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VI. Grammatik des Berlinischen

Full text: Berlinisch / Lasch, Agathe (Public Domain)

hat mit wechselnden, zu verschiedener Zeit verschieden gerichteten Ausgleichen zu rechnen. Wie bei den schwachen*) Verben, „er lebt, wir leben", dazu Imper. „lebe", Vokalgleichheit durchgeht, so gleichen auch viele starke Verben volkstümlich aus: sehen „er seht", Imperativ „sehe, seh". Auch die Imperativendung auf -e ") („verjesse, sieche, sehe") gehört eigentlich den schwachen Verben zu, während die starken (vgl. hd. gib, nimm) endungslos waren. Bei diesem Nebeneinander der schwachen auf -e, der starken ohne -e trat leicht Schwanken ein: „schreibe" neben „schreib", „such" neben „suche", namentlich bei den Verben, die durch Ausgleich den Vokal, Wechsel aufgegeben hatten, den schwachen ähnlicher geworden waren: „verjesse" und „verjeß, seh mal". Vielfach regelt sich dies Schwanken dann auch wieder durch die Tonsiellung im Satz***). Die enge Beziehung des Imperativs und der 2. Pers. zeigt sich auch, wenn der Imperat. oft durch die 2. Pers. ersetzt wird: Dann geh dorthin: „denn jehste da hin". Namentlich drohend: „jehste da hin!" „wirsie da hin jehn l" s. 5 40, 2. Reste des flektierten Infinitivs: „nischt zu dune, zu sehne" sind z. B. bei Graupe, Brendicke verzeichnet. Heute meist: „Nischt zu machen". 2. Formen der Vergangenheit. In den meisten Dialekten ist die einfache Vergangenheitsform (Präteritum, Imperfektum) wenig in Gebrauch. Doch ist das Präteritum, wie auch sonst in Norddeutschland, hier nicht ganz geschwunden, es kann namentlich in der Erzählung gebraucht werden. Sehr gern wird in der Erzählung aber berlinisch wie allgemein volkstümlich das Präsens angewandt. Sonst auch die zusammengesetzte Form (Perfektum, Plusquamperfektum). Volkssprachlich weit verbreitet ist auch die Vorliebe, die Vergangenheitsform durch ein zugefügtes über, flüssiges „jewesen, jehabt" zu verstärken: ich war verreist gewesen: „wo ik bei meine Tante war jewesen". Fr. II.: „derselbe da einmal *) Schwache Verben sind die gleichförmigen, die in den Vergangenheltsformen »t» anfügen: leben, lebte, gelebt; starke Verben scheiden die Formen durch Vokalwechsel, reiten ritt, laufen lief. ") Beispiele für die weite Verbreitung von Imperativen mit Vokalausgleich und auf -e, treffe, breche, spreche, nehme, benehme, stehle, vergesse, trete sehe, aus hd. Schriftstellern (auch Goethe) des 18. und 19. Ihd. siehe bei Paul, Deutsche Grammatik 11, 225, 232. Nur hat die Schriftsprache diese Ansätze nicht wie das Berl. und andere Volksdialekte fest werden lassen. "*) Andere Möglichkeiten übergehen wir hier.
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