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Periodical volume

Full text: Newsletter Issue 28.2004

Zentrum für Antisemitismusforschung
Nr. 28 Dezember 2004 NEWSLETTER

Patriotismus, Leitkultur, der „Stolz, deutsch zu sein“
Mutmaßungen über Patriotismus, über die Notwendigkeit demonstrativer Vaterlandsliebe werden von Zeit zu Zeit als öffentliches Bedürfnis propagiert. Wenn die Geschlossenheit der eigenen Reihen ausgerufen, wenn Gemeinschaftsgefühl verlangt wird, zur Ablenkung von wirklichen Problemen, zur Bestätigung des Eigenen gegenüber Fremdem werden solche Diskussionen gebraucht. Sie sind immer mit Ausgrenzungen verbunden, ganz gleich, ob der Schlachtruf Leitkultur oder Patriotismus lautet. Im Frühjahr 2001 zog eine Debatte über das Land, in der öffentlich und in den Medien ausgelotet wurde, ob man stolz sein dürfe, Deutsche oder Deutscher zu sein oder ob man vielleicht sogar stolz sein müsse. Mit dem Eifer und der Erbitterung, die der wichtigen Sache angemessen schienen, sind die Positionen vertreten worden. Trotzig erklärten konservative Patrioten, die Zeit des Büßergewandes und des oktroyierten Gefühls der Kollektivschuld seien endlich vorbei, ebenso entschieden vertraten die Linken kosmopolitische Positionen, verdammten einmal mehr den Nationalstaat und die Idee des Nationalismus unter Verweis auf die Unglück bringende Steigerung chauvinistischen Selbstbewusstseins und seine Perversion im Nationalsozialismus. Und es gab neue Postulate wie das Argument, man dürfe die Diskussion um Nationalgefühl und nationale Identität nicht den Rechten überlassen, müsse vielmehr, um Schaden zu verhüten, aus liberaler, linker, sozialdemokratischer Disposition und Überzeugung heraus das Thema aufnehmen und den Raum besetzen, der seit der deutschen Vereinigung offenbar von manchen als Vakuum empfunden wird. Dass das Bekenntnis zur deutschen Nation als Emotion persönlichen Stolzes mit der partei- und machtpolitischen Besetzung durch Alldeutsche vor dem Ersten Weltkrieg, die vom Griff zur Weltmacht träumten, durch Rechtsradikale, Antisemiten, Völkische, die sich nach dem Ersten Weltkrieg um Hitler scharten, durch deutschnationale Revisionisten, die sich gegen den Versailler Vertrag und die europäische Ordnung aufbäumten und Revanche um jeden Preis wollten, durch den Nationalsozialismus schließlich, der Europa mit Krieg überzog, um alle zu unterwerfen und zu vernichten, die sich deutschem Wesen, deutscher Ordnung, deutscher Herrschaft nicht beugen wollten — dass das Bekenntnis zum deutschen Nationalstolz seine Unschuld verloren hatte, dessen sind sich viele nicht bewusst, die in der Debatte lautstark das Recht auf Selbstbewusstsein einfordern und energisch auf das Beispiel der Dänen mit ihrer Fahnenseligkeit, der Amerikaner mit ihrem naiven Glauben an die natürliche Überlegenheit des American way of life, der Polen mit ihrem hoch entwickelten Empfinden für nationale Würde und Tradition und aller anderen Völker verweisen. Mit dem Thema Nationalstolz werden kollektive Emotionen in Bewegung gesetzt. Politiker machen sich dies zunutze, bemühen Demoskopen und agieren im allfälligen Wahlkampf entsprechend, bedienen die Klaviatur patriotischer Leidenschaften und füllen die Hülse „Vaterland“ mit Bedeutung. Aber mit patriotischen Parolen lassen sich auch Überfremdungsängste schüren, lässt sich Stimmung gegen Asylbewerber machen, kann man Ausländer diskriminieren und Minderheiten zu Fremden machen, um sie auszugrenzen. Beweise für die historischen und politischen Probleme anzuführen, die den unbefangenen Umgang mit deutschem Nationalstolz schwierig machen, ist kein schwieriges Unterfangen. Die Debatte über Pat-

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riotismus, über den Stolz auf Herkunft und Vaterland ist vor allem eine Debatte über Symbole und Bilder, die sich ebenso naiv wie reflektiert führen lässt. Das eine ist gefährlich und dient vor allem politischer Stimmungsmache, das andere braucht Instrumentarium. Eine Publikation, hervorgegangen aus einer interdisziplinären Tagung, veranstaltet vom Zentrum für Antisemitismusforschung und dem Berliner Arbeitskreis für Beziehungsanalyse, bündelt historische, juristische, sozialwissenschaftliche und psychoanalytische Argumente zum Thema Nationalstolz. Das Buch erscheint im Februar 2005 im Metropol Verlag Berlin. Wolfgang Benz

NEUERSCHEINUNGEN
Jahrbuch für Antisemitismusforschung
Das Jahrbuch widmet sich in seinem dreizehnten Jahrgang historischen und aktuellen Aspekten des Antisemitismus in Europa und in Deutschland sowie neuen Aspekten der Exilforschung. Ergänzt wird dies durch Beiträge zur Politik des Zentralrats der Juden in Deutschland in den 50er und 60er Jahren und zur Shoah in der französischen Erinnerungskultur. Die Ende des 19. Jahrhunderts begonnene alldeutsch-völkische Propaganda besetzte, wie Johannes Leicht in seiner Untersuchung der Verbandspublizistik der Alldeutschen zeigt, nicht nur eine Position im Spektrum antimodernistischen Denkens, sie bereitete mit der Setzung von Stereotypen auch den Weg zum mörderischen Judenhass der Nationalsozialisten. Zur Tatsache, dass der Nationalsozialismus mit antisemitischer Propaganda vor anderen Bereichen der Gesellschaft Macht an den Universitäten gewann, lieferte Christian Saehrendts viele Beweise im Beitrag über den Antisemitismus und die politische Gewalt an der Berliner Universität zur Zeit der Weimarer Republik. Die Untersuchung über Einstellung und Verhalten der Geistlichkeit in der nordostpolnischen Diözese Łomża in den dreißiger Jahren liefert wichtige Einsichten zur autochtonen Judenfeindschaft, die unabhängig von deutscher Besatzungsherrschaft damals in Polen existierte. Wie Stereotypen Kulturkreise übergreifend eingesetzt werden und Wirkung entfalten zeigt der Beitrag von Hatice Bayraktar. Anhand von Darstellung über Juden, die zeitgleich zur nationalsozialistischen Herrschaft in türkischen Karikaturenzeitschriften erschienen sind, wird exemplifiziert, wie Bilder von Juden instrumentalisiert werden, um Einstellungen gegenüber der Minderheit zu steuern. Mariana Hausleitner beschreibt die Ausplünderung der jüdischen Deportierten in Rumänien und die Verwendung des jüdischen Eigentums durch eine Wohltätigkeitsorganisation, an deren Spitze Maria Antonescu, die Frau des rumänischen Diktators stand. Eine lange Zeit für nicht existent gehaltene antisemitische Komponente im italienischen Faschismus wird von Kilian Bartikowski im Werk Paolo Oranos nachgezeichnet. Reinhard Wittenberg und Manuela Schmidt schließlich interpretieren die verschiedenen Umfragen zum Antisemitismus der letzten Jahre, ihre Sekundäranalyse ist zugleich ein wichtiger Beitrag zur Methode dieses wichtigen Zweigs der Antisemitismusforschung. Wie gefährlich Filmkunst als gegenaufklärerische, Emotionen stimulierende Instanz sein kann, zeigt Johannes Heil in seiner Betrachtung des Films von Mel Gibson „Die Passion Christi“, in dem mit antisemitischen Stereotypen fundamentalistische und integralistische Leitbilder transportiert werden. Jahrbuch für Antisemitismusforschung 13, hrsg. von Wolfgang Benz, Berlin 2004 (Metropol Verlag, Euro 21.-; im Abonnement Euro 16.-)

Der Blick von Außen: Antisemitismusforschung in den Wissenschaften
Die antijüdische Politik der Nationalsozialisten und insbesondere der Völkermord an den europäischen Juden gaben den entscheidenden Anstoß für die Herausbildung einer modernen Antisemitismusforschung, an der angesichts der Heterogenität des Phänomens Antisemitismus eine Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen beteiligt ist. Namhafte Fachvertreter stellen die Forschungsgeschichte, den spezifischen methodischen Zugriff, den aktuellen Forschungsstand und die besonderen Probleme ihrer Disziplinen in der Erforschung des Antisemitismus vor. Vertreten sind Theologie und Religionsgeschichte, die Ge-

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schichtswissenschaft mit einigen ihrer Teildisziplinen wie der Medizin- und der Rechtsgeschichte, die Sozialwissenschaften, eine Reihe kulturwissenschaftlicher Fächer sowie die Sprach- und Literaturwissenschaft. Die Aufsätze des Bandes bilden damit die Vielfalt disziplinärer Zugangsweisen ab. Werner Bergmann/Mona Körte (Hrsg.), Antisemitismusforschung in den Wissenschaften, Berlin 2004 (Metropol Verlag, Euro 21.-)

Terror im Westen
Terror gegen die Zivilbevölkerung gehörte in elementarer Weise zur Technik der deutschen Besatzungspolitik in den Niederlanden, in Belgien und in Luxemburg. Er diente dazu, jeden Widerstand zu unterdrücken und sämtliche Ressourcen der Länder auszubeuten. Für die dort lebenden Juden bedeutete die Besatzung Verfolgung und Deportation zum Völkermord. Der vorliegende Band gibt einen Überblick über alle Lager, die die Nationalsozialisten in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg einrichteten. Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hrsg.), Terror im Westen. Nationalsozialistische Lager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940–1945, Berlin 2004 (Metropol Verlag Reihe Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945, Bd. 5, Euro 18.-)

Otto Glagau und der Antisemitismus im Kaiserreich
Eine der zentralen Figuren bei der Geburt des modernen deutschen Antisemitismus wurde von der historischen Forschung bisher vernachlässigt: der Berliner Publizist Otto Glagau. Das Wirken Glagaus und insbesondere die von ihm zwischen 1880 und 1888 herausgegebene Zeitschrift „Der Kulturkämpfer“ stehen im Zentrum der vorliegenden Arbeit. Dabei untersucht Daniela Weiland einerseits die Rolle Glagaus innerhalb der antisemitischen Bewegung in der Ära Bismarck. Andererseits analysiert sie die im „Kulturkämpfer“ vorgetragenen antisemitischen Stereotype und arbeitet daran den weltanschaulichen Charakter des modernen Antisemitismus am Beispiel eines seiner frühen Ideologen heraus. Daniela Weiland, Otto Glagau und "Der Kulturkämpfer". Zur Entstehung des modernen Antisemitismus im frühen Kaiserreich, Berlin 2004 (Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 53, Euro 19.-)

Israel und die Juden in Deutschland nach der Schoah
Die Frage, ob ein Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland nach der Schoah möglich oder gar wünschenswert sei, wurde unter Juden in allen Ländern kontrovers diskutiert. Für die Juden in Palästina/Israel war es schlicht unbegreiflich, dass Juden in Deutschland bleiben wollten. Von den ca. 200 000 Überlebenden, die in den Transitlagern der alliierten Besatzungsmächte aufgenommen wurden, warteten die meisten auf Ausreisemöglichkeiten. Andere fanden sich mit einem Verbleib in Deutschland ab und gehörten zu den Mitbegründern jüdischer Gemeinden. Tamara Anthony untersucht die Motive der Bleibenden und die Haltung der israelischen Regierung und Öffentlichkeit zum Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland in den Jahren 1945 bis 1952. Tamara Anthony, Ins Land der Väter oder der Täter? Israel und die Juden in Deutschland nach der Shoah, Berlin 2004 (Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 54, Euro 18.-)

Veranstaltungsreihe „Lebenszeugnisse“
Wolfgang Steinitz - ein jüdischer Intellektueller zwischen sozialistischer Utopie und Wirklichkeit Wolfgang Benz im Gespräch mit Annette Leo, der Biographin von Wolfgang Steinitz Zeit: 4. Januar 2005 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin

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Wolfgang Steinitz wurde 1905 als Sohn einer bürgerlichen jüdischen Familie in Breslau geboren. Gegen den Willen des Vaters, der ihn lieber in seiner Anwaltskanzlei beschäftigt hätte, nahm Steinitz in den zwanziger Jahren das Studium der Finnougristik und Volkskunde in Berlin auf und trat in die KPD ein. 1929-1931 arbeitete er für den sowjetischen Geheimdienst in Finnland und Estland. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er 1933 als Assistent am Ungarischen Institut der Berliner Universität entlassen und engagierte sich in einer kommunistischen Widerstandsgruppe. Ende 1934 emigrierte Steinitz in die Sowjetunion und erhielt in Leningrad eine Professur am Institut für Nordvölker. Bereits 1937, während der stalinistischen Säuberungen, wurde er wieder entlassen und abgeschoben. Bis Kriegsende lebte er im schwedischen Exil. Er verfasste ein Lehrbuch des Russischen, das ganzen Schülergenerationen im Nachkriegsdeutschland als Sprachgrundlage dienen sollte. Nachdem er 1946 nach Berlin zurückgekehrt war, widmete sich Steinitz voller Hoffnung und Enthusiasmus dem Aufbau eines neuen, sozialistischen Deutschlands. Er lehrte an der Humboldt Universität und beteiligte sich an der Neukonstituierung der Berliner Akademie der Wissenschaften, deren Vizepräsident er 1954 wurde. Nachdem es Ende der fünfziger Jahre mit Walter Ulbricht zu Auseinandersetzungen gekommen war, zog sich Steinitz resigniert aus der Politik zurück; er starb 1967 in Berlin. Annette Leo, Leben als Balance-Akt. Wolfgang Steinitz — Kommunist, Jude, Wissenschaftler. Berlin, Metropol Verlag 2005. Eine afrodeutsche Biographie im Dritten Reich und in der DDR Wolfgang Benz im Gespräch mit Gert Schramm und Nicola Lauré al-Samarai Zeit: 3. Februar 2005 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin Gert Schramm ist noch ein Kind, als die Herrschaft der Nationalsozialisten beginnt. Der gebürtige Erfurter wächst als Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen Stahlarbeiters in Witterda und Bad Langensalza auf. Als Fünfzehnjähriger wird er, nach einer Odyssee durch verschiedene Gestapo-Gefängnisse, im Mai 1943 ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, das er als jüngster deutscher und einziger schwarzer Häftling überlebt. Die ungewöhnliche Nachkriegsbiographie Schramms ist, anders als bei den meisten schwarzen Deutschen seiner Generation, eine ostdeutsche: unmittelbar nach Kriegsende ist er als Übersetzer für die sowjetischen Besatzungsbehörden tätig, arbeitet im Bergwerk der Wismut, wird Abteilungsleiter Kraftverkehr des Tiefbaukombinats in Eberswalde und gründet Mitte der achtziger Jahre ein Taxiunternehmen. Nicola Lauré al-Samarai promoviert am Zentrum für Antisemitismusforschung über schwarze Deutsche in der DDR, sie arbeitet an einem Zeitzeugenprojekt mit vor 1945 geborenen Afrodeutschen, in dessen Rahmen sie auch die Lebensgeschichte von Gert Schramm vorstellen wird. Verfolgt unterm Hakenkreuz und Sowjetstern Wolfgang Benz im Gespräch mit Jan Osers Zeit: 17. März 2005 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin Jan Osers, geboren 1921, wächst in einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Prag auf. Im April 1942 wird er aus Theresienstadt in das Ghetto Zamosc deportiert. Von dort kann er jedoch fliehen und gelangt unter wechselnden Identitäten als taubstummer Landstreicher schließlich nach Ungarn. Mangels gültiger Papiere wird Jan Osers wiederholt verhaftet und kommt ins Gefängnis. Nach dem Krieg kehrt er nach Prag zurück und beginnt dort eine journalistische Karriere. Seine Erfahrungen während der NS-Zeit lassen ihn zum überzeugten Kommunisten werden. In den sechziger Jahren gerät er in Konflikt mit der Partei, bekommt Berufsverbot und muss mehrere Jahre in einer Fabrik arbeiten. Nach dem Prager Frühling verlässt Jan Osers die Tschechoslowakei und emigriert nach Mannheim. Bis in die achtziger Jahre ist er dort als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität tätig.

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Jan Osers, Unter Hakenkreuz und Sowjetstern. Erlebnisse eines Verfolgten in zwei Diktaturen. Berlin, Metropol Verlag 2005.

Verbergen, überschreiben, zerreißen: Die Schicksale der Bücher
Konferenz am 14. und 15. Januar 2005 im Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin veranstaltet von Mona Körte, Zentrum für Antisemitismusforschung und Cornelia Ortlieb, Institut für Literaturwissenschaft, TU Berlin Nicht erst Jonathan Swift wusste, dass Bücher ebenso wie Menschen nur auf einem Weg zur Welt kommen, aber auf vielen Wegen aus ihr scheiden. Der Hass ebenso wie die Liebe zu Büchern entscheidet über den aktiven Umgang mit ihnen. Dabei ist das Lesen der Bücher oder allgemeiner: von gedruckten Texten die ihnen zugedachte, die "richtige", jedoch leicht zu irritierende Umgangsform mit Büchern. Seit es Bücher gibt, finden sich auch andere, das Lesen erübrigende, aggressivere "Alternativen" des Umgangs mit Büchern: von je her unterliegt deren Produktion und Rezeption verschiedenen Formen der Kontrolle und Disziplinierung. Neben möglichen Verfahren wie Verbergen, Abschaben, Zerreißen, Versenken und Begraben bedeutet das Bücher-Autodafé einen der Aufsehen erregendsten Angriffe gegen die Literatur. Obrigkeitsstaatliche Bücherstrafen und –vernichtungen sind Versuche, die vielfältigen Potenzen, die das Lesen verleiht, einzudämmen und zu ersticken. Pyromanen, Bücherdiebe und andere Sonderlinge sind im Umkreis der Schrift- und Buchkultur keine Seltenheit. Nicht zufällig ist die Frage des "richtigen" Umgangs mit Büchern seit dem Beginn der abendländischen Kulturgeschichte ein Thema der Literatur, der Bildenden Kunst und, in neuerer Zeit, anderer visueller Medien. In der Literatur werden Figuren oft über ihren Umgang mit Büchern charakterisiert, sie erheben sie zu Fetischen, verwenden und bearbeiten sie bis zur Unlesbarkeit, wüten gegen sie und sterben im Hader mit ihnen. Bloßes Sammeln wird ebenso wie die fehlende Ordnung der Bücher mit Attacken geahndet, der Brand der Bibliothek als Straffantasie. Hinter dem Angriff der Bücher verbirgt sich eine – und sei es noch so verquere – Wertschätzung des Buches wie umgekehrt gerade die sorgfältige Pflege des Buchkörpers ihre Missachtung signalisieren kann: Lukians eitler Hüter kostbarer Schriftrollen entlarvt sich gerade im Ölen, Polieren und Verzieren des Textträgers als "ungebildeter Büchernarr". Vom respektlosen Ge- oder Missbrauch der Bücher führt ein Weg zu ihrer allegorischen Belebung: Wie die Hexe muss das Buch Feuerproben und Spiegelstrafen überstehen, um seine Resistenz unter Beweis zu stellen. Wo Bücher ihre Widerstandskraft entfalten, steht das Kräfteverhältnis von Buch und Mensch auf dem Spiel. In der Moderne erhalten Buchattacken einen symptomatischen Wert: sie beschreiben Krisenphänomene (z.B. die Ablösung des Buches durch andere Medien). Der uneigentliche Gebrauch der Bücher ist vor allem im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit mit einem Aufforderungscharakter an die Bücher verbunden: Gerade weil Bücher sich als überschreibbar, brennbar, schneidbar, zerreißbar und auflösbar erweisen, wird ihr Wert jenseits ihrer Materialität deutlich, der sich oft schockartig erst im Moment ihrer Zerstörung offenbart.

Antisemitismus als Thema in Schule und Bildung
Die Entwicklungen der letzten vier Jahre haben gezeigt, welchen Mobilisierungseffekt der Nahost-Konflikt auf latente antisemitische Vorurteilsstrukturen hat. Solche aktuellen Formen des Antisemitismus werden jedoch häufig nicht als solche wahrgenommen, weil ihnen die rassistische Komponente fehlt, die als konstitutiv vorausgesetzt wird. Andere und subtilere Formen des antijüdischen Vorurteils werden häufig nicht als antisemitische Stereotypen akzeptiert, weil sie so nicht gelernt wurden. Die Fehlinterpretation des Antisemitismus als vornehmlich rassistischer Stereotypenkatalog verstellt den Blick für neue Konnotationen des immer alten Phänomens. Antisemitische Stereotypenmuster haben sich insofern grundlegend geändert, als an Stelle „der Juden“ der Zionismus und insbesondere Israel getreten sind. Der Begriff Jude wird durch Zionist ersetzt und eine weltweite zionistische Verschwörung herbeigeredet, der Rassenantisemitismus hingegen ist heute eher marginalisiert. Deshalb gilt heute um so mehr, dass Holocaust-Erziehung nicht als Präventivmaßnahme gegen Antisemitismus dienen kann, Holocaust-Erziehung

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in der heutigen Gesellschaft bedeutet aber für Lehrer, konfrontiert zu werden mit aktuellen antisemitischen Stereotypen, die ihnen im Unterricht über den Holocaust begegnen und auf die sie unzureichend vorbereitet sind. Nicht nur die Holocaust-Erziehung muss auf Veränderungen in der Gesellschaft reagieren, sondern es gilt auch das Thema Antisemitismus in seiner gesamten Bandbreite als Bestandteil der pädagogischen Arbeit zu implementieren. Das Zentrum für Antisemitismusforschung beteiligt sich deshalb zusammen mit pädagogischen Einrichtungen an der Entwicklung neuer Konzepte zum Thema Antisemitismus im Unterricht. Im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz hat Dr. Johannes Heil eine Broschüre für den Unterricht zum Thema Judenfeindschaft in ihrer historischen Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart erarbeitet, die sich an Lehrkräfte der weiterbildenden Schulen, an Lehrende im Bereich von politischer Bildung, Erwachsenenbildung und Berufsschulen richtet. Der zeitliche Schwerpunkt liegt beim hohen Mittelalter und der frühen Neuzeit, also dem Zeitraum vom 12. bis zum 16. Jahrhundert, der für die Ausbildung judenfeindlicher Motive von zentraler Bedeutung ist. Die Sammlung beschränkt sich aber nicht auf Motive aus Mittelalter und Frühneuzeit, sondern zeigt ihr Weiterwirken bis in die Gegenwart. Die judenfeindlichen Motive der Vergangenheit haben den Boden für moderne Phantasmen vom Wesen und den Bestrebungen der Juden bereitet. Die alten Motive erscheinen „historisch“ legitimiert, sie lassen sich ohne ausdrückliches Bekenntnis zur NS-Ideologie vertreten. Die Handreichung bietet eine Sammlung von Texten und Bilddokumenten sowie kurzen Kommentaren, die es ermöglichen, Einzelthemen aus ‘selbstredenden’ Quellen mit Schülern zu erarbeiten. In Kooperation mit dem Berliner Büro des American Jewish Committee und dem Berliner Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) wird das Zentrum für Antisemitismusforschung eine CD-Rom zum Thema Antisemitismus erarbeiten, die zunächst im Rahmen eines Peer-Leadership-Programms an fünf Schulen in Berlin, Brandenburg und Sachsen erprobt werden soll.

Johannes Heil als Fellow in den USA
Dr. habil Johannes Heil ist im Jahr 2004/05 Fellow am Erasmus Institute der University of Notre Dame, Indiana. Er arbeitet an einem Projekt zu spanischen und jüdischen Einflüssen auf Theologie und Kultur der Karolingerzeit, besonders im Umkreis Theodulfs von Orléans und der Schule von Auxerre.

In eigener Sache
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IMPRESSUM Verantwortlich: Prof. Dr. Wolfgang Benz Redaktion: Dr. Juliane Wetzel Adresse: Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin Ernst-Reuter-Platz 7, 9. OG. D-10587 Berlin Tel: (030) 314-21397 bzw. (030) 314-23154 Fax: (030) 314-21136 e-mail: wetz0154@mailbox.TU-Berlin.de Abdruck gegen Belegexemplar
        
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