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Periodical volume

Full text: Newsletter Issue 25.2003

Zentrum für Antisemitismusforschung

Nr. 25 Oktober 2003

NEWSLETTER

Judenfeindschaft und Palästinakonflikt
Der Schwerpunkt des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung 12

Der Versuch des Zentrums für Antisemitismusforschung, auf einer internationalen Tagung im September 2000 erstmals den Konflikt um Palästina unter Fragestellungen der Vorurteilsforschung zu thematisieren, erwies sich schon in der Vorbereitungsphase als schwieriges, jedoch lohnendes Unterfangen. (Die Anregung dazu kam von der damaligen israelischen Generalkonsulin in Berlin, Miryam Schomrat, sie erhoffte sich in erster Linie Aufschlüsse über Ursachen, Motive und Wirkungen arabischer Judenfeindschaft). Die Konferenz des Zentrums war eine erste und vielversprechende Anstrengung das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln wissenschaftlich zu beleuchten, die anregend gewirkt und Nachfolge gefunden hat. Ausgewählte Konferenzbeiträge — eingeleitet von Werner Bergmann, der die Tagung konzipiert hatte — bilden den Themenschwerpunkt dieses Jahrbuchs, der leider aktueller denn je ist. Die Feindbilder und Vorurteile islamischer Judenfeindschaft, die westliche Stereotypen für ihre Zwecke adaptiert, sind in mehreren Beiträgen thematisiert; ihre propagandistische Instrumentalisierung im Internet macht Juliane Wetzel mit zahlreichen Beispielen nachvollziehbar. Neben diesem Schwerpunkt mit Aktualitätsbezug bietet das Jahrbuch eine ganze Reihe von Beiträgen, die sich historischen Fragestellungen des Antisemitismus widmen. Stephan Malinowski beschreibt, wie große Teile des deutschen Adels, angeleitet durch Börries Freiherrn von Münchhausen nach dem Ersten Weltkrieg im „intellektuellen Tiefflug durch die gedanklichen Niederungen des Rassenwahns“ Orientierung suchten und wie der Kleinadel in Allianz mit dem kleinbürgerlichen Mittelstand den Hochadel als „Judengenossen“ angriff. Weder das Diktum eines hohen NS-Funktionärs, der Adel sei „eine vielfach von Judenblut durchsetzte Saubande“ noch der aristokratische Zustrom zu SA und SS am Beginn der NS-Herrschaft noch die Verfolgung adeliger Familien nach dem 20. Juli 1944 werden dem Verhältnis von Adel zum Antisemitismus seit dem Kaiserreich gerecht. Als elitäre Gruppe und darin dem Adel vergleichbar, entstand im Kaiserreich die esoterische Bewegung der Anthroposophie. Rudolf Steiner, der Begründer, hat trotz ausdrücklicher Distanzierung vom rassistisch-völkischen Antisemitismus seiner Zeit Anteil am judenfeindlichen Diskurs genommen mit Äußerungen, die im religiösen und kulturellen Antijudaismus wurzeln. Im Unterschied zu pauschalen und nicht durch Quellenstudium differenzierten Verurteilungen des Anthroposophen und seiner Bewegung analysiert Ralf Sonnenberg aus profunder Kenntnis der einschlägigen Schriften Steiners dessen Haltung zu Juden, zum Zionismus und Antisemitismus. Ritualmordlegenden gehören zum Arsenal der Judenfeindschaft, sie sind vom älteren, religiös motivierten Antijudaismus in den modernen rassistisch argumentierenden Antisemitismus übernommen worden als Methode der Stimulierung von Judenhass, der dann beliebig eingesetzt werden kann. Der Ritualmordprozess in Kiew im Jahre 1913 ist ein Exempel für die politischen Implikationen der Judenfeindschaft in der ausgehenden zaristischen Herrschaft. Ingo Loose stellt Hintergründe und Verlauf dieses letzten großen Ritualmordprozesses in Russland dar und zeichnet die Wirkungen bis hin zum Stalinismus der Sowjetunion und zur Renaissance der Judenfeindschaft im postkommunistischen Russland. Judenfeindschaft in Dänemark mag als Thema eines Beitrages überraschend sein, ist das Bild der dänischen Nation doch durch die spektakuläre Rettung der Juden 1943 mit einer Gloriole geziert, die Gedanken an Antisemitismus ferne hält. Sofie Bak beschreibt in einer Fallstudie über eine pietistische Vereinigung in den 30er Jahren („Indre Mission“), die mit orthodox lutherischer Orientierung religiösen Fundamentalismus lebte und antijudaistische Überzeugungen, gegründet auf den Gottesmordvorwurf mit antimodernistischen und insbesondere antikommunistischer Ideologie amalgamierte. Die Geschichte der Verdrängung jüdischer Aufsichtsratsmitglieder und der Enteignung von jüdischen Aktionären des Berliner Zoologischen Gartens ist eine Parabel zynischer Anpassung an politische Verhältnisse durch die Anwendung des „Arierparagraphen“. Als Ergebnis eines Forschungsauftrags an das Zentrum für Antisemitismusforschung beschreibt Monika Schmidt die Stufen der Ausgrenzung, in denen zwischen 1933 und 1938 der Berliner Zoo „judenfrei“ gemacht wurde. Polyphem, den einäugigen Zyklopen aus der Odyssee, präsentiert Armin Steil als Archetyp des absoluten Fremden — der in der Moderne als „rassisch“ Anderer auftritt — um die soziologischen Merkmale der Beziehungsform Fremdheit zu analysieren und das Besondere der „rassischen Fremdheit“ heraus zu arbeiten, exemplifiziert an Rasseregimen wie im US-amerikanischen deep south oder in der Apartheid Südafrikas. Die Fremdheitskonflikte der Gegenwart sind aber, so lautet das Fazit, nicht auf die Generalformel „Rassismus“ zu bringen. Ebenfalls einem methodischen Problem, der Untersuchung der Einstellung zu Juden, ist der Beitrag von Werner Bergmann gewidmet, in dem ein neuer wahrnehmungstheoretischer Ansatz zur Auswertung von Survey-Fragen vorgestellt wird. Anhand der Antisemitismusumfragen in Deutschland seit 1949 wird ein neuer Zugang erprobt, der durch Untersuchung des Interpretationsrahmens (und seiner Wechsel) qualitative Aussagen auch über Bewusstseinslagen und Verstehenshorizonte in der Gesellschaft ermöglicht. Zwei Besprechungsessays schließen diese Ausgabe des Jahrbuchs ab. Im Mittelpunkt stehen Ritualmord-Beschuldigungen und Gewalt als Äußerungen antisemitischer Tradition im Kaiserreich (Ulrich Sieg) und die Abwehrstrategien des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (Jürgen Matthäus). Am Beispiel einer Quellenedition und eines ideengeschichtlichen Abrisses verweist Jürgen Matthäus darauf, das die Erforschung der Geschichte des Centralvereins erst am Anfang steht, da wesentliche Erkenntnisse zur Organisation und Mitgliederstruktur, zur Finanzierung und Funktion mit der Auswertung der Akten im Moskauer Spezialarchiv erst noch gewonnen werden müssen. Jahrbuch für Antisemitismusforschung, hrsg. v. Wolfgang Benz (Berlin 2003, Metropol Verlag, ISBN 3-936411-38-7, Euro 22.-)

Neuerscheinungen
Drei Projekte des Zentrums für Antisemitismusforschung sind 2003 zum Abschluss gekommen. Es handelt sich um eine Mikrofiche-Edition, eine Quellenedition und eine siebenbändige Serie monographischer Darstellungen zum Thema Hilfe und Rettung von Juden während des Nationalsozialismus.

Die „Judenfrage“/The „Jewish Question“

Judenfeindschaft erhielt im 19. Jahrhundert eine neue Dimension in Gestalt des rassistisch und sozialdarwinistisch argumentierenden „modernen Antisemitismus“, der sich als Resultat angeblicher wissenschaftlicher Erkenntnis produzierte. Zu den Vätern gehörten Arthur Graf de Gobineau und Richard Wagner. Vor allem aber waren es Autoren wie Wilhelm Marr, Otto Glagau, Eugen Dühring, Theodor Fritsch und viele andere, die in Traktaten und Pamphleten zur „Judenfrage“ eine Rassentheorie begründeten, die dann als Teil der Ideologie des Nationalsozialismus Wirkung hatte und im Völkermord an den Juden Europas endete. Die meisten der antisemitischen Autoren des 19. Jahrhunderts sind längst vergessen, ihre Schriften sind weit verstreut oder gar nicht mehr greifbar, die Wirkung hält freilich an. 369 Schriften zur „Judenfrage“, zwischen 1789 und 1914 erschienen, werden in dieser Mikrofiche-Edition als Quellenkorpus zur Antisemitismus- und Vorurteilsforschung wieder zugänglich gemacht. Die Edition wird durch einen Begleitband mit einer wissenschaftlichen Einleitung und einer Bibliographie erschlossen. „Die ‚Judenfrage‘/The ‚Jewish Question‘. Schriften zur Begründung des modernen Antisemitismus 1789 bis 1914/Literature on the Roots of Racial Antisemitism 1789 until 1914“, im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung, hrsg. von Wolfgang Benz (K.G. Saur, München 2002-2003, 369 Fiches incl. Bibliographie, Silber Euro 4.590,-; Diazo Euro 3.790,-)

Der „Berliner Antisemitismusstreit“

Der „Berliner Antisemitismusstreit“ der Jahre 1879 bis 1881, heute oft nur als Gelehrtenstreit zwischen Heinrich von Treitschke und Theodor Mommsen bekannt, polarisierte die wilhelminische Gesellschaft und hatte Auswirkungen bis in die nationalsozialistische Propaganda im 20. Jahrhundert. Die umfassende Quellenedition zum „Berliner Antisemitismusstreit“ ergänzt die an vielen Stellen mit Auslassungen und Kürzungen versehene Edition des Journalisten Walter Boehlich aus dem Jahr 1965 um wesentliche Elemente. Sie verzeichnet alle wichtigen veröffentlichten und unveröffentlichten Texte in chronologischer Reihenfolge, bezieht die zeitgenössische Presse mit ein, dokumentiert den Verlauf der Auseinandersetzung zwischen Treitschke und Mommsen, bewertet sie neu und erweitert den Blick auf die Diskussion des Themas in Gelehrtenkreisen, aber auch in der Öffentlichkeit. Der „Treitschke-Streit“, wie die Zeitgenossen die intellektuelle Auseinandersetzung um ein durchaus auch im kleinbürgerlichen Milieu virulentes Thema damals nannten, konnte seine Wirkungsmacht insbesondere deshalb entfalten, weil Treitschke zu den meinungsbildenden Intellektuellen des Kaiserreichs zählte und einen bedeutenden Einfluss auf das politische Klima ausübte. Mit politischen Schlagworten wie „Die Juden sind unser Unglück“ gelang es ihm, eine antisemitische Grundstimmung zu bedienen und die Judenfeindschaft gesellschaftsfähig zu machen. Nach klassischem Stereotypenmuster wurden Juden zu „Fremden“ deklariert und ein kalkulierter Tabubruch vollzogen. Der Streit, in dem sich Theodor Mommsen erst im November 1880 zu Wort meldete, beschränkte sich keineswegs nur auf die beiden Hauptprotagonisten. Zahlreiche Intellektuelle, die Einfluss auf die öffentliche Meinung hatten, beteiligten sich an der Debatte. Die Edition wurde am 23. September 2003 mit einer Podiumsdiskussion im Literaturhaus Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Es diskutierten der Editor Karsten Krieger und Ulrich Wyrwa, der im April diesen Jahres mit dem Habilitationsvortrag „Heinrich von Treitschke, Geschichtsschreibung und öffentliche Meinung im Deutschland des 19. Jahrhunderts“ (erschienen in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 9/2003) an der Universität Potsdam die venia legendi erhielt sowie Hermann Graml vom Institut für Zeitgeschichte, der sich in seinen Publikationen immer wieder mit der Frage nach ideologisch-politischen Traditionen der Judenfeindschaft im deutschen Nationalismus im Hinblick auf das antisemitische Arsenal des Nationalsozialismus beschäftigte. „Der ‚Berliner Antisemitismusstreit‘ 1879-1881. Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur Nation“, im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung, bearbeitet von Karsten Krieger (K.G. Saur, München 2003, 2. Bde., zusammen 1000 Seiten, Euro 255,-)

Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit

Mit dem letzten Band der Regionalstudien, der Beiträge zu Belgien, Italien, Kroatien (mit Bosnien und Herzegowina), Serbien, Slowakei sowie Bulgarien enthält, ist die siebenbändige Reihe „Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit“ abgeschlossen. Nach einem Überblick über die Situation der Juden und der Judenverfolgung in den jeweiligen Ländern untersuchen die Autoren das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zum jüdischen Bevölkerungsanteil und die Strukturen, die halfen, dem Verfolgungsdruck zu widerstehen. Im Mittelpunkt stehen die Aspekte des Verfolgungsalltags und die Vielfältigkeit der möglichen Hilfe, aber auch fehlgeschlagene Rettungsversuche. Neben der Darstellung der historischen Fakten leisten die Studien auch einen Beitrag zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte. Die beim Metropol Verlag Berlin erschienene Reihe bietet neben vier Bänden mit Regionalstudien von Albanien bis Weißrussland noch drei weitere Titel. Ein eigener Band ist den Rettungsversuchen in Deutschland unter dem Titel „Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941-1945 (Bd. 5, Berlin 2002, hrsg. von Beate Kosmala und Claudia Schoppmann) gewidmet. Daneben sind zwei Bände erschienen, die sich mit Einzelschicksalen befassen: „Rettung im Holocaust. Bedingungen und Erfahrungen des Überlebens“ (Bd.4, Berlin 2001, hrsg. von Wolfgang Benz und Mona Körte) sowie Klaus Voigt, Villa Emma. Jüdische Kinder auf der Flucht 1940-1945 (Bd.6, Berlin 2002). Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit, Regionalstudien Bd. 4, hrsg. von Wolfgang Benz und Juliane Wetzel (Berlin 2003, Metropol Verlag, ISBN 3-936411-35-2, Euro 19.-)

Zum Thema ist kürzlich im C.H. Beck Verlag ein Band erschienen, der die Vielfalt von Rettungsanstrengungen in den letzten Jahren des NSRegimes in Deutschland an exemplarischen Darstellungen beschreibt. Es waren wenige, aber mehr als bisher bekannt: Nichtjüdische Deutsche aus allen gesellschaftlichen Schichten und mit unterschiedlichen politischen und religiösen Überzeugungen gewährten Unterschlupf. Die Autoren haben Überlebenswege von Juden recherchiert und das couragierte Handeln der Helfer beschrieben, hinter denen sowohl selbstlose als auch eigennützige Motive stehen konnten. Wolfgang Benz (Hrsg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer (München 2003, C.H. Beck Verlag, ISBN 3-406-510299, Euro 24,90)

Pflichtlektüre für Lehrer „Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus“

Zusammen mit der Thüringischen Landeszentrale für politische Bildung haben Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung eine Publikation erarbeitet, die es Lehrern, Ausbildern und in der politischen Bildung tätigen Dozenten erleichtern soll, Antworten auf Gerüchte, Legenden und Verschwörungsszenarien zu Nationalsozialismus und Antisemitismus zu geben, die im Zeitalter der medialen Informationsflut immer mehr an Aktualität gewinnen. Die Geschichtspropaganda der Rechtsextremen zielt auf die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Anhänger des rechten Geschichtsrevisionismus leugnen insbesondere die deutsche Kriegsschuld am Zweiten Weltkrieg und die Realität des Holocaust. Das Internet erleichtert es der rechtsextremen Szene in qualitativ neuer Weise, ihre Materialien und Gedanken zu verbreiten. Die Wirkung beschränkt sich allerdings nicht mehr auf die rechtsextreme Szene, sondern ist heute durchaus auch in der Mitte der Gesellschaft zu bemerken. Vor diesem Hintergrund ist die argumentative Auseinandersetzung mit den Leugnern der Verbrechen des NS-Staates unverzichtbar. Wolfgang Benz/ Peter Reif-Spirek (Hrsg.), Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus (Berlin 2003, Metropol Verlag ISBN 3936411-28-X, 168 Seiten, Preis: Euro 16,–)

Frühe Konzentrationslager: Neue Forschungsergebnisse zu unbekannten KZ

Der dritte Band exemplarischer Studien über die frühen Konzentrationslager enthält neben einem Rückblick zur Organisationsgeschichte 14 Monographien mit regionalen Schwerpunkten in Pommern (Stettin und Gollnow) und Schlesien (Breslau-Dürrgoy). Dargestellt werden wichtige Lager im Westen (Osthofen und Neustadt im heutigen Rheinland-Pfalz, Porz bei Köln und Bergisch-Gladbach) und eher unbekannte KZ wie Brandenburg an der Havel, Börnicke oder der Wasserturm am Prenzlauer Berg in Berlin, Bad Sulza in Thüringen, Weißenfels in Sachsen-Anhalt und Benninghausen in Westfalen. Die Studien basieren auf neuen Forschungsergebnissen und verstehen sich als Bausteine zur Gesamtgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Wolfgang Benz/ Barbara Distel (Hrsg.), Instrumentarium der Macht. Frühe Konzentrationslager 1933-1937 (Berlin 2003, Metropol Verlag, ISBN 3-936411-36-0, Reihe Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945, Band 3, Euro 19.- ) Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden im Deutschen Kaiserreich (1871–1914) Adolf Buschhoff, ein unbescholtener, ausgezeichnet beleumundeter Bürger im niederrheinischen Xanten, war der Schächter der dortigen jüdischen Gemeinde. Seine christlichen Nachbarn hielten ihn für ehrlich, umgänglich, gutmütig. Und dennoch traute man ihm ein schreckliches Verbrechen zu, begangen an einem fünfjährigem Jungen aus der Nachbarschaft. Eine Tat – so glaubte man -, die ihm als Juden von seiner Religion vorgeschrieben sei. Buschhoff wurde im Juni 1891 des Ritualmords beschuldigt. Da der Blutvorwurf sich gleichsam gegen alle Juden richtete, war er ein verbreitetes Mittel der antisemitischen Agitation. Mit einer Arbeit, die sich mit der Widerspiegelung der Ritualmordbeschuldigung in drei ausgewählten Verfahren und deren Behandlung durch die preußische Justiz im Kaiserreich befasst, promovierte der Rechtsanwalt Johannes Groß 2001 an der juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Johannes Groß, Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden im Deutschen Kaiserreich (1871–1914) (Berlin 2002, Metropol Verlag, ISBN 3-93248284-0, Reihe Dokumente, Texte, Materialien Bd. 52, 240 Seiten, EUR 19.-) Die „jüdische Weltverschwörung“ als Propagandaelement der Nationalsozialisten Die Nationalsozialisten entwickelten ab 1919 einen besonders aggressiven Antisemitismus, der die Ausrichtung der Partei stark prägte. Die Studie arbeitet heraus, warum Juden die zentrale Stellung unter den nationalsozialistischen Feindbildern einnahmen und wie die Fiktion von einer allmächtigen "jüdischen Weltverschwörung" zur Radikalisierung der Judenverfolgung beitrug. Wolfram Meyer zu Uptrup, Kampf gegen die „jüdische Weltverschwörung“. Propaganda und Antisemitismus der Nationalsozialisten 1919 bis 1945 (Berlin 2003, Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien Bd. 46, ISBN 3-932482-83-2, EUR 24,– )

Entnazifizierung von Frauen

Die Internierung von Zivilisten, die als gefährlich eingestuft wurden, war ein wichtiger Bereich der amerikanischen Entnazifizierungspolitik. Auch viele Frauen hatten ihren Beitrag zum Funktionieren des NS-Apparates geleistet und wurden deshalb interniert – ob als ehemalige BDMFührerinnen oder als Kreis-, Orts- oder Gauleiterinnen der Nationalsozialistischen Frauenschaft, als SS-Aufseherinnen im KZ oder als Gestapoangestellte. Die Studie untersucht die Kernelemente der Internierungspolitik, ebenso die Entlastungsstrategien der Frauen und die geschlechtsspezifischen Moralanforderungen in den Verfahren.
Kathrin Meyer, Entnazifizierung von Frauen. Die Internierungslager der US-Zone Deutschlands 1945–1952 (Berlin 2003, Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Band 52, ISBN: 3-936411-24-7, Euro 19.– )

Schwarze Reichswehr und Fememorde Eine Studie über die wohl geheimnisvollste rechtsradikale Gruppe in der Weimarer Republik, die zugleich eine Vorläuferorganisation der NSDAP war. Bernhard Sauer, Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik (Berlin 2003, Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 50, ISBN: 3-936411-06-9, Euro 19.–)

„Rundfunkverbrechen“ im Nationalsozialismus

Das Hören ausländischer Sender wurde im Dritten Reich als „Rundfunkverbrechen“ gebrandmarkt und mit drakonischen strafen bedroht. Michael P. Hensle legt erstmalig eine grundlegende Studie zu diesem Thema vor.
Michael P. Hensle, Rundfunkverbrechen. Das Hören von „Feindsendern“ im Nationalsozialismus (Berlin 2003, Metropol Verlag, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 49, ISBN: 3-936411-05-0, Euro 19.–)

Ein Buch der Bücher Wie sich die Biografie eines Vaters aus seinem Archiv erschließen lässt

„Vorrechte ebenso wie das Gefühl der Peinlichkeit waren der Preis für einen derart europäischen Vater, der in den verschiedensten gesellschaftlichen Zirkeln verkehrte. Meine Freunde hatten keine europäischen Verwandten, die sie besuchten, Flüchtlinge, die in manch einer Wohnung in Manhattan lebten und deren überbordende Regale Bücher mit Lithografien und Skizzen enthielten, mit fremdländischen, besonders feinen Süßwaren und merkwürdigen faszinierenden Drucken an den Wänden. Meine Freunde kamen nicht in die Verlegenheit, das Telefon abzuheben, nur um seltsam akzenthafte Stimmen zu hören, die nach den Vätern fragten. Ihre Väter, die wie der eigene am Wochenende einen kurzen Mittagsschlaf hielten, zuckten und stöhnten nicht im Schlaf, geplagt von den Alpträumen ferner Länder.“ Ben Orlove, Die Erfindung meines Vaters, Aus dem Amerikanischen von Mona Körte (Berlin 2003, Metropol Verlag, Reihe Bibliothek der Erinnerung Bd. 11, ISBN 3-936411-08-5, Euro

Kirchlicher Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus

Wer das Verhältnis von Kirche und Staat in Deutschland verstehen möchte, findet in diesem Band der neu eröffneten Schriftenreihe „Horizonte und Perspektiven“ eingehende Analysen zur jüngeren und jüngsten Geschichte. Beiträge aus historischer wie kirchlicher Sicht beziehen sich auf zum Teil noch wenig erforschte Bereiche kirchlicher Selbstbehauptung und Opposition unter den Bedingungen totalitärer Systeme. Die Auswirkungen der leitenden Ideologien werden dargestellt, bedeutende und weniger bekannte Akteure (Dietrich Bonhoeffer, Adolf Freudenberg) porträtiert. Wolfgang Benz (Hrsg.), Selbstbehauptung und Opposition. Kirche als Ort des Widerstandes gegen staatliche Diktatur (Berlin 2003, Metropol Verlag, Perspektiven und Horizonte. Schriftenreihe der Evangelischen Akademie Görlitz, hrsg. von Frank Ahlmann, Bd. 1, ISBN: 3-936411-32-8, Euro 14.–)

Veranstaltungshinweise

Konferenz Ungarn und der Holocaust
7.-9. Oktober 2003 in Berlin

Die Deportation der ungarischen Juden war eine der letzten und grausamsten Vernichtungsaktionen des Dritten Reiches: Innerhalb von wenigen Monaten (15. März bis 9. Juli 1944) wurden 476.000 ungarische Juden nach Auschwitz verschleppt. Unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz wurde der Großteil der Deportierten in den Gaskammern ermordet. Ein kleinerer Teil wurde zur Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie rekrutiert. Als KZ Häftlinge arbeiteten sie beim Bau unterirdischer Produktionsstätten. Die hierzu eingeleitete Neuregelung des "Judeneinsatzes" sowie die vom Rüstungsministerium übernommene Kompetenz bei der Zuweisung von KZ Häftlingen verdeutlichen den Pragmatismus kriegswirtschaftlicher Erfordernisse, der im Widerspruch zur Ideologie der "Endlösung" stand.

Eröffnungsveranstaltung, 7. Oktober, 18.00 Uhr, Haus Ungarn, Karl-Liebknecht-Straße 9, 10178 Berlin

Tagungsort: 8. und 9. Oktober (10:00-17:30 Uhr): Vertretung des Saarlandes beim Bund, In den Ministergärten 4, 10117 Berlin

Information und Anmeldung: Dr. Brigitte Mihok, Tel. 030/314 79 871, Fax 030/314 21 136, Mihok@zfa.kgw.tu-berlin.de

Konferenz „Stolz, deutsch zu sein?“ 24. und 25. Oktober 2003

Eine gemeinsame Veranstaltung des Zentrums für Antisemitismusforschung, TU Berlin und des Berliner Arbeitskreises für Beziehungsanalyse

Warum hat die Parole „Stolz, deutsch zu sein“ so hohe Erregungsqualität in Politik und Gesellschaft? Welche Konflikte und Ängste liegen der Parole, wenn sie als Appell vorgetragen wird, zugrunde? Ist der Stolz, deutsch zu sein ein Identifikationsmodell oder eine Drohgebärde, dient er als Bündnis zwischen den Generationen oder hat er tröstende Funktion in einer sich globalisierenden Welt, in der nationale Grenzen immer bedeutungsloser werden? Aus historischer, sozialwissenschaftlicher und psychoanalytischer Perspektive werden Befindlichkeiten der deutschen Gesellschaft nach der Wende in den Blick genommen, die nicht nur für die Szene der rechtsextremen Ideologen, gewaltbereiten Jugendlichen und Neonazis relevant sind. Motive, Ursachen und Wirkungen einer Haltung, die sich aus Minderwertigkeitsgefühlen, Vorurteilen und Machtphantasien speist, sollen im interdisziplinären Diskurs analysiert werden. Es geht angesichts der Aggressionen, die mit dem Slogan „Stolz, deutsch zu sein“ zur Schau getragen werden, aber auch um die Schwierigkeit, in unverfänglicher Weise Nationalgefühl zu artikulieren, wie es etwa Polen oder Franzosen selbstverständlich ist. Veranstaltungsort: Hauptgebäude der Technischen Universität, Straße des 17. Juni 135, 10587 Berlin, Hörsaal H 3005

Information und Anmeldung: Geschäftsstelle des Berliner Arbeitskreises für Beziehungsanalyse, Dr. Ute Benz, Baldersheimer Weg 25, 12349 Berlin, 31, Fax: 030 / 743 37 69 Tel.: 030 / 742 80

Zentrum für Antisemitismusforschung TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin, Elisabeth Lindner, Tel.: 030 / 314 258 54 (vormittags), Lindner@zfa.kgw.tu-berlin.de

Reihe „Lebenszeugnisse“

„Verjagt in die Freiheit“ – jüdisches Exil in Argentinien

Wolfgang Benz im Gespräch mit Juan Jacoby
Zeit: 30. Oktober 2003, 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin

Juan Jacoby erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die sich vor nationalsozialistischer Verfolgung nach Argentinien retten kann. Der Sohn Walter Kleinmann ist 17 Jahre alt, als er 1938 alleine in Lissabon ein Schiff besteigt, das ihn nach Südamerika bringen wird. Bei einem Zwischenstopp in Rio de Janeiro verliert der Junge, der der Landessprache nicht mächtig ist, die Mitreisenden im Gemenge aus den Augen und verpasst daraufhin sein Schiff. Als Küchenhilfe an Bord eines Frachters gelangt er schließlich nach Buenos Aires. Dort beginnt der eigentliche Kampf um die Existenzsicherung. Dazu gehört auch der Mut zur Improvisation, der aus dem unerfahrenen und berufslosen jungen Mann schließlich einen erfolgreichen Geschäftsmann werden lässt.

Jüdischer Widerstand in Warschau Wolfgang Benz im Gespräch mit Helmut Homfeld, dem Herausgeber der Erinnerungen Havka Folman Rabans

Zeit: 27. November 2003, 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin

Havka Folman Raban, geboren 1924, gehörte zu einer Gruppe junger Juden in Warschau, die sich nach der deutschen Besetzung 1939 zum Widerstand entschlossen. Durch ihre Brüder, die im Kampf gegen die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft fielen, bekam sie Kontakt zur „Dor“-Bewegung und wurde deren Mitglied. Schon als 17-jährige half sie als Kurierin unter falscher Identität, die Verbindung zwischen den verschiedenen Organisationen aufrechtzuerhalten. Im Dezember 1942 wurde Havka von der Gestapo verhaftet und als „polnische Banditin“ nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte. In Israel baute Havka Folman Raban zusammen mit anderen den Kibbuz der Ghetto-Überlebenden (Beit Lochamei Haghetaot) auf, in dem die Erinnerung an die Ghetto-Kämpfer wachgehalten wird. Havka Folman Raban, Sie leben noch immer mit mir. Leben im Schatten der Shoah (Berlin 2003, Metropol Verlag, Euro 18.-)

Überleben unter der Erde – Erinnerungen einer polnischen Jüdin
Wolfgang Benz im Gespräch mit Mona Körte

Zeit: 18. Dezember 2003, 20.00 Uhr Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin Die 1909 in Polen geborene Guta Trokenheim wird im Zuge der antijüdischen Maßnahmen gemeinsam mit ihrer Tochter Lili im Warschauer Ghetto interniert. 1942 gelingt ihnen die Flucht. Sie fahren mit dem Zug in die bei Kielce gelegene Stadt Checiny. Dort schlagen sie sich von einem Versteck zum nächsten durch. Mutter und Kind überleben die deutsche „Umsiedlungsaktion” unter unerträglichen Bedingungen in einer unterirdischen Höhle, in der sie bis zu ihrer Befreiung am 3. März 1945 versteckt bleiben. Die ersten Jahre nach dem Krieg verbringen Guta und Lili in Lodz, bevor sie 1950 nach Israel und von dort aus 1956 in die USA auswandern. Bis zu ihrem Tod 1989 pendelt Guta zwischen den USA und Israel hin und her. Ihre Tochter Lili lebt heute als Pianistin in Israel. Guta Trokenheim, Überleben unter der Erde. Erinnerungen einer polnischen Jüdin. Mit einem Vorwort von Mona Körte (Berlin 2003, Metropol Verlag 2003, Euro 18.-)

„Zweimal verfolgt“ — Ein Opfer des Holocaust und des DDR-Systems Wolfgang Benz im Gespräch mit Carolyn Gammon und Freya Klier Zeit

: 26. Februar 2004,20.00 Uhr

Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin

Johanna Krause, Tochter einer ungarischen Jüdin und eines deutschen Fabrikanten, wird 1935 zusammen mit ihrem nichtjüdischen Ehemann Max wegen Verstoßes gegen die Rassengesetze von den Nazis inhaftiert und später zur Zwangsarbeit gezwungen. Sie ist bereits im achten Monat schwanger als ihr Kind abgetrieben und sie sterilisiert wird. Ihr Leidensweg führt sie weiter durch drei Konzentrationslager, ehe sie nach dem Krieg nach Dresden zurückkehrt, um ihren Mann zu suchen. Das Ehepaar Krause engagiert sich in den 50er Jahren im Aufbau der DDR, bis zu dem Tag, an dem Johanna schockiert feststellt, dass der neue Parteisekretär der SS-Offizier ist, der versucht hatte, sie zu vergewaltigen und zu ertränken. Bei dem Versuch, ihn nun anzuklagen, wird sie abermals verfolgt, diesmal von der DDR-Obrigkeit. Sie und ihr Mann sind fortan antisemitischen Attacken ausgesetzt und kommen erneut ins Gefängnis. „Zweimal verfolgt“ ist das Ergebnis zahlreicher Interviews, die Carolyn Gammon und ihre CoAutorin Christiane Hemker mit Johanna Krause führten. In Anwesenheit der Dokumentarfilmerin Freya Klier wird an diesem Abend ihr Film über Johanna Krause mit dem Titel „Johanna – eine Dresdner Ballade“ vorgeführt. Johanna Krause, Zweimal verfolgt. Die Lebenserinnerungen einer Dresdner Jüdin (Berlin 2004, Metropol Verlag, ca. Euro 16.-).

Gastprofessur

Mona Körte wird ab Januar 2004 ein Semester als „Max Kade-Visiting Professor“ am Department of Germanic Languages and Literatures an der University of Virginia/Charlottesville unterrichten

IMPRESSUM

Verantwortlich: Prof. Dr. Wolfgang Benz Redaktion: Dr. Juliane Wetzel Adresse: Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin Ernst-Reuter-Platz 7, 9. OG. D-10587 Berlin Tel: (030) 314-21397 bzw. (030) 314-23154 Fax: (030) 314-21136 e-mail: wetz0154@mailbox.TU-Berlin.de Abdruck gegen Belegexemplar
        
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