Publication:
2003
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-opus-71947
Path:
Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport

Verstehen und Handeln V

GEWALTSIGNALE AN BERLINER SCHULEN - HINSEHEN UND HANDELN WAFFEN GEFÄHRDEN DICH SELBST - HILFE HOLEN - BEISTAND LEISTEN - OPFER SIND NICHT SELBST SCHULD - KONFLIKTLOTSEN - MUTIG KLUG UND HANDLUNGSSTARK - SEELISCHE MUSKELN DURCH GEGENSEITIGE HILFE - DIE TAT IST ZU ÄCHTEN - DER TÄTER HAT EIN RECHT AUF ANLEITUNG UND HILFE SCHULLEITER ERSTHELFER BEI GEWALTVORFÄLLEN - WAS HÄNSCHEN NICHT LERNT - PETZEN PLAGEN PRÜGELN - OPFER DÜRFEN NICHT ALLEIN BLEIBEN HILFE IM NOTFALL SCHULPSYCHOLOGEN - ZIVILCOURAGE UND ZUSAMMENARBEIT - MEDIATOREN - STANDPUNKTPÄDAGOGEN SCHÜLERNETZWERK MUT - OHNE ELTERN GEHT ES NICHT - HELFEN IST NICHT PETZEN VERSCHWIEGENHEIT ZUR PERSON - OFFEN UND OFFENSIV IN DER SACHE - GEWALT GEDEIHT IN DER ANONYMITÄT - KOOPERATION BRAUCHT PARTNER - WER ENTWURZELT IST ENTWURZELT - ERFURT UND DIE FOLGEN WER VERWURZELT IST ENTWURZELT NICHT - RECHT AUF UNVERSEHRTHEIT DIE VERWURZELUNG IST DAS WICHTIGSTE BEDÜRFNIS DER MENSCHLICHEN SEELE - VERSTEHEN UND HANDELN - LEBEN LERNEN

Gewaltsignale an Berliner Schulen 2002/2003

Schule

Impressum
Herausgeber Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Beuthstraße 6 - 8, 10117 Berlin - Mitte www.senbjs.berlin.de Redaktion Fachbereich Schulübergreifende Angelegenheiten - Gewaltprävention Ansprechpartnerin: Bettina Schubert Telefon 9026 6513 Gestaltung ITpro V. i. S. d. P. Rita Hermanns

Eine auszugsweise Wiedergabe ist nur mit Angabe der Quelle zulässig. Bitten um Übernahme einzelner Teile richten Sie bitte an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, z. Hd. Bettina Schubert, I E 5, Beuthstraße 6 - 8, 10117 Berlin

Vorwort

Hinsehen und Handeln Die vorliegende detaillierte Auswertung aller im Schuljahr 2002/2003 gemeldeten Gewaltvorfälle an Berliner Schulen zeigt, dass es im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme der gemeldeten Gewaltvorfälle an den Berliner Schulen gab. Das heißt vor allem eines: Lehrerinnen und Lehrer haben – besonders und an den Statistiken ablesbar – nach der schrecklichen Bluttat von Erfurt die Vorfälle konsequent gemeldet. Sie reagieren auf jede Äußerung und jede Bedrohung eindeutig, entschieden und sofort. Vorfälle, die sonst vielleicht nicht erwähnt worden wären, sind gemeldet worden, weil man Schlimmeres für möglich hielt. Immer mehr setzt sich der Grundsatz durch, den Anfängen zu wehren. In welchem Umfang besonders genaues und konsequentes Hinsehen und Handeln dazu beigetragen hat, dass die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle gestiegen ist, lässt sich schwer beziffern. Vieles spricht allerdings dafür, dass es eine Verschiebung gegeben hat vom Dunkelfeld zur eindeutigen Meldung solcher Vorfälle. Nach der Gewalttat in Erfurt gibt es außerdem eine große Anzahl von jugendlichen Trittbrettfahrern, die auf diese Weise Aufmerksamkeit erregen wollte. Neben den Bedrohungen, von denen sich viele gegen Lehrerinnen und Lehrer richteten, haben auch die Fälle von Körperverletzungen und von Vorfällen, bei denen Waffen eingesetzt wurden, zugenommen. Seit Beginn der neunziger Jahre kann man allgemein eine zunehmende Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen und Heranwachsenden beobachten. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: der Funktionsverlust der Familien, die Perspektivlosigkeit und Orientierungslosigkeit, schlechte Vorbilder, Entwicklung der Sozialstruktur und einzelner Wohngebiete. Diese Entwicklungen sind besorgniserregend. Wir müssen genau hinsehen und analysieren, wo Gewalt zunimmt, warum sie zunimmt und was man dagegen tun kann. Alle sind gefragt, wenn es darum geht, Gewalt ganz selbstverständlich zu ächten und dagegen vorzugehen. Damit Situationen, die zur Gewalteskalation führen könnten, möglichst früh vermieden werden, wird viel an den Berliner Schulen getan: Seit dem Frühsommer gibt es 15 Schulpsychologen, denen jede Meldung über einen Gewaltvorfall zugeleitet wird. Sie beraten die Schulen, kümmern sich um Krisenintervention und entwickeln Konzepte zur Gewaltprävention. 1.300 Schülerinnen und Schüler haben sich zu Konfliktlotsen und Streitschlichter ausbilden lassen, 300 Lehrerinnen und Lehrer als Mediatoren; 12 Standpunktpädagogen beraten speziell zum Thema Umgang mit Extremismus , Fremdenfeindlichkeit und Anti-

semitismus; 120 BVG Schülerbegleiter/innen begleiten Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur Schule. Konzepte zum sozialen Lernen tragen dazu bei, dass die Kinder lernen selbstbewusst und sozial zu agieren. Darüber hinaus hat die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, eine ganze Reihe von Veröffentlichungen, Handreichungen, Rundschreiben und spezielle Informationen für Lehrerinnen und Lehrer und für Eltern veröffentlicht. Alle diese Maßnahmen können nur dann erfolgreich sein, wenn die Gesellschaft sich einig ist, dass man Gewalt nicht dulden darf, wenn jeder einschreitet bzw. dafür sorgt, dass Gewalt gar nicht erst entsteht. Kinder und Jugendliche müssen – genau wie Erwachsene- lernen, wie man mit Konflikten, mit Ärger und Frustration am besten umgeht. Toleranz gegenüber Gewalt bedeutet Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit. Es gilt auch künftig genau hinzusehen und zu handeln.

Klaus Böger Senator für Bildung, Jugend und Sport

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung zur aktuellen Trendentwicklung ”Gewalt an Schulen” 1. In welchem Umfang sind Schulen mit Gewaltvorkommnissen belastet? 2. Welche Tendenzen zeigen sich in der Deliktentwicklung nach Schuljahren? Exkurs: Extremismus 3. Welche Hinweise gibt es auf Belastungen nach Bezirken, nach Monaten und besonders gefährdeten Orte in Schulen? 4. Gibt es Veränderungen beim Ort des Geschehens? 5. Gibt es Hinweise auf Ost-West Unterschiede bei den Meldungen? 6. Welche Hinweise gibt es auf Waffen an Schulen? 7. Was ist über Täter und Opfer bekannt? Exkurs: Schüler nicht-deutscher Herkunft 8. Was ist über die Zielgruppe der Geschädigten, die Opfer, bekannt? 9. Mit welcher Professionalität und welchen Kooperationspartnern reagieren Schulen auf Gewaltvorfälle? Zusammenarbeit mit externen Helfern? 10. Auswirkungen der Bemühungen um Unterstützung der Schulen 11. Hilfen für Schulen 12. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Stichwortverzeichnis

3 4

7

10 12

14 16 16 19 24 25 30

34 36 37 38

Vorbemerkung zur aktuellen Trendentwicklung ”Gewalt an Schulen” Verdopplung der gemeldeten Gewaltvorfälle im Schuljahr 2002/03 Im Schuljahr 2002/03 wurden 422 Gewaltvorfälle gemeldet. Dies bedeutet eine Zunahme um 66 Prozent in nur einem Schuljahr. Die Gesamtzahl von 422 schließt auch 27 Meldungen über (rechts-)extremistisch motivierte Fälle ein, die in der Regel nicht mit körperlicher Gewalt verbunden sind. Einzig in diesem Bereich gibt es einen Rückgang: 27 Meldungen stehen 36 im Vorjahr gegenüber. Es gibt keine Hinweise auf ein verändertes Meldeverhalten bei Extremismus. Das Niveau des Vorjahres lag mit 254 Meldungen geringfügig unter dem Durchschnitt der drei Vorjahre (259). In den davor liegenden drei Jahren von 1996/97 – 98/99 lag der Durchschnitt bei 181. Auffällig ist, dass das Niveau ohne Ausnahme in allen Monaten des Schuljahres eine deutliche Zunahme gegenüber dem Vorjahr aufweist. Kein einzelnes Ereignis hat diese Zunahme bewirkt. Der Anstieg der Meldung um 66% dokumentiert deutlich eine Zunahme der von Schulen wahrgenommenen und an die Bildungsverwaltung gemeldeten Belastungen in der pädagogischen Arbeit.

Gewaltvorfälle pro Kalendermonat im Vergleich
Monat 1999/2000 2000/01 2001/02 Durchschnitt 1999/2000 bis 2001/02 2 22 23 34 25 26 18 35 18 24 21 10 2002/03

August September Oktober November Dezember Januar Februar März April Mai Juni Juli

1 21 16 38 23 24 29 46 12 12 15 15

20 21 42 38 33 12 39 13 22 16 14

5 25 31 23 14 22 14 19 29 38 33 2

10 31 28 43 40 43 46 57 35 46 43 -

3

Welche besonderen Ereignisse oder sonstigen Einflussfaktoren während des Schuljahres 2002/03 könnten eine Auswirkung auf das Meldeverhalten der Schulen gehabt haben? Welche Ereignisse kommen in Betracht? • Aufgrund interner Organisationsveränderungen – zum 31.12.02 wurde das Landesschulamt aufgelöst – wurde der Adressat der Meldungen verändert: Seit 1.1.03 gehen die Meldungen der Schulen wie bisher über die Schulaufsicht nunmehr direkt an SenBJS І E 5, (vorher über LSA Ltr). • In einer Dienststellenleitersitzung Ende Februar 2003 wurden die operative Schulaufsicht von II Ltr aufgefordert, die Schulleiter in den Regionen auf die nunmehr zur Verfügung stehenden 15 Schulpsychologen zur Gewaltprävention hinzuweisen und diese in Dienstbesprechungen einzuladen, um zu wirksamen Formen der Kooperation zu finden. • Mit dem Rundschreiben І Nr. 41/2003 vom 16.4.2003 wurden deutlich präzisere Standards zum Meldeverfahren und zum Umgang mit Gewaltvorfällen festgelegt. In dem angefügten Meldeformular sind die Antworten nunmehr durch ein Ankreuzverfahren vereinfacht und benötigen somit weniger Bearbeitungszeit in den Schulen. Gleichzeitig wird der Meldeweg entbürokratisiert, ein Parallelverfahren ermöglicht eine raschere Bearbeitung und effektivere Kooperation: Die Meldungen sind nunmehr parallel an SenBJS І E 5, die zuständige Schulaufsicht und den Schulpsychologen für Gewaltprävention zu faxen. Auch eine Übermittlung per Mail ist möglich. Keine dieser Maßnahmen ergibt Anhaltspunkte dafür, dass sie zu einer Zunahme der Meldungen im vergangenen Schuljahr geführt haben könnte. Dies schließt nicht aus, dass sich die Zahl der Meldungen aus einzelnen Bezirken auf eine bewusste Sensibilisierung der Verantwortlichen zurückzuführen lässt. Auch die Tatsache, dass nach dem 16.4.2003 die 15 Schulpsychologen zur Gewaltprävention parallel zu SenBJS І E 5 und Schulaufsicht über die Vorfälle zu informieren sind und diese den Schulen erklärtermaßen bei Gewaltvorfällen als Helfer zur Verfügung stehen, zeigt bislang keinen Einfluss auf das Meldeverhalten (Stand Juli 2003).

1. In welchem Umfang sind Schulen mit Gewaltvorkommnissen belastet? Schulen melden häufiger Gewaltvorfälle mit ausschließlich innerschulischen Akteuren Die Belastung der Schulen mit schulinternen Gewaltvorfällen, d. h. solchen, bei denen Täter und Opfer aus derselben Schule kommen und dort bekannt sind, hat sich entsprechend der allgemeinen Zunahme absolut und prozentual erhöht. Dies gilt für die Schüler, die geschädigt wurden (absolut: von 112 auf 204, prozentuale Anteilserhöhung von 44 auf 48%) als auch für geschädigte Lehrer (absolut: 28 auf 55 und prozentual von 11 auf 13 %). Das bedeutet, dass sich die Anteile nur geringfügig verändert haben. Allerdings haben die absoluten Werte in allen benannten Bereichen deutlich zugenommen. Die realen Zahlen im Hellfeld werden zudem etwas höher liegen, da ein Teil der anonymen Täter erfahrungsgemäß ebenfalls in der Schule zu suchen ist.

4

Belastung der Schulen mit schulinternen Gewaltvorfällen
(nur Schüler als schulinterne Täter)

Schuljahr

Schüler als Opfer absolut in % 57,2 53,1 54,4 47,6 44,8 44,1 48,3

Lehrer als Opfer absolut 7 6 10 34 30 28 55 in % 4,6 2,8 5,6 13,5 11,1 11,0 13,0

Schüler und Lehrer als Opfer absolut 4 4 6 12 12 13 19 in % 2,6 1,9 3,3 4,8 4,4 5,1 4,5

Schulinterne Gewaltvorfälle zusammen absolut 98 122 114 166 163 153 278 in % 64,5 57,8 63,3 65,9 60,4 60,2 65,9

Gewaltvorfälle insgesamt

1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03

87 112 98 120 121 112 204

152 211 180 252 270 254 422

Der Anteil der Fälle in der Sekundarstufe I (Klassen 7-10) hat sich weiter erhöht. Kamen im Schuljahr 2001/02 153 Personen (Schüler und Lehrer) in der Sekundarstufe I zu Schaden, so waren es im vergangenen Jahr 278. Dies entspricht einem prozentualen Zuwachs um 82%. Vergleicht man die drei Schulstufen (Grundschule, Sek I und Sek II), hat sich der Anteil der Vorkommnisse in der Sek I von bislang 60 auf 63% erhöht. Dies überrascht nicht: Konflikte, in denen es um Selbstbehauptung, Grenzaustestung und Dominanz geht, sind für die Jugendlichen dieser Altersgruppe charakteristisch.
Anzahl der Fälle nach Schulstufen a) absolut Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 b) prozentual Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 Grundstufe 31,6 34,6 23,9 35,3 30,7 29,0 27,0 Sek I 61,2 52,1 67,8 56,3 55,6 60,0 63,3 Sek II 7,2 13,3 8,3 8,3 13,7 11,0 9,7 insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 Grundstufe 48 73 43 89 83 74 114 Sek I 93 110 122 142 150 153 267 Sek II 11 28 15 21 37 28 41 insgesamt 152 211 180 252 270 255 422

5

Bei Gesamtschulen, Hauptschulen und Realschulen sind Zunahmen bis zur Verdreifachung zu verzeichnen. Auffällig ist, dass die Schulart mit den absolut meisten Vorfällen die Grundschule ist: 95 der 422 Vorfälle ereigneten sich an Grundschulen. Zählt man die Meldungen aus der Grundstufe der Sonderschulen hinzu, so handelt es sich um 114 von 422, also um 27%. Dieser hohe Anteil an allen Gewaltvorfällen verdeutlicht erneut die Notwendigkeit, bereits im Grundschulbereich einen gewaltpräventiven Konsens in den Kollegien zu entwickeln.
Schuljahr jahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 Grund- Sonder Gesamt- Haupt- Realschule G schule schule schule 44 4 23 30 12 61 12 19 35 25 31 12 22 31 27 75 14 31 18 33 63 20 36 37 39 68 6 32 26 29 95 19 70 75 58 Haupt-/ Reals. 2 7 5 4 4 12 19 Gym. Gym. Sonder BerufsSek I Sek II Sek I schule 10 16 11 19 6 5 22 15 2 22 13 27 5 29 16 24 3 10 34 28 7 26 21 24 13 21 28

Meldungen nach den Schulstufen Schuljahr 2002/03

Sek II 10%

Grundstufe 27%

Sek I 63%

6

2. Welche Tendenzen zeigen sich in der Deliktentwicklung nach Schuljahren? Rangfolge bei den von Schulen gemeldeten Delikten: 147 Körperverletzung (KV) / Vorjahr 88 = +67 Prozent 122 Bedrohung / Vorjahr 71 = +72 Prozent 83 Fälle gefährlicher KV, d.h. KV durch eine Gruppe oder einen Einzelnen mit Waffe oder waffenähnlichem Gegenstand, / Vorjahr 46 = +80 Prozent Die Aufstellung zeigt deutlich, dass sich zum einen das ”Klima” in den Schulen verschlechtert hat. Dafür spricht die hohe Zahl der Meldungen von Bedrohungen und Körperverletzungen. Zum anderen hat die Bereitschaft Gewalt anzuwenden offenbar zugenommen. Auch Waffen – dies wird unter 6 genauer erörtert - werden häufiger verwendet. Daneben gibt es eine Reihe von Gruppentaten, die sich gegen Einzelne richten. Bei den 95 Fällen, die in den 2,5 Schulmonaten zwischen Ostern und den Sommerferien gemeldet wurden, betrug der Anteil der Gruppentäter 26 %. Die Gruppengröße liegt meist bei 2-5 Schülern. Es gibt auch einen Fall, bei dem 15 Angreifer auftraten. Konflikte in Schulen wurden im letzten Schuljahr gefährlicher ausgetragen als in allen Vorjahren. Die Anzahl der gemeldeten KV und gefährlichen KV ist im vergangenen Schuljahr absolut auf 230 gestiegen. Im Vorjahr waren es insgesamt 134. Die Prozentränge der verschiedenen Delikte haben sich mit Ausnahme der Meldungen zum (Rechts-)Extremismus kaum verändert. Hier kam es zu einer Reduktion von 14,2 auf 6,4 Prozent.

Delikte nach Schuljahren a) Anzahl der Meldungen - absolut Delikt Bedrohung ............................ Erpressung ........................... Körperverletzung .................... gefährliche Körperverletzung ... Raub .................................... (Rechts-)Extremismus ........... Sachbeschädigung ................ Sonstige ............................... insgesamt 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 19 9 98 9 3 10 4 152 34 16 99 41 1 20 211 29 11 70 41 2 23 2 2 180 79 10 78 58 2 18 2 5 251 65 2 88 59 1 50 4 1 270 71 3 88 46 3 36 2 5 254 122 16 147 83 13 27 6 8 422

7

b) Prozentualer Anteil der Delikte an der Gesamtzahl der Delikte im Schuljahr Delikt Bedrohung ............................ Erpressung ........................... Körperverletzung .................... gefährliche Körperverletzung ... Raub .................................... (Rechts-)Extremismus ........... Sachbeschädigung ................ Sonstige ............................... 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 12,5 5,9 64,5 5,9 2,0 6,6 2,6 16,1 7,6 46,9 19,4 0,5 9,5 16,1 6,1 38,9 22,8 1,1 12,8 1,1 1,1 31,5 4,0 31,1 23,1 0,8 7,2 0,8 2,0 24,1 0,7 32,6 21,9 0,4 18,5 1,5 0,4 28,0 1,2 34,6 18,1 1,2 14,2 0,8 2,0 28,9 3,8 34,8 19,7 3,1 6,4 1,4 1,9

Deliktstruktur im Schuljahr 2002/03 Stand: 22.07.2003
Erpressung 3,8% Bedrohung 28,9% (rechts-)extreme Delikte 6,4% Raub 3,1%

sonstige 1,9%

Körperverletzung 34,8% gefährliche Körperverletzung 19,7% Sachbeschädigung 1,4%

Die Zunahme der Gewalt in diesem Schuljahr betrifft im wesentlichen alle Schularten und äußert sich in einer Zunahme bei allen Delikten, die im herkömmlichen Denken als Gewalt verstanden werden. Bereits aus dem Grundschulbereich werden 30 Bedrohungsfällen und 42 Körperverletzungen gemeldet Dies weist auf eine gravierende Belastung bereits im Primarbereich hin.

8

Delikte nach Schularten - Vergleich der Schuljahre 1999/2000 bis 2001/02 mit dem Schuljahr 2002/03
a) Durchschnitt der Schuljahre 1999/2000 bis 2001/02 Schulstufe Bedrohung Erpressung gefährliche Körperverletzung Grundschule 18,7 1,7 9,7 Sonderschule G 3,0 2,0 Sonderschule Sek I 5,7 0,3 4,7 Hauptschule 7,0 0,3 7,3 Haupt- /Realschule 3,0 1,0 Realschule 5,0 1,0 13,0 Gesamtschule 8,7 0,3 9,3 Gymnasium Sek I 10,3 1,3 3,7 Gymnasium Sek II 2,3 0,3 Berufsbildende Sek II 8,3 3,3 Gesamtergebnis 72,0 5,0 54,3 b) Schuljahr 2002/03 Schulstufe

Körperverletzung 28,7 7,0 9,0 7,3 2,7 10,0 7,3 3,7 2,0 7,0 84,7

Raub

(Rechts-) Extremismus 8,7

Sachbeschädigung 0,7 1,0 0,7

Sonstiges

Summe

0,3 1,0 0,3 0,3

1,0 3,0 4,0 6,7 6,3 0,3 4,7 34,7

0,7 0,3 0,7 0,3 0,3 0,3 0,7 0,3 3,7

0,3

2,0

2,7

68,7 13,3 21,7 27,0 6,7 33,7 33,0 26,3 5,0 23,7 259,0

Bedrohung

Erpressung

Grundschule Sonderschule G Sonderschule Sek I Hauptschule Haupt- /Realschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Gymnasium Sek II Berufsbildende Sek II Gesamtergebnis

30 7 5 17 6 13 21 11 3 9 122

2 1 2 1 9 1 16

gefährliche Körperverletzung 10 4 18 3 16 18 1 4 9 83

Körperverletzung 42 4 11 34 9 20 14 5 8 147

Raub

(Rechts-) Extremismus 3 2 1 1 7 6 3 2 2 27

Sachbeschädigung 3

Sonstiges

Summe

1 1 3 3

4 1

1 1 1 1 6 1 1 1 2 2 13

8

95 19 21 75 19 58 70 24 13 28 422

9

Die Anzahl der gemeldeten (rechts-)extremistisch motivierten Vorfälle ist seit dem Rekordjahr 2000/01 mit 50 auf heute 27 kontinuierlich rückläufig. Das entspricht einem Rückgang um 54 %.
Entwicklung der Zahl der gemeldeten (rechts-)extremistisch motivierten Vorfälle aus Berliner Schulen
60

50

40 Anzahl

30

20

10

0
1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03

Schuljahr

Im letzten Schuljahr wurden 27 Fälle gemeldet. Einer weist auf linksextreme Motivation hin. Bei 23 Fällen handelt es sich um Meldungen über rechtsextremistische, nationalistische oder antisemitische Orientierungen. Drei der gemeldeten Fälle weisen auf extremistische Orientierungen bei Tätern nichtdeutscher Herkunft (1 x anonym, 2 x Schüler). Beispiele für Fälle mit anonymen, schulfremden und schulinternen Tätern: Unter den eingegangenen Meldungen zu (rechts-)extremistischen Vorfällen sind in acht Fällen (30%) die Täter anonym. So werden in zwei Fällen Schulen Schreiben eines Lehrers a. D. aus München zugesendet, in denen die Frage der deutschen Verantwortung für den 2. Weltkrieg in Frage gestellt wird. Verfassungsfeindliche Orientierungen finden sich im Internet. So meldete ein Gymnasium in einem östlichen Bezirk, dass in dem Forum auf der Homepage der Schule volksverhetzende Dialoge, z. B. zum ”Verräter Rau” geführt werden. In einem Fall wurde die Zusendung eines Flugblattes zur Kopftuchfrage gemeldet: ”Wir warnen Sie, wagen Sie nicht das Kopftuch in der Schule zu verbieten.“ Der Staatsschutz weist darauf hin, dass dieser auf den ersten Blick islamistisch erscheinende Text ebenfalls aus rechtsextremen Kreisen stammen kann, denen an dem „Feindbild Islam“ gelegen ist. In einem Fall handelt es sich um Schulfremde, die auf einer Klassenfahrt Neuköllner Grundschüler angriffen, bespuckten und schlugen und der Lehrerin sagten, ihre „Judenkinder“ sollten heute auf dem Scheiterhaufen brennen.

10

In der Mehrzahl der Fälle (18 = 67%) handeln Schüler aus der jeweiligen Schule: In einem Fall beleidigte ein türkischer Schüler der 8. Klasse einen kurdischen Schüler und verkündete: ”Wenn ich Präsident der Türkei bin, bringe ich alle Kurden um. Alle Kurden sollten vergast werden.” In der Mehrzahl äußerten Schüler Sympathien für rechtsextremes Gedankengut: So hörten Realschüler rechte Musik auf einer Klassenfahrt. Ein Schüler einer Berufsbildenden Schule droht einem andern mit einem Butterflymesser: ”Die Scheiß Kanaken sollen alle vergast werden.“ In einer Grundschule findet sich auf einem Schülertisch eingeritzt ”Heil Hitler”. Deliktstruktur: In sechs Fällen (22%) handelt es sich um Körperverletzungen, in 16 Fällen (59%) um Propagandadelikte, in den 5 (18%) restlichen Fällen geht es um Bedrohungen. Die früher charakteristische Ost- West Verteilung extremistisch motivierter Taten hat an Prägnanz verloren. 14 Meldungen kommen aus westlichen Bezirken, 12 aus östlichen, eine Meldung aus dem Mischbezirk Mitte. Die Meldungen über extremistisch motivierte Delikte kommen aus allen Schularten: 3 aus der Grundschule, 3 aus dem Sonderschulbereich, 1 aus Hauptschulen, 7 aus Realschulen, 6 aus Gesamtschulen, 5 aus Gymnasien, 2 aus Berufsbildenden Schulen. Das Auftauchen bzw. die Verwendung von Waffen oder waffenähnlichen Gegenständen wird in drei Fälle erwähnt, in einem Fall wird mit einem Butterflymesser gedroht, in einem weiteren wird eine Plastikkarte eingesetzt, um anderen mit eine Hakenkreuz zu kennzeichnen, im dritten Fall wird ein Metallstück erhitzt, um einem Mitschüler ein Hakenkreuz auf die Haut zu ritzen. Bewertung des Rückgangs (rechts-)extremistisch motivierter Vorfälle Der Rückgang ist erfreulich, jedoch kein Grund zur Rücknahme der gutwilligen Aufmerksamkeit, die ihren moralischen Nährboden und ihre Unterstützung nicht zuletzt in öffentlichen Kampagnen fand. Die bis heute gemeldeten Vorfälle verweisen auf die Notwendigkeit, das Thema im Auge zu behalten. Die Fälle aus dem Hellfeld sind nicht harmlos, sondern sie verweisen eindeutig auf die Existenz fremdenfeindlicher, antisemitischer und nationalistischer Orientierungen, die Verbindung zu organisiertem Rechtsextremismus, auf islamistische Orientierungen sowie auf Gewaltbereitschaft gegenüber Minderheiten Die Gefahr besteht, dass mit dem Erlöschen der öffentliche Aufmerksamkeit angesichts der vielfältigen Belastungen, unter denen in Schulen heute gearbeitet wird, auch die Aufmerksamkeit im Feld der Schulen zurückgeht. Wer im gefährdeten Feld arbeitet, tut gut daran, latente Problemlagen, die bekannt sind, mit gleichbleibender Aufmerksamkeit auch über längere Zeiträume zu verfolgen. Extremistische Orientierungen unter Schülern werden aus individuellen Mangellagen und gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit gespeist, die von interessierten Gruppierungen gezielt genutzt werden. Wie nachträgliche Fallanalysen von einschlägig auffällig gewordenen Kindern und Jugendliche belegen, werden diese über Musik und Freizeitangebote gezielt geworben und langfristig in einschlägigen Gruppen instrumentalisiert.

Dem ist gezielt entgegenzuwirken

11

-

-

-

auf einem niedrigen Niveau präventiv im Vorfeld: Selbstwirksamkeitserfahrung, vielfältige Möglichkeiten von Angeboten, die geeignet sind, auch schwachen Schülern Erfolge bei der Mitgestaltung des Schullebens zu ermöglichen, Information über Verbot bzw. strafrechtliche Folgen jeder Art von propagandistischer Verbreitung einschlägiger Musik, Medien, Äußerungen, deutliche Sanktionen in jedem Fall, in dem dies Verbot in der Schule oder in ihrem unmittelbaren Umfeld (Äußerungen, Schmierereien, auf Klassenreisen und Exkursionen) überschritten wird. Einladung an und Kooperation mit den Standpunktpädagogen, als bezirkliche Spezialisten zum Umgang mit Extremismus, die aus langjähriger Schulerfahrung und spezieller Fortbildung zur Thematik kompetent sind, Fachkonferenzen und Kollegien in dieser Problemstellung behilflich zu sein.

Die Entwicklung und Förderung demokratischer Einstellungen und entsprechender Handlungskompetenzen braucht Zeit und Geduld, um nachhaltig wirksam zu werden. Moralische Appelle und hektisch aufgelegte Sonderprogramme dagegen verfehlen ihre Wirkung. 3. Welche Hinweise gibt es auf Belastungen nach Bezirken, nach Monaten und besonders gefährdeten Orte in Schulen? Die Häufigkeit von Meldungen in den Bezirken weist in hohem Maß auf die Aufmerksamkeit hin, die in den Schulen und bei der Schulaufsicht der Gewaltfrage gilt. Die Anzahl der gemeldeten Fälle ist jedoch kein verlässlicher Indikator auf die objektive Gewaltbelastung der Schulen. Die langjährige Erfahrung hat ergeben, dass gute Schulen offen und offensiv mit den ihnen bekannt werdenden Gewaltvorfällen umgehen. Dazu gehört auch das Melden. Dieses erwünschte Verhalten darf nicht stigmatisiert werden, denn es spricht nicht nur für ein korrektes dienstliches Verhalten, sondern auch von einem pädagogischen Verantwortungsgefühl gegenüber den Betroffenen. Jede Stigmatisierung eines Bezirks als Gewaltbezirk wirkt in gleicher Weise kontraproduktiv: Ein fatales und falsches Ranking ist die Folge. Schulen, die ihr Prestige durch Nichtmelden aufrecht zu erhalten suchen, bleiben in der Folge mit ihren Belastungen allein. Gewaltpräventive Fördermaßnahmen werden zukünftig auch den Schulen zugute kommen, bei denen Gewaltbelastungen zu erkennen sind und die offen und offensiv mit der Gewaltthematik umgehen. Die Meldungen aus Neukölln übersteigen mit 118 Vorfällen die aus anderen Bezirken um ein Vielfaches. Die Zunahme der Meldungen gegenüber dem Vorjahr (31 Fälle) ist nicht nur auf die Belastung im Bezirk Neukölln zurück zu führen, sondern auch darauf, dass von Seiten der Schulaufsicht das Gewaltthema mehrfach in Schulleitersitzungen thematisiert wurde (erhöhte Aufmerksamkeit). Dieses zunächst ”gewaltfördernde Verhalten“ führt erfahrungsgemäß nach der schonungslosen Bestandesaufnahme im zweiten Schritt schließlich zu einer Reduzierung der Gewalt, wenn gewaltmindernde Maßnahmen einvernehmlich und konsequent eingeleitet und kontinuierlich kontrolliert werden. Ebenso sollte das auffallend geringe Niveau der gemeldeten Gewaltvorfälle im Bezirk Marzahn-Hellersdorf, der Rückgang von 23 auf 20 gemeldete Fälle, kein Anlass zu verminderter Aufmerksamkeit gegenüber der Gewaltthematik sein. Die Bemühung der Schülerschaft, der Schulen und der Schulaufsicht des Großbezirks darum, Fördermaß-

12

nahmen zu gewaltpräventiven Projekte zu erhalten, verweist darauf, dass Belastungen nach wie vor von den Beteiligten vor Ort wahrgenommen werden.
Anzahl der Fälle in den Bezirken
Bez 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 Name Mitte Friedrichshain-Kreuzberg Pankow Charlottenburg-Wilmersdorf Spandau Steglitz-Zehlendorf Tempelhof-Schöneberg Neukölln Treptow-Köpenick Marzahn-Hellersdorf Lichtenberg Reinickendorf 1999/2000 2000/01 27 9 29 19 36 14 14 32 9 20 9 16 11 21 10 29 30 31 19 19 47 42 11 18 2001/02 24 19 18 23 13 11 15 31 30 23 38 10 2002/03 45 30 18 25 17 20 27 118 36 20 44 22 Schüler absolut 29.248 23.917 30.992 26.400 22.864 29.628 30.937 30.371 23.066 34.666 29.043 27.969 und prozentual 8,63 7,05 9,14 7,79 6,74 8,74 9,12 8,96 6,80 10,22 8,56 8,25

Bei der nachträglichen Analyse von spektakulären Fällen in der Stadt hat sich wiederholt beim Studium der Schülerakten gezeigt, dass später gravierende Fälle zunächst zu wenig ernst genommen wurden, Signale (z. B. auch Ordnungsmaßnahmen nach § 55 SchulG) zu spät gesetzt wurden. Frühe Grenzsetzungen und ein adäquater Umgang mit Straftaten in der Schule helfen den Gefährdeten, sich neu zu orientieren. Bagatellisierungen dagegen verhindern, dass ein Unrechtsbewusstsein entstehen kann. Auch wird so die Bereitschaft zur Wiedergutmachung geschwächt. Der Vergleich der Gewaltvorfälle pro Kalendermonat zwischen dem Schuljahr 2002/03 mit den drei Schuljahren 1999/2000 wurde vorgenommen, um ereignisbedingte Besonderheiten des Gewaltaufkommens (z.B. in Folge des 11. September 2001 oder der Bluttat von Erfurt im April 2002) auszugleichen. Daher wurde ein Durchschnittswert von dem letzten vorangegangen drei Schuljahren für jeden Monat gebildet. Dieser bestätigt erneut die deutliche Zunahme im letzten Schuljahr. Überraschend ist, dass das früher in den Wintermonaten deutlich höhere Gewaltaufkommen im vergangenen Schuljahr nicht mehr zu erkennen ist. Gewaltvorfälle pro Kalendermonat im Vergleich
Monat 1999/2000 2000/01 2001/02 Durchschnitt 1999/2000 bis 2001/02 2 22 23 34 25 26 18 35 18 24 21 10 2002/03

August September Oktober November Dezember Januar Februar März April Mai Juni Juli

1 21 16 38 23 24 29 46 12 12 15 15

20 21 42 38 33 12 39 13 22 16 14

5 25 31 23 14 22 14 19 29 38 33 2

10 31 28 43 40 43 46 57 35 46 43 -

13

Da für diese Zunahme keine speziellen Gründe ermittelt werden konnten, scheint es wahrscheinlich, dass die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit auf dem Thema Schulgewalt seit April 2002 entscheidend zum hohen Niveau der Meldungen beigetragen hat. Dies hat zwei Seiten: Schüler ahmen Verhalten nach, das öffentliche Beachtung findet, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es gibt also mehr Vorfälle. Zum anderen nehmen Lehrer Vorfälle ernster, die sie früher als Bagatelle abgetan hätten, da sie z.B. für möglich halten, dass Drohungen wahrgemacht werden. Sie wollen den Anfängen wehren.

4. Gibt es Veränderungen beim Ort des Geschehens? Schulen sind nach wie vor ein weitgehend sicherer Ort. Die Analysen der Polizei (LKA 143) über viele Jahre belegen: Weniger als 5% aller Fälle von Jugendgruppengewalt finden am „Tatort Schule“ statt. Wenn im Folgenden dennoch die Tatorte von Gewaltvorfällen in und um Schulen genauer analysiert werden, so ist das Ziel, ein Bewusstsein für gefährdete Orte zu schaffen bzw. aufrecht zu erhalten. Im Vergleich mit den Vorjahren fällt auf, dass die Mehrzahl der Vorfälle i n der Schule stattfindet, im Klassenraum und bei ”Sonstige”. Hinter Sonstige verbirgt sich in der Regel ein „wandernder“ Schauplatz, der Konflikt beginnt z. B. auf dem Hof, setzt sich im Flur und schließlich im Klassenraum fort. Dass dies von den Schulen festgehalten wird, spricht für die Aufmerksamkeit gegenüber der Dynamik des Geschehens.

Auch bei dem Tatort ”Schulweg” ist eine deutliche Zunahme, fast eine Verdoppelung, zu bemerken. Schulen, die Vorfälle auf dem Schulweg melden und sich um deren Aufarbeitung kümmern – häufig werden dabei auch die Jugendbeauftragten der Polizei einbezogen – übernehmen Fürsorgeverantwortung für ihre Schüler. Sie ermöglichen zudem die Analyse von Gefährdungspotentialen im Umfeld der Schule, die Voraussetzung für gegensteuernde Maßnahmen (wie verdeckte Ermittlungen) ist. Angesichts der Sensibilität für extremistisch motivierte Vorfälle während Klassenfahrten ins Umland ist festzuhalten, dass nur ein solcher Fall durch Schulfremde bekannt wurde: Dabei wurden Neuköllner Grundschüler in einer Herberge von anderen Schülern angegriffen. Die beiden anderen extremistisch motivierten Vorfälle bei Exkursionen ereigneten sich zwischen den Schülern der Schule.

Gemeldete Gewaltvorfälle nach Ort des Geschehens

14

a) absolut Tatort Schuljahr 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 35 26 14 14 89 63 23 19 13 12 67 52 58 31 40 18 147 62 62 22 60 14 158 56 65 25 49 15 154 62 90 31 92 15 228 106

Klassenraum ................................ Flur ............................................. Sonstige in der Schule .................. Sport ........................................... zusammen Schulhof .............................................. außerunterrichtliche Veranstaltung . Exkursion .................................... zusammen Schulweg ............................................ insgesamt

2 16 18 41

5 21 26 35

7 5 12 31

1 15 16 40

11 11 28

3 22 25 63

211

180

252

270

255

422

b) prozentual Tatort Schuljahr 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 16,6 12,3 6,6 6,6 42,2 29,9 12,8 10,6 7,2 6,7 37,2 28,9 23,0 12,3 15,9 7,1 58,3 24,6 23,0 8,1 22,2 5,2 58,5 20,7 25,5 9,8 19,2 5,9 60,4 24,3 21,3 7,3 21,8 3,6 54,0 25,1

Klassenraum ................................ Flur ............................................. Sonstige in der Schule .................. Sport ........................................... zusammen Schulhof .............................................. außerunterrichtliche Veranstaltung . Exkursion .................................... zusammen Schulweg ............................................ insgesamt

0,9 7,6 8,5 19,4

2,8 11,7 14,4 19,4

2,8 2,0 4,8 12,3

0,4 5,6 5,9 14,8

4,3 4,3 11,0

0,7 5,2 5,9 14,9

100

100

100

100

100

100

5. Gibt es Hinweise auf Ost-West Unterschiede bei den Meldungen?

15

Mit Beginn des 2. Schulhalbjahres 2002/03 wurde die bisherige Erfassung nach 23 Bezirken zugunsten der Neustruktur in 12 Bezirke aufgegeben. Ost-Westunterschiede bei den einzelnen Delikten können also nur noch im Vergleich der ”reinen” Ost- oder Westbezirke festgestellt werden: • • • 75 Meldungen aus den Ost-Westbezirken Mitte und Kreuzberg-Friedrichshain, 118 Fälle wurden aus ehemaligen Ostbezirken gemeldet, 229 aus ehemaligen Westbezirken, davon allein 118 aus Neukölln.

Damit überwiegen die Meldungen aus den bisherigen Westbezirken eindeutig. Auch wenn anzunehmen ist, dass sich das Meldeverhalten unterscheidet, verweist dies auf die Notwendigkeit, in den Westbezirken, insbesondere in Neukölln, der Gewaltthematik auch zukünftig erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen.

6. Welche Hinweise gibt es auf Waffen an Schulen? Anhand der Meldungen der Berliner Schulen ist bedauerlicherweise auch für den ”Tatort Schule” zu bestätigen, was die Arbeitsgruppe Jugendsachen im Kalenderjahr 2002 bereits im März für die gesamte Stadt feststellte: Es gibt eine Zunahme von Waffen: 55 Mal werden in den Meldungen im letzten Schuljahr Waffen oder waffenähnliche Gegenstände erwähnt, im Vorjahr waren es 27. Dabei überwiegen die Messer mit 36 Erwähnungen (Vorjahr 15), an zweiter Stelle werden Pistolen genannt, 13 (Vorjahr 3), waffenartige Gegenstände spielen mit 6 Nennungen (9 im Vorjahr) eine untergeordnete Rolle. Die meisten Waffen werden entweder ”nur” in die Schule mitgebracht, z.B. um Mitschülern zu imponieren und/oder um das eigene Sicherheitsgefühl zur erhöhen. In insgesamt 29 Fällen werden sie auch zur Bedrohung von Mitschülern eingesetzt. In 3 der gemeldeten Fälle wandten Schüler Messer zur Bedrohung gegen Lehrer, in 2 Fällen geschah dies durch schulfremde Personen. In gemeldeten 21 Fällen, bei denen eine Waffe mitgeführt wurde, kam es zu einer gefährlichen Körperverletzung von Schülern. Das heißt nicht notwendiger Weise, dass die Verletzung in diesen Fällen durch die Waffe stattfand, sondern zunächst nur, dass der oder die Täter „aufgerüstet“ waren.

16

Fälle von Bedrohung und Körperverletzung mit Waffen nach Schuljahren
Messer
1997/98 Bedrohung Körperverletzung gefährliche Körperverletzung 1997/98 Ergebnis 1998/99 Bedrohung Körperverletzung gefährliche Körperverletzung 1998/99 Ergebnis 1999/2000 Bedrohung Körperverletzung gefährliche Körperverletzung 1999/2000 Ergebnis 2000/01 Bedrohung gefährliche Körperverletzung 2000/01 Ergebnis 2001/02 Bedrohung Körperverletzung gefährliche Körperverletzung 2001/02 Ergebnis 2002/03 Bedrohung Körperverletzung gefährliche Körperverletzung 2002/03 Ergebnis 10 6 8 24 4 3 6 13 9 2 7 18 9 7 16 5 2 8 15 18 3 15 36

Pistole
6 5 3 14 1

waffenartiger Gegenstand
4 5 5 14 2 1 8 11 6 7 13 5 6 11 3 1 5 9 1 2 3 6

Gesamt
20 16 16 52 7 4 14 25 19 2 18 39 16 14 30 10 4 13 27 29 5 21 55

1 4 4 8 2 1 3 2 1 3 10 3 13

Betrachtet man die Schularten, an denen Waffen auftauchten, so hat die Grundschule mit 14 Erwähnungen den ersten Platz. Es folgen die Realschule mit 12 und die Gesamtschule mit 9 Erwähnungen und erst danach die Hauptschule mit 8 gemeldeten Fällen. Grundschüler bringen vor allem Messer mit. Dieser Sachverhalt verweist dringlich auf die Notwendigkeit, bereits in den Schulordnungen der Grundschulen das Waffenverbot festzuschreiben. Ein entsprechender Passus garantiert natürlich keine Waffenfreiheit, ist aber die Voraussetzung für die Ächtung und angemessene Ahndungen.

17

Waffen nach Schularten
Summe Anzahl von ID Schuljahr 1998/99 Waffe

Schulart Grundschule Sonderschule Sek I Hauptschule Haupt- /Realschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Gymnasium Sek II 1998/99 Ergebnis 1999/2000 Grundschule Sonderschule G Sonderschule Sek I Hauptschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Berufsbildende Sek II 1999/2000 Ergebnis 2000/01 Grundschule Sonderschule G Sonderschule Sek I Hauptschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Berufsbildende Sek II 2000/01 Ergebnis

Messer 2 1 3 1 1 3 1 1 13 5 1 4 2 3 2 1 18 5 2

Pistole

1

1 1 1 2 2 1 1 8 1 1 1

4 1 1 3 16

3

waffenartiger Gegenstand Gesamtergebnis 1 3 2 3 3 6 1 3 4 2 6 1 1 11 25 5 11 1 2 5 1 5 3 8 1 4 1 2 1 2 13 39 2 8 2 1 2 1 2 1 5 4 5 1 2 5 11 30

2001/02

Grundschule Sonderschule Sek I Hauptschule Haupt- /Realschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Berufsbildende Sek II 2001/02 Ergebnis 2002/03 Grundschule Sonderschule G Sonderschule Sek I Hauptschule Haupt- /Realschule Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek II Berufsbildende Sek II 2002/03 Ergebnis

2 1 3 1 4 5 1 15 10 1 1 2 4 9 6 3 36 1 1 2

1

3 3

2 2 1 9 1

2 1 2 3 1 1 13

4 1

6

2 2 6 1 4 8 2 2 27 14 1 1 8 5 12 9 1 4 55

18

Hat das Waffengesetz vom 1.April.2003 zu einer Reduzierung der Waffen bei Gewaltvorfällen an Schulen geführt?

Ein knappes Jahr nach Erfurt wurde am 1.April 2003 ein neues Waffengesetz verabschiedet, das z. B. die Mitnahme von Messern verbietet. Die Berliner Schulen sind rechtzeitig über die Änderungen informiert worden; eine zweite Information der Schulen erfolgte über die Senatsverwaltung für Inneres einige Zeit später. Die Untersuchung, in welchen Monaten Waffen in Schulen und in ihrem Umfeld auftauchten, lässt bisher keinen sicheren Schluss zu, ob das Verbot zu einem veränderten Umgang mit Waffen geführt hat.
Monat im Schuljahr 2002/03 08 09 10 11 12 01 02 03 04 05 06 Insgesamt Messer Pistole waffenartiger Gegenstand

2 4 5 9 9 7 4 6 6 7 4

2 3 1 7 8 4 3 4 4 4 1

3 1 1 3

1 1 1

1 2 2 2 2 1 1

7. Was ist über Täter und Opfer bekannt? Die Frage: Woher kommen die Täter ist wichtig für die Frage, welche Personengruppe gefährdet die Schüler. Aus einer genauen Analyse des Status der Gruppe der Täter (schulfremd, anonym und schulintern) können zielgenaue Präventionsmaßnahmen abgeleitet werden. Die Hauptgruppe der Täter sind Schüler, sie schädigen Mitglieder der Schulgemeinschaft. Im vergangenen Schuljahr waren es 303 (Vorjahr 175). Die zweitgrößte Gruppe der Täter bilden die schulfremden (ehemalige Schüler, Freunde, Personen, die einen Bezug zur Schule haben): 75 gegenüber 37 im Vorjahr. Der Anteil der anonymen Täter (völlig unbekannte) beträgt 10,4%. Nur wenige dieser anonymen Täter werden als Person wahrgenommen. Die Mehrzahl agiert durch beschmieren von Schulwänden, versenden bedrohlicher Emails oder (rechts-) extremistischer Schriften. Der hohe Anteil der schulfremden Täter verweist auf die Notwendigkeit, dass sich Schulen mit der Frage befassen, wie werden wir unserer Fürsorgeverantwortung gegenüber Schülern und Lehrern gerecht? Wie schützen wir sie bestmöglichst gegen Gefährdungen von außen? Wie ist an unserer Schule der Umgang mit Schulfremden geregelt? Einige große Schulzentren fordern ihre Schüler auf, sich auf Rückfrage auszuweisen. Andere fordern grundsätzlich, dass sich schulfremde Personen im Sekretariat zu melden haben.

19

Status der Täter a) Zahl der Fälle - absolut Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 b) prozentual Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 anonym 13,2 16,1 18,3 11,1 11,1 16,9 10,4 schulfremd 17,1 21,3 15,6 16,7 20,7 14,5 17,8 schulintern 69,7 62,6 66,1 72,2 68,1 68,6 71,8 insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 anonym 20 34 33 28 30 43 44 schulfremd 26 45 28 42 56 37 75 schulintern 106 132 119 182 184 175 303 insgesamt 152 211 180 252 270 255 422

Gewaltverhalten und Männlichkeit – männliche Personen werden häufiger zu Opfern Auch im vergangenen Schuljahr haben sich Jungen und Männer erneut als d i e gefährdete Gruppe auch im Bereich der Schule erwiesen. Deutlich häufiger als Mädchen und Frauen kommen sie zu Schaden. 56,9% der Personen, die zu Opfern werden sind Schüler und Lehrer. Der Anteil der Schülerinnen und Lehrerinnen, die geschädigt werden, liegt bei einem Viertel, genau 25,4% und liegt somit auf dem Niveau der letzten 3 Jahre. Der Anteil der Fälle, bei denen es gleichzeitig männliche und weibliche Opfer gibt, liegt bei 9%. Es handelt sich in der Regel um Gewaltvorfälle, bei denen sowohl Jungen wie Mädchen, bzw. Lehrer und Lehrerinnen, zu Schaden kommen. Unter ”ohne Angabe” sind die Fälle subsumiert, bei denen es keine persönlichen Opfer gab, z. B. weil per Internetbedrohung alle Schüler und Lehrer einer Schule bedroht wurden oder weil eine Sache, wie die Geltung der Menschenrechte durch eine Verunglimpfung einer Gruppe (z.B. ”Vergast die Kurden”) in Frage gestellt oder geschädigt wurde (z.B. durch Schmierereien auf einer Schulwand).

20

Opfergeschlecht nach Schuljahren a) absolute Angaben Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 b) prozentual Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 männlich 65,1 76,3 61,7 54,8 50,7 44,7 56,9 weiblich 23,7 12,3 20,0 27,8 25,9 26,7 25,4 männlich ohne Angabe und weiblich 3,9 4,3 10,6 6,7 8,9 8,2 9,2 7,2 7,1 7,8 10,7 14,4 20,4 8,5 insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 männlich 99 161 111 138 137 114 240 weiblich 36 26 36 70 70 68 107 männlich ohne Angabe und weiblich 6 9 19 17 24 21 39 11 15 14 27 39 52 36 insgesamt 152 211 180 252 270 255 422

Tätergeschlecht nach Schuljahren a) absolute Angaben Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 b) prozentual Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 männlich 87,5 92,9 84,4 86,5 78,5 74,1 81,8 weiblich 9,9 3,8 9,4 6,7 12,2 11,8 10,4 männlich ohne Angabe und weiblich 0,7 2,4 2,2 3,2 3,7 2,0 3,1 2,0 0,9 3,9 3,6 5,6 12,2 4,7 insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 männlich 133 196 152 218 212 189 345 weiblich 15 8 17 17 33 30 44 männlich ohne Angabe und weiblich 1 5 4 8 10 5 13 3 2 7 9 15 31 20 insgesamt 152 211 180 252 270 255 422

21

Täter sind häufiger männlich Im vergangenen Schuljahr waren die Täter in 345 Fällen männlich (81,8%) und nur in 44 Fällen (10,4%) weiblich. Diesem Wert ist ein Wert + X hinzuzufügen, der sich aus der Angabe ”anonym” (siehe Darstellung unter 6) bzw. ”ohne Angabe” speist. Es ist davon auszugehen, dass ein hoher Anteil der anonymen Täter ebenfalls dem männlichen Geschlecht angehört, da aggressive Varianten von verstecktem ”Heldentum”, genauer Dominanzverhalten, das die Schädigung eines anderen beabsichtigt oder billigend in Kauf nimmt, bei Mädchen bislang von geringer Attraktion ist. Häufig wird in der Öffentlichkeit die Frage einer zunehmenden Brutalisierung auf Seiten der Mädchen erörtert. Ausgangspunkt solcher Überlegungen sind meist Fälle, in denen einzelne Mädchen oder Mädchengruppen mit hoher Brutalität vorgehen. Die angefügte Übersicht ”Wer schädigt wen?” ermöglicht einen Überblick, über den Anteil männlicher Täter mit 89,7% (seit Schuljahr 1996/97) und ihrer bevorzugten Opfer. Diese waren zu 70,3% männlich und zu 19,4% weiblich. In diesem Schuljahr beträgt der Anteil männlicher Täter 88,9%. Diese schädigen in 68,8 aller Fälle Angehörige des eigenen Geschlechts und in 20,1% der Fälle weibliche Personen. Es gibt also eine geringfügige Zunahme der Gewaltakte, die sich gegen weibliche Personen richten und eine prozentuale Abnahme der Delikte gegen das eigene Geschlecht. Diese Daten sind in ihrer absoluten Größe allerdings zu klein, um daraus bereits einen Trend ablesen zu können. Die Anzahl der weiblichen Täterinnen hat seit dem Schuljahr 1996/97 zugenommen; in den ersten drei Jahre der detaillierten Erfassung (seit 1996/97) werden im Schnitt in 13 Fällen Mädchen als Täterinnen benannt. In den folgenden drei Jahre sind es bereits 27 Fälle, in denen Mädchen andere schädigen. Im vergangenen Jahr wurden 44 gemeldet. Mädchen greifen selten Jungen an, im letzten Jahr in 6 Fällen. Hauptsächlich wenden sich ihre Aggressionen gegen das eigene Geschlecht. So wurden im letzten Jahr 31 Fälle bekannt, in denen Mädchen Mädchen schädigten. Auch wenn die Zunahme unübersehbar ist, bleibt festzuhalten, dass Mädchen in nur 11% Täterinnen sind. Die Tendenz zur Zunahme sollte kein Anlass zur Dramatisierung sein. Andererseits sollte angesichts der Tatsache, dass auch Mädchen andere Personen, meist Mädchen, teilweise erheblich schädigen, jeder Form der Idealisierung von Mädchen als dem friedlichem Geschlecht, die nur Opfer männlicher Gewalt werden, entgegen getreten werden. Solche theoriegeleiteten Annahmen sind im Interesse der Sache als Bagatellisierung zu charakterisieren, die weder den Opfern weiblicher Gewalt noch den Täterinnen selbst nützlich ist.

Wer schädigt wen?

22

seit Schuljahr 1996/97 a) absolut Tätergeschlecht Opfergeschlecht männlich weiblich 959 20 979 265 120 385 Summe

männlich weiblich zusammen b) in % Tätergeschlecht

1.224 140 1.364

Opfergeschlecht männlich weiblich 70,3 1,5 71,8 19,4 8,8 28,2

Summe

männlich weiblich zusammen

89,7 10,3 100

Schuljahr 2002/03 a) absolut Tätergeschlecht Opfergeschlecht männlich männlich weiblich zusammen b) in % Tätergeschlecht Opfergeschlecht männlich männlich weiblich zusammen 68,8 1,8 70,6 weiblich 20,1 9,3 29,4 88,9 11,1 100 Summe 229 6 235 weiblich 67 31 98 296 37 333 Summe

Detailauswertung unter dem Gesichtpunkt nichtdeutscher Herkunft 2002/03

23

Im vergangenen Schuljahr gab es 80 Gewaltvorfälle an Berliner Schulen, bei denen Personen nichtdeutscher Herkunft (ndH) als Opfer, Täter oder in anderer Weise beteiligt waren. Bezogen auf die 422 Vorfälle handelt es sich um 18,95 Prozent. Auffällig ist, dass Jugendliche nicht deutscher Herkunft, als Schüler oder Schulfremde in den genannten Fällen sehr häufig als Täter auftraten. So wurde in 70 von 80 Fällen erwähnt, in denen ndH involviert waren, dass sie die die Täter waren. Das betrifft 87,5 Prozent der Fälle. Es gibt 23 Gewaltvorfälle, bei denen Personen nicht-deutschter Herkunft involviert waren, die durch schulexterne Täter verübt wurden, also nicht durch Schüler. Damit ist der ndH-Anteil bei den Delikten mit schulexternen Tätern unauffällig. In 31 dokumentierten Fälle, mit Beteiligten ndH traten diese nicht als Einzeltäter auf, sondern die Täter handelten als Gruppe (38,75%). Dabei wurde 7mal zu zweit (8,75%)und 24mal zu dritt bis zu fünfzehnt angegriffen (30%). 22 der 24 Vorfälle mit großen Tätergruppen bestanden aus Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft. In 2 Fällen bestanden die Tätergruppen aus Deutschen, die ndH waren die Geschädigten. Überraschendes findet sich auch auf der Opferseite: Im vergangenen Schuljahr kamen in den 80 Fällen, in denen ndH involviert waren, in 54 Fällen Deutsche (66%) und in 28 nicht-deutsche (34%) zu Schaden (2 Mehrfachnennungen). Aufsichtspersonen waren dabei zu 16,25% betroffen ( 10 Lehrer, 2mal Lehrer und Schüler und 1mal ein Aufsichtsschüler). Entgegen der Annahme, dass Täter und Opfer meist aus der gleichen ethnischen Gruppe stammen, ist folgendes festzustellen. In nur 22 Fällen (27%) stammen Täter und Opfer tatsächlich aus der gleichen ethnischen Gruppe. Jedoch kamen in 60 Fällen (73%) Täter und Opfer aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen (2 Mehrfachnennungen). In der Mehrzahl der uns bekannten Fälle schädigen also Personen ndH Personen deutscher Herkunft. Anteil der Personen nicht deutscher Herkunft an unterschiedlichen Deliktarten: Im vergangenen Schuljahr wurden 122 Fälle von Bedrohung gemeldet. 17 dieser Bedrohungen wurden unter Beteiligung von ndH begangen, das entspricht einem Anteil von 13,9 Prozent. Es wurden 16 Erpressungen gemeldet, bei 5 der Fälle findet sich eine ndH- Beteiligung (31,3%). Im Schuljahr 2002/03 wurden 147 Fälle von Körperverletzung bekannt. In 32 Fällen waren ndH beteiligt (21,8%). Bei den 83 gemeldeten Fällen gefährlicher Körperverletzung waren in 23 Fällen ndH involviert. Dies entspricht einem Prozentsatz von 27,7. Bei Raub, Sachbeschädigung und Extremismus liegen die absoluten Werte mit ndH Beteiligung bei 1 und können somit vernachlässigt werden. In dem einzig bekannten Fall Extremismus in der ndH Gruppe provoziert ein türkischer Schüler einen kurdischen Mitschüler (beide besuchen eine Sonderschule) mit den Worten: „Alle Kurden müssen vergast werden.“ Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass bei den Delikten Erpressung und gefährliche Körperverletzung auffällig viele Personen nicht deutscher Herkunft involviert sind. Bedrohungen finden relativ selten bei den gemeldeten Fällen durch nicht deutsche Personen statt. 8. Was ist über die Zielgruppe der Geschädigten, die Opfer, bekannt?

24

In der statistischen Erfassung der Opfer von Gewalt wird zwischen persönlichen Geschädigten, Schülern und Lehrern, und der ”Sache bzw. Sonstiges” unterschieden. Unter dieser Klassifizierung verbirgt sich zum einen der Schaden an Sachen wie persönlichen oder schulischem Besitz (Kleidungsstücke, Schultaschen, Schulmöbel oder Schulwände) zum anderen aber auch der an immateriellen Rechtsgütern wie die Wahrung der Menschenrechte oder das Recht auf uneingeschränkte Entfaltung (ohne Bedrohung). Betrachtet man die absoluten Zahlen, so ist bei den geschädigten Schülern der größte Zuwachs festzustellen. Kamen im Schuljahr 2001/2002 141 Schüler zu Schaden (der geringste Wert seit 1996/97), so waren es im vergangenen Schuljahr 281, ein Wert, der weit über dem aller Vorjahre liegt und einem prozentualem Zuwachs von 11,3 entspricht. Auch Lehrer wurden deutlich häufiger als Opfer von Gewalt benannt: die hohe Zahl von 47 geschädigten Lehrern des Schuljahres von „Erfurt” (die Mehrzahl der Fälle wurde nach der Bluttat von Erfurt im April 2002 gemeldet), wird im darauf folgenden Schuljahr 2002/03 mit 74 Fällen geschädigter Lehrer bzw. 103 (erstgenannte Fälle und die, in denen Lehrer gemeinsam mit Schülern zu Schaden kommen) noch übertroffen.
Geschädigte nach Schuljahren

a) absolute Angaben Schuljahr Schüler Lehrer Schüler und Lehrer 6 8 10 18 19 17 29 Sache bzw. Sonstiges 12 14 12 25 38 50 38 insgesamt

1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 b) prozentual Schuljahr

121 171 145 163 172 141 281

13 17 13 46 41 47 74

152 210 180 252 270 255 422

Schüler

Lehrer

Schüler und Lehrer 3,9 3,8 5,6 7,1 7,0 6,7 6,9

Sache bzw. Sonstiges 7,9 6,7 6,7 9,9 14,1 19,6 9,0

insgesamt

1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03

79,6 81,4 80,6 64,7 63,7 55,3 66,6

8,6 8,1 7,2 18,3 15,2 18,4 17,5

100 100 100 100 100 100 100

25

Die folgenden Säulendiagramme verdeutlichen für die (Haupt-)Gruppe der geschädigten Schüler wie für die Gruppe der geschädigten Lehrer, den enormen Zuwachs im vergangenen Schuljahr. Auch bei diesen Werten muss betont werden, dass sie das Hellfeld der Gewalt beleuchten. Insbesondere in der Gruppe der Schüler ist davon auszugehen, dass es eine Reihe von Fällen gibt, die nicht bekannt werden, weil sich die Opfer schämen, weil sie unter Druck gesetzt werden und weil die Schüler nicht auf die Idee kommen, ihre Lehrer über das Geschehen zu informieren. Wiederholt werden Fälle, z.B. gravierende Erpressungen erst Wochen nach dem eigentlichen Geschehen bekannt, wenn sich die Opfer den Eltern nach langem Zögern anvertrauen und diese dann gemeinsam mit der Schule einen Ausweg aus der Bedrohungssituation zu finden suchen. Bezogen auf Bedrohungen und sonstige aggressiven Handlungen, die Lehrerinnen und Lehrern, aber auch Schulleitern und anderen Personen, die als Autorität erlebt werden widerfahren, ist davon auszugehen, dass Pädagogen nach Erfurt sensibler geworden sind. Weil Erfurt zur Befürchtung geführt hat, dass Drohungen von Schülern auch wahr gemacht werden, wird mehr gemeldet. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass das in höchstem Maße „medienwirksame“ Ereignis Erfurt dazu geführt hat, dass Schüler mit wenig positiver Selbstwirksamkeitserfahrung und Rachegefühlen nunmehr realisieren, welche Wirkung eigenes Handeln haben kann. Ihr Handeln folgt offenbar der privatlogischen Handlungsmaxime: ”Wenn ihr mich nicht liebt, sollt ihr mich wenigstens fürchten”. Dies ermöglicht ihnen ein kompensatorisch Gefühl von Bedeutung und Macht. Ausschnitt: gemeldete Vorfälle nur gegen Schüler

300 250 200 150 100 50 0 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03

26

Ausschnitt: gemeldete Vorfälle nur gegen Lehrer
80 70 60 50 40 30 20 10 0 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03

Ausschnitt: gemeldete Vorfälle die sowohl gegen Schüler als auch gegen Lehrer gerichtet waren

30 25 20 15 10 5 0 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03

Vergleicht man die Werte der Kalendermonate ab Erfurt (26.4.2002), so lässt sich bis heute ein unverändert hohes Niveau in allen Monaten feststellen.

27

Geschädigte Lehrer und Lehrer gemeinsam mit ”nach Erfurt”
Monat 10 11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Schülern in den Kalendermonaten

1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 1 3 6 6 5 5 2 9 8 3 1 5 1 3 9 2 4 1 3 9 4 3 3 1 2 5 1 1 1 2 3 14 9 5 2 1 9 1 3 5 4 7 15 3 3 3 6 7 11 2 3 5 4 1 1 3 1 3 4 8

2002/03 10 16 8 8 6 13 6 12 10 3 11

Es gibt keine Schulart und keinen Bezirk in Berlin, in dem es dieses Problem nicht gäbe. Die häufigsten Lehrerbedrohungen finden sich im Bereich der Grundschulen (22), der Gesamtschulen (22) und der Hauptschulen (15). Bei diesen Bedrohungen handelt es sich nie um Bagatellfälle. Für eine Lehrerin und noch mehr für einen Lehrer beansprucht das Eingeständnis, dass sie sich von einem Schüler, z.B. einem im Grundschulalter, bedroht gefühlt haben, meist einen längeren Prozess der Selbstüberwindung. Bei vielen besteht eine Angst sich lächerlich zu machen. Die Bedrohungen unterscheiden sich in der Gewichtigkeit. Als „leichter Fall” – verglichen mit den anderen - kann der folgende gelten: In einer Grundschule in SteglitzZehlendorf ist im Gästebuch der Homepage der Schule geschrieben: „Lehrerin x (der Name wird genannt), ich töte Sie. Ich bin in Ihrer Klasse”, Absender: „Huhrensohn” (Rechtschreibung unverändert). Aus der Überlegung, dass jede Morddrohung ein Offizialdelikt ist erstattete die Schule ausgehend von den Vorgaben zum Umgang mit Gewalt in dem Rundschreibens І Nr. 41/2003 ”Hinsehen und Handeln” eine Strafanzeige gegen Unbekannt. Natürlich ist in jedem Fall das Gefährdungspotential unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren abzuschätzen. Damit sind vergleichende Aussagen nur bedingt verlässlich. Dennoch scheint folgender Fall auch wegen des Alters des Drohenden und der Einsicht, die von ihm zu erwarten wäre, schwerwiegender und von der Schwere der Tat daher im mittleren Bereich: An einem Gymnasium in Mitte besteht ein hinreichender Verdacht, dass ein Schüler für ein Reihe von Diebstählen verantwortlich ist. Er versucht sich einer Überprüfung seiner Tasche durch den stellvertretenden Schulleiter gewaltsam zu entziehen. Es ist offen, ob er allein oder gemeinsam mit anderen handelt. Die Polizei wird von der Schule eingeschaltet. In Reaktion darauf äußert er Morddrohungen gegenüber dem stellvertretenden Schulleiter.

28

Als sehr schwerwiegend bzw. äußerst gravierend muss der folgende Fall eingeschätzt werden: In einer Hauptschule in einem östlichen Bezirk, dessen Gesicht durch große Plattenbausiedlungen bestimmt ist, stürmt ein 15jähriger Schüler nichtdeutscher Herkunft vermummt in seinen Klassenraum. Er richtet ein Feuerzeug in authentischer Form einer Pistole auf seine Lehrerin und nötigt die Schüler sich auf den Boden zu legen. Danach rennt er weg. Die – offenbar ungewöhnlich unerschrockene - Lehrerin folgt ihm und bringt ihn zum Schulleiter. Dieser alarmiert die Polizei. Auf den schwersten der Fälle im letzten Schuljahr, über dessen Verlauf von den Medien ausführlich und wiederholt berichtet wurde, den Fall Sawis, wird an anderer Stelle eingegangen. Die spektakuläre Tat, dass ein kampfsporterprobter Schüler fünf Lehrer schlug, weil sie ihm einen Akt der Selbstjustiz gegenüber Schülerinnen der Schule verwehrten, die seine Freundin als „Schlampe“ tituliert hatten, soll in diesem Rahmen nur in einem Teil reflektiert werden. Wenn Kinder und Jugendliche in ihren Familien Gewalt erleben oder erleben, dass Gewalt von den Eltern nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern als berechtigte oder erforderliche Gegenwehr idealisiert wird, begünstigt dies einschlägiges Nachahmungsverhalten und Idealisierung, die die faktische Selbstjustiz beschönigen. Geschädigte Lehrer und Lehrer gemeinsam mit Schülern nach Schularten
Text Grundschule Sonderschule G Hauptschule Realschule Haupt- /Realschule Gesamtschule Gymnasium Sek I Gymnasium Sek II Sonderschule Sek I Berufsbildende Sek II 1996/97 6 4 2 2 1997/98 8 1 5 1 2 1 1 1 5 1998/99 3 1 4 1 1 3 3 5 2 1999/2000 13 3 4 3 11 12 1 11 6 2000/01 19 5 7 3 2 8 5 1 2 8 2001/02 20 2 8 2 5 7 12 2 3 3 2002/03 22 11 15 6 4 22 6 2 8 7

4 1

Waffen und waffenähnliche Gegenstände im engeren Sinn spielen bei der Lehrerbedrohung kaum eine Rolle. Im vergangenen Schuljahr wurden in 5 Fällen durch Schüler (3) und durch schulfremde Personen (2) Messer zur Bedrohung eingesetzt, in nur einem Fall vorbereitet und gezielt. In Verbindung mit Waffen gab es keinen Fall von gefährlicher Körperverletzung. Dies gilt auch für die erwähnte Bedrohung mit einer Feuerzeugpistole. In zehn weiteren Fällen werden Gegenstände eingesetzt, um dem Ziel, den anderen zu schädigen, Nachdruck zu verleihen. Davon gibt es zwei geplante Schädigungen: einmal wird mit Kaugummi eine Zirkelspitze auf dem Lehrerstuhl befestigt, im anderen Fall wird die Kurbel für einen Rolladen so gestellt, dass diese auf die hereinkommende Lehrerin fallen muss. Sie wird tatsächlich am Auge verletzt. In allen anderen Fällen werden die Gegenstände spontan gewählt, mit denen gedroht (z.B. ein Flaschenöffner in Messerform) oder geworfen (ein Lineal, ein Stuhl, ein Kugelschreiber) wird. Auch wenn Waffen kaum verwendet wurden, mindert dies nicht den Ernst des Vorfalls.

29

Gibt es regionale Schwerpunkte von Bedrohungen gegen Lehrer? Die Meldungen über Bedrohungen liegen in 9 Bezirken im einstelligen Bereich, eine höhere Fallzahl weisen die Bezirke Mitte mit 11, Lichtenberg mit 12 und Neukölln mit 32 Meldungen auf. Die geringe oder hohe Anzahl solcher Bedrohungen und Angriffe in einem Bezirk sollte nicht darüber entscheiden, ob man sich der Frage des Umgangs mit Bedrohungen überhaupt stellt. Das Thema Bedrohung eines Einzelnen oder einer Schulgemeinschaft gehört auf die Tagesordnung einer jeden Schule, um einen Notfallplan für den „Fall X“ zu entwickeln. Ein Fall reicht. Gravierende Ereignisse und deren Folgen werden über Schüler, Lehrer, und Eltern sehr rasch über das engere Umfeld der Schule hinaus bekannt. Die Medienaufmerksamkeit kann diese Wirkung zum Stadtereignis, ja zum Thema auch in der überregionalen Presse vervielfachen. Der Fall des o. g. Mehrfachtäters Sawis führte zur der Bildung einer interministeriellen Arbeitsgruppe über Intensivtäter. Deshalb und aus Anlass eines gerichtlichen Verfahrens gegen den Vater wegen des Verdachts auf Selbstjustiz wird auch die öffentliche Diskussion weiter geführt werden. Für die unmittelbar betroffenen Lehrer und die Kollegien der Schule ist das Einzelereignis und der Umgang damit entscheidend. Die genaue Anzahl der in einem Bezirk gemeldeten Fälle ist nicht nur unbekannt, sondern sie spielt auch für das Erleben keine entscheidende Rolle. In jedem einzelnen Fall vermittelt sich Sicherheit oder Unsicherheit über die Art und Weise, wie von Seiten der Schulleitung und der Schulaufsicht mit dem Einzelfall umgegangen wird. Dies entscheidet auch, wie rasch der Betroffene gezielte Hilfe durch Übermittlung aller relevanten Informationen erfährt. Dort, wo dies nicht der Fall ist, kommt es oft zu langen Fehlzeiten, die mit einer Demoralisierung, der Kollegen und Angehörigen parallel gehen. Trotz des Rundschreibens І Nr. 41/2003 wird die Fürsorgeverantwortung für die Betroffenen bislang nur unzureichend wahrgenommen. Dies gilt für die individuelle Unterstützung und Anteilnahme in der Situation als auch für die Anzeige des Vorfalls bzw. die Strafanzeige durch die Schulaufsicht. 9. Mit welcher Professionalität und welchen Kooperationspartnern reagieren Schulen auf Gewaltvorfälle? Was sind Kriterien der Professionalität? Zusammenarbeit mit externen Helfern?
Die Professionalität der Schulen im Umgang mit Gewaltvorfällen zeigt sich einerseits

•

in der unmittelbaren Tatsituation: Erfahren die Opfer Unterstützung? Werden in schweren Fällen die Polizei und ärztliche Helfer rasch und angemessen einbezogen? So reicht es nicht, Eltern oder geschädigte Lehrpersonen auf die Möglichkeit einer Strafanzeige oder eines Strafantrags zu verweisen. In allen schweren Fällen ist diese in Wahrnehmung der Fürsorgeverantwortung durch den Schulleiter selbst zu stellen oder es ist auf den Dienststellenleiter als den, der außer dem Geschädigten selbst berechtigt ist, Strafanträge zu stellen, weiterzuverweisen. In schweren Fällen reicht es auch nicht, einen Schüler aufzufordern zum Arzt zu gehen, sondern der Schüler sollte umgehend zum Arzt begleitet werden, soweit ihn nicht die Eltern begleiten. Selbstverständlich sollte auch in möglichst allen Fällen, soweit dies möglich ist, ein Kontakt zu den Eltern oder zu anderen Erziehungsberechtigten hergestellt werden.

30

•

Zum anderen bedarf fast jeder Gewaltvorfall der Nacharbeit über die akute Situation hinaus. Dazu gehören Gespräche mit allen Beteilten, die gezielte Anleitung zur Wiedergutmachung, Besprechungen in den betroffenen oder beteiligten Schulklassen, Förderung von Schulmediation (soweit es Mediatoren und/oder Konfliktlotsen an einer Schule gibt) und die Einleitung von geeigneten Maßnahmen auf der Schulebene: Klassenkonferenzen, Abstimmungen in den Gremien, Einschaltung der Vermittlungausschusses, Informationen an bzw. Abstimmungen in der Gesamtkonferenz, Einschaltung von internen und externen Experten, z. B. aus dem schulpsychologischen Dienst, Jugendbeauftragte der Polizei usw. • Langfristig – so auch die Forderung des Rundschreibens І Nr. 41/2003 sollte jede Schule im Zusammenhang mit der Schulprofilentwicklung einvernehmlich gewaltpräventive Maßnahmen und Ansätze zur Intervention im Vorfeld besprechen und festlegen, um im Krisenfall darauf zurückgreifen zu können. Am professionellsten verläuft offenbar – sieht man von der mangelnden Hilfe für Opfer ab - die Zusammenarbeit in der akuten Situation. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist gut. Sie wurde im letzten Jahr in 297 von 422 Fällen gerufen. Sie hat damit einen prozentualen Umfang von 70%. Damit steht die Polizei als Kooperationspartner der Schulen mit großem Abstand an erster Stelle. Zusammenarbeit heißt entweder: Bitte um Beratung, Anzeigenaufnahme oder – in seltenen Fällen – dass gemeinsam mit der Polizei ein Fall bearbeitet wird. Medizinische Hilfe (durch einen niedergelassenen Arzt oder in meist schweren Fällen durch eine Klinik) wurde im letzten Jahr in 43,1% der Fälle (absolut 182) in Anspruch genommen; häufig auch bei geringfügigen Verletzungen. Wenn der Kontakt mit den Eltern nur in 48% der Fälle stattfindet, so liegt dies in einigen Fällen an der Unerreichbarkeit der Eltern, in anderen an der Tatsache, dass die Schüler volljährig sind. Zudem können die Eltern der vielen schulfremden Täter, ihr Anteil beträgt 28%, nicht zur weiteren Aufarbeitung herangezogen werden. In den Fällen, in denen schulfremde Täter Schüler einer Schule schädigen, beschränkt sich die Kooperation mit Eltern auf die Eltern der Opfer.

Kooperation in der unmittelbaren Gewaltsituation
(Mehrfachnennungen möglich)

Schuljahr

Fälle insgesamt Polizei absolut in % 95 62,5 148 129 160 152 162 297 70,1 71,7 63,5 56,3 63,8 70,4

Darunter Kooperation mit

1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03

152 211 180 252 270 254 422

Arzt absolut in % 71 46,7 84 84 92 91 95 135 39,8 46,7 36,5 33,7 37,4 32,0

Klinik absolut in % 22 14,5 35 41 38 28 39 47 16,6 22,8 15,1 10,4 15,4 11,1

Arzt/Klinik zus. Eltern absolut in % absolut in % 93 61,2 65 42,8 119 125 130 119 134 182 56,4 69,4 51,6 44,1 52,8 43,1 113 84 149 101 116 203 53,6 46,7 59,1 37,4 45,7 48,1

31

Die Professionalität der Schulen im Umgang mit Gewaltvorfällen bedarf weiterhin der größten Aufmerksamkeit, dabei geht es um den Umgang mit den beteiligten Personen:

Das größte Problem war und ist der Mangel an Unterstützung für die Opfer. Trotz vieler Hilfen und Hinweise, z.B. in „Verstehen und Handeln 4“ und im Rundschreiben І Nr. 41/2003 erfahren Opfer nur in 12 Prozent (49 Fällen) aller Fälle Beistand und Unterstützung. In 64 Prozent der Fälle (271 absolut) gingen die Opfer – verlässt man sich auf die schriftlichen Angaben der Schule – leer aus. Täter erlebten in 53 Prozent der Fälle (absolut 222) Maßnahmen in Folge ihres Fehlverhaltens. Meist handelt es sich dabei um Sanktionen entsprechend dem Schulgesetz. In 24 Prozent der Fälle (absolut102) bemühen sich die Schulen adäquat um beide Seiten. Bei einem Teil dieser Fälle handelt es sich um einen Täter-Opfer-Ausgleich im Sinne des Rundschreibens. Im Vorjahr 2001/02 geschah dies in deutlich weniger Fällen, absolut 50 (20 Prozent). Mit 12 Prozent - absolut 49 Fälle - geht ein relativ hoher Anteil an Meldungen ein, bei denen entsprechend der Meldevorgabe ein Fehlverhalten in der Schule oder ein Angriff auf die Schule nur schriftlich festgehalten wird. Jedoch erfolgt keine weitere Sanktion oder Anleitung. Unter den 12 Fällen ohne weitere Bearbeitung, die seit April eingingen, wurden 3 von anonymen Tätern, von 5 schulfremden und 4 von schulinternen Tätern begangen. In der überwiegenden Anzahl dieser Fälle handelt es sich um schwerwiegende Delikte: Bei drei tauchen Waffen oder waffenähnliche Gegenstände auf. In zwei weiteren Fällen werden die Opfer mit Gewalt beraubt. Insgesamt vier sind der Deliktgruppe Körperverletzung und gefährliche Körperverletzung zuzuordnen. Dreimal werden die Opfer bedroht (darunter eine ernst zu nehmende Morddrohung durch Gruppentäter, die mit einem Messer angriffen). Für die Betroffenen wirkt sich der Mangel an Unterstützung demoralisierend aus, sie bleiben mit ihrer Not allein. Auch für die anderen, die solches Geschehen als passive Beobachter miterleben, hat solches Geschehen eine gefährliche Konsequenz. Es wird deutlich, dass Grenzüberschreitungen hingenommen werden, die Opfer ohne Hilfe bleiben und die Tat damit erfolgreich war, weil der Täter ohne Sanktion blieb. Auch wenn anonyme oder schulfremde Täter in der Regel nicht sanktioniert werden können, bleibt die dringliche Notwendigkeit, den Opfern Beistand zu leisten und weitere Hilfen zukommen zu lassen. Dies geschah jedoch in keinem der 12 Fälle.
Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 ohne Hilfe 38 39 13 4 18 14 49 Opfer 5 30 39 29 29 23 49 Täter 80 127 100 193 179 167 222 TOA 29 15 28 26 44 50 102

32

Maßnahmen nach Gewaltvorfällen im Schuljahr 2002/03

Täter und Opfer 24%

ohne Maßnahme 12%

Opfer 12%

Täter 52%

Zur Aufarbeitung von Gewaltvorfällen: Maßnahmen nach § 55, Kooperation mit internen und externen Experten zur Aufarbeitung von Gewaltvorfällen Angesichts der deutlich gestiegenen Gewaltbelastung an den Schulen stellt sich – wie auch schon in den vergangenen Jahren – die Frage: Werden alle Hilfen, die möglich sind, von den Schulen in Anspruch genommen? Wo könnten Schulen bei ihren Bemühungen gegen Gewalt gezielte und langfristig wirksame Unterstützung erfahren? Die Auswertung ”Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen” erfasst die Nacharbeit der Schulen zu Gewaltvorfällen. Unterschieden werden die Punkte ”Schulgremien” (vornehmlich werden Sanktionen nach § 55 SchulG gefasst), ”Experten intern” (Hilfen durch Vertrauenslehrer, Klassengespräche, Mediatoren, Konfliktlotsen, Sozialarbeiter) und ”Experten extern” (Jugendbeauftragte der Polizei, Jugendamt, Schulpsychologen – Nennung in der Reihenfolge der bisherigen Rangfolge). Mehrfachnennungen sind möglich und verweisen insbesondere bei schweren Fällen auf die Kompetenz der Schulen, Hilfen gezielt einzusetzen. In 44,6 Prozent der Fälle (absolut 271) erfolgten auf eine Gewalttat oder einen extremistisch motivierten Vorfall Sanktionen über die Schulgremien, in 38,6 Prozent der Fälle (absolut 234) wurde der Vorfall intern sorgfältig aufgearbeitet. Externe Experten wurden im gesamten letzten Schuljahr nur selten hinzugezogen. 1

Seit den Osterferien werden Gewaltmeldungen parallel an den zuständigen Schulpsychologen für Krisenintervention und Gewaltprävention gefaxt. Diese boten in jedem Fall, der ihnen bekannt wurde, ihre Hilfe an.

1

33

Kooperation in der Folge von Gewaltvorfällen an Schulen (Mehrfachnennungen möglich)
a) absolut Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 b) prozentual Schuljahr 1996/97 1997/98 1998/99 1999/2000 2000/01 2001/02 2002/03 Schulgremien 42,9 31,0 45,5 42,7 39,7 34,6 44,6 Experten intern Experten extern 25,3 28,3 22,5 26,7 34,5 43,5 38,6 13,5 18,6 20,3 22,2 14,0 14,3 6,1 ohne 18,2 22,1 11,7 8,4 11,8 7,6 10,7 insgesamt 100 100 100 100 100 100 100 Schulgremien 73 80 105 152 145 123 271 Experten intern Experten extern 43 73 52 95 126 155 234 23 48 47 79 51 51 37 ohne 31 57 27 30 43 27 65 insgesamt 170 258 231 356 365 356 607

10. Auswirkungen des neuen Rundschreibens І Nr. 41/2003 und Meldeformulars Mit Datum vom 16. April 2003 ging in Konsequenz aus den Erfahrungen mit dem alten Formular für Gewaltmeldungen, in Folge der Umstrukturierung der Behörde (Auflösung des Landesschulamtes) und dank der Benennung von 15 Schulpsychologen zur Gewaltprävention im Frühjahr 2003 ein neues Rundschreiben an die Berliner Schulen. Neu sind vor allem genaue Vorgaben zum fachgerechten Vorgehen bei Gewaltvorfällen, sowie gezielte Hinweise auf Hilfen für die Schulen. Es gibt ein Parallelmeldeverfahren verbunden mit einem präzisierten Fragebogen zum Geschehen in einer weitgehend standardisierten Form, das der Arbeitserleichterung dienen soll. Die Vorgabe, dass eine Meldung innerhalb von 24 Stunden zu erfolgen hat, und die Schule den Vorfall gleichzeitig per Fax an SenBJS І E 5, die regionale Schulaufsicht und den regional zuständigen Schulpsychologen zur Gewaltprävention zu senden hat, dient dem Ziel rascher unbürokratischer Unterstützung. Hilfen können so den Schulen zeitnah zum Geschehen angeboten werden, die Informationsweitergabe verzögert sich nicht mehr durch Überlastung einzelner Beteiligter.

34

Insgesamt ist das Rundschreiben І Nr. 41/2003 insbesondere auch wegen der vereinfachten Formvorgabe mit dem Anhang der Liste der Jugendbeauftragender Polizei gut angenommen worden. Zwar haben inzwischen Umstrukturierungen bei der Polizei die Gültigkeit der Liste in Teilen außer Kraft gesetzt, jedoch ist die aktualisierte Liste der Jugendbeauftragten aus dem Internet unter www.senbjs.berlin.de/gewaltpraevention herunter zu laden. Immer mehr Schulen nutzen inzwischen den Vorteil der unbürokratischen Übermittlung, indem sie den Meldebogen herunter laden und ihn per Email versenden. Noch immer gibt es jedoch Schulen, die die 24 Stunden Vorgabe “übersehen”. Sie melden Vorfälle mit einem Abstand zum Geschehen bis zu 8 Wochen und dann per Post auf dem Dienstweg, z. T. auch mit dem alten Meldeformular. Rückfragen in einigen Fällen ergaben, dass Proteste von betroffenen Eltern und in einem Fall auch eine Nachfrage infolge einer Pressemeldung Anlass waren, das Nichtmelden, nachträglich zu korrigieren. Die dringende Notwendigkeit zunächst den Opfern Beistand zu leisten und dies in der Gewaltmeldung zu auch zu dokumentieren wird noch immer von der Mehrzahl der Schulen zu wenig beachtet. Mangelnder Opferschutz ist eine Vernachlässigung der Fürsorgeverantwortung. Hinzuweisen ist auch darauf, dass eine parallele Information an den Schulpsychologen zur Gewaltprävention nicht im Ermessensspielraum der Schule liegt, sondern dass diese Information grundsätzlich und in jedem Fall zu erfolgen hat, damit unmittelbar auch von externer Seite Unterstützungsmaßnahmen greifen können.

35

11. Hilfen für Schulen Für Schulen gibt es als rasch abrufbare Hilfe im Umgang mit akuten Gewaltvorfällen eine Schulpsychologin/ einen Schulpsychologen in jeder Region. Diese haben im Februar 2003 ihre Arbeit aufgenommen und sich bis zum Sommer in ihr Arbeitsgebiet ”Krisenintervention und Gewaltprävention” eingearbeitet. Meldungen gemäß Rundschreiben Ι Nr. 41/2003 über einen Gewaltvorfall oder einen (rechts-)extremistisch motivierten Vorfall sind ihnen grundsätzlich und in jedem Fall zuzuleiten. Sie beraten die Schulleiter und die Schulaufsicht und bieten auch Weiterbildungsangebote für Schulen im Bereich Konfliktlösungsstrategien, Konfliktmanagement und Krisenintervention an. Langfristig sind sie den Schulen bei der Entwicklung von Schulkonzepten zur Gewaltprävention behilflich. Sie beraten bei der Entwicklung und Durchführung von Trainingsprogrammen zur Gewaltprävention. Besondere Aufmerksamkeit kommt der Unterstützung der Schulen bei der Entwicklung von Krisen- und Notfallplänen zu, um diese zu befähigen eine erste Krisenintervention zu leisten. Nicht in jeder Region ist dieses Angebot bisher allen Schulleitern bekannt. In einigen Regionen, wie z. B. in Mitte, Pankow und Treptow wurden die zuständigen Schulpsychologen von der Dienststellenleitung bzw. für Gewaltprävention zuständigen Schulaufsicht bereits in Schulleiterkonferenzen eingeladen, in denen sie sich mit ihrem Aufgabenfeld und ihrem Angebot für die Schulen vorstellen konnten. Dies ermöglicht die Grundlage für eine sachbezogene Handlungspartnerschaft. Es geht nicht um ein Weiterleiten der Probleme an einen Experten außerhalb von Schule, sondern um ein aktives Zusammenwirken in jedem einzelnen Fall. Auch Schülerinnen und Schüler, die zu Konfliktlotsen ausgebildet sind, sowie die Lehrerinnen und Lehrer, die als Mediatoren ausgebildet sind, tragen an fast 200 Berliner Schulen zur Bearbeitung von Konflikten bei. Somit wird die Entwicklung einer demokratischen Schulkultur gefördert. Allerdings hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass die Konfliktlotsen nur dann Hilfestellung leisten können, wenn sie durch das ganze Kollegium einer Schule Unterstützung erfahren und in die innerschulische Aufarbeitung einbezogen werden. Standpunktpädagogen sind geeignete Kooperationspartner für Schulen, wenn es um Fragen des (Rechts-) Extremismus, Antisemitismus und um Fremdenfeindlichkeit geht. Im vergangenen Jahr haben die Standpunktpädagogen, die ebenfalls in jedem Bezirk durch eine/n Moderatorin/Moderator vertreten sind, nicht nur in 7 Bezirken und an elf Oberschulen Fortbildungsveranstaltungen zur Vorstellung der CD-Rom ”Standpunkte” durchgeführt , sondern sie haben sich auch mit großer Kompetenz bei der Bildung bezirklicher Netzwerke für Demokratie engagiert. Die Meldungen der Schulen im Schuljahr 2002/03, in denen der Prozess der Aufarbeitung jeweils mit wenigen Worten und seit April 03 durch das Ankreuzen von Vorgaben dokumentiert wird, weisen bislang nur in der Ausnahme auf eine aktive Zusammenarbeit mit Schulpsychologen, Konfliktlotsen und Standpunktpädagogen hin. Im Interesse aller Beteiligten ist eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit diesen kompetenten Helfern wünschenswert.

12. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
36

In Abwägung einer Vielzahl möglicher Einflussfaktoren auf die Anzahl der Meldungen ist festzustellen, dass kein einzelnes Ereignis und auch nicht die Verschlechterung sozialer Verhältnisse in der Stadt für die gravierende Zunahme der Gewaltvorfälle an Schulen verantwortlich gemacht werden kann. Wahrscheinlich ist, dass die Zunahme der Zahl der Meldungen auf den „Erfurt-Effekt“ bei Schülern und Lehrern zurück zu führen ist. Dies meint die durch „Erfurt“ ermutigte Hoffnung mit Gewalt eine Lösung erzwingen zu können. Gemeint ist damit auch die berechtigte Sorge der meldenden Pädagogen, Gewalt, wird sie ignoriert, könnte in der Schulgemeinschaft als Erfolg erlebt werden. Aus einer zunehmend gewachsenen Gewaltallergie und der Überzeugung “Wehret den Anfängen” wird vermehrt gemeldet. Der Zunahme der Fälle von gefährlicher Körperverletzung, der Fälle mit Waffen und der Zunahme der Bedrohungen gegen Lehrer kann nur dann wirksam begegnet werden, wenn sich eine selbstverständlich Ächtung von jeder Art von Gewalt in den Kollegien der Schulen und im öffentlichen Leben der Stadt durchsetzt und zum Konsens wird. Dies ist möglich. Infolge des Gewaltächtungsgesetzes vom November 2000 kam es trotz einer Verschlechterung sozialer Bedingungen in vielen Teilbereichen zu einem deutlichen Rückgang von Gewalthandlungen gegen Kinder.2 Eine klare Ächtung der Gewalt ist die Voraussetzung, Kindern zu helfen. Sie haben das “Recht durch eine liebevolle und fürsorgliche Erziehung im Geist des Friedens, der Würde, der Toleranz, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität auf ein individuelles Leben in der Gesellschaft vorbereitet zu werden” (so heißt es in der Präambel der UN-Kinderkonvention, die bei uns seit zehn Jahren gilt. Sie ist mit Leben zu erfüllen. Priorität sollte dem Beistand für Opfer und der Anleitung zur Wiedergutmachung eingeräumt werden. Die Hinweise des Rundschreibens Ι Nr. 41/2003 sind zukünftig bei jedem Gewaltvorfall im Sinne einer Handlungsanleitung zu beachten. Als aktive Helfer in akuten Krisen und bei Gewaltvorfällen sowie auch zur Entwicklung eines gewaltpräventiven Schulprofils stehen den Berliner Schulen 15 Schulpsychologen zur Gewaltprävention zur Verfügung. Unterstützung bieten daneben Mediatoren und Konfliktlotsen sowie die 12 Standpunktpädagogen. Hilfsangebote für den akuten Fall können jedoch nicht die notwendige Bemühung einer jeden Schule um eine internes Gewaltpräventionsprogramm ersetzen, sondern ihr Einsatz unterstützt deren Vorbereitung. Es empfiehlt sich, in allen Gremien der Berliner Schule und in den Schulen bei der Besprechung einschlägiger Vorfälle die gestiegenen Zahlen der Gewaltmeldungen zum Anlass zu nehmen, zu überlegen, wie gewaltorientiertem Verhalten wirksam entgegengearbeitet werden kann. Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport wird diesen Diskussionsprozess unterstützen.

Vergl. Lore Peschel-Gutzeit, „Kinder und Gewalt – Welchen Schutz bietet die Rechtsordnung?“ S. 13 2003 in: U. Lehmkuhl (Hg) „Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen, Ursachen, Prävention, Behandlung“ 37

2

Stichwortverzeichnis Antisemitismus 10ff Bezirke, regionale Belastung 12 Delikte nach Schularten 9 Deliktentwicklung 7 Deliktstruktur 8 Eltern 30 f. Erfurt 26, 28 Erfurteffekt 27 Fremdenfeindlichkeit 10ff Extremismus 10ff Geschlecht 23f Gewaltächtungsgesetz 37 Kollegien, Bedeutung der 37 Konfliktlotsen 33, 36 Lehrer als Opfer 25 ff, 28f Lehrerbedrohung in Beispielen 28f. Mädchen 22 ff Männlichkeit 22 ff Meldeverhalten 3, 4, 26 Migranten 24 Monatsüberschicht 3, 13 nichtdeutscher Herkunft 24 Notfallplan 30 Opfer 19 ff, 25 Opfergeschlecht 21 f. Orte des Geschehens 14 f. Ost-West 16 Polizei 31 Priorität, zukünftige 37 Rechtsextremismus 10 ff Sawis 30 Schularten 6 Schulaufsicht 30 Schulleitung 30 Schüler als Kooperationspartner 36 Schüler als Opfer 26 schulfremde Täter Beispiele 10 schulinterne Fälle 5 Schulstufen 5 Schulpsychologen 34, 37 Standpunktpädagogen 33, 36 Strategien gegen Extremismus 12 Täter 19 ff Täter, schulfremde, anonyme, interne 4, 5, 10, 20 Tätergeschlecht 21 f. Ursachen für Zunahme 26 Waffen 16, 17 Waffen bei Lehrerbedrohung 29 Waffen nach Schularten 18 Waffengesetz , neues 19

38
                            
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.