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Periodical volume

Full text: Lebendige Stadt Issue 31.2016

Förderung der Städte

LEBENDIGE
STADT
J O U R N A L
Kultur, Freizeit, Erlebnis

Berliner Kongress:
Neue Ideen für mehr
Elektromobilität

Formel-1-Star:
Heinz-Harald Frentzen
setzt auf Strom
Stiftungspreis:
Auszeichnung geht
nach Königswinter
Ljubljana:
Sloweniens Hauptstadt
mit grünem Konzept
Hamburg:
Speicherstadt ist
Weltkulturerbe
Bundeswettbewerb:
Schulhöfe für die
Zukunft fit machen

31

Schulhöfe müssen keine langweiligen Betonwüsten sein: Das beweisen die 536 Schulen, die sich am Wettbewerb „Schulhof der Zukunft“ beteiligt haben, zu dem die Stiftung „Lebendige Stadt“ und die Deutsche
Umwelthilfe aufgerufen hatten.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Fotos: Nea Culpa / Fotolia / Boris Trenkel (Bildschön) / Stiftung „Lebendige Stadt“

Neue Ideen und Konzepte für die
elektromobile Stadt – darum drehte
sich alles auf dem 15. internationalen
Kongress der Stiftung „Lebendige
Stadt“. Schauplatz der Jahrestagung
war der Campus des Europäischen
Energieforums (EUREF) in Berlin.
Welche Ideen, Anregungen und Lösungsansätze die rund 300 Konferenzbesucher mit nach Hause nehmen konnten, lesen Sie ab Seite 6.

2

Auf der Berliner Konferenz schloss
die Stiftung „Lebendige Stadt“ eine
Partnerschaft mit der von Arnold
Schwarzenegger gegründeten Klimaschutz-Organisation R20. Was diese
Organisation antreibt und was die
Zusammenarbeit für die Städte
bringt, haben wir für Sie auf Seite 13
zusammengestellt.
Links:
Ljubljana ist in
diesem Jahr
„Grüne Hauptstadt
Europas“.
Großes Titelbild:
Stiftungskongress
„Die elektromobile Stadt“
auf dem EUREF-Campus
in Berlin.
Kleines Titelbild:
„Lebenswelt Schule“
im sächsischen Zwenkau.

Insgesamt 129 Bewerber aus ganz
Europa sind dem Aufruf der „Lebendigen Stadt“ gefolgt und haben sich
am Stiftungspreis-Wettbewerb zum
Thema „Das vorbildlichste öffentliche
Bauprojekt“ beteiligt. Wer bei der
Preisverleihung in Berlin jubeln konnte, erfahren Sie ab Seite 16.
Wenn es darum geht, den eigenen
Schulhof zu verschönern, würden 82
Prozent der Schüler bei der Umgestal-

tung selbst mithelfen. Das ergab eine
repräsentative Forsa-Umfrage im
Auftrag der Stiftung „Lebendige
Stadt“ und der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Um Ideen und Anregungen
für gut gestaltete Pausenhöfe zu
sammeln, haben die Stiftung und die
DUH die Bundesinitiative „dein Schulhof“ gestartet. Ein Baustein dieser
Initiative war der Wettbewerb „Schulhof der Zukunft“, an dem sich 536
Schulen beteiligt haben. Die zehn
besten Pausenhöfe wurden jetzt ausgezeichnet. Welche Schulen gewonnen haben und was für die Zukunft
geplant ist, finden Sie ab Seite 20.
„Mit Öko kann man Rennen gewinnen.“ Diese Einsicht kam dem
Formel-1-Rennfahrer Heinz-Harald
Frentzen ausgerechnet bei seinem
ersten Grand-Prix-Sieg. Wie es dazu
kam, warum er ein Elektroauto fährt
und Solarzellen auf dem Dach seines
Hauses hat, erzählt er im Interview
mit dem Journal „Lebendige Stadt“
ab Seite 24.
In unserer Serie „Was macht eigentlich…?“ schauen wir immer wieder
nach, wie sich Förderprojekte der
Stiftung „Lebendige Stadt“ weiterentwickeln. In dieser Journalausgabe
schreibt der Lichtkünstler und Stif-

tungsvorstand Michael Batz, wie mit
der 2001 begonnenen Illumination
der Speicherstadt in Hamburg ein
zuvor vergessener Stadtteil zum
Weltkulturerbe aufgestiegen ist – die
Wiederentdeckung eines ganzen
Quartiers mit Licht (Seite 30).
Außerdem berichten wir in diesem
Journal über den Verkehrskoordinator
für den Ausbau der Autobahn 7 in
Hamburg und Schleswig-Holstein
(Seite 27). Wir stellen Ihnen die Idee
und die aktuellen Preisträger des „Alternativen Nobelpreises“ vor (Seite
28). Wir nehmen Sie mit in die slowenische Hauptstadt Ljubljana, die eine
konsequente Nachhaltigkeitsstrategie
verfolgt und in diesem Jahr „Grüne
Hauptstadt Europas“ ist (Seite 34).
Und schließlich beschreibt Christian
Siegel vom Deutschen Olympischen
Sportbund, welche Potenziale der
Sport für die Stadt- und Freiraumentwicklung bietet (Seite 38).
Und jetzt wünschen wir Ihnen viel
Freude mit dieser neuen Ausgabe
des Journals „Lebendige Stadt“.

3

Lebendige Stadt

Inhalt
Die Stiftung „Lebendige Stadt“
Stiftungsrat
Vorsitzender:
Dr. Hanspeter Georgi,
Minister für Wirt­schaft
und Arbeit a.D. Saarland
Weitere Mitglieder:
Dr. Gregor Bonin,
Beigeordneter Düsseldorf
Barbara Bosch,
Oberbürgermeisterin Reutlingen
Kirsten Bruhn,
Leistungsschwimmerin
im Behindertensport bis 2012
Rolf Buch,
Vorstandsvorsitzender
Vonovia
Olaf Cunitz,
Bürgermeister Frankfurt am Main
Garrelt Duin,
Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie,
Mittelstand und Handwerk NRW
Susanne Eisenmann,
Bürgermeisterin Stuttgart
Dr. Alexander Erdland,
Vorstandsvorsitzender Wüstenrot &
Württembergische AG
Arved Fuchs,
Polarforscher
Andreas Geisel,
Senator für Stadtentwicklung
und Umwelt Berlin
Dr. Monika Griefahn,
Direktorin Umwelt und
Gesellschaft AIDA Cruises
Dr. Herlind Gundelach, MdB,
Senatorin für Wissenschaft
und Forschung a.D. Hamburg
Hendrik Hering, MdL,
Staatsminister a.D. Rheinland-Pfalz
Joachim Herrmann, MdL,
Bayerischer Staatsminister des Innern,
für Bau und Verkehr
Dr. Eckart John von Freyend,
Aufsichtsratsvorsitzender
Hamborner Reit AG
Burkhard Jung,
Oberbürgermeister Leipzig
Prof. Dr. Harald Kächele,
Bundesvorsitzender Deutsche Umwelthilfe
Dr. Ulf Kämpfer,
Oberbürgermeister Kiel
Matthias Kohlbecker,
Kohlbecker Architekten & Ingenieure

4

Prof. Dr. Rainer P. Lademann,
Geschäftsführer Dr. Lademann & Partner
Lutz Lienenkämper, MdL,
Parl. Geschäftsführer
CDU-Landtagsfraktion NRW
Prof. Dr. Engelbert Lütke Daldrup,
Staatssekretär für Bauen und Wohnen Berlin
Ingrid Mössinger,
Generaldirektorin
Kunstsammlungen Chemnitz
Klaus-Peter Müller,
Aufsichtsratsvorsitzender Commerzbank AG
Aygül Özkan,
Geschäftsführerin DB Kredit Service
Reinhard Paß,
Oberbürgermeister a.D. Essen
Burkhard Petzold,
Geschäftsführer F.A.Z. GmbH
Matthias Platzeck,
Ministerpräsident a.D. Brandenburg
Frank Rausch,
CEO Hermes Logistik Gruppe Deutschland
Jürgen Roters,
Oberbürgermeister a.D. Köln
Dr. Thomas Schäfer, MdL,
Finanzminister Hessen
Josef Schmid,
Zweiter Bürgermeister München
Bärbel Schomberg,
CEO und Gesellschafterin Schomberg & Co.
Real Estate Consulting
Edwin Schwarz,
Dezernent für Planen, Bauen, Wohnen und
Grundbesitz a.D. Frankfurt/Main
Prof. Dr. Burkhard Schwenker,
Aufsichtsratsvorsitzender Roland Berger
Strategy Consultants
Ullrich Sierau,
Oberbürgermeister Dortmund
Markus Ulbig, MdL,
Innenminister Sachsen
Prof. Jörn Walter,
Oberbaudirektor Hamburg
Prof. Götz W. Werner,
Gründer und Aufsichtsratsmitglied
dm-drogerie markt
Dr. Joachim Wieland,
CEO Aurelis Real Estate

6

Kuratorium
Vorsitzender:
Alexander Otto,
Geschäftsführungs­vorsitzender ECE
Stellvertretender Vorsitzender:
Wolfgang Tiefensee,
Minister für Wirtschaft, Wissenschaft
und Digitale Gesellschaft Thüringen,
Bundesminister a.D.
Weitere Mitglieder:
Torsten Albig, MdL,
Ministerpräsident Schleswig-Holstein
Prof. Dr. Willi Alda,
Universität Stuttgart
Jan Bettink,
Vorstandsvorsitzender Berlin Hyp
Dr. Eva Lohse,
Oberbürgermeisterin Ludwigshafen,
Präsidentin Deutscher Städtetag
Hildegard Müller,
Vorsitzende Haupt­geschäftsführung Bundes­
verband Energie- und Wasserwirtschaft e.V.
Dr. Dieter Salomon,
Oberbürgermeister Freiburg i.B.
Prof. Dr. Wolfgang Schuster,
Oberbürgermeister a.D. Stuttgart
Dr. Michael Vesper,
Vorstandsvorsitzender Deutscher
Olympischer Sportbund

Vorstand
Vorsitzender:
Dr. Andreas Mattner,
Präsident ZIA Deutschland,
Geschäftsführer ECE
Weitere Mitglieder:
Michael Batz,
Theatermacher und Szenograf
Friederike Beyer,
Geschäftsführerin Beyer PR Event
Dr. h.c. Peter Harry Carstensen,
Ministerpräsident a.D. Schleswig-Holstein
Gerhard Fuchs,
Staatsrat für Stadtentwicklung
und Umwelt a.D. Hamburg
Robert Heinemann,
Senior Director ECE
Prof. Dr. Dittmar Machule,
Em. Professor HafenCity Universität
Hamburg, Department Stadtplanung
Wolfgang Kopitzsch,
Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord a.D.,
Polizeipräsident a.D.
Prof. h.c. Dr. h.c. Fritz Schramma,
Oberbürgermeister a.D. Köln

28

Mobilität neu erfinden:
Beim 15. Kongress der Stiftung
„Lebendige Stadt“ diskutierten
rund 300 Teilnehmer über
Chancen und Herausforderungen
der elektromobilen Stadt.

Vielfalt macht lebendig:
Der „Alternative Nobelpreis“
schafft Öffentlichkeit für
engagierte Menschen überall
auf der Welt.

Impressum
Journal „Lebendige Stadt”
Nr. 31/Januar 2016

Herausgeber:
Stiftung „Lebendige Stadt”
Saseler Damm 39
22395 Hamburg
Redaktion:
Ralf von der Heide
(Chefredakteur, verantw.),
Andrea Peus (Stellv. Chefredakteurin)
Autoren dieser Ausgabe:
Rando Aust
Vorstandsbevollmächtigter Stiftung
„Lebendige Stadt“),
Michael Batz
(Theatermacher und Szenograf),
Dr. Monika Griefahn
(ehrenamtliche Vorsitzende der
Right Livelihood Award Stiftung),
Timur Öztürk
(Stiftung „Lebendige Stadt“),
Christian Siegel
(Deutscher Olympischer Sportbund)
Sitz der Redaktion:
Saseler Damm 39
22395 Hamburg
Tel: 040/60876173
Fax: 040/60876187
Internet: www.lebendige-stadt.de
E-Mail: redaktion@lebendige-stadt.de

13

30

Neuer Partner:
Die Stiftung „Lebendige Stadt“
hat eine Partnerschaft mit
der von Arnold Schwarzenegger
gegründeten KlimaschutzOrganisation R20 geschlossen.

Weltkulturerbe Speicherstadt:
Die Illumination der
Speicherstadt in Hamburg
war eines der ersten
Förderprojekte der Stiftung
„Lebendige Stadt“.

34

16

Grünes Ljubljana:
Die slowenische Hauptstadt
Ljubljana verfolgt eine
konsequente Nachhaltigkeitsstrategie und
ist in diesem Jahr „Grüne
Hauptstadt Europas“.

Stiftungspreis-Sieger:
Mit der Neugestaltung des
Drachenfelsplateaus hat
Königswinter den Stiftungspreis
für das vorbildlichste öffentliche Bauprojekt gewonnen.

Art Direction und Layout:
Heike Roth
Druck:
Westdeutsche Verlags- und
Druckerei GmbH
Kurhessenstraße 4-6
64546 Mörfelden-Walldorf
Auflage:
20.000 Exemplare
Das Journal „Lebendige Stadt”
erscheint zweimal im Jahr.

36

Die Stadt als Marke:
Ihren nächsten Kongress
veranstaltet die Stiftung
„Lebendige Stadt“ im
September dieses Jahres
im Düsseldorfer
Medienhafen – das Thema:
„Die Stadt als Marke“.

20

Schulhöfe zum Abgucken:
Die Stiftung „Lebendige Stadt“
und die Deutsche Umwelthilfe haben die „Schulhöfe der
Zukunft“ ausgezeichnet.

24

Heinz-Harald Frentzen:
Im Interview mit der
„Lebendigen Stadt“ spricht
der ehemalige Formel-1-Pilot
über schnelle Elektroautos,
effiziente Bremsenergie und
die Solarzellen auf dem
Dach seines Hauses.

38

Sport als Partner der Kommunen:
Welche Potenziale der Sport
für die Stadt- und Freiraumentwicklung bietet, beschreibt
Christian Siegel vom Deutschen
Olympischen Sportbund.

3	Editorial
4	Stiftungsgremien

27

Kümmerer
für den A7-Ausbau:
Gerhard Fuchs ist
Verkehrskoordinator für
den Ausbau der Autobahn 7
in Hamburg und
Schleswig-Holstein.

4	Impressum
12	

Elektromobilität fördern

14 + 36 	 Stadtnachrichten

5

Foto: Boris Trenkel (Bildschön)

VON RALF VON DER HEIDE

Mobilität neu erfinden
Grüne Städte und saubere Luft sind ein weltweites Anliegen. Elektromobilität kommt
dabei eine zentrale Rolle zu. Auf dem 15. internationalen Kongress der Stiftung
„Lebendige Stadt“ diskutierten auf dem Campus des Europäischen Energieforums
(EUREF) in Berlin mehr als 300 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft über Chancen und Herausforderungen der elektromobilen Stadt.

B

is zum Jahr 2020 sollen in
Deutschland eine Million Elektrofahrzeuge zugelassen sein –
so das ehrgeizige Ziel der Bundesregierung. Diese Zielvorgabe stellt
nicht nur die Industrie vor gewaltige
Herausforderungen, sondern auch die
Kommunen. Wie schaffen Städte die
Infrastruktur für eine Million Elektroautos? Wer muss bei der Elektromobilität vorangehen – Wirtschaft,
Städte oder Bürger? Müssen Städte

6

durch Anreize einen Antriebswechsel
schmackhaft machen? Und wie viel
Emissionen lassen sich durch Elektromobilität vermeiden? Mit diesen zentralen Fragen befassten sich die Referenten und Teilnehmer auf der 15.
Städtekonferenz der Stiftung „Lebendige Stadt“ in Berlin.

Andreas Mattner, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Lebendige
Stadt“. „Wir befinden uns hier in einem großen Labor für Stadtentwicklung und einer Modellstadt von morgen – hier entstehen innovative Ideen für das Stadtquartier der Zukunft“,
so Mattner.

Der EUREF-Campus sei für das Kongressthema „Elektromobile Stadt“ der
perfekte Veranstaltungsort, sagte Dr.

Gute Chancen für Elektromobilität
sieht Alexander Otto, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Lebendige

Stadt“. So sei in der Gesellschaft ein
zunehmendes Bewusstsein zu erkennen, „dass es wichtig ist, die Klimaziele zu erreichen und Emissionen zu
vermeiden“. Bei vielen jungen Menschen habe das Auto als Statussymbol ohnehin ausgedient. In Sachen
Mobilität spielten bei ihnen stattdessen Carsharing-Modelle eine immer
größere Rolle, sagte Otto.
„Die Mobilität wird sich völlig verän-

Stiftungskongress
im Gasometer auf
dem EUREF-Campus
in Berlin.

dern“, glaubt auch EUREF-Vorstand
Reinhard Müller. Deutschland sei allerdings dabei, Entwicklungen zu verschlafen. „Es ist alles bereits erfunden, wir können das alles bewerkstelligen“, sagte Müller mit Blick auf die
Energiewende, die seinen Worten
zufolge „unfassbar einfach“ sei. So
erfülle beispielsweise der EUREFCampus bereits heute die Klimaziele
der Bundesregierung für 2050 – unter anderem dank der größten Elektrotankstelle Deutschlands.
„E-Bikes haben Berge
und Gegenwind abgeschafft“
„Es ist offensichtlich noch nicht gelungen, E-Mobilität im Kraftfahrzeug-Sektor wirklich interessant zu
machen“, sagte Carsten Müller, MdB
und Mitglied des Parlamentskreises
Elektromobilität, in seinem Impulsre-

ferat „Städte unter Strom“. Ganz anders sehe es dagegen bei Elektrofahrrädern und Pedelecs aus. Über 2,4
Millionen davon seien bereits verkauft worden. Der Grund: Den Nutzern werde ein tatsächlicher Mehrwert angeboten – denn E-Bikes und
Pedelecs seien eine Erfindung, die
Gegenwind und Berge abgeschafft
habe, so Müller. Dennoch sehe
er auch für Elektroautos große
Zukunftschancen – vor allem bei
kommunalen Fuhrparks, im öffentlichen Personennahverkehr und bei
Verteilerverkehren wie der Post.
Menschen für E-Mobilität
begeistern
Mit derzeit dreißig- bis vierzigtausend Elektroautos auf dem Markt sei
man „deutlich unter Plan“, resümierte Gernot Lobenberg, Leiter der Berli-

ner Agentur für Elektromobilität
eMO. Er forderte ein Signal der Politik. Es gehe darum, „die Mobilität der
Zukunft insgesamt nachhaltig und
lebenswert für die Menschen und die
Städte“ zu organisieren, so Lobenberg. Wichtig sei es auch, die Menschen für die E-Mobilität zu begeistern – zum Beispiel mit Autotauschaktionen.
„Widmen Sie sich der
Elektromobilität!“
Wo steht Deutschland in Sachen
Elektromobilität im internationalen
Vergleich? Mit dieser Frage befasste
sich Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands eMobilität, in seinem Referat. Nach Sigls Worten ist der Stand
der E-Mobilität in Deutschland „extremst traurig“. Er forderte Rechtssicherheit und Planungssicherheit.

Während in Deutschland noch diskutiert werde, sei die übrige Welt hellwach. „Wir haben das Know-how, wir
müssen es nur machen“, sagte Sigl.
E-Mobilität sei nachhaltig und effizient. „Widmen Sie sich der Elektromobilität!“, so Sigls Appell an die
Städtevertreter.
Zentrale Aspekte
der Stadtentwicklung
Die Stiftungskongresse der „Lebendigen Stadt“ hätten immer „eine große
Bedeutung für uns in der kommunalen Familie“, sagte Dr. Eva Lohse,
Präsidentin des Deutschen Städtetags und Oberbürgermeisterin von
Ludwigshafen. Das Thema „Elektromobile Stadt“ sei hochaktuell. Aus
Sicht der Städte gehe es dabei nicht
allein um die Förderung der Elektromobilität, sondern um „zentrale As-

7

Lebendige Stadt

Alexander Otto, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Lebendige Stadt“.

pekte der zukünftigen Entwicklung
der Stadt“. Dabei stehe nicht nur ein
Verkehrssystem im Mittelpunkt. Es
gehe vielmehr um die Stärkung nachhaltiger Siedlungsstrukturen unter
dem Leitbild „kompakt, urban, grün“,
so Lohse. Wichtig sei die Verbesserung der „Mobilität für jedermann“. In
diesem Zusammenhang forderte die
Städtetagspräsidentin eine Förderung
von elektrisch angetriebenen Bussystemen, die es bisher nicht gebe.
„Auf den Strommix kommt es an“

Reinhard Müller, Vorstand EUREF AG.

Einen Blick auf das Thema Elektromobilität aus Sicht der Forschung
lieferte Dr. Kathrien Inderwisch,
wissenschaftliche Geschäftsführerin des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik.
Das elektrische Antriebssystem
biete das Potenzial für sehr effizienten Fahrzeugbetrieb – letztendlich komme es aber auch auf den
Strommix an, sagte Inderwisch.
Außerdem müsse neben dem Einsatz nachhaltiger Energie weiter
an der Batterietechnik gearbeitet
werden.
Städtischer Raum
als begrenzte Ressource
In einem Podiumsgespräch, moderiert
von Dr. Ilka May, Geschäftsführerin
von Planen-Bauen 4.0, diskutierten
der Oberbürgermeister von Celle, DirkUlrich Mende, und der Berliner Staatssekretär für Bauen und Wohnen, Prof.
Dr. Engelbert Lütke Daldrup, über
städtischen Raum als begrenzte Ressource für Mobilität.

Carsten Müller, MdB und Mitglied des Parlamentskreises Elektromobilität.

8

Eine wichtige Frage sei, wie wir vorhandene Flächen intelligenter mehrfach nutzen können, so Lütke Daldrup.
Neue Siedlungen müssten möglichst
autoarm und ÖPNV-orientiert entwickelt werden, forderte der Staatssekretär. „Wir müssen Mobilität anders

denken“, sagte Oberbürgermeister
Mende. Als entscheidendes Hemmnis
sehe er die geringe Reichweite von
Elektroautos.
Forschungsprogramme
für Batterietechnik
Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter von Vattenfall, sprach zum
Thema „Kopplung der Elektromobilität an erneuerbare Energien“. Das
Wesen der Erneuerbaren sei, dass sie
immer dann produziert würden,
„wenn der Wind weht oder die Sonne
scheint, aber nicht unbedingt dann,
wenn sie gebraucht werden“. Deshalb
seien Speicher unabdingbar. Nach
Wasmuths Einschätzung werden die
erneuerbaren Energien in der Stromerzeugung weiter wachsen. Erforderlich seien aber Ausgleichsenergien
und zunehmende Speichermöglichkeiten, konsistente Rahmenbedingungen und entsprechende Batterien.
Für die Weiterentwicklung der Batterietechnik regte der Generalbevollmächtigte von Vattenfall entsprechende Forschungsprogramme an.
Von der Einbahnstraße
zum Smart Grid
Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der
Energie- und Wasserwirtschaft, befasste sich in ihrem Referat mit Ladestationen in privaten Haushalten. Ihr
Verband beschäftige sich intensiv mit
dem Ausbau des Netzes der Ladestationen, so Müller. 85 Prozent aller
Ladevorgänge fänden an den Arbeitsplätzen, in Parkhäusern und in heimischen Garagen statt. In diesen Bereichen liege daher ein Schlüssel zum
Erfolg. Erforderlich seien intelligente
Ladestationen und eine intelligente
Netzverknüpfung. Das Stromnetz
müsse von einer Einbahnstraße in ein
multifunktionales Smart Grid weiterentwickelt werden, so Müller.

Dr. Eva Lohse, Präsidentin des Deutschen Städtetags und Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen.

Wer schreitet voran?
In einer Podiumsrunde zum Thema
„Flottenmix der Zukunft – wer schreitet voran?“ diskutierten Aachens
Oberbürgermeister Marcel Philipp,
Siegfried Neuberger, Geschäftsführer
des Zweirad-Industrie-Verbandes,
und Prof. Dr. Michael Braungart,
Gründer und Leiter der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH, warum die Umstellung auf Elektromobilität nicht richtig vorankommt. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion
von Prof. Dr. Andreas Knie, Geschäftsführer des Innovationszentrums für
Mobilität und gesellschaftlichen
Wandel (InnoZ).
„Wir müssen als Stadt vormachen,
wie es geht“, sagte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Die Fahrzeugflotte einer Verwaltung sei ein
klassisches Feld für Elektromobilität.
Der Wechsel fange dort an, wo er
besonders sinnvoll sei – bei Firmenfahrzeugen, bei Autos, die nachts zu
Hause geladen werden könnten, oder
bei Fahrzeugflotten wie beispielsweise bei der Post oder städtischen Bussen, so Philipp.

Dr. Kathrien Inderwisch, wissenschaftliche
Geschäftsführerin des Niedersächsischen
Forschungszentrums Fahrzeugtechnik.

Gernot Lobenberg, Leiter der Berliner Agentur
für Elektromobilität eMO.

Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands
eMobilität.

Ein großes Potenzial für Elektroräder
und besonders auch Lastenfahrräder
sieht Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands. Er forderte eine bessere Integration des Zweirads in die Verkehrsinfrastruktur – speziell auch Abstellanlagen.
„Wir verpassen eine gewaltige Innovationschance“, warnte Prof. Dr. Michael Braungart, Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer von
EPEA Internationale Umweltforschung. „Wir müssen die Mobilität
noch einmal neu erfinden“, forderte
Braungart. Die Kommune sei dafür
der entscheidende Ort. Die jetzige
Mobilität schließe 50 Prozent der

Fotos: Boris Trenkel (Bildschön)

Dr. Andreas Mattner, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Lebendige Stadt“.

Podiumsgespräch „Städtischer Raum als begrenzte Ressource für Mobilität“: (von links) Dr. Ilka May (Geschäftsführerin von Planen-Bauen 4.0),
Dirk-Ulrich Mende (Oberbürgermeister Celle) und Prof. Dr. Engelbert Lütke Daldrup (Berliner Staatssekretär für Bauen und Wohnen).

9

Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter von Vattenfall.

Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft.

Bevölkerung aus, so Prof. Dr. Michael
Braungart
Was können wir lernen von …?

Frühzeitige und stetige Förderung
Was deutsche Städte von der Elektromobilität in Japan lernen können –
dazu referierte Dr. Frauke Bierau,
Consultant am Institut für Innovation
und Technik VDI/VDE. Japan gelte als
Pionier der Elektromobilität und als
weltweit fortschrittlichster Markt, so
Bierau. Das erste Hybridfahrzeug eines japanischen Herstellers sei bereits 1997 auf den Markt gekommen.
Der entscheidende Faktor für den Erfolg der Elektromobilität in Japan sei
die frühzeitige und stetige Förderung
von Entwicklung und Forschung der
Batterietechnologie, sagte Bierau.
In seiner Abschlussrede unterstrich
Dr. Wolfgang Scheremet, Leiter der
Abteilung Industrie im Bundesminis-

terium für Wirtschaft und Energie,
noch einmal die Schlüsselrolle von
Elektrofahrzeugen für eine klimafreundliche Mobilität. Gerade in den
Städten könne hier viel vorangebracht werden.
Kongress 2016 im Düsseldorfer
Medienhafen
Den Veranstaltungsort und das Thema der nächsten Konferenz der Stiftung „Lebendige Stadt“ präsentierte
in Berlin Lutz Lienenkämper, MdL und
Parlamentarischer Geschäftsführer
der CDU-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen. Der Kongress findet
am 14. und 15. September 2016 im
Medienhafen in Düsseldorf statt und
steht unter dem Motto „Die Stadt als
Marke“. Weitere Informationen, Bilder und Filmmitschnitte vom Berliner
Stiftungskongress „Die elektromobile
Stadt“ gibt es im Internet unter
www.lebendige-stadt.de.

Dr. Wolfgang Scheremet, Leiter der Abteilung Industrie im Bundesministerium
für Wirtschaft und Energie.

Lutz Lienenkämper, MdL und Parlamentarischer Geschäftsführer der CDULandtagsfraktion Nordrhein-Westfalen.

Fotos: Boris Trenkel (Bildschön)

Prof. Dr. Andreas Knie, Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen
Wandel (InnoZ).

Ein wichtiges Anliegen der Stiftung
„Lebendige Stadt“ ist es, auf ihren
Kongressen Best-Practice-Projekte
vorzustellen, von denen andere Städte lernen können. So präsentierte auf
der Berliner Konferenz Dr. Mark Steffen Walcher, Geschäftsführer der
smartlab Innovationsgesellschaft, das
Portal ladenetz.de. Dieses Portal ist
auf Initiative der Stadtwerke Aachen,
Duisburg und Osnabrück entstanden.
Deutschlandweit haben sich inzwischen bereits 49 Stadtwerke der
Dachmarke ladenetz.de angeschlossen. Das Portal bietet eine einfache
und kundenfreundliche Nutzung
sämtlicher Ladestationen der Partner-Stadtwerke. Egal, wo Stadtwerke-Kunden ihr Elektroauto laden –
Ansprechpartner und Stromlieferant

bleibt das Heimat-Stadtwerk. Gefördert wird das Portal vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Podiumsrunde zum Thema „Flottenmix der Zukunft“: Prof. Dr. Michael Braungart (Gründer und Leiter EPEA Internationale Umweltforschung GmbH), Siegfried Neuberger
(Geschäftsführer Zweirad-Industrie-Verband) und Marcel Philipp (Oberbürgermeister Aachen).

Dr. Frauke Bierau, Consultant am Institut für Innovation und Technik VDI/VDE. Dr. Mark Steffen Walcher, Geschäftsführer der smartlab Innovationsgesellschaft.

10

Konzentrierte Zuhörer: Insgesamt rund 300 Konferenzteilnehmer verfolgten die Vorträge im Gasometer auf dem Berliner EUREF-Campus.

11

Neuer Partner:
Klimaschutz-Organisation R20
Auf der Berliner Konferenz haben die Stiftung „Lebendige Stadt“ und die
Klimaschutz-Organisation R20 eine Absichtserklärung unterzeichnet. Gemeinsames
Ziel ist es, die Zusammenarbeit bei nachhaltigen Projekten voranzubringen.

Foto: Boris Trenkel (Bildschön)

S
Es ist alles schon
erfunden: Wie lassen sich
die Menschen für die
Elektromobilität begeistern?

Elektromobilität konkret fördern
Die Stiftung „Lebendige Stadt“ hat sich auf ihrem Kongress „Die elektromobile Stadt“
sowie in anschließenden Beratungen ihrer Gremien intensiv mit den Chancen und
Herausforderungen der Elektromobilität befasst. Sie begrüßt die bisherigen Initiativen
der Bundesregierung, der Landesregierungen, Kommunen und der Industrie, sieht aber
weiteren konkreten Handlungsbedarf. Dabei soll es nicht um eine einseitige Förderung
der Elektromobilität gehen. Vielmehr sind generell für alternative Antriebskonzepte
die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um einen echten Wettbewerb um
die beste Antriebstechnologie der Zukunft zu ermöglichen.

1

Je nach Rechtsauslegung bedarf
heute die Nachrüstung einer
Stromtankstelle etwa in der Tiefgarage einer Anlage mit Eigentumswohnungen der einstimmigen Zustimmung aller Eigentümer. Die Zustimmung aller Eigentümer sollte nicht
erforderlich sein, sofern der Verursacher für die entstehenden Kosten
aufkommt und kein erheblicher Eingriff in das Gemeinschaftseigentum
vorliegt. Gleiches gilt für Steckdosen
im Fahrradkeller. Das Wohneigentumsgesetz (WEG) ist diesbezüglich
zu überprüfen und sollte eine eindeutige Regelung enthalten. Da die geforderte Einstimmigkeit Nachrüstungen behindert, sind Möglichkeiten
der Erleichterung zu schaffen.

2

Die Umsetzung von Punkt 1 vorausgesetzt, sollten auch Mieter,

12

die eine Stellplatzanlage oder einen
Fahrradkeller nutzen dürfen, das
Recht haben, dort auf eigene Kosten
eine Stromtankstelle bzw. eine Steckdose installieren zu lassen. Der Mieter hat in diesem Fall auch Anspruch
auf einen reservierten Stellplatz. Der
Vermieter sollte seine Zustimmung
nur verweigern dürfen, wenn sein
Interesse an der unveränderten Erhaltung der Mietsache oder des Gebäudes überwiegt.

3

In Städten mit vielen Einwohnern
ohne eigene Stellplätze oder auch
mit Carsharing-Anbietern ist bei steigendem Fahrzeughochlauf und unter
aktuellen Rahmenbedingungen zukünftig keine ausreichende Versorgung mit öffentlich zugänglichen
Ladepunkten sichergestellt. Das Ziel
der Bundesregierung, bis zum Jahr
2020 eine Million Elektroautos auf
die Straße zu bringen, wird ohne den
Aufbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur nicht gelingen. Dieser wird

nur in einer gemeinsamen Anstrengung zwischen öffentlicher Hand und
Wirtschaft zu bewältigen sein. Der
Vorschlag des BDEW zum Aufbau von
10.000 zusätzlichen Ladesäulen ist
daher umzusetzen (siehe Positionspapier „Marktentwicklungsprogramm
Elektromobilität“, BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.).

4

Strom für Elektrofahrräder muss
zur Vermeidung aufwändiger Abrechnungsstrukturen als Allgemeinstrom umgelegt werden dürfen.

5

Auf allen Stromtankstellen, die
durch Dritte genutzt werden können, ist der Preis anzugeben, der pro
Kilowattstunde oder zeitbasiert pro
Stunde in Rechnung gestellt wird.

6

Die Verfügbarkeit von Stromtankstellen wird durch die unterschiedlichen Bezahlungssysteme derzeit zusätzlich eingeschränkt. Durch

Arnold Schwarzenegger gründete 2010
die Klimaschutz-Organisation R20.

Christophe Nuttall, Executive Director
R20, stellte den Konferenzteilnehmern in Berlin die Idee und das Konzept seiner Organisation vor. „Wir

haben es uns zum Ziel gesetzt, Vertreter von Regionen, Städten und
Unternehmen auf der ganzen Welt
miteinander zu vernetzen, um nachhaltige Energie- und Klimaschutzprojekte voranzutreiben“, sagte Nuttall.
Die Bottom-up-Philosophie – von unten nach oben – ermöglicht es der
R20-Initiative, mit dem Know-how von
Experten und Unternehmen regional
maßgeschneiderte Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Dabei geht es
beispielsweise um umweltfreundlichen
öffentlichen Verkehr, energieeffiziente
Baustandards, LED-Straßenbeleuchtung, erneuerbare Energien im kleinen
Maßstab sowie um Nutzung von Müll

und Klärschlamm zur Energiegewinnung. Ob in Lateinamerika, in Afrika, in
Europa oder in den Vereinigten Staaten: R20 bringt Regionen, die auf
nachhaltige Entwicklungspolitik setzen, für einzelne Projekte mit Experten
und öffentlichen oder privaten Investoren zusammen.
Zum Wissens- und Erfahrungsaustausch werden jährliche Konferenzen
für R20-Mitglieder und wichtige Entscheidungsträger veranstaltet. Auf
diesem Weg sollen entwickelte Projekte und Best-Practice-Beispiele für
die breite Öffentlichkeit aus unterschiedlichen Regionen und Branchen
zugänglich gemacht werden.
Besiegelten die Partnerschaft:
(von links) Alexander Otto
(Kuratoriumsvorsitzender
Stiftung „Lebendige Stadt“),
Christophe Nuttall
(Executive Director R20)
und Dr. Andreas Mattner
(Vorstandsvorsitzender
Stiftung „Lebendige Stadt“).

regulatorische Vorgaben ist sicherzustellen, dass in Kürze jeder jede öffentliche Stromtankstelle nutzen
kann. Die Stiftung „Lebendige Stadt“
unterstützt die der Bundesregierung
übergebenen Handlungsempfehlungen der „Industrieinitiative zum kundenfreundlichen Laden“.

7

Die öffentliche Hand sollte sich
dazu verpflichten, künftig bei Verfügbarkeit für den jeweiligen Zweck
jeweils geeigneter emissionsfreier
Fahrzeuge ausschließlich diese anzuschaffen. Die Preisdifferenz zu herkömmlichen Fahrzeugen muss dabei
in einem vertretbaren Rahmen bleiben.

Fotos: Boris Trenkel (Bildschön) / Andreas Mattner

Vor diesem Hintergrund rät
die Stiftung „Lebendige Stadt“
zu folgenden Maßnahmen:

tädte und Regionen als treibende Kräfte beim Kampf gegen den
Klimawandel: Das ist die Idee
der von Arnold Schwarzenegger gegründeten Organisation „R20 Regions
of Climate Action“. „Wir freuen uns
auf die neue Partnerschaft mit R20.
So können in Zukunft Städte in der
ganzen Welt von unseren vielfältigen
Best-Practice-Projekten profitieren“,
sagte Alexander Otto, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Lebendige
Stadt“.

8

Analog zu P+R-Anlagen ist an
Bahnhöfen sowie an zentralen
Standorten ein dichtes Netz hochwertiger und sicherer Abstellanlagen für
Elektrofahrräder zu schaffen. Dabei
sind auch Abstellmöglichkeiten für
Lastenfahrräder zu berücksichtigen.

13

Lebendige Stadt

Ein beeindruckendes Architekturerlebnis vor dem eigentlichen Musikgenuss: die Foyerhalle der neuen Philharmonie in Stettin.

Mit Street-Art gegen Gewalt: Seitdem es im mexikanischen Palmitas so schön bunt ist, begegnen sich die Menschen mit mehr Respekt und Freundlichkeit.

Stadtnachrichten
Die neue Philharmonie im polnischen
Szczecin (Stettin) sorgt als kulturelles
Leuchtturmprojekt auch international für Furore. Das eindrucksvolle
Werk des katalanischen Architektenbüros Estudio Barozzi Veiga ist jetzt
zum schönsten Gebäude Europas ge-

kürt worden. Der renommierte Miesvan-der-Rohe-Preis für Gegenwartsarchitektur ging damit erstmals
nach Polen. Stettins Stadtpräsident
Piotr Krzystek nahm die begehrte
Auszeichnung in Barcelona entgegen.
Der zentral gelegene Neubau wurde
an historischem Ort errichtet – vor
dem Krieg stand dort das Stettiner
Konzerthaus. Das neue Zuhause der
Stettiner Philharmonie besticht durch
seine Form. Die vielgestaltigen spitzen Dachelemente nehmen die Giebel
der umstehenden Gebäude auf. Die
weiße Außenhaut bildet tagsüber einen Kontrast zum Grün der Straßenbäume und dem Karminrot der Hauswände, nachts beeindruckt das
wechselnde Farbspiel der dezent eingesetzten LED-Leuchten. Mit dieser
Form und viel Glas erinnert der Bau
an ein Segelschiff und schafft so die
Verbindung zur maritimen Tradition
der Stadt.

Stiftungspreis 2016:
Die integrierende Sportstadt
Der expressionistische Neubau der Stettiner Philharmonie neben dem neogotischen Polizeipräsidium.

14

Die Stiftung „Lebendige Stadt“ ruft
dazu auf, sich am StiftungspreisWettbewerb 2016 zu beteiligen. Das

Thema lautet: „Die integrierende
Sportstadt – weltoffen, aktiv und interkulturell“. Mit dem Preis sollen Projekte ausgezeichnet werden, die sich
in herausragender Weise in Kooperation mit einer Stadt oder einem Verein um die Aufnahme und Integration
von Flüchtlingen in den Sport und die
Gesellschaft verdient gemacht haben.
Insgesamt ist der Preis mit 15.000
Euro dotiert. Verliehen wird der
Stiftungspreis am 14. September
2016 in Düsseldorf. Weitere Informationen zum Stiftungspreis-Wettbewerb 2016 finden Sie auf der
Rückseite dieses Journals und unter
www.lebendige-stadt.de.

Fahrrad-Highway
im Ruhrgebiet

Startschuss für den ersten Radschnellweg in einem deutschen Ballungsgebiet: In Mülheim an der Ruhr
ist Ende November das erste Teilstück
einer geplanten Radschnellverbindung quer durch das Ruhrgebiet eröffnet worden. Der rund fünf Kilometer lange Abschnitt wurde auf einer
stillgelegten Güterbahntrasse errichtet und gilt als Prototyp für den

künftigen Radschnellweg Ruhr. Diese
gut 100 Kilometer lange Schnellverbindung für Radfahrer soll in einigen
Jahren von Hamm in Westfalen bis
nach Duisburg am Rhein führen. Der
nun eröffnete erste Abschnitt verbindet den Mülheimer Hauptbahnhof
mit der Stadtgrenze zu Essen. Er besteht aus einem vier Meter breiten,
asphaltierten Radweg und einem
durch einen Schotterstreifen abgetrennten Fußweg von zwei Metern
Breite.

Woiwodschaft Niederschlesien und
gilt mit ihren mehr als 630.000 Einwohnern als viertgrößte Stadt Polens.

Architekturmuseum gestaltet
Ausstellung auf Biennale

Das Deutsche Architekturmuseum
(DAM) gestaltet auf der ArchitekturBiennale 2016 in Venedig die Ausstellung im Deutschen Pavillon. Der Titel
der Ausstellung: „Making Heimat.
Germany, Arrival Country.“ Thema

werde die Frage sein, was eine gut
gestaltete Ankunftsstadt für Flüchtlinge und Migranten ausmache: Wie
werden aus den Neuankömmlingen
gesellschaftlich integrierte Bürger?
Und welchen Beitrag können Architektur und Städtebau in diesem Prozess leisten? Vor dem Hintergrund von
Flucht und Zuwanderung sei „Making
Heimat“ ein hochaktuelles und brisantes Thema, so Bundesbauministerin
Dr. Barbara Hendricks. Das Konzept

des DAM lasse sich in den aktuellen
gesellschaftspolitischen Kontext einbetten und greife Fragen, Initiativen
und Diskussionen auf, die derzeit bei
den Themen Bauen und Wohnen in
Deutschland eine wichtige Rolle
spielten.

Palmitas in Mexiko:
Mit Street-Art gegen Gewalt

Kulturhauptstädte 2016:
San Sebastián und Breslau

Im spanischen San Sebastián und im
polnischen Breslau darf man sich in
diesem Jahr über die Aufmerksamkeit
Europas freuen: 2016 teilen sie sich
den Titel „Kulturhauptstadt Europas“.
San Sebastián ist die Hauptstadt der
Provinz Guipúzcoa in der spanischen
Autonomen Gemeinschaft Baskenland. Die 185.000-Einwohner-Stadt
liegt etwa 20 Kilometer westlich der
französischen Grenze im Bogen des
Golfs von Biskaya an der Atlantikküste. Breslau (polnisch: Wrocław), an
der Oder gelegen, ist Hauptstadt der

Fotos: picture alliance (2) / Ragnar Knittel (2)

Auszeichnung für neue
Stettiner Philharmonie

Das polnische Breslau ist neben dem spanischen San Sebastián in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas.

Die Idee ist ungewöhnlich. Das Ergebnis ist bunt und macht gute Laune. Noch vor kurzem war der Stadtteil Palmitas im mexikanischen Pachuca berüchtigt für seine hohe Kriminalitätsrate. Dann begannen
Street-Art-Künstler und Einwohner,
den tristen, betongrauen Siedlungshügel in ein farbstrotzendes, gigantisches Gemälde zu verwandeln. Insgesamt erhielten in fünfmonatiger Arbeit fast 20.000 Quadratmeter Mauern und Wände eine bunte Fassade.
Nach Angaben der Stadtverwaltung
hat das Kunstprojekt dazu beigetragen, dass die Verbrechen um 35 Prozent zurückgegangen seien. Außerdem begegneten sich die Einwohner
jetzt mit mehr Respekt und Freundlichkeit.

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Fotos: Klaus Göhring / Dirk Krüll / Boris Trenkel (Bildschön)

Das Drachenfelsplateau in
Königswinter gehört zu den
bekanntesten touristischen
Attraktionen in der Region
Köln/Bonn.

VON RANDO AUST

Stiftungspreis geht nach Königswinter
Mit der Neugestaltung des Drachenfelsplateaus hat Königswinter den mit 15.000 Euro
dotierten Stiftungspreis der „Lebendigen Stadt“ für das vorbildlichste öffentliche
Bauprojekt gewonnen. Anerkennungen erhielten die Städte Celle, Dinslaken, Kirchhain,
Neunkirchen, Posen und Reutlingen. 129 Bewerbungen aus dem In- und Ausland
wurden eingereicht.

Der Stiftungspreis 2015 für das vorbildlichste öffentliche Bauprojekt geht nach Königswinter: (von links) Norbert Barthle (MdB, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale
Infrastruktur), Tore Pape (Architekt), Dr. Andreas Pätz (WWG Königswinter), Alexander Otto (Kuratoriumsvorsitzender „Lebendige Stadt“) und Dr. Andreas Mattner (Vorstandsvorsitzender „Lebendige Stadt“).

M
Aufmerksame Zuhörer im Gasometer auf dem Berliner EUREF-Campus.

Juryvorsitzender Kaspar Kraemer.

it dem europaweiten Wettbewerb hatte die Stiftung „Lebendige Stadt“ öffentliche
Bauprojekte gesucht, die vorbildlich
realisiert wurden. Dabei standen die
budget- und termingerechte Fertigstellung sowie ein transparenter Planungs- und Entwicklungsprozess mit
umfänglicher Bürgerbeteiligung im
Vordergrund.
„Oft werden Städte und Kommunen
für Bauprojekte kritisiert, die teurer
werden und später als geplant fertig
sind“, so Alexander Otto, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Lebendige Stadt“. Der Stiftungswettbewerb
habe jedoch gezeigt, dass es sehr
viele vorbildliche öffentliche Bauprojekte gebe, deren Planungsprozesse
nachahmenswert seien. Ebenso überzeugend sei es, wie transparent die
Planungsprozesse gestaltet seien und
wie umfassend die Bürger dabei einbezogen würden. „Es ist an der Zeit,
dass neben dem Steuerschwarzbuch
ein Weißbuch mit Positivbeispielen
veröffentlicht wird, von denen andere
Kommunen lernen können“, so Otto.

Das neugestaltete Drachenfelsplateau bietet einen hervorragenden Ausblick über die Rheinlandschaft.

16

Die Preisverleihung der Stiftung „Lebendige Stadt“ fand am 16. Septem-

ber 2015 vor rund 300 Gästen auf
dem Campus des Europäischen Energieforums (EUREF) in Berlin statt. Zu
den Laudatoren zählten Norbert
Barthle (Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für
Verkehr und digitale Infrastruktur),
Dr. Jürgen Gehb (Vorstandssprecher
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben), Dr. Hanspeter Georgi (ehemaliger saarländischer Wirtschaftsminister), Dr. Herlind Gundelach (Bundestagsabgeordnete), Helma Orosz
(Oberbürgermeisterin Dresden a.D.),
Dr. Marc Weinstock (Geschäftsführungssprecher DSK) sowie Oliver
Wittke (Bundestagsabgeordneter).

architektonisch als auch wirtschaftlich nicht mehr den Anforderungen. In
der zweijährigen Planungsphase wurde in mehreren Workshops mit Bürgerbeteiligung ein neues Konzept für
das Drachenfelsplateau erarbeitet.

Sieger: Königswinter

In knapp drei Jahren Bauzeit wurde
die neue Aussichtsplattform mit neuer Außengastronomie fertiggestellt.
Mit Baubeginn konnten sich die Bürger mit Baustellenbesichtigungen
und über Webcams über den Fortschritt informieren. Mit 9,46 Millionen Euro ist das Projekt unter Einhaltung des Kostenrahmens realisiert
worden.

Mit der Neugestaltung des Drachenfelsplateaus gewann Königswinter
den Stiftungspreis für das vorbildlichste öffentliche Bauprojekt. Mitten
im Siebengebirge bietet das neugestaltete Drachenfelsplateau seinen
Besuchern einen hervorragenden Ausblick über die Rheinlandschaft und ist
wohl eines der bekanntesten touristischen Highlights in der Region Köln/
Bonn. Die seit über 100 Jahren bestehende Ausflugsgastronomie auf dem
Drachenfelsplateau entsprach sowohl

Mit dem Abriss des überdimensionierten Restaurantbaus wurden die bisher
getrennten Terrassen wieder zusammengeführt. Ein Teil der Fläche erhielt
Sitzstufen, die zum Verweilen einladen. Zudem wurde auf Barrierefreiheit
geachtet. Das neu errichtete kubische
Gebäude verfügt über große Glasflächen, die einen hervorragenden Blick
auf die Umgebung ermöglichen.

Anerkennung: Celle

Die niedersächsische Stadt Celle
hat eine der größten Freiwilligen

Feuerwehren Deutschlands. Um den
heutigen Anforderungen und Sicherheitsbestimmungen zu entsprechen, musste die Stadt eine
neue Feuerwehrhauptwache bauen.
In der dreijährigen Planungs- und
einjährigen Bauphase wurde das
Projekt von Stadtvertretern und
Fachkräften der Feuerwehr begleitet. Mit einem Transparenzbericht
wurde das Public-Private-Partnership-Projekt der Öffentlichkeit im
Internet vorgestellt. Die Stadt Celle
hat dabei eine Vorreiterrolle eingenommen, indem die Verträge öffentlich einsehbar ins Netz gestellt
wurden.
Auf innovative Technologien wurde
beim Bau großer Wert gelegt. Ein
begrüntes Dach dient der Regenwasserregulierung, die Be- und
Entlüftung des Gebäudes erfolgt
überwiegend natürlich, und man
setzt auf Wärmerückgewinnung.
Über Erdwärme wird das Gebäude
beheizt, und eine Solar-Anlage
dient der Warmwasseraufbereitung.
Die geplanten Baukosten wurden
um 12,3 Millionen Euro unterschritten.

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Die Stiftungspreisjury tagte in Köln: (von links) Rando Aust (Vorstandsbevollmächtigter „Lebendige Stadt“), Dr. Jürgen Gebh (CEO Bima), Juliane Freund („Lebendige Stadt“), Dr. Marc Weinstock (GF-Sprecher
DSK), Dr. Michael Bigdon (Dezernatsleiter Bezirk Hamburg-Nord), Barbara Ettinger-Brinckmann (Präsidentin Bundesarchitektenkammer), Dr. Jochen Keysberg (Vorstand Bilfinger), Dr. Brigitte Mandt (Präsidentin
Landesrechnungshof NRW), Marcel Philipp (Oberbürgermeister Aachen), Bernward Kulle (Vorstand ÖPP Deutschland), Antonio Vultaggio (HPP Architekten), Dr. Heike Kaster-Meurer (Oberbürgermeisterin
Bad Kreuznach), Timo Munzinger (Deutscher Städtetag), Prof. Dr. Dittmar Machule (Vorstand „Lebendige Stadt“), Alexander Handschuh (Deutscher Städte- und Gemeindebund), Anika Kinder („Lebendige
Stadt“), Prof. h.c. Dr. h.c. Fritz Schramma (Oberbürgermeister a.D. Köln und Vorstand „Lebendige Stadt“), Eberhard Kanski (Bund der Steuerzahler NRW), Jens Markus Offermann (Hessisches Finanzministerium)
und Kaspar Kraemer (Architekt und Juryvorsitzender).

Anerkennung: Dinslaken

Die Region zwischen Ruhr und Niederrhein ist durch den Rückbau der
Montanindustrie zu einer Region des
Wandels geworden, die sich durch
Flexibilität, Pioniergeist und Einfallsreichtum auszeichnet.
Mit der Stilllegung der Zeche Lohberg
im niederrheinischen Dinslaken lag
ein 45 Hektar großes Areal brach, das
von der Stadt Dinslaken und der RAG
Montan Immobilien GmbH gemeinsam in einer Projektgemeinschaft reaktiviert wird. Es entsteht ein CO2neutrales, lebendiges Stadtquartier
aus Arbeiten, Wohnen und Erholen,
das von denkmalgeschützten Gebäuden und von einem Natur- und Landschaftsraum umgeben ist. In dem

fortlaufenden Prozess soll sich das
Areal zu einem innovativen, gesamtstädtisch und regional bedeutsamen
Kultur-, Freizeit- und Erholungsraum
entwickeln.

gen. Über den Planungsprozess wurden die Bürger in öffentlichen
Veranstaltungen informiert. Im Rahmen von zwei partizipativen Kunstprojekten konnten sich die Bürger
tatkräftig in die Gestaltung einbringen. Durch verschiedene Veranstaltungen, Baustellenführungen und eine
intensive Pressearbeit wurde das Projekt transparent für alle Beteiligten.

Die gesamte Entwicklung steht unter
dem Namen „Kreativ.Quartier Lohberg“. Bereits kurz nach der Schließung der Zeche siedelten sich kleine
Kreativunternehmen in den denkmalgeschützten Gebäuden an. Nördlich
schließt sich der seit Oktober 2014
für die Öffentlichkeit freigegebene
Bergpark an. Dieser ist zu einem Naherholungsgebiet für ganz Dinslaken
geworden.

Anerkennung: Kirchhain

Die Baukosten lagen bei ca. 7,9 Millionen Euro und damit unter den Planun-

Das sanierungsbedürfte und schadstoffbelastete alte Bürgerhaus stand

Das Bürgerhaus im hessischen Kirchhain wurde im Rahmen eines PublicPrivate-Partnership-Verfahrens zwischen der Stadt Kirchhain und der Gade
Schlüsselfertigbau GmbH realisiert.

Große Bühne für die Gewinner des Stiftungspreises 2015 zum Thema „Das vorbildlichste öffentliche Bauprojekt“.

Auf der verkauften Fläche wurde
barrierefreier Wohnraum geschaffen.
Informationsveranstaltungen und ein
Tag der offenen Tür boten Gelegenheit, das Projekt während der Bauphase zu verfolgen. Mit einer sehr
guten Energieeffizienz, einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sowie geringen Heizkosten
durch ein Blockheizkraftwerk ist das
„Haus Bürger“ ein innovatives und
nachhaltiges Projekt. Die neue Nutzung des Areals trägt zur Belebung
der Innenstadt bei.

vor der Schließung. Eine Sanierung
des Komplexes schien aus Kostengründen unmöglich. Es kam nur eine
Reduzierung der großen Gebäudefläche in Betracht, um die Kosten zu
senken und das innerstädtische Areal
besser zu nutzen. Die Gade Schlüsselfertigbau GmbH kaufte einen Teil des
Gebäudes, und gemeinsam mit der
Stadt wurde das Gesamtobjekt saniert.
Der in städtischer Hand verbliebene
Teil des Bürgerhauses wurde aus dem
Verkaufserlös, Fördermitteln und einem geringen Betrag aus der Stadtkasse energetisch saniert. Die nun
vorhandene bedarfsgerechte Fläche
verursacht nur noch rund 30 Prozent
der ursprünglichen Betriebskosten.

Innerhalb von zwei Jahren wurde das
Projekt geplant und gebaut. Die veranschlagten Kosten in Höhe von 6,3
Millionen Euro wurden eingehalten.

Anerkennung: Neunkirchen

Fotos: Boris Trenkel (Bildschön) / Ulrik Eichentopf

Die ehemalige Hüttenstadt Neunkirchen im Saarland hat unter Einbeziehung ihrer industriell geprägten
Vergangenheit eine neue Veranstaltungshalle für kulturelle Großevents
geschaffen.

Rund 300 Gäste verfolgten die Verleihung des Stiftungspreises im Gasometer auf dem EUREF-Campus in Berlin.

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Das ehemalige 40 Hektar große „Alte
Hüttenareal“ mit seiner Ansammlung
von Industriedenkmälern liegt zentral
in Neunkirchen und wird von Jung
und Alt aus der Region als Naherholungsgebiet genutzt. Wo einst das
alte Eisenwerk stand, ist die unter
Denkmalschutz stehende Gasgebläsehalle zu einer Theater- und Veranstaltungshalle umgewandelt worden.
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen – Denkmalschutz und industrielle
Altlasten – wurde die neue Veranstaltungshalle pünktlich zum Fertigstellungstermin eröffnet. Von der

Projektentscheidung bis zur Inbetriebnahme vergingen nur 23 Monate. Grund für den straffen Zeitrahmen
war die enge Terminierung der Fördermittelbereitstellung der Saarländischen Landesregierung für die energetische Sanierung der Gasgebläsehalle.
In Workshops konnten potenzielle
Nutzer ihre Wünsche und Bedürfnisse einbringen. Durch die kontinuierliche Berichterstattung in der Presse
wurden die Bürger über den Baufortschritt stetig informiert.
Die neue Veranstaltungshalle ist
nicht nur als technisches Denkmal
bemerkenswert, sondern bei der baulichen Erweiterung und Neugestaltung wurde der industrielle Charakter
gewahrt. Entstanden ist eine Halle
mit 1.000 Sitzplätzen bzw. 2.000
Stehplätzen. Die Umsetzung des Projekts hat 6,58 Millionen Euro gekostet. Die neue Veranstaltungshalle ist
die bestausgelastete Halle im Saarland. Sie schließt eine Lücke in der
kulturellen Landschaft und leistet einen Beitrag zum sozialen Wandel in
Neunkirchen.

Auszeichnung: Posen

Bekannt ist die polnische Stadt Posen
vor allem für ihre Kathedrale, die auf
der Dominsel liegt. Die Dominsel war
zehn Jahrhunderte durch eine Brücke
mit dem Stadtteil Srodka auf dem
Festland verbunden. Die Dominsel
und das Festland haben über die
Jahrhunderte voneinander partizipiert und sich durch den Austausch
wirtschaftlich stark entwickelt. Auf-

grund des Ausbaus von Schnellstraßen wurde die Brücke rückgebaut.
Der einst so florierende Stadtteil Posens entwickelte sich in der Folge
zum Ort der Isolation.
2014 wurde daher die Porta Posnania
als erstes multimediales Interpretationscenter Polens gegründet. Mit Hilfe verschiedener multimedialer und
interaktiver Präsentationen wird die
Geschichte der Dominsel spielerisch
erzählt. Jede Tour beginnt in der multimedialen Erkundung innerhalb der
Porta Posnania und endet mit einer
eigenständigen Besichtigung der
Dominsel.
Die Projektidee entstand 2007. Die
Umsetzung wurde nur knapp ein Jahr
später vom City Council of Poznan
beschlossen, und bereits drei Jahre
später konnte mit dem Bau begonnen
werden.
Das touristische Interesse an der
Stadt stieg mit dem Bau der Porta
Posnania, und die bis dahin eher
schlechte wirtschaftliche Lage des
Stadtteils Srodka erholte sich langsam wieder. Es eröffneten neue Restaurants, Geschäfte und Hotels. So
entstanden rund 100 neue Arbeitsplätze in Srodka. Die Bauzeit des
Projekts nahm dreieinhalb Jahre in
Anspruch, und die Gesamtkosten beliefen sich auf eine Summe von rund
23,4 Millionen Euro.

Auszeichnung: Reutlingen

„Eine Halle für alle Bürger Reutlingens und der Region!“ Mit diesem
Ziel wurden die Planungen für eine

neue Stadthalle wieder aufgenommen. Nach jahrzehntelanger Diskussion brachte ein positives Bürgervotum im Jahr 2006 die Stadt ihrem
Vorhaben näher, eine neue moderne
und multifunktionale Halle zu bauen.
Eine alte Industriebrache am Rande
der Reutlinger Altstadt wurde als
Standort ausgewählt, der hervorragend die Reutlinger Altstadt mit den
umliegenden Stadtteilen verbindet.
Ein städtebaulicher Ideenwettbewerb
wurde mit dem Ziel ausgelobt, die
beste Lösung für die alte Industriebrache zu finden. Das Ergebnis war
eine neue Stadthalle, umgeben von
einem Bürgerpark als grüne und kulturelle Mitte der Stadt. Das Gebäude
besteht aus einem unteren und einem oberen Kubus. Der untere Kubus
ist der Höhe der Baumwipfel und der
Bauhöhe der Häuser angepasst. Der
obere und kleinere Kubus ist mit einer umlaufenden Außenterrasse versehen und krönt den Sockelbau. Die
Krone der Stadthalle ragt sichtbar
aus dem Grün heraus.
Während der sechsjährigen Planungsund Bauphase wurden die Bürger
durch umfassende Informationsveranstaltungen und Baustellenführungen informiert. Hervorzuheben ist,
dass die Finanzierung der neuen
Stadthalle ohne Aufnahme eines Kredits möglich war und die geplanten
Baukosten in Höhe von rund 46,6
Millionen Euro eingehalten wurden.

19

Lebendige Stadt

Schulhöfe zum Abgucken
Schulhöfe müssen keine langweiligen Betonwüsten sein. Das beweisen die 536 Schulen in Deutschland,
die am Wettbewerb „Schulhof der Zukunft“ teilgenommen haben, zu dem die Stiftung „Lebendige Stadt“
und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) aufgerufen hatten. Für ihr Engagement erhalten die zehn
Siegerschulen jeweils ein Preisgeld von 2.000 Euro.
20

Schleswig-Holsteins
Ministerpräsident Torsten
Albig in der EichendorffSchule in Kronshagen.

21

Foto: Stiftung „Lebendige Stadt“

VON TIMUR ÖZTÜRK

Silke Wissel (links) von der DUH in der Grundschule
am Baumschulenweg in Bremen.

Stiftungsvorstand Gerhard Fuchs in der
Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd.

F.A.Z.-Geschäftsführer Burkhard Petzold (links) in der Eugen-Kaiser-Schule in Hanau.

G

rün in der Stadt und auf dem
Pausenhof sei ein wichtiges Gut
für das Wohlbefinden von Jung
und Alt, so Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks als Schirmherrin des
Wettbewerbs. „Ich freue mich sehr,
dass so viele Schulen ihre Außenflächen nutzen und grüne Räume schaffen, die auf die Bedürfnisse von jungen Menschen zugeschnitten sind.
Nicht nur in Großstädten sind solche
Orte unendlich wichtig“, sagt die Ministerin.

Lebenswelt Schule in
Zwenkau: Bewegung auf
dem Pausenhof tut gut.

Kosmos-Bildung Münsterlandschule Tilbeck in Havixbeck.

Gesamtschule Holweide in Köln.

Fotos: Stiftung „Lebendige Stadt“

Eichendorff-Schule in Kronshagen.

Die zehn Siegerschulen des 2014 ausgerufenen Wettbewerbs „Schulhof der
Zukunft“ haben ihre Ideen mit gemeinsamer Tatkraft umgesetzt und
beweisen, dass auch mit einem geringen Budget viel zu erreichen ist. Sie
bringen ihre Schulhöfe zum Blühen,
schaffen Lebensraum für Tier- und
Pflanzenarten und sorgen mit Klettergerüsten, Hügellandschaften und
Sportflächen für Bewegungsanreize
zwischen den Unterrichtsstunden.

Stiftungsvorstand Fritz Schramma (Mitte) in der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Pulheim.

22

Sachsens Innenminister Markus Ulbig (Mitte) in der Lebenswelt Schule in Zwenkau.

Mit der Zunahme an Ganztagsschulen
müsse sich auch die Qualität der
Schulhöfe verbessern, so Alexander
Otto, Kuratoriumsvorsitzender der „Lebendigen Stadt“. „Unsere Gewinner
gehen beispielgebend voran und zeigen, mit welchen Pausenangeboten
Schulhöfe den unterschiedlichen Interessen der Schüler gerecht werden.
Das ist deshalb so gut gelungen, weil
ihre Nutzer sich selbst in die Gestaltung eingebracht haben. Davon sollten
andere Schulen abgucken“, sagt Otto.

Die umfassende Beteiligung der Schüler an der Umgestaltung ihrer Schulhöfe war für die Jury ein wichtiges
Kriterium. Vielerorts haben die Kinder
und Jugendlichen die Pläne für die
Umbauten eigenständig gezeichnet,
Modelle gebaut und Entwürfe diskutiert, um dann für einige Tage oder
Wochen ihre Schulbänke gegen
Schubkarren und Schaufeln zu tauschen und mit großem Spaß ihren
Traumschulhof selbst zu gestalten.
Daneben war der Jury wichtig, dass
Erleben und Erfahren von Naturprozessen direkt auf dem Schulhof möglich sind und der Schulhof pädagogisch in den Unterricht einbezogen ist.
Bei der Auswahl der Sieger waren außerdem zwei Hamburger Schulklassen
beteiligt.
„Durch das gemeinsame Planen und
Schaffen am eigenen Schulhof wird
der soziale Zusammenhalt der Schulfamilie gestärkt. Das gibt jungen Menschen Selbstbewusstsein und ist eine
langfristige Ermutigung zu bürgerschaftlichem Engagement im späteren
Leben“, sagt Prof. Harald Kächele,
Bundesvorsitzender der DUH.
Der Wettbewerb „Schulhof der Zukunft“ ist Teil der Initiative „deinSchulhof“ der Stiftung „Lebendige
Stadt“ und der DUH. Mit der Initiative
sollen Schulhöfe in soziale und attraktive Lebens- und Lernräume verwandelt werden. Mit dem Wettbewerb
werden Best-Practice-Lösungen und
Know-how für Schulhofgestaltungen

Stiftungsvorstand Prof. Dr. Dittmar Machule
im Gymnasium Herzogenaurach.

Kuratoriumsmitglied Prof. Dr. Willi Alda (2.v.l.) in der Pater-Alois-Grimm-Schule in Külsheim.

Ausgezeichnet von:

Die Siegerschulen:
• Pater-Alois-Grimm-Schule Külsheim, Baden-Württemberg
• Stephen-Hawking-Schule Neckargemünd,
Baden-Württemberg
• Gymnasium Herzogenaurach, Bayern
• Grundschule am Baumschulenweg, Bremen
• Eugen-Kaiser-Schule Hanau, Hessen
• Dietrich-Bonhoeffer-Schule Pulheim, Nordrhein-Westfalen
• Gesamtschule Holweide, Köln, Nordrhein-Westfalen
• Kosmos-Bildung Münsterlandschule Tilbeck in Havixbeck,
Nordrhein-Westfalen
• Lebenswelt Schule Zwenkau, Sachsen
• Eichendorff-Schule Kronshagen, Schleswig-Holstein
Internet: www.deinSchulhof.de
zusammengetragen und auf dem Internetportal www.deinSchulhof.de
veröffentlicht – als Ratgeber, Inspirator und Motivator für zukünftige
Schulhofgestaltungen. Das Gesamtprojekt hat ein Finanzvolumen von
rund 250.000 Euro. Im nächsten
Schritt wendet sich die Initiative sol-

chen Schulen zu, die bisher noch keine
Gelegenheit zur Umgestaltung ihrer
Pausenhöfe hatten. Drei Schulen erhalten von der Stiftung „Lebendige
Stadt“ eine Förderung von je 20.000
Euro und werden während des Planungs- und Umsetzungsprozesses von
der Stiftung und der DUH unterstützt.

23

„Das funktioniert, ohne Kompromisse –
und macht Spaß“
Die aktuellen Veränderungen in der Formel 1 sind ganz nach dem Geschmack von
Heinz-Harald Frentzen. Der ehemalige deutsche Grand-Prix-Sieger ist ein Fan moderner
Antriebstechnologie. Schon 2008 startete Frentzen mit einem eigenen HybridKonzeptfahrzeug auf der Nürburgring-Nordschleife. Das Journal „Lebendige Stadt“
sprach mit dem 48-Jährigen über den Kurswechsel der Formel 1,
über effiziente Bremsenergie und die Photovoltaik auf dem Dach seines Hauses.
„Lebendige Stadt“: Herr Frentzen, seitdem Sie 2008 mit einem selbst entwickelten Hybrid beim
24-Stunden-Rennen an den Start gegangen sind, gelten Sie als Pionier der
Elektromobilität. Wie kommt man als
ehemaliger Rennfahrer auf solche
„grünen“ Gedanken?
Heinz-Harald Frentzen: Meinen ersten
Grand-Prix-Sieg habe ich nur deswegen geschafft, weil ich mit strategischer Absicht spritsparender gefahren
bin. Ich konnte so zwei Runden später
zum Tankstopp kommen, damals ein
entscheidender Umstand. Da ist mir
ein Licht aufgegangen. Mit Öko kann
man Rennen gewinnen.
Inwiefern?

Heinz-Harald Frentzen
im August 1999
vor dem Großen Preis
von Deutschland
in Hockenheim.

24
14

Foto: picture alliance

Motorenhersteller versuchen meist,
über maximale Drehzahl Motorleistung zu schaffen. Aber mein Sieg in
Imola zeigte, dass es nicht immer nur
um schiere Leistung geht. Hier kam
der Vorteil durch Sparen, und zwar
ziemlich genau 15 Prozent der eingesetzten Energie. Siegen durch Sparen
war neu in der Formel 1. Wenn man
aber erst einmal auf den Trichter
kommt, macht man sich schnell weitere Gedanken über Energieeffizienz.
Vita:
Heinz-Harald Frentzen,
geboren am 18. Mai 1967
in Mönchengladbach,
stieg mit 13 Jahren in den
Kartsport ein. 1983 lieferte
er sich auf der Kartbahn
in Kerpen das erste Duell
mit Michael Schumacher.
Zwischen 1994 und 2003
startete Frentzen bei
insgesamt 157 Formel1-Rennen und wurde dort
1997 Vizeweltmeister.
2004 bis 2006 fuhr Frentzen
in der DTM, anschließend
war er bei Langstreckenrennen und in der Speedcar
Series aktiv. In den Saisons
2011 und 2012 startete er
im ADAC GT Masters.
Frentzen ist verheiratet,
hat drei Töchter und wohnt
im Kreis Neuss.

Als Sie 2007 Ihre Formel-1-Karriere
beendeten, hatten Sie also schon ein
klares Ziel vor Augen?
	
Ich hatte zumindest einen kleinen
Traum, ich wollte den technologisch
nicht mehr zeitgemäßen Motorsport
mit der Ökowelt versöhnen. Nur so sah
ich eine Zukunft fürs Racing.
Waren denn ihre alten Buddies aus
der Motorsportszene ebenso Feuer
und Flamme für diese Idee?
Ich hatte in meiner Mannschaft noch
so richtige „Petrol Heads“. Um die zu
überzeugen, ein Elektroauto zu bauen,
musste ich anfänglich schon ein wenig Überzeugungsarbeitet leisten. Ich
habe ihnen gezeigt, was alles in so
einer kleinen Batterie steckt und dass
da richtig Leistung möglich ist. Sie
haben dann schnell erkannt, wie viel
Raum für technische Entwicklungen

ihnen diese Technologie bietet. Wir
haben dann ja auch nicht nur irgendeinen Hybrid gebaut, sondern unseren
Fokus auf die Bremsenergie-Rückgewinnung gerichtet.
Können Sie das erklären?
Das reizvolle am Hybrid ist, dass man
aus der Bremsenergie Kraft gewinnen
und somit die Leistungsfähigkeit
durch grüne Energie steigern kann.
Das ist effizient und zeitgemäß. Auf
diese Weise bekommt man mit einem
kleinen Motor deutlich mehr Leistung.
Das macht die Formel 1 heute auch
von der technischen Seite sehr attraktiv.
Was hat sich in den letzten
Jahren verändert?
Ich will nicht sagen, dass der Motorsport nun grün ist, aber durch die Energie-Rückgewinnung verbrauchen
wir schon deutlich weniger Treibstoff.
Außerdem sind die Motoren leiser
geworden. Das bedauern viele Fans
zwar, weil für sie der Motorsport damit auch an Sexappeal verloren hat,

»

Mit einem Tesla
hänge ich jeden Porsche
Turbo ab

«

doch ich glaube, wir bewegen uns in
die richtige Richtung. Die Hybridtechnologie wird die Formel 1 wieder in
ein anderes gesellschaftliches Licht
rücken. Weg von Lautstärke und Luftverschmutzung und hin zu einer technologisch sehr anspruchsvollen, spannenden und umweltverträglichen Disziplin.
Das klingt fast wie der Wandel vom
Saulus zum Paulus.
Die Formel 1 war ständig in der Kritik,
auch aus Umweltgründen. Ich erinnere mich noch, dass wir damals schon
darum kämpfen mussten, dass die
Kartbahn nicht geschlossen wurde,
weil die Motoren zu laut waren. Und
was die Umwelt betrifft, da hat sich
die Gesellschaft einfach weiterentwickelt.

Jetzt aber mal ehrlich. Die aus
der Bremsenergie gewonnene
Extrapower des Hybrid macht Ihnen
als Rennfahrer doch auch Spaß?
Natürlich. Die sportlichen Vorteile
liegen auf der Hand. Drücken Sie mal
aufs Gas! Das ist wie ein Boost-Button!
Das hat sich offensichtlich noch
nicht rumgesprochen. Auf
Deutschlands Straßen tun sich die
Elektrofahrzeuge noch schwer.
Die Stromer sind noch nicht da, wo
sie sein sollten. Ich fahre privat einen
Tesla und muss sagen, mit dem kann
ich locker jeden Porsche Turbo abhängen – und habe dabei noch die
ganze Familie im Auto. Ein Autokauf
fängt mit Emotionen an. Ein Elektromotor muss sexy sein und durch
Performance brillieren, dann wird er
auch gekauft.
Das scheint Tesla gelungen zu sein?
Meiner Meinung nach hatte Elon
Musk, der Gründer von Tesla, von
Anfang an das richtige Konzept. Er
hat nämlich eine extrem leistungsfähige Batterie in sein Fahrzeug eingebaut. Mit dieser können Sie den Tesla
dank eines Doppelladers in nur 20
Minuten auftanken. Das ist gerade
genug Zeit, um eine Tasse Kaffee zu
trinken. Das funktioniert, ohne Kompromisse – und macht Spaß.
Nur kann sich bisher kaum jemand
ein Elektrofahrzeug leisten.
Das ist das eine Problem, das andere
ist die Reichweite. Leider sind wir
hier von einer Lösung noch weit entfernt. Wenn die Bundesregierung bis
2020 eine Million Elektrofahrzeuge
auf die Straße bringen will, wird sie
nicht auf Kaufanreize verzichten
können. Sonst dürfte es schwierig
werden.
Andere europäische Länder wie
Norwegen sind hier deutlich weiter.
Woran liegt das?
Das ist ganz einfach. Norwegen hat
den meisten Strom. Das Land stellt

25

VON RALF VON DER HEIDE

Kümmerer für den A7-Ausbau

Fotos: Uli Engers (Bild-Zeitung) / Boris Trenkel (Bildschön)

120 Solarpanele: Frentzen auf
dem Sonnendach seines Hauses.

98 Prozent des Stroms über Wasserenergie her. Während die Deutschen
für die Kilowattstunde Strom rund 24
Cent zahlen, zahlen die Norweger nur
acht Cent pro Kilowattstunde. Das ist
einfach günstiger. On Top gibt es
Anreize der norwegischen Regierung,
angefangen von Subventionen bis hin
zu Steuererleichterungen. Man ist
dort mit einem Elektroauto also klar
im Vorteil.
Zu Hause haben Sie Photovoltaik
auf dem Dach, ein eigenes Blockkraftwerk und Ladesäulen für Ihre
beiden Elektroautos. Ist das Ihr
Modell der Zukunft?
Ich war immer der Meinung, wenn
man nachhaltig leben will, dann richtig. Meine Vision von einer Photovoltaikanlage war es, mit ihr genug
Strom für zwei Elektroautos und den

»

Gerhard Fuchs ist Verkehrskoordinator für den Ausbau der Autobahn 7 nördlich des
Elbtunnels in Hamburg und Schleswig-Holstein. Der ehemalige Hamburger VerkehrsStaatsrat, der auch Vorstand der Stiftung „Lebendige Stadt“ ist, koordiniert als
freier Mitarbeiter länderübergreifend Anfragen von Bürgern, Anwohnern, Gremien
und Unternehmen rund um die Mammutbaustelle.

ich sie benötige. Wenn Sie, wie wir,
eine große Familie haben, brauchen
Sie zum Waschen, Spülen, Kochen
und so weiter 20 Kilowattstunden
pro Tag. Eine Batterie speichert 85
Kilowattstunden. Das würde also
problemlos vier Tage funktionieren.
(Lachend) Da ginge der Trend klar
zum Zweit-Tesla.
Ein Auto als Pufferspeicher,
darauf hat sich Tesla offenbar nicht
eingelassen?
Nein, weil die Batterie sehr vorsichtig
behandelt werden muss, damit sie im
Auto auch eine Laufzeit von zehn bis
15 Jahren hat. Ich bin aber davon
überzeugt, dass das schon ganz bald
kommen wird.
Ein großes Thema auf der Internatio-

nalen Automobil Ausstellung
war das autonome Fahren. Hat das
Ihrer Meinung nach Zukunft?
Da habe ich schon eine Wette laufen.
Schon in naher Zukunft werden wir
in einem Restaurant sitzen, viel trinken und uns dann von unserem Auto
nach Hause fahren lassen. Technisch
ist das heute schon möglich. Die noch
zu bewältigenden Hürden sind eher
auf der Versicherungsseite zu klären.
Für Sie als Rennfahrer ist das
aber doch eine eher langweilige
Perspektive, oder?
Man kann ja selber entscheiden, ob
man autonom fahren will oder nicht.
Ich finde das eigentlich sehr beruhigend. Stellen Sie sich vor, Sie fahren
auf der Autobahn und sehen auf Ih-

A

ls Verkehrskoordinator ist Fuchs
für die öffentliche Kommunikation zuständig und stimmt sich
dabei mit der vom Bund und den
Ländern Hamburg und SchleswigHolstein beauftragten DEGES (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungsund -bau GmbH) und den ausführenden Baufirmen ab. Bei seiner Arbeit
wird er von zwei Mitarbeiterinnen
aus Hamburg und Schleswig-Holstein tatkräftig unterstützt.

rem Bildschirm, dass vor Ihnen sechs
bis acht Autos autonom fahren. Da
können Sie sicher sein, dass von denen niemand einen Fehler macht.
Damit ist für mich die Situation
deutlich besser zu überblicken – gerade bei hohen Geschwindigkeiten!
Und das ist nur einer von vielen
Vorteilen.

Er sei Ansprechpartner für all jene,
die Norddeutschlands größtes Verkehrsprojekt zwar kritisch, aber dennoch positiv begleiten, sagt Fuchs.
Nördlich des Elbtunnels wird die A 7
– eine der meist befahrenen Autobahnen Deutschlands – auf rund 80
Kilometern Länge bis zum Bordesholmer Dreieck um je zwei Fahrspuren
verbreitert. Lärmschutzwälle werden
errichtet und mehr als 20 Brücken
erneuert. Hinzu kommt in Hamburg
der Bau von drei Lärmschutzdeckeln
und der Austausch der 400 Meter
langen Langenfelder Brücke. Gut

Wagen wir einen Blick in die Zukunft
von Heinz-Harald Frentzen?
Wir sehen Sie ja schon bei einem
großen Autohersteller.
Nein, eher nicht. Da gibt es genügend schlaue Köpfe. Mir hat mal jemand gesagt, dass man sich mit guten Ideen selbstständig machen sollte. Aber nur, wenn man wirklich dahinter steht. Also so etwas in der Art
kann ich mir gut vorstellen.

zehn Jahre sind für die Bauarbeiten
insgesamt veranschlagt, denn gearbeitet werde „unter rollenden Rädern“, so Fuchs. Die Autobahn entstehe komplett neu, ohne dass es zu
Vollsperrungen kommen dürfe – mit
Ausnahme einiger Wochenenden und
Nächte.
Als Verkehrskoordinator sei er der Ansprechpartner für jeden, der mit der
Baustelle zu tun habe oder betroffen
sei. „Wir hören zu, moderieren und
bemühen uns um einen Interessenausgleich“, sagt Fuchs. Ein Schlüssel
zum Erfolg sei die vorbehaltlose Kommunikation, die auf einem extra entwickelten Verkehrs- und Kommunikationskonzept basiere. Das habe „im
Wissen um die Notwendigkeit der
Baumaßnahme“ eine erfreulich hohe
Akzeptanz erzeugt. „Für das Hamburger Stadtgebiet war dafür entscheidend, dass auf fast 4.000 Metern ein
vollständiger Lärmschutz durch Überdeckelung und auf dessen Oberflächen
ein Grünzug entstehen wird, der die
jahrzehntelange Teilung des Hambur-

ger Westens im Sinne einer Stadtreparatur aufhebt“, erläutert Fuchs.
Hinzu komme eine stete Zusammenarbeit mit der Ruhruniversität Bochum, die neben der wissenschaftlichen Begleitung eine Umsetzung nach
den aktuellsten Erkenntnissen zum
Baustellenmanagement gewährleiste.
„Wir bekennen, wenn es Probleme
gibt, freuen uns, wenn es trotz unvermeidbarer Beeinträchtigungen gut
läuft und sind offen für Hinweise, die
wir zum Teil schon umsetzen konnten“, sagt der Verkehrskoordinator.
Als schnelles Informationsmittel
dient unter anderem eine „A7-App“
für Smartphones und Tablets. „Damit
können Autofahrer in Echtzeit die
Verkehrssituation erfahren und erhalten Hinweise auf Ausweichrouten“,
erklärt Fuchs. Über Push-Nachrichten
werde der Nutzer ständig über Änderungen der Verkehrslage informiert.
Erhoffte Effekte: weniger AutofahrerGroll bei unverhofften Staus und eine
bessere Verteilung der Verkehrsströ-

me. So wurde beispielsweise geprüft,
ob es an den Hamburger A7-Auffahrten Zufahrtsampeln nach dem Vorbild in Nordrhein-Westfalen geben
könne, und es wurde für einen temporären Versuch innerhalb des Baustellenablaufs das Rechtsfahrgebot
für LKW aufgehoben.
Als freier Mitarbeiter hat Gerhard
Fuchs formal keine Durchgriffsrechte
und ist nicht weisungsbefugt – er
arbeitet aber in dem Referat und mit
den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, für das und die er als Staatsrat
zuständig war. „Das findet vertrauensvoll und kollegial statt und wird
getragen von einem direkten Vortragsrecht bei den zuständigen Leitungen der Dienststellen der Länder
und des Bundes sowie den betroffenen Geschäftsleitungen. Für diese
konkrete Aufgabe und bei dieser besonderen Konstellation ist das nicht
nur ausreichend, sondern hilfreich
und hat sich bewährt“, sagt Fuchs,
für den der A7-Ausbau eine echte
Herzensangelegenheit ist.

Autobatterien als
Pufferspeicher für
Solarenergie – das wird
kommen

«

Haushalt zu produzieren. Das ist sozusagen das Grundkonzept. Dafür
brauchte ich natürlich einen Stromspeicher. Hier habe ich auch schon
mit Tesla gesprochen. So ein Auto
von Tesla ließe sich hervorragend als
Pufferspeicher für die Solarenergie
nutzen.

Natürlich! Das ist ja die Idee. Die
Batterien eines Elektroautos können
die Sonnenenergie speichern und
Leistungsschwankungen ausgleichen,
wenn die Sonne mal nicht scheint.
Ein Pufferspeicher stellt mir also die
Energie dann zur Verfügung, wenn

26

Das Interview mit Heinz-Harald Frentzen führte Rando Aust, Bevollmächtigter des Vorstands der Stiftung „Lebendige Stadt“.

Foto: Michael Rauhe

Funktioniert das?

Für Verkehrskoordinator
Gerhard Fuchs ist der
A7-Ausbau eine echte
Herzensangelegenheit.

27

Preisverleihung 2015 in Stockholm: (von links) Sheila Watt-Cloutier, Tony De Brum, Gino Strada und
Kasha Jacqueline Nabagesera.

Regionalkonferenz der asiatischen Preisträger im März 2015 im indischen Mumbai.

VON MONIKA GRIEFAHN

Vielfalt macht lebendig
Der „Alternative Nobelpreis“ schafft Öffentlichkeit
für engagierte Menschen überall auf der Welt.

E

Im September 2010
feierten die Träger des
Right Livelihood Awards
in Bonn das 30-jährige
Bestehen ihrer Stiftung.

28

Fotos: Stadt Bonn (B. Frommann) / Right Livelihood Award Foundation (Wolfgang Schmidt) / RLA Foundation / Norbert Weidemann

s sind aufwändige, aber sehr interessante Recherchereisen. Es
sind lange, intensive Auswahlsitzungen. Nein, der Right Livelihood
Award (RLA), der „Alternative Nobelpreis“, wird nicht nach Aktenlage vergeben. Wir lesen die vielen Vorschläge
sehr genau durch, wir besuchen jedes
Jahr eine Vorauswahl an Nominierten,
wir erkunden ihr Umfeld und das Thema, in dem sie tätig sind. Der Right
Livelihood Award – wir vergeben ihn,
um Menschen und Organisationen zu
ehren, die exemplarische und praktische Antworten auf die drängendsten
Herausforderungen unserer Zeit geben.
Bei der Verleihung 2015 waren das
zum einen Tony de Brum und das Volk
der Marshallinseln. Mit der Auszeichnung erkennen wir ihre Vision und
ihren Mut an, mit rechtlichen Mitteln
gegen die Atommächte vorzugehen,
weil diese ihren Abrüstungsverpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag nicht nachkommen. Zum anderen
ehrte die Jury Sheila Watt-Cloutier
aus Kanada, die sich ihr Leben lang für
die Rechte der Inuit und für den Erhalt
ihrer Lebensgrundlage und Kultur, die
vom Klimawandel akut bedroht sind,
stark gemacht hat und stark macht.
Wir zeichneten Kasha Jacqueline Nabagesera aus Uganda aus, die sich von
Einschüchterung und Gewalt nicht
davon abhalten lässt, sich für die
Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen
einzusetzen. Und wir ehrten 2015 Gino Strada aus Italien, Mitgründer der
Organisation Emergency. Er erhielt
den Preis, weil er hervorragende medizinische und chirurgische Nothilfe für
die Opfer von Konflikt und Ungerechtigkeit schafft.
Wie 2015 spiegelt das Engagement
der Preisträger Jahr für Jahr wider,

was wir für die drängenden Herausforderungen unserer Zeit halten:
Krieg, Durchsetzung von Menschenrechten, Aufbau und Erhalt von Demokratie, Umweltzerstörung, fehlende
medizinische Versorgung. Seit 1980
wird der „Alternative Nobelpreis“ jährlich im schwedischen Reichstag an
vier Preisträger verliehen. Die Stadt
Stockholm ist somit ein zentraler Ort
für das Wirken der Stiftung, die dort
ihren Sitz hat.
Alfred Nobel, der Gründer der klassischen Nobelpreise, wollte diejenigen
ehren, die der Menschheit den größten Nutzen bringen. Seit mehr als 30
Jahren stellt nun der „Alternative Nobelpreis“ die Frage, welche Arbeit
wirklich wesentlich ist, um der
Menschheit Nutzen zu bringen: Hochspezialisierte Grundforschung in Chemie und Physik? Oder praktische Einsätze für Umweltschutz, Demokratie
und Menschenrechte? Sagen wir, die
Preise sind ebenbürtig. Als Beleg dafür
mag gelten, dass die inzwischen verstorbene Wangari Matthai aus Kenia,
die 1984 für ihren Green Belt Movement den „Alternativen Nobelpreis“
erhielt, 2004 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Es zeigt
doch deutlich: In Afrika Bäume zu
pflanzen, ist weit mehr als nur romantische Naturverbundenheit: Es bedeutet Erosionsschutz, Verbesserung der
Böden und Äcker, Verbesserung der
Lebensbedingungen und damit am
Ende Friedenssicherung.
Das erkannt zu haben, ist das große
Verdienst von Jakob von Uexküll, dem
Gründer des Preises. Er hat 1980 beim
Nobel-Komitee vorgesprochen und die
Vergabe des Nobelpreises in den zusätzlichen Kategorien „Umwelt“ und
„Armutsbekämpfung“ angeregt. Als
das Komitee ablehnte, nahm er den
finanziellen Beitrag, den er selbst ein-

bringen wollte, und gründete den
„Alternativen Nobelpreis“.
Die Erfolgsgeschichte liest sich so:
Seit 1980 wurden 162 Preisträger aus
67 Ländern ausgezeichnet. Auch wenn
sie in Deutschland häufig nicht bekannt sind – in ihren Ländern und ihren Arbeitsbereichen sind sie wichtige
Größen. Für sie bedeutet der heute mit
einer sechsstelligen Summe dotierte
Preis eine wertvolle Finanzspritze für
ihre Arbeit – und nur zweckgebunden
für Investitionen in ihre Arbeit können
sie das Geld verwenden. Er verschafft
den Preisträgern Öffentlichkeit, die sie
für ihre Projekte nutzen können. In der
Regel geht der höhere Bekanntheitsgrad auch mit einem gewissen Schutz
einher – denn viele setzen sich für ihr
Engagement der Gefahr von Bedrohung und Drangsalierung aus. Und auf
der anderen Seite motiviert die Geschichte der Preisträger auch andere
Menschen, sich einzusetzen. Der „Alternative Nobelpreis“ macht Vorbilder
sichtbar.
Ziel der Right Livelihood Award Stiftung ist es seit etlichen Jahren auch,
die Preisträger zu vernetzen und ihnen
die Möglichkeit zu geben, ihre bemerkenswerten Geschichten, ihre beeindruckende Persönlichkeit und ihre Art
zu handeln in die Welt zu tragen.
Ersteres geschieht über regelmäßige
Regionalkonferenzen auf den verschiedenen Kontinenten, letzteres
durch das Programm „RLA Colleges“.
Seit 2009 halten unsere Preisträger an
bestimmten Universitäten auf der
ganzen Welt Vorlesungen und Seminare, um der nachwachsenden Generation einen Lebensentwurf zu zeigen,
mit dem sie, aus der eigenen Persönlichkeit heraus geboren, die Welt verändern können.
In Indien, den USA, Chile, Nigeria,

Äthiopien, Schweden und Deutschland
sind bereits Colleges etabliert. Hierzulande ist das sogenannte RLC – das
Right Livelihood College – am Zentrum
für Entwicklungsforschung der Universität in Bonn angesiedelt. Die Studierenden und Austauschstudenten können die Arbeit der Preisträger und die
Preisträger selbst kennenlernen und zu
ihnen forschen. Es gibt die Möglichkeit,
Stipendien zu erlangen.
Bonn mag herausgehoben werden als
eine Stadt, die den „Alternativen Nobelpreis“ sehr offen und intensiv unterstützt, insbesondere in Person der
ehemaligen Oberbürgermeister Bärbel
Dieckmann und Jürgen Nimptsch. In
der Stadt am Rhein konnte die Stiftung beispielsweise ihr 30-jähriges
Bestehen feiern und einen Jugendkongress abhalten. Die vielen Preisträger
aus den verschiedenen Ländern der
Welt – sie alle haben in diesem Jahr
auch dazu beigetragen, dass Bonn
neben der UN-Stadt eine lebendige
Stadt war. Denn sind nicht Vielfalt,
Engagement und Zugewandheit das,
was eine Stadt und die Gesellschaft
lebendig werden lässt?

Zur Autorin:
Dr. Monika
Griefahn ist ehrenamtliche
Vorsitzende der
Right Livelihood
Award Stiftung.
Seit Mitte der
1980er Jahre arbeitete sie im
Vorstand und in
der Jury. Griefahn ist Mitbegründerin
von Greenpeace in Deutschland, war
Umweltministerin in Niedersachsen
und Bundestagsabgeordnete. Für die
Stiftung „Lebendige Stadt“ arbeitet sie
im Stiftungsrat mit.

29

VON MICHAEL BATZ

Was macht eigentlich ...?

Die Illumination der Speicherstadt

Foto: picture alliance

Eines der ersten von der Stiftung „Lebendige Stadt“
unterstützten Projekte war die künstlerische
Illumination der Speicherstadt in Hamburg.
Was ist aus dem im Jahre 2001 begonnenen
Prozess geworden – der Wiederentdeckung
eines ganzen Quartiers mit Licht?

Postkartenblick: das
„Wasserschlösschen“
in der illuminierten
Speicherstadt.

30

31

Fotos: picture alliance / Archiv „Stiftung „Lebendige Stadt“

Mit einem Barkassen-Korso
feierten die Hamburger im April
2001 die Einweihung der
Speicherstadt-Illumination.

F

ür die Denkmalpfleger war der
Lagerhauskomplex der Speicherstadt, zwischen Innenstadt und
Hafen gelegen, lange Zeit ein „dunkles
Tier“, ein kaum beleuchteter Bezirk
hinter dem Zollzaun. Das galt für das
urbane Bewusstsein, aber auch ganz
wortwörtlich für die alltägliche Wahrnehmung. Das war Ausland, da ging
man nur hin, wenn man dort zu tun
hatte. Mit dem Wegfall der Freizone
und damit der Zollschranken, der Öffnung zur Stadt zum Wasser hin und
der Entstehung der neuen HafenCity
hat sich dieser Zustand völlig geändert. Die Speicherstadt ist zu einem
offenen Stadtteil geworden.
Das erste Signal für diesen Wandel
ging freilich vom Licht aus, der subtilen Gestaltung des Backsteinmassivs
am Wasser mit zahlreichen Brücken
und variantenreichen Fassaden. Seinerzeit gab es für eine Quartiersgestaltung dieses Umfangs keine Referenz: Wie sollte man ein städtebauliches, denkmalgeschütztes Ensemble
mit einer Erstreckung von anderthalb
Kilometern so beschreiben, dass seine
Gesamtheit gewahrt blieb?

Die Lichtinszenierung
hebt dezent die
architektonischen
Details der historischen
Gebäude hervor.

32

Die Antwort auf diese Frage wurde bei
der Eröffnung im April 2001 sichtbar,
und die künstlerische Lichtsprache der
Speicherstadt, das behutsame Modellieren, wurde selbst zur Referenz, die
sich von Hamburg aus auf andere
Quartiere übertrug – beispielsweise
auf das Regierungsviertel in Berlin, auf
das Kaiviertel in Salzburg, die Innen-

stadt von Münster, den Marktplatz
von Schwäbisch Hall.
In Hamburg wurde durch das Gestaltungsmittel Licht gewissermaßen ein
alter Kontinent ganz neu erschlossen.
Mittlerweile gibt es kaum noch Reiseführer oder Stadtmagazine ohne Bilder des leuchtenden Quartiers an den
Fleeten, das sich mitten in einer lebendigen Umnutzung befindet. Die
Hamburger Hafen und Logistik AG,
HHLA, setzt dabei klug auf eine langfristig orientierte, hochwertige Entwicklung. Im Verhältnis zur
angrenzenden Lichtlandschaft der HafenCity, die
viel plakativer agiert,
hat sich die Speicherstadt gut behauptet,
ihre Glaubwürdigkeit
und ihren Charme bewahrt. In der Schnittstelle,
der durch den traditionellen
Kaffeehandel
weltberühmten
Straße „Am Sandtorkai“, wird das
Leuchtdichteniveau an die neuen
Nachbarn hier und da etwas angepasst.

für einen Teil der öffentlichen Beleuchtung – und damit für eine staatliche Leistung – gehalten wird, ist sie
Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements. Seit ihrer Entstehung damals
in der D-Mark-Zeit ist kein öffentliches Geld weder in die Anlage noch in
ihren Betrieb geflossen. Was dazu
führt, dass der Kontostand des Vereins
zuweilen auch im Lichtbild unmittelbar abzulesen ist ...
Eine große Hilfe ist seit einiger Zeit
der technologische Wechsel von konventionellen Leuchtmitteln
zur LED. Der Energieverbrauch war von Beginn
an vorbildlich, um nicht
zu sagen, ebenfalls Referenz. Weltweit wurde
kein anderes Quartier
mit weniger Strom dargestellt, als es in der Speicherstadt der Fall war. Dieser
Standard wird jetzt noch verbessert, und das bei höherer Einsatzund Lebensdauer der Applikationen.
Die Philips Licht GmbH, Partner der
ersten Stunde, unterstützt das Lichtprojekt Speicherstadt nach wie vor
großzügig und kompetent mit miniaturisierter Hardware, die eine noch
differenziertere Lichtbeschreibung
von Fassaden, Dächern und Gauben
ermöglicht. Besonders gut ablesbar
ist dies beim sogenannten Wasserschlösschen, dem allabendlichen
Treffpunkt zahlreicher Fotografen,
die diesen Postkartenblick immer
wieder gern einfangen.

Die
Speicherstadt
ist jetzt
Weltkulturerbe

Insgesamt getragen wird die Illumination der Speicherstadt bis heute von
einem Trägerverein, dem Verein „Licht
Kunst Speicherstadt e.V.“, der Mitgliedsbeiträge und Spenden für den
Strom sowie den Erhalt und die partielle Erweiterung des Leuchtensystems
verwendet. Man muss sich das vor
Augen halten: Obwohl die Illumination der Speicherstadt fast allgemein

Dass die Speicherstadt insgesamt kein
„dunkles Tier“ mehr ist, sondern in den
Fokus und die Aufmerksamkeit einer
internationalen Öffentlichkeit geraten
ist, zeigt die in diesem Jahr verliehene
Vergabe des Titels „Weltkulturerbe“,
verbunden mit der Eintragung in die
Liste der Unesco für besonders schützenswerte Bauwerke – diesmal keine
Kathedrale, kein Schloss, kein Kloster,
sondern ein Gewerbegebiet, voilà! Zusammen mit dem Kontorhausviertel
gleich nebenan ist die Speicherstadt
Hamburgs erstes Welterbe geworden.
Eine Tatsache, die sicherlich noch
mehr Besucher in die Stadt locken
wird. Und dann gibt es ja auch noch
die Elbphilharmonie, die 2017 eröffnet
wird. Diese Trilogie architektonischer
Highlights ist wirklich einzigartig.
Unter der Maßgabe, Best-PracticeModell mit Dauer und Langfristigkeit
zu sein, ist die Illumination der Speicherstadt nach wie vor Referenz. Zuweilen ist Kunst das beste Marketing.
Und ein Stadtmarketing, das auf Qualität und Identität setzt, statt auf
austauschbare Events, die überall
stattfinden, wird fast immer belohnt.
Zukünftig wird es darum gehen, die
Umstellung auf LED zu komplettieren,
auch mit Hilfe weiterer Partner wie
die Firma Selux oder das Unternehmen
Horst Busch. Die Speicherstadt gibt als
lebendiges, vielfach genutztes Quartier den Beweis, dass Licht, auf städtebaulicher Ebene richtig verstanden
und eingesetzt, eine gute, eine sehr
gute Investition ist.

33

Fotos: Dunja Wedam (2) / Tuul & Bruno Morandi (laif)

Grüne Hauptstadt Europas
2016: die slowenische
Hauptstadt Ljubljana.

Grünes Ljubljana
Ljubljana trägt in diesem Jahr den Titel „Grüne Hauptstadt Europas“.
Mit dieser prestigeträchtigen Auszeichnung würdigt die Europäische Kommission
die slowenische Hauptstadt für ihre konsequente Nachhaltigkeitsstrategie.

D

ie nachhaltige Entwicklung der
Stadt wurde 2007 mit der Vision
von Ljubljana 2025 angestoßen.
Seitdem sind über 1.600 Einzelprojekte
umgesetzt worden. Ein Umweltschutzprogramm, ein Mobilitätsplan, ein Energieaktionsplan und die Elekromobilitätsstrategie – dies alles hat die Lebensqualität für jeden einzelnen Bürger
verbesssert und Ljubljana zum ersten
grünen Leuchtturm in Mittel- und Südosteuropa werden lassen.
Eine der wichtigsten Säulen dieser
Strategie ist die Förderung einer nachhaltigen Mobilität. So wurde das alte
Stadtzentrum weitgehend vom motorisierten Verkehr befreit. In der Altstadt,

34

die mit Autos überfüllt war, haben jetzt
Fußgänger, Radfahrer und öffentliche
Verkehrsmittel Vorrang. So bieten beispielsweise die „Kavalir“-Elektrofahrzeuge eine kostenlose Beförderung.
Insgesamt wird der öffentliche Verkehr
immer benutzerfreundlicher weiterentwickelt: Alle Stadtbusse werden regelmäßig erneuert, Buslinien optimiert
und die Ankunftszeiten der Busse an
den Haltestellen in Echtzeit angezeigt.
Die Mehrzweck-Smart-City-Karte „Urbana“ erleichtert zudem Zahlungen für
viele Serviceleistungen, einschließlich
Fahrten mit Stadtbussen, Parken in öffentlichen Parkhäusern, die Nutzung
der Seilbahn zur Burg oder der Stadtbi-

bliothek. Karteninhaber können auch
ein Fahrrad im Bike-Sharing-System
„BicikeLJ“ mieten – es gibt 36 Stationen und 360 Fahrräder. Oder sie nutzen
das Park-and-Ride-System (P+R). Mit
derzeit fünf P+R-Parkplätzen, der Karte
„Urbana“, dem modernisierten öffentlichen Personennahverkehr, dem Fahrradsystem „BicikeLJ“ und vielen anderen Angeboten werden die Bürger dazu
animiert, verschiedene Transportmöglichkeiten zu kombinieren.
Ljubljana verfügt über viele grüne Winkel – bis hinein ins Stadtzentrum. Die
Ufer des Flusses Ljubljanica sind in den
vergangenen Jahren in attraktive öffentliche Räume umgewandelt worden.

Bestehende Brücken wurden modernisiert, zusätzlich entstanden neue Fußgängerbrücken. Auf jeden Einwohner
der Stadt kommen 542 Quadratmeter
öffentliche Grünflächen. Zahlreiche Industriebrachen wurden und werden in
attraktive Grünflächen verwandelt. So
baut die Stadt ihre ausgeprägte grüne
Identität immer weiter aus.
Auch das Trinkwasser in Ljubljana ist
ganz natürlich und von einwandfreier
Qualität – ohne eine zusätzliche technologische Behandlung. Dafür sorgt ein
Wasserquellen-Schutzprogramm und
ein modernes Abwasseraufbereitungssystem. In den Frühlings- und Sommermonaten können die Einwohner und

Auf jeden Einwohner der Stadt kommen 542 Quadratmeter öffentliche Grünflächen.

Besucher das Wasser aus den öffentlichen Brunnen trinken. Das Wasser wird
regelmäßig kontrolliert. Insgesamt gibt
es in Ljubljana über 30 Brunnen. Mit
der App „Tap Water Ljubljana“ für
Smartphones kann jeder den nächstliegenden Brunnen finden.

„Kavalir“Elektrofahrzeuge
bieten eine kostenlose Beförderung.

Auch beim Abfall geht die Stadt mit
gutem Beispiel voran. So ist Ljubljana
die europäische Hauptstadt mit dem
größten Anteil von getrennt gesammeltem Abfall – 2014 waren es 63
Prozent. Außerdem verfolgt Ljubljana

als erste Hauptstadt der Europäischen
Union einen „Zero-Waste-Plan“.
Als grüne Hauptstadt Europas hofft
Ljubljana auf viele internationale Besucher. „Die Einwohner laden alle herzlich
ein, die Schätze der Stadt für sich zu
entdecken“, heißt es aus dem Rathaus.
Stolz seien die Einheimischen auf ihre
„schöne, saubere und grüne Stadt“. Die
Bewohner seien es, „die Ljubljana zu
einem gastfreundlichen, grünen und
gesunden Ort für heutige und zukünftige Generationen machen“.

35

Fotos: Verner Panton Design / picture alliance (3)

Lebendige Stadt

Das neue Fußball-Museum in Dortmund: Der 36-Millionen-Euro-Bau präsentiert auf etwa 7.000 Quadratmetern Fläche die Geschichte des deutschen Fußballs.

Rauminstallation von Verner Panton aus dem Jahr 1970: Die Ausstellung „Wie leben?“ im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen zeigt Konzepte aus Vergangenheit und Gegenwart.

Stadtnachrichten
Kongress 2016:
„Die Stadt als Marke“

Der nächste Kongress der Stiftung
„Lebendige Stadt“ findet am 15.
September 2016 in Düsseldorf statt.
Thema dort: „Die Stadt als Marke“.
Schauplatz der Veranstaltung ist das
Hyatt Regency im Medienhafen. Erwartet werden hochkarätige Fachreferenten aus Kommunen, Politik,
Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur,
die sich gemeinsam mit den Kongressteilnehmern aus ganz Europa
über Stadtmarketingkonzepte austauschen. Zu den Referenten gehören u. a. Garrelt Duin, Minister für
Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk in NRW,
Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel, der Architekt Christoph
Ingenhoven sowie Peter Pirck, Gesellschafter der Brandmeyer Markenberatung. „Zentrales Anliegen
unserer Konferenz sind der kommunale Know-how-Austausch und die
Präsentation von Best-Practice-Konzepten“, sagt Dr. Andreas Mattner,
Vorstandsvorsitzender der Stiftung
„Lebendige Stadt“. Nähere Programminformationen zum internationalen Stiftungskongress 2016 so-

36

wie die genauen Anmeldemodalitäten finden Sie in Kürze im Internet
unter www.lebendige-stadt.de.

Fußballmuseum
in Dortmund

Das deutsche Fußball-Museum in
Dortmund ist eröffnet. Der 36-Millionen-Euro-Bau gegenüber dem Hauptbahnhof präsentiert auf etwa 7.000
Quadratmetern Fläche die Geschichte
des deutschen Fußballs von der
Gründerzeit über die Nationalmannschaft bis zur Bundesliga. Die Stadt
Dortmund hatte im Rahmen der
Standortvergabe für das Fußballmuseum das Grundstück in zentraler
Innenstadtlage zur Verfügung gestellt. Der von HPP Architekten geplante Neubau fügt sich in prominenter Lage als Ergänzung der Kunstund Kulturmeile in das städtebauliche Umfeld ein.

Newsletter informiert
über Stiftungsthemen

Fachtagungen, Förderprojekte, Wettbewerbe – ein neuer, kostenfreier
Online-Newsletter informiert über
alles Wissenswerte rund um die Stiftung „Lebendige Stadt“. Interessierte

können sich für den neuen Service
schnell und bequem im Internet auf
der Stiftungs-Homepage anmelden:
www.lebendige-stadt.de.

Märchenhaftes rund um
die Brüder Grimm

In der neuen Grimmwelt in Kassel
können die Besucher Leben und Werk
der Brüder Grimm neu erleben: Wertvolle Originale, Film und Ton, künstlerische Werke, multimediale Beiträge und Mitmach-Angebote versprechen ein spannendes Erlebnis. Die
Präsentation rund um die Brüder
Grimm soll neben der documenta und
dem Unesco-Welterbe Bergpark Wilhelmshöhe zu einem weiteren international bedeutsamen Anziehungspunkt Kassels werden.

on, die bis Anfang 2017 dauern soll,
untersucht Fuchs gemeinsam mit
Wissenschaftlern, welche Folgen es
hat, dass der Mensch die Meere leer
fischt, dass er sie versauern lässt und
dort seinen Plastikmüll ablädt.
„Ocean Change“ gehört zu den aufwändigsten Expeditionen, die Fuchs
jemals geplant und organisiert hat.

Ludwigshafen:
Zukunftsbilder von gestern

Seit jeher beschäftigen sich Menschen mit Konzepten und Visionen

zur Gestaltung der Welt von morgen: Wie wollen wir leben? Wie
wollen wir wohnen? Wie wollen wir
arbeiten? Insbesondere Künstler, Architekten und Wissenschaftler prägen mit ihren Zukunftsvisionen unsere Gesellschaft. Und doch ist unsere Gegenwart auch immer die Zukunft von gestern, denn manche
Ideen blieben Visionen, andere wurden realisiert. Die Ausstellung „Wie
leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto“ im WilhelmHack-Museum in Ludwigshafen prä-

sentiert bis zum 28. Februar 2016
Zukunftsentwürfe aus Kunst, Architektur und Design von der Russischen Avantgarde bis zu unserem
digitalen Zeitalter und zeichnet eine
vielseitige Geschichte der Zukunft.
Weitere Informationen im Internet:
www.wieleben-ludwigshafen.de.

Auszeichnung für
Alexander Otto

Alexander Otto ist für sein vorbildliches und nachhaltiges Engagement
für das Gemeinwesen vom „Business

Club Aachen Maastricht“ mit dem
Unternehmerpreis 2015 ausgezeichnet worden. Mit der Stiftung „Lebendige Stadt“, der „Alexander Otto
Sportstiftung“ und der „Dorit &
Alexander Otto Stiftung“ fördere Otto in erheblicher Weise die städtische Vielfalt, den Sport, die Wissenschaft und die medizinische Forschung. Alexander Otto sei Vorbild
und leiste Vorbildliches für die Allgemeinheit, so der Vorsitzende des
„Business Club Aachen Maastricht“,
Prof. Dr. Ulrich Daldrup.

Polarforscher Arved Fuchs
auf Antarktis-Expedition

„Ocean Change“ heißt die aktuelle
Expedition des Polarforschers Arved
Fuchs. Die Reise mit dem Segelschiff
„Dagmar Aaen“ begann am 5. August
2015 in Hamburg und führte den
62-Jährigen und seine Crew über die
Kapverden, Brasilien und Kap Hoorn
bis in die Antarktis. Auf der Expediti-

Die aktuelle Expedition des Polarforschers Arved Fuchs führt ihn und seine
Crew bis in die Antarktis.

Die Stadt als Marke: Der Medienhafen in Düsseldorf ist Schauplatz des Stiftungskongresses 2016.

37

Lebendige Stadt

Die Fuß-SelfieInstallation „My Feet“
von Erik Kessels:
Teil der Ausstellung
„Ego Update“ im NRWForum in Düsseldorf.

Sportvereine – Zukunftsfaktor der Stadtund Freiraumentwicklung

Christian Siegel ist stellvertretender Ressortleiter
Breitensport, Sporträume beim Deutschen
Olympischen Sportbund (DOSB).

Der gemeinwohlorientierte Sport
als Partner der Kommunen
Der gemeinwohlorientierte Sport ist
der größte Akteur des Dritten Sektors, dessen Bedeutung zunehmen
wird. Durch das flächendeckende System der rund 90.000 Sportvereine
leistet er angesichts eines beschleunigten sozialen Wandels mit seinen
vielfältigen Innovationspotenzialen
einen zentralen Beitrag zum Gemeinwohl in Deutschland. Die Sportvereine haben ihr Angebotsspektrum stark
ausgeweitet, ihre Leitbilder modernisiert und auf eine differenzierte Gesellschaft hin ausgerichtet, Qualifizierungskonzepte weiterentwickelt
und an vielen Stellen Instrumente des
Qualitätsmanagements eingeführt.
Sportvereine sind nicht nur Anbieter
von Sport, sondern der größte nichtstaatliche Bildungsanbieter. Das Angebotsspektrum der Sportvereine ist
vielfältig: Neben außerschulischer
Ganztagsbetreuung konzipieren sie
beispielsweise Angebote für Ältere
und Hochaltrige sowie für Familien
und bieten bundesweit über 18.000
qualitätsgesicherte Gesundheitssportangebote an. Hinzu kommen
differenzierte Angebote für Menschen mit Behinderung. Spezielle
Zielgruppenprogramme wenden sich
an Frauen und Mädchen sowie an
Menschen mit Migrationshinter-

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grund. Darüber hinaus engagiert sich
eine zunehmende Anzahl von Vereinen für den Natur-, Umwelt- und
Klimaschutz. Die deutschen Sportvereine erreichen wie keine andere Freiwilligenvereinigung in Deutschland
so viele Kinder und Jugendliche in
allen sozialen Gruppen.

ein mit Herz“ gibt der TSV Wandsetal
allen Gesellschaftsschichten die
Möglichkeit, aktiv am Sport teilzunehmen. Der gemeinsame Sport
übernimmt dabei eine Schlüsselfunktion für Inklusion und Integration
und sorgt für ein besseres Verstehen
und Zusammenleben.

Potenziale der Sportvereine für
Stadtentwicklung nutzen

Freiraumplanung –
Gesundheit – Sport

Sportvereine machen Kommunen zu
Orten mit hoher Lebensqualität und
wirken den Spaltungstendenzen in
den Städten entgegen. Vor diesem
Hintergrund verwundert es, dass die
Förderprogramme, Projekte und Interventionen von Stadtentwicklung
und Kommunalpolitik die deutschen
Sportvereine und ihre Potenziale
nicht umfassender berücksichtigen.
Häufig verliert sich bisher die Berücksichtigung des Sports in isolierten Einzelvorhaben. Stattdessen sollten Bund, Länder und Kommunen
sowie die nationale Stadtentwicklungspolitik die Strukturen des organisierten Sports systematischer nutzen. Die erfolgreiche Gestaltung der
Herausforderungen der Stadtentwicklung ist mit vielen kleinen dezentralen Fortschritten vorhandener
Akteure oftmals erfolgreicher und
nachhaltiger zu realisieren als ein
politisch gewünschtes „Leuchtturmprojekt“. Bund, Länder und Kommunen sollten die Sportvereine noch
umfassender in ihre politischen
Handlungsstrategien einbeziehen. So
sollten Sport und Sportstätten noch
umfassender in die Städtebauförderung integriert werden. Weitere Zukunftsfaktoren sind eine kreative und
stärker mit anderen politischen
Handlungsfeldern vernetzte kommunale Sportförderpolitik, die Überwindung einer stark „versäulten“ Kommunalverwaltung sowie eine thematisch breite und strategisch ausgerichtete Zusammenarbeit zwischen
kooperationsorientierten Sportvereinen und einem breiten kommunalen
Akteursspektrum.

Eine große Bedeutung von Grünflächen in den Kommunen liegt in der
Nutzung dieser Naturräume für Sport
und Bewegung und somit zugleich
für die Gesundheitsförderung. Der
Stellenwert einer gleichermaßen
sport- und präventionsfördernden
und somit mehrdimensionalen Freiraumentwicklung wird häufig unterschätzt. Auch und gerade bei der
Freiraum- und Stadtplanung benötigt
es neue Kooperationen zwischen
Sportexperten bzw. -vereinen, Gesundheitsexperten und Planern. Die
„gesunde Stadt“ ist in diesem Sinne
nur als interdisziplinäre Aufgabe, somit als Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen vieler Akteure und insbesondere unter Berücksichtigung
von Sport und Bewegung zu verstehen. Eine verdichtete und kooperationsarme Stadt macht bestenfalls
„nicht krank“ – sie bietet jedoch kein
gesundheitsförderndes Umfeld. Nur
eine sportgerechte Stadt kann also
eine gesundheitsfördernde Stadt
sein. Hierzu bedarf es neben der Bereitstellung von Sporträumen für den
Vereins-, Wettkampf- und Breitensport auch einer umfassenden Unterstützung von Sport und Bewegung im
Alltag.

Good-Practice-Beispiel: Im Rahmen
des „BeActive Grassroots Project
Awards“ zeichnete die EU-Kommission im Oktober 2015 den TSV Wandsetal (Hamburg) für sein Engagement
in den Bereichen Inklusion und Integration aus: Besonders auszeichnungswürdig erschien der EU das
Engagement für Flüchtlinge. Als „Ver-

Weiterführende
Informationen
In zahlreichen Fachpublikationen der
Stadtentwicklung und -planung wurden Aufsätze und Materialien veröffentlicht, die die Potenziale des
Sports für die Stadt- und Freiraumentwicklung verdeutlichen und für
eine stärkere Kooperation der entsprechenden Akteure werben sowie
Handlungsstrategien aufzeigen. Auf
der Homepage des Deutschen Olympischen Sportbundes wurde eine besondere Rubrik zu dieser Thematik
mit interessanten Materialien, Praxisbeispielen und Downloadmöglichkeiten eingerichtet: www.dosb.de/
stadtentwicklung

Fotos: Erik Kessels / DOSB

U

m die Lebensqualität in den
Kommunen zu sichern bzw.
auszubauen, ist angesichts
zahlreicher Herausforderungen eine
aktivere Stadtentwicklungspolitik
notwendig. Die klassischen Formen
der politischen Steuerung werden
hierfür zukünftig nicht mehr ausreichen. Staatliche Interventionen, die
ausschließlich auf die bekannten Instrumente und Akteure der Stadtentwicklung und der Städtebauförderung setzen, greifen häufig zu kurz.
Die „Nationale Stadtentwicklungspolitik“ des Bundes formuliert daher:
„Weder Staat und Politik noch Wirtschaft können die anstehenden gesellschaftlichen und urbanen Veränderungsprozesse in den Städten bewältigen. Ohne bürgerschaftliches
Engagement und private Initiativen
laufen öffentliche Projekte und Maßnahmen der Stadtentwicklung oft
genug leer.“ Daraus folgt: Stadtentwicklung in Deutschland benötigt
neue Partner!

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Stiftungspreis 2016
Die Stiftung „Lebendige Stadt“ ruft auf, sich für den Stiftungspreis 2016 zu bewerben.

Die integrierende Sportstadt
weltoffen – aktiv – interkulturell

Preiswürdig sind Projekte, die in vorbildlicher Weise die Integration von Flüchtlingen über den Sport fördern. Sie sol-

ein zusätzliches Betätigungsfeld geboten, der Austausch

len maßgeblich dazu beitragen, Menschen unterschiedlicher
Herkunft und Kultur friedlich zusammenzuführen und dabei

Integration gefördert werden. Projekte sollen sich durch

ihre Integration zu fördern. Gesucht werden Projekte die
in Kooperation mit einer Stadt, Verein oder in Vernetzung
mit einem anderen Akteur der Flüchtlingshilfe geplant und
angeboten werden. Durch den Sport soll den Flüchtlingen

zwischen Alt- und Neu-Bürger/innen intensiviert sowie
innovative Ansätze auszeichnen und so zur integrierenden
Sportstadt beitragen. Das Anliegen der Stiftung ist es, Bestpractice-Beispiele zu fördern, die für andere Vorbild sein
können. Der DOSB ist Kooperationspartner des diesjährigen
Stiftungspreises.

Die Bewerbungen sind bis zum 31. März zu senden an:
Stiftung „Lebendige Stadt“
Saseler Damm 39
22395 Hamburg

Weitere Informationen unter www.lebendige-stadt.de
        
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