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Allerlei Leipzig!

Full text: Unternehmen Region Issue 2018,2 Allerlei Leipzig!

UNTERNEHMEN REGION
Ausgabe 2 | 2018

Titelthema Seite 36

ALLERLEI

LEIPZIG!

Seite 12

 Die Diagnose-Revolution

Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
Leipzig wächst. Die zweitgrößte Stadt
Ostdeutschlands lockt Wissenschaftler,
Studierende und Künstler – und ist längst
internationales Logistik-Drehkreuz, florierende IT-Hochburg, inno­vative Start-upSchmiede und Lieblingsort für Kreative in
einem. Der Schwerpunkt dieser
„Unternehmen Region“-Ausgabe zeigt ab
Seite 36, warum das Leben rund um
Gewandhaus, Uni-Campus und Mädler-Passage so spannend ist.
Überraschendes bietet auch Kirstin Knufmann im sachsen- anhaltinischen Klötze: Im Herz der Altmark entwickelt und produziert
sie Rohkost-Lebensmittel – und die besonders gern aus Algen.
Ihr Start-up mit mittlerweile zehn Angestellten hat sich mit rohveganer Ernährung einen Namen gemacht. Dabei bekommt sie
die Algen immer erntefrisch: Eine der weltweit größten Mikro­
algen­farmen liegt gleich am Stadtrand.

RUNDBLICK
06 | Vom Müll zum Stoff___Chemnitzer Forscher
recyceln altes Carbon zu neuem Kohlefaservlies.

08 | Wels aus Moers___Eine Pilotanlage versorgt
Ein Ort für visionäres Denken und Gestalten ist die Burg
Giebichen­stein, die größte Kunsthochschule Deutschlands. Mit
ihrem unverwechselbaren Profil und ihren exzellenten Werk­
stätten zieht sie Künstler und Designer von weit her nach Halle.
Was sie gemeinsam haben? Eine Leidenschaft für Materialien!

Pflanzen und Tiere mit gereinigtem Abwasser.
12 | D
 ie Diagnose-Revolution___Ein Start-up aus Jena
erkennt Krankheitserreger in Rekordzeit.

EINBLICK

Viel Spaß beim Entdecken und Lesen wünscht Ihnen

15 | U
 Rsprung – Was es ohne Unternehmen Region
nicht gäbe …___#2 – Das Forschungszentrum
von Weltrang

16 | D
 ie BURG___Die Kunsthochschule Halle zieht
Material-affine Künstler und Designer an.
Anja Karliczek
Mitglied des Deutschen Bundestages
Bundesministerin für Bildung und Forschung

26 | D
 ie Algenbotschafterin___Ein Tag im Leben der
Unternehmerin Kirstin Knufmann

Seite 26

2

 Ein Tag im Leben

Seite 36

ALLERLEI

LEIPZIG!

DURCHBLICK

TITELTHEMA

34 | „Wir können Licht formen, wie wir wollen“___

36 | Allerlei Leipzig___ Die sächsische Metropole
ist das ideale Revier für Wissenschaftler
und Studenten, Konzerne und Start-ups,
Künstler und Kreative.

Ein Interview mit der Forscherin Ramona Eberhardt
über bahnbrechende Freiformoptiken aus Jena

51 | Was sind eigentlich Basaltfasern?___
Wirtschaftsingenieur Torsten Kunz erklärt, wie man
Gestein zu Garn spinnt.

RUBRIKEN

48| „Eine Zeit lang hätten wir alles
verkaufen können“___Der Leipziger
Maler Tilo Baumgärtel im Gespräch

02 | Vorwort
04 | Panorama___Von intelligenten Kaugummis
und hölzernen Unterhosen

50 | Zahlen, bitte!
52 | Mein Schreibtisch + ich___Projektleiterin
Franziska Wegele

55 | Impressum

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R u n d b l i c k · Vo m M ü l l z u m S t o f f

Kluger Kaugummi | Mehr als die
Hälfte der jüngeren Erwachsenen in
Deutschland leidet bereits unter
Zahnfleischentzündungen, mit
zunehmendem Alter verstärkt sich
das Problem. Ein neuer Kaugummi
soll Betroffene nun bereits frühzeitig auf die Erkrankung aufmerksam
machen. Seine funktionalisierte
Oberfläche reagiert auf Enzyme, die
bei einer Parodontitis aktiv sind, und
setzt einen bitteren Geschmack frei.
Das Projekt ging als einer von vier
Siegern aus einem Ideenwettbewerb
hervor, den das Zwanzig20-Forum
„PARMENIDes“ vor zwei Jahren veranstaltete.

PANORAMA
Scharfer Planet | Astronomen, die
bisher den Neptun von der Erde aus
beobachteten, hatten ein Problem:
Luftwirbel in der Erdatmosphäre
ließen die Teleskopaufnahmen verschwimmen. Ein internationales
Forscherteam in Chile hat nun erstmals eine adaptive Optik eingesetzt,
die atmosphärische Störungen korrigieren kann. Diese MUSE-Techno­
logie wurde unter anderem vom
Potsdamer Zentrum für Innova­
tionskompetenz „innoFSPEC“ mitentwickelt und liefert die schärfsten
Neptun-Bilder, die jemals von der
Erde aus gemacht wurden.

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Vo m M ü l l z u m S t o f f · R u n d b l i c k

Es soll noch immer Leute geben, die
Baumwolle für das einzig legitime
Material in der Hosenproduktion halten.
Xaver Haas gehört nicht dazu. Der Präsi­
dent des Deutschen Holzwirtschaftsrates
wirbt für die vielfältigen Nutzungs­mög­
lichkeiten heimischen Holzes. Dass er dies
bisweilen auch scherzhaft tut, haben
knapp 70 Teilnehmer der Kick-off-Ver­
anstaltung des WIR!-Bündnisses W3 plus
(Wald – Wachstum – Wohlstand) Ende Mai
im thüringischen Gehren miterlebt. W3
plus strebt einen Strukturwandel an, der auf der regionalen Ressource Wald und einer zu entwickelnden regionalen Wertschöpfungskette für Holzprodukte basiert.

„Buchenholz eignet
sich vor allem für
Unterhosen“

Mobile Hülle | Schon heute leisten
Windkraftanlagen vor deutschen Küsten
rund 5,3 Gigawatt – und damit rund die
Hälfte der hierzulande noch aktiven
Kernkraftwerke. Weitere sechs Wind­
parks werden derzeit in Nord- und Ost­
see gebaut. Doch immer wieder haben
Anlagen mit Rostschäden nahe der
Was­seroberfläche zu kämpfen. Der
Rostocker Wachstumskern „OWS – Off­
shore Wind Solutions“ hat nun eine
mobile Schutzhülle entwickelt, die vor
Ort mit Luft gefüllt und mit Magneten
am Turm befestigt wird. So können
Techniker auch bei hohem Wellengang
Reparaturen ausführen.

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Vom Müll zum Stoff
Die Carbonfaser ist aus dem Leichtbau nicht mehr wegzudenken, doch ihr
Recycling ist aufwändig und teuer. Das Bündnis „futureTEX“ entwickelt deshalb
eine intelligente Anlage, die ein wiederverwertbares Carbonvlies produziert.
Dafür müssen Maschinen lernen, sich selbst zu steuern.

Ü

berall dort, wo ultraleichte Werkstoffe zum Einsatz kommen – z. B. in der Luft- und Raumfahrt, der Auto­mobil­
industrie, Offshore-Windrädern oder in Sport­geräten –
haben Carbonfasern als Verbundwerkstoff ihren großen Auftritt.
„Neue Einsatzfelder bedeuten allerdings auch zusätz­liche Ab­fälle“,
macht Sten Döhler vom Sächsischen Textilforschungsinstitut
(STFI) in Chemnitz auf ein Problem aufmerksam. „Für solche
Abfälle gilt Deponieverbot, und sie können thermisch nur
schwer verwertet werden.“

Selbst ist die Anlage
Seit Jahren entwickelt das STFI Technologien zum Recycling
von Carbonfaserabfällen. Neue Impulse dazu liefert das
Zwanzig20-Konsortium futureTEX, das seit 2013 vom Bundes­
forschungsministerium gefördert wird. Mittlerweile umfasst
das interdisziplinäre Bündnis deutschlandweit über 150 Unter­
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nehmen. Dazu zählen Textilmaschinenbauer, Textilhersteller,
Elektroniker, Informatiker und Designer. Im Jahr 2017 unterstützte futureTEX die Errichtung eines Technikums, in dem
Carbonfaserabfälle zu einem Vliesstoff verarbeitet werden. Im
Februar 2018 schließlich startete das futureTEX-Vorhaben
„SelVliesPro“. Sten Döhler leitet das Projekt, das die Vlies­
stoffherstellung in das digitale Zeitalter führen soll. Um dieses
Ziel zu erreichen, muss die Produktionsanlage nun lernen, sich
selbst zu steuern: Dafür speichert sie Daten im laufenden
Produk­tionsprozess, wertet sie aus und leitet daraus Algorithmen
für unterschiedlichste Szenarien ab. „Die Anlage soll in Echtzeit
reagieren können, um am Ende einen Vliesstoff von gleich guter
Qualität und ohne Ausschuss zu produzieren“, sagt Döhler.
Der 30-Jährige hat Fabrik- und Produktionsplanung studiert. „Industrie 4.0, das Internet der Dinge, überhaupt die
Smart Factory werden jetzt auch in der jahrtausendealten
Textil­branche zu großen Themen“, sagt Sten Döhler. Er und sein

Carbon-Recycling · Rundblick

„Die Textilbranche bringt sich
nur dann in globale Spitzenpositionen,
wenn sie sich zu einem
modernen Wertschöpfungsnetzwerk
entwickelt.“

Noch sind Atemmaske und Ganzkörperanzug zwingender Gesundheitsschutz
beim Aufbereiten von Carbonfasern. Intelligente Assistenzsysteme sollen die
Mensch-Maschine-Interaktion vereinfachen.

Team wollen dazu beitragen, dass die deutsche Textilbranche
wettbewerbsfähig bleibt. „Die Textilbranche bringt sich nur
dann in globale Spitzenpositionen, wenn sie sich zu einem
modernen Wertschöpfungsnetzwerk entwickelt“, sagt Döhler.

Sehen, verstehen, regeln
Modern heißt in diesem Falle „intelligent“. Die Maschinen denken mit und regeln teils selbständig einen Herstellungsprozess,
den die Anlagenfahrer im Falle der Carbonvliesproduktion bislang unter erschwerten Bedingungen betreuen. „Atemmaske
und Ganzkörperanzug sind zwingender Gesundheitsschutz
beim Aufbereiten der Fasern“, sagt Marcel Hofmann und muss
die Beeinträchtigungen in der Bewegungsfreiheit und Kom­
muni­kation nicht extra betonen. „Intelligente Assistenzsysteme
sollen die Mensch-Maschine-Interaktion vereinfachen“, sagt
Hofmann. Der studierte Labor- und Verfahrenstechniker brachte
schon einige berufspraktische Erfahrung in der Vliesstof­
f­
herstellung mit ans STFI. Jetzt leitet der 32-Jährige den For­
schungs­bereich „Textiler Leichtbau“. Er erklärt die Carbonfaser­
aufbereitung vom Zerschneiden über das Reißen bis zum
Kämmen der Fasern, was fachlich als „Kardieren“ bezeichnet
wird: „Im Zuge dieser Prozessschritte werden die harzfreien
Carbonfaserabfälle zunächst wieder zu einzelnen Fasern aufgelöst; ähnlich wie es mit alten Jeans zwecks Herstellung von
Malervlies geschieht“, sagt der Experte für Vliesstoffherstellung.
„Danach entsteht aus den Fasern im Kardierprozess ein Vlies,
das mit Hilfe von Filznadeln zum Vliesstoff verfestigt wird.“
Der Vliesstoff, erklärt Hofmann, könne etwa im Autodach
oder in den Bordküchen im Flugzeug eingesetzt werden. Der
Verfahrenstechniker weiß, dass viele Parameter auf den

Herstellungsprozess Einfluss nehmen: die Beschaffenheit des
Abfalls, Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Produktionsraum,
der technische Zustand der Maschinen etc. Ein erfahrener Anla­
genfahrer würde sehen, verstehen und intuitiv regeln. In
Zukunft solle die intelligente Anlage ebensolche Entscheidungen
unterstützen – auf Grundlage einer sich selbst optimierenden
und vernetzenden Datensammlung über die Maschine und
deren Umfeld. Nicht nur die Produktivität könne so erhöht
werden. Die unterschiedlichen Kundenwünsche könnten noch
individueller und noch schneller realisiert werden, meint Hof­
mann.

Aufbruch zu neuen Märkten
Um auf die ultraleichten Carbonvliese zurückzukommen: Ab­­
neh­mer der Vliesstoffe kommen vor allem aus der Auto­mo­bil­
industrie, aus der Luft- und Raumfahrt, auch aus der Medizin­
technik. Neue Geschäftsfelder erschließen sie sich beispielsweise im Bauwesen. „Wenn die selbstregulierende Anlage steht,
können sich die Hersteller der Vliesstoffe bei uns im Technikum
Input holen, um ihre eigenen Anlagen zu optimieren. Oder sie
holen sich bei uns Anregungen für neue Produkt­ideen“, sagt
Sten Döhler und betont, dass intelligente Maschinen auch eine
Antwort auf den Fachkräftemangel sind. „Unsere SelVliesProPartner erarbeiten ein anwendungsorientiertes Lehr- und
Schulungskonzept zur Industrie 4.0 für die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Diese Unternehmen stellen mittlerweile 60 Prozent der technischen Textilien in Deutschland her“,
sagt Döhler. Für sie solle Industrie 4.0 kein Schreckgespenst
sein, sondern einen Aufbruch zu neuen Geschäftsfeldern beflügeln.
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Ein afrikanischer Wels in Moers: Er schwimmt
nicht etwa im Rhein, sondern in der AWAREGIOPilotanlage. Das filtrierte, aber immer noch nährstoffreiche Wasser wird zuerst in die Fischbecken
geleitet.

Wels aus Moers
In vielen Teilen der Erde macht der Klima­
wandel sauberes Wasser zur knappsten
Ressource. Doch wo Menschen leben, gibt es
Abwasser: ein „Rohstoff“, den man – gut
gereinigt – besser nutzen kann? Wissen­
schaft­ler und mittelständische Unter­nehmen
aus Brandenburg, Sachsen und NordrheinWestfalen haben dafür ganz neue Ansätze
entwickelt.
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Rohstoff Abwasser · Rundblick

S

chwarz wie die Nacht, dick wie Sirup mit halben Früchten
und einen Geruch verbreitend, der nicht mehr aus der
Nase will – so stellen sich die meisten von uns eine Flüs­
sig­keit vor, die wir beschwichtigend und technisch romantisch
„Abwasser“ nennen.

Aus allen Rohren
Seit 1969 landet im Klärwerk Moers-Gerdt so ziemlich alles, was
die Abwasserrohre der Haushalte, Büros, Geschäfte und Firmen
in Moers und Stadtteilen von Duisburg hergeben. Obendrauf
auf diese Brühe kommt noch Abwasser einer regionalen Mol­ke­
rei und einer Chemiefabrik: „Wenn das mal keine tolle
Mischung ist,“ entfährt es Wolfgang Kühn. Der diplomierte
Ingenieur ist Geschäftsbereichsleiter Wasserwirtschaft der
Links­­niederrheinischen Entwässerungsgenossenschaft LINEG –
ihr scheinbar endloser Name ist Programm. Seit 1913 hat sie
eine für die Region überlebensnotwendige Funktion: die Ab­­
wässer der Bergwerke, Industriebetriebe und Haushalte zu säubern, den Grundwasserstand zu regeln und den regelmäßigen
Hochwasserabfluss zu gewährleisten.
Ein praktisches Beispiel dafür hat Wolfgang Kühn sofort
parat: „Ohne unsere Pumpen würde beispielsweise das Stadt­
zentrum von Moers bis zu 2,5 m unter Wasser stehen.“ Insgesamt
unglaubliche 155 Pumpanlagen am linken Nieder­rhein schützen die Region vor dieser Katastrophe – 24 Stunden, 7 Tage die
Woche.

Partnersuche
Einen besseren und neugierigeren Partner auf seiner Suche
nach Antworten auf die Frage: „Und was ist mit Abwasser?“
konnte Henry Riße kaum finden. Der Bereichsleiter im For­
schungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft FiW an der
Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule RWTH in
Aachen forscht für und berät wissenschaftliche Einrichtungen
und Unternehmen in Europa, Afrika und Asien im Kern bei
einer Frage: Wie kann kostbares Wasser optimal und effizient
genutzt werden?
Mit Blick auf das Klärwerk in Moers sagt er: „Diese Anlage ist
ein moderner Klassiker in einer hochtechnisierten In­­dus­trie­
region. Vollgepackt mit ausgeklügelten Reinigungsverfahren
über viele Stufen, ausgelegt für die Massenproduktion.“ Einen
hungrigen Riesen könnte man ihn nennen. Mit großem Appetit
auf immer mehr Abwasser. Der ordentlich Strom, Fläche und
Infrastruktur verbraucht, aber auch inzwischen selbst Wärme
und Strom produziert. Aber das in vielen Stufen behandelte
Abwasser dann doch einfach nur in den Rhein entlässt. So sauber, wie seit hundert Jahren nicht.

Henry Riße leitet das Wasserforschungsinstitut an der
RWTH Aachen und überzeugte seine Partner in NRW,
Brandenburg und Sachsen, in das Abwasserprojekt zu
investieren.

Henry Riße und Wolfgang Kühn begrüßen Ute Hansen, Pro­
fessorin an der Hochschule Rhein-Waal, und Ute Wingen, die
Laborleiterin der LINEG, mit einem herzlichen Handschlag.
Man kennt sich inzwischen. Zusammen mit einem Leipziger
Forschungsinstitut sowie mittelständischen Unternehmen aus
Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen ist mit
AWAREGIO ein Bündnis entstanden, das die Abwasserreini­
gung schlicht und einfach revolutionieren will. Oder um es mit
Henry Riße etwas präziser zu beschreiben: „Abwasser ist eine
Wasser­quelle. Seine Reinigung und mögliche Wiederverwendung
braucht innovative, kleinteiligere und vor allem flexiblere
Lösungen. Gern für die ganze Welt.“ Und weil der Wasser­wirt­
schaftler aus Aachen kein Freund großer Reden, wohl aber der
genauen Formulierung ist, ergänzt er mit Blick auf das alte
Industrierevier: „Hier, wo wir gerade stehen, war vor gar nicht
langer Zeit noch das Zwischenlager für den Moerser Klär­
schlamm. Jetzt steht an genau diesem Platz auf einer sauber
betonierten Fläche unsere neue Pilotanlage. Dieses Bild erzählt
für mich Wichtiges über das kommende Zeitalter der Abwas­
serreinigung.“

Schöne neue Welt
Bis zu 300 l Abwasser pro Stunde aus dem Klärwerk Moers kann
die neue Pilotanlage verarbeiten. Seit dem Frühjahr 2018 ist die
Technik gewordene Idee nun komplett im Einsatz. Das Grund­
prinzip eines Technikbaukastens wird schon auf den ersten
Blick klar und deutlich. Leise fördert eine Pumpe den dunklen,
9

Rundblick · Rohstoff Abwasser

„Abwasser ist eine Wasserquelle. Seine Reinigung und
mögliche Wiederverwendung braucht innovative, kleinteiligere
und vor allem flexiblere Lösungen. Gern für die ganze Welt.“

fast breiigen „Rohstoff“ in die erste Reinigungsstufe. Sie befindet
sich in einer eher unscheinbaren fünf Meter breiten und drei
Meter hohen „BlackBox“, hinter deren Kunststoffhülle High­tech mit so beeindruckenden Namen wie „Tauchwandreaktor“,
„An­ae­rob­filter“ und in den weiteren Schritten „Wirbelbett­­reak­tor“ und „Schüttbettfilter“ installiert ist. Einfach formuliert,
über­­neh­men hier gefräßige Mikroorganismen die großartige
Arbeit, alles an chemischen Verbindungen ohne und mit Sauer­
stoff­zufuhr auseinanderzunehmen, was nicht niet- und nagelfest ist. Besonders organische Verbindungen werden in der ersten Stufe so zersetzt, dass neben vorgereinigtem Wasser z. B.
Gase, wie Methan und Kohlendioxid, entstehen. Dieses Biogas
soll künftig zur Erzeugung von Wärme, aber auch Strom verwendet werden. Eine erste Nutzungsmöglichkeit also schon
nach der Primär­reinigung.

Jetzt wird es spannend
Die zweite Reinigungsphase hat es in sich – der neue Bodenfilter
ist ein Hingucker. Sanft wiegt sich das Schilf im Sommerwind.
Das nun schon vorgereinigte Abwasser läuft lautlos durch die
unter dem Schilf liegende Schicht aus Kies, Sand und natürlich
Wurzeln. Parallel in der Sekundärreinigung durchläuft der
„Rohstoff Abwasser“ eine zusätzliche Behandlung mit ultraviolettem Licht zum Abtöten gefährlicher Mikroben, eine Ultra­
filtration und eine „Niederdruck-Umkehrosmose“, bei der unerwünschte Mineralstoffe entfernt werden. Aus diesem Modul
heraus scheint das Bereitstellen von recycelten Rohstoffen für
Landwirtschaftsdünger möglich.
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Henry Riße fasst zusammen: „Insgesamt erzeugen wir in unserer Pilotanlage sieben unterschiedlichen Qualitäten im Reini­
gungsprozess, von denen vier in die Versuche zur Wieder­ver­
wendung gelangen. Ganz bewusst haben wir diese Vielfalt an
modularen Möglichkeiten gewählt, um möglichst vielen An­­for­
de­rungen an künftige Einsätze gerecht zu werden. Von der Er­­
gän­­
zung des Trinkwassers und Stützung des Grundwassers
über Nutzungen in der Landwirtschaft bis hin zum künftigen
Einsatz in der Fischzucht.“

Jetzt kommt der Wels
Zum Finale führt der Weg in Moers in das neu gebaute schöne
Gewächshaus. Was für eine Mischung: Kohlköpfe leuchten im
satten Grün und frische Tomaten zeigen ihr erstes Rot. Hier ist
die Aquaponik zu Hause. Dabei wird filtriertes, aber immer noch
nährstoffreiches Wasser zuerst in die Fischbecken geleitet: „Erst
vor wenigen Tagen sind die afrikanischen Welse angekommen.
Jetzt ist endlich Leben im Becken“, informieren Janine Dinske
von der Firma Terra Urbana und Ute Wingen vom LINEGLabor. Offensichtlich fühlen sie sich wohl im neuen Zuhause.
Nach dem Fischbecken wird das Wasser auf die Gemüsebeete
gepumpt, wo die Pflanzen mit Appetit die im Wasser gebundenen Nährstoffe in ihre Wurzeln saugen. Das so weiter gereinigte
Wasser verfügt nun über eine Qualität, die nur vom frischen
Brunnenwasser übertroffen wird. Um nachvollziehbare und
realistische Messdaten zu erhalten, wird diese AquaponikAnlage mit vier Wasserkreisläufen verschiedener Qualitäten
betrieben.

Vo m M ü l l z u m S t o f f · R u n d b l i c k

Einfaches Material = große Wirkung: Simple Kunststoffreste bieten eine hervorragende Oberfläche für Mikroorganismen. Sie reinigen das vorgefilterte
Abwasser von biologischen Verunreinigungen. Die erste Ernte im neuen
Gewächshaus. Tomaten und Kohl gedeihen prächtig mit gereinigtem
Abwasser. Seit diesem Frühjahr läuft die Moerser Pilotanlage in vollem
Betrieb. Noch vor kurzem war an dieser Stelle der Sammelplatz für Rest­
schlamm des großen Klärwerkes.

Warum dies wichtig ist, unterstreicht die LINEG-Laborchefin:
„Umfangreiche Richtlinien und Vorschriften sichern die Quali­
tät unseres Wassers. Wie die neuen Verfahren in der Pilot­anlage
dem gerecht werden, messen, analysieren und überprüfen wir
kontinuierlich.“ Nicht zu unterschätzen sind dabei auch die
neuen EU-Richtlinien zum Thema „Legionellenkeime“ oder
auch die Zunahme von Arzneimittelresten im Abwasser. Hier
nutzt das AWAREGIO-Team die ganze Kompetenz der Toxiko­
logie­forschung der Uni Aachen und der Hochschule RheinWaal, was Ute Hansen vor Ort noch einmal deutlich macht.
Ein erstes Fazit von Henry Riße: „Unser Baby beginnt zu
laufen. Wir erleben mit ihm jetzt die Jahreszeiten – Hitze und
Kälte, Sonne und Regen. Die ersten Ergebnisse der Pilotanlage
machen Mut. Abwasser wird ein immer wichtigerer Rohstoff.
Bei uns in Europa und auf der ganzen Welt. Wir haben keine
Zeit mehr zu vergeuden.“
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Rundblick · Schnelle Medizintechnik

Die Diagnose-Revolution­
Immer öfter werden Menschen mit Keimen infiziert, gegen die kein
Antibiotikum mehr wirkt. Resistenzen sind zu einem großen
gesellschaftlichen Problem geworden. Ein kleines Jenaer Start-up
will etwas dagegen unternehmen.

W

enn ein Patient einen schweren septischen Schock
hat, gibt es nur ein sehr kleines Zeitfenster, in dem
der Arzt reagieren und eine Therapie einleiten muss.
Momentan können die mikrobiologischen Tests, die Hinweise
auf die Krankheitserreger geben, jedoch bis zu drei Tage dauern
– viel zu lange für Patienten mit lebensbedrohlichen Infektionen.
Die Jenaer Biophotonics Diagnostics GmbH hat eine Technologie
entwickelt, die dabei hilft, sowohl die Krankheitserreger als
auch Antibiotika-Resistenzen binnen weniger Stunden zu
erken­nen. Der schnelle und präzise Test hilft dabei, das passende Antibiotikum in der richtigen Dosierung zu finden, das
gegen die Erreger wirkt. „Der Arzt muss dann keine BreitbandAntibiotika mehr einsetzen, sondern kann die Infektion ganz
gezielt behandeln“, sagt Dr. Jörg Weber, einer der beiden
Geschäftsführer der Biophotonics Diagnostics. „Damit können
wir die Infektionsdiagnostik revolutionieren!“
Die Idee ist genial: In einem kompakten Gerät wird ein optisches Messverfahren mit einer ausgeklügelten Software kombiniert. Das Herzstück der zunächst noch offenen Apparatur ist
ein Chip, der die Proben enthält. In einem ersten Schritt testen
die Gründer diesen Chip gerade im Labor des Uniklinikums
Jena. „Parallel arbeiten wir an einem Chip-System, das komplett
geschlossen ist“, erläutert Professor Jürgen Popp, der zu den
Unternehmensgründern gehört. „Über Mikrofluidik, also winzige Kanäle, werden die Bakterien in dieses System gebracht und
dort getestet.“ Gerade haben die Jenaer ihre einzigartige mobile
Technologie zum Patent angemeldet. Möglich geworden ist das
nur durch die enge Zusammenarbeit mit den Partnern, dem
Leibniz-Institut für Photonische Technologien – IPHT, der
Friedrich-Schiller-Universität Jena und dem Center for Sepsis
Control and Care am Universitätsklinikum Jena.
Der Test kann sowohl die Erreger eindeutig identifizieren,
als auch Antibiotika-Resistenzen erkennen, was für Mediziner
besonders wichtig ist. „Wir testen, ob der Keim mit einem
bestimmten Antibiotikum in einer gewissen Konzentration
stirbt oder nicht“, sagt Jürgen Popp. „Damit können wir den
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Ärzten immer den richtigen Hinweis geben, welches Anti­
biotikum er in welcher Dosis einsetzen muss“, ergänzt Jörg
Weber.

Präzision statt Breitband-Keule
Angefangen hat alles mit der Jenaer BioChip-Initiative, die
bereits 2006 als InnoProfile vom Bundesforschungsministerium
gefördert wurde. Gegründet am Leibniz-Institut für Photonische
Technologien – IPHT und der Friedrich-Schiller-Universität
Jena, mit diversen Partnern in der Industrie, hat die Initiative bis
heute als feste Forschungsgruppe Bestand.
Die Biochips, die aus diesem Projekt entstanden sind, wurden von den Wissenschaftlern stetig weiterentwickelt. Diese
Chips, mit denen Biomoleküle und ihre Reaktionen getestet
werden können, nutzt auch die Biophotonics Diagnostics. Die
Ausgründung war eine logische Folge, denn die Technologie mit
großem Marktpotenzial hilft Ärzten und Patienten.
Besonders vorteilhaft ist, dass Mediziner die neuen kleinen
Geräte künftig direkt am Krankenbett oder in Arztpraxen einsetzen können. Nach maximal dreieinhalb Stunden zeigen
Urin- oder Blut-Tests ein präzises Ergebnis. Zunächst konzentrieren sich die Gründer mit ihrer Technik auf Erkrankungen der
Harnwege. „Für Harnwegsinfektionen werden oft BreitbandAntibiotika verschrieben“, sagt Jürgen Popp. „Das führt dazu,
dass andere, spezifische Antibiotika später nicht mehr wirken.“
Antibiotika-Resistenzen haben im Notfall verheerende Folgen.
Bei lebensbedrohlichen Infektionen kann die Therapie dann
erfolglos und der Tod der Patienten unvermeidlich sein. Dass in
Deutschland, trotz Hightech-Medizin, jedes Jahr mehr als 60.000
Menschen an Infektionskrankheiten sterben, spricht für sich.

Stärke durch Vernetzung
Auch wenn das Gerät in der Anschaffung momentan noch um
die 100.000 Euro kostet, sehen die Jenaer Gründer auch jetzt

Lebensretter: Mit diesem winzigen Chip
können Proben von Patienten innerhalb
weniger Stunden getestet und die wirksamste Therapie gefunden werden.
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Rundblick · Schnelle Medizintechnik

Visionäre: Professor Jürgen Popp (rechts) und
Dr. Jörg Weber wollen mit einer neuen Technologie
die Infektionsdiagnose revolutionieren.

„Das ist ein tolles Umfeld, was sowohl Wissenschaft
als auch wirtschaftliche Verwertung angeht.“

schon gute Chancen für die Vermarktung. „Wenn wir mit unserem System den klassischen mikrobiologischen Test ersetzen
können, haben wir einen großen Markt in Deutschland“, sagt
Geschäftsführer Jörg Weber. „Im stationären Klinikbereich werden pro Jahr in Deutschland vier Millionen Patienten mit
Infektionskrankheiten behandelt.“ Allein in einem mittelgroßen Krankenhaus wie dem Uni-Klinikum in Jena gibt es jeden
Tag 500 bis 1.000 Tests auf Keime. Deutschlandweit kommt da
also einiges zusammen.
Entscheidend sind am Ende die Kosten für den einzelnen
Test, die nicht sehr viel höher sein sollen als die für einfache
mikrobiologische Labortests, die momentan Standard sind.
Da die Biophotonics Diagnostics enge Kontakte zu Kliniken
und Ärzten hat, stehen die Türen zum Markt weit offen.
Hilfreich ist außerdem die starke Vernetzung mit kleinen, regionalen Unternehmen, die beispielsweise die Hardware-Produk­
tion für die mobilen Apparate übernehmen. Auch Netz­werke
wie die öffentlich-private Partnerschaft des Forschungs­campus
InfectoGnostics, in der die intensive Zusammenarbeit von Wis­
senschaft und Industrie gelebt wird, spielen eine wichtige Rolle.
„Jena ist der Standort für eine solche Firma“, sagt Jürgen Popp
begeistert. „Wir haben die gesamte Wertschöpfungs­kette vor
Ort. Wir haben hier Optik, Biotechnologie und mikrobiologische Forschung. Das ist ein tolles Umfeld, was sowohl Wissen­
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schaft als auch wirtschaftliche Verwertung angeht.“ Auch
Geschäftsführer Jörg Weber kann bestätigen, dass es in Jena ein
starkes Miteinander gibt: „Es ist schon immer Teil der Jenaer
Kultur, dass die vielen kleinen Firmen mit der Universität und
den Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten.“

Wirtschaftliches Interesse mit
gesellschaftlichem Auftrag
Das kleine Team der Biophotonics Diagnostics hat inzwischen
einen Businessplan aufgestellt. Nach vielen vorbereitenden
Arbeiten und der Patentanmeldung für das mobile Testgerät
soll es nun richtig losgehen. „Wir wollen mit fünf Leuten die
Chip- und Software-Entwicklung weiter vorantreiben und klinische Untersuchungen in Angriff nehmen“, sagt Weber. Auch
wenn die Jenaer Gründer dabei immer Umsatz und Gewinn im
Auge haben, sehen sie doch einen weit größeren Auftrag in ihrer
Arbeit: „Wir wollen mit der Biophotonics Diagnostics dem
gesell­­
schaftlichen Problem der Antibiotikaresistenzen entge­
gen­wirken“, sagt Geschäftsführer Jörg Weber mit voller Über­
zeugung. Das ist sicher nicht zu dick aufgetragen. Denn wenn es
mit der neuen Technologie gelingt, Antibiotika-Resistenzen
innerhalb kurzer Zeit zu ermitteln, können Ärzte Infektionen
gezielter behandeln und das Leben vieler Patienten retten.

URsprung

was es ohne

Das Forschungszentrum
von Weltrang
Unternehmen Region

nicht gäbe (2)

Gestern…
Greifswald in den 90er-Jahren: Üppige Wiesen und einige
schmuck­lose Universitätsgebäude säumen den späteren Bert­
hold-Beitz-Platz südöstlich der Innenstadt. Hundert Meter weiter leitet der Mikrobiologe Professor Michael Hecker das Institut
für Mikrobiologie. Hecker und seine Kollegen beschäftigen sich
mit der Proteinausstattung insbesondere von Bakterien und
beginnen gerade, sich an europaweiten Forschungs­kon­sortien
zu beteiligen. Anfang der Nullerjahre schreibt das Bundes­minis­
terium für Bildung und Forschung dann das Förder­pro­gramm
„Zentren für Innovationskompetenz“ (ZIK) aus. „Allein für die
Mikro­biologie erschien mir das Programm eine Nummer zu
groß“, erinnert sich Michael Hecker heute. Und da Proteine nicht
nur die Spieler des Lebens, sondern auch der Krankheit sind,
startete Hecker ein beispielloses Experiment – und holte die
Medizinische Fakultät mit ins Boot.

Heute!
Heute sind die Greifswalder Mikrobiologen und Mediziner
längst eine verschworene Truppe. Das erfolgreich eingeworbene
ZIK „FunGene“ hat die interfakultäre Zusammenarbeit an der
Universität Greifswald auf ein bis dato ungekanntes Level
befördert. Mittlerweile zählt die Hochschule die Proteom­for­
schung zu ihren fünf Forschungsschwerpunkten. Und auf dem
Feld der Funktionellen Genomforschung, die sich mit der
Gesamtheit der Gene und Proteine von Lebewesen beschäftigt,

nimmt Greifswald heute in der Mikrobiologie und Infek­
tionsbiologie einen internationalen Spitzenrang ein. Bisheriges
Highlight ist das in diesem Jahr eingeweihte und nach dem ZIK
benannte „C_FunGene“. Der 3.433 Quadratmeter große und 27
Millionen Euro teure Forschungsbau beherbergt 160 Wis­sen­
schaftler und weitere Mitarbeiter. Das interdisziplinär ausgerichtete Zentrum erforscht unter anderem die Grundlagen von
bakteriellen Infektionskrankheiten und gilt als eines der
modernsten Institute seiner Art in Europa. Gleichzeitig komplettiert das C_FunGene den lebenswissenschaftlichen Campus
am heutigen Berthold-Beitz-Platz, der auf einst fast unbebautem Terrain entstanden ist. „All das wäre ohne das ZIK FunGene
undenkbar gewesen“, sagt Michael Hecker heute.

Morgen?
Das ZIK FunGene hat die Hochschule zur zukunftsprägenden
Institution einer ganzen Region ausgebaut und wird durch das
C_FunGene über Generationen sichtbar sein. Doch nicht nur in
Mecklenburg-Vorpommern, sondern weltweit sollen Menschen
von künftigen Forschungsleistungen des C_FunGene profitieren: Gemeinsam werden Mikrobiologen, Infektionsforscher,
Genom- und Proteomforscher sowie Bioinformatiker die
Wechselwirkung zwischen krank machenden Bakterien und
dem Menschen weiter untersuchen – und so dabei helfen, bakterielle Infektionskrankheiten zu bekämpfen.

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Einblick · Kunsthochschule Halle

Die BURG
Es gibt Künstler und Designer mit einer großen
Leiden­schaft für Materialien. Für sie hat die Kunst­
hochschule Burg Giebichenstein Halle in SachsenAnhalt eine ganz besondere Anziehungskraft.

I

m Logo der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle steht der
Burgturm, der in der Realität begehbar ist und eine herrliche Sicht auf
Händels Geburtsstadt an der Saale bietet. Im 19. Jahrhundert hatte dieser Ausblick eine große Anziehungskraft auf Dichter und Maler der
Romantik. Giebichenstein ist eines der ältesten Siedlungsgebiete von Halle.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts kommen die Kreativen wegen der
berühmten Kunsthochschule hierher. Heute trifft der Blick vom Burgturm
auch auf die Wohnblöcke von Halle-Neustadt. „Eine geteilte Stadt“, ist der
Eindruck von Bildhauer Carl Bens. „Wenn man in Neustadt war, stellt man
sich andere Fragen als vorher. Das erdet. Das gibt immer wieder Material
für künstlerische Auseinandersetzungen. Genau dafür bin ich hier.“
Seit ihrer Gründung 1915 hat die Kunsthochschule Burg Giebichenstein
Halle ihren Kurznamen: die BURG. Ebenso lange gibt sie sich mit ihren
Fachbereichen Kunst und Design ein unverwechselbares Profil: eine
Kombination aus theoretisch fundierter und praxisnaher Lehre. „Aus dieser
Tradition heraus“, sagt BURG-Rektor Dieter Hofmann, „leisten wir uns bis
heute exzellente Werkstätten.“ Der Professor für Industrie-, Produkt- und
Systemdesign zählt auf: „Holz-, Porzellan- und Fotowerkstatt, eine
Werkstatt für Modellbau, eine Hochschuldruckerei, eine Weberei, ein
Medienzentrum“, und er betont den relativ neuen Bereich der Materialund Technologieforschung, zu dem eine beachtliche Sammlung von
Materialproben gehört. Die Werkstätten, erzählt der BURG-Rektor, seien
Die zur Hochschulbibliothek gehörende Materialsammlung
besteht bislang aus über 900 Proben.

16

17

Einblick · Kunsthochschule Halle

die Räume, in denen sich die Studierenden aus den Fachberei­
chen Kunst und Design begegnen und sich den Materialien
mit unterschiedlichem Blick nähern.

Zeitlose Materialisierung

„Ich gehe auf Reisen in
mich hinein und gebe
meinen Vorstellungen
eine ewige Gestalt aus
unvergänglichem Glas.“

„Die BURG“, bestätigt Bildhauer Carl Bens, „fordert und fördert
visionäres Denken und Gestalten – und bietet die kreativen
Räume dafür.“ Der Meisterschüler spielt auch auf die fachlich
hochkarätige Betreuung an. „Ich hatte nur eine zielgerichtete
Bewerbung geschrieben, die ging nach Halle“, sagt Carl Bens.
Der Berliner betont, dass für ihn ein Studium an der Burg
Giebichenstein die einzige Option war. Denn bestmögliche
Voraussetzungen, die Grundlagen für das plastische Arbeiten
mit dem Material Glas zu erlernen, sieht er nur hier. Die Bild­
hauerei mit den klassischen Materialien hatte er an der Fach­
schule für Steinbearbeitung im italienischen Lasa gelernt. Bei
seiner Arbeit mit Glas betritt der 31-Jährige tatsächlich nahezu
Neuland. Er führt den Begriff „zeitlose Materialisierung“ auf
seine ureigene Bedeutung zurück. „Ich gehe auf Reisen in mich
hinein“, sagt er, „und gebe meinen Vorstellungen eine ewige Ge­­
stalt aus unvergänglichem Glas. Das Material kann zudem einen
Blick in die Tiefe meiner Gedanken erlauben.“
Auch der Burg-Absolventin Lisa Kohl gelingt es, eigentlich
Nicht-Zeigbares zu zeigen. Die 30-jährige Luxemburgerin studierte in Brüssel Visuelle Kunst und wechselte dann wegen der
bildhauerischen Arbeit mit dem Material Metall an die BURG.
Von ihren Reisen, ihren Begegnungen mit Orten und Menschen
bringt sie Fotos, Videos, Tonaufnahmen und Objekte mit.
Daraus entstehen stimmungsvolle Rauminstallationen, Kom­bi­
nationen aus akustischen, visuellen und haptischen Elementen.
Diese rufen bei jedem Betrachter eigene Assoziationen hervor.
Gern kommt die Künstlerin darüber ins Gespräch. Denn jeder
Mensch, sagt sie, befinde sich auch noch in seinen persönlichen
Erfahrungsräumen, aus denen heraus es zu unterschiedlichen
Sichtweisen und Empfindungen komme.

Weit- und Welt-Blick
Wo gehöre ich hin? Wie fühlt sich Fremdheit an? Auf welche
Grenzen stoße ich in meiner Umgebung, gar in meiner Zeit? ...
Lisa Kohl und Carl Bens gehen solchen Fragen nach. „Wenn
man gut aus sich selbst heraus schöpfen kann, ist Halle der ideale Ort. Die Stadt lenkt nicht so sehr von der Arbeit ab“, weiß der
Berliner Carl Bens zu schätzen. Lisa Kohl nickt dazu. Sie allerdings vermisse hier in der Stadt mit 240.000 Einwohnern und
überschaubarer Kunstszene eine gewisse Anonymität. „Nach
kurzer Zeit kennen sich alle.“ Sie lacht, und ihre Augen schweifen dabei ins Weite. Ein Stipendium führte sie im vergangenen
Jahr nach Istanbul. Die BURG ermöglicht ihren Studierenden
Bildhauer Carl Bens kam zum Studium an die BURG, um die Grundlagen
für das plastische Arbeiten mit dem Material Glas zu erlernen.
18

E i n Ta g i m L e b e n · E i n b l i c k

„Den Lebenszyklus
der Dinge
vorausdenken“
BURG-Rektor Dieter Hofmann über die Ver­ant­
wortung einer Kunsthochschule, die besondere
Rolle von Materialien und seine persönliche
Herausforderung ...
Herr Professor Hofmann, 1915 wurde die Burg Giebichenstein
Kunsthochschule Halle gegründet. Seit vier Jahren sind Sie Rektor
einer der größten deutschen Hochschulen für Kunst und Design. Mit
welchen Themen klopft die heutige Zeit an Ihre Tür?
Wir befinden uns in einer Epoche gesellschaftlichen Wandels, der
alle Bereiche des Zusammenlebens betrifft. Wir stehen in der Ver­
antwortung, diesen nachhaltig und fair zu gestalten, dies ist auch
den Studierenden bewusst. Wenn sie beispielsweise im Design
Produkte entwickeln, müssen sie auch deren Lebenszyklus vorausdenken. *
Die Hochschule erforscht sehr intensiv unseren Lebenswandel?
Das hängt mit dem jeweiligen Studiengang zusammen, in der Kunst
geschieht dies anders als im Design. Dort ist die am Leben der
Menschen orientierte Forschung Basis unserer Arbeit. Wir leisten
uns darum neben der künstlerischen und gestalterischen Praxis
nicht nur eine intensive Theorie- und Grundlagenausbildung, sondern auch bestens ausgestattete und betreute Werkstätten und
Labore.
Zum Ende des Sommersemesters haben Sie wieder in Ihrer traditionellen Jahresausstellung die Werke Ihrer Studierenden gezeigt.
Welche Anforderungen stellt die Hochschule an die Arbeiten?
Die Jahresausstellung gibt Einblick in Themen, die uns umtreiben.
Die Studierenden zeigen viele neue Ideen, wie sie der Heraus­
forderung des Wandels begegnen. Ein weites Forschungsfeld tut
sich uns etwa mit der digitalen Durchdringung unserer Alltagswelt
auf. Hier bietet zum Beispiel der 3D-Druck einschließlich der
Entwicklung neuer Materialien ein spannendes Experimentierfeld.
Das Thema „Material“ zieht sich wie ein roter Faden durch die
Ge­­schich­te der „Burg“.
Ja, das liegt auch in unseren Wurzeln begründet. Bei ihrer Gründung
1915 wurde die BURG an Zielen des Deutschen Werkbundes und
Bauhüttenideals ausgerichtet, in den 1920er-Jahren kamen Bau­­haus-Lehrende zu uns. Bis heute zeigt sich der Einfluss in der
experimentellen Auseinandersetzung mit Material und Technologie,
sehr unterschiedlich ausprägt in Kunst und Design.

Dieter Hofmann wurde 1960 im bayerischen Fürth geboren. Er ließ sich
zum Technischen Zeichner ausbilden und studierte Maschinenbau und
Investitionsgüterdesign. Nach Stationen in Südkorea, Stuttgart und
Japan kam er 2003 an die BURG, die er seit 2014 als Rektor leitet.

Worin sehen Sie als Rektor ihre persönliche große Aufgabe?
Altersbedingt scheidet derzeit die Hälfte aller Lehrenden aus, die
durch neue Kolleginnen und Kollegen ersetzt werden. Mir geht es
darum, diese Menschen, die ja für neue Inhalte stehen, dabei zu
unterstützen, in unsere Hochschulkultur, vielfältige Tradition und
unsere künstlerische Ausrichtung hineinzufinden. Ich freue mich,
diese spannende Zeit mitgestalten zu können.
19

Im 19. Jahrhundert war die Burg Giebichenstein
Anziehungspunkt für Dichter und Maler. Heute ist
sie die größte Kunsthochschule in Deutschland.
Dem zeitlichen Spannungsbogen von der Romantik
bis zur Moderne lässt sich hier auch atmosphärisch
nachspüren.

20

Kunsthochschule Halle · Einblick

Welt-Blick. Die Kunsthochschule pflegt Kooperationen mit
Partnerschulen in 20 europäischen Ländern wie auch außerhalb Europas. Sie ist seit über zehn Jahren Partner im CumulusVerbund, einem Netzwerk von 165 internationalen Kunst- und
Designhochschulen.
Und wie kommen die Kontakte zur Wirtschaft zustande?
„Unternehmen, die etwas anderes erwarten, als sie von Desig­
nern auf dem Markt erhalten können, kommen auf uns zu“, sagt
Rektor Dieter Hofmann und lenkt die Aufmerksamkeit auf den
zweiten Fachbereich neben der Kunst: das Design. Für das freie,
ergebnisoffene Experimentieren fehlten in der Wirtschaft meist
Zeit und Strukturen. Hofmann spricht von einer verantwortungsvollen Aufgabe. Es gehe darum, Produkte und Dienst­leis­
tungen zu entwickeln und zu gestalten, die zu Symbolen werden für einen nachhaltigen und fairen Umgang mit unseren
Lebenswelten.

Gebrauchen statt Verbrauchen
Ansprüche dieser Art sind für die BURG nicht neu. Die rohstoffarme DDR mit ihrer zunehmenden Mangelwirtschaft gab der
Kunsthochschule in Halle eine entsprechende Orientierung vor.
Diese forderte einen sparsamen Umgang mit Materialien; richtete sich gegen Wegwerfen und Vermüllung. „Gebrauchen statt
verbrauchen“ war die Devise. Fünf Industriebetriebe wurden
der Hochschule angeschlossen. Die BURG hatte die Aufgabe, die
gestalterische Qualität der Erzeugnisse dieser Betriebe zu heben.
Langlebigkeit und Nachhaltigkeit kann vielen Produkten im
Nachhinein bescheinigt werden. In etlichen Haushalten finden
sich bis heute Gebrauchsartikel, die an der BURG entwickelt
wurden – vor allem aus „Plaste“: So wurde der Kunststoff in der
DDR genannt. Schon damals hatten neue Materialien und
Technologien Schlüsselfunktionen an der „Hochschule für
industrielle Formgestaltung Halle – Burg Giebichenstein“, wie
sie bis 1989 hieß. Der Name bringt zum Ausdruck, wo der thematische Schwerpunkt lag. BURG-Absolventen waren flächen­
deckend in der Industrie zu finden.
„Bei der deutsch-deutschen Wiedervereinigung hatten wir
mit dieser Art Praxisorientierung ein Alleinstellungsmerkmal“,
sagt Frithjof Meinel. Als Konstrukteur und Designer in den
Pentacon Kamerawerken in Dresden war er 1976 zum Fern­
studium der Produktgestaltung an die Burg Giebichenstein
gekommen – und blieb als Lehrer. „Zu jener Zeit hatte die Hoch­
schule entdeckt, was man in Zusammenarbeit mit Industrie­
designern alles erreichen kann“, sagt Meinel. Von 1994 an war er
bis zu seiner Emeritierung 2014 Professor für Industriedesign.

Lisa Kohl kam wegen der bildhauerischen Arbeit mit
dem Material Metall an die BURG.

Meinel spricht vom „mündigen Bürger“ als Adressaten und
erklärt: „Unser Anspruch ist schon immer das offene Prinzip.
Der Nutzer soll die Produkte seinem Verwendungszweck entsprechend verändern, umgestalten können.“ Eigentlich nichts
anderes bedeute der heute gebräuchliche englische Terminus
„Open Source“.

Intelligente Werkstoffe
Eine „offene Quelle“ in diesem Sinne ist das Innovationsnetzwerk
„smart3“. Es gehört zum Programm „Zwanzig20 – Partnerschaft
für Innovation“, das innovative Lösungen für Zukunftsprobleme
entwickelt und dabei vom Bundesforschungsministerium
gefördert wird. Im Falle von smart3 stehen intelligente Funk­
tions­
werkstoffe im Fokus von Forschung und Entwicklung.
Frithjof Meinel ist einer der Ideengeber für dieses interdisziplinäre Netzwerk, das vom Dresdner Fraunhofer-Institut für Werk­
­­zeugmaschinen und Umformtechnik IWU aus geknüpft wird
und auch in der BURG einen seiner Knotenpunkte hat. „Smart
steht für die Fähigkeit von Werkstoffen, unter äußeren Ein­
flüssen ihre Eigenschaften gezielt so zu verändern, dass sie sich
den Umweltbedingungen anpassen“, sagt Meinel und ergänzt,
dass dadurch vorhandene Produkte verändert, sogar radikal
neue hervorgebracht werden.
Smart3 hat mehr vor, als intelligente Werkstoffe herzustellen, das signalisiert die hochgestellte Drei: Das Konsortium will
erstens die dazugehörige Produktionskette entwickeln. Damit
an deren Ende Produkte herauskommen, die ihre Akzeptanz bei
den Nutzern finden, werden zweitens Demonstratoren her­

21

Einblick · Kunsthochschule Halle

„Aus Tradition heraus
leisten wir uns bis heute
exzellente Werkstätten.“
gestellt sowie Präsentations- und Kommunikationsstrategien
entwickelt, die die Menschen einbeziehen. Wahrlich keine
Aufgaben allein für Ingenieure. Darum drittens: der interdisziplinäre Ansatz. Auch Natur- und Wirtschaftswissenschaftler,
Industrievertreter, Architekten, Soziologen, Psychologen und
nicht zuletzt Designer bringen sich in das Projekt ein.
Keine Sorgen um die Produkt-Akzeptanz müsse sich „Smart
Frame“, der intelligente Fahrradrahmen, machen, ist sich Frithjof
Meinel sicher und erklärt: „Anders als beim Metallrahmen kündigt sich beim Faserverbundrahmen die Materialalterung nicht
sichtbar und allmählich an. Es kommt zum Spontanversagen.“
Das Material Piezokeramik werde hier Abhilfe schaffen. „Sen­
soren aus diesem Werkstoff messen an den besonders bruchgefährdeten Stellen im Rahmen Schwingungen, die sich mit
Geoinformationsdaten vom Fahrweg verknüpfen lassen, um
dem Radfahrer Signale zur optimalen Fahr­
weise zu übermitteln. Als positive Begleit­
erscheinung“, so Meinel, „kann das Rad
bei Diebstahl über GPS geortet werden.“

Lückenschluss zwischen
Industrie und Design
Die richtige Materialwahl, und schon ist
das superleichte Fahrrad auch superverkehrssicher. „Smart Frame“ wäre eine inspirierende Kurzgeschichte für die „Material Stories“. BURG-­
Professor Aart van Bezooijen hat diesen Beratungs­
service gegründet, um Produktentwickler schon in
einem frühen Stadium bei der richtigen Material­
auswahl zu unterstützen. Van Bezooijen ist der
Meinung, dass der Designprozess mit den Materialien
beginnen sollte. Daher wolle er Infor­mationen über
die Vielfalt der Materialien und deren Anwendung
einem breiten Nutzerkreis zugänglich machen. Seit
2012 ist der Niederländer an der Burg Gie­bichen­
stein Professor für „Material- und Techno­lo­
gie­vermittlung für Kunst und Design“. Van
Bezooijen bezeichnet es als Quer­schnittsfach,
jeder Studierende könne sich hier einschreiben. Die Themen der Work­shops würden sich
dann aus den unterschiedlichen Lehrgebieten
ergeben. Zugrunde liege im­­­mer die spielerische
Erforschung von Materialien nach der
Devise „Learning by Doing“.
22

Frithjof Meinel ist einer der Ideengeber für das interdisziplinäre
Netzwerk „smart3“, das innovative Produkte und Lösungen auf Basis
smarter Materialien entwickelt.

„Wir wollen die Lücke zwischen der Materialindustrie und der
Designwelt schließen“, sagt der Industriedesigner und verrät,
dass die Unternehmen ihr großes Potenzial oft erst entdecken,
wenn sie mit Kreativen zusammenarbeiten. „Darum führen wir
mit vielen einen kritischen und kreativen Dialog“, sagt der
BURG-Professor. Sein Verdienst ist der Aufbau der zur Hoch­
schulbibliothek gehörenden Materialsammlung mit bislang
über 900 Proben. „Parallel entsteht eine Datenbank, um einen
Überblick zu geben, was an Materialwissen an der BURG vorhanden ist beziehungsweise entwickelt wird. Das schließt
Techniken und Methoden zur Materialverarbeitung ein“, sagt
der Experte und blickt in die Zukunft: „Das Leben wird leichter
durch neue Materialien. Bei deren Entwicklung ist an unserer
Hochschule der Gedanke an die Nachhaltigkeit immer mit
dabei.“

Die 2015 fertiggestellte
Hochschulbibliothek wurde mit dem
German Design Award und dem Archi­tek­
turpreis des Landes Sachsen-Anhalt
prämiert.
23

Einblick · Kunsthochschule Halle

Kurzlebig – trotzdem nachhaltig
Das Konsumverhalten, der Umgang mit Roh­stoffen und die Gestaltung von zirkulären
Materialströmen sind immerwährende Themen in den Lehr­veran­­stal­tungen von Mareike Gast
(Bild rechts), Professorin für Indus­trie­design / Material- und technologiebasierte Produkt­
entwicklung an der Burg Giebichenstein. In dem Se­mes­terprojekt dispose bestand die Auf­ga­
benstellung darin, auch in der Kurzlebigkeit von Produkten eine Nachhaltigkeit zu erreichen.
Das Pro­jekt reuse richtete den Blick auf Abfallströme als Rohststoffquelle. Im Projekt kunst.
stoffe wurde Kunststoff als nachhaltiges Kulturgut beleuchtet.

dispose
Viele Produkte werden nur einmal benutzt, landen nach
kurzer Zeit im Müll. Selten entsteht aus ihnen ein neues
gleichwertiges Produkt. Gibt es Anwendungen und Situa­
tio­nen, in denen Weg­werfprodukte sinnvoll, nachhaltig
und sogar besser als dauerhafte Produkte sind? In dem
Projekt dispose wurden Konzepte, Materialien, Services
und Anwendungen hinsichtlich ihrer Nach­
haltigkeit
bewertet und sinnvolle Szenarien entwickelt, die überraschen – nicht nur, weil sie zum Wegwerfen gestaltet sind.

Beispiel „soak“
Das Kinder­pflaster ist ein
Wegwerf­pro­dukt. Um es nicht
aufwändig zu bedrucken, wird
das Blut verwendet, mit dem es
sich in der Nutzungsphase
selbst bedruckt.
Entwurf Fabian Hütter

kunst.stoffe
Kunststoffe sind extrem facettenreich, prägen unseren
Alltag entscheidend, werden aber meist als billig, kurz­
lebig und umweltunfreundlich wahrgenommen. Das Pro­
jekt kunst.stoffe widmete sich den einfachen Ge­­brauchs­
gegenständen aus Kunststoff; untersuchte deren Not­wen­
digkeit – auch aus kultureller Perspektive. In der Pro­­­­jekt­
arbeit wurde eine nächste Generation von Ge­­
brauchs­­­
gegenständen entwickelt, die nach ihrer Nut­zung wieder
dem Materialkreislauf zugeführt werden. Das Projekt
beinhaltete den gesamten Ent­
wick­
lungsprozess vom
Ent­wurf bis hin zur Spritzguss-Serienfertigung von Pro­
dukten aus recycelten Kunst­stoffen.

Beispiel „scho“
Herkömmliche Zahnbürsten
bestehen in der Regel aus drei
verschiedenen Kunststoffen
und sind nicht recycelbar. Griff
und Borsten dieser Zahnbürste
bestehen aus Polyamid. Durch
Wegwerfen gelangt das Mate­
rial wieder in den Kreislauf.
Entwurf Alexia von Salomon

reuse
In dem Projekt reuse wurden außergewöhnliche, überraschende, auch skurrile, in jedem Fall wertvolle Abfälle als
Rohstoffe für ein neues Material, ein neues Produkt ausfindig gemacht. Augenmerk lag zum einen auf der Aus­
einandersetzung mit vielfältigen Materialien und deren
Weiterverarbeitung sowie zum anderen auf der Vernet­
zung verschiedener Industrien und Prozesse zur Ent­
wicklung nachhaltiger Produkt- und Busi­nesskonzepte.
Es wurden Konzepte, Materialien, Services und Anwen­
dungs­
szenarien für zirkulierende Abfallströme entwickelt – mit einem klaren Standpunkt zum Thema Nach­
haltig­keit.
24

Beispiel „Your Hair - Your Ink“
Haare wurden scho­nend enzymatisch aufgelöst, daraus
Pigmente gewonnen und eine
„persönliche“ Tinte hergestellt,
die mehr verrät als den Namen.
Entwurf Leopold Seiler

Kunsthochschule Halle · Einblick

Giebichenstein ist eines der ältesten Siedlungsgebiete von Halle. Seit ihrer Gründung 1915 hat die
Kunst­hochschule Halle ihren Kurznamen: die BURG.
Den Burgturm trägt sie in ihrem Logo.
25

E i n b l i c k · E i n Ta g i m L e b e n

Die Algenbotschafterin
„Algen sind cool, Algen sind toll.
Mit den Strahlen der Sonne tanken sie sich voll“,
sagt Herr Rochen in „Findet Nemo“.
Kirstin Knufmann sammelt solche Zitate.
Die Unternehmerin entwickelt Rohkost-Lebensmittel
und -Rezepte – besonders gerne aus Algen.
„Unternehmen Region“ hat sie einen Tag lang begleitet.

F

ood-Magazine berichten mit wach­
sender Begeisterung über den
­
Ernährungs­
trend zu pflanzlicher
Rohkost. Aber auch „Stern“ und „Spiegel“
recherchieren zu diesem Thema – und
stoßen dabei irgend­
wann auf Kirstin
Knufmann. Die 37-jährige Kölnerin
hatte vor acht Jahren den „RawFood
Award“ ins Leben gerufen. Europas bislang höchste Aus­zeichnung für raffinierte Ideen aus der Rohkost-Küche wird
jährlich von einer hochkarätigen Jury
verliehen. Kirstin Knuf­­
manns eigene
Rezepte sind auch als Buch erschienen
und lassen ihren Be­­kanntheitsgrad weiter nach oben schnellen. TV- und
Printmagazine besuchen sie. Nein, nicht
in Köln, sondern im Norden SachsenAnhalts. Kilometerweit fährt man hier
vorbei an Feldern, Wäldern und durch
Dörfer bis zum Ortsschild „Klötze“. Der
26

Name mutet gar nicht so fein an wie die
filigran ge­­schwungenen Buchstaben in
der Knuf­
mann-Marke „PureRaw –
Natürlich-Roh-Vegan“. Die regionale
Tourismus­branche wirbt auch eher mit
„Altmär­kischen Bauernwochen“ als mit
roher Kost. Dennoch: Vor zwei Jahren
war Kirstin Knufmann ein Gesicht der
Image­kampagne „Die Altmark – Grüne
Wiese mit Zukunft“. Ein Zeichen, dass
Powerfoods nun auch hier Land und
Leute erobern? Vor allem wohl eine An­­
er­­kennung ihrer zukunftsweisenden
Existenzgründeridee, die bislang zehn
Arbeitsplätze geschaffen hat.

Erst in die Welt, dann in die Altmark
Was sie in die Altmark verschlagen habe,
wird Kirstin Knufmann häufig gefragt.
„Die niedrigen Mietpreise für Stellflächen
und Büroräume“, ist ihre verschmitzte
Antwort. „Im Ernst: Tatsächlich haben
mich die guten Rahmenbedingungen
bewogen, mit meinem Start-up nicht

nach Köln, Berlin oder Hamburg zu
gehen.“ Dabei schmunzelt sie in sich hinein. Vielleicht denkt sie gerade an die
mentalen Unterschiede zwischen den
Frohnaturen am Rhein und den bodenständigen Altmärkern. Die „Alte Mark“
ist die Keimzelle der Mark Brandenburg
und wird auch als „Wiege Preußens“
bezeichnet. Dass sie hier leben und arbeiten werde, hatte die junge Frau überhaupt nicht auf ihrem Plan. Das lässt
eine spannende Geschichte erahnen.
Vorher mixt uns Kirstin Knufmann
einen köstlichen Vitaldrink aus Cashew­
kernen, Reishi-Pilzpulver und der Stein­
frucht Lucuma. In ihrem Regal stehen
noch viele andere Mischungen aus
Frucht-, Wurzel- und Pilzpulver, deren
Namen kaum jemand kennt, der sich
nicht mit roh-veganer Ernährung
beschäftigt.

Kirstin Knufmann hat sich ein neues roh-veganes Rezept ausgedacht. Beim ersten Ausprobieren ist „PureRaw“-Mitarbeiterin Andrea Wilhelm mit dabei.

Wir genießen den Reishi-Latte. „Man
muss ja nicht strenger Rohköstler sein.
Vegane Speisen und Getränke können
auch vereinzelt in die Ernährung eingebaut werden – nicht nur, weil sie gesund
sind, sondern weil sie auch super schmecken“, sagt die Expertin. Während ihres
beruflichen Aufenthaltes in den USA
lernte sie die Rohkost-Küche kennen
und lieben. In Deutschland, sagt sie, sei
im Grunde aus dem Mangel an guten
Produkten ihre Geschäftsidee entstanden: Kirstin Knufmann ging auf die
Suche nach hochqualitativen und rein
pflanzlichen Rohstoffen, um sie so schonend wie möglich weiterzuverarbeiten –
28

erst für sich selbst, dann für Freunde
und die Freunde von Freunden ... Die
„Experimentierstube“ war ein Zimmer
im elterlichen Haus bei Köln. Dort häuften sich die Bestellungen ihrer „rohköstlichen“ Kreationen und wuchsen die
Warenbestände, während sie zwischen
München, New York und Los Angeles
unterwegs war. „Ich wollte raus in die
Welt“, sagt Kirstin Knufmann. „Darum
habe ich eine Lehre zur Kauffrau der
Grundstücks- und Wohnungswirtschaft
absolviert.“ Sie lacht auf die fragenden
Blicke hin. „Mit diesem Abschluss würde
ich überall etwas anfangen können, war
mein Hintergedanke. Mein Vater war

damit sehr zufrieden.“ Was Mietpreise
angeht, ist sie also vom Fach. Aber auch
der kreativen Seite in ihr gab sie Nahrung
und begann in Köln ein Fotografie­
studium, das sie in Barcelona fortsetzte.
Aufträge hatte sie dann nicht als Immo­
bilien­maklerin, sondern als Fotografin.

Nicht nur ein Augenschmaus
Während des Erzählens hat Kirstin
Knufmann Mixer und Reispapier vorbereitet, Früchte kunstvoll zerteilt. Sie will
ein neues Rezept ausprobieren. Die
Sommerrollen werden mit einer süßen
Masse aus Quinoa, Kokosmilch, Obst

E i n Ta g i m L e b e n · E i n b l i c k

„Mein Anspruch ist es, hochwertige, gesunde
und auch faire Lebensmittel auf den Markt zu bringen.“

und Kräutern gefüllt. Ihre Mitarbei­
te­
­r­innen freuen sich auf die Verkostung.
Andrea Wilhelm möchte schon bei der
Herstellung dabei sein. Seit einem Jahr
arbeitet die Altmärkerin bei der „PureRaw“
Knufmann GmbH, nimmt so manche
Anregung mit nach Hause und empfiehlt
weiter. Andrea Wilhelm ist für die Kon­
fektionierung und für Kun­den­bestellun­
gen verantwortlich. Es muss immer auf
Lager sein, was hier vor Ort für den
Online-Shop sowie für den Fach- und
Ein­­
zelhandel abgefüllt und gemischt
wird. Über 240 verschiedene roh-vegane
Lebensmittel vertreibt die „PureRaw“
Knuf­mann GmbH. „Mein Anspruch ist es,
hochwertige, gesunde und auch faire
Lebens­mittel auf den Markt zu bringen“,
sagt die Inhaberin. Nicht jede Zutat dafür
könne man gleich um die Ecke bekommen, dennoch seien ihr kurze Wege sehr
wichtig.

Aber doch gleich um die Ecke auf der
„Grünen Wiese mit Zukunft“ wächst ein
Powerfood, das diesen Namen verdient.
Am Waldrand vor den Toren der Stadt
steht eine der weltweit größten Mikro­
algenfarmen, die Roquette Klötze GmbH
und Co KG. „Die Alge wird als Lebens­
mittel der Zukunft gehandelt. Allerdings
seit 30 Jahren schon. Jetzt ist es wirklich
an der Zeit, sie aus ihrem Nischendasein
herauszuholen“, sagt Kirstin Knufmann.
Sie weiß aber auch: Ein Einzelner kann
das nicht schaffen. Darum verfolgt sie
die Idee von einem Algen-Netzwerk, in
dem sich das Fachwissen und die
Kompetenzen aus verschiedensten Be­­
rei­­chen – von der Herstellung bis zum
Verkauf von Algenprodukten – verknüpfen. Das Bundesforschungsministerium
ließ sich vom Zukunftspotenzial dieser
Idee überzeugen und unterstützte ihren
„AlgaeFood“-Kongress im Rahmen der
29

E i n b l i c k · E i n Ta g i m L e b e n

„Sie enthalten alle
wichtigen Vitamine
und Aufbaustoffe,
die ein kleiner Blaubär
zum Wachstum
braucht.“

„Innovationsforen Mittelstand“. Auf der
zweitägigen Veranstaltung im Juni 2018
kamen in Magdeburg Algen-Farmer,
Produktentwickler und -hersteller, Wis­
senschaftler, Anlagenbauer und Marke­
tingexperten zusammen. Inzwischen
treffen sich regelmäßig jene, die an
einem engen Bündnis interessiert sind.
„Vertriebler von großen Handels­ketten
sind leider noch nicht dabei“, sagt Kirstin
Knufmann und wird sich auch an diesem Tag wieder ans Telefon hängen, um
Aufklärungsarbeit zu leisten. „Einer­seits“,
sagt sie, „weckt die mediale Auf­
merk­
samkeit das Interesse gegenüber dem
Algen-Thema, andererseits ist da noch
eine große Hemmschwelle, vor allem
auch bei den Händlern. Wir wollen die
gesamte Bevölkerung mitreißen mit
unserer Begeisterung für dieses geniale,
vielfältig verwendbare Gemüse. Das
schmeckt so toll, wenn es richtig zubereitet wird. Und es wird bezahlbar sein,
wenn es einen großen Absatz findet.“
30

Während Kirstin Knufmann von diesem
Lebensmittel der Zukunft schwärmt,
färbt sie ihre Sommerrollen mit dem
blauen Farbstoff aus der Spirulina-Alge.
Dann drapiert sie mit dem Blick der Foto­
grafin alles zu einem wahren Augen­
schmaus, den alle Welt genießen darf und
soll. Wenig später stehen die Auf­nah­­men
mit dem Rezept dazu im Inter­net.

Käpt’n Blaubär isst Algen
Ihre Bewunderung für die Algen teilt
Kirstin Knufmann mit dem Geschäfts­
führer der Klötzer Algenfarm. Sie hatte
Jörg Ullmann auf der BIOFACH-Lebens­
mittelmesse kennengelernt und Lager­
räume von ihm angemietet. Logisch,
dass eine Rohkost-Expertin in räumlicher Nähe zu Algen auch neue Produkt­
ideen entwickelt. Es brauchte dann nicht
viel Zeit bis zu einem gemeinsamen großen Projekt. Das heißt „Lebens­partner­
schaft“. Die scheint auch immer irgend-

wie mit der Alge verknüpft zu sein. Das
kann man als Geschenk betrachten. Kirs­
tin Knufmann erzählt nämlich, dass in
China getrocknete Algen als Schleifen­
band verwendet werden, wenn man eine
besondere Wertschätzung ausdrücken
will. In Klötze tun das die wunderschön
gestalteten Zitate aus der Welt der Algen.
Die Postkarten – zunächst für den AlgaeFood-Kongress – entstanden, bringen
Grußbotschaften auf den Weg wie die
der Kunstfigur Käpt’n Blaubär: „Man
kann gegen Algen sagen, was man will:
Sie enthalten alle wichtigen Vitamine
und Aufbaustoffe, die ein kleiner Blaubär
zum Wachstum braucht.“ Eine kleine
Blaubärin wächst seit vier Jahren in
Klötze auf und malt ihren Eltern Bilder.
Oft sind Algen drauf.
Ihr Algenpulver bekommt Kirstin Knuf­
mann erntefrisch. Wir fahren mit ihr ein
paar Kilometer an den Stadtrand. In
einem 500 Kilometer langen Glasröhren­

Ihre Bewunderung für die Algen teilt
Kirstin Knufmann mit ihrem Lebenspartner
Jörg Ullmann. Der Biologe ist Geschäftsführer
der Klötzer Mikroalgenfarm. In einem 500 Kilo­
meter langen Glasröhrensystem wachsen hier
blaue, rote und gelbe Algen, hauptsächlich aber
die sattgrüne Chlorella.

31

E i n b l i c k · E i n Ta g i m L e b e n

„Die Zeit der Eiche ist
vorbei, jetzt ist
die Zeit der Alge!“

Kirstin Knufmann ist im Gespräch mit Tilo Motschall. Vor allem die Qualität
ihrer eigenen Mischungen lässt sie vom Laborleiter der Algenfarm kontrollieren.

system wachsen hier blaue, rote, gelbe
Algen, hauptsächlich aber die sattgrüne
Chlorella. Seit zehn Jahren gehört die
Mikroalgenfarm der französischen Ro­­
quette-Gruppe. Biologe Jörg Ullmann ist
nicht nur Geschäftsführer, er betreibt
auch aktiv Algenforschung. „SachsenAnhalt hat die Chance, auf diesem Inno­
vationsfeld einen Leuchtturm zu bauen“,
sagt er und fügt hinzu, dass das Zeit­­fens­
­­­ter dafür gerade weit offen stehe. Anders
als vor 17 Jahren, als die Anlage errichtet
wurde. Damals schlitterte die reine Algen­
­­produktion ohne Endprodukt und ohne
Kunden in die Insolvenz. In­­
zwi­
schen
wird aus den effektiven Mikro­orga­nis­
men weitaus mehr hergestellt als Nah­
rungs­­ergänzungsmittel. Salate, Nudeln,
Getränke, Eis, Kuchen, Kosmetik, das
alles hatten einige Produkthersteller zur
AlgaeFood-Konferenz mitgebracht. „Im
Vergleich zu Landpflanzen ist der Pro­
32

teingehalt der Alge um ein Vielfaches
höher, und sie wächst zehn- bis 30-mal
schneller. Die Anlagen brauchen weniger
Fläche und verbrauchen weniger Wasser
als die Landwirtschaft“, zählt Ullmann
die Vorteile auf. Und: Neben den weiter
entwickelten Technologien zur Algen­
zucht sei man inzwischen auch klüger,
was eine zielgruppenspezifische Pro­
dukt­­ver­marktung betrifft. Algenkoch­
bücher seien da ebenso wichtig wie
populärwissenschaftliche Vorträge und
Artikel sowie die Nutzung multimedialer
Kommunikationskanäle.

„Algen-Stadt Klötze“ – eine Vision
Kirstin Knufmann und ihre Ernäh­
rungswissenschaftlerin Cristina Köne­
mann sind auf dem Weg ins betriebseigene Labor. Vor allem ihre eigenen
Mischungen durchlaufen hier die Quali­­

täts­
kontrolle. Aktuell wird gerade eine
pulvrige Getränkemischung aus Chlo­
rella-Alge und Calcium-Alge auf ihre
Stabilität in der Zusammensetzung über­
prüft. „Ab einem bestimmten Feuch­tig­
keitsgehalt im Produkt werden Mikro­
organismen aktiv, und es kann zu unerwünschten Reaktionen kommen“, sagt
Cristina Könemann. Die 30-Jährige hat in
Kassel studiert und arbeitet seit ein paar
Monaten bei „PureRaw“. Sie kommt aus
Ecuador und ist ebenso sonnenhungrig
wie die Algen. Die junge Frau gehört zur
Foodie-Szene, deren Hobby es ist, neueste hochwertige Nah­rungsmittel ausfindig zu machen und auszuprobieren. Da
ist sie in Klötze goldrichtig. Allerdings
nimmt Cristina Köne­mann nach Arbeits­
schluss die etwa 50 Kilometer Richtung
VW-Stadt Wolfsburg unter die Räder.
Dort arbeitet ihr Mann und beide wohnen dort.

Auch bei ihren sportlichen Aktivitäten sind
Kirstin Knufmann und Jörg Ullmann ein Team.
In den Ferien läuft Sohn Finn Schreiber mit
durch die altmärkische Flur.

Viele Altmärker, die nicht gerade in der
heimischen Landwirtschaft beschäftigt
sind, pendeln nach Wolfsburg und verdienen dort gutes Geld. Jörg Ullmann
sieht das mit gemischten Gefühlen. Der
Unternehmer interessiert sich für die
Kommunalpolitik der Region, in der er
lebt und arbeitet. Er findet beispielsweise, dass viel touristisches Potenzial
brach­­­­liege. Kirstin Knufmann und Jörg
Ullmann zeigen privates Engagement
auf diesem Gebiet und errichten eine
Algen-Erlebniswelt mit Forschungslabor
„zum Anfassen“, Museum, Küche, Algen-

Bar, auch die Kunst spielt mit. Just an
diesem Tag beginnen die Bauarbeiten, in
einem Jahr soll die Algenwelt Lehrern,
Schülern und Besuchern offen stehen.
Feierabend für Kirstin Knufmann und
Jörg Ullmann. Beide finden in der aktiven Erholung zur inneren Balance. Das
gemeinsame Zuhause liegt direkt an
ihrer Joggingstrecke mit Blick auf Feld
und Wiese und weidende Ziegen. Es ist
sehr ländlich hier. Ist das die Welt, in die
es Kirstin Knufmann zieht? „Momentan
ja“, sagt sie. „Meine Großeltern betrieben

Landwirtschaft. Es ist gut, dass unsere
Tochter mit so viel Bewegungsfreiheit
aufwachsen darf wie ich.“
Neben ihrem Haus stehen große Eichen.
Eine der Algen-Grußkarten in unserer
Tasche zitiert den Schauspieler Friedrich
Liechtenstein: „Die Zeit der Eiche ist vorbei, jetzt ist die Zeit der Alge!“ Kirstin
Knufmann und Jörg Ullmann lieben die
Eichen vor der Tür. Deshalb interpretieren sie den Spruch auf ihre Weise: „Eine
neue Zeit bricht an, wenn auf unserem
Ortsschild ,Algen-Stadt Klötze‘ steht.“
33

Durchblick · Freiformoptik

„Wir können Licht formen,
wie wir wollen“
Die Wissenschaftlerin Ramona Eberhardt über die
Vorteile der Freiformoptik, den Einsatz auf der
Raumstation ISS und die weltweite Vorreiterrolle der
Region Jena.

Dr. Ramona Eberhardt ist Abteilungsleiterin
Feinwerktechnik sowie stell­­vertretende
Institutsleiterin des Fraunhofer-Instituts für
Optik und Fein­mechanik (IOF) in Jena. Sie ist
Projektleiterin des Innovativen regionalen
Wachstumskerns fo+, den das Bundesministerium
für Bildung und For­schung von 2014 bis 2016
gefördert hat. Im Mai 2018 erhielt sie mit dem
fo+-Bündnis den Wissenschaftspreis des
Deutschen Stifterverbands.

34

Freiformoptik · Durchblick

Frau Dr. Eberhardt, Sie beschäftigen sich mit dem Thema
„Freiformoptik“. Das klingt – vorsichtig formuliert – ein wenig
theoretisch …
Ja, das höre ich nicht zum ersten Mal! (lacht) Dabei ist der Begriff
Freiformoptik an Grafikdesign, Architektur und Sportwagenbau
angelehnt. Und wir machen wirklich spannende Dinge mit
dieser Technologie. Denken Sie nur an die Mission zur Inter­
natio­nalen Raumstation ISS: Für das Deutsche Zentrum für
Luft- und Raumfahrt haben wir kürz­lich ein freiformoptisches
Instrument gebaut, das die NASA auf einer Space-X-Rakete zur
ISS geschickt hat. Von dort lässt sich dann beobachten, wie sich
auf der Erde Luft und Wasser verändern, und zwar im sichtbaren Bereich und im unsicht­baren Infrarot-Bereich.
Was ist denn das Besondere an dieser neuen Technologie?
Sie werden überrascht sein: So neu ist die Technologie gar nicht.
Schon in den 70er-Jahren hat Polaroid eine Freiformoptik in die
SX 70-Kamera eingebaut. Doch die Fertigung war viel zu aufwändig und zu teuer. Das liegt an der Gestaltung des optischen
Systems, das aus Linsen, Blenden, Spiegeln und Filtern besteht
– wir nennen das „Design“. Bei klassischen, sogenannten rota­
tionssymmetrischen Systemen sind alle Elemente entlang einer
optischen Achse in der Mitte angeordnet. Die neueren asphärischen Systeme sind schon flexibler. Doch erst freiformoptische
Systeme erlauben uns, die einzelnen Elemente völlig frei im
Raum zu positionieren und auszurichten. Das ist aber ganz
schön kompliziert.
Und welche Vorteile hat diese Freiheit?
Theoretisch können wir das Licht formen, wie wir wollen. Nun
können wir zum Beispiel gefaltete statt lineare Strahlengänge
produzieren. Auf diese Weise können wir viel kompaktere und
leichtere optische Systeme bauen, die mindestens genauso viel
können wie rotationssymmetrische oder asphärische Systeme.
Unser Traum ist es, alle Linsen durch einen einzigen Block,
einen sogenannten Monolith, zu ersetzen. Aber schon jetzt
interessieren sich neben der Raumfahrtindustrie noch weitere
Branchen für unsere Instrumente.
Wer hat denn außerdem Interesse an Freiformoptiken?
Das ist zum einen die Automobilindustrie. Im Auto ist die Größe
der Bauteile immer ein wichtiges Thema. Gerade beim autonomen Fahren braucht man viele optische Sensoren, die rundum
– vorne, hinten, rechts und links – messen. Wenn man mehrere
Funktionen in eine einzige Freiformoptik integrieren kann und
so die Anzahl und das Volumen der Bauteile reduziert, ist das für
Hersteller und Zulieferer hochinteressant. Es ist z. B. denkbar,
Abblendlicht, Fernlicht und Infrarotsensorik in eine einzige
Optik zu integrieren. Eine weitere Zielgruppe sind Feuer­wehr­
leute, die Wärmebildkameras nutzen, um zum Beispiel Men­schen
in eingestürzten Gebäuden zu erkennen. Und diese Kameras
müssen sie bisher in die Hand nehmen und haben dann nur

noch eine Hand frei. In Zukunft können wir kleine InfrarotOptiken in die Helme integrieren und die Wärmebilder zum
Beispiel in eine Augmented-Reality-Brille einspielen, sodass
beide Hände für die Rettung frei bleiben.
Welche Rolle spielt der Wachstumskern „fo+“, den das Bundes­
forschungsministerium von Anfang 2014 bis Ende 2016 geför­­
dert hat?
Im Wachstumskern haben wir gemeinsam mit neun Partnern
aus der Region eine Technologieplattform entwickelt, die die
komplette Prozesskette abdeckt: Dazu gehören die Materialent­
wicklung, das Design der Freiformoptiken, spezielle Fertigungs­
verfahren, Beschichtungen, Strukturierungen und die Inte­
gration in ein System. Das ist aber nur die eine, die technologische Seite. Die beste Technologie nützt aber nichts, wenn sie
niemand nachvollziehen oder einsetzen kann und will. Deshalb
haben wir neben dem Forschungsprojekt auch ein Bildungs­
projekt gestartet. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena
wurden diverse von uns entwickelte Module in den Studiengang
„Master of Science in Photonics“ integriert. Und über das
Thüringer Photoniknetzwerk OptoNet e. V. bieten wir Work­
shops und Programme für Mitarbeiter interessierter Firmen an.
Wo stehen fo+ und die Region Jena heute im internationalen
Vergleich?
Weltweit waren wir die Ersten, die so ein großes FreiformoptikProjekt aufgesetzt haben. Jena hat hier den Maßstab gesetzt und
darauf sind wir schon ein bisschen stolz. Wir haben auch die
internationale ISO-Norm mit erarbeitet, die Maße und Tole­
ranzen verbindlich regelt. Im internationalen Vergleich sind wir
mit am weitesten, obwohl mittlerweile auch die USA und China
das Thema entdeckt haben. Zu unserem Workshop „Ultra
Precision Manufacturing“ im September kommt wieder die
ganze Optik-Welt nach Jena. Es geht uns aber nicht nur um die
Forschung. Wir haben frühzeitig auf die Interessen der kleinen
und mittleren Industrieunternehmen geachtet. Den Wissen­
schaftspreis des Stifterverbandes haben wir ja auch für die wirtschaftliche Wirkung von fo+ verliehen bekommen.
War die Preisverleihung Ihr ganz persönliches Karriere-Highlight?
Das war so eine Riesenveranstaltung und auf der Bühne war ich
richtig aufgeregt, da habe ich gar nicht so viel mitbekommen.
Aber wir sind ja noch lange nicht fertig: Im August sind wir mit
dem „Wachstumskern+ fo+“ gestartet. In den kommenden drei
Jahren wollen wir die Infrarotoptiken noch leistungsfähiger
machen und die Technologie auch für Wellenlängen im sichtbaren und im UV-Bereich weiterentwickeln. Gleichzeitig werden
wir auch die Messtechnik auf einen höheren Standard bringen.
Es gibt also noch viel zu tun!

Frau Dr. Eberhardt, vielen Dank für das Gespräch.
35

ALLERLEI

LEIPZIG!
36

Leipzig · Titelthema

Leipzig blüht auf und wächst.
10.000 Menschen ziehen jedes
Jahr in die mittlerweile zweitgrößte Stadt Ostdeutschlands.
Was lockt Wissenschaftler und
Studenten, Künstler und
Kreative hierher?

E

in Autor der New York Times bezeichnete Leipzig einmal
als „das bessere Berlin“. Seitdem kursiert der Spruch und
viele, vor allem die Leipziger selbst, können ihn nicht
mehr hören. Der Hannoveraner Hans-Christian Brockmann,
der in der Messestadt eine IT-Firma gegründet hat, findet ihn
jedoch sehr passend: „Weil Leipzig Weltläufigkeit und Geborgen­
heit miteinander verbindet.“ Auch gibt es hier, im Gegensatz zu
Berlin, noch Freiräume, die Kreative sehr zu schätzen wissen.
„Geld ist hier nicht so dominant“, sagt die Kommunikations­
designerin und Café-Gründerin Johanna Rebers. „Die Leute sind
hier viel entspannter, es wird mehr improvisiert.“ Doch mit dem
Aufschwung verändert sich die Stadt. Es wird enger und lauter,
Kita-Plätze fehlen. Leer stehende Villen und günstige Mieten
sind rarer geworden. „Die Häuser, vor denen draußen 50 Fahr­
räder stehen und drinnen der Putz abbröckelt, werden weniger“,
sagt der Leipziger Maler Tilo Baumgärtel (siehe auch Seite 48).
Vor allem westdeutsche und ausländische Investoren kaufen
Häuser und Land, bebauen jede noch so kleine Lücke. Nicht
einmal zehn Prozent der Immobilien in der Stadt gehören
Leipzigern. Die Gentrifizierung vertreibt Geringverdiener aus
ihren alteingesessenen Quartieren. Und davon gibt es viele. Eine
Fachkraft verdient in Leipzig im Schnitt 20.000 Euro pro Jahr
weniger als in einer Stadt wie Frankfurt am Main.

Baulöwen und Dichter
Vor allem junge Leute zieht es hierher. Über 40.000 Studenten
prägen das Stadtbild. Der neue, moderne Campus der Universität
ist in bester Lage, mitten im Stadtzentrum, gleich neben Oper
37

Titelthema · Leipzig

„Maschinelles Lernen und
künstliche Intelligenz ist auch
für die Logistik ein Thema.“

Hochglanz und Hightech:
Der Jugendstilbau der Commerzbank zitiert vergangene Zeiten (unten). Im Leipziger Logistics
Living Lab testen Wirtschaftsinformatiker der
Universität gemeinsam mit regionalen
Unternehmen Zukunftstechnologien für die
Logistikbranche (rechts).

und Gewandhaus. Hier sitzt auch Bogdan Franczyk, Professor
für Wirtschaftsinformatik. Von seinem Büro aus schaut er zwar
nur auf die Hauswand gegenüber, aber dafür hat er mit seinen
jungen Kollegen gerade das futuristisch anmutende Logistics
Living Lab in der prunkvollen Mädler-Passage bezogen, die nur
wenige Schritte vom Uni-Campus entfernt ist. Touristengruppen
stehen in der Passage staunend vor den überlebensgroßen
Figuren von Faust und Mephisto an den Stufen zu Auerbachs
Keller. Das Lieblingslokal des jungen Leipziger Studenten
Johann Wolfgang von Goethe war später Schauplatz in seinem
ersten Faust-Roman. Nur ein paar Meter weiter geht es hinter
einer schweren, alten Holztür in das Logistics Living Lab der
Leipziger Universität.

Künstliche Intelligenz statt Papierkram
Hier eröffnet sich eine ganz andere Welt: Drohnen und VirtualReality-Brillen stehen neben raumgreifenden Monitoren und
bequemen Sitzgruppen. „Wir verfolgen damit ein neues For­
schungskonzept“, erläutert Stiftungsprofessor Stefan Mutke, der
das Labor leitet. „Unseren Firmenpartnern zeigen wir hier aktuelle Trends und Entwicklungen aus der Logistik. Gleichzeitig
können wir gemeinsam experimentieren und unsere Ideen weiterentwickeln.“ Insbesondere regionale mittelständische Unter­
nehmen wollen die Informatiker mit ihrem Labor ansprechen.
Die Region um Leipzig hat sich in den letzten 10 Jahren zum
wichtigsten Logistikstandort in Ostdeutschland entwickelt.
Neben Porsche und BMW haben sich Automobilzulieferer und
38

Leipzig · Titelthema

Amazon hier angesiedelt, der Paketdienst DHL hat sein europäisches Drehkreuz am Leipziger Flughafen.
Auch Praktika und Seminare für Studenten finden im Logis­
tics Living Lab statt. Platz ist genug. Die Räume mit Blick in die
historische Passage sind mehrere hundert Quadratmeter groß.
Das Logistics Living Lab ist aus der InnoProfile-Transfer-Initia­
tive LSEM – Logistik Service Engineering und Manage­ment
entstanden und wurde vom Bundesforschungsministe­
rium
gefördert. Ging es den Wirtschaftsinformatikern zunächst
darum, die Digitalisierung der Logistikbranche voranzubringen,
verfolgen sie mit dem Lab nun neue Ziele. „Maschinelles Lernen
und künstliche Intelligenz ist auch für die Logistik ein Thema“,
sagt Bogdan Franczyk. „Virtuelle Intelligenz soll künftig aufwändige Arbeiten visualisieren und den Menschen die Arbeit
erleichtern.“ Lastendrohnen für den internen Werksverkehr
gehören dazu, autonome Transportroboter, die Lagerwaren
selbstständig von A nach B fahren, oder Datenbrillen, die Lager­
arbeitern Regalnummer und Warenmengen anzeigen. Das spart
Papier und vermeidet Fehler. „Wir wollen mit dem Lab dazu
beitragen, dass die Region innovationsfähig wird“, sagt Stefan
Mutke.

Ur-Ahnenforschung
Innovationsfähig ist Leipzig zweifellos. Allein die Leibniz- und
Helmholtz-Gemeinschaft sowie die Fraunhofer- und MaxPlanck-Gesellschaft haben hier elf Forschungsinstitute gegründet. Weltweit bekannte Wissenschaftler wie der Schwede Svante

Pääbo leben und forschen in Leipzig. Der Sohn des Biochemikers
und Nobelpreisträgers Sune Bergström ist einer der Grün­
dungs­
direktoren des Max-Planck-Instituts für evolutionäre
Anthropologie. Bereits als Doktorand schaffte er es auf den Titel
der Fachzeitschrift „Nature“. Er hatte zum ersten Mal Erbgut aus
den Zellen einer Mumie isoliert. Inzwischen hat der 63-Jährige
das Neandertaler-Genom entschlüsselt. Damit verbunden
waren überraschende Erkenntnisse über die Geschichte der
Menschheit: „Etwa ein Prozent der DNA bei uns Europäern
stammt vom Neandertaler“, sagt Pääbo. Bisher hatten die
Wissenschaftler angenommen, dass unsere Vorfahren ausschließlich Homo sapiens waren. Nach der aufwändigen
Sequenzierung jahrtausendealter DNS konnte Pääbos Team das
widerlegen. Vor mehr als 40.000 Jahren hatten einige Homo
sapiens tatsächlich Sex mit Neandertalern. „Von den gemein­
samen Nachkommen wurde ein kleiner Teil in den Menschen­
sippen großgezogen, während die Neandertaler ausstarben“,
erläutert der schwedische Paläogenetiker. Obwohl sie weniger
fortschrittlich und lernfähig waren, haben die Neandertaler
immerhin fast viermal so lange überlebt wie der moderne
Mensch bisher. „Vielleicht sollten wir erst mal abwarten, ob wir
das auch schaffen“, Pääbo lächelt.

Ein paar Affen und viele Menschen
Kollegen von Svante Pääbo untersuchen, gemeinsam mit
Wissen­schaftlern aus aller Welt, sogar noch weiter entfernte
Vorfahren von uns Menschen im Leipziger Zoo. Dort hat das
39

Kunst statt Fäden: Erst seit 18 Jahren stehen die Maschinen in der alten Baumwollspinnerei still. Seitdem beleben Künstler und Galerien das fast 10 Hektar große Areal.

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie ein
Primatenzentrum gegründet, um das Verhalten und die Wahr­
nehmungsfähigkeit von Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans
und Bonobos zu erforschen. Das Zentrum ist im Pongoland
angesiedelt, dem Menschenaffen-Areal des Zoos. Die zahlreichen Besucher des Zoos können dort den Wissenschaftlern bei
ihrer Arbeit zusehen. Der 140 Jahre alte Leipziger Zoo mit seinen
weitläufigen und naturnahen Gehegen erfreut sich enormer
Beliebtheit. Knapp 1,7 Millionen Besucher schlenderten letztes
Jahr über das 26 Hektar große Areal.

Heldenhafte Kulturstadt
Leipzig ist allerdings nicht nur für seinen Zoo bekannt, sondern
auch für den Mut und die Entschlossenheit seiner Bewohner.
Von der „Heldenstadt“, wie sie später genannt wurde, ging 1989
die friedliche Revolution aus. Tausende Menschen, die sich vom
Polizei- und Militäraufgebot der sterbenden DDR-Diktatur
nicht einschüchtern ließen, waren im Herbst 1989 auf der
Straße und bereiteten damit den Weg für den Fall der Mauer.
Unter ihnen auch Kurt Masur, der das international bekannte
Gewandhausorchester leitete. Einer seiner Vorgänger war der
Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy, ungefähr 150 Jahre
zuvor. Der gebürtige Hamburger gründete in Leipzig die erste
Musikhochschule Deutschlands, die heute seinen Namen trägt.
Musik hat einen hohen Stellenwert in der Stadt, in der Richard
40

Wagner geboren wurde, Gustav Mahler seine erste Sinfonie
schrieb und Johann Sebastian Bach viele Jahrzehnte als Kantor
wirkte. Touristen aus aller Herren Länder besuchen heute sein
Grab in der Thomaskirche und lauschen dem berühmten
Thomanerchor.

Kunst und Konsum
Zu den künstlerischen Ausbildungsstätten der Stadt zählt auch
die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), an der bekannte DDR-Maler wie Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang
Mattheuer studiert und gelehrt haben. In den 60er- Jahren
gründeten sie die „Leipziger Schule“, eine einzigartige Strömung
in der modernen Malerei. Zu der in den 2000ern etablierten
„Neuen Leipziger Schule“ gehören Maler wie Neo Rauch, der
inzwischen international bekannt ist. Sein Atelier hat er auf
dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei im Leipziger
Westen, in direkter Nachbarschaft zu vielen anderen Künstlern.
Zu ihnen gehört auch Tilo Baumgärtel, der ebenfalls an der HGB
studiert hat und mit seinem Stil zur „Neuen Leipziger Schule“
zählt (siehe auch Seite 48). Der gebürtige Leipziger arbeitete
noch bis vor kurzem in einem mehrere hundert Quadratmeter
großen Loft in der Spinnerei, das er auch als Wohnraum nutzte.
Inzwischen hat er sich verkleinert, die Mietkosten sind zu hoch
geworden. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände haben sich große
Galerien angesiedelt. Dreimal im Jahr, zum großen Spinnerei-

Leipzig · Titelthema

Rundgang, öffnen viele Künstler ihre Ateliers für Besucher.
Internationale Kunstliebhaber kommen in die Galerien, um
hier einzukaufen. Das hat auch Einfluss auf die Umgebung der
Spinnerei. Prägten noch vor zehn Jahren die Alteingesessenen
das traditionelle Arbeiterviertel, hat sich der Leipziger Westen
nun mit Kneipen, Cafés und kleinen Läden zum angesagten
Szeneviertel entwickelt.

„Wenn wir uns entwickeln
wollen, müssen wir schauen,
dass wir in der Gründerszene
etwas säen, das hier wächst
und hier bleibt.“

Businessbeschleuniger und
Datenmanager
Zwischen den Künstlerateliers und Galerien der ehemaligen
Baumwollspinnerei hat auch das SpinLab eine geräumige
Fabriketage gemietet. Das Gründerlabor der Handelshochschule
Leipzig, eine der wichtigsten privaten Business-Schools Europas,
nimmt alle sechs Monate bis zu zehn Gründer mit ihren viel
versprechenden Ideen in den „Accelerator“ auf. Wer die strengen Bewerbungskriterien erfüllt, kann an Workshops und
Trainings teilnehmen, die fit machen für den Markt. „Wir unterstützen die Start-ups bei der Markteinführung und der
Finanzierung“, sagt Eric Weber, Manager des SpinLab. „Wir
haben sehr gute Kontakte zu großen Unternehmenspartnern,
die dabei helfen.“ Insgesamt 30 Millionen Euro haben die Jung­

Kreatives Potenzial: Direkt neben den Ateliers
der Spinnerei finden junge Gründer im SpinLab
tatkräftige Unterstützung für ihre Ideen und
einen erfolgreichen Geschäftsstart.
41

Leipzig-Fan: Der Hannoveraner HansChristian Brockmann, Geschäftsführer
der Brox GmbH, liebt Leipzig und hat
hier eine Tochterfirma gegründet, das
IT-Unternehmen eccenca.

unternehmer mit Unterstützung des SpinLab in den letzten drei
Jahren bereits eingeworben.

Säen und ernten
Während das SpinLab offen ist für Bewerber aus allen Bereichen
und Regionen, unterstützt die Universität Leipzig mit ihrer
Gründerinitiative Smile ausschließlich Absolventen der Uni, die
sich selbstständig machen oder ein Unternehmen gründen wollen. „Ausgründungen sind in Leipzig und überhaupt in Ost­
deutschland sehr wichtig“, meint Professor Volker Lenk,
Prorektor der Universität Leipzig. „Wenn wir uns entwickeln
wollen, müssen wir schauen, dass wir in der Gründerszene
etwas säen, das hier wächst und hier bleibt.“
Dass Leute aus ganz Deutschland ihre Start-ups in Leipzig
gründen wollen, hat auch mit den Fachkräften zu tun, die hier
leichter zu finden sind als anderswo, vor allem in der IT-Branche.
Sowohl an der Universität als auch an der Hochschule für Tech­
nik, Wirtschaft und Kultur – HTWK Leipzig gibt es Infor­matikStudiengänge und jede Menge gut ausgebildeter Absol­venten.

Virtuelles Gold

„Daten sind das neue Gold und der,
der die Daten beherrscht, hat das
Potenzial zu wachsen.“

42

Diese Erfahrung hat auch Professor Sören Auer gemacht, der
gemeinsam mit Hans-Christian Brockmann, Geschäftsführer
der Brox GmbH, das IT-Unternehmen eccenca in Leipzig
gegründet hat: „Durch die enge Zusammenarbeit mit der
Universität können wir junge, gut ausgebildete Fachkräfte
gewinnen“, sagt er. Sören Auer hat an der Leipziger Universität
promoviert und ist inzwischen Direktor der Technischen
Informationsbibliothek in Hannover. Leipzig ist jedoch weiterhin sein Hauptwohnsitz.
Die eccenca gehört zu den rund 200 Start-ups in der Stadt,
von denen die meisten in der IT-Branche angesiedelt sind. „Wir
helfen Unternehmen, Daten in den Griff zu bekommen“, sagt
Hans-Christian Brockmann. „Es gibt immer mehr Kooperationen
in der Arbeitswelt und das wird von Daten, Informationen und
Wissen begleitet“, ergänzt Auer. „Da braucht man einen systematischen Ansatz, um die Vernetzung von Daten zu organisieren. Die eccenca hat ein Tool entwickelt, das genau das ermöglicht.“

Leipzig · Titelthema

Gründerzeitcharme trifft mediterranes Flair:
Leipziger gehören zu den sprichwörtlichen
Kaffeesachsen, die ihr Heißgetränk bei
gutem Wetter am liebsten ganz entspannt
draußen genießen.

43

Titelthema · Leipzig

„Wir hatten schon länger die Idee,
mal was zu starten,
aber es war nie der Ort dafür da.“

44

Leipzig · Titelthema

Um solche Ideen überhaupt entwickeln zu können, hat die
Mutterfirma Brox vor fünf Jahren federführend den Wachs­
tumskern LEDS ins Leben gerufen, der vom Bundes­for­schungs­
ministerium gefördert wurde. LEDS steht für Linked Enterprise
Data Service, genau das Thema, mit dem sich auch eccenca
beschäftigt.
Inzwischen ist die Firma gewachsen. Die liebevoll sanierten
Räume in dem über 100 Jahre alten Messehaus in der Leipziger
Innenstadt werden als Firmensitz langsam zu eng. Hans-Chris­
tian Brockmann erklärt die große Nachfrage so: „Daten sind das
neue Gold und der, der die Daten beherrscht, hat das Potenzial
zu wachsen.“
Auch wenn nicht alle solche Erfolgsgeschichten schreiben
können wie die eccenca, haben von den 41 Start-ups, die in den
letzten drei Jahren ins SpinLab kamen, mehr als 90 Prozent
überlebt. Was ist mit den restlichen? „Nach der Grün­dungs­
förderung kommt das sogenannte Tal des Todes“, meint Volker
Lenk, „wo die Förderung aufhört, aber man noch nicht so stark
am Markt ist.“ Dieses Problem wollen die Leipziger Gründer­
initiativen künftig mit einem sogenannten Frühphasen-Fonds
auffangen.

Mehr Leben im Viertel
Von einer solchen Unterstützung haben Johanna Rebers und
Valeska Hoischen nur träumen können. Ihre Idee, Kom­mu­
nikation, Design und guten Kaffee miteinander zu verbinden,
passte in keine Förderrichtlinie. Johanna und Valeska haben in
Münster zusammen Kommunikationsdesign studiert. Obwohl
die Niedersächsin und die Rheinländerin eher zufällig nach
Leipzig gekommen sind, wollten sie nicht mehr weg. „Für mich
war klar: Ich will in Leipzig bleiben, weil mich diese Stadt total
eingenommen hat“, sagt die 28-jährige Johanna. Ihre Freundin
Valeska kam ein Jahr später. Gemeinsam gründeten sie eine WG
im Waldstraßenviertel, dem ehemals jüdischen Viertel im

Zentrum der Stadt. Es ist das größte erhaltene Gründerzeit­vier­tel Europas, in dem sich die prachtvollen Bauten mit ihren
Dach­
türmen, Erkern und Stuckverzierungen gegenseitig zu
überbieten scheinen. Allerdings fehlt es dem schicken Wohn­
viertel an Leben. „Wir haben die Marktlücke hier gesehen“, sagt
Johanna. „Das Viertel ist sehr stabil, traditionell, aber ein bisschen verstaubt.“ Sie lacht. Als die beiden einen freien Raum
entdeckten, haben sie nicht lange gezögert. „Wir hatten schon
länger die Idee, mal was zu starten, aber es war nie der Ort dafür
da“, erzählt Valeska. Den großzügigen, lichtdurchfluteten Raum,
eine ehemalige Metzgerei, haben sie monatelang eigenhändig
renoviert und gestaltet, bevor sie das Café lauritz eröffneten.

Kaffee, Kuchen und Kaufhaus
Für die Möblierung hatten sie eine spezielle Idee. „Uns ist es
wichtig, nachhaltiges Design zu bewerben, ein Bewusstsein für
Qualität und Handwerk zu schaffen, damit man mal wegkommt
von dieser Wegwerfgesellschaft“, sagt Johanna. So wurde aus
dem Café gleichzeitig ein Showroom mit Möbeln von regionalen Handwerkern und deutschen Designern, die sie unentgeltlich zur Verfügung stellten. Bei Kaffee und Kuchen können die
Besucher nebenbei noch Stühle und Tische ausprobieren. Das
Konzept ging auf, der Möbelverkauf läuft gut. „Das hätte auch
schiefgehen können“, sagt Johanna. „Die Firmen und Hand­
werker haben ja eine gewisse Erwartung, wenn sie ihre Möbel
hierher stellen. Wenn nichts verkauft wird, würden wir irgendwann ohne dastehen“, sie lacht.
Valeska und Johanna setzen jedoch nicht nur auf ein Pferd.
Neben der Gastronomie widmen sie sich weiterhin ihren Auf­
trä­­gen als Kommunikationsdesignerinnen. Das lauritz sehen die
beiden als eine Art Referenzobjekt, mit dem sie über die Raum­
gestaltung kommunizieren und gleichzeitig soziale Netzwerke
schaffen. „Die Stadt so ein bisschen zu verknüpfen, das macht
Spaß zu sehen, wie gut das funktioniert“, freut sich Valeska.

Design und Genuss: Valeska Hoischen (links) und Johanna Rebers haben aus einer ehemaligen Metzgerei
im Leipziger Waldstraßenviertel einen Wohlfühlraum gemacht. Neben Kaffee und Kuchen gibt es hier
auch regionale Möbel.
45

Obwohl die Leipziger leidenschaftlich gerne Kaffee trinken – in
der Stadt gibt es eines der ältesten Kaffeehäuser Europas –, zieht
es sie bei Sonnenschein doch eher ins Grüne.
„Nach Leipzig gehen von außen zahllose grüne Zungen in
die Stadt“, sagt der Maler Tilo Baumgärtel. „Das bringt so eine
andere Atmosphäre. Es ist nicht alles Geometrie, es gibt nicht
nur Parks, sondern auch Wildnis.“ Neben wilden Wäldern und
pittoresken Parks hat die Stadt auch jede Menge Gewässer:
Flüsse, Kanäle, Wehranlagen und Bäche. Vor den Toren Leipzigs,
wo noch vor 25 Jahren hässliche Tagebaulöcher klafften, ist eine
riesige Seenlandschaft entstanden. Braunkohlebagger stehen
nur noch als Museen unweit der zahlreichen Badestrände und
Yachthäfen. 1989 sah es hier noch anders aus. Die Landschaft
war zerklüftet, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Braun­
kohlekraftwerke und Chemiefabriken verpesteten die Luft.
Wenn heute der Blick über das glitzernde Wasser und die sandigen Buchten schweift, ist das kaum noch zu glauben. Ringsherum
sattes Grün, die Natur hat sich das verwundete Land zurückgeholt. Und das alles nur 15 Minuten vom quirligen Stadtzentrum
entfernt. „Leipzig ist schon eine verdammt geile Stadt“, meint
Oberbürgermeister Burkhard Jung. Irgendwie hat er recht.

46

Leipzig · Titelthema

„Leipzig ist schon
eine verdammt
geile Stadt.“

Am Wasser gebaut: Leipzig mit seinen
sieben Flüssen, zehn Kanälen, Wehren und
acht Seen wird auch das Venedig des Nordens
genannt. Die meisten Seen sind geflutete
ehemalige Tage­baue, der erste von ihnen ist
der Cospudener See (Seite 46 unten).
47

Titelthema · Leipzig

„Eine Zeit lang hätten wir alles
verkaufen können“

48

Leipzig · Titelthema

Der Maler Tilo Baumgärtel über die Kulturszene in seiner Heimatstadt, eine
problematische Erwartungshaltung und schwindende Freiräume.
Herr Baumgärtel, wie kam es, dass Sie nach der 10. Klasse eine
Berufsausbildung mit Abitur zum Werkzeugmacher begonnen
haben?
Das war bloß mein DDR-Umweg. Ich hatte keinen Abiturplatz
bekommen und wollte unbedingt das Abitur machen. Zuerst
war es ein Drama, weil ich Angst hatte vor diesen riesigen
Maschinen. Aber die habe ich dann abgelegt und es ist okay
gewesen, so was mal kennengelernt zu haben.
Dann sind Sie aber nicht Ingenieur geworden, sondern haben sich
Ihren Wunsch erfüllt und ein Studium an der Hochschule für Grafik
und Buchkunst begonnen. Wie war das Anfang der 90er-Jahre?
Es gab eine sehr emsige Avantgarde, eine Kunst-Untergrundszene,
die an der staatlichen Kunstauffassung meilenweit vorbeimarschierte. Diese Menschen haben sich an der HGB getroffen, da
wollte ich dazugehören.
Wie haben Sie die Stadt während des Studiums wahrgenommen?
In Leipzig gab es in den 90er-Jahren optimale Bedingungen für
Künstler: riesige Räume, wenig Miete, eine geile Kulturszene
mit Off-Galerien, Off-Spaces, viele Studenten, alles war Wild­
wuchs und Natur.
Gab es in dieser Zeit, kurz nach dem Mauerfall, einen Umschwung
an der HGB?
Der Umschwung fand maximal im Wechsel der Professoren
statt, so Stück für Stück. Aber es war nicht so, dass alle gesagt
haben: Gott sei Dank gibt es jetzt endlich mal eine andere Kunst­
­auffassung aus Frankfurt/Main, Basel oder anderswo. Ich fand
es nicht unbedingt spannender als das, was die DDR-MalereiProfessoren gelehrt haben.
Wie wurde die Leipziger Malerei damals wahrgenommen?
In den 90ern war die Leipziger Malerei komplett out, niemand
wollte was davon wissen. Die HGB wurde vor allem von der
westdeutschen und der internationalen Presse mit sozialistischer, realistischer Kunst in Zusammenhang gebracht. Die
Figuration galt als ein Indiz dafür, dass man noch nicht darüber
hinweg war, was totaler Quatsch war.
Warum hat sich diese Wahrnehmung geändert?
Wenn man dann dranbleibt und trotzdem weitermacht, was
viele junge Künstler gemacht haben, dann ist es wieder interessant. Man muss über einen Punkt hinwegkommen und deutlich
machen: Das ist nicht der alte, muffige Kram, sondern es sind
junge Künstler, die hier in einer Quasi-Tradition arbeiten. Dass
jemand stundenlang mit einer Intensität an einer Leinwand
malt, das ist dann doch aufgefallen.

Und dann kam der große Hype um die Maler der Leipziger Neuen
Schule?
Wir haben uns als junge Maler gegenseitig beobachtet, jeder
wollte eine eigene Sprache, oder besser ein eigenes Alphabet,
kreieren. Das war ein interessantes Spiel, diese klassische Malerei
in die zeitgenössische Kunst einzubringen. Es wurde dann ein
längeres Projekt daraus, als wir dachten. Eine Zeit lang, als der
internationale Fokus auf uns fiel, hätten wir alles verkaufen
können.
Wie war das, auf einmal so bekannt und begehrt zu sein?
Ich hatte teilweise Probleme damit, weil es immer einen gewissen Zeitdruck gab und eine unbestimmte Erwartungshaltung.
Ich habe vorher nie nach einer Erwartungshaltung gemalt, sondern immer aus mir selbst heraus. Wir hätten eine Anleitung
bekommen sollen, wie man damit umgeht. Es gab keine richtige
Strategie und keine hilfreichen Ratschläge.
Und wie sieht es heute aus mit der Neuen Leipziger Schule?
Ich finde, dass sie sich erstaunlich gehalten hat. Sie hat ihre
innere Stabilität bewahrt. So absturzgefährdet Künstler auch
sind, niemand von denen ist verschwunden, es bewegen sich
alle irgendwie auf einer eigenen Spur.
Wie ist Ihre Situation inzwischen?
Ich male sehr viel, mache aber auch immer mal etwas anderes,
zum Beispiel Bühnenbilder fürs Deutsche Theater in Berlin,
und ich habe eine Vertretungsprofessur. Ich komme klar und
bin neugierig, wie immer.
Welche Bedingungen haben Künstler heute in Leipzig?
Die Häuser, vor denen draußen 50 Fahrräder stehen und drinnen der Putz abbröckelt, werden weniger. Die Stadt füllt sich, es
gibt mehr Mietstress. Als Student muss man irgendeinen Neben­
job machen. Für Kunststudenten ist das blöd, weil man in der
Zeit, in der man das Geld fürs Atelier verdient, nicht im Atelier
sein kann. Aber es gibt immer noch Freiräume.
Was sind Ihre Pläne?
Immer besser werden, meine Möglichkeiten erweitern. Das ist
mein Dauerlebensprojekt, dass diese Arbeit immer dichter wird,
dass ich das ausbauen kann. Meine Vision ist, davon nicht abzurücken. Ich will nicht sagen: Okay, ich habe jetzt eine Familie
und mache etwas, was sich in erster Linie gut verkaufen lässt.
Ich würde mir lieber selbst immer ähnlicher werden.

Herr Baumgärtel, vielen Dank für das Gespräch.
49

10
... Jahre in der Zukunft spielt der deutschenglische Kinofilm „My Zoe“, für den unter
anderem Julie Delpy und Daniel Brühl
vor der Kamera stehen. Im Vorfeld suchten die Filmemacher nach futuristischen
und gleichzeitig realistischen Technologien
– und wurden bei „smart3“ fündig. Das
Zwanzig20-Konsortium liefert überzeugende Demonstratoren ans My-Zoe-Set, die
nun prominent in Szene gesetzt werden
sollen. Dazu gehört der „Solar Curtain“, der
seine blütenförmigen Lamellen, je nach
Wärmeentwicklung, mithilfe von Form­
gedächtnisdrähten öffnen und schließen
kann.

70
Prozent der Pflegebedürftigen werden
hierzu­
lande zuhause betreut. Zu fast 45
Prozent über­
nehmen Angehörige diese
intensive Aufgabe. Um sie und professio­
nelle Kräfte zu entlasten, will das sachsen-anhaltische WIR!-Bünd­
nis „TDG –
Translationsregion digitalisierte Gesund­heits­
versorgung“ die Pflege stärker digi­talisieren.
So soll die Roboterdame „Thea“ Patienten
audiovisuell über den Verlauf einer Magnet­
resonanztomografie informieren, zu Gym­
nastikübungen anleiten und dabei für eine
positive Grundstimmung sorgen. SachsenAnhalt gilt als Modellregion für die demografische Entwicklung in Deutschland.
50

Zahlen, bitte!

33
… Professuren im Recyclingbereich hat die
Technische Universität Clausthal mittlerweile
eingerichtet – und damit mehr als jede andere
deutsche Hochschule. In Zusammenarbeit mit
der Universität Magdeburg, der Hochschule
Magdeburg-Stendal und der Hochschule Nord­
hausen ist die „Recyclingregion Harz“ entstanden. Gemeinsam mit regionalen Unternehmen
wollen die Hochschulen eine „Wertstoffwende“
herbeiführen und den Strukturwandel in dem
traditionellen Bergbaurevier Harz gestalten. Das
Bundesforschungsministerium fördert diese
Initiative als „Innovation & Strukturwandel“Pilotvorhaben.

500.000.000
… Euro kostet nach vorsichtigen Schätzungen
die Zulassung eines neuen Antibiotikums. Auch
deshalb ziehen sich immer mehr Pharma­kon­
zerne aus der Antibiotika-Forschung zurück.
Einen anderen Weg geht das Zwanzig20-Kon­
s­
ortium „InfectControl 2020“, das seit 2013
vom Bundesforschungsministerium gefördert
wird. Der von InfectControl-2020-Partnern
entwickelte Wirkstoff BTZ043 wird derzeit in
einer klinischen Studie erstmals am Menschen
getestet. Er soll Mykobakterien – die Erreger
der Tuberkulose – bekämpfen und auch gegen
multiresistente Erregerstämme wirken.

Herr Kunz, was sind eigentlich
Basaltfasern?
Wie kann man aus Steinen Fäden – oder genauer Fasern –
machen? Basaltfasern werden aus Basaltgesteinen in einem
ther­­­mischen Schmelzspinnverfahren bei ca. 1.400 Grad Celsius
hergestellt. Die flüssige Gesteinsmasse fließt aus der Schmelz­
wanne über zahlreiche Düsen, kühlt dabei ab und bildet in jeder
Düse einen hauchdünnen Endlosfaden. Die Dicke dieses Fadens
hängt ab von verschiedenen Einflussfaktoren, z.B. der Tempe­
ratur und damit der Viskosität der flüssigen Gesteinsmasse, dem
Durchmesser der Düsen, aber auch der Geschwindigkeit, mit
der die einzelnen Fäden aus den Düsen „abgezogen“ werden.
Ausschlaggebend hierfür ist die Drehzahl der Spule, auf die der
Faden aufgewickelt wird. Die Fäden sind hauchdünn (zwischen
10 und 15 Mikrometern) und somit wesentlich dünner als
mensch­liches Haar (etwa 50 bis 100 Mikrometer). Anschließend
werden die Fasern zu Bündeln aus parallelen Fasern gelegt.
Diese sogenannten Rovings werden i.d.R. von 70 bis 4800 tex
her­­­gestellt (1 tex = 1 Gramm je 1000 Meter) und eignen sich für
die Herstellung textiler Zwischenprodukte.
Am häufigsten findet man Basaltfasern derzeit in Faser­verbund­
strukturen; der Bereich Bau und Konstruktion dominiert mit
einem Marktanteil von rund 37 Prozent. Anwendungen für
Verkehr und Elektronik werden in den kommenden Jahren
allerdings am stärksten zunehmen. Darüber hinaus werden wir
Basaltfasern wohl auch in Sportgeräten, in Weltraum- und Luft­
fahrtkomponenten und in militärischer Ausrüstung wiederfinden. Das macht Sinn, denn die Fasern sind mechanisch und
thermisch hoch belastbar und widerstehen sowohl vielen
Chemikalien als auch UV-Strahlung. Außerdem ist die Basalt­
faser ein Naturprodukt, das mit einem kleinen ökologischen

Fußabdruck überzeugt: Basaltfasern kann man ressourcenschonend herstellen, sie lassen sich recyceln und trumpfen im
Vergleich zu anderen Hochleistungsfasern mit einer guten CO2Bilanz auf. Damit sind sie eine kostengünstige, ökologische und
in hohem Maße regional verfügbare Ergänzung zu anderen
mineralischen oder synthetischen Fasern wie Glasfasern und
Carbonfasern.
Der Ursprung der Basaltfaser liegt in der ehemaligen Sowjet­
union, wo sie für Anwendungen in der Luft- und Raum­fahrt
entwickelt wurde. Nicht von ungefähr findet man dort auch die
wichtigsten Hersteller. Aber auch in China, den USA und in
Deutschland haben sich einige Hersteller etabliert. Die weltweite Jahresproduktion liegt bei etwa 18.000 Tonnen, was jedoch im
Vergleich zur Glasfaser verschwindend gering ist.
Eine Herausforderung für die Branche stellen nach wie vor die
Schwankungen in der Produktqualität und damit der physikalischen Eigenschaften der Basaltfasern dar. Die Gründe liegen
hauptsächlich in der unterschiedlichen Zusammensetzung der
Basaltrohgesteine, die in derzeitigen Produktionsanlagen noch
nicht gezielt ausgeglichen werden können. In den letzten Jahren
ist es dafür zunehmend gelungen, die Schwierigkeiten bei der
Verarbeitung von Basaltfasern in den Griff zu bekommen. Schon
heute sind Zwischenprodukte aus Basaltfasern an allen Sta­tio­
nen der textilen Wertschöpfungskette angekommen.
Torsten Kunz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der industrie­nahen
Forschungseinrichtung INNOVENT in Jena und verantwortet dort die
Forschungen zur Mineralfaserherstellung und -modifizierung

51

Mein Schreibtisch + ich

Franziska Wegele
Franziska Wegele ist Projektleiterin bei der
Navispace AG, einer Innovations- und
Marketingplattform für neue Technologien
im oberbayerischen Herrsching. Im Jahr
2018 organisierte sie das Innovations­­
forum Mittelstand „BIM – Building Information Modeling“, das die vollständige
Digitalisierung von Hochbau- und Infrastrukturprojekten vorantreibt.

Wearables sind kleine Computersysteme, die in
Körpernähe, am oder sogar im Körper getragen werden.
„UpRight“ ist ein Gerät, das man zwischen die Schulter­
blätter klebt und das kurz vibriert, wenn man zu lange
krumm sitzt. Den Prototypen hat damals die NavispaceTochter Wearable Technologies bekommen, eine weltweit
führende Innovationsplattform in diesem Bereich.
Wearable Technologies hat ein Ökosystem mit mehr als
30.000 Firmen aufgebaut und berät viele von diesen
regelmäßig. Außerdem veranstaltet das Unternehmen
unter anderem Konferenzen in San Francisco, Singapur
und München.

Seit über zehn Jahren organisieren wir einen
weltweit etablierten Open-InnovationWettbewerb für das Internet der Dinge und für
tragbare Technologien. Über 1.000 Start-ups
und Techpreneure machen jedes Jahr mit. Die
Finalisten stellen wir unter anderem in dieser
Broschüre vor. Eine internationale Jury wählt die
Gewinner aus, die dann auf unseren großen
Award-Verleihungen gekürt werden.

52

Regensburg! Meine Heimatstadt und die
beste Stadt weit und breit. Ich bin immer
noch wahnsinnig gerne dort, aber der
Ammersee im Voralpenland ist natürlich
auch wunderschön, und ich lebe und
arbeite sehr gerne hier. Von unserem Büro
sind es nur ein paar Schritte zum Seeufer
– das ist im Sommer unschlagbar!

Die Idee entstand am Ende eines langen
Tages, mitten im Vorbereitungsstress für
die „BIM World 2017“. Eigentlich war
das als Marketing-Gag gedacht, der bei
den Besuchern aber sehr gut ankam. Die
letzten Postkarten haben wir uns dann
selbst gesichert. Ich bin mir sicher, dass
wir auch dieses Jahr wieder eine kreative
Idee haben.
Gemeinsam mit einem Partner produzieren wir einmal im Jahr
das BIM Magazin. Es enthält unter anderem das Programm
und den Ausstellerkatalog zur „BIM World“ in München. Die
BIM World ist die Leitmesse für die Digitalisierung der Bauund Immobilienwirtschaft in Deutschland, Österreich und der
Schweiz und wird auch von uns organisiert.

53

Unternehmen Region – die BMBF-Innovationsinitiative Neue Länder
Der Ansatz von Unternehmen Region beruht auf einer einfachen Erkenntnis: Innovationen entstehen dort, wo sich Part­
ner aus Wirt­schaft und Wissenschaft, Bildung, Verwaltung und Politik in Innova­tionsbünd­nissen zusammenschließen,
um die Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit ihrer Regionen zu erhöhen.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt regionale Kooperationsbündnisse dabei, ein
eigenes zukunftsfähiges technologisches Profil zu entwickeln und konsequent die Stärken und Potenziale ihrer Region
zu nutzen und auszubauen. Kernstück jeder regionalen Initiative ist eine klare Inno­vations­strategie, die von Anfang an
auf die Umsetzung der neu entwickelten Produkte, Verfahren und Dienstleistungen im Wettbewerb ausgerichtet ist.
Unternehmen Region umfasst die folgenden Programme:
• InnoRegio (1999 bis 2006)
•	Innovative regionale Wachstumskerne mit Modul WK Potenzial
• Innovationsforen (2001 bis 2016)
• Zentren für Innovationskompetenz
• InnoProfile mit InnoProfile-Transfer
• ForMaT (2007 bis 2013)
•	Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation
Für die Förderung von Unternehmen Region stellt das BMBF in diesem Jahr rund 163 Mio. Euro zur Verfügung. Aufgrund
der Erfahrungen und Erfolge mit dem Programm „Innovationsforen“ hat das BMBF im Juli 2016 für ganz Deutschland
die Förderinitiative „Innovationsforen Mittelstand“ aufgelegt. Auf Unternehmen Region basieren ebenso die Initiative
„Innovation und Strukturwandel“ und das Pilot­programm „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“.

Weiterführende Informationen
Weiterführende Informationen zur
BMBF-Innovations­initia­tive Neue Länder im
Internet unter www.unternehmen-region.de
• Porträts und Profile
der regionalen Initiativen
•	Aktuelle Nachrichten
rund um „Unternehmen Region“
•	Publikationen zum
Downloaden und Bestellen

Ansprechpartner
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) | Referat Nachhaltige regionale Innovationsinitiativen
11055 Berlin | Tel.: 030 1857-5273 | Fax: 030 1857-85273 | info@unternehmen-region.de
Projektträger Jülich – PtJ | Zimmerstraße 26–27 | 10969 Berlin
Tel.: 030 20199-482 | Fax: 030 20199-400
DLR Projektträger, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V.
Rosa-Luxemburg-Straße 2 | 10178 Berlin | Tel.: 030 67055-481 | Fax: 030 67055-499
54

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Herausgeber
Bundesministerium
für Bildung und Forschung (BMBF)
Referat Nachhaltige regionale Innovationsinitiativen
11055 Berlin

Diese Publikation wird als Fachinformation des Bundesministeriums
für Bildung und Forschung kostenlos herausgegeben. Sie ist nicht zum
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oder Gruppen eingesetzt werden.

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Gestaltung und Text
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redaktion@unternehmen-region.de
Bildnachweise
Titel, S. 3, 36–37: Fotolia/netsign
Seite 4: Getty images/Vicky Kasala Productions; Weilbacher (AIP)
Seite 5: Fotolia/Miguel Garcia Saaved; Krebs GmbH
Seite 6/7: STFI/ W. Schmidt
Seite 11: TerraUrbana GmbH Zossen
Seite 15: PRpetuum GmbH
Seite 16: © Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
Seite 20: Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Foto: Max Mendez
Seite 21: Pressestelle Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
Seite 24: Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle,
Foto: Matthias Ritzmann; Fabian Hütter; Alexia von Salomon; Leopold Seiler
Seite 34: Fraunhofer IOF- Walter Oppel
Seite 44: Valeska Hoischen
Seite 50: iStock/bubaone; iStock/alexjuve; iStock/appleuzr; iStock/tumdee
Seite 51: William Veder
Seite 52/53: Navispace AG
Alle anderen Fotos: BMBF/Unternehmen Region/Thilo Schoch, Berlin

55

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