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Periodical volume

Full text: Newsletter Issue 43.2013

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Zentrum für Antisemitismusforschung
Nr. 43 NEWSLETTER Dezember 2013

Antisemitism in Europe Today: the Phenomena, the Conflicts
Konferenz 8./9. November 2013, Jüdisches Museum Berlin Ein Tagungsbericht von Patrick Siegele, Anne Frank Zentrum Berlin Am 75. Jahrestag der Judenpogrome vom 9. November 1938 luden das Jüdische Museum Berlin, die Stiftung „Erinnerung Verantwortung Zukunft“ (EVZ) und das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin zu einer internationalen Konferenz nach Berlin ein. Sie widmete sich aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus in Europa. Über zwei Tage konnten die über 100 Teilnehmenden fünfzehn Kurzvorträgen von ebenso vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus vierzehn europäischen Ländern folgen. In fünf thematischen Panels (Traditional Forms of Antisemitism in Europe; Antisemitism in the Context of Racism and Hostility towards other Minorities; New Antisemitism – Criticism of Israel or Antisemitism?; Anti-Judaism – Religion and anti-Jewish and pro-Israeli Reactions; Remembering the Holocaust and Antisemitism) stellten sie ihre neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus ihrer jeweiligen fachspezifischen Perspektive vor und zur Diskussion. Wie aktuell und brisant das Phänomen Antisemitismus ist, zeigt die aktuelle Studie der FRA (European Agency for Fundamental Rights), die am 8. November 2013 veröffentlicht wurde und auf die der Direktor der Stiftung EVZ, Martin Salm, in seiner Eröffnungsrede hinwies. Die Studie basiert auf Befragungen von knapp 6.000 Jüdinnen und Juden in acht Ländern. 66% der Befragten halten Antisemitismus für ein großes Problem in ihrem Land, und 76% meinen, die Situation habe sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Was ist überhaupt gemeint, wenn die Rede von Antisemitismus ist? Dieser Frage widmeten sich mehrere Referenten, u.a. auch Brian Klug, der die öffentliche Key Lecture hielt. Der britische Philosoph, der an der Universität Oxford lehrt, nahm die Zuhörer mit auf eine imaginäre Reise in einen Londoner Bus der Linie 73. Dieser fährt durch den multikulturellen Stadtteil Hackney, in dem auch die größte jüdisch-orthodoxe Community Londons lebt. Die Hauptfiguren von Klugs Gedankenexperiment sind die Busfahrerin Lucie, ein orthodoxer Rabbiner namens Cohen und die liberale Jüdin Goldstein. Anhand verschiedener Szenarien, die gemeinsam haben, dass Lucie den Rabbiner aus dem Bus wirft, macht Brian Klug klar, wie schwierig es mitunter sein kann, den antisemitischen Gehalt einer Tat eindeutig zu identifizieren. Was wissen wir über Lucie, um einschätzen zu können, ob sie Rabbi Cohen aus antisemitischen Motiven aus dem Bus wirft oder nur, weil der geraucht oder mit seinem Gesang die öffentliche Ordnung gestört hat? Welches Bild hat Lucie von dem „Juden“ Cohen und wie unterscheidet sich dieses vom Selbstbild des Rabbiners. Für Klug, der sich in seiner Rede immer wieder auf Wittgensteins Grundsatz bezieht, dass die Bedeutung eines Wortes erst mit dem Gebrauch in der Sprache entsteht, besteht der Kern des Antisemitismus darin, dass den

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Juden ihr Recht auf Selbstbestimmung genommen wurde. Das Wort „Jude“ wurde ihnen weggenommen, aus Juden wurden „Juden“ - also eine Vorstellung dessen, was und wie Juden sind. Imre Kertesz fasste das in einem Beitrag für den Guardian 2002 folgendermaßen zusammen: „In 1944, they put a yellow star on me, which in a symbolic sense is still there; to this day I have not been able to remove it. “ Wie nahe sich Antisemiten und Philosemiten darin sind, aus Juden „Juden“ zu machen, wurde auch in anderen Beiträgen der Konferenz klar. Am Beispiel des Rechtspopulisten Geert Wilders machte Evelien Gans, Professorin für jüdische Geschichte an der Universität Amsterdam, deutlich, wie über den Umweg des Philosemitismus Jüdinnen und Juden für eine anti-muslimische, fremdenfeindliche und rassistische Politik instrumentalisiert werden. Rechtspopulisten wie Wilders geht es nicht wirklich um die Belange der jüdischen Minderheit, sondern um das Bild von einem „guten Juden“, der in seiner Vorstellung gegen den Islam und auf keinen Fall links ist. Philosemitismus ist in diesem konkreten Fall nicht nur ein Spiegel des Antisemitismus, sondern „a friendship against which I have no defence“, wie es Saul van Messel formulierte. Dass es auch unter Linken Antisemiten gibt, ist nicht neu, wurde auf der Tagung aber aus spezifischer Länder-Sicht betrachtet. Peter Ullrich vom Zentrum für Antisemitismusforschung schreibt der Linken einerseits zwar einen Lernprozess über die Jahrzehnte zu, konstatiert andererseits aber immer noch eine Grauzone, die sich u.a. in der Wahl von Metaphern und Symbolen zeigen kann. Er sieht ein Problem in den doppelten Standards die Teile der Linken anwenden, wenn es um die Frage geht, inwiefern der Kampf gegen Rassismus antisemitisch sein kann und der Kampf gegen Antisemitismus rassistisch. David Feldmann ging auf die Linke in Großbritannien und ihr Verhältnis zum Antizionismus ein. Spannend an seinem Vortrag war, wie sich die britische Kolonialgeschichte auf die antisemitische Israel-Wahrnehmung auswirkt. Antizionismus wird in der britischen Linken meist mit Anti-Imperialismus gleichgesetzt. Am Rande leistete der britische Historiker und Leiter des Pears Institute for the Study of Antisemitism (Birbeck/London) in seinem Vortrag einen weiteren Beitrag zur Frage der Definition von Antisemitismus. Antisemitismus kann laut Feldmann aus drei Perspektiven betrachtet werden: aus der Sicht nichtbetroffener Beobachter und Antisemiten (EUMC Definition), aus der Sicht der Opfer und aus institutioneller Sicht. Im letztgenannten Fall geht es nicht um die individuellen Einstellungen und Wahrnehmungsmuster Einzelner sondern - wie beim institutionellen Rassismus - alleinig um die Resultate, die Outcomes. Eine Grundlage für die Analyse antisemitischer Erscheinungsformen bildet die empirische Forschung zu Einstellungsmustern in der Bevölkerung. Mehrere Referentinnen und Referenten stellten Umfrage-Ergebnisse aus ihren jeweiligen Ländern vor. So berichtete etwa der ungarische Soziologe András Kovács, wie in Zeiten des Wahlkampfs antisemitische Umfragewerte ansteigen. Während es zwischen 2001 und 2009 relativ hohe, aber konstante Werte in der Zustimmung antisemitischer Aussagen gab, gingen 2010 die Werte überproportional nach oben. Zusammengefasst teilten etwa 28% der ungarischen Bevölkerung antisemitische Einstellungen. Für Kovács ist dies Ergebnis rechtsextremer politischer Kampagnen. In der von ihm vorgestellten Studie hatten 2009 noch 17% keine Antwort gegeben, als ihnen antisemitische Aussagen zur Beantwortung vorlegt wurden. Innerhalb von nur einem Jahr sank dieser Wert auf 2%! Demgegenüber stiegen die Werte bei den extremen und moderaten antisemitischen Einstellungen auf je 22% an. Für Kovács zeigt diese Entwicklung nicht nur, dass es einen latenten Antisemitismus gibt, sondern auch, wie durch Aussagen von Politikern Antisemitismus salonfähig gemacht wird. Durch den Wahlkampf der rechtsextremen Partei Jobbik

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fühlten sich Teile der Bevölkerung bestätigt und legitimiert, sich selbst antisemitisch zu äußern. Die während der Konferenz präsentierten Umfragewerte zeigen aber auch, wie sehr wir es mit „verschiedenen Europas“ (different Europes) zu tun haben. Während wir in Schweden (Henrik Bachner; Lund Universität) mit einer spezifischen Form eines islamistischen Antisemitismus konfrontiert sind, der einen jüdischen Masterplan mit dem Ziel der Vernichtung des Islam propagiert, finden wir in Teilen Osteuropas eine besondere Form des Sekundären Antisemitismus, der im Kontext anti-sowjetischer, anti-bolschewistischer Argumentationen nach 1990 entstand. Am Beispiel Litauens machte dies Gintare Malinauskaite deutlich. Im Zuge des Nationbuilding-Prozesses gewann die Erinnerung an die Verbrechen an der baltischen Bevölkerung unter sowjetischer Besatzung, und speziell unter Stalin, immer stärker an Bedeutung. In diesem „Kampf um die europäische Erinnerung“ - der sich zwischen West-, Osteuropa und der Russischen Föderation abspielt - werden Jüdinnen und Juden oftmals zum Spielball der Auseinandersetzung. Dies kann in eine Opfer-Täter-Umkehr münden, wenn Jüdinnen und Juden eine besondere Verantwortung für Verbrechen des NKWD unterstellt oder wenn die jüdische Identität von litauischen Partisanen bewusst verschwiegen wird. Meist verbirgt sich dahinter Schuldabwehr, d.h. die fehlende Bereitschaft, sich mit der eigenen Verantwortung für die Verbrechen an den baltischen Jüdinnen und Juden kritisch auseinander zu setzen. Stefanie Schüler-Springorum warf zum Ende der Konferenz die Frage auf, ob die Suche nach einer „richtigen Definition“ des Antisemitismus manchmal nicht eher vom Problem ablenkt, als dieses zu lösen. Wie passen die Kontroversen über Termini und deren Bedeutung zur Realität der von Diskriminierung betroffenen Jüdinnen und Juden in Europa? Und welche Rolle spielt in diesem Kontext die Politik? Oder anders gesagt: inwiefern sehen wir uns mit einem Versagen des Rechtsstaates konfrontiert? Die Konferenz zeigte aber auch, welche Rolle die Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus spielen kann. Schüler-Springorum knüpft an Brian Klugs Forderung an, dass Wissenschaftler immer dann besonders präzise sein sollten, wenn Dinge in der öffentlichen Wahrnehmung vermischt werden. Jedes Phänomen in seinem spezifischen gesellschaftlichen, politischen oder nationalen Kontext hat seine Besonderheit und verdient seine Aufmerksamkeit. Konferenzen, wie die beschriebene, tragen aber auch dazu bei, dass diese einzelnen „Punkte“ - von Brian Klug „dots" genannt - in einem gesamtheitlichen Rahmen betrachtet und diskutiert werden und dass auch die Wissenschaft mithelfen kann, den gegenseitigen Respekt und die Akzeptanz kultureller Vielfalt zu fördern.

Forschungskolleg
Der Erste Weltkrieg und die Konflikte der europäischen Nachkriegsordnung (19141923) oder Die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa Im Sommer 2012 ist am Zentrum für Antisemitismusforschung unter Leitung von Professor Werner Bergmann und in Zusammenarbeit mit Professor Jörg Baberowski von der HumboldtUniversität sowie Professor Uwe Puschner von der Freien Universität, ein von der EinsteinStiftung finanziertes neues europäisches Doktorandenkolleg über die Radikalisierung des Antisemitismus im Europa des Ersten Weltkrieges und in den frühen Nachkriegskrisen eröffnet worden. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Professor Ulrich Wyrwa. Die Durchführung der einzelnen Dissertationsprojekte erfolgt in Abstimmung mit Kooperationspartnern aus den beteiligten Ländern.

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Die Projekte beziehen sich auf Ungarn, Rumänien, Polen, Belgien, Frankreich, Russland einschließlich der entstehenden Sowjetunion und Serbien/Jugoslawien. Zusätzlich zu den von der Einstein-Stiftung finanzierten Dissertationsvorhaben sind weitere von anderer Seite geförderte Projekte in das Kolleg eingebunden, so ein von der Heinrich Böll Stiftung gefördertes Projekt über Deutschland und eine im Rahmen eines Leo-Baeck-Fellowship entstehende deutschfranzösische vergleichende Dissertation, ferner zwei internationale Kooperationsprojekte: eine an der Universität Triest entstehende Dissertation über Italien sowie ein gemeinsam mit dem Centrum für Jüdische Studien der Universität Graz betreutes Promotionsvorhaben über Österreich. Der Erste Weltkrieg führte zu fundamentalen sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und mentalen Erschütterungen, und er bildete einen tiefen Einschnitt in der neueren europäischen Geschichte, ohne den weder die Entstehung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges noch der folgende Ost-West-Konflikt erklärt werden können. Der Krieg hatte nicht nur den Zusammenbruch des ‚alten’ Europas, sondern auch das Ende der globalen politischen und wirtschaftlichen Hegemonie Europas zur Folge, er war die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, er löste Konflikte aus, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Das neue Forschungskolleg geht der Frage nach, ob und wenn ja, inwiefern und in welchen Ländern die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges auch zu einer Radikalisierung des Antisemitismus, zu einer antisemitischen Durchdringung der Gesellschaften und zu einer neuen gewalttätigen antisemitischen Praxis geführt haben. In den neuen Studien soll gefragt werden, ob die Herausbildung des extremen Antisemitismus am Beginn des „Zeitalters der Extreme“ als ein europäisches Phänomen beschrieben werden muss. Das Kolleg wird auch Beiträge zu den Veranstaltungen zum 100. Jahrestag der Entfesselung des Ersten Weltkrieges leisten. Erstens wird es in Zusammenarbeit mit der Hebrew University Jerusalem eine Konferenz über die Erfahrungen von Juden in den verschiedenen europäischen Ländern während des Krieges geben, zweitens ist für 2015 in Berlin eine internationale Tagung über die Radikalisierung des Antisemitismus während des Krieges geplant und drittens ist in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der HumboldtUniversität in Moskau ein Workshop über das Motiv der „jüdischen Bolschewisten“ in den verschiedenen europäischen Ländern in Vorbereitung. In der „Judenfrage“ bündelten sich in zahlreichen Ländern zentrale politische Konflikte hinsichtlich der neuen staatlichen Ordnung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Diese Auseinandersetzungen betrafen vor allem in den Verliererstaaten sowohl die Frage der Schuld am verlorenen Krieg als auch die Konflikte um politische Neugestaltung, zumal diese in den Staaten vielfach mit revolutionären Umwälzungen verbunden waren, denen wiederum konterrevolutionäre, mit antisemitischer Gewalt hervortretende Bewegungen folgten. In Deutschland, Österreich und Ungarn wurde die neue staatliche Ordnung als „Judenrepublik“ diffamiert und bekämpft. Mit der Neuordnung Europas entstanden mit Polen, den baltischen Staaten, der Tschechoslowakei und Jugoslawien neue Staaten, in denen neben anderen nationalen Minoritäten zumeist auch große jüdische Minderheiten lebten. In zahlreichen Staaten sowie in den Ländern, die wie das Deutsche Reich, Österreich und Ungarn den Krieg und Teile ihres Staatsgebietes verloren hatten, war die Zwischenkriegszeit durch eine Schwäche der Demokratie, Verhärtung des Nationalismus und nationales Machtstreben gekenn-

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zeichnet. Dies führte zu zahlreichen Grenzkonflikten und inneren Nationalitätenkämpfen, wobei die in Osteuropa anteilsmäßig oft bedeutende jüdische Minderheit Ziel von Anfeindungen und Opfer von Übergriffen wurde. Die russische Oktoberrevolution ließ zudem in den bürgerlichen Schichten in allen Ländern Europas ein Bedrohungsgefühl wachsen. In dieser Situation fand Antisemitismus immer weiteren Anklang, und er wurde in den in vielen europäischen Ländern entstehenden faschistischen Bewegungen und autoritären Regime zum Mittel der Politik. In der Haltung zu Juden fanden mithin zentrale Krisenerscheinungen der europäischen Gesellschaften im Übergang vom Ersten Weltkrieg zur frühen Nachkriegsperiode ihren Ausdruck. Die nicht akzeptierte und unverstandene Niederlage des Krieges führte, zumal in Deutschland, zur Entstehung dessen, was Saul Friedländer als Erlösungsantisemitismus bezeichnet hat, jene Form von Antisemitismus, die im nationalsozialistischen Mord an den europäischen Juden kulminierte. Wenn der Holocaust zum „Kern eines europäischen Geschichtsbewusstseins“ und als „Fluchtpunkt einer transnationalen Erinnerung in Europa“ (Claus Leggewie) wird, so ist auch die historische Entwicklung des Antisemitismus von seiner Entstehung im 19. Jahrhundert über seine Radikalisierung im Ersten Weltkrieg sowie die Krise der Nachkriegsordnung unter komparativen Perspektiven zu untersuchen. Zu den, die Forschungen an dem Projekt leitenden Interessen gehört somit die nur aus europäisch-vergleichender Perspektive zu beantwortende Frage, worin die Besonderheiten des extremen deutschen Antisemitismus lagen.

Neue wissenschaftliche Mitarbeiterin
Dr. Dilek Güven Dilek Güven studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie an der Universität in Hannover. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Geschichte Südosteuropas/Osmanisch-türkische Geschichte, leitete sie das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt: „Nationalismus, sozialer Wandel und Minderheiten in der Türkei: Die anti-griechischen Ausschreitungen vom 6./7. September 1955.“ Zuletzt war sie als Dozentin an der Sabanci University in Istanbul mit den Schwerpunkten Osmanisch-türkische Geschichte, Minderheiten (Armenier, Juden und Griechen), Pogrome und Genozid tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Nationalismus, Migration, Genozidforschung und Minderheiten. Ihre Dissertation, „Nationalismus und Minderheiten: Die Ausschreitungen gegen die Christen und Juden der Türkei vom September 1955“ erschien 2012 im Oldenbourg Wissenschaftsverlag. Am Zentrum für Antisemitismusforschung wird sie vor allem die Themen Migration, Genozid und Antisemitismus bei Migranten bearbeiten. Im Wintersemester 2013/14 bietet sie das Seminar: „Migration und ihre Folgen in Deutschland: Vom Gastarbeiter zum Mitbürger“ an.

Neue Publikationen
Jahrbuch für Antisemitismusforschung 22
Die Beiträge des neuen Jahrbuchs für Antisemitismusforschung, das noch im Dezember erscheinen wird, bieten – von Breslau 1453 bis Entebbe 1976 – klassische biografische Ansätze, historiografiekritische Analysen bis hin zu Begriffsreflexionen. Peter Dinzelbacher unterzieht die hagiografischen Darstellungen des Hl. Johannes von Kapistran einer kritischen Re-Lektüre. Hans Peter Müller beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den „Lehr- und Gesellenjahren“ des Berufsantisemiten Alfred Roth. In seinem Beitrag zum Lemberger Pogrom vom

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Sommer 1941 geht es Grzegorz Rossoliński-Liebe um die Feststellung von Täterschaft überhaupt, die gerade in jenen polnischen Gebieten, die 1939/40 von der Sowjetunion besetzt wurden, bis heute politisch hochumstritten ist. Alexander Sedlmaier und Freia Anders analysieren die Aussagen zur berühmt-berüchtigten „Selektion“ jüdischer Geiseln durch deutsche Terroristen im entführten Flugzeug der El-Al in Entebbe für die Diskussionen um einen „linken“ Antisemitismus. Sie rekonstruieren das Geschehen im Flugzeug sowie dessen mediale wie historiografische Verarbeitung. Marc Grimm zeichnet die Gebrauchsgeschichte des schillernden Philosemitismus-Begriffs nach. Ein weiterer Schwerpunkt des Jahrbuchs war und ist traditionell die Geschichte und Nachgeschichte des Holocaust: An der Schnittstelle zwischen beidem steht der erste Themenschwerpunkt dieses Bandes – „Schuld – Sühne – Recht“ –, der eine Sektion auf dem Deutschen Historikertag 2012 dokumentiert. Vier Beiträge erörtern das Verhältnis von Rache und Recht, von Vorstellungen über Schuld und Buße um 1945/46 aus zeitgenössischer, aber durchaus gegensätzlicher Perspektive. Laura Jockusch und Elisabeth Gallas nehmen verschiedene jüdische Institutionen in den Blick: den Jüdischen Weltkongress und seine vergeblichen Bemühungen um eine Vertretung jüdischer Interessen bei den Nürnberger Prozessen sowie die „Jewish Cultural Reconstruction“, die organisierte Rettung des „Kulturerbes“ der zerstörten europäischen Gemeinden. Noch klarer als bei den Fragen nach Restitution und Recht scheinen sich deutsche und jüdische Vorstellungen beim Thema Rache und Buße zu spiegeln: Entgegen einem pauschalen Antisemitismusverdacht und der massiven deutschen Kriegspropaganda zum Trotz, so Ulrike Weckel in ihrer Analyse, hatten Angeklagte, Verteidiger und auch die deutsche Bevölkerung ein erstaunlich differenziertes Bild von den Motiven für die Nürnberger Prozesse. Die Gründe hierfür mögen sich vielleicht in der Zusammenschau mit Mark Rosemans Beitrag finden, der die allgegenwärtigen Fantasien über eine nun über sie kommende „jüdische Rache“ in der deutschen Bevölkerung dem eklatanten Ausbleiben solcher Rache gegenüberstellt. Den zweiten Schwerpunkt dieses Bandes bilden Beiträge aus der Reihe „Blickwinkel. Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft“, die, organisiert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und dem Fritz Bauer Institut sowie vom Zentrum für Antisemitismusforschung, durchgeführt wird. Ziel dieser vor allem an Multiplikatoren gerichteten Veranstaltungsreihe ist es, ein offenes Forum zu schaffen, auf dem Wissenschaftler und Praktiker die Potenziale unterschiedlicher pädagogischer Konzepte in der präventiven Bildungsarbeit diskutieren können. Die Bedeutung des „Bildungszugangs Gender“ wird in den Beiträgen von Astrid Messerschmid und Heike Radvan sowie zum „Bilsungsansatz Alltagskultur“ von Barbara Schäuble aus unterschiedlicher Perspektive, theoriegeleitet wie praxisbezogen beleuchtet. Aus dem Vorwort von Stefanie Schüler-Springorum

Handbuch des Antisemitismus Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart
Im 5. Band des Handbuchs des Antisemitismus behandeln mehr als 140 Autoren in 330 Artikeln Parteien und Vereine, staatliche Behörden und kirchliche Vereinigungen, Nichtregierungsorganisationen und informelle Gruppierungen, Institute, wissenschaftliche oder soziale Gesellschaften, in deren Programm oder Praxis Judenfeindschaft eine Rolle spielt. Ebenso sind Vereinigungen und Zusammenschlüsse, die sich die Bekämpfung des Antisemitismus zum Ziel gesetzt haben, in diesem Band zu finden. Judenfeindliche Gruppierungen waren (und sind teilweise noch) der Alldeutsche Verband, Antisemitenbund (Österreich) und die Antisemitenliga (Deutschland), die Partei Jobbik im gegenwärtigen Ungarn, der Ku Klux

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Klan in den USA, die Muslimbruderschaft, Noua Dreapta (Rumänien), die NPD, Ossewabrandwag (Südafrika), Radio Maryja (Polen) und die Schweizerische Christenwehr. Neben den ideologisch eindeutig festgelegten Organisationen finden sich auch judenfeindliche Bezüge im Alpenverein, in der Naturschutzbewegung, in der Tierschutzbewegung und in religiösen Vereinigungen wie Opus Dei oder der Priesterbruderschaft Pius X. Beispiele für Institutionen, die sich die Bekämpfung des Antisemitismus zum Ziel setzten oder sich mit dessen Auswirkungen befassen, sind der Abwehr-Verein, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Jewish Agency, der Paulus-Bund, oder der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Band 5: Organisationen, Institutionen, Bewegungen, hrsg. v. Wolfgang Benz, in Zusammenarbeit mit Werner Bergmann, Johannes Heil, Juliane Wetzel, Ulrich Wyrwa, Redaktion Brigitte Mihok, Berlin 2012 (Verlag de Gruyter, € 199,95) Der 6. Band des Handbuchs bietet Informationen über Verlage, Zeitungen und Zeitschriften sowie über zahlreiche Traktate, Aufsätze und Bücher, die in der Geschichte der Judenfeindschaft seit den Flugschriften des 15./16. Jahrhunderts und in der Gegenwart eine Rolle spielen. Insgesamt 450 Artikel, verfasst von 150 Experten zur antisemitischen Publizistik in Geschichte und Gegenwart sowie ihrer Abwehr, machen den Band zum unverzichtbaren Kompendium. Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Band 6: Publikationen, hrsg. v. Wolfgang Benz, in Zusammenarbeit mit Werner Bergmann, Johannes Heil, Juliane Wetzel, Ulrich Wyrwa, Redaktion Brigitte Mihok, Berlin 2013 (Verlag de Gruyter, € 199,95) Vorstellung des Handbuches Band 6 am 17. Dezember 2013, 18:00-20:00 Uhr Eröffnung und Begrüßung: Gerhard Sauer, stellvertretender Leiter der Landesvertretung/Projektkoordination Dr. Sven Fund, Geschäftsführer De Gruyter Einführung: Prof. Dr. Wolfgang Benz Gastvortrag: Dr. Ehrhart Körting Ort: Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund, Hiroshimastraße 12 – 16, 10785 Berlin – Tiergarten

In der neuen Reihe „Studien zum Antisemitismus in Europa“ beim Metropol Verlag Berlin sind erschienen:
Bd. 2 Marija Vulesica Die Formierung des politischen Antisemitismus in den Kronländern Kroatien-Slawonien 1879–1906, Berlin 2012 Kroatien und Slawonien, Kronländer der Habsburgermonarchie, galten bisher als Region mit

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kaum ausgeprägtem Antisemitismus. Marija Vulesica zeigt, dass der Antisemitismus auch in die kroatische politische Kultur Eingang gefunden hatte. Insbesondere die oppositionellen Parteien, die sich gegen die deutsche und ungarische Vormachtstellung in Kroatien-Slawonien richteten, machten Juden als deren Handlager aus. Antisemitismus war jedoch nicht nur ein Symptom nationaler, sondern ebenso sozialer Konflikte. Indem sie vor allem Zeitungen der Opposition auswertet, arbeitet die Autorin die Wirkmacht der transnationalen antisemitischen Bewegungen innerhalb der Habsburgermonarchie heraus Bd. 3 Tim Buchen Antisemitismus in Galizien. Agitation, Gewalt und Politik gegen Juden in der Habsburgermonarchie um 1900, Berlin 2012 Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts veränderte sich mit den rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen der Diskurs der „jüdischen Frage“ auch im habsburgischen Kronland Galizien grundlegend. Klerikale und populistische Politiker traten als neue Akteure auf und propagierten die Abkehr von der Assimilation und Zivilisierung der Juden. Sie nahmen die christlichen Wähler in die Pflicht, Juden aus dem sozialen und ökonomischen Leben auszuschließen. Als im Sommer 1898 eine antijüdische Gewaltwelle das Land erschütterte, wurden die Ereignisse Teil antisemitischer Politik im Wiener Reichsrat. Die Studie geht dem Zusammenwirken von Agitation, Gewalt und Politik gegen Juden an der Peripherie der Donaumonarchie nach und zeigt in dichten Beschreibungen die Funktionen und Grenzen von Propaganda, Gerüchten und Massenmedien. Sie erklärt die Bedeutung von Antisemitismus für die Politik und das Zusammenleben von Christen und Juden am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Die Studie wurde ausgezeichnet mit dem Wissenschaftlichen Förderpreis des Botschafters der Republik Polen 2011 und dem Immanuel-Kant-Forschungspreis des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien 2012. Bd. 4 Klaus Richter Antisemitismus in Litauen. Christen, Juden und die „Emanzipation“ der Bauern (1889–1914), Berlin 2013 Während in anderen Regionen des Russischen Reiches im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert judenfeindliche Pogrome das Land erschütterten, blieben die Beziehungen von Christen und Juden in Litauen weitgehend friedlich. Zeitgleich entwickelten der sich formierende litauische Nationalismus und die katholischen Eliten Strategien zur Stärkung der Bauernschaft. Am Beispiel judenfeindlicher Gewalt und wirtschaftlicher Praxis der Bauern untersucht Klaus Richter die Auswirkungen dieser Strategien auf die alltäglichen Beziehungen zwischen der ländlich geprägten christlichen und der städtisch orientierten jüdischen Bevölkerung.

Reihe Antisemitismus. Geschichte und Strukturen, Klartext Verlag Essen
Günther Jikeli Antisemitismus und Diskriminierungswahrnehmungen junger Muslime in Europa. Ergebnisse einer Studie unter jungen muslimischen Männern, Essen 2012 (Bd. 7) Der Autor hat muslimische, männliche Jugendliche aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien zu ihren Diskriminierungserfahrungen, Identitäten und Einstellungen zu Juden

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befragt. Diskriminierungen werden in den Ländern unterschiedlich empfunden, wie sich auch die Identifikation als Deutscher, Franzose bzw. Brite unterscheidet. Die ablehnende Haltung gegenüber Juden ist hingegen länderübergreifend. Dazu gehören antisemitische Stereotype und Verschwörungstheorien, ein auf Israel bezogener Antisemitismus sowie negative Bilder von Juden und antisemitische Zuschreibungen, die mit der eigenen muslimischen oder ethnischen Identität begründet werden. Ausführlich erörtert Günther Jikeli in seinem Buch verschiedene Quellen und Einflussfaktoren. Zahlreiche Zitate aus Interviews mit über 100 Jugendlichen veranschaulichen, wie muslimische Jugendliche ihre antijüdischen Einstellungen selbst begründen. Der Autor ist bei seinen Recherchen aber auch auf muslimische Jugendliche gestoßen, die sich dem Antisemitismus explizit entgegenstellen und so beispielhaft verdeutlichen, wie der Judenfeindschaft begegnet werden kann.

Reihe Dokumente, Texte, Materialien Metropol Verlag Berlin
Kilian Bartikowski Der italienische Antisemitismus im Urteil des Nationalsozialismus 1933–1943 (Bd.77) Als Benito Mussolini 1938 in Italien antisemitische Gesetze erließ, sahen Zeitgenossen in ihnen entweder eine Kopie der „Nürnberger Gesetze“ oder interpretierten sie als Ergebnis außenpolitischen Zwangs. Diese Lesart war in der Nachkriegszeit noch lange präsent. Das Urteil des NS-Regimes über den Umgang des italienischen Bündnispartners mit Juden schwankte zwischen angemessen und zu milde. In den 1920er-Jahren war der Antisemitismus im faschistischen Italien noch latent. Dies änderte sich ab Mitte der 1930er-Jahre mit dem Erlass antisemitischer Gesetze und der Zunahme antisemitischer Ressentiments. In Berlin wurde diese Entwicklung begrüßt. Infolge der Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenpolitik und der im Zweiten Weltkrieg entstandenen Spannungen im Verhältnis zum italienischen Verbündeten werteten die Nationalsozialisten dessen Antisemitismus erneut als zu zurückhaltend. Der Nachkriegsmythos vom „guten Italiener“ lässt sich damit hingegen nicht belegen.

Die Technische Hochschule Berlin während des Nationalsozialismus
Der Prozess der Gleichschaltung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfasste bald auch die Technische Hochschule Berlin: Jüdische und politisch missliebige Wissenschaftler und Studierende wurden diskriminiert, aus dem Hochschulbetrieb ausgegrenzt und vertrieben, Promotionen verhindert, akademische Grade entzogen. Auch Zwangsarbeiter beschäftigte die TH. Die Nationalsozialisten nahmen den Menschen Ehre und Würde, zerstörten Pläne, Karrieren und Leben. Ziel der Publikation ist es, das Unrecht, das an der Technischen Hochschule Berlin im „Dritten Reich“ begangen wurde, darzulegen und die Erinnerung an die von Diskriminierung und Verfolgung Betroffenen wachzuhalten. Carina Baganz, Diskriminierung, Ausgrenzung, Vertreibung: Die Technische Hochschule Berlin während des Nationalsozialismus, Berlin 2013, Metropol Verlag

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Kooperationsveranstaltungen
In Kooperation mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und dem Fritz Bauer Institut hat das das Zentrum für Antisemitismusforschung seit 2011 unter dem Titel „Blickwinkel. Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft“ mehrere Tagungen durchgeführt. Begonnen wurde die Reihe in Berlin 2011 mit dem Titel „Bildungsraum - Lebenswelt", es folgten 2012 Frankfurt a.M. und Köln mit den Themen „Bildungsansatz Alltagskultur“ und „Bildungszugang Gender“ sowie Nürnberg 2013 zum Thema „Kontext Nahostkonflikt“. Die Reihe stieß auf reges Interesse, weil sie den Schnittpunkt zwischen Wissenschaft und Praxis im Fokus hat und für beide Seiten eine Bereicherung der Arbeit darstellt. Die Reihe wird fortgesetzt. Die Forschungen zum Thema Antisemitismus, aber auch zu Vorurteilen gegenüber anderen Minderheiten, können nur im interdisziplinären und internationalen Zusammenhang zu neuen Erkenntnissen führen, deshalb spielt das Zentrum für Antisemitismusforschung eine führende Rolle bei einer Reihe von Kooperationen mit Kollegen aus London, Tel Aviv, Haifa, Memphis, New Haven, Budapest, Maastricht und Berlin. Das Netzwerk „International Consortium for Research on Antisemitism and Racism“ (ICRAR) stellte seine Arbeit im Sommer 2013 auf dem World Congress for Jewish Studies in Jerusalem auf einem Panel mit dem Titel „Antisemitism: A Useful Category of Historical Analysis?“ vor; im Juni 2014 folgt eine weitere in Budapest zum Thema „Narratives of Violence“. Im Rahmen der Kooperation mit der Universität Haifa, dem Pears Institute for the Study of Antisemitism/Birbeck College in London, Nonna Meyer vom CNRS-CEE (Centre for European Studies), Sciences Po, Paris und Kollegen aus Madrid hat das ZfA im September 2013 in Berlin an der Technischen Universität einen Workshop zu „Multiculturalism in historical perspective: Germany in the 20th and 21st Century“ organisiert, der Theorie und Praxis zusammenbrachte. Wissenschaftliche Beiträge und Berichte aus der praktischen Erfahrung einer Reihe von NGOs, die im Bildungsbereich zum Thema arbeiten, ergänzten sich gegenseitig. Das ZfA ist darüber hinaus Partner des von der NWO (Niederländischen Wissenschafts-Organisation) geförderten internationalen Netzwerkes, „Research Network Gender in antiSemitism, (Neo-) Orientalism and Occidentalism. Die Kooperationspartner kamen im Juni 2013 in Maastricht zum ersten Workshop mit dem Thema „Gender, Sexual Nationalism, Antisemitism, and Orientalism in European Identity Discourses“ zusammen. Im nächsten Jahr folgt ein weiterer Workshop in Berlin zum Thema Homophobie: „The Homophobic Argument. Towards an Entangled History of European and Middle Eastern Identity Discourses on Gender and Sexuality”. Das ZfA ist zudem beteiligt am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS), einem Kooperationsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin, der Technischen Universität Berlin, der Universität Potsdam, des Abraham Geiger Kollegs und des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien. In diesem Kontext wird im Wintersemester 2014/15 eine öffentliche Ringvorlesung organisiert, die sich mit den „vergessenen Vergessenen“, jüdischen Armen und Unterschichten in der Moderne beschäftigt (Programm s.u.).

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Veranstaltungshinweise
Vortragsreihe „Antisemitismus in Europa 1879-1945“
In Kooperation mit der Stiftung Topographie des Terrors und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas veranstaltet das Zentrum für Antisemitismusforschung eine Vortragsreihe zum Thema „Antisemitismus in Europa 1879-1945“. Wie kam es zum Antisemitismus in Europa? Um diese Frage beantworten zu können, ist es vor allem nötig, die historischen Ursachen seiner Entstehung zu erkennen. Diese liegen in erster Linie in den fundamentalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts und den damit zusammenhängenden sozialpsychologischen Erschütterungen und mentalen Verwirrungen. Verunsicherte Zeitgenossen gaben vielfach den Juden die Schuld am Zusammenbruch der überlieferten Ordnung und am Wandel des gesellschaftlichen Lebens. Die verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkrieges (1914–1918) sowie die revolutionären Umbrüche in Mittel- und Osteuropa führten in weiten Teilen Europas zu einer Radikalisierung der Judenfeindschaft. In Deutschland hatten sie die Herausbildung des nationalsozialistischen Antisemitismus zur Folge. Der Begriff „Antisemitismus“ ist 1879 in Berlin geprägt worden. Unmittelbar darauf ging er in alle europäischen Sprachen ein. Die sich herausbildende neue Form von Judenfeindschaft – als soziale und politische Bewegung – wurde zu einem europäischen Phänomen. Wer vor diesem Hintergrund begreifen will, warum der Antisemitismus gerade in Deutschland zum Völkermord an den europäischen Juden führte, muss dessen Entwicklung mit anderen europäischen Ländern vergleichen. In der Vortragsreihe werden auf der Basis aktueller Studien die Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus in verschiedenen Teilen Europas in den Blick genommen. Die Reihe will zugleich einen Beitrag zu der Frage liefern, welche Bedeutung dem Holocaust und dem Antisemitismus für die europäische Geschichte und die historische Selbstverständigung des sich vereinigenden Europa zukommt. Veranstaltungsort: Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin-Kreuzberg Telefon 030 254509-0, www.topographie.de Programmvorschau Dienstag, 3. Dezember 2013, 19.00 Uhr „Katzenmusik“ und „Judenjagd“. Ausgrenzung und Ermordung der westgalizischen Juden in mikrohistorischer Perspektive Eröffnung der Vortragsreihe: Prof. Dr. Andreas Nachama (Berlin) Vortrag: Dr. Tim Buchen (Frankfurt/O.) Moderation: Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum (Berlin) Dienstag, 7. Januar 2014, 19.00 Uhr Antisemitismus zwischen Tschechen und Deutschen. Die Rolle des Antisemitismus in den böhmischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert Vortrag: Dr. Michal Frankl (Prag) Moderation: Prof. Dr. Werner Bergmann (Berlin)

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Dienstag, 11 . Februar 2014, 19.00 Uhr Juden und Jugoslawen: Unter Brüdern und Mördern (1879–1945) Vortrag: Dr. Marija Vulesica (Berlin) Moderation: Prof. Dr. Ulrich Wyrwa (Potsdam/Berlin) Dienstag, 18. März 2014, 19.00 Uhr Antisemitismus, Wirtschaft und judenfeindliche Gewalt in Litauen 1879–1945 Vortrag: Dr. Klaus Richter (Birmingham) Moderation: Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum (Berlin) Dienstag, 29. April 2014, 19.00 Uhr Wirtschaftlicher oder nationaler Antisemitismus? Die „Judenfrage“ in der Slowakei im 19. und 20. Jahrhundert Vortrag: Dr. Miloslav Szabó (Prag) Moderation: Prof. Dr. Werner Bergmann (Berlin) Dienstag, 10. Juni 201 4, 19.00 Uhr Judenverfolgung in Triest während Faschismus und Nationalsozialismus 1922–1 945 Vortrag: Dr. René Moehrle (Trier) Moderation: Prof. Dr. Ulrich Wyrwa (Potsdam/Berlin)

Ringvorlesung Wintersemester 2013/14
Zusammen mit dem Zentrum Jüdische Studien, der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltet das Zentrum für Antisemitismusforschung eine Ringvorlesung zum Thema „Die vergessenen Vergessenen. Juden als Verlierer der Moderne“. Die nächsten Termine: Donnerstag, 9.1.2014, 18:30-20:00 Uhr Monika Richarz (Berlin) Jüdische Mägde – Die weibliche Unterschicht der Juden zu Beginn der Moderne Donnerstag, 23.1.2014, 18:30-20:00 Uhr Stefanie Fischer (Berlin) Vergessene aber keine Verlierer: Jüdische Viehhändler zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ort: Hörsaal 2008, Humboldt-Universität zu Berlin, Dorotheenstr. 26, 10117 Berlin

Lebenszeugnisse im Literaturforum
„Eisenkinder“ Die stille Wut der Wendegeneration Sabine Rennefanz im Gespräch mit Wolfgang Benz „Uwe Mundlos war 16, als die Mauer fiel, nur wenig älter als ich. Wir sind in der DDR groß geworden. Wir gehören zu einer Generation, die während der Pubertät zwischen zwei Ländern hing. Wissenschaftler sprechen gar von der ‚verlorenen Generation‘. Ich begann alles

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über ihn zu lesen, was es gab. Doch das, was mich interessierte, stand nirgendwo. Hatte nicht auch ich Sehnsucht nach Radikalität, nach einfachen Wahrheiten gehabt wie Mundlos? Warum rutschte Mundlos ab, warum kam ich in der Bundesrepublik an? Was ist das für ein Land?“ Sabine Rennefanz, 1974 in Beeskow geboren und in Eisenhüttenstadt aufgewachsen, sollte zur sozialistischen Elite erzogen werden. Dann fiel die Mauer. Wenig später schloss sie sich einer radikalen christlichen Sekte an. In ihrem Buch unternimmt sie eine Reise in die Nachwendezeit, die sich bis heute spannt. „Eisenkinder“ erzählt von einer jungen Frau, die damals die Orientierung verlor und auffällig wurde für radikale Ideen. Sabine Rennefanz arbeitete als Journalistin in Hamburg und London, seit 2008 ist sie Redakteurin bei der „Berliner Zeitung“. Für ihre journalistischen Arbeiten erhielt sie 2010 den Theodor-Wolff-Preis, 2012 den Deutschen Reporterpreis. Zeit: Donnerstag, 23. Januar 2014, , 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin, U-Bahnhof Naturkundemuseum oder Oranienburger Tor

Mit anderen Augen Wolfgang Benz im Gespräch mit Peter Brandt Willy Brandt ältester Sohn Peter erinnert sich an seinen Vater als Politiker und Privatmann, der noch in den 1980er-Jahren eine der umstrittensten Persönlichkeiten in Deutschland war. Und er schreibt über das „liebevolle, aber nicht ganz einfache Verhältnis zweier sperriger Menschen“. Peter Brandt verbindet die familieninterne Sicht mit dem analytischen Blick des Historikers. So entstand im Jahr 2013, zum 100. Geburtstag von Willy Brandt, keine Biographie im herkömmlichen Sinne – sondern ein Essay, der Privates und Politisches gemeinsam deutet und bislang weniger bekannte Züge dieser Jahrhundertgestalt mit kritischer Zuneigung herausarbeitet. Peter Brandt, Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt, Bonn 2013 Zeit: Donnerstag, 27. Februar 2014, 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125, 10115 Berlin-Mitte, U-Bahnhof Naturkundemuseum oder Oranienburger Tor

IMPRESSUM Verantwortlich: Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum Redaktion: Dr. Juliane Wetzel Adresse: Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin Ernst-Reuter-Platz 7, 9. OG. D-10587 Berlin Tel: (030) 314-21397 bzw. (030) 314-23154
        
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