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Periodical volume

Full text: Newsletter Issue 13.1997

Newsletter Dezember 1997
Juden und Judenfeindschaft in der Slowakei Ein Konferenzbericht
Zehn Referenten, Historiker, ein Ethnologe und ein Zeitzeuge resümierten am 5. und 6. Dezember an der TU Berlin auf Einladung des Zentrums für Antisemitismusforschung den Kenntnisstand über Juden und Judenfeindschaft in der Slowakei des 20. Jahrhunderts. Die Befunde zeigten das Eigentümliche der slowakischen Situation: Der Katholizismus prägte das politische und gesellschaftliche Leben stärker als in anderen europäischen Ländern und bestimmte die Entwicklung von Nationalismus und Judenfeindschaft. Das zeigte sich auch an den Führungspersonen: Katholische Geistliche diktierten lange Zeit die slowakische Politik, etwa Andrej Hlinka als Führer der autoritär-katholischen Slowakischen Volkspartei und Jozef Tiso als Präsident eines Vasallenstaates von Hitlers Gnaden. Im Mittelpunkt der Konferenz stand die antijüdische Politik in der autonomen Slowakei zwischen 1939 und 1945, ihre Voraussetzungen und ihre Nachwirkungen, die bis heute zu spüren sind. Die Geschichte der Slowakei während des Zweiten Weltkrieges sperrt sich gegen eindeutige Gesamturteile, wie Wolfgang Benz in seiner Einführung feststellte. Einerseits stand die slowakische Autonomie nur auf dem Papier: Ein unter Drohung zustande gekommener "Schutzvertrag" mit dem nationalsozialistischen Deutschland vom März 1939 verpflichte das Land, Außen-, Wirtschafts- und Militärpolitik den Interessen des NS-Regimes anzupassen. Nach der Zerschlagung der Slowakei zwang Hitler das Land in die Rolle eines Satellitenstaates. Andererseits erwies sich die Tiso-Regierung als einer der bis in den Untergang treuesten Bundesgenossen des Deutschen Reiches. Doch neben Fügsamkeit zeigte sich auch Widerstand, der Ende August 1944 in einem landesweiten Aufstand gipfelte. Es bedurfte deutscher Polizei- und Wehrmachtseinheiten, um die Rebellion niederzuschlagen. Die Referenten wiesen immer wieder auf Desiderate hin, auf Punkte, an denen zukünftige Forschung ansetzen sollte. So fehlt bis heute eine politische Biographie Tisos, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Erweiterungsfähig ist auch der Kenntnisstand über die Massenbasis seiner Slowakischen Volkspartei (HSL'S), ebenso fehlen noch Detailstudien, die eine genaue historisch- soziologische Beschreibung der slowakischen Judenheit vor 1939 erlauben. Der Münchner Historiker Ferdinand Seibt zeigte den historischen Zusammenhang, in dem die Geschichte von Juden und Judenfeindschaft in der Slowakei steht. Die Trägerschicht des nationalen Gedankens unterschied sich von anderen Nationalbewegungen, etwa in Deutschland oder Böhmen, wo Bürgertum und intellektuelle Milieus dominierten. In der Slowakei entwickelte sich die katholische Geistlichkeit zum Träger des Nationalbewußtseins. Aus der Nationalbewegung formte sich 1905 die katholische Volkspartei, die als Slowakische Volkspartei seit 1918 unter der Führung des Geistlichen Andrej Hlinkas stand. So wie die Nationalbewegung war auch die Judenfeindschaft religiöser orientiert als etwa in Deutschland, wo bereits die Rassenargumentation im Zentrum des antisemitischen Diskurses stand. Die Historikerin Katarina Hradská aus Bratislava beschrieb die Situation der slowakischen Juden in der ersten tschechoslowakischen Republik von 1918 bis 1939. Eine Volkszählung ermittelte 1921 in der Tschechoslowakei 354.000 Juden, 2.3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Auf slowakischem Gebiet lebten nach einer Angabe von 1930 etwa 136.000 Juden. Ein großer Teil von ihnen sprach deutsch, vor allem in Bratislava, ein anderer ungarisch. Die Orientierung am Ungarischen trug der slowakischen Judenheit den Vorwurf ein, die Magyarisierung der Slowakei zu fördern. Besonders die slowakische Presse beschuldigte die Juden pauschal, "an der Spitze der Magyarisierung" zu stehen. 1938 wurde aus der bisher rhetorischen Judenfeindschaft Regierungspolitik, als der Erste Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938 der neuen Regierung der gerade autonom gewordenen Slowakei eine schwere außenpolitische Niederlage bescherte. Die Slowakei mußte den Südrand seines Territoriums an Ungarn abtreten. Am 4. November 1938 ließ Tiso innerhalb eines Tages über 7500 mittellose Juden in das abzutretende Gebiet deportieren. Der Historiker Eduard Niznansky (Nitra) hat die Ereignisse untersucht, die wenige Tage vor dem Novemberpogrom in Deutschland stattfanden. Er präsentierte den aktuellen Stand seiner Studien und interpretierte die Deportationen von 1938 als Versuch Tisos, den schmerzhaften Wiener Schiedsspruch mit einer populistischen Maßnahme zu kontern. Tiso und seine Mitstreiter machten die Juden zum Sündenbock für die Gebietsverluste. Der Warschauer Historiker Jerzy Borejsza, dessen Studie "Schulen des Hasses" über die faschistischen Bewegungen Europas demnächst in Deutschland erscheinen wird, beschrieb die Entwicklung der faschistischen Bewegung in der Slowakei. Die christliche Slowakische Volkspartei HSL'S formierte sich im Dezember 1918 als Beschützerin des Katholizismus und Speerspitze gegen Tschechen und Sozialisten. Sie präsentierte sich als Partei des kleinen Mannes und fand besonders auf dem Land Zuspruch. Im Lauf der zwanziger Jahre wurde sie zur entscheidenden politischen Kraft in der Slowakei. Katholischer Antijudaismus hatte in der Partei einen festen Platz. Die Slowakische Volkspartei pflegte Kontakte zur NSDAP und den Faschisten Italiens und Frankreichs. Die Slowakei-Politik des Vatikans und die Aktivitäten der halb im Untergrund operierenden jüdischen Gruppe Pracovná Skupina ("Nebenregierung") waren das Thema der Jerusalemer Historikerin Livia Rothkirchen. Wegen eines Generalstreiks in Israel konnte sie nicht nach Berlin kommen, ihr Vortragsmanuskript wurde verlesen. Die Pracovná Skupina entstand, nachdem am 26. März 1942 die Deportationen slowakischen Juden nach Polen begannen. Die Gruppe sammelte verdeckt Informationen über das Schicksal der Deportierten, leitete sie ins Ausland und bat um Hilfe. Gleichzeitig bemühte sich die Pracovná Skupina um den Auf- und Ausbau von Arbeitslagern für Juden in der Slowakei, um ihre Deportation nach Polen zu verhindern. Dies gelang nicht, der größte Teil der slowakischen Juden wurde ermordet. Livia Rothkirchen ging auch auf die Politik des Vatikans ein. Im Sommer 1941 schickte der Vertreter des Vatikans in der Slowakei, Guiseppe Burzio, einen Bericht über die Situation der slowakischen Juden an den Heiligen Stuhl. Diese Information dürfte Rothkirchens Einschätzung nach die erste gewesen sein, die der Vatikan über die "Endlösung" erhalten hat. Aus dem Vatikan gingen daraufhin eine Reihe von Protestschreiben an die slowakischen Regierung, die das Tiso-Regime beschwichtigend beantwortete. Man behandle die Deportierten human, hieß es. Auch gegen die zweite Deportationswelle 1944 protestierte der Vatikan bei Ministerpräsident Tuka. Insgesamt aber, so schloß Rothkirchen, nutzte der Vatikan seine Möglichkeiten nicht. Eine Exkommunikation Tisos etwa hätte Signalwirkung haben können, blieb aber aus. Der Holocaustforscher Konrad Kwiet (Sydney) berichtete über den Mord an Juden, "Zigeunern" und Partisanen in der Slowakei 1944/45. Er konzentrierte sich dabei auf das Kommando 14 der Einsatzgruppe H. Die 60 Mitglieder des Einsatzkommandos, rekrutiert aus Sicherheitspolizei und SD, kamen aus allen Regionen des Deutschen Reiches und aus allen sozialen Schichten. Um den Befehl, Juden, "Zigeuner" und angebliche Partisanen zu töten, war Kwiets Untersuchung zufolge keine Schulung mehr nötig: Die Mitglieder des Kommandos waren das Morden gewohnt, ihr Vorgehen hatte sich während des Krieges zunehmend radikalisiert. Wie unzureichend die juristische Ahndung dieser Verbrechen war, zeigte der Jurist Willi Dreßen von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelte gegen den Chef des Einsatzkommandos 14, Georg Heuser, wegen der Tötung von Juden, "Zigeunern" und Zivilisten in der Slowakei. Das Schwurgericht Koblenz verurteilte Heuser zwar wegen der Tötung von Juden in Minsk zu 15 Jahren Freiheitsstrafe, seine Taten im Einsatzkommando 14 blieben aber - wie die der anderen Angehörigen des Kommandos - ungesühnt. In den meisten Fällen konnten die Staatsanwälte nicht genügend eindeutige Beweise vorbringen oder die Taten nicht eindeutig bestimmten Personen zuweisen. So stellte die Staatsanwaltschaft Koblenz 1974 die Verfahren gegen Mitglieder des Einsatzkommandos 14 ein. Über seine Erfahrungen als Holocaust-Überlebender in der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg berichtete Pavel Kohn (München). Kohn kam 1929 als Sohn einer großen jüdischen Familie zur Welt. Er überlebte - als einziger seiner Familie Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und den Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald. Kohn schilderte, wie nach 1945 alle Versuche scheiterten, in der Tschechoslowakei den Besitz der Familie, ein Haus und Wertsachen zurückzubekommen. Aus Sicht der Kommunisten war er ein Sohn eines jüdischen Bourgeois, der in der neuen sozialistischen Ordnung keine Ansprüche zu stellen hatte. Verwandte Kohns wurden nach dem Slansky-Prozeß hingerichtet, und vier Jahre nach dem Prozeß verlor er selbst seine Anstellung an einem Karlsbader Theater wegen politischer Unzuverlässigkeit. Er entschloß sich zur Flucht in die Bundesrepublik, die ihm 1967 gelang. Die Marburger Historikerin Tanja Tönsmeyer beschrieb die öffentliche Wahrnehmung des Holocaust in der heutigen Slowakei. Tönsmeyer diagnostizierte eine Renaissance nationalistischer Denkfiguren, zu denen auch Antisemitismus gehört. Slowakische Nationalisten betrachten die Juden als fremdes Element im Körper der Nation, als Gegenpol zum ethnisch-religiösen Selbstbild. Tönsmeyers Einschätzung zufolge bietet der Nationalismus seit 1989 Orientierungsmöglichkeiten. Nationalistische und antisemitische Denkfiguren bringen Ordnung und weisen Verantwortlichkeiten zu. Tönsmeyer zeigte den slowakischen Diskurs über den Holocaust an der Debatte um die historische Bewertung Tisos und der Auseinandersetzung um das Geschichtsbuch "Die Geschichte der Slowakei und der Slowaken" von Milan S. Durica. Der Ethnologe Peter Salner aus Bratislava beschrieb die Lage der jüdischen Gemeinden in der Slowakei seit 1989. Nur ein "Torso", so Salner, sei von den jüdischen Gemeinden vor 1939 übriggeblieben. Seit 1989 sei ein Teil der jüngeren Generation wieder auf der Suche nach einer jüdischen Identität, die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinden seien jedoch im Rentenalter. Seit 1989 verstecken sich die Juden Salners Einschätzung nach nicht mehr in der Öffentlichkeit, trotzdem ein neuer Antisemitismus spürbar ist. Zu den neuen Erfahrungen gehören auch Gewalttaten von Skinheads und Friedhofsschändungen. Slowakische Juden macht es Sorge, daß sich ein Teil der slowakischen Gesellschaft eine Rehabilitation Tisos wünscht und die Tradition des autonomen slowakischen Staates von 1939 bis 1945 weiterführen will. Salner sieht die slowakischen Juden am Scheideweg: Entweder gelingt es, in einem demokratischen Staat gleichberechtigt und ohne Angst als Minderheit leben zu können oder die junge Generation wird die Slowakei verlassen. Das Zentrum für Antisemitismusforschung wird in Kürze eine Dokumentation über die Konferenz herausgeben. Ein Teil der Beiträge wird im Jahrbuch für Antisemitismusforschung 7 im Frühjahr 1998 erscheinen. Peter Widmann

NEUE PUBLIKATIONEN DES ZENTRUMS Vorurteil und Völkermord
Nach den Verwirrungen, die durch die Thesen des jungen Amerikaners Goldhagen weithin entstanden sind, erklären Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen Ausformungen und Entwicklungen des Antisemitismus seit dem Mittelalter in Europa. Sie zeigen den Wandlungsprozeß vom Antijudaismus zum modernen Antisemitismus, der schließlich im völkischen Antisemitismus kulminierte und zur Vernichtung des europäischen Judentums führte. Folgende Fragestellungen liegen dem Band zugrunde: Wo liegen die Wurzeln, die den Holocaust möglich machten? Wie konnte sich die Judenfeindschaft vom Mittelalter bis zum modernen Antisemitismus entwickeln? Welches Konglomerat von Ursachen führte zu dem vernichtenden Haß gegen Juden? Grundsätzliche, analytische Kapitel leiten jede Zeitperiode ein. Beiträge, die ein bestimmtes Ereignis oder ein Phänomen beispielhaft beleuchten, erweitern die historischen Überblicksartikel. Wolfgang Benz, Werner Bergmann (Hrsg.), Vorurteil und Völkermord. Entwicklungslinien des Antisemitismus, Freiburg u.a. 1997 (Herder, DM 24.80).

Das Schicksal eines patriotischen Juden
Das Schicksal des Erwin Goldmann (1891-1981) ist beispielhaft für die Tragödie jener Juden, die sich leidenschaftlich zu ihrem deutschen Vaterland bekannten und sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung durch den Nationalsozialismus aufbäumten. Der angesehene Stuttgarter Zahnarzt verlor 1933 seine Stellung als Klinikchef, bald darauf die Approbation; dennoch ließ er sich in seiner Haltung als deutscher Patriot nicht beirren. Er kompensierte die Pariaexistenz im NS-Staat schließlich als Spitzel von Gestapo und SD. Nach dem Krieg wurde er "entnazifiziert" und für seinen fehlgeleiteten Patriotismus hart bestraft. Wolfgang Benz dokumentiert den Lebensweg von Erwin Goldmann, dessen Erklärungen in der Nachkriegszeit, Zeugenaussagen, Anklageschriften sowie das Urteil der Spruchkammer. Wolfgang Benz, Patriot und Paria. Das Leben des Erwin Goldmann zwischen Judentum und Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Berlin 1997 (Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 21, Metropol Verlag DM 28.-)

Sobibór - Ein vergessenes Vernichtungslager
Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion begann die Vernichtung der europäischen Juden. Im März 1942 nahm das Lager Sobibór im Zuge der "Aktion Reinhardt" seinen tödlichen, über eineinhalb Jahre währenden Betrieb auf. 250 000 Juden fielen der Vernichtungsmaschinerie zum Opfer. Zusammen mit seiner Familie wurde Jules Schelvis aus Holland in das "Generalgouverne-ment" deportiert. Er selbst überlebte, seine Familie kam in Sobibór ums Leben. Schelvis verarbeitet in diesem Buch eigene Erlebnisse, ergänzt durch zahlreiche Zeugenaussagen, umfangreiches Quellenmaterial sowie Ergebnisse aus den Sobiór-Nachkriegsprozessen. So entstand eine eindrucksvolle Darstellung dieses in der Zeitgeschichtsforschung und Öffentlichkeit wenig beachteten Vernichtungslagers. Jules Schelvis, Vernichtungslager Sobibór, aus dem Niederländischen von Gero Deckers, Berlin 1998 (Reihe Dokumente, Texte, Materialien, Bd. 24, Metropol Verlag DM 38.- )

Briefe an die Eltern aus Palästina
Ernst Loewy, 1984 bis 1991 Vorsitzender der Gesellschaft für Exilforschung, seither deren Ehrenpräsident, wurde 1920 in Krefeld geboren. Bereits im Herbst 1935 faßten seine Eltern den Entschluß, den Sohn nach Palästina zu schicken. Im Frühjahr 1936 kam der 16jährige mit der "JugendAlijah" in Haifa an. Während der zweieinhalbjährigen Trennung schrieb Ernst Loewy fast wöchentlich Briefe an die Eltern. Er berichtete von Politik und Kultur in Palästina, den Lebens- und Arbeitsbedingungen in der neuen Umgebung und seiner persönlichen Entwicklung. Ernst Loewy, Jugend in Palästina. Briefe an die Eltern 1935-1938, hrsg. v. Brita Eckert, Berlin 1997 (Reihe Bibilothek der Erinnerung, Bd.4, Metropol Verlag, DM 34.-)

Antisemitische Skandale in der Bundesrepublik
Mit dem Ende des Nationalsozialismus kam es in Westdeutschland schnell zum Aufbau demokratischer Institutionen und einer freien Presse, doch blieb die Einstellung der Deutschen noch lange von autoritären und antisemitischen Tendenzen geprägt. Diese Kluft trat bei der "Aufarbeitung" der NS-Verbrechen über vierzig Jahre hinweg immer wieder offen zutage. Das Buch analysiert die Ursachen, den Verlauf und die Folgen von öffentlichen Konflikten über Antisemitismus und zeigt den zähen kollektiven Lernprozeß der westdeutschen Gesellschaft, in dem antisemitische Vorurteile zurückgedrängt wurden. Werner Bergmann, Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 19491989, Frankfurt a.M., New York 1997 (Schriftenreihe des Zentrums für Antisemitismusforschung Berlin, Bd.4, Campus Verlag DM 118.-)

Das Nachschlagewerk zum Nationalsozialismus
Die "Enzyklopädie des Nationalsozialismus" besteht aus drei Teilen. Der erste Teil umfaßt 22 ausführliche Artikel über Ideologie, Geschichte, Politik, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft im Nationalsozialismus sowie eine Darstellung der Quellenlage. Die Beiträge sind durch zahlreiche Verweise auf den anschließenden lexikalischen Teil, der 1300 Sachstichwörter enthält, erschlossen. Ein annotiertes Personenregister aller in der Enzyklopädie aufgeführten Namen schließt dieses Nachschlagewerk ab. Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, Stuttgart (Klett-Cotta, DM 98.-) sowie München (dtv. DM 39.-) 1997.

Antisemitismus und Xenophie nach der Wende
Seit der Wiedervereinigung erlebt Deutschland tiefgreifende Veränderungen. Eine Welle rassistischer, antisemitischer und gewalttätiger Übergriffe erschütterte in den frühen 90er Jahren das Land. In diesem Sammelband legen die Autoren aktuelle Forschungsergebnisse über die Entwicklungen im Bereich Antisemitismus und Xenophobie in der Nachwendezeit vor. Elf auf ihrem Fachgebiet ausgewiesene deutsche und amerikanische Wissenschaftler - Politologen, Soziologen, Kommunikationswissenschaftler und Historiker - analysieren die Probleme von Rassismus und Fremdenfeindschaft, Aufarbeitung der Vergangenheit und Kenntnisse über den Holocaust in der deutschen öffentlichen Meinung. Untersucht werden darüber hinaus jene Gruppen und Organisationen, die Vorurteile und Haß propagieren; ebenfalls in den Blick genommen sind deutsche, amerikanische und jüdische Reaktionen auf diese Phänomene. Hermann Kurthen, Werner Bergmann, Rainer Erb, Antisemitism and Xenophobia in Germany after Unification, New York, Oxford 1997 (Oxford University Press)

Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag
Am 25. Januar 1998, aus Anlaß des Holocaust-Gedenktages (27. Januar), veranstaltet das Zentrum für Antisemitismusforschung in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble eine szenische Lesung und Gespräche zum Judenmord unter dem Titel "Überleben und Erinnern". Textauszüge aus den Erinnerungen von Ladislaus Szücs, Hertha Feiner, Bernhard Press und Ernst Grube werden gelesen. Im Anschluß daran moderiert Wolfgang Benz eine Gesprächsrunde mit Ladislaus Szücs, Bernhard Press und Ernst Grube. Vom Überleben im Konzentrationslager erzählen die Aufzeichnungen von Ladislaus Szücs, der im Mai 1944 über Auschwitz nach Melk, einem Außenlager von Mauthausen, deportiert wurde. Als Kranker getarnt, wird der HNO-Arzt ins Krankenrevier geschleust, wo er mit anderen Ärzten unter entsetzlichen Bedingungen versucht, Häftlinge vor dem Tod zu bewahren (Ladislaus Szücz, Zählappell. Als Arzt im Konzentrationslager, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt a. M. 1995). Bernhard Press erlebt die Schreckensherrschaft der Deutschen in Lettland, nachdem deutsche Truppen 1941 das Land besetzt haben. Aus dem Rigaer Ghetto gelingt ihm die Flucht zu Freunden, die ihn bis Kriegsende verstecken. Mit seinen Aufzeichnungen liegt einer der wenigen Augenzeugenberichte in deutscher Sprache über Lettland vor. (Bernhard Press, Judenmord in Lettland. 1941-1945, Metropol Verlag Berlin, 2. Aufl. 1995). Ernst Grube, Sohn einer "Mischehe", erlebt die Ausgrenzung und Diskriminierung während der NS-Zeit in München. 1941 wird die Familie gezwungen, in die "Judensiedlung Milbertshofen", 1942 in eine "Heimanlage für Juden" umzuziehen. Im Februar 1945 werden Ernst, die Mutter und der Bruder nach Theresienstadt deportiert. (Ernst Grube, "Den Stern, den tragt ihr nicht". Kindheitserinnerungen an die Judenverfolgung in München, in: Dachauer Hefte 9 (1993). Die Berliner Jüdin Hertha Feiner bringt ihre beiden Töchter in ein Schweizer Internat, um ihnen die Diskriminierungen als "Mischlinge" zu ersparen. Ihre Briefe an die Mädchen zeugen von der Sehnsucht und verzweifelten Hoffnung auf ein lebensrettendes Wiedersehen. Es gelingt ihr nicht, eine der Töchter nach Berlin zu holen, um damit der Deportation zu entgehen. Hertha Feiner nimmt sich auf dem Transport nach Auschwitz das Leben (Hertha Feiner, Vor der Deportation. Briefe an die Töchter. Januar 1939 bis Dezember 1942, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt a.M. 1993). Veranstaltungshinweis: "Überleben und Erinnern". Szenische Lesung und Gespräche zum Judenmord. Texte von Ladislaus Szücs, Hertha Feiner, Bernhard Press und Ernst Grube. 25. Januar 1998. 16.00 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin

Eine neue Veranstaltungsreihe des Zentrums HORIZONTE Lebensbilder in Texten und Gesprächen
In Gesprächen und Lesungen kommen Menschen zu Wort, die als Zeitzeugen von NS-Verfolgung, vom Leben und Überleben in der Diktatur berichten, aber auch von den Wirkungen und Folgen in der Zeit nach 1945. Absicht der Reihe ist es, der Auseinandersetzung über die persönliche Erfahrung des 20. Jahrhunderts ein Forum zu bieten. Die Reihe wird vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble veranstaltet. Ernst Cramer und Werner T. Angress im Gespräch mit Wolfgang Benz "Hachschara in Schlesien". Um für die Einwanderung nach Palästina vorbereitet zu sein, wurden Anfang der 20er Jahre sogenannte Hachschara-Lager gegründet, in denen junge Juden für die landwirtschaftliche Arbeit in Palästina qualifiziert wurden. "Ertüchtigung" zur Emigration durch qualifizierte Berufsausbildung gab es aber nicht nur im Zeichen des Zionismus: Der Journalist und Verleger Ernst Cramer und der Historiker Werner T. Angress erinnern sich an ihre Zeit im 1936 gegründeten einzigen nichtzionistischen jüdischen Auswandererlehrgut Groß Breesen in Schlesien. 23. Februar 1998, 20.00 Uhr, Foyer Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1 Pavel Kohn "Jude und politisch unzuverlässig" Pavel Kohn, 1929 in Prag geboren, ist der einzige Überlebende einer großen jüdischen Familie. Über Theresienstadt wurde er als Kind nach Auschwitz deportiert, von dort Anfang 1945 nach Buchenwald evakuiert. Die Rückkehr nach Prag nach der Befreiung ist eine weitere bittere Erfahrung, ebenso wie der Antisemitismus der Stalinzeit in der Tschechoslowakei. Seit 1967 lebt Pavel Kohn in der Bundesrepublik, er war 22 Jahre lang Redakteur bei Radio Free Europe in München. Als Autor verkörpert er beste Prager literarische Tradition, zu der sich böhmischer Witz und jüdisch-deutsche Sprachkultur verbinden. 30. März 1998, 20.00 Uhr, Foyer Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1

Fremde im eigenen Land
Ab 1998 fördert die Volkswagen-Stiftung in ihrem Themenschwerpunkt: "Das Fremde und das Eigene" ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt am Zentrum für Antisemitismusforschung. Der Arbeitstitel der von Dr. Wolf Gruner durchgeführten Untersuchung lautet "Fremde im eigenen Land. Die staatliche Ausgrenzung der indianischen Bevölkerungsmehrheit in der Republik Bolivien (1928-1952/53)". Mit dem Projekt sollen Methoden und Ziele postkolonialer Diskriminierung der indigenen Bevölkerungsmehrheit in Bolivien in der Zeit seit der Unabhängigkeit dokumentiert und analysiert werden. Das Forschungsprojekt wird in Kooperation mit der Facultad de Humanidades y Ciencias de la Educación/Carrera de Historia an der Universität "Mayor de San Andrés" in La Paz, Bolivien durchgeführt.

IMPRESSUM
Verantwortlich: Prof. Dr. Wolfgang Benz Redaktion: Dr. Juliane Wetzel Adresse: Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin Ernst-Reuter-Platz 7, 9. O.G. 10587 Berlin Tel: (030) 314-21397 bzw. (030) 314-23154, Fax: (030) 314-21136 e-mail: zfa10154@mailszrz.zrz.TU-Berlin.DE Abdruck gegen Belegexemplar
        
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