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Beratung und Präventionsangebote für Flüchtlinge : Angebote im Sozialraum : zwei Projektevaluationen

Full text: Berliner Forum Gewaltprävention (Rights reserved) Ausgabe 66,3 Beratung und Präventionsangebote für Flüchtlinge : Angebote im Sozialraum : zwei Projektevaluationen (Rights reserved)

01 BERLIN GEGEN Landeskommission Berlin gegen Gewalt KAPITEL Beratung und Präventionsangebote für Flüchtlinge Angebote im Sozialraum Zwei Projektevaluationen Michael Bergert Birgit Glock Miriam Schroer – Hippel Till Sträter Berliner Forum Gewaltprävention Heft 3 Nr. 66 02 Impressum Berliner Forum Gewaltprävention (BFG) Das BFG erscheint unregelmäßig. Es wendet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Institutionen, Verwaltungen, Verbänden und an die interessierte Öffentlichkeit als Forum zur Diskussion und Information über Prävention. Herausgeberin: Landeskommission Berlin gegen Gewalt Vorsitzender: Aleksander Dzembritzki Staatssekretär für Sport Senatsverwaltung für Inneres und Sport Klosterstr. 47, 10179 Berlin-Mitte Telefon: (030) 90223 – 2913 Fax: (030) 90223 – 2921 TITEL DER BROSCHÜRE berlin-gegen-gewalt@seninnds.berlin.de www.berlin.de/gegen-gewalt Redaktion: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle der Landeskommission Berlin gegen Gewalt Autor/innen: Michael Bergert, Birgit Glock, Miriam Schroer-Hippel, Till Sträter Nachdrucke sind nur mit Quellenangabe gestattet und bedürfen der Zustimmung der Autorin oder des Autors. ISSN 1617 0253 V.i.S.d.P. Ute Vialet, Leiterin Geschäftsstelle der Landeskommission Berlin gegen Gewalt. Nr. 66, Berlin 2019, 20. Jahrgang Druckauflage: 1.000 Exemplare Satz/Layout: Fleck · Zimmermann | Visuelle Kommunikation · Grafik Design Druck: DBM Druckhaus Berlin-Mitte GmbH Beratung und Präventionsangebote für Flüchtlinge Angebote im Sozialraum Zwei Evaluationsberichte Michael Bergert Birgit Glock Miriam Schroer-Hippel Till Sträter Berliner Forum Gewaltprävention Berlin 2019 Heft 3 Nr. 66 Gefördert von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention in Trägerschaft von Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH Inhaltsverzeichnis 1. KURZFASSUNG 011 2. ZIEL UND VORGEHENSWEISE DER EVALUATION 013 2.1 Gegenstand 013 2.2 Ziel und Fragestellung 014 2.3 Methodisches Vorgehen 014 3. DAS PROJEKT KONFLIKTABBAU 017 3.1 Das Arabische Kulturinstitut e.V. 017 3.2 Ziele, Indikatoren und Wirkannahmen 018 3.3 Radikalisierungsprävention durch Integration 020 4. UMSETZUNGSSTAND UND ZIEL­ERREICHUNG 023 4.1 Projektaktivitäten 023 4.2 Fußballturnier „Ja zu Salam, nein zu Gewalt“ 024 4.3 Workshops Konfliktmanagement und Anti-Gewalt-Trainings 028 4.4 Multiplikatorenausbildung 029 5. BEWERTUNG UND EMPFEHLUNGEN 035 5.1 Umsetzungsstand 035 5.2 Zielerreichung 035 5.3 Empfehlungen 037 6. LITERATURVERZEICHNIS 041 7. ANHANG 043 INHALT KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Inhaltsverzeichnis THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONSMASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTREMISMUSGEFÄHRDETE MINDERJÄHRIGE MIGRANTEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) 1. KURZFASSUNG 055 2. ZIELSETZUNG UND VORGEHENSWEISE DER EVALUATION 057 2.1 Gegenstand der Evaluation 057 2.2 Fragestellung und Zielsetzung der Evaluation 057 2.3 Methodisches Vorgehen 058 061 3.1 Projektträger und Ressourcen 061 3.2 Ausgangslage und Projektansatz 062 3.3 Zielgruppe und Ziele des Projekts 064 3.4 Trainingskonzept 068 4. ERGEBNISSE DER EVALUATION 075 4.1 Erreichung der Trainingsziele 075 4.2 Einflussfaktoren und Bedingungen für einen Transfer in andere Kontexte 076 4.3 Der ganzheitliche Ansatz des MJI als Beitrag zur Extremismusprävention 078 5. FAZIT 081 6. EMPFEHLUNGEN 085 7. VERZEICHNISSE 087 7.1 Literaturverzeichnis 087 7.2 Tabellenverzeichnis 087 7.3 Abbildungsverzeichnis 087 7.4 Abkürzungen 087 INHALT 3. DAS PROJEKT TPIF 06 Vorwort BERATUNG UND PRÄVENTIONSANGEBOTE FÜR FLÜCHTLINGE Liebe Leserin, lieber Leser, die Prävention und Bekämpfung von religiös begründetem Extremismus haben in Berlin einen hohen Stellenwert. Nicht zuletzt zeigt auch der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Dezember 2016 die Notwendigkeit auf, in diesem Feld aktiv Lösungen für unsere Stadt zu finden. Die Landeskommission Berlin gegen Gewalt hat diesen Handlungsbedarf bereits im Jahr 2015 aufgegriffen. Im Mai 2015 tagte erstmals ein Runder Tisch mit Vertreterinnen und Vertretern der Berliner Senatsverwaltungen sowie Expertinnen und Experten Freier Träger aus dem Bereich Gewalt- und Extremismusprävention, um über gemeinsame Präventions- und Deradikalisierungsstrategien zu beraten. Als Ergebnis des Runden Tisches wurde das Berliner Landesprogramm Radikalisierungsprävention im Dezember 2015 vom Senat beschlossen. Seitdem wurde das Landesprogramm, das von Beginn an als „lernendes“ Programm konzipiert war, kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt. Die wissenschaftliche Begleitung des Landesprogramms sowie die Evaluationen einzelner Maßnahmen sind dabei wesentlicher Bestandteil, um aus den gewonnenen Erfahrungen zu lernen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Die vorliegende Broschüre soll Ihnen genau darin Einblick geben. Sie ist Teil einer insgesamt vier Hefte umfassenden Reihe von Berichten über Maßnahmen und Schwerpunkte im Rahmen des Landesprogramms und dessen wissenschaftlicher Begleitung. Die Reihe beginnt mit der Evaluation der Arbeit der Beratungsstelle Kompass im Bereich der Deradikalisierung. Diese arbeitet mit bereits radikalisierten oder radikalisierungsgefährdeten Jugendlichen und Erwachsenen. Darüber hinaus ist die Beratungsstelle ein wichtiger Ansprechpartner für Angehörige und Fachkräfte, die mit dem Thema in Berührung kommen. Die zweite Broschüre bezieht sich auf den Bereich Schule. Sie ist oft ein Ort, an dem gefährdete junge Menschen erreicht werden können, die sich bereits in einem Radikalisierungsprozess befinden. Darüber hinaus spielt sie auch in der primären Prävention eine zentrale Rolle. Schülerin- 07 nen und Schüler können hier durch Workshops die Werte vermittelt bekommen, die unsere Demokratie ausmachen. So erfahren sie eine Stärkung ihrer eigenen Identität und sind so weniger anfällig für Anwerbungsversuche extremistischer Gruppierungen. Von besonderer Bedeutung sind auch die sozialraumorientierten Ansätze des Landesprogramms, die sich in den evaluierten Projekten der dritten Broschüre wiederfinden. Besonders die Einbindung der relevanten Akteure vor Ort ist ein wichtiger Faktor, um eine gelingende Präventionsarbeit in diesem Bereich leisten zu können. Ich möchte an dieser Stelle insbesondere der Hochschule für Wirtschaft und Recht, namentlich Herrn Prof. Dr. Jaschke und Herrn Dr. Tausendteufel, der Arbeitsstelle Camino sowie allen beteiligten Trägern danken. Durch diese vielfältige Expertise wurde maßgeblich zur Weiterentwicklung des Landesprogramms beigetragen. Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass wir mit dem Berliner Landesprogramm einen wichtigen Beitrag zur Prävention und Bekämpfung von religiös begründetem Extremismus leisten, der durch einen kontinuierlichen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis gekennzeichnet ist. Diesen Weg gilt es weiterzugehen. Wir hoffen, dass wir Ihnen mit den vorliegenden Heften die wissenschaftlichen Ergebnisse des Berliner Landesprogramms Radikalisierungsprävention nahe bringen und Sie Anregungen für weiteren Dialog zu dem Thema gewinnen können. Aleksander Dzembritzki Staatssekretär für Sport Vorsitzender der Landeskommission Berlin gegen Gewalt VORWORT Die Reihe endet mit dem Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung. Dieser wirft einen umfassenden Blick auf die Entwicklung des Landesprogramms seit seinem Start. Er hat kontinuierlich dazu beigetragen, sinnvolle Anpassungen vorzunehmen und Schwerpunkte zu setzen. Konfliktabbau durch Beratung und Integra­tions­ förderung für Flüchtlinge und Asylsuchende Evaluationsbericht Birgit Glock Miriam Schroer-Hippel Heft 3/1 Berliner Forum Gewaltprävention Berlin 2019 Nr. 66 011 1. Kurzfassung Es handelt sich um ein primärpräventives Projekt, das darauf zielt, einer Radikalisierung von Geflüchteten und Asylsuchenden durch Integrationsförderung vorzubeugen. Durch gezielte, niedrigschwellige und zugleich breit aufgestellte Angebote zur Integration und Teilhabe sollen – so die Grundannahme des Projekts – Orientierungs- und Perspektivlosigkeit bei Geflüchteten vermieden und somit eine potenzielle Anfälligkeit für religiösen Extremismus verhindert werden. Diese Wirkungsannahme wird durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt, die darauf hindeuten, dass eine misslungene kulturelle und identifikatorische Integration zusammen mit weiteren strukturellen und individuellen Faktoren Prozesse der Radikalisierung begünstigen kann. Das Wirkmodell Prävention durch Integration ist – wenn auch sehr vermittelt – grundsätzlich erfolgversprechend, insbesondere im primärpräventiven Bereich. Das Projekt Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende weist insgesamt einen guten Umsetzungsstand auf. Dies gilt insbesondere für die Fußballturniere und Konfliktlösungsworkshops sowie für die zusätzlich durchgeführte Ausbildung von Multiplikator/innen. Der Träger ist insbesondere gut in der Lage, arabisch-, aber auch anderssprachige Geflüchtete zu erreichen, wobei überwiegend Männer an den Veranstaltungen teilnehmen. Ebenso hat der Träger eine hohe Kompetenz, Multiplikator/innen zu gewinnen, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, über die entsprechenden Sprachkenntnisse verfügen und ein hohes Interesse daran haben, kulturell begründete Missverständnisse und Konflikte aufzufangen. Das Arabische Kulturinstitut e.V. ist somit in der Lage, niedrigschwellige Angebote mit Sozialraum- und Lebensweltbezug anzubieten. Die Angebote stoßen auf eine hohe Akzeptanz. Sie fördern das Zugehörigkeitsgefühl und die sozialen Kompetenzen der Teilnehmer/innen. Das Projekt weist darüber hinaus ein hohes Potenzial auf, Geflüchtete und Asylsuchende an weitere Bezugsgruppen und Unterstützungsangebote anzubinden. Dieses Potenzial wurde jedoch bislang noch nicht vollständig ausgeschöpft. Es wird daher empfohlen, das Profil des Projekts weiter zu schärfen. Die Projektaktivitäten sollten stärker als Brücke zu weiteren integrationsfördernden Angeboten ausgerichtet werden. Auch die Arbeit mit Multiplikator/innen sollte gestärkt und in Richtung von Paten- und Mentorenkonzepten erweitert werden. 1. KURZFASSUNG Das Projekt „Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende“ wird durch die Landeskommission Berlin gegen Gewalt im Rahmen des Landes­ programms Radikalisierungsprävention seit dem 01.06.2016 gefördert. Camino gGmbH wurde mit der Evaluation des Projekts Mitte Oktober 2016 betraut. 013 2. Ziel und Vorgehensweise der Evaluation 2.1 GEGENSTAND Das Projekt Konfliktabbau wird durch das Arabische Kulturinstitut e.V. durchgeführt und von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt seit dem 01.06.2016 im Landesprogramm Radikalisierungsprävention gefördert. Übernommen werden hauptsächlich die Honorarkosten für die Projektleitung und -administration sowie für die Fachreferent/innen. Daneben werden aber auch die Projektumsetzung (Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit usw.) gefördert sowie anteilig die Miet-, Strom-, Gas- und Telefonkosten für die Büroräume des AKI in der Falkstraße bezahlt (Arabisches Kultur­institut e.V. 2016, 10). Es handelt sich um ein primärpräventives Projekt, das darauf abzielt, einer Radikalisierung Geflüchteter durch Wissens- und Normvermittlung sowie praktische Unterstützung vorzubeugen (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2016, 5). Orientierungs- und Perspektivlosigkeit stellen einen Nährboden für das „Abdriften in extremistische Gruppen und Verhaltensweisen“ dar (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2016, 8). Umgekehrt ist die Integration von Flüchtlingen in verschiedene gesellschaftliche Teilbereiche ein wichtiger Schutzfaktor, so die Grundannahme des Projekts. Kern des Projekts sind folgende Maßnahmen (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2016, 6f): • die Beseitigung von Sprachbarrieren durch allgemeine und beruflich orientierte Kurse, • Beistand bei Behördengängen und der Anerkennung von Qualifikationen, • der Abbau schulischer und beruflicher Hürden durch Berufswegeplanung, • der Bau von Brücken für den kulturübergreifenden Dialog durch Kunst und Sport, • eine Stärkung der Konfliktlösungsfähigkeit durch Konfliktmanagement, • die Ausbildung von Multiplikator/innen. Die Zielgruppen für das Projekt sind Geflüchtete, vornehmlich aus dem Irak und aus Syrien. Workshops werden für Männer und Frauen angeboten. Die Altersstruktur ist dort sehr heterogen. Die Fußballturniere richten sich an männliche Jugendliche und Heranwachsende. 2. ZIEL UND VORGEHENSWEISE DER EVALUATION In der Evaluation sollen der Umsetzungsstand sowie die Zielerreichung des Projekts „Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende“ (im Folgenden Konfliktabbau) des Arabischen Kulturinstituts e.V. (im Folgenden AKI) analysiert und bewertet werden. Im vorliegenden Abschlussbericht der Evaluation werden das Untersuchungsdesign (Kapitel 2), der Kontext, die Ziele und das Wirkmodell (Kapitel 3) sowie die Ergebnisse zu den näher untersuchten Einzelmaßnahmen (Kapitel 4) vorgestellt. Abschließend werden die Zielerreichung des Projekts im Kontext des Wirkmodells skizziert und Empfehlungen für die Weiterentwicklung formuliert (Kapitel 5). 014 Der Zugang zur Zielgruppe erfolgt bislang über persönliche Ansprache in den Unterkünften für Geflüchtete oder durch Kontakte aus anderen Projekten, die das AKI durchführt (wie beispielsweise aus dem Projekt „Bürger helfen Bürgern“ oder den Sprach- und Integrationskursen). KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE 2.2 ZIEL UND FRAGESTELLUNG Die Evaluation zielt darauf ab, den Umsetzungsstand und die Zielerreichung des Projekts zu analysieren und zu bewerten. Die zentrale Fragestellung ist, ob – und wenn ja wie – es gelingt, den Geflüchteten Wissen um Normen und Werte des Zusammenlebens in Deutschland sowie Zugang zu weiteren Unterstützungsangeboten zu vermitteln. Es geht also implizit um die Frage, ob das Projekt durch Integrationsangebote einer Radikalisierung von Geflüchteten entgegenwirken kann. Zugleich soll herausgefunden werden, was in diesem Kontext förderliche und was hinderliche Faktoren sind. Auf dieser Grundlage werden Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Projekts entwickelt, die insbesondere auch dessen Eignung als Projekt für Geflüchtete betreffen. Bei der Bewertung des Angebots und der Entwicklung von Empfehlungen wird in Abstimmung mit dem Auftraggeber auch dessen Passung in die Gesamtanlage des Berliner Landesprogramms Radikalisierungsprävention berücksichtigt. In der Evaluation werden Analysen und Bewertungen zu folgenden konkreten Themenbereichen durchgeführt: • Projektkontext, -ressourcen und -aktivitäten, • Zugang zur Zielgruppe, • Akzeptanz der Angebote, • Wissenszuwachs. Die genauen Fragestellungen, die mit den einzelnen Themenbereichen verknüpft sind, sind in Tabelle 1 im Anhang synthetisiert. 2.3 METHODISCHES VORGEHEN Die von der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention in der Vergangenheit durchgeführte Meta-Evaluation zeigt, dass insbesondere Studien mit einem multimethodischen Design bei der methodischen Qualität und der wissenschaftlichen Güte punkten konnten. Für die Evaluation des Projekts Konfliktabbau wurde deshalb ein multimethodisches Design fruchtbar gemacht, welches sich durch die Kombination qualitativer und quantitativer Methodenbausteine auszeichnet: • Dokumentenanalyse: qualitative Inhaltsanalyse der projektbezogenen Dokumente, • Workshop mit Projektmitarbeiter/innen zur Zielerreichung bzw. Messung der Zielerreichung (d.h. Validierung der durch die Dokumentenanalyse gewonnenen Erkenntnisse), • leitfadenzentrierte Befragung der Projektmitarbeiter/innen und Workshop-Leiter/innen, • Befragung von Teilnehmer/innen am Ende der jeweiligen Veranstaltung mittels standardisierter Kurzfragebögen, teilweise in arabischer Übersetzung, • teilnehmende Beobachtung bei einem Workshop. 015 Im Rahmen der vorliegenden Evaluation wurden folgende Erhebungsinstrumente entwickelt und im Rahmen der empirischen Untersuchung eingesetzt: • Abfragematrix zur Zielexplikation: Die Zielexplikation fand im Rahmen eines Workshops am 17.11.2016 mit den verantwortlichen Mitarbeiter/innen des Projekts statt. Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse findet sich im Zwischenbericht zur Evaluation (Glock/Schroer-Hippel 2016). • Leitfaden für (halb-)standardisierte Interviews: Mit den verantwortlichen Projektmitarbeiter/ innen sowie den Trainer/innen der einzelnen Seminarangebote wurden im Erhebungszeitraum Interviews geführt, transkribiert und ausgewertet. • Beobachtungsbögen teilnehmende Beobachtung: Sowohl beim Fußballturnier als auch beim Seminar zur Ausbildung der Multiplikator/innen waren Mitarbeiter/innen der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention für eine teilnehmende Beobachtung vor Ort. Die Beobachtungs­ bögen wurden ausgefüllt, Protokolle angefertigt. Der vorliegende Abschlussbericht beruht auf Daten, die mit diesen empirischen Verfahren gesammelt wurden. 2. ZIEL UND VORGEHENSWEISE DER EVALUATION • Leitfaden zur Teilnehmerbefragung: Für die einzelnen Veranstaltungen wurden standardisierte Leitfäden entwickelt, die – abgesehen von der Multiplikatorenausbildung – auf Arabisch vorlagen. Realisiert werden konnte im Erhebungszeitraum jeweils eine Teilnehmerbefragung bei einem Fußballturnier sowie bei der Multiplikatorenausbildung. Einige der Veranstaltungen wurden aufgrund von Planungsunsicherheiten zu Beginn des Jahres so kurzfristig geplant und umgesetzt, dass eine systematische Erhebung der Erfahrungen der Teilnehmer/ innen nur teilweise möglich war. 017 3. Das Projekt Konfliktabbau 3.1 DAS ARABISCHE KULTURINSTITUT E.V. Die zentrale Zielsetzung der Arbeit, die sich auch in dem geförderten Projekt widerspiegelt, besteht in der „Integrationsförderung der in Berlin lebenden Einwohner/innen arabischer Herkunftssprache“ (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2016, 7). Die Migrantenselbstorganisation zielt dabei auf eine „identitätsbewahrende Integration und eine zur Integration befähigte Identität“ und die Vermittlung und Akzeptanz der in Deutschland geltenden rechtlichen Normen ab. (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2016, 7). Die Arbeit richtet sich aber nicht nur an die arabischspra­ chige Gemeinde selbst, sondern verfolgt zudem die „Förderung der kulturellen Bereicherung des Berliner, insbesondere des Neuköllner Kultur­ lebens [sowie die] Förderung des wissenschaftlichen und kulturellen Austausches zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Ländern der arabischen Welt“ (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2016, 7). Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt des AKI sind Beratungs- und Unterstützungsangebote für arabischsprachige Bürger/innen in den Bereichen Erziehung, Gesundheit, Schule, Soziales und Wirtschaft. Hierzu bietet das AKI auch Hilfe beim Übersetzen und bei Behördengängen an. Um die Zielgruppe der neu angekommenen Geflüchteten zu erreichen, sind Mitarbeiter/innen des AKI verstärkt in Flüchtlingsunterkünften präsent. Dabei kommen dem Vertrauensaufbau mit den dortigen Leitungen und der informellen Kontaktaufnahme mit den Geflüchteten eine immense Bedeutung zu. Die Beratungsarbeit mit den neu angekommenen Geflüchteten ist Bestandteil des hier evaluierten Projekts. Der Vertrauensaufbau mit Heimleitung und Bewohner/ innen bildet somit eine wichtige Voraussetzung, um Geflüchtete für die Maßnahmen des Projekts überhaupt ansprechen zu können. Darüber hinaus bietet das AKI im Projekt „Bürger helfen Bürgern“ besonders niedrigschwellige arabischsprachige Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen, der Arbeitssuche oder im Kontakt mit Schulen an. Die Mitarbeiter/innen vermitteln dabei bei Bedarf an weiterführende Angebote. Somit bildet auch das Projekt „Bürger helfen Bürgern“ eine wichtige Schnittstelle zu Maßnahmen des hier evaluierten Projekts, z.B. zu Seminaren zur beruflichen Entwicklung oder zur konstruktiven Konfliktvermittlung. Ein Beispiel für das sozialräumliche Engagement ist der vom AKI ausgelobte jährliche Wettbewerb „Rollberger Superschüler“ an benachbarten Schulen, mit dem Schüler/innen mit vorbildlichem sozialen Verhalten und Engagement geehrt werden. Der Verein beteiligt sich auch an Veranstaltungen mit berlinweiter Strahlkraft, etwa dem Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden 3. DAS PROJEKT KONFLIKTABBAU Das von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt geförderte Projekt wird vom AKI umgesetzt. Es ist Teil der längerfristigen Arbeit des Trägers. Das AKI wurde 1998 gegründet und 2001 als Träger der Jugendhilfe anerkannt. Im Berliner Bezirk Neukölln im Rollbergkiez angesiedelt, richtet es sich insbesondere an arabischsprachige Bürger/innen sowie in den letzten Jahren zunehmend auch an neu angekommene arabischsprachige Geflüchtete und Asylbewerber/innen. Sein fester Platz in der Mitgestaltung des Zusammenlebens im Bezirk zeigt sich beispielsweise an seiner Mitgliedschaft im Migrationsbeirat Neukölln. 018 Neukölln. Ein Beispiel für die integrationsstiftende Zielsetzung der Vereinsarbeit sind zudem Veranstaltungen im Vorfeld anstehender Wahlen, bei denen sich die Kandidat/innen im Kulturinstitut vorstellen. Das AKI ist somit ein Träger, der • über langjährige Kooperationsbeziehungen im Sozialraum, insbesondere mit Schulen und Jugendeinrichtungen, KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE • über gute Kontakte zu langjährigen Neuköllner/innen mit arabischer Herkunftssprache sowie • über gute institutionelle, sprachliche und kulturbezogene Zugangsmöglichkeiten zu neu hinzukommenden Geflüchteten arabischer Herkunftssprache verfügt, und ein Integrationsverständnis vertritt, das der Akzeptanz demokratisch-rechtsstaatlicher Normen verpflichtet ist. Das AKI hat somit sehr gute Voraussetzungen zur Erreichung der Zielgruppe arabischsprachiger Geflüchteter. Sofern die Arbeit des Vereins weiter gefördert wird, bringt das AKI aufgrund seiner vielfältigen Angebote und seiner guten Vernetzung mit weiteren Institutionen gute Voraussetzungen einer nachhaltigen Arbeit mit, bei der die Teilnehmer/innen der evaluierten Maßnahmen auch nach Ende des Projekts von weiteren Angeboten vor Ort profitieren können. 3.2 ZIELE, INDIKATOREN UND WIRKANNAHMEN In der Evaluationsstudie soll, wie bereits eingangs ausgeführt, herausgefunden werden, ob – und wenn ja wie – das Projekt Konfliktabbau seine Ziele in Bezug auf die Wissensvermittlung und Unterstützungsleistungen für Geflüchtete erreicht. Hierfür wurde eine Zielexplikation mit den Mitarbeiter/innen des AKI durchgeführt.1 Eine Zielexplikation stellt einen wichtigen Ausgangspunkt dar, um – über die in den Anträgen formulierten globalen Zielsetzungen hinaus – herauszufinden, was mit einer Maßnahme erreicht werden und wie dies geschehen soll (Atria et al. 2006, 579). Im Laufe des Prozesses werden Indikatoren festgelegt, die benennen, wann ein Projekt seine Ziele erreicht (Atria et al. 2006, 580). Dies zielt zum einen darauf ab, den Grad der Zielerreichung empirisch messbar zu machen, zum anderen darauf, Erfolgskriterien eindeutig zu benennen (Atria et al. 2006, 580). Das Projekt Konfliktabbau besteht, wie bereits beschrieben, aus mehreren Einzelmaßnahmen, sodass zuerst die übergeordneten Ziele des Projekts kurz skizziert, danach die Ziele der einzelnen Maßnahmen genauer beschrieben werden sollen. Integration als übergeordnetes Ziel Dem Wirkmodell des Projekts liegt die zentrale Annahme zugrunde, dass durch gezielte niedrigschwellige Angebote zur Integration und Teilhabe – beginnend bei der Klärung grundlegender Fragen (zu Aufenthalt, Wohnen, Schule, Gesundheit) über sportliche Aktivitäten, Angebote zur beruflichen Integration bis hin zu Konfliktlösungsworkshops, in denen u.a. rechtliche Normen vermittelt werden – bei Geflüchteten eine Orientierungs- und Perspektivlosigkeit vermieden und somit eine potenzielle Anfälligkeit für religiösen Extremismus verhindert werden kann. Um die Zielerreichung des Gesamtprojekts zu bewerten, können also verschiedene Indikatoren operationalisiert werden, u.a. die Akzeptanz des Angebots, das Wissen um Unterstützungsangebote sowie Kenntnis von und Vertrauen in Institutionen (siehe ausführlicher Tabelle 1 unten). 1 Zudem kann eine Zielexplikation die übergeordnete Projektlogik sowie die Verbindung einzelner Teilmaßnahmen untereinander sichtbar machen. Die Ergebnisse der Zielexplikation wurden bereits im Zwischenbericht 2016 ausführlich dargestellt, sodass im Folgenden die wesentlichen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst werden. Eine vollständige Auflistung aller Dimensionen findet sich in Tabelle 3 im Anhang. 019 Tabelle 1: Übergeordnete Ziele, Wirkannahmen, Indikatoren Leitziele Geflüchtete sind nicht radikalisiert, z.B. in Be­zug auf religiös begründete Gewalt. Geflüchtete sind immun gegen „Seelenfänger“. Stabilisierung der Per­sönlichkeit und der Lebensumstände der Geflüchteten Mittlerziele ökonomische und soziale Integration kulturelle bzw. werte­ bezogene Integration und Akzeptanz von Normen und Werten Wie sollen die Ziele erreicht werden? (Zentrale Wirkannahmen) Die Aussicht, die Grundbedürfnisse befriedigen zu können, das Erleben sozialer Teilhabe (z.B. beim Fußball), die Aussicht auf ökonomische Teilhabe, ein verbesser­ tes Verständnis für kulturelle Besonder­heiten, Normen und institutionelle Verfahrenswege der deutschen Gesell­ schaft führt zu einer geringeren Anfälligkeit für gewaltsame Kon­ flikt­austragung oder politischen Extremismus. Woran erkennt man die Zielerreichung? (Indikatoren) Geflüchtete nehmen die Angebote des Projekts an, sind mit ihnen zufrieden und zeigen Bereitschaft, weiter teilzunehmen. Geflüchtete lösen (Grund-) Probleme, haben positive Erlebnisse und fühlen sich gestärkt. Geflüchtete wissen um weitere Unter­stützungsangebote. Geflüchtete haben erste Erfolge in Bezug auf schulische/berufliche Integration. Geflüchtete interessieren sich für deutsche Kultur und Geschichte und nehmen typisch „deutsche“ Kulturangebote wahr. Geflüchtete haben Vertrauen zu Institutionen. Datenquelle: Workshop Zielexplikation. Fair Play und Orientierung als untergeordnete Ziele Im Projekt Konfliktabbau gibt es insgesamt fünf verschiedene Einzelmaßnahmen. Diese sind: • kulturübergreifender Dialog (z.B. Fußballturnier und Museumsbesuche), • Stärkung der Konfliktlösungsfähigkeit (z.B. Workshop Konfliktmanagement), • Beistand und Beratung (z.B. Unterstützung bei Behördengängen), • Berufswegeplanung (z.B. Ausbildungsmesse), • allgemeine und beruflich orientierte Kurse (z.B. Kurse zur Existenzgründung). Auch wenn alle Einzelmaßnahmen unterschiedliche Inhalte haben, lassen sie sich zwei übergreifenden Zielbereichen zuordnen, die sich jeweils auf spezifische, kulturelle ebenso wie strukturelle Teilaspekte gelungener Integration richten: Zwei der im Projekt verfolgten Einzelmaßnahmen, namentlich der kulturübergreifende Dialog und die Stärkung der Konfliktlösungsfähigkeit, zielen im Wesentlichen auf eine kulturelle, werte­bezogene Integration der Geflüchteten in die Aufnahmegesellschaft ab. Hierbei sollen die Geflüchteten Fair Play lernen, d.h. die Werte, Normen und institutionellen Verfahrenswege in Deutschland kennen und akzeptieren lernen. Dies soll insbesondere durch niedrigschwellige 3. DAS PROJEKT KONFLIKTABBAU Welche Ziele sollen mit dem Projekt erreicht werden? (Leit- und Mittlerziele) 020 Möglichkeiten der Teilhabe (Fußballturnier, Museumsbesuch) und durch die Bearbeitung „kulturbedingter“ Konflikte2 (Workshop Konfliktmanagement) geschehen. KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Durch die niedrigschwellige Teilnahme an Fußballturnieren können die Geflüchteten Teilhabe erleben, eine positive Freizeitgestaltung jenseits des Alltags in den Flüchtlingsunterkünften genießen, sich „auspowern“ und Leistung zeigen. Mit den Workshops zum Konfliktmanagement sollen ihnen ungeschriebene bzw. unbekannte Regeln des Zusammenlebens, kulturelle Besonderheiten, Normen und Aufgaben von Institutionen in Deutschland auf eine wertschätzende Weise näher gebracht werden. Die anderen drei Einzelmaßnahmen im Projekt zielen querschnittlich auf eine Orientierung der Geflüchteten ab. Durch sie sollen sie einen ersten Einstieg in die Aufnahmegesellschaft finden, sich sozioökonomisch integrieren. Dies soll insbesondere durch eine umfassende Unterstützung bei der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse sowie durch Hilfe bei der Entwicklung von Kompetenzen zur schulischen oder beruflichen Integration erreicht werden. In den Kursen werden den Geflüchteten Kompetenzen vermittelt, die zur beruflichen Integration erforderlich sind, z.B. in Sprachkursen, beruflichen Kursen und Veranstaltungen zur Berufswegeplanung. Bei dem Projekt handelt es sich, kurz gefasst, um ein multimodular und multidimensional aufgebautes Angebot, das durch die integrierende Perspektive des Wirkungsmodells Prävention durch Integration zusammengehalten wird. Dessen Grundannahme besteht darin, dass durch gezielte, niedrigschwellige Angebote zur Integration eine Orientierungs- und Perspektivlosigkeit vermieden und eine religiös begründete Radikalisierung verhindert werden kann. Ob und – wenn ja – wie erfolgversprechend dieser Ansatz grundsätzlich ist, soll im Folgenden anhand verschiedener sozialwissenschaftlicher Studien zu Radikalisierungsprozessen und deren Prävention thematisiert werden. 3.3 RADIKALISIERUNGSPRÄVENTION DURCH INTEGRATION Individuelle und kontextuelle Risikofaktoren Die sozialwissenschaftliche Forschung zu den Ursachen und Verläufen bzw. zur Prävention islamistischer Radikalisierung steckt noch in ihren Anfängen (Böckler/Zick 2015; Christmann 2012; International Centre for the Prevention of Crime 2015; Schmid 2013). Dass das Phänomen Radikalisierung als vielschichtiger Prozess verstanden werden muss, dessen Ursachen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene verortet sind, gilt mittlerweile als ausgemacht (Schmid 2013, 1). Dabei gibt es keinen einzigen kausalen Faktor, der Radikalisierung zuverlässig erklären könnte, sondern oftmals ist ein Bündel verschiedener Faktoren entscheidend für die Hinwendung zu einem radikalen Islamismus: „Most research points in the direction that there is no single cause, but a complex mix of internal and external pull and push factors, triggers and drivers that can lead to [the] radicalization of individuals and even turn large collective groups into radical milieus and violent extremists“ (Schmid 2013, 5). Radikalisierung kann also als ein vielschichtiger, multifaktorieller Prozess begriffen werden. Zwar gibt es verschiedene Modelle zu Radikalisierungsverläufen, die einzelne Faktoren unterschiedlich gewichten, dennoch lassen sich auf der Basis verschiedener empirischer Studien einige zentrale Risikofaktoren auf der kontextuellen und individuellen Ebene herausarbeiten. Diese sind analytisch zwar zu trennen, stellen in der Genese von Radikalisierungsprozessen jedoch in ihrer jeweils spezifischen Interaktion eine entscheidende Komponente dar (Böckler/Zick 2015, 112). 2 Als „kulturbedingt“ werden im Rahmen des Projekts solche Konflikte bezeichnet, die z.B. auf fehlenden Informationen über recht­ liche Normen und Verfahrensweisen oder über gesellschaftliche Gepflogenheiten basieren. 021 Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass es auch eine (misslungene) kulturelle oder identifikatorische Integration sein kann, die – vermittelt und verstärkt durch weitere strukturelle oder individuelle Faktoren – Prozesse der Radikalisierung induzieren kann. Subjektives Zugehörigkeitsgefühl und soziale Bezugsgruppen Ein besonderes Augenmerk der Prävention ist dementsprechend auf den primären, also universellen Bereich zu richten. Angebote in diesem Bereich setzen sich inhaltlich mit der Förderung pluralistischer Einstellungen und eines reflektierten Umgangs mit Religion, Identität und Zugehörigkeit auseinander; zusätzlich sollen soziale und kommunikative Kompetenzen u.a. im Umgang mit gesellschaftlichen und kulturellen Unterschieden sowie individuelle Hilfestellungen in persönlichen und familiären Konfliktlagen gefördert werden (El-Mafaalani et al. 2016, III). Bei aller Unterschiedlichkeit der Konzepte ist ihnen gemeinsam, dass sie weniger darauf abzielen, etwas zu verhindern, als vielmehr darauf, positive Entwicklungsprozesse zu initiieren und zu stimulieren (Ceylan/Kiefer 2013, 111). Kennzeichnend für diesen Bereich sind zwei verschiedene Ansatzpunkte bzw. Zugänge: einmal Präventionsmaßnahmen, die vorrangig im pädagogischen Kontext verortet sind (z.B. Arbeit an Schulen und im Sozialraum), andererseits Präventionsangebote, die eher in der Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik fußen, also auf eine langfristige Reduzierung struktureller Risikofaktoren abzielen (Ceylan/Kiefer 2013, 111). Wenngleich diese „pragmatische“ Dimension (Böckler/Zick 2015, 115) der Radikalisierungsprävention nicht unterschätzt werden sollte (siehe Abschnitt 5.2.1), zeigen erste empirische Ergebnisse, dass die „affektive“ oder „ideologische“ Dimension der Prävention vorrangig betrachtet werden sollte (Böckler/Zick 2015, 116). Hierbei handelt es sich um die Stärkung einer „radikalisierungshemmenden emotionalen und sozialen Bezugsstruktur“ (Böckler/Zick 2015, 115), d.h. es sollten Maßnahmen gefördert werden, die • eine dauerhafte Bindung an nicht radikale soziale Gruppen oder Netzwerke initiieren und • pluralistische Deutungs- und Interpretationsangebote, 3. DAS PROJEKT KONFLIKTABBAU Begünstigend für Radikalisierungsprozesse können auf der kontextuellen Ebene insbesondere radikale Peers, soziale Netzwerke sowie verschiedene Gelegenheitsstrukturen (z.B. Moscheen, Stadtquartiere) wirken (Schmid 2013, 26). Gerade Kontakte zu Personen, die in ein radikales Milieu eingebunden sind, gelten als stabilster Prädiktor für die Hinwendung zu extremistischem Gedankengut (Böckler/Zick 2015, 109). Als zentrale individuelle Risikofaktoren gelten das Alter sowie das Geschlecht. Zwischen (misslungener) Integration und Radikalisierung scheint hingegen ein vermittelter Zusammenhang kennzeichnend zu sein (Christmann 2012, 25). Hier lassen die Forschungsergebnisse vermuten, dass es weniger der tatsächliche sozioökonomische Status als vielmehr eine relative Deprivation ist, die Radikalisierungsprozesse induzieren kann (Böckler/Zick 2015, 109; Christmann 2012, 25), d.h., dass sich ein Individuum im Vergleich mit der eigenen Bezugsgruppe oder mit der eigenen Vergangenheit benachteiligt fühlt. Diese Benachteiligung kann auf der individuellen, aber auch auf der gruppenbezogenen Ebene wahrgenommen werden. Zudem wirken wiederholte Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen, gerade bei Jugendlichen und Heranwachsenden, begünstigend auf Radikalisierungsprozesse. Diese können zu „kognitiven Öffnungsprozessen“ führen, in deren Folge die Bereitschaft steigt, sich mit radikalem Gedankengut auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls radikalen Gruppierungen anzuschließen: „This does provide some evidence that the intensity of feeling experienced in cases of discrimination, hostility and blocked mobility can underlie a change in identity formation, prompting a ‘cognitive opening’ and change in previous belief systems which may lead the individual to alternative discourses, such as radical Islam, that provide ideological explanations and repertoires of action to overcome it“ (Christmann 2012, 25). 022 • ein subjektives Zugehörigkeitsgefühl und die kulturelle Integration sowie • soziale und kommunikative Kompetenzen im Umgang mit Konflikten fördern. KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Primärpräventiv orientierte Angebote und Maßnahmen, die sich an Geflüchtete und Asylsuchende wenden, müssen darüber hinaus niedrigschwellig orientiert und sozialräumlich leicht zugänglich organisiert sein und an der spezifischen Lebensrealität dieser Zielgruppe ansetzen. Kurz gefasst: Das projektintegrierende Wirkmodell Prävention durch Integration ist – wenn auch sehr vermittelt – grundsätzlich erfolgversprechend, insbesondere im primärpräventiven Bereich. Ob und wie die verschiedenen Einzelmaßnahmen, die im Rahmen des Projekts Konflikt­ abbau umgesetzt werden, die verschiedenen Dimensionen der Prävention, und hier insbesondere die affektive, tatsächlich stärken, wird nach der Darstellung der Ergebnisse zu den Einzelmaßnahmen behandelt. 023 4. Umsetzungsstand und Ziel­erreichung Bevor nach der Zielerreichung des Projekts gefragt wird, sollen zunächst – auch zur besseren Einordnung – dessen Aktivitäten nachgezeichnet werden. Zum Zeitpunkt des Abschlussberichts der Evaluation existiert das Projekt zwölf Monate. In diesem zeitlich begrenzten Rahmen hat der Träger eine Vielzahl an Gesprächen, Beratungen und Veranstaltungen durchgeführt.3 Neben den bereits zum Zeitpunkt der Zielexplikation geplanten und/oder realisierten Maßnahmen (Fußballturniere, Museumsbesuche, Konfliktmanagement, allgemeine und beruflich orientierte Kurse) setzt das AKI seit Beginn des Jahres ein weiteres Angebot im Rahmen des Projekts um: die Ausbildung von Multiplikator/innen. Eine Bestandsaufnahme, die anhand der Tätigkeitsberichte sowie der Zuarbeit seitens des Projektträgers erstellt werden konnte, zeigt, dass alle im Antrag genannten Maßnahmen umgesetzt werden konnten, wenngleich in unterschiedlicher Intensität und in einem etwas veränderten inhaltlichen Zuschnitt. Diese sollen im Folgenden kurz im Hinblick auf Teilnehmer/innen und Inhalte erläutert werden: Einen Schwerpunkt der Projektaktivitäten stellen, gerade was die Teilnehmerzahlen angeht, die Fußballturniere dar. Hier gelang es den Projektverantwortlichen insgesamt vier Veranstaltungen mit jeweils acht bis zehn Mannschaften durchzuführen. Teilnehmer waren männliche Jugendliche und junge Männer, überwiegend zwischen 20 und 25 Jahren, hauptsächlich aus Syrien und dem Irak, aber auch aus Afghanistan. Zum Thema Stärkung der Konfliktlösungsfähigkeit gelang es dem AKI, drei Veranstaltungen im Bereich Konfliktmanagement zu realisieren sowie zwei Seminare zum Anti-Gewalt-Training durchzuführen. Während in den vierstündigen Workshops zum Konfliktmanagement im Wesentlichen gewaltfreie Formen der Konfliktaustragung thematisiert wurden, stellten rechtliche Normen und Deeskalationsstrategien im Anti-Gewalt-Training der Berliner Polizei den Hauptfokus dar. Hier nahmen pro Veranstaltung circa 30 Teilnehmer/innen im Alter von 20 bis 45 Jahren, darunter circa sechs bis acht Frauen, teil. Neben den Workshops zum Konfliktmanagement und dem Anti-Gewalt-Training bildet der Projektträger seit 2017 auch Multiplikator/innen aus. An der entsprechenden Veranstaltung nahmen rund elf Personen teil, darunter drei Frauen. Die meisten Teilnehmer/innen leben bereits länger als zwei Jahre in Deutschland, die meisten sprechen Deutsch und Arabisch. Ziel ist es, Multiplikator/innen als Kultur- und Konfliktmittler/innen auszubilden (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2017a). Deutlich weniger Veranstaltungen fanden hingegen im Bereich der allgemeinen und beruflich orientierten Kurse statt, im Wesentlichen ein Seminar zur Existenzgründung sowie eine Ausbildungsmesse. Über die Beratungen, die durch das AKI durchgeführt wurden und die – zusammen mit den allgemeinen und beruflich orientierten Kursen – einen wichtigen Bestandteil der Orientierungsmaßnahmen darstellen, können im Rahmen der Evaluation keine genauen Aussagen 3 Eine genaue Übersicht aller Maßnahmen findet sich in Tabelle 4 im Anhang. 4. UMSETZUNGSSTAND UND ZIEL­ERREICHUNG 4.1 PROJEKTAKTIVITÄTEN 024 KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE getroffen werden. Im Tätigkeitsbericht des Projektträgers werden hierzu keine detaillierten Angaben gemacht, dennoch scheint das Angebot von der Zielgruppe gut angenommen worden zu sein (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2017b). Ähnliches gilt, wenn auch in erster Linie in Bezug auf die Teilnehmerzahlen, für die Maßnahmen im Bereich des kulturübergreifenden Dialogs. Die Exkursionen zu den Museen bzw. in die Stadtbibliothek wiesen eher kleine Teilnehmerzahlen auf. Fasst man die Projektaktivitäten zusammen, so fallen Schwerpunkte in den Bereichen Fußball, Konfliktmanagement sowie Beratung auf. Hier gelang es dem Träger, die im Antrag formulierten Maßnahmen umzusetzen bzw. darüber hinausgehende Maßnahmen (Multiplikatorenausbildung) zu implementieren. Zwar gestaltete sich die Realisierung der Angebote in den Bereichen Existenzgründung, Berufs- bzw. Ausbildungsplanung sowie Museumsbesuche schwieriger, dennoch wurden auch hier Veranstaltungen umgesetzt. Letztlich wurden auf der Ebene der Einzelmaßnahmen sowohl im Bereich Fair Play als auch im Bereich Orientierung alle im Antrag genannten Maßnahmen durchgeführt. Das Projekt setzt sich somit aus vielen kleinen Einzelmaßnahmen zusammen, die aufgrund von Planungsunsicherheiten oftmals kurzfristig geplant und umgesetzt wurden. Ob und inwieweit das Projekt die in Abschnitt 3.2 formulierten Ziele erreicht, wird im Folgenden exemplarisch anhand ausgewählter Einzelmaßnahmen (Fußballturnier, Konfliktmanagement und Anti-Gewalt-Training sowie Multiplikatorenausbildung) untersucht. 4.2 FUSSBALLTURNIER „JA ZU SALAM, NEIN ZU GEWALT“ Im Rahmen des Projekts wurden, wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben, mehrere Fußballturniere durchgeführt; eines dieser Turniere fand am 01.05.2017 unter dem Motto „Ja zu Salam, nein zu Gewalt“ auf dem Gelände des Neuköllner Fußballclubs Rot-Weiß statt. Die nachfolgenden Ergebnisse beruhen auf einer Spielerbefragung sowie auf teilnehmenden Beobachtungen. Erreichung der Zielgruppen Die vom AKI für das Projekt anvisierten Zielgruppen wurden weitestgehend erreicht: Über die Hälfte der Teilnehmer war erst seit 18 Monaten in Deutschland. Fast alle teilnehmenden Spieler sind nicht in Deutschland geboren (96 %). Deutlich überrepräsentiert waren Spieler, die älter als 21 Jahre sind. Die Spieler des Turniers waren überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, arabischsprachig. Ein paar Spieler waren Kurden, Afghanen oder Iraker. Vereinzelt gab es auch Spieler aus Gambia. 025 Abbildung 1: Soziodemografische Merkmale der Teilnehmer Alter 2 Aufenthalt 6 8 6 Herkunft 6 10 10 36 46 76 94 älter als 21 Jahre 18 bis unter 21 Jahre 14 bis unter 18 Jahre  mehr als 18 Monate in Deutschland  6 bis unter 18 Monate in Deutschland  unter 6 Monate in Deutschland  nicht in Deutschland geboren  keine Angabe jünger als 14 Jahre Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 50. Die Mehrheit der befragten Spieler, rund 54 %, gaben an, bislang an keinem anderen Projekt des AKI teilgenommen zu haben, während rund 42 % berichteten, bereits ein anderes Angebot des AKI wahrgenommen zu haben. Abbildung 2: Teilnahme an anderen Projekten des AKI 42 0% 54 4 50%  ja 100%  nein  keine Angabe Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 50. Die Mannschaften auf dem Platz waren reine Männermannschaften. Einer potenziellen Ausweitung auf weibliche Mannschaften standen die Spieler jedoch offen gegenüber: Rund 72 % der Befragten gaben an, dass es „schöner [wäre], wenn Mädchen oder junge Frauen mitspielen würden“. Lediglich 14 % der Befragten lehnten dies ab. Es waren zudem Teams, die sich (fast exklusiv) aus ethnisch homogenen Gruppen Geflüchteter zusammensetzten („Syrischer SV“) – nur ein Verein, das „Uni-Team“, war offenkundig eine ethnisch heterogene Mannschaft. Das niedrigschwellige Format Fußballspiel sowie die persönliche Ansprache in den Unterkünften für Geflüchtete haben sich also für die Erreichung der Zielgruppen bewährt. Akzeptanz des Angebots durch die Zielgruppen Die Teilnehmer waren mit dem Angebot Fußballturnier zufrieden: Sie empfinden es als eine gute Abwechslung zum Alltag, genießen die sportliche Bestätigung im Team. Gerade dieses erlebten sie als eine gute Gemeinschaft. 4. UMSETZUNGSSTAND UND ZIEL­ERREICHUNG     026 Abbildung 3: Bewertung des Fußballturniers durch die Spieler Das Fußballturnier ist eine gute Abwechslung zu meinem Alltag. 78 Heute konnte ich mal richtig zeigen, was in mir steckt. 52 36 Beim Fußballspielen ist mir Fair Play wichtig. KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE 22 70 10 78 0% 12 6 2 14 6 2 50%  stimmt  stimmt eher 6 12 78 Unser Fußballteam ist eine richtige Gemeinschaft. Das Fußballturnier hat bei mir dazu geführt, dass ich mich in Deutschland willkommen fühle. 16  stimmt eher nicht  stimmt gar nicht 100%  keine Angabe Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 50. Es trug nach ihren Aussagen auch dazu bei, dass sie sich in Deutschland willkommen fühlen. Zudem wurde von den Spielern das Motto des Fair Play auf dem Fußballplatz vorbildlich umgesetzt. Das Turnier verlief fair: Wenn es einmal Fouls oder Zusammenstöße gab, halfen sich die Spieler gegenseitig auf, manchmal legten sie sich sogar in freundschaftlicher Geste die Hand auf den Rücken. Dass Fair Play für die beteiligten Mannschaften oder Spieler wichtig ist, wurde auch an den Antworten der Befragung deutlich. Hier stimmten alle (!) befragten Spieler der Aussage „Beim Fußballspielen ist mir Fair Play wichtig.“ entweder voll oder eher zu. Nachhaltigkeit des Angebots Grundsätzlich wünschten sich die Geflüchteten mehr Angebote dieser Art. Lediglich 10 % der Befragten stimmten der Aussage „Es sollte mehr Angebote dieser Art für Geflüchtete geben.“ entweder „eher nicht“ oder „gar nicht“ zu. Rund 76 % aller befragten Spieler formulierten bei der Befragung den Wunsch, künftig in einem „richtigen“ Berliner Fußballverein trainieren und spielen zu können. Abbildung 4: Wünsche bezüglich Vereinsaufnahme und Angeboten im Bereich Fußball seitens der Spieler Das Fußballturnier hat bei mir dazu geführt, dass ich gerne in einem richtigen Fußballverein in Berlin spielen möchte. 76 Es sollte mehr Angebote dieser Art für Geflüchtete geben. 74 0%  stimmt  stimmt eher Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 50. 12 14 50%  stimmt eher nicht  stimmt gar nicht 4 6 2 8 22 100%  keine Angabe 027 Dass dieser Wunsch bei den Geflüchteten besteht, wurde auch dadurch untermauert, dass ein Spieler direkt die Interviewerinnen fragte, wo und in welchem Verein er professionell Fußball spielen könne. Etwas mehr als die Hälfte aller befragten Spieler wollten nach dem Fußballturnier mehr über die Angebote des AKI erfahren. Zwischenfazit Misst man die Zielerreichung an dem übergeordneten Ziel, nämlich der kulturellen oder wertebezogenen Integration der Geflüchteten im Sinne eines interkulturellen Dialogs, so lässt sich feststellen, dass das Fußballturnier in diesem Bereich noch Qualifizierungspotenzial aufweist: Aufgrund der Tatsache, dass an dem Turnier vor allem ethnisch weitgehend homogene Mannschaften aus Geflüchteten und Asylsuchenden teilnahmen, ergaben sich auf diese Weise auch keine spontanen oder zwanglosen Kontakte zu deutschen Spieler/innen oder alteingesessenen Berliner Vereinen. Als weiteres Unterziel für die Maßnahme Fußballturnier wurde formuliert, dass sich die Geflüchteten akzeptiert fühlen und umgekehrt die Aufnahmegesellschaft anerkennen sollten. Zumindest für den ersten Bereich lassen sich aus der Spielerbefragung eindeutige Befunde generieren: Die Teilnehmer nehmen die Turniere als Bereicherung des Alltags wahr und fühlen sich dadurch auch willkommen. Die Frage, ob und inwieweit die Wahrnehmung von Akzeptanz auch zu einer Steigerung der Anerkennung der Aufnahmegesellschaft führt, kann anhand unserer Untersuchung nicht beantwortet werden. In der Zielexplikation wurde deutlich, dass das Sportangebot im Projekt insbesondere als ein besonders niedrigschwelliges Format konzipiert ist, das als „Sprungbrett“ zu anderen Projekten des AKI führen soll. Hierzu zeigen sich ermutigende Befunde: Seitens der Geflüchteten und Asylsuchenden besteht eine hohe Bereitschaft, an weiteren Projekten des Trägers teilzunehmen. Dieser war auf dem Fußballturnier – vertreten durch den Projektleiter und einen ehrenamtlichen Projektmitarbeiter – zwar mit Personen durchaus präsent, jedoch weniger in Bezug auf weitere Projekte sichtbar. So fehlte z.B. ein gut sichtbarer Informationsstand, an dem der Träger für die Teilnahme an weiteren Projekten (Seminare, Beratungen usw.) hätte werben können. Ähnliches gilt für den Übergang oder die Weitervermittlung von Geflüchteten an etablierte Berliner Fußballvereine. Mehr als zwei Drittel der befragten Spieler formulierten den Wunsch, künftig in einem „richtigen“ Berliner Fußballverein zu spielen. Hierfür fehlten auf dem Turnier allerdings Vereine, bei denen sie sich über die Möglichkeit einer Mitgliedschaft informieren hätten können. 4. UMSETZUNGSSTAND UND ZIEL­ERREICHUNG Das übergeordnete Ziel des Fußballturniers ist die kulturelle, wertebezogene Integration der Geflüchteten in die Aufnahmegesellschaft. Als ein Unterziel wurde festgelegt, dass die Geflüchteten die Normen und kulturellen Besonderheiten der Aufnahmegesellschaft verstehen und akzeptieren sollten. Für das Fußballturnier lässt sich dieses Ziel sicherlich dahingehend konkretisieren, dass die Geflüchteten zunächst spielerisch lernen sollten, dass es bestimmte Regeln der Fairness und des Miteinanders gibt, die einzuhalten sind. Dies ist bei dem untersuchten Fußballturnier durchaus gelungen: Die Spieler sprachen dem Fair Play nicht nur in der Befragung einen wichtigen Stellenwert zu, sondern verhielten sich auch auf und neben dem Platz entsprechend. 028 Das Angebot Fußballturnier erreicht im Wesentlichen die erklärten Ziele, wenngleich es durchaus Qualifizierungs- und Optimierungspotenzial gibt. Folgende Plus- und Minuspunkte kristallisieren sich heraus: • Pluspunkt: gute Zielgruppenerreichung (Format und Ansprache bewähren sich), • Pluspunkt: Akzeptanz und Erfolg bei den Zielgruppen, • Minuspunkt: ethnische und geschlechtliche Homogenität, • Minuspunkt: keine Sprungbrettfunktion. KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Welche Ergebnisse die Evaluation in Bezug auf die Stärkung der Konfliktfähigkeit ergibt, wird im anschließenden Teil gezeigt. 4.3 WORKSHOPS KONFLIKTMANAGEMENT UND ANTI-GEWALT-TRAININGS Im Rahmen des Projekts wurden, wie bereits beschrieben, mehrere Workshops zum Konfliktmanagement sowie zwei Anti-Gewalt-Trainings durchgeführt. Die nachfolgenden Ergebnisse beruhen auf qualitativen Interviews mit den Trainer/innen, die die Workshops durchführten. Erreichung der Zielgruppen und Akzeptanz des Angebots Mit den Seminaren gelang es, die anvisierte Zielgruppe zu erreichen. Teilnehmer/innen waren mehrheitlich Geflüchtete aus Syrien und dem Irak, teilweise auch aus Afghanistan. Das Alter der Teilnehmer/innen reichte von 20 bis circa 45 Jahren, mehrheitlich nahmen Männer an den Kursen teil. Das Interesse der Teilnehmer/innen an den Kursinhalten war hoch, was sich an regen Nachfragen und Diskussionen festmachen ließ. Alle zeigten eine hohe Bereitschaft zur Mitarbeit. Für die Akzeptanz des Angebots war es – zumindest im Seminar Konfliktmanagement – entscheidend, dass auch auf die konkreten Probleme der Teilnehmer/innen eingegangen wurde. Entlang realer, alltagspraktischer Probleme, mit denen die Geflüchteten und Asylsuchenden konfrontiert waren, wurden zentrale Seminarthemen adressiert. Zudem wird den Teilnehmer/innen ein Wissenszuwachs attestiert: Im Workshop Konfliktmanagement haben sie konstruktive Formen der Konfliktlösung erlernt, im Anti-Gewalt-Training sind ihnen Grundzüge des deutschen Rechtssystems sowie verschiedene Möglichkeiten der Deeskalation vermittelt worden. Nachhaltigkeit des Angebots Während die Informationsvermittlung zu weiteren Unterstützungsangeboten im Seminar Konfliktmanagement keine Rolle spielte, wurden die Teilnehmer/innen im Anti-Gewalt-Training darüber aufgeklärt, wann bzw. wie sie eine Straftat zur Anzeige bringen können. Zwischenfazit Das übergeordnete Ziel der Workshops zum Konfliktmanagement und der Anti-GewaltTrainings ist es, ähnlich wie mit den Fußballturnieren, zur kulturellen und wertebezogenen Inte­ gra­tion der Geflüchteten und Asylsuchenden beizutragen. Sie sollen, so das in der Ziel­explika­ tion formulierte untergeordnete Ziel, die Normen und kulturellen Besonderheiten der Aufnahme­ gesellschaft verstehen und akzeptieren. Das wiederum soll zu einer Akzeptanz der Auf­nahmegesellschaft führen, und – geradezu spiegelbildlich – auch dazu, dass sich Geflüchtete und Asylsuchende in Deutschland willkommen fühlen. 029 Zu beiden Zielstellungen tragen beide Seminare, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, bei. Während kulturelle Besonderheiten beim Seminar Konfliktmanagement keine Rolle gespielt haben, nehmen gerade die kulturellen Besonderheiten und rechtlichen Normen beim Anti-Gewalt-Training der Berliner Polizei eine besonders exponierte Rolle ein. Das zweite Unterziel, die Akzeptanz durch die Aufnahmegesellschaft, wird insbesondere durch den wertschätzenden Umgang bzw. die wertschätzende Vermittlung der Inhalte sowie durch das Eingehen auf konkrete Problemlagen der Geflüchteten im Seminar Konfliktmanagement erreicht. Die verschiedenen Angebote im Bereich Konfliktmanagement erreichen im Wesentlichen die formulierten Ziele, wenngleich es durchaus Qualifizierungs- und Optimierungspotenzial gibt. Folgende Plus- und Minuspunkte kristallisieren sich heraus: • Pluspunkt: gute Zielgruppenerreichung (Format und Ansprache bewähren sich), • Pluspunkt: Akzeptanz und Erfolg bei den Zielgruppen, • Minuspunkt: kulturelle Besonderheiten, Normen und Werte werden nicht immer vermittelt, 4.4 MULTIPLIKATORENAUSBILDUNG Ein zweiteiliges Seminar, das die Ausbildung von Multiplikator/innen als Konflikt- und Kulturmittler/innen zum Ziel hat, wurde im Mai 2017 erstmals seitens des AKI umgesetzt. Inhaltlicher Schwerpunkt des ersten Teils war das Kennenlernen von Methoden der Konfliktbearbeitung. Im zweiten Teil wurden exemplarisch konkrete Konflikte bearbeitet. Grundlage waren die praktischen Erfahrungen der Multiplikator/innen bei der Beratung von Geflüchteten. Das Themenfeld islamistische Radikalisierung wurde im Rahmen des Seminars nicht direkt thematisiert. Die nachfolgenden Ergebnisse beruhen auf einer standardisierten Teilnehmerbefragung sowie auf einer teilnehmenden Beobachtung beim ersten Workshop (der zweite konnte aus Zeitgründen nicht evaluiert werden). Erreichung der Zielgruppe Dem Projektträger ist es im Wesentlichen gelungen, die anvisierte Zielgruppe zu erreichen: An dem Seminar nahmen Männer und Frauen teil, die alle nicht in Deutschland geboren sind, die jedoch überwiegend seit vielen Jahren oder Jahrzehnten in Deutschland leben. Sie alle sprachen so gut Deutsch, dass der Unterricht – anders als bei den anderen Maßnahmen – nicht simultan verdolmetscht werden musste. Überwiegend wollten sich Männer zum Kultur- und Konfliktmittler ausbilden lassen, wenngleich auch zwei Frauen an dem Angebot teilnahmen. Jugendliche bzw. Heranwachsende beteiligten sich – abgesehen von einem Teilnehmer, der unter 21 Jahren war – nicht an dem Workshop. 4. UMSETZUNGSSTAND UND ZIEL­ERREICHUNG • Minuspunkt: Nachhaltigkeit ist nicht immer gewährleistet (Wissen um weitere Unterstützungsangebote). 030 Abbildung 5: Soziodemografische Merkmale der Teilnehmer/innen Alter Geschlecht 1 Herkunft 2 1 KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE 8 8 10  männlich  weiblich  älter als 21 Jahre  18 bis unter 21 Jahre  keine Angabe  nicht in Deutschland geboren Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 10. Fast alle, die an dem Workshop teilnahmen, haben bereits an anderen Projekten des AKI teilgenommen. Viele sind Mitarbeiter/innen im Projekt „Bürger helfen Bürgern“, das durch den gleichen Projektträger angeboten wird. Akzeptanz des Angebots und Kompetenzen der Multiplikator/innen Die Teilnehmer/innen geben bei der Befragung an, dass ihnen der Workshop gut gefallen hat. Eine Aussage, die auch durch die teilnehmende Beobachtung gestützt wird. Zudem haben die Teilnehmer/innen mehrheitlich den Eindruck, dass sie die Lerninhalte des Seminars in ihrer künftigen Tätigkeit als Konflikt- und Kulturmittler/innen praktisch anwenden können. Immerhin sechs von zehn stimmen der Aussage „Ich werde das, was ich heute gelernt habe, anwenden.“ voll zu. Ähnliches lässt sich für die Frage formulieren, ob der Workshop sie auf ihre Rolle als Multiplikator/in gut vorbereitet hat. Alle befragten Teilnehmer/innen würden die Teilnahme am Seminar anderen weiterempfehlen. Der Workshop hat also – anders gesagt – aus der Sicht der Teilnehmer/innen eine hohe Praxisrelevanz. Abbildung 6: Akzeptanz des Workshops durch die Multiplikator/innen Der Workshop hat mir gut gefallen. 8 Ich werde das, was ich heute gelernt habe, anwenden können. 6 Auf meine Rolle als Multiplikator/in hat mich der Workshop gut vorbereitet. 6 0%  stimmt Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 10. 2 1 3 4 50%  stimmt eher 100%  keine Angabe 031 Was die Frage nach eigenen Kompetenzen in Bezug auf ihre Rolle als Konflikt- und Kulturmittler/innen anbetrifft, fühlen sich die meisten in der Lage, Geflüchteten bei der Aufklärung kultureller Missverständnisse zu helfen, ihnen die Grundlagen der deutschen Rechtsordnung nahezubringen sowie ihnen bei der Orientierung zu helfen. Was die Identifizierung von Radi­ka­li­ sierungs­prozessen anbetrifft, sind sich sechs Teilnehmer/innen sicher, dass sie einen solchen Prozess erkennen könnten. Andere äußern sich zurückhaltender. Abbildung 7: Kompetenzen der Multiplikator/innen in Bezug auf die Vermittlung von Normen und Werten 7 2 Ich fühle mich in der Lage, Geflüchteten zu helfen, kulturell bedingte Missverständnisse aufzuklären. 1 9 Ich fühle mich in der Lage, Grundlagen der deutschen Rechtsordnung weiterzugeben. 1 8 0%  stimmt  stimmt eher 2 50% 100%  stimmt eher nicht  keine Angabe Datenquelle: Eigene Erhebung, n= 10. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Fragen, die eher auf die (persönlichen) Beweggründe der Multiplikator/innen abzielen: Den Teilnehmer/innen ist es nach eigener Aussage aufgrund ihrer eigenen Biographie wichtig, Normen und Werte der deutschen Gesellschaft an Geflüchtete und Asylsuchende weiterzugeben. Zudem wirkt die Ausbildung zum/zur Konflikt- und Kulturmittler/ in auch positiv auf das eigene Selbstvertrauen: Fast alle Teilnehmer/innen fühlen sich in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Abbildung 8: Selbsteinschätzung der Multiplikator/innen Meine Ausbildung zur Multiplikator/in unterstützt mein Selbstvertrauen. 7 Normen und Werte der deutschen Gesellschaft an Geflüchtete zu vermitteln, bedeutet mir aufgrund meiner eigenen Biographie viel. 2 9 0%  stimmt 1 1 50%  stimmt eher nicht 100%  keine Angabe Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 10. Während die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten in diesen Bereichen als relativ hoch eingeschätzt werden, zeigt sich hingegen bei Fragen, die explizit auf Radikalisierung bzw. Radikalisierungsprävention Bezug nehmen, eine etwas geringere Zustimmung: Der Aussage „Ich fühle 4. UMSETZUNGSSTAND UND ZIEL­ERREICHUNG Ich fühle mich in der Lage, Geflüchteten erfolgreich bei der Orientierung zu helfen. 032 mich in der Lage, zu erkennen, wenn jemand Gefahr läuft, sich religiös zu radikalisieren.“ stimmen acht von zehn Teilnehmer/innen „voll“ oder „eher“ zu. Umgekehrt gibt es auch zwei Teilnehmer/innen, die der Aussage nicht zustimmen. Sie wüssten also nicht, wie sie einen solchen Prozess erkennen könnten. Ähnliches gilt auch für die Frage, ob die Teilnehmer/innen nach dem Seminar wissen, an wen sie sich wenden können, sollten sie Radikalisierungsprozesse bei anderen wahrnehmen: Während knapp die Hälfte der Teilnehmer/innen wissen, an wen sie sich bei einem solchen Fall wenden können, konstatieren doch immerhin zwei Teilnehmer/innen, dass sie es entweder nicht so genau oder gar nicht wissen. KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Abbildung 9: Kompetenzen der Teilnehmer/innen in Bezug auf Radikalisierung und Radikalisierungsprävention Ich fühle mich in der Lage, zu erkennen, wenn jemand Gefahr läuft, sich religiös zu radikalisieren. 6 Ich weiß, an wen ich mich wenden kann, wenn ich eine Radikalisierung bemerke. 2 5 2 0% 2 1 50%  stimmt  stimmt eher  stimmt eher nicht  stimmt gar nicht 1 1 100%  keine Angabe Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 10. Nachhaltigkeit Die meisten Teilnehmer/innen wissen bereits, wo sie das neu erworbene Wissen anwenden werden: Mehrheitlich in sozial-integrativen Beratungsstellen sowie in Behörden und Ämtern. Es ist zu vermuten, dass einige der Teilnehmer/innen dabei auch das Projekt „Bürger helfen Bürgern“ meinten. Abbildung 10: Künftiger Einsatzort der Multiplikator/innen 1 1 2 3 4 4 2        Datenquelle: Eigene Erhebung, n = 10, Mehrfachnennungen möglich. Flüchtlingsheim sozial-integrative Einrichtung/Beratungsstelle Ämter oder Behörden Schule Bürger helfen Bürgern "Überall, wo ich mich befinde." "Ich weiß es nicht." 033 Zwischenfazit Da zum Zeitpunkt der Zielexplikation die Maßnahme Multiplikatorenausbildung noch nicht konzipiert war, können die Ergebnisse – anders als bei den anderen Maßnahmen – nicht mit Zielen aus der Zielexplikation abgeglichen werden, sondern werden an den Zielen gemessen, die das AKI den Evaluatorinnen schriftlich zur Verfügung gestellt hatte (Arabisches Kultur­ institut 2017a). Ähnlich wie bei den anderen Einzelmaßnahmen des Projekts ist es dem Projektträger gelungen, die anvisierte Zielgruppe zu erreichen: Zu Multiplikator/innen lassen sich im Wesentlichen Berliner/innen mit Migrationshintergrund ausbilden, die alle schon längere Zeit in Deutschland leben, sodass sie durchaus in der Lage sein dürften, den Geflüchteten und Asylsuchenden grundlegende rechtliche Normen und kulturelle Werte zu vermitteln. Der Workshop selbst wird von den Teilnehmer/innen als gelungen bewertet, gerade im Hinblick auf ihre Arbeit als Multiplikator/innen. Zudem stärkt die Ausbildung ihr Selbstvertrauen. Dies ist positiv zu werten. Was hingegen auffallend ist – und durch die teilnehmende Beobachtung erklärt werden kann – ist, dass viele Teilnehmer/innen ihre eigenen interkulturellen Kompetenzen als hoch bewerten, das Wissen in Bezug auf Radikalisierungsprävention jedoch als geringer ausgeprägt: Hier äußerten doch einige der Befragten wahrgenommene Wissenslücken. Zur Maßnahme Ausbildung von Multiplikator/innen kristallisieren sich folgende Plus- und Minuspunkte heraus: • Pluspunkt: gute Zielgruppenerreichung (Format und Ansprache bewähren sich), • Pluspunkt: Akzeptanz und Erfolg bei den Zielgruppen, • Minuspunkt: Wissen um Radikalisierungsprävention wird nicht direkt vermittelt, • Minuspunkt: Nachhaltigkeit ist nicht immer gewährleistet (Wissen um weitere Unterstützungsangebote). 4. UMSETZUNGSSTAND UND ZIEL­ERREICHUNG Die Teilnehmer/innen des Workshops sollen – so die Überlegung des Trägers – zu Multiplikator/ innen ausgebildet werden, die als Kultur- und Konfliktmittler/innen in verschiedenen Einrichtungen tätig sein können. Für die Ausbildung wird als Ziel angegeben, dass die Teilnehmer/innen nach dem Workshop (rechtliche) Normen und (kulturelle) Werte an Geflüchtete und Asylsuchende vermitteln können und zudem über interkulturelle, soziale und kommunikative (Konfliktlösungs-)Kompetenzen verfügen sollen. Dies alles soll stets im Hinblick auf Radikalisierungsprävention erfolgen (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2017a). 035 5. Bewertung und Empfehlungen Das Projekt „Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende“ weist insgesamt einen fortgeschrittenen Umsetzungsstand auf. Die anvisierten Projektaktivitäten wurden insgesamt gut umgesetzt. Dies gilt insbesondere für die Fußballturniere und Konfliktlösungsworkshops sowie für die zusätzlich durchgeführte Ausbildung von Multiplikator/innen. Der Träger ist insbesondere gut in der Lage, arabisch- aber auch anderssprachige Geflüchtete zu erreichen. Ebenso hat der Träger eine hohe Kompetenz, Multiplikator/innen zu gewinnen, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, über die entsprechenden Sprachkenntnisse verfügen, mit Geflüchteten arbeiten und ein hohes Interesse daran haben, kulturell begründete Missverständnisse und Konflikte aufzufangen. Die Veranstaltungen werden dabei oftmals kurzfristig geplant und umgesetzt. Dies liegt in der niedrigschwelligen Arbeitsweise des Trägers begründet, der in einem Feld mit hoher Planungsunsicherheit agiert. So sind die finanziellen Rahmenbedingungen nicht langfristig festgelegt, aber auch die Situation der Zielgruppe der Geflüchteten ist ständigen Veränderungen unterworfen. Aus dieser oftmals spontanen, sich ändernden Umsetzung des ohnehin sehr kleinteiligen Projekts resultieren jedoch auch Grenzen der hier vorliegenden Evaluation, da eine systematische Erhebung der Ziele, Aktivitäten und der Erfahrungen der Teilnehmer/innen nur teilweise möglich war. Anhand des Umsetzungsstands zeigt sich, dass der Träger ein wichtiger Akteur im Feld ist, da er in der Lage ist, die Zielgruppe gut zu erreichen und sich schnell an die sich ständig wandelnden Bedingungen vor Ort anzupassen. Die Vielfältigkeit und Kleinteiligkeit des Angebots bringt jedoch auch Nachteile mit sich, da die Gefahr besteht, dass die einzelnen Teile nicht ausreichend miteinander und mit anderen Angeboten verknüpft werden können. 5.2 ZIELERREICHUNG Das Projekt ist ein multimodular und multidimensional aufgebautes Angebot, das von der integrierenden Perspektive des Wirkungsmodells Prävention durch Integration zusammengehalten wird. Dieses ist – wenn auch sehr vermittelt – grundsätzlich erfolgversprechend, insbesondere bei einer Stärkung der affektiven Dimension im primärpräventiven Bereich. Abschließend soll bewertet werden, ob und – wenn ja – wie die verschiedenen Einzelmaßnahmen des Projekts des AKI die verschiedenen Dimensionen der Prävention stärken. Niedrigschwellige Angebote mit Sozialraum- und Lebensweltbezug Dem Projekt ist es gelungen, einen guten Zugang zur schwer erreichbaren Zielgruppe der Geflüchteten und Asylsuchenden herzustellen. Dies lässt sich an den Teilnehmerzahlen der einzelnen Maßnahmen ablesen. Das Format des AKI, die Geflüchteten persönlich in ihren Unterkünften anzusprechen, hat sich trotz des damit verbundenen hohen zeitlichen Ressourceneinsatzes gelohnt. Auch die engen Verbindungen zu anderen Projekten des Trägers (z.B. „Bürger helfen Bürgern“) sind hierbei vorteilhaft, viele der Teilnehmer/innen der Maßnahmen des Projekts 5. BEWERTUNG UND EMPFEHLUNGEN 5.1 UMSETZUNGSSTAND 036 Konfliktabbau kennen das AKI bereits aus anderen Kontexten. Dass es dem Projektträger gelungen ist, Geflüchtete und Asylsuchende als Teilnehmer/innen für seine Maßnahmen zu gewinnen, ist ein Erfolg des Projekts. KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Momentan sprechen die Angebote im Wesentlichen jedoch männliche Geflüchtete und Asylsuchende an, Frauen sind in den einzelnen Maßnahmen deutlich weniger repräsentiert. Besonders augenfällig wird dies an den Fußballturnieren, bei denen ausschließlich Männermannschaften gegeneinander antreten. Zudem werden überwiegend Erwachsene und nur in geringem Maße Jugendliche erreicht. Die Nachfrage bzw. Akzeptanz der Einzelmaßnahmen ist unterschiedlich ausgeprägt. Gerade solche Maßnahmen, die – wie die Fußballturniere, das Konfliktmanagement oder die Beratung – mehr oder weniger unmittelbar an der Lebensrealität und den Grundproblemen von Geflüchteten ansetzen (Alltag in den Unterkünften, Schwierigkeiten bei Ämtern und mit Antragsunterlagen usw.), werden von den Geflüchteten sehr stark nachgefragt. Ein wenig anders scheint es sich mit den Angeboten zu verhalten, die stärker perspektivisch orientiert sind (z.B. Ausbildungsmesse und Museumsbesuche). Hier fallen geringere Teilnehmerzahlen auf. Zwar sind aufgrund der Evaluation keine empirischen Aussagen darüber zu treffen, warum der Besuch der oben aufgeführten Veranstaltungen für Geflüchtete und Asylsuchende weniger attraktiv ist, dennoch kann vermutet werden, dass es sich dabei um Veranstaltungen handelt, die eine dauerhafte Perspektive in Deutschland voraussetzen und dass diese für viele Geflüchtete oftmals (noch) nicht besteht. Förderung des subjektiven Zugehörigkeitsgefühls und sozial-kommunikativer Kompetenzen Die Teilnehmer/innen sind mit den Angeboten zufrieden. Sie nehmen diese als Bereicherung ihres Alltags oder als Möglichkeit des Wissenserwerbs wahr. Gerade das Fußballspiel fördert das subjektive Zugehörigkeitsgefühl bei Geflüchteten und Asylsuchenden: Sie fühlen sich in Deutschland willkommen, haben ein Erfolgserlebnis und können sich spielerisch beweisen – Erfahrungen, die einen wichtigen Kontrapunkt zu anderen Aspekten ihrer Alltagsbewältigung darstellen. Soziale und kommunikative Kompetenzen werden in den Seminaren bzw. Workshops zum Konfliktmanagement und den Anti-Gewalt-Trainings gefördert. Hier lernen die Geflüchteten und Asylsuchenden, wie sie gewaltlos und konstruktiv mit Konflikten umgehen können. Darüber hinaus wird ihnen eine pluralistische Sichtweise vermittelt. Auch erfahren sie hier mehr über (rechtliche) Normen und (gesellschaftliche) Werte, was ihnen hilft, sich in Deutschland besser zu orientieren. Anbindung an nicht radikale Bezugsgruppen und weitere Unterstützungsangebote Geflüchtete und Asylsuchende nehmen die Angebote und Maßnahmen im Projekt Konfliktabbau an. Nach Auskunft des Trägers gelingt dies besonders mit (Einzel-)Beratungen, die im Rahmen des Projekts angeboten werden. So gelang es z.B. bei über 60 Geflüchteten, diese in Integrationskurse zu vermitteln. Zudem konnte 20 Familien bei der Suche nach Wohnraum geholfen werden (Arabisches Kulturinstitut e.V. 2017b, 2). Auch die anderen Angebote und Maßnahmen des Trägers werden gut angenommen. Viele der Geflüchteten und Asylsuchenden möchten an weiteren Projekten des Trägers teilnehmen. Darüber hinaus äußerten über zwei Drittel der befragten Spieler den Wunsch, in einem „richtigen Berliner Verein“ spielen zu können. Das Projekt weist dementsprechend ein hohes Potenzial auf, Geflüchtete und Asylsuchende an nicht radikale Bezugsgruppen und an weitere Unterstützungsangebote anzubinden. Dieses Potenzial ist bislang nicht vollständig ausgeschöpft. 037 Bei dem Fußballturnier waren z.B. keine Vereine oder Verbände vor Ort, bei denen sich die Geflüchteten über die Modalitäten einer Vereinsaufnahme hätten informieren können. Auch der Projektträger war zwar personell prominent vertreten, seine weiterführenden Angebote oder Maßnahmen jedoch nicht sichtbar. 5.3 EMPFEHLUNGEN Die Bewertung zeigt, dass es dem Projekt im Wesentlichen gelungen ist, mit seinen Angeboten und Maßnahmen in den für eine primäre Prävention relevanten Feldern Ergebnisse zu erzielen. Dies gilt insbesondere für die affektive Dimension der Integration. Hier ist es mit den einzelnen Maßnahmen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, gelungen, • niedrigschwellig an den spezifischen Bedarfen der Geflüchteten und Asylsuchenden anzu­ setzen, • Angebote wie das Fußballturnier umzusetzen, die das subjektive Zugehörigkeitsgefühl stärken, Gerade vor dem Hintergrund, dass die Attraktivität islamistischer und salafistischer Angebote auch stark mit der von Belastungen und Ungewissheiten geprägten Situation im Aufnahmeland zusammenhängt, setzt das Projekt mit seinen auf die affektive Dimension der Prävention ausgerichteten Akzenten und Angeboten an einem wichtigen Punkt an. Alternativen zu islamistischen Angeboten aufzubauen, bedeutet, lebensweltlichen Fragen der Geflüchteten und Asylsuchenden ausreichenden Raum zu gewähren. Die Angebote müssen, das wurde bereits mehrfach betont, dafür hinreichend niedrigschwellig und bedarfsorientiert sein. Dies setzt eine gewisse Flexibilität und Informalität bei der Planung und Umsetzung voraus. Zwar überwiegen die Stärken des Ansatzes – insbesondere, was die Erreichung der Zielgruppen angeht – die damit einhergehenden Schwächen in der systematischen Erfassung einer auf den Nachweis von Wirkungen zielenden Evaluation. Dennoch sollte an der Transparenz der Planung, Umsetzung und Ergebnisse weiter gearbeitet werden. Gerade vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung der modellhaften sozialraumbezogenen Arbeit des Trägers ist dies von hoher Bedeutung. Es wird als empfehlenswert erachtet, den Träger bei der weiteren Professionalisierung zu unterstützen, indem ihm vorübergehend Gelder zur Projektund Konzeptentwicklung bzw. ein entsprechendes Coaching- und Beratungsangebot bereitgestellt werden. Die verschiedenen Einzelmaßnahmen weisen überdies unterschiedliche Ergebnisse auf. Im Rahmen der vorliegenden Evaluation wird eine gewisse Priorisierung und Schwerpunktsetzung empfohlen. Eine wesentliche Stärke des Projekts ist die Förderung der affektiven Dimension der Prävention. Gerade die Einzelmaßnahmen des Projekts, die dieser Dimension zugeordnet werden können (wie die Fußballspiele oder auch die Konfliktmanagement-Seminare), weisen eine besonders gute Erreichung der Zielgruppe auf. Zu beobachten ist allerdings eine Verengung auf männliche Geflüchtete und Asylsuchende. Allerdings stellen auch Frauen und junge Mädchen ein wichtiges Reservoir für extremistische Anwerbungsversuche dar, sodass der geschlechterspezifische Aspekt der Radikalisierungsprävention nicht vernachlässigt werden sollte. Empfehlenswert ist daher, bei der Ansprache möglicher Teilnehmer/innen, aber auch bei der Entwicklung der Formate Methoden zu suchen, mit denen Frauen und Mädchen für die Teilnahme gewonnen werden können. Mit Blick auf diese könnten beispielsweise weibliche Mitarbeiterinnen einladen, 5. BEWERTUNG UND EMPFEHLUNGEN • bei den Geflüchteten die Akzeptanz rechtlicher Normen und kultureller Werte zu fördern sowie ihre eigenen sozialen und kommunikativen Kompetenzen zu stärken. 038 KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE potenzielle Teilnehmerinnen nach Zeiten gefragt werden, zu denen eine Teilnahme gut möglich wäre, oder bei Bedarf eine begleitende Kinderbetreuung angeboten werden. Ob weibliche Geflüchtete durch eine Öffnung bestehender Angebote eingebunden werden können oder ob angesichts ihrer spezifischen Erfahrungen und Hintergründe eher geschlossene Angebote erfolgversprechender wären, muss mit Blick auf die konkreten Zielgruppen vor Ort erprobt werden. Mit Blick auf junge und heranwachsende Geflüchtete sollten die Inhalte der Seminare stärker auf jugendspezifische Themen zugeschnitten werden. Zugleich ist der Wirkungsradius der Angebote auf einzelne, punktuelle Veranstaltungen begrenzt und erreicht – gemessen an allen in Berlin lebenden Geflüchteten – ressourcenbedingt nur einen kleinen Teil der Zielgruppe. Daher ist zu fragen, inwiefern das Angebot inhaltlich weiter zugespitzt und spezifischer auf die Prävention islamistischer Radikalisierung ausgerichtet werden könnte. Im gesamten Feld der Radikalisierungsprävention liegen erste Erfahrungen vor. Zugleich ist das Feld der primären Radikalisierungsprävention im Aufbruch begriffen. Das bedeutet, dass das AKI als Träger des Projekts mit der Frage, wie das Thema spezifischer, aber diskriminierungsfrei gefasst werden könnte, nicht allein da steht. Empfohlen wird daher die projektinterne inhaltliche Weiterentwicklung mit Blick auf eine spezifischere Ausrichtung bei der Auswahl der Zielgruppen und der vermittelten Inhalte. Mit der Multiplikatorenausbildung geht der Träger bereits in die richtige Richtung. Hier sollte jedoch trägerintern sowie mit entsprechenden Fachkräften eine Verständigung darüber erfolgen, was unter islamistischer Radikalisierung zu verstehen und an welchen Merkmalen eine solche zu erkennen ist. Zudem wird eine stärkere Vernetzung mit anderen Projekten im Landesprogramm Radikalisierungsprävention angeregt. So sollten die Multiplikator/innen mit der Beratungsstelle Al-Manara bekannt gemacht werden. Neben der projektinternen inhaltlichen Weiterentwicklung wird zudem empfohlen, den Mitarbeiter/innen die Teilnahme an einem projektübergreifenden Austausch zur inhaltlichen Weiterentwicklung im Feld der primären Radika­lisierungs­ prävention zu ermöglichen. Ohne Frage kann das Projekt im Bereich der pragmatischen oder auch strukturellen Dimension der Radikalisierungsprävention wichtige Ergebnisse vorweisen. Dennoch sollten – gerade vor dem Hintergrund der begrenzten zeitlichen und personellen Projektressourcen – die Maßnahmen, die eher im Bereich der Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik verortet sind, inhaltlich-konzeptionell umorientiert werden: Sie sollten dahingehend überarbeitet werden, dass das Projekt spezifische Angebote (wie z.B. Existenzgründungsseminare oder Ausbildungsmessen) nicht unbedingt selbst bereitstellt, sondern dass im Rahmen der Projektarbeit Netzwerke und Kooperationen entwickelt werden, mit deren Hilfe die Geflüchteten und Asylsuchenden verlässlich an weitere Unterstützungs- und Hilfsangebote (wie z.B. die Agentur für Arbeit) weitervermittelt und in der Anfangsphase bei Bedarf begleitet und unterstützt werden können. Eine entsprechende Profilschärfung verspricht nicht nur eine noch bessere Ausschöpfung der besonderen Kompetenzen des Projekts und seines Trägers. Sie würde auch die im Rahmen des Projekts implizit und oftmals unterhalb der Schwelle einer expliziten Beauftragung und insofern unter Nutzung einer hohen ehrenamtlichen Engagementbereitschaft bereits stattfindende Praxis angemessen anerkennen und würdigen. Im Sinne von Ansätzen des Mentorings, der Patenschaft und der themenspezifischen Begleitung und Beratung von als schwer erreichbar geltenden Zielgruppen sollte diese bewährte und prägende Praxis in der Zielbestimmung und im Selbstverständnis des Projekts also auch in Hinsicht auf radikalisierungspräventive Aspekte noch stärker verankert und sichtbar gemacht werden. Für die Weiterentwicklung und Stärkung der Lotsen- oder Brückenfunktion des Projekts wird daher empfohlen, in den jeweiligen Einzelmaßnahmen die weiteren Angebote des AKI bzw. die Angebote anderer Träger deutlich sichtbarer als bisher zu machen (z.B. über Eigenwerbung), 039 Empfohlen wird, kurzum, die affektive Dimension der Prävention durch eine inhaltlich-konzeptionelle Weiterentwicklung der Einzelmaßnahmen zu stärken sowie ein modellhaft angelegtes sozialraumorientiertes Schnittstellenmanagement aufzubauen. Da es im Feld der Radikalisierungsprävention im Allgemeinen und bei der Prävention der Radikalisierung Geflüchteter im Besonderen bislang wenig belastbare empirische Befunde und praktische Handlungsanweisungen gibt, sollte die Qualifizierung des Projekts bzw. die trägerinterne Weiterentwicklung als Teil der Zuwendung betrachtet werden. 5. BEWERTUNG UND EMPFEHLUNGEN zum anderen über Kooperationen nachzudenken, mittels derer eine Vernetzung mit anderen Akteuren oder Organisationen sichergestellt werden kann. Gerade im Bereich des Fußballs bietet sich eine Kooperation mit dem Landessportbund an, der ein eigenes Förderprogramm Sportangebote für geflüchtete Menschen auflegt. Hier sind Synergieeffekte seitens der Projektleitung zu prüfen. Denn die Stärke des Projekts liegt – wie bereits mehrfach betont – in der Zielgruppen­ erreichung sowie in einer hohen Akzeptanz der Maßnahmen. Dieses Potenzial könnte dahin­ gehend ausgebaut werden, dass das Projekt stärker als bisher versucht, die erreichten Zielgruppen an weitere Hilfs- und Unterstützungssysteme anzubinden. Mit dem Projekt könnten somit modellhafte und innovative Formen des sozialraumbezogenen Schnittstellenmanagements erprobt werden, die in Bezug auf die Zielgruppe der Geflüchteten und Asylsuchenden bislang kaum existieren. Dabei würde es sich mit Blick auf die Zielgruppe und das Themenfeld der Radikalisierungsprävention um einen Transfer von Konzepten handeln, die im umgebenden Sozialraum in verschiedener Form bereits vielfach erprobt wurden (z.B. Stadtteilmütter, Integrationslots/innen). 041 6. Literaturverzeichnis Arabisches Kulturinstitut e.V. (2016): Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende. Konzept laut Antrag vom Februar 2016 (unveröffentlicht). Berlin Arabisches Kulturinstitut e.V. (2017a): Ausbildung von Multiplikator/innen. Schriftliche Antwort auf die Anfrage der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention. Berlin Arabisches Kulturinstitut e.V. (2017b): Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende. Tätigkeitsbericht 01. Juni bis 31. Dezember 2016 (unveröffentlicht). Berlin Ceylan, Rauf/Kiefer, Michael (2013): Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention. Wiesbaden Christmann, Kris (2012): Preventing Religious Radicalisation and Violent Extremism. A Systematic Review of the Research Evidence. https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/ attachment_data/file/396030/preventing-violent-extremism-systematic-review.pdf El-Mafaalani, Aladin/Fathi, Alma/Mansour, Ahmad/Müller, Jochen/Nordbruch, Götz/Waleciak, Julian (2016): Ansätze und Erfahrungen der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit. HSFK-Report, H. 6/2016. https://www.hsfk.de/fileadmin/HSFK/hsfk_publikationen/report_062016.pdf, 23.05.2017 Glock, Birgit/Schroer-Hippel, Miriam (2016): Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende. Zwischenbericht der Evaluation (unveröffentlicht). Berlin International Centre for the Prevention of Crime (ICPC) (2015): Preventing Radicalization: A systematic review. Quebec. http://www.crime-prevention-intl.org/fileadmin/user_upload/ Publications/2016/ICPC_Systematic_Review_-_Preventing_Radicalization_2016_1.pdf, 23.05.2017 Schmid, Alex P. (2013): Radicalisation, De-Radicalisation, Counter-Radicalisation: A Conceptual Discussion and Literature Review. Den Haag. https://www.icct.nl/download/file/ ICCT-Schmid-Radicalisation-De-Radicalisation-Counter-Radicalisation-March-2013.pdf, 23.05.2017 6. LITERATURVERZEICHNIS Böckler, Nils/Zick, Andreas (2015): Wie gestalten sich Radikalisierungsprozesse im Vorfeld jihadistisch-terroristischer Gewalt? Perspektiven aus der Forschung. In: Friedrich-Ebert Stiftung (Hg.): Handlungsempfehlungen zur Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit. Arbeitsergebnisse eines Expertengremiums der Friedrich-Ebert-Stiftung. Berlin, S. 99–121 043 7. Anhang Tabelle 2: Themen und Fragen der Evaluation Projekt Konfliktabbau Projektkontext, -ressourcen und -aktivitäten Welche Angebote wurden bislang umgesetzt? Wie und – wenn ja – in welchen Einzelmaßnahmen des Projekts findet eine explizite Radikalisierungsprävention durch die Information der Teilnehmer/innen über Rekrutierungsstrategien extremistischer bzw. salafistischer Gruppierungen statt? Wie viele Teilnehmer/innen (m/w) hatten die einzelnen Maßnahmen? In welchem Verhältnis stehen die verschiedenen Projekte des AKI zum Projekt “Konfliktabbau durch Beratung und Integrationsförderung für Flüchtlinge und Asylsuchende”? Zugang zur Zielgruppe Wie gelingt der Zugang zur schwer erreichbaren Zielgruppe der Geflüchteten? Welche Formate haben sich dabei besonders bewährt, welche nicht? Akzeptanz der Angebote Welche Angebote bzw. Formate werden durch die Geflüchteten besonders nachgefragt, welche sind schwierig umzusetzen? Wie werden die Angebote wahrgenommen? Wissenszuwachs Haben die Teilnehmer/innen den Eindruck, dass sie etwas Neues gelernt haben? Wenn ja, in welchen Bereichen? Wissen um weitere Unterstützungs­ angebote (Nachhaltigkeit) Was wird vonseiten der Projektverantwortlichen getan, damit sich das Wissen der Teilnehmer/innen um weitere Unterstützungs­ angebote erweitert? Wissen die Teilnehmer/innen mehr über mögliche Unterstützungs­ angebote? Bleibt der Kontakt zum Projektträger auch über das Ende des eigent­lichen Projekts hinaus bestehen? Förderliche und hinderliche Faktoren (Enge) Anbindung des Projekts an die jeweiligen Notunterkünfte Niedrigschwelligkeit Kurzfristigkeit Adressierung alltagspraktischer Probleme 7. ANHANG Welche internen Ressourcen stehen dem Projekt zur Verfügung? 044 Tabelle 3: Workshop Zielexplikation am 17.11.2016 Projekt Konfliktabbau (Teil 1) Welche Ziele sollen mit dem Projekt erreicht werden? (Leit- und Mittlerziele) Leitziele Geflüchtete sind nicht radikalisiert, z.B. in Bezug auf religiös begründete Gewalt. Flüchtlinge sind immun gegen „Seelenfänger“. Mittlerziele KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Stabilisierung der Persönlichkeit und der Lebensumstände der Geflüchteten ökonomische und soziale Integration in die Aufnahmegesellschaft Wie sollen die Ziele erreicht werden? (Zentrale Wirkannahmen) Die Persönlichkeit der Geflüchteten wird durch folgende Aspekte gestärkt bzw. stabilisiert: die Aussicht, die Grundbedürfnisse befriedigen zu können, das Erleben sozialer Teilhabe (z.B. beim Fußball), die Aussicht auf ökonomische Teilhabe, ein verbessertes Verständnis für kulturelle Besonderheiten, Normen und institutionelle Verfahrens­ wege der deutschen Gesellschaft. Dies führt zu einer geringeren Anfälligkeit für gewaltsame Konfliktaustragung oder politischen Extremismus. Woran erkennt man die Ziel­ erreichung? Geflüchtete nehmen die Angebote des Projekts an, sind mit ihnen zufrieden und zeigen Bereitschaft, weiter teilzunehmen. Geflüchtete lösen (Grund-)Probleme, haben positive Erlebnisse und fühlen sich gestärkt. Geflüchtete wissen um Unterstützungsangebote und weitere Hilfe­systeme. Geflüchtete haben erste Erfolge in Bezug auf ihre schulische/beruf­ liche Integration (z.B. durch die Vermittlung eines Praktikumsplatzes). Projekt Konfliktabbau (Teil 2) Welche Ziele sollen mit dem Projekt erreicht werden? (Leitund Mittlerziele) Mittlerziele Wie sollen die Ziele erreicht werden? (Zentrale Wirkannahmen) Frustration und Enttäuschung über die tatsächliche Lebenssituation in Deutschland, Perspektivlosigkeit sowie Orientierungslosigkeit im Sinne eines fehlenden Verständnisses für Normen und institutionelle Verfahrenswege können hingegen zu Wut und Gewalt oder Anfälligkeit für Extremismus führen. Woran erkennt man die Ziel­ erreichung? Geflüchtete interessieren sich für die deutsche Kultur und Geschichte und nehmen typisch „deutsche“ Kulturangebote wahr. Kulturelle bzw. wertebezogene Integration und Akzeptanz der Normen und Werte der Aufnahmegesellschaft Geflüchtete haben Vertrauen zu Institutionen, was sich beispiels­ weise daran zeigt, dass die Kinder in die Schule oder den Kindergarten gehen. 045 Name der Einzelmaßnahme mit Beispielen Kulturübergreifender Dialog (Fußballturnier, Museumsbesuch) Welche Ziele sollen mit der Maßnahme erreicht werden? Kulturelle/wertebezogene Integration (Fair Play) Geflüchtete verstehen und akzeptieren die Normen und kulturellen Besonderheiten der Aufnahmegesellschaft. Geflüchtete fühlen sich akzeptiert und akzeptieren die Aufnahme­gesellschaft. Sport dient als „Sprungbrett“ bzw. Schnittstelle zu anderen Ange­boten des Projekts bzw. des Trägers. Wie sollen die Ziele erreicht werden? Niedrigschwellige Möglichkeiten zur Teilhabe: Männlichen Geflüchteten werden Möglichkeiten geboten, sich sportlich einzubringen (Fußballturnier). Sie erfahren durch eine positive Freizeitgestaltung Gemeinschaft und Teilhabe, können Leistung zeigen und sich sportlich „auspowern“. (Inter-)kulturelles Verständnis/Bearbeitung „kulturbedingter“ Konflikte Geflüchtete setzen sich mit gewaltfreien Bewältigungsstrategien für erlebte Gewalt auseinander (z.B. in Form einer Ausstellung). Woran erkennt man die Ziel­ erreichung? Zahl der Teilnehmer/innen Heterogenität der Teilnehmer/innen Akzeptanz/Zufriedenheit mit dem Angebot Teilnehmer/innen haben ein Erfolgserlebnis. Teilnehmer/innen des Fußballspiels nehmen an anderen Veranstaltungen des Projekts teil (z.B. an den Workshops). Teilnehmer/innen haben eine konstruktive Möglichkeit zur Verarbeitung von Gewalterfahrungen kennengelernt. Teilnehmer/innen möchten weitere Angebote wahrnehmen bzw. mehr über Deutschland erfahren. 7. ANHANG Geflüchteten werden Möglichkeiten geboten, die deutsche Geschichte und Kultur kennenzulernen und besser zu verstehen. 046 KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Name der Einzelmaßnahme mit Beispielen Stärkung der Konfliktlösungsfähigkeit (Workshop Konfliktmanagement) Welche Ziele sollen mit der Maßnahme erreicht werden? Kulturelle/wertebezogene Integration (Fair Play) Geflüchtete verstehen und akzeptieren die Normen und kulturellen Besonderheiten der Aufnahmegesellschaft. Geflüchtete fühlen sich akzeptiert und akzeptieren die Aufnahme­ gesellschaft. Wie sollen die Ziele erreicht werden? Kulturelle Integration/Bearbeitung „kulturbedingter“ Konflikte Woran erkennt man die Ziel­ erreichung? Zahl der Teilnehmer/innen Geflüchteten werden Regeln des Zusammenlebens, kulturelle Besonderheiten, Normen und Aufgaben von Institutionen in Deutschland auf wertschätzende Weise nahegebracht. Teilnehmer/innen zeigen Bereitschaft zur Mitarbeit. positive Bewertung und Zufriedenheit mit dem Angebot Teilnehmer/innen wissen nach dem Workshop, an wen sie sich bei weiteren Konflikten wenden können. Teilnehmer/innen akzeptieren Normen, ohne eigene Vorstellungen völlig aufgegeben zu haben (Beispiel: Akzeptanz von Homosexualität). Name der Einzelmaßnahme mit Beispielen Beistand und Beratung (Beratung, Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen, ggf. auch Begleitung bei Behördengängen) Welche Ziele sollen mit der Maßnahme erreicht werden? Soziale und ökonomische Integration (Orientierung) Wie sollen die Ziele erreicht werden? Unterstützung bei der Befriedigung der Grundbedürfnisse Woran erkennt man die Ziel­ erreichung? Flüchtlinge finden einen Einstieg in die Aufnahmegesellschaft. Geflüchtete werden darin unterstützt, grundlegende Fragen zu klären (Beratung und Begleitung bezüglich Aufenthalt, Unterkunft, medi­zinischer Versorgung, Schul- und Kindergartenbesuch). Erste (Grund-)Probleme werden gelöst. Kinder gehen in die Kindertagesstätte oder Schule. Wissen um weitere Unterstützungsangebote (z.B. zur Wohnungssuche) 047 Name der Einzelmaßnahme mit Beispielen Berufswegeplanung (Ausbildungsmesse mit Arbeitgebern) Welche Ziele sollen mit der Maßnahme erreicht werden? Soziale und ökonomische Integration (Orientierung) Flüchtlinge finden einen Einstieg in die Aufnahmegesellschaft. Flüchtlinge können ihre Fähigkeiten zeigen und in der Aufnahme­ gesellschaft einsetzen. Wie sollen die Ziele erreicht werden? Hilfe bei der Entwicklung von Kompetenzen zur schulischen/beruf­lichen Integration Woran erkennt man die Ziel­ erreichung? Wissenszuwachs Geflüchteten werden Kompetenzen vermittelt, die zur beruflichen Integration notwendig sind, z.B. in Sprachkursen, beruflichen Kursen und Veranstaltungen zur Berufswegeplanung. Evaluationsbögen werden ausgefüllt. Wissen um weitere Unterstützungsangebote (z.B. bei der Agentur für Arbeit) Name der Einzelmaßnahme mit Beispielen Allgemeine und beruflich orientierte Kurse (Kurse zur Existenzgründung und Vermittlung von PC-Kenntnissen) Welche Ziele sollen mit der Maßnahme erreicht werden? Soziale und ökonomische Integration (Orientierung) Flüchtlinge finden einen Einstieg in die Aufnahmegesellschaft. Flüchtlinge können ihre Fähigkeiten zeigen und in der Aufnahme­ gesellschaft einsetzen. Wie sollen die Ziele erreicht werden? Hilfe bei der Entwicklung von Kompetenzen zur schulischen/beruflichen Integration Woran erkennt man die Ziel­ erreichung? Wissenszuwachs Geflüchteten werden Kompetenzen vermittelt, die zur beruflichen Integration notwendig sind, z.B. in Sprachkursen, beruflichen Kursen und Veranstaltungen. Recherche zu Ausbildungsplätzen erste Schritte in die Selbstständigkeit Wissen um weitere Unterstützungsangebote (z.B. bei der Agentur für Arbeit) 7. ANHANG Praktikums- bzw. Ausbildungsvertrag 048 Tabelle 4: Aktivitäten im Projekt Konfliktabbau Juni 2016 bis Mai 2017 Maßnahme Konfliktabbau (übergeordnete bzw. vorbereitende Maßnahmen) Aktivitäten Erstellung eines Flyers in deutscher und arabischer Sprache, der über die Angebote des Projekts informiert Kontaktaufnahme mit den fünf Notunterkünften in Neukölln sowie der Flüchtlingsgroßunterkunft Flughafen Tempelhof KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Auftaktveranstaltung mit dem UNESCO-Botschafter Mustafa Al-Ammar am 10.06.2016 drei Informationsveranstaltungen für Geflüchtete (18.06.2016, 20.06.2016, 17.02.2017) Gespräch bezüglich der Aufnahme von Geflüchteten im Alter von 18 bis 23 Jahren in ein Berufsvorbereitungsjahr bei einem großen Berliner Konzern Gespräch mit Polizeimitarbeiter/innen bezüglich des Workshops Konfliktmanagement Zusammenarbeit mit einem Fußballverein Gespräch mit einer Künstlerin bezüglich des Freizeitangebots für Frauen (Kerzenziehen) Teilnehmer/innen An den Auftakt- und Informationsveranstaltungen nahmen jeweils zwischen 40 und 60 Geflüchtete teil. 049 Maßnahme Kulturübergreifender Dialog Fußballturnier 19.08.2016, 16:00 Uhr bis 20:00 Uhr, acht Mannschaften aus Geflüchteten und Asylsuchenden (Iraker, Syrer, Libyer), in Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum Lessinghöhe und dem Programm Integration durch Sport des Deutschen Olym­ pischen Sportbunds (DOSB) 03.10.2016, 14:00 bis 19:00 Uhr, acht Mannschaften aus Geflüchteten und Asylsuchenden (Iraker, Syrer), in Zusammen­arbeit mit dem Programm Integration durch Sport des DOSB auf dem Tempelhofer Feld 18.12.2016, 10:00 bis 18:00 Uhr, zehn Mannschaften aus Geflüchteten und Asylsuchenden (Iraker, Syrer, Afghanen, Somalier sowie Einheimische), in Zusammenarbeit mit dem Programm Integration durch Sport des DOSB Teilnehmer/innen Männliche Jugendliche und junge Männer, überwiegend zwischen 20 und 25 Jahren, hauptsächlich aus Syrien und dem Irak, aber auch aus Afghanistan und Libyen Museumsbesuche Deutsches Historisches Museum am 14.12.2016, Führung in arabischer Sprache zur deutschen Geschichte Gutshof Britz am 10.02.2017, Besuch der Dauerausstellung zur Gründerzeit Neuköllner Stadtbibliothek Helene Nathan am 16.02.2017, um die Geflüchteten mit der Nutzung und den Möglichkeiten bekannt zu machen Teilnehmer/innen pro Veranstaltung zwischen 13 und 22 Teilnehmer/innen im Alter von 18 bis 60 Jahren, arabisch oder deutsch mit arabischer Verdolmetschung 7. ANHANG 01.05.2017, 11:00 bis 20:00 Uhr, zehn Mannschaften aus Geflüchteten und Asylsuchenden (Iraker, Syrer, Afghanen, Iraner), in Zusammenarbeit mit dem Programm Integration durch Sport des DOSB auf dem Gelände des N.F.C. Rot-Weiß 1932 050 Maßnahme Stärkung der Konfliktlösungsfähigkeit Workshops Konflikt­ management Workshop Konfliktmanagement am 04.08.2016, durchgeführt von Dr. Nazar Aziz Mahmood Workshop Konfliktmanagement am 17.08.2016, durchgeführt von Dr. Nazar Aziz Mahmood KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE Workshop Konfliktmanagement am 30.11.2016, durchgeführt von hauptberuflichem/r Trainer/in Teilnehmer/innen pro Veranstaltung zwischen 14 und 24 Teilnehmer/innen im Alter von 20 bis 40 Jahren, arabisch oder deutsch mit arabischer Ver­ dolmetschung Anti-Gewalt- und Deeskalations­ training Anti-Gewalt- und Deeskalationstraining 1 am 23.02.2017, durchgeführt von einem Präventionsbeauftragten der Berliner Polizei Teilnehmer/innen pro Veranstaltung circa 30 Teilnehmer/innen im Alter von 20 bis 45 Jahren, darunter circa sechs bis acht Frauen Maßnahme Beistand und Beratung für Flüchtlinge Aktivitäten Beratungsangebot in den Räumen des AKI, dienstags und donnerstags für drei Stunden, sowie weitere Beratung und Unterstützung auch außerhalb der Sprechzeiten Teilnehmer/innen arabischsprachige Geflüchtete und Asylsuchende aus den Notunterkünften in Neukölln Maßnahme Allgemeine und beruflich orientierte Kurse Workshop Existenzgründung fünfstündiger Workshop zur Existenzgründung (02.11.2016, 13:00 Uhr bis 18:00 Uhr) für Geflüchtete und Asylbewerber/innen, durchgeführt von hauptberuflichem/r Trainer/in, auf Deutsch mit arabischer Verdolmetschung Teilnehmer/innen Es nahmen 17 überwiegend irakische Geflüchtete im Alter von 20 bis 25 Jahren teil, darunter zwei Frauen. Ausbildungsmesse 2017 01.03.2017, Ausbildungsmesse zusammen mit dem Berufs­ informationszentrum (BIZ) der Agentur für Arbeit Berlin Süd Teilnehmer/innen zwölf Geflüchtete und Asylsuchende unter den Teilnehmer/innen, vorwiegend im Alter von 18 bis 40, darunter vier weibliche Teil­nehmer/ innen Maßnahme Ausbildung von Multiplikator/innen Workshop Konflikt­ management Workshop am 27.04.2017, durchgeführt von haupt­beruflichem/r Trainer/in Teilnehmer/innen elf Teilnehmer/innen, darunter drei Frauen Anti-Gewalt- und Deeskalationstraining 2 am 27.03.2017, durchgeführt von einem Präventionsbeauftragten der Berliner Polizei Therapeutische Präventionsund Interventions­maßnahmen für gewalt- und extre­­mismus­ gefährdete minder­jährige Migran­ten und Flüchtlinge (TPIF) Evaluationsbericht Michael Bergert Till Sträter Heft 3/2 Berliner Forum Gewaltprävention Berlin 2019 Nr. 66 055 1. Kurzfassung Der Trägerverein, das Multikulturelle Jugend-Integrationszentrum e.V. (MJI) in Berlin-Charlot­ ten­burg, setzt das Projekt „Therapeutische Präventions- und Interventionsmaßnahmen für gewalt- und extremismusgefährdete minderjährige Migranten und Flüchtlinge“ (TPIF) um. Das Projekt verfolgt einen vorrangig primärpräventiven Ansatz, indem es darauf abzielt, die beteiligten Kinder und Jugendlichen in ihrer psychischen und sozialen Entwicklung zu unterstützen und sie gegenüber Einflüssen einer radikalen Religionsauslegung zu stärken. Der Modellcharakter dieses Projekts liegt dabei in seinem psychotherapeutisch fundierten Ansatz begründet: Einmalig in diesem Kontext nehmen die beteiligten Kinder und Jugendlichen über mehrere Module hinweg an einem Kommunikations- und Sozialtraining teil, das sich an Grundzügen der kognitiven Verhaltenstherapie orientiert und auf eine kognitive Umstrukturierung abträglicher Wahrnehmungs- und Attributionsmuster abzielt. Fragestellungen, zu denen nunmehr Ergebnisse vorliegen, beziehen sich auf • Ausgangslage, Kontext, Ressourcen, • Zugänge zur Zielgruppe, • Einflussfaktoren für die Umsetzung der Trainings, • Trainingskonzeption und Erreichung der Trainingsziele. Zudem wird neben dem konkreten Beitrag der Trainings zur Extremismusprävention auch der Beitrag, den der ganzheitliche Ansatz des MJI, der ein breites bedarfsorientiertes Unterstützungsangebot umfasst, generell zur Extremismusprävention leisten kann, gesondert herausgestellt. 1. KURZFASSUNG Das Projekt wird im Rahmen des Berliner Landesprogramms Radikalisierungsprävention gefördert. Der vorliegende Abschlussbericht der Evaluation Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention bezieht sich auf die Phase von Oktober 2016 – Mai 2017; die Trainings werden jedoch bis Dezember 2017 umgesetzt. 057 2. Zielsetzung und Vorge- hensweise der Evaluation Im Mittelpunkt stehen Zielgruppenerreichung und Ergebnisse des Projekts. Untersuchungsleitend sind die Fragen, inwieweit das Projekt erstens neue oder besondere Zielgruppen für die Radikalisierungsprävention erreicht und ob zweitens der Ansatz geeignet ist, um nachhaltige Effekte zu erzielen. Der vorliegende Abschlussbericht der Evaluation bezieht sich auf die Phase von Oktober 2016 – Mai 2017; die Trainings werden jedoch bis Dezember 2017 umgesetzt. 2.1 GEGENSTAND DER EVALUATION Das Projekt verfolgt einen vorrangig primärpräventiven Ansatz, indem es darauf abzielt, die beteiligten Kinder und Jugendlichen in ihrer psychischen und sozialen Entwicklung zu unterstützen und sie gegenüber Einflüssen einer radikalen Religionsauslegung zu stärken. Der Modellcharakter dieses Projekts liegt dabei in seinem psychotherapeutisch fundierten Ansatz begründet: Einmalig in diesem Kontext nehmen die beteiligten Kinder und Jugendlichen über mehrere Module hinweg an einem alters- und zielgruppengerechten Kommunikations- und Sozialtraining teil, das sich an Grundzügen der kognitiven Verhaltenstherapie orientiert und auf eine kognitive Umstrukturierung abträglicher Wahrnehmungs- und Attributionsmuster abzielt. Eine kurative Behandlung diagnostizierter Störungen kann aufgrund des primärpräventiven Charakters innerhalb des Projekts nicht geleistet werden. Jedoch bietet der Träger bei erhöhtem Unterstützungsbedarf in krisenhaften Situationen auch professionelle psychosoziale Beratung oder eine Weitervermittlung an andere Institutionen an. Flankierend können auch die Familien der Kinder und Jugendlichen Beratung in Anspruch nehmen. Insgesamt verfolgte die Evaluation über die gesamte Dauer einen ausgeprägt formativen Aspekt: Neben der Datenerhebung und -auswertung standen regelmäßige Reflexionsgespräche mit dem Träger auf der Agenda, um das Angebot kontinuierlich weiterzuentwickeln. 2.2 FRAGESTELLUNG UND ZIELSETZUNG DER EVALUATION Im Rahmen des vorliegenden Abschlussberichts steht vor allem die Implementierung des Projekts einschließlich der bisher umgesetzten Aktivitäten sowie die Erreichung und Einbindung der Zielgruppen im Fokus. Auch die Frage nach förderlichen Arbeitsbedingungen, insbesondere einer geeigneten Gruppenzusammenstellung, wird untersucht, um praxisrelevante Hinweise für den weiteren Projektverlauf geben zu können. Die einzelnen Fragestellungen lassen sich folgendermaßen beschreiben: 2. ZIELSETZUNG UND VORGEHENSWEISE DER EVALUATION Die Evaluation untersucht das Projekt „Therapeutische Präventions- und Interventionsmaßnahmen für gewalt- und extremismusgefährdete minderjährige Migranten und Flücht­linge“ (TPIF), das im Rahmen des Berliner Landesprogramms Radikalisierungsprävention gefördert wird. Trägerverein ist das Multikulturelle Jugend-Integrationszentrum e.V. (MJI) in Berlin-Charlottenburg. 058 Ausgangslage, Kontext, Ressourcen, Income THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) • Wie stellt sich die Ausgangslage für die angesprochene Zielgruppe dar? Worin besteht die Gefahr der Radikalisierung? • Welche Ressourcen (Angebot, Expertise) bringt der Träger ein, um ein akzeptiertes und ganzheitliches Angebot für die Bedarfe der Kinder und Jugendlichen zu bieten? • Welche Voraussetzungen, insbesondere welche Schutz- und Risikofaktoren, bringen die Jugendlichen mit? • Wie gestaltet sich der Zugang zur Zielgruppe? • Wie gelingt es dem Projekt, die anvisierte Zielgruppe zu erreichen und eine verbindliche (Arbeits-)Beziehung mit den Teilnehmer/innen einzugehen? Was sind Anreize für die Zielgruppe? • Welche Probleme treten auf? Welche Änderungen wurden/werden ggf. notwendig? • Welche Konzeption und welche Aktivitäten werden verfolgt? • Was sind die Charakteristika des pädagogisch-therapeutischen Ansatzes? Inwieweit ist der Ansatz erfolgversprechend? • Inwieweit gelingt es, das Konzept wie vorgesehen umzusetzen? Welche Aspekte lassen sich leichter umsetzen, wo ergeben sich Schwierigkeiten? Welche Themen sind für die Jugendlichen interessant? • Auf welche Weise wird das Thema Radikalisierungsgefahr innerhalb der Trainingseinheiten verankert? Zu Jahresbeginn 2017 wurden die bis dahin vorliegenden Ergebnisse mit dem Träger reflektiert. Der Fokus der Haupterhebungsphase 2017 lag vermehrt auf den Wirkungsmechanismen und der Zielerreichung im Sinne der Extremismusprävention11. Zentrale Fragestellungen in dieser Phase sind: Zielerreichung und Wirkung • Zeigt das Projekt Wirkung in Bezug auf individuelle Fähigkeiten, Einstellungen oder individuelles Verhalten (Kommunikation, Emotionsregulation, soziales Verhalten, Gewaltfreiheit)? • Welche begünstigenden bzw. behindernden Faktoren lassen sich für den Projekterfolg identifizieren? • Leistet das Projekt in der Gesamtbewertung unter den gegebenen Bedingungen einen signifikanten Beitrag zur Extremismusprävention? 2.3 METHODISCHES VORGEHEN Datenerhebung Die von der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention durchgeführte Meta-Evaluation zeigt, dass insbesondere Studien mit einem multimethodischen Design bei der methodischen Qualität und 11 Im Folgenden wird stets der Begriff der „Extremismusprävention“ verwendet. Da die Projektleitung Wert darauf legt, dass das Projekt extremismusgefährdete Kinder/Jugendliche und nicht bereits radikalisierte Kinder/Jugendliche adressiert, wurde dem Wunsch des Trägers gemäß in diesem Evaluationsbericht durchgehend der Begriff der „Extremismusprävention“ anstelle des Begriffs der „Radikalisierungsprävention“ verwendet. 059 der wissenschaftlichen Güte punkten konnten. Die vorliegende Evaluation nutzt deshalb ein multimethodisches Design aus qualitativen und quantitativen Methodenbausteinen. Zunächst wurde im Rahmen der Erstellung des Zwischenberichts ein qualitativ ausgerichtetes Gruppeninterview mit den Projektverantwortlichen (Projektleitung, Trainer) zum Umsetzungsstand geführt. Zudem wurden Dokumente (Projektantrag, Zwischenbericht des Projektträgers) sowie Literatur zum eingesetzten Verfahren gesichtet. • Es wurden zwei qualitative Interviews mit der Projektleitung und dem Trainer 1 zum Umsetzungsstand und zur Zielerreichung geführt. • Nahezu alle Trainingsteilnehmer/innen der beiden Gruppen (insgesamt 13 Teilnehmer/ innen) konnten durch Fragebögen zur Trainingsakzeptanz und zur Zielerreichung befragt werden. • Es wurden zudem zwei Nachhilfelehrer/innen, die ehrenamtlich im MJI arbeiten und die Trainingsteilnehmer/innen kennen, durch Fragebögen befragt. Auf in höherem Maße direktive Verfahren wie eine teilnehmende Beobachtung oder eine Auswertung von Videomaterial wurde nach Abstimmung mit dem Projektträger verzichtet. Auch eine Gruppendiskussion mit den Trainingsteilnehmer/innen wurde nach Abstimmung mit der Projektleitung ausgeschlossen, da seitens der Projektleitung Bedenken bestanden, dass diese einer Stigmatisierung der Kinder und Jugendlichen Vorschub leisten könnte. Ebenfalls wurde eine direkte Befragung der Nachhilfelehrer/innen durch die Projektleitung abgelehnt. Hierbei steht die Sorge im Vordergrund, dass Eltern das MJI als Institution mit dem Thema Extremismusprävention bzw. Islamismusprävention identifizieren und hierdurch abgeschreckt werden könnten, ihre Kinder weiterhin dem Zentrum anzuvertrauen. Auf eine Gefahr der Stigmatisierung von Zielgruppen wird vielfach in der Literatur verwiesen. So besteht durch die in der Präventionsarbeit angelegte Logik des Verdachts das Risiko, die Zielgruppe „negativ zu markieren“, insbesondere wenn über die Zielgruppe gesellschaftliche Debatten geführt werden, in denen diese als problembeladen oder gefährlich dargestellt wird (Ceylan/Kiefer 2013, 102). Zuschreibungen können junge Menschen verletzen und „ohnehin störungsanfällige Inklusionsprozesse be- oder gar verhindern“ (Ceylan/Kiefer 2013, 104). Daneben besteht beim Vereinsvorstand auch die Sorge, das Jugendzentrum könne ein Ziel islamistischer Kreise werden, wenn die Intention der Trainings publik würde. Die Befragung der Teilnehmer/innen konnte dementsprechend ausschließlich durch eine Fragebogenerhebung erfolgen. Der Nutzen dieser Methode ist durch die heterogene Zielgruppe, die Sprachbarrieren, das geringe Alter der Trainingsteilnehmer/innen und insbesondere die geringe Reallaufzeit der Trainings jedoch stark eingeschränkt. Projektbegleitung Die Evaluation enthielt neben der Datenerhebung auch mehrere Einheiten zur Prozessbegleitung. So wurden die Zwischenergebnisse zeitnah mit dem Träger reflektiert und gemeinsame Vorschläge für die Weiterentwicklung des Projekts generiert. 2. ZIELSETZUNG UND VORGEHENSWEISE DER EVALUATION Die Haupterhebung zur Erstellung des Abschlussberichts fand zwischen Januar und Mai 2017 statt. Da die Trainings durch zwei Trainer in zwei verschiedenen Gruppen (jeweils mit sechs bis acht Teilnehmer/innen) angeleitet wurden, war es zunächst geplant, beide Trainer zu verschiedenen Zeitpunkten zur Trainingsumsetzung zu befragen. Da jedoch der zweite Trainer seit Beginn des Jahres 2017 erkrankt ist, war es nicht mehr möglich, ihn zu befragen. Seine Trainingsgruppe wird seitdem interimsmäßig von der Projektleitung angeleitet, wie im Folgenden noch ausgeführt wird. Die Befragung musste daher auf den Trainer 1 und die Projektleitung beschränkt werden. 060 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) Datenschutz Bei der Erhebung wurden die Richtlinien des Datenschutzes eingehalten. Die Teilnahme an der Evaluation erfolgte für die Kursteilnehmer/innen auf freiwilliger Basis. Sofern Teilnehmer/innen von unter 14 Jahren an der Erhebung mitwirkten, wurde das Einverständnis der Eltern/des Vormundes eingeholt. Auf die Erhebung personenbezogener Daten wie Namen oder Wohnorte der Kursteilnehmer/innen wurde verzichtet. Zum Schutz der Projektverantwortlichen ist es unbedingt erforderlich, dass der Bericht erst nach Rücksprache mit diesen veröffentlicht wird. 061 3. Das Projekt TPIF 3.1 PROJEKTTRÄGER UND RESSOURCEN Projektträger Der Träger versucht, seinen Besucher/innen ein ganzheitliches Angebot zu vermitteln, indem verschiedene, bedarfsorientierte Unterstützungsangebote für die Zielgruppen des Zentrums in einer Hand gebündelt werden. Der Träger konnte dadurch nachhaltige Beziehungen zu seinen Zielgruppen aufbauen und seine Reputation über den Sozialraum und die unmittelbare Nachbarschaft hinaus festigen. Das MJI ist im Bezirk gut vernetzt, so z.B. in Form einer Mitgliedschaft im Jugendhilfeausschuss, im Integrationsausschuss sowie in regionalen Arbeitsgruppen des Jugendamts. Kontakte bestehen ebenfalls zu Schulen, wo der Träger vor allem über das Angebot der Nachhilfe bekannt ist. Ressourcen Der Träger verfügt über keine Regelfinanzierung seines Angebots. Ein Großteil desselben wird durch vielfältiges ehrenamtliches Engagement seitens anderer Jugendlicher und Erwachsener aller Altersgruppen und Herkunftssituationen abgedeckt. Spezielle Angebote für die Besucher/ innen – aber auch alle administrativen Aufgaben – werden daher ausschließlich über unterschiedliche Formen der projektbezogenen Förderung umgesetzt. Kompetenzen und Qualifikation der Trainer Für die Trainings waren zwei Trainer (beide männlich) vorgesehen. Beide arbeiten auf Honorarbasis für das MJI und sind außerhalb der Trainings auch ehrenamtlich für den Träger tätig. Beide sprechen sowohl Deutsch als auch Arabisch. Trainer 1 ist approbierter Kinder- und Jugendtherapeut und arbeitet hauptsächlich nach Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie. Er ist weiterhin für den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst in Neukölln tätig. Trainer 2 verfügt ebenfalls über einen pädagogischen Hintergrund und ist hauptamtlich als Grundschulpädagoge in Berlin tätig. Er konnte die Trainings nicht planmäßig umsetzen, da er seit Januar erkrankt ist. Das Training mit der Gruppe der Geflüchteten wird seitdem interimsmäßig vom Leiter des MJI weitergeführt. Dieser spricht ebenfalls Deutsch und Arabisch, verfügt über langjährige praktische Erfahrung in der Jugendarbeit und hat in der Vergangenheit bereits mit der Anleitung von Gewalt-Präventionstrainings Erfahrung gesammelt. Es ist weiterhin offen, ob 3. DAS PROJEKT TPIF Das MJI ist ein Jugendzentrum in Berlin-Charlottenburg, das von Kindern und Jugendlichen verschiedener Nationalitäten, Kulturen und Religionen aufgesucht wird. Das Hauptangebot des Trägers besteht aus Hausaufgabenhilfe und Nachhilfeunterricht mit integrativem Ansatz, welche vor allem durch ehrenamtliches Engagement abgedeckt werden. Darüber hinaus finden für die Besucher/innen Deutsch- und Orientierungskurse, sportliche Aktivitäten und kreative Angebote speziell für Mädchen statt. Neben den Kindern erhalten auch Eltern, Alleinerziehende und andere Familienmitglieder Beratung und praktische Hilfestellung in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Neu im Aufgabenspektrum des MJI ist die Begleitung von Flüchtlingen, die sich z.B. auf Behördengänge, Arztbesuche und Übersetzungen erstreckt. 062 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) und wann Trainer 2 die Trainings wieder übernehmen können wird, was aus Sicht der Projektverantwortlichen die beste Lösung wäre. Da der Leiter des MJI eigentlich nicht über die notwendigen zeitlichen Kapazitäten verfügt, um die Trainings durchzuführen, überlegt man, einen anderen Trainer zu engagieren, was aber wiederum eine neue Vertrauensbildungsphase mit dem neuen Trainer erforderlich machen würde. 3.2 AUSGANGSLAGE UND PROJEKTANSATZ Ausgangslage Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund – verstärkt auch minderjährige Flüchtlinge – sind der realen Gefahr radikalisierender Einflüsse ausgesetzt. Die Projektmitarbeiter/innen wissen von verschiedenen Jugendlichen, die z.T. in benachbarten Moscheegemeinden verkehren, welche aufgrund ihrer Ausrichtung vom Verfassungsschutz beobachtet werden: „Wir wissen, was es hier im Umfeld an Einrichtungen gibt, … die im Blickfeld vom Verfassungsschutz, im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen, … dass die Radikalisierungstendenzen anfeuern oder nähren. … Aber wovon wir ausgehen, ist, dass Eltern, die ihre Kinder hier haben, diese beiden Einrichtungen frequentieren und besuchen. Und was wir auch wissen, ist, dass diese Eltern nicht negativ diesen Einrichtungen gegenüberstehen, sondern eher offen.“ (PL) Zudem nutzen einige der Besucher/innen des MJI, darunter auch Trainingsteilnehmer/innen, private Islam- und Arabischunterrichtsangebote in Privathaushalten, die von den Projektmitarbeiter/innen als intransparent und dubios beschrieben werden. Es besteht der Verdacht, dass diese privaten Angebote zur Radikalisierung von Jugendlichen genutzt werden: „Aber es gibt noch andere zahlreiche Privatpersonen, die in Wohnungen extra unterrichten … ich hab das selber auch mal beobachten können … Da habe ich einen der Schüler, die hier waren, gesehen mit einem Mann, der vollbärtig, Mütze, Gebetskleidung, also den Umhang, das weiße Gewand getragen [hat] … Und ich habe ihn dann später gefragt, diesen Schüler, was hast du denn da so gemacht? Er meinte, ja, das war so mein Lehrer. Da hab ich gesagt, ja, woher kommt dieser Lehrer, von welcher Moschee oder so? Das wollte er mir aber nicht sagen.“ (PL) Dass radikalisierende Einflüsse in der Region eine reale Gefahr darstellen und durchaus ernste Folgen haben können, hat sich in diesem Jahr bei drei ehemaligen Besuchern des MJI gezeigt: Die Leitung des Jugendzentrums erfuhr durch die Eltern, dass diese ihre Kinder vermissen und davon ausgehen, dass diese in die Türkei ausgereist sind, um sich dem IS in Syrien anzuschließen: „[D]as hat sich ja auch jetzt gezeigt mit denen, die jetzt nach Syrien sich absetzen wollten … Die waren ja unauffällig … die haben nur gesagt, die wollen eine Urlaubsreise machen … Aber dann sind die abgehauen. Und der eine hat auch seiner Mutter einen Abschiedsbrief geschrieben: ‚Mach dir keine Sorgen, Mama, wir werden uns im Paradies wiedersehen.‘ … und dann gibt es noch eine andere, eine dritte Person, wo vermutet wird, dass er eigentlich der Drahtzieher ist, der sie dazu sozusagen bewegt hat, dorthin zu reisen, und alle passen jetzt auf ihn auf, dass er nicht selbst da irgendwie noch mal verreisen will … Also das sind alles Jugendliche, die waren auch alle mal hier, als die jünger waren.“ (PL) Projektansatz und entwicklungspsychologischer Hintergrund Das Projekt des MJI deckt mit seinem pädagogisch-therapeutischen Ansatz einen bislang wenig beachteten Aspekt in der Praxis der Radikalisierungsprävention ab – nämlich den der psychosozialen Gesundheit und Widerstandsfähigkeit des Individuums als wesentlichem Schutzfaktor gegenüber Radikalisierungsversuchen. Im Umkehrschluss bildet eine psychische Labilität – in Kombination mit weiteren Stressoren – einen nicht zu unterschätzenden Risikofaktor für eine 063 Radikalisierung von Jugendlichen. Der verantwortliche Trainer fasst diesen Ansatz folgendermaßen zusammen: „Wir denken, dass in diesem Radikalisierungsprozess mehrere Faktoren existieren, die diesen Prozess begünstigen: … also die Religion als Faktor, dann die Erfahrungen. Die Lernerfahrungen sowohl in der Familie als auch außerhalb der Familie und innerhalb der Gesellschaft spielen eine gewaltige Rolle.“ (T1) „Und einer dieser Faktoren, der aus unserer Sicht zu wenig Beachtung findet, ist der psychiatrische, psychische Aspekt. … Und ich gehe davon aus, dass viele, die sich radikalisieren lassen oder die radikalisiert werden, zu einem hohen Anteil auch psychisch krank sind.“ (T1) Diese ätiologische, also ursachenbezogene, Gesamtsicht auf die multifaktoriell begünstigte Herausbildung von Fehlanpassungen im Jugendalter – im vorliegenden Kontext: von Radikalisierung – wird in der zugrunde liegenden Fachliteratur ebenfalls diskutiert. In diesem Zusammenhang werden nicht nur Risiko-, sondern auch Schutzfaktoren vorgestellt, deren Stärkung im Rahmen des Trainings eine besondere Rolle zuteil wird. Die nachfolgende Tabelle stellt gemäß Petermann und Petermann wesentliche Faktoren zusammen, die in dieser Form auch auf Jugendliche einwirken, die Opfer von radikalisierenden Einflüssen werden. Risikofaktoren – früh einsetzende Pubertät – Eltern-Kind-Konflikte erschweren – belastende Lebensereignisse – Selbstregulationsprobleme – psychische Störungen im Kindesalter – mangelnde soziale Unterstützung – unzureichende Fähigkeit, soziale Unterstützung zu aktivieren Schutzfaktoren … die Bewältigung . von Anforderungen im Jugendalter. – erfahrene Selbstwirksamkeit – klare positive Verhaltensziele – emotionale Kompetenz – soziale Kompetenz – Zufriedenheit in und mit der Familie – unterstützende Beziehungen zu Peers – vielfältige positive Vorbilder – soziale/moralische Wertorientierung Datenquelle: Petermann/Petermann 2010. ermöglichen 3. DAS PROJEKT TPIF Abbildung 1: Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung im Jugendalter 064 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) Überwiegt der Einfluss von Risikofaktoren, so wird die erfolgreiche Bewältigung der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter behindert. Die Autor/innen sprechen in diesem Zusammenhang auch von scheinbaren Handlungskompetenzen, da diese nicht geeignet sind, langfristig ein als positiv erlebtes Ziel zu erreichen. Viele der aufgeführten Verhaltenstendenzen lassen sich ebenfalls bei radikalisierten Jugendlichen wiederfinden. Zu den Entstehungsbedigungen dieser scheinbaren Handlungskompetenzen zählen (nach Petermann/Petermann 2010): • psychische bzw. psychosomatische Beeinträchtigungen, • aggressiv-dissoziales Verhalten vs. soziale Unsicherheit und Apathie, • familiäre Verstrickungen, • Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängigkeit, • Leben in einer Subkultur (z.B. einer Jugendbande oder Jugendsekte), • selbstverletzendes Verhalten und Selbstmordversuche, • Verweigerungshaltung (z.B. „Null-Bock-Haltung“, Schulverweigerung). Psychische Beeinträchtigungen werden in diesem Kontext also einerseits als Folge des Überwiegens von Risikofaktoren und belastenden Ereignissen angesehen sowie andererseits auch als Ursache für eine weitere Dynamik, die im Zusammenwirken mit dem entsprechenden Gedankengut in eine Radikalisierung münden kann. Für das Projekt und den Träger steht jedoch der primärpräventive Gedanke im Vordergrund: Alle Kinder und Jugendlichen im Aktionsradius des MJI sollen frühzeitig und nachhaltig gestärkt werden, insbesondere durch den Aufbau von Schutzfaktoren, wie emotionaler und sozialer Kompetenzen und erlebter Selbstwirksamkeit: „Wir wollen auch ein Stück weit mit den Kindern dieser Eltern früh präventiv arbeiten, bevor Radikalisierungsprozesse beginnen, sodass diese Kinder geschützt sind vor Radikalisierungsansätzen.“ (T1) Da äußere Einflüsse (Familienkonflikte, schulische Probleme usw.) nicht unmittelbar geändert werden können, soll jedoch ein adäquater Umgang mit „daily hassles“, negativen Ereignissen und emotionalen Belastungssituationen, geübt werden. Passend zum ganzheitlichen Verständnis des Trägers erhalten Jugendliche, bei denen sich ein besonderer psychologischer Hilfebedarf abzeichnet, auch weitergehende Unterstützung über das Training hinaus, bspw. in Form einer Weitervermittlung an erfahrene (auch muttersprachliche) Therapeut/innen oder den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst: „Wir versuchen hier diesen präventiven Ansatz und alles, was wir machen können, ist, dass wir überleiten. Dass wir die Kinder, Jugendlichen und Flüchtlinge in die Versorgungsnetzwerke hier integrieren.“ (T1) 3.3 ZIELGRUPPE UND ZIELE DES PROJEKTS Zielgruppe und Zielgruppenerreichung Das Angebot von TPIF richtet sich an deutschsprachige Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, vorwiegend aus Berlin-Charlottenburg, aber auch neu angekommene geflüchtete Kinder und Jugendliche sind beim MJI willkommen: „Überwiegend aus Charlottenburg. Manche kommen aber auch von anderen Bezirken hier her, es ist verschieden. Manche kommen auch aus Spandau … es gibt manchmal auch Ausnahmen, 065 wo die [Kinder] aus Neukölln kommen oder aus Moabit. Also das gibt es, weil die halt so von Mund-Propaganda hören, dass es bei uns so gut läuft und dass es Spaß macht und dass sie hier auch wirklich lernen und was mitbekommen und auch Freizeitangebote bekommen.“ (T1) Die Jugendlichen kommen zunächst hauptsächlich wegen der Hausaufgabenbetreuung und der sozialen Kontakte zum Träger und werden vom Projektleiter dann mit dem Angebot des Trainings konfrontiert. Alternativ können Kinder und Jugendliche auch über die Eltern für das Angebot geworben werden, besonders wenn sich ein Bedarf der Kinder abzeichnet: Aus der Perspektive der Trainingsteilnehmer/innen zeigt sich insbesondere bei den älteren, dass sie nach eigenem Empfinden aus eigener Motivation an den Trainings teilnehmen. So antworten sieben der 13 befragten Teilnehmer/innen, sie hätten aus Eigeninteresse an den Trainings teilgenommen oder weil sie durch einen/n Freund/in auf die Trainings aufmerksam gemacht geworden seien. Fünf der befragten Teilnehmer/innen geben an, sie seien von ihren Eltern oder den Trainern zur Trainingsteilnahme bewegt worden. Gegenüber den Eltern und auch den potenziellen Teilnehmer/innen wird vor allem der Nutzen der Trainings herausgestellt. „Also ich sage [den Eltern], in dem Seminar kommt ein Psychotherapeut, der unterstützt die Kinder in ihrer sozialen Kompetenz, die lernen, sich besser zu artikulieren, bekommen bessere Integration, sie lernen, besser zu kommunizieren und ihr Verhalten wird besser miteinander und auch gegenüber den Lehrern und der ganzen Familie.“ (T1) Wichtigster Faktor für die Überzeugung der Jugendlichen ist in erster Linie das Vertrauensverhältnis zum Träger und seinen Mitarbeiter/innen. Für die Kinder steht vor allem der Unter­ haltungsfaktor im Vordergrund, da das Training eine interessante Abwechslung an Freizeit­ aktivitäten bietet. Da die Einrichtung von einer heterogenen Besuchergruppe frequentiert wird, lassen sich keine verallgemeinerbaren Aussagen über Lernvoraussetzungen oder bestimmte Vorprägungen der Teilnehmer/innen ableiten. Allerdings schätzen die Trainer, dass bei acht der 13 befragten Teilnehmer/innen, sieben davon deutschsprachige Kinder mit Migrationshintergrund, Lern- und Entwicklungsdefizite vorliegen. Bei mehreren der Kinder und Jugendlichen beobachten die Trainer zudem ein unsicheres, ängstliches Verhalten im Umgang untereinander, sowie die Herkunft aus autoritären und z.T. gewalttätigen Elternhäusern. Insbesondere auf der Ebene emotionaler Kompetenzen (Petermann 2016, 20) und auf der Ebene der Selbstwahrnehmung erkennt der Trainer Defizite bei einigen Kindern: „Es ist meistens so bei diesen Kindern, dass die eigene mit der Fremdwahrnehmung massiv auseinanderdriftet.“ (T1 II) Zudem kommt es vor, dass besonders unter Jungen ein gewisses Maß an gewaltlegitimierenden Einstellungen in Kombination mit erlebten oder wahrgenommenen Diskriminierungserfahrungen zu finden ist: „Was vorkommt, ist so eine Gewaltverherrlichung, insbesondere bei den Jugendlichen, bei den Jungs. So eine Vorstellung, ich kann mit Gewalt Veränderungen bewirken, ich kann auch mit Gewalt Lösungen herbeiführen. … Da hat man schon den Eindruck, da muss gegengesteuert werden.“ (T1) 3. DAS PROJEKT TPIF „Wir haben gesagt, dass wir hier Gruppenangebote haben, Donnerstag nach den Hausaufgaben. Jeder der Kinder und Jugendlichen kann kommen. Und wer nicht will, den können wir nicht zwingen. Es sei denn, wir denken, dass der schon in die Gruppe reinpassen würde, könnte, sollte, dann würden wir natürlich über die Eltern versuchen, so einen gewissen ‚intrinsischen Druck‘ (lachen beide) zu erzeugen, dass wir schon denken, dass das Kind davon profitieren würde.“ (T1) 066 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) Dennoch zieht der Träger hier klare Grenzen für die Aufnahme der Jugendlichen in die Trainingsgruppen und gibt dem präventiven Charakter hierbei den Vorzug: „Also wir würden auch keine aufnehmen, die schon mal radikalisiert sind. Das würden wir auf keinen Fall, das würde hier zu einer hohen Dynamik führen. Sondern wir achten schon darauf, dass wir Menschen hier rein lassen, integrieren, die auch in das Bild passen, auch in unser gesellschaftliches moralisches Wertesystem passen. Und da passen radikalisierte Menschen hier nicht rein.“ (T1) Entsprechend geben die Trainer in der standardisierten Abfrage auch bei keinem/keiner der Trainingsteilnehmer/innen an, dass diese/r durch extremistische Äußerungen oder den Konsum von Medien mit extremistischem oder islamistischem Inhalt aufgefallen sei. Lediglich bei zwei Teilnehmer/innen ist bekannt, dass sie verdächtige private Islamunterrichtsangebote nutzen. Generell sind beide Geschlechter gleichermaßen angesprochen, in beiden Trainingsgruppen nehmen Jungen und Mädchen teil. Alle Trainingsteilnehmer/innen sind muslimischen Glaubens bzw. gaben bei der Befragung an, dass ihre Eltern muslimischen Glaubens sind. Wie im Folgenden noch weiter ausgeführt wird, war es notwendig, die Gruppen in eine auf Deutsch angeleitete Gruppe für überwiegend in Deutschland aufgewachsene Kinder mit Migrationshintergrund (davon sechs Mädchen und ein Junge) und eine auf Arabisch angeleitete Gruppe für jugendliche Flüchtlinge (davon vier Mädchen und zwei Jungen) aufzuteilen. Die jugendlichen Flüchtlinge stammen aus Syrien und aus dem Libanon. Die primärpräventiven Kurse richten sich somit an Kinder und Jugendliche verschiedenen Geschlechts, sowohl in Deutschland aufgewachsene als auch geflüchtete, die jedoch keine Radikalisierung aufweisen. Trainingsziele Das Leitziel des Projekts TPIF liegt laut Konzeption des Trägers darin, die Wahrnehmungs- und Kognitionsprozesse der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen so zu verändern, dass sie soziale Situationen adäquat deuten, ihre Gefühle bzw. Bedürfnisse bewusst erleben und kommunizieren können und sich selbst als verantwortlich für ihr Verhalten erleben (Selbstwirksamkeit). Die damit verbundenen Handlungsziele werden folgendermaßen angegeben: • visuelle Wahrnehmung/wertneutrale Beschreibung (Situationen richtig erkennen und wertneutral beschreiben), • Kognition (wertneutrale Deutung der Situation, Erkennen von kognitiven Verzerrungen), • Emotionstraining (damit verbundene Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen), • Kommunikationstraining (Gefühle und Bedürfnisse kommunizieren), • Verhaltenstraining (Abwägung von Verhaltensalternativen und Auswahl von zielorientiertem Verhalten). Die hier beschriebenen Ziele der kognitiven Umstrukturierung beziehen sich zum großen Teil auf intrapsychische Prozesse, die sich jedoch im weiteren Sinne auch in bestimmten Schlüsselkompetenzen abbilden sollten, welche in der psychologischen Literatur diskutiert werden. Die nachfolgende Tabelle stellt wesentliche Schlüsselfertigkeiten dar, wie sie u.a. durch die Trainings im MJI gefördert werden sollen. 067 Tabelle 1: Sozial-emotionale Schlüsselkompetenzen als Zieldimensionen eines Trainings Schlüsselfertigkeiten Wahrnehmung von Gefühlen Eigene und fremde Gefühle richtig wahrnehmen Regulation von Gefühlen Eigene Gefühle regulieren, z.B. Ärger kontrollieren Positives Selbstbild Eigene Stärken und Schwächen erkennen und Herausforderungen mit Selbstvertrauen begegnen Perspektiven­übernahme und Empathie Sichtweise anderer Personen wahrnehmen/sich in andere einfühlen Aktives Zuhören Sich anderen zuwenden und Verständnis zeigen Kommunikation Gespräche beginnen und aufrecht erhalten/seine Gedanken und Gefühle verbal und nonverbal ausdrücken Kooperation/ Verhandlungen In einem Konflikt alle Sichtweisen berücksichtigen, um zu einer zufriedenstellenden Lösung zu kommen Widerstehen Sich verweigern und nicht unter Druck setzen lassen Suche nach Unterstützung Unterstützungsbedarf bei sich erkennen/erreichbare und angemessene Hilfe in Anspruch nehmen Zielsetzungen Sich positive, angemessene und realistische Ziele setzen Problemwahrnehmung Situationen erkennen, in denen Entscheidungen oder Problemlösungen herbeigeführt werden müssen Problemlösung Positive und sachkundige Problemlösungen entwickeln und umsetzen Respekt und Toleranz gegenüber anderen Andere Personen oder Personengruppen akzeptieren und wertschätzen Verantwortungsübernahme Sich im Umgang mit anderen ehrlich, fair und prosozial verhalten Soziale Normen Soziale Normen sowohl einhalten als auch kritisch bewer­ten Datenquelle: Aufgeführte Schlüsselkompetenzen in Anlehnung an Payton et al. 2000. Trainingsziele vor dem Hintergrund der Extremismusprävention Religion oder religiöser Extremismus stellt nicht unbedingt einen zentralen Inhalt der Trainings dar. Vielmehr zielen die Trainings darauf ab, Schlüsselfähigkeiten zu vermitteln, die es erlauben, Zuschreibungen und Deutungsmuster zu hinterfragen. Dabei liegt der Trainingskonzeption die These zugrunde, dass erlebte Ausgrenzungserfahrungen bzw. Fehlattributionen der Jugendlichen eine Rolle dabei spielen, ihre Vulnerabilität und Ansprechbarkeit für islamistische Angebote zu erhöhen: „Das haben wir so aus Erfahrungen erlebt, dass bei radikalen Menschen überwiegend die Ursachen der anderen Religiosität zugeschrieben werden. Der Westen …, weil er überwiegend christlich ist, ‚stellt eine Gefahr für uns dar‘. Es wird mehr externer, also immer wieder auf die ande- 3. DAS PROJEKT TPIF Entscheidungen/Handlungen Soziale Interaktion Selbst-/Fremd­wahrnehmung­­ Kompetenzbereich 068 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) ren [projiziert], die anderen sind so, ‚weil wir Muslime sind‘ oder ‚weil wir einen anderen Glauben haben‘ oder ‚weil das Mädchen ein Kopftuch hat, darf sie jetzt nicht mehr auf den Pausenhof gehen‘.“ (T1) Mit altersgerechten und spielerischen Methoden soll eine kognitive Umstrukturierung erreicht werden, die den Kindern und Jugendlichen alternative Wahrnehmungen und Interpretationen für negativ empfundene Situationen anbietet und sie in einem zielorientieren Verhalten schult. Mit möglichen Problemen im Schulalltag, im Familienleben oder im Freundeskreis sollen sie danach besser umgehen können, das Gefühl von Selbstwirksamkeit erleben und dadurch letztendlich gegen vereinfachte Deutungsangebote von Radikalen gestärkt werden. Die Schlüsselfertigkeiten, die in den Trainings vermittelt werden, dienen somit als Schutzfaktoren gegenüber einer extremistischen Gefährdung. Ziele sind demnach: „Eine gute Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dann auch diese Reflexionsfähigkeit, Empathiefähigkeit und nicht diese religiös getönten einfachen Erklärungen für komplexe Dinge anzunehmen, sondern zu hinterfragen, zu hinterfragen, zu gucken, ist das denn so, wie meine Umwelt oder wie meine Familie oder wie meine Freunde mir das suggerieren …“ (T1) Der Präventionsansatz ist demzufolge u.a. darin zu sehen, dass die Kinder darin gestärkt werden, simple Deutungsmuster zu hinterfragen sowie Annahmen und Zuschreibungen als solche zu erkennen und kritisch zu prüfen: „Wenn zum Beispiel diese Kinder vor dem Fernseher sitzen und diese ganzen Kinder sehen in Syrien, die unter Trümmern sind, oder tote Kinder, die nebeneinander liegen auf dem Boden und blutüberströmt und so weiter, das sehen diese Kinder in den arabischen Medien, dass hier diese Ursache rausgelassen wird und diese Interpretation, die möglicherweise von anderen angeboten wird.“ (T1) Entsprechend können religiöse Inhalte im Rahmen der Trainings eine Rolle spielen, wenn sie im Alltag der Trainingsteilnehmer/innen von Bedeutung sind. D.h. inwieweit solche Inhalte bearbeitet werden, wird stets in Abhängigkeit davon entschieden, ob religiöse Deutungsmuster für die z.T. noch sehr jungen Trainingsteilnehmer/innen bereits handlungsleitenden Charakter haben. Für die Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund ist aus Sicht des Trainers der Religionsbezug bisher allerdings nicht übermäßig stark ausgeprägt, sodass die Trainings in dieser Gruppe hierauf keinen besonderen Schwerpunkt legen: „Erst mal [ist es] jetzt nicht so wichtig, da tiefer in die Religion einzutauchen. Das [würde dann notwendig], wenn … tatsächlich in [dem Trainingsmodul] ‚Handlungen‘ destruktive Handlungsoptionen genannt werden, die dann religiös begründet werden. Dann müsste man gegensteuern, also so ein Korrektiv, und sagen, noch mal erklären und dann was gegensetzen.“ (T1) 3.4 TRAININGSKONZEPT Das Training wird von Seiten des Trägers als „Kommunikations- und Sozialtraining“ angeboten. Sowohl die Radikalisierungsprävention als auch die diagnostisch-therapeutische Perspektive werden gegenüber der Zielgruppe nicht herausgestellt, vielmehr werden das Interesse an einem Kommunikationstraining und der Spaß in der Gruppe als intrinsische Motivationsfaktoren genutzt. Der Träger arbeitete zunächst bewusst mit einer halboffenen Gruppe. Aufgrund des Settings (Jugendzentrum) und einer der Zielgruppen (Flüchtlinge, deren Aufenthaltsort sich plötzlich ändern kann) war die durchgängige Teilnahme aller Personen über alle Termine hinweg unwahrscheinlich. Auf der anderen Seite bestand so die Möglichkeit für neue Teilnehmer/innen, in die Gruppe einzusteigen. Der Ansatz des MJI weist aber einen verbindlicheren Rahmen auf, als er 069 vielfach in der offenen Jugendarbeit anzutreffen ist. So müssen alle Besucher/innen des Jugendzentrums zunächst von ihren Eltern für den Besuch angemeldet werden und kennen einander in der Regel. So geben auch nahezu alle Trainingsteilnehmer/innen in der standardisierten Befragung an, dass sie das Jugendzentrum mindestens drei- bis viermal wöchentlich aufsuchen. Der Ablauf des Trainings orientiert sich stark an den Trainingsleitfäden der Entwicklungspsycho­ log/innen Franz und Ulrike Petermann, die u.a. Trainingskonzepte für aggressive Kinder (Petermann/Petermann 2012), aber auch zur Stärkung des Sozialverhaltens für Jugendliche (Petermann/Petermann 2010) herausgegeben haben. Die Trainingskonzepte basieren auf dem Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie und nutzen deren Methoden. In der aktuellen Pilotphase wird das Trainingskonzept erstmalig im Kontext der Radikalisierungsprävention angewendet und mit einer äußerst heterogenen Gruppenzusammenstellung (hinsichtlich Alter, Geschlecht, Herkunft, Sprache) z.T. ohne Vorkenntnisse in Gruppen-Settings umgesetzt. Aus diesen Gründen waren die Trainer darauf eingestellt, das Manual eher als Hintergrundfolie zu benutzen. Das Training ist modular aufgebaut, das Voranschreiten wurde aber sehr flexibel den Bedürfnissen der Gruppe angepasst. Der idealtypische Ablauf beginnt laut Konzeption des MJI mit zwei Schritten zur Vorbereitung der späteren pädagogisch-therapeutischen Arbeit: • der Installierung einer tragfähigen halboffenen Gruppe. Mit der Herausbildung einer arbeitsfähigen Gruppe beginnen dann die einzelnen inhaltlichen Module des Trainings. Abbildung 2 zeigt die einzelnen Schritte, die im Training behandelt werden. Abbildung 2: Einheiten des Trainings Visuelle Wahrnehmung Wertneutrale Beschreibung Kognition Emotion Verhalten Die einzelnen Schritte und deren Funktion im Rahmen des Trainings sollen im Folgenden kurz erläutert werden. Kennenlernen und Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung Elementar für die wirkungsvolle Zusammenarbeit in der Gruppe und mit den Trainern sowie ein Sich-Einlassen auf die Trainingsinhalte ist der Aufbau von Vertrauen, der sich vornehmlich aus den persönlichen Hintergrundinformationen speist. Die Gruppe ist für derartige Trainings – nicht nur für Jugendliche – elementare Ressource, Quelle für Rückmeldungen und sozialer Lern­ ort gleichermaßen. Demnach benötigt diese Phase eine angemessene Zeit: „Also die erste Phase ist natürlich die Kennenlernphase, die Bildungsphase, also wir bilden uns als Gruppe, wir lernen uns als Gruppe kennen. Wir lernen jeden Einzelnen aus der Gruppe kennen. Das ist so die Phase, in der wir noch stecken. Und da kriegen wir auch sehr viele Informationen, wie ist das Kind, wie ist das aufgewachsen, wie viele Geschwister hat es, wo ist es aufgewachsen. Also dass die Kinder auch sehr viel über sich erzählen. Aber dazu braucht es erst mal eine Atmosphäre, eine vertrauensbildende Atmosphäre, um sich zu öffnen.“ (T1) 3. DAS PROJEKT TPIF • dem Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung und einer angenehmen und spannungsfreien Gruppenatmosphäre, 070 Gestaltung einer tragfähigen Gruppe THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) In dieser Phase wurden zunächst verschiedene Konstellationen der Zusammenstellung ausprobiert, bevor die Teilnehmer/innen endgültig auf die beiden Gruppen aufgeteilt wurden. Der Anspruch bestand hierbei darin, arbeitsfähige halboffene Gruppen aufzubauen, die einerseits eine gewisse Kontinuität der Arbeit ermöglichen, andererseits weiterhin neuen Trainings­ teilnehmer/innen zugänglich sein sollen: „Also wir wollen eine Kerngruppe haben, also eine halboffene Gruppe. Es soll eine Kerngruppe sein, aber immer noch offen sein für Neue … wo wir im Laufe der Arbeit denken, okay, das ist jetzt ein neuer Flüchtling, der würde in die Gruppe passen, der ist auch vom Profil her gut.“ (T1) Der Prozess der Gruppenbildung erwies sich als aufwändiger als erwartet und erforderte eine starke Reduzierung der Gruppengröße, wie im Abschnitt zur Trainingsumsetzung und -modi­ fika­tion weiter ausgeführt wird. Zum Zeitpunkt der Berichtslegung bestehen zwei Gruppen, die sich aus jugendlichen Flüchtlingen und Kindern mit Migrationshintergrund zusammensetzen. Training der visuellen Wahrnehmung/wertneutrale Beschreibung Als erster inhaltlicher Schritt stand die Schulung der Wahrnehmung im Vordergrund. Die Teilnehmer/innen sollten lernen, sich von eingeschliffenen Mustern der unmittelbaren Interpretation einer sozialen Situation zu trennen und zunächst wertneutral zu beschreiben, was sie wahrnehmen: „Ja, und hier sollen die Kinder erst mal eine wertneutrale Beschreibung der Situation lernen. Das ist der erste Ansatz. Nicht: ‚Die deutsche Lehrerin schimpft mit einem afrikanischen Jungen‘. Das würden sie sagen, ‚sie schimpft gerade mit dem, weil er ja schwarz ist und sie deutsch ist‘ und so weiter. Aber erst mal soll nur beschrieben werden: Was passiert jetzt hier gerade?“ (T1) Kognitionstraining Aufbauend auf der Schilderung einer Situation folgt die Deutung derselben. Dabei lernen die Kinder und Jugendlichen auch, welche bisherigen Lernerfahrungen diese Interpretationen bestimmen und wie sie sich vor voreiligen Schlüssen bewahren können: „Ja, und wenn wir dann diese Beschreibungsebene haben, dann gibt es die Interpretationsebene. Wie würde ich das interpretieren, wenn ich das jetzt wertneutral beschrieben habe? … Also wenn wir die Interpretation der Kinder kennen und gegenarbeiten, dann wird eher eine wertneutrale Deutung auch möglich sein.“ (T1) Emotionstraining Dem Ablauf folgend, stand nach der Deutung der Situation die Wahrnehmung der ausgelösten Gefühle bzw. der damit verbundenen Bedürfnisse auf der Agenda. Der Zugang zu den eigenen Gefühlen stellt jedoch im gesamten Verlauf des Trainings ein zentrales Thema dar und konnte nicht auf bestimmte Module begrenzt werden. Zudem wurde zu Beginn der Trainings schnell deutlich, dass die Kinder über eine gering ausgeprägte Ausdrucksfähigkeit für Emotionen verfügten, sodass im Rahmen der Trainings darauf zunächst ein besonderes Augenmerk gelegt werden musste: „Aber innerhalb dieser Kennenlernphase habe ich gemerkt, dass Gefühle eine sehr wichtige Rolle spielen. Und dass diese Kinder Gefühle gar nicht irgendwie richtig benennen oder ihre Gefühle erst mal wahrnehmen können, um sie benennen zu können. Und auch das ist so ein Prozess, wo ich erfahre, ich muss hier vielleicht noch mehr auf die Gefühlswelt der Kinder eingehen und mehr die Kinder in ihrer Wahrnehmung ihrer eigenen Gefühlswelt unterstützen.“ (T1) 071 Kommunikations- und Verhaltenstraining Aufbauend auf der Wahrnehmung von Gefühlen und Bedürfnissen, ist die Fähigkeit von Bedeutung, diese auch adäquat mitteilen und vertreten zu können. Am Ende des Trainings sollen die Teilnehmer/innen sich mit einer angemessenen Reaktion auf die besprochene Situation auseinandersetzen und insbesondere die Frage erörtern, welche Handlungen am ehesten geeignet sind, um das gewünschte Ziel zu erreichen: „Was müsste er tun, wie müsste er sich verhalten, was müsste er tun, damit er keinen Ärger bekommt und damit er auch sein Ziel erreicht?“ (T1) „Also wenn zum Beispiel ein Kind sagen würde, er würde jetzt einen Gegenstand auf die Lehrerin werfen, dann müsste man [fragen]: ‚Würde es dem Kind dadurch besser gehen? Würde er denn damit sein Ziel erreicht haben?‘ Dann kommen die Kinder natürlich ‚Nein, und dann gibt es Ärger und dann gibt es das und jenes.‘“ (T1) Die Themen werden mit verschiedenen, meist spielerischen Methoden bearbeitet: Zum Einsatz kommen biografische Methoden, Rollenspiele sowie auch verbindliche Seminaraufgaben. Die mitunter heiklen Themen wie Religion, Toleranz, Zusammenleben in der pluralen Gesellschaft werden jeweils eingebettet in alltägliche Situationen eingebracht und in der Gruppe reflektiert. Im präventiven Sinne werden den Teilnehmer/innen bei jedem Schritt Alternativen zu bisher angewendeten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen angeboten: „Also wir können überall ansetzen: Wir können bei der Beschreibung ansetzen, präventiv. Wir können bei der Deutung präventiv ansetzen. Wir können bei den Gefühlen präventiv ansetzen und wir können bei den Reaktionen präventiv ansetzen. Bei all diesen Stellen können wir präventiv ansetzen. Und am besten ist es natürlich bei der ersten, bei der Beschreibung schon. Wenn der Ansatz da gelingt, dann wird der ganze Ablauf ein ganz anderer werden. Wenn ich eine ganz andere Straße nehme, eine andere Route, dann wird natürlich am Ende ein besseres Ergebnis kommen.“ (T1) In der Gesamtschau stellt das Trainingskonzept im Rahmen des Projekts TPIF ein vollwertiges Verhaltenstraining auf Basis von kognitiven Ansätzen dar. Dieser – mitunter voraussetzungsvolle – Ansatz konnte zum Zeitpunkt der Berichtslegung in den beiden Gruppen in verschiedenem Ausmaß umgesetzt werden. Umsetzung und Modifikation des Trainingsablaufs Wie bereits im Zwischenbericht dargestellt, gab es zum Zeitpunkt der Arbeitsaufnahme der Trainingsgruppen ein hohes Interesse, sodass die Gruppen in der Anfangsphase mitunter von bis zu 20 Teilnehmer/innen besucht wurden, allerdings bei anhaltender Fluktuation. Der Aufbau arbeitsfähiger Trainingsgruppen erwies sich als eine Herausforderung und erforderte deutlich mehr Zeit, als zunächst erwartet. Hierfür gab es eine Reihe von Gründen: Zunächst ist hier der krankheitsbedingte Ausfall des zweiten Trainers zu nennen, der die Umsetzung der Trainings für die Gruppe, für die er verantwortlich zeichnete, stark verzögerte und erschwerte. Aber auch die Heterogenität der Zielgruppe stellte zu Beginn eine besondere Herausforderung für die Installierung arbeitsfähiger Gruppen dar. So erwies sich die sprachliche Heterogenität als eine Hürde für die bilingualen Trainer, da die Gruppe der Geflüchteten überwiegend nur Arabisch spricht, während die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund überwiegend auf Deutsch kommunizieren und das Arabische z.T. nur sehr rudimentär beherrschen. Zudem ergaben sich große Altersdiskrepanzen innerhalb der Gruppen, die Kinder ab neun Jahren bis 3. DAS PROJEKT TPIF Trainingsmethoden 072 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) hin zu jungen Erwachsenen im Alter von 19 Jahren umfassten. Darüber hinaus waren die beiden Gruppen zunächst viel zu groß, um eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herzustellen: „Wir hatten vorher solche Kriterien für die Auswahl [der Trainingsteilnehmer/innen] nicht so richtig gehabt. … bis dann Sie ein Stück weit mit in den Prozess kamen, sodass wir dann das besser gehandhabt haben. Und dann wollten wir nicht einen Teil ausgrenzen, die reinkommen. Also es waren hier 18, 19, 17 Kinder. Und die Nachhilfelehrer, die hier waren und die mir dann praktisch die Gruppe übergeben haben, haben mir immer viel Spaß gewünscht … Und ich hab immer gesagt, was soll ich denn jetzt hier machen um 18:00 Uhr mit so vielen Kindern? Ich kriege das doch gar nicht hin, da ist ja Unruhe und dann die unterschiedlichen Sprachen, die da waren und das unterschiedliche Alter, das war extrem anstrengend.“ (T1) Nach Beratung durch die – insofern auch formative – Evaluation entschied man sich für eine Umstrukturierung der Gruppen, um sowohl altersmäßig als auch sprachlich eine Homogenisierung herbeizuführen. Hierfür wurden die Teilnehmer/innen in eine auf Deutsch angeleitete Gruppe und eine auf Arabisch angeleitete Gruppe aufgeteilt; zudem wurden die Gruppengrößen stark reduziert. Um keine Exklusionserfahrungen zu produzieren, wurde ein kreativer Umgang gefunden, indem parallel zu den Trainings Alternativangebote für bisherige Teilnehmer/innen entwickelt wurden, darunter Foto-, Bastel- und Nähkurse. Zudem wurde der Deutsch- und Orientierungskurs für Geflüchtete, der sich bisher mit den Trainings überschnitten hatte, nach vorn verlegt, um auch hier eine Entlastung zu erreichen. „Donnerstagsgruppe“ (Kinder/Jugendliche mit Migrationshintergrund) Die Treffen dieser Gruppe finden donnerstags in deutscher Sprache statt; die Gruppe setzt sich aus Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zusammen und wird von Trainer 1 angeleitet. Hier konnte etwa seit Februar eine arbeitsfähige Gruppe aus sieben bis acht Kindern im Alter von neun bis 14 installiert werden. Alle sieben Trainingsteilnehmer/innen, die in die standardisierte Erhebung einbezogen werden konnten, nehmen seit Herbst 2016 regelmäßig an den Trainings teil. Seit Aufnahme der Trainings konnten Übungen insbesondere in den Bereichen „Emotionen“ und „visuelle Wahrnehmung/wertfreie Beschreibung“ absolviert werden. Der Trainer, der maßgeblich für die Konzeptentwicklung verantwortlich ist, reagiert flexibel auf die Bedarfe der Teilnehmer/innen und hat entsprechende Umstellungen vorgenommen: „Der Ablauf war erst mal beobachten, also die Ereignisse beobachten, dann beschreiben, ohne Bewertung und dann die Emotion. Das hat aber so nicht funktioniert. Sondern wir haben die wertfreie Beschreibung der Situation ein Stück weit ausgelassen und sind dann mehr in die Emotionen gegangen. Und jetzt kehren wir wieder zu der wertfreien Beschreiung [zurück].“ (T1) Diese Umstellungen waren erforderlich, da zu einem frühen Zeitpunkt deutlich wurde, dass die Mehrheit der Trainingsteilnehmer/innen über eine sehr gering entwickelte Ausdrucksfähigkeit bezüglich der eigenen Gefühlswelt verfügte. Entsprechend wurden in Abweichung von der Ursprungskonzeption zunächst Übungen absolviert, die Trainingsteilnehmer/innen dazu befähigen sollten, die eigenen Gefühle und Emotionen bei Mitmenschen wahrzunehmen und diese differenziert zu beschreiben. „Sie sehen da viele Defizite … Sie merken an den Emotionen, dass die Kinder, und das haben wir leider hier, basale Emotionen gar nicht ausdrücken, gar nicht wahrnehmen und gar nicht so erkennen können. [Dann ist es erforderlich] hier auch mehr Raum sich zu nehmen für diesen Bereich.“ (T1) 073 Im letztgenannten Übungsbereich „Emotionen“ lassen sich dem Trainer zufolge bisher die größten Trainingserfolge feststellen, die auf eine verbesserte Empathiefähigkeit der Teilnehmer/innen schließen lassen. Übungen, die der Wahrnehmung und der wertneutralen Beschreibung dienen, wurden, wie beschrieben, zunächst vertagt und erst einige Wochen vor Berichtslegung aufgenommen. Auch hier sieht der Trainer bei einigen Teilnehmer/innen erste Ergebnisse. „Montagsgruppe“ (Flüchtlinge) Die Treffen der Gruppe der Flüchtlinge im Alter von 13 bis 18 Jahren finden montags in arabischer Sprache statt. Sie wird nach dem krankheitsbedingten Ausfall des zweiten Trainers durch den Jugendzentrumsleiter angeleitet. Durch die durch den Krankheitsfall bedingte Verzögerung konnte erst circa zwei Monate vor Berichtslegung eine Fokussierung auf eine Gruppe von sechs bis sieben Teilnehmer/innen erzielt werden, von der wiederum zwei Teilnehmer/innen erst einen Monat vor Berichtslegung zur Gruppe gestoßen sind. „Ich habe einen größeren Aufwand dadurch, weil ich ein ganzheitliches Angebot der Familie anbiete. Termine mit den Eltern, Einzelgespräche, mit den Kindern Einzelgespräche, Beratungen anbieten auch, also auch manchmal begleiten … wenn die Hilfe brauchen, auch in der Familie, da gehe ich auch mal hin, hör’ mir mal an, was sie wollen.“ (PL, III, 32) Nach Beobachtung der Projektleitung, die den erkrankten Trainer vertritt, stellen die Übungen für einige der Geflüchteten auch insofern eine besondere Herausforderung dar, als sie es nicht gewohnt sind, in Gruppen-Settings über Gefühle zu sprechen und „sich zu öffnen“: „Man merkt schon, die haben richtig … so Abstand halten [wollen], die sind nicht so offen, die halten sich lieber eher zurück, trauen sich nicht wirklich mitzureden, weil sie vielleicht auch einfach irgendwie Angst haben, glaube ich. Also es ist noch offen halt alles. Deswegen halt diese Kennlernphase halt. Dass wir erst mal da reinfinden müssen, in diese Arbeit … ich glaube, die Gruppe von Herrn X [gemeint ist Trainer 1, d. Verf.], die sind mehr offen, glaube ich.“ (PL) Entsprechend steht die Gruppe, gemessen an den zu bewältigenden Trainingsinhalten, noch am Anfang und setzt im Wesentlichen Übungen der Vertrauensbildung um: „Ich bin auch am Anfang gerade noch mit der Kennlernphase, Vertrauensphase. Also solche Gespräche und kleine Übungen, mit dem Ball werfen zueinander, also da sind wir so immer noch sozusagen am Anfang …“ (PL) Die Übungen setzt der Jugendzentrumsleiter in Absprache mit Trainer 1 um, der maßgeblich für die Konzeptentwicklung verantwortlich ist. Die Übungen müssen hierfür stets vom Deutschen ins Arabische übertragen werden: „Wir müssen das ja immer wieder auch miteinander absprechen, teilweise bekomme ich das auch nur auf Deutsch, wo ich das direkt in Arabisch auch übersetze. Also auch mündlich, meine ich jetzt, weil, ich muss ja nicht immer Blätter verteilen.“ (PL) Da, wie dargestellt, bisher erst wenige Trainingsinhalte realisiert werden konnten, lassen sich bezogen auf Zielerreichung oder Wirkung der Trainings zu diesem Zeitpunkt erst wenige Aus­ sagen treffen. 3. DAS PROJEKT TPIF Eine planmäßige Umsetzung der Trainings stellt in der beschriebenen Situation eine besondere Herausforderung dar, da die Kapazitäten des Jugendzentrumsleiters ohnehin stark ausgelastet sind und er darüber hinaus für die Gruppe der Geflüchteten als Ansprechpartner für die verschiedensten Bedarfe zur Verfügung steht, was einerseits ein besonderes Vertrauensverhältnis ermöglicht, andererseits einen Fokus auf die Trainingsinhalte erschwert: 075 4. Ergebnisse der Evaluation 4.1 ERREICHUNG DER TRAININGSZIELE Aufgrund des krankheitsbedingten Ausfalls von Trainer 2 kann die Erreichung von Trainingsergebnissen durch die Gruppe der Geflüchteten nur ansatzweise in die Auswertung der Trainings eingehen, da die Gruppe noch am Anfang des Trainingsablaufs steht (s. oben) und zudem zwei der sechs Teilnehmer/innen bei Berichtslegung erst seit einem Monat an den Trainings teilnehmen. Entsprechend sind die Trainingserfolge hier im Wesentlichen darauf beschränkt, dass eine aktive, konzentrierte Beteiligung möglich wurde bzw. die Jugendlichen sich gegenüber dem Gruppen-Setting zunehmend aufgeschlossen zeigen. Da erste Übungen für die „wertneutrale Beschreibung“ von Alltagssituationen umgesetzt wurden, stellt der Trainer zudem fest, dass einige der Teilnehmer/innen dieser Gruppe zunehmend Sicherheit „in der Unterscheidung von Wahrnehmung und Deutung“ entwickeln. Bei der anderen Gruppe, die sich aus deutschsprachigen Kindern mit Migrationshintergrund zusammensetzt, sind bereits Ergebnisse im Sinne der Trainingsziele festzustellen. Waren die Trainingsteilnehmer/innen zu Beginn der Trainings kaum in der Lage, ihre eigenen Gefühlszustände zu benennen, konnte hier im Laufe der Übungen ein differenziertes Reflexionsniveau in der Gruppe erreicht werden, das einen selbstverständlichen Austausch über die eigenen Emotionen und jene der Mitmenschen ermöglicht: „Ja, also, ich glaube, das Thema Emotionen, das ist jetzt für alle (lacht) ein Stück weit automatisiert. Es läuft jetzt, dass die sich über ihre Emotionen austauschen können, dass sie ihre Emotionen bezeichnen, aber auch wahrnehmen können.“ (T1, III) Auch die Trainingsteilnehmer/innen messen diesem Trainingsinhalt Bedeutung zu. So stimmen in der standardisierten Erhebung sechs der sieben Teilnehmer/innen der „Donnerstagsgruppe“ der Aussage zu, sie hätten etwas über die Gefühle ihrer Mitmenschen gelernt. Fünf Teilnehmer/ innen bestätigen zudem, sie hätten etwas über ihre eigenen Gefühle gelernt. Aus Sicht des Trainers ist anzunehmen, dass die Kinder diese erworbenen Kompetenzen auch in ihren Alltag transferieren: „Jetzt sagen sie auch, warum geht es mir gerade nicht gut oder warum geht es mir gerade schlecht … Und ich bin sicher, dass sie das natürlich auch in ihren Alltag transferieren und das auch dann so artikulieren.“ (T1, 21) Im Anschluss an Petermann und Petermann lässt sich formulieren, dass die Kinder „Schlüsselkompetenzen der Emotionsregulation“ entwickeln bzw. weiter ausbauen konnten, nämlich das „Emotionsbewusstsein“, also die Fähigkeit, sich seiner eigenen Gefühle bewusst zu sein, wie auch das „Emotionswissen“, also die Fähigkeit, die Emotionen anderer zu erkennen und darüber zu kommunizieren (Petermann 2016, 20f.). Die Entwicklung solch emotionaler Kompeten- 4. ERGEBNISSE DER EVALUATION Die bisherigen Trainingsergebnisse, die hier dargestellt werden, tragen einen vorläufigen Charakter, da ein Großteil der geplanten Übungen zum Zeitpunkt der Berichtslegung noch nicht umgesetzt worden ist. 076 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) zen hilft demnach Kindern und Jugendlichen dabei, künftig besser mit „emotionalen Belastungen“ zurechtzukommen (Petermann 2016, 39). Auch soziale Kompetenzen und die Bereitschaft, in Konfliktsituationen verschiedene Handlungsoptionen zu reflektieren, wurden nach der Beobachtung des Trainers in der Gruppe geschult. So beschreibt er, dass schüchterne, ängstliche Teilnehmer/innen in der Gruppe „im Umgang mit anderen Teilnehmern sich besser behaupten“ und zunehmend „eigene Interessen verbalisieren“ könnten. Beobachtungen des Trainers und der Projektleitung legen nahe, dass der verhaltenstherapeutische Ansatz in Hinblick auf die Förderung der Empathiefähigkeit und die Reflexion über Handlungsalternativen auch über die Trainings hinaus Veränderungen im Verhalten der Kinder fördert. An mehreren Beispielen können der Trainer und die Projektleitung illustrieren, dass die Kinder im Training Erlerntes auch in andere Kontexte übernehmen: „… Letztens gab es hier einen Konflikt unter den Kindern … Und dann kam[en] sie zu mir und sagten zu mir, ‚Herr X, wir wollen das lösen und zwar so, wie wir das gelernt haben. Wir beschreiben jetzt die Situation‘. Das fand ich sehr schön, dass sie das erst mal beschrieben haben. … ich war sehr überrascht, dass die so weit schon waren und gesagt haben, ‚wir wollen das jetzt auch friedlich klären‘. Und dann haben wir überlegt, wie sie das klären können.“ (T1, II) Diese Beobachtungen, die sicherlich als vorläufig gelten müssen, werden auch von einem der Nachhilfelehrer gestützt, der in der Fragebogenerhebung angibt, die Kinder seien durch die Trainings „rücksichtsvoller geworden im Umgang miteinander“. Die bisherigen Ergebnisse legen nahe, dass die Trainings erste Erfolge in Hinblick auf die Förderung sozial-emotionaler Schlüsselkompetenzen bewirken, die als Schutzfaktoren gegenüber extremistischer Ansprache fungieren können. 4.2 EINFLUSSFAKTOREN UND BEDINGUNGEN FÜR EINEN TRANSFER IN ANDERE KONTEXTE Für die Umsetzung der Trainings war eine Reihe von Einflussfaktoren wichtig, die im Folgenden diskutiert werden. Dies ist nicht zuletzt von Bedeutung, um Möglichkeiten des Trainingstransfers in andere Kontexte zu eruieren. Als wichtige Einflussfaktoren für die Umsetzung der Trainings haben sich im Evaluationsprozess • der Kontext, • die Ressourcen/Kompetenzen der Trainer, sowie • die Gruppenstruktur bzw. der Gruppenkonstituierungsprozess erwiesen. Das MJI hat sich als Jugendzentrum als Kontext für die Umsetzung der Trainings bewährt, der aber auch spezifische Herausforderungen mit sich bringt. Dabei ist auf der Habenseite zu verbuchen, dass es gelungen ist, über die bestehenden vielfältigen Angebote einen niedrigschwelligen Zugang zur Zielgruppe zu ermöglichen. In der Implementationsphase überstieg der Zulauf zu den Trainings sogar die vorhandenen Kapazitäten. Der letztgenannte Punkt kann als eine Herausforderung des Settings des Jugendzentrums betrachtet werden, welche den Gruppenkonstituierungsprozess deutlich verzögerte, dem die Projektleitung schlussendlich aber mit kreativen Lösungsansätzen begegnete: So wurden Alternativangebote geschaffen, die die Trainingsgruppen entlasteten und dadurch arbeitsfähige Gruppenstrukturen ermöglichten. Als Besonderheit des Jugendzentrums wurde seitens der Trainer die kontinuierliche Nutzung der Einrichtung durch die Kinder und Jugendlichen benannt, die eine besondere Vertrauensbeziehung zwischen Jugendzentrumsleitung und potenziellen Trainingsteilnehmer/innen ermöglichte. Insofern sind die Bedingungen des MJI aus Sicht von Trainer 1 auch „keine typische Gruppenkon- 077 stellation, so wie wir das von den offenen Jugendeinrichtungen her kennen. Sondern die Kinder kennen sich hier in der Regel, bevor sie das Angebot wahrnehmen.“ (T1) Insofern stellt das MJI aufgrund seiner konzeptionellen Ausgangsbedingungen einen besonderen Trainingskontext dar, der nicht in allen Jugendeinrichtungen vorausgesetzt werden kann. Eine hohe Fluktuation, wie sie häufig in offenen Jugendeinrichtungen anzutreffen ist, kann den Gruppenkonstituierungsprozess stark aufhalten. So sind als wesentlicher Faktor für ein gelingendes Training die Bedingungen der Gruppenkonstituierung bzw. die Kriterien für die Auswahl der Trainingsteilnehmer/innen zu betrachten. Hier zeigte sich, dass der niedrigschwellige Zugang in den ersten Monaten dazu führte, dass allzu heterogene Gruppen entstanden, die nicht arbeitsfähig waren. Als Gründe hierfür sind insbesondere die Sprachenvielfalt als auch die hohe Altersdiskrepanz der Teilnehmer/innen zu nennen. Die entsprechenden Anpassungen zu Beginn des Jahres brachten hier den gewünschten Erfolg: Die Tatsache, dass es sich bei den beiden Trainingsgruppen um gemischtgeschlechtliche Gruppen handelt, stellte dagegen nach Aussage der Trainer nach den bisherigen Erfahrungen kein Problem für die Umsetzung der Trainings dar. Ein förderlicher Faktor für die Abstimmung der konzeptionellen Anlage des Projekts auf das spezifische Setting ist in der Tatsache zu verorten, dass der Gruppenprozess des Kennenlernens es den Trainern weitgehend ermöglichte, ihre Teilnehmer/innen individuell einzuschätzen und spezifische Themen und Bedarfe der Gruppe zu identifizieren. Eine Adaption der Trainings in Kontexten, die tatsächlich offene Gruppen und damit eine hohe Fluktuation beinhalten, ist aus Sicht des Trainers, der maßgeblich für die Konzeption der Trainings verantwortlich ist, schwer umsetzbar. Der modulare Aufbau des Trainings erfordert eine kontinuierliche Arbeit, die in der offenen Jugendarbeit in der Regel schwer herzustellen ist. Eine Adaptionsmöglichkeit wäre aus seiner Sicht, Einzelmodule anzubieten, die aber keinesfalls mit einem kompletten Training gleichgesetzt werden können: „Weil, das baut aufeinander auf, die Module bauen aufeinander auf. Sie können, wenn Sie das in offenen Einrichtungen anbieten wollen, können Sie nur bestimmte Module anbieten … Aber nicht das ganze Training … Na, Sie könnten zum Beispiel dreimal … im Monat über Emotionen reden. Und dann hätten Sie dann – in dem nächsten Monat könnten Sie dann über was anderes sprechen. … Aber dann auf dieses Modul aufbauend noch mal für die Gruppe [das Training fortzuführen], halte ich für äußerst schwierig, weil die Fluktuation [in der offenen Jugendarbeit], denke ich, sehr hoch sein dürfte.“ (T1) Besonders hervorzuheben ist der förderliche Umstand, dass die Trainer neben einer fundierten pädagogischen und psychotherapeutischen Ausbildung über arabische Sprachkompetenz und eine ausgeprägte kulturelle und religiöse Sensibilität verfügen. Eindeutig lässt sich damit festhalten, dass die Kinder und Jugendlichen sich in einem Kontext bewegen, der über eine hohe Sensibilität und Kompetenz im Umgang mit fluchtbedingten psychischen Problemen oder auch möglichen Loyalitätskonflikten mit dem Elternhaus verfügt. Auf Basis der bisherigen Erfahrung gehen die Trainer davon aus, dass ein ähnlicher kultureller Hintergrund aufseiten der Projektmitarbeiter/innen insbesondere bei Trainings mit Jugendlichen von Bedeutung ist. Dies bestätigen auch Erfahrungen aus der Distanzierungsarbeit. Es habe sich bei der Ansprache von Jugendlichen als bedeutsam erwiesen, dass die Mitarbeiter/innen „Bezüge zu deren Lebenswelten aufweisen oder her[zu]stellen … vermögen“. Demnach sei es für den Vertrauensaufbau förder- 4. ERGEBNISSE DER EVALUATION „Also einheitliche Sprache, eine gewisse Altersgruppe, die sehr nahe ist, und weniger Teilnehmer, weniger Teilnehmer! Und sonst ist es gut.“ (T1) 078 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) lich, wenn Jugendliche einen „gemeinsamen Erfahrungshintergrund“ voraussetzen können, besonders wurden hierbei die „Bedeutung eines Migrationshintergrundes oder muslimischen Hintergrundes“ betont (Glaser/Figlestahler 2016, 261). Bei jüngeren Trainingsteilnehmer/innen, Kindern im Alter von circa sechs bis zehn Jahren, mit denen Trainer 1 arbeitet, ist der kulturelle Hintergrund des Trainers nach dessen eigener Einschätzung dagegen weniger entscheidend. 4.3 DER GANZHEITLICHE ANSATZ DES MJI ALS BEITRAG ZUR EXTREMISMUSPRÄVENTION Der ganzheitliche Ansatz, der der Arbeit des MJI zugrunde liegt und ein breites bedarfs­orientiertes Unterstützungsangebot umfasst, bietet weitergehende Anknüpfungspunkte für die Extremismusprävention. Auch wenn diese Angebote kein systematischer Bestandteil dieser Untersuchung waren, ist es wichtig, sie hervorzuheben, da sie einerseits dem TPIF-Projekt zugute­kommen, andererseits auch Potenziale der Extremismusprävention in der Jugendarbeit aufzeigen. Neben dem guten Zugang zu potenziell gefährdeten Zielgruppen verfügt die Leitung des MJI nach eigener Einschätzung über einen guten Überblick über verdächtige Moscheegemeinden, den sie in der alltäglichen Arbeit dazu nutzen kann, extremistische Gefährdungen einzuschätzen und gegebenenfalls – mit sehr viel Fingerspitzengefühl – darüber aufzuklären. Hier ist zunächst die elternorientierte Arbeit zu nennen, die als zentraler Ansatz der Arbeit des Jugendzentrums angesehen werden kann. So sind der Jugendzentrumsleitung durchweg alle Eltern der Besucher/innen des MJI persönlich bekannt, da nur Kinder und Jugendliche das MJI besuchen, die von den Eltern angemeldet wurden. Die Jugendzentrumsleitung legt Wert darauf, durch Elternabende und Elterngespräche einen kontinuierlichen Kontakt herzustellen. Da viele Eltern einen arabischen Migrationshintergrund haben, schafft hier u.a. die gemeinsame Sprache ein besonderes Vertrauensverhältnis, das einen guten Einblick in das Familienumfeld und die Lebenswelt der Jugendlichen ermöglicht. Auch wenn natürlich die Eruierung von Radikalisierungsgefährdungen der Kinder und Jugendlichen nicht das primäre Ziel dieser Elterngespräche ist, so ermöglichen sie nach Darstellung des Jugendzentrumsleiters doch den Austausch über ggf. heikle Themen wie die religiöse Erziehung oder die Hinwendung zu radikalen Moschee­ gemeinden: „Durch die Elterngespräche und auch durch die jahrelange Zusammenarbeit auch mit diesen Eltern, weil ich sie ja schon lange kenne auch, bekomme ich ja schon einiges mit.“ (PL) „Durch das Gespräch kristallisiert sich ja heraus, also [in] welche Richtung die Eltern ja auch so halt sozusagen sich bewegen. … dann kann ich auch Fragen stellen: ‚ … Gehen eigentlich Ihre Kinder auch Arabisch lernen?‘ … also so kommt das auch raus.“ (PL) Dass ein elternorientierter Zugang zur Zielgruppe aus präventiver Hinsicht von Bedeutung ist, legen auch Forschungsergebnisse aus der Distanzierungsarbeit nahe. So wird angenommen, dass Familien und insbesondere Eltern als „emotionales Band“ eine wichtige Ressource darstellen, um Jugendliche vor einer stärkeren Verstrickung in islamistische Szenen zu bewahren (Glaser/Figlestahler 2016, 261). Insbesondere bei Eltern, die ihre Kinder aus Unwissenheit zu radikalen Moscheegemeinden gehen lassen, kann, in der Darstellung des Jugendzentrumsleiters, dieser Kontakt dazu genutzt werden, die Eltern – mit der gebotenen Zurückhaltung – auf diese Gefahr aufmerksam zu machen bzw. auf alternative Angebote hinzuweisen. Der Jugendzentrumsleiter verweist allerdings auch darauf, dass insbesondere bei streng religiösen Eltern hier ein sehr sensibles Vorgehen erforderlich ist, um das geschaffene Vertrauensverhältnis nicht zu beschädigen: 079 „Ich kann denen ja auf keinen Fall sagen, diese Moschee, wo ihr hingeht, die ist extrem oder irgendwie so vom Verfassungsschutz [beobachtet], das kann ich nicht machen, sondern ich versuche es auf eine andere Art und Weise, sie davon abzuhalten … Wir haben Hausaufgaben und Nachhilfe, wir haben Boxtraining … Und dann sagen die ‚ja‘ in der Regel, aber, wie gesagt, bei den Strengeren, da ist es schwierig ’ranzukommen, da bedarf es Zeit.“ (PL) „Ich denke, wir brauchen auf jeden Fall eine Kooperation mit größeren Vereinen oder Institutionen, also Trägern, die sich damit gut auskennen … [da] die großen Träger ja eigentlich auch von uns profitieren können und wir auch von ihnen. … Also unser Wunsch ist wirklich eine Zusammenarbeit, damit man auch Fachleute hinter sich hat als Rückendeckung, wenn man mal was hat, ein Anliegen oder so, wo man den Verdacht hat, okay, der hier könnte in der radikalen Szene schon sein jetzt oder langsam Fuß gefasst haben. Also was machen wir jetzt? Vielleicht kommen die dann mal her zum Gespräch oder wie auch immer, vielleicht kann man das dann einrichten in dieser Form von Zusammenarbeit, wo man dann mit dem Elternteil zusammensitzen könnte beispielsweise. Also das sind so Dinge, die ich mir wünschen würde. Die aber leider schwierig umsetzbar sind, weil die alle ihre eigenen Angebote durchführen wollen. Das ist auch schwierig für uns, da Kooperationspartner zu suchen, weil, wir sind auch hier am Versinken in der Arbeit.“ (PL) Eine pro-aktive Strategie, die sich aus dem TPIF-Projekt entwickelt hat, ist aus der Erfahrung gespeist, dass viele Eltern ihre Kinder in erster Linie zu Moscheegemeinden schicken, um ihnen Arabischunterricht zu ermöglichen, darunter auch zu Moscheen, die im Verdacht stehen, radikales Gedankengut zu verbreiten, und zu intransparenten Islamunterrichtsangeboten, die im privaten Rahmen organisiert werden. Entsprechend wurde in den vergangenen Monaten am MJI ein Arabisch-Angebot am Wochenende geschaffen, das explizit darauf abzielt, Kindern und Jugendlichen, die den Arabischunterricht verdächtiger Moscheegemeinden nutzen, eine Alternative zu bieten: „Und daraus ist dann die Idee erwachsen, dass wir diesen Eltern dann eine Alternative anbieten möchten und wollen. Und die Ressourcen waren da, samstags, sonntags ist es hier möglich, da gibt es Räumlichkeiten hier. Und da haben wir dann gesagt, okay, dann starten wir und gucken, wie sich das entwickelt. Ob wir Kinder bekommen, die jetzt in diese Moscheen gehen, die ja dann aber eher zu uns kommen, also in den Verein und hier [in] Arabisch unterrichtet werden.“ (PL) Geht man davon aus, dass Radikalisierung neben Persönlichkeitsmerkmalen und Sozialisationseffekten insbesondere auch durch Gelegenheitsstrukturen bedingt wird, trägt das MJI mit derartigen Alternativangeboten gezielt dazu bei, diesen entgegenzuwirken. Aus Sicht des Trainers und der Projektleitung stellt sich dieser „Pilotversuch“ bisher als Erfolg dar, da auch Kinder, die bisher verdächtige Korankurse im privaten Rahmen besucht haben, sich von diesen gelöst und sich stattdessen dem Arabischunterricht im MJI angeschlossen haben. Auch das neue Betätigungsfeld der Flüchtlingsunterstützung und -beratung wird z.T. dazu genutzt, über extremistisch orientierte Gemeinden oder Vereine aufzuklären und in diesem Sinne Gelegenheitsstrukturen islamistischer Einflussnahme zu unterlaufen: „Zum Beispiel sind vor dem IS viele geflüchtet und manche suchen [hier in Berlin] Unterstützung bei Vereinen, die dem IS sehr nahestehen. Das ist so komisch, also ihr seid ja vor denen geflüchtet und geht jetzt zu denen hin. Und manche machen das, weil sie es nicht wissen, weil sie nicht wissen, dass diese Räume denen zugehörig sind. Und ich bin aber derjenige, der denen auch 4. ERGEBNISSE DER EVALUATION Eine bisher offene Frage besteht darin, wie in diesem Kontext mit Eltern und Kindern umgegangen werden kann, die bereits Züge manifester Radikalisierung aufweisen und entsprechend eine fachliche Begleitung benötigen, die durch die vorhandenen Ressourcen kaum zu leisten ist: 080 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) sagt, die stehen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes, weil sie eben dem nahestehen, vor dem du geflüchtet bist.“ (PL) „Wenn, dann geht das in unserem mittäglichen Kurs, bei dem Deutsch- und Orientierungskurs, … da wird auch über Themen gesprochen wie Demokratie und so weiter. Und diese Themen werden dann aufgegriffen und dort wird dann auch darauf hingewiesen … auf solche Dinge wie, dass zum Beispiel bestimmte Stellen, Moscheen und so weiter halt gegen den Staat hetzen. Und da sollte man aufpassen.“ (PL) Im Selbstverständnis des MJI gilt das Handlungsfeld Extremismusprävention als ein Aspekt, der in der alltäglichen Arbeit stets mitgedacht wird. Die Förderung der Trainings trägt mit dazu bei, dass dieses Handlungsfeld weiterentwickelt wird. Zugleich unterstreicht die Projektleitung, dass ihre Arbeit ausschließlich im primärpräventiven Bereich anzusiedeln ist, da die gezielte Einbeziehung bereits radikalisierter Zielgruppen aus ihrer Sicht die Arbeit des Jugendzentrums gefährden würde. 081 5. Fazit Der vorliegende Abschlussbericht bezieht sich auf die erste Phase des TPIF-Projekts, das noch bis Dezember 2017 im MJI angeboten wird. Fragestellungen, zu denen nunmehr Ergebnisse vorliegen, beziehen sich auf: • Ausgangslage, Kontext, Ressourcen, • Zugänge zur Zielgruppe, • Einflussfaktoren für die Umsetzung der Trainings, • Trainingskonzeption und Erreichung der Trainingsziele. Mit Blick auf die Ausgangslage können dabei einerseits die Situation der Zielgruppen in Hinsicht auf Radikalisierungsgefahren und andererseits die Ressourcen des Trägers hinsichtlich eines zielführenden Umgangs mit diesen Gefährdungen unterschieden werden. Festhalten ließ sich bereits in der Implementierungsphase des Projekts, dass die anvisierten Jugendlichen ganz konkret der Gefahr einer Radikalisierung ausgesetzt sind: Freund/innen und Familienmitglieder kommen mit radikalem Gedankengut – auch über Charlottenburger Moscheegemeinden – in Verbindung, sodass auch die Kinder und Jugendlichen damit konfrontiert werden. Einige Trainingsteilnehmer/innen besuchen private Angebote im Bereich des Islamunterrichts, bei denen zu befürchten ist, dass in ihrem Rahmen extremistisches Gedankengut verbreitet wird. Insbesondere bei pubertierenden Jungen sind überdies mitunter gewaltverherrlichende Einstellungen anzutreffen. Bezogen auf die Ressourcen ist festzuhalten, dass der Träger über eine belastbare Reputation im Sozialraum verfügt und über verschiedene bedarfsgerechte Angebote, die in die Extremismusprävention eingebracht werden und niedrigschwellige Zugänge zu den Jugendlichen eröffnen. Insbesondere die Unterstützungsleistung im Bereich der Hausaufgabenhilfe und das angegliederte Freizeitangebot sind für viele Jugendliche attraktiv und sorgen bei der Etablierung des Präventionsangebots für ein ausgeprägtes Vertrauensverhältnis. Das Jugendzentrum wird zudem von den meisten Kindern und Jugendlichen sehr regelmäßig frequentiert, bis zu viermal wöchentlich. Eine wichtige Ressource stellt die Jugendzentrumsleitung dar, die durch den regelmäßigen Kontakt über ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Kindern und Jugendlichen verfügt. Auch die Elterngespräche, die konzeptioneller Bestandteil der Arbeit des Jugendzentrums sind, ermöglichen es, etwaige Radikalisierungsgefährdungen einzelner Besucher/innen einzuschätzen, um so eine gezielte Auswahl der Trainingsteilnehmer/innen treffen zu können. Das vorrangig primärpräventive Training richtet sich sowohl an Kinder und Jugendliche, die ein Risiko aufweisen, Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln, aber soll auch Schlüsselkompetenzen bei Kindern und Jugendlichen fördern, bei denen bisher keine solcher Risiken erkennbar sind. Insofern lässt sich in Hinsicht auf die Zugänge zur Zielgruppe eine sehr hohe Zielerreichung festhalten. 5. FAZIT Zudem wurde neben dem konkreten Beitrag der Trainings zur Extremismusprävention auch der Beitrag, den der ganzheitliche Ansatz des Jugendzentrums generell zur Extremismusprävention leisten kann, gesondert herausgestellt. 082 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) Auch wenn der niedrigschwellige Zugang zur Zielgruppe des Jugendzentrums als besondere Stärke des Projekts gelten muss, erwies sich das Angebot in einem halboffenen Setting in der Implementierungsphase als große Herausforderung, die den Gruppenkonstituierungsprozess verzögerte: Zum einen erwiesen sich die Gruppen als zu groß, um konzentriert zu arbeiten, zum anderen waren sie zu heterogen, um Gruppenarbeit umzusetzen. Nach der beschriebenen Umstrukturierung der Gruppen ist es nunmehr gelungen, zwei Kerngruppen aufzubauen, mit denen die Trainings realisiert werden. Diese Erfahrungen verweisen darauf, dass für ein gelingendes Training eine Gruppengröße von sieben bis acht Teilnehmer/innen nicht überschritten werden sollte und eine gewisse Gruppenhomogenität gewährleistet sein muss. Als förderlicher Faktor für die Umsetzung der Trainings muss insbesondere die Erfahrung und professionelle Expertise der Trainer hervorgehoben werden, die neben einer fundierten pädagogischen und psychotherapeutischen Ausbildung über arabische Sprachkompetenz und eine ausgeprägte kulturelle und religiöse Sensibilität verfügen. Für die Gruppe der Geflüchteten erwies sich der krankheitsbedingte Ausfall des Trainers natürlich als eine Herausforderung, die den Gruppenkonstituierungsprozess stark verzögerte. Der Jugendzentrumsleiter leitet seitdem interimsmäßig diese Gruppe an und wird hierbei durch den weiterhin aktiven Trainer fachlich instruiert. Eine Bewertung der Ergebnisse der letzteren Trainingsgruppe kann angesichts der geringen Reallaufzeit des Trainings hier nicht vorgenommen werden. In der anderen Gruppe, die aus deutschsprachigen Kindern mit Migrationshintergrund besteht, ist es dem Trainer gelungen, nach der Gruppenumstrukturierung zu Beginn des Jahres einen verbindlichen Rahmen zu schaffen, der eine regelmäßige Teilnahme der Kinder an den Trainings bedingt und es ermöglicht, insbesondere Übungen zur Förderung emotionaler Kompetenzen zu realisieren. Entsprechend zeigen sich bei Teilnehmer/innen dieser Gruppe erste Ergebnisse, die im Sinne der Trainingsziele gedeutet werden können, wobei der Trainer bedarfs­ orientierte Umstellungen des modularen Ablaufs vornahm: Wiesen die Teilnehmer/innen zu Beginn der Trainings erhebliche Defizite im Bereich emotionaler Ausdrucksfähigkeit auf, konnten hier durch eine Fokussierung der Trainingsinhalte auf die emotionale Kompetenzentwicklung erste Erfolge verzeichnet werden. Die Teilnehmer/innen zeigten Entwicklungen in puncto Empathiefähigkeit und bezüglich eines selbstverständlicheren differenzierten Umgangs mit den eigenen Emotionen. Aus der Beobachtung der Trainer sowie der Nachhilfelehrer/innen ergibt sich, dass der Umgang der Kinder untereinander auch außerhalb der Trainings empathischer geworden ist. Dies zeigt sich etwa in der Bereitschaft, sich in den Trainings erlernter Konfliktlösungsstrategien zu bedienen, die den Gefühlszustand des Gegenübers einbeziehen. Da sich der geschaffene Rahmen für die bestehende Gruppe als belastbar und ausreichend verbindlich erwiesen hat, ist anzunehmen, dass es in den verbleibenden Monaten gelingen wird, die vorgesehenen Trainingsmodule umzusetzen, die bei den teilnehmenden Kindern neben den emotionalen weitere soziale Schlüsselkompetenzen in Bezug auf Selbst- und Fremdwahrnehmung fördern. Angesichts der bisherigen Trainingserfolge und angesichts der Tatsache, dass die Trainings als gut erprobt gelten müssen, sind weitere Wirkungserwartungen bezogen auf die individuellen Fähigkeiten der Trainingsteilnehmer/innen glaubhaft. Es ist plausibel, dass die Entwicklung solcher Schlüsselkompetenzen die Vulnerabilität in emotionalen Belastungssituationen verringert und damit auch die Resilienz gegenüber extremistischer Ansprache zu stärken vermag. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Projekt TPIF einen interessanten und bisher unberücksichtigten Ansatz im Feld der Extremismusprävention anbietet. Für den Kontext der Jugendarbeit sind die Trainings nur dann geeignet, wenn Bedingungen geschaffen werden können, die es ermöglichen, für eine Kerngruppe einen verbindlichen Rahmen zu schaffen, der eine regelmäßige Teilnahme der Kinder und Jugendlichen und eine gewisse Gruppenhomogenität 083 gewährleistet. Eine allzu hohe Fluktuation, wie sie häufig in der offenen Jugendarbeit anzutreffen ist, verunmöglicht dagegen die Umsetzung des strukturierten, modularen Trainingsablaufs. 5. FAZIT Als Akteur der Jugendarbeit zeichnet sich das MJI insbesondere durch den guten Zugang zu arabischsprachigen, muslimischen Kindern und Eltern im Sozialraum aus. Der kulturelle Hintergrund der Jugendzentrumsleitung und der dort engagierten Trainer ermöglicht ihnen Einblicke in die Lebenswelt der gefährdeten jugendlichen Zielgruppen, über die etwa Lehrer/innen und andere Bezugspersonen häufig nicht in demselben Maße verfügen. Das Angebot von niedrigschwelligen Freizeitangeboten kann und wird z.T. ganz bewusst dazu eingesetzt, Kinder und Jugendliche von potenziellen Anwerbestrukturen fernzuhalten. Die Trainings und ihr Beitrag zur Extremismusprävention sollten auch in diesem Kontext betrachtet werden. Es sollte entsprechend geprüft werden, inwieweit Jugendzentren wie das MJI, die über einen guten Zugang zur Zielgruppe verfügen, gezielt darin unterstützt werden können, einen Beitrag zur Extremismusprävention zu leisten, ohne dabei ihre eigene Arbeit zu gefährden. Ein wichtiger Schritt sollte darin bestehen, eine bessere Vernetzung mit Fachakteuren aus der Distanzierungsarbeit voranzutreiben, einerseits um den Jugendzentren eine potenzielle Verweisstruktur an die Hand zu geben, andererseits um den Praxisdiskurs über den Umgang mit bereits radikalisierten Jugendlichen voranzubringen. 085 6. Empfehlungen Die nachfolgenden Empfehlungen beziehen sich zum einen auf die Umsetzung der Trainings und die Bedingungen für einen Transfer in andere Kontexte und zum anderen darauf, wie der Beitrag zur Extremismusprävention, den das MJI als Jugendzentrum im Sozialraum leistet, weiter unterstützt werden könnte. Der niedrigschwellige Zugang zu den Trainings und das halboffene Angebot ermöglichte einen guten, nicht-stigmatisierenden Zugang zur Zielgruppe, verzögerte aber auch stark den Gruppen­ konstituierungsprozess. Aus diesen Erfahrungen kann die Lehre gezogen werden, dass es in Zukunft bei der Auswahl der Trainingsteilnehmer/innen klarer Kriterien bedarf, die darauf ausgerichtet sind, arbeitsfähige Kerngruppen zu etablieren. Eine allzu hohe Heterogenität in Hinblick auf Alter und Sprache der Teilnehmer/innen stellt eine Überforderung der Gruppe dar; insofern sollten hier Kriterien angelegt werden, die von vornherein auf homogenere, arbeitsfähige Gruppen abzielen, um einen schnelleren Einstieg in die Trainingsumsetzung zu finden. Die Übertragung des Trainingskonzepts in andere Kontexte der Jugendarbeit kann dann empfohlen werden, wenn es gelingt, einen verbindlichen Rahmen herzustellen, da der modulare Aufbau der Trainings eine regelmäßige, kontinuierliche Teilnahme der Kinder und Jugendlichen erfordert. In Kontexten, in denen eine hohe Fluktuation vorherrscht, könnten eher Einzelmodule der Trainings Anwendung finden. Um den Transfer der Trainings in weitere Kontexte zu ermöglichen, wäre es wünschenswert, wenn das Trainingscurriculum, das maßgeblich durch die beiden Trainer konzipiert wurde, in einer schriftlichen Fassung zugänglich gemacht würde, welche die Einzelmodule und die Wirkungsannahmen im Hinblick auf die Extremismusprävention transparent macht. Der gute Zugang zu gefährdeten Zielgruppen und die Kenntnis von Gefährdungen im Sozialraum, über welche das MJI verfügt, stellt – auch über den konkreten Nutzen für die Trainings hinaus – ein Potenzial dar, das in Hinblick auf den Bereich der Deradikalisierung weiter ausgeschöpft werden sollte. So zeigen etwa die Erfahrungen des Jugendzentrums, dass niedrigschwellige Freizeitangebote, wie etwa das neu geschaffene Arabischunterrichtsangebot, das Potenzial bieten, Strukturen, die der islamistischen Ansprache dienen, Alternativen entgegenzusetzen. Für die Akteure der Jugendarbeit ergibt sich aus solchem Engagement allerdings ein gewisses Spannungsfeld: Sie leisten durch dieses Engagement auf der einen Seite mit ihrer Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen einen überzeugenden und relevanten, an bestehenden Bedarfen ansetzenden Beitrag auch zur Extremismusprävention – insbesondere im Sinn primärpräventiver Ansätze. Um einer Stigmatisierung der Zielgruppen und damit auch der Unterminierung niedrigschwelliger Zugänge vorzubeugen, sind jedoch die Gewährleistung des Vertrauensschutzes und eine eher implizite Bearbeitung des Themenfeldes von großer Bedeu- 6. EMPFEHLUNGEN Wie bereits mehrfach unterstrichen, zeigt sich die besondere Stärke des TPIF-Projekts in der Zielgruppenerreichung, da das Jugendzentrum aufgrund des niedrigschwelligen Freizeitangebots und des kulturellen Hintergrunds der Jugendzentrumsleitung insbesondere auch von muslimisch geprägten Kindern und Jugendlichen aus dem Sozialraum frequentiert wird. 086 THERAPEUTISCHE PRÄVENTIONS- UND INTERVENTIONS­MASSNAHMEN FÜR GEWALT- UND EXTRE­­MISMUS­GEFÄHRDETE MINDER­JÄHRIGE MIGRAN­TEN UND FLÜCHTLINGE (TPIF) tung. Voraussetzung einer wirkungsvollen Arbeit ist damit die deutliche und sichtbare Vorrang­ stellung der Orientierung an den persönlichen Entwicklungsgewinnen der Kinder und Jugend­ lichen gegenüber denkbaren Sicherheits- oder Informationsinteressen. Hinsichtlich der Förderung von Projekten mit Zielstellungen im Bereich der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung ist daher zu fragen, wie diese primärpräventive Arbeit von sozial­ raumnahen Akteuren angemessen unterstützt und dabei Zugänge zur Zielgruppe aufrecht­ erhalten und die spezifischen Arbeitsweisen und Selbstverständnisse der Projektverantwortlichen geschützt werden können. Eine erste Antwort ist in einer stärkeren Vernetzung der Fachakteure in diesem Bereich zu suchen, die ein verbessertes Schnittstellenmanagement zwischen primärpräventiver Arbeit und Distanzierungsarbeit ermöglicht. Eine solche Vernetzung könnte dafür genutzt werden, die Jugend­arbeit mit gefährdeten Kindern und Jugendlichen stärker als bisher in einen fachlichen Austausch einzubetten und im Fall bereits radikalisierter Kinder und Jugendlicher eine Verweisungsstruktur zu etablieren. Entsprechend wird empfohlen, die Vernetzung der Jugendzentrumsleitung mit Projekten wie beispielsweise KOMPASS zu unterstützen, um Kooperationsmöglichkeiten zu eruieren. Von Seiten der Projektleitung des MJI ist bekannt, dass Interesse an einer solchen Kooperation besteht und in der Vergangenheit diesbezüglich auch erste Kontakte stattgefunden haben. 087 7. Verzeichnisse 7.1 LITERATURVERZEICHNIS Ceylan, Rauf/Kiefer, Michael (2013): Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikali- sierungsprävention. Wiesbaden. Glaser, Michaela/Figlestahler, Carmen (2016): Distanzierung vom gewaltorientierten Islamismus. Ansätze und Erfahrungen etablierter pädagogischer Praxis. In: Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe H. 3, S. 259-265. Payton, J. W./Wardlaw, D. M./Graczyk, P. A./Bloodworth, M. R./Tompsett, C. J./Weissberg, R. P. (2000): Social and emotional learning: a framework for promoting mental health and reducing risk behaviors in children and youth. In: Journal of School Health, H. 70, S. 179-185. Arbeits- und Sozialverhalten (9., überarbeitete und erweiterte Ausg.). Göttingen. Petermann, Frank/Petermann, Ulrike (2012): Training mit aggressiven Kindern (13., überarbeitete Ausg.). Weinheim/Basel. Petermann, Frank/Petermann, Ulrike/Nitkowski, Dennis (2016): Emotionstraining in der Schule. Ein Programm zur Förderung der emotionalen Kompetenz. Göttingen. 7.2 TABELLENVERZEICHNIS Tabelle 1: Sozial-emotionale Schlüsselkompetenzen als Zieldimensionen eines Trainings 67 7.3 ABBILDUNGSVERZEICHNIS Abbildung 1: Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung im Jugendalter 63 Abbildung 2: Einheiten des Trainings 69 7.4 ABKÜRZUNGEN MJI Multikulturelles Jugend-Integrationszentrum e.V. PL Projektleiter (als Interviewpartner) T1 Trainer 1 des Projekts (als Interviewpartner) TPIF Therapeutische Präventions- und Interventionsmaßnahmen für gewalt- und extremismusgefährdete minderjährige Migranten und Flüchtlinge 7. VERZEICHNISSE Petermann, Frank/Petermann, Ulrike (2010): Training mit Kindern und Jugendlichen. Aufbau von KONFLIKTABBAU DURCH BERATUNG UND INTEGRATIONSFÖRDERUNG FÜR FLÜCHTLINGE UND ASYLSUCHENDE 04
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