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Periodical volume

Full text: Newsletter Issue 27.2004

Zentrum für Antisemitismusforschung
Nr. 27 NEWSLETTER Juli 2004

Großes Interesse an Antisemitismusforschung in der Langen Nacht der Wissenschaften Mehrere hundert Besucher verfolgten am 12. Juni im Hauptgebäude der Technischen Universität Berlin die Präsentationen des Zentrums für Antisemitismusforschung während der Langen Nacht der Wissenschaften. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts gaben dabei in Kurzvorträgen und anhand von Dokumenten einen Einblick in ihre Forschungsfelder. Die Befunde, etwa zum Kenntnisstand der deutschen Bevölkerung vor 1945 über den Holocaust, zur Bedeutung des Antisemitismus im heutigen Europa oder zu den Ursachen fremdenfeindlicher Jugendgewalt stießen dabei auf so starkes Interesse, dass noch um Mitternacht Fragen beantwortet wurden. Auch im Umfeld der technischen Wissenschaften, so zeigte sich dabei, besteht ein hoher Bedarf an geschichts-, sozial- und geisteswissenschaftlichen Deutungen historischer und gegenwärtiger Ereignisse und Prozesse. Ein Schlüsseldokument des Antisemitismus Internationale Tagung über die „Protokolle der Weisen von Zion“ Der Prototyp der Legende von der jüdischen Weltverschwörung ist über hundert Jahre alt und in aller Welt in allen gängigen Sprachen verbreitet: Die „Protokolle der Weisen von Zion“. Es ist das am weitesten verbreitete antisemitische Pamphlet, dessen Wirkung weder dadurch beeinträchtigt wird, dass die Argumentation in höchstem Grade irrational ist, noch dadurch, dass die Konstruktion des Traktats aus diversen literarischen Vorlagen bis ins Detail aufgeklärt ist. Dass der als „jüdisches Geheimdokument“ gehandelte Text, der angeblich die Verschwörungsabsichten der Juden in allen Details authentisch belegt, gerichtsnotorisch als Fälschung oder besser als Mystifikation seit Jahrzehnten entlarvt ist, wird von den Antisemiten als unerheblich abgetan oder gar als besonderer Beweis für die Echtheit des „Dokuments“ angeführt. Die „Protokolle“ spielen auch in der islamistischen Propaganda gegen Israel und die Juden seit einigen Jahren eine erhebliche Rolle, sie gelten in Kairo und Damaskus als ernstzunehmende Quelle und dienen — in den arabischen Medien verbreitet und von Wissenschaftlern diskutiert — als Waffe im Kampf gegen Israel. Auf dem Territorium der einstigen Sowjetunion, in Russland, wo der Mythos um 1898 entstanden ist, sind die „Protokolle“ revitalisiert und fungieren in der Agitation gegen Juden und westliche Demokratie als Beweise mit Überzeugungskraft. Im Internet ist der Text weit verbreitet, er ist über die ursprünglich antisemitischen Adressaten hinaus beliebt bei Esoterikern und allen, die geheimnisvolle Erklärungen einer immer schwerer verständlichen Welt suchen. Das Zentrum für Antisemitismusforschung und das Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Anti-Semitism and Racism der Tel Aviv University machen die „Protokolle der Weisen von Zion“ zum Gegenstand einer Internationalen Wissenschaftlichen Konferenz, die vom 24.- 26. Oktober 2004 an der Tel Aviv University stattfinden wird. Thematisiert werden Entstehung, Verbreitung, Motive und Wirkungen eines Traktates, das als Schlüsseldokument des Judenhasses symptomatische Bedeutung hat.

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Der andere Widerstand Der online-Dienst www.netzeitung.de möchte aus Anlass des 60. Jahrestages des 20. Juli 1944 dem Publikum eine andere Form des Widerstands nahe bringen. Ab 20. Juli 2004 werden zunächst an 30 Tagen jeden Tag Artikel über Personen veröffentlicht, die während des Nationalsozialismus Juden gerettet haben bzw. sich solidarisch und hilfreich gegenüber Juden gezeigt haben. Die Beiträge werden von Mitarbeitern des Zentrums für Antisemitismusforschung verfasst und basieren im Wesentlichen auf der Datenbank „Rettung von Juden“ im ZfA.

NEUERSCHEINUNGEN
Die andere Seite des Holocaust Mit dem Band Regionalstudien 4, der Beiträge zur Slowakei, zu Bulgarien, Serbien, Kroatien mit Bosnien und Herzegowina, Belgien und Italien enthält, ist die siebenbändige Buchserie „Solidarität und Hilfe während der NS-Zeit“ abgeschlossen. Die sechs Fallstudien untersuchen die Reaktionen der Bevölkerung auf die Verfolgung der Juden in Ländern, die in ganz unterschiedlicher Weise am Judenmord beteiligt oder in den Holocaust verstrickt waren. Die Skala der Verhaltensweisen reichte von unterstützender Hinnahme über widerständiges Verhalten bis hin zur Solidarität und Hilfe, die in vielen Fällen für die Verfolgten die Rettung vor Deportation und Mord bedeutete. Damit liegen nun Untersuchungen über die Dimensionen der Solidarität und Hilfe für nahezu alle Territorien vor, in denen die jüdische Bevölkerung der nationalsozialistischen Rassenpolitik ausgesetzt war. Sie bilden die Grundlage für weitere Forschungen und Analysen, die durch die Möglichkeit des Vergleichs, etwa der Frage nach möglichen Rettungs- und Retterdispositionen nachgehen können. Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit, Regionalstudien 4, Berlin 2004 (Metropol Verlag, Euro 19.-) Buchvorstellung: 12. Juli 2004, 19.00 Uhr Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin »Die andere Seite des Holocaust« Bericht über ein Forschungsprojekt und eine Buchreihe Wolfgang Benz, Solidarität und Hilfe für Juden im nationalsozialistisch besetzten Europa Juliane Wetzel, Das Beipiel Italien: Möglichkeiten und Grenzen der Hilfe Mona Körte, Überleben im belgischen Nonnenkloster (Lesung) Rüstung unter Tage 1944 wurden zwei Rüstungsbetriebe der Berliner Luftfahrtindustrie in die Salzschächte bei Beendorf und Morsleben verlegt. Für die Verlagerungsvorhaben wurden zwei Außenkommandos des KZ Neuengamme errichtet: im März 1944 ein Männerlager mit 800 "Bau-Häftlingen" und im August ein Frauenlager mit über 2000 Häftlingen für die Produktion. Die Studie zum KZ-Außenlager Beendorf beschäftigt sich mit der Geschichte der Untertageprojekte sowie der Genese des Häftlingseinsatzes, sie beschreibt die Interessenlage der beteiligten Ministerien, Behörden und Sonderinstanzen und fragt nach den Rückwirkungen dieser besonderen Form des Rüstungseinsatzes auf die Existenzbedingungen der Häftlinge. Björn Kooger, Rüstung unter Tage. Die Untertageverlagerung von Rüstungsbetrieben und der Einsatz von KZ-Häftlingen in Beendorf und Morsleben, Berlin 2004 (Reihe Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945, Metropol Verlag, Euro 19.-) Vom Bauhaus nach Jerusalem Ruth Vallentin, 1906 in Berlin geboren, wächst in einem Elternhaus auf, das enge Kontakte zu deutschen Revolutionären, russischen Exilanten, Literaten und Avantgardekünstlern unterhält. Die Eltern sterben früh. Ruth wird bereits als Dreizehnjährige am neu gegründeten Bauhaus in Weimar aufgenommen.

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In jungen Jahren heiratet sie Hans Citroën, einen Verwandten des Gründers der französischen Auto-Dynastie. Hitlers Machtübernahme veranlasst das junge Paar, Berlin und Deutschland zu verlassen. Sie finden in der Nähe von Paris ein Zuhause, müssen aber erneut fliehen, als die deutsche Armee 1940 in Frankreich einmarschiert. Fast zwei Jahre lang halten sie sich in verschiedenen Dörfern der „freien Zone“ versteckt, bis ihnen ein katholischer Dorfpriester mit gefälschten Ausweisen zur Flucht in die Schweiz verhilft. In Genf werden die Citroëns schließlich in ein Flüchtlingslager aufgenommen und überleben Verfolgung und Krieg. In den 50er-Jahren wandert die Familie, die sich nun den Namen Cidor zulegt, nach Israel aus. Flucht und Verfolgung sind die prägenden Erfahrungen in Ruth Cidor-Citroëns Leben. „Bleiben war unser sehnlichster Wunsch in dieser Zeit des Flüchtens. Wir wussten ja nicht, wohin es uns noch treiben würde.“ Ruth Cidor-Citroën, Vom Bauhaus nach Jerusalem. Stationen eines jüdischen Lebens im 20. Jahrhundert, Berlin 2004 (Reihe Bibliothek der Erinnerung, Bd. 14, Metropol Verlag, Euro 19.-) Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein nach der Befreiung Im Mai 1945 befreite die britische Armee in Schleswig-Holstein etwa 1300 jüdische Häftlinge, die Konzentrationslager und Todesmärsche überlebt hatten. Die meisten von ihnen wurden von der britischen Besatzungsmacht vorübergehend in Neustadt/Holstein und in Lübeck untergebracht, wo sie auf Auswanderungsmöglichkeiten warteten. Auf umfangreicher Quellengrundlage dokumentiert der Band jüdisches Leben in Schleswig-Holstein nach 1945 und beschreibt das spannungsreiche Beziehungsgeflecht zwischen überlebenden Juden, britischer Besatzungsmacht, Deutschen und nichtjüdischen so genannten Displaced Persons (DPs). Sigrun Jochims-Bozic, „Lübeck ist nur eine kurze Station auf dem jüdischen Wanderweg“. Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein 1945-1950, Berlin 2004 (Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 51, Metropol Verlag, Euro 19.-) Der ganz alltägliche Antisemitismus Die internationale Staatengemeinschaft ist gefordert, auf den Anstieg antisemitischer Übergriffe in Europa zu reagieren Die OSZE hat 2003 in Wien und 2004 in Berlin den Antisemitismus erstmalig zum Thema eigener Konferenzen gemacht, die Vereinten Nationen luden am 21. Juni nach New York zur ersten Antisemitismuskonferenz ein. Außenminister Joschka Fischer forderte in seiner Rede auf der OSZEKonferenz in Berlin, „dass wir uns gemeinsam politisch dazu verpflichten, uns öffentlich und entschlossen mit allen Formen des Antisemitismus auseinanderzusetzen“. Mit seinem neuen Buch liefert Wolfgang Benz das Rüstzeug für eine solche Auseinandersetzung. Er beantwortet die aktuellen Fragen: Gibt es einen neuen Antisemitismus in Deutschland und Europa? Wieviel Israelkritik ist erlaubt? Agiert die islamistische Propaganda mit rassistischen Feindbildern gegen Juden, wie es früher die Nationalsozialisten taten? Und vor allem: Was genau ist Antisemitismus? Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus?, München 2004 (C.H. Beck Verlag, 14.90 Euro) Buchvorstellungen: mit Edzard Reuter 20. Oktober 2004 in Berlin 20.00 Uhr Magnus-Haus, Am Kupfergraben 7, 10117 Berlin Veranstalter: C. H. Beck Verlag 2. November 2004 in München 20.00 Uhr Literaturhaus München, Salvator Platz 1, 80333 München Veranstalter C.H. Beck Verlag zusammen mit der Israelitischen Kultusgemeinde, Jüdisches Jugend- und Kulturzentrum

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Veranstaltungsreihe „Lebenszeugnisse“
Jugend in Bukarest – Exil in Paris Wolfgang Benz im Gespräch mit Lucien Steinberg Zeit: 23. September 2004, 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin Lucien Steinberg ist 17 Jahre alt, als er 1943 mit seiner Familie aus Bukarest aufgrund der zunehmenden antijüdischen Maßnahmen der rumänischen Regierung nach Haifa flieht. Nach Kriegsende entschließt er sich jedoch, nach Europa zurückzukehren, da Palästina ihm nicht zur neuen Heimat wird. Sein Weg führt ihn über Italien schließlich nach Paris. Dort beginnt er 1947 sein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte. Er ist tätig für die Jewish Agency und arbeitet am Centre de Documentation Juive Contemporaine bei der Inventarisierung der deutschen Bestände. In diesem Zusammenhang besucht er häufig das Bundesarchiv, reist durch ganz Deutschland und interviewt ehemalige Gestapo- und Wehrmachtsangehörige. Seit den 60er Jahren widmet er sich, in Erinnerung an seine jüdischen Schulkameraden, die in Bukarest 1942 hingerichtet wurden, der Forschung über den jüdischen Widerstand. Damit stellt er sich gegen das Klischee des „Volkes, das sich wie Schafe zur Schlachtbank hat führen lassen“. Der Titel seines Hauptwerkes lautet dementsprechend in der englischen Ausgabe „Not as a lamb“. Lucien Steinberg ist seit 1999 Vorsitzender der „Union des juifs pour la résistance et l’entraide“.

Neues Forschungsprojekt
Die Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung finanziert das Projekt „Judenverfolgung in Weißrussland – Das Ghetto Minsk und das Vernichtungslager Maly Trostinez“. Bearbeiterin ist die Osteuropahistorikerin Petra Rentorp.

In eigener Sache
Aus Kostengründen bitten wir alle Newsletter Abonnenten, die über ein email account verfügen, uns ihre email Adresse mitzuteilen, damit wir künftige Ausgaben an Sie elektronisch versenden können.

IMPRESSUM Verantwortlich: Prof. Dr. Wolfgang Benz Redaktion: Dr. Juliane Wetzel Adresse: Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin Ernst-Reuter-Platz 7, 9. OG. D-10587 Berlin Tel: (030) 314-21397 bzw. (030) 314-23154 Fax: (030) 314-21136 e-mail: wetz0154@mailbox.TU-Berlin.de Abdruck gegen Belegexemplar
        
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