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Periodical volume

Full text: Newsletter Issue 22.2001

News Letter 22: November 2001
Objekte antisemitischer Aggression: Jüdische Friedhöfe in Deutschland

Antisemitismus äußert sich auf unterschiedliche Weise, Judenfeindschaft bedient sich vieler Methoden. Die Schändung jüdischer Grabstätten ist eine so alte wie verbreitete Form öffentlicher Abweisung und Diffamierung jüdischer Kultur. Als Auftakt zu einem Forschungsprojekt, das unter anderem in einer Datenbank gewaltsame Aktionen gegen jüdische Friedhöfe dokumentieren und Motive wie die strafrechtliche und politische Würdigung dieser antisemitischen Gewaltakte analysieren wird, bildet das Thema Friedhofsschändungen mit vier Beiträgen den Schwerpunkt des zehnten Jahrbuchs für Antisemitismusforschung. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive sind Grabschändungen im Kontext der Auseinandersetzung christlicher und jüdischer Kultur als „symbolisierte Verweigerung der Auferstehung“ (Claudia Zippan) zu deuten. Am Beispiel des jüdischen Friedhofs Ottensen in Hamburg untersucht Ina Lorenz Interdependenzen zwischen gebotener Pietät und Beachtung vorgeschriebenen Rituals einerseits und den Erfordernissen der Stadtentwicklung und kommerziellen Interessen andererseits. Annette Leo berichtet über die Verwüstung des jüdischen Friedhofs an der Schönhauser Allee in Berlin in der Endzeit der DDR und die Reaktion der Behörden gegenüber fünf jugendlichen Tätern. Marion Neiss skizziert vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Vandalismus gegen jüdische Grabstätten (geschätzt wird, daß 80 bis 90 Prozent der über 2000 Friedhöfe in ganz Deutschland in der nationalsozialistischen Zeit „geschändet, zerstört, enteignet wurden“) den bruchlosen Übergang dieser Ausschreitungen gegen Gräber als Erscheinungsformen aktueller antisemitischer und rechtsextremer Aggression. Zu konstatieren ist die steigende Tendenz der Taten bei abnehmender Aufklärungsquote. Ein weiteres Thema des Jahrbuchs X ist die Holocaust-Leugnung, die Uwe Makino mit Hilfe von Erkenntnissen zur Rezeption einschlägiger Literatur in Japan beschreibt und Götz Nordbruch für den arabischen Raum vor dem konkreten Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts untersucht. Heinz P. Wassermann bietet in einer empirischen Bestandsaufnahme Daten, die die Dimension des Antisemitismus nach 1945 in Österreich erhellen. Zur Debatte um die rassistische Komponente des italienischen Faschismus bietet Kay Kufeke einen Beitrag, der Biographie eines Protagonisten und Ortsbestimmung zugleich ist: Guido Landra ist der Prototyp des Rassenpolitikers; sein Wirken ist paradigmatisch für eine Facette des italienischen Faschismus, die bislang noch zu wenig beachtet wurde. Julia Schäfer setzt sich mit Judenbildern auseinander, die der kulturhistorisch engagierte Sammler und Autor Emil Fuchs in seiner berühmten Karikaturenedition als Material anbot, das für viele die Frage nach der Authentizität indiziert. Klaus-Michael Mallmann macht an einem von der Holocaustforschung bislang vernachlässigten Ereignis, dem Massaker von Kamenez-Podolsk in der Westukraine, bei dem Ende August 1941 23 600 Juden Opfer nationalsozialistischen Massenmords wurden, nicht nur ein Desiderat der topographischen Genozid-Historiographie deutlich, er demonstriert an diesem Paradigma einen drastischen Schub vernichtender Energie, der konstitutive Bedeutung für die folgende „Endlösung“ hatte. Claudia Curio legt mit ihrer Studie zur Integration der jugendlichen Flüchtlinge in Großbritannien, die im Rahmen der „Kindertransporte“ zwischen November 1938 und September 1939 das rettende England erreichten und so vor dem Holocaust gerettet werden konnten, ein erstes Ergebnis eines künftigen Forschungsprojektes vor, das in Kooperation des Zentrums für Antisemitismusforschung mit dem Center for German-Jewish Studies an der University of Sussex initiiert wurde. Mit exemplarischen Beiträgen zum deutsch-jüdischen Verhältnis im Kaiserreich wie zur Wahrnehmung von Migrationsproblemen versucht das Jahrbuch zum zehnten Mal Perspektiven und Interessen einer weit verstandenen Antisemitismusforschung zu spiegeln. Schließlich befindet sich im Anhang ein Index der bisher erschienenen Jahrbücher I-X, der, nach Sachgebieten und Autoren geordnet, den Benutzern ein Findmittel an die Hand geben will.

Weitere Neuerscheinungen
Die Geschichte der Berliner Anwälte 1933 bis 1945

Finanziert vom Berliner Anwaltsverein e.V. erforschte Angelika Königseder, Historikerin am Zentrum für Antisemitismusforschung, drei Jahre lang Institutionen, Strukturen und Sachkomplexe anwaltschaftlicher Rechtspflege unter nationalsozialistischer Herrschaft. Das Ergebnis liegt nun vor. Der Historikerin ist es gelungen, eine kollektive Biographie der Berliner Anwaltschaft in ihren vielen Nuancen und Facetten zu zeichnen, die in einer kritischen Darstellung Personen als Opfer, als Täter, als Nutznießer, als Gleichgültige thematisiert und so einen Einblick in die Ambivalenz eines Berufsstandes unter nationalsozialistischer Herrschaft bietet. Der Bogen spannt sich von prominenten Anwälten auf der Seite des Regimes wie Rüdiger Graf von der Glotz oder Walter Luetgebrune, die sich schon vor 1933 in der Partei Hitlers engagierten, über Opportunisten wie den Verbandsfunktionär Wolfgang Hercher oder den Gauführer des NS-Rechtswahrerbundes Georg Staege oder Anwalt Gerhard Bohne, der Handlanger der „Euthanasie“-Morde wurde, über achtbare und unauffällige Standesvertreter, deren Berufsethos die NS-Diktatur unbeschadet überstand, zu den Widerstandskämpfern Helmuth James Graf von Moltke, Josef Wirmer, Klaus Bonhoeffer, Carl Langbehn, die ihre Gegnerschaft zum Regime mit dem Tod büßten. Das Schicksal der jüdischen Anwälte, dem ein wesentlicher Teil der Studie gewidmet ist, wird vor allem unter dem Aspekt der Ausgrenzung innerhalb des eigenen Berufsstandes beleuchtet. Die antijüdischen Maßnahmen, die zum wirtschaftlichen Existenzverlust der jüdischen Juristen führten, wurden von vielen Kollegen als willkommene Gelegenheit benutzt, ihre - durch die schlechte ökonomische Lage - spärlichen Verdienstmöglichkeiten aufzubessern. Deshalb spielten für viele vordergründig nicht so sehr antisemitische Mo-tive eine Rolle, die staatlich betriebene Verdrängung aus dem Berufsleben war vielmehr ein willkommener Anlaß, unliebsame Konkurrenz auszuschalten. Angelika Königseder, Recht und nationalsozialistische Herrschaft. Berliner Anwälte 1933-1945, Bonn 2001, (Deutscher Anwaltverlag DM 58.66)

Erster Band der Reihe „Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945“ erschienen

Dachau, Gotteszell, Oberer Kuhberg, Nohra, Oranienburg, Breitenau, Kemna, Hammerstein, Quednau, Eutin, Vechta, Ahrensbök-Holstendorf, Wittmoor, Fuhlsbüttel – diese Namen stehen – für viele heute unbekannt – für die ersten nationalsozialistischen Konzentrationslager, die unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 im ganzen Deutschen Reich entstanden. In Einzelstudien werden diese frühen Lager im ersten Band im Rahmen einer Gesamtdarstellung aller Konzentrationslager im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich 1933-1945 präsentiert. Da eine Gesamtgeschichte der KZ nicht existiert, ist dies der erste Schritt, sie zu rekonstruieren, darzustellen und das Ergebnis für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.), Terror ohne System. Die ersten Konzentrationslager im Nationalsozialismus 1933-1935, Berlin 2001 (Metropol, DM 38.-)

Erfahrungen des Überlebens
Wo immer jüdische Frauen und Männer unter dem NS-Regime der drohenden Deportation und Ermordung ausgesetzt waren, gab es neben den vielen Tätern und Zuschauern auch einige wenige Menschen, die unter Gefahr ihres Lebens für Verstecke sorgten, mit Lebensmitteln aushalfen oder falsche Ausweise besorgten. Der vorliegende Band erzählt aus der Perspektive der Geretteten von Solidarität und Opferbereitschaft, aber auch von verweigerter Hilfe und vergeblichen Bemühungen um Unterstützung. Dieser vierte Band der Reihe „Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit“ läßt Zeitzeugen zu Wort kommen und ergänzt die bisher in den ersten drei Bänden präsentierten Regionalstudien mit biographischen Zeugnissen. Wolfgang Benz, Mona Körte (Hrsg.), Rettung im Holocaust. Bedingungen und Erfahrungen des Überlebens, Berlin 2001 (Metropol, Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit, Bd. 4, DM 36.-)

Erinnerung und Demokratie

„Erinnerung und Demokratie“ ist ein systematischer Versuch, Denk- und Mahnmale des Holocaust auf ihre ethischen und politischen Implikationen hin zu befragen und sie als Kommunikationsangebote zu betrachten. Unter rezeptionsästhetischem Blick arbeitet Maria Marchetta heraus, welche Formen und Gestaltungen von Erinnerungszeichen einem demokratischen Menschenbild angemessen sind. „Erinnerung und Demokratie“ begnügt sich nicht damit, bestehende Denk- und Mahnmale des Holocaust darzustellen und auf ihre Implikationen hin zu analysieren; vielmehr weist die Autorin die Verbindung zwischen Ästhetik, Ethik und Politik auf und entwickelt Kriterien für eine demokratische Erinnerungspolitik. Maria Marchetta, geb. 1963, studierte Philosophie und Theologie in Fribourg/Schweiz und Berlin. Sie promovierte mit der vorliegenden Arbeit am Fachbereich Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin. Maria Marchetta, Erinnerung und Demokratie. Holocaust-Mahnmale und ihre Erinnerungspolitik: Das Beispiel Ravensbrück, Berlin 2001 (Metropol, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 37, DM 38.-)

Juden in französischen Internierungslagern
Ab Januar 1939 entstand in Frankreich ein Lagersystem, das unter wechselnden Vorzeichen den verschiedenen Regimes als Instrument zur Repression und Ausgrenzung diente. Neben Republikanern und Kommunisten waren vor allem deutschsprachige jüdische Flüchtlinge interniert. Ab August 1942 sind mehr als 10000 von ihnen im Rahmen der „Endlösung“ in die Vernichtungslager deportiert worden. Christian Eggers, geb. 1962, Studium der Geschichtswissenschaft und Politologie an der FU Berlin und der Universität Aix-en-Provence, seit 1995 Dozent für deutsche Geschichte und Landeskunde an der Universität Stendhal, Grenoble/Frankreich. Christian Eggers, Unerwünschte Ausländer. Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940-1942, Berlin 2001 (Metropol, Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 42, DM 48.-)

Verfolgung, Terror und Widerstand in Sachsen-Anhalt
Diese zusammen mit dem Verein „Miteinander e.V. – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt“ herausgegebene Publikation richtet sich an eine interessierte Öffentlichkeit, aber vor allem an Multiplikatoren und Mitarbeiter der offenen Jugendarbeit. Sie soll nicht nur Wissen über die NS-Geschichte in der Region, sondern auch über Gedenkstätten vermitteln. Historiker und Experten in den Gedenkstätten zeigen in Zusammenarbeit mit Didaktikern und ergänzt durch Texte von Opfern nationalsozialistischer Gewalt Wege und Möglichkeiten, durch historische Sachkunde und persönliche Erfahrung demokratisches Selbstverständnis zu entwickeln. Die Broschüre ist insbesondere als Handreichung zur Vorund Nachbereitung von Gedenkstättenfahrten gedacht. Miteinander e.V.- Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt, Zentrum für Antisemitismusforschung (Hrsg.), Verfolgung, Terror und Widerstand in Sachsen-Anhalt 1933-1945. Ein Wegweiser für Gedenkstättenbesuche, Berlin 2001 (Metropol, DM 28.-)

IMPRESSUM
Verantwortlich: Prof. Dr. Wolfgang Benz Redaktion: Dr. Juliane Wetzel Adresse: Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin Ernst-Reuter-Platz 7, 9. OG. D-10587 Berlin Tel: (030) 314-21397 bzw. (030) 314-23154 Fax: (030) 314-21136 e-mail: wetz0154@mailszrz.zrz.ZU-Berlin.de Abdruck gegen Belegexemplar
        
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