Path:
Periodical volume

Full text: Lebendige Stadt Issue 33.2016

Förderung der Städte

LEBENDIGE
STADT
J O U R N A L
Kultur, Freizeit, Erlebnis

Lutherstadt Wittenberg:
Bundespräsident weiht
Himmelskreuz ein
Städtekongress:
Bürger werden zu
Markenbotschaftern
Integration mit Sport:
Stiftungspreis geht
nach Nürtingen
Gelsenkirchen:
Lernort für Kinder
und Jugendliche
Schulhöfe:
Den Asphalt zum
Blühen bringen
Reiner Calmund:
Wir brauchen echte
Typen und Macher

33

Lebendige Stadt

Vor zehn Jahren ging in Karlsruhe die künstlerische Illumination des denkmalgeschützten Hallenbaus des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Betrieb – ein Förderprojekt der Stiftung „Lebendige Stadt“.

Fotos: Alexander Schmidt / Pauline Fabry / großes Titelbild: Jens Schlüter (epd-bild) / Reiner Calmund (kleines Titelbild)

Liebe Leserin, lieber Leser!

2

Die Stadt als Marke – darum drehte
sich alles auf dem 16. internationalen
Kongress der Stiftung „Lebendige
Stadt“. Schauplatz der Konferenz war
in diesem Jahr der Düsseldorfer Medienhafen. Welche Ideen, Anregungen und Konzepte die fast 400 Kongressbesucher mit nach Hause nehmen konnten, lesen Sie ab Seite 6.
Außerdem erklärt Prof Dr. Sebastian
Zenker von der Copenhagen Business
School, wie partizipatives Stadtmarketing funktioniert und wie Bürger zu
begeisterten Markenbotschaftern ihrer Heimatstadt werden (Seite 16).

Links:
Lichtfest in Leipzig.
Großes Titelbild:
Bundespräsident Joachim
Gauck weiht das „Himmelskreuz“ in der Lutherstadt
Wittenberg ein.
Kleines Titelbild:
Reiner Calmund, ehemaliger
Fußballmanager
von Bayer 04 Leverkusen.

Die Lutherstadt Wittenberg trägt ihren Markenkern schon im Namen. In
der Stadt in Sachsen-Anhalt begann
1517 die Reformation, als Martin
Luther seine 95 Thesen gegen den
Ablasshandel an die Tür der
Schlosskirche schlug. Aus Anlass des
500-jährigen Reformationsjubiläums
hat die Stiftung „Lebendige Stadt“
die Kunstinstallation „Himmelskreuz“
im Luthergarten von Wittenberg gefördert. Feierlich eingeweiht wurde
das Kunstwerk von Bundespräsident
Joachim Gauck (Bild auf der Titelseite, Bericht Seite 24).
Wie der Sport eine Stadtmarke prägen kann – darüber sprach Kölns

ehemaliger Oberbürgermeister Fritz
Schramma mit Reiner Calmund, ExFußballmanager von Bayer 04 Leverkusen. Im Interview erfahren Sie
außerdem, wie ein positiver Betriebsunfall eine sportliche Erfolgsgeschichte einleitete und warum Tradition keinen Umsatz sichert (Seite 18).
Sport und Flüchtlingsintegration –
darum ging es beim diesjährigen
Stiftungspreis-Wettbewerb zum Thema „Die integrierende Sportstadt“.
Dem Aufruf der Stiftung „Lebendige
Stadt“ waren insgesamt 286 Bewerber aus ganz Europa gefolgt. Wer bei
der Preisverleihung in Düsseldorf jubeln konnte, erfahren Sie ab Seite 20.
Wenn es darum geht, den eigenen
Schulhof zu verschönern, würden
82 Prozent der Schüler bei der Umgestaltung selbst mithelfen. So das
Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Stiftung
„Lebendige Stadt“ und der Deutschen Umwelthilfe. Im Rahmen ihrer gemeinsamen Bundesinitiative
„dein Schulhof“ werden jetzt drei
Pausenhöfe in Wiesbaden, Bad Doberan und Berlin in lebendige
Grünoasen verwandelt. Einen aktuellen Projektstand geben wir Ihnen
auf Seite 28.

In unserer Serie „Was macht eigentlich …?“ schauen wir immer wieder
nach, wie sich Förderprojekte der
Stiftung „Lebendige Stadt“ weiterentwickeln. In dieser Journalausgabe
schreibt Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, welche Impulse von der Illumination des Zentrums
für Kunst und Medien (ZKM) ausgegangen sind (Seite 34).
Außerdem berichten wir in diesem
Journal über den neuen Umwelt-Infopfad für Kinder und Jugendliche
im „Biomassepark Hugo“ in Gelsenkirchen – ein Förderprojekt der
„Lebendigen Stadt“ (Seite 26). Wir
nehmen Sie mit auf die jüngste Expedition des Polarforschers und Stiftungsrates Arved Fuchs (Seite 30).
Warum immer mehr Großstädter die
Vorzüge von Lastenrädern entdecken,
erfahren Sie auf Seite 32.
Und schließlich erläutert Bundesbauministerin Dr. Barbara Hendricks, mit
welchen Instrumenten der Bau dringend benötigter Wohnungen beschleunigt werden soll (Seite 38).
Und jetzt wünschen wir Ihnen viel
Freude mit dieser neuen Ausgabe
des Journals „Lebendige Stadt“.

3

Lebendige Stadt

Inhalt
28

Die Stiftung „Lebendige Stadt“

6

S T I F T U N G

LEBENDIGE STADT

Stiftungsrat

Vorsitzender:
Dr. Hanspeter Georgi,
Minister für Wirt­schaft
und Arbeit a.D. Saarland
Weitere Mitglieder:
Dr. Gregor Bonin,
Beigeordneter Mönchengladbach
Barbara Bosch,
Oberbürgermeisterin Reutlingen
Kirsten Bruhn,
Schwimmerin, Gold bei den
Paralympics 2004, 2008 und 2012
Rolf Buch,
Vorstandsvorsitzender Vonovia
Olaf Cunitz,
Bürgermeister a.D. Frankfurt am Main
Garrelt Duin,
Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie,
Mittelstand und Handwerk NRW
Dr. Alexander Erdland,
Vorstandsvorsitzender Wüstenrot &
Württembergische AG
Arved Fuchs,
Polarforscher
Andreas Geisel,
Senator für Stadtentwicklung
und Umwelt Berlin
Thomas Geisel,
Oberbürgermeister Düsseldorf
Dr. Monika Griefahn,
Direktorin Umwelt und
Gesellschaft AIDA Cruises
Dr. Herlind Gundelach, MdB,
Senatorin für Wissenschaft
und Forschung a.D. Hamburg
Hendrik Hering, MdL,
Staatsminister a.D. Rheinland-Pfalz
Joachim Herrmann, MdL,
Bayerischer Staatsminister des Innern,
für Bau und Verkehr
Dr. Eckart John von Freyend,
Aufsichtsratsvorsitzender
Hamborner Reit AG
Burkhard Jung,
Oberbürgermeister Leipzig
Prof. Dr. Harald Kächele,
Bundesvorsitzender Deutsche Umwelthilfe
Dr. Ulf Kämpfer,
Oberbürgermeister Kiel

Matthias Kohlbecker,
Kohlbecker Architekten & Ingenieure
Prof. Dr. Rainer P. Lademann,
Geschäftsführer Dr. Lademann & Partner
Lutz Lienenkämper, MdL,
Parl. Geschäftsführer
CDU-Landtagsfraktion NRW
Prof. Dr. Engelbert Lütke Daldrup,
Staatssekretär für Bauen und Wohnen Berlin
Dr. Frank Mentrup,
Oberbürgermeister Karlsruhe
Ingrid Mössinger,
Generaldirektorin
Kunstsammlungen Chemnitz
Klaus-Peter Müller,
Aufsichtsratsvorsitzender Commerzbank AG
Aygül Özkan,
Geschäftsführerin DB Kredit Service
Reinhard Paß,
Oberbürgermeister a.D. Essen
Burkhard Petzold,
Geschäftsführer F.A.Z. GmbH
Marcel Philipp,
Oberbürgermeister Aachen
Matthias Platzeck,
Ministerpräsident a.D. Brandenburg
Frank Rausch,
CEO Hermes Logistik Gruppe Deutschland
Henriette Reker,
Oberbürgermeisterin Köln
Jürgen Roters,
Oberbürgermeister a.D. Köln
Dr. Thomas Schäfer, MdL,
Finanzminister Hessen
Josef Schmid,
Zweiter Bürgermeister München
Bärbel Schomberg,
CEO und Gesellschafterin Schomberg & Co.
Real Estate Consulting
Edwin Schwarz,
Dezernent für Planen, Bauen, Wohnen und
Grundbesitz a.D. Frankfurt/Main
Prof. Dr. Burkhard Schwenker,
Chairman des Advisory Councils von
Roland Berger
Ullrich Sierau,
Oberbürgermeister Dortmund
Markus Ulbig, MdL,
Innenminister Sachsen
Prof. Jörn Walter,
Oberbaudirektor Hamburg
Prof. Götz W. Werner,
Gründer und Aufsichtsratsmitglied
dm-drogerie markt
Dr. Joachim Wieland,
CEO Aurelis Real Estate

Kuratorium

Vorsitzender:
Alexander Otto,
Geschäftsführungs­vorsitzender ECE
Stellvertretender Vorsitzender:
Wolfgang Tiefensee,
Minister für Wirtschaft, Wissenschaft
und Digitale Gesellschaft Thüringen,
Bundesminister a.D.
Weitere Mitglieder:
Torsten Albig, MdL,
Ministerpräsident Schleswig-Holstein
Prof. Dr. Willi Alda,
Universität Stuttgart
Jan Bettink,
Vorstandsvorsitzender Berlin Hyp
Dr. Eva Lohse,
Oberbürgermeisterin Ludwigshafen,
Präsidentin Deutscher Städtetag
Hildegard Müller,
Vorstand Netz & Infrastruktur innogy SE
Dr. Dieter Salomon,
Oberbürgermeister Freiburg i.B.
Prof. Dr. Wolfgang Schuster,
Oberbürgermeister a.D. Stuttgart
Dr. Michael Vesper,
Vorstandsvorsitzender Deutscher
Olympischer Sportbund

Vorstand
Vorsitzender:
Dr. Andreas Mattner,
Präsident ZIA Deutschland
Weitere Mitglieder:
Michael Batz,
Theatermacher und Szenograf
Friederike Beyer,
Geschäftsführerin Beyer PR Event
Dr. h.c. Peter Harry Carstensen,
Ministerpräsident a.D. Schleswig-Holstein
Gerhard Fuchs,
Staatsrat für Stadtentwicklung
und Umwelt a.D. Hamburg
Robert Heinemann,
Senior Director ECE
Wolfgang Kopitzsch,
Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord a.D.,
Polizeipräsident a.D.
Prof. Dr. Dittmar Machule,
Em. Professor HafenCity Universität
Hamburg, Department Stadtplanung
Prof. h.c. Dr. h.c. Fritz Schramma,
Oberbürgermeister a.D. Köln

Impressum

Bürger als Markenbotschafter:
Beim 16. internationalen
Kongress der Stiftung
„Lebendige Stadt“ drehte sich
in Düsseldorf alles um die
„Stadt als Marke“.

Journal „Lebendige Stadt”
Nr. 33/Dezember 2016

Herausgeber:
Stiftung „Lebendige Stadt”
Saseler Damm 39
22395 Hamburg

Redaktion:
Ralf von der Heide
(Chefredakteur, verantw.),
Andrea Peus (Stellv. Chefredakteurin)
Autoren dieser Ausgabe:
Rando Aust
(Vorstandsbevollmächtigter Stiftung
„Lebendige Stadt“),
Friederike Beyer
(Vorstand Stiftung „Lebendige Stadt“),
Dr. Barbara Hendricks
(Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit),
Prof. Dr. Dittmar Machule
(Vorstand Stiftung „Lebendige Stadt“),
Dr. Frank Mentrup
(Oberbürgermeister Karlsruhe),
Corinne Schmid
(Journalistin),
Silke Wissel
(Deutsche Umwelthilfe),
Prof. Dr. Sebastian Zenker
(Copenhagen Business School)
Sitz der Redaktion:
Saseler Damm 39
22395 Hamburg
Tel: 040/60876173
Fax: 040/60876187
Internet: www.lebendige-stadt.de
E-Mail: redaktion@lebendige-stadt.de
Art Direction und Layout:
Heike Roth
Druck:
Westdeutsche Verlags- und
Druckerei GmbH
Kurhessenstraße 4-6
64546 Mörfelden-Walldorf

16

30

18

32

Begeistern und einbinden:
Partizipative Strukturen im
Stadtmarketing können helfen,
die Verbundenheit der Bürger
mit ihrer Stadt zu stärken.

Einmal Antarktis und zurück:
Auf seiner jüngsten Expedition
„Ocean Change“ untersuchte
der Polarforscher Arved Fuchs
den Zustand der Meere.

Reiner Calmund:
Im Interview mit der „Lebendigen
Stadt“ erklärt der ehemalige
Fußballmanager von Bayer
Leverkusen, wie der Sport eine
Stadtmarke prägen kann.

Schnell, flexibel,
umweltfreundlich:
Das Fahrrad als wendige
Transportalternative – immer
mehr Großstädter entdecken
die Vorzüge von Cargo-Bikes.

34

20

Licht als Impulsgeber:
Vor zehn Jahren feierte
Karlsruhe die neue Illumination
des Zentrums für Kunst und
Medien (ZKM) – ein
Förderprojekt der Stiftung
„Lebendige Stadt“.

Stiftungspreis-Sieger:
Für ihr umfassendes Sport- und
Integrationsangebot
für Flüchtlinge ist Nürtingen
als integrierende Sportstadt
ausgezeichnet worden.

Auflage:
20.000 Exemplare
Das Journal „Lebendige Stadt”
erscheint zweimal im Jahr.

24

38

Premiere für das Himmelskreuz:
Bundespräsident Joachim
Gauck hat in der Lutherstadt
Wittenberg die Kunstinstallation
„Himmelskreuz“ eingeweiht –
ein Förderprojekt der Stiftung
„Lebendige Stadt“.

Turbo beim Wohnungsbau:
Wie der Bau dringend
benötigter Wohnungen
beschleunigt werden
kann – das erklärt
Bundesbauministerin
Dr. Barbara Hendricks.

3	Editorial
4	Stiftungsgremien

26

Lernort für Kinder und
Jugendliche:
In Gelsenkirchen hat die
„Lebendige Stadt“ die
Errichtung eines UmweltLehrpfades auf einem früheren
Zechenareal unterstützt.

4

Grüne Oasen statt
Asphaltwüsten:
Im Rahmen ihrer
Bundesinitiative „dein Schulhof“ fördern die „Lebendige
Stadt“ und die Deutsche
Umwelthilfe den Umbau
von drei Schulhöfen in
Bad Doberan, Berlin und
Wiesbaden.

4	Impressum
14 + 36 	 Stadtnachrichten
31 	

Stadtplanung braucht Nachwuchs

5

VON RALF VON DER HEIDE

Bürger als Markenbotschafter

6

Foto: Ulrik Eichentopf

Wie kann sich eine Stadt im Wettbewerb um Bewohner, Touristen, Unternehmen und Investoren
profilieren? Wie funktioniert Stadtmarketing? Und welche Akteure sind dabei wichtig?
Über diese zentralen Fragen diskutierten fast 400 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Kultur
und Wissenschaft auf dem internationalen Kongress „Die Stadt als Marke“, zu dem die
Stiftung „Lebendige Stadt“ im September 2016 in den Düsseldorfer Medienhafen eingeladen hatte.
7

Von links: Alexander Otto (Kuratoriumsvorsitzender Stiftung „Lebendige Stadt“),
Thomas Geisel (Oberbürgermeister
Düsseldorf), Dr. h.c. Peter Harry Carstensen
(Ministerpräsident a.D.) und
Dr. Monika Griefahn (Ministerin a.D.).

Lebendige Stadt

Kölns ehemaliger
Oberbürgermeister
Prof. h.c. Dr. h.c. Fritz
Schramma (links) und
Reiner Calmund, früherer Manager des
Fußballbundesligisten
Bayer 04 Leverkusen.

Unter den Kongressteilnehmern: Dr. Eva Lohse,
Oberbürgermeisterin
von Ludwigshafen und
Präsidentin des Deutschen
Städtetags, sowie viele
weitere Oberbürgermeister.

„Wie kann ich mich als Stadt profilieren? Was sind meine Stärken? Wie ist
die Wahrnehmung nach außen und
wie kann sie sich verändern?“ Diese
zentralen Fragen gingen alle Städte
an, betonte Alexander Otto, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Lebendige Stadt“. Als beispielgebende Projekte zur Aufwertung einer Stadt
oder eines Stadtteils nannte Otto
unter anderem die von der „Lebendigen Stadt“ geförderte Illumination
der Speicherstadt in Hamburg oder
die Zeche Zollverein in Essen.

Von links:
Alexander Otto,
Kuratoriumsvorsitzender Stiftung
„Lebendige Stadt“,
und Dr. Andreas
Mattner, Vorstandsvorsitzender Stiftung
„Lebendige Stadt“.

8

Das Thema des Kongresses sei „hochgradig relevant“, betonte auch Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas
Geisel in seiner Begrüßungsansprache. Düsseldorf habe sich deshalb auf
den Weg gemacht, eine Dachmarke
und eine Markenstrategie zu formulieren. Die erste und wichtigste Interessengruppe dabei müssten immer
die Menschen sein, die in der Stadt
leben, so Geisel. „Werden sie nicht
erreicht, bleibt die Marke kraftlos
und verkommt zur reinen kommuni-

kativen Hochglanzveranstaltung“,
sagte der Oberbürgermeister.

Umdenken ist möglich
„Ruhrgebiet: Mit Stadtmarketing gemeinsam gegen Vorurteile“ – wie das
funktionieren kann, erläuterte Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Garrelt Duin in seinem Vortrag.
Aufbauend auf Tradition in neue Zeiten gehen – das sei vielfach die Herausforderung. Sie erfordere viele kleine Bausteine und gleiche einem Marathonlauf, so der Minister. Viele
Kommunen könnten diese Aufgabe
auch nicht alleine stemmen. In diesem Fall biete regionales Standortmarketing große Chancen. Als Beispiel nannte Duin die Region Ostwestfalen-Lippe, die sehr erfolgreich
mit dem Technologie-Netzwerk und
Slogan „It’s OWL“ für sich werbe. Die
Wahrnehmung einer Stadt und einer
Region sei veränderbar, zeigte sich
Duin außerdem überzeugt. Ein positives Beispiel dafür sei der neue Biomasse-Park auf Zeche Hugo in Gelsenkirchen. Dort fördert die Stiftung
„Lebendige Stadt“ einen Lehrpfad für
Kinder (siehe auch Bericht Seite 26).

Kunst als magischer
Schlüssel
Ruth Mackenzie, seit 2014 künstlerische Leiterin des Hollandfestivals,
erläuterte den Konferenzteilnehmern,
welchen Einfluss Kulturevents auf
eine Stadtmarke haben. Kunst könne
helfen, die Verbindung zwischen
Identität und Marke herzustellen. Sie
könne die eigenen Werte in eine
Marke übersetzen. „Ich glaube, Kunst
kann ein magischer Schlüssel sein,
um eine Marke aufzubauen – in Partnerschaft mit den Bürgern und Kultureinrichtungen“, so Mackenzie, die

als Kulturbeauftragte der Olympischen Spiele 2012 in London ein
landesweites Kulturprogramm mit
25.000 Künstlern, 900 Veranstaltungen und 137 Uraufführungen auf die
Beine stellte. Die Bilder dieses Kulturfestivals seien um die Welt gegangen
und hätten die Botschaft verbreitet,
„dass London viel mehr ist als Nebel
und Regen, Sherlock Holmes und Jack
the Ripper“, sagte Mackenzie.

Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel.

Eine Marke entsteht
im Kopf
In neun Schritten zur starken Stadtmarke – so der Titel des Vortrags von
Peter Pirck, Gesellschafter der Brandmeyer Markenberatung. Eine Marke
sei nicht ein Logo oder ein Slogan,
sondern vielmehr „so etwas wie das
Bild von einer Stadt – das Außenbild,
vielleicht auch das Innenbild“, sagte
Pirck. Eine Marke sei demnach „ein
soziales, ein kollektives Konstrukt“,
das in den Köpfen der Menschen
entstehe. Stadtmarketing bezeichnete Pirck in diesem Zusammenhang als
Prozessverstärker, um die Wahrnehmung einer Stadt systematisch zu
optimieren und damit die Anziehungskraft auf die verschiedensten
Zielgruppen zu erhöhen. Als Erfolgsfaktoren für eine starke Stadtmarke
nannte Pirck neun Punkte. Zuerst
gelte es, Strukturen zu schaffen, die
den heutigen Anforderungen an
Stadtmarketing gerecht würden. Danach komme die Markenanalyse
(Welche Gegebenheiten machen die
Stadt attraktiv?), gefolgt von der
Markenstrategie – einem Masterplan,
der das Handeln leitet und koordiniert. Wichtig sei es zudem, Inhalte in
den Vordergrund zu stellen, die Bürger in den Prozess mit einzubeziehen
und sich auf wenige Themenfelder zu
fokussieren. Weitere wichtige Aspek-

Ruth Mackenzie,
künstlerische Leiterin des
Holland-Festivals.

Fotos: Ulrik Eichentopf

M

it dem Düsseldorfer Medienhafen habe die Stiftung
„Lebendige Stadt“ wieder
einen ganz besonderen Veranstaltungsort für ihren Kongress ausgewählt – „dieser Ort ist Marke per excellence“, sagte Dr. Andreas Mattner,
Vorstandsvorsitzender der Stiftung
„Lebendige Stadt“, in seiner Begrüßungsansprache. „Kluge Stadtväter
zusammen mit tollen Architekten“
hätten sich in den 1990er Jahren
aufgemacht, um auf dem ehemaligen
Hafengelände am Rhein ein hochattraktives Stadtquartier entstehen zu
lassen. Unternehmen der Medienund Werbebranche siedelten sich an,
gefolgt von Modemachern und Designern. „Ein neuer Stadtteil war geboren“, so Mattner.

Garrelt Duin, Minister
für Wirtschaft, Energie,
Industrie, Mittelstand
und Handwerk in
Nordrhein-Westfalen.

9

Peter Pirck, Gesellschafter
der Brandmeyer
Markenberatung.

Dr. Sebastian Zenker,
Professor für Stadtmarketing an der
Copenhagen Business
School.

Von links: Tina Heine (Intendantin des Salzburger Musikfestivals „Jazz & The City“), Klaus Hebborn (Beigeordneter
beim Deutschen Städtetag) und Franka List
(Managerin der Lutherstadt Wittenberg Marketing GmbH).

Dr. Bernd Radtke,
Professor für Marketing
und Vertrieb an der
Hochschule Aalen.

te sind laut Pirck die stetige Wiederholung und Variation der Markenbausteine, das Prinzip „Wirkung vor
Reichweite“ und schließlich die Erfolgsmessung.

folgreich zu sein, seien Kompetenz,
Konzepte und Kapital gefragt. „Tradition schießt keine Tore und sichert
auch keinen Umsatz“, sagte Calmund
(siehe auch Interview Seite 18).

Bürger begeistern und
einbinden

Marktplatz für Künstler

Prof. Dr. Sebastian Zenker von der
Copenhagen Business School stellte
in seinem Vortrag über „Partizipatives
Stadtmarketing“ die besondere Rolle
der Bewohner einer Stadt als Markenbotschafter in den Mittelpunkt.
Die Bürger und ihre Erzählungen über
ihre Stadt könnten als starker Multiplikator wirken, so Zenker. Deshalb
komme es darauf an, die Einwohner
bei Bürgerprojekten zu unterstützen
und ihre hohe persönliche Identifikation mit ihrer Stadt zu fördern. Die
Bürger seien Teil der Marke und Zielgruppe zugleich. Zenker sprach sich
daher für einen nach innen gerichteten Marketingansatz aus – sogenanntes Community Branding. Ziel
müsse es sein, die Bewohner stärker
als bisher als aktive Markenbotschafter zu begeistern und einzubinden
(siehe auch Beitrag Seite 16).

Tradition schießt
keine Tore
Wie Sport eine Stadtmarke prägen
kann – darüber sprach der ehemalige
Kölner Oberbürgermeister Fritz
Schramma mit Reiner Calmund, dem
einstigen Manager des Fußballbundesligisten Bayer 04 Leverkusen. Die
Bayer AG unterstütze den Sport seit
vielen Jahrzehnten, und zwar den
Breitensport genauso wie den Spitzensport und den Behindertensport,
so Calmund. Damit habe sich der
Sport neben der Bayer AG zur prägenden Marke der Stadt Leverkusen
entwickelt. Um im Sport heute er-

10

Die Stadt als Bühne – unter diesem
Titel stand das Podiumsgespräch, das
Schleswig-Holsteins ehemaliger Ministerpräsident Peter Harry Carstensen mit dem Künstler Felix Droese
führte. In den 1970er Jahren Schüler
von Joseph Beuys an der Düsseldorfer
Kunstakademie, zählt Droese inzwischen zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Gegenwartskunst.
Droeses Einschätzung nach lassen
sich Künstler nicht von Städten zu
Aktionen locken. Vielmehr gehe die
Initiative immer vom Künstler selbst
aus, der die Stadt als Marktplatz
nutze, um seine Kunst zu verkaufen.
„Events sind Bestandteile einer lebendigen Stadtkultur“, sagte Klaus
Hebborn, Beigeordneter beim Deutschen Städtetag, zur Einleitung des
von ihm moderierten Podiumsgesprächs zum Thema „Mit welchen
Events zur stärkeren Stadtmarke“.
Seine Gesprächspartnerinnen: Franka
List, Managerin der Lutherstadt Wittenberg Marketing GmbH, und Tina
Heine, künstlerische Leiterin des
Salzburger Musikfestivals „Jazz & The
City“.

dung. Dominierend sei aber die Marke Lutherstadt. Daher gelte es, dieses
Thema immer wieder mit neuen Ideen und Akzenten zu beleben und
auch für ein junges Publikum interessant zu machen. Eine „touristische
Initialzündung“ erwartet List für das
Jubiläumsjahr 2017: Dann feiert Wittenberg 500 Jahre Reformation und
rechnet mit durchschnittlich 6.000
Besuchern pro Tag.
Salzburg, vor allem bekannt als Mozart- und Festspielstadt, hat sein
Profil um Jazz erweitert. Das habe
funktioniert, weil die Stadt über eine
lebendige Musikszene verfüge, erklärte Tina Heine, Intendantin des
Musikfestivals „Jazz & The City“, das
bereits seit 17 Jahren stattfindet. Das
Festival lade dazu ein, Salzburg aus
einem anderen Blickwinkel zu entdecken. Heine warnte davor, über
Events Inhalte schaffen zu wollen,

Brigitte Fuchs,
Geschäftsführerin
von Scholz & Friends
Düsseldorf.

Friedrich Neukirch,
Vorstand des Markenverbandes und Präsident
der Gesellschaft
zur Erforschung des
Markenwesens.

Schleswig-Holsteins
ehemaliger Ministerpräsident
Dr. h.c. Peter Harry Carstensen
(links) im Gespräch mit
dem Künstler Felix Droese.

Touristische
Initialzündung
„Wittenberg ist die Stadt der Reformation, aber wir können noch mehr
als Luther“, sagte Franka List. Als
weitere Facetten der 47.000-Einwohner-Stadt in Sachsen-Anhalt nannte
die Marketing-Managerin die Themen Industriekultur, Elbe und Bil-

Fotos: Ulrik Eichentopf

Dr. Monika Griefahn,
Direktorin für Umwelt
und Gesellschaft
bei Aida Cruises.

11

Der Lichtkünstler und
Szenograf Michael Batz
(links) und Dr. Hartmut
Schwesinger, Gründer
und Geschäftsführer
von Schwesinger
International & Cie.

Karlsruhes
Oberbürgermeister
Dr. Frank Mentrup.

die nicht vorhanden sind: „Festivals,
die wie ein Ufo über eine Stadt kommen und dann wieder verschwinden,
hinterlassen keine Spuren.“

Klare Fokussierung
Die Stadt als Unternehmen? Mit dieser Frage befasste sich Prof. Dr. Bernd
Radtke von der Hochschule Aalen.
Zwar seien Stadtmarken Unternehmensmarken sehr ähnlich, letztlich
seien sie aber eine eigenständige
Markenkategorie, so Radtke. Als Vorbild tauge am ehesten der Unternehmenstypus des „Hidden Champion“.
Wichtig sei in jedem Fall eine klare
Fokussierung und Kundenorientierung. Radtke forderte, einen Lehrstuhl für Stadtmarketing einzurichten, und empfahl den Städten, ihre
Markenstärke regelmäßig zu messen
und ihr Know-how immer wieder mit
Marketing- und Strategieworkshops
aufzufrischen.

Offen, sympathisch,
einladend
Welche Vorzüge meiner Stadt gehören ins Schaufenster? Unter dieser
Fragestellung stand das Podiumsgespräch mit der ehemaligen niedersächsischen Umweltministerin Dr.
Monika Griefahn und Friedrich Neukirch, Vorstand des Markenverbandes.
Moderiert wurde das Gespräch von
Brigitte Fuchs, Geschäftsführerin der
Werbeagentur Scholz & Friends Düs-

12

seldorf. Eine starke Marke verankere
sich im Herzen, deshalb müsse eine
Stadt offen, sympathisch und einladend auftreten und ihren Gästen das
Gefühl geben, willkommen zu sein,
sagte Friedrich Neukirch. Nach Auffassung von Monika Griefahn spielen
bei der positiven Wahrnehmung einer
Stadt neben vielfältigen Angeboten
auch Aspekte wie zum Beispiel Einfachheit des ÖPNV-Systems oder die
Themen Sicherheit und Gesundheit
eine bedeutende Rolle.

Was können wir
lernen von …?
Ein wichtiges Anliegen der Stiftung
„Lebendige Stadt“ ist es, auf ihren
Kongressen Best-Practice-Projekte
vorzustellen, von denen andere Städte lernen können. So präsentierte
Karlsruhes Oberbürgermeister Dr.
Frank Mentrup „Das schönste Stadtfest“ (Stiftungspreisgewinner 2013).
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard
Jung stellte „Die lebendigste Erinnerungsstadt“ vor (Stiftungspreisgewinner 2014).
„Mit unserem Stadtgeburtstag ist es
uns beispielgebend gelungen, einen
entscheidenden Beitrag zur Stärkung
der Marke Karlsruhe zu leisten“, sagte
Mentrup. Aktiv die Bevölkerung einzubinden, die Stärken der Stadt herauszuarbeiten und emotionale Bilder
zu erzeugen und hierfür die geeigneten Organisations- und Verwaltungs-

strukturen zu schaffen: All dies sei
beim 300. Stadtgeburtstag geleistet
worden. Zentrale Spielstätte für über
400 der insgesamt 600 Veranstaltungen während der 100 Festivaltage sei
der „KA300-Pavillon“ gewesen. Als
weitere Festbausteine nannte der
Oberbürgermeister das viertägige Eröffnungsfestival, die Schlosslichtspiele, 80 Stadtteilprojekte, Ideenwettbewerbe und das Volunteerprogramm. Über eine Million Besucher,
3,7 Millionen Euro eingeworbene
Sponsorengelder von insgesamt 42
Unternehmen, eine Steigerung der
Freizeittouristen von 20 auf 40 Prozent, deutlich erhöhte Übernachtungszahlen und der Publikumsmagnet Schlosslichtspiele mit 400.000
Zuschauern zeigten, dass sich Karlsruhe als Stadtmarke hervorragend
positionieren konnte, so Mentrup.
„Als Stadt müssen wir immer versuchen, einen Punkt zu finden, mit dem
wir die Tradition in die Gegenwart
hineinholen und den wir nach vorne
entwickeln können, um die Menschen
mitzunehmen und sie zu beheimaten“,
umriss Leipzigs Oberbürgermeister
Burkhard Jung die Aufgabe. Zwei solcher Projekte in Leipzig seien von der
Stiftung „Lebendige Stadt“ unterstützt
worden. Zum einen die Leipziger Notenspur, die sich inzwischen als kulturelle Dachmarke etabliert habe. Zum
anderen die Neugestaltung des Nikolaikirchhofs mit Lichtsteinen und
Brunnen als Erinnerung an die friedliche Revolution von 1989.

Radikaler, offener,
mutiger

Leipzigs
Oberbürgermeister
Burkhard Jung.

Im Schussgespräch kritisierte Lichtkünstler Michael Batz die übermäßige „Eventisierung“ in vielen Städten.
Er warb dafür, „radikaler, offener und
mutiger“ zu werden und das Unwahrscheinliche zu suchen. „Gehen Sie
dorthin, wo bisher noch nichts ist“, so
Batz‘ Appell. Dr. Hartmut Schwesinger, lange Jahre für das Marketing
der Metropolregion Frankfurt-RheinMain verantwortlich, regte an, im
Prozess der Markenbildung „die
Gruppe der Beamten“ nicht zu vergessen. Sein Fazit: Entscheidend sei,
dass sich die Menschen mit ihrer
Stadt identifizieren.

Kongress 2017
in der Hamburger
Elbphilharmonie
Bereits fest stehen der Veranstaltungsort und das Thema für das
nächste Symposium der Stiftung
„Lebendige Stadt“: Im kommenden
Jahr findet der Kongress am 27. und
28. September in der neuen Hamburger Elbphilharmonie statt und
steht unter dem Motto „Kultur trifft
Stadtentwicklung“. Weitere Informationen, Bilder und Filmmitschnitte vom Düsseldorfer Stiftungskongress „Die Stadt als Marke“ gibt
es im Internet unter der Adresse
www.lebendige-stadt.de.

Fotos: Ulrik Eichentopf

Schauplatz des Kongresses:
das Hyatt Regency im
Düsseldorfer Medienhafen.

13

Lebendige Stadt

Schauplatz des
Stiftungskongresses
2017: die Elbphilharmonie in
Hamburg.

Inspirationen für das
Leben in der Stadt:
die 15. ArchitekturBiennale in Venedig.

Kongress 2017 in der
Hamburger Elbphilharmonie

Der nächste Kongress der Stiftung
„Lebendige Stadt“ findet am 27. und
28. September 2017 in der neuen
Hamburger Elbphilharmonie statt.
Thema dort: „Kultur trifft Stadtentwicklung“. Erwartet werden hochkarätige Fachreferenten aus Kommunen, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft
und Kultur. Eröffnet wird die Elbphilharmonie am 11. und 12. Januar 2017
mit einem Eröffnungskonzert im Großen Saal. Das im Hamburger Hafen
gelegene und von Herzog & De Meuron entworfene Konzerthaus soll zu
den besten Musikhäusern weltweit
gehören. Nähere Programminformationen zum internationalen Stiftungskongress 2017 sowie die genauen Anmeldemodalitäten finden
Sie in Kürze im Internet unter der
Adresse www.lebendige-stadt.de.

14

Newsletter informiert
über Stiftungsthemen

Kongresse, Fachtagungen, Förderprojekte und Wettbewerbe – ein kostenfreier Online-Newsletter informiert
über alles Wissenswerte rund um die
Stiftung „Lebendige Stadt“. Interessierte können sich für den Service
schnell und bequem im Internet auf
der Stiftungs-Homepage anmelden:
www.lebendige-stadt.de.

Siegen recycelt
Papier am besten

Die Stadt Siegen ist Gewinner des
bundesweiten Wettbewerbs „recyclingpapierfreundlichste Stadt“. Die
Initiative Pro Recyclingpapier überreichte Siegen die Auszeichnung unter
anderem für die Entscheidung, in der
Verwaltung und an allen städtischen
Schulen ausschließlich Recyclingpapier zu verwenden. Den zweiten Platz

belegte Solingen, auf Platz drei landete Leverkusen. Umweltministerin Hendricks ist Schirmherrin des Wettbewerbs, außerdem unterstützten das
Umweltbundesamt, der Deutsche
Städtetag und der Städte- und Gemeindebund die Ausschreibung.

Grimmwelt in Kassel
übertrifft Erwartungen

Die Grimmwelt in Kassel hat in ihrem
ersten Jahr fast hundertsechzigtausend Besucher angezogen – fast doppelt so viele wie erhofft. Das sei
phänomenal, sagte Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der ankündigte, das Ausstellungshaus werde Spielort der Weltkunstausstellung
Documenta im kommenden Jahr. Die
etwa zwanzig Millionen Euro teure
Grimmwelt gibt einen Überblick über
das Schaffen der Sprachforscher und
Märchenerzähler Wilhelm und Jacob

Grimm, die zwischen 1798 und 1841
mit Unterbrechungen in Kassel lebten. Außer Schneewittchen und
Dornröschen steht auch das Deutsche
Wörterbuch der Grimms im Mittelpunkt der Ausstellung.

Cradle-to-Cradle-Konzept
auf Architektur-Biennale

Die 15. Architektur-Biennale in Venedig hat in diesem Jahr eine Fülle
von Inspirationen für den Städtebau
und das Leben in der Stadt geliefert.
So stellte das Unternehmen EPEA
Internationale Umweltforschung auf
neunzig Quadratmetern Ausstellungsfläche den Besuchern das
Cradle-to-Cradle-Designkonzept
unter dem Motto „Celebrating our
human footprint: A building like a
tree – A city like a forest“ vor. Es
gehe um ein Gebäude aus natürlichen Materialien, das nützlich für die

Natur und den Menschen sei, das
Wasser und Luft reinige und die
Artenvielfalt im Ökosystem fördere,
so EPEA-Gründer Prof. Dr. Michael
Braungart. Das Gebäude sei preisgünstig in der Herstellung, so dass
es auch für soziales Wohnen oder
beispielsweise zum Bau von Flüchtlingsunterkünften bestens geeignet
sei. Zudem spreche das Cradle-toCradle-Designkonzept ebenso das
Ressourcenproblem im Bauwesen an
und ermögliche die qualitativ hochwertige Rückgewinnung von Materialien, wenn Gebäude als Materialbanken begriffen würden.

Essen: Baden in der
Ruhr wieder möglich

Erstmals nach vierzig Jahren dürfen
Menschen vom kommenden Jahr an
wieder in der Ruhr baden. An einer
Staustufe in Essen, dem Baldeney-

see, entsteht nach Angaben des
Ruhrverbands eine abgegrenzte Badestelle. Die Stadt Essen werde damit als erste Großstadt in Deutschland eine rechtskonforme Badestelle
in einem natürlichen Fließgewässer
einrichten. Wegen zu hoher Schadstoffbelastung der unteren Ruhr war
der Betrieb vor mehr als vierzig
Jahren untersagt worden. Inzwischen sei die Wasserqualität wieder
sehr gut, teilte der Ruhrverband mit.
Das sei die Voraussetzung für den
Betrieb einer Badestelle. Freibäder
könnten auch an anderen Staustufen entstehen. Dazu müssten zweijährige Messreihen eine ausreichende Wasserqualität bestätigen.

Stuttgart: Le-CorbusierHäuser sind Weltkulturerbe

Deutschland hat von der Unesco einen neuen Welterbetitel erhalten:

Zwei Häuser des Stararchitekten Le
Corbusier in der 1927 erbauten Weissenhofsiedlung in Stuttgart gehören
jetzt zum Weltkulturerbe. Die Zahl
der Welterbestätten in Deutschland
steigt damit auf 41. Der schweizerisch-französische Architekt und
Stadtplaner Le Corbusier (18871965) habe die Architektursprache
international revolutioniert, so das

Welterbe-Komitee. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn bewertet
die Weissenhofsiedlung auch nach
fast hundert Jahren noch als vorbildhaft: Le Corbusiers Impuls, günstige
Wohnungen mit innovativen Grundrissen und neuen Materialien zu bauen, sei noch immer wegweisend und
müsse daher Ansporn für Architekten
und Stadtplaner sein.

Weltkulturerbe: das
Le-Corbusier-Haus in
der Stuttgarter
Weissenhofsiedlung.

15

Fotos: Franziska Kraufmann (picture alliance) / laif / Maxim Schulz

Stadtnachrichten

Lebendige Stadt

Fotos: Frank Rumpenhorst (picture alliance/dpa) / Miguel Gonzalez (laif) / Sebastian Zenker

Bürger schaffen
grüne Oasen: UrbanGardening-Projekt
in Frankfurt am Main.

Ein Willkommensgruß, ein Slogan,
ein Zeichen der Integration, ein
greifbares Symbol: „I amsterdam“
ist das Schlagwort von Amsterdam
und seinen Bewohnern.

VON PROF. DR. SEBASTIAN ZENKER

Begeistern und einbinden
Die stärksten Kommunikatoren einer Stadt sind die Bürger.
Um diese stärker einzubinden, braucht
es partizipative Strukturen im Stadtmarketing.

E

ines der wichtigsten Ziele im
Stadtmarketing ist es, ein bestimmtes Image im Kopf der
verschiedenen Zielgruppen aufzubauen. So sollen beispielsweise Touristen bei Hamburg sofort an Kultur
denken – oder die Einwohner von
Bielefeld an die guten Bildungsmöglichkeiten in ihrer Stadt. Dies versuchen wir durch drei Arten der Kommunikation zu erreichen: physisch, werblich und durch Mundpropaganda.

Identitätsstiftend: gemeinsames Gärtnern in
Frankfurt am Main.

16

Natürlich kommuniziert eine Stadt
zuerst durch ihre physische Präsenz,
wie durch die geographische Lage
oder Gebäude. Dabei werden bauli-

che Maßnahmen strategisch als
Kommunikation eingesetzt – nehmen
wir nur die Hamburger Elbphilharmonie als Beispiel, die die Wahrnehmung der Stadt als Kulturhochburg
stärken soll. Die physische Kommunikation ist eine unserer stärksten Waffen in der Markenkommunikation von
Städten. Doch der Einfluss von Markenmanagern auf die bauliche Entwicklung ist gering, und Stadtmarketing ist keine Stadtplanung – es ist
vor allem werbliche Kommunikation.
Diese zeigt jedoch in unseren Untersuchungen leider oft kaum Wirkung
und viele der Kampagnen laufen ins
Leere. Den stärksten Erfolg zeigt die

positive Mundpropaganda. Sie umfasst alle Kommunikation von externen Partnern, seien es Bewohner,
Besucher oder die Medien. Der Inhalt
dieser Kommunikation wird oft als
authentischer bewertet und genießt
dadurch eine hohe Glaubwürdigkeit.
Die Frage für Stadtmarkenmanager
ist also: Wie schaffe ich es, dass meine Bewohner, Besucher und die Medien positiv und die richtigen Themen
von meiner Stadt erzählen? Zwar sind
Bewohner häufig Ideengeber zur
Messung der Markenassoziationen,
doch die weitere Kommunikation ist
meistens Chefsache. Dabei kann es
sich lohnen, hier Kontrolle abzugeben, denn durch eine stärkere Einbindung der Bürger lässt sich im Stadtmarketing viel gewinnen. Bewohner
einer Stadt kommunizieren nicht nur
die zentralen Werte an andere Bezugsgruppen wie beispielsweise die
Wirtschaft oder Touristen, sondern
agieren oft auch als Markenbotschafter mit einer hohen persönlichen Identifikation. Durch mehr Beteiligung in der Kommunikation einer

Stadtmarke lässt sich nicht nur die
Zufriedenheit der Einwohner steigern
– auch die persönliche Verbundenheit
mit dem Wohnort und das Vertrauen
in kommunalpolitische Prozesse lassen sich nachhaltig erhöhen. Ein partizipatives Stadtmarketing sollte sich
daher an einem Prozess orientieren,
der mehrere Phasen der Bürgerbeteiligung unter einem Dach vereint, und
geeignete Anreize bieten, an diesem
Prozess teilzuhaben.
Phase 1: Zuerst müssen Markenthemen identifiziert und strategische
Ziele festgelegt werden. Welche Zielgruppen sollen erreicht werden? Gibt
es zusätzliche Ziele und Nebenbedingungen (Restriktionen), die berücksichtigt werden müssen? Diese Priorisierung und eventuelle strategische
Entscheidungen über Zielgruppen bilden dann die Grundlage für Phase 2.
Hier müssen geeignete Strukturen
zur Umsetzung von Bürgerprojekten
geschaffen werden, inklusive eines
jährlichen Budgets. Wenn Bürger beispielsweise ein Event oder Projekt

planen, so sollten sie einen BusinessPlan verfassen, aus dem nicht nur die
Finanzierung hervorgeht, sondern
auch der Mehrwert für die zuvor
festgelegten Markenthemen (Marken-Fit) und die Ziele. Gartenvereine
könnten beispielsweise ein Bürgerprojekt vorschlagen, in dem Dächer
von öffentlichen Einrichtungen bepflanzt werden, um das grüne Image
einer Stadt zu stärken. Zur Bewilligung ihres Antrags müssten sie herausstellen, inwiefern ihr Projekt ein
relevantes Markenthema beeinflusst.
Wichtig ist hier auch, dass für die
Begutachtung der Bürgerprojekte
transparente Grundsätze erarbeitet
werden.
In Phase 3 erhalten die Antragsteller
im Falle einer positiven Begutachtung Hilfestellung bei der Umsetzung. Dies kann beispielsweise Unterstützung in der Administration, im
Projektmanagement oder in der Öffentlichkeitsarbeit beinhalten. Vielen
Vereinen mangelt es hier an Knowhow und Kontakten und man ist oft
dankbar für professionelle Hilfe. Zu-

dem ist in dieser Phase eine umfassende Erfolgsmessung wichtig, denn
dadurch wird es leichter, zukünftige
Projekte besser einzuschätzen. Die
Erfolgsmessung könnte etwa darin
bestehen, die Anzahl der Festivalbesucher zu ermitteln, Besucherumfragen vorzunehmen und das Presseecho
auszuwerten. Auch eine regelmäßige
Messung der Stadtmarkenassoziationen ist sinnvoll.
Stadtmarketing als reine Chefsache
ist ein traditionelles Modell, das in
Zukunft neu gedacht werden muss
und um partizipative Ansätze ergänzt
werden sollte. Auf diese Weise profitieren nicht nur die Bürger, indem sie
stärker in die Entwicklung ihrer Stadt
eingebunden werden. Das Stadtmarketing kann gleichzeitig Vorbehalten
entgegentreten, es sei vorrangig tourismus- und wirtschaftsorientiert.
Stattdessen wird sein Image als bürgernahe Einrichtung gestärkt, die von
den Einwohnern als glaubwürdigen
Markenbotschaftern Unterstützung
erfährt und die positive Entwicklungen in der Stadt ermöglicht.

Zum Autor:
Dr. Sebastian
Zenker ist Professor für Stadtmarketing an der
Copenhagen
Business School
(Dänemark).
Nach seiner
Promotion an
der Universität
Hamburg zum Thema „Städte als
Marken“ forschte er an der Erasmus
Universität Rotterdam vor allem über
das Markenmanagement von Städten
und Regionen, bis er 2014 nach
Kopenhagen wechselte. Seit mehr als
fünf Jahren berät er außerdem Städte
und Kommunen im In- und Ausland
zum Thema Stadt- und Regionalmarketing. Er ist Autor mehrerer Buchbeiträge und wissenschaftlicher Artikel in
renommierten Fachzeitschriften zu
dem Thema sowie Gründungsmitglied
der International Place Branding
Association (IPBA).
Mehr zu Prof. Dr. Zenker finden
Sie auf: www.placebrand.eu
E-Mail: mail@placebrand.eu

17

Vita
Reiner Calmund, geboren
am 23. November 1948 in
Brühl, muss seine Fußballkarriere als 18-Jähriger nach
einem Sportunfall beenden.
Er studiert Betriebswirtschaft und arbeitet in der
Personalkoordination
Ausland der Bayer AG.
1976 wird er hauptamtliches Vorstandsmitglied
von Bayer 04 Leverkusen,
1988 Manager der Lizenzspielerabteilung. Von 1999
bis 2004 ist er Geschäftsführer der Bayer 04 Fußball
GmbH. Danach ist Calmund
bei Europa- und Weltmeisterschaften als Botschafter
der Verbände UEFA und FIFA
aktiv. Zudem tritt er in zahlreichen TV-Formaten auf.
Seine 2008 erschienene
Autobiografie heißt „fußballbekloppt!“. Calmund
engagiert sich für das Kinderhilfswerk der Vereinten
Nationen und stellt sich für
viele soziale Aktionen zur
Verfügung. Seit 2003 ist er
in dritter Ehe verheiratet.
Reiner Calmund hat sechs
Kinder und drei Enkel.

Konzepte, Kapital und Kompetenz: Reiner „Calli“ Calmund ist Fußballexperte durch und durch.

„Wir brauchen echte Typen und Macher“
Wenn Reiner Calmund, Ex-Fußballmanager von Bayer 04 Leverkusen, und Fritz Schramma,
Kölner Oberbürgermeister a. D. und Vorstandsmitglied der Stiftung „Lebendige Stadt“,
in Düsseldorf gemeinsam auf der Bühne sind, darf man sich nicht wundern, dass sich die
beiden duzen. Man kennt sich – schließlich kommt man vom Rhein – und denkt bei
Fohlen oder Zebras nicht nur an die Tierwelt. Auf dem Kongress der Stiftung „Lebendige
Stadt“ sprachen die beiden über positive Betriebsunfälle, den Papst – und darüber,
wie der Sport eine Stadtmarke prägen kann.

Reiner Calmund: Das ist doch klar.
Mit Fohlen verbinde ich die Borussia
aus Mönchengladbach: jung und offensiv – so stürmte die „Fohlenelf“
von Trainer Hennes Weisweiler 1965
in die Bundesliga. Bei Zebras denke
ich sofort an den MSV Duisburg mit
seinen gestreiften Trikots – Deutscher Vizemeister 1964.
Fritz Schramma: Vizemeister ist ein
gutes Stichwort. Für den Deutschen
Meister hat es bei Bayer Leverkusen
nie gereicht. Wie sehr hat das Image
des „Vize-Kusen“, also des ewig
Zweiten, an euch genagt?
Reiner Calmund: Natürlich ist man
bei der ein oder anderen Vizemeisterschaft auch mal traurig. Beispielsweise 2002, als wir die Meisterschaft
knapp verpassten, zweiter im Pokalendspiel wurden und schließlich im
Champions-League-Finale – wo wir
überragend gespielt haben – gegen
Real Madrid verloren. Damals hat
Bundespräsident Roman Herzog gesagt: Wenn wir bei allen wichtigen
Themen Zweiter wären, könnten wir
vor Freude gar nicht mehr einschlafen.
Fritz Schramma: Ich habe als Kölner
natürlich auch immer ein bisschen
neidvoll geschaut, weil bei euch mit
der Bayer AG ein riesiger Konzern dahintersteht, der ganz viel für den
Sport tut. Du giltst als Vater der Erfolgsgeschichte von Bayer 04 Le-

18

verkusen. Von der grauen Maus mit
Werkself-Image hast du den Verein
kontinuierlich in die internationale
Spitze geführt. Wie ist das gelaufen?
Reiner Calmund: Ganz ehrlich? Der
Aufstieg in die Fußball-Bundesliga
1979 war tatsächlich eher so etwas
wie ein positiver Betriebsunfall. Eigentlich hatte die Zielsetzung nur
gelautet: Klassenerhalt in der zweiten Liga. Und dann sind wir plötzlich
aufgestiegen. Die Bayer AG unterstützt den Sport seit vielen Jahrzehnten, und zwar nicht nur den Spitzensport, sondern auch den Breitensport
– und nicht zu vergessen: den Behindertensport. Die Bayer AG ist ein Innovationsunternehmen von Weltrang
mit einer über 150-jährigen Geschichte, die ihre Kernkompetenzen
dafür einsetzt, die Gesundheit von
Menschen, Tieren und Pflanzen zu
verbessern. Mit seinen Produkten hat
der Konzern bereits Milliarden von
Menschen geholfen – und genau
diese Botschaft tragen die BayerSportler seit vielen Jahrzehnten in die
Welt.
Fritz Schramma: Nenn doch mal ein
paar Namen!
Reiner Calmund: Ich kann mich noch
gut an die Olympiade 1960 in Rom
erinnern, bei der ich als 12-Jähriger
Armin Hary die Daumen für die Goldmedaille im 100-Meter-Lauf gedrückt habe. Mit Ulrike Meyfarth,
Heide Rosendahl, Dieter Baumann,
Heike Henkel und Liesel Westermann
ging es in der Leichtathletik weiter.
Im Boxen beherrschten René Weller,
Dariusz Michalczewski, Felix Sturm
und später Henry Maske die Szene.

Und auch die junge Garde mit dem
Goldmedaillen-Gewinner Julius Brink
im Beach-Volleyball und Britta Heidemann im Fechten sind positive
Imageträger, nicht zuletzt weil sie
mit großem Herzen Kinder in Not
unterstützen. Im Mannschaftssport
ist Basketball mit 14 Titeln Deutscher
Rekordmeister, die Handball-Damen
holten 12 Titel, 28 Bayer-04-Athleten waren jetzt in Rio am Start, und
mein Fußballteam spielt seit 30 Jahren international. Mehr geht nicht.
Fritz Schramma: Mal abgesehen von
den Sponsoren, welche kommunalpolitischen Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit der Sport eine solche Kraft wie im Fall von Leverkusen entfaltet?
Reiner Calmund: Lieber Fritz, das
kannst Du eigentlich besser beantworten als ich. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hast du den
Kampf um den WM-Austragungsort
gegen Düsseldorf gewonnen. Du hast
das neue Stadion ermöglicht, Pelé
und den Papst beim Weltjugendtag
2005 begrüßt, und schließlich war
die gesamte Delegation des brasilianischen Fußballverbands mit Ehrengästen, VIP- und Business-Kunden
während der Weltmeisterschaft in
Köln einquartiert. Und das, obwohl
Brasilien kein einziges WM-Spiel in
Köln ausgetragen hat.
Fritz Schramma: Das ist richtig. Doch
worauf kommt es deiner Einschätzung nach an, wenn ich den Sport für
die Stadt als Marke nutzen möchte?
Reiner Calmund: Sieh dich doch in der
deutschen Sportlandschaft um. Heute

besiegen immer die Schnellen die
Langsamen. Während meines BWLStudiums hießen die Produktionsfaktoren noch Boden, Arbeit, Kapital.
Heute gilt das „3-K-Modell“: Konzepte, Kapital und Kompetenz – also gute
Leute. Wir brauchen Typen und Macher, die etwas bewegen, keine Bedenkenträger! Wir sind in Düsseldorf.
Da denke ich an Fortuna und an den
2008 verstorbenen Oberbürgermeister Joachim Erwin. Dass der Fußball
in Düsseldorf mit der neuen Arena
eine Perspektive hat – das hat die
Stadt dem Weitblick von Joachim Erwin zu verdanken und nicht den
Chefbedenkenträgern – die wollten ja
alle im altehrwürdigen Paul-JanesStadion spielen. Aber mit Tradition
alleine kommst du heute nicht mehr
weit. Das ist vorbei. Tradition schießt
keine Tore und sichert auch keinen
Umsatz.

Fritz Schramma: Ja, Oberbürgermeister Joachim Erwin war Gründungsmitglied der Stiftung „Lebendige
Stadt“. Mit seinen Ideen und seiner
Tatkraft hat er auch unsere Stiftungsarbeit über acht Jahre hinweg entscheidend mitgeprägt. Calli, zum Abschluss unseres Gesprächs interessiert uns natürlich noch deine Experteneinschätzung. Gib uns doch mal
eine Prognose, wie es am Ende der
Saison in der Fußball-Bundesliga aussehen wird. Wo landet deine Mannschaft in der Abschlusstabelle, wo der
1. FC Köln?
Reiner Calmund: Leverkusen sehe ich
auf Platz drei bis sechs – wobei ich
auf Platz drei oder vier hoffe. Und
deine Geißböcke landen am Ende auf
Rang acht bis zehn, wobei ich der
Truppe von Trainer Peter Stöger auch
eine Euro-League-Quali zutraue.

Fotos: Ulrik Eichentopf / Reiner Calmund

Fritz Schramma: Beginnen wir mit
einem kleinen Quiz. Wenn ich dir das
Stichwort „04“ gebe, denkst du
natürlich sofort an Leverkusen.
Doch was verbindest du mit Fohlen
oder Zebras?

Das Interview mit Reiner Calmund führte Fritz Schramma, ehemaliger Kölner Oberbürgermeister und Vorstandsmitglied der Stiftung „Lebendige Stadt“.

19

Fotos: Ulrik Eichentopf / TB Neckarhausen

Der Stiftungspreis
2016 geht nach
Nürtingen: (von
links) Dr. Andreas
Mattner (Vorstandsvorsitzender Stiftung
„Lebendige Stadt“),
Alexander Otto
(Kuratoriumsvorsitzender Stiftung
„Lebendige Stadt“),
Mohamed Ahmed
Hasan (Freiwilliger
des TB Neckarhausen),
Steffen Erb (Vorstandsmitglied TB
Neckarhausen),
Ulrike Nasse-Meyfarth
(zweimalige Olympiasiegerin) und Otmar
Heirich (Oberbürgermeister Nürtingen).

Sport als Integrationsmotor: Der Turnerbund
Neckarhausen aus
Nürtingen organisierte
beim jährlichen
Vereinssportfest ein
Fußballspiel
mit Flüchtlingen.

VON RANDO AUST

Dr. Michael Vesper,
Vorstandsvorsitzender
des Deutschen
Olympischen
Sportbunds.

Juryvorsitzender
Kaspar Kraemer.

Stiftungspreis:
Nürtingen ist integrierende Sportstadt
Die Stiftung „Lebendige Stadt“ und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) haben
das baden-württembergische Nürtingen als „integrierende Sportstadt“ ausgezeichnet.
Anerkennungen gingen nach Bensheim, Falkensee, Hamburg, Maxdorf, Nürnberg und
Stuttgart. Insgesamt waren 286 Bewerbungen aus dem In- und Ausland eingereicht worden.

Olympiasiegerin Ulrike NasseMeyfarth und Alexander Otto,
Kuratoriumsvorsitzender der
Stiftung „Lebendige Stadt“.
Freude über die Anerkennung:
Die DHBW Stuttgart wurde
für ihr Projekt „Cricket lernen
von Flüchtlingen“ gewürdigt.

Nurhan Soykan,
Generalsekretärin des
Zentralrats der Muslime
in Deutschland.

M

it dem Stiftungspreis wurde
die Stadt Nürtingen für ihr
umfassendes Sport- und Integrationsangebot für Flüchtlinge gewürdigt. Die Auszeichnung ist mit
einem Preisgeld von 15.000 Euro
verbunden. Die Stiftung „Lebendige
Stadt“ und der DOSB hatten im Rahmen des diesjährigen StiftungspreisWettbewerbs Städte gesucht, die mit
Sportangeboten auf Flüchtlinge zugehen, um so ihre Integration zu
fördern und den Austausch zwischen
Menschen unterschiedlicher Kulturen
genauso wie zwischen Alt- und Neubürgern zu intensivieren.
„Die Bewerbungen haben gezeigt, mit
wie viel Kreativität und Engagement
Stadtverwaltungen, Vereine und Ehrenamtliche Sportangebote für
Flüchtlinge schaffen und somit einen

20

ganz wertvollen Beitrag für ihre Integration leisten“, so Alexander Otto,
Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung
„Lebendige Stadt“. Zudem finde durch
diese Sportangebote ein Austausch
mit den hier lebenden Menschen
statt. „Dieses Engagement verdient
unsere Anerkennung, die Projekte
sind nachahmenswert. Auch hier wird
deutlich, was für eine wichtige soziale Funktion der Sport erfüllt“, so
Otto weiter.
Die Preisverleihung fand am 14. September 2016 vor rund 300 Gästen im
Hyatt Regency-Hotel in Düsseldorf
statt. Zu den Laudatoren zählten die
frühere Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth, die Generalsekretärin
des Zentralrats der Muslime in
Deutschland, Nurhan Soykan, der geschäftsführende Gesellschafter von

Aengevelt Immobilien, Dr. Lutz Aengevelt, Düsseldorfs Stadtdirektor Dr.
Burkhard Hintzsche, der parlamentarische Geschäftsführer der nordrheinwestfälischen CDU-Landtagsfraktion,
Lutz Lienenkämper, der Geschäftsführer der Bundesagentur für Arbeit,
Johannes Pfeiffer, sowie der DOSBVorstandsvorsitzende Dr. Michael
Vesper.

Sieger: Nürtingen

In Nürtingen (Baden-Württemberg)
hat der Turnerbund Neckarhausen ein
breit aufgestelltes Netzwerkprojekt
aufgebaut. Gemeinsam mit vielen
Akteuren ist es gelungen, Flüchtlinge
in und über den Verein zu integrieren,
sie zu eigenem Engagement zu motivieren und das Thema im Stadtteil
positiv zu besetzen. Es begann mit
der Organisation eines Fußballspiels

mit Flüchtlingen anlässlich des jährlichen Vereinssportfestes. Inzwischen
ist daraus ein Fest der Begegnung
geworden, und der Verein kooperiert
mit Flüchtlingsinitiativen der Nachbarorte.
Zudem wurde im Turnerbund Neckarhausen die Stelle für ein Freiwilliges
Soziales Jahr (FSJ) geschaffen. Sie
wurde mit dem syrischen Flüchtling
Firas Abu Khraish besetzt, der damit
als erster Flüchtling in BadenWürttemberg ein FSJ in einem Sportverein leistet. Er bildet durch seine im
Verein und in Seminaren erlernten
Fähigkeiten eine Schnittstelle zu Kindergärten und Schulen. Mittlerweile
gestaltet Abu Khraish verschiedene
Sportangebote in Kindergärten und
leitet eine Fußball AG an Realschulen. Im Rahmen seiner Sozialarbeit

21

Die Stiftungspreisjury tagte in Köln: (vordere Reihe von links) Dr. Heike Kaster-Meurer (Oberbürgermeisterin Bad Kreuznach), Kirsten Witte-Abe (stv. Ressortleiterin Chancengleichheit und Diversity Deutscher
Olympischer Sportbund), Nurhan Soykan (Generalsekretärin Zentralrat der Muslime), Elsbeth Beha (Präsidentin DJK Sportverband e.V.), Franziska Kegler (Bundesliga-Stiftung), Iris Escherle (Referatsleiterin
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), Dagmar Mühlenfeld (Oberbürgermeisterin a.D. Mülheim an der Ruhr), Dr. Agnes Klein (Dezernentin für Bildung, Jugend und Sport Stadt Köln), Anika Kinder (Stiftung
„Lebendige Stadt“); (hintere Reihe von links) Burkhard Petzold (Geschäftsführer Frankfurter Allgemeine Zeitung), Antonino Vultaggio (Architekt, HPP Hentrich-Petschnigg & Partner), David Menn (Stiftung
„Lebendige Stadt“), Wolfgang Kopitzsch (Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord a.D.), Frank Lösing (Bereichsleiter DSK), Rando Aust (Vorstandsbevollmächtigter „Lebendige Stadt“), Prof. h.c. Dr. h.c. Fritz Schramma
(Vorstandsmitglied „Lebendige Stadt“), Franz Springer (Dezernat Bildung, Kultur, Sport und Gleichstellung Deutscher Städtetag), Dr. Michael Vesper (Vorstandsvorsitzender Deutscher Olympischer Sportbund),
Kaspar Kraemer (Architekt und Juryvorsitzender), Prof. Dr. Dittmar Machule (Vorstandsmitglied „Lebendige Stadt“) und Burkhard Hintzsche (Stadtdirektor Düsseldorf).

kümmert er sich auch um Flüchtlingskinder der Deutschvorbereitungsklassen. Er ist damit ein wichtiger Unterstützer der Integrationsarbeit. Nachfolger von Firas Abu
Khraish auf der FSJ-Stelle ist Mohamed Ahmed Hasan, ein somalischer
Flüchtling, der seit zwei Jahren in
Neckarhausen lebt.

Anerkennung: Bensheim

Der Austausch hat viele kreative
Ideen hervorgebracht – so konnte
das Angebot inzwischen deutlich
erweitert werden: Hinzugekommen
sind Fahrrad- und Schwimmkurse,
ein „Zumba trifft Bauchtanz“-Kurs
sowie eine wöchentlich stattfindende Sprachwerkstatt. In der
Sprachwerkstatt ist das Kochbuch
„Grenzenlos fit im Kochen“ entstanden. Um die deutsche Sprache
schnell zu vermitteln, achtet der
Verein auf eine Durchmischung der
Nationalitäten, so dass Deutsch
die Hauptsprache ist.
Um die Vereinsarbeit und die Ange-

bote bei Migrantinnen und Flüchtlingen bekannt zu machen, hat der
Verein eine Integrationsbeauftragte,
die eng mit dem Integrationsbeauftragten und den Integrationslotsen
der Stadt zusammenarbeitet. 2012
hat der DOSB die DJK SSG Bensheim
zum Integrationsstützpunktverein
benannt.

Anerkennung: Falkensee

Die Sportgemeinschaft „Aktiv Sport“,
ein Zusammenschluss aller Sportvereine im brandenburgischen Falkensee, und die von engagierten Bürgern
zur Flüchtlingsintegration gegründete Initiative „Willkommen in Falkensee“ sind wesentliche Akteure der
Flüchtlingshilfe. Beide stehen den
Flüchtlingen beratend zur Seite und

bieten mit sechzehn Arbeitsgemeinschaften Kurse an – unter anderem in
Deutsch, Fahrradfahren sowie Musik
und Sport.

Große Bühne für die Gewinner des Stiftungspreises 2016 zum Thema „Die integrierende Sportstadt“.

Zahlreiche Flüchtlinge wurden in
Sportmannschaften aufgenommen.
Um die Sprachbarrieren weiter abzubauen, wird zukünftig ein eigener
Sprachunterricht angeboten. Zudem
werden vor Ort in den Aufnahmeeinrichtungen u. a. Krafttraining, Lauftreffs, Tischtennis und Badminton
angeboten. Jugendliche aus Falkensee spielen mit Flüchtlingen Fußball,
und eine Gruppe von Ruderern wird
auf der Havel von einem erfahrenen
Übungsleiter trainiert. Neben einer
Mutter-Kind-Turngruppe wird das
Angebot speziell für Frauen erweitert.

Unterstützung erfährt das Projekt
durch die Stadt Falkensee, die Volkshochschule, Sprachschulen und Kirchen. Durch ein breites Netzwerk ist
es in Falkensee gelungen, Unsicherheiten und Vorbehalte gegenüber
Flüchtlingen abzubauen.

Anerkennung: Hamburg

Auf dem ehemaligen Gelände der Internationalen Gartenschau in Hamburg-Wilhelmsburg ist der Sportpark
„Welt der Bewegung“ entstanden. Er
umfasst Sport- und Freizeitangebote
wie eine Basketballhalle, ein
Schwimmbad, eine Kletterhalle und
viele unentgeltlich nutzbare Anlagen
wie eine Skatearena, einen Bouleplatz sowie eine Lauf- und Kanustrecke.

Fotos: TB Neckarhausen / Ulrik Eichentopf

Die DJK SSG Bensheim hat mit
„Grenzenlos Fit“ ein umfassendes
Integrationsprogramm für Migrantinnen initiiert. Das Projekt in der
hessischen Stadt begann mit dem
Erstkontakt zwischen Frauen mit
und ohne Migrationshintergrund in
einem vom städtischen Frauenbüro organisierten internationalen

Frauentreff. Daraus entstand ein
erstes Gymnastikangebot.

Integrationstag an der Mörikeschule in Nürtingen.

22

Für die nahegelegene Erstaufnahmeeinrichtung wurde das Angebot
„ParkSport mit Flüchtlingen“ initiiert.
Vor allem in großen Flüchtlingsunterkünften entstehen durch langes Warten und Nichtstun immer wieder
Konflikte. Das Projekt soll dazu beitragen, Konflikte zu vermeiden. So
bieten speziell vorbereitete Trainer
ein regelmäßiges Fußball-, Basketball- und Bewegungsprogramm im
Park an. Es ist für Flüchtlinge ein
verlässliches Angebot und eine Anlaufstelle außerhalb der Unterkunft.
Spielerisch erlernen sie Regeln,
Teamfähigkeit und die deutsche
Sprache. Zudem werden Flüchtlinge

auf diese Weise zur Übernahme von
kleineren Aufgaben und damit zu
Verantwortung motiviert. Um das
Angebot auszuweiten und zu etablieren, wurden Schüler einer Sportprofilklasse zu „ParkSportPiloten“ ausgebildet. Die Angebote werden
gleichermaßen von Flüchtlingen und
Einheimischen genutzt.

Aufgaben und leisten entlohnte
Hilfsarbeiten.

Kontakt zu den einheimischen Bürgern.

Anerkennung: Nürnberg

Anerkennung: Stuttgart

Die Stadt Nürnberg hat Ende 2015
eine zentrale Koordinationsstelle für
den Flüchtlingssport eingerichtet –
als Bindeglied zwischen Verwaltung
sowie Vereinen, Organisationen und
Engagierten. Dabei erfolgt eine enge
Kooperation mit einer ehrenamtliAnerkennung: Maxdorf
chen Koordinatorin, die ihrerseits
Gemeinsam mit der TSG Maxdorf hat
von 16 ehrenamtlichen Sport-Coadie von engagierten Bürgern, der
ches
unterstützt
Verwaltung und Kirwird. Die Koordinachen
gegründete
Diese Projekte
torin steuert Ange„NetzwerkHilfe“ das
bot und Nachfrage,
Programm „Integra- verdienen Anerkennung
unterstützt bis zur
tion Plus“ für soma- und Nachahmung.“
lische Flüchtlinge ins Alexander Otto, Kuratoriumsvorsitzen- konkreten UmsetLeben gerufen. Nach
der Stiftung „Lebendige Stadt“ zung und organisiert
den Einsatz der
Ankunft der ersten
Sport-Coaches. Diese unterstützen
Asylbewerber im rheinland-pfälzidie Arbeit vor Ort, bauen Kontakte
schen Maxdorf zeigte sich, dass gerazwischen Flüchtlingsinitiativen,
de junge somalische Flüchtlinge inSportvereinen und Einrichtungen
tensiv betreut werden müssen.
der Asylbetreuung auf, begleiten das
Training und stehen als AnsprechMit dem Sportangebot „Integration
partner zur Verfügung.
Plus“ werden Werte und Regeln vermittelt, die für den Alltag und auch
Das regelmäßig stattfindende Sportfür das spätere Berufsleben wichtig
angebot ist vielfältig und wird von
sind. Wiederkehrende Abläufe sorgen
den Flüchtlingen intensiv genutzt.
zudem für klare Strukturen im TagesEs umfasst Individual- und Mannablauf. Durch die Aufnahme in einen
schaftssportarten – darunter auch
Verein entsteht ein Austausch mit
Schwimmkurse – sowie Mutterden Bürgern vor Ort. Gleichzeitig
Kind-Kurse. Durch die Angebote
wird die deutsche Sprache vermittelt.
werden die Flüchtlinge in das VerÜber den Sport hinaus übernehmen
einsleben integriert und erhalten
die jungen Somalier ehrenamtliche

»

Die Duale Hochschule in Stuttgart
hat einen besonderen Weg gefunden, junge unbegleitete Flüchtlinge
zu integrieren: In Ländern wie Indien, Pakistan und Südafrika ist Cricket
Nationalsport und auf der Beliebtheitsskala vergleichbar mit Fußball
in Deutschland. Gemeinsam haben
der Hochschulsport und das Zentrum für Interkulturelle Kompetenz
und Sprachen ein Sportangebot geschaffen, bei dem vier unbegleitete
junge Flüchtlinge bis zu 20 Studierenden Cricket vermitteln. Dabei erlernen die Flüchtlinge spielerisch die
deutsche Sprache, knüpfen Kontakte
– und hier lebende Menschen probieren sich in einer neuen Sportart
aus. Unterstützung erfährt das Projekt vom Jugendamt der Stadt Stuttgart. Jugendamt und Hochschule
veranstalten Workshops, wie man
Flüchtlinge zielgerichtet anspricht.
Das Angebot steht allen jungen
Flüchtlingen offen.
Alle Teilnehmer begegnen sich auf
Augenhöhe. Die Studierenden profitieren von den Fähigkeiten und
Kenntnissen der Flüchtlinge. Den
jungen Flüchtlingen wird Verantwortung übertragen, und sie erfahren für ihr Können und ihre Vermittlung Anerkennung und Dankbarkeit.

23

Lebendige Stadt

Feierliche Enthüllung
des Himmelskreuzes
mit Bundespräsident
Joachim Gauck (links)
und Sachsen-Anhalts
Ministerpräsident
Reiner Haseloff (rechts).

Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte)
mit dem Präsidenten des Lutherischen
Weltbundes (LWB), dem palästinensischen
Bischof Munib Younan (rechts), und LWBGeneralsekretär Martin Junge.

Förderprojekt der
Stiftung „Lebendige
Stadt“: die Skulptur
„Himmelskreuz“
im Luthergarten von
Wittenberg.

VON PROF. DR. DITTMAR MACHULE

Bundespräsident enthüllt Förderprojekt

Burkhard Jung, Oberbürgermeister
von Leipzig und Ratsmitglied
der Stiftung „Lebendige Stadt“,
lobte in seiner Ansprache den
Luthergarten als Grünoase.

D

as Himmelskreuz im Luthergarten wurde von dem Düsseldorfer Künstler Thomas Schönauer
entworfen. Das Kunstwerk besteht
aus drei übereinander schwebenden
Kreuzen aus Aluminium und Edelstahl und ist fünfzehn Meter lang, elf
Meter breit und über viereinhalb Meter hoch. Umrahmt wird es am Boden
von einem Herz und einer Grasfläche
in Form von fünf Blütenblättern. Dabei handelt es sich um Symbole des
Siegels von Martin Luther, der sogenannten Lutherrose. „Die Skulptur
soll die eigene Kraft und Verantwor-

24

tung zur bewussten Mitgestaltung
des respektvollen Miteinanders und
der lebbareren Zukunft stärken“, so
Thomas Schönauer.
Burkhard Jung, Oberbürgermeister
von Leipzig und Ratsmitglied der
Stiftung „Lebendige Stadt“, lobte den
Luthergarten als Grünoase, die „die
Möglichkeit bietet, die Menschen ein
wenig dem Alltag zu entrücken und
über das Menschliche hinauszuweisen. Der Luthergarten macht die
Stadt lebendiger – ganz im Sinne der
Stiftung ‚Lebendige Stadt‘. Wir freuen

uns, dass wir einen Beitrag zur Gestaltung leisten konnten“, so Burkhard Jung.
Im kommenden Jahr feiert die Lutherstadt Wittenberg das 500-jährige
Jubiläum der Reformation. Ihr Beginn
wird auf das Jahr 1517 datiert, als
Martin Luther seine 95 Thesen an die
Tür der Schlosskirche zu Wittenberg
geschlagen haben soll.
Die Kunstinstallation „Himmelskreuz“
vollendet den Luthergarten südwestlich der Altstadt von Wittenberg. Der

Fotos: Steffen Schellhorn (epd-bild) / Jens Schlüter (epd-bild) / Tom Schulze (action press)

Bundespräsident Joachim Gauck hat in der Lutherstadt Wittenberg die Kunstinstallation
„Himmelskreuz“ eingeweiht. Sie steht im Zentrum des Luthergartens, in dem
zum 500. Reformationsjubiläum im kommenden Jahr 500 Bäume wachsen sollen. Die
Realisierung des Himmelskreuzes hat die Stiftung „Lebendige Stadt“ gefördert.
Gestaltungsentwurf für den Park
stammt von dem Landschaftsarchitekten Dr. Andreas Kipar. Seit 2009
werden im Luthergarten 500 Bäume
gepflanzt. Ursprung des Projekts war
der Martin Luther zugeschriebene
Satz: „Auch wenn ich wüsste, dass
morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum
pflanzen.“ Kirchen aus aller Welt und
aller Konfessionen sind eingeladen,
selbst einen Baum im Luthergarten
zu pflanzen oder die Patenschaft
über einen der 500 Bäume zu übernehmen.

25

VON FRIEDERIKE BEYER

Lernort für Kinder und Jugendliche
Premiere für den östlichen Teil des Biomasseparks Hugo in Gelsenkirchen. Highlight des
neuen Parkabschnitts ist ein Umwelt-Infopfad, den die Stiftung „Lebendige Stadt“ mit
einer Förderung in Höhe von 91.000 Euro möglich gemacht hat. Bei der Eröffnung mit dabei
waren die nordrhein-westfälischen Landesminister Sylvia Löhrmann und Garrelt Duin.

D

er Umwelt-Infopfad verfügt
über sieben feuerrot lackierte
Seecontainer. Sie können als
Infopoint, Ausstellungsort, Geräteraum oder Wetterschutz genutzt
werden. Der Pfad führt durch den
Park und verknüpft verschiedene
Lernstationen. Diese behandeln Themen wie Wald, Boden, Urban Gardening oder Energie und werden von
unterschiedlichen Akteuren unterhalten. Kitas, Schulen, Jugend- und
Umweltverbände finden dort Raum
für die schulische und außerschulische Vermittlung von Umwelt und
Natur. Rund 20 Bildungsträger haben
unter der sachkundigen Begleitung
der Stadt Gelsenkirchen und des Landesbetriebes Wald und Holz ein
pädagogisches Konzept entwickelt,
das attraktive Lern-, Spiel- und
Wohlfühlorte entstehen lässt.

Fotos: Sascha Steinbach (action press)

Auch bei
Regenwetter eine
Attraktion: Der
neue UmweltInfopfad ist ein
Lernort für Kinder
und Jugendliche.

„Der Umwelt-Info-Pfad im Biomassepark Hugo ist für die Stadt Gelsenkirchen ein weiterer wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Lernenden
Stadt“, so Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski. Nur
durch hervorragende Bildungskonzepte, die allen sozialen Schichten
gerecht würden, ließen sich Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft
vermeiden. Zudem seien sie Impulsgeber und gäben den kommenden
Generationen die Chance, „unsere
Stadt im Sinne der Nachhaltigkeit zu
entwickeln und zu verändern“, so
Baranowski.
Der 22 Hektar große Biomassepark
befindet sich mitten in Gelsenkirchen
auf dem früheren Industrieareal „Zeche Hugo“. Dieses europaweit einzigartige Park-Projekt besteht zu rund
50 Prozent aus schnellwachsenden
Baum- und Straucharten, die in regelmäßigen Abständen von einigen

Eröffnung des neuen Umwelt-Infopfades mit den NRW-Landesministern Sylvia Löhrmann (2.v.l.) und Garrelt Duin (hinten links), Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski (4.v.r.) und Friederike Beyer
(3.v.l.), Vorstand der Stiftung „Lebendige Stadt“.

26

NRW-Schulministerin
Sylvia Löhrmann
lobte den neuen Park
als Lernstätte für
Nachhaltigkeit und
Ökologie.

Jahren abgeerntet werden, um so
große Holzmengen als Biomasse
nachhaltig zu erwirtschaften. Die übrigen Parkflächen werden als Lern-,
Spiel- und Erholungsorte für die Bürger und zudem als Lebensraum für
seltene Tier- und Pflanzenarten genutzt.
„Der Biomassepark wird öffentlicher
Raum. Er dient der Freizeit und Erholung. Er wird eine grüne Lunge in
Gelsenkirchen. Und: Er wird ein anschaulicher Lernort für Kinder und
Jugendliche aus der Stadt Gelsenkirchen und der Region“, so die stellver-

Neben den vielen Lernangeboten
werden auch attraktive, generationenübergreifende Spiel- und Erholungsorte Bestandteil des Biomasseparks sein. Schulen, Kitas und Anwohner werden in das Projekt eng
eingebunden, indem sie in Eigenregie
Flächen gestalten, pflegen und nutzen. So entstehen ein Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten, eine Kräuterspirale, ein Färbergarten, ein Beachvolleyballfeld, ein Gemeinschaftsplatz
sowie ein Niedrigkletterseilgarten.
Initiatoren des Parks sind die RAG, die
RAG Montan Immobilien, der Landes-

Der Biomassepark befindet sich mitten in Gelsenkirchen
auf dem früheren Industrieareal der Zeche Hugo.

tretende Ministerpräsidentin und
Schulministerin Sylvia Löhrmann. Eine solche außerschulische Lernstätte
stärke die Bildung für nachhaltige
Entwicklung und mache für die Schüler die Themen Nachhaltigkeit und
Ökologie nicht nur ganzheitlich erlernbar, sondern auch konkret erlebbar, so die Ministerin.
„Der Biomassepark Hugo ist ein beeindruckendes Beispiel für die Nachfolgenutzung von Bergbauflächen“,
sagte Wirtschaftsminister Garrelt
Duin, der auch Mitglied im Stiftungsrat der „Lebendigen Stadt“ ist. Gemeinsam sei es gelungen, die vielfältigen Potenziale der Industriebrachen
in dieser Region zu heben. „Die Geschichte des Ortes und seine Verwandlung werden hier erlebbar“, so
Duin.

betrieb Wald und Holz NRW, das
Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und
Verbraucherschutz NRW sowie die
Stadt Gelsenkirchen und der Förderverein „aGEnda 21“. Wissenschaftlich
begleitet wird der Biomassepark Hugo von der „Plattform Urbane Waldnutzung“ und der Ruhr-Universität
Bochum. Die „lernendende Stadt“
Gelsenkirchen hat sich im Rahmen
der Perspektive „Zukunftsstadt
2030+“ der Nachhaltigkeit verpflichtet. Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ist für die mehrfach mit
dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis
ausgezeichnete UN-Dekadenstadt
Gelsenkirchen der zentrale Baustein
für eine positive Stadt- und Gesellschaftsentwicklung. Dazu trägt auch
der zukünftige Biomassepark Hugo
bei.

27

VON SILKE WISSEL

Grüne Oase statt Asphaltwüste
Im Rahmen ihrer gemeinsamen Bundesinitiative „dein Schulhof“ fördern die Stiftung
„Lebendige Stadt“ und die Deutsche Umwelthilfe die Neugestaltungen der Schulhöfe der
Buchenbergschule in Bad Doberan, der Hans-Fallada-Schule in Berlin und der
Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule in Wiesbaden. Insgesamt hatten sich 550 Schulen mit
ihren Ideen und Konzepten beworben.

A

uf Deutschlands Schulhöfen
herrscht immer noch weitgehend die Zweckmäßigkeit vergangener Jahrzehnte vor: Asphalt
und Beton. Das kommt der Unterhaltung dieser Flächen entgegen – an
den Nutzern orientieren sich diese
Betonwüsten jedoch nicht. Dabei
werden Schulen und ihre Schulhöfe
durch den Ausbau von Ganztagsangeboten zunehmend zu einem zentralen Lebens- und Lernort junger
Menschen. Um dieser Rolle gerecht
zu werden, bemühen sich viele Schulen neben einer zeitgemäßen Ausstattung ihrer Klassenräume auch um
eine angemessene Gestaltung ihrer
Außenflächen.
Hier setzten 2014 die Stiftung „Lebendige Stadt“ und die Deutsche
Umwelthilfe mit ihrer gemeinsamen
Bundesinitiative „dein Schulhof“ an.
Die Initiative hat ein Gesamtvolumen
von rund 250.000 Euro und steht
unter der Schirmherrschaft von Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks.
Am Anfang der Initiative befragte das
Forsa-Institut bundesweit 500 Schüler der Klassen 1 bis 10, wie sie ihren
Schulhof bewerten. Ein wichtiges Ergebnis: 82 Prozent der Schüler gaben
an, bei der Verschönerung des eigenen Schulhofs gerne mithelfen zu
wollen. Daraufhin riefen die Stiftung
„Lebendige Stadt“ und die Deutsche
Umwelthilfe“ zum Bundeswettbewerb „Schulhof der Zukunft“ auf.
Daran nahmen 536 Schulen in ganz
Deutschland teil. Zehn Siegerschulen
wurden 2015 mit jeweils 2.000 Euro
Preisgeld prämiert.

Auf dem neuen Pausenhof der
Jahnschule in Wiesbaden sorgen
die Kinder für die Grünpflege.

Das grüne Klassenzimmer der Jahnschule bietet künftig Gelegenheit zum Unterricht im Freien.

28

Das neue Baumhaus auf dem
Pausenhof der Jahnschule ist
bei den Kindern sehr beliebt.

Fotos: Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule Wiesbaden / René Mödebeck

Ein Projekt von:

Seit 2016 kümmert sich „dein Schulhof“ jetzt um solche Schulen, denen
bisher die Gelegenheit zur Umgestaltung ihres Schulhofs fehlte. 550
Schulen aus dem ganzen Bundesgebiet bewarben sich bei der Ausschreibung „Macht euren Schulhof fit für
die Zukunft“. Über je 20.000 Euro
Förderung der Stiftung „Lebendige
Stadt“ freuten sich die Schüler der
Buchenbergschule in Bad Doberan,
der Hans-Fallada-Schule in Berlin
und der Friedrich-Ludwig-JahnSchule in Wiesbaden. Neben der Förderung werden diese drei Schulen bis
2017 von „dein Schulhof“ bei ihren
Planungs- und Umbauprozessen begleitet.

Baumstämme, aus denen einige Wochen später noch ein BaumstammMosaik wurde, und das NatursteinAtrium boten völlig neue Spielmöglichkeiten.

Spatenstich für den neuen Schulhof der Buchenbergschule in Bad Doberan mit Gerhard Fuchs,
Vorstand der Stiftung „Lebendige Stadt“, und Schulleiter Herbert Thietke (rechts).

Die Jahn-Grundschule in Wiesbaden
liegt mitten in einem eng bebauten
Innenstadtviertel. Der Schulhof ist
einer der wenigen Freiräume im Umfeld, die den Kindern im Quartier zum
Spielen zur Verfügung steht. Er bot
jedoch bislang mit seiner monotonen
Asphaltfläche und einem in die Jahre
gekommenen Klettergerüst weder
Aufenthaltsqualität noch angemessene Spielmöglichkeiten. Für die Pausenzeiten hatte die Schule mit einem
beträchtlichen Fuhrpark an rollenden
Spielgeräten zwar für Aktionsmöglichkeiten gesorgt, bei einer wachsenden Anzahl von Kindern in verschiedenen Ganztags-Betreuungsmodellen traten die Defizite des
Schulhofs als Bewegungs-, Erholungs- und Lernraum aber immer
deutlicher zu Tage. Lehrerschaft und
Eltern waren sich einig: Der Schulhof
musste sich in eine kindgerechte,
naturnahe Spielfläche verwandeln,
die vielseitig pädagogisch nutzbar ist.
Erste Ideen für die Umgestaltung
entwickelten die Kinder in einer Projektwoche und in einem schulweiten
Malwettbewerb. Die Ergebnisse flossen in den eigentlichen Planungsprozess ein, an dem Eltern und Lehrkräfte intensiv beteiligt waren. Unter
Federführung von Förderverein und
Schulleitung bildeten sich Teams für
Bauplanung und Fundraising. Während die Erwachsenen im Stadtteil
ansässige Betriebe ansprachen und

bei Stiftungen, Behörden und Unternehmen um Unterstützung warben,
wurden auch die Kinder aktiv: Bei
einer Tombola beim Schulfest und bei
zwei Sponsorenläufen waren sie mit
Feuereifer dabei. Allein beim Sponsorenlauf im Juli 2016 erliefen sie bei
heißem Sommerwetter über 7.000
Euro.
Mit der Förderzusage von „dein
Schulhof“ waren dann endlich alle
nötigen Mittel zusammen. Über die
Sommerferien 2016 kamen Bagger
und Bauarbeiter, um den Asphalt zu
entfernen, ein Naturstein-Atrium zu
bauen und das neue Baumhaus-Klettergerüst aufzustellen. Dann kam
noch ein Schreck: Unter der Schulhofoberfläche tauchte eine zweite,
schwer schadstoffbelastete Asphaltschicht auf, deren Entsorgung das
Projektbudget zu verschlingen drohte. Zum Glück sprang die Stadt Wiesbaden mit einem Finanzzuschuss ein,
so dass mit einer Verzögerung von
lediglich einer Woche die Arbeiten
abgeschlossen werden konnten.
Nach den Sommerferien nahmen die
Schüler ihren neuen Schulhof mit
Begeisterung in Besitz. Aus der platten Fläche war plötzlich ein kleinteiliges Mosaik aus verschiedenen Bodenbelägen geworden, was ein Gefühl von Struktur und Orientierung
vermittelte. Das neue Klettergerüst
mit Baumhaus und Hängematte, die

Im Oktober pflanzten die Kinder mit
ihren Eltern und Lehrern zahlreiche
neue Büsche und Stauden und machten so die Verwandlung von der
Asphaltwüste zur grünen Erlebnisoase komplett. Der Effekt ist bereits
jetzt in jeder Pause spürbar: Die Kinder spielen viel intensiver zusammen
als zuvor. Das Miteinanderspielen
dominiert gegenüber dem wilden
Durcheinanderlaufen von früher. Und
wenn die Büsche und Bäume erst
einmal gewachsen sind, werden immer mehr Rückzugsräume entstehen,
die den Kindern der Jahnschule ein
Nebeneinander von wildem Toben,
ruhigem Spielen, gemütlichem Zusammensitzen und eigenständigem
Naturentdecken ermöglicht.
Auch in Bad Doberan und Berlin gehen
die Umgestaltungen mit großen
Schritten voran: An der Berliner HansFallada-Schule haben im Frühjahr
2016 die Schüler von der ersten bis zur
zehnten Klasse intensiv das Gelände
untersucht und einen Plan erstellt, wie
ihr Schulhof einmal aussehen soll. Die
siebten bis zehnten Klassen bauten im
Oktober aus eigenhändig geschälten
und zugeschnittenen Baumstämmen
eine „Lümmelbank“ und einen Pavillon
für die neue Jugendecke des Schulhofs. Schritt für Schritt folgt in diesem
und in den nächsten Schuljahren ein
Umgestaltungsbereich nach dem anderen: So bauen auch noch die Schülergenerationen an ihrem Traumschulhof, deren Einschulung noch bevorsteht.
An der Buchenbergschule in Bad Doberan rollten nach einem gemeinsamen Planungsprozess der Schulgemeinschaft in den Herbstferien 2016
die Bagger an, um eine Hügellandschaft, einen Bachlauf und viele
Pflanzbeete anzulegen. Noch diesen
Herbst werden die ersten Büsche und
Bäume gepflanzt, bevor die Schüler
im Frühjahr dem Pausenhof den letzten Schliff geben, Gebüsch und Stauden anpflanzen, Sitzgelegenheiten
bauen und ihren Naturerlebnisschulhof fertigstellen.

29

VON RANDO AUST

Fotos: Arved Fuchs Expeditionen

Stadtplanung braucht Nachwuchs

VON CORINNE SCHMID

Einmal Antarktis und zurück
„Ocean Change“ – unter diesem Titel stand die neueste Expedition des Polarforschers
Arved Fuchs, der Mitglied im Rat der Stiftung „Lebendige Stadt“ ist.
Sein alarmierendes Fazit: Der Zustand der Meere ist besorgniserregend.

Die „Dagmar Aaen“ überquerte die
verschmutzte Bucht vor Rio, meisterte die Passage um das berüchtigte
Kap Hoorn, das Fuchs vor 32 Jahren
als erster Mensch mit einem Faltboot
umrundete, und sie erreichte die einzigartig faszinierende Antarktis:
„Man hatte den Eindruck, hier ist die
Natur noch in Ordnung“, berichtet
der 63-Jährige. „Es war ein so intensives Naturerlebnis. Da der Mensch
hier keine potentielle Gefahr darstellt, kommen Tiere wie Robben oder
Pinguine ganz nah an einen heran.“
Auch eine Herde von 20 Buckelwalen
hat das Team beobachten können.
„Die finden hier einen reich gedeckten Tisch“, so Fuchs über das artenreiche und müllfreie Meer in der
antarktischen Region. „Hier greifen
die Restriktionen zum Schutz der
Natur“, erklärt der Forscher. Der Abbau von Rohstoffen ist durch den
1961 in Kraft getretenen Antarktisvertrag genauso verboten wie etwa
militärische Manöver.
Leider ist dies eine Ausnahme, und
die Natur ist nicht überall so intakt.
Doch Missstände wie etwa die Vermüllung im Meer aufzudecken und

30

den Menschen sichtbar und bewusst
zu machen, ist Sinn der Expedition
„Ocean Change“. Um dies zu dokumentieren, führte die Crew unter
anderem ein Mülltagebuch. Darin
stehen Ort und Menge des vorgefundenen Mülls. „Die Küste Südamerikas
war jedoch teilweise so voll mit Müll,
dass es schwerfiel, überhaupt noch
Buch zu führen“, sagt Fuchs.
Besonders vor Rio de Janeiro, wo
während der Zeit die Olympischen
Spiele stattfanden, war das Wasser
stark verschmutzt. Zwar wurde versucht, die Unmengen an Müll von
kleinen Booten aus mit Harken zu
beseitigen, doch werde die Wasserqualität dadurch nicht besser: „Das
ist reine Kosmetik“, sagt Fuchs. „Viel
gefährlicher als der sichtbare Müll,
der von den Hängen der Favelas ins
Wasser weht, sind die Bakterien und

Krankheitserreger, die durch unkontrollierte Zuflüsse ins Wasser gelangen.“ Durchfall und andere Erkrankungen seien die Folge.
Ein weltweites Problem sei natürlich
der Plastikmüll. „In Patagonien zum
Beispiel schwimmen Flip-Flops, Tüten
und Creme-Dosen an Land“, sagt
Fuchs. „Aber das Problem ist eher ein
subtiles als ein visuelles.“ Denn nicht
ein Ozean voll von Tüten sei die eigentliche Gefahr, sondern die Tatsache, dass diese zu einem Granulat
zerrieben werden. „Es bilden sich
ganze Plastikteppiche auf dem offenen Meer“, erklärt der Forscher, „die
sind zum Teil so fest, dass Trawler
diese Regionen meiden, sonst haben
sie Plastik in ihren Netzen.“
Nicht nur Plastik im Meer, auch
Überfischung ist eine Tatsache, deren

Der Polarforscher
Arved Fuchs untersuchte auf seiner
jüngsten Expedition
„Ocean Change“
den Zustand der
Meere.

Ursachen die Crew der „Dagmar Aaen“ begegnet ist. So sahen die Forscher vor den Küsten Südamerikas
koreanische Fangflotten, die das
Meer im industriellen Stil überfischen. „Die bleiben jahrelang auf See
und haben wenig Regulative“, so
Fuchs. Doch auch an Westeuropas
Küsten, Frankreich, Spanien, Portugal,
den Kap Verden und vor Afrika erlebten die Expeditions-Mitglieder ähnlich unsensible Vorgehensweisen.
„Wir haben Fischer in ganz verschiedenen Regionen die Frage gestellt,
ob ihre Kinder das traditionelle Geschäft weiterführen sollen“, so Arved Fuchs. „Doch egal wo, wir haben
immer dieselbe verneinende Antwort
bekommen. Damit wäre nicht nur
der Beruf des Fischers passé, sondern auch Netzbindereien, Werften,
die die Kutter pflegen, und die damit
zusammenhängende Küstenkultur“,
befürchtet Fuchs.

A

gesucht. Studierende aus ganz
Deutschland konnten Studien- und
Abschlussarbeiten einreichen. Das Ergebnis: viele kreative Ideen für zukünftige Stadtstrukturen und Nutzungsszenarien.

n zehn deutschen Hochschulen
hat die Stiftung bereits studentische Projekte mit einem Förderprogramm unterstützt. Dazu zählen unter anderem die Ausrichtung
von Symposien, Workshops, Exkursionen und Studierendenwettbewerbe,
die Veröffentlichung von Fachpublikationen sowie Absolventenbefragungen. Studierende der Fachrichtung Stadt- und Raumplanung der
Fachhochschule Erfurt kamen zudem
in den Genuss des „Deutschlandstipendiums“. Dabei wurden sie praxisnah vorbereitet, Lösungen für Probleme der urbanen Entwicklung zu erarbeiten.

Der Förderbedarf im Hochschulbereich ist vielfältig, finanziell betrachtet aber oft überschaubar. Die Stiftung „Lebendige Stadt“ sieht daher in
diesem Bereich auch in Zukunft einen
wichtigen Schwerpunkt ihrer Stiftungsarbeit. Mehr Informationen
zur Nachwuchsförderung unter
www.lebendige-stadt.de.
Von der Stiftung „Lebendige Stadt“ gefördert: die Summer School in Leipzig.

In Leipzig unterstützt die Stiftung die
jährliche Summer School des Vereins
GeoWerkstatt Leipzig. Sie bietet Studierenden die Möglichkeit, sich mit
aktuellen Themen der Stadtentwicklung auseinanderzusetzen. Dazu
zählt auch die Veranstaltungsreihe
HOT SPOTS // DER STADTENTWICK-

LUNG des Instituts für Stadtentwicklung und Bauwirtschaft der Universität Leipzig. Sie ist ein öffentliches
Podium für Fragen von Studierenden
und Bürgern an Experten für Stadtentwicklung. Trotz oft unterschiedlicher Sichten und Meinungen ent-

steht dabei ein konstruktiver Austausch.
Die Universität Stuttgart hat mit dem
von der Stiftung unterstützten Wettbewerb „NextCity“ Konzepte für die
Gestaltung der Stadt von morgen

Förderprojekt:
Buchband mit
Aufsätzen des
Architekturtheoretikers
Werner Sewing.

An zehn deutschen Hochschulen
hat die Stiftung „Lebendige Stadt“
bereits studentische Projekte unterstützt (Foto Hörsaal der Uni Kassel).

Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, was in den Meeren geschieht
und welche Folgen es hat. Arved
Fuchs sieht seine Mission darin, bei
den Menschen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, und sie so zum
Handeln zu bewegen. „Ocean
Change“ möchte er auf jeden Fall
fortsetzten. Und er kann sich gut
vorstellen, dass es ein Schulfach
„Umweltschutz“ gibt. „Es wäre
schön, wenn das Thema eine so hohe
Priorität gewinnen könnte wie etwa
das Flüchtlingsthema: Denn da haben Menschen oft irrationale Ängste. Aber dass die Natur, unser aller
Lebensgrundlage, schlecht behandelt wird, das betrifft alle Völker.“

Fotos: Uwe Zucchi (picture alliance) / Summer School Leipzig

M

it dem 85 Jahre alten Haikutter „Dagmar Aaen“ und seiner
44-köpfigen Crew legte Fuchs
21.000 Seemeilen zurück: umgerechnet 40.000 Kilometer – das entspricht einmal dem Erdumfang. Neben grandiosen Naturerlebnissen
machte das Forscherteam bei seinem
einjährigen Törn über Guinea-Bissau,
Brasilien, Uruguay bis zur Antarktis
unerfreuliche Entdeckungen, was den
Zustand der Meere angeht.

Verkehrsinfarkt, wachsende Umweltbelastung, steigende Wohnpreise und Migration –
das sind nur einige Herausforderungen, vor denen die Kommunen heute stehen.
Und trotz alledem wollen immer mehr Menschen in Städten leben. Aufgabe ist es daher,
Städte vorausschauend und verantwortungsvoll zu planen und zu gestalten.
Hier setzt die Stiftung „Lebendige Stadt“ an: Sie fördert den akademischen Nachwuchs.

31

Lebendige Stadt

VON ANDREA PEUS

Schnell, flexibel und
umweltfreundlich
Sie nennen sich „Sprudel-Sprinter“, „Kinder-Kutsche“
oder „Party-Pickup“ – und scheinen ihre Fahrer ziemlich
glücklich zu machen: Lastenräder! In Deutschland
überzeugen die Zwei- und Dreiräder mit ihren praktischen
Transportboxen inzwischen nicht nur
junge Familien und trendbewusste Großstädter.

Das scheint sich herumzusprechen,
denn in vielen Städten gehören die
umweltfreundlichen Familienkutschen schon wie selbstverständlich
zum Straßenbild. Für Arne Behrensen,
Cargo-Bike-Experte und Blogger
(cargobike.jetzt), zeigt sich damit,
dass nicht nur Elektroautos zur Verkehrswende beitragen. Und da geht
noch mehr, weiß Behrensen: „Einer
Studie zufolge könnten 51 Prozent
aller Kfz-Fahrten in den Städten, bei
denen Güter transportiert werden,
auf Transporträder verlagert werden“.
Wer sich das Lastenrad nicht kaufen
will und nur gelegentlich braucht,
kann es auch leihen. Mit „Kasimir –

32

Dein Lastenrad“ brachte der erste
Anbieter 2013 die Kölner auf den
Geschmack und hat seitdem in über
30 Städten Nachahmer gefunden. Die
Räder sind online buchbar und können an teils wechselnden Stationen
wie Cafés oder Stadtteilzentren kostenlos oder auch für eine geringe
Gebühr ausgeliehen werden.
Aktuell testet die vom Bundesverkehrsministerium geförderte Transportradinitiative Nachhaltiger Kommunen (TINK) in Konstanz und Norderstedt ein öffentliches Cargo-BikeMietsystem mit jeweils 24 Rädern.
Das Konzept, das schon bald auf
weitere Kommunen übertragen werden soll, hat in Konstanz mit 1.350
registrierten Nutzern bereits nach
zwei Monaten alle Erwartungen
übertroffen. „Das ist kein Zufall“,
weiß Projektleiter Marco Walter. „Die
Stadt ist eng, die Strecken kurz und
der Parkdruck hoch. Das sind ideale
Voraussetzungen.“ Hinzu komme,
dass Konstanz eine Studentenstadt
mit vielen jungen Menschen sei, denen „der Besitz eines eigenen Autos
zunehmend weniger wichtig ist“.
	
Doch nicht nur private Nutzer setzen
auf Cargo-Bikes. Auch immer mehr
Handwerker entdecken die wendige
Transportalternative für sich. Malermeister Jürgen Vogelsang aus Osnabrück hat seit März schon tausende
Kilometer mit seinem neuen Lastenrad
zurückgelegt. Der 53-Jährige freut
sich aber nicht nur über Zeitgewinn
und Kosteneinsparung. „Durch das
Radfahren habe ich ein wunderbares
Fitnesstraining“, sagt Vogelsang, der
sein umweltfreundliches Gefährt zudem als imageträchtigen Werbeträger
sieht.

Foto: VELOGOLD.de

L

astenräder machen Spaß. Zumindest sehen die Fahrer, die
sich in geradezu beneidenswerter Gelassenheit durch die Citys manövrieren, sehr danach aus – ganz
gleich, ob es sich bei ihrer Fracht um
zwei bis drei Kinder plus Laufrad und
Bobby-Car handelt, um Bierkästen
oder um den Monatseinkauf vom
Wochenmarkt. Staus? Werden umfahren. Parkplatzprobleme? Gibt es
nicht. „Das ist Lebensqualität“, versichert Lars Wichmann vom CargoBike-Fachgeschäft Velogold in Hannover. Die Transporträder seien zudem äußerst familienfreundlich.
„Wenn ich mit meiner 12-jährigen
Tochter durch die Stadt cruise, quatschen wir die ganze Zeit“, erzählt
Wichmann. Seine Zielgruppe sind
aber vor allem Familien mit kleineren
Kindern. In der praktischen Transportbox haben die Eltern ihren Nachwuchs nämlich im Blick – anders als
im Anhänger oder auf der Fahrzeugrückbank. „Da kann man bei Streit
gleich eingreifen“, so Wichmann.

So macht Stadtverkehr
Spaß: Marlin, Eni
und Ole cruisen fröhlich
mit Fahrerin Susanne
durch Hannover.

33

Lebendige Stadt

1886, vor 130 Jahren, mit seinen berühmten Funken-Experimenten an
der Universität Karlsruhe (damals
Technische Hochschule Karlsruhe,
heute KIT Karlsruher Institut für
Technologie) die Existenz der elektromagnetischen Wellen und deren Eigenschaft als Informationsträger für
Licht bewies. Vor dem Hintergrund
dieser bahnbrechenden Grundlagenforschung wurde am KIT im Jahr
2006 die Graduiertenschule „Karlsruhe School of Optics & Photonics
(KSOP)“ – ein zukunftsweisendes
Master- und Doktorandenprogramm
– gegründet. Basierend auf der Forschungsarbeit in der KSOP hat sich
der KIT-Schwerpunkt „Optik und Photonik“ dynamisch weiterentwickelt.
Noch eine weitere Initiative hat
Karlsruhe der wohlwollenden und
unkomplizierten Unterstützung durch
die Stiftung „Lebendige Stadt“ zu
verdanken: Die lange, triste Bahnunterführung Mittelbruchstraße, die
gleichwohl eine wichtige Eingangssituation zur Innenstadt darstellt und
zuvor von Fußgängern eher gemieden
wurde, konnte durch ein effizientes
Lichtkonzept 2012 deutlich aufgewertet werden. Die neue Beleuchtung
lässt den Durchgang nun wesentlich
sicherer und freundlicher erscheinen.

VON DR. FRANK MENTRUP

Was macht eigentlich …?

Die Illumination des ZKM
Foto: Pauline Fabry

Vor zehn Jahren feierte Karlsruhe die neue Illumination des denkmalgeschützten Hallenbaus des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) –
ein Förderprojekt der Stiftung „Lebendige Stadt“. Was ist daraus geworden?
Und welche weiteren Impulse sind von dem Projekt ausgegangen?

E

ine Stadt des Lichts – das ist
Karlsruhe allein schon wegen
seiner Lage in der milden und
von der Sonne begünstigten Oberrhein-Ebene. „Klar und lichtvoll wie
eine Regel“, um es mit den Worten
des Dichters Heinrich von Kleist auszudrücken, ist aber auch der einzigartige Stadtgrundriss: 32 Straßen
und Wege gehen wie ein „Sonnenfächer“ ringsum vom zentral gelegenen
Schloss aus. Als eine der ersten Städte Deutschlands hat sich Karlsruhe

34

2008 auch einen „Lichtplan“ gegeben, auf dessen Grundlage die Beleuchtung vieler stadtbildprägender Gebäude seither vorangetrieben wurde.
Ein wesentlicher Impulsgeber hierzu
war 2006 die allabendliche künstlerische Illuminierung der Fassade des
denkmalgeschützten Hallenbaus (erbaut 1915–1918), einer ehemaligen
Rüstungs- und seit 1997 „Kulturfabrik“ mit gewaltigen Ausmaßen (320
Meter lang), die heute das Zentrum

für Kunst und Medien (ZKM), die
Städtische Galerie und die Staatliche
Hochschule für Gestaltung beherbergt. Die Konzeption der Lichtgestaltung sowie ihre technische Umsetzung konnte dank der Initiative
und der Unterstützung der Stiftung
„Lebendige Stadt“ realisiert werden.
Der geschichtsträchtige Bau mit seiner herausragenden städtebaulichen
und baukünstlerischen Bedeutung
wird damit effektvoll in Szene gesetzt. Vorausgegangen war die städ-

tebauliche Neuordnung einer bislang
abgeriegelten Industriebrache, die für
kulturelle und soziale Zwecke umgewandelt wurde. Mit der Illuminierung
des Hallenbaus wurde diese Neuordnung, zusätzlich zu den Lichtinstallationen auf dem Vorplatz des ZKM,
weithin sichtbar gemacht.
Der Impuls, der von der nunmehr beleuchteten Hallenbaufassade ausging, hat das ganze Quartier belebt
und auch die Aufenthaltsqualität auf

dem Vorplatz, dem Platz der Menschenrechte, zwischen Hallenbau,
Filmpalast und Bundesanwaltschaft
so verbessert, dass er zu einem Treffpunkt auch in den Abendstunden
geworden ist. Der Impuls wurde auch
von anderen Kulturinstitutionen wie
der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
oder dem Staatlichen Museum für
Naturkunde Karlsruhe aufgenommen,
die infolge der Illuminierung des Hallenbaus ebenfalls ihre Fassaden beleuchten und damit im Stadtraum

weitere wichtige Akzente setzen. Bei
einigen Neubauvorhaben wie z.B. der
Erweiterung des Generallandesarchivs wurden solche Fassadenbeleuchtungen von Anfang an mit eingeplant.
Die Illuminierung des Hallenbaus begann zeitgleich zur großen, überaus
publikumswirksamen Ausstellung des
ZKM „Lichtkunst aus Kunstlicht“
(2005/2006). So wurde der Hallenbau
sowohl im Museumsraum als auch an

seiner Fassade mit Lichtkunst und
Lichtdesign bespielt. Damit wurden
alle Potentiale der Lichtkunst für eine
breite Öffentlichkeit sinnlich erlebbar. Die ZKM-Ausstellung ebenso wie
die Fassadenilluminierung haben dabei Standards gesetzt, die seitdem
eine nachhaltige Breitenwirkung erzielt haben.
Die Ausstellung „Lichtkunst aus
Kunstlicht“ war einem Ahnherren des
ZKM gewidmet: Heinrich Hertz, der

Der Aspekt des Lichtes krönte auch
das 300-jährige Jubiläum der Stadt
Karlsruhe im Jahr 2015. Gemeinsam
mit der Karlsruhe Event GmbH startete das ZKM eine weitere Phase der Illuminierung des öffentlichen Raums
durch die abendlichen „Schlosslichtspiele“, bei denen die gesamte Fassade
des Karlsruher Schlosses (170 Meter
lang, 3.000 Quadratmeter Fläche) drei
Monate lang mit einem Programm
von acht avancierten künstlerischen
Projektionen in „Projection Mapping“Technologie bespielt wurde (mit 24
Projektoren à 20.000 ANSI-Lumen,
insgesamt 480.000 ANSI-Lumen). Der
Publikumserfolg war mit 400.000 Besucherinnen und Besuchern über zehn
Wochen überwältigend und auch im
Sommer 2016 verfolgten in sieben
Wochen 330.000 begeisterte Zuschauerinnen und Zuschauer die zweite Auflage der Schlosslichtspiele. Mit
dieser Attraktion ist der „lichterfüllte“
Charakter der Stadt Karlsruhe wieder
zu seinem Ursprung, dem Schloss, zurückgekehrt.

35

Attraktion der
Kulturhauptstadt
2017: das ArosKunstmuseum im
dänischen Aarhus.

Fotos: Eva Maria Mester (picture alliance) / Maja Hitij (picture alliance) / Walter Bibikow (Avenue Images)

Lebendige Stadt

Erfolgreicher Start:
Das Deutsche
Fußballmuseum in
Dortmund lockte in
den ersten zwölf
Monaten mehr als
200.000 Besucher an.

Stadtnachrichten
Frankfurt: Richtfest für
rekonstruierte Altstadt

Mit einem großen Richtfest hat die
Stadt Frankfurt den Wiederaufbau
ihrer Altstadt gefeiert. „Die Stadt
bekommt mit diesem Projekt, dieser
Altstadt, ein Herz, sogar einen Teil
ihrer Seele zurück", sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann. Rund 300
geladene Gäste und gut 500 Bürger
erhielten bei dem Richtfest einen ersten Eindruck der neuen Altstadt. Sie
nahmen an Führungen über den historischen Krönungsweg teil, der zwischen dem Dom und dem Römerberg
verläuft. Den Weg nahmen einst die
Kaiser, wenn sie von ihrer Krönung
zum anschließenden Bankett in den
Römer gingen. Der umstrittene Wiederaufbau der Altstadt kostet 186
Millionen Euro, rund 100 Millionen
Euro davon zahlt die Stadt. Sie hofft,

36

einen Teil der Ausgaben durch Vermietungen wieder hereinzuholen. Bis
Ende 2017 sollen die 20 Neubauten
und 15 Rekonstruktionen auf dem
Areal fertiggestellt sein. Das historische Fachwerkviertel war 1944 bei
einem Bombenangriff der Alliierten
komplett zerstört worden.

Stralsund und Steinheim:
Bahnhöfe des Jahres

Stralsund und Steinheim sind die
Bahnhöfe des Jahres 2016. Die Allianz pro Schiene hat zum 13. Mal in
Folge die kundenfreundlichsten
Bahnhöfe gekürt. Das mecklenburgvorpommersche Stralsund überzeugte die Jury mit seiner „typisch norddeutsche Lebensart“, für die das Solide mehr zähle als Prunk und Protz.
Ein großer Pluspunkt sei auch das
aufmerksame und durchweg höfliche

Sicherheitspersonal. Der Kleinstadtbahnhof des Jahres liegt im westfälischen Steinheim am Rande des
Weserberglandes. Er begeisterte die
Jury als „voll ausgestattetes Prachtstück“ mit Fahrradkeller, Ladestation,
Hotel und Restaurant mit Biergarten.

Dortmund: Fußballmuseum
mit erfolgreichem Start

Mehr als 200.000 Menschen haben
das Deutsche Fußballmuseum in
Dortmund in den ersten zwölf Monaten seit seiner Eröffnung am 25. Oktober 2015 besucht. Das DFB-Museum zeigt vereinsübergreifend und mit
viel Videomaterial die Geschichte des
deutschen Fußballs. Es kostete den
DFB, dessen Partner sowie das Land
Nordrhein-Westfalen insgesamt 36
Millionen Euro. Die Stadt Dortmund
stellte das Grundstück zur Verfügung

und gestaltete den Außenbereich für
fünf Millionen Euro. „Das Konzept ist
aufgegangen“, erklärte Dortmunds
Oberbürgermeister Ullrich Sierau. Besonders freue ihn die überregionale
Strahlkraft. Etwa ein Drittel der Museumsbesucher komme von außerhalb nach Dortmund, so Sierau.

Kulturhauptstädte 2017:
Aarhus und Paphos

„Kulturhauptstadt Europas 2017“ –
diesen Titel teilen sich Aarhus in Dänemark und Paphos auf Zypern. Das
Programm des Kulturhauptstadtjahres von Aarhus steht unter dem Motto „Let’s Rethink“ (umdenken) und
umfasst neben vier Großevents, zwölf
„Vollmond“-Veranstaltungen und
über 400 Einzelprojekte. Aarhus liegt
an der Ostseeküste Jütlands und ist
mit 315.000 Einwohnern Dänemarks

zweitgrößte Stadt. Aarhus eröffnet
das Kulturhauptstadtjahr offiziell am
21. Januar 2017. Paphos im Südwesten Zyperns startet 28. und 29. Januar 2017 mit einer großen Eröffnungsfeier in das Kulturhauptstadtjahr.
Dann soll sich die Hafenstadt in eine
Open-Air-Kulturwerkstatt verwandeln, mit Musik-, Tanz- und Theatervorführungen in der gesamten Stadt.
Das Motto: „Linking continents –
bridging cultures“.

Lübecker Holstentor
wird zum „Bolstentok“

In einer Souvenirfabrik in China ist
ein Miniaturmodell des Lübecker
Holstentors versehentlich als „Bolstentok“ beschriftet worden. Doch gerade dieser Schreibfehler machte die
Miniatur-Ausgabe beim Lübeck und
Travemünde Marketing (LTM) zum

absoluten Verkaufsrenner. „Wir wollten die Tore eigentlich gleich an unseren Händler zurückschicken, der die
Souvenirs in China fertigen lässt“,
sagte die Leiterin des Gästeservice,
Alexandra Grothe. Doch dann verbreitete LTM-Geschäftsführer Christian Lukas ein Foto des „Bolstentok“Modells auf Facebook – und die Telefone standen nicht mehr still. Wegen
der großen Nachfrage habe man
Nachschub geordert – diesmal allerdings mit korrekter Beschriftung. Das
Lübecker Holstentor wurde von 1464
bis 1478 erbaut und ist ein Wahrzeichen der Hansestadt. Mit über tausend denkmalgeschützten Gebäuden
und historischen Gassen zählt Lübeck
zum Unesco-Weltkulturerbe.
Verkaufsschlager: Alexandra Grothe vom Lübecker Gästeservice
mit dem falsch beschrifteten Modell des Holstentors.

37

Lebendige Stadt

Marktplatz in Lutherstadt Wittenberg
(Sachsen-Anhalt): Die Freiraumgalerie
aus 95 „Thesen-Türen“ wirbt für das
Reformationsjubiläum 2017.

Es wird gebaut – Tendenz steigend

Dr. Barbara Hendricks ist Bundesministerin für
Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

38

Die Rahmenbedingungen für den
Wohnungsbau sind gut. Deutschland
wächst. Wir haben steigende Zahlen
bei Einwohnern und sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Auch
unsere Wirtschaft und die Steuereinnahmen wachsen. Darin liegen große
Chancen, um in eine nachhaltige
Wirtschafts- und Lebensweise zu investieren. Die Kehrseite der Entwicklung ist ein Mangel an bezahlbarem
Wohnraum, weil über Jahre hinweg
mancherorts zu wenig oder am Bedarf vorbei gebaut worden ist. Um die
besonders angespannten Wohnungsmärkte in den Groß- und Universitätsstädten zu entlasten, dürfen die
Fehler aus der Vergangenheit nicht
wiederholt werden. Vielmehr sind
nachhaltige Lösungen gefragt.

Wohnungen erteilt. Das ist die Größenordnung für den Wohnungsneubau, die wir in den kommenden Jahren brauchen.
Der Weg dahin war nicht leicht. Der
Wohnungsbau in Deutschland lag
spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise in einem Dornröschenschlaf. Wir haben viel Geld mobilisiert, öffentliches Bauland bereitgestellt und die Standards im Baurecht
vereinfacht, damit wieder mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen kann.
Der Bund hat seine Hausaufgaben
gemacht. Von den Investoren erwarte
ich jetzt, dass die Baugenehmigungen nun auch in Fertigstellungen
umgesetzt werden.
Für den sozialen Wohnungsbau stellt
der Bund den dafür zuständigen Ländern ab 2017 jährlich 1,5 Milliarden
Euro zur Verfügung. Das bedeutet
eine Verdreifachung der Mittel in
dieser Wahlperiode. Die Länder müssen diese Mittel zweckgebunden einsetzen und durch den Einsatz eigener
Mittel weiter aufstocken. Außerdem
haben wir das Wohngeld erhöht und
rund 800.000 einkommensschwache
Haushalte bei der Miete entlastet.

Die Bundesregierung hat das Thema
Wohnungsbau ganz oben auf die
politische Agenda gesetzt. Vor gut
zwei Jahren habe ich das „Bündnis
für bezahlbares Wohnen und Bauen"
initiiert. In enger Zusammenarbeit
und unter Einbindung der Kompetenzen aller Akteure hat das Bündnis
Lösungen für die Schaffung von mehr
bezahlbarem Wohnraum diskutiert.
Das Ergebnis der Bündnisempfehlungen ist ein 10-Punkte-Programm für
eine Wohnungsbau-Offensive, das
die Bundesregierung gemeinsam mit
den staatlichen, privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen
Bündnispartnern umsetzt.

Der Gebäudebereich muss zu den
energie- und klimapolitischen Zielen
beitragen, zu denen sich Deutschland
verpflichtet hat. Im Mittelpunkt steht
dabei die strukturelle Neukonzeption
von Energieeinsparverordnung (EnEV)
und Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG). Wir wollen die
Zusammenlegung von EnEV und EEWärmeG in einem Gesetz und die
Definition eines ambitionierten Niedrigstenergiestandards für die Neubauten der öffentlichen Hand. Für
alle privaten Neubauten soll der
Niedrigstenergiestandard in der
nächsten Legislaturperiode festgelegt
werden. Dabei favorisieren wir eine
Umstellung der Anforderungsgrößen
auf CO2-Faktoren anstelle der bisherigen Primärenergiefaktoren.

Unabhängig von den einzelnen Maßnahmen hat das Bündnis eine neue
Dynamik in den Wohnungsbau gebracht. Die Baugenehmigungen und
die Fertigstellungen von neu gebautem Wohnraum haben bis August
gegenüber dem Vorjahreszeitraum
um rund ein Viertel zugelegt. In diesem Jahr werden erstmals Baugenehmigungen für mehr als 350.000

Der verstärkte Wohnungsneubau
wirkt sich auch auf unsere Städte
aus. Unser Ziel ist, dass die soziale
Mischung erhalten werden kann.
Leitbild bleibt eine integrierte
Stadtentwicklungspolitik im Sinne
der Leipzig-Charta, die Bürger,
Wirtschaft und Zivilgesellschaft in
die Planungsprozesse einbindet.
Wir werden in diesem Zusammen-

hang das Baurecht weiter anpassen. Länder und Kommunen sollen
mit dem „Urbanen Gebiet“ bessere
Möglichkeiten bekommen, bestimmte Stadtquartiere maßvoll zu
verdichten.
Von großer Bedeutung ist und bleibt
die Städtebauförderung. Der Bund
unterstützt gemeinsam mit den Ländern die Städte und Gemeinden dabei, Quartiere lebenswert zu gestalten und das nachbarschaftliche Zusammenleben zu fördern. Für die
Städtebauförderung haben wir die
Mittel bereits auf 607 Millionen Euro
in diesem Jahr gesteigert, davon allein 140 Millionen für die „Soziale
Stadt“. Ab 2017 investieren wir zusätzlich 300 Millionen Euro pro Jahr
in die Soziale Stadt.
Das Serielle Bauen wurde im Bündnis
als eine Möglichkeit identifiziert,
durch Typengenehmigungen oder Typenprüfungen nach Landesbauordnungsrecht ansprechenden und kostengünstigen Wohnraum zu schaffen.
Im Rahmen eines Wettbewerbs wollen wir die Möglichkeiten und Grenzen des seriellen Bauens analysieren.
In die gleiche Richtung zielt auch das
Förderprogramm für Modellvorhaben
zum Bau von Vario-Wohnungen, die
speziell Studierenden zu Gute kommen, aber auch eine spätere Nutzung
für Familien und für Ältere ermöglichen.
Der Bund hat mit der kostengünstigen
Überlassung von eigenen Grundstücken eine gute Voraussetzung geschaffen, dass bezahlbarer Wohnraum entstehen kann. Die Bundesanstalt für
Immobilienaufgaben (BImA) stellt den
Kommunen und kommunalen Gesellschaften seit 2015 Grundstücke und
Liegenschaften mit Preisabschlägen
bis zu 80 Prozent für öffentliche Aufgaben zur Verfügung. Die Städte müssen diese Grundstücke jetzt auch in
Anspruch nehmen, vor allem aber
müssen sie selbst die Baulandmobilisierung weiter vorantreiben.
Bauen ist wieder in. Die Bauwirtschaft war in der Finanz- und Wirtschaftskrise ein wichtiger und stabiler Anker unserer Volkswirtschaft. Ich
bin sicher, dass wir auch die Herausforderung gut meistern werden, ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu
schaffen. Mit langem Atem und der
nötigen Weitsicht.

Fotos: Jan Woitas (picture alliance) / BMUB (Thomas Imo)

W

ohnen ist viel mehr, als nur
ein Dach über dem Kopf zu
haben. Aus gutem Grund
kann die Wohnungspolitik deshalb
nicht allein den Kräften des Marktes
überlassen werden. Sie erfordert einen langen Atem und besondere
Weitsicht. Bund, Länder und Kommunen tragen gemeinsam mit der Wohnungs- und Bauwirtschaft die Verantwortung dafür, dass genügend
angemessener und bezahlbarer
Wohnraum in Deutschland zur Verfügung steht.

39

KONGRESS 2017
SAVE THE DATE

KULTUR TRIFFT
STADTENTWICKLUNG
27. - 28.09.
ELBPHILHARMONIE
HAMBURG

lebendige-stadt.de
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.