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Periodical volume

Full text: Trends Issue 2006,2

Entwicklungen in NRW

Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS NRW)

trends
Autoren der Ausgabe
Ingo Heidbrink (vormals Zentrum für ZEFIR, jetzt BBR) E-Mail ingo.heidbrink@bbr.bund.de Tobias Terpoorten (Zentrum für

ausgabe 2/06

Segregation in NRW: Räumliche Muster und Entwicklung
Die Ungleichverteilung von Bevölkerungsgruppen im städtischen Raum (Segregation) erfährt seit einigen Jahren zunehmende politische Aufmerksamkeit. Dahinter steht die Befürchtung, dass die wohnräumliche Konzentration von benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu einer Verfestigung von „Armutsstadtteilen“ führt und somit eine sozialräumliche Spaltung in den Städten erzeugt. In solchen marginalisierten Quartieren treten häufig wirtschaftliche, soziale und städtebauliche Probleme auf. Die negativen Auswirkungen auf die Stadtentwicklung betreffen insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung (lokale Ökonomie), die Situation auf dem Immobilienmarkt, den sozialen Zusammenhalt im Wohngebiet und die lokale Identität. Hinzu kommt, dass Quartiere, die von einer zunehmenden Abwärtsentwicklung betroffen sind, sich selbst benachteiligend auf die Bewohner auswirken, indem das negative (Außen-)Image stigmatisierend wirkt. Das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt beispielsweise versucht, auf die negativen Folgen von Segregation Einfluss zu nehmen und betroffene Stadtteile durch integrierte Entwicklungsmaßnahmen zu stabilisieren. Um das Entstehen von neuen segregierten Problemgebieten von vornherein zu verhindern, bedarf es einer kontinuierlichen kleinräumigen Berichterstattung und empirischer Analysen der Entwicklung in den städtischen Teilräumen. Ein Gutachten, das im Auftrag der Enquetekommission „Zukunft der Städte in NRW“ des Landtags NordrheinWestfalen im Jahr 2003 erstellt wurde (Zimmer-Hegmann, Strohmeier, u. a., 2006), hat die gegenwärtige Segregation in ihren unterschiedlichen Formen und ihre Dynamik in den nordrheinwestfälischen Städten analysiert. Im Folgenden werden die wesentlichen Ergebnisse dieser Studie dargestellt. Zunächst wurde die sozial-räumliche Position der Kreise und Städte innerhalb des nordrhein-westfälischen Städtesystems ermittelt. Auf dieser Grundlage sind die Stadtteile der nordrhein-westfälischen Städte zu charakteristischen Sozialraumtypen klassifiziert worden. Falluntersuchungen haben die Dynamik von Segregation und die räumlichen Verteilungsmuster näher untersucht.

interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung /

interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung / ZEFIR) E-Mail tobias.terpoorten@ruhr-uni-bochum.de Ralf Zimmer-Hegmann (ILS NRW) E-Mail ralf.zimmer-hegmann@ils.nrw.de

Sozialräumliche Typisierung der Kreise und Städte NordrheinWestfalens
Bezüglich der Lebensformen und Lebenslagen der Bevölkerung bestehen markante Disparitäten zwischen den Kreisen und den kreisfreien Städten in NRW. Eine Strukturanalyse auf der Grundlage von sozialen Indikatoren der laufenden Gesundheitsberichterstattung hat zwei unabhängige Ein-

	

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Arme, Alte, Arbeitslose, Ausländer, abn. Bevölkerung

flussfaktoren ermittelt. Der so genannte „A-Faktor“ gibt Auskunft über die Altersstruktur, den Ausländeranteil, Armut (Sozialhilfebezug) und Arbeitslosigkeit sowie die Bevölkerungsentwicklung (Abnahme). Der Wohlstandsfaktor wird allein durch das „Verfügbare Einkommen pro Kopf“ gebildet. Die Abbildung 1 zeigt die Verteilung der Kreise und kreisfreien Städte in dem durch diese beiden Faktoren aufgespannten Merkmalsraum. Dabei wird deutlich, dass die Kreise durchweg niedrige Anteile an den „AGruppen“ aufweisen, während sich die Städte fast ausnahmslos in dem oberen Bereich der Verteilung befinden und somit überdurchschnittlich hohe Anteile an den „A-Gruppen“ aufweisen. Im Hinblick auf den „Wohlstandsfaktor“ weisen die Städte große Unterschiede auf. Die prosperierenden Städte im rechten oberen Quadranten mit dem Spitzenreiter Düsseldorf stehen der Gruppe der „armen“ Städte im linken oberen Bereich gegenüber. Weniger ausgeprägt sind die Unterschiede im Wohlstandsniveau in der Gruppe der Kreise. Im rechten unteren Quadranten liegen die wohlhabenderen suburbanen und ländlichen Räume, links unten die „ärmeren“ suburbanen und ländlichen Regionen. Demnach lassen sich insbesondere drei markante Typen unterscheiden: 1. Die armen und schrumpfenden Ruhrgebietsstädte mit geringer Familienprägung wie zum Beispiel Gelsenkirchen, Herne und Duisburg (rotes Cluster). 2. Die „modernen“ Städte mit hohem Dienstleistungsanteil wie zum Beispiel Essen und Köln (gelbes Cluster). 3. Die wohlhabenden stark mittel- und oberschichtgeprägten Städte wie zum Beispiel Düsseldorf, Bonn und Münster, die zum Teil auch erheblich sozial polarisiert sind (oranges Cluster und Düsseldorf). Innerhalb dieser unterschiedlichen Stadttypen werden jeweils charakteristische Sozialraumstrukturen beziehungsweise innerstädtische Segregationsmuster vermutet.

Abbildung 1: „A-Faktor“ und „Wohlstandsfaktor“ der Kreise und kreisfreien Städte
"A-Faktor und Wohlstandsfaktor"
2,2

GE

HER DU OB RE BOT HAM UN

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1,7

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1,2

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0,2

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-0,8

-1,3

BOR COE
-1,8

-2,3 -2 -1,5 -1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5
ZEFIR-Datenbank

Wohlstandsfaktor (primär verfügb.Einkommen)

Quelle: ZEFIR-Datenbank, 2000

Klassifikation von Sozialraumtypen
Zur Erfassung charakteristischer Segregationsmuster in allen kreisfreien Städten in NRW wurde zunächst eine flächendeckende repräsentative und vergleichende Klassifikation von Stadtteilen durchgeführt. Hierzu wurde ein einfaches Verfahren der Sozialraumtypisierung gewählt, das auf der Annahme beruht, dass sich jeder Stadtteil durch eine spezifische Wertekombination von drei Indikatoren beschreiben lässt. Die Indikatoren, die in die Analyse einbezogen wurden, sind der Anteil der nichtdeutschen Bevölkerung als Maß für die ethnische Segregation, der Jugendquotient als Maß für den Familienstatus, das heißt die demographische Segregation und der Arbeiteranteil als Maß für den sozialen Status, das heißt die soziale Segregation. Aus den Kombinationen dieser Merkmale lassen sich durch Bildung von Werte-Tripeln Sozialraumtypen bilden. Dies geschieht über eine einfache Kategorisierung der Merkmalsausprägungen in die Klassen „niedrig“ (1), „mittel“ (2) und „hoch“ (3). In eine feste Reihenfolge gebracht entstehen 27 Wertetripel. So wird zum Beispiel ein eher nichtdeutscher, kinderreicher Arbeiterstadtteil mit dem Wertetripel „331“ beschrieben, da hier ein hoher Nichtdeutschenanteil, ein hoher Jugendquotient und ein niedriger Sozialer Rang vorliegt. Ziel der Klassifikation von Sozialraumtypen ist die Gewinnung einer Typologie, die es ermöglicht, die Sozialraumstrukturen von verschiedenen Städten direkt miteinander zu vergleichen (Abb. 2). Es konnte festgestellt werden, dass es hoch signifikante Unterschiede zwischen den Städten in ihren Sozialraumstrukturen und hoch signifikante Unterschiede in der Verteilung der unterschiedlichen Sozialraumtypen über die Städte gibt. Nicht in jeder Stadt kommt jeder Sozialraumtyp in gleichem Maße vor. Den Sozialraumtyp mit niedrigem Ausländeranteil, niedrigem Jugendquotienten und niedrigem Sozialen Rang (Wertetripel 111), vereinfacht gesagt, das Viertel armer alter Deutscher gibt es nur viermal in NRW und ausschließlich im Ruhrgebiet. Den Sozialraumtyp mit ähnlich niedrigen Ausländeranteilen

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Abbildung 2: Beispiel für die Bildung von Wertetripeln unterschiedlicher Sozialraumtypen
Bonn Poppelsdorf
hoch mittel niedrig ethnisch demogr. sozial

Mönchengladbach Wanlo
hoch mittel niedrig ethnisch demogr. sozial

Duisburg Bruckhausen
hoch mittel niedrig ethnisch demogr. sozial

und niedrigen Jugendquotienten, aber hohem Sozialen Rang (113) gibt es 49-mal, aber nur in zehn Städten, am häufigsten tritt er in Essen auf, wo ein Fünftel dieser Stadtteile liegt.

Abbildung 3: Die Verteilung der Bevölkerung insgesamt sowie von Ausländern und Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren über die Sozialraumtypen in Prozent

Stadtteile mit niedrigem Ausländeranteil, hohem Jugendquotienten und niedrigem Sozialen Rang (131) gibt es 20, sie sind auf acht Städte NordrheinWestfalens verteilt. Ein Viertel dieser kinderreichen deutschen Stadtteile mit hohen Arbeiteranteilen liegt allein in Hamm. Der Kontrasttyp mit hohem sozialen Rang (133), kinderreiche deutsche Mittelschicht-Wohngebiete ist mit 25 Fällen etwas häufiger. Insgesamt lässt sich dieser Stadtteiltyp in neun Städten nachweisen. In Hamm ist er mit fünf Fällen besonders häufig vertreten. Zudem ist Hamm die Stadt mit dem größten Anteil von Stadtteilen mit hohen Jugendquotienten. In dieser Stadt sind in gleichem Maße arme und wohlhabende familiengeprägte Viertel anzutreffen. Die Abbildung 3 weist für jeden Sozialraumtyp in den oben benannten Ziffernkombinationen die Bevölkerungsanteile (blau), die Anteile der ausländischen Bevölkerung (rot) und die Anteile der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren (grün) aus, die auf ihn entfallen. Bei Gleichverteilung der Bevölkerung, also ohne demographische und ethnische Segregation, müssten die auf die einzelnen Sozialraumtypen entfallenden Anteile der nichtdeutschen Bevölkerung und der Kinder und Jugendlichen etwa den Bevölkerungsanteilen entsprechen. 11 von 100 Ausländern in NRW leben in Stadtteilen des Sozialraumtyps 321 (51 Stadtteile), aber nur 5,9 Prozent der Gesamtbevölkerung. 13 von 100 Ausländern leben im Sozialraumtyp 331 (63 Stadtteile), aber nur 6,8 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die räumliche Verteilung der Kinder und Jugendlichen drückt den Sachverhalt aus, dass wir es mittlerweile in den Städten in NRW mit zwei Kindheiten zu tun haben. In den Sozialraumtypen 331 bis 333 liegt der Anteil der Kinder

Quelle: Volkszählung 1987 / KOSTAT 2001, Berechnung ZEFIR

	

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Karte 1: Sozialraumtypen in NRW – Ruhrgebiet und Rheinschiene

Oberhausen

Gelsenkirchen

Dortmund

Räumliche Verteilung der Sozialraumtypen in NRW am Beispiel des Ruhrgebiets und der Rheinschiene
In der Karte 1 sind die Werte Nichtdeutschenanteil und Sozialer Rang aus dem oben vorgestellten Wertetripel kombiniert dargestellt – jeweils in der Ausprägung von „niedrig“ über „mittel“ bis „hoch“. Für einen räumlichen Vergleich wurden ausgewählte Ruhrgebietsstädte (Dortmund, Bochum, Essen, Gelsenkirchen, Oberhausen, Duisburg) den drei großen Städten der so genannten Rheinschiene (Düsseldorf, Köln, Bonn) gegenübergestellt. Die Karte macht deutlich, dass die Ruhrgebietsstädte verstärkt von benachteiligten Milieus geprägt sind. In vielen Stadtteilen ist der Soziale Rang niedrig und der Nichtdeutschenanteil hoch. Städte wie Essen, Bochum und Dortmund sind zudem innerstädtisch hochgradig differenziert – mit benachteiligten Gebieten im Norden und eher bürgerlichen Gebieten im Süden. In den Städten der Rheinschiene liegt verstärkt eine punktuelle Segregation vor. So fällt im Kölner Norden die Großwohnsiedlung in Chorweiler und rechtsrheinisch der vor allem von türkischen Migranten bewohnte Stadtteil Kalk auf. Beide Stadtgebiete sind durch einen niedrigen Sozialen Rang und einen hohen Anteil nichtdeutscher Bevölkerung geprägt. In den Städten Düsseldorf und Bonn finden sich Stadtgebiete, die sowohl einen hohen Sozialen Rang als auch einen hohen Anteil nichtdeutscher Bevölkerung aufweisen. Dies lässt im Vergleich zu den Ruhrgebietsstädten auf eine andere Zusammensetzung der Nichtdeutschen schließen. In den folgenden Fallbeispielen werden die hier dargestellten unterschiedlichen Segregationsmuster (punktuell und großräumig) weiter konkretisiert.

Duisburg Bochum

Essen

Typisierung nach Sozialer Rang und Anteil Nichtdeutscher
Düsseldorf niedrig Anteil mittel Nichtdeutscher hoch hoch mittel niedrig Sozialer Rang
* weiß = keine Werte

Köln

Bonn

Quelle: Berechnung und Kartografie: ZEFIR – Datenquelle: Volkszählung 1987, KOSTAT 2001

und Jugendlichen zwischen einem Viertel und mehr als einem Drittel über dem Erwartungswert. Aber auch in den Familienzonen der deutschen Bevölkerung, die in den Städten in den Sozialraumtypen 131 bis 133 liegen, sind die Anteile um gut 20 Prozent höher als der Erwartungswert.

Die ethnische, die demographische und die soziale Segregation innerhalb des NRW-Städtesystems sind nach diesen Analysen tatsächlich erheblich. Sie sind zudem miteinander korreliert. Daraus ergibt sich die Tendenz der Entstehung zunehmend polarisierter kleinräumiger sozialer Lagen und Milieus.

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Räumliche Muster und Dynamik von Segregationsprozessen
Auf der Grundlage der vorgenommenen NRW-weiten Typisierung wurden die jeweiligen stadtspezifischen Sozialraumstrukturen von sechs Auswahlstädten (Essen, Gelsenkirchen, Köln, Wuppertal, Bielefeld, Monheim) differenzierter untersucht. Dazu wurde auf kleinräumig gegliederte kommunalstatistische Daten und Indikatoren zurückgegriffen, die in unterschiedlicher Breite vorlagen. Flächendeckend verfügbar waren: -	 	 -	 	 -	 	 	 -	 	 -	 	 	 der Anteil der nichtdeutschen Bevölkerung, der Anteil der nichtdeutschen Bevölkerung nach Nationalität, die Sozialhilfedichte (Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen), der Anteil der Bevölkerung im Alter unter 18 Jahren, der Anteil der Bevölkerung im Alter über 60 beziehungsweise 65 Jahren.

ler Tallagen) und bürgerliche Gebiete mit geringer ethnischer Konzentration (Essener Süden, Wuppertaler Hanglagen) (vgl. Abb. 4). Innerhalb dieser Großeinteilung lassen sich Unterscheidungen über das Ausmaß an demographischer Segregation treffen. So treten im Essener Norden vereinzelt ethnisch stark segregierte Arbeiterstadtteile mit hohem Familienstatus auf, während in der Essener Innenstadt ethnisch stark segregierte Stadtteile mit niedrigem Familienstatus und hoher Armutsverdichtung aneinander grenzen. In Wuppertal und Essen sind

diese großräumigen Unterschiede seit langem stark verfestigt. In diesen Städten entstehen keine neuen sozial benachteiligten und ethnisch hoch segregierten Gebiete, sondern es kommt in den bereits bestehenden ProblemStadtteilen zu einer Verfestigung. Ein anderes räumliches Verteilungsmuster von ethnischer und sozialer Segregation weisen die Städte Bielefeld und Köln auf. Wie aus der Abbildung 4 deutlich wird, lassen sich die Segregationsmuster in diesen beiden Städten als eher punktuell konzentriert ohne

Abbildung 4: Segregationsmuster im Vergleich
Segregationsmuster "Großräumig Polarisiert"
Essen Wuppertal
Ausländeranteil in % überdurchschnittlich stark überdurchschnittlich Stadt Essen = 9,4 % Stadt Wuppertal = 13,5 %

Ethnisch

Sozialhilfedichte in % überdurchschnittlich

Die Fallanalysen zeigen, dass sich sowohl Unterschiede als auch Übereinstimmungen im Ausmaß und in den räumlichen Verteilungsmustern von Segregation in den Auswahlstädten erkennen lassen. Das Ausmaß von Segregation ist das Ergebnis ethnischer, sozialer und demographischer Ausprägungen. Dabei hat sich gezeigt, dass in allen Städten ethnische und Armutssegregation hoch miteinander korrelieren.

Sozial

stark überdurchschnittlich Stadt Essen = 6 % Stadt Wuppertal = 6,2%

keine Zuordnung

Segregationsmuster "Punktuell Konzentriert"
Köln Bielefeld
Ausländeranteil in % überdurchschnittlich

Ethnisch

stark überdurchschnittlich Stadt Köln= 18,6 % Stadt Bielefeld = 12,1 %

Großräumige Polarisierung versus punktuelle Segregation
Es lassen sich zwei unterschiedliche räumliche Muster von Segregation in den für die Fallanalysen ausgewählten Städten unterscheiden. Die Städte Wuppertal und Essen sind großräumig polarisiert in sozial benachteiligte Gebiete mit hoher ethnischer Konzentration (Essener Norden, WuppertaSozial

Sozialhilfedichte in % überdurchschnittlich stark überdurchschnittlich Stadt Köln = 6,8 % Stadt Bielefeld = 6 % keine Zuordnung Anmerkungen: Die Einteilung in überdurchschnittlich und stark überdurchschnittlich bezieht sich auf die jeweiligen städtischen Durchschnittswerte. Ausländeranteile Essen, Bielefeld und Köln = 2001; Wuppertal = 2002. Sozialhilfedichte Essen = 2000, Wuppertal und Köln = 2001, Bielefeld = 2002.

© Ruhr-Universität Bochum - ZEFIR. Datenquellen: Städte Essen, Wuppertal, Köln, Bielefeld

	

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Abbildung 5: Sozialhilfedichten in Gelsenkirchen, 1984, 1998 und 2001
14 1984 12 10

- 1998

2001

-

-

Prozent

8 6 4 2 0

-

eindeutig großräumige Polarisierung charakterisieren. Zum einen treten sozial und ethnisch hoch segregierte Gebiete in vereinzelten Lagen des Stadtgebietes auf, zum anderen sind zunehmende Konzentrationen solcher Stadtteile in bestimmten Bereichen des Stadtgebietes (Bielefeld in Innenstadtnähe, Köln auf rechtsrheinischem Gebiet) zu beobachten.

-

Dynamik von Segregation
Die Falluntersuchungen der Auswahlstädte haben nachgewiesen, dass sich die einzelnen Segregationszustände im Zeitverlauf sehr unterschiedlich entwickeln. Die hoch miteinander korrelierte ethnische und soziale Segregation hat in den meisten Städten eine Zunahme erfahren. So konnte festgestellt werden, dass es in Gebieten mit bestehenden sozialen Problemlagen häufig zu einer Verfestigung dieser Situation kommt. Dies lässt sich anhand von zunehmenden Sozialhilfedichten in den ausgeprägtesten Problemstadtteilen nachweisen. Abbildung 5 stellt exemplarisch die Veränderung der Sozialhilfedichten für die Stadt Gelsenkirchen dar. Auch in Bielefeld und Köln lassen sich im Zeitverlauf zunehmende Konzentrationen von Menschen in benachteiligten Lebenslagen in bestimmten Bereichen des Stadtgebietes beobachten (Bielefeld in Innenstadtnähe, Köln rechtsrheinisch). Allerdings konnten auch sozial benachteiligte Stadtteile identifiziert werden, in denen in den vergangenen Jahren eine gegenläufige Entwicklung eingesetzt hat. Berechnungen von Segregationsindizes ergaben, dass fünf der sechs Untersuchungsstädte eine Zunahme an Armutssegregation erfahren haben. Zudem wurde durch die Berechnung eines Streuungsmaßes (Variationskoeffizient) nachgewiesen, dass in denselben Untersuchungsstädten eine Auseinanderentwicklung der Stadtteile hinsichtlich der Sozialhilfedichte stattgefunden hat. Bezogen auf ethnische Segregation messen die

au se ot n th au se n H or st H eß le Al r ts ta Ü dt c B u ke n do lm rf ke -H ül le n

© Ruhr-Universität Bochum - ZEFIR. Datenquelle: Stadt Gelsenkirchen

Abbildung 6: Dynamik von demographischer Segregation in Köln 1980 - 2001
Junge Bevölkerung 1980 2001
Anteil der Bevölkerung im Alter unter 18 Jahre in %
bis unter 15 15 bis unter 20 20 bis unter 25 25 und mehr keine Zuordnung

Stadt Köln: 19,9 %

Stadt Köln: 16,7 %

Alte Bevölkerung 1980 2001
Anteil der Bevölkerung im Alter 60 Jahre und älter in %
bis unter 15 15 bis unter 20 20 bis unter 25 25 und mehr keine Zuordnung

Stadt Köln: 18,3 %

Stadt Köln: 22,9 %
© Ruhr-Universität Bochum - ZEFIR. Datenquelle: Stadt Köln

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Segregationsindizes in einigen Städten zunehmende, in anderen abnehmende Segregation. Die Werte sind zudem unter den Nationalitäten stark unterschiedlich. Hinsichtlich der demographischen Segregation wurde nachgewiesen, dass eine Entmischung der Bevölkerung nach Altersgruppen beziehungsweise Lebenszyklusphasen eingesetzt hat, die in den Untersuchungsstädten zwar unterschiedlich stark ausgeprägt ist, aber dieselben räumlichen Strukturen hervorbringt. Die Kernstädte verlieren Familien an ihr Umland beziehungsweise an ihre innerstädtischen Randgebiete. Zudem lassen sich starke Überalterungen sowohl in innenstadtnahen Wohngebieten als auch in peripheren Randlagen feststellen. Die Zunahme der Bevölkerung im Alter von über 60 Jahren in der Stadt Köln ist mit knapp fünf Prozentpunkten zwischen 1980 und 2001 erheblich. Allerdings sind nicht alle Stadtteile davon gleichermaßen betroffen (vgl. Abbildung 6). Ebenfalls stark ausgeprägt ist die Entmischung der Kölner Bevölkerung nach Haushaltstypen. So sind in den Innenstadtbereichen mehr als zwei Drittel der Haushalte Einpersonenhaushalte, in denen eine Bevölkerung im überwiegend erwerbsfähigen Alter lebt. Im Zeitverlauf erweist sich die Verteilung der Haushaltsstrukturen allerdings als relativ stabil (vgl. Abbildung 7).

Abbildung 7: Veränderung der Haushaltsstruktur in Köln, 1987 - 2000
Einpersonen-Haushalte 1987 2000
Anteil der EinpersonenHaushalte in %
bis unter 30 30 bis unter 40 40 bis unter 50 50 und mehr keine Zuordnung

Stadt Köln: 44,7 %

Stadt Köln: 47,7 %

Vierpersonen-Haushalte 1987 2000
Anteil der VierpersonenHaushalte in %
bis unter 10 10 bis unter 25 15 bis unter 20 20 und mehr keine Zuordnung

Stadt Köln: 12,7 %

Stadt Köln: 12,0 %
© Ruhr-Universität Bochum - ZEFIR. Datenquelle: Volkszählung 1987, Stadt Köln 2000

Fazit
Die Untersuchung in den sechs Fallstudiengebieten hat gezeigt, dass es einen engen Zusammenhang zwischen den drei Segregationsformen gibt, wobei insbesondere ethnische und soziale Segregation hoch miteinander korrelieren. Gerade in den Stadtgebieten mit schon bestehenden Problemlagen kommt es zu einer Verfestigung dieser Situation. Damit bestätigt auch diese Untersuchung entsprechende Befunde schon bekannter wissenschaftlicher Analy-

sen, die die Polarisierung der Stadt in arme (häufig auch „ausländische“) und wohlhabende („deutsche“) Stadtteile konstatieren. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in der öffentlichen Wahrnehmung dabei allerdings in erster Linie die ethnische Segregation, das heißt die vermeintliche Herausbildung von so genannten „Ausländerghettos“, als problematisch empfunden wird. Demgegenüber muss – auch aufgrund der Erkenntnisse dieser Untersuchung – immer wieder darauf hingewiesen werden, dass ethnische Segregation alleine noch kein Hinweis auf Problemlagen ist, die durch öffentliche Intervention zu bearbeiten sind. Wer empfindet beispielsweise die japanische Kolonie in Düsseldorf als problematisch? Erst der Zusammenhang mit der sozialen (und ökonomischen) Segregation führt in aller Regel auch zur räumlichen Ausgrenzung und Benachteiligung dieser Gebiete. Wobei auch dann die Folgen dieser Segregation ambivalent

sind. Stadtteile mit hoher ethnischer Segregation haben neben unzweifelhaft negativen Effekten durchaus auch positive Integrationsfunktionen. Dies gilt es bei der Formulierung und Auswahl politischer und planerischer Strategien im Umgang mit Segregation zu berücksichtigen und am konkreten Einzelfall genau abzuwägen. Grundlage solcher differenzierten Handlungsstrategien sind daher auch differenzierte Analyseinstrumente. In dieser Hinsicht bedarf es nach unserer Auffassung gerade auch trotz enger werdender finanzieller öffentlicher Handlungsmöglichkeiten noch stärkerer Anstrengungen bei der Etablierung kleinräumiger Beobachtungs- und Analyseinstrumente wie beispielsweise regelmäßige Sozialraumanalysen beziehungsweise kontinuierliche Sozialraumbeobachtung.

Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes NRW (ILS NRW), Deutsche Straße 5, 44339 Dortmund

Deutsche Post
Entgelt bezahlt 44379 Dortmund BZ

	

trends 2/06

datengrundlagen
Für die hier vorgestellte Studie wurde auf verschiedene Datenquellen zurückgegriffen. Zur Beschreibung regionaler Disparitäten der Lebenslagen und Lebensbedingungen der Wohnbevölkerung in den Kreisen und Städten in NRW wurde der Indikatorensatz der laufenden Gesundheitsberichterstattung des Landes NRW verwendet. Dieser weist im Themenfeld zwei regionalisierte Sozialstruktur- und Bevölkerungsindikatoren in jährlicher Aktualisierung aus. Die Klassifizierung von Sozialraumtypen auf Stadtteilebene wurde auf der Grundlage von Daten der Arbeitsgemeinschaft Kommunalstatistik (KOSTAT) durchgeführt. Dieser Datensatz enthält Wohnbevölkerung, deutsch und nichtdeutsch, nach Altersjahren und Geschlecht. Allerdings enthält dieser Datensatz keinen Indikator, der die soziale Segregation für die Stadtteile der NRW Städte flächendeckend abbildet. Dazu wurde auf den einzig verfügbaren Datensatz „Gemeindeteile“ der Volkszählung 1987 zurückgegriffen. Für die tiefer gehenden Falluntersuchungen wurden kleinräumige Daten von den Städten berücksichtigt. Je nach Verfügbarkeit und Datenlage waren dies aktuelle Stadtteildaten zu Bevölkerung, Sozialhilfebezug und Haushaltsstruktur. Definitionen Jugendquotient: Der Jugendquotient ist das Verhältnis der unter 20-Jährigen zu den 20bis 64-Jährigen. Sozialer Rang: Dieser Indikator wird gebildet aus dem Arbeiteranteil von 1987 (Volkszählung) und ist ein Maß für die soziale Segregation. Uns ist die begrenzte Aussagefähigkeit dieses Indikators durchaus bewusst. In Ermangelung einer flächendeckenden Alternative verwenden wir ihn dennoch. Segregationsindex: Der Segregationsindex misst die Differenz der räumlichen Verteilung einer Bevölkerungsgruppe im Vergleich zu der verbleibenden Restbevölkerung. Variationskoeffizient: Der Variationskoeffizient ist ein relatives Streuungsmaß und wird berechnet als Standardabweichung dividiert durch das arithmetische Mittel. Dies ist notwendig, um Standardabweichungen verschiedener Variablen untereinander vergleichbar zu machen.

Literaturverzeichnis
Zimmer-Hegmann, Ralf; Strohmeier, Klaus Peter; Meyer, Christian; Heidbrink, Ingo Kersting, Volker; Stößer, Katja; u.a. (2006): Sozialraumanalyse. Soziale, ethnische und demographische Segregation in den nordrhein-westfälischen Städten. Auftragg.: Enquetekommission „Zukunft der Städte in Nordrhein-Westfalen“ des Landtags NordheinWestfalen. Hrsg.: Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS NRW) Dortmund ( ILS NRW Schrift Bd. 201)

ausgewählte neuerscheinungen

Junge Menschen und Mobilität. Mobilitätskompetenz und Sicherheit partnerschaftlich fördern . . . und finanzieren! Dokumentation der Fachtagung vom 20./21. Oktober 2005 in Dortmund Evelin Unger-Azadi, Ronald Harmel Dortmund 2006 entgeltfreies E-Book

impressum
trends erscheint dreimal im Jahr entgeltfrei Herausgeber und Verlag Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes NRW (ILS NRW) Deutsche Straße 5, 44339 Dortmund Postfach	 10 17 64, 44017 Dortmund Fon	 +49 (0) 231 / 90 51 0 Fax	 +49 (0) 231 / 90 51 155 E-Mail	 ils@ils.nrw.de Internet	 http://www.ils.nrw.de Autoren dieser Ausgabe Ingo Heidbrink, Tobias Terpoorten, Ralf Zimmer-Hegmann Layout & Satz Nicole Prohaska Druck Joussen+Gocke, 44263 Dortmund © ILS NRW 2006; alle Rechte vorbehalten Auflage 1.600, Dortmund Ausgabe 2/06

Quartalsberichte zur Landesentwicklung: Neue Gebietskategorien für Nordrhein-Westfalen? Ausgabe 1/2006 Bernd Mielke, Kati Schulze Dortmund 2006 entgeltfreies E-Book

Kommunale Einzelhandels- und Zentrenkonzepte / Zentrale Versorgungsbereiche. Eine Umfrage unter den Städten und Gemeinden des Landes NRW. Ergebnisüberblick zur Umfrage Frank Osterhage Dortmund 2006 entgeltfreies E-Book

Innovatives Prozessmanagement in der Regionalentwicklung. Erfahrungen aus den „REGIONALEN“ in NordrheinWestfalen und dem „Regiodialoog“ in den Niederlanden. Dokumentation des Workshops am 23. März 2006 im ILS NRW Dortmund Stefano Panebianco, Rob Schröder, Gudrun Litzkendorf, Madeleine van Mansfeld Dortmund 2006 entgeltfreies E-Book

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