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Periodical volume

Full text: Newsletter Issue 37.2009

Zentrum für Antisemitismusforschung
Nr. 37 NEWSLETTER Januar 2009

Wissenschaft als Ärgernis
Eine Konferenz des Zentrums am 8. Dezember 2008 unter dem Titel ―Feindbild Muslim – Feindbild Jude―, in deren Mittelpunkt die wachsende Feindschaft gegen Muslime in Deutschland stand, erregte bereits im Vorfeld viele Gemüter. Zuvor waren einige Beiträge aus dem Zentrum zu diesem Thema im Jahrbuch für Antisemitismusforschung erschienen, die Emotionen bei denen auslösten, die zwischen Wissenschaft einerseits und politischer oder moralischer Kampagne andererseits nicht unterscheiden wollen. Auf der Bloggerszene wurde mit großer Wut (und weitgehend unter Verzicht auf Anstandsregeln) gekämpft. Viele, vielleicht die meisten Internet-Autoren, haben die inkriminierte Veranstaltung gar nicht besucht. Offensichtlich ging es nicht um den Austausch von Argumenten sondern um die Verteidigung manichäischer Weltbilder. Man muss die Bloggerei nicht so ernst nehmen, zumal der Zeitaufwand den Ertrag der Lektüre nicht rechtfertigt. Die seriösen Medien berichteten objektiv. Zwei israelische Zeitungen – die Jerusalem Post und Haaretz – haben allerdings Hasstiraden publiziert, die ebenso infame wie obskure Verdächtigungen gegenüber dem Zentrum für Antisemitismusforschung enthalten. Die Motive des Autors erklären sich aber wohl aus der Tatsache, dass es sich um einen ehemaligen Doktoranden des Zentrums handelt, den die Aufforderung einer Stiftung verdross, empfangene Stipendiengelder zurückzuzahlen, da er keine Leistung als Gegenwert der Förderung erkennen ließ. Dass die genannten Zeitungen die Verleumdungen druckten, hat auch Leser in Israel erstaunt. Dem hier anschließenden Tagungsbericht folgt in Kürze eine Dokumentation aller Vorträge und Kommentare unter dem Titel: Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ (Metropol Verlag Berlin, Februar 2009) BERICHT ZUR KONFERENZ In seiner Einführung zur wissenschaftlichen Konferenz über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit nahm Wolfgang Benz Stellung zu den Vorwürfen, die bereits im Vorfeld der Konferenz dem Zentrum für Antisemitismusforschung unterstellten, es würde Islamfeindlichkeit und Antisemitismus gleichsetzen. Benz wies darauf hin, dass es sich bei dieser Konferenz um eine erste Annäherung an das Thema handele, bei der die Inhalte im Vordergrund stünden und deshalb eine Auseinandersetzung um Begrifflichkeiten wie Islamophobie, Islamfeindschaft, Islamfeindlichkeit zunächst nicht weiterführten. Angelika Königseder beleuchtete in ihrem Vortrag „Feindbild Islam― die Problematik im Überblick und leitete in die Thematik ein. Die Forschung zur Islamfeindlichkeit, so Königseder, stecke noch in den Anfängen. Am Beispiel der Debatten um Kopftuch und repräsentative Moscheebauten in Deutschland zeigte die Referentin, dass diese Themen von Ängsten dominiert sind und einer sachlichen Auseinandersetzung entgegenstehen. Diese Ängste würden von den Medien noch zusätzlich geschürt und gefördert. Das „Feindbild Islam― finde sich nicht mehr nur bei

2 Rechtsextremen, sondern vermehrt auch in der Mitte der Gesellschaft und im linken Spektrum. Wobei dabei zunehmend nicht zwischen radikalen islamistischen Gruppierungen und dem Islam als Religion unterschieden werde. Sabine Schiffer, Sprachwissenschaftlerin und Medienpädagogin aus Erlangen kommentierte den Vortrag und stellte die Frage, wie es gelingen könne, Missstände zu benennen, ohne in die Feindbildfalle zu tappen? Wie wenig eigene Diskriminierungserfahrungen davor schützen, Ressentiments gegen andere Minderheiten zu hegen, wurde in dem Vortrag „Judenfeindschaft unter Muslimen in Europa― von Juliane Wetzel deutlich. Antisemitische Stereotype und Propaganda in verschiedenen europäischen Ländern werden auch von Migranten und deren Nachkommen artikuliert, die aus der arabischen Welt, aus Nord-Afrika oder der Türkei stammen. Dieser Antisemitismus, der in Teilen der muslimischen Bevölkerung Frankreichs, Großbritanniens, der Niederlande, aber auch in Deutschland auftrete, sei ein „islamisierter Antisemitismus―, der wenig religiöse Wurzeln habe, die Religion jedoch für politische Ziele missbrauche. Eine empirische Grundlage die belegen könnte, ob es sich dabei nur um Einzelfälle handelt oder ob tatsächlich eine höhere Disposition bei Menschen mit Migrationshintergrund besteht, fehle jedoch. Kommentiert wurde der Vortrag von Sergey Lagodinsky, Rechtswissenschaftler und Publizist aus Berlin, der auf die wichtige Auseinandersetzung um Begrifflichkeiten und die Forschungsdesiderate im Hinblick auf die Ressentiments bei Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund hinwies. Welches Ausmaß diese in den einzelnen Communities annehmen, bliebe jedoch offen. Jedoch könne selbst erlebte Diskriminierung dabei nie als Legitimation für eigene Ressentiments dienen. Yasemin Shooman veranschaulichte in ihrem Vortrag „Islamfeindschaft im World Wide Web― am Beispiel der Website „Politically Incorrect―, einem der größten deutschsprachigen islamfeindlichen Blogs, welche aggressiven und hasserfüllten Formen Islamfeindlichkeit in anonymen Internetforen annehmen kann und dass auch renommierte Autoren darin verstrickt sind. Nutzer solcher Internetangebote seien keine sozialen Außenseiter. Sondern sie radikalisieren lediglich einen Diskurs, der in der Mitte der Gesellschaft seinen Platz hat. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch wegen ihrer extrem hohen Zugriffszahlen, sollten solche islamfeindlichen Websites wie das Blog „Politically Incorrect― nicht als gesellschaftliche Randerscheinung marginalisiert werden. Iman Attia, Sozialwissenschaftlerin aus Berlin, wies in ihrem Kommentar ausdrücklich darauf hin, dass diese Formen der aggressiven und hasserfüllten Islamfeindlichkeit keineswegs nur auf das Internet begrenzt sind. So seien Muslime und als Muslime Markierte derartigen Äußerungen ohne jegliche Tabus, moralische Skrupel oder Schuldbewusstsein auch in anderen (seriösen) Medien und insgesamt in ihrem Alltag ausgesetzt. Als einen interessanten Aspekt für weitere Untersuchungen warf Frau Attia die Frage auf, ob in der Islamfeindlichkeit ein weiteres Ventil des durch moralisierende Tabuisierung unterdrückten Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft gesehen werden kann. Peter Widmann setze sich in seinem Vortrag „Rechte Dogmen für die Mitte. ‚Islamkritik’ als Ersatzkommunikation am Beispiel von H.-P. Raddatz― mit den Motiven und Methoden der „Islamkritik― auseinander. So propagiere Raddatz durch die Gleichsetzung des Islam mit radikalen Islamisten irrationale Verschwörungsmythen und Fremdenfeindlichkeit. Diese resultierten aus Bedrohungsängsten, die sich gegen die Idee der Toleranz als einer zentralen Kategorie der demokratischen Werteordnung ausweiten. Als Ersatzkommunikation präsentiere diese Art der „Islamkritik― somit hergebrachte Anschauungen der extrem Rechten als unverdächtige Meinungen. Der Düsseldorfer Islamwissenschaftler und Publizist Michael Kiefer machte in seinem Kommentar deutlich, dass er die Integration von unterschiedlichen Kultur- und Religionsgesellschaften als die zentrale Zukunftsaufgabe sieht. Für ihn sind die drei wesentlichen charakteristischen Merkmale des Antisemitismus Macht durch Verschwörung, Gemeinschaft vs. Gesellschaft und die Figur des Dritten. Demgegenüber findet sich seiner Meinung nach in den islamfeindlichen Darstellungen lediglich der Aspekt der Macht durch Verschwörung. Den Abschluss der Konferenz bildete eine Podiumsdiskussion mit Katajun Amirpur (Islamwissenschaftlerin und Autorin), Sergey Lagodinsky (Rechtswissenschaftler und Publizist), Claudia Dantschke (vom Zentrum Demokratische Kultur – ZDK) und Wolfgang Benz. Alfred

3 Eichhorn vom rbb-Inforadio moderierte die Podiumsdiskussion, die für die Sendung „FORUM – die Debatte― vom Inforadio des rbb aufgezeichnet und am Sonntag, dem 14. Dezember 2008 im Inforadio des rbb ausgestrahlt wurde. Dabei wiesen die Teilnehmer der Podiumsdiskussion nochmals ausdrücklich darauf hin, dass ein Vergleich von unterschiedlichen Phänomenen nicht das Gleichsetzen dieser bedeutet und dass Verstehen- und Nachvollziehenwollen nichts mit Verständnis und Akzeptanz zu tun hat. Am Ende wurde deutlich, dass es nicht nur einer intensiveren Auseinandersetzung um Begrifflichkeiten bedarf, um die Phänomene besser fassen zu können, sondern die Konferenz nur der Auftakt zu einer intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung der Themengebiete sein konnte. Die Vorträge von Angelika Königseder, Yasemin Shooman und Peter Widmann sind im Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17 (2008) veröffentlicht und können dort nachgelesen werden. Robert Müller

Was Sie im Jahrbuch sonst noch finden …
Ergänzend zu den Beiträgen über Islamfeindschaft setzen sich Sina Arnold und Günther Jikeli mit der Artikulation antisemitischer Ressentiments von Jugendlichen mit palästinensischem und libanesischem Migrationshintergrund in Berlin-Kreuzberg auseinander. Jochen Müllers Überlegungen zur pädagogischen Reaktion auf Israelhass und Antisemitismus deutscher Jugendlicher arabischer bzw. muslimischer Herkunft schließen unmittelbar an: Es müssen Wege gefunden werden, den Jugendlichen Perspektiven zu vermitteln, die ihnen aus der Isolation eindimensionaler Opferhaltung heraushelfen. Aufgabe der Antisemitismusforschung, die sich als Vorurteilsforschung begreift und Judenfeindschaft als erkenntnisleitendes Paradigma versteht, ist es, beide Phänomene in den Blick zu nehmen: Hass gegen die Juden und den Judenstaat, wie er von Muslimen artikuliert wird, und Hass gegen die Muslime, der sich der gleichen Methoden bedient, die vom christlichen Antijudaismus wie vom rassistischen Antisemitismus entwickelt wurden. Die traditionellen Forschungsfelder sind aber noch lange nicht erschöpft. Forschungs- und Diskussionsdesiderata zur Judenfeindschaft im ersten Staat Jugoslawien (1918-1941) zeigt Marija Vulesica in einem Beitrag, der den Mythos zerstört, Antisemitismus sei auf dem Balkan in der Zwischenkriegszeit allenfalls eine marginale Erscheinung gewesen. Die Gewalt gegen Juden in der Staatsgründungsphase Jugoslawiens ist ebenso vergessen wie die Verweigerung des Bürgerrechts und die in den Medien gepflegten Ressentiments gegen Juden, schließlich die Vertreibungen, die in einzelnen Regionen geschahen. Miriam Bistrović untersucht die mediale Präsenz von Juden und Israelfeindschaft in Japan. Motive und Funktion des Antisemitismus in einem Land ohne Juden erklären viel über das Wesen des Vorurteils. Ohne eigene historische Tradition der Ressentiments gegen Juden lassen sie sich doch in vielen Zusammenhängen instrumentalisieren, als antiamerikanische oder antiglobalistische Metapher gebrauchen und zum Beispiel als Erklärungspotential für ökonomische Probleme nutzen. Drei Beiträge sind Problemen der Zeit des Nationalsozialismus und ihren Folgen gewidmet. Am Beispiel einer Berliner Baugenossenschaft zeigt Klaus Bernet, wie sich Organisationen ab 1933 gleichschalten ließen, wie nationalsozialistische Ideologie und Antisemitismus in unpolitische Räume eindrangen. Sara Berger demonstriert die Verteidigungsstrategie eines NS-Täters, des SSSturmbannführers Friedrich Boßhammer. Er hatte als „Judenberater― eine wichtige Rolle bei der Deportation der italienischen Juden gespielt. Im Mittelpunkt des Beitrags von Nina Bschorr stehen die Probleme des Studienalltags der in München von Februar 1946 bis Mai 1947 im Haus des Deutschen Museums betriebenen Universität für Displaced Persons unter dem Dach der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA).

4 Antisemitische Klassiker des 19. Jahrhunderts, der Reichstagsabgeordnete Ahlwardt und der Koloniegründer Bernhard Förster, stehen im Mittelpunkt zweier Beiträge von Daniela Kraus und Thomas Gondermann. Wie geht man mit Kunstwerken um, die Antisemitismus und Rassismus als unterschwellige Botschaft vermitteln? Isabel Enzenbach exemplifiziert das Problem an den Illustrationen zum Märchen „Kalif Storch―, mit denen eine Edition des Aufbau Verlages geziert ist. Kein Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hatte ein distanzierteres Verhältnis zu Israel als Helmut Schmidt. Shlomo Shafir betrachtet, auch als Beitrag zum 60. Jahrestag der Gründung Israels, eine schwierige Periode des deutsch-israelischen Verhältnisses. Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17, Berlin 2008 (Metropol Verlag, € 21.-, im Abonnement € 16.-)

Einladung zum Lokaltermin: Das Visual History Archive der Shoah Foundation Das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin hat seit kurzer Zeit als zweite europäische Institution neben der Freien Universität Berlin einen elektronischen Zugang zum Archiv des "Shoah Foundation Institute for Visual History and Education― der University of Southern California (USC). Das Visual History Archive entstand durch eine Initiative des Regisseurs Steven Spielberg. Während der Dreharbeiten zu seinem Film „Schindlers Liste― im polnischen Krakau äußerten Holocaust-Überlebende den Wunsch, vor der Kamera über ihre Erinnerungen zu berichten. Spielberg initiierte die Shoah Foundation, die 1994 – 1999 mehr als 50 000 Interviews aufzeichnete. Am 10. Februar 2009 um 18 Uhr möchten wir Ihnen Gelegenheit geben, einen Eindruck von den Möglichkeiten des Visual History Archive zu gewinnen. Nach einer Einführung von Wolfgang Benz zum Thema „Wenn Zeitzeugen nicht mehr sprechen― erläutert Verena-Lucia Nägel (FU) das Visual History Archive und präsentiert ausgewählte Interviews.
Ort: Zentrum für Antisemitismusforschung TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin, Raum 811

„Gegen Antisemitismus“ Neue digitale Unterrichtsmaterialien Im Rahmen des Projekts „Fit Machen für Demokratie – Jugendliche setzen sich mit Antisemitismus auseinander― entstand die Unterrichtssoftware Gegen Antisemitismus. Das Projekt wurde vom Zentrum für Antisemitismusforschung, vom Landesinstitut für Schule und Medien, Berlin-Brandenburg und vom Berliner Büro des American Jewish Committee in den Jahren 2005 bis 2007 durchgeführt und von entimon, der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft― und dem Cornelsen Verlag gefördert. Die Software bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich mit dem Thema Antisemitismus auseinanderzusetzen. Jeder der acht Themenschwerpunkte beginnt mit einem drei- bis vierminütigen Einführungsfilm, der orientierenden Charakter hat und Leitfragen stellt, die in der „Werkstatt― bearbeitet werden können. Das erste Kapitel setzt sich mit der Frage auseinander „Was sind Vorurteile?― Weitere Stationen widmen sich den verschiedenen Formen und Motiven des Antisemitismus, die bis heute aktuell sind: die „Christliche Judenfeindschaft―, der „Rassenantisemitismus―, der „Antisemitismus im Nationalsozialismus― „Antisemitismus nach dem Holocaust― und der „islamisierte Antisemitismus―. Ergänzt wird dies durch die Bereiche „Jüdische Weltverschwörung― sowie „Handel und Wandel―, zwei antisemitische Stereotypenmuster, die heute einen besonders hohen Aktualitätswert haben.

5 In der „Werkstatt― werden zu allen acht Themen Aufgaben angeboten, die mit entsprechenden Materialien zu bearbeiten sind. Auch das Lernen „ohne Bildschirm― wird angeregt, indem viele Aufgaben auf die herkömmliche Art im Heft, auf dem ausgedruckten Arbeitsblatt und vor allem im gemeinsamen Gespräch gelöst werden können. Dazu gibt es Methodentipps, wie visuelle Medien bzw. Texte analysiert werden sollten. Ein umfangreiches Lexikon mit mehr als 200 Einträgen steht zur Verfügung. Der Einsatz der Unterrichtssoftware ist sowohl im Präsenz- wie im Projekt- und Freiarbeitsunterricht möglich. Sie soll Schüler zur Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus motivieren, ihnen einen Überblick über tradierte und neue Formen des Antisemitismus geben, ihren Blick für antijüdische Stereotype entwickeln bzw. schärfen helfen, sie ihre eigenen antisemitischen Ressentiments bewusst werden lassen, Kompetenzen entwickeln, antisemitische Darstellungen zu erkennen und zu dechiffrieren, sie befähigen, Texte auf ihren antisemitischen Gehalt hin zu analysieren. Die DVD leistet auch einen Beitrag zur Förderung der Medienkompetenz der Schüler; sie kann ab der 9. Klasse in den Unterrichtsfächern Geschichte, Politische Weltkunde (Politikwissenschaft), Deutsch, Ethik und Religion eingesetzt werden. Texte, Aufgabenstellungen sowie Bild-, Audio- und Videoauswahl wurden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin erarbeitet. Für den Inhalt verantwortlich ist das Zentrum für Antisemitismusforschung. Gegen Antisemitismus, DVD-ROM, Einzellizenz, Berlin 2008 (Cornelsen Verlag, € 29,95)

NEUERSCHEINUNGEN
Handbuch des Antisemitismus Über Judenfeindschaft als politisches, kulturelles, soziales und moralisches Problem wird auf vielen Ebenen diskutiert. Aber woher bezieht man Informationen und sicheres Wissen über das Problem der Judenfeindschaft und ihre vielfältigen Wirkungen? Ein fünfbändiges Handbuch versammelt das gesamte Wissen über Judenfeindschaft, ohne zeitliche und räumliche Begrenzung. Es reicht in die Antike zurück, widmet aktuellen Problemen Raum und behandelt Theorien ebenso wie Ereignisse und Personen. Der erste Band, der soeben erschienen ist, befasst sich mit Ländern und Regionen von Ägypten bis Weißrussland. Er führt die Erkenntnisse interdisziplinärer Forschung zusammen und bereitet sie auf. Für die Redaktion ist Brigitte Mihok, Politikwissenschaftlerin am ZfA verantwortlich. Sie koordinierte die insgesamt 65 international renommierten Autoren – vor allem Historiker, aber auch Soziologen, Politologen und Ethnologen, die in 85 Artikeln die Geschichte des Antisemitismus und die gegenwärtige Situation der Juden in den verschiedenen Ländern beschreiben. Sieben Karten zeigen Orte jüdischen Lebens und Leidens im 19. und 20. Jahrhundert. Der erste Band bietet überraschende Einblicke jenseits der bekannten Territorien, auf denen sich Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung abspielten. Ressentiments entwickelten sich auch in Ländern, wo man sie kaum vermutet hätte, wie in den Karibikstaaten Surinam, Jamaika oder Barbados. In Südamerika wurde die importierte religiöse Judenfeindschaft, der Antijudaismus, später durch Sympathien für Hitler-Deutschland geschürt. Der Iran, der in den letzten Jahren wegen der Israelfeindschaft und der den Holocaust leugnenden Aussagen seines Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad immer wieder Thema der Medien war, beherbergt die größte jüdische Gemeinde des Nahen Ostens: Während die jüdischen Minderheiten in Syrien, Irak, Marokko oder auch Algerien verschwanden, leben im Vielvölkerstaat Iran gegenwärtig rund 25 000 Juden. Auch spezielle regionale Probleme werden in eigenen Artikeln behandelt, wie etwa Siebenbürgen und Transnistrien, jener Region jenseits des Flusses Dnjestr, auf deren Gebiet unter rumänischer Verwaltung zwischen 1941 und 1944 mehr als 100 000 Juden ermordet wurden. Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Benz in Zusammenarbeit mit Werner Bergmann, Johannes Heil, Juliane Wetzel und Ul-

6 rich Wyrwa, Redaktion: Brigitte Mihok, Band 1: Länder und Regionen, München 2008 (K.G. Saur Verlag, Subskriptions-Preis gültig bis 31. Oktober 2009 € 79,95 / Ladenpreis € 99,95) Orte des Terrors Der achte Band der Reihe „Der Ort des Terrors― ist den Konzentrationslagern Riga, Warschau, Vaivara, Kauen (Kaunas) und Płaszów und den Vernichtungslagern Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór und Treblinka gewidmet. Nach der Auflösung der Ghettos und Vernichtungslager wurden zwischen Sommer 1943 und Januar 1944 in Riga (Lettland), Kaunas (Litauen), Vaivara (Estland) und Płaszów (Krakau/Polen) für die als arbeitsfähig eingestuften überlebenden Juden Konzentrationslager eingerichtet. Im KZ Warschau mussten Juden das beim Ghettoaufstand zerstörte Stadtviertel abreißen und einen Park anlegen. Die zwischen Ende 1941 und Sommer 1942 im besetzten Polen errichteten Vernichtungslager Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór und Treblinka unterstanden nicht der Zentralverwaltung der KZ, sondern dem Reichssicherheitshauptamt und den SS- und Polizeiführern. Der SS- und Polizeiführer von Lublin, Odilo Globocnik, befehligte im Auftrag Himmlers den Judenmord im Generalgouvernement („Aktion Reinhardt―). In den vier Vernichtungslagern wurden etwa zwei Millionen Juden durch Giftgas getötet. Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrsg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8: Riga-Kaiserwald, Warschau, Vaivara, Kauen (Kaunas), Płaszów, Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka, München 2008 (C.H. Beck, € 59,90) Das Konzentrationslager Dachau - Geschichte und Wirkung In dreißig Beiträgen renommierter Autoren werden die Entwicklung des KZ Dachau von der Gründung im März 1933 bis zur Befreiung durch die US-Army Ende April 1945 beschrieben und die Geschichte der Nachnutzung als Internierungs-, Kriegsgefangenen- und DP-Lager bis zur Errichtung der Gedenkstätte 1965 und ihrer Entwicklung bis zur Gegenwart dargestellt. Exemplarisch sind Täter und Opfer thematisiert, die Gesellschaft der Gefangenen steht im Mittelpunkt des Bandes: Kinder und Jugendliche als Häftlinge, Nationalitäten, »Aktionsjuden«, Zeugen Jehovas, »Asoziale« und »Berufsverbrecher«, Geistliche. Sieben Überlebende des Konzentrationslagers kommen mit autobiografischen Texten zu Wort. Der Band bietet auf dem aktuellen Stand der Forschung ein Kompendium aller Aspekte der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau vom frühen KZ bis zur meistbesuchten Gedenkstätte am Ort eines ehemaligen Konzentrationslagers. Wolfgang Benz, Angelika Königseder (Hrsg.), Das Konzentrationslager Dachau - Geschichte und Wirkung nationalsozialistischer Repression, Berlin 2008 (Metropol Verlag, € 24.-) Die Judenpolitik der japanischen Kriegsregierung Die Studie geht der Frage nach, ob es in Japan unter der Kriegsregierung eine offizielle Politik der „Judenfreundlichkeit― gegeben hat. Die Verfechter dieser These beziehen sich vor allem auf drei Argumente: die von Sugihara Chiune in Kaunas/Litauen an jüdische Flüchtlinge erteilten Visa (Juli/August 1940), den „projüdischen― Beschluss der Fünf-Minister-Konferenz (1938) und die Aufnahme von angeblich 20 bis 30 000 deutsch-jüdischen Flüchtlingen in der Mandschurei (März 1938). Martin Kaneko unterzieht diese Behauptungen einer quellenkritischen Analyse. Er kommt zu dem Ergebnis: Nicht nur die Medien und Teile der Öffentlichkeit, sondern auch Regierungsvertreter waren antisemitisch eingestellt, obwohl nur etwa 1000 Juden in Japan lebten.

7 Martin Kaneko, Die Judenpolitik der japanischen Kriegsregierung, Berlin 2008 (Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Band 70, € 19,-) Antisemit im deutschen Kaiserreich: Gustav Stille Gustav Stille (1845–1920), Mediziner und Schriftsteller, war einer der frühen Propheten und intellektuellen Vorkämpfer des Antisemitismus. Rasse und Lebensraum, Volkskraft und Weltpolitik bildeten die Axiome seines innen- und außenpolitischen Programms, mit dem er zentrale Ideologeme des Nationalsozialismus antizipierte. In seinem Buch „Der Kampf gegen das Judenthum―, das zwischen 1891 und 1912 acht Auflagen erzielte, forderte Stille nicht nur die Entfernung der Juden aus dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben Deutschlands, sondern auch deren existenzielle Vernichtung. Mit seiner Schrift „Volkskraft und Weltpolitik― (1897) propagierte er die Abkehr von der Kolonialpolitik, plädierte stattdessen für die Lebensraumerweiterung im Osten. Die Biografie Stilles wirft neues Licht auf die Entstehung und Reichweite des Rassenantisemitismus in Deutschland. Hans-Jürgen Döscher, „Kampf gegen das Judenthum“: Gustav Stille (1845–1920), Berlin 2008 (Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Band 71, € 19,-)

WOLFGANG SCHEFFLER † Wolfgang Scheffler, am 22. Juli 1929 in Leipzig geboren, 1950 als Student nach Westberlin geflohen, war einer der wichtigsten (in der Öffentlichkeit freilich weniger als in der Fachwelt wahrgenommenen) Gelehrten im Fach Zeitgeschichte. Man hat ihn, der mehr forschte als publizierte, als Nestor der deutschen Holocaustforschung bezeichnet, sein Ruf als akribischer Quellen suchender Historiker war auch und lange Zeit vor allem unter Juristen legendär. Dabei war er von der disziplinären Herkunft Politikwissenschaftler, der mit einer Arbeit über Parlamentarierdiäten bei Ernst Fraenkel an der Freien Universität Berlin promoviert hat. Wirkungsfeld Schefflers wurden ab Mitte der 60-er Jahre für zwei Jahrzehnte die Gerichte, die NS-Verbrechen zu ahnden versuchten. Als Sachverständiger begründete Scheffler die forensische Geschichtswissenschaft und vertrat sie lange Zeit ziemlich allein. Das ging auch nicht ohne Schmähungen abgefeimter Advokaten ab, die etwa seine Kompetenz anzweifelten mit dem elenden Argument, als Schüler eines jüdischen Professors sei er befangen und nicht brauchbar bei der Wahrheitsfindung über den Judenmord. Im Majdanek-Prozess und im Verfahren gegen Demjanjuk war er als Gutachter tätig. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes war Wolfgang Scheffler 1961 Beobachter des Eichmann-Prozesses in Jerusalem gewesen. Eine Honorarprofessur an der Freien Universität gab dem freiberuflichen Gerichtssachverständigen den notwendigen Status. 1983 erhielt er mit dem Ruf auf die C3-Professur am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin auch den notwendigen Wirkungskreis: Als akademischer Lehrer vermittelte er einem erlesenen Schülerkreis die Erkenntnisse seiner Arbeit und die Maßstäbe seiner unbestechlichen Weltsicht. Protestantische Ethik und methodische Sorgfalt verbanden sich in der Scheffler-Schule zum Gütesiegel absoluter Werktreue. Trotz der eigenen Zurückhaltung im Publizieren — die er sich durch das Streben nach Perfektion auferlegte — wurden mit den Arbeiten seiner Schüler Marksteine gesetzt: Quellensatte Studien seiner Doktoranden haben vielfach Neuland erschlossen. Die eigenen Aufsätze und Dokumentationen widmete Scheffler einer hochspezialisierten Täterforschung, die sich aus Empathie mit den Opfern speiste. Im Auftreten gravitätisch, die Herkunft sprachlich nicht verleugnend, war er von Naturell verbindlich und charmant, rhetorisch eindrucksvoll und streitbar, wenn es notwendig wurde —

8 wenn er etwa unlauteren Absichten oder leichtfertigem Umgang mit schwieriger Geschichte entgegentrat. Das hatte er vor Gericht gelernt. Ebenfalls der forensischen Periode seines Wirkens entsprang sein Plädoyer für die von der Justiz generierten Quellen der Zeitgeschichte. Prozessdokumente als historisches Material zu nutzen wurde er nicht müde zu fordern. Seine 2003 verstorbene zweite Gattin, Helge Grabitz, Oberstaatsanwältin in Hamburg und in dieser Eigenschaft ebenfalls NS-Expertin von hohen Graden, war ihm Mitstreiterin auch im Seminar, sie war 1994 auch Herausgeberin der Festschrift zu seinen Ehren mit dem bezeichnenden Titel „Die Normalität des Verbrechens―. Das publizierte Œvre Wolfgang Schefflers ist schmal aber wirkungsmächtig. Seine Broschüre über die Judenverfolgung im Dritten Reich, 1960 erstmals erschienen, war lange Zeit das einzige Kompendium seiner Art und erreichte riesige Auflagen. Zusammen mit Diana Schulle bearbeitete Wolfgang Scheffler zuletzt ein „Buch der Erinnerung― für die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden. Es erschien 2003. Bis zuletzt blieb Wolfgang Scheffler in der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz― engagiert. Am 18. November 2008 ist er im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben. Er hat der Holocaust-Forschung in Deutschland wesentliche Impulse gegeben.

IMPRESSUM Verantwortlich: Prof. Dr. Wolfgang Benz Redaktion: Dr. Juliane Wetzel Adresse: Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin Ernst-Reuter-Platz 7, 9. OG. D-10587 Berlin Tel: (030) 314-21397 bzw. (030) 314-23154 Fax: (030) 314-21136 http://www.tu-berlin.de/~zfa (http://zfa.kgw.tu-berlin.de/index.htm) e-mail: wetz0154@mailbox.TU-Berlin.de Abdruck gegen Belegexemplar
        
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