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Schraid, Nachrichten über die Ströme des preufsischeu Staats. 3) Der Weichselstrom.
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bei der Fortbewegung so bedeutender Eismassen im
Frühjahre Stockungen entstehen und hierdurch das Wasser
hoch angespannt werden mufs, selbst bei mäfsigen
Zuflüssen, liegt auf der Hand. Stellt sich daher das
Eis bei hohem Wasserstande, ist der Eisstand von langer
Dauer und der niedrige Wasserstand während desselben
ein höherer, dann ist der Aufbruch des Eises
Gefahr drohend. Fehlt nur eine dieser Bedingungen,
dann ist ein im Allgemeinen glücklicher Eisgang zu
hoffen. Plötzlich strenger Frost während des Eisabganges
kann aber dennoch Gefahr bringende Eisversetzungen
zur Folge haben.
Die Wasserstände bei den Eisabgängen sind aber
keinesweges geeignet zur Beurtheilung der Frage: ob im
Laufe der Zeit in Folge der angeblichen Entwaldung
in Polen und der ausgeführten Meliorationen die Quantität
der Gewässer, welche der Weichsel innerhalb einer
gewissen Zeit zuströmt, gröfser geworden ist.
Es ist schon angeführt, dafs die Quellen der Weichsel
unter 49f Grad, die Mündungen derselben unter
54^ Grad nördlicher Breite liegen. Hieraus erklärt es
sich, dafs sehr häutig die Eismassen in den oberen Gegenden
an Festigkeit verlieren und der strömenden
Kraft des Wassers weichen, sehr häufig auch daselbst
die Schneemassen schmelzen und die Quellen lebendiger
fliefsen, ehe noch die Eismassen in den unteren Stromgegenden
in demselben Maafse zum Abgänge vorbereitet
sind. Es tritt hierzu das stärkere Gefälle, und daher
die gröfsere Geschwindigkeit und Kraft des Stromes in
den oberen Stromgegenden. Alle diese Umstände vereinigen
sich daher, ein Andrängen der Eismassen der
oberen auf die der unteren Stromgegenden, demnächst
in Folge des Widerstandes, welchen hier das kräftigere
Eis bietet, erhebliche Wasseransammlungen zu bewirken.
Bei dem endlichen Weichen der Eismassen aber entladen
sich jene Wasseransammlungen, in die unteren Gegenden
hinabstürzend und die hohen Fluthen gleichzeitig
mit dem Abgänge des Eises erzeugend, und zwar
um so höhere Wasserstände, je gröfser der Widerstand
ist, welchen hier die Eismassen bieten. Häufig aber
herrscht auch in den unteren Stromgegenden im Frühjahr
anhaltend eine höhere Temperatur als in den oberen.
Die Eismassen setzen sich dann hier früher in Bewegung
als dort, die nachfolgenden oberen Eismassen erleiden
in ihrem Laufe keine Verzögerungen, und die
Hochgewässer treten erst ein, nachdem der Strom vom
Eise frei ist. Bei solchen Verhältnissen mufs es in der
That unmöglich erscheinen, zu beurtheilen, ob die Gewässer
früher als sonst der Weichsel Zuströmen oder
nicht. Dennoch schöpft die allgemeine Stimme ihr Urtheil
aus solchen Vorgängen und erklärt sich für die
erstere Alternative, hauptsächlich gestützt auf die Wahrnehmungen
beim Eisabgange im Frühjahr 1855.
Die betreffende Tabelle A weist zwar nach, dafs seit
der Zeit von 1809 ab in dem Jahre 1855 der höchste I
bekannte Wasserstand stattgefunden hat. Wenn früher,
bis zum Jahre 1809 hinauf, so hohe Wasserstände nicht
eingetreten sind, so erklärt sich dies nicht allein aus
dem Umstande, dafs Ereignisse ähnlicher Art, wie im
Herbste 1854 beim Setzen des Eises zu den seltneren
Erscheinungen gehören, sondern auch, dafs die Deiche
früher eine weit geringere Höbe hatten und daher auch
bei Eisversetzungen und dadurch erzeugtem hohen Wasserstande
früher überflutheten und durchbrachen als jetzt,
der Wasserspiegel zwischen den Deichen also nicht eine
solche Höhe erreichen konnte, als im Jahr 1855.
Die stattgefundene Erhöhung der Deiche kann keinen
Vorwurf begründen, die Interessen der Niederung
fordern sie vielmehr gebieterisch; sie mufs so lange erfolgen,
bis vollständige Sicherheit für die Niederungen
erzielt ist. Dies Ziel kann und wird erreicht werden,
denn die Höhe der Wasserstände durch Eisversetzungen
haben ihre Grenze. Wo diese liegt, mufs die spätere
Zeit lehren, jetzt kann dieselbe nur vermuthet, aber
nicht im Voraus bestimmt werden.
Die fälschliche Behauptung, dafs die Gewässer
früher, und in gröfserer Menge als sonst, der Weichsel
Zuströmen, läfst eine noch weitere Prüfung zu. Wenn
die Behauptung richtig wäre, dann müfsten die Niederschläge
innerhalb des Weichselstrom-Gebietes auch im
Sommer, wo der freie Abflufs des Wassers im Strom
kein Hindernifs findet, von den angeblich entwaldeten,
also kahl gewordenen Oberflächen, sowie von den meliorirten
Terrains früher als sonst abfliefsen und das Bett
der Weichsel erreichen. Zur Verdunstung würde weniger
Zeit gestattet sein, es müfste also eine Zunahme
nicht nur in der Höhe der höchsten Sommerwasserstände,
sondern auch in der Wassermenge, welche der
Strom fuhrt, sich bemerkbar machen. Hieraus nur allein
ist es möglich, den Be.weis oder Gegenbeweis jener
mehrfach gedachten Behauptung zu führen.
Zur Führung des Gegenbeweises dienen die in der
Anlage sub C und D hinzugefügten beiden Tabellen.
Bei näherer Prüfung derselben ergiebt sich Folgendes:
1) Es waren die mittleren Wasserstände am bedeutendsten
im Jahr 1816 — 9,735 Fufs, im Jahr 1829
ä 9,52ö Fufs, im Jahr 1844 = 9,522 Fufs, im Jahr
1855 =; 9,781 Fufs;
2) die mittleren Wasserstände von 1847 bis 1856
geringer als von 1809 bis 1816, von 1817 bis 1826,
von 1837 bis 1846;
3) die höchsten Wasserstände bei freiem Abflufs
des Wassers von 1847 bis 1856 geringer als 1809 bis
1826, 1827 bis 1836, 1837 bis 1846;
4) die durchschnittlich höchsten Wasserstände von
1847 bis 1856,
a) im Monat Mai geringer als in den gleichen Monaten
1817 bis 1826, 1837 bis 1846, fast gleich
mit 1809 bis 1816;
Zeittrbr. f. Bauwesen. Jabrg. VIII.
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