückgegangen sind dagegen die Bevölkerungsanteile der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren. Der altersstrukturelle Aufbau der Bevölkerung und die zu erwartenden Entwicklungen der Altersstruktur stellen wesentliche Einflussgrößen im Hinblick auf die Betroffenheit einer Kommune vom demografischen Wandel dar. Daher sollen im Folgenden die Altersstrukturen Lilienthals und seiner Ortsteile näher betrachtet werden. Um den Einfluss der Wanderungsverflechtungen der vergangenen Jahre zu beleuchten, werden neben den aktuellen Strukturen auch die Veränderungen im Zeitverlauf dargestellt. Wie stark sich der Altersaufbau der Bevölkerung seit 1970, der Phase des deutschlandweiten Einbruchs der Geburtenzahlen, gewandelt hat, zeigt die nachstehende Grafik: Die ‚Bevölkerungspyramide’ Lilienthals hat sich seither annähernd um 180° gedreht – während die Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen vor knapp vierzig Jahren noch (mit) am stärksten vertreten waren, gibt es heute beispielsweise weniger Kinder unter zehn Jahren als über 70-Jährige! Obwohl die Einwohnerzahl seither um etwa 40 % gestiegen ist, hat sich die Zahl der Menschen im Alter von unter 40 Jahren um fast 10 % reduziert – die über 40-Jährigen sind demgegenüber um mehr als 120 % gewachsen. 1970 betrug das Verhältnis der bis 40-Jährigen zu den über 40-Jährigen etwa 60:40, heute ist es umgekehrt.
70+ Jahre
70+ Jahre

60-69 Jahre

60-69 Jahre

50-59 Jahre

50-59 Jahre

40-49 Jahre

40-49 Jahre

30-39 Jahre

30-39 Jahre

20-29 Jahre

20-29 Jahre

10-19 Jahre

10-19 Jahre

0-9 Jahre
-1800 -1300 -800 -300 200 700 1200 1700

0-9 Jahre
-1800 -1300 -800 -300 200 700 1200 1700

Abb. 12:

Altersstruktur der Gemeinde Lilienthal 2006 (links) und 1970 (rechts)
(Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS], Bevölkerungsfortschreibung)

Diese Zahlen belegen, dass der demografische Wandel auch in Lilienthal bereits sehr weit fortgeschritten ist, und nicht etwa gerade erst einsetzt. Zunehmend werden diese Entwicklungen aber zur Problemstellung für die Kommunen, denn die letzte Babyboomgeneration der heute etwa 40-Jährigen verlässt derzeit recht abrupt die besonders aktive Phase im Hinblick auf Geburten und Wohneigentumsbildung. Zwei Spezifika der heutigen Lilienthaler Altersstruktur sind in ähnlicher Ausprägung in nahezu allen Umlandkommunen der Region festzustellen: Das Fehlen der jungen Erwachsenen und der überproportionale Besatz der Altersgruppe in den 40ern. Lilienthal besitzt heute deutlich mehr als doppelt so viele Menschen in den 40ern wie in den 20ern (+130 %). Beide Merkmale sind als Folge der typischen Stadt-Umland-Wanderungen in den unterschiedlichen Lebensphasen zu interpretieren: So wandern heute gerade junge

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

15

Menschen aus Gründen der Berufsausbildung, der Arbeitsplatzwahl oder des Studiums in die Zentren der Region und darüber hinaus ab. Auf der anderen Seite sind die (teilweise aus den Zentren zugezogenen) Eigentumsbildner der Gegenwart und der letzten Jahre heute besonders häufig im Umland anzutreffen; dies erklärt den überdurchschnittlich starken Besatz der Altergruppe 40+, der somit nicht nur auf die Babyboomer-Jahre in den 1960ern zurückzuführen ist. Die Altersstrukturen der Ortsteile unterscheiden sich teilweise erheblich. Auffällig sind aber fast überall die hohen Anteile der Menschen um 40 Jahre. Das Altersmuster in den Ortsteilen der Gemeinde Lilienthal weist angesichts der unterschiedlichen Entwicklungen, Strukturen und funktionalen Hintergründe ein recht heterogenes Bild auf. Besonders hohe Seniorenanteile besitzen vor allem der Hauptort Lilienthal und der Ortsteil Heidberg; hier gehören bereits heute etwa 30 % der Einwohner zur Altersgruppe 60+; im Ortsteil Lilienthal ist bereits jeder zwanzigste Einwohner mindestens 80 Jahre alt.. Geringe Seniorenanteile und gleichzeitig die höchsten Anteile bei den Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren (22,6 %) weist dagegen der Ortsteil Seebergen auf. Im Vergleich der Jahre 1990 und 2007 hat neben Seebergen (von 22,4 %)auf 22,6 %) auch Worphausen (20,8 %) 22,2 %) die Anteile an unter 20-Jährigen steigern können. In Lilienthal (Ortsteil) sind die Prozentwerte der Kinder und Jugendlichen vergleichsweise stabil (19,4 %) 18,6 %), während sie in St. Jürgen (22,9 % 20,3 %) und vor allem in Heidberg (21,5 % / 17,3 %) deutlich zurückgegangen sind. Die bereits mehrfach angesprochenen ‚Babyboomer-Jahrgänge’ der heute etwa 40 Jahre alten Menschen treten mit Ausnahme des Ortsteils Heidberg in allen Alterspyramiden deutlich erkennbar hervor – bedingt einerseits durch die generell hohen Anteile dieser Jahrgänge an der Bevölkerung in der Region, andererseits aber auch durch die hohen Zuzüge in den 1990ern, die an Heidberg weitgehend vorbeigegangen sind.
95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4 95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

-800

-600

-400

-200

0

200

400

600

800

-800

-600

-400

-200

0

200

400

600

800

Abb. 13:

Altersstruktur des Ortsteils Lilienthal 2007 (links) und 1990 (rechts)
(Quelle, auch der folgenden Graphiken: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Einwohnermeldeamtes der Gemeinde Lilienthal)

95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

-150

-120

-90

-60

-30

0

30

60

90

120

150

-150

-120

-90

-60

-30

0

30

60

90

120

150

Abb. 14:

Altersstruktur des Ortsteils Worphausen 2007 (links) und 1990 (rechts)

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

16

95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

-100

-80

-60

-40

-20

0

20

40

60

80

100

-100

-80

-60

-40

-20

0

20

40

60

80

100

Abb. 15:
95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

Altersstruktur des Ortsteils St. Jürgen 2007 (links) und 1990 (rechts)
95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

-60

-50

-40

-30

-20

-10

0

10

20

30

40

50

60

-60

-50

-40

-30

-20

-10

0

10

20

30

40

50

60

Abb. 16:
95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

Altersstruktur des Ortsteils Seebergen 2007 (links) und 1990 (rechts)
95+ 90-94 85-89 80-84 75-79 70-74 65-69 60-64 55-59 50-54 45-49 40-44 35-39 30-34 25-29 20-24 15-19 10-14 5-9 0-4

-30

-25

-20

-15

-10

-5

0

5

10

15

20

25

30

-30

-25

-20

-15

-10

-5

0

5

10

15

20

25

30

Abb. 17:

Altersstruktur des Ortsteils Heidberg 2007 (links) und 1990 (rechts)

Im Zeitraum 1990 – 2007 ist das Durchschnittsalter der Bevölkerung Lilienthals deutlich um ca. viereinhalb Jahre angestiegen, von zuvor 39,4 auf inzwischen 44 Jahre. Wie uneinheitlich sich dieser ‚Alterungsprozess’ in den Ortsteilen vollzogen hat, lässt sich auch über die Entwicklung des Durchschnittsalters in den Ortsteilen zeigen:

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

17

46
44,7 44,9

1990

2007
44,0 43,0

44

42

41,6 41,2 39,9 39,4 38,8 38,7 38,2 37,6

40

38

36

34

32 OT Lilienthal Heidberg Worphausen Seebergen St. Jürgen Gemeinde Lilienthal

Abb. 18:

Durchschnittsalter der Lilienthaler Bevölkerung 1990 und 2007
(Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Einwohnermeldeamtes der Gemeinde Lilienthal)

In den vergangenen siebzehn Jahren sind neben dem Hauptort Lilienthal vor allem die stagnierenden Ortsteile St. Jürgen und Heidberg überdurchschnittlich gealtert. Besonders stark sind die durch ihre geringe Entwicklungsdynamik gekennzeichneten Ortsteile Heidberg (38,8 Jahre 44,9 Jahre) und St. Jürgen (37,6 43,0) gealtert. Beide Ortsteile sind inzwischen nach Lilienthal die ältesten Teilräume der Gemeinde – noch 1990 war St. Jürgen der bei weitem jüngste Ortsteil Lilienthals. Mit unter 42 Jahren stellen heute Seebergen und Worphausen die jüngsten Ortsteile, wenngleich auch hier die Einwohner im Jahr 2007 durchschnittlich um mehr als drei Jahre älter sind als 1990.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

18

4.4

Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal

Die herausragende Bedeutung des Wanderungsgeschehens für die Bevölkerungsentwicklung Lilienthals ist bereits mehrfach angesprochen geworden. Im Folgenden sollen die Strukturen und Entwicklungen der Wanderungsverflechtungen weitergehend untersucht werden. Dabei werden in erster Linie Sonderauswertungen Wanderungsdaten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik herangezogen. Das Gros der Wanderungsgewinne Lilienthals in den vergangenen Jahrzehnten resultiert aus Suburbanisierungstendenzen von Einwohnern der Stadt Bremen: Alleine mit dem Oberzentrum verzeichnet Lilienthal ein Plus von über 3000 Personen. Mit den meisten anderen Kommunen der Region verzeichnet Lilienthal dagegen Wanderungsverluste. Erwartungsgemäß sind im analysierten Zeitraum 1981 bis 2006 die bedeutendsten Wanderungsströme zwischen Lilienthal und Bremen aufgetreten. Die Zuzüge aus Bremen wie auch die Fortzüge nach Bremen waren bei weitem bedeutender als die entsprechenden Verflechtungen mit allen anderen ausgewerteten Kommunen der Region zusammen. Bei etwa 12.000 Zuzügen aus Bremen und 9.000 Umzügen nach Bremen hat Lilienthal mit dem Oberzentrum Wanderungsgewinne von mehr als 3.000 Personen seit 1981 erzielt; das entspricht jährlich im Mittel etwa 120 Personen (vgl. Abb. 19).
14000 12000 10000 8000 6000 4000 2000 22 0 -488 -2000
ed e rm be ck ,S ta dt Ta rm st ed t R itt er O hu tte de rs be rg ,F le ck en A ch im ,S ta dt H am be rg en er g O yt en Sc hw an ew ed e B re m en sb W or ps w

Zuzüge Fortzüge Saldo

3118

10 -47 -24

18 -31

-196

-159

-195

G ra

Abb. 19:

Die bedeutendsten regionalen Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Bemerkenswert ist aber auch, dass Lilienthal an die Gesamtheit aller anderen Städte und Gemeinden der Region mit denen nennenswerte Verflechtungen bestehen, konstant Einwohner verliert. Diese regionalen Wanderungsverluste lagen zwischen 1981 und 2006 entsprechen mit etwa 1.100 Personen annähend exakt den überregionalen Wanderungsgewinnen Lilienthals und übersteigen das summierte Geburtendefizit in diesem Zeitraum deutlich (950).

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

O

st er ho l

zSc

ha

19

Die größten Wanderungsverluste bestehen mit der Nachbargemeinde Grasberg mit annähernd 500; zwischen 150 und 200 Personen hat Lilienthal an die übrigen Nachbargemeinden Worpswede und Tarmstedt (Samtgemeinde) sowie die Kreisstadt OsterholzScharmbeck verloren. Die Wanderungsströme mit allen anderen Gebietskörperschaften fallen weitaus geringer aus. Die regionalen Wanderungsverflechtungen Lilienthals sind im Umbruch: Die Wanderungsgewinne aus Bremen sind stark zurückgegangen, gleichzeitig verliert Lilienthal keine Einwohner mehr an Grasberg und Tarmstedt. Dass sich die beschriebenen Verflechtungsmuster in den vergangenen Jahren nicht stabil und gleichmäßig entwickelt haben und daher nicht ohne weiteres in die Zukunft fortgeschrieben werden können wird deutlich, wenn die Wanderungsströme mit ausgewählten Kommunen m Zeitverlauf betrachtet werden. Die Wanderungsströme zwischen Lilienthal und Bremenlassen sich wie folgt charakterisieren: Zwischen 1981 bis zur Mitte der 1990er Jahre stiegen die Zuzüge aus dem Oberzentrum leicht an, während die Fortzüge leicht sanken. Zum Ende der 1990er Jahre erreichten die Zuzüge ein Maximum, bei allerdings einsetzendem Anstieg der Fortzüge von Lilienthalern über die Landesgrenze nach Bremen. Seit 1999 sind die Zuzüge aus Bremen nun jedoch kontinuierlich und sehr deutlich um fast die Hälfte zurückgegangen. Erstmals verzeichnete Lilienthal im Jahr 2006 wieder leichte Einwohnerverluste (-19) an Bremen.
800
Zuzüge

700 600 500 400 300 200 100 0 -100

Wegzüge Saldo

Abb. 20:

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

19 81 19 82 19 83 19 84 19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06

Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Stadt Bremen 1981 - 2006
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

20

Völlig anders stellt sich dagegen die zeitliche Entwicklung der Wanderungsverflechtungen mit Grasberg und der Samtgemeinde Tarmstedt dar, mit denen Lilienthal Wanderungsverluste verzeichnete. Gerade in den Phasen mit den höchsten Wanderungsgewinnen aus Bremen hat Lilienthal die meisten Personen an Grasberg und Tarmstedt verloren. In den letzten fünf Jahren, als die Zuzüge aus Bremen nachließen, hat Lilienthal dagegen mehr oder weniger ausgeglichene Bilanzen mit den beiden niedersächsischen Nachbargemeinden erreicht. Diese Entwicklungen lassen sich ebenfalls mit den verschiedenen Phasen der Suburbanisierungsintensität in der Region in Zusammenhang bringen, denn die Beziehungen Lilienthals mit Grasberg und Tarmstedt lassen sich durchaus mit den Verflechtungen Bremens mit Lilienthal vergleichen. Anders ausgedrückt: Wenn aus den unterschiedlichsten Gründen die Bereitschaft der Menschen in der Region nachlässt, aus den Zentren in den ländlichen Raum zu ziehen, so gewinnt Lilienthal zwar weniger Einwohner aus Bremen, verliert aber im Gegenzug auch weniger die Kommunen des zweiten Rings um das Oberzentrum.
125

100

75

50

25

0

-25
Zuzüge Wegzüge Saldo

-50

-75
19 81 19 82 19 83 19 84 19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06

Abb. 21:

Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Gemeinde Grasberg 1981 - 2006
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

21

125
Zuzüge Wegzüge Saldo

100

75

50

25

0

-25

-50

-75
19 81 19 82 19 83 19 84 19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06

Abb. 22:

Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Samtgemeinde Tarmstedt 1981 - 2006
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Obgleich Worpswede ähnlich wie Tarmstedt und Grasberg eine ländlichere Prägung als Lilienthal aufweist und eine größere Entfernung vom Oberzentrum besitzt, sind die Wanderungsströme zwischen Lilienthal und Worpswede nicht dem dargestellten Muster gefolgt (vgl. Abb. 22). Hierfür gibt es einen einfachen Erklärungsansatz: Da die Wohnbauentwicklungen im Eigenheimbereich in Worpswede in weitaus geringerem Umfang als in allen anderen Kommunen des Landkreises stattgefunden haben, haben sich auch zu den Hochphasen der Suburbanisierung in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre keine relevanten dezentral ausgerichteten Umzugstendenzen etabliert. Vielmehr scheint Lilienthal im relevanten Zeitraum durch die großflächigen Siedlungserweiterungen auch Einwohner aus der ländlichen Nachbargemeinde angesprochen zu haben.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

22

125
Zuzüge Wegzüge Saldo

100

75

50

25

0

-25

-50

-75
19 81 19 82 19 83 19 84 19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06

Abb. 23:

Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Gemeinde Worpswede 1981 - 2006
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Ob die dargelegten Thesen zur Entwicklung der Wanderungsverflechtungen Lilienthals zutreffen, lässt sich mittels einer Analyse der beteiligten Altersgruppen überprüfen. Hierzu werden die altersspezifischen Wanderungsbeziehungen mit Bremen, Grasberg, der Samtgemeinde Tarmstedt und Worpswede nunmehr spezifiziert nach Altersgruppen in zwei 3-Jahres-Zeiträumen, beispielhaft betrachtet. Der erste Zeitraum 1997 – 1999 lag in einer dynamischen Wachstumsphase der Umlandgemeinden Bremens, zwischen 2004 und 2006 hatte dagegen sich in den meisten Kommunen der Übergang zu stagnierender bzw. rückläufiger Bevölkerungsentwicklung vollzogen. Die Verschiebungen bei den regionalen Wanderungsverflechtungen Lilienthals beruhen in erster Linie auf rückläufigen Fortzügen von Familien(-Altersgruppen) aus den zentralen Siedlungsbereichen in die ländlich(er)en Nachbarkommunen. Die Wanderungsgewinne aus der Stadt Bremen beruhen erwartungsgemäß in erster Linie auf Familienwanderungen; d.h. es ziehen wesentlich mehr Menschen in den Altersgruppen 0 -17 und 30 – 49 aus Bremen zu als nach Bremen abwandern. Zwischen 1997 und 1999 hat Lilienthal alleine bei diesen Personen einen Wanderungsüberschuss von fast 500 Personen erzielt. Zwischen 2004 und 2006 hat sich dieser Saldo mit + 220 jedoch mehr als halbiert. Auch bei allen anderen Altersgruppen haben sich die Wanderungsgewinne aus Bremen deutlich verringert; bei der Altersgruppe 18 - 24 Jahre ist aus einer ausgeglichenen sogar eine klar negative Wanderungsbilanz geworden (-71).

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

23

34 65+ 174 48 105 58 50-64 188 89 99 354 30-49 696 352 530 203 25-29 238 142 156 200 202 273 148 197 0-17 325 146 188

18-24

Fortzüge 1997-1999 Zuzüge 1997-1999 Fortzüge 2004-2006 Zuzüge 2004-2006

0

100

200

300

400

500

600

700

800

Abb. 24:

Altersspezifische Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Stadt Bremen
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Die Wanderungsverflechtungen mit Grasberg (Abb. 26) und der Samtgemeinde Tarmstedt (Abb. 29) zeigen entsprechend den bereits oben geäußerten Annahmen ein annähernd entgegengesetztes altersspezifisches Strukturmuster auf: So haben sich die Salden bei allen Altersgruppen zugunsten Lilienthals verbessert, insbesondere ist der familienspezifische Wanderungsverlust an beide Gebietskörperschaften von 124 um drei Viertel auf 32 geschrumpft. Im Hinblick auf die Umzugsbeziehungen von Bürgern Lilienthals und Worpswedes sticht ebenfalls vor allem der Umbruch bei den Familien-Altersgruppen ins Auge: Aus einem leichten Zuzugsplus ist im jüngeren Zeitraum ein Wanderungsdefizit von etwa 50 Personen geworden. Auch diese Entwicklung passt in das skizzierte Entwicklungsmuster, wonach die zurückgegangenen Fortzüge vor allem von Familien in die zuvor bevorzugten Wachstumsbereiche der Region den Schlüssel zum Verständnis der veränderten Wanderungsbeziehungen in der Region darstellen.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

24

16 65+ 13 10 11 22 50-64 8 111 30-49 55 74 55 39 25-29 35 26 25 45 18-24 32 77 0-17 40 33 32 58 35 14 14

Fortzüge 1997-1999 Zuzüge 1997-1999 Fortzüge 2004-2006 Zuzüge 2004-2006

0

20

40

60

80

100

120

Abb. 25:

Altersspezifische Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Gemeinde Grasberg
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])
3

65+

2 6 4 7 4 6 8 42 23 20 11 20 10 9 7 7 3 8 22 29 17 12 9

50-64

30-49

25-29

18-24

Fortzüge 1997-1999 Zuzüge 1997-1999 Fortzüge 2004-2006 Zuzüge 2004-2006

0-17

0

10

20

30

40

50

Abb. 26:

Altersspezifische Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Samtgemeinde Tarmstedt
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

25

10 65+ 12 11 10 12 10 63 30-49 43 38 25-29 15 24 18-24 27 18 26 23 0-17 23 39 46 34 20 61 70 14 14

50-64

Fortzüge 1997-1999 Zuzüge 1997-1999 Fortzüge 2004-2006 Zuzüge 2004-2006

0

15

30

45

60

75

90

Abb. 27:

Altersspezifische Wanderungsverflechtungen der Gemeinde Lilienthal mit der Gemeinde Worpswede
(Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis einer Sonderauswertung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS])

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

26

4.5

Demografische Perspektiven der Gemeinde Lilienthal

Wie lassen sich die beschriebenen Prozesse und Strukturen bei den demografischen Prozessen Lilienthals im Hinblick auf die künftig zu erwartenden Entwicklungen interpretieren? An dieser Stelle wird bewusst auf den (alleinigen) Verweis auf existierende Prognosen verzichtet, denn die jüngsten Entwicklungstendenzen zeigen sehr deutlich die Grenzen und Unsicherheiten prognostischer Modelle auf, wenn sie in einer sehr kleinräumigen räumlichen Auflösung angewendet werden. Speziell Veränderungen bei den Wanderungsverflechtungen – die gerade für die Stadt-Umland-Verflechtungen zentrale Bedeutung besitzen – sind aufgrund ihrer äußerst vielschichtigen und komplexen Ursachen und Wirkungszusammenhänge kaum zu operationalisieren. Im Folgenden sollen daher aufbauend auf den bisherigen Ergebnissen vielmehr die wichtigsten qualitativen Trends herausgestellt werden: Vieles deutet darauf hin, dass der vor allem in den 1990er Jahren zu beobachtende Exodus vor allem der jungen Familien aus den zentralen Bereichen der Ballungsräume derzeit zu Ende geht und sich stattdessen eine Entwicklung fortsetzen wird, die nach der Jahrtausendwende eingesetzt hat. Orientierung der Familien auf die Stadtrandlagen Zunehmender Fortzug/Rückzug der jungen Erwachsenen in die (Nähe der) Arbeitsplatzzentren Tendenzen bei den Senioren zum Umzug in zentrale Ortslagen (teilweise auch in die Oberzentren) Das Wachstum der Region ist nach 20 Jahren zum Stillstand gekommen. Ein gleichzeitig ausreichendes Angebot an günstigen Immobilien und Baugrundstücken in allen Lagequalitäten hat den Suburbanisierungsdruck deutlich abgeschwächt. Mit der Abschaffung der Eigenheimzulage, der Kürzung der Entfernungspauschale und dem Konjunktureinbruch nach der Jahrtausendwende sind wesentliche Push-Faktoren der weit in die Region hineinreichenden Suburbanisierungswelle der letzten fünfzehn Jahre fortgefallen. Zudem haben sich die Impulse der Wohnungs- und Immobilienmärkte deutlich verändert. In den 1990er Jahren konnte die Nachfrage vor allem nach Wohnungen wie auch nach Bauland in zentraleren Lagen kaum befriedigt werden: Einerseits drängten zehntausende Bürgerkriegsflüchtlinge und Aussiedler nach Deutschland, es befand sich aber auch die im Altersaufbau Deutschlands deutlich herausstechende letzte Babyboomer-Generation der in den 1960ern Gebürtigen in der Familiengründungsphase, wodurch die Nachfrage nach Einfamilienhäusern einen zusätzlichen Impuls erhielt. Viele Bewohner der Stadtregion sind in dieser Phase mangels Alternativen weit in das Stadtumland hinausgezogen.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

27

2,0

1,5

1,0

0,5

0,0

-0,5

-1,0
19 69 19 70 19 71 19 72 19 73 19 74 19 75 19 76 19 77 19 78 19 79 19 80 19 81 19 82 19 83 19 84 19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06

Abb. 28:

Bevölkerungsentwicklung im Gebiet der heutigen Metropolregion Bremen-Oldenburg im Nordwesten seit 1968 (jährliche %-Entwicklung)
(Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS], Bevölkerungsfortschreibung)

Ein Blick auf die gesamtregionale Entwicklung veranschaulicht die veränderten Rahmenbedingungen: Die Bevölkerung im Gebiet der heutigen Metropolregion BremenOldenburg ist aus den genannten Gründen in den 1990ern dynamisch gewachsen – in Spitzen mit Raten von bis zu 1,4 % jährlich. Seit etwa zehn bis zwölf Jahren ist dieses Wachstum aber deutlich rückläufig, im Jahr 2006 sind die Einwohnerzahlen im Gebiet der heutigen Metropolregion sogar erstmals seit zwanzig Jahren wieder leicht zurückgegangen. Angesichts der bestehenden demografischen Strukturen und nur geringer Aussicht auf einen deutlich anziehenden Zuzug in die Region ist nicht zu erwarten, dass sich dieser Trend in absehbarer Zeit wieder verändern könnte. Da zudem fast alle Kommunen, insbesondere aber auch die Stadt Bremen, inzwischen ein respektables Wohnungs-, Immobilien- und Baulandangebot bereithalten, fällt ein wesentliches Suburbanisierungsmotiv fort. Sämtliche ehemals relevanten Faktoren für die Wanderung aus dem engeren Verflechtungsraum in den zweiten Ring um Bremen sind heute demnach nicht mehr in dieser Form gegeben und werden aller Voraussicht auch in absehbarer Zeit nicht wieder eintreten. Daher erscheint es plausibel, dass die jüngsten Veränderungen im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklungen und Wanderungsverflechtungen charakteristisch für die zu erwartenden Entwicklungen sein können. Lilienthal muss aufgrund dieser Entwicklungen im regionalen Vergleich zumindest nicht mit überdurchschnittlich problematischen Entwicklungen rechnen, vielmehr dürften sich die relevanten Prozesse des demografischen Wandels weiterhin eher gebremst vollziehen:

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

28

Wanderungen: Es ist nicht damit zu rechnen, dass sich nochmals Zuzugsimpulse aus dem Oberzentrum einstellen könnten, die das Ausmaß der Entwicklungen in den 1990er Jahren und um die Jahrtausendwende erreichen. Ausgeglichene oder leicht positive Wanderungsbilanzen mit Bremen sollten aber auch künftig realistisch erreichbar sein, insbesondere mit der sich weiter verbessernden Verkehrsanbindung an Bremen durch die Straßenbahnrealisierung. Die teilweise nicht unerheblichen Wanderungsverluste an die ländlichen Nachbargemeinden in den vergangenen Jahren dürften ebenfalls künftig nicht mehr eintreten. Generell werden die Familien(-Altersgruppen) künftig eine weitaus geringere Bedeutung am Wanderungsgeschehen haben. Weiter anstiegen dürften dagegen die Fortzüge von jungen Erwachsenen, denn diese Altersgruppen steigen in den kommenden Jahren zunächst noch deutlich an. Bevölkerungsentwicklung: Eine Fortsetzung des dynamischen Wachstums der Gemeinde vor allem in den 1990er Jahren ist aus heutiger Sicht sehr unwahrscheinlich. Fehlende Wanderungsimpulse und ein eher steigendes Geburtendefizit sind ausschlaggebend für diese Einschätzung. Nichtsdestotrotz dürfte es Lilienthal aufgrund seiner guten Infrastrukturausstattung und der Lagegunst am unmittelbaren boomenden Stadtrand Bremens (Technologiepark) gelingen können, eine vergleichsweise stabile Entwicklung mit nur langsamer Schrumpfung zu vollziehen. Die Entwicklung in den ländlichen Ortsteilen mit Schwächen in der Infrastrukturausstattung (vor allem St. Jürgen und Heidberg) dürfte auch künftig weit hinter den zentralen, gut angebundenen Ortslagen zurückbleiben – nicht zuletzt, weil die Schrumpfungstendenzen in benachteiligten Lagen oftmals zusätzliche (negative) Rückkopplungseffekte (Attraktivitätsverlust, weiterer Rückbau der Infrastruktur) nach sich ziehen. Grundsätzlich dürfte vor allem der zentrale Ortsteil Lilienthal aufgrund seiner Infrastrukturausstattung im Vorteil gegenüber den ländlich strukturierten Ortsteilen sein. Er könnte u.a. auch zunehmend vom Zuzug älterer Menschen aus den anderen Ortsteilen profitieren. Altersstrukturen: Die altersspezifischen Datenauswertungen deuten darauf hin, dass Lilienthal künftig immer weniger darauf zählen kann, durch Zuzüge von Familien externe Impulse zur Verjüngung der Bevölkerung zu erhalten. Die derzeitigen Altersstrukturen lassen zudem weiter rückläufige Geburtenzahlen erwarten, denn die Altersgruppen, die die potenziellen künftigen Eltern stellen, sind außerordentlich schwach vertreten. Das Ungleichgewicht im Altersaufbau Lilienthals wird sich daher weiter verstärken. Aufgrund des ausbleibenden Zuzugs junger Menschen und der rückläufigen Geburtenzahlen werden voraussichtlich vor allem die ländlich-peripheren Gemeindeteile weiter beschleunigt altern. Hier droht ein besonders drastischer Rückgang bei den jüngsten Altersgruppen. Für junge Erwachsene wird der Ortsteil Lilienthal vermutlich in Zukunft durch die Infrastrukturausstattung und die Anbindung an Bremen besondere Attraktivität besitzen und damit auch beste Entwicklungsperspektiven aufweisen.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

29

5 Potenziale, Problemlagen und Herausforderungen im demografischen Wandel
5.1 Wohnungs- und Immobilienmarkt Im Ortskern Lilienthals ist die Siedlungsstruktur recht stark urban geprägt und verdichtet, mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Mehrfamilienhäusern, hohen Baulandpreisen und niedriger durchschnittlicher Haushaltsgröße. Der Wohnungs- und Immobilienmarkt Lilienthals ist in hohem Maße von der unmittelbaren Stadtrandlage zum Oberzentrum Bremen und den hohen Wanderungsgewinnen vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt. Die weitaus dominierende Hausform stellt mit fast 79 % das Einfamilienhaus dar. Trotz dieser Dominanz des ‚Familienheims’ befand sich jedoch mehr als ein Viertel aller Wohnungen (26,9 %) am 31.12.2006 in Mehrfamilienhäusern mit mehr als zwei Wohnungen (Quelle: Niedersächsisches Landesamt f. Statistik, Gebäude- und Wohnungsfortschreibung in Niedersachsen); der Mehrfamilienhausanteil lag bei 7 %. Der Stadtbezug Lilienthals spiegelt sich auch recht deutlich in der niedrigen durchschnittlichen Haushaltsgröße wider, die mit unter 2,4 Personen auf dem Niveau der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck liegt und im Landkreis nur von Ritterhude (2,25) unterschritten wird (vgl. Abb. 29).
3,6
Grasberg Lilienthal

3,4

Osterholz-Scharmbeck Ritterhude Schwanewede Worpswede Hambergen, SG

3,2

3,0

2,8

2,6

2,4

2,2

2,0 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006

Abb. 29:

Durchschnittliche Haushaltsgröße (Einwohner je Wohnung) in den Kommunen des Landkreises Osterholz
(Quelle: Eigene Darstellung, Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS], Bevölkerungsfortschreibung; Wohnungs- und Gebäudefortschreibung)

Die Grundstückspreise in Lilienthal liegen angesichts der Nachbarschaft zu Bremen auf dem höchsten Niveau des Landkreises Osterholz. Der Bodenrichtwert für Wohnbauland (individueller Wohnungsbau) betrug lt. Grundstücksmarktbericht im Jahr 2006 EUR 170 EUR/m² für gute und EUR 135 bei mittleren Lagen. Zum Vergleich: Der Bodenrichtwert für mittlere Lagen in Ritterhude betrug EUR 105, Schwanewede und Worpswede lagen mit EUR 75 etwa 80 % niedriger, noch günstiger war das Wohnbauland in den Samtgemeinden Hambergen (EUR 60) und Tarmstedt (EUR 64), mit denen Lilienthal in der Vergangenheit deutlich negative Wanderungsbilanzen aufgewiesen hat, vor allem bei den typischen Familien-Altersgruppen (vgl. 4.4).

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

30

Die Neubautätigkeit hat sich in jüngster Vergangenheit abgeschwächt, Mehrfamilienhäuser spielen kaum noch eine Rolle. Die Auswertung der Baufertigstellungsstatistik (Abb. 30) zeigt, dass die Neubautätigkeit in Lilienthal weniger stark eingebrochen ist als in anderen, vor allem weiter vom Oberzentrum entfernten Kommunen. Ähnlich wie im Landkreis hat die Bautätigkeit ab der Mitte der 1990er Jahre spürbar angezogen, mit Höhepunkten zwischen 1996 (73 fertig gestellte Wohngebäude) und 2001 (63 Fertigstellungen). Nach 2001 hat sich allerdings wieder eine leicht rückläufige Tendenz eingestellt, 2006 war mit 42 Fertigstellungen das viertschwächste Jahr seit Anfang der 1990er Jahre. Auffallend ist dabei zudem der stark gefallene Anteil an Mehrfamilienhäusern (Wohngebäude mit mehr als zwei Wohnungen), der von 20 % zwischen 1992 und 2000 auf zuletzt lediglich 2 % gefallen ist.
80

Mit 1 und 2 Wohnungen Mit 3 und mehr Wohnungen
61 60 50 42 40 32 30 43 44 44 46 44 41 56 51 59

20 14 14 10 3 0 2 4 12

16 11

16

7 4 4

6 3 2 2 1

6

1

1

5

2

7

8

0

3

2

9

4

3

4

5

19 9

19 9

19 9

19 9

20 0

20 0

19 9

19 9

20 0

19 9

20 0

19 9

Abb. 30:

Neue Wohngebäude in Lilienthal 1991 – 2006
(Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS],Gebäude- und Wohnungsfortschreibung

Die beschriebenen Daten korrespondieren mit den Einschätzungen von regionalen Immobilenexperten, die Lilienthal zwar nicht vom allgemein schwachen Neubaumarkt abgekoppelt sehen, insbesondere aufgrund der Lagegunst der Gemeinde jedoch vergleichsweise stabile Nachfrage-Entwicklungspotenziale erkennen. Auch bei den Bestandsimmobilien macht sich eine wachsende Nachfragezurückhaltung, gekoppelt mit Preisrückgängen bemerkbar. In den kommenden Jahrzehnten könnte sich die Situation noch deutlich zuspitzen, wenn in größerem Umfang gebrauchte Familieneigenheime auf den Markt kommen. Der Markt für Bestandsimmobilien leidet nach Auffassung der Experten regionsweit ebenfalls unter zunehmender Nachfrageschwäche; gebrauchte Immobilien sind mit wenigen Ausnahmen immer schwieriger zu vermarkten bzw. werden deutlich unter den Preiserwartungen der Eigentümer verkauft. Besonders betroffen sind Objekte ohne besondere Standortqualität bzw. mit beeinträchtigendem Umfeld (z.B. Verkehrsbelastung) wie auch ältere, große (z.B. landwirtschaftliche) Immobilien mit hohem Renovierungsbedarf. Da in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aufgrund des anstehenden Generationenwechsels immer mehr Eigenheime auf den Markt kommen werden, andererseits aber die Nachfrage von Familiengründern durch die schrumpfenden Elterngenerationen unweiger-

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

20 0

20 0

19 9

20 0

6

31

lich stetig zurückgehen wird, drohen vor allem mittel- bis langfristig in zunehmendem Maße Leerstände sowie Ortsbild beeinträchtigende Entwicklungen durch Sanierungsrückstände und Gebäudeverfall. Der Zuwachs an Wohnfläche hat sich in Lilienthal inzwischen deutlich von der Einwohnerentwicklung abgekoppelt (vgl. Abb. 31). Während die Einwohnerzahl innerhalb von 20 Jahren um 18 % angestiegen ist, hat sich die Wohnfläche doppelt so stark um mehr als ein Drittel erhöht. Die rechnerisch jedem Einwohner zur Verfügung stehende Wohnfläche ist damit um mehr als 5 qm auf etwa 45 qm gestiegen. Diese Entwicklung ist vor allem als Indiz für die fortschreitende Beeinflussung des Wohnungsmarktes durch den demografischen Wandel zu werten, denn die sich öffnende Schere ist auf sinkende Haushaltsgrößen und altersstrukturelle Verschiebungen in der Wohnbevölkerung zurückzuführen.
140 Index Wohnfläche Index Einwohner 46,0 130 Wohnfläche/Einwohner 48,0

44,0 120 42,0 110 40,0

100 38,0

90

36,0

19 97 19 98

19 87

19 95

19 92

20 01

19 99 20 00

Abb. 31:

Wohnflächenentwicklung 1986 – 2006 in der Gemeinde Lilienthal
(Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Daten des Niedersächsischen Landesamts für Statistik [NLS],Gebäude- und Wohnungsfortschreibung)

Kontinuierlich sinkende durchschnittliche Haushaltsgrößen erhöhen die Wohnfläche je Einwohner und führen trotz stagnierender Bevölkerungszahlen zunächst noch zu stabiler Nachfrageentwicklung. Gleichzeitig machen diese Zahlen aber auch deutlich, dass selbst rückläufige Einwohnerzahlen infolge der Abwärtstendenz bei den Haushaltsgrößen nicht unbedingt auch unmittelbar einen sinkenden Wohnflächenbedarf nach sich ziehen. Diesen Sachverhalt verdeutlicht ein einfaches Rechenexempel: Sollte sich die durchschnittliche Haushaltsgröße in Lilienthal weiter in dem Maße verringern wie in den zurückliegenden fünf Jahren und bis zum Jahr 2020 auf 2,1 fallen, so ergäbe sich bei konstanten Einwohnerzahlen gegenüber dem heutigen Bestand ein gemeindeweiter zusätzlicher Wohnungsbedarf von etwa 1.150 oder 15 %. Wenn – was allerdings angesichts der jüngsten Entwicklungen als nahezu ausgeschlossen angesehen werden muss – die Einwohnerzahl sogar das Niveau der Bertelsmann-Prognose (ca. 18.900) erreichen sollte, würden bis 2020 sogar fast 1.500 Wohnungen fehlen. Die derzeitigen ca. 7.700 Wohnungen würden bei der angenommenen mittleren Haushaltsgröße von 2,1 für gerade einmal 15.800 Einwohner ausreichen – dies entspricht ungefähr dem Einwohnerstand von 1988.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

20 03 20 04

20 05 20 06

19 86

19 88 19 89

19 93 19 94

19 90

19 96

19 91

20 02

Wohnfläche/Einwohner [qm]

Index: 1986 = 100

32

Diese überschlägigen Rechnungen zeigen auf, wie schwierig derzeit der Anpassungsbedarf im Bereich ‚Wohnen’ zu ermitteln ist – zumal bei den (alters-)strukturellen Veränderungen der Bevölkerung Wohnangebote und Wohnraumnachfrage hinsichtlich Standorten, Ausstattung, Infrastruktur usw. sich künftig voraussichtlich zunehmend auseinander entwickeln könnten. Hinzu kommt, dass ungefähr bei einer mittleren Haushaltsgröße von 2 Personen mit einer Verlangsamung bzw. einem Ende der Haushaltsverkleinerungen zu rechnen ist, und sich Bevölkerungsrückgänge langfristig auch direkt in Form von rückläufiger Wohnflächennachfrage bemerkbar machen würden. Lilienthal steht demnach also vor der doppelten Herausforderung, mit künftigen Siedlungsentwicklungen möglichst die Marktfähigkeit der Bestandsimmobilien und damit die Zukunftschancen ganzer Quartiere nicht zu gefährden, andererseits aber auch Abwanderung infolge fehlender Wohnangebote für künftig wachsende Zielgruppen zu verhindern.

Abb. 32:

Wachsende Disparitäten auf Lilienthals Immobilienmarkt
(links Neubauentwicklungen im Ortszentrum/Ökoviertel, rechts: leerstehendes Einfamilienhaus an der K8 in Richtung St. Jürgen; Fotos: FORUM GmbH, März 2008)

Die beschriebenen Ausgangsbedingungen auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt lassen im Hinblick auf die beschriebenen Prozesse des demografischen Wandels in Lilienthal folgende Schlussfolgerungen zu: Aufgrund seiner Lagegunst dürfte Lilienthal weiterhin Impulse aus dem Oberzentrum erhalten. Lilienthal hat in den vergangenen Jahren erhebliche Wanderungsgewinne mit Bremen, erzielt. Teilweise sind diese Einflüsse als einmalige Impulse zu werten, denn die gesamte Region hat von den besonderen ökonomischen (Wirtschaftsaufschwung, Subventionen für Eigenheimbau), politischen (Wiedervereinigung, Zusammenbruch des Ostblocks, Bürgerkriege Zuwanderung aus Ost- und Südosteuropa) und demografischen (Babyboomer in der Familiengründungsphase) Bedingungen profitiert. Diese Konstellation wird sicher in dieser Form und Ausprägung auf absehbare Zeit nicht mehr eintreten, so dass derartig starke externe Impulse nicht mehr zu erwarten sind, zumal inzwischen auch die Stadt Bremen und die meisten Umlandkommunen in erheblichem Umfang Bauland aktiviert haben. Durch seine gute Infrastrukturausstattung, die unmittelbare Nachbarschaft zu prosperierenden Bremer Stadtteilen, die künftig noch weiter verbesserte Verkehrsanbindung an das Oberzentrum und Flächenreserven in guter Lagequalität kann Lilienthal jedoch weiterhin darauf setzen, im Wettbewerb der Wohnstandorte in der Region Bremen gute Ausgangsbedingungen zu besitzen. Gerade auch für die wachsende Generation 50+ sind

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

33

diese Standortbedingungen als günstig zu bezeichnen; daher wird Lilienthal – zumindest in ausgewählten Lagen – voraussichtlich auch künftig Potenzial für substanzielle Impulse aus Bremen zu besitzen. Leerstände und Preisverfall drohen vor allem bei älteren Bestandsimmobilien außerhalb der größeren Siedlungsbereiche. Lt. Grundstücksmarktbericht ist die Zahl der verkauften Ein- und Zweifamilienhäuser im Landkreis seit 2003 um etwa ein Viertel zurückgegangen. Da in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aufgrund des anstehenden Generationenwechsels immer mehr Eigenheime auf den Markt kommen werden, andererseits aber die Nachfrage von Familiengründern durch die schrumpfenden Elterngenerationen unweigerlich stetig zurückgehen wird, drohen vor allem mittel- bis langfristig erhebliche Leerstände sowie Ortsbild beeinträchtigende Entwicklungen durch Sanierungsrückstände und Gebäudeverfall. Schon heute treten Probleme vor allem an stark frequentierten Straßen und in den peripheren Siedlungsbereichen auf. Infrastrukturdefizite in den Außenbereichen werden zunehmend zum Standortnachteil. Speziell im Hinblick auf die rasch wachsende Zahl hochbetagter Menschen und die rückläufigen Zuzüge junger Familien in diese Bereiche ist zu befürchten, dass die kleineren Siedlungen an den Rändern der Gemeinde aufgrund ihrer Infrastrukturdefizite zunehmenden Attraktivitätsverlust erfahren. Von der Generation 50+ sind weitere Impulse für den Wohnungs- und Immobilienmarkt zu erwarten. Die Zuzüge der bisherigen Träger des Wachstums - junge Familien – gehen zurück. Die heute 40- bis 49-Jährigen stellen in Lilienthal wie auch im gesamten Landkreis und in Deutschland die mit Abstand größte Altersgruppe. Vielfach haben diese Menschen in den 1990er Jahren als Familiengründer familientaugliche Eigenheime erworben. Spätestens mit dem nahenden oder bereits vollzogenen Auszug der Kinder aus dem elterlichen Haus erfüllt die bisherige Immobilie jedoch die veränderten Anforderungen der Bewohner zumeist nur noch suboptimal, sowohl im Hinblick auf die Lage wie auch auf den Zuschnitt und die Größe von Haus und Grundstück. Aufgrund des altersstrukturellen Aufbaus der Bevölkerung gehen die Impulse der klassischen Familiengründer künftig weiter zurück. Immer mehr Menschen in der zweiten Lebenshälfte, vor allem aus der Generation 50+, sind dagegen bereit zu einem Wohnortwechsel, und damit potenziell zu einem neuerlichen Immobilienerwerb, wobei ausdrücklich nicht (nur) das altengerechte Wohnen im Mittelpunkt steht. Vielmehr wird eine passende Immobilie für die neuen Vorstellungen von einem aktiven Leben und neuen Freizeitmöglichkeiten, aber weniger Lasten beispielsweise durch die Pflege eines überdimensionierten Gartens gesucht. Da immer mehr Bürger der Region in das betreffende Alter ‚hineinwachsen’, könnte sich in den kommenden Jahren ein entsprechendes Nachfragepotenzial entwickeln. Lilienthal hat angesichts seiner Standortbedingungen und seiner Lage gute Chancen, bevorzugter Standort für die ‚jungen Alten’ zu werden. Damit sind allerdings auch veränderte Anforderungen an die künftig nachgefragten Wohnprodukte zu erwarten.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

34

5.2

Soziale Infrastruktur

Einrichtungen, Angebote und Netzwerke sozialer Infrastruktur besitzen eine außerordentlich hohe Bedeutung für künftige Entwicklungschancen der Gemeinde und ihrer Ortsteile. Die gute Erreichbarkeit speziell von Kindergarten und Grundschule beispielsweise stellt ein zentrales Kriterium für die Wohnstandortwahl junger Familien dar; künftig werden aber immer stärker auch Infrastruktureinrichtungen für andere, insbesondere ältere Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Die zu erwartenden Auslastungsrückgänge bei Grundschulen und Kindergärten eröffnen daher beispielsweise Möglichkeiten für qualitative Angebotserweiterungen (z.B. Projekte), Kooperationen mit anderen (kinderaffinen) Einrichtungen und Anbietern einzugehen bzw. beizubehalten, oder auch neue, dem Gemeinwesen förderlichen Angebote zu entwickeln.

Abb. 33:

Einrichtungen sozialer Infrastruktur in den Ortsteilen Lilienthals: oben: Amtmann-Schroeter-Haus, GS Falkenberg (beides OT Lilienthal), unten: Kindergarten Seebergen, GS Seebergen
(Fotos: FORUM GmbH, März 2008)

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

35

5.2.1

Allgemein bildende Schulen

Aufgrund des Fokus dieser Fallstudie auf die Betroffenheit der Gemeinde Lilienthal von den Prozessen des demografischen Wandels werden hier in erster Linie die in der Trägerschaft der Gemeinde befindlichen Grundschulen betrachtet. Lilienthal verfügt über sechs Grundschulstandorte, von denen sich alleine drei im Ortsteil Lilienthal befinden (GS Schroeterschule, GS Falkenberg, GS Trupermoor). Neben Lilienthal verfügen auch die Ortsteile St. Jürgen, Worphausen und Seebergen über Grundschulstandorte. Während die Grundschulen im Ortskern zweizügig ausgelegt sind, sind die drei übrigen Standorte in den kleineren Ortschaften jeweils einzügig. Die Entwicklung der Schülerzahlen an den Grundschulen hat in den zurückliegenden Jahrzehnten eine außerordentlich hohe Abhängigkeit von den demografischen Entwicklungen in der Gemeinde aufgewiesen. Innerhalb von zwanzig Jahren hat sich zuletzt ein Anstieg um fast die Hälfte vollzogen Wie Graphik 36 veranschaulicht, sind die Grundschülerzahlen in Lilienthal in den vergangenen 25 Jahren starken Schwankungen unterlegen gewesen, die auf die bereits angesprochenen demografischen Prozesse zurückzuführen sind. Zum Anfang der 1980er Jahre ist die Schülerzahl wegen fehlender Wanderungsimpulse und stark rückläufigen Geburtenziffern (‚Pillenknick’) zunächst innerhalb von lediglich fünf Jahren um fast zwanzig Prozent eingebrochen. Bedingt durch die geburtenstarken, in den 1960er Jahren geborenen Elternjahrgänge, starke internationale Wanderungsgewinne Deutschlands und massive Suburbanisierungstendenzen der Stadt Bremen ist die Zahl der Familien mit Kindern ab dem Ende der 1980er Jahre wieder deutlich angestiegen, so dass gemessen am Niveau von 1987 ein Wachstum der Schülerzahlen an den Lilienthaler Grundschulen um fast die Hälfte von 552 auf 811 im Jahr 2005 stattgefunden hat.
850

800

750

700

650

600

550

500
19 82 19 83 19 84 19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06

Abb. 34:

Schülerzahlen-Entwicklung der Grundschulen der Gemeinde Lilienthal
(Quelle: Eigene Darstellung; Daten des NLS, Allgemein bildende Schulen)

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

36

In den kommenden Jahren ist an allen Grundschulstandorten mit einem spürbaren Rückgang der Grundschülerzahlen zu rechnen. Aufgrund der ohnehin niedrigen Schülerzahlen sind die schon bisher einzügigen Standorte in besonderem Maße von diesen Entwicklungen betroffen. Die Schülerzahlen von 2005 werden jedoch voraussichtlich den historischen Höchstwert darstellen, denn seither sind wieder Rückgänge bei den Einschulungen zu beobachten, und auch alle Kennziffern hinsichtlich der künftigen Schülerzahlen deuten auf einen eindeutigen Abwärtstrend hin. Die Gemeinde Lilienthal führt ein differenziertes Register zur Vorausberechnung der künftigen Schülerzahlen, das nicht nur Abschätzungen der Geburten auf Grundlage der (voraussichtlichen) Entwicklung der Zahl gebärfähiger Frauen berücksichtigt, sondern zusätzlich auch Annahmen zur Siedlungsentwicklung und zu den Wanderungen enthält. Auf Grundlage dieses Ansatzes erscheint ein sukzessiver Rückgang der durchschnittlichen Jahrgangsstärke von aktuell etwa 180 auf 130 um das Jahr 2020 als realistisch, der sich auch danach weiter fortsetzen dürfte. Bereits in etwa zehn Jahren ist demnach eine Auslastungssituation der Lilienthaler Grundschulen zu erwarten die sogar noch unter den bisher niedrigsten Werten zur Mitte der 1980er Jahre liegen würde. Diese Zahlen deuten bereits darauf hin, dass Lilienthal hinsichtlich der Sicherung bzw. Weiterentwicklung des Standortsystems der Grundschulen vor essentiellen Herausforderungen steht. Die Auswertung der Vorausberechnungen nach Schulbezirken (vgl. Abb. 35) macht die besondere Brisanz der Entwicklungen deutlich: Mit der GS St. Jürgen und der GS Seebergen werden zwei Schulstandorte bei unveränderten Einzugsbereichen kontinuierlich jahrgangsübergreifend beschult werden müssen, in Seebergen könnte die durchschnittliche Jahrgangstärke sogar auf etwa 8 Kinder fallen. Aufgrund der beschriebenen Entwicklungen hat in Lilienthal eine breite politische und öffentliche Diskussion zur Zukunft des Lilienthaler Grundschulstandortsystems eingesetzt. Die Debatte hat sich immer stärker auf die Frage zugespitzt, ob die kleinste Lilienthaler Grundschule Seebergen dauerhaft erhalten werden kann und soll.
140

120

100 90

80 OT Lilienthal Seebergen St. Jürgen Worphausen

60

40 21 20 11 8 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020

0

Abb. 35:

Vorausberechnungen der Jahrgangsstärken (Einschulungen) der Lilienthaler Grundschulen bis 2020 unter der Annahme unveränderter Einzugsbereiche und Standortstrukturen
(Quelle: Gemeinde Lilienthal)

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

37

Neben den generellen demografischen Trends wirken sich auch die veränderten altersspezifischen Wanderungsverflechtungen negativ auf die Schülerzahlenentwicklung aus. Bei den Standortentscheidungen ist zu bedenken, dass die den skizzierten Vorausberechnungen zugrunde liegenden Annahmen aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre sogar noch zu optimistisch sein dürften: Zum einen ist der Baulandumsatz in der gesamten Region stark rückläufig. Die Realisierung von angenommenen etwa 80 Bauplatzverkäufen jährlich in den kommenden 15 Jahren ist bei zuletzt kaum 50 im Jahr fertiggestellten Neubauten in Lilienthal zumindest ambitioniert. Hinzu kommen zum anderen insbesondere die ungünstigen Wanderungsentwicklungen bei den jungen Erwachsenen unter 25, die eine Fortschreibung der bestehenden Zahlen immer problematischer machen. Diesen Sachverhalt veranschaulicht eine einfache Beispielkalkulation: Wenn davon ausgegangen wird, dass eine Fortschreibung der bestehenden Personenzahlen plausibel ist, müsste beispielsweise die Zahl der heute 10 bis 40 Jahre alten weiblichen Einwohner ungefähr der Zahl der Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren (‚gebärfähiges Alter’) in fünf Jahren entsprechen. Tatsächlich haben aber bekanntlich vor allem nach der Jahrtausendwende die Fortzüge junger Menschen stark angezogen. Lag noch vor zehn Jahren die Zahl der 15- bis 45-jährigen Frauen lediglich um etwa 170 oder 6% unter der Zahl der 10- bis 40-Jährigen fünf Jahre zuvor, so hat sich diese Differenz auf deutlich über 400 und 13 % mehr als verdoppelt. Anders ausgedrückt: Innerhalb von lediglich fünf Jahren hat Lilienthal zuletzt mehr als zehn Prozent der potenziellen künftigen Mütter durch Wanderungsverluste eingebüßt.
3600 3500 3400 3300 3200 3100 3000 2900 2800 2700 2600 Frauen 15-45 J. - fortgeschrieben Frauen 15-45 - tatsächlich

Abb. 36:

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

19 85 19 86 19 87 19 88 19 89 19 90 19 91 19 92 19 93 19 94 19 95 19 96 19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06

Vergleich der fortgeschriebenen und tatsächlichen Zahlen der Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren
(‚Frauen 15 – 45 J. fortgeschrieben’ entspricht den weiblichen Einwohnern im Alter von 10 – 40 Jahren zum Zeitpunkt fünf Jahre zuvor; Quelle: eigene Darstellung und Berechnung auf Grundlage von Daten des NLS, Bevölkerungsfortschreibung)

38

5.2.2

Kinderbetreuung

Die Gemeinde Lilienthal verfügt heute vor allem im Ortskern über ein breites Kinderbetreuungsangebot, das durch 13 kommunale, kirchliche und private Kinderbetreuungseinrichtungen gesichert wird. Die 528 zur Verfügung stehenden Plätze werden zurzeit von 514 Kindern genutzt, so dass sich eine Nutzungsquote von 97 % ergibt. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Einrichtungen (Quelle: www.lilienthal.de): Kindertageseinrichtungen der Gemeinde Lilienthal Spielkreis "Heidberger Rappelkiste" Seeberger Kindergarten "Lüttje Lüüd" Kindergarten "Wiesenbuttjer" Trupermoorer Kinderkahn Kindergarten Worphausen Kindertageseinrichtungen in anderer Trägerschaft Ev. Kindergarten Klosterstraße Ev. Spielkreis Konventshof Ev. Spielkreis Trupermoor DRK-Kindergarten "Dreyers Kamp" Kinderhaus "Wir werden immer größer e. V." Kindergarten "Haus Pape" Kindergarten "Jan-Reiners" Kindergarten Ostlandstraße (Lilienthal-Ortskern) (Lilienthal-Ortskern) (Lilienthal-Trupermoor) (Lilienthal-Ortskern) (Lilienthal-Trupermoor) (Lilienthal-Ortskern) (Lilienthal-Ortskern) (Lilienthal-Ortskern) (Heidberg) (Seebergen) (St. Jürgen) (Lilienthal-Trupermoor) (Worphausen)

Die Zahl der Kinder im Kindergartenalter wird nicht mehr wesentlich ansteigen, mit recht hoher Wahrscheinlichkeit sogar kontinuierlich zurückgehen. Künftige Auslastungsrückgänge eröffnen Möglichkeiten, die bisherigen Betreuungsangebote auszuweiten, z.B. durch die Schaffung zusätzlicher Krippenplätze. Ähnlich wie im Grundschulbereich wird auch für die Planung der Kindergartenplätze in der Gemeinde ein differenziertes Vorausberechnungssystem genutzt, in das u.a. auch die angenommenen künftigen Siedlungsentwicklungen eingehen. Danach ist vor allem nach 2012 mit einem weiteren deutlichen Rückgang der Auslastung der Kindergartenplätze zu rechnen, der sich in Seebergen mit einem Einbruch um nahezu 40 % bis 2021 am stärksten auswirken würde. Die übrigen Ortsteile verlieren etwa zwischen einem Viertel und einem Fünftel der Kinder im Kindergartenalter. Schon heute liegt die Anzahl der betreuten Kinder mit 514 deutlich unter dem Höchststand von 590 im Kindergartenjahr 2002/2003. Angesichts der bereits ausführlich beschriebenen demografischen Prozesse ist nicht davon auszugehen, dass sich die rückläufige Tendenz langfristig wieder nachhaltig umkehren wird.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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110,0 Lilienthal/Falkenberg Worphausen St.Jürgen Seebergen/Heidberg

100,0

90,0

80,0

70,0

60,0

50,0 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021

Abb. 37:

Vorausberechnung der Kinder im Kindergartenalter (2,5 bis 6 Jahre) in den Ortsteilen der Gemeinde Lilienthal
(Quelle: Gemeinde Lilienthal)

Gemäß den bundes- und landespolitischen Vorgaben baut Lilienthal zurzeit das Angebot an Krippenplätzen aus – die künftige Nachfrageentwicklung ist allerdings außerordentlich schwer abzuschätzen. Die zusätzliche Nachfrage nach Betreuungsplätzen wird jedoch voraussichtlich den Rückgang der Kinder im Kindergartenalter mehr als kompensieren können. Entsprechend den Vorgaben aus dem Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG; Vorgabe: ‚bedarfsgerechtes’ Angebot bis 2010) und den jüngsten bundes- und landespolitischen Beschlüssen, wonach bis 2013 für 35 % aller Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze (in Betreuungseinrichtungen oder durch Tagespflegepersonen) zur Verfügung stehen sollen und ab 2013 sogar ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz besteht, unternimmt die Gemeinde zunehmende Anstrengungen, bedarfsgerechte Betreuungsangebote auch für Kinder unter drei Jahren zu schaffen. Bisher existieren 27 Krippenplätze (Krippengruppe im DRK-Kindergarten, zwei altersgemischte Gruppen im Kindergarten Trupermoor), weitere 15 Plätze werden zum August 2008 durch die Einrichtung einer neuen Krippengruppe eines freien Trägers im 2006 geschlossenen Kindergarten ‚Zum Schoofmoor’ eingerichtet. Um die angestrebte Versorgungsquote von 35 % im Jahr 2013 zu erreichen, wären vermutlich etwa 130 bis 150 Betreuungsplätze notwendig; d.h. auf Basis der bisherigen Planungen müssten ungefähr 100 weitere Plätze aufgebaut werden. Wie und an welchen Standorten dies geschehen soll, welchen Beitrag Tagespflegepersonen leisten können und ob die Nachfrage überhaupt die politische Zielquote von 35 % erreichen wird, wird derzeit seitens der Gemeinde in enger Abstimmung mit dem Landkreis, dem Träger der Kinder- und Jugendhilfe, geprüft. Da nach den aktuellen Vorausberechnungen der Gemeinde die Auslastung der Kindergärten erst nach 2013 spürbar fallen dürfte und die Krippenplätze zumindest zum Teil auch in jetzigen Kindergartengruppen entstehen sollen, steht aktuell zumindest keine Standortschließung im Bereich der Kindertagesstätten zur Diskussion.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

40

5.2.3

Jugendliche in Lilienthal

Viele Gemeinden haben in den vergangenen Jahren Anstrengungen unternommen, das Angebotsspektrum für junge Menschen zu erweitern und Belange Jugendlicher bei der Gemeindeentwicklung stärker zu berücksichtigen. Nicht nur zunehmender Problemdruck, u.a. auch durch den Zuzug sozialer Randgruppen war ausschlaggebend für die Ausweitung der Aktivitäten. In den Kommunen wird zunehmend auch die große Herausforderung erkannt, sich bereits den jungen Menschen als in allen Lebensphasen lebenswerte Kommune zu präsentieren, um bei (Wohn-)Standort-Entscheidungen in späteren Lebensphasen nicht gegenüber anderen Standorten im Nachteil zu sein. Gerade weil Lilienthal außerordentlich geringe Anteile junger Erwachsener aufweist, in der Gemeinde aber (noch) vergleichsweise viele Kinder und Jugendliche wohnen ist es wichtig, dass sich die Gemeinde im Zuge des demografischen Wandels gezielt diesen Altersgruppen zwischen etwa 15 und 25 Jahren zuwendet. Über die Einbindung von jungen Menschen in die Gemeindeentwicklung ergibt sich die Möglichkeit, die Identifikation mit der Gemeinde zu fördern und somit nicht zuletzt auch potenzielle künftige Familiengründer an die Gemeinde zu binden. In einem anderthalbjährigen beispielhaften Dialog von Politik, Verwaltung und Jugendlichen ist 2006/2007 das GeKo (Gesamtkonzept) für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Grundlage für die ehren- wie hauptamtliche Jugendarbeit in Lilienthal entwickelt worden. Leitlinien des Konzeptes stellen beispielsweise die Schaffung und Erhaltung von Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung, die Förderung von Toleranz, die Entwicklung von Partizipationsmöglichkeiten Jugendlicher und die Vernetzung aller an der Jugendarbeit beteiligten Akteure dar. Das Konzept ist auf Nachhaltigkeit und ständige Weiterentwicklung angelegt.

Abb. 38:

Handbuch und Homepage aus dem Projekt GeKo (Gesamtkonzept) für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
(Quelle: http://jugend-lilienthal.de/)

Das GeKo (Gesamtkonzept) für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wie auch die Kinderakademie Lilienthal stellen beispielhafte Ansätze dar, um die Identifikation der Kinder und Jugendlichen mit der gemeinde zu fördern.

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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Bei einer im Kontext des GeKo-Prozesses durchgeführten Befragung von Kindern und Jugendlichen ab 10 Jahren wurden aber auch die sehr konkreten Wünsche und Anforderungen der jungen Menschen deutlich: So sind die Angebote der kommunalen Jugendarbeit offenbar vielen jungen Menschen nicht vertraut; mehr als drei Viertel aller Jugendlichen haben zudem den Wunsch geäußert, mehr Aufenthaltsräume im öffentlichen Raum zu schaffen. Als beispielhaftes, bereits umgesetztes Projekt mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche ist zudem die ‚Kinderakademie Lilienthal’ zu nennen, die von der Bürgerstiftung Lilienthal ins Leben gerufen worden ist. Unter diesem Dach wird von Lilienthaler Bürgerinnen und Bürgern eine Vielzahl von (Bildungs-)Veranstaltungen für unterschiedliche Altergruppen (zumeist zwischen 6 und 12 Jahren) angeboten, die beispielsweise von Kindergärten und Schulen gebucht werden können. 5.2.4 Seniorenbezogene Infrastruktur

Schon heute ist Lilienthals Bevölkerung überdurchschnittlich alt –Anteil und Anzahl hochbetagter Menschen werden aber erst nach 2035 ihren Höhepunkt erreichen. Schon 2020 wird jeder zweite Lilienthaler älter als 50 Jahre sein. Die Bevölkerung der Gemeinde Lilienthal besitzt bereits heute ein auch im regionalen Vergleich hohes Durchschnittsalter von 44 Jahren – im gesamten Raum der Metropolregion Bremen-Oldenburg im Nordwesten weisen nur fünf Kommunen einen höheren Wert auf. Bis 2020 ist nach den Annahmen der Bertelsmann-Prognose mit einem Anstieg des Durchschnittsalters auf 49 Jahre zu rechnen; das Medianalter würde demnach sogar bei 51 Jahren liegen, d.h. die Hälfte aller Einwohner wäre älter als 50 Jahre. 29 % aller Bürgerinnen und Bürger Lilienthals waren zum Jahresende 2007 mindestens 60 Jahre alt – damit hat sich der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe seit 1990 (18 %) um mehr die Hälfte erhöht. Der Anteil der Menschen der Altersgruppe 80+ ist im gleichen Zeitraum nur leicht angestiegen, von 4 % auf 5 %. Wird der Blick von den Anteilswerten auf die absoluten Zahlen gelenkt, fällt der Anstieg angesichts des Bevölkerungswachstums noch weitaus stärker aus: Die Zahl der mindestens 60-Jährigen hat sich um 70 % erhöht, die Altersgruppe 80+ um 44 %. Bereits bis 2020 dürfte sich die Anzahl der mindestens 80-jährigen Einwohner Lilienthals auf fast 10 % mehr als verdoppeln. Die Anforderungen an eine altengerechte Infrastruktur steigen gerade in den Außenbereichen deutlich an. Empirische Erhebungen zeigen, dass etwa ab dem Alter von 80 Jahren die physische Leistungsfähigkeit deutlich abnimmt und somit der Unterstützungsbedarf sprunghaft ansteigt. Diese Unterstützung wird bisher in weitaus überwiegendem Maße innerhalb der Familie geleistet. Die zu erwartenden Entwicklungen der kommenden Jahre sind daher gleich mehrfach alarmierend: Zum einen wird die Anzahl der Hochbetagten Menschen im Alter von 80 Jahren und älter in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stetig ansteigen und vermutlich erst nach 2035 ihren Höhepunkt erreichen. Nach den Prognosen der BertelsmannStiftung ist bereits bis 2020 davon auszugehen, dass die Anzahl der Menschen in der Altersgruppe 80+ sich um fast 1.000 erhöhen würde – von derzeit etwa 840 auf über 1.800 (+115 %).

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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Hinzu kommt, dass die künftigen Hochbetagten immer weniger Kinder haben werden, die ihnen regelmäßig zur Unterstützung zur Verfügung stehen. Zudem werden diese immer seltener noch in der Region wohnen und sie werden weitaus weniger freie Zeit zur Verfügung haben, weil der Anteil berufstätiger Frauen künftig höher liegen wird als in den vergangenen Jahrzehnten. Bei einer Umfrage im Landkreis Ammerland gaben 50 % der Älteren an, zumindest zwei Kinder zu haben, und mindestens eines in der näheren Umgebung. Wenn die Altersgruppen in das Hochbetagtenalter vorrücken, die nach 1970 in der Familiengründungsphase waren (also ab etwa 2020), so wird das familiäre Netz vor allem aufgrund der eingebrochenen Kinderzahlen nur noch in Ausnahmefällen die Unterstützung bieten können, auf die die Hochbetagten heute noch zählen können. Die Anforderungen an eine altengerechte Infrastruktur werden demnach in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen. Ziel sollte es dabei sein, den Senioren und Hochbetagten den möglichst langen Verbleib in ihren eigenen vier Wänden zu erleichtern, denn viele Ältere dürften künftig weder bereit sein noch über finanzielle Möglichkeiten verfügen, spezielle Einrichtungen mit umfassendem Dienstleistungsangebot für Senioren zu nutzen. Ein zentral koordiniertes Netzwerk ehrenamtlicher und professioneller Hilfskräfte und -dienste könnte wesentlich dazu beitragen, auch temporäre Versorgungslücken flexibel aufzufangen. Zielgruppengerechte Wohnangebote an geeigneten Standorten für die stark wachsende Altersgruppe der über 50-Jährigen könnte die Attraktivität des Wohnstandorts Lilienthal sichern. Dabei sollten aber auch Haushalte mit beschränkten finanziellen Möglichkeiten berücksichtigt werden.
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Abb. 39:

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Plätze in Seniorenheimen je 1.000 Einwohner im Alter von über 75 Jahren in den Kommunen des Landkreis Osterholz
(Quelle: eigene Berechnungen, Daten des Landkreis Osterholz)

Entwurf zur Fallstudie ‚Demografischer Wandel in der Gemeinde Lilienthal’

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Aufgrund der hervorragenden Versorgungs- und Infrastrukturangebote und der Nähe zum Bremer Stadtgebiet bietet gerade der Ortskern Lilienthals vergleichsweise günstige Bedingungen als Wohnstandorte für ältere Menschen. Es ist daher damit zu rechnen, dass sich die künftig stark wachsende Generation 50+ in zunehmendem Maße auf diese Gemeindeteile orientieren wird. Spezielle Wohnformen, die zwar hinsichtlich Lage und Ausstattung Komfort und Bequemlichkeit bieten, aber damit (noch) nicht den Schritt zum altengerechten Wohnen oder gar zum Seniorenpflegeheim vollziehen, sprechen diese Zielgruppen der ‚jungen Alten’ in besonderem Maße an. Lilienthal verfügt derzeit über fünf Altenpflegeheime mit insgesamt 252 Plätzen (Stand: 01.06.2007), die sich sämtlich im bzw. am Rande des Ortsteils Lilienthal befinden. Mit 166 Plätzen in Pflegeheimen je 1.000 Einwohner ab 75 Jahren besitzt Lilienthal einen im Landkreis-Vergleich durchschnittlichen Besatz mit Pflegeplätzen, der ungefähr auf dem Niveau (vgl. Abb. 39) Worpswedes, Grasbergs und Schwanewedes liegt, aber deutlich unter dem Wert der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck. Die Versorgung mit PflegeheimPlätzen ist daher als angemessen zu bezeichnen – angesichts der Nähe zu Bremen deuten sich jedoch durchaus auch in diesem Bereich noch Ausbaupotenziale an. Durch die steigende Zahl von Senioren eröffnen sich Chancen, ehrenamtliches Engagement auch künftig aktiv für die Gemeindeentwicklung zu nutzen. Lilienthal verfügt schon heute über ein aktives Vereinsleben und bürgerschaftliche Netzwerke, die in erheblichem Umfang vom Engagement der Senioren getragen werden. Künftig wird es darauf ankommen, dieses Engagement - auch über den Generationswechsel hinaus – aufrecht zu erhalten und auszubauen. Die steigenden Seniorenzahlen bieten für diesen Ansatz gute Rahmenbedingungen, denn speziell die Menschen zwischen 60 und 70 Jahren verfügen erfahrungsgemäß über genügend zeitliche und physische Reserven für ehrenamtliches Engagement. Möglichst sollten dennoch in steigendem Maße auch jüngere Menschen in die Freiwilligenarbeit einbezogen werden, z.B. durch geeignete generationenübergreifenden Aktivitäten und Projekte, um das bürgerschaftliches Engagement in Lilienthal dauerhaft zu verankern.

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