Nr. 89,
Zentralblatt der Bauverwaltung.
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g) Möglichkeit der Längen Veränderung jeder einzelnen Schiene
soweit» als sie durch Luffcwärmeschwankungen innerhalb der Grenzen
von etwa 70° hervorgerafen werden (um schädlichen Spannungen
im Gleise vorzubeugen) und sichere Verhinderung jeder anderen
Längsbewegung.
h) Möglichkeit der Anwendung der Einrichtung auf allen
Schwellen eines Gleises ohne weiteres, wodurch die Übertragung
i
Abb. 8.
der die Wanderung herbeiführen
den Kraft auf die Bettung in
ihrem ganzen,Umfange— und
nicht nur auf einzelne Stellen der
selben wie bei den jetzigen Mit
teln -- vollkommen erreicht und
im allgemeinen eine ruhigere Gleis-
läge erzielt würde.
i) Bestand der Wirksamkeit Abb. 9.
des Wanderschutzes auch bei dem
infolge der Betriebs wirkungen vorkommenden, ausnah insweisen
Lockerwerden der Sckienenbefestigungsmittel.
Alle diese Bedingungen würden sich voraussichtlich dadurch
erfüllen lassen, daß in regelmäßigen Abständen an den Schienen
angebrachte Festpunkte den Schub, den die Schienen durch Betriebs
einflüsse erhalten, auf alle Schwellen durch Vermittlung der für
diesen Zweck geeignet gemachten Unterlagsplatten übertragen. Diese
Einrichtung könnte auf zweierlei Weise erreicht werden und zwar:
I. dadurch, daß ein Rand a des Schienenfußes wellenförmige Aus
buchtungen c in regelmäßigen Abständen erhält, in die die gleich
artigen Ausbuchtungen d der Unterlagsplatten f eingreifen, die an
einem ihrer erhöhten Ränder angebracht werden (Abb. 6). ,
II. dadurch, daß eine wellenförmige Leiste b an der Unterfläche
des Schienenfußes augewalzt wird, deren Erhebungen in innerhalb
der Aufstandsfläche der Unterlagsplatte eingepreßte Vertiefungen
passen (Abb. 7).
In beiden Fällen ist zwischen Schienenfuß und Platte der zur
Erfüllung der Bedingung „g) u notwendige Spielraum vorhanden.
Die Amerikaner sind uns gewissermaßen in der unter I. an
gedeuteten Richtung bereits vorangegangen und haben auch hin
sichtlich der Lösung unter II. schon Näherungs Vorschläge gemacht,
die aber nie über dieses Stadium herausgekommen sind.
Im Jahre 1890 nahm Elisha G. Patterson ein Patent, beide
Schienenfußränder in regelmäßigen Abständen mit Nuten oder
langen wellenförmigen Eindrücken zu versehen, in denen die
Schienennägel Platz finden und ohne Vermittlung einer Unterlags
platte, die dort in der Hauptsache nicht angewendet werden, den
Wanderdruck der Schienen auf die Schwellen übertragen sollte (Abb. 8).
1891 erweiterte derselbe Erfinder sein Patent dahin (Abb. 9), den
Schienenfuß oben mit in regelmäßigen Abständen angeordneten Narben
oder mit scharfen Durchbiegungen des äußersten Fußrandes zu ver
sehen. In die ersteren sollten die Schienennägel eingreifen, und die
letzteren sollten sich in die Oberfläche der Holzschwellen eindrücken,
um damit einen Widerstand gegen das Wandern hervorzurufen. —
Nachfragen bei einigen großen EisenbahnverwaltUDgen in Amerika
ergaben, daß es dort trotz dieser Patente bisher ein wirksames
Mittel gegen das Schienenwandern nicht gegeben hat und auch bis
beute noch nicht gibt.
Es wird sieb nun fragen und zu erörtern sein, ob die unter I.
und H. gegebenen Anregungen nicht Aussicht haben, demselben
Schicksale zu verfallen wie die Pattersonschen, trotzdem sie lediglich
sowohl aus den Beobachtungen der praktischen Bedürfnisse wie auch
in Würdigung des praktisch Erreichbaren herauswuchsen und die
Möglichkeit der Durchführung an der Hand der Beobachtung der
Erzeugung der Eisenbahnmaterialien eingehend erwogen wurde:
Zu I. die naheliegende Befürchtung, daß die Querschnittsver
minderung der Schienen in den Einbuchtungen des Fußrandes eine
Beeinträchtigung ihrer Festigkeit nach sich ziehen würde, scheint
nicht begründet zu sein, da plötzliche Querschnittsveränderungen
(die Veranlassung zu Schienenbrüchen) vermieden sind und vor
genommene Schlagproben mit Schienen, deren einer Fußrand G mm
tiefe und 40 mm lange eingefräste Wellen erhielt, die gleichen Einzel
durchbiegungen bei jedem der drei mit 3000 mkg geführten Schläge
hervorriefen, wie bei der unbearbeiteten Schiene derselben Walzung.
Auf die Durchführung des Vorschlags kann erschwerend viel
leicht der Umstand ein wirken, daß, um den Wellenrand des Schienen
fußes gleich beim Walzen herzusteüen, die Walzenabnutzung störend
ins Gewicht fällt, da großer Wert darauf gelegt werden muß, daß die
Wellengröße bei allen Schienen und bei allen Platten wegen
des Ineinanderpassens unverändert bleibt
Ein Versuch hat bewiesen, daß das Einfräsen der Wellen
zu einem brauchbaren Ergebnis wohl führt, daß es aber, wenn
nicht besondere Maßnahmen getroffen werden, vorläufig als zu
kostspielig angesehen werden muß. — Nicht ausgeschlossen dürfte
es sein, daß noch Mittel und Wege auffindbar sind, dem einen
Schienenfußrande im warmen Zustande, sei es nun beim Walzen
selbst oder durch hydraulischen Druck usw., dennoch die richtige
Wellenform zu geben. — Hinsichtlich der Platten sind die Schwierig
keiten der gleichförmigen Bildung der Ausbuchtungen wesentlich
geringer, da bei den in Anwendung zu bringenden Matrizen mit
wenig Kosten und Umständen Nachhilfe möglich ist.
Zu II. ist die Wahrscheinlichkeit, die Wellenleiste an der Fuß
unterfläche der Schienen beim Walzen mit der Gewähr völliger Gleich
mäßigkeit anbringen zu können wesentlich größer, da hierfür leichter
entsprechende Walzeneinrichtungen geschaffen werden können. Die
zweckmäßige Gestaltung der Unterlagsplatten durch Pressung be
gegnet hier ebensowenig Schwierigkeiten wie bei „L“.
Vorstehende Darlegung solL die Bekämpfung der Schienen
wanderung nach den unter I. und 11. angedeuteten Richtungen
zunächst einmal der allgemeinen Kritik unterbreiten, um vielleicht
dadurch zu einem Versuche, der ja im Eisenbahnwesen das einzige
Mittel ist, den Wert eines Vorschlags festzustellen, anzuregen.
Die Schwierigkeiten, die für die Schienenerzeugung mit der An-
walzung der Ausbuchtungen Zusammenhängen, sind nicht so erheblich,
daß, wenn erst einmal die Eisenbahntechniker den genannten Weg
als gangbar bestätigt haben, auch die Walztechnik der ihr dadurch
gestellten Aufgabe näher treten und sie mit der Zeit lösen wird.
Wenn dies einst zur Tatsache werden sollte, so dürfte es wahr
scheinlich sein, damit auch der Frage der Schwellen Wanderung
erheblich näher zu kommen, die auf Seite 191 des Jahrgangs 1905
des Organs für die Fortschritte des Eisenbahnwesens vom Eisenbahn-
Bau- und Betriebsidspektor J. Hansen Berlin in so richtiger und
zutreffender Weise behandelt worden ist und die eine gleiche Würdi
gung wie die Schienenwanderung verdient.
Dresden, R. Scheibe, Baurat.
Vermischtes,
Auszeichnung. Rektor und Senat der Technischen Hochschule
in Berlin haben durch einstimmigen Beschluß vom 27. Oktober 1905
auf Antrag des Kollegiums der Abteilung für Bauingenieurwesen
dem Vortragenden Bat im Ministerium der öffentlichen Arbeiten in
Berlin Geheimen Oberbaurat Otto Sarrazin in Anerkennung seiner
hervorragenden Verdienste um die Förderung der technischen Wissen
schaften die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber ver
liehen.
Die Liliputbogenlaiupe. Die großen Fortschritte, die in den
letzten Jahren in der Gasbeleuchtung gemacht wurden, veranlaßtea
auch die Elektrotechniker, den Wettbewerb nach billigen Lichtquellen
von nicht zu hoher Leuchtkraft aufzunehmen. Die Kohlen faden glüh-
lampe konnte trotz der ihr eigenen Vorzüge wegen der verhältnis
mäßig hohen Betriebskosten in vielen Fällen gegenüber dem Gas
glühlicht nicht bestehen. Die Nernstlampe (vgl. Jahrg, 1901, S. 19
u. 208 d. Bl.), die Osmiumlampe (vgl. Jahrg. 1901, §. 200 d. Bl.) und