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Volume H. (2)

Full text : Zeitschrift für Bauwesen (Public Domain) Ausgabe VIII.1858 (Public Domain)

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Schraid,  Nachrichten  über  die  Ströme  des  preufsischeu  Staats.  3)  Der  Weichselstrom.

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bei  der  Fortbewegung  so  bedeutender  Eismassen  im
Frühjahre  Stockungen  entstehen  und  hierdurch  das  Wasser ­
  hoch  angespannt  werden  mufs,  selbst  bei  mäfsigen
Zuflüssen,  liegt  auf  der  Hand.  Stellt  sich  daher  das
Eis  bei  hohem  Wasserstande,  ist  der  Eisstand  von  langer ­
  Dauer  und  der  niedrige  Wasserstand  während  desselben ­
  ein  höherer,  dann  ist  der  Aufbruch  des  Eises
Gefahr  drohend.  Fehlt  nur  eine  dieser  Bedingungen,
dann  ist  ein  im  Allgemeinen  glücklicher  Eisgang  zu
hoffen.  Plötzlich  strenger  Frost  während  des  Eisabganges
  kann  aber  dennoch  Gefahr  bringende  Eisversetzungen ­
  zur  Folge  haben.
Die  Wasserstände  bei  den  Eisabgängen  sind  aber
keinesweges  geeignet  zur  Beurtheilung  der  Frage:  ob  im
Laufe  der  Zeit  in  Folge  der  angeblichen  Entwaldung
in  Polen  und  der  ausgeführten  Meliorationen  die  Quantität ­
  der  Gewässer,  welche  der  Weichsel  innerhalb  einer
gewissen  Zeit  zuströmt,  gröfser  geworden  ist.
Es  ist  schon  angeführt,  dafs  die  Quellen  der  Weichsel ­
  unter  49f  Grad,  die  Mündungen  derselben  unter
54^  Grad  nördlicher  Breite  liegen.  Hieraus  erklärt  es
sich,  dafs  sehr  häutig  die  Eismassen  in  den  oberen  Gegenden ­
  an  Festigkeit  verlieren  und  der  strömenden
Kraft  des  Wassers  weichen,  sehr  häufig  auch  daselbst
die  Schneemassen  schmelzen  und  die  Quellen  lebendiger
fliefsen,  ehe  noch  die  Eismassen  in  den  unteren  Stromgegenden ­
  in  demselben  Maafse  zum  Abgänge  vorbereitet
sind.  Es  tritt  hierzu  das  stärkere  Gefälle,  und  daher
die  gröfsere  Geschwindigkeit  und  Kraft  des  Stromes  in
den  oberen  Stromgegenden.  Alle  diese  Umstände  vereinigen ­
  sich  daher,  ein  Andrängen  der  Eismassen  der
oberen  auf  die  der  unteren  Stromgegenden,  demnächst
in  Folge  des  Widerstandes,  welchen  hier  das  kräftigere
Eis  bietet,  erhebliche  Wasseransammlungen  zu  bewirken.
Bei  dem  endlichen  Weichen  der  Eismassen  aber  entladen ­
  sich  jene  Wasseransammlungen,  in  die  unteren  Gegenden ­
  hinabstürzend  und  die  hohen  Fluthen  gleichzeitig ­
  mit  dem  Abgänge  des  Eises  erzeugend,  und  zwar
um  so  höhere  Wasserstände,  je  gröfser  der  Widerstand
ist,  welchen  hier  die  Eismassen  bieten.  Häufig  aber
herrscht  auch  in  den  unteren  Stromgegenden  im  Frühjahr ­
  anhaltend  eine  höhere  Temperatur  als  in  den  oberen.
Die  Eismassen  setzen  sich  dann  hier  früher  in  Bewegung ­
  als  dort,  die  nachfolgenden  oberen  Eismassen  erleiden ­
  in  ihrem  Laufe  keine  Verzögerungen,  und  die
Hochgewässer  treten  erst  ein,  nachdem  der  Strom  vom
Eise  frei  ist.  Bei  solchen  Verhältnissen  mufs  es  in  der
That  unmöglich  erscheinen,  zu  beurtheilen,  ob  die  Gewässer ­
  früher  als  sonst  der  Weichsel  Zuströmen  oder
nicht.  Dennoch  schöpft  die  allgemeine  Stimme  ihr  Urtheil
  aus  solchen  Vorgängen  und  erklärt  sich  für  die
erstere  Alternative,  hauptsächlich  gestützt  auf  die  Wahrnehmungen ­
  beim  Eisabgange  im  Frühjahr  1855.
Die  betreffende  Tabelle  A  weist  zwar  nach,  dafs  seit
der  Zeit  von  1809  ab  in  dem  Jahre  1855  der  höchste  I

bekannte  Wasserstand  stattgefunden  hat.  Wenn  früher,
bis  zum  Jahre  1809  hinauf,  so  hohe  Wasserstände  nicht
eingetreten  sind,  so  erklärt  sich  dies  nicht  allein  aus
dem  Umstande,  dafs  Ereignisse  ähnlicher  Art,  wie  im
Herbste  1854  beim  Setzen  des  Eises  zu  den  seltneren
Erscheinungen  gehören,  sondern  auch,  dafs  die  Deiche
früher  eine  weit  geringere  Höbe  hatten  und  daher  auch
bei  Eisversetzungen  und  dadurch  erzeugtem  hohen  Wasserstande ­
  früher  überflutheten  und  durchbrachen  als  jetzt,
der  Wasserspiegel  zwischen  den  Deichen  also  nicht  eine
solche  Höhe  erreichen  konnte,  als  im  Jahr  1855.
Die  stattgefundene  Erhöhung  der  Deiche  kann  keinen ­
  Vorwurf  begründen,  die  Interessen  der  Niederung
fordern  sie  vielmehr  gebieterisch;  sie  mufs  so  lange  erfolgen, ­
  bis  vollständige  Sicherheit  für  die  Niederungen
erzielt  ist.  Dies  Ziel  kann  und  wird  erreicht  werden,
denn  die  Höhe  der  Wasserstände  durch  Eisversetzungen
haben  ihre  Grenze.  Wo  diese  liegt,  mufs  die  spätere
Zeit  lehren,  jetzt  kann  dieselbe  nur  vermuthet,  aber
nicht  im  Voraus  bestimmt  werden.
Die  fälschliche  Behauptung,  dafs  die  Gewässer
früher,  und  in  gröfserer  Menge  als  sonst,  der  Weichsel
Zuströmen,  läfst  eine  noch  weitere  Prüfung  zu.  Wenn
die  Behauptung  richtig  wäre,  dann  müfsten  die  Niederschläge ­
  innerhalb  des  Weichselstrom-Gebietes  auch  im
Sommer,  wo  der  freie  Abflufs  des  Wassers  im  Strom
kein  Hindernifs  findet,  von  den  angeblich  entwaldeten,
also  kahl  gewordenen  Oberflächen,  sowie  von  den  meliorirten
  Terrains  früher  als  sonst  abfliefsen  und  das  Bett
der  Weichsel  erreichen.  Zur  Verdunstung  würde  weniger ­
  Zeit  gestattet  sein,  es  müfste  also  eine  Zunahme
nicht  nur  in  der  Höhe  der  höchsten  Sommerwasserstände, ­
  sondern  auch  in  der  Wassermenge,  welche  der
Strom  fuhrt,  sich  bemerkbar  machen.  Hieraus  nur  allein
ist  es  möglich,  den  Be.weis  oder  Gegenbeweis  jener
mehrfach  gedachten  Behauptung  zu  führen.
Zur  Führung  des  Gegenbeweises  dienen  die  in  der
Anlage  sub  C  und  D  hinzugefügten  beiden  Tabellen.
Bei  näherer  Prüfung  derselben  ergiebt  sich  Folgendes:
1)  Es  waren  die  mittleren  Wasserstände  am  bedeutendsten ­
  im  Jahr  1816  —  9,735  Fufs,  im  Jahr  1829
ä  9,52ö  Fufs,  im  Jahr  1844  =  9,522  Fufs,  im  Jahr
1855  =;  9,781  Fufs;
2)  die  mittleren  Wasserstände  von  1847  bis  1856
geringer  als  von  1809  bis  1816,  von  1817  bis  1826,
von  1837  bis  1846;
3)  die  höchsten  Wasserstände  bei  freiem  Abflufs
des  Wassers  von  1847  bis  1856  geringer  als  1809  bis
1826,  1827  bis  1836,  1837  bis  1846;
4)  die  durchschnittlich  höchsten  Wasserstände  von
1847  bis  1856,
a)  im  Monat  Mai  geringer  als  in  den  gleichen  Monaten ­
  1817  bis  1826,  1837  bis  1846,  fast  gleich
mit  1809  bis  1816;

Zeittrbr.  f.  Bauwesen.  Jabrg.  VIII.

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