Publication:
2005
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-opus-71960
Path:
Bildung für Berlin
GEWALTSIGNALE AN BERLINER SCHULEN - HINSEHEN UND HANDELN - WAFFEN GEFÄHRDEN DICH SELBST - HILFE HOLEN - BEISTAND LEISTEN - OPFER SIND NICHT SELBST SCHULD - KONFLIKTLOTSEN - MUTIG KLUG UND HANDLUNGSSTARK - SEELISCHE MUSKELN DURCH GEGENSEITIGE HILFE - DIE TAT IST ZU ÄCHTEN - DER TÄTER HAT EIN RECHT AUF ANLEITUNG UND HILFE - SCHULLEITER ERSTHELFER BEI GEWALTVORFÄLLEN - WAS HÄNSCHEN NICHT LERNT - PETZEN PLAGEN PRÜGELN - OPFER DÜRFEN NICHT ALLEIN BLEIBEN - HILFE IM NOTFALL - SCHULPSYCHOLOGEN - ZIVILCOURAGE UND ZUSAMMENARBEIT - MEDIATOREN - STANDPUNKTPÄDAGOGEN - SCHÜLERNETZWERK MUT - OHNE ELTERN GEHT ES NICHT - HELFEN IST NICHT PETZEN - VERSCHWIEGENHEIT ZUR PERSON - OFFEN UND OFFENSIV IN DER SACHE - GEWALT GEDEIHT IN DER ANONYMITÄT - KOOPERATION BRAUCHT PARTNER - WER ENTWURZELT IST ENTWURZELT - ERFURT UND DIE FOLGEN - WER VERWURZELT IST ENTWURZELT NICHT - RECHT AUF UNVERSEHRTHEIT - DIE VERWURZELUNG IST DAS WICHTIGSTE BEDÜRFNIS DER MENSCHLICHEN SEELE - VERSTEHEN UND HANDELN - LEBEN LERNEN

Gewaltsignale an Berliner Schulen 2004/2005

Verstehen und Handeln VII

Impressum
Herausgeber Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Beuthstraße 6 - 8, 10117 Berlin-Mitte www.senbjs.berlin.de/gewaltprävention Redaktion Gewaltprävention im Referat II E Bettina Schubert M. A. Heidi Schmidt V. i. S. d. P. Patrick Eede Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation Telefon 030 90265349 patrick.eede@senbjs.verwalt-berlin.de Eine auszugsweise Wiedergabe ist nur mit Angabe der Quelle zulässig. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, Bettina Schubert, II E 5, Beuthstraße 6 - 8, 10117 Berlin Druck Eigendruck SenBJS November 2005 Gestaltung ITpro

Ansprechpartnerin Bettina Schubert Telefon 9026 6513 eMail bettina.schubert @senbjs.verwalt-berlin.de

Vorwort des Senators der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, Klaus Böger, zum Bericht über Gewaltentwicklungen 2004/2005

Gewaltsignale an Berliner Schulen 2004/2005
Der folgende Bericht über die Gewaltsignale an Berliner Schulen wurde möglich, weil Schulen inzwischen sensibel und souverän mit Gewaltvorfällen und extremistisch motivierten Delikten, die ihr Schulleben belasteten, umgehen. Unser Motto „hinsehen und handeln“ hat sich durchgesetzt. Schulen meldeten auch kleinere Vorfälle an die Personen, deren Auftrag es ist, die Schulen bei ihrer verantwortungsvollen und oft nicht einfachen Aufgabe zu begleiten und zu unterstützen. Dafür danke ich den Schulleitungen und der Schulaufsicht als auch den Schulpsychologinnen und Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention ausdrücklich. Es geht uns bei der Meldepflicht von Gewaltvorfällen weder um eine Stigmatisierung noch Kriminalisierung derer, denen es an gewaltfreien Instrumenten mangelt, um ihre Interessen angemessen zu vertreten. Wir alle wissen, es gibt Kinder und Jugendliche, die aus eigener Gefährdung heraus anderen gefährlich werden. Das entschuldigt nichts, aber es bietet Ansätze zu wirkungsvoller Intervention. Das Berliner Frühwarnsystem der Meldepflicht ist daher ein einmaliges Instrument: Die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche zu Intensivtätern werden, schwindet, wenn auf frühe Signale von Gefährdung angemessen reagiert wird. Die Meldungen der Schulen sind daher die unerlässliche Voraussetzung, um nicht nur im individuellen Fall, sondern auch auf Landesebene Hilfen zu entwickeln und langfristig zu erhalten. Ich weiß um die Schwierigkeiten einer gezielten familienbezogenen Prävention und Intervention gerade bei gefährdeten Familien. Dennoch führt daran kein Weg vorbei, denn an solcher Anstrengung misst sich der Humanitätsgrad einer Gesellschaft. Der Berliner Weg ist beispielhaft: Innerhalb von 24 Stunden erreichen die Meldungen der Schulen die Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention. In der Folge beraten diese ergänzend zur Schulaufsicht. Sie kennen die Hilfeangebote der Jugendhilfe und Polizei vor Ort ebenso wie die Angebote freier Träger im Bereich der Gewaltprävention - und sie nutzen sie umgehend. Denn ihr Verstehen heißt nicht einverstanden zu sein. Die Voraussetzung jeder wirksamen Hilfeleistung aber ist nach der Meldung des Vorfalls die Klärung der individuellen Situation und der Umgebungsfaktoren. Letztere tragen, wie wir wissen, häufig dazu bei, dass jemand einen Weg der Selbst- und Fremdgefährdung einschlägt. Mit dieser Fundierung wird zeitnah und konsequent interveniert. Sowohl dieser Bericht als auch die im Herbst erscheinenden „Notfallpläne“ als Handreichung zum Rundschreiben „Hinsehen und Handeln“ I Nr. 41/2003 bieten neben der klaren Diagnose der Gewaltsignale aus den Schulen viele Hinweise und Hilfen. Ich bitte Sie um Ihre Unterstützung für das gemeinsame Ziel Schulen als einen sicheren Ort zu bewahren; als einen Ort, an dem Lehrerinnen und Lehrer und Schülerinnen und Schüler das Wissen zur Gestaltung eines menschenwürdigen Lebens weitertragen und es in einem kooperativen Miteinander in der Schule erfahrbar machen.

Klaus Böger

I. DAS WICHTIGSTE AUF EINEN BLICK......................................................... 2
Schülerzahlen nach Schulstufen und Bezirken................................................... 6

II. EINZELASPEKTE DER GEWALTENTWICKLUNG UND DES UMGANGS MIT GEWALT .................................................................................................... 7
1. Welche Tendenzen zeigen sich in der Deliktentwicklung nach Schuljahren?7
1.1 Delikte nach Schuljahren ...............................................................................................7 1.2 Meldungen nach Kalendermonaten.............................................................................10

2. Gibt es regionale Unterschiede in der Gewaltbelastung?........................... 11 3. Welche Unterschiede zeigen sich bei den Schulstufen und Schularten?.... 14
3.1 Meldungen nach Schulstufen ......................................................................................14 3.2 Delikte nach Schularten...............................................................................................15

4. Was ist über Täter und Opfer bekannt?..................................................... 16
4.1. 4.2. 4.3 4.4. Schulinterne Gewaltvorfälle ........................................................................................16 Geschädigte nach Schuljahren....................................................................................17 Täterstatus ..................................................................................................................18 Opfer- und Tätergeschlecht bei Gewaltvorfällen........................................................19

5. Einzel- und Gruppentaten in Schulen und auf Schulwegen....................... 20 6. Gibt es Veränderungen beim Ort des Geschehens? ................................... 22 7. Einzelbetrachtung ausgewählter Aspekte von besonderer Aufmerksamkeit 23
7.1. 7.2. 7.3. 7.4. Vorfälle mit Waffen und waffenartigen Gegenständen.............................................23 Gewalt gegen Lehrer/innen ........................................................................................27 (Rechts-)Extremistisch motivierte Vorfälle...................................................................39 Migrationshintergrund und Gewaltgefährdung .........................................................47

8. Handeln nach Gewaltvorfällen - aus Schaden klug werden ....................... 56 9. Gewaltprävention und Krisenintervention ................................................... 60

III. AUSBLICK................................................................................................ 67
Veröffentlichungen zum Thema Gewaltprävention und Krisenintervention in der Berliner Schule 2004/05............................................................................. 71 Anfragen an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport ............... 73 Stichwortverzeichnis ......................................................................................... 77

1

I. DAS WICHTIGSTE AUF EINEN BLICK
Jede Berliner Schule meldet im statistischen Durchschnitt im Verlaufe des Schuljahres 2004/05 einen Vorfall, in dem entweder über Gewalthandlungen auf Schulwegen, in Schulen oder bei Ausflügen berichtet wird oder über Vorfälle mit extremistischer Motivation. Im letzten Schuljahr werden so insgesamt 894 Vorfälle aus den öffentlichen allgemein bildenden Schulen, beruflichen Schulen oder Schulen des zweiten Bildungswegs gemeldet. Jeder dieser Vorfälle ist einer zu viel und gefährdet das Selbstverständnis der Schulen, zu dem es gehört, die physische und psychische Sicherheit für alle in einer Schulgemeinschaft zu gewährleisten. Will man die Belastung der Berliner Schulen mit Gewaltvorfällen angemessen bewerten, so ist es notwendig sie in Relation zu der Anzahl der Schulen und Schüler zu setzen, auf die sich diese Zahl der Gewaltmeldungen bezieht. Die insgesamt 984 Schulen werden in dem genannten Zeitraum von 420 597 Schülerinnen und Schülern besucht, welche von 29 703 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden. Die folgenden Auswertungen beziehen sich jeweils auf diese Gesamtheit. Bei Ausnahmen von dieser Darstellungsweise wird mitgeteilt, welches die Bezugsgröße der Aussage ist. 894 Meldungen im vergangenen Schuljahr stehen 560 Meldungen im Vorjahr gegenüber, prozentual bedeutet dies eine Zunahme um 60 %. Es kommen damit im Verlaufe des Schuljahres 2004/05 durchschnittlich 0,2 % aller Schüler, das entspricht einem Verhältnis von zwei auf insgesamt 1000 Schüler bzw. 0,66 % der Pädagogen, was einem Anteil von 6,6 auf 1000 Pädagogen (in seltenen Fällen Mitarbeiter der Schule) gleichkommt, zu Schaden. Von diesem Vorfällen nehmen die Schulleitungen Kenntnis, sie werden von ihnen ernst genommen und entsprechend ihrer dienstlichen Verpflichtung an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport gemeldet. Diese Meldepflicht gilt in Berlin seit 1992. Aktuelle Hinweise und Informationen zur Meldepflicht s. www.senbjs.berlin.de/gewaltpraevention s. pdf „Rundschreiben I Nr. 41 2003 Hinsehen und Handeln“, „Meldeformular für die Schulen“ und „Hilfen bei Gewaltvorfällen auf einen Blick“. Aus Gründen der Übersichtlichkeit beschränkt sich dieser Bericht auf die Darstellung der Entwicklungen in den letzten fünf Schuljahren 2000/01 – 2004/05. Hierbei handelt es sich um eine ausschließlich deskriptive Darstellung der gemeldeten Belastungen an Berliner Schulen nicht um Aussagen über Jugenddelinquenz oder gar um Ursachenforschung. Die Zunahme der Meldungen ist zu begrüßen, weil diese im gesamten Jahr gezeigt hat, dass Schulleitungen, Pädagoginnen und Pädagogen mehr Offenheit im Umgang mit Gewalttaten in den Schulen und deren Umfeld zeigen. Die im Jahr 2003 deutlich gewordene Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen der Polizei und denen der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport zum „Tatort Schule“ wurde in vielen Regionen zum Anlass genommen durch Aufrufe in Schulaufsichtskonferenzen und Schulleitersitzungen erneut und nachdrücklich an die Meldepflicht bei Vorfällen innerhalb von 24 Stunden per Fax an die Schulaufsicht und die Psychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention (G/K) zu erinnern. Das rasche Unterstützungsangebot der regional zuständigen G/K Schulpsychologen und Schulpsychologinnen, das solchen Gewaltmeldungen folgt, ermöglicht die das Meldeverhalten ermutigende Erfahrung: Es lohnt sich Belastungen zu melden. Die eingegangenen Informationen über die Vorfälle an Schulen sind ernst zu nehmen, auch wenn diese in erster Linie nicht als eine Zunahme von Gewalttaten zu verstehen sind,
2

sondern vielmehr als eine Erhellung des Dunkelfeldes – so die Analyse der Senatsverwaltung für Inneres, der die Berliner Polizei untersteht. Nähere Ausführungen dazu finden Sie unter II. 5 im folgenden Text. Die Berliner Polizei registriert vielmehr seit 1998 einen kontinuierlichen Rückgang aller Vorfälle von Jugendgruppengewalt in Berlin. Dies gilt auch für das vergangene Jahr, in diesem ist auch im Teilsegment der Straftaten an Schulen ein geringfügiger Rückgang um 3,2 %, das sind insgesamt 14 Straftaten, zu verzeichnen. Die Meldungen der Schulen 2004/05 verdeutlichen folgende Gewalttrends: Die höchste Anzahl der Meldungen gibt es bei der einfachen und gefährlichen Körperverletzung. Im vergangenen Jahr werden insgesamt 572 Fälle gemeldet, im Vorjahr waren es 365 Fälle. Innerhalb dieser hohen Gesamtanzahl von Körperverletzungen fällt gegenüber dem Vorjahr auf, dass es zwar eine Zunahme in absoluten Zahlen gibt, dass jedoch der prozentuale Anteil der Fälle von gefährlicher Körperverletzung um fast 10 % abgenommen hat. Dies deutet darauf, dass durch das häufigere Melden mehr Vorfälle minderen Schweregrades erfasst werden. Wenn minder schweren Fällen von Anfang an konsequent begegnet wird, ist zu erwarten, dass es seltener zu schweren Vorfällen, also solchen mit Waffen oder solchen, die durch Gruppen begangen werden, kommt. Waren im letzten Schuljahr 65,2 % aller Fälle Fälle von Körperverletzung und gefährlicher Körperverletzung, so beträgt der Prozentsatz in diesem Jahr 64%. Erfreulich ist, dass der Anteil der Fälle von gefährlicher Körperverletzung nur noch 22,8 % ausmacht. • Die Meldungen über Bedrohungen haben zugenommen. 159 stehen 96 Fällen im Vorjahr gegenüber. Dies weist daraufhin, dass die meldenden Schulen diese Fälle nicht übergehen, sondern bemüht sind, einen Basisstandard des Umgangs der wechselseitigen Achtung zu sichern. Auffällig ist, dass sich etwa die Hälfte aller in diesem Jahr gemeldeten Bedrohungen, absolut 85 Fälle, gegen Lehrer/innen richten. Da es in Schulen weit mehr Schüler als Lehrer gibt, ist anzunehmen, dass Pädagogen vornehmlich Bedrohungen melden, die sich gegen sie selbst richten. Über Bedrohungen gegen Schüler werden Pädagogen offenbar nur selten informiert. Es ist wahrscheinlich, dass Bedrohte gezielt eingeschüchtert werden, es werde ihnen noch mehr passieren, wenn sie sich jemandem anvertrauen. Andere versprechen sich von einer Mitteilung an ihre Lehrer oder gar die Schulleitung keine Hilfe. • Gewalt gegen Lehrer – ein ernst zu nehmendes Problem. Es fällt auf, dass 17,8 % aller Meldungen, absolut 159, über Fälle berichten, in denen Lehrerinnen oder Lehrer gemeinsam mit Schülern (z.B. beim Schlichten eines Vorfalls) oder allein die Geschädigten bzw. Angegriffenen sind. Kamen vor drei Jahren Körperverletzungen dabei in einem Viertel der Fälle vor, so beträgt dieser Anteil heute 64 %. Es handelt sich dabei sowohl um Fälle von einfacher, als auch gefährlicher Körperverletzung (näheres s. Kapitel 7.2 „Gewalt gegen Lehrer/innen“). • Die Anzahl von extremistisch motivierten Delikten steigt von 39 auf 62 Meldungen, der Schwerpunkt liegt hier nach wie vor bei den Propagandadelikten. Da diese Erhöhung etwa die 56 % der berichteten Zunahme bei allen Delikten im vergangenen Schuljahr widerspiegelt und zudem der prozentuale Anteil der extremistisch motivierten von 6,9 % (Vorjahr 7 %) an allen erfassten Delikten annähernd gleich bleibt, spricht die Zunahme für eine Erhellung des Dunkelfeldes, nicht jedoch für eine absolute Zunahme dieser Art von Delikten.
3

•

Erfreuliche Entwicklungen Gemeldete Gewaltvorfälle werden von den Schulen sowohl mit schulinternen als auch externen Experten zunehmend sorgfältig aufgearbeitet. Hilfreiche Unterstützung leisten dabei die Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention in den Regionen. Die Kooperation mit helfenden Einrichtungen findet in etwa einem Drittel der Fälle statt. In den anderen, häufig weniger schweren Fällen handeln die Schulen „mit bordeigenen“, d.h. pädagogischen Mitteln. Es werden – anderes als in früheren Jahren – kaum noch Fälle gemeldet, in denen seitens der Schule nichts zur Aufarbeitung unternommen wird. Auffällig ist auch die Zunahme der Erwähnung fachkundiger Hilfe für Opfer und Täter. In den Vorjahren kam es häufig zu einer ausschließlichen Sanktion der Täter, die aus diesen Sanktionen ohne Anleitung zu anderem Handeln meist wenig lernen. In vielen Fällen mangelte es zudem an dem notwendigen Beistand für Opfer. Opferhilfe ist in dem Berliner SenBJS Rundschreiben zum Umgang mit Gewaltvorkommnissen nach der Beendigung des Geschehens als zweiter Schritt verbindlich vorgeschrieben. Da Opfer überall in der Gesellschaft zu wenig berücksichtigt werden, bleibt es auch in Schulen weiterhin notwendig, besonders aufmerksam gegenüber den Geschädigten zu sein und sie zu unterstützen. Waffen spielen in der Berliner Schule nach wie vor keine große Rolle. Dies gilt, obwohl die absolute Anzahl der Waffen, die in den Meldungen der Schulen Erwähnung finden, sich von 63 auf 70 erhöht hat. Messer, Pistolen und waffenartige Gegenstände werden in 26 Fällen zur Bedrohung in 44 Fällen jedoch auch in Verbindung mit dem Delikt der Körperverletzung eingesetzt.

Vielfältige Einzelaspekte zur Gewaltentwicklung (z.B. zur Waffen und Extremismusbelastung) und des Umgangs mit Gewalt werden ausführlich im II. Kapitel unter Punkt 1 – 8 abgehandelt. Dieser Darstellung schließt sich unter II 9. der Bericht über Gewaltprävention und Krisenintervention an. Hier finden Sie eine exemplarische Darstellung gewaltpräventiver Ansätze und Hilfen, soweit diese sich auf die im Bericht mitgeteilten Sachverhalte im engeren Sinn beziehen und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport bekannt sind. Drei Gruppen profund ausgebildeter und erfahrener Fachleute für Prävention und die Bearbeitung von Konflikten, Gewaltvorfällen und Extremismusfällen, die Arbeitsgruppe >pax an!<, die Standpunktpädagogen (Berater gegen Extremismus) - beide gehören zum Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) - und die Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention (G/K) unterstützen die Berliner Schulen in ihrer Arbeit. Sie kooperieren miteinander und unterstützen die Zusammenarbeit der im Feld Gewaltprävention tätigen Personen und Institutionen in ihrer jeweiligen Region. Dank der Tatsache, dass jede Gewaltmeldung innerhalb von 24 Stunden in einem Parallelfaxverfahren an SenBJS, an die Schulaufsicht vor Ort sowie an die G/K Psychologen zu senden ist, sind diese über die aktuellen Belastungen der Schulen gut informiert. Dies ermöglicht ihnen - ergänzend zu ihrem Einsatz für Gewaltprävention und Vernetzung - ein rasches Hilfsangebot an die Schulen bei allen schweren Problemlagen.
4

Zur Klassifikation der Delikte und zum „Täter“-Begriff Die Klassifikation der Delikte wurde von juristischen Laien vorgenommen. So wird als „Bedrohung“ eine erlebte Drohung eingestuft, unabhängig davon, ob die Tat durch einen Richter als Drohung mit einem entsprechenden Strafmaß eingeschätzt werden würde. „Körperverletzung“ wird dann eingetragen, wenn eine Person eine andere körperlich schädigt. Von einer „gefährlichen Körperverletzung“ wird dann gesprochen, wenn ein Einzelner mit einer Waffe angreift oder mit einer ihn unterstützenden Gruppe droht und in all den Fällen, in denen eine Gruppe (ab zwei Personen) mit oder ohne Waffe angreift. Wenn von „Tätern“ die Rede ist, so geschieht dies nicht auf der Grundlage einer vorhergegangenen Rechtsprechung, sondern auf der Grundlage des Augenscheins. Eine Person war schädigend tätig gegen eine andere. In der Mehrheit der gemeldeten Fälle handelt es sich um eine Straftat. Die Terminologie „Täter“ soll jeder Bagatellisierung einer Straftat entgegenwirken. Eine Stigmatisierung der Täterperson, bei der dem Täter nicht die Hilfe und Unterstützung zuteil wird, die ihm zusteht, widerspricht dem Untertitel dieses Berichtes „Verstehen und Handeln“ und ist demzufolge zu vermeiden. Wenn von „Opfern“ die Rede ist, so sind grundsätzlich die Geschädigten gemeint. Diese bedürfen in jedem Falle des Beistandes und gelegentlich auch weiterer Unterstützung. Dies gilt auch in all den Fällen, in denen sie aktiv zur Entwicklung des später für sie schmerzlichen Geschehens beigetragen haben. Was immer jemand selbst getan hat, rechtfertigt niemals einen aktiven Gegenangriff, d.h. Selbstjustiz. Zu melden ist die Gewalt gegen Menschen und die Missachtung der Menschenwürde. Die Meldung von Gewalt gegen Sachen (Sachbeschädigungen) ist in dem für alle Schulen verbindlichen Meldeformular für Gewaltvorfälle nicht vorgesehen.

5

Schülerzahlen nach Schulstufen und Bezirken Die Erfassung und Auswertung der Gewaltmeldungen bezieht sich nicht nur auf die Anzahl der Delikte an allen Berliner Schulen, sondern zudem auf Teilaspekte wie das Gewaltvorkommen in den einzelnen Schularten und in den verschiedenen Bezirken. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, einen Überblick über die Schülerzahlen der einzelnen Schularten und Bezirke zu geben, um die Auswertung der Gewaltmeldungen bei den entsprechenden Betrachtungen dazu ins Verhältnis setzen zu können. Tabelle (Tab.) 0.1 Schülerzahlen öffentlicher Schulen nach Schulart* Schülerzahlen 2004/05 Schultyp Absolut in % Grundschule 141.144 34 Hauptschule 15.478 4 Realschule 26.733 6 Gesamtschule 46.999 11 Gymnasium 83.789 20 Sonderschule 12.987 3 berufsbildende Schulen 93.467 22 Gesamt 420.597 100
* Die Angaben beziehen sich auf die Schulart, nicht auf die Klassenstufe. Beispielsweise gibt es auch in der Sonderschule eine Eingangsstufe (1.-4.Klasse) und eine Unterstufe (5.-6. Klasse). Somit besuchen nicht alle „Grundschüler“ auch eine Grundschule.

Tab. 0.2 Schülerzahlen öffentlicher Schulen nach Bezirk* Schülerzahlen 2004/05 Bezirk absolut in % 28.381 8,8 Mitte 23.008 7,1 Friedrichshain-Kreuzberg 28.644 8,9 Pankow 26.396 8,2 Charlottenburg-Wilmersdorf 22.884 7,1 Spandau 29.884 9,3 Steglitz-Zehlendorf 30.708 9,5 Tempelhof-Schöneberg 29.671 9,2 Neukölln 21.216 6,6 Treptow-Köpenick 28.275 8,8 Marzahn-Hellersdorf 24.983 7,8 Lichtenberg 27.928 8,7 Reinickendorf 321.978 100 Gesamt
* Bei diesen Schülerzahlen handelt es sich nur um die Schülerschaft allgemein bildender Schulen (321.978). Zu der Anzahl der Schülerschaft in den beruflichen Schulen und den Einrichtungen des zweiten Bildungswegs gibt es keine Aufschlüsselung nach Bezirken. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen, die diese Einrichtungen besuchten (98.619), finden daher in der Tabelle keine Berücksichtigung.

6

II. EINZELASPEKTE DER GEWALTENTWICKLUNG UND DES UMGANGS MIT GEWALT
1. Welche Tendenzen zeigen sich in der Deliktentwicklung nach Schuljahren? 1.1 Delikte nach Schuljahren Im Schuljahr 2004/05 wurden insgesamt 894 Gewaltvorfälle von den Berliner Schulen gemäß dem Rundschreiben I Nr. 41/2003 (siehe http://www.senbjs.berlin.de/gewaltpraevention) gemeldet. Diese Meldepflicht gilt in Berlin seit 1992. Zur besseren Übersicht werden in den folgenden Tabellen die letzten 5 Schuljahre dargestellt. Tab.1.1.1 Anzahl der Meldungen (absolut) Delikt Bedrohung Beleidigung Erpressung Körperverletzung Gefährliche Körperverletzung Raub (Rechts-)Extremismus Sachbeschädigung Sonstige Insgesamt 2000/01 65 x 2 88 59 1 50 4 1 270 2001/02 72 x 3 88 46 3 36 2 5 255 2002/03 122 x 16 147 84 14 26 6 7 422 2003/04 96 10 4 183 182 24 39 11 11 560 2004/05 159 22 6 368 204 25 62 16 32 894

x: Die Kategorie „Beleidigung“ wurde erstmals im Schuljahr 2003/04 erfasst.

Tab. 1.1.2 Prozentualer Anteil der Delikte an der Gesamtzahl der Delikte im Schuljahr Delikt Bedrohung Beleidigung Erpressung Körperverletzung Gefährliche Körperverletzung Raub (Rechts-)Extremismus Sachbeschädigung Sonstige 2000/01 24,1 x 0,7 32,6 21,9 0,4 18,5 1,5 0,4 2001/02 28,2 x 1,2 34,5 18,0 1,2 14,1 0,8 2,0 2002/03 28,9 x 3,8 34,8 19,9 3,3 6,2 1,4 1,7 2003/04 17,1 1,8 0,7 32,7 32,5 4,3 7,0 2,0 2,0 2004/05 17,8 2,5 0,7 41,2 22,8 2,8 6,9 1,8 3,6

x: Die Kategorie „Beleidigung“ wurde erstmalig im Schuljahr 2003/04 erfasst.

Die Tabelle (Tab.1.1.1) zeigt, dass bei allen Delikten eine Zunahme der Meldungen gegenüber dem letzten Schuljahr zu verzeichnen ist. Fälle von Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung werden im Schuljahr 2004/05 am häufigsten gemeldet. (Rechts-)extremistisch motivierte Vorfälle nehmen den vierten Platz unter allen gemeldeten
7

Delikten ein. Bei den Fällen von Körperverletzung und Bedrohung ist eine starke Zunahme der gemeldeten Fälle erkennbar. Meldungen von Raub und Erpressung sind demgegenüber in ihrer Anzahl fast gleich geblieben. Die Betrachtung von Tabelle 1.1.2 zeigt zum Teil einen von den absoluten Zahlen abweichenden Trend. Wie in Tabelle 1.1.1 in absoluten Zahlen ausgedrückt, ist auch der prozentuale Anteil der Fälle von Körperverletzung im Vergleich zum vergangenen Schuljahr sichtbar angestiegen. Demgegenüber ist der Anteil der gemeldeten Fälle von gefährlicher Körperverletzung prozentual ausgedrückt deutlich zurückgegangen. Auch die prozentualen Anteile der Fälle von Bedrohung sind gegenüber den absoluten Zahlen nur leicht angestiegen. Meldungen (rechts-)extremistisch motivierter Vorfälle zeigen in dieser Weise betrachtet ebenfalls nicht die sich in absoluten Zahlen gezeigte Zunahme. Abbildung (Abb.) 1.1.1 Anteil der Delikte in % 7% 3% 2% 1% 23% 2%4% 18%

41%
Bedrohung Erpressung gefährliche Körperverletzung (Rechts-)Extremismus Sonstige Beleidigung Körperverletzung Raub Sachbeschädigung

Im Folgenden werden beispielhaft Vorfälle zu den einzelnen Delikten vorgestellt. Diese Beispiele sollen verdeutlichen, welche Gestalt Delikte wie Bedrohung, Erpressung und Körperverletzung in der Schule haben können. Bedrohung • Ein Schulfremder bedroht eine Schülerin auf dem Hof mit den Worten: „Wenn ich dich sehe, bist du tot.“ (ID 2833) • Ein Schüler wird von schulfremden Personen mit dem Tode bedroht. Nach einer Schülerbefragung stellt sich heraus, dass der bedrohte Schüler mit Haschisch dealte. (ID 2573)

8

Beleidigung • Ein Schüler beschimpft und beleidigt eine Lehrerin, weil diese ihm nicht erlaubt die Klasse während des Unterrichts zu verlassen. „Sie sind bescheuert! Halt’s Maul Alte, Verpiss dich, fick dich.“ (ID 3112) Erpressung • Ein Schüler erpresst einen Mitschüler nichtdeutscher Herkunft ihm sein Geld und seine Schuhe auszuhändigen. Anderenfalls würde er körperliche Gewalt anwenden und schulfremde Personen dazuholen. (ID 2368) Körperverletzung • Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft greift seinen Mitschüler an. Er quetscht die Schulter des Schülers und nimmt ihn in den Würgegriff. (ID 2400) • Ein Streit mit verbalen Beschimpfungen zwischen zwei Schülern eskaliert. Einer der Schüler schlägt den anderen Schüler gegen einen Schrank und mit der Hand auf den Kopf und ein Ohr. Der Schüler erleidet eine Gehirnerschütterung. (ID 2921) • Ein Schüler knickt einem Mitschüler brutal den Arm um. Die Lehrerin greift ein. Sie fordert den Schüler auf den Arm loszulassen. Als dieser der Anweisung nicht folgt, hält die Lehrerin die Arme des Täters fest und schiebt ihn beiseite. Daraufhin schlägt der Schüler der Lehrerin mit der Hand mehrfach auf ihre Arme. (ID 2436) Gefährliche Körperverletzung • Ein verbaler Streit zwischen 2 Schülern geht in eine Rangelei über. Dabei zieht einer der Schüler ein Messer und attackiert damit seinen Mitschüler, der eine kleine Fleischwunde davonträgt. (ID 2853) • Bei einer verbalen Auseinandersetzung zwischen 3 Schülerinnen und einem Schüler wird dem Schüler die Brille aus dem Gesicht geschlagen und zertreten. Der Schüler wird dabei ebenfalls auf den Boden geworfen und erleidet Schürfwunden. (ID 2586) Raub • Ein Schüler wird auf dem Weg zur Schule überfallen. Dem Schüler werden die Mütze und seine Jacke entwendet. (ID 2788) (Rechts-)extremistisch motivierte Vorfälle* • Anonym werden „SS-Runen“ an die Außenwand der Aula geschmiert. (ID 3096)
*Meldungen, in denen es Hinweise auf extremistische Orientierungen gibt, werden grundsätzlich in der Klassifizierung als extremistisch eingeordnet. Eine genauere Auswertung, ob es sich um Beleidigungen handelt oder um eine Körperverletzung, erfolgt in dem Kapitel Extremismus unter Punkt 8.3.

Sachbeschädigung • Die Scheibe eines Klassenraumes wird von unbekannten Tätern eingeworfen. (ID 3212) Sonstige • Ein ehemaliger Schüler nichtdeutscher Herkunft hält sich trotz Hausverbots in der Schule auf. (ID 3157) • Schülerin wird von einem Schüler zu sexuellen Handlungen aufgefordert. (ID 2347)
9

1.2 Meldungen nach Kalendermonaten Die Erfassung nach Kalendermonaten (Tab. 1.2.1) ermöglicht bei der Auswertung der Gewaltmeldungen bei SenBJS frühe Hinweise auf Trends verglichen mit dem Vorjahr. Sie ermöglicht es insbesondere frühzeitig, die Auswirkungen einschneidender gesellschaftlicher Ereignisse, wie z.B. die Bluttat in Erfurt 2002, abzulesen und von Seiten des Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention je nach Situation auch Hilfsangebote für die in den Schulen Verantwortlichen zu entwickeln. Tab. 1.2.1 Meldungen nach Kalendermonaten Monat 2000/2001 2001/2002 August 5 September 20 25 Oktober 21 31 November 42 23 Dezember 38 14 Januar 33 22 Februar 12 14 März 39 19 April 13 29 Mai 22 38 Juni 16 33 Juli 14 2 insgesamt 270 255

2002/2003 10 31 28 43 40 43 46 57 35 46 43 422

2003/2004 6 72 40 62 59 58 54 60 46 69 34 560

2004/2005 50 110 44 120 75 68 111 82 95 84 55 894

Die auffällig hohe Zahl der Gewaltmeldungen im September 2004 (N= 110) wirft die Frage nach möglichen Ursachen auf. Das Geiseldrama in der Schule von Beslan/Russland durch Terroristen führte zu großer Ergriffenheit und zu einem tiefen Mitgefühl für die Betroffenen. In der Folge kam es auch in Deutschland zu einer Thematisierung der Sicherheitsfrage für Schulen. Die lang andauernde, diesem Geschehen gewidmete mediale Aufmerksamkeit könnte daher einer der Hauptgründe für die hohen Meldezahlen in diesem Monat sein. Im November 2004 fand die Pressekonferenz von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport zur Gewaltentwicklung an Berliner Schulen statt. Dies hatte eine Zunahme der öffentlichen Aufmerksamkeit zur Folge und könnte damit auch zu einer Zunahme der Meldungen aus Schulen geführt haben. Im Februar 2005 wurde von Seiten der Schulaufsicht erneut nachdrücklich an die Notwendigkeit von Meldungen innerhalb von 24 Stunden erinnert. Diese Erinnerung kann die hohe Anzahl der Meldungen in diesem Monat begünstigt haben. Eine genauere Analyse der o.g. Meldezahlen pro Monat erfordert die Berücksichtigung der Ferienzeiten 2004/05.

10

2. Gibt es regionale Unterschiede in der Gewaltbelastung? Tab. 2.1 Gemeldete Gewaltvorfälle pro Bezirk Bezirk 2000/01 2001/02 Mitte 9 24 Friedrichshain-Kreuzberg 19 19 Pankow 14 18 CharlottenburgWilmersdorf 32 23 Spandau 20 13 Steglitz-Zehlendorf 16 11 Tempelhof-Schöneberg 21 15 Neukölln 29 31 Treptow-Köpenick 31 30 Marzahn-Hellersdorf 19 23 Lichtenberg 42 38 Reinickendorf 18 10 insgesamt 270 255

2002/03 45 30 18 25 17 20 27 118 36 20 44 22 422

2003/04 70 52 27 38 17 50 29 106 44 25 84 18 560

2004/05 205 43 47 50 31 60 45 135 65 77 88 48 894

Entsprechend den Meldungen der Schulen ergibt sich für die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport folgende Rangfolge der regionalen Belastungen an Schulen und in deren unmittelbarem Umfeld (Tab. 2.1): 205 Meldungen aus Mitte, 135 Meldungen aus Neukölln, 88 Meldungen aus Lichtenberg. Als am wenigsten belastet erscheinen entsprechend der SenBJS vorliegenden Meldungen die Schulen der Bezirke Spandau (31 Meldungen), Friedrichshain-Kreuzberg (43 Meldungen) und Tempelhof-Schöneberg (45 Meldungen). Im Vergleich zum Vorjahr hat der Bezirk Mitte Neukölln die Spitzenposition abgegeben. Interessant ist, dass Lichtenberg als ein Bezirk mit wesentlich weniger Schülern als Mitte und Neukölln eine hohe Belastung aufzeigt. Demgegenüber werden im Bezirk mit den meisten Schülerzahlen, Tempelhof-Schöneberg (30.708), nur 45 Gewaltvorfälle gemeldet. Diese Ergebnisse zeigen, dass es keinen linearen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Schülerschaft in den Bezirken und den gemeldeten Gewaltvorfällen gibt. Neben der soziostrukturellen Situation in einem Bezirk spielt der Umgang mit Gewalt an den Schulen eine entscheidende Rolle. Es wirkt sich entscheidend aus, ob Gewalt thematisiert und offen behandelt oder tabuisiert wird. Vergleichbar den sozialen Rahmenbedingungen in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln, die viele Ähnlichkeiten aufweisen, liegt es nahe zu erwarten, dass sich die sozialen Belastungen im Bezirk auch im Meldeverhalten der Schulen spiegeln. Im Schuljahr 2004/05 fällt jedoch eine deutliche Zunahme von Meldungen allein aus dem Bezirk Mitte von 70 auf 205 auf, bei der es sich – so auch die Einschätzung der Polizei – um eine Dunkelfelderhellung handelt. Diese ist kein Naturereignis, sondern das Ergebnis gezielter Bemühungen und erlebter Unterstützung bei den Adressaten. Entscheidend für die Zunahme der Meldungen aus den Schulen in Mitte ist die aktive Bemühung des Dienststellenleiters der Schulaufsicht, der bereits 2003/04 einen offenen und offensiven Umgang mit der Gewaltthematik zur Chefsache erklärt hat. Ihm ist es gelungen,
11

engagierte Kooperationspartner in seinem Bezirk zu gewinnen, so z. B. in der gesamten regionalen Schulaufsicht und bei der Polizei. Besonders hervorzuheben ist eine enge und einvernehmliche Zusammenarbeit mit der Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention (G/K), die die Realisierung des gemeinsamen Anliegens durch ihr Engagement erst möglich macht. Fachkundig und überzeugend vertritt sie es in der Öffentlichkeit des Bezirks in den unterschiedlichsten Gremien in Wort und Tat. Allein im letzten Jahr referierte sie über die Gewaltbelastungen der Schulen und das Angebot einer kooperativen, multiprofessionellen Hilfe in etwa 20 Vorträgen. Diese wurden u.a. in folgenden Gremien gehalten: AG Gewaltprävention Mitte, Steuerungsgruppe SchuleJugendhilfe-Mitte, Frauenvollversammlung des Bezirks Mitte, in der Schulleitersitzung für Grundschulen und der für Gymnasien, im Arbeitskreis Jugendhilfe-Schule-Polizei-Justiz, im Bezirkselternausschuss, beim Personalrat und im Bezirkslehrerausschuss. Dass die Hilfsangebote für die Schulen bei jeder Art von Gewaltvorkommnissen keine leere Versprechung sind, haben die Schulleiter und Pädagogen vor Ort erlebt. In der Folge der Unterstützung hat sich herumgesprochen, dass ein offenes Meldeverhalten die unerlässliche Voraussetzung für gezielte Hilfsangebote ist. Dank der internen Arbeitsverteilung im Schulpsychologischen Dienst in Mitte war es – angesichts der bald erkennbar werdenden Überlastung der G/K-Psychologin – möglich, einen weiteren für die Notfallthematik speziell qualifizierten Psychologen als Mitstreiter mit halber Stelle zur Unterstützung der Schulen zu gewinnen. Exemplarische Übersicht über die Arbeitsfelder der Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention • Netzwerkarbeit und die Teilnahme an Präventionsgremien (z.B. Präventionsrat Mitte, Arbeitskreis Jugendhilfe-Schule-Polizei-Justiz Mitte sowie AG „Zusammenarbeit bei Intensiv- und Mehrfachtätern in Mitte“ Polizeidirektion 3 in Kooperation mit der Schulaufsicht • Regelmäßige Teilnahme an den Sitzungen der AG „Konfliktlotsenbegleiter/innen an den Schulen in Mitte“ • Mitarbeit in der AG „Häusliche Gewalt in Mitte“ • Die Teilnahme an Gesamtkonferenzen in Schulen gemäß Punkt 9.2. des Rundschreibens I Nr. 41/2003 „ Hinsehen und Handeln“, inklusive Referatstätigkeit • Durchführung eines „Präventionstages Mitte“ am 15. Juni 2005 • Fortbildungen: Dreitägige Fortbildung für Lehrkräfte zum Thema „Umgang mit gewaltbereiten Schülern“ in der Jugendstrafanstalt, Untersuchungshaftbereich Kieferngrund, und weitere Fortbildungsveranstaltungen mit Lehrerkollegien an Oberschulen in Kooperation mit dem LKA „Anti-Gewalt-Projekt“ • Kooperation mit der Standpunktpädagogin bei einer Veranstaltung zu Antisemitismus • Mitwirkung an der Organisation von Rechtskunde-Projektwochen des „Zentrums des Jugendrechts Mitte“ an zwei Oberschulen in Mitte In dem sozial vergleichbaren Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Rückgang der Meldungen der Schulen von 52 auf 43 zu verzeichnen. Neukölln dagegen meldet eine Zunahme von 106 auf 135 Fälle. Vergleichbare Aufklärungsbemühungen wie in Mitte wurden aus diesen beiden Bezirken nicht mitgeteilt. In den folgenden beiden Tabellen (Tab. 2.2/ 2.3) wird die Deliktstruktur der Schuljahre 2003/04 und 2004/05 verglichen.
12

Tab. 2.2 Deliktstruktur Schuljahr 2003/2004
Bezirk CharlottenburgWilmersdorf FriedrichshainKreuzberg Lichtenberg MarzahnHellersdorf Mitte Neukölln Pankow Reinickendorf Spandau SteglitzZehlendorf TempelhofSchöneberg Treptow-Köpenick Berlin insgesamt Beleidig. Bedroh.Erpress. gefährl. Körper(Rechts) SachKörperRaub Sonst.Summe verletzung Extremismus besch. verletzung 13 20 19 10 23 39 10 7 9 14 5 13 182 15 9 34 7 24 39 12 5 4 11 6 17 183 6 2 2 2 10 2 24 2 3 7 1 3 4 1 2 3 3 3 7 39 1 1 1 2 1 3 1 1 11 3 2 2 1 2 1 11 38 52 84 25 70 106 27 18 17 50 29 44 560

1 6 1 2 10

7 9 10 5 13 12 4 3 16 13 4 96

3 1 4

Tab. 2.3 Deliktstruktur Schuljahr 2004/2005
Bezirk CharlottenburgWilmersdorf FriedrichshainKreuzberg Lichtenberg MarzahnHellersdorf Mitte Neukölln Pankow Reinickendorf Spandau SteglitzZehlendorf TempelhofSchöneberg Treptow-Köpenick Berlin insgesamt Beleidig. Bedroh.Erpress. gefährl. Körper(Rechts) SachKörperRaub Sonst.Summe verletzung Extremismus besch. verletzung 17 14 16 16 47 29 10 14 7 13 9 12 204 22 13 42 28 79 54 24 25 10 25 15 31 368 1 2 1 5 6 8 1 1 25 5 4 2 12 11 5 4 3 2 7 1 6 62 1 3 2 1 4 2 1 2 16 2 3 16 3 1 1 2 1 2 1 32 50 43 88 77 205 135 47 48 31 60 45 65 894

1 7 9 3 1 1 22

2 8 14 13 35 27 8 5 8 12 16 11 159

1 1 1 2 1 6

13

3. Welche Unterschiede zeigen sich bei den Schulstufen und Schularten? 3.1 Meldungen nach Schulstufen Tab. 3.1.1 Meldungen nach Schulstufen (absolut)
S BerufsGrund- Grund- Grund- Gesamt- Gymnasium S Sek I Haupt-/ Haupt- Real- Sek Gymnasium bildende Sek Schuljahr schule schule* stufe schule Sek I ** Realschule schule schule I Sek II Sek II II insges. 2000/01 63 83 37 270 36 24 10 4 37 39 150 3 34 20 2001/02 68 74 153 28 255 32 28 26 12 26 29 7 21 6 2002/03 94 113 39 422 70 27 21 18 76 58 270 11 28 19 2003/04 139 164 59 560 25 91 24 58 16 92 56 337 19 40 2004/05 198 247 49 147 36 149 24 91 92 539 33 75 108 894 * S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten ** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten

Tab. 3.1.2 Meldungen nach Schulstufen (prozentual)
S BerufsGrund- Grund- Grund- Gesamt- Gymnasium S Sek I Haupt-/ Haupt- Real- Sek Gymnasium bildende Sek Schuljahr schule schule* stufe schule Sek I ** Realschule schule schule I Sek II Sek II II insges. 2000/01 23,3 30,7 13,3 8,9 3,7 1,5 13,7 14,4 55,6 1,1 12,6 13,7 100 7,4 2001/02 26,7 29,0 12,5 11,0 10,2 4,7 10,2 11,4 60,0 2,7 8,2 11,0 100 2,4 2002/03 22,3 26,8 16,6 6,4 5,0 4,3 18,0 13,7 64,0 2,6 6,6 9,2 100 4,5 2003/04 24,8 29,3 16,3 4,3 10,4 2,9 16,4 10,0 60,2 3,4 7,1 10,5 100 4,5 2004/05 22,1 27,6 16,4 4,0 16,7 2,7 10,2 10,3 60,3 3,7 8,4 12,1 100 5,5 * S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten ** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten

Abb. 3.1.1 Meldungen nach Schulstufe in %

12% 28%

60%

Grundstufe

Sekundarstufe I

Sekundarstufe II

14

3.2 Delikte nach Schularten Tab. 3.3.1 Durchschnitt der Schuljahre 2000/2001 bis 2003/04
Schulstufe Beleidig.Bedroh. Erpress. gefährl. (Rechts-) KV* Raub Sachbesch. Sonst. Summe KV* Extremismus 2,4 110,6 14,9 0,5 21,5 0,5 39,4 0,3 9,7 0,3 40 0,3 42,4 0,3 0,8 0,3 4,5 26,7 6,7 24,9 299,9

Grundschule x 24,4 1,2 23,4 45,8 2,4 9,4 1,6 S Grundschule* x 4,0 2,5 6,3 0,3 0,5 0,8 S Sek I** x 5,5 0,5 3,5 9,5 1,0 1,0 Hauptschule x 9,5 0,8 10,3 14,0 1,5 2,5 0,5 Haupt-/Realschule x 3,8 1,3 4,3 Realschule x 7,0 1,0 14,0 12,3 0,3 4,8 0,3 Gesamtschule x 11,5 2,5 11,5 9,3 0,5 6,5 0,3 Gymnasium Sek I x 11,0 1,0 3,3 4,0 1,0 5,3 0,3 Gymnasium Sek II x 2,5 0,3 1,0 1,5 0,3 0,8 0,3 Berufsbildende Sek II x 8,5 4,8 7,3 4,0 Gesamtergebnis x 84,5 7,8 61,8 100,3 5,0 32,5 3,5 x: Kategorie „Beleidigung“ wurde erstmals im Schuljahr 2003/2004 erfasst * S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten ** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten

Tab. 3.2.2 Delikte im Schuljahr 2004/2005
Schulstufe Beleidig. Bedroh.Erpress. gefährl. (Rechts-) KV*Raub Sachbesch. Sonst. Summe KV* Extremismus 198 49 149 91 24 92 147 36 33 75 894

Grundschule 2 38 1 47 89 5 10 2 4 S Grundschule** 1 1 12 32 1 1 1 S Sek I*** 6 31 2 22 68 5 9 2 4 Hauptschule 3 17 20 36 10 1 4 Haupt-/Realschule 2 2 7 11 1 1 Realschule 5 10 28 39 2 3 3 2 Gesamtschule 3 30 1 33 50 8 6 3 13 Gymnasium Sek I 1 6 1 10 11 3 4 Gymnasium Sek II 4 5 12 10 1 1 Berufsbildende Sek II 20 20 20 1 9 3 2 Gesamtergebnis 22 159 6 204 367 25 62 16 32 *: Körperverletzung ** S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten *** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten

15

4. Was ist über Täter und Opfer bekannt? 4.1. Schulinterne Gewaltvorfälle Wie hoch ist der Anteil an “schulinternen“ Gewaltvorfällen und wer sind die Opfer? Als „schulintern“ gelten Personen, die als der Schule zugehörig einzuordnen sind. Dazu gehören sowohl die Lehrer- und Schülerschaft als auch in der Schule angestellte Personen, wie z.B. der Hausmeister. Des Weiteren werden die Opfer schulinterner Gewaltvorfälle anhand von 3 Kategorien abgebildet. Es wird unterschieden zwischen Schüler/innen (d.h. Kindern und Jugendlichen, die Schüler einer Schule sind) und Lehrer/innen (darunter fallen auch andere Erwachsene, die in der Schule tätig sind, z.B. Sekretärinnen, Hausmeister, Sozialarbeiter/innen und Erzieher/innen). Von Lehrer/innen und Schüler/innen als gemeinsame Opfer ist dann die Rede, wenn beide Personengruppen bei einer Gewalttat zu Schaden kommen. Gefragt wird also danach: Wie hoch ist der Anteil von Fällen, bei denen die Beteiligten auf der Täter- und der Opferseite nachweislich Mitglied der Schülergemeinschaft sind? In dieser Betrachtung werden schulexterne oder anonyme Personen als Opfer und Täter nicht beachtet. In der unteren Tabelle 4.1.1 werden ausschließlich Delikte abgebildet, die von schulinternen Personen ausgehen oder in denen die Geschädigten zur Schulgemeinschaft gehören. Die Zahl der Meldungen solch schulinterner Fälle wird zudem allen gemeldeten Vorfällen gegenübergestellt.

Tab. 4.1.1 Schulinterne Gewaltvorfälle und deren Opfer Schüler und GewaltSchüler als Opfer Lehrer als Opfer Lehrer Schuljahr vorfälle als Opfer insgesamt absolut in % absolut in % absolut in % 2000/01 270 121 44,8 30 11,1 12 4,4 2001/02 255 112 43,9 28 11,0 13 5,1 2002/03 422 203 48,0 55 13,0 19 4,5 2003/04 560 269 48,1 69 12,3 40 7,2 2004/05 894 518 57,9 115 12,9 46 5,1 Schulinterne Gewaltvorfälle zusammen absolut in % 163 60,4 153 60,0 277 65,5 378 67,6 679 76,0

Von den 894 gemeldeten Vorfällen an Berliner Schulen werden 679 Fälle, d.h. 76 % aller Fälle, durch schulinterne Täter ausgeübt. Es wird deutlich, dass bei schulinternen Vorfällen die Schüler und Schülerinnen gleichzeitig die Personengruppe darstellen, die am häufigsten von Gewaltvorfällen betroffen sind. Bei diesem Ergebnis ist die Tatsache zu berücksichtigen, dass es im Schuljahr 2004/05 420 597 Schülerinnen und Schüler und 29703 Lehrer und Lehrerinnen gab. Auch ist zu beachten, dass die Gewaltmeldungen gegenüber der Gruppe der Lehrer und Lehrerinnen zwar angestiegen sind, der prozentuale Anteil gegenüber dem vergangenem Schuljahr jedoch annähernd gleich blieb. Die Zuordnung interner Täter wird ausschließlich dann vorgenommen, wenn zweifelsfrei belegt ist, dass es Schüler sind. Es ist davon auszugehen, dass sich weitere Schüler/innen in der Kategorie anonyme Täter befinden, die hier jedoch nicht Gegenstand der Betrachtung ist.

16

4.2. Geschädigte nach Schuljahren Die folgenden Übersichten (Tab. 4.2.1/4.2.2) erfassen nicht nur schulinterne, sondern darüber hinaus auch Gewalttaten die von unbekannten, schulfremden und gänzlich anonymen Tätern ausgeübt werden. Des Weiteren wird nunmehr zwischen fünf Kategorien unterschieden. Zusätzlich zu den Einteilungen Schüler als Geschädigte, Lehrer als Geschädigte und Schüler und Lehrer als Geschädigte werden die Kategorien Sache und Sachbeschädigung (Sachbesch.) betrachtet. Als geschädigte „Sache“ gelten ethische Werte wie die Menschenwürde. Diese ist verletzt, wenn jemand volksverhetzende oder fremdenfeindliche Bemerkungen macht oder diese bspw. an die Schulwand schreibt. Als „Sachbeschädigung“ gilt die Schädigung von Gegenständen und Schuleigentum. Bei der Meldeverpflichtung geht es primär um Gewalt gegen Menschen und nicht um die ebenfalls durch nichts zu rechtfertigende Gewalt gegen Sachen (hier erfolgt bei erheblichen Schäden eine Anzeige an den Kostenträger im Bezirk). Fälle von Sachbeschädigung werden daher kaum gemeldet, da diese gegenüber der Senatsverwaltung für Bildung nicht zu melden sind.

Tab. 4.2.1 Geschädigte nach Schuljahren (absolut) Schüler Schuljahr Schüler Lehrer und Lehrer 2000/01 172 41 19 2001/02 141 47 17 2002/03 281 74 29 2003/04 375 97 59 2004/05 625 146 50

Sache 38 50 38 15 54

Sachbesch.* insgesamt 14 19 270 255 422 560 894

* Seit dem Schuljahr 2003/04 wird zwischen Sache (Schädigung ideeller Güter, z.B. Menschenrecht) und Sachbeschädigung (Schädigung materieller Güter, z.B. Mobiliar) differenziert.

Tab. 4.2.2 Geschädigte nach Schuljahren (in %) Schüler Schuljahr Schüler Lehrer und Lehrer 2000/01 63,7 15,2 7,0 2001/02 55,3 18,4 6,7 2002/03 66,6 17,5 6,9 2003/04 67,0 17,3 10,5 2004/05 70,0 16,3 5,6

Sache 14,1 19,6 9,0 2,7 6,0

Sachbesch.* insgesamt 2,5 2,1

100 100 100 100 100

* Seit dem Schuljahr 2003/04 wird zwischen Sache (Schädigung ideeller Güter, z.B. Menschenrecht) und Sachbeschädigung (Schädigung materieller Güter, z.B. Mobiliar) differenziert.

17

4.3 Täterstatus Tab. 4.3.1 Täterstatus intern 697 Täterstatus (in absoluten Zahlen) extern intern/extern anonym 98 31 68 gesamt 894

Abb. 4.3.1 Täterstatus (in %)
3% 11% 8%

intern extern intern/extern anonym
78%

Die Unterscheidung der Täter in anonyme, schulfremde und schulinterne ermöglicht es den Schulen zu überlegen, an welcher Stelle besondere Aufmerksamkeit notwendig ist bzw. ob die bisherige Aufmerksamkeit im Interesse der Gewaltprävention an eine andere Stelle verlagert werden sollte. Schulfremde Täter, also ehemalige Schüler, Bekannte von Schülern, gelegentlich auch deren Angehörige, lassen sich nur schwer in ihrem Handeln beeinflussen. Schulen sollten durch eine konsequente Aufsichtsführung sicherstellen, dass fremde Personen rasch erkannt und dazu veranlasst werden, sich mit ihrem Anliegen im Sekretariat der Schule zu melden. Einvernehmliche Regelungen in Schulen, wie zu verfahren ist, erhöhen das Sicherheitsgefühl der Schulgemeinschaft. Fremde, die angreifen, und um diese handelt es sich in den oben vorgestellten Übersichten, sollten sofort des Schulgeländes verwiesen werden. Bei Angriffen, die die Sicherheit der Schüler bedrohen, muss die Polizei gerufen werden. Ein solches Handeln spricht sich erfahrungsgemäß herum und mindert die Angriffswahrscheinlichkeit. Angreifer handeln in den meisten Fällen nur dann gern, wenn sie eine Chance auf Erfolg, nicht jedoch dann, wenn sie mit Sanktionen zu rechnen haben. Im letzten Schuljahr ist der Anteil der schulfremden Täter von 18,2 auf 11 % gesunken (vgl. Abb. 4.3.12). Der prozentuale Anteil der gänzlich anonymen Täter ist gleich geblieben. Bei diesen handelt es sich wiederholt um anonyme Schmierer, die Zeichen wie z.B. verfassungsfeindliche Symbole hinterlassen und es vermeiden, erkannt zu werden. Hier entspricht der Prozentsatz dem des Vorjahres. Die Zunahme der Meldungen von 378 auf 679 über schulinterne Personen (vgl. Tab. 4.1.1), die „tätig“ anderen schaden, ist beunruhigend und zugleich erfreulich, weil sie einerseits offen darüber informiert, wie häufig es an den vielen Berliner Schulen einen Vorfall gibt, andererseits aber dafür spricht, dass Pädagoginnen und Pädagogen ihres Amtes walten und das, was geschieht, nicht einfach hinnehmen, sondern handeln.

18

4.4. Opfer- und Tätergeschlecht bei Gewaltvorfällen Auch im Schuljahr 2004/05 lässt sich in Übereinstimmung zu den vergangenen Schuljahren konstatieren, dass Schüler sowohl absolut, als auch prozentual die Mehrheit der Geschädigten und der Täter bilden. Die Täter sind zu 86,7 % männlich und zu 11,5 % weiblich, in 4 % sind beide Geschlechter beteiligt (vgl. Tab. 4.4.4). Auch auf der Opferseite überwiegt das männliche Geschlecht, lediglich 29,5 % sind weiblich (vgl. Tab. 4.4.1/ 4.4.2). Abgesehen von dem bereits erklärten Anstieg der absoluten Zahlen, ist prozentual betrachtet nur eine geringfügige Variation der Werte zu verzeichnen, die im Vergleich zum Vorjahr nicht weiter auffällig ist.

Tab. 4.4.1 Geschlecht der Geschädigten - absolute Angaben männlich Schuljahr männlich weiblich und weiblich 2000/01 137 70 24 2001/02 114 68 21 2002/03 238 107 41 2003/04 314 138 68 2004/05 529 241 47

ohne Angabe 39 52 36 40 77

insgesamt 270 255 422 560 894

Tab. 4.4.2 Geschlecht der Geschädigten – prozentuale Angaben männlich Schuljahr männlich weiblich ohne Angabe und weiblich 2000/01 50,7 25,9 8,9 14,4 2001/02 44,7 26,7 8,2 20,4 2002/03 56,4 25,4 9,7 8,5 2003/04 56,1 24,6 12,1 7,1 2004/05 59,2 27 5,3 8,6

insgesamt 100 100 100 100 100

Tab. 4.4.3 Tätergeschlecht – absolute Zahlen Schuljahr 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05
* meist anonyme Täter

männlich 50 44 82 126 160

weiblich 6 7 13 9 25

Männlich ohne Angabe* und weiblich 2 2 3 10 3 5 5 16 5 6

insgesamt 60 64 103 156 196

19

Tab. 4.4.4 Tätergeschlecht – prozentual Schuljahr 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 männlich 83,3 68,8 79,6 80,8 81,6 weiblich 10 10,9 12,6 5,8 12,8 männlich ohne Angabe* und weiblich 3,3 3,3 4,7 15,6 2,9 4,9 3,2 10,3 2,6 3,1 insgesamt 99,9** 100 100 100,1** 100,1**

* meist anonyme Täter ** 99,9 und 100,1 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

5. Einzel- und Gruppentaten in Schulen und auf Schulwegen Tab. 5.1 Einzel- und Gruppentaten 2004/05 bezogen auf die Gesamtzahl der Gewaltvorfälle Delikte in Delikte auf Insgesamt Anzahl der Täter Schulen Schulwegen* absolut in % absolut in % absolut in % Einzeltäter 583 65,2 70 7,8 653 73,0 Gruppentäter 179 20,0 62 6,9 241 27,0 Zusammen 762 85,2 132 14,8 894 100
* einschließlich Vorfälle auf Exkursionen / Klassenfahrten (23 Fälle)

Tab. 5.2 Einzel- und Gruppentaten 2003/04 bezogen auf die Gesamtzahl der Gewaltvorfälle Delikte in Delikte auf Insgesamt Anzahl der Täter Schulen Schulwegen* absolut in % absolut in % absolut in % Einzeltäter 323 57,7 50 8,9 373 66,6 Gruppentäter 132 23,6 55 9,8 187 33,4 Zusammen 455 81,3 105 18,8 560 100
* einschließlich Vorfälle auf Exkursionen / Klassenfahrten (2003/04 13 Fälle)

Die Mehrzahl der Gewaltvorfälle, 65,2 % (absolut 583), die sich im unmittelbaren Verantwortungsbereich der Schule ereignen, also im Schulgebäude, im Sportbereich und auf dem Schulhof, werden durch Einzelpersonen verübt (vgl. Tab. 5.1/5.2). In der Mehrzahl sind diese männlichen Geschlechts. Seltener, nämlich in nur 20 % der Fälle (absolut 179), werden von den Schulen Gruppentaten (2 - 70 als höchste Nennung) gemeldet. Die Zunahme aller Fälle entspricht der allgemeinen Zunahme der Meldungen. Dies gilt auch für die Tatsache, dass inzwischen häufiger Vorfälle, die sich auf Schulwegen ereignen, auch in den Schulen bekannt werden. Viele andere Vorfälle kommen den Schulen nicht zur Kenntnis, weil diese keine Verantwortung für die Sicherheit auf Schulwegen trägt. In einer Schule können sich Opfer und Täter wiedererkennen, dies erhöht die Chance der wirksamen Aufarbeitung von Gewaltvorfällen.

20

Bei Angriffen, die sich auf dem Schulweg ereignen und die den Schulen zu Kenntnis kommen, wird wie bereits im Vorjahr fast ebenso oft von Gruppen- wie von Einzeltätern berichtet. Die Anonymität der Straße ermutigt die, die oft aus persönlichem Frust das Machterleben über andere suchen. Sie bevorzugen es, nicht erkannt zu werden, um ihr Tun fortsetzen zu können. Im Schutz einer Gruppe werden moralische Hemmschwellen leichter und rascher überwunden, man fühlt sich stärker. Gelegentlich wird ein arbeitsteiliges Vorgehen gegen das Opfer gemeldet, einer bedroht, der zweite hält fest, der dritte raubt das Handy. Im letzten Jahr kam es in einigen Fällen zu so genannten „Happy Slapper“- Vorfällen, über die wiederholt in aktuellen Jugendsendungen berichtet wurde. Dabei handelt es sich um eine neue Variante der Gewalt aus Großbritannien. Bei diesen Vorfällen, die weniger „happy“, sondern eher widerwärtig und menschenverachtend sind, findet die Gruppe der Täter Freude daran, ihr Opfer zu berauben oder zu schlagen und dabei ihr Handeln zu fotografieren, um so die Demütigung ihrer Opfers quasi als Beweis der eigenen Stärke Dritten vorzuführen. Widersprüche zwischen den Erkenntnissen der Polizei und der Schule? Die Polizei hat andere Erkenntnisse zu Vorkommnissen am Tatort Schule als die Schulaufsicht, die Schulleiter und die Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention. Dazu folgende Statistiken zum Schuljahr 2004/05: Wie oben berichtet (Tab. 5.1), meldeten Schulen 62 Gruppentaten auf Schulwegen und 179 Gruppentaten in Schulen. Der Polizei wurden 209 Gruppentaten auf Schulwegen und 352 Gruppentaten in Schulen im gleichen Zeitraum, also dem des Schuljahres 2004/05, bekannt. (Für Einzeltaten gibt es bisher keine Auswertungsergebnisse zum Tatort Schule, so dass hier kein Vergleich möglich ist.) Wie es zu unterschiedlichen statistischen Auswertungen von Polizei und Schule kommt, soll am Beispiel der Vorfälle von Jugendgruppengewalt an Schulen und auf Schulwegen verdeutlicht werden. Es geht hier also ausschließlich um all die Fälle, in denen mehrere Täter auftreten oder ein Täter mit der Macht einer Gruppe im Hintergrund droht. Die Zahlendiskrepanz zwischen den angezeigten Vorfällen, die der Polizei bekannt werden, und den Meldungen der Schulen, die der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport zum Tatort „Schulweg“ mitgeteilt werden, hat vor allem zwei Gründe: Vorfälle auf Schulwegen werden den Schulen nur in Ausnahmefällen bekannt. Die Schule trägt – ausgenommen bei Schulausflügen – keine Verantwortung für die Sicherheit ihrer Schüler im öffentlichen Raum. Die Erziehungsverantwortung der Eltern für ihre Kinder beginnt dort, wo die der Schule endet. Vorfälle auf Schulwegen werden von Schulen i. d. R. nur dann gemeldet, wenn diese einen direkten Bezug zur Schule oder ihren Schülern haben, wenn z. B. eine Schülergruppe einen in der Pause begonnenen Streit anschließend auf dem Schulweg austrägt. Wenn Eltern oder bereits volljährige, zu Schaden gekommene Schüler Vorfälle auf Schulwegen anzeigen, wenden sie sich direkt an die Polizei. Auch bei Taten in der Schule erfährt diese nicht immer davon, insbesondere dann nicht, wenn sich Schüler vor der Rache der Täter fürchten oder sich ihre Eltern allein von einer Anzeige bei der Polizei eine Aufklärung erhoffen. Zu den Vorfällen am Tatort Schule gehören in der Statistik der Polizei Graffiti-Delikte, die von den Schulen jedoch nicht gemeldet werden, da hier nur die Gewalt gegen Menschen meldepflichtig ist. Die Meldung über Sachbeschädigungen erfolgt an den Kostenträger im
21

Bezirk und eine Information an SenBJS ist nur dann vorgeschrieben, wenn es sich um verfassungsfeindliche Delikte handelt. Die Tatsache, dass Graffiti-Delikte an Schulen nicht gemeldet werden und die Tatsache, dass Eltern Straftaten bei der Polizei anzeigen, ohne parallel die Schule über diese in Kenntnis zu setzen, erklärt die Zahlendiskrepanz im wesentlichen.

6. Gibt es Veränderungen beim Ort des Geschehens? Tab. 6.1 Anzahl der Fälle nach Ort des Geschehens und Schuljahren (absolut) Schuljahr Tatort 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 Klassenraum 62 65 89 129 Flur 22 25 30 53 Sonstige in der Schule 60 49 91 110 Sport 14 15 15 21 zusammen 158 154 225 313 Hof 56 62 104 142 außerunterrichtliche Veranstaltung 15 22 13 Exkursion 1 4 6 zusammen 72 62 130 161 Weg 40 28 67 86 zusammen 40 28 67 86 gesamt 270 244 422 560

2004/05 229 101 199 35 564 198 4 23 225 105 105 894

Tab. 6.2 Anzahl der Fälle nach Ort des Geschehens und Schuljahren (prozentual) Schuljahr Tatort 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 Klassenraum 23,0 26,6 21,1 23,0 25,6 Flur 8,1 10,2 7,1 9,5 11,3 Sonstige in der Schule 22,2 20,1 21,6 19,6 22,3 Sport 5,2 6,1 3,6 3,8 3,9 zusammen 58,5 63,1 53,3 55,9 63,1 Hof 20,7 25,4 24,6 25,4 22,2 außerunterrichtliche Veranstaltung 5,6 5,2 2,3 0,4 Exkursion 0,4 0,9 1,1 2,6 zusammen 26,7 25,4 30,7 28,8 25,2 Weg 14,8 11,5 15,9 15,4 11,7 zusammen 14,8 11,5 15,9 15,4 11,7 gesamt 100 100 100 100 100

22

Die Verteilung der Gewaltvorfälle nach Ort des Geschehens lässt im Vergleich zu den Vorjahren kaum prozentual auffällige Trends oder ausgeprägte Entwicklungen erkennen. Die in allen Bereichen höhere Zahl der Gewaltmeldungen im Schuljahr 2004/05 spiegelt sich erwartungsgemäß auch hier lediglich in den absoluten Zahlen wider, ohne sich in anteilsmäßigen Veränderungen niederzuschlagen. Zum insgesamt als gleichmäßig zu betrachtenden Entwicklungsverlauf ist anzumerken, dass bei den meisten gemeldeten Gewaltvorfällen unverändert das Schulgebäude der Hauptort des Geschehens bleibt (vgl. Tab. 6.1/6.2).

7. Einzelbetrachtung ausgewählter Aspekte von besonderer Aufmerksamkeit 7.1. Vorfälle mit Waffen und waffenartigen Gegenständen Bei den 70 Vorfällen, in denen über die Existenz von Waffen und waffenähnlichen Gegenständen berichtet wird (Tab. 7.1.1), finden diese unterschiedliche Anwendung: Messer werden beispielsweise dazu benutzt, Drohungen oder Beleidigungen gegenüber anderen Personen zu verstärken. Waffen treten auch bei körperlichen Auseinandersetzungen auf, werden aber oftmals nicht verwendet. Zum Teil werden Waffen und waffenartige Gegenstände von Lehrern oder Mitschülern auch eher zufällig entdeckt und eingezogen. Es werden aber auch Fälle gemeldet, bei denen es zu Verletzungen der Beteiligten durch den Einsatz von Waffen kommt. • Ein Schüler greift einen Mitschüler an und schlägt ihm mehrfach brutal ins Gesicht. Der Täter bedroht sein Opfer und zieht ein Messer, welches von ihm aber sofort fallen gelassen wird. (ID 2346) • Wiederholte Bedrohung eines Schülers mit einem Messer durch anonymen Täter, Opfer solle sein Handy herausgeben. (ID 2526) • Bei einem Schüler wird eine „Waffe“ (Tschakra) im Gürtel entdeckt. Der Schüler sagt, er wisse nicht, dass es sich dabei um eine Waffe handelt. (ID 2858) • Ein Schüler schlägt einen Mitschüler mit einem Totschläger gegen den Oberschenkel. (ID 2390) • Ein Schüler holt ein Messer aus seiner Jacke und sticht mehrfach auf einen Mitschüler ein. Dieser versucht sich mit seiner Schulmappe zu schützen. Ein Stich trifft ihn in den Rücken. (ID 2742) Die Ergebnisse des letzten Schuljahres zeigen insgesamt eine leichte Zunahme an gemeldeten Vorfällen, in denen Waffen oder waffenartige Gegenstände vorkommen. Im vergangenen Jahr wurden in 63 von insgesamt 560 Fällen Waffen angeführt. Dies entspricht einem Anteil von 11,3 %. In diesem Schuljahr werden von insgesamt 894 Fällen 70 gemeldet, in denen Waffen erwähnt werden. Der Anteil reduziert sich damit auf 7,8 % (Tab. 7.1.1). Demnach sinkt der prozentuale Anteil an Meldungen mit Waffen in diesem Schuljahr im Vergleich zum Schuljahr 2003/04 deutlich. Während die Fälle, in denen Messer vorkommen, in absoluten Zahlen zugenommen haben, sind die Fälle, in denen Pistolen oder waffenartige Gegenstände erwähnt werden, zurückgegangen. Die meisten Meldungen, in denen Messer auftauchen, gibt es von Grundschulen. Dabei ist zu beachten, dass 34 % der gesamten Schülerschaft Berlins eine Grundschule besuchen (vgl. Tab. 0.1).

23

Tab. 7.1.1 Vorfälle mit Waffen und waffenartigen Gegenständen nach Schulart
Waffe Schuljahr 2000/01 Schulart Grundschule S Grundschule S Sek I Hauptschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I berufsbildende Sek 2000/2001 Grundschule S Sek I Hauptschule Haupt- /Realschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I berufsbildende Sek 2001/2002 Grundschule S Grundschule S Sek I Hauptschule Haupt- /Realschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek II berufsbildende Sek 2002/2003 Grundschule S Grundschule S Sek I Hauptschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Gymnasium Sek II berufsbildende Sek 2003/2004 Grundschule S Grundschule S Sek I Hauptschule Realschule Haupt-/Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Gymnasium Sek II berufsbildende Sek 2004/2005 Messer 5 2 4 1 1 3 16 1 3 1 4 5 1 15 10 1 1 2 4 9 5 3 35 9 3 5 10 6 1 2 2 38 19 1 3 3 9 1 7 3 4 4 54 Pistole 1 1 1 3 1 1 1 3 3 2 1 2 3 1 1 13 1 1 1 1 2 1 1 8 1 1 1 3 waffenartiger Gegenstand 2 1 1 1 4 2 11 2 2 2 2 1 9 1 4 1 1 7 5 1 4 1 1 2 3 17 2 2 2 1 2 2 2 13 Summe 8 2 2 2 5 5 1 5 30 2 2 6 1 4 8 2 2 27 14 1 1 8 5 12 8 2 4 55 15 4 10 12 2 10 5 2 3 63 22 1 6 5 11 1 9 5 4 6 70 24

II

Ergebnis 2001/02

II

Ergebnis 2002/03

II

Ergebnis 2003/04

II

Ergebnis 2004/05

II

Ergebnis

Am zweithöchsten ist die absolute Anzahl der Fälle mit Messern in der Realschule (9 Fälle) zu verzeichnen. Dieser Schultyp ist mit 6 % Anteil an der gesamtem Schülerschaft, nach der Sonderschule und der Hauptschule die Schulform mit den wenigsten Schülerinnen und Schülern in Berlin. Daher ist die Realschule, da in ihr weniger Schüler lernen als z.B. in der Grundschule, stärker mit diesen Vorfällen belastet.

Beispiele mit Waffen • Gegenseitige Beleidigungen zwischen zwei Schülern führen dazu, dass einer der Schüler anfängt den Mitschüler zu würgen, zu schlagen und ihn mit einem Teppichmesser zu bedrohen. (ID 2722 Steglitz- Zehlendorf) • Drei Schüler werden von einem Mitschüler auf eine Zigarette angesprochen. Die negative Reaktion von einem der gefragten Schüler macht den nikotinfordernden Schüler wütend. Er zieht einen Messer und läuft hinter dem Schüler hinterher. Das Opfer rennt in ein Autohaus. (ID 3139 Pankow) • Zwei Schüler nichtdeutscher Herkunft werfen eine Glasflasche an die Wand, diese zerspringt. Ein Schüler beobachtet diese Handlung und weist darauf hin, dass dieses gefährlich und verboten ist. Daraufhin zieht einer der Schüler nichtdeutscher Herkunft ein Klappmesser und bedroht den Schüler. (ID 2397 FriedrichshainKreuzberg)

Die nachfolgende Tabelle (Tab. 7.1.2) verdeutlicht, in welchem Zusammenhang Delikte mit Waffen bzw. waffenartige Gegenstände in den Meldungen der Schulen Erwähnung finden.

Bedrohungen: Gemeldete Fälle, in denen die Beteiligten sich verbal durch Worte schädigen und eine Waffe aufgeführt wird, aber keine offensichtlichen Verletzungen aufgetreten sind, finden sich unter dieser Kategorie. Körperverletzung: Fälle, in denen es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt, beispielsweise eine Schlägerei, oder Fälle, bei denen Waffen erwähnt, aber nicht direkt eingesetzt werden, sind in der Tabelle diesem Delikt zugeordnet. Gefährliche Körperverletzung: Körperliche Auseinandersetzungen, bei denen eine Person mit einem Messer, einer Pistole oder auch waffenartigen Gegenständen von einem Einzelnen oder einer Gruppe attackiert oder auch verletzt wird, werden als gefährliche Körperverletzung klassifiziert.

25

Tab. 7.1.2 Fälle von Bedrohung und Körperverletzung mit Waffen nach Schuljahren waffenartiger Schuljahr Delikt Messer Pistole Summe Gegenstand 2000/01 Bedrohung 9 2 5 16 gefährliche Körperverletzung 7 1 6 14 Ergebnis 2000/2001 16 3 11 30 2001/02 Bedrohung 5 2 3 10 Körperverletzung 2 1 1 4 gefährliche Körperverletzung 8 5 13 Ergebnis 2001/2002 15 3 9 27 2002/03 Bedrohung 17 10 1 28 Körperverletzung 3 2 5 gefährliche Körperverletzung 15 3 4 22 Ergebnis 2002/2003 35 13 7 55 2003/04 Bedrohung 14 2 4 20 Körperverletzung 2 2 gefährliche Körperverletzung 24 6 11 41 Ergebnis 2003/2004 38 8 17 63 2004/05 Bedrohung 22 1 3 26 Körperverletzung 11 1 2 14 gefährliche Körperverletzung 21 1 8 30 Ergebnis 2004/2005 54 3 13 70

Die Zahlen in dieser Tabelle (Tab. 7.1.2) verdeutlichen, dass im Schuljahr 2004/ 05 in 22 Fällen Messer vor allem dazu dienen andere Schüler und Schülerinnen oder auch Lehrer und Lehrerinnen zu bedrohen. In 11 Fällen sind Messer bei körperlichen Auseinandersetzungen aufgetaucht, werden aber nicht eingesetzt. In 21 der gemeldeten Fälle werden die Opfer mit einem Messer attackiert oder auch verletzt.

Waffen bei Schülern oder Schulfremden? In den meisten Vorfällen mit Waffen sind die Täter schulintern, d.h. es handelt sich um Schüler der Schule (79 %). In 11 % der Fälle sind Schulfremde die Akteure, in 10 % der Vorfälle bleiben die oder der Täter anonym.

Tab. 7.1.3 Waffen intern 78,6 extern 11,4 Täterstatus (in %) intern/extern anonym 10 gesamt 100

26

7.2. Gewalt gegen Lehrer/innen Rajko Fijalek SenBJS II E 5.15 Da die Schüler/innen als Geschädigte bei Gewaltvorfällen im Mittelpunkt aller Betrachtungen stehen, z.B. bei der Betrachtung der Deliktarten und bei den später nachfolgenden Auswertungspunkten, soll hier die Aufmerksamkeit auf Gewalt gegen Lehrer und Lehrerinnen gelegt werden. Tab. 7.2.1 Lehrer und Lehrerinnen als Opfer nach Schularten (absolut) Schulart 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 Grundschule 19 20 21 39 Hauptschule 7 8 15 33 Realschule 3 2 6 9 Haupt-/ Realschule 2 5 4 4 Gesamtschule 8 7 22 23 Gymnasium Sek I 5 12 8 6 Gymnasium Sek II 1 2 1 6 S Grundschule* 5 2 11 9 S Sek** 2 3 8 15 Berufsbildende Schulen 8 3 7 12 Gesamt 60 64 103 156
* S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten ** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten

2004/05 30 25 14 6 33 3 9 9 49 18 196

Abb. 7.2.1 Lehrer und Lehrerinnen als Geschädigte nach Schularten (%)
Gewalt gegen Lehrer nach Schulstufe 2004/05 30 25 25 16,8 20 15,3 12,8 15 9,2 7,1 10 4,5 4,5 3,1 1,5 5 0
Gr un d Ha sch up ule ts c Ha Re hul up e t-/ alsc hu Re l Ge alsc e sa hu Gy m mt le s n Gy asi chu um le m na Se s So ium k I n S So der ek nd sch II Be ru ers ule fs bi chu G ld en le S d e ek Se k II

27

Im Schuljahr 2004/05 werden 196 Gewaltvorfälle gegen Lehrer und Lehrerinnen, gemäß dem Rundschreiben I Nr. 41/2003 der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, gemeldet. Dieses entspricht einem Anteil von 21,9 % aller gemeldeten Vorfälle an Berliner Schulen (vgl. Tab. 1.1.1). Somit hat sich der prozentuale Anteil zum vergangenen Schuljahr zwar um 6 % verringert, die absolute Anzahl steigt dagegen um 40 Fälle an. Die Verringerung des prozentualen Anteils ergibt sich durch den Anstieg aller Gewaltmeldungen von 560 Meldungen im Schuljahr 2003/04 auf 894 im Schuljahr 2004/05 (Tab. 1.1.1). In der folgenden Tabelle (Tab. 7.2.1) ist die Verteilung der Meldungen auf die unterschiedlichen Schularten der letzten fünf Jahre dargestellt. Ein Viertel aller Gewaltvorfälle gegen Lehrer (49 Fälle) ereignete sich im vergangenen Schuljahr in der Sekundarstufe I der Sonderschulen, die damit im Vergleich zum Schuljahr 2003/04 die Grundschule in ihrem Spitzenrang ablöste (Tab. 7.2.1). Alarmierend ist die Tatsache, dass sich die Anzahl der Vorfälle in der Sekundarstufe der Sonderschulen, die bereits vom Schuljahr 2002/03 zu 2003/04 zugenommen hatte, in diesem Schuljahr nochmals erhöhte. Die weitere Rangfolge der stärker belasteten Schultypen stellt sich wie folgt dar: Gesamtschule (33 Fälle), Grundschule (30 Fälle), Hauptschule (25 Fälle) und berufsbildende Schule (18 Fälle). Weniger belastet sind, folgt man den Meldungen, die Gymnasien Sekundarstufe I (3 Fälle) und Sekundarstufe II (9 Fälle), die Haupt-/Realschulen (6 Fälle) sowie die Grundschulen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (9 Fälle).

Tab. 7.2.2 Lehrer und Lehrerinnen als Geschädigte nach Bezirken (absolut) Bezirk 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 Mitte 3 5 11 19 Friedrichshain4 7 9 22 Kreuzberg Pankow 2 4 3 7 Charlottenburg 9 1 5 12 -Wilmersdorf Spandau 5 3 4 2 Steglitz3 3 7 19 Zehlendorf Tempelhof4 5 4 13 Schöneberg Neukölln 8 11 32 24 Treptow5 6 7 11 Köpenick Marzahn6 7 5 4 Hellersdorf Lichtenberg 7 9 12 19 Reinickendorf 4 3 4 4 gesamt 60 64 103 156

2004/05 57 8 11 4 6 9 9 27 11 23 23 8 196

28

Abb. 7.2.2 Lehrer als Opfer nach Bezirken (prozentual)
Gewalt gegen Lehrer nach Bezirk

2004/05 35 29,1 30 25 20 15 10 4 5 0

13,8 5,6 2 3,1 4,6 4,6 5,6

11,7 11,7 4,1

ha in -K Mit lo re te tte uz be nb r ur g- Pan g W ilm kow er sd St or eg lit Spa f zZe nda u hl en do rf

ric hs

Fr

ied

In der obigen Tabelle (Tab. 7.2.2) ist die Anzahl der Delikte nach Bezirken dargestellt. Analog der Verteilung aller Gewaltvorfälle Berliner Schulen nach Bezirken (Tab. 2.1) ergibt die Auswertung der Meldungen von Gewaltvorfällen gegenüber Lehrer/innen die gleiche Rangfolge der belasteten Regionen. Im Bezirk Mitte hat sich die Summe der Vorfälle vom vergangenen zu diesem Jahr von 19 auf 57 verdreifacht. Es folgen die Bezirke Neukölln (27 Meldungen) sowie Lichtenberg und Marzahn- Hellersdorf mit jeweils 23 Meldungen.

Lehrer als Opfer nach Delikten In der anschließenden Tabelle (Tab. 7.2.3) wird die Deliktstruktur gegen Lehrer in den vergangenen fünf Jahren, bezogen auf die Deliktstruktur aller Vorfälle an Berliner Schulen, dargestellt. Zum besseren Verständnis werden anschließend Beispiele für die jeweilige Deliktgruppe aufgeführt. Im Schuljahr 2004/05 sind 85 Meldungen bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport eingegangen, die darüber Auskunft geben, dass Lehrer/innen bedroht werden. Bedrohungen haben einen Anteil von 43 % bei allen Delikten gegen Pädagogen und – in seltenen Fällen - andere Bedienstete an Schulen. Vergleicht man die Entwicklung der Meldungen, in denen die Lehrerschaft bedroht wird, mit dem Vorjahr, ist ein Anstieg dieser Deliktart um etwa 55 % zu verzeichnen. Die Summe aller Delikte gegen Lehrer hingegen steigt in einem geringerem Umfang um etwa 25 %. Betrachtet man alle Bedrohungsdelikte

Ch ar

M ar

za

hn

ell e Lic rsdo h rf Re ten in be ick rg en do rf

-H

29

an der Schule (Tab. 1.1.1), so wird deutlich, dass sich 53 % aller Bedrohungen gegen Lehrer/innen richten. Während die absolute Zahl der Körperverletzungen gegenüber der Lehrerschaft seit dem Vorjahr um 12 Fälle auf 49 Fälle ansteigt, sinkt die Anzahl gefährlicher Körperverletzungen auf 19 Meldungen. Die Delikte Körperverletzung und gefährliche Körperverletzung gegen Lehrerinnen und Lehrer nehmen zusammen einen Anteil von 35 % (Vorjahr 40 %) ein. Tab. 7.2.3 Delikte gegen Lehrer/innen im Vergleich zu allen gemeldeten Fällen Delikte gegen Lehrer Delikt 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 n Bedrohung Beleidigung Erpressung Körperverletzung Gefährliche Körperverletzung Raub (Rechts-) Extremismus Sachbeschädigung Sonstige Gesamt
29 x 13 11 7 -

%
48,3 x 21,7 18,3 11,7 -

n
44 x 14 3 2 1 -

%
68,8 x 21,9 4,7 3,1 1,6 -

n
70 x 1 17 12 1 2 -

%
68 X 1 16,5 11,7 1 1,9 -

n
55 9 37 30 3 20 2

%
35,3 5,8 23,7 19,2 1,9 12,8 1,3

n
85 17 1 49 19 6 13 6

%
43,3 8,7 0,5 25 9,7 3,1 6,6 3,1

Delikte gesamt 2004/05 N %
159 22 6 368 204 25 62 16 32 17,8 2,5 0,7 41,2 22,8 2,8 6,9 1,8 3,6

60 100

64 100,1** 103 100,1**156

100 196

100 894 100,1*

* 100,1 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

Bedrohung • Ein Schüler beleidigt eine Mitschülerin und wird daraufhin von der Lehrerin ermahnt. Infolgedessen bedroht der Schüler die Lehrerin mit den Worten: „Ich steche dich ab“. (ID 2464) • Ein Schüler legt eine Sportbefreiung von einem Arzt vor. Der Sportlehrer stellt fest, dass diese gefälscht ist und stellt den Schüler zur Rede. Worauf der Schüler antwortet: "Sie wollen ja mit dem Auto heil nach Hause kommen." (ID2898) Beleidigung • Ein Schüler bewirft eine Mitschülerin mit Papierbällchen. Die Schülerin reagiert darauf mit Beschimpfungen. Auf das Stören angesprochen, antwortet der Schüler mit „fuck you“ und zeigt der Lehrerin den Mittelfinger. (ID 2379)

Körperverletzung • Mehrere Schüler (auch nichtdeutscher Herkunft) beschimpfen sich gegenseitig. Bei dem Versuch zu intervenieren wird eine Lehrerin von einem Schüler nichtdeutscher Herkunft in ihr Gesicht geschlagen. (ID 2434)

30

• Nachdem sich ein Schüler weigert aktiv am Unterricht teilzunehmen und andere Schüler vom Arbeiten abhält, möchte er auf die Toilette gehen. Dies wird ihm mit der Begründung „er kann in der Pause gehen“ vom Lehrer verweigert. Der Schüler reagiert darauf mit mehrfachen Schlägen gegen den Oberarm und tritt gegen das Bein des Lehrers. (ID 2378)

gefährliche Körperverletzung • Ein Sportlehrer versucht eine Schlägerei zwischen zwei Schülern im Sportunterricht zu unterbinden und wird dabei von einem Schlag ins Gesicht getroffen. Nach Aussagen von Mitschülern benutzte der Schüler einen Schlagring. (ID 2699) • Während einer verbalen Auseinandersetzung zwischen zwei Schülern im Unterricht wirft einer der beiden mit einem Buch. Das Buch verfehlt das Ziel (den anderen Schüler) und trifft die Lehrerin am Oberarm. (ID 2607) Raub/ Diebstahl • Zwei Schüler nichtdeutscher Herkunft entwenden in der kurzen Abwesenheit der Lehrerin Geld aus ihrer Tasche. (ID 3061) (Rechts-)extremistisch motivierte Vorfälle • Eine Lehrerin fand einen Handzettel: „Neger...,Buschfrau pass auf, Heil Hitler“ in ihrem Fach. (ID 3127)

Welche Delikte gegen Lehrer/innen sind aus welchen Schularten bekannt geworden? Tab. 7.2.4 Delikte gegenüber Lehrer/innen bezüglich der Schularten im Schuljahr 2004/2005
Schulstufe BeleidigungBedrohung Erpress. gefährl. (Rechts-) KV*Raub Sachbesch.Sonst.Summe KV* Extremismus 1 1 3 1 6 30 9 49 25 6 14 33 3 9 18 196

Grundschule 11 3 11 2 3 S Grundschule** 3 6 S Sek I*** 6 20 1 3 14 3 1 Hauptschule 2 13 3 3 4 Haupt-/Realschule 2 2 1 Realschule 4 7 1 2 Gesamtschule 3 16 4 6 1 Gymnasium Sek I 1 2 Gymnasium Sek II 2 2 3 1 Berufsbildende Sek II 13 1 2 2 Gesamtergebnis 17 85 1 19 49 6 13 * Körperverletzung ** S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten *** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten

31

Wer sind die Opfer? Wer sind die Täter? Geschlecht der Geschädigten bei Gewaltvorfällen gegenüber Pädagogen Die nachfolgenden Tabellen (Tab. 7.2.5 - 7.2.8) machen die Verteilung der Opfer und Täter hinsichtlich des Geschlechts sichtbar. In der Tabelle 7.2.5 wird deutlich, dass Lehrerinnen (88 Fälle) nach absoluten Zahlen häufiger Opfer von Gewalt werden als Lehrer (60 Fälle). Fälle, in denen Lehrer und Lehrerinnen gemeinsam mit Schülern oder Schülerinnen geschädigt werden, sind im vergangenen Schuljahr von 54 (2003/04) auf 34 Fälle zurückgegangen. Parallel dazu steigt die Anzahl der Fälle, in denen die geschädigte Person weiblich ist, im Vergleich zum vergangenen Schuljahr um 69 % auf 88 Fälle. Die Zahl der Meldungen mit männlichen Opfern steigt um 43 % auf 60 Fälle. Stellt man diesen Zahlen die Geschlechtsstruktur der unterrichtenden Lehrer/innen an Berliner Schulen gegenüber, wird deutlich (Lehrer 9.182/ Lehrerinnen 20.521), dass es vor allem Lehrer sind, die gewalttätige Handlungen gegenüber ihrer Person erfahren.

Tab. 7.2.5 Geschlecht der Geschädigten – absolute Angaben männlich Schuljahr männlich weiblich und weiblich 2000/01 17 24 16 2001/02 17 29 14 2002/03 32 45 24 2003/04 42 52 54 2004/05 60 88 34

ohne Angabe 3 4 2 8 14

insgesamt 60 64 103 156 196

Tab. 7.2.6 Geschlecht der Geschädigten – prozentual Schuljahr 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 männlich 28,3 26,6 31 26,9 30,6 weiblich 40 45,3 43,7 33,3 44,9 männlich und weiblich 26,7 21,9 23,3 34,6 17,3 ohne Angabe 5 6,2 1,9 5,1 7,1 insgesamt 100 100 99,9* 99,9* 99,9*

* 99,9 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

Angreifer gegenüber Pädagogen nach Geschlecht Der Anteil der Täter hat sich zum Vorjahr nicht gravierend verändert. 82 % (160 Fälle) der Gewalttaten wurden im letzten Schuljahr von männlichen Tätern begangen. 25 Fälle (13 %) werden 2004/05 von Täterinnen verübt. Meldungen ohne Angaben zum Geschlecht des Täters gehen um 7 % zurück. Das heißt, dass der Anteil anonymer Täter weiter zurückgeht, weil festgestellt wird, wer das gewalttätige Geschehen bestimmt.

32

Tab. 7.2.7 Tätergeschlecht – absolute Angaben Schuljahr 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05
* meist anonyme Täter

männlich 50 44 82 126 160

weiblich 6 7 13 9 25

männlich ohne Angabe* und weiblich 2 2 3 10 3 5 5 16 5 6

insgesamt 60 64 103 156 196

Tab. 7.2.8 Tätergeschlecht – prozentual Schuljahr 2000/01 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 männlich 83,3 68,8 79,6 80,8 81,6 weiblich 10 10,9 12,6 5,8 12,8 männlich ohne Angabe* und weiblich 3,3 3,3 4,7 15,6 2,9 4,9 3,2 10,3 2,6 3,1 insgesamt 99,9* 100 100 100,1* 100,1*

* meist anonyme Täter ** 99,9 und 100,1 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

Gewaltvorfälle gegenüber Lehrer/innen nach Ort des Geschehens Mit den folgenden Tabellen (Tab. 7.2.8/ 7.2.9) soll der Tatort des Geschehens betrachtet werden. Unterschieden werden die Rubriken innerhalb der Schule, außerhalb der Schule und auf dem Weg zur Schule bzw. von der Schule nach Hause. Tab. 7.2.9 Tatort des Geschehens nach Schuljahren (absolut) Schuljahr Tatort 2000/01 2001/02 2002/03 Klassenraum 18 22 42 Flur 7 6 5 Sonstige in der Schule 17 18 37 Sport 4 3 2 zusammen 46 49 86 Hof 7 12 12 außerunterrichtliche Veranstaltung Exkursion/ Wandertag 4 2 3 zusammen 11 14 15 Schulweg 3 1 2 zusammen 3 1 2 Gesamt 60 64 103

2003/04 69 17 41 3 130 17 6 23 3 3 156

2004/05 93 16 42 5 156 26 7 33 7 7 196
33

Tab. 7.2.9 Tatort des Geschehens nach Schuljahren (prozentual) Schuljahr Tatort 2000/01 2001/02 2002/03 Klassenraum 30 34,4 40,8 Flur 11,7 9,4 4,9 Sonstige in der Schule 28,3 28,1 35,9 Sport 6,7 4,7 1,9 zusammen 76,7 76,6 83,5 Hof 11,7 18,8 11,7 außerunterrichtliche Veranstaltung Exkursion/ Wandertag 6,7 3,1 2,9 zusammen 18,4 21,9 14,6 Schulweg 5 1,6 1,9 zusammen 5 1,6 1,9 gesamt 100,1* 100,1* 100
* 99,9 und 100,1 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

2003/04 44,2 10,9 26,3 1,9 83,3 10,9 3,8 14,7 1,9 1,9 99,9*

2004/05 47,4 8,2 21,4 2,6 79,6 13,3 3,6 16,9 3,6 3,6 100,1*

Wie in den Vorjahren ereignen sich auch in diesem Schuljahr die meisten Fälle, 156 in absoluten Zahlen bzw. 80 %, innerhalb der Schule. Ein Anstieg ist dabei vor allem im Klassenraum zu beobachten. Dies spricht für die Offenheit der Pädagogen, Vorfälle im Klassenraum nicht zu vertuschen, sondern zu benennen. Die Anzahl der Fälle an den übrigen Orten des Geschehens innerhalb der Schule bleibt verhältnismäßig konstant. Im Klassenraum ist eine Zunahme um 24 Fälle festzustellen, dies entspricht einem Anstieg zum Vorjahr um etwa 35 %. Außerhalb des Schulgebäudes ereignen sich Gewaltvorfälle auf dem Schulhof (26 Fälle) am häufigsten. Auf annähernd gleich bleibend geringem Niveau halten sich die Vorfälle bei der Durchführung von Exkursionen (7 Meldungen). Auf dem Schulweg ereignen sich wie auch schon in den Vorjahren wenig Gewaltvorfälle (7 Fälle), die den Schulen zur Kenntnis kommen und dann gemeldet werden. Obwohl sich die absolute Anzahl seit dem Vorjahr mehr als verdoppelte, machen die Wegevorfälle mit 3,6 % den geringsten Teil aus. Betrachtet man die Entwicklungen der Unterrubriken zum Vorjahr und vergleicht diese mit der Gesamtzunahme (26 %) wird deutlich, dass der Anstieg im Klassenzimmer (35 %), auf dem Schulhof (53 %) und auf dem Schulweg (133 %) überproportional hoch ist. Angesichts der sehr geringen absoluten Zahlen bedarf diese Betrachtung jedoch derzeit keine besondere Aufmerksamkeit. Täterstatus Wie der unteren Tabelle (Tab. 7.2.10) zu entnehmen ist, werden 161 Gewalttaten (82 %) von internen Tätern ausgeübt. Von externen Tätern werden 25 Fälle (13 %) verursacht. Zu dieser Gruppe gehören neben Freunden und Bekannten der Schüler gelegentlich auch Familienmitglieder (Bruder, Schwester, auch Elternteile). Anonyme Täter sind für lediglich 10 Fälle (5 %) verantwortlich zu machen.

34

Tab. 7.2.10 Täterstatus bei Delikten gegenüber der Lehrerschaft (absolut) Täterstatus intern extern intern/extern anonym gesamt 161 25 10 196

Abb. 7.2.3 Täterstatus (in %)
5% intern extern anonym 82%

13%

Diese Werte zum hohen Anteil schulinterner Täter verdeutlichen, dass Schulen auf die Angreifer Einfluss nehmen können. Eine Chance, die bei Schulfremden in der Regel nicht gegeben ist.

Wie wurden in der unmittelbaren Gewaltsituation gegenüber Lehrern und Lehrerinnen Hilfen in Anspruch genommen? In der unmittelbaren Konfliktsituation ist die Zusammenarbeit mit der Polizei, Ärzten bzw. Kliniken und den Eltern unabdingbar. Anknüpfend an diesen Sachverhalt verdeutlicht eine Tabelle (Tab. 7.2.11) die Entwicklung hinsichtlich der Kooperationen mit diesen Helfern in den letzten fünf Jahren. Betrachtet man die Entwicklung der Zusammenarbeit mit der Polizei als dem wichtigsten Kooperationspartner der Schule, lässt sich feststellen, dass die absolute Nennung um 17 Fälle steigt, der prozentuale Anteil jedoch um etwa 4 % sinkt. Die Eltern werden bei 91 Vorfällen (46 %) mit einbezogen. Eine Ursache für die relativ geringe Kooperation mit den Eltern ist, dass in Fällen der Beteiligung volljähriger Schüler seitens der Schule keine Informationspflicht gegenüber den Eltern besteht. Dies trifft jedoch ausschließlich auf die gymnasiale Oberstufe der Gesamtschule, der Gymnasien und der beruflichen Schulen zu. In 33 aller Fälle wird ein Arzt konsultiert und in 6 Fällen musste eine Klinik aufgesucht werden.

35

Tab. 7.2.11 Kooperation in der unmittelbaren Gewaltsituation bei Fällen in denen Lehrer/innen geschädigt wurden (Mehrfachnennungen möglich) Darunter Kooperation mit Fälle Arzt/Klinik Schuljahr Polizei Arzt Klinik Eltern insgesamt zus. absolut % absolut % absolut % absolut % absolut % 2000/01 60 32 53,3 19 31,7 2 3,3 21 35 15 25 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 64 103 156 196 42 73 96 113 65,6 70,9 61,6 57,7 13 16 23 33 20,3 15,6 14,7 16,8 3 2 3 6 4,7 1,9 1,9 3,1 16 18 26 39 25 17,5 16,6 19,9 17 44 89 91 26,6 42,7 57 46,4

Neben den hier aufgeführten Kooperationen werden entsprechend den Meldungen der Schulen bei der Bearbeitung in 93 Fällen die Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention von den Schulen zur Unterstützung der Pädagogen und Pädagoginnen hinzugezogen.

Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen In der Folge von Gewaltvorfällen an den Berliner Schulen wurden im vergangenen Schuljahr 167 Fälle durch Schulgremien sanktioniert (vgl. Tab. 7.2.12). Es handelt sich um die Fälle, in denen ausschließlich mit Sanktionen gemäß dem Schulgesetz § 63 reagiert wurde. Interne Experten (z.B. Vertrauenslehrer, Mediatoren) wurden in 62 Fällen hinzugezogen. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich dieser Wert mehr als verdoppelt. Externe Experten (z.B. Jugendamt, Erziehungsberatung, Therapie) werden hingegen nur 29-mal zu Rate gezogen. 12 Gewaltvorfälle gegen Lehrer werden im Schuljahr 2004/05 weder durch interne noch externe Experten nachbereitet. Hier besteht zukünftig erhöhter Handlungsbedarf.

Tab. 7.2.12 Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen (absolut) (Mehrfachnennungen möglich) Experten Experten Schuljahr Schulgremien ohne intern extern 2000/2001 37 26 16 6 2001/2002 31 36 17 7 2002/2003 69 59 10 20 2003/2004 94 29 39 34 2004/2005 167 62 29 12

Nennungen insgesamt 85 91 158 196 270

36

Tab. 7.2.13 Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen (prozentual) (Mehrfachnennungen möglich) Nennungen Experten Experten Schuljahr Schulgremien ohne insgesamt intern extern 100 2000/2001 43,5 30,6 18,8 7,1 100,1** 2001/2002 34,1 39,6 18,7 7,7 100 2002/2003 43,7 37,3 6,3 12,7 100 2003/2004 48 14,8 19,9 17,3 100 2004/2005 61,9 23 10,7 4,4
* 100,1 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

Der Einsatz von Gegenständen, Waffen und waffenähnlichen Gegenständen gegenüber der Lehrerschaft Von den insgesamt 196 Vorfällen gegenüber Lehrer/innen (vgl. Tab. 7.2.1) wird bei 21 Delikten ein Gegenstand, eine Waffe oder ein waffenartiger Gegenstand verwendet (Tab. 7.2.14). Am häufigsten werden diese im Zusammenhang mit gefährlichen Körperverletzungen gebraucht (12 Fälle).

Tab. 7.2.14 Verwendung von Waffen und waffenähnlichen Gegenständen gegenüber der Lehrerschaft (absolut) Gegenstand waffenartiger Gegenstand Messer gesamt absolut 11 4 6 21 % 52 19 29 100

Abb. 7.2.4 Verwendung von Waffen und waffenähnlichen Gegenständen gegenüber der Lehrerschaft (absolut)

29% 52% 19%

Gegenstand waffenartiger Gegenstand Messer

37

• Ein Schüler verweigert die Arbeit und reagiert über und unangemessen. Er beißt, und bedroht eine Lehrerin und eine Erzieherin mit einer Schere. (ID 2855) • Zwei schulfremde Jugendliche nichtdeutscher Herkunft erscheinen vor dem verschlossenen Schultor und wollen einen Schüler "sprechen". Ein Totschläger und ein Messer werden einem Lehrer gezeigt. (ID 2435) • Ein pädagogischer Koordinator fordert zwei fremde Jugendliche zum Verlassen des Schulgeländes auf. Daraufhin droht der eine mit dem Messer und der andere wirft den Lehrer zu Boden. Nachfolgend fliehen die beiden Täter. (ID 2467) • Der Hausmeister der Schule wird auf dem Hof von zwei männlichen Jugendlichen angegriffen und durch einen Messerknauf verletzt. (ID 2630)

Gewalt gegen Lehrer mit Beteiligung von Schülern nichtdeutscher Herkunft Schüler nichtdeutscher Herkunft werden im Schuljahr 2004/05 in 68 von insgesamt 196 Gewaltvorfällen gegen Lehrer und Lehrerinnen erwähnt (Tab. 7.2.15). Das heißt, an etwa 35 % der Vorfälle sind Schüler nichtdeutscher Herkunft beteiligt, die einen Anteil von 19 % an der gesamten Schülerschaft in Berliner Schulen haben (siehe Tabelle 7.4.5). Bei 15 % aller Fälle kann keine Aussage zur Herkunft der Täter getroffen werden, da für die beruflichen Schulen keine Erfassung der Schülerzahlen nichtdeutscher Herkunft vorliegt. Betrachtet man die Anzahl der Delikte nach Schularten, wird deutlich, dass in der berufsbildenden Schule mit 10 Fällen immerhin 15 % aller Delikte gegen Lehrer vorkommen.

Tab. 7.2.15 Gewalt gegen Lehrer mit Beteiligung von Schülern nichtdeutscher Herkunft 2004/05 2004/05 Schularten (absolut) (in %) Grundschule 13 19,1 Hauptschule 7 10,3 Realschule 6 8,8 Haupt-/ Realschule 3 4,4 Gesamtschule 12 17,6 Gymnasium Sek I 2 2,9 Gymnasium Sek II S Grundschule* 1 1,5 S Sek I** 14 20,6 berufsbildende Sek II 10 14,7 gesamt 68 99,9***
* S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten ** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten *** 99,9 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

38

Die Auswertung der Meldungen mit Gewaltvorfällen gegen Lehrer nach Bezirken führt zu dem Ergebnis, dass die insgesamt stärker belasteten Bezirke (vgl. Tab. 2.1) auch hinsichtlich der Vorfälle mit geschädigtem Lehrpersonal den größten Teil ausmachen (Tab. 7.2.16). Im Bezirk Mitte (29 Meldungen) und Neukölln (16 Meldungen) werden 2004/05 66 % aller Delikte mit Beteiligung von Schülern nichtdeutscher Herkunft gemeldet. Mit Ausnahme des Bezirkes Pankow gibt es aus allen Stadtbezirken Vorfälle, die an SenBJS gemeldet werden.

Tab. 7.2.16 Gewalt gegen Lehrer mit Beteiligung von Schülern nichtdeutscher Herkunft 2004/05 2004/05 Bezirk (absolut) (in %) Mitte 29 42,6 Friedrichshain-Kreuzberg 4 5,9 Pankow Charlottenburg-Wilmersdorf 2 2,9 Spandau 2 2,9 Steglitz-Zehlendorf 1 1,5 Tempelhof-Schöneberg 4 5,9 Neukölln 16 23,5 Treptow-Köpenick 3 4,4 Marzahn-Hellersdorf 2 2,9 Lichtenberg 1 1,5 Reinickendorf 4 5,9 gesamt 68 99,9*
* 99,9 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

Die Auswertung zur Gewalt gegen Lehrer und Lehrerinnen zeigt, dass Gewalt gegen die Lehrerschaft ein ernst zu nehmendes Problem ist. Die Betroffenen sind oft in ihrer Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigt, zudem auch ihre Kollegen in ihrer Dienstausübung, insbesondere beim Eingreifen bei Gewaltvorfällen, oft nachhaltig verunsichert sind.

7.3. (Rechts-)Extremistisch motivierte Vorfälle Bei den 62 gemeldeten Vorfällen im Schuljahr 2004/05 (vgl. Tab. 7.3.1) handelt es sich im Kern um antisemitisch, rassistisch/fremdenfeindlich, rechtsextrem, volksverhetzend oder fundamentalistisch/ islamistisch motivierte Äußerungen von Kindern und Jugendlichen, selten auch von erwachsenen oder anonymen Personen in mündlicher oder schriftlicher Form. Diese werden in der Schule, auf dem Schulweg, auf Exkursionen und auch bei außerschulischen Veranstaltungen gemacht und von den Schulen gemeldet. Die Dokumentation und Auswertung solcher Meldungen hat das Ziel, frühe Signale und mögliche Hinweise auf extremistische Orientierungen ernst zu nehmen. Bereits in der Entstehungsphase soll versucht werden, Tendenzen zur Verfestigung entgegenzuwirken und evtl. Provokationen angemessen zu begegnen. Erwähnt und ausgewertet werden in diesem Kontext auch – meist anonyme - Zusendungen von verfassungsfeindlichen oder volksverhetzenden Materialien. Die folgende Vorstellung soll anhand konkreter Beispiele verdeutlichen, wie extremistisch motivierte Delikte klassifiziert werden.
39

Rechtsextremistisch motivierte Vorfälle • An der Hofmauer eines Gymnasiums Sek. II wird der Schriftzug: „Horst Wessel lebt“ entdeckt. (Pankow ID 2993) Rassistisch/fremdenfeindlich motivierte Vorfälle • Ein Schüler einer berufsbildenden Schule Sek. II schreibt: „Scheiß Pole“ an die Tafel und sagt: „Krieg ist geil. Es müsste demnächst einen Krieg geben.“ (Neukölln ID 2451) Antisemitisch motivierte Vorfälle • Ein Schüler einer Hauptschule äußert im Unterricht: „Juden müssen alle vergast werden.“ (Steglitz-Zehlendorf ID 3055) • Ein Schüler wurde von seinen Mitschülern mit den Worten: „Jetzt drehen wir den Gasraum auf“ in den Chemieraum eingesperrt. (Friedrichshain-Kreuzberg ID*)
* Dieser antisemitische Vorfall fand im Schuljahr 2004/05 statt, wurde aber nicht gemeldet und erst am Ende des Schuljahres bekannt. Daher wird diesem Fall kein ID zugeordnet.

Vorfälle mit gemischten Motivationen, z.B. mit antisemitisch/rechtsextremistisch, fremdenfeindlich und/oder volksverhetzendem Hintergrund • Der Hauswart stellt rechtsextremistisch/fremdenfeindliche Schriftzüge und Hakenkreuze am Gebäude fest. „Scheiß Mullaken,...Sieg Heil.“ ( Mitte ID 2846) Fundamentalistisch/ islamistisch motivierte Vorfälle • Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft äußert sich zustimmend zum Mord an einer Türkin. Laut Aussage des Täters ist die Ehre das Wichtigste. (Mitte ID 2925)

Deliktstruktur Im Schuljahr 2004/05 gehen 62 Meldungen über (rechts-)extremistisch motivierte Vorfälle an Schulen ein, im Vorjahr waren es 39. Dies bedeutet eine Zunahme um 59 %. Bei diesem Ergebnis ist zu berücksichtigen, dass auch bei der Anzahl aller gemeldeten Gewaltdelikte im Schuljahr 2004/05 (n=894) im Vergleich zum Vorjahr (n=560) eine Zunahme von 56,6 % zu verzeichnen ist. Bei der Betrachtung des prozentualen Anteils (rechts-)extremistisch motivierter Handlungen an allen gemeldeten Fällen fällt auf, dass dieser im vergangenen Schuljahr bei 7 % lag und in diesem Schuljahr einen Anteil von 6,9 % ausmacht, somit ein minimaler prozentualer Rückgang festzustellen ist.

40

Tab. 7.3.1 Extremistische Vorfälle, der Tendenz nach ... motiviert (absolut n=62) antisemitisch/ rechtsextremistisch rassistisch/ fremdenfeindlich fundamentalistisch/ islamistisch antisemitisch fremdenfeindlich rechtsextremistisch volksverhetzend absolut in % absolut in % absolut in % absolut in % absolut in % 8 13 9 15 32 51 8 13 5 8

Abb. 7.3.1 Extremistisch motivierte Vorfälle in %

8% 13%

13% 15%

51%

antisemitisch rassistisch/fremdenfeindlich rechtsextremistisch antisemitisch/rechtsextremistisch, fremdenfeindlich, volksverhetzend fundamentalistisch / islamistisch

Demgegenüber ist der prozentuale Anteil (rechts-)extremistisch motivierter Vorfälle an allen Gewaltmeldungen nicht angestiegen. Sowohl im Schuljahr 2003/204 als auch 2004/05 beträgt der Anteil (rechts-)extremistisch motivierter Vorfälle 7 % (vgl. Tab. 7.3.2).

41

Tab. 7.3.2 Prozentualer Anteil (rechts-)extremistisch motivierter Vorfälle an allen Gewaltmeldungen im Schuljahr 2004/05 Extremistische Vorfälle, der Tendenz nach ... motiviert antisemitisch rassistisch/ fremdenfeindlich rechtsextremistisch antisemitisch/ rechtsextremistisch fremdenfeindlich volksverhetzend fundamentalistisch/ islamistisch gesamt 2003/04 (n=560) prozentualer absolut Anteil an allen Gewaltmeldungen 5 0,9 3 23 0,5 4,1 2004/05 (n=894) prozentualer absolut Anteil an allen Gewaltmeldungen 8 0,9 9 32 1,0 3,6

6 2 39

1,1 0,4 7

8 5 62

0,9 0,6 7

Die Betrachtung der Tabelle 7.3.2 zeigt, dass sich ein Anstieg des prozentualen Anteils (rechts-)extremistisch motivierter Vorfälle auf rassistisch/fremdenfeindlich und fundamentalistisch/islamistisch motivierte Vorfälle beschränkt. Bei den anderen extremistisch motivierten Delikten bleibt der prozentuale Anteil an den Gesamtmeldungen gleich (Antisemitismus) oder sinkt (Rechtsextremismus). Im Schuljahr 2004/05 kann man von einer Zunahme in absoluten Zahlen sprechen, die sich aber im Kontext der allgemeinen Zunahme aller Meldungen nicht im prozentualen Anteil widerspiegelt.

Täterstatus Als Handlungsträger extremistisch motivierter Delikte lassen sich schulinterne, schulexterne und anonyme Täter unterscheiden (Tab. 7.3.3). Im Schuljahr 2004/05 stellen die internen Täter mit 61 % den größten Anteil. Anonym bleiben die Täter in 34 % der Fälle. Bei diesen Delikten handelt es sich in den meisten Fällen um Beschmierungen auf dem Schulgelände und von Schuleigentum oder auch die Zusendung volksverhetzender/ verfassungsfeindlicher Briefe. Externe Täter, z.B. ehemalige Schüler/innen, Schüler/innen anderer Schulen oder Bekannte und Verwandte von Schüler/innen, stellen mit 5 % den geringsten Anteil. Tab. 7.3.3 Täterstatus intern absolut % 38 61 Täterstatus (in absoluten Zahlen) extern intern/extern anonym gesamt absolut % absolut % absolut % absolut % 3 5 21 34 62 100

42

Abb. 7.3.2 Täterstatus in %

34 %

61 % 5 %

intern

extern

anonym

Interner Täter • Im Unterricht in einer Hauptschule äußert ein Schüler: „Sieg Heil“ gegenüber der Klassenlehrerin, der Klasse und der stellvertretenden Lehrerin. Der Täter schaut provozierend und wiederholt den Ausspruch viermal. (Marzahn- Hellersdorf ID 2343) Anonymer Täter • Vor dem Eingang einer Realschule werden Flugzettel mit volksverhetzendem Inhalt gefunden. (Spandau ID 3230) Externer Täter • Eine rechtsradikale Gruppe von fünf schulfremden Jungen pöbelt mit Hitlergruß. Sie drohen mit Gewalt und schlagen einen Schüler gegen das Kinn. (Charlottenburg- Wilmersdorf ID 2867)

Verteilung in den Bezirken Die Ost-West-Anteile sind fast gleich (Tab. 7.3.4): 37 % aller Meldungen von (Rechts-) Extremismus entfallen auf westliche, 39 % auf östliche Bezirke und 24 % auf die zusammenlegten Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Der Vergleich mit den Zahlen im Schuljahr 2003/04 zeigt eine deutliche Zunahme (rechts-)extremistisch motivierter Vorfälle in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. Während der Anteil in diesen Bezirken im Schuljahr 2003/04 15 % betrug, ist er im Schuljahr 2004/05 auf 24 % angestiegen. Tab. 7.3.4 Verteilung in den Bezirken (absolut) Ost West Frh./Mitte/Krb. absolut % absolut % absolut % 24 39 23 37 15 24

gesamt absolut % 62 100

43

Abb. 7.3.3 Verteilung in den Bezirken (prozentual)
Frh./Mitte/ Krb. 24 %

Ost 39 %

West 37 %

Vorkommen in den einzelnen Schularten Die folgende Tabelle (Tab. 7.3.5) und die dazugehörige Abbildung (Abb. 7.3.4) zeigen, dass es in jeder Schulstufe zu (rechts-) extremistisch motivierten Vorfällen kommt. Eher wenige solcher Meldungen gehen von folgenden Schularten ein: Sondergrundschule (lediglich 1 gemeldeter Fall), Realschule (3 gemeldete Fälle) und Sekundarstufe I des Gymnasiums (4 gemeldete Fälle). Die häufigsten Extremismusmeldungen kommen von der Grundschule, der Hauptschule und dem Gymnasium Sekundarstufe II mit jeweils 10 Meldungen. Der Anteil an allen Gewaltmeldungen ist in den Schularten Grundschule, Sonderschule Sek. I und II, Realschule und Gesamtschule höher als der Anteil der Extremismusmeldungen. Im Gegensatz dazu ist in den Hauptschulen, den Gymnasien Sek. I und II und den berufsbildenden Schulen der Anteil an Extremismusmeldungen gegenüber ihrem Anteil an allen Meldungen merklich höher (vgl. Tab. 7.3.5). Am deutlichsten ist die Differenz bei Gymnasien in der Sekundarstufe II. Während der Anteil aller Meldungen 3,7 % beträgt, liegt der Anteil von Extremismusmeldungen bei 16,1 %. Tab. 7.3.5 Vorkommen in den einzelnen Schularten Häufigkeiten (absolut) Schulart Grundschule 10 S Grundschule* 1 Hauptschule 10 Realschule 3 Gesamtschule 6 S Sek I** 9 Gymnasium Sek I 4 Gymnasium Sek II 10 Berufsschule 9 gesamt 62

Häufigkeiten (in %) 16 2 16 5 10 15 6 16 15 101***

* S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten ** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten *** 101 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

44

Abb. 7.3.4 Verteilung nach Schularten (prozentual)

15 % 16 %

15 % 2% 16 %

6% 15 % 10 %

5%

Grundschule Hauptschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Berufsschule

Sonder-Grundschule Realschule Sonderschule - Sek Gymnasium Sek II

Extremistisch motivierte Vorfälle, Propagandadelikte und Fälle mit Gewaltanwendung Bei den meisten Extremismusmeldungen handelt es sich um demonstrative Propagandadelikte schulinterner Täter (24 Meldungen). An zweiter Stelle stehen Propagandadelikte externer oder anonymer Täter (20). 3 Meldungen berichten von wenig offensichtlicher Propaganda interner Täter. Propaganda extern • Eine Grundschule erhält einen anonymen christlich-fundamentalistischen Kettenbrief, der inhaltlich gegen die Menschenwürde hetzt. (Friedrichshain-Kreuzberg ID 2836) • In einer berufsbildenden Schule Sek. II findet man Schriftstücke mit rassistischem Gedankengut: „Kampf gegen Deutsche“. (Reinickendorf ID 3115) Propaganda intern/demonstrativ • Beim Besuch eines Museums tragen drei Schüler eines Gymnasiums Sek.I NS-Symbole ins Gästebuch ein. Nach Aussage der Schüler erfolgte die Tat aus Langeweile. (Pankow ID 2667) • Ein Schüler einer berufsbildenden Schule Sek. II stört den Unterricht durch das Singen der Nationalhymne. Nach der Aufforderung diese Handlung zu unterlassen, endet er mit dem Hitlergruß. (Charlottenburg-Wilmersdorf ID 2819)

45

Propaganda intern/nicht offensiv: • Ein Schüler einer Hauptschule schreibt während des Unterrichts auf ein Blatt Papier: „Alle Nazis sind meine Freunde.“ (MarzahnHellersdorf ID 2349)

Neben reinen Propagandadelikten sind (rechts-)extremistisch motivierte Vorfälle gelegentlich auch mit anderen Gewaltformen verbunden, beispielsweise mit Körperverletzungen und Bedrohungen. Beleidigung • In einer Grundschule beschimpft und beleidigt ein Schüler nichtdeutscher Herkunft Schüler und seine Lehrerin: „Jude, Hexe, Seekuh.“ (Treptow-Köpenick ID 3138) Bedrohung
•

In einer Sonderschule Sek. I wird eine Schülerin nichtdeutscher Herkunft von zwei fremden deutschen Mädchen angesprochen. Die schulfremden Mädchen werden verbal aggressiv. Das Opfer wird bespuckt, bedroht und beleidigt: „Scheiß Türkin.“ Die Mädchen fordern Zigaretten und Geld und zwingen das Mädchen nichtdeutscher Herkunft zum Diebstahl. (Lichtenberg ID 3194)

Körperverletzung • Zwei Schüler einer Grundschule haben eine Auseinandersetzung. Einer der Schüler ist nichtdeutscher Herkunft. Dieser kommt in Folge einer pädagogischen Mitarbeiterin entgegen, ruft: „Verpiss dich Jude“ und greift die Mitarbeiterin mit Tritten an. (Friedrichshain-Kreuzberg ID 3165) gefährliche Körperverletzung • In einer Gesamtschule wird ein Schüler nichtdeutscher Herkunft von drei Mitschülern nichtdeutscher Herkunft rassistisch beschimpft und von hinten angegriffen. Das Opfer wird auf den Kopf geboxt und getreten. Die Täter drohen dem Opfer mit den Worten: „Du wirst tot sein im Sportunterricht.“ (Neukölln ID 2382)

Insgesamt kommt es im Schuljahr 2004/05 zu 15 Extremismusdelikten in Verbindung mit weiteren Gewaltanwendungen. Während im vergangenen Schuljahr keine Meldung zu einem Propagandadelikt im Zusammenhang mit gefährlicher Körperverletzung gemeldet wurde, sind es in diesem Jahr 2 Fälle. Die folgende Tabelle 7.3.6 fasst die (rechts-) extremistisch motivierten Vorfälle des letzten Schuljahres zusammen.

46

Tab. 7.3.6 Extremistisch motivierte Vorfälle Delikte (nach Schulmeldungen) in absoluten Zahlen (n=62) gefährliche Propaganda Propaganda intern KV* extern KV* Bedrohung Beleidigung demonstrativ nicht offensiv 20 24 3 5 2 5 3
* KV = Körperverletzung

Bei 75 % aller Meldungen handelt es sich um reine Propagandadelikte (47 Meldungen). Das ist ein prozentualer Rückgang dieser Fälle um 7 % gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich zum Schuljahr 2003/04 gibt es eine Zunahme der extremistisch motivierten Vorfälle mit Gewaltanwendung von 18 % (7 Fälle) auf 27 % (15 Fälle). Waffen im Zusammenhang mit Extremismus Extremistisch motivierte Delikte, in denen Waffen Erwähnung finden, werden in diesem Schuljahr nicht gemeldet.

7.4. Migrationshintergrund und Gewaltgefährdung In diesem Schuljahr werden 321 von insgesamt 894 Delikten gemeldet (Tab. 7.4.2), in denen Schüler und Schülerinnen, schulfremde Jugendliche, die Eltern oder Verwandte von Kindern nichtdeutscher Herkunft, selten anonyme Personen, beteiligt sind.1 Dies entspricht einem prozentualen Anteil von 35,9 % und zeigt im Vergleich zum Vorjahr (37,7 %) einen leichten Rückgang. Eine „Beteiligung“ von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nichtdeutscher Herkunft beschreibt, dass diese sowohl Täter oder Opfer, gelegentlich als Opfer und Täter beteiligt sind. In 265 von den o.g. 321 gemeldeten Vorfällen handelt es sich um Personen aus der Schule (schulintern), die nichtdeutscher Herkunft sind (Tab. 7.4.1). Dies entspricht einem Anteil von 82,6 %. Der prozentuale Vergleich zu den gemeldeten internen Gewaltvorfällen (679) der gesamten Schülerschaft (vgl. Tab. 4.1.1) ergibt mit 76 % nur eine geringe Diskrepanz von 6,6 %. Bei 30 der gemeldeten Fälle mit nichtdeutscher Beteiligung sind schulfremde Personen (ehemalige oder schulfremde Schüler/innen oder Jugendliche) (9,3 %), bei 12 Fällen sowohl interne als auch externe Personen nichtdeutscher Herkunft (3,7 %) beteiligt. In 14 Fällen sind die Personen anonym (4,4 %).

1

Die Klassifikation als deutsch oder nichtdeutscher Herkunft ist nicht eindeutig, denn sie erfolgt ausschließlich unter Gesichtspunkten der Wahrscheinlichkeit anhand des Namens oder ausgehend von ergänzenden Hinweisen der Schulen zur ethnischen Zugehörigkeit der Beteiligten. Weiterhin erlauben die Angaben der Schulen in der Regel keine verlässlichen Hinweise auf die Zugehörigkeit der betroffenen Personen nichtdeutscher Herkunft aus einer speziellen Ethnie, z.B. türkisch. Weitere Ungenauigkeiten können sich daraus ergeben, dass die kulturelle Herkunft der beteiligten Personen nicht meldepflichtig ist.

47

Tab. 7.4.1 Täterstatus Täterstatus absolut prozentual

schulintern 265 82,6

schulfremd 30 9,3

schulintern/schulextern 12 3,7

anonym 14 4,4

gesamt 321 100

Abb. 7.4.1 Täterstatus (prozentual)
3,7 4,4 9,3

schulintern schulfremd schulintern/schulextern
82,6

anonym

Tab. 7.4.2 Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft an den verschiedenen Delikten Anzahl der Delikte mit ndH Beteiligung in % Gesamtanteil in Delikte ndH-Beteiligung % von 894 Fällen Körperverletzung 133 41,4 41,1 gefährliche 77 24,0 22,8 Körperverletzung Bedrohung 53 16,5 17,8 Raub 13 4,0 2,8 Extremismus 14 4,4 6,9 Erpressung 3 0,9 0,7 Sachbeschädigung 3 0,9 1,8 Beleidigung 9 2,8 2,5 Sonstiges 16 5,0 3,6 gesamt 321 99,9* 100
*99,9 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

Die Tabelle 7.4.2 verdeutlicht, dass Personen nichtdeutscher Herkunft, in den meisten Fällen Schüler, bei den Delikten gefährliche Körperverletzung, Raub und der Kategorie Sonstiges (z.B. Hausfriedensbruch) geringfügig überrepräsentiert sind. Ihr Anteil als Handelnde bei Sachbeschädigungen und Extremismusfällen ist etwas geringer als der Anteil der gesamten Schülerschaft.

48

Wie hoch ist der Anteil der Schülerschaft nichtdeutscher Herkunft ? Bei der folgenden Bewertung der 321 Gewaltvorfälle mit Beteiligten nichtdeutscher Herkunft nach Schulart und Bezirk ist es erforderlich, darzustellen, wie hoch der Anteil der Schülerschaft nichtdeutscher Herkunft an der gesamten Schülerschaft ist. Tab. 7.4.3 Anteil der Schülerschaft (ndH) an der gesamten Schülerschaft nach Schulart* Schülerzahlen 2004/05 Schulart Schüler nichtdeutscher Schüler Herkunftssprache* absolut in % absolut in % Grundschule 141.144 34 44.501 31,5 Hauptschule 15.478 4 5.851 37,8 Realschule 26.733 6 6.307 23,6 Gesamtschule 46.999 11 10.509 22,4 Gymnasium 83.789 20 10.641 12,7 Sonderschule 12.987 3 2.565 19,8 berufsbildende Schulen 93.467 22 420.597 100 80.374 18,8 gesamt
* Nicht erfasst werden konnte der Anteil der Schülerschaft nichtdeutscher Herkunftssprache an beruflichen Schulen und Einrichtungen des zweiten Bildungswegs. Abgebildet ist der Anteil an den öffentlichen allgemein bildenden Schulen. Daher kann davon ausgegangen werden, dass der Anteil an Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunft höher ist als durch die vorliegenden Zahlen wiedergegeben werden kann.

Die Tabelle 7.4.3 zeigt, das 18,8 % der o.g. Schülerschaft Schüler und Schülerinnen nichtdeutscher Herkunft sind. Über die Hälfte und somit den größten Anteil an Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunft haben die Grundschulen mit 55 %. Tab. 7.4.4 Verteilung der Vorfälle mit Personen nichtdeutscher Herkunft nach Schultyp Anzahl der Delikte mit ndH in % Gesamtanteil in % Schultyp ndH-Beteiligung von 894 Fällen* Grundschule 67 20,9 22,1 S Grundschule** 11 3,4 5,5 Hauptschule 34 10,6 10,2 Realschule 37 11,5 10,3 Haupt-/Realschule 14 4,4 2,7 Gesamtschule 63 19,6 16,4 S Sek I*** 53 16,5 16,7 Gymnasium 11 3,4 7,7 Berufsschule 31 9,7 8,4 gesamt 321 100 100
*Gesamtanteil heißt in diesem Fall, wie viel Prozent aller Gewaltvorfälle aller Schüler und Schülerinnen der Berliner Schulen, d.h. deutscher und nichtdeutscher Herkunft, an der jeweiligen Schulstufe gemeldet wurden. ** S Grundschule = Grundschule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten *** S Sek I = Schule der Sekundarstufe I mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten

49

Tabelle 7.4.4 zeigt, dass an der Grundschule die Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft an Gewaltvorfällen am häufigsten auftritt. Am zweithäufigsten wird von den Gesamtschulen, gefolgt von den Sonderschulen Sek. I gemeldet. Die geringste Beteiligung von Schülerinnen, Schülern und in seltenen Fällen von schulfremden Erwachsenen nichtdeutscher Herkunft findet in der Sondergrundschule, auf Gymnasien und in Haupt-/ Realschulen statt. Diese Zahlen sind unter Berücksichtigung des Anteil nichtdeutscher Personen in den einzelnen Schularten (vgl. Tab. 7.4.3) zu analysieren. Danach ergibt sich, dass es insbesondere die Sonderschulen der Sekundarstufe I sind, die mit einem Anteil von Personen nichtdeutscher Herkunft von nur 3 % mit 53 gemeldeten Vorfällen am dritthäufigsten melden. Auch die Gesamtschulen weisen ausgehend von den Meldungen und den Schülerzahlen einen hohen Anteil an Vorfällen auf, an denen Personen nichtdeutscher Herkunft beteiligt sind. Tab. 7.4.5 Anteil der Schülerschaft (ndH) an der gesamten Schülerschaft nach Bezirk* Schülerzahlen 2004/05 Schüler nichtdeutscher Bezirk Herkunftssprache* Schüler absolut in % absolut in % 28.381 8,8 Mitte 16.036 20,0 FriedrichshainKreuzberg 23.008 7,1 10.967 13,6 28.644 8,9 Pankow 1.558 1,9 CharlottenburgWilmersdorf 26.396 8,2 7.378 9,2 22.884 7,1 Spandau 5.486 6,8 29.884 9,3 Steglitz-Zehlendorf 4.344 5,4 30.708 9,5 Tempelhof-Schöneberg 9.573 11,9 29.671 9,2 Neukölln 13.631 17,0 21.216 6,6 Treptow-Köpenick 867 1,1 28.275 8,8 Marzahn-Hellersdorf 1.982 2,5 24.983 7,8 Lichtenberg 3.323 4,1 27.928 8,7 Reinickendorf 5.229 6,5 321.978 100 80.374 100 gesamt
* Bei diesen Schülerzahlen handelt es sich nur um die Schülerschaft deutscher und nichtdeutscher Herkunft an allgemein bildender Schulen. Zu der Anzahl der Schülerschaft in den beruflichen Schulen und den Einrichtungen des zweiten Bildungswegs gibt es keine Aufschlüsselung nach Bezirken. Sie finden daher in der Tabelle keine Berücksichtigung.

Die Tabelle (Tab. 7.4.5) zeigt, dass der Bezirk Mitte die meisten Schüler und Schülerinnen nichtdeutscher Herkunft aufweist. Von allen Schülern und Schülerinnen nichtdeutscher Herkunft in Berlin, besuchen 20 % die Schulen in Mitte, in Neukölln sind es 17 % und in Friedrichshain-Kreuzberg knapp 14 %. Zu analysieren bleibt, ob in den Bezirken, in denen der Anteil der Schülerschaft nichtdeutscher Herkunft sehr hoch ist, auch die Häufigkeit der Gewaltmeldungen unter Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft höher ist als in anderen Bezirken.
50

Tab. 7.4.6 Verteilung der Vorfälle mit ndH – Beteiligung in den Berliner Bezirken Anzahl der Delikte mit ndH in % Gesamtanteil in % Bezirk ndH-Beteiligung von 894 Fällen* Mitte 125 38,9 22,9 Friedrichshain-Kreuzberg 24 7,5 4,8 Pankow 3 0,9 5,1 Charlottenburg-Wilmersdorf 15 4,7 5,6 Spandau 10 3,1 3,5 Steglitz- Zehlendorf 6 1,9 6,7 Tempelhof-Schöneberg 14 4,4 5,0 Neukölln 76 23,7 15,1 Treptow-Köpenick 17 5,3 7,3 Marzahn-Hellersdorf 3 0,9 8,6 Lichtenberg 11 3,4 9,8 Reinickendorf 17 5,3 5,5 gesamt 321 100 99,9**
*Gesamtanteil heißt in diesem Fall, wie viel Prozent aller Gewaltvorfälle von Schülern, deutscher und nichtdeutscher Herkunft, des jeweiligen Bezirks an allen Fällen in den Berliner Schulen gemeldet wurden. **99,9 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

Diese Tabelle (Tab. 7.4.6) zeigt, dass die Bezirke Mitte und Neukölln, die einen hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunft aufweisen, auch einen hohen Anteil der Gewaltmeldungen haben, die Schüler und Schülerinnen nichtdeutscher Herkunft als Beteiligte nennen. Der von allen gemeldeten Vorfällen mit Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft am intensivsten betroffene Bezirk ist Mitte (125 Nennungen, Anteil von 38,9 %). Das heißt, dass knapp 40 % aller Delikte in Berlin unter Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft in Mitte stattfinden. Darauf folgt der Bezirk Neukölln (76 Nennungen, 23,7 %). Diese Rangfolge entspricht der Rangfolge aller Meldungen der Schulen in den Bezirken. Es fällt auf, dass aus Friedrichshain-Kreuzberg im letzten Schuljahr insgesamt nur 24 Meldungen eingegangen sind. Es erscheint fraglich, ob das Meldeverhalten der Schulen die reale Belastung der Schulen mit Gewaltvorfällen spiegelt. Nach Auskunft der Polizei gibt es keine Hinweise auf eine Minderbelastung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.

Wer sind die Täter, wer die Opfer? Männliche Einzeltäter nichtdeutscher Herkunft Die Betrachtung der gemeldeten Gewaltvorfälle aus den Berliner Schulen unter Beteiligung von Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunft zeigt, dass in den meisten Fällen (169 von 321 Meldungen) die Täter männliche Einzeltäter nichtdeutscher Herkunft sind (Tab. 7.4.7). Die Opfer sind in den meisten Fällen andere Schüler nichtdeutscher oder deutscher Herkunft. Lehrer und Lehrerinnen treten mit 33 Fällen ebenfalls häufig als Opfer in Erscheinung.

51

Tab. 7.4.7 Geschädigte männlicher Einzeltäter nichtdeutscher Herkunft Opfer Schüler Lehrer/ Lehrer/innen Schüler Schülerin Sache Sonstiges** gesamt ndH innen und deutsch* deutsch* Schüler/innen n 39 33 14 37 8 16 22 169 % 23,1 19,5 8,3 22,5 4,7 9,5 12,4 100
* Deutsche = Schüler und Schülerinnen, bei denen es keine erkennbaren Hinweise eines familiären Migrationshintergrundes gibt. ** In dieser Gruppe sind die Fälle zusammengefasst, bei denen der Opferstatus nicht häufiger als 5-mal genannt wurde, d.h. diese Fälle treten im Verhältnis zur Gesamtzahl 321 nur als Einzelfall auf. Beispielsweise sind in 4 Fällen die Opfer von männlichen Einzeltätern mehrere deutsche Schüler, in 3 Fällen 1 Mitschülerin nichtdeutscher Herkunft.

Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft ... • ...stört massiv den Unterricht. Nach Aufforderung zur Ruhe bedroht er die Lehrerin. (ID 2773) • ...schlägt einen Mitschüler um den besten Computerplatz zu erhalten. (ID 2909) • ...greift einem Mitschüler nichtdeutscher Herkunft zwischen die Beine und drückt dessen Geschlechtsteile. (ID 2750) Männliche Gruppentäter nichtdeutscher Herkunft In diesem Schuljahr werden 54 Fälle gemeldet, in denen mehrere Täter (mindestens 2) männlichen Geschlechts und nichtdeutscher Herkunft sind. Die Opfer sind in den meisten Fällen einzelne Mitschüler nichtdeutscher Herkunft. Am zweithäufigsten sind Schüler deutscher Herkunft die Zielgruppe von Gruppentätern nichtdeutscher Herkunft. Demgegenüber wird nur ein Fall gemeldet, in dem eine Schülerin nichtdeutscher Herkunft zu Schaden kommt. Dieser und andere Einzelfälle werden der Kategorie Sonstiges zugeordnet. Tab. 7.4.8 Geschädigte männlicher Gruppentäter nichtdeutscher Herkunft Opfer Schüler 2 oder mehr Schüler 2 oder Lehrer/ Sache Sonstige gesamt ndH Schüler ndH mehr innen Schüler absolut 17 4 10 6 7 2 9 54 % 31,5 7,4 18,5 11,1 13,0 3,7 16,7 101,9*
101,9 % ergeben sich aufgrund mathematischer Rundungen.

• Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft wird von drei Schülern nichtdeutscher Herkunft auf dem Flur der Schule „grundlos“ bespuckt, geschlagen und getreten. Das Opfer erleidet einen schweren Asthmaanfall. (ID 2689) • Drei Schüler nichtdeutscher Herkunft schlagen eine Schülerin nichtdeutscher Herkunft. Das Opfer wird gefragt, ob sie schwanger sei. (ID 2861)

52

Täter/ Opfer Fälle, in denen die Opfer-/Täterrolle nicht eindeutig zuzuordnen ist, d.h. Meldungen, bei denen zwei Beteiligte sowohl als Täter als auch als Opfer auftreten, werden als Gruppe Täter/Opfer zusammengefasst (Tab. 7.4.9). Bei dieser Zuordnung ist auffällig, dass in Fällen, in denen die Täter-/Opferrolle nicht eindeutig zuzuordnen ist, Schüler nichtdeutscher Herkunft den Hauptanteil ausmachen. Tab. 7.4.9 Anzahl der Delikte mit nichteindeutiger Täter-/ Opferrolle Beteiligte Täter/ Opfer 1 Täter/ Opfer deutscher und T/ O ndH 1 Täter/ Opfer nichtdeutscher Herkunft absolut 40 11

Sonstige

gesamt

7

58

• Zwei Schüler nichtdeutscher Herkunft streiten sich um Stifte. Es kommt zu einer Prügelei. (ID 2968) • Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft geht an einem Mitschüler nichtdeutscher Herkunft vorbei und sagte: „Gib nicht so an mit deinem Handy.“ Der Mitschüler reagiert mit einem Schlag auf die Lippe des anderen Schülers. Daraufhin schlägt der Schüler wieder zurück und verletzt sich dabei an der Hand. (ID 2935) • Ein Schüler nichtdeutscher und ein Schüler deutscher Herkunft beleidigen sich verbal so lange bis es zu einem tätlichen Konflikt kommt. Es kommt zu Schlägen mit der Faust ins Gesicht und Tritten mit den Füßen. Der Schüler nichtdeutscher Herkunft droht mit Waffengewalt. (ID 2663) Weitere Täter und Tätergruppen Auch in diesem Schuljahr werden insgesamt 8 Vorfälle gemeldet, bei denen Schüler/innen oder Lehrer/innen von Familienangehörigen anderer Schüler geschädigt werden (Tab. 7.4.10).

Tab. 7.4.10 Sonstige Tätergruppen nichtdeutscher Herkunft Mutter Vater Eltern Tante absolut 2 1 2 1

Verwandte+ Schüler 2

gesamt 8

• Eine Lehrerin wird von der Tante einer Schülerin nichtdeutscher Herkunft bedroht, weil sie die Nichte angeschrieen und “hungern“ gelassen habe. (ID 2694) • Der Vater einer Vorklassenschülerin nichtdeutscher Herkunft schlägt einem Schüler ins Gesicht, weil er vermutet, dass dieser seiner Tochter etwas gestohlen hat. (ID 2894)

53

In 9 Fällen werden Schüler/innen nichtdeutscher Herkunft Opfer von Übergriffen unbekannter schulfremder Personen. • Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft steht auf der Straße vor der Schule und wird von 3 schulfremden Jugendlichen angepöbelt und geschlagen. Das Opfer erleidet eine Verletzung der Augenbraue und einen Bluterguss. Die drei Täter rauben zudem das Handy des Opfers. (ID 2409) Ein Fall wird gemeldet, bei welchem eine Schülerin nichtdeutscher Herkunft von einer Person des Schulbetriebes sexuell belästigt wird. Es handelt sich um einen Beschäftigten in der Essensausgabe der Schule. Er erhält umgehend Hausverbot. In den übrigen 22 Fällen mit Beteiligten nichtdeutscher Herkunft handelt es sich um unterschiedliche Täter- und Opfergruppen. Als Täter treten beispielsweise in einem Fall mehrere deutsche Schüler gegenüber einem einzelnen Mitschüler auf. In einem anderen Fall greift eine Gruppe deutscher Schüler eine Gruppe von Schülern nichtdeutscher Herkunft an. In weiteren 5 Fällen ist die Tätergruppe gemischt, d.h. die Täter sind sowohl deutscher als auch nichtdeutscher Herkunft. 4 Meldungen sind im vergangenem Schuljahr eingegangen, in denen Schülerinnen deutscher Herkunft Schülerinnen nichtdeutscher Herkunft geschädigt haben. Schülerinnen nichtdeutscher Herkunft treten eher selten als Täter gegenüber anderen Mitschülerinnen deutscher oder nichtdeutscher Herkunft auf (6 Fälle). In nur 3 Fällen greift ein einzelner deutscher Schüler einen Mitschüler nichtdeutscher Herkunft an. Bei den gemeldeten Vorfällen unter Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft sind sowohl die Täter als auch die Opfer in den meisten Fällen männlich. Auffällig ist, dass in keinem der gemeldeten Vorfälle unter Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft, weibliche Schülerinnen deutscher oder nichtdeutscher Beteiligung männliche Mitschüler geschädigt haben. Zudem sind die Opfer männlicher Schüler in nur wenigen Fällen Mitschülerinnen. Verwendung von Waffen Im Schuljahr 2004/ 05 sind insgesamt 70 Meldungen eingegangen, bei denen Waffen oder waffenähnliche Gegenstände (z.B. Totschläger) Erwähnung fanden (vgl. Tab. 7.1.1). Davon wurde in 31 Fällen die Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft gemeldet (17,4 %). Am häufigsten tauchten in diesen Fällen Messer (n=21) auf (Tab. 7.4.11). Im Verhältnis zu allen gemeldeten Fällen an den Berliner Schulen, in denen Waffen aufgefunden oder verwendet wurden (n=70), liegt der Anteil von Personen nichtdeutscher Herkunft bei 44,3 %. Tab. 7.4.11 Verwendung von Waffen unter Beteiligung von Personen nichtdeutscher Herkunft Messer Pistole waffenartiger gesamt Waffe Gegenstand 2004/05 2004/05 2004/05 2004/05 absolut 21 2 8 31 prozentual* 6,5 0,6 2,5 17,4
* Der prozentuale Anteil bezieht sich auf alle gemeldeten Fälle mit Beteiligung von Schülern nichtdeutscher Herkunft (n=321).

54

Abb. 7.4.2 Verwendung von Waffen (in %)

26%

Messer Pistole

6% 68% Waffenartiger Gegenstand

• • •

Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft hat ein langes, feststehendes Jagdmesser in die Schule mitgebracht und gibt damit an, es sei ein Erinnerungsstück. (ID 2638) Zwei Schüler nichtdeutscher Herkunft haben eine verbale Auseinandersetzung. Daraufhin zieht ein Schüler auf der Toilette ein Messer. (ID 2617) Vor dem Schulgebäude hat eine Gruppe von Schülern nichtdeutscher Herkunft eine Auseinandersetzung. Die Situation eskaliert, es kommt zur körperlichen Gewalt. Zwei der Schüler nichtdeutscher Herkunft schlagen auf einen Mitschüler nichtdeutscher Herkunft ein und stechen einem weiteren Schüler mit einem Messer ins Bein. (ID 2387)

Die Betrachtung der Schülerzahlen zeigt, dass der Anteil der Schülerschaft nichtdeutscher Herkunft an den öffentlichen Schulen einen prozentualen Anteil von mindestens 18,8 % ausmacht (vgl. Tab. 7.4.3). Unter Berücksichtigung dieses Verhältnisses der Schülerzahlen und den Ergebnissen aus Tabelle 7.4.11 die zeigt, dass etwa 77 % der Täter nichtdeutscher Herkunft schulinterne Schüler sind, die wiederholt Waffen oder waffenähnliche Gegenstände in die Schule mitbringen, obwohl bereits 1992 alle Berliner Schulen aufgefordert wurden, ein Waffenverbot in die Schulordnung aufzunehmen. Tab. 7.4.11 Täterstatus Täterstatus Absolut Prozentual

schulintern 24 77,4

schulextern schulintern/schulextern 3 1 9,7 3,2

anonym 3 9,7

gesamt 31 100

55

Abb. 7.4.3 Täterstatus (in %)
10% 3% 10%

schulintern schulextern schulintern/schulextern 77% anonym

Ehrenkonflikte Der Begriff der Ehre spielt bei Gewaltvorfällen mit ndH – Beteiligung eine ernst zu nehmende Rolle. Der stadtweit diskutierte „Ehrenmord“ an der jungen Türkin Hatin Sürücü war u.a. als Gesprächsthema in Berliner Schulen relevant, als bekannt wurde, dass einige Schüler einer Berliner Oberschule ihn öffentlich gut geheißen hatten. Folgende Beispiele sollen verdeutlichen, dass auch im Schulalltag Gewalt stattfindet, weil die Beteiligten meinten, dass ihre Ehre verletzt worden sei. • Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft beleidigt angeblich die Mutter eines Mitschülers nichtdeutscher Herkunft. Daraufhin schlägt Täter dem Opfer mit voller Wucht ins Gesicht. (ID 2686) • Ein Schüler nichtdeutscher Herkunft greift einen anderen Schüler an und verletzt ihn, weil er glaubt, seine Schwester verteidigen zu müssen. (ID 2661) • Eine verbale Auseinandersetzung zwischen zwei Schülern nichtdeutscher Herkunft, bei denen es zu Ausdrücken kommt wie: „Verräter, Hurensohn“, „Ich muss meine Ehre verteidigen“, geht in eine schwere Prügelei über. Dabei werden ein Springmesser und eine Teleskopstange benutzt. (ID 3007)

8. Handeln nach Gewaltvorfällen - aus Schaden klug werden Das Rundschreiben „Hinsehen und Handeln“ (SenBJS Nr. I 41/2003) enthält unter Punkt 5.1 5.3 präzise Hinweise zum verbindlich festgelegten Verhalten nach einem Gewaltvorfall sowie zu den Schritten, die bei der weiteren Aufarbeitung einzuhalten sind. Über die unmittelbare Situation hinaus nennt es in den Punkten 7 und 8, was SenBJS zu melden, in welchen Fällen Anzeige durch die Schule zu erstatten und in welchen die Stellung eines Strafantrages durch den Dienststellenleiter in der Region anzeigt ist. Diese Festlegungen sollen in der Schrecksituation des unmittelbaren Geschehens eine Orientierung ermöglichen, was zu beachten ist. Sie sollen auch sicherstellen, dass Opfer Beistand und Hilfe erfahren. Daher enthält das Meldeformular auch die Nachfrage nach der erfolgten bzw. beabsichtigten Hilfe für die Opfer von Gewaltvorfällen.

56

Die folgenden Zusammenstellungen (Tab. 8.1- 8.3) ermöglichen einen Einblick in das Handeln der Schulen in verschiedenen Bereichen. Die Dokumentation ermöglicht auch einen Einblick in Einzelbereiche, die zukünftig besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Zunächst die Angaben der Schulen bezogen auf die Kooperation in Folge der unmittelbaren Gewaltsituation (entsprechend den Meldungen): Tab. 8.1 Kooperation in der unmittelbaren Gewaltsituation (Mehrfachnennungen möglich) Darunter Kooperation mit Fälle Schuljahr Polizei Arzt Klinik Arzt/Klinik zus. Eltern insgesamt absolut in % absolutin %absolutin % absolut in % absolutin % 2000/01 270 152 56,3 91 33,7 28 10,4 119 44,1 101 37,4 2001/02 2002/03 2003/04 2004/05 255 422 560 894 162 294 358 541 63,5 69,7 63,9 60,5 95 137 168 281 37,3 32,5 30,0 31,4 39 48 53 82 15,3 11,4 9,5 9,2 134 185 221 363 52,5 43,8 39,5 40,6 116 205 352 467 45,5 48,6 62,9 52,2

Tab. 8.2 Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen (absolut) (Mehrfachnennungen möglich) Experten Experten Schuljahr Schulgremien ohne intern extern 2000/2001 145 126 51 43 2001/2002 123 155 51 27 2002/2003 271 233 37 66 2003/2004 359 138 136 93 2004/2005 783 307 395 36

Nennungen insgesamt 365 356 607 726 1521

Tab. 8.3 Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen (prozentual) (Mehrfachnennungen möglich) Nennungen Experten Experten Schuljahr Schulgremien ohne insgesamt intern extern 100 2000/2001 39,7 34,5 14,0 11,8 100 2001/2002 34,6 43,5 14,3 7,6 100 2002/2003 44,6 38,4 6,1 10,9 100 2003/2004 49,4 19,0 18,7 12,8 100 2004/2005 51,5 20,2 26,0 2,4

57

Bei der „Kooperation in der Folge mittel- und langfristige Aufarbeitung dass die Beteiligten aus dem Schaden unmittelbar Beteiligten, sondern auch Handlungskompetenz erwerben kann.

von Gewaltvorfällen an Schulen“ geht es um die von Gewaltvorfällen. Sie allein kann dazu beitragen, klug werden, daraus lernen. Dies gilt nicht nur für die für die Schule, die bei diesen Klärungsprozessen neue

Die Auswertung „Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen“ erfasst die Nacharbeit der Schulen zu Gewaltvorfällen. Unterschieden werden die Punkte „Schulgremien“ (vornehmlich werden Sanktionen nach § 63 Schulgesetz erfasst), „Experten intern“ (Hilfen durch Vertrauenslehrer, Klassengespräche, Mediatoren, Konfliktlotsen und Sozialarbeiter) und Experten extern (Jugend- und Präventionsbeauftragte der Polizei, Jugendamt, Schulpsychologen). Mehrfachnennungen sind möglich und verweisen insbesondere bei schweren Fällen auf die Kompetenz der Schulen, Hilfen gezielt einzusetzen. In 51,5 % der Fälle (absolut 783) erfolgen auf eine Gewalttat oder einen extremistisch motivierten Vorfall Sanktionen über die Schulgremien. In 20,2 % (absolut 307) wird ein Vorfall intern sorgfältig aufgearbeitet. Externe Experten werden in 26 % der Fälle (absolut 395), so die Angaben der Schulen zum Zeitpunkt des Ausfüllens, einbezogen (vgl. Tab. 8.2/ 8.3). Die Zahl der Fälle, in denen keinerlei Kooperation mit Hilfen nach Gewaltvorfällen erfolgt, sinkt erfreulicherweise im Vergleich zum Vorjahr um 10,4 % und macht somit nur 2,4 % (36 absolut) aller Nennungen aus. Damit wird deutlich, dass die Schulen offensiver auf Gewaltvorfälle reagieren und dabei auch vermehrt Hilfe externer Experten in Anspruch nehmen. Hier ist ein Zuwachs von 7,3 % zum Vorjahr zu verzeichnen. Dieser positive Trend deutet auf eine fortschreitende Entwicklung in Richtung auf eine erfolgreiche Kooperation als angemessene Reaktion bei schulischen Gewaltvorfällen hin.

Tab. 8.4 Abfrage Maßnahmen nach Schuljahren Schuljahr Opfer 2000/01 29 2001/02 23 2002/03 48 2003/04 76 2004/05 123
* Täter-Opfer-Ausgleich

Täter 179 168 218 240 357

Täter und Opfer 104 329

TOA* 44 50 110 78 31

Ziel der Abfrage: Die Abfrage „Maßnahmen nach Schuljahren“ soll in erster Linie erfassen, in welchem Grad Opfer von Gewaltvorfällen in den Schulen Hilfe und Beistand erfahren. In zweiter Linie dient sie dem Ziel zu erfahren, welche Resonanz der im Schulgesetz verankerte Grundsatz einer anzustrebenden Wiedergutmachung nach einem Gewaltvorfall findet.

58

Mit dem Schuljahr 2003/04 gibt es erstmalig vier Kategorien, die das Handeln der Schule erfassen. In die Auswertungsmatrix wurde jeweils eine der folgenden Angaben eingetragen: • „Opfer“ wird bei der statistischen Erfassung eingegeben, wenn allein dem Opfer Unterstützung gewährt wurde. • „Täter“ wird bei der Auswertung dann eingegeben, wenn die Aufmerksamkeit bei der nachträglichen Aufarbeitung des Gewaltvorfalls allein dem, der von der Schule als Täter benannt wurde, galt. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich hierbei um Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen, die verdeutlichen sollen, dass die Schule den Vorfall ernst nimmt und langfristig bei wiederholtem Fehlverhalten den Fall der Schulaufsicht vorstellen wird, um gemeinsam zu entscheiden, wie verfahren werden soll. • Die in dieser Auswertung erstmals aufgenommene Kategorie „Täter und Opfer“ wird dann in die Auswertung eingegeben, wenn den beiden (oder mehreren) auf Opferund Täterseite Beteiligten an einem Gewaltvorfall eine angemessene Aufmerksamkeit galt, sie jedoch als einzelne Personen diesen Aufarbeitungsprozess erfuhren. (In den Vorjahren wurden auch diese Fälle unter Täter-Opfer-Ausgleich, TOA, subsumiert. Diese Zuordnung legte jedoch den Schluss nahe, dass die Beteiligten an einem Tisch miteinander zum Ausgleich fanden. Dies war jedoch nur teilweise der Fall.) • TOA – Täter-Opfer-Ausgleich wurde immer dann in die Auswertungsmatrix eingegeben, wenn es gelungen ist, beide Seiten an einen Tisch zu bringen und miteinander zu einem Ausgleich zu kommen. Schulische Maßnahmen wie z.B. Klassengespräche und die Zusammenarbeit mit Mediatoren und Konfliktslotsen nach Gewaltvorfällen im Schuljahr 2004/05 zeigen (Tab. 8.4), dass es den Schulen zunehmend gelingt (42,9 % der Nennungen) bei der Aufarbeitung der Gewaltvorfälle sowohl dem Opfer Unterstützung und Beistand zu gewähren, als auch gegenüber dem Täter die erforderlichen Schritte einzuleiten und Maßnahmen zu ergreifen. Diese sich deutlich herauskristallisierende, professionellere Akzentsetzung findet ihren Niederschlag auch in der Tatsache eines leicht rückläufigen Trends bei den Fällen, bei denen die Aufmerksamkeit ausschließlich dem Opfer (Abnahme um 0,7 %) bzw. dem Täter (Abnahme um 5,7 %) gilt. Im Vergleich zum Schuljahr 2003/04 lässt sich mit 3,7 % (Vorjahr 15,6 %) eine deutlich rückläufige Tendenz beobachten, diese Wiedergutmachung im Sinne eines TOA zu gestalten. Dies liegt jedoch nicht daran, dass es jetzt nicht mehr gelingt, Täter und Opfer an einen Tisch zu bringen, sondern an der veränderten, nun präzisierten Erfassung des Geschehens. Die Ergebnisse der aktuellen Auswertung zeigen deutlich, dass die Schulen bemüht sind sich bei der Aufbereitung von Gewaltvorfällen um beide Seiten angemessen zu kümmern.

59

9. Gewaltprävention und Krisenintervention

Gewaltprävention – Wie ist gezieltes Handeln möglich? Die Verantwortung für schulbezogene, gewaltpräventive Initiativen und langfristige Maßnahmen liegt in der Verantwortung einer jeden Einzelschule. Das Rundschreiben „Hinsehen und Handeln“ I Nr. 41/2003 sieht ergänzend zu allgemeinen schulischen Initiativen unter Punkt 9.2 vor, dass das Thema Gewaltprävention einmal jährlich in einer Gesamtkonferenz zu behandeln ist. Drei Gruppen unterstützen die Schulen gezielt bei Kriseninterventionen und bei gewaltpräventiven Maßnahmen: 15 Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention (G/K), die Arbeitsgruppe „pax an“ am Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) und die Standpunktpädagogen (LISUM). Die Genannten haben in jeder Region der Stadt Ansprechpartner benannt, die die Schulen im G/K-Bereich und im Themenfeld Extremismus unterstützen. Der Schwerpunkt der Arbeitsgruppe „pax an“ liegt bei der Weitergabe von gewaltpräventivem und -intervenierendem Handlungswissen über Fortbildungen, die am LISUM angeboten werden. Der folgende Bericht zu den gewaltpräventiven Bemühungen im Schuljahr 2004/05 informiert über die Ansätze in diesem Feld. Soweit die Berichte aus der Gruppe der o.g. stammen, wurden sie mit einem Rahmen versehen, um im Überblick rasch zu verdeutlichen, aus welchem Blick- und Erfahrungswinkel sie verfasst wurden bzw. auf welche Region sie sich beziehen. In Berlin gibt es seit 1992 eine Pflicht der Schulen, Gewaltvorfälle an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport zu melden. Nach der Bluttat von Erfurt 2002 wurden 15 Schulpsychologen/innen speziell für die Aufgabe der Gewaltprävention und Krisenintervention (G/K) ausgewählt, ausgebildet und regional eingesetzt. Die Meldungen der Schulen über Gewaltvorkommnisse und extremistisch motivierte Vorfälle sind seit April 2003 innerhalb von 24 Stunden vom Schulleiter per Fax an drei Adressaten zu senden, um rasche Unterstützung einleiten zu können: an den zuständigen Schulpsychologen/innen G/K und die regionale Schulaufsicht sowie an die Referentin für Gewaltprävention bei SenBJS. Dieses bundesweit einmalige Frühwarnsystem ist geeignet Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen sehr früh zu erkennen und in Kooperation mit dem Jugendamt und anderen Experten, z.B. der Polizei, geeignete Maßnahmen einzuleiten, bevor aus Gefährdeten Gefährliche werden.
Die Schulpsychologen/innen mit dem Arbeitsschwerpunkt „Gewaltprävention und Krisenintervention“ haben schnell in ihren Bezirken einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Sie haben auf Lehrer- und Schulleiterkonferenzen, Elternversammlungen und in bezirklichen Gremien über ihre Arbeitsweise informiert und Kooperationspartner in der Polizei, der Jugendhilfe, anderen Diensten und Vereinen des Bezirks gefunden. Die Schulpsychologen/innen leisten nicht nur schnelle aktive Hilfe in akuten Notfällen, sondern wenden sich an Lehrer, Schüler und Eltern mit verschiedenen Angeboten zur Prävention. Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit besteht darin, die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt an Schulen anzuregen und kontinuierlich zu begleiten. Die Anlässe für Lehrer und Eltern, die Thematik „Umgang mit Konflikten und Gewalt in der Schule“ aufzugreifen, sind vielfältig und beziehen sich sowohl auf den Einzelfall als auch auf Klassen, die durch Verweigerung, Disziplinlosigkeit und rüden Umgang miteinander eine besondere Belastung im Schulalltag darstellen. Die Schulpsychologen/innen gestalten Studientage für Lehrer z.B. im Bereich Konfliktmanagement, Kommunikation und Schülermobbing, moderieren Elternversammlungen und
60

bilden Kollegien, Schulleiter und andere in der Schule Tätige im Umgang mit Krisen und Opfern von Gewaltvorfällen fort. Sie führen Gespräche mit Klassen und unterstützen sie dabei, das Klassenklima zu verändern. An Projekttagen beteiligen sie sich durch eigene Beiträge und organisatorische Hilfe. Die Schulpsychologen/innen erfahren immer wieder, dass Schulleiter beim Bekanntwerden von Gewaltvorfällen um das Image ihrer Schule besorgt sind und deshalb nur zögerlich Gewaltvorfälle melden. Diese Vorbehalte sind nachvollziehbar, denn bislang hat sich in unserer Gesellschaft eine Kultur des guten Fehlermanagements noch nicht etabliert. Es muss die Einsicht bei Lehrern und Schulleitern gefördert werden, dass nur eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt, eine Veränderung, hin zu einem möglichst gewaltarmen Schulklima, bewirkt und dass mit Bagatellisierung und Verschweigen das Gegenteil erreicht wird. Indem die Schule der Verpflichtung zur formalisierten Gewaltmeldung nachkommt, dokumentiert sie die Bereitschaft zum offenen Umgang mit dem Thema Gewalt, was bei den Betroffenen das Vertrauen in die Handlungskompetenz der Schule stärkt. Sowohl Opfer als auch Täter können sich so in ihrer Schule wahrgenommen und aufgehoben fühlen. Gewaltvorfälle an Schulen erfordern ein umsichtiges Handeln aller Beteiligten. Auch gute Pädagogen laufen in solchen Situationen Gefahr, durch ihre Nähe zum Geschehen und den beteiligten Personen die notwendige Distanz für ein überlegtes Handeln zu verlieren. Durch die Gewaltmeldung haben sie in jedem Fall die Möglichkeit, professionelle Unterstützung dazuzuholen. Im Beratungsprozess mit dem Schulpsychologen/innen und durch deren fachliche Kompetenz kann Handlungssicherheit in der Schule hergestellt werden. Schulpsychologen/innen helfen mit ihrer fachlichen Einschätzung, gewährleisten Erstbetreuung bei den Beteiligten und vermitteln notwendige Nachsorge. So kann krisenhaften Entwicklungen präventiv entgegen gewirkt werden und Krisen werden angemessen bewältigt. Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention in Steglitz-Zehlendorf

Die kleine Gewalt ist das große Problem: Mobbing unter Schülern - und was wir dagegen tun können! Als die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) im November 2004 Berliner Schüler/innen zu einem Schülerkongress zu den Themen Prüfungsangst, Alkoholkonsum unter Schülern und „Mobbing bei Schülern“ im Rahmen ihrer Jahrestagung einlud, wurde deutlich, wie aktuell diese Themen sind. Das größte Interesse fand das Thema Mobbing. 400 von insgesamt 700 Schüler kamen in den von Dr. Johann Haffner, Heidelgerger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Bettina Schubert, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, moderierten Workshop zum Thema Mobbing. Die Schülerinnen und Schüler aus Gesamtschulen, Gymnasien und Berufsbildenden Schulen präsentierten eigene Ausarbeitungen, diskutierten kontrovers und hörten den Experten zu.
Bereits im letzten Bericht über die Gewaltmeldungen der Berliner Schulen – wie auch in den Jahren zuvor – wurden die besondere Bedeutung des Problems Mobbing betont und verschiedene Hilfsund Fortbildungsangebote vorgestellt. Die Nachfrage der Schulen nach Information über Mobbing und hilfreiche Interventionen ist sehr groß. Alle Befragungen unter Schülern offenbaren die große Verbreitung des Problems; alle Schüler kennen Mobbing. Besonders diese Form der Gewaltausübung gegen andere, oft in der Gruppe ausgeführt, lebt von der Geheimhaltung und wird dadurch (oft über lange Zeit) aufrecht erhalten. Lehrer und Eltern erfahren häufig nichts davon. Schulpsychologen/innen für G/K haben auf Anfrage mit Schulen Studientage zu dieser Thematik durchgeführt (in Kooperation mit anderen Fachleuten): Information über Mobbing und Erscheinungsformen; Pädagogischer Austausch der Kollegen: Was wollen wir gegen Mobbing tun?; Diagnose von Mobbing; Prävention gegen Mobbing (Klassenklima,
61

Kommunikation, Klassenrat) und Interventionen konfrontative Pädagogik, Farsta-Methode.

bei

Mobbing:

Konfliktgespräche,

Mediation,

Schulpsychologen/innen kommen – bei Kenntnis von Mobbing-Problemen oder bei Anfrage – in die Schulen: Sie führen Gespräche mit Klassen (ggf. in Zusammenarbeit mit den Präventionsbeamten der Polizei) und beteiligen sich an Projekttagen, um mit Schülern und Lehrern ein offenes, angstfreies, konfliktbearbeitendes Kommunikationsklima aufzubauen. Wenn Schulen – Lehrer, Schüler, Eltern – bereit sind frühzeitig einzugreifen, wenn sie wissen, worauf sie achten müssen, wenn sie lernen, effektiv und konsequent zu handeln, bekommen die Täter keine Gelegenheit, Macht und Bedrohung auszuüben, werden rechtzeitig gestoppt und haben keine schweigenden Zuschauer mehr. Dabei können Schulpsychologen/innen ganz konkret vor Ort Hilfen anbieten und mit Lehrern zusammenarbeiten. Die erfolgreiche Intervention vermittelt Sicherheit und Kompetenz für zukünftiges Vorgehen. Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention in Tempelhof-Schönberg

Nachhaltig wirkende Angebote gegen Mobbing
An vielfältigen Weiterbildungskursen, Lehrgängen und - in Kooperation mit der Friedrich-EbertStiftung Berlin - an drei Anti-Mobbing-Tagen konnten in diesem Jahr ca. 900 Teilnehmer erreicht und qualifiziert werden. Neben der Ausbildung von 950 neuen Konfliktlotsen aus 93 Berliner Grundschulen wurden im Schuljahr 2004/05 von der Gruppe >pax an!< insgesamt 8 Studientage und 12 Vorträge in Gesamtkonferenzen, zu Präventionstagen und im Bezirkslehrerausschuss organisiert und durchgeführt. Eine weitere entscheidende Hilfestellung für Berliner Lehrpersonal war die 2004 von Walther Taglieber veröffentlichte Berliner Anti-Mobbing-Fibel, welche noch am selben Tag vergriffen war und aufgrund der großen Nachfrage in einer zweiten Auflage mit 2500 Exemplaren aufgelegt wurde. Auch die Bemühungen um breitere Vernetzungsmöglichkeiten zeigten erste Erfolge. Neben der regelmäßigen Teilnahme der Vertreter von >pax an!< am Vernetzungstreffen der Geschäftsstelle der Landeskommission gegen Gewalt haben einzelne AG-Mitglieder nach der landesweiten >pax an!< Fachtagung für Schulmediation im Dezember 2003 in fast jedem Bezirk Vernetzungstreffen der regional tätigen Mediatoren auf den Weg gebracht. Diese haben sich inzwischen verselbstständigt und arbeiten weitgehend unabhängig an neuen Ideen und Entwicklungsmöglichkeiten hin zum Ziel einer gewaltfreien Schule. Arbeitsgruppe „pax an!“ Zusammenfassung nach dem Jahresbericht 2004/05

Wer hilft den Opfern? Opferhilfe in Pankow – Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention helfen Schulen
Die Hilfe für Opfer von Gewaltvorfällen an Schulen ist ein wichtiges Arbeitsgebiet des Teams für Gewaltprävention und Krisenintervention. Die Schulen sollen darin unterstützt werden, Maßnahmen zum Schutz, zur Fürsorge bis hin zur Wiedergutmachung gegenüber den Opfern zu entwickeln. Dabei sollen auch diejenigen Opfer nicht vergessen werden, die aufgrund außerschulischer Ereignisse ohne psychologische Unterstützung nicht mehr am Schulleben teilnehmen könnten. Das bedeutet, dass es sich bei der Opferhilfe um unterschiedlichste Schweregrade von Betroffenheit, Hilfsbedürftigkeit und „Schulnähe“ handelt, wie einige Pankower Beispiele zeigen: Der Junge, der von seinen Klassenkameraden über mehrere Wochen heimlich verprügelt wurde; die Jugendliche, die auf dem Heimweg von der Clique einer „Rivalin“ überfallen wurde; das Grundschulkind, das Zeugin eines Gewaltverbrechens im Elternhaus wurde; aber auch der Lehrer, der von einem aggressiven Jugendlichen verbal bedroht wurde – die Spannweite ist groß. In den Fällen,
62

in denen wir gerufen wurden, boten wir stets Opferhilfe an. Manchmal kamen Betroffene in unsere Beratung, in anderen Fällen berieten wir nur Lehrer oder Schulleiter, wie ein Schlichtungsgespräch oder eine Wiedergutmachung eingeleitet werden könnte. In einigen Fällen wurde unsere Unterstützung nicht in Anspruch genommen, sei es, dass die Schulen selbst eine eigene hilfreiche Kultur des Umgangs mit Opfern entwickelt hatten, dass die Betroffenen auf eigene innere Ressourcen oder soziale Unterstützungssysteme zurückgreifen konnten oder aber direkt nach dem Vorfall noch gar nicht ihre eigene Bedürftigkeit wahrgenommen hatten bzw. das Geschehene möglichst schnell „vergessen“ wollten. In allen Fällen vermittelte unser Nachfragen, verbunden mit dem Auftrag, unser Angebot und unsere Telefonnummer an die Betroffenen weiterzuleiten, bei Lehrern und Betroffenen die wichtige Botschaft, Opferschutz und Opferfürsorge ernst zu nehmen. Dennoch empfanden wir es als ein Manko, dass diese Botschaft nur mehr oder minder zufällig all diejenigen Fälle erreichte, die bei uns gemeldet wurden. Auch ist bekannt, dass viele Opfer erst zeitverzögert die Schwere ihrer persönlichen Belastung erleben. Das gilt umso mehr, wenn sie wie Lehrer als Verantwortungsträger selbst Stärke zeigen wollen. Unbefriedigend erschien uns auch, dass die vielfältig in Berlin zur Verfügung stehenden ambulanten Unterstützungsmöglichkeiten für Opfer (Opferhilfe, Weißer Ring, Opferschutzbeauftragte der Polizei sowie auch speziell geschulte Mitarbeiter der Erziehungsberatungsstellen) durch unser fallbezogenes Vorgehen gar nicht systematisch angeboten werden konnten. Aus diesen Gründen entwickelten wir in Absprache mit den o.g. Institutionen ein Faltblatt „0pferhilfe für Schulen in Pankow“, das flächendeckend mit einem Begleitbrief an alle Schulleiter verschickt wurde. Er enthält neben unserem Namen und unserer Telefonnummer eine Kurzanleitung „Was Sie in der Schule für Opfer und Betroffene tun können“, eine „Mini-Psychoedukation“ zu „Belastende Veränderungen, die bei Opfern & Betroffenen auftreten können“ sowie besonders wichtig eine Liste zu „Wo bekommen Opfer und Betroffene außerhalb von Schule Hilfe?“ Dieses bereits präventiv verschickte Faltblatt, welches wir bei akuten Fällen den Verantwortungsträgern und den Betroffenen immer noch einmal gezielt in die Hand geben, ist ein erster Schritt zu einer effektiveren Multiplizierung unseres Anliegens, Opferhilfe zu leisten. Weitere Schritte, z.B. Fortbildungsangebote für Schulleiter sind geplant. Das Faltblatt ist zugleich auch ein Ausdruck der besseren Vernetzung mit anderen Institutionen im Bezirk. Hier sei auch die seit 1 Jahr bestehende Vernetzungsrunde zur „Notfallhilfe in Pankow“ erwähnt. Sie besteht neben der Schulpsychologie aus Fachkräften der Erziehungs- und Familienberatungsstelle (EFB), des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) und dem regionalen sozialen Dienst des Jugendamtes (RSD). In diesem Kreis werden auch fachliche und organisatorische Leitlinien zur Opferhilfe bei Kindern und Jugendlichen in Pankow erarbeitet. Hier können wir nicht nur bei den laufenden Fällen die Ressourcen Pankower Einrichtungen nutzen, sondern auch für etwaige zukünftige Notfälle mit höherem Personalbedarf verlässliche Kooperationspartner im Bezirk gewinnen. Dabei war es ausgesprochen produktiv, dass uns auch auf Verwaltungs- und Senatsebene Unterstützung für diesen Prozess zuteil wurde, und zwar indem wir durch eine gemeinsame Fortbildungsmaßnahme einen gemeinsamen Arbeitskonsens im Umgang mit Opfern von Notfällen entwickeln konnten. Zusammenfassend lässt sich für unseren Arbeitsprozess in Pankow sagen: Auch in der Opferhilfe blicken wir zunehmend über den Tellerrand des Einzelfalles hinaus und versuchen durch Vernetzung und Multiplizierung das Thema „Opferhilfe an Schulen“ nachhaltig zu festigen. Schulpsychologinnen für Gewaltprävention und Krisenintervention in Pankow

Junge, Junge – Gewalt ist vor allem männlich, auch in Spandau
„Gewalt ist männlich.“ Diese Erkenntnis muss aus den Zahlen gezogen werden, die in Spandau erhoben worden sind. Eine These, die Feministinnen schon seit Jahren vertreten, wobei sie gleichzeitig allerdings meinen, dass zum überwiegenden Anteil Frauen Opfer von Männergewalt
63

werden und dies in medienbreiten Kampagnen auch in das Bewusstsein weiter Bevölkerungskreise bringen wollen (Zeitschrift Emma 9-10/2000). In der Tat sind Jungen weitaus häufiger als Mädchen in aggressive Auseinandersetzungen verwickelt, vor allem in solche, in denen die körperliche Gewalt eine Rolle spielt. Sie treten bei Körperverletzungen, Sachbeschädigung, Diebstahl, Nötigung, Bedrohung und Erpressung viel häufiger in Erscheinung und geben viel häufiger den Besitz von Waffen zu, wenn man sie danach fragt und organisieren sich öfter als Mädchen (hier holt das schwache Geschlecht aber auf) in gewaltbereiten Cliquen. Gleichzeitig sind sie aber auch viel häufiger Opfer von Gewalt als Mädchen. Dies zeigen alle Zahlen seriöser Studien über Kinder- und Jugendgewalt. Hinter jedem der von uns aufgelisteten 27 Fälle steht in der Regel auch auf der Opferseite ein Junge. Trotz der regelmäßigen Angebote für die Opfer von unserer Seite haben wir ein großes Problem, diese an die „Kunden“ zu bringen. Hilfen werden – oftmals schroff - zurückgewiesen. Jungen haben im Zusammenhang mit Gewalterlebnissen ein massives Problem: sie können nur schwer darüber sprechen, selbst mit den eigenen Eltern nicht, wenn sie Opfer einer Misshandlung, einer Bedrohung oder entwürdigenden Nötigung oder Erpressung geworden sind. Sie können wenig flexible Verhaltensstrategien anwenden, um einer potenziellen Gefahrensituation auszuweichen oder sich ihr tatkräftig durch Flucht zu entziehen. Das männliche Selbstbild verlangt „cooles“ Reagieren, (pervertiert wird die männliche Attitüde dort, wo man betont langsam und lässig auch eindeutig Stärkeren, wie z.B. schnell fahrenden Autos ausweicht, während man den Zebrastreifen bei Rot überquert). Eindeutig „cool“ ist Prügeln, Zurückschlagen, sich nichts gefallen lassen, von niemandem, unter keinen Umständen, auch wenn man sich damit eine Menge Probleme einhandelt. Ist der Schluss erlaubt, dass es ebenso „cool“ zu sein scheint, all die oben beschriebenen Repressionen klaglos einzustecken und dann mannhaft darüber zu schweigen? Niemandem darüber zu erzählen? Auf den ersten Blick mag es so scheinen. Schädler (2002) fasst zusammen, dass es ein Dauer-Stress sei, zu zeigen, ein „Junge zu sein“. Wenn sich der Junge dieser Dauer-Anforderung nicht gewachsen fühle, könne das zu Fehlreaktionen führen, u.a. zu: Autoaggression, Überkompensation durch Gewalt gegen andere, Mutproben, Hyperaktivität, Coolness als Identitätspanzer und Unfähigkeit, sich Hilfe zu holen. Auch unsere Erfahrungen des letzten Jahres zeigen: Wenn man als Erwachsener speziell mit Jungen (mit Tätern und mit Opfern) ins Gespräch kommen will, begegnet man häufig einer Mauer des Schweigens, vergleichbar der sizilianischen „Omerta“, dem Schweigegebot bei Blutrache. Unsere bislang eher vereinzelten Erfahrungen, die über das Stadium des Suchens und Ausprobierens aber noch nicht herausgekommen sind, zeigen aber bei geglückten Beziehungsaufnahmen, dass auch Jungen das Bedürfnis und Lust haben, über ihre Erfahrungen zu reden, um sie zu verarbeiten, dass sie dies manchmal sogar in Gruppen tun, wenn die entsprechende vertrauensvolle Atmosphäre herrscht und dieses Sprechbedürfnis dann letztlich für jedes Lebensalter gilt. Noch weit entfernt von der Entwicklung eines Konzepts, eher in der Form des „learning by experiment“, fühlten wir uns dadurch ermutigt, unser Angebot auch für Klassen herauszustellen und die Lehrer entsprechend immer wieder auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen. Eine Orientierung bot Schädler (2002), der für die geschlechtsspezifische Gewaltprävention u.a. folgende Möglichkeiten für erfolgversprechend hält: Ansprechbare Themen suchen - „Das klassische Thema: Sexualität und - vor allem in der Pubertät Körper.“, „Zugang zu eigenen Gefühlen vermitteln, z.B. bei den genannten Themen, verschafft auch Zugang zu den Gefühlen anderer und ist damit Hauptweg gewaltpräventiver Arbeit, die nicht auf Angst vor Strafe setzen will.“, Fragen der männlichen Identität: Welche Pflichten hat der Junge (Mann) gegenüber seiner Freundin? Muss er jeden attackieren, der sie schräg anguckt (in mindestens drei Fällen aus unserem Zahlenpool)? Fragen der ethno-kulturell vermittelten Ehre? Muss der Mann jede - vermeintliche - Kränkung der

64

Ehre (speziell der Familie) eventuell sogar mit Waffengewalt bekämpfen? Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf letztlich eigene Interessen (in mindestens ebenso vielen Fällen). In der Jugendeinrichtung, die als tragende Säule der AG Jugendgewalt gilt, wurde im Mai in Zusammenarbeit mit der Polizei der Versuch gestartet, eine Jungengruppe mit 8- bis 12-Jährigen (Täter und Opfer) in der Neustadt zu bilden, in der Themen wie Demütigung, Abziehen, Unterlegenheit, Entwürdigung, Hass und Angst angesprochen und herausgearbeitet werden. Ein Einbezug der Schule im Stadtteil soll versucht werden. Ausgangspunkt waren Gewalthandlungen, die aus einer Clique von Grundschülern heraus verübt wurden. Es wird nach Ideen gesucht, das AntiAggressions-Training in der Wilhelmstadt durch ein Identitäts- und Rollenfindungsprogramm speziell für männliche Jugendliche zu komplettieren. Wir begrüßen die Initiative der Landeskommission gegen Gewalt, unter dem Motto „Männliche Sozialisation und Gewalt“ den diesjährigen Präventionspreis auszuloben für Projekte, Maßnahmen und Institutionen, die darauf ausgerichtet sind, Jungen, männliche Jugendliche und Männer dabei zu unterstützen, Alternativen zu gewaltorientiertem Verhalten zu entwickeln. Literaturhinweis: Sebastian Schädler, Männliche Sozialisation und Gewalt. Berliner Forum Gewaltprävention, Sondernummer 6, 2002. Schulpsychologe für Gewaltprävention und Krisenintervention in Spandau

Kooperation braucht Partner Gemeinsam gegen Gewalt an Schulen – Fortbildung
An den Schulen der Region Pankow gibt es eine Vielzahl von Bemühungen und Aktivitäten, sich der Thematik der Gewaltprävention zu stellen, Konzepte zu entwickeln und Ressourcen aufzuspüren. Dennoch beklagten Schulleiter und Lehrer nicht selten Verwirrung bzgl. bestehender Strukturen und Ansprechpartner, einen Mangel an Information, und daraus resultierend fehlende Unterstützung. Sie artikulierten Bedürfnisse und Themen, hatten aber zuweilen Schwierigkeiten, bedarfsgerechte Angebote zu finden und umzusetzen. Gleichzeitig existieren vielgestaltige psychosoziale Angebote freier und öffentlicher Träger des Bezirks im Bereich der Gewaltprävention wie Kommunikations- und Konflikttraining für Klassen, Supervision und verschiedene Beratungs- und Kursangebote, die nicht immer die Adressaten in der Schule erreichen bzw. von ihnen angenommen werden. Sowohl die Schulen als auch die psychosoziale Landschaft in Pankow befinden sich im Wandel. Freie und öffentliche Träger unterliegen einem Strukturwandel, der sich auf die inhaltliche Arbeit auswirkt. Dies erfordert und ermöglicht neue Formen der Kommunikation und Kooperation. In diesem Kontext konzipierten wir in Pankow eine Workshoptagung „Gewaltprävention an Schulen in Pankow“, die in konzentrierter Form die o.g. Themen, Ressourcen und auch Probleme an den Schulen aufgriff. Die Koordination und inhaltliche Vorbereitung der Tagung lag bei Frau Uhle (Schulpsychologie, Projekt Gewaltprävention und Krisenintervention), Frau Geschwandtner (Schulaufsicht), Herrn Großpietsch (Tucholsky-Oberschule, Projekt Standpunkte) und bei Frau KochLaugwitz (Friedrich- Ebert- Stiftung). Die Tagung bot ein Forum, die Vernetzung im Bereich der Gewaltprävention in der Region mit über 200 Teilnehmern zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Teilgenommen haben Pädagogen/innen aller Schulformen, Schulaufsicht, Schulpsychologie, Mitarbeiter/innen des Jugend- und Gesundheitsbereichs, der Polizei, der Bezirkspolitik und vieler freier Träger. Nach Impulsreferaten von Herrn Günther (Schulrat) und Frau Uhle (Schulpsychologin) fanden 8 Workshops zu Themen wie „Zusammenarbeit zwischen Schule-Jugend-Polizei“, „Mediation und Streitschlichterprogramme an Schulen“, „Ansätze zur Konfliktlösung an Schulen“ u.a. statt. Im Bezirk Pankow verbesserten sich in der Folge Kenntnisse über bestehende Angebote in der Region. So finden inzwischen Nachfragen von Schulen und Angebote schneller zueinander. Die Vernetzung der Mediatoren verschiedener Schulen wurde in Angriff genommen. Schulen meldeten häufiger Gewaltvorfälle und suchten Unterstützung. Schulpsychologinnen für Gewaltprävention und Krisenintervention in Pankow
65

„Aber die Krawallbrüder in Kreuzberg...“ Warum kam es am 1. Mai 2005 kaum zu Gewalttaten? Dies ist kein Zufall:

„Myfest“ – Der 1. Mai in Kreuzberg 2005 Der Bezirk war jahrelang Austragungsort ritualisierter Gewaltdelikte zum 1. Mai. Der Unmut der Anwohner/innen wurde zunehmend größer und schließlich griff die Bezirksmeisterin Anregungen aus dem Kiez auf und etablierte ein gemischtes Gremium (genannt ZAG), um den Ausschreitungen etwas dagegenzusetzen. Dem Gremium gehören an: eine Vertreterin des freien Trägers „Kotti e.V.“, Vertreter/innen des QM Kottbusser Tor, eine Beschäftigte des Bezirkes, die zugleich Sprecherin der IG Oranienstraße ist, ein Vertreter der Polizei, Direktion V, ein Vertreter des freien Trägers Koko Mariannenplatz und Mitarbeiter/innen des Büros der Bürgermeisterin. In meiner Tätigkeit als Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention kam ich im Herbst 2003 dazu. Das Gremium gliedert sich in verschiedene Unter-AGs. Jede AG hat die Aufgabe, in ihrem Bereich Mitglieder zu aktivieren und Angebote für den 1. Mai zu entwickeln. Ziel ist es, das Ritual der Gewaltausbrüche zu durchbrechen und attraktive Gegenangebote zu machen. Die ZAG lud Lehrer/innen zur Vorbereitung des „Myfest“ ein und bot Vernetzungsmöglichkeiten an. Daneben wurde die Teilnahme an einer Fortbildung zum gewaltfreien Umgang angeboten. Über die Fachbereichsleiter Bildende Kunst (BK) wurde der Versuch unternommen, BK-Lehrer/innen zu motivieren mit ihren Klassen Comics und Plakatentwürfe für den 1. Mai zu gestalten. Die Polizei suchte mit ihrem AHA-Konzept alle Oberschulen im Bezirk auf, teilweise wurden auch die 5. und 6. Klassen von Grundschulen in sozialen Brennpunkten miteinbezogen. In einer gemeinsamen Veranstaltung, zu der alle Schulleitungen der Kreuzberger Oberschulen eingeladen waren, stellten die Präventionsbeauftragten der Polizei und ich u.a. auch unsere Ideen zum 1. Mai vor und wiesen darauf hin, dass die Schulen den AHA-Unterricht der Polizei vorbereiten müssen und die Teilnahme der Klassenleitung an diesem Unterricht wesentlich ist. Mitte August findet eine gemeinsame Auswertung des diesjährigen AHA-Konzeptes mit den Schulen statt, um diese für eine aktive Beteiligung an dem kommenden „Myfest“ 2006 zu gewinnen. Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention in Kreuzberg-Friedrichshain

Standpunktpädagogen – Berater gegen Extremismus Die Bemühungen rechtsextremer Organisationen richten sich auf junge, in ihrem Selbstwertgefühl verunsicherte Schüler als Zielgruppe für volksverhetzendes und verfassungsfeindliches Gedankengut. Dies wurde im September 2005 erneut deutlich, als die sog. „Schulhof-CD“ verteilt wurde. Dass Pädagoginnen und Pädagogen bei dieser Verteilungsaktion verantwortungsbewusst handeln, damit volksverhetzende „Informationen“ nicht im Schutz der Meinungsfreiheit transportiert und bagatellisiert werden können, ist auch das Verdienst der Arbeitsgruppe Standpunkte am LISUM:
Die Standpunktpädagogen/innen als Moderator/innen des LISUM unterstützen die Entwicklung von Netzwerken gegen Extremismus und Gewalt. Sie leisten durch Beratung der Lehrkräfte und Gespräche mit Betroffenen nicht nur direkte Unterstützungsarbeit bei rechtsextremen bzw. fundamentalistischen Vorfällen, sondern arbeiten präventiv, indem sie vielfältige Schüler- und Lehrerfortbildungsveranstaltungen, Arbeitsgruppen, Konferenzen und Projekte mit
66

Themenschwerpunkten wie bspw. „rechtsextreme Symbolik, Islamismus, demokratiefeindliche Ideologien“ ins Leben rufen und entstehende Netzwerkgruppen aufrechterhalten. Fortbildungen zu den Themen Antisemitismus und Extremismus erzielten auch im Schuljahr 2004/05 eine große Nachfrage und zeigen bemerkenswerte Erfolge. So wurden z.B. in Neukölln in Folge enger und regelmäßiger Zusammenarbeit mit vielen Gremien wie der Schulaufsicht, dem Jugendamt, der Schulpsychologie, der Polizei sowie freien Trägern vier regionale Konferenzen durchgeführt, an denen 80 % aller Neuköllner Schulen beteiligt waren. Für die Neuköllner Schulen konnte auf Grundlage dieser Bemühungen ein schulisches Unterstützungssystem aufgebaut werden. Das Fest der Demokratie vor dem Brandenburger Tor, die Errichtung einer Hotline zur Unterstützung bei rechtsextremen Vorfällen, die vom LISUM herausgegebene CD-Rom „Standpunkte“ in einer Auflage von 1200 Stück in einer dritten Auflage, die Erarbeitung von Unterrichtsmaterialien und Argumentationshilfen zur Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus als Reaktion auf den neuen Rechtsextremismus sind nur einige der Meilensteine in der Arbeit der Standpunktpädagogen/innen. Große Resonanz finden die im Schuljahr 2004/05 entstandenen Projekte „Hands across the campus“ sowie „Youth Leader gegen Antisemitismus“, die in einer gemeinsamen Initiative des LISUM und des American Jewish Comittee organisiert werden. Die Standpunktpädagogen leisten eine bedeutsame Unterstützungs- und Vernetzungsarbeit, mit deren Hilfe sie viele Pädagogen/innen und Schüler/innen unterstützen und zur Eigengestaltung motivieren. Aus dem Jahresbericht der Standpunktpädagogen im Schuljahr 2004/05

III. AUSBLICK
Ein wichtiger Schritt zur zukünftigen Minderung der Handlungsunsicherheit von Pädagoginnen und Pädagogen war die Entwicklung von „Notfallplänen“ als Handreichung zum Rundschreiben „Hinsehen und Handeln“ I Nr. 41/2003 für die Berliner Schulen: Vorsorgen ist besser als Nachsorgen – Einführung der Notfallpläne an Berliner Schulen Wenn bei Bedrohungen und gefährlichen Körperverletzungen gelegentlich noch nicht und nicht immer angemessen gehandelt wird, liegt es selten am fehlenden guten Willen. In schweren Belastungssituationen kann es zu einer Blockade des Denkens kommen, sodass das Selbstverständliche, das, was sofort zu tun ist, nicht immer gleich in den Sinn kommt. Nun ist Abhilfe geschaffen: Die Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention haben „Notfallpläne“ für die Berliner Schulen erarbeitet. Diese enthalten für alle Berliner Schulen konkrete Handlungsanleitungen und Hinweise auf Hilfen, wenn Schulen mit Gewaltvorfällen, Krisensituationen und extremistisch motivierten Vorfällen zu tun haben und informieren in präziser Form darüber, welches Handeln im jeweiligen Not- oder Krisenfall angezeigt ist. Hinweise zum Notfall können in akuten Belastungssituationen nur dann gefunden werden und hilfreich sein, wenn der Umgang mit ihnen vorbereitet bzw. geübt ist. Für ein fachgerechtes Handeln in Krisensituationen ist eine vorangehende sorgfältige Einführung der Notfallpläne in enger Kooperation der Schulaufsicht und der Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention unerlässlich. Denn wer sich auf Krisen vorbereitet, trägt dazu bei, dass diese nicht zur Gefahr für die Schule werden. Am Beispiel des Bezirks Mitte soll exemplarisch ein Konzept zur Einführung der Notfallpläne an Berliner Schulen vorgestellt werden:
67

Nach der Vorstellung der Notfallpläne in der Dienststellenleitersitzung durch die Referentin für Gewaltprävention (Oktober 2005), werden diese durch die beiden Schulpsychologen G/K in einer Sitzung der gesamten Schulaufsicht Mitte besprochen und bekannt gemacht. Es folgt eine Vorstellung der Notfallpläne in den Schulleitersitzungen des Bezirks. Anschließend findet eine Einweisung in die Notfallpläne im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen für Schulleitungen eines jeweiligen Schulaufsichtsbereichs mit ihrer zuständigen Schulaufsicht durch die Schulpsychologen G/K in Kooperation mit dem Dienststellenleiter statt. Dabei stehen folgende Themen im Zentrum der Betrachtung: schulische Notfallund Krisensituationen, Traumatisierungen und der Umgang damit, Resilienz und Copingstrategien, Handlungserfordernisse, Krisenmanagement, Hilfs- und Unterstützungsangebote, vorhandene regionale Netzwerke, innerschulische Ressourcen und Implementierung von Krisenteams. Nicht zuletzt wird eine ausführliche Einweisung der Kollegien aller Schulen und Unterstützung bei der Bildung von schulinternen Krisenteams durch die beiden Schulpsychologen G/K in Kooperation mit dem Dienststellenleiter angeboten. Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention in Mitte

Elternarbeit In Mitte als dem in diesem Schuljahr am meisten von Gewaltvorfällen belasteten Bezirk werden derzeit Bemühungen verstärkt, Eltern als Kooperationspartner in die gewaltpräventive und -interventive Arbeit der Schulen zu integrieren.
Getrennt nach den Bereichen Grundschulen und Oberschulen sollen Unterstützungs- und Hilfsangebote für die Elternarbeit, insbesondere Eltern bzw. Erziehungsberechtigte mit Migrationshintergrund betreffend, vermittelt werden, die von staatlichen Einrichtungen und Beratungsstellen sowie freien Trägern angefordert werden können. Die beiden Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention in Mitte sind, ebenso wie die Schulaufsicht in Mitte, den Bereichen Grundschulen und Oberschulen zugeordnet. Im Grundschulbereich, wo die Prävention mehr im Vordergrund steht, soll der Schwerpunkt auf die interkulturelle Familienberatung, auf Angebote von Elternkursen (z.B. zur gewaltbelasteten Erziehung, zur gewaltfreien Kommunikation, zum respektvollen Umgang in der Familie etc.) und auf Unterstützung der Schulen bei der Elternarbeit (u.a. an Elternsprechtagen, Elternabenden) gelegt werden. Im Oberschulbereich, wo der Intervention eine bedeutendere Rolle zukommt, sollen Hilfsangebote zur Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz (Wiederherstellung der elterlichen Präsenz, Wiedererstarken des Elternverhaltens, elterliche Respekteinforderung) und zur Veränderung destruktiver und leidvoller Interaktions- und Beziehungsdynamiken im Vordergrund stehen. Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention in Mitte

Handeln und Nachdenken in der (Fach-)Öffentlichkeit Besorgnisse von Eltern und die der Berliner Öffentlichkeit können gemindert werden, wenn die Verantwortlichen offen und angemessen über Gewalt an Schulen und über die vielfältigen Bemühungen um eine gewaltfreie Schule informieren. Die Öffentlichkeit kann unterstützend wirken, um Wissen über Hilfen und Helfer zu verbreiten, so dass entstandenem Leid rasch und fachkundig begegnet werden kann.

68

Drei Ereignisse standen im Jahr 2005 über viele Tage, teilweise auch Wochen im Zentrum der Berliner Medienberichterstattung: • Im Februar wurde die 23-jährige Türkin Hatin Sürucü in Berlin auf offener Straße erschossen. Die junge Frau habe sich entgegen den Regeln des Islam verhalten, so argumentierten drei Schüler der Neuköllner Thomas-Morus-Schule. Ihr Direktor Volker Steffens nahm dies zum Anlass einer offenen Diskussion in seiner Schule. Die schulischen Debatte entwickelte sich innerhalb von Tagen zu dem Berliner Thema. Die Diskussion über den „Ehrenmord“ bleibt - nicht zuletzt bedingt durch den Mordprozess und die Zeugenaussage des jüngsten Bruders, er habe die Tat begangen, ein Thema, das bundesweit und über die nationalen Grenzen hinaus höchste Aufmerksamkeit findet. • Bei einem Wohnhausbrand im Bezirk Tiergarten/Mitte im August 2005 starben 9 Menschen, darunter 4 Kinder und eine Jugendliche, eines vorwiegend von Ausländern bewohnten Hauses. Kinder verloren ihre Eltern, andere ihre Geschwister, manche Eltern und Geschwister. Schüler mussten den Tod vertrauter Freunde erleben, die noch gestern neben ihnen in der Schule saßen. • Am 27.8. wurde der Zehlendorfer Grundschüler Christian durch einen 16-jährigen Jugendlichen aus seiner Wohngegend ermordet. Nach dem Mord in Zehlendorf wurde stadtweit diskutiert, was versäumt wurde und was zukünftig zu tun ist, damit sich solches Geschehen nicht noch einmal wiederholen kann. In allen drei Fällen wirkten Schulpsychologinnen und Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention daran mit, die entstandene seelische Erschütterung zusammen mit den Betroffenen, ihren Angehörigen und den Schulen aufzuarbeiten. Sie sprachen auch mit Klassen und auf Elternabenden. In der Berliner Abendschau im RBB, in Printmedien und im Radio wurde über einige dieser Einsätze berichtet. Dass das Thema Gewalt in Berlin darüber hinaus eine interessierte Öffentlichkeit findet, wird durch die angefügten Anfragen aus dem Berliner Parlament dokumentiert. Ein angemessenes Verstehen und zielgerichtetes, fachkundiges Handeln ist nur dann möglich, wenn Probleme sachlich dargestellt und bearbeitet werden. Dramatisierungen der Situation an Schulen sind so wenig angemessen wie Vertuschungen und bagatellisierende Darstellungen. Belastungen an Schulen verantwortungsvoll zu begegnen, bleibt eine tägliche Herausforderung für alle Betroffenen, deren Angehörige und die Helfer in Schulen und in deren Umfeld. Das Berliner Frühwarnsystem für Gewaltorientierungen bei Kindern und Jugendlichen, das sich in den letzten Jahren bewährt hat, ist wie das Berliner Konzept der Gewaltprävention inzwischen über Berlin hinaus in Fachveröffentlichungen für Juristen, Polizisten, Psychologen und Sozialwissenschaftler vorgestellt worden. Die angefügte Literaturliste soll es dem Leser ermöglichen, einzelne Themen, wie z. B. das „Psychologische Krisenmanagement im System Schule“, zu vertiefen. Die Bemühung um eine gewaltfreie Schule bleibt unsere Aufgabe, denn „Schule hat die Verpflichtung dafür zu sorgen, dass kein Schüler während seiner Schulzeit physisch oder psychisch zu Schaden kommt.“ (Rundschreiben I Nr. 41/2003)

69

70

Veröffentlichungen zum Thema Gewaltprävention und Krisenintervention in der Berliner Schule 2004/05 Krefft, H. & Schubert, B. (2004). Fünfzehn Schulpsychologen/innen – eine Berliner Antwort auf Erfurt. In: Geene, R. & Halkow, A. [Hrsg.]. (2004). Armut und Gesundheit – Strategien der Gesundheitsförderung. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag. Landeskommission Berlin gegen Gewalt & Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport [Hrsg.]. (2005). Möglichkeiten für Gewalt- und Kriminalitätsprävention in der Berliner Schule. Berlin. Lorenz, A. (2005). Hinsehen und Handeln - Hinweise und Hilfen. Plakat zum Rundschreiben I Nr. 41/2003, s. www.senbjs.berlin.de/gewaltpraevention . Lorenz, A. Gewaltprävention in der Schule – Schlichten statt Schlagen. In: AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft. 7, 12/2004, S.24-31. Lorenz, A. Gewalt in der Familie als Schulthema. In: Familie, Partnerschaft, Recht. 11,1-2/ 2005, S.20-24. München: Beck-Verlag. von Schwerin, S. Gewalt an Schulen aus polizeilicher Sicht. Stiftung SPI [Hrsg.]. Infoblatt Nr.34 – Umgang mit Gewalt an Schulen in Berlin. 2005, S.1-7. Schubert, B. (2005). Vorträge – ein wirkungsvoller Ansatz in der Elternarbeit, vorgestellt am Beispiel des Themas „Die große Gewalt wächst aus der kleinen“. In: Lehmkuhl, U. [Hrsg.]. (2005). Die Gesellschaft und die Krankheit. Perspektiven und Ansichten der Individualpsychologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Schubert, B. Auswirkungen des 11. Septembers 2001 auf die Schüler in Berliner Schulen. In: Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie e.V. [Hrsg.]. Zeitschrift für Individualpsychologie. Prävention und Gesundheitsförderung. 30, 3/2005, S.286-297. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport. Gewaltsignale an Berliner Schulen, Verstehen und Handeln 2003/04, s. www.senbjs.berlin.de/gewaltpraevention . Taglieber, W. (2005). Berliner Anti-Mobbing-Fibel – Was tun wenn. Eine Handreichung für eilige Lehrkräfte. Berliner Landesinstitut für Schule und Medien [Hrsg.]. Berlin. Uhle, R. & Haubner, W. Schulische Notfallsituationen – Psychologisches Krisenmanagement im System Schule. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 37, 2/2005, S.275-292. Tübingen: dgvt. Uhle, R. Aufgaben und Arbeitsfelder der Schulpsychologen/innen für Gewaltprävention und Krisenintervention in Berlin. Stiftung SPI [Hrsg.]. Infoblatt Nr.34 – Umgang mit Gewalt an Schulen in Berlin.2005, S.1-7.

71

Veröffentlichungen in Vorbereitung Lorenz, A. & Stoevesand, S. Präventionsarbeit in der Schule lohnt sich – Berliner Schulpsychologinnen und Schulpsychologen für Gewaltprävention unterstützen die Schulen. Landeskommission Berlin gegen Gewalt [Hrsg.]. Berliner Forum Gewaltprävention. Soziales Lernen in der Berliner Schule. 22, 2005. [in Vorbereitung] Schubert, B. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Landeskommission Berlin gegen Gewalt [Hrsg.]. Berliner Forum Gewaltprävention. Soziales Lernen in der Berliner Schule. 22, 2005, 66 - 69. [in Vorbereitung] Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport [Hrsg.]. (2005). Notfallpläne für die Berliner Schulen – Hinsehen und Handeln. Berlin. [im Druck]

72

Anfragen an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport

Frau Abgeordnete Mieke Senftleben (FDP) über den Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin über Senatskanzlei - G Sen -

A n t w o r t auf die Kleine Anfrage Nr. 15/11 934 vom 19. Oktober 2004 über Entwicklung der Gewalt an Schulen ___________________________________________________________________ Im Namen des Senats von Berlin beantworte ich Ihre Kleine Anfrage wie folgt:

1. Wie viele Fälle von Gewalt an Berliner Schulen sind dem Senat im vergangenen Jahr seitens der Schulleitungen gemeldet worden? Zu 1.: Es wurden 560 Fälle gemeldet, davon 389 Gewaltvorfälle im engeren Sinn (Raub, Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung).

2. Wie ist diese Fallzahl in Bezug auf die Entwicklung der vorhergehenden Jahre zu werten? Zu 2. : Gegenüber dem Vorjahr beträgt die Zunahme der Meldungen fast 33 %. In der Polizeilichen Kriminalstatistik, Sondererfassung Jugendgewalt/Tatort Schule, ist keine prozentual vergleichbare Zunahme der Taten zu erkennen. Es ist also davon auszugehen, dass die Zunahme der an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport gemeldeten Fälle als zunehmende Erhellung des bisherigen Dunkelfeldes zu verstehen ist. 3. Wie hoch schätzt der Senat die Dunkelziffer (d.h. Fälle, die entweder von der Schulleitung nicht wahrgenommen oder von dieser nicht an die Schulverwaltung gemeldet wurden) ein?

73

Zu 3.: Bisherige kriminologische Erkenntnisse zum Dunkelfeld von Delikten in Berlin beziehen sich auf Einzeldelikte oder Deliktgruppen, z. B. Taschendiebstahl oder Raub, nicht jedoch auf einzelne Tatorte, wie z. B. den Tatort Schule. Eine seriöse Einschätzung seitens der Senatverwaltung für Bildung, Jugend und Sport ist nicht möglich, da bisher in Berlin keine einschlägige wissenschaftliche Evaluation bei Berliner Schülern durchgeführt wurde. Eine solche Evaluation hätte u.a. zu berücksichtigen, dass es in Schulen zu verschiedenen Delikten kommt, wie z.B. Körperverletzungen, Bedrohungen, aber auch extremistisch motivierte Delikte (von Schulfremden und durch schulintern Beteiligte), da je nach Delikt mit einer anderen Dunkelziffer zu rechnen ist. Wie hoch eine Dunkelziffer anzusetzen ist, hängt auch maßgeblich vom Rechtsverständnis der jeweils Beteiligten ab, das bedeutet für eine Untersuchung im Feld der Schule, dass eine Untersuchung auch das unterschiedliche Verständnis der beteiligten Gruppen im jeweiligen sozialen Kontext zu berücksichtigen hätte. Sollen Schätzungen zur Dunkelziffer seriös sein, so bedürfen sie der Forschungen, diese erfordert aufwändige Vorbereitungen und verursachen hohe Kosten, die konnten bislang noch nicht durchgeführt werden. Es gibt Fälle, die von Schulleitungen nicht wahrgenommen werden und häufig auch nur schwer wahrzunehmen sind, da die Opfer sich nicht an die Schulen wenden. Ein Vergleich der Daten von Gruppengewaltdelikten an den 1000 Berliner Schulen, die der Polizei bekannt werden und denen, die von den Schulen gemeldet werden, ergibt bezogen auf das vergangene Schuljahr eine Differenz von insgesamt 103 Fällen. Diese Diskrepanz zur Zahl der gemeldeten Vorfälle von Schulen erklärt sich vor allem durch das Anzeigeverhalten von Eltern. Diese wenden sich auf Bitten ihrer Kinder häufig direkt an die Polizei, ohne parallel auch die Schule zu informieren und so eine nachträgliche Aufarbeitung (und Meldung) zu ermöglichen. 4. Stellt Gewalt an Berliner Schulen eine ernst zu nehmende Gefahr dar? Wie hoch schätzt der Senat das Gefährdungspotenzial der Schülerinnen und Schüler ein? Zu 4.: Die mir bekannt gewordenen Manifestationen von Gewaltvorfällen an Berliner Schulen geben keinen Hinweis darauf, dass Gewalt an Schulen eine ernst zu nehmende Gefahr darstellt. Seit dem Schuljahr 2003/04 erhalten die Schulen zusätzliche Unterstützung durch 15 Schulpsychologinnen und Schulpsychologen für Gewaltprävention und Krisenintervention. Sie tragen dazu bei, frühe Signale von Gefährdung zu erkennen und diese gemeinsam mit der Polizei und anderen im Felde der Gewaltprävention Tätigen langfristig wirksam zu begegnen.

Berlin, den 11. November 2004

Klaus Böger Senator für Bildung, Jugend und Sport

74

Frau Abgeordnete Mieke Senftleben (FDP) über den Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin über Senatskanzlei - G Sen -

A n t w o r t auf die in der 72. Sitzung des Abgeordnetenhauses am 1.9.2005 nicht behandelte Mündliche Anfrage Nr. 13 über Gewalt an Berliner Schulen: Immer schlimmer, immer brutaler? _______________________________________________________________________ Im Namen des Senats von Berlin beantworte ich Ihre nicht erledigte Mündliche Anfrage gemäß § 51 Abs. 5 der Geschäftsordnung des Abgeordnetenhauses wie folgt:

1. Wie bewertet der Senat die aktuelle Statistik der Deutschen Polizeigewerkschaft, wonach die hohe Zahl von 4200, teilweise lebensgefährlichen Gewaltdelikten unter Berlins Schülern registriert worden ist?

Zu 1.: Die bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport im Kalenderjahr 2004 eingegangenen Meldungen der Schulen ergeben keine Hinweise auf Gewaltdelikte in der Größenordnung von 4200 Fällen. Die Meldungen des Schuljahres 2004/05 ergeben ebenso wenig wie die des Vorjahres Hinweise darauf, die die Einschätzung, es handele sich um „teilweise lebensgefährliche Gewaltdelikte unter Berlins Schülern“, berechtigt erscheinen lassen. Über Belastungen, die schulpflichtige Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit erleben, können hier keine Aussagen gemacht werden. Die Gewaltstatistik der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport bezieht sich ausschließlich auf Vorfälle während der Schulzeit in Schulen und nur in seltenen Fällen auch auf Vorfälle auf Schulwegen, da diese nicht in den Verantwortungsbereich von Schulen gehören. Auch die Senatsverwaltung für Inneres kann einen derartigen Anstieg der Gewalttaten an Schulen und auf Schulwegen nicht bestätigen. 2. Rechnet der Senat damit, dass die – vom Schulsenator angekündigte – von der eigenen Verwaltung angefertigte Statistik zur Gewaltentwicklung an Schulen günstiger ausfällt?

75

Zu 2.: Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport registriert Gewaltvorfälle, die ihr gemäß dem Rundschreiben I Nr. 41/2003 „Hinsehen und Handeln“ von den Schulen gemeldet werden. Sie sammelt diese Informationen zentral und wertet sie in einer jährlichen Statistik detailliert aus. Erste Ergebnisse aus der Zusammenführung der regionalen Daten weisen darauf hin, dass die Gewaltbelastung, die von den Schulen im Schuljahr 2004/05 gemeldet wurde, deutlich geringer ist als es die „aktuelle Statistik“ der Polizeigewerkschaft erwarten lässt. Die Meldungen der Schulen im vergangenen Schuljahr lassen keinen Schluss auf eine Zunahme der Belastung mit „lebensgefährlichen Delikten“ zu.

Berlin, den 02. September 2005 Klaus Böger Senator für Bildung, Jugend und Sport

76

Stichwortverzeichnis Abgeordnetenhaus 73ff Anonyme Täter 17ff, 26, 32ff, 42ff - Ausländer (s. kulturelle Herkunft, Migranten, ndH) 38ff, 47ff - Anti-Mobbing-Fibel 62 - Beslan, Geiseldrama 10 - Bedrohung 3, 5, 7f, 25ff - Bezirke 6, 11ff, 28f, 43f, 50f - Delikte, Klassifikation 5, 8f - Delikte, lebensgefährliche 69, 75f - Delikte nach Schuljahren 2, 7, 17ff - Delikte nach Schularten 6, 14f, 24ff, 44 - Deliktentwicklung 7 - Deliktstruktur 13, 29, 40 - Dunkelfeld 3, 73 - Ehrenkonflikte, -mord 56, 69 - Einzeltaten 20f, 51f - Elternarbeit 57, 68 - Erpressung 7ff - Erziehungsverantwortung 21 - Extremismus 3, 39ff, 66f - Frühwarnsystem 60, 69 - Friedrich-Ebert-Stiftung 62, 65 - Gefährdungspotenzial 74 - Geschädigte 17ff, 27ff, 52 - Geschlecht (s. Täter-/ Opfergeschlecht) 19f, 32f, 63ff - Gewalt nach Bezirken 11ff, 28f, 43f, 50f - Gewaltprävention 12, 60ff - Gruppentaten 20f, 52 - Jungen 63ff, 19f - Körperverletzung (s. Deliktstruktur) - Kooperation 11f, 35ff, 57f, 65 - Krisenintervention 60ff - kulturelle Herkunft (s. ndH, Migranten) 38ff, 47ff - Lehrer/innen, Gewalt gegen 27ff - LISUM 4, 60, 62, 66f - Mädchen 19ff - Mai, erster 66
-

Männlichkeit (s. Täter-/ Opfergeschlecht) 19f, 32f, 63ff - Maßnahmen 56ff - Meldeverhalten 11f, 51 - Mediation 59, 62 - Migranten und Gewalt (s. ndH, kulturelle Herkunft) 38ff, 47ff - Monatsübersicht 10 - Mobbing 61f - nichtdeutsche Herkunft, ndH (s. Migranten, kulturelle Herkunft) 38ff, 47ff - Netzwerke, Mitte 66f - Notfallpläne, Einführung 67f - Opfer 16ff, 27ff - Opferhilfe 4, 62f - Opfergeschlecht 19 - pax an 60, 62 - Polizei, Widersprüche 2, 21f, 75 - Regionale Unterschiede 11 - Rechtsextremismus 39ff - Sachbeschädigung 5, 7, 9, 17, 21, 30, 48 - Schularten 6, 15, 27, 31, 44f - Schülerzahlen 6 - Schulfremde 17f, 26, 35, 47, 74 - Schulinterne Gewaltvorfälle 16 - Schulstufen und Gewalt 14 - Schulpsychologen 12, 58, 60ff - Standpunktpädagogen 4, 66f - Tätergeschlecht 19ff - Täter-Opfer-Ausgleich 58f - Täterstatus 18f - Tatorte 22 - Verantwortung der Schule 75, 20f, 60 - Waffen 23ff - Waffenartige Gegenstände 23ff - Zunahme der Meldungen 2f - Zusammenarbeit (s. Kooperation) 11f, 35ff, 57f, 65
-

77

78
                            
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.