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Themenschwerpunkt: Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus

Full text: Berliner Forum Gewaltprävention Issue 20 Themenschwerpunkt: Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus

Nr. 20

Berliner Forum Gewaltprävention

Wilhelm Heitmeyer

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Die theoretische Konzeption und empirische Ergebnisse aus 2002, 2003 und 2004
(Leicht gekürzte Fassung aus Heitmeyer; W. (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 3, Suhrkamp Verlag Frankfurt, 2005, S. 13-34)

1. In welcher Normalität leben wir?

Die humane Qualität einer Gesellschaft erkennt man nicht an Ethikdebatten in Feuilletons
meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern am Umgang mit schwachen Gruppen. Dieser kann sich in vielen Facetten ausdrücken: Ökonomische Umverteilungen von unten nach oben, Entfernungen aus dem öffentlichen „Verkaufsraum“, Generalverdächtigungen gegenüber den Lebensstilen oder religiösen Überzeugungen ganzer Gruppen sind nur einige Varianten. Zum Teil werden Gruppen gegen andere instrumentalisiert oder als Bedrohungspotential auf die öffentliche Tagesordnung gehoben. Eine andere Variante besteht darin, die Situation schwacher Gruppen gar nicht erst zu thematisieren, sie also aus der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion auszuschließen, zu vergessen, mithin sie nicht anzuerkennen, um nicht über Verbesserungen ihrer Lage nachdenken zu müssen. Klammheimlich kann dazu auch die „Schuldumkehr“ eingesetzt werden, womit die Ursachen für Abwertungen – quasi gesellschaftsentlastend – den Gruppen selbst zugeschrieben werden. Zugleich ist ihre Existenz latent im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft wach zu halten, gleichsam als Disziplinierungsinstrument für die restliche Bevölkerung, mit der unausgesprochenen Warnung, nicht „abzuweichen“. Das ist – nur scheinbar paradoxerweise – zur Sicherung von Stabilität umso nötiger, desto mehr eine Entwicklung von einer Konsens- zu einer Konfliktgesellschaft fortschreitet. Dies ist besonders dann riskant, wenn Solidargemeinschaften von starken Gruppen aufgekündigt werden, so dass Spaltungstendenzen und Ungleichheiten zunehmen und soziale Status- und Abstiegsängste grassieren. Hinter allen diesen Erscheinungsweisen, Instrumentalisierungen und Entwicklungen lagert eines der zentralen Probleme auch dieser Gesellschaft: Die Aufrechterhaltung oder gar Verstärkung der Ungleichwertigkeit von Gruppen und den ihnen angehörenden Menschen sowie die Auflösung von Grenzen zur Sicherung ihrer physischen und psychischen Integrität, die ihnen ein Leben in Anerkennung und möglichst frei von Angst ermöglichen. Daher geht es immer wieder um die Frage, wie Menschen unterschiedlicher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft mit ihren verschiedenen Lebensstilen in dieser Gesellschaft leben, Anerkennung erfahren oder aber sich feindseligen Mentalitäten ausgesetzt sehen. Dabei sind wir mit einer bemerkenswerten Ungleichzeitigkeit konfrontiert. Auf der einen Seite werden politisch durchaus Anstrengungen etwa zur rechtlichen Gleichstellung bzw. Anti - Diskriminierung unternommen. Auf der anderen Seite sind offenkundig deren Effekte nicht hinreichend für eine bedeutsame Veränderung von Einstellungen in der Bevölkerung und für das Zusammenleben von Gruppen.

2. Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Phänomene, Erklärungen und die Entwicklungen über die Zeit
Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF), dessen empirische Umsetzung einen Beitrag zur kritischen Spiegelung der gesellschaftlichen Zustände leisten will, bezieht sich auf Phänomene, ihre Erklärungen und die Veränderungen über die Zeit. In 2002 waren die ersten beiden Aspekte zentral, der dritte kam 2003 erstmals hinzu und wird nun in 2004 fortgeschrieben.

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Menschenfeindlichkeit zielt nicht auf ein Feindschaftsverhältnis zu einzelnen Personen, sondern bezieht sich auf Gruppen. Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Hierdurch wird die Würde der betroffenen Menschen antastbar und kann zerstört werden. Das besondere Kennzeichen dieses Begriffs ist seine Spannweite. Sie ergibt sich aus dem Phänomen selbst, denn nicht nur Personen fremder Herkunft sind mit Feindseligkeiten und Gewalt konfrontiert, wenn sie bestimmten Gruppen zugeordnet werden, sondern auch Menschen gleicher Herkunft, deren Verhaltensweisen oder Lebensstile in der Bevölkerung als „abweichend“ von einer als beruhigend empfundenen Normalität interpretiert werden. In unsere Konzeption (vgl. ausführlicher Heitmeyer 2002, 20f.) sind bisher sieben Elemente eingegangen, in denen sich die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland zeigt (1). • Rassismus umfasst jene Einstellungen und Verhaltensweisen, die Abwertungen auf der Grundlage einer konstruierten „natürlichen“ Höherwertigkeit der Eigengruppe vornehmen. • Fremdenfeindlichkeit ist auf bedrohlich wahrgenommene kulturelle Differenz und materielle Konkurrenz um knappe Ressourcen bezogen. • Antisemitismus ist als feindselige Mentalität auf die jüdische Gruppe und ihre Symbole gerichtet. • Heterophobie erfasst die Abwertung und Abwehr von Gruppenangehörigen, die wie Homosexuelle, Obdachlose und Behinderte, von der Normalität „abweichende“ Verhaltensweisen und Lebensstile aufweisen. • Islamophobie bezeichnet die Bedrohungsgefühle und die ablehnenden Einstellungen gegenüber der Gruppe der Muslime, ihrer Kultur und ihren öffentlich - politischen wie religiösen Aktivitäten. • Etabliertenvorrechte umfassen die von Alteingesessenen, gleich welcher Herkunft, beanspruchten raum - zeitlichen Vorrangstellungen, die auf eine Unterminierung gleicher Rechte hinauslaufen und somit die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Gruppen verletzen. • Sexismus betont die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Sinne einer Demonstration der Überlegenheit des Mannes und fixierter Rollenzuweisungen an Frauen. Sexismus ist ein Sonderfall, weil es hierbei nicht, wie bei den anderen Gruppen, um die Ungleichwertigkeit einer zahlenmäßigen Minderheit, sondern einer Mehrheit der Bevölkerung geht. Da Ungleichwertigkeit den gemeinsamen Kern aller Elemente ausmacht, sprechen wir von einem Syndrom, das wir in 2002 erstmals nachweisen konnten (vgl. Heitmeyer 2002, 23). Diese Analyse erfolgte auf der Basis solcher Operationalisierungen, die Mentalitäten erfassen sollen, die sowohl als Vorformen als auch Legitimationen von zerstörerischer Brutalität dienen können. Dieser Weg wurde gewählt, weil manifeste Menschenfeindlichkeit, die sich im zerstörerischen Handeln zeigt, vielfach mit latenter Menschenfeindlichkeit in Einstellungen und Verhaltensbereitschaften beginnt – ohne dass bekanntlich ein Automatismus besteht. Vielfältige Einflüsse sind dazwischengeschaltet: das regionale oder gesellschaftliche Klima, die sozialen Lagen, die persönliche Risikobereitschaft, die zur Verfügung stehenden Opfer, die erwartbare Sanktionswahrscheinlichkeit oder der stützende soziale Bezugskontext, um nur einige wichtige Faktoren zu nennen. Die Analysen in Teil II (Deutsche Zustände, Folge 3, 2005 d. Redaktion) orientieren sich an einem Untersuchungskonzept zur Erklärung des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, das sich aus vier Komplexen zusammensetzt. Es sind erstens objektive Kontextbedingungen wie Arbeitslosenquoten bzw. Ausländeranteile in den Regionen; zweitens werden theoretische Konzepte wie z.B. Soziale Desintegration, relative Deprivation, Anomie und Autoritarismus herangezogen.

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Drittens werden moderierende Elemente berücksichtigt, die zwischen den Faktoren vermitteln, also Zusammenhänge verstärken oder abschwächen, wie z.B. Kontakte mit Ausländern. Zusätzlich werden Verhaltensintentionen wie Diskriminierungs- und Gewaltbereitschaft betrachtet (...). In 2004 wurde aufgrund der in 2003 sichtbar gewordenen negativen Trends in der Wahrnehmung und Beurteilung gesellschaftlicher Entwicklungen und der eigenen sozialen Lage der Befragten eine besondere Aufmerksamkeit den Folgen sozialer Spaltungen für die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gewidmet (...). Dies betrifft auch den in 2002 und 2003 auffälligen Befund höherer Werte von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Islamophobie bei Frauen (...). Ihren Ursachen wird ebenso nachgegangen wie der Funktion des sozialen Bezugskontextes (...). Die Bedeutung von Kontakten für die Reduzierung Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wird im Zusammenhang mit der Ausländerquote analysiert (...). Gefragt wird ferner, wie sich Menschen von der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit durch Schuldzuweisung entlasten (...). Schließlich sind infolge der politischen Debatten die Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und Israelkritik untersucht worden (...). Insgesamt sind vier zentrale Fragen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ständig neu zu stellen: • Sind Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Elementen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit auffindbar? Existiert das ermittelte Syndrom weiterhin? • In welchem Ausmaß wird die Würde schwacher Gruppen durch abwertende wie ausgrenzende Einstellungen und diskriminierendes wie gewalttätiges Verhalten in Frage gestellt? • Welche Erklärungen lassen sich dafür finden, dass sich feindselige Mentalitäten und Verhaltensweisen gegenüber diesen Gruppen entwickeln, verfestigen und ausbreiten? • Wo werden Veränderungen in den Ausmaßen und Zusammenhängen im Zeitverlauf erkennbar? Diesen Fragestellungen wird aus verschiedenen Perspektiven nachgegangen.

3. Empirische Ergebnisse
In der Regel werden Analysen zum zivilen Zustand dieser Gesellschaft aufgrund einmalig erfasster Daten durchgeführt. Der Ansatz dieses Projektes geht darüber hinaus, indem jährlich neue Daten erhoben werden. Die Kernfragestellungen bleiben gleich, um Verlaufsformen zu zeichnen. Zugleich wird aber auch auf gesellschaftliche Veränderungen und politische Debatten reagiert. In der Berichterstattung für 2004 wird dementsprechend vergleichend auf Ergebnisse aus 2002 und 2003 zurückgegriffen. Es wird also erste Hinweise auf Trends geben. Die Ergebnisse in diesem Jahr (...) basieren auf einer im Juni 2004 durchgeführten Befragung von 2.656 repräsentativ ausgewählten Personen der deutschsprachigen Bevölkerung (2).

3.1 Das Syndrom
Die Analysen zu den Elementen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zeigen, dass sich auch in diesem Jahr ein Syndrom bestätigen lässt. Das Syndrom wurde erstmals in 2002 ermittelt und bereits in 2003 repliziert. Die Befunde in 2004 unterstreichen die These, dass es sich bei der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit um ein theoretisches Konstrukt mit dem gemeinsamen Kern der Ungleichwertigkeit handelt. So belegen die empirischen Ergebnisse, dass die einzelnen Elemente nicht unabhängig voneinander ausgeprägt sind. Es lässt sich daher folgern, dass feindselige Einstellungen nicht nur gegen eine, sondern vielfach gegen mehrere Gruppen gerichtet sein können. Trotz des gemeinsamen Kerns des Syndroms ist zu beachten, dass die Zusammenhänge nach wie vor unterschiedlich eng ausfallen.

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Beispielsweise sind die Korrelationen zwischen Fremdenfeindlichkeit und Etabliertenvorrechten stärker als zwischen Heterophobie und Rassismus. Die Graphik (vgl. Abb. 1) bildet das Syndrom Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ab und die Tabelle 1 dokumentiert die Stärke der Zusammenhänge der Einzelelemente für Ost- und Westdeutschland. Abb. 1: Konstrukte des Syndroms (3) Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Rassismus Fremdenfeindlichkeit

Heterophobie

Antisemitismus

Klassischer Sexismus Etabliertenvorrechte

Islamophobie

Tab. 1: Korrelationen (4) zwischen den Konstrukten des Syndroms in 2004
Etabliertenvorrechte Fremdenfeindlichkeit Antisemitismus Islamophobie Heterophobie Klassischer Sexismus

Rassismus Etabliertenvorrechte Fremdenfeindlichkeit Antisemitismus Islamophobie Heterophobie Klassischer Sexismus

.64 .58 .28 .63 .48 .51

Rassismus

.61 .79 .41 .77 .56 .53

.56 .64 .36 .91 .51 .46

.38 .54 .53 .40 .27 .37

.67 .70 .86 .61 .46 .53

.40 .48 .52 .49 .63 .32

.61 .43 .42 .40 .56 .48 -

(Westdeutschland: unterhalb der Diagonalen, Ostdeutschland: oberhalb der Diagonalen)

Verglichen mit 2003 zeigt sich 2004 eine weitgehende Stabilität. Wenn es Änderungen gibt, dann eher Anstiege der Korrelationen als Rückgänge. Das kann als eine Verfestigung des Syndroms interpretiert werden. Dieses Ergebnis erhöht das Gewicht unserer These, nach der ein solches Syndrom umso problematischer für das gesellschaftliche Klima und die Qualität des Zusammenlebens ist, desto eher potentielle Mobilisierer gegen schwache Gruppen an den verschiedenen Elementen des Syndroms ansetzen können.

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3.2 Ausmaße und Veränderungen
Die Konstrukte des Syndroms wurden über Indikatoren (5) gebildet, die in Tabelle 2 aufgelistet sind. Die Modellbildung basiert auf einer reduzierten Anzahl von Aussagen zu jedem Konstrukt (6). In die weiteren Analysen mit dem Syndrom (...) gehen nur die aufgeführten einzelnen Aussagen ein, während bei deskriptiven Darstellungen auch weitere Items zu den unterschiedlichen Elementen von Menschenfeindlichkeit berücksichtigt werden. Betrachtet man die Verteilung bei den Einzelitems (7) (vgl. Tab. 2), dann zeigt der Vergleich das generelle Ergebnis, dass die Abwertungen insgesamt zwischen 2003 und 2004 weniger stark zugenommen haben als zwischen 2002 und 2003. Die Verläufe sind zudem nicht einheitlich negativ oder positiv, wie sich auch aus Abbildung 2 ersehen lässt. Auffällig für die Fremdenfeindlichkeit sind inzwischen jene 60 %, die der Auffassung sind, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben. Und der Forderung, dass Ausländer wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollen, wenn die Arbeitsplätze knapp werden, stimmen nach mehr als 27 % in 2002 jetzt in 2004 36 % zu. Besondere Beachtung verdient folgender Befund: Aus dem Blickwinkel der politischen Orientierung zeigt sich, dass der Gesamtanstieg der Fremdenfeindlichkeit insbesondere auf Personen zurückzuführen ist, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen. In dieser Gruppe stimmen jetzt ca. 65 % der Aussage zu, dass es zu viele Ausländer in Deutschland gibt, im Jahr 2002 waren es fast 58 %. In der politischen Mitte verschieben sich also die Normalitäten. Ebenso auffällig sind die Werte zwischen 2002 und 2004 bei den verschiedenen Varianten der Heterophobie, also der Feindseligkeit gegenüber Obdachlosen, Homosexuellen oder Behinderten. Die Zunahmeraten negativer Einstellungen reicht von 3,6 % über 4,4 % bis 6,0 %. Bei einer zusätzlichen Frage zur Entfernung von Obdachlosen aus den Fußgängerzonen stieg das Ausmaß der Diskriminierungsintention im Vergleichszeitraum von 35 % auf jetzt fast 39 %. Zwar signalisieren die Ergebnisse zu den im Syndrom enthaltenen Aussagen zur Islamophobie keine gesonderten Probleme. Eine nähere Betrachtung weiterer Items lässt aber eine negative Entwicklung deutlich werden. So stieg die Ablehnung, dass der Islam eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht habe, von fast 37 % in 2003 auf 43 % in 2004. Dass die muslimische Kultur in die westliche Welt passe, lehnten 2003 fast 66 % ab, in 2004 sind es fast 70 %. Auch bei den distanzierenden Verhaltensabsichten zeigen sich diese Trends. Das Misstrauen gegenüber Muslimen stieg von mehr als 34 % auf fast 39 %. Die Abneigung der Befragten in eine Gegend zu ziehen, in der viele Muslime leben, stieg kontinuierlich von fast 52 % in 2002 auf fast 58 % in 2004. Inwieweit diese Entwicklung nur ein zeitweilig wirksamer Effekt aufgrund der Anschläge im März 2004 in Madrid ist, oder ob sich ein stabiler Trend herausbildet, bleibt abzuwarten. Die anderen Syndromelemente weisen eher stabile Verläufe auf.

Tab. 2: Indikatoren des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Angaben in Prozent. Werte, die auf menschenfeindliche Einstellungen hindeuten, sind grau unterlegt. Der erste Prozentwert bezieht sich auf die Erhebung in 2002, der zweite auf 2003, der dritte auf 2004.

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Rassismus Aussiedler sollten bes- 39,9 38,1 13,5 8,5 ser gestellt werden als Ausländer, da sie deut- 35,9 42,9 14,4 6,8 scher Abstammung sind. 37,4 40,6 14,0 7,9 Die Weißen sind zu 51,2 32,4 10,4 6,0 Recht führend in der Welt. 48,4 34,0 11,3 6,3 58,5 28,4 7,9 Fremdenfeindlichkeit Es leben zu viele Ausländer in Deutschland. 5,2

2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004

Signifikanz der Veränderung ns ns ns ns ** ** * ns ** ** * ** ** ** ns ** ns ns ** ns ** ** ns

15,3 29,3 28,6 26,8 12,8 28,1 31,0 28,1 11,1 29,1 29,7 30,1

Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken. Antisemitismus Juden haben in Deutschland zuviel Einfluss.

27,0 45,3 15,5 12,2 21,6 48,3 16,4 13,7 22,5 41,6 19,5 16,5

36,8 41,5 14,8 6,9 33,0 43,7 13,9 9,5 43,6 34,9 10,9 10,6

Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig.

50,5 32,9 12,1 4,5 45,3 36,9 12,4 5,5 50,4 32,2 11,1 6,3

Heterophobie Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen.

37,5 29,2 11,5 21,8 31,3 32,6 11,2 24,8 30,5 31,9 14,2 23,5

In der Gegenwart von 43,9 34,6 16,6 4,9 Behinderten fühlt man sich manchmal unwohl. 38,3 32,5 21,9 7,3

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...voll und ganz zu

Stimme ... ...überhaupt nicht zu ...eher nicht zu ...eher zu

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42,3 30,2 20,4 7,1 Die Obdachlosen in den 16,8 41,8 28,4 13,0 Städten sind unangenehm. 15,3 38,2 31,5 15,0 15,8 39,1 28,5 16,5 Islamophobie Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. a Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land. a Die Muslime in Deutschland sollten das Recht haben, nach ihren eigenen Glaubensgesetzen zu leben.a — — — — 26,9 46,6 14,1 12,4 28,4 47,5 12,1 11,9 — — — — 28,4 40,5 15,8 15,2 25,3 39,6 17,2 17,9 8,7 8,2 20,4 36,5 34,5 20,2 35,7 35,9 — — 22,8 32,7 25,7 30,9 — —

2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004

Signifikanz der Veränderung ** ** ns ** 2003 2004 2002 2004 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2003 2003 2004 ns ns ** ns ns ns * ns 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 2002 2003 2003 2004 2002 2004 ns ** ** ** ns * ns ns **

— — Es ist allein Sache der 17,7 26,7 Muslime, wenn sie über Lautsprecher zum Ge- 15,6 27,8 bet aufrufen.a — — Etabliertenvorrechte Wer irgendwo neu ist, 12,7 29,4 sollte sich erst mal mit weniger zufrieden ge13,3 28,8 ben. 12,4 26,2

32,9 24,9 34,5 23,4 28,6 32,9

Wer schon immer hier 29,3 29,8 22,4 18,5 lebt, sollte mehr Rechte haben, als die, die spä- 29,5 35,8 18,7 16,0 ter zugezogen sind. 31,0 33,5 17,7 17,8 Klassischer Sexismus Frauen sollen sich wie- 31,2 39,4 18,2 11,2 der mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter 28,7 40,0 19,0 12,3 besinnen. 34,1 36,5 19,1 10,2

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...voll und ganz zu

Stimme ... ...überhaupt nicht zu ...eher nicht zu ...eher zu

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Für eine Frau sollte es — — — — wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karrie- 30,7 42,8 15,6 10,9 re zu helfen, als selbst 36,0 38,4 15,5 10,1 Karriere zu machen. a

2003 2004 2002 2004

Signifikanz der Veränderung ** ns

Anmerkung: a Diese Items wurden in einem der Jahre nicht erhoben. Deshalb liegen hier keine Vergleichswerte vor. Unterschiede zwischen den Jahren 2002 - 2004 sind auf Basis des Mittelwertvergleichs ** signifikant bei 1%-Irrtumswahrscheinlichkeit bzw. * signifikant bei 5% - Irrtumswahrscheinlichkeit oder nicht signifikant (ns).

Zum besseren Überblick sind im Folgenden die Verläufe der Syndromelemente der Jahre 2002, 2003 und 2004 in einer Graphik abgebildet. Diese Präsentation der Ergebnisse (...) soll auch in den nächsten Jahren weiter fortgeschrieben werden. Die abgebildeten Linien beziehen sich auf Werte, die jeweils aus den beiden Aussagen der einzelnen Syndromelemente gemittelt wurden (vgl. Abbildung 2). Die Mittelwerte rangieren von 1 bis 4, d.h., je höher die Werte ausgeprägt sind, desto höher sind auch die feindseligen Mentalitäten zu bewerten. Abb. 2: Mittelwerte der Syndromelemente für die Jahre 2002, 2003 und 2004

Mittelwerte

1,7

1,9

2,1

2,3

2,5

2002

2003

2004

...voll und ganz zu

Stimme ... ...überhaupt nicht zu ...eher nicht zu ...eher zu

2005

Etabliertenvorrechte Fremdenfeindlichkeit Islamophobie (alte Skala) Islamophobie (neue Skala) Heterophobie Klassischer Sexismus Antisemitismus Rassismus

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Zunächst wird deutlich, dass die Zustimmung zu Fremdenfeindlichkeit und Etabliertenvorrechten nach wie vor relativ hoch sind. Im mittleren Bereich liegen die Heterophobie, die Islamophobie und der Sexismus. Relativ niedrige Werte finden sich bezüglich Rassismus und Antisemitismus konstant über die Jahre. Bei einer genaueren Betrachtung der Verläufe von 2002, 2003 und 2004 wird deutlich, dass einzig bei der Fremdenfeindlichkeit die Werte tendenziell kontinuierlich zunehmen. Leicht diskontinuierlich ist der Verlauf bei der Reklamierung von Etabliertenvorrechten – einem Abfall in 2003 folgt nun in 2004 ein Anstieg sogar über das Niveau von 2002 hinaus. Die Heterophobie ist relativ stagnierend bis leicht abnehmend von 2003 nach 2004. Zusätzliche Analysen zeigen jedoch, dass insbesondere die Aversion gegenüber Homosexuellen zunehmend ist. Dieser Befund wird durch gegenläufige Entwicklungen bezüglich der Obdachlosen und Behinderten verdeckt. Die Islamophobie ist in ihrem Verlauf bislang besonders vorsichtig einzuschätzen, denn wir haben im Untersuchungsprozess das Erhebungsinstrument dazu wesentlich optimiert. Insgesamt zeigt sich bei der Islamphobie ein leichter Anstieg, der durch bereits publizierte und darüber hinausgehende Analysen gestützt werden kann (vgl. Leibold / Kühnel 2003). Das Element Sexismus weist eine diskontinuierlich eher abnehmende Kurve auf; nach einer Zunahme in 2003 fällt der Wert unter das Ausgangsniveau in 2002. Ähnlich diskontinuierliche Verläufe auf niedrigerem Niveau weisen Antisemitismus und Rassismus auf. Der Antisemitismus fällt nach einer Zunahme in 2003 auf das Niveau von 2002 zurück, der Rassismus sogar noch darunter. Ob es sich tatsächlich im Einzelnen um kontinuierlich zu- bzw. abnehmende, diskontinuierlich zu- bzw. abnehmende oder stagnierende Trends handelt, müssen erst folgende Analysen mittels Daten aus weiteren Erhebungszeitpunkten ergeben. So zeigt sich an dieser Stelle die Notwendigkeit, die GMF - Studie über die nächsten Jahre weiterzuführen, um menschenfeindliche Muster differenziert zu beschreiben und ihre Verläufe genauer zu verfolgen. Dann erst wird eine eindeutige Interpretation der Trends möglich sein. Relativierend muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die auf der Basis von Mittelwerten beschriebenen Verläufe keine großen Unterschiede zwischen 2002, 2003 und 2004 aufweisen. Wir haben allerdings deutliche Differenzen auch nicht erwartet, denn Einstellungsmuster werden sich eher sukzessive verschieben. Gleichwohl gibt es erschreckend hohe Zustimmungen zu einzelnen Elementen des Syndroms. Gerade deshalb sind diese Prozesse besonders aufmerksam zu verfolgen, weil sich – ohne alarmierende Veränderungen – eine Normalität herausbilden kann, die sich dann, wenn diese Prozesse in der Deutung der Bevölkerung eben „normal“ erscheinen, nur noch mit großen Anstrengungen verändern lassen. Denn alles, was als normal gilt, lässt sich nur schwer problematisieren. Die bisher dargestellten Befunde sagen etwas über Stabilität und Veränderungen in der gesamten Befragtengruppe aus. Dadurch können zugleich spezifische Entwicklungen in Teilgruppen der Bevölkerung verdeckt werden, die wir in wenigen Beispielen gesondert betrachten. Ein Blick auf Ost- und Westdeutschland offenbart deutliche Unterschiede in verschiedenen Elementen (vgl. Abb. 3). Die Trendentwicklung zeigt insbesondere den Anstieg der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland von ca. 46 % in 2002 auf fast 56 % in 2004. Demgegenüber verlief die vergleichbare Entwicklung in Westdeutschland von fast 32 % auf über 36 %. Auffällig ist auch der Anstieg der Islamophobie von fast 23 % in 2003 auf jetzt fast 31 % im Osten gegenüber ca. 21 % in 2003 auf jetzt fast 22 % im Westen. Gleichzeitig stieg der Antisemitismus im Osten geringfügig von ca. 12 % in 2002 auf 13,0 % in 2004, im Westen jedoch im selben Zeitraum von fast 13 % auf 15 %.

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Abb. 3: Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland in den Elementen des Syndroms Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im GMF - Survey - 2004
(Raten derer, die Skalenwerte von über 2,5 aufweisen / Angaben in Prozent)

Rassismus

11,3 12,7 36,3 56,1

Fremdenfeindlichkeit**
15,1 13 34

Antisemitismus

Heterophobie
21,8

36,8

Islamophobie**

30,5 38,4

Etabliertenvorrechte
23 17,6 0 10 20 30 40

40,3

Klass. Sexismus**

50

60

Ost

West

Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sind auf Basis des Mittelwertvergleichs ** signifikant bei 1% - Irrtumswahrscheinlichkeit bzw. * signifikant bei 5% - Irrtumswahrscheinlichkeit.

3.3 Veränderungen in der Integrationsqualität dieser Gesellschaft und den politischen Orientierungen
Eine der zentralen Fragen dieses Projektes ist darauf gerichtet, wie die Veränderungen der Zuoder Abnahme der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit mit gesellschaftlichen Entwicklungen einhergehen (vgl. Endrikat / Schaefer / Mansel / Heitmeyer 2002). Deshalb werden relevante Faktoren von sozialen Desintegrationsgefahren (...) betrachtet. Dabei zeigt sich, dass die Zukunftsangst ansteigt. Von 2002 zu 2004 ist die Erwartung, dass sich die eigene finanzielle und wirtschaftliche Situation verschlechtern wird von fast 24 % auf über 40 % gestiegen. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in der weiter gestiegenen Angst vor Arbeitslosigkeit bzw. in der Erwartung eigener Arbeitslosigkeit (vgl. Tab. 4). Tab. 4: Zukunftsaussichten 2002, 2003, 2004
Angaben in Prozent. Werte, die auf schlechte Zukunftsaussichten hindeuten, sind grau unterlegt. Der obere Prozentwert bezieht sich auf die Erhebung in 2002, der mittlere auf 2003, der untere auf 2004.

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Was erwarten Sie 24,5 für die nächsten fünf Jahre? Wie wird Ihre 18,3 wirtschaftliche und finanzielle Situation im Vergleich zu 17,1 heute sein? sehr gut

51,8 43,7 42,8 eher gut

23,8 37,9 40,2 eher schlecht sehr schlecht

2002 2003 2003 2004 2002 2004

Signifikanz der Veränderung ** ns ** 2002 2003 2003 2004 2002 2004 ** ns ** 2002 2003 2003 2004 2002 2004 ** ns ** 2002 2003 2003 2004 2002 2004 ** ns **

10,1 Wie beurteilen Sie Ihre Absicherung für die Zukunft? 6,8 6,6

56,3 51,0 51,3 geringe Angst

ungefähr gleich 29,5 33,9 33,6 mal mehr, mal weniger Angst 17,5 20,5 23,0 eher wahrscheinlich 15,4 18,8 24,0

4,1 8,4 8,5

42,9 Wie viel Angst haben Sie arbeitslos 35,4 zu werden? 31,2 sehr unwahr-

29,2 29,4 30,3 eher unwahr-

10,3 14,7 15,5 sehr wahrscheinlich 6,9 8,1 7,6

31,7 Wie wahrscheinlich ist es, daß Sie in den 24,8 nächsten fünf Jahren arbeitslos werden? 23,8

45,9 48,3 44,6

Unterschiede zwischen den Jahren sind auf Basis des Mittelwertvergleichs ** signifikant bei 1%Irrtumswahrscheinlichkeit bzw. * signifikant bei 5% - Irrtumswahrscheinlichkeit oder nicht signifikant (ns).

Die Entwicklung in Ost- und Westdeutschland zeigt folgenden Verlauf: Die schlechten Erwartungen an die wirtschaftliche und finanzielle Zukunft lagen in 2002 in Ost und West noch gleich. Sie sind in 2004 nicht nur gestiegen, es öffnet sich auch eine Schere:

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große Angst

keine Angst

schlechter

Besser

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Mehr als 39 % der Befragten im Westen und fast 45 % im Osten haben pessimistische Zukunftserwartungen. Das Muster wiederholt sich bei der Frage nach persönlicher Absicherung. Zwar beurteilten schon in 2002 die Befragten im Osten ihre persönliche Absicherung bei Krankheit etc. schlechter. Hier hat sich die Schere weiter geöffnet. Im Westen ist mit fast 39 % das Ost - Niveau von 2002 erreicht, während im Osten nun fast 56 % zu einer negativen Bewertung ihrer Absicherung kommen, die u.U. angesichts erwarteter negativer Konsequenzen aus den Arbeitsmarktreformen („Hartz IV“) weiter zunehmen könnte. Betrachtet man die Entwicklungen der Syndromelemente vor dem Hintergrund der Erwartungen für die Zukunft und unter Berücksichtigung der sozialen Lage der Befragten, also jener Facetten, die in den letzten Jahren deutlich pessimistische Entwicklungen genommen haben, dann zeigt sich Folgendes: Bei jenen, die ihre eigene wirtschaftliche Lage als sehr schlecht einschätzen, steigt deutlich die Fremdenfeindlichkeit. So nimmt bei der Gruppe die Forderung, dass bei knappen Arbeitsplätzen Ausländer in die Heimat zurückgeschickt werden sollten, von 36,7 % in 2002 auf 52,1 % in 2004, also um 15,4 Prozentpunkte zu. Diese Forderung wird hingegen von Personen, die ihre wirtschaftliche Lage als sehr gut einschätzen, immer seltener unterstützt (minus 6,6 Prozentpunkte). Ein Blickwechsel auf die Integrationsdimension der politischen Partizipation zeigt, dass das Empfinden der Sinnlosigkeit sich politisch zu engagieren von fast 38 % in 2002 auf 42 % in 2004 angewachsen ist. An eine politische Einflussnahme als Bürger glauben inzwischen ca. 60 % nicht mehr. Damit entfällt für sie auch die Möglichkeit, an der Realisierung grundlegender Normen dieser Gesellschaft mitzuwirken. Zu diesen Normen zählt vor allem auch Gerechtigkeit, um soziale Spaltung und Desintegration zu verhindern. Damit steht es in der Wahrnehmung der Bevölkerung fast unverändert sehr schlecht. Dabei gehen diese hohen Werte (vgl. Tab. 5) nicht nur auf jene zurück, die sich ungerecht behandelt fühlen. Ebenso dürften auch jene vertreten sein, die die Entwicklung der Gesellschaft kritisch betrachten, ängstlich in die Zukunft blicken oder auch solche, die politischen Parolen folgen, ohne selbst akut betroffen zu sein. Tab. 5: Entwicklung der Wahrnehmung sozialer Spaltung in West- und Ostdeutschland Zustimmung in Prozent.
Ost In Deutschland werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. 2002 2003 2004 2002 2003 2004 93,2 96,4 94,9 89,4 94,9 91,9 West 84,0 88,8 89,5 74,7 83,3 82,5

In Deutschland werden immer mehr Menschen an den Rand gedrängt.

Es scheinen nicht nur Spaltungs- und Polarisierungstendenzen in der Wahrnehmung der Bevölkerung zuzunehmen. Gleichzeitig nimmt die für die Integrationsqualität einer Gesellschaft zentrale Anerkennung sowohl im Beruf als auch im Alltag im Erhebungszeitraum 2002 bis 2004 signifikant ab, was auf zunehmende Konkurrenz und Gleichgültigkeit hindeuten könnte.

4. Ein vorläufiges Fazit
Insgesamt entwickelt sich die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Vergleichszeitraum seit 2002 differenziert. Ein klar negativer Trend zeigt sich in der Wahrnehmung von sozialen Desintegrationsgefahren und politischen Partizipationschancen. Wir konnten mehrfach nachweisen, dass Desintegrationsgefahren erhebliche Auswirkungen auf die Abwertung schwacher Gruppen haben können. 16

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Dort wo die Ängste zu- und Sicherheiten abnehmen, werden höhere Werte der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit wahrscheinlich (...). Die offene Frage ist nun, ob und wie diese privaten individuellen Einstellungen „politisiert“ werden, also sich mit kollektiven öffentlichen Protesten verbinden, wie sie sich seit dem Sommer 2004 in den wieder aufgenommenen sogenannten „Montagsdemonstrationen” zeigen, die in Ostdeutschland zeitweise einen Massencharakter angenommen haben. Sie könnten sich nicht nur gegen Starke wie z.B. Regierende in Land und Bund, sondern auch gegen schwache Gruppen richten; sei es als Nebeneffekt, im Sinne eines „Blitzableiters“ oder als frustrierter „Ausweg“. Entgrenzte Wut ist ziellos und sucht – insbesondere bei Misserfolgen – nach Überlegenheit: Schwache Gruppen können dann verstärkt zu geeigneten Objekten werden. Eine gefährliche politische Bündelung kann im rechtspopulistischen Potential bestehen. Von 2002 auf 2003 stieg dieses Potential von knapp 20 % auf 25 %. In Ostdeutschland lag es 2003 mit seinen Facetten von Law - and - Order Parolen, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus bei fast 30 %. In 2004 bleiben die ermittelten Werte auf hohem Niveau. Es ist ein breites Reservoire zur Mobilisierung gegen Schwache vorhanden. Rechtspopulismus mobilisiert im „Sinne des Volkes“ sowohl gegen Regierende („Ausbeuter“), als auch gegen Schwache („Schmarotzer“). Es bleibt abzuwarten, wie die Landtagswahlen am 19. September 2004 in Brandenburg und Sachsen ausfallen, und ob sie eine Signalwirkung haben, die nicht nur die Regierenden, sondern auch schwache Gruppen fürchten müssen.

Anmerkungen
(1) Es ist nicht ausgeschlossen, dass zukünftig weitere Gruppen hinzukommen. Dies kann u. a. durch neu zugewanderte Gruppen aufgrund der EU - Erweiterung geschehen. Zu denken wäre z. B. an Sinti und Roma aus Osteuropa. In einer internationalen Forschergruppe, initiiert vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, wird eine Vergleichsuntersuchung in acht europäischen Ländern vorbereitet, die auch andere Gruppen umfasst. (2) Beschreibung des GMF - Surveys 2004: a) Der Fragebogen Das Instrument der Untersuchung wurde so konstruiert, dass alle Elemente des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit repräsentiert sind. Da der Fragebogen im Vergleich zur Erhebung 2002 und 2003 neue Konzepte und Konstrukte beinhaltet, wurden zwei empirische Pretests durchgeführt. Schließlich wurde mittels eines dritten Pretests von Infratest Sozialforschung (tns - Infratest München) das Instrument nochmals erprobt und optimiert. Die Endversion des Fragebogens 2004 beinhaltet meist zwei bis drei, an einigen Stellen bis zu zehn Items je Konstrukt bzw. Subdimension (analog zu Erhebungen in 2002 und 2003). Als Antwortskalierung wurden drei- bis vierstufige Kategorien eingesetzt (Likert - Skalen), die aufgrund ihrer überprüften Verbalisierungen im sozialwissenschaftlichen Kontext als intervallskaliert gelten und somit den Anwendungsvoraussetzungen für multivariate Berechnungen genügen. b) Die Durchführung Die Datenerhebung erfolgte mittels Telefonbefragung (CATI - Methode) durch 191 geschulte Interviewer/innen des Sozialforschungsinstituts tns - Infratest. Durchschnittlich führte jeder Interviewer 16 Befragungen durch. Die Befragung basiert auf dem Infratest - Telefon - Master - Sample (ITMS), welches verzerrungsfreie Stichproben ohne Klumpeneffekte gewährleistet. Das ITMS ist so differenziert geschichtet, dass jede Gemeinde über 5.000 Einwohner in der Stichprobe vertreten ist und eine eigene Schicht bildet, in der durch eine systematische Zufallsauswahl Telefonhaushalte proportional zur Zahl aller Privathaushalte in der Gemeinde ausgewählt werden. Das Auswahlverfahren führte zu einer haushaltsrepräsentativen Stichprobe, wobei jeder Haushalt die gleiche Chance hatte, in die Auswahl zu kommen. 17

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In jedem der ausgewählten Haushalte wurde durch ein Zufallsverfahren (Schwedenschlüssel) eine Person als Zielperson ausgewählt. Die Erhebung fand vom 27.5.04 bis zum 20.6.04 meist zwischen 17.00 und 21.00 Uhr statt; die durchschnittliche Interviewdauer betrug 30,4 Minuten. Die Abbruchquote der Befragungen lag bei 7,9 % und ist damit etwas geringer als in den beiden letzten Jahren. c) Die Stichprobe Die Haupterhebung umfasst insgesamt 3.000 Personen im Alter von 17 bis 92 Jahren, davon waren 55,3 % (n= 1660) Frauen und 44,7 % (n= 1.340) Männer. Der Anteil der Personen aus dem Osten Deutschlands liegt bei 33,4 % (n=1.002). In Westdeutschland wurden 1.998 Personen (66,6 %) interviewt. Die überwiegende Mehrheit der befragten Personen gibt die deutsche Staatsangehörigkeit an, lediglich 103 Ausländer/innen sind in der Stichprobe enthalten. Die Stichprobe zeigt aufgrund der Erhebungsmethode (Telefoninterviews) haushaltsproportionale, nicht personenproportionale Verteilungen. Die rechnerische Transformation in eine Personenstichprobe erfolgt erst im Gewichtungsverfahren, welches die Repräsentativität der Stichprobe herstellt. Durch Gewichtungsfaktoren werden auch Disproportionalitäten zwischen der Stichprobe und der Grundgesamtheit hinsichtlich verschiedener Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung und Ost - West - Verteilung ausgeglichen. Sie liegen den Berechnungen der folgenden Analysen (Folge 3, Deutsche Zustände, 2005 d. Redaktion) zu Grunde. Aufgrund der unterschiedlichen Gewichtungsfaktoren können bei einigen Berechnungen die Stichprobengrößen (n - Zahlen) variieren. In der Auswertung dieses Bandes (Folge 3, Deutsche Zustände, 2005 d. Redaktion) werden die befragten Personen mit Migrationshintergrund nicht berücksichtigt. Das gesamte ausgewertete Sample reduziert sich daher von insgesamt 3.000 auf 2.656 Fälle (ungewichtet). In diesem Jahr wurde erstmalig zur Optimierung der Befragungszeit für einen Teil der Items ein Split durchgeführt. So wurde z.B. nur die Hälfte der Personen nach dem Meinungsklima in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, nach der Schuldzuweisung von negativen Meinungen und nach Kontakterfahrungen mit Ausländern gefragt. Split A beinhaltet 1.444 Befragte und Split B umfasst 1.556 Personen. Dies erklärt neben den Gewichtungsfaktoren variierende Stichprobengrößen (n - Zahlen) bei den Auswertungen. (3) Diese Analyse ist mit einer für die alten und die neuen Bundesländer simultanen konfirmatorischen Faktorenanalyse durchgeführt worden. Es ist darauf hinzuweisen, dass bei der Erhebung und Berechnung des Syndroms zur Optimierung gegenüber 2002 und 2003 mehrere Veränderungen vorgenommen wurden. Die Items zur Sozialen Dominanz (s. Deutsche Zustände, Folge 1) sind nicht mehr Teil des Rassismus, sondern werden in Zukunft als erklärende Variablen verwendet. Für die Islamophobie wurden zwei neue Items verwendet (vgl. auch Leibold/Kühnel 2003), und der Klassische Sexismus ist um ein Item erweitert worden. Daher sind die Korrelationskoeffizienten der unterschiedlichen Erhebungsjahre nur bedingt vergleichbar. (4) Faktorkorrelationen sind ein (standardisiertes) Zusammenhangsmaß, dessen Wertebereich zwischen »−1« und »+1« variieren kann. Je näher ein Wert bei »+1« liegt, desto stärker ist der Zusammenhang. »+1« drückt einen perfekten positiven Zusammenhang aus (je größer »A«, desto größer ist »B«), »0« bedeutet kein Zusammenhang und »−1« ist mit einem perfekten umgekehrten Zusammenhang gleichzusetzen (je größer »A«, desto kleiner ist »B«). (5) Indikatoren oder Items sind Fragen, die zur Messung eines latenten, d. h. nicht direkt beobachtbaren Konstruktes formuliert wurden. Indikatoren umreißen den Bedeutungsgehalt und sind in diesem Sinne (beobachtbare bzw. messbare) Kennzeichen eines Konstrukts. (6) Zur Güte von Kurzskalen vergleiche Meloen u. a. 1996.

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(7) Um Aussagen bezüglich der menschenfeindlichen Einstellungen machen zu können, wurden die jeweiligen Skalen (Etabliertenvorrechte, Fremdenfeindlichkeit etc.) an ihrer numerischen Mitte (bei 2,5) geteilt. Die dargestellten Prozentwerte beziehen sich auf diejenigen Befragten, die Skalenwerte von über 2,5 aufweisen.

Literatur
Da es sich bei diesem Text um die Weiterführung des 2002 erstmals vorgestellten Ansatzes zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit handelt, wird hier auf eine Wiederholung der umfangreichen Sekundärliteratur für das Konzept verzichtet (vgl. Heitmeyer 2002, 15-34). Die in diesem Text zitierte Literatur entstammt den beiden bisher erschienenen Bänden. Deutsche Zustände, Folge 1, 2002: Wilhelm Heitmeyer: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse, S. 15-36 Kirsten Endrikat / Dagmar Schaefer / Jürgen Mansel / Wilhelm Heitmeyer: Soziale Desintegration. Die riskanten Folgen negativer Anerkennungsbilanzen, S. 37-58 Wilhelm Heitmeyer / Aribert Heyder: Autoritäre Haltungen. Rabiate Forderungen in unsicheren Zeiten, S. 59-70 Aribert Heyder / Peter Schmidt: Deutscher Stolz. Patriotismus wäre besser, S. 71-82 Steffen M. Kühnel / Peter Schmidt: Orientierungslosigkeit. Ungünstige Effekte für schwache Gruppen, S. 83-95 Ulrich Wagner / Rolf van Dick / Kirsten Endrikat: Interkulturelle Kontakte. Die Ergebnisse lassen hoffen, S. 96-109 Ulrich Wagner / Oliver Christ / Steffen M. Kühnel: Diskriminierendes Verhalten. Es beginnt bei Abwertungen, S. 110-122 Dagmar Schaefer / Jürgen Mansel / Wilhelm Heitmeyer: Rechtspopulistisches Potenzial. Die »saubere Mitte« als Problem, S. 123-144 Deutsche Zustände, Folge 2, 2003: Wilhelm Heitmeyer: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und empirische Ergebnisse aus 2002 sowie 2003, S. 13-34 Wilhelm Heitmeyer / Jürgen Mansel: Entleerung der Demokratie. Die unübersichtlichen Folgen sind weitreichend, S. 35-60 Julia Iser / Peter Schmidt: Gefährliche Werte? Was Tradition und Konformität anrichten können, S. 61-77 Aribert Heyder: Bessere Bildung, bessere Menschen? Genaueres Hinsehen hilft weiter, S. 78-99 Jürgen Leibold / Steffen Kühnel: Islamphobie. Sensible Aufmerksamkeit für spannungsreiche Anzeichen, S. 100-119 Kirsten Endrikat: Ganz normaler Sexismus. Reizende Einschnürung in ein Rollenkorsett, S. 120-141

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Carina Wolf / Jost Stellmacher / Ulrich Wagner / Oliver Christ: Druckvolle Ermunterungen. Das Meinungsklima fördert menschenfeindliche Gewaltbereitschaft, S. 142-163

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